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                <title>Rosswiler Geschichten und anderes : ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:28049628 wikidata:Q15436429">Baerwart, Theobald
                    (1872-1942)</author>
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                    <resp>ELTeC conversion</resp>
                    <name>Priska Rüegg</name>
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                <p><date>2020-05-18</date></p>
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                <bibl type="firstEdition">
                    <title>Rosswiler Geschichten und anderes</title>
                    <author>Baerwart, Theobald</author>
                    <publisher>Selbstverlag</publisher>
                    <pubPlace>Basel</pubPlace>
                    <date>1918</date>
                </bibl>
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            <p>Wir begrüßten nun zunächst unsere neuen Kartellbrüder, die es bereits zu einem Banner
                gebracht hatten, woran bei uns noch lange nicht zu denken war, und <pb n="42"/>zogen
                dann zusammen singend nach Säckingen. Beim Mittagessen wurden die nötigen
                offiziellen Reden ausgetauscht. Seinen Gipfelpunkt aber erreichte der Tag erst in
                Stein, wo zur gegenseitigen Ehrung die nötigen Salamander gerieben wurden. Im
                Salamanderreiben waren wir nämlich auf der Höhe. Darin übten wir uns oft, und ein
                „Nachklappen" gab es bei uns nicht. Was nach dem Salamander noch ging, weiß ich
                nicht mehr: denn mir wurde wind und weh. Ich mußte ins Freie. Ich spazierte im
                Städtchen umher und verpaßte nicht nur den Abschied von der „Industria“, sondern
                auch den Zug, der die „Basilea“ davontrug. Nun war das allerdings nicht der letzte
                Zug; aber – mein Geldbeutel gähnte mir wieder einmal fürchterlich leer entgegen, und
                meine Fahrkarte hatte der Quästor Flott in der Tasche. Ich half mir, indem ich am
                Bahnschalter meine mehr durch ihr ehrwürdiges Alter als ihre Ansehnlichkeit sich
                auszeichnende silberne Taschenuhr versetzte.</p>
            <p> Nach Hause kamen wir immer, wenn auch oft auf wunderbaren Wegen. Am wunderbarsten
                waren sie allerdings, als wir einst im „Kreuz“ zu Mariastein zu lange sitzen
                geblieben waren. Wir hatten dort einen Rotwein getrunken, den die Wirtin „Afrikaner“
                oder auch bloß „Afrique“ nannte, und waren dabei kreuzfidel geworden. Als die Wogen
                am höchsten gingen, setzten sich zwei alte grauhaarige Mannen zu uns, der eine in
                einer blauen, der andere in einer grauen Bluse. Der Blaue erhob sich, stellte sich
                als Gemeindepräsident von Hofstetten vor und hielt uns eine wohlgesetzte Rede.
                Nachdem er auf unser Wohl getrunken, ersuchte er uns, das „Gaudeamus“" zu singen.
                Wir willfahrtem seinem Wunsche und hörten zu unserem Erstaunen, daß er kräftig
                mitsang. Er war nämlich, wie er uns nachher mitteilte, Schüler des Basler Gymnasiums
                gewesen, ein Grund <pb n="43"/>mehr für uns, unsere Sitzung um unsern „Afrikaner“
                und den Gemeindepyräsidenten herum auszudehnen. Endlich aber entwischte uns der
                Präsident, und nun wurden wir erst recht auf seinen Mitbürger in der grauen Bluse
                aufmerksam. Der sang weder das „Gaudeamus" mit uns, noch hielt er eine Rede; doch
                hatte er darum nicht weniger Freude an den lustigen „Studenten“ und lud uns zu sich
                nach Hause, nach Hofstetten ein. Wer hätte einer solchen Einladung widerstehen
                können? Wir auf alle Fälle nicht!</p>
            <p>Sein Wein enttäuschte uns allerdings schwer; denn er war miserabel, und da wir
                allmählich inne wurden, daß unser graubebluster Gastgeber einen Mordsrausch hatte
                und seine Frau im Nebenzimmer heulte, schlichen wir davon und suchten den
                Gemeindepräsidenten auf, von dem man uns erzählt hatte, daß er eine Wirtschaft
                betreibe. Wir fanden ihn auch glücklicherweise und sezten den Jubeltag bis in die
                späten Nachmittagsstunden fort, bis es uns dünken wollte, wenn wir nur eine
                Fahrgelegenheit nach Basel hätten. Da teilte uns zu unserer unbeschreiblichen Freude
                die Wirtstochter mit, der Bierwagen der Aktienbrauerei Basel komme noch diesen Abend
                bei ihnen vorbei, um ein paar leere Fäßchen mitzunehmen, sie wolle den Fuhrmann
                ersuchen, uns nach Basel mitfahren zu lassen. Der Wagen kam. Fröhlich nahmen wir auf
                den leeren Fäßchen Platz, brachten ein Hoch aus auf den Gemeindepräsidenten und
                seine ganze Dynastie und fuhren unter den Klängen des „Gaudeamus" talwärts in die
                herniedersinkende Dämmerung</p>
            <p>Unglücklicherweise hatte der Wagen aber nicht nur in Hofstetten leere Bierfässer
                abzuholen. Wo auch immer erleuchtete Fenster eine Wirtschaft ahnen ließen, hielt der
                Fuhrmann an und lud Fässer auf, genehmigte dann seinen Freischoppen mit aller
                Seelenruhe und ließ <pb n="44"/>die Gäule samt „Basilea“ allein in der Nacht zurück.
                Die Ladung Bierfässer stieg auf dem umzäunten Pritschenwagen höher und höher wie
                eine rüttelnde, schüttelnde, polternde, hölzerne Sintflut, und mit der Flut stiegen
                auch wir höher. Als wir in Binningen beim letzten Wirtshause abfuhren, war der Wagen
                zu einem fahrenden Bierfaßgebirge geworden, auf dessen Grat hoch oben sich die
                „Basilea“, mehr tot als lebendig, an den Rändern der Fässer hielt und ängstlich in
                die gähnende Tiefe blickte. Endlich, beim Margarethenstich, mußte der Führer in die
                Gundeldingerstraße einschwenken und half uns vom Wagen herunter. Wir waren
                erlöst.</p>
            <p>Von diesem Tage an hatten wir eine gewisse Vorliebe für Hofstetten, und nach kurzer
                Frist führte uns diese Vorliebe von neuem zu unserm Unikum von einem
                Gemeindepräsidenten. Diesmal – und das verlieh diesem Bummel sein besonderes Gepräge
                – kam Phylax mit.</p>
            <p>Phylax war während einiger Zeit unser Konkneipant. Er stand als solcher nicht allein.
                Schon bei meinem Eintritt hatte ich zwei Konkneipanten (junge „Schwünge", die nicht
                aktiv werden konnten) mit Namen Merkur und Schnok, vorgefunden, zwei herzensgute,
                fröhliche Kumpane. Aber so etwas wie Phylax, das blieb den Zeiten der
                hereinbrechenden Götterdämmerung vorbehalten. Über ihn ließe sich ein Buch
                schreiben. Er hatte ein bleiches, aufgedunsenes Bybeligesicht, ausdruckslose
                wasserblaue Augen, dünnes, bis zur Farblosigkeit blondes, immer schwer
                pommadisiertes Haar und war in Villingen heimatberechtigt. Seinen Kropf versuchte er
                hinter einem Celluloidstehkragen zu verbergen, und seine Plasstronkrawatte war
                beständig so weit verrutscht, daß ein braunschwarz gewordenes Jägerhemd etwas
                Aussicht genießen konnte. Im Nacken <pb n="45"/>hatte er jahraus, jahrein eine
                kleinere oder größere bepflasterte „Aisse", konnte infolgedessen den Kopf nicht
                bewegen und schnitt ein Gesicht, als ob er am Galgen hinge. Sein Anzug war Sonntags
                und Werktags der gleiche. Im Sommer schwitzte er und im Winter fror er darin. Hatten
                sich die Hosen unten abgestoßen, so schnitt er die Fransen wieder ab. Dadurch
                erhielten sie mit der Zeit das Aussehen des Abgesägtseins. Zwei Dinge fehlten bei
                seinem Auftreten nie: ein paar viel zu weite Manschetten, die er am Rande immer mit
                den Fingern zurückhalten mußte, damit er sie nicht verlor, und Glassehandschuhe von
                einem undefinierbaren Braun, die er in der linken Hand trug, ohne sie je anzuziehen.
                Das Haupt zierte ein grüner Lodenhut mit Gamsbartl und die Füße ein paar
                krummgetretene Stiefel. Seine hohe Stimme gurgelte wie aus einem verschleimten
                Kehlkopf. Ob und was Phylax arbeitete, das wußte kein Mensch. Man konnte ihn zu
                jeder Tagesstunde in den Straßen treffen. Wo er aß und pernokttierte, davon hatte
                ebenfalls keiner von uns eine Ahnung. Eines aber wußten wir, daß er nicht im Gelde
                schwamm, und das war eigentlich der einzige Berührungspunkt zwischen ihm und der
                „Basilea“. Um uns zu imponieren, sprach er zwar viel von Schiller; aber gelesen
                hatte er ihn nicht. Ob er wirklich so dumm war, wie er aussah, konnte ich nie
                ergründen. Anders als bescheiden sah ich ihn nur einmal. Das war vor seinem Wegzug
                von Basel. Da kam er in einem nagelneuen Anzug und bezahlte uns ein Faß Bier. Er
                spielte den Großartigen und klimperte vor unseren Augen mit Zwanzigmarkstücken. Auf
                dem Heimwege von der Kneipe rächte er sich an mir für all die Schnödigkeiten, die
                ich ihm im Laufe der Zeit an den Kopf geworfen hatte, indem er mir ins Gesicht
                schrie:</p>
            <p>„Aber gelt, moi Bier hasch gsoffe heut Abend!“</p>
            <pb n="46"/>
            <p>Dieser Phylax spazierte also eines Tages mit uns über den Blauen nach Hofstetten, und
                da er – es war im Hochsommer - Durst hatte und den Wein nicht vertrug, so konnte es
                nicht ausbleiben, daß er bald einen bedenklichen Hieb offenbarte. Unter dem Einfluß
                des Alkohols — der Himmel möge mir diesen in Mißkredit gekommenen Ausdruck
                verzeihen! ~ zeigt man der Mitwelt Charaktereigenschaften, die man sonst ängst- lich
                verbirgt. Eine solche Charaktereigenschaft zu verbergen hatte auch unser Phylax. Er
                war nämlich ein schrecklich liebebedürftiger Kerl und zwar wahllos liebebedürftig.
                Das Ewigweibliche bewunderte er noch in der häßlichssten Stallmagd, aber sichtbar
                oder hörbar eben nur dann, wenn er gekneipt hatte. Nüchtern machte er im Gegenteil
                stark in Moral. Phylax war also nicht mehr nüchtern, als wir uns in Hofstetten auf
                den Heim- weg machten, wenn man ihm auch am Gange nicht das Geringste anmerkte ;
                denn er blieb aufrecht wie der echte, trinkfeste Teutone. Aber jedes weibliche
                Wesen, dem wir begegneten, wollte er küssen, und wir begegneten nicht wenigen, da
                die Feldarbeit eben zu Ende war. Einige der bäuerlichen Feen begnügten sich damit,
                ihm durchzubrennen, wenn er mit offenen Armen auf sie losstürzte, andere
                applizierten ihm eine mehr oder weniger saftige Ohrfeige und wieder andere genossen
                den ausgiebigen Schutz männlicher Begleiter. Und bei jeder Begegnung hatten wir
                unser erneutes Vergnügen, sanken vor Lachen in die Knie und wälzten uns am
                Straßenbord. In der Nähe von Flüh verloren wir ihn. Er war zwei Mädchen übers Feld
                nachgerannt, und seine Rückkehr hatte uns zu lange gedauert.</p>
            <p>Ein Unglück ist ihm nicht zugestoßen; denn ich traf ihn am nächsten Tage wieder
                gesund und munter. Als ich ihn über den Verlauf seines Abenteuers befragte, éniff er
                geheimnisvoll ein Auge zu und schwieg.</p>
            <pb n="47"/>
            <p>Durch die Ausflüge in corpore wurde jedoch mein Wandertrieb natürlich noch lange
                nicht gestillt. Sobald die Sonne lachte und mir die Schule kein Hindernis in den Weg
                legte, streifte ich durch Feld und Wald, über Tal und Hügel, hinaus, hinaus mit dem
                brennenden Wunsche, mich mit der Erde verbunden zu fühlen, aufzugehen in der Wärme,
                im Leuchten, im Grünen und Blühen der großen, schönen, lachenden Welt, entweder
                allein, singend und jauchzend, verstohlen Blätter und Blüten küssend, oder mit
                Pollux, schwärmend, Unsinn schwatzend.</p>
            <p>Pollux, ein Deutscher, hatte es verstanden, mich dem Einflusse meines Leibburschen
                Topf, der mit der geistigen Beweglichkeit des Baslers damals welschen Kulturgütern
                und welsschen Mädchen huldigte, zu entziehen und mich für das Teutonentum zu
                gewinnen. Wir sangen zusammen im Walde „Alt Heidelberg, du feine", und „Burschen
                heraus!“ Und dazwischen erzählte mir Pollux von den deutschen Burschenschaften, von
                den deutschen Universitäten, von den Einigkeitsbestrebungen in der deutschen
                Geschichte und vom Glanz und von der Größe Deutschlands. Wenn er ins Feuer kam, dann
                übertrieb er gewaltig, und ich war mein Leben lang zu kritisch veranlagt, um ihm
                alles zu glauben. Ich zog von seinen Behauptungen vielleicht mehr ab, als der
                Wahrheit zuliebe nötig war; aber nur im Stillen. Merken ließ ich ihn nichts, um mir
                die Freude an seinen Übertreibungen nicht zu verderben. Pollux war selig, in mir
                einen Jünger gefunden zu haben, und ich ließ ihn in seiner Seligkeit schwimmen. So
                wandelten wir durch Feld und Wald im leuchtenden Grün des Frühlings, durch die Glut
                des Sommers, im Rauschen der fallenden Blätter und über das weiße Bahrtuch der
                erstarrten Erde. An seiner Seite lernte ich die Schönheit des unbedeutendsten
                Erdenflecks kennen und <pb n="48"/>lieben, und wenn ich ihm nur das zu verdanken
                hätte, es wäre wahrhaftig genug.</p>
            <p>Wir landeten immer im gleichen Wirtshaus, ließen bei schönem Wetter im Garten die
                Sonne im flüssigen Gold unseres Weines funkeln oder saßen, besonders im Winter, im
                Nebenstübchen und schwatzten uns die Köpfe voll. Und brach dann der frühe Abend
                herein, so kamen die drei Töchter der Wirtin mit den Spinnrocken und sangen zum
                surrenden Rädchen „O Blüemli my" und „Wie heißt König Ringhangs Töchterlein?
                Rothraut, schön Rothraut !“ Leise wob die Nacht ihre Schleier um Haus und Garten und
                Dorf, hüllte uns ein im traulichen Raum und ward schuld daran, daß Lied und
                Geflüster und Lachen und goldener Markgräfler uns so heimelig, so warm umrieselten,
                daß der Schluß zu Polluxens Freude immer echt teutonisch war. Es erging uns jedesmal
                wie dem ehrenwerten Ritter Spazzo, als er zuviel Klosterwein getrunken hatte,
                immerhin nur punkto Kopfweh.</p>
            <p>Es kam aber auch für mich die Zeit, da ich die Gesellschaft mied: die Zeit der ersten
                Liebe und zwar der ersten unglücklichen Liebe. Auch sie gehört hieher; denn sie galt
                natürlich der Schwester eines Komilitonen.</p>
            <p>Außer der glücklichen ist jedenfalls die unglückliche Liebe das Stimmungsvollste, was
                es gibt. Auf der einen Seite die wunderbare, heiße, süße Sehnsucht, das Stammeln der
                Liebe in Worten und Briefen, Prosa und Poesie, auf der andern das mitleidende
                Versagen, des Trostes warmes Küssen! Der Gedanke an die Eine war mein Morgen- nnd
                Abendgebet, aus jedem Kegelschnitt, aus jedem Lehrsatz, aus jeder chemischen Formel
                leuchteten mir ihre großen Augen entgegen, und in der Nacht erfüllte sie mein
                Traumleben mit der Weichheit ihrer Formen und Bewegungen. War ich an ihrer Seite, so
                schien mir alles in Glanz und Sonne getaucht, <pb n="49"/> der Himmel war blauer,
                der Wald grüner und der Gesang der Vögel schöner, und ohne sie war mir alles Nacht
                und Grauen. Ich war nicht mehr, aber auch nicht weniger verrückt, als alle
                verliebten Jünglinge bis zu Adam oder noch höher hinauf, lebte aber der felsenfesten
                Überzeugung, daß so, wie ich, noch kein Mensch geliebt habe.</p>
            <p>Mein Fiasko war von Anfang an besiegelt, und doch schleppte mich die Hoffnung zwei
                Jahre lang hinter der Angebeteten her, trug mich auf den Berg des Glücks und warf
                mich ins Tal der Schmerzen, bis ich endlich wagte, die verhängnisvolle Frage zu
                srtellen. Es kam wie ich befürchtet hatte. Da schloß ich mich in mein Zimmerchen
                ein, schrieb ihr einen langen Abschiedsbrief, markierte mit nassen Fingern einige
                Tränen darauf und wünschte ihr zum Schlusse, daß sie so glücklich werde, wie ich
                unglücklich sei. Dann aber war's überstanden!</p>
            <p>Aber nicht nur in dieser Schülerliebe trat der Ernst in seiner ganzen nackten Härte
                in mein Leben. Ihr folgte der Tod eines Kameraden, der Tod Strupps. Hier überrannte
                aber der Schreck den Schmerz. Zum ersten Male sah ich dem Tod ins grauenhafte
                Antlitz, und ich hatte bei der Furcht vor ihm, die mich umkrallte, für die Lücke in
                meinem Herzen zunächst kein Verständnis. Erst allmählich kam das Empfinden dafür,
                was ich verloren, verließ mich aber dann nie mehr. Noch heute, wenn ich zurückkehre
                in jene Zeit, taucht Strupps Beethovenkopf neben mir auf, und in stillen, einsamen
                Stunden sprudelt mir seine naive Lebensfreude entgegen oder sein Schatten sitzt vor
                mir am Klavier und spielt mir das Vorspiel zum „Tannhäuser“. Mit ihm schied mein
                erster Freund. Viele sind ihm seither nachgefolgt. Mit jedem versank ein Stück
                grüner Jugendwelt. So werden wir mit jedem Sterben verlassener, <pb n="50"/>bis wir
                des Lebens Wanderschaft beschließen auf des Berges eisgekröntem Gipfel, allein mit
                unsern letzten Atemzügen, aber auch dem Himmel nahe.</p>
            <p>Es war erst nach der Bestattung, als ich die Kluft in meinem Innern zu fühlen begann.
                Die Bestattung selbst war mir lange in unangenehmer Erinnerung wegen gewisser
                eigener innerer Erlebnisse. Ich fühlte nämlich das Bedürfnis in mir, eine pompöse
                Rolle zu spielen, und nahm mir ernsthaft vor, am Grabe zu zeigen, wie ein Stern
                erster Größe trauert. Aber angesichts des versinkenden Sarges, als die Erde auf dem
                Deckel niederrollte, da war's mit meiner Pose aus, und durch die zuckenden, feuchten
                Wimpern sah ich nur noch die Grube, die meinen Freund verschlungen hatte.</p>
            <p>Die „Basilea“ hatte einen Kranz gestiftet mit seidener Schleife in den Farben der
                Verbindung. Nach der Bestattung suchten wir unser Lokal auf, um den Verstorbenen
                durch einen Totensalamander zu ehren. Die Tochter des Wirtes sah, wie wir die
                Fensterläden schlossen, damit unser Lokal in Nacht getaucht würde, und wünschte zu
                wissen, was wir zu tun beabsichtigten. Man erklärte ihr die Institution des
                Totensalamanders, und da bat sie uns, zum Zerschlagen doch alte Gläser zu nehmen.
                Sie habe eine ansehnliche Kollektion von Gläsern mit beschädigtem Rande oder mit
                Rissen. Wir sollten diese benützen, damit uns die Sache billiger käme. Wir gingen
                bereitwillig auf den Vorschlag ein, und die Kellnerin brachte uns die nötige Anzahl
                der mit Bier gefüllten Glasinvaliden. Dann wurde der Raum geschlossen. Topf, der
                nach dem Übertritt Polluxens an die Universität das Präsidium übernommen hatte,
                kommandierte mit fester Stimme:</p>
            <p>»Exercitium Salamandris in memoriam amici nostri Struppi fiat! – Salamander – – eins
                – – zwei – – drei – – er! – – – – – Salamander <pb n="51"/> – – eins – – zwei – –
                drei – – eins –zwei – – – drei!“ </p>
            <p>Auf das letzte „drei" wurden die leeren Gläser rückwärts an die Wand geworfen. Dabei
                duckte ich mich unwillkürlich, weil ich befürchtete, es könnte mir irgend eines
                infolge eines ungeschickten Wurfs an den Kopf fliegen.</p>
            <p>Stolz wie Könige verließen wir den Schauplatz.</p>
            <p>Mit der „Basilea“ ging es abwärts. Strupp war gestorben, Pollux und Topf an die
                Universität, Rueß und X an das Polytechnikum übergesiedelt, Flott trat aus der
                Schule aus, Kauz widmete sich nach absolviertem Maturitätsexamen dem Handel. Wohl
                waren im Laufe der Zeit zwei neue Füchse eingetreten: Frosch und x. Aber die machten
                das Kraut nicht fett, abgesehen davon, daß beiden die begeisterte Hingabe an die
                hehren Ziele der Verbindung fehlte. Frosch nahm die Sache viel zu wenig ernst; er
                war die verkörperte Ironie und sein überlegenes Lächeln konnte einen zur
                Verzweiflung bringen. x war ein großer Mathematiker, aber ein unzuverlässiges
                Mitglied. Ich war — faute de mieux! — Präsident geworden und besschleunigte als
                solcher das Verhängnis.</p>
            <p>Eines Abends waren wir wieder zusammen und sangen auf Mord und Brand: „Es hatten drei
                Gessellen ein fein Kollegium“. Da meinte r, das Kollegium sei ja recht fein, aber
                die Umgebung gehe in die Brüche. Die Draperien und die Wappenschilder seien
                verstaubte Fetzen, die Rapiere verrostet und der Gips-Schiller kaput. Er beantrage,
                die Verbindung an den Nagel zu hängen und die Kasse zu versaufen. Frosch, der neue
                Quästor, machte rasch im Kopf einen Überschlag und konstatierte, daß unser
                Verbindungsvermögen gerade noch für ein Fäßchen Bier von zwanzig Litern ausreiche.
                Der Vorschlag wurde angenommen und an <pb n="52"/> einem Samstag Abend saß das
                „feine Kollegium" um ein Faß Bier, das der Bequemlichkeit wegen vor uns auf den
                Tisch gestellt worden war und sang noch einmal all die schönen Lieder von der „alten
                Burschenherrlichkeit’. Und als das Faß zur Neige ging, schloß ich die Sitzung mit
                einer Grabrede, die in Würdigung unserer Bedeutung in Leuthold’s Worte ausklang:</p>
            <p>Und bei Posaunenstößen, Die eitel Wind, Laßt uns lachen über Größen, Die keine
                sind!</p>
            <pb n="54"/>
            <div type="liminal">
                <head>Roßwiler Geschichten.</head>
                <pb n="55"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Der Bauherr.</head>
                    <p>Wenn es einem an allen Ecken und Enden zu wohl ist und man über genügend
                        Kleingeld verfügt (oder auch nicht), so baut man ein Haus und wird
                        „Bauherr“. Es gibt Leute, denen ich alles Schlechte wünsche; aber daß sie
                        ein Haus bauen müssen, das wünsche ich ihnen nicht. Warum? ~ Ich habe
                        nämlich ein Haus gebaut und weiß, was das heißt. Wäre ich nicht mein ganzes
                        Leben lang Pessimist gewesen, mein Hausbau hätte mich dazu gemacht. Ein
                        Hausbau ist halber leiblicher Tod, er überwiegt an Aerger den Äerger des
                        ganzen Lebens eines Nichtbauherrn. Ein Stoiker kann kein Haus gebaut haben,
                        sonst wäre er eben nachher kein Stoiker mehr. Seit mehr als zwanzig Iahren
                        ist mir bekannt, daß die Menschheit außer mir und einigen Genies keinen
                        Schuß Pulver mehr wert ist; aber die ganze Ausdehnung ihrer Schlechtigkeit
                        nach Länge und Breite erfuhr ich erst beim Bau meines Hauses.</p>
                    <p>Zwar der Anfang war schön. Mit lieben Freunden ~ und wie lieb! — zusammen
                        unternahm ich Ausflüge nach dem Orte meiner Sehnsucht, nach Roßwil. Das
                        Gelände wurde besichtigt, jeder steigenden Lerche zugejubelt, die Nase in
                        jede Blüte gesteckt. Schließlich kaufte ich einen Bauplatz an wundersamer
                        Lage, am smaragdgrünen Hügel, über den die Wolkenschatten flogen wie meine
                        Gedanken nach der fernen Traumheimat, der <pb n="56"/>übersät war mit
                        tausend Tauperlen und umrauscht von der Frühlingshymne des nahen Waldes.</p>
                    <p>Picknicks wurden nun veranstaltet und die halbe Welt eingeladen zum Genießen
                        der Aussicht. Ach, und erst die unterhaltenden Verhandlungen mit dem
                        Architekten, das Durchgehen der Pläne, der Bauverträge! Da war der Vertrag
                        mit dem Maurermeister, mit dem Zimmermeister, dem Gipser, dem Schreiner,
                        demSchlosser, dem Spengler, dem Elektriker, dem Maler. „Der unterzeichnete
                        Maurermeister verpflichtet sich“, „der Schlosser verflichtet sich", „der
                        Maler verpflichtet sich“, kurz, alle Unternehmer verpflichteten sich zu
                        etwas. Ich verstand nicht alles, wozu sie sich verpflichteten. Andererseits
                        hatte der Bauherr fast in jedem Artikel der Verträge „das Recht", das und
                        das zu tun oder nicht zu tun. So gehört sich's auch! Andere sollen sich
                        verpflichten, und ich habe das Recht. Ich hatte lange genug unter der
                        Umkehrung dieses einfachen Grundsatzes gelitten. Mein Architekt war ein
                        Engel, und von den Unternehmern war einer liebenswürdiger und
                        entgegenkommender als der andere. Alle meine Wünsche waren ihnen ebenso
                        viele Befehle.</p>
                    <p>„Gewiß, das sollen Sie haben!" so hieß es bei jeder neuen Forderung.</p>
                    <p>„Glauben Sie, daß es teuer komme?“ fragte ich dann schüchtern.</p>
                    <p>„Nur keine Angst! Das mache ich gratis. Ich habe eine kolosssale Freude an
                        Ihrem Hause. Das beste Material wird geliefert! Es muß etwas feines werden,
                        Ihr Haus!"</p>
                    <p>Ach, was das reizende Menschen waren, diese Unternehmer! Sie ersstickten mich
                        unter ihren Wohltaten.</p>
                    <p>Im Juli sollten laut den Verträgen die Arbeiten beginnen, im Oktober der
                        Rohbau fertig und Ende März das Haus bezugsbereit sein. Diese Termine <pb n="57"/>einzuhalten „verpflichteten“ sich sämtliche Unternehmer, und ich
                        hatte „das Recht“, am 1. April einzuziehen. Außer meinen bürgerlichen
                        Rechten war dieses das einzige Recht, das mir je eingeräumt worden war.
                        Sonst hatte ich mein Lebtag immer unrecht gehabt. Es war am 26. August, am
                        Iahrestag der Schlacht bei St. Jakob an der Birs, als ich, statt nach St.
                        Jakob zu „pilgern“, nach Roßwil fuhr, um zu sehen, wie sich der Bau anließ.
                        Der Keller mußte jedenfalls schon ausgegraben und das Gerüste aufgerichtet
                        sein. Wer weiß, vielleicht war der Keller schon ausgemauert oder am Ende
                        schon das Parterregebälk gelegt? Mit dem Legen des Parterregebälkes begann
                        nämlich eine neue Epoche bei meinem Hausbau: der Anfang meines Baukredites.
                        Von diesem bedeutsamen Momente an konnte ich aus Papier Geld machen. Ich
                        hatte meiner Bank dann nur noch zu schreiben: Zahlen Sie gegen diesen Scheck
                        an die Ordre usw.! Das Scheckbuch trug ich immer bei mir, um es hie und da
                        aus Versehen aus der Tasche zu ziehen, damit die Leute aufmerksam wurden und
                        mich fragten, was das sei, worauf ich dann stolz erwidern konnte: „Ein
                        Scheckbuch !" Ich fuhr also nach Roßwil und eilte nach meinem Bauplatze.
                        Dort angelangt, schnürte sich mir das Herz zusammen. Hatte ich mich verirrt?
                        War das denn nicht mein Bauplatz ? ~ Freilich war er's! Da stand der
                        Apfelbaum, dessen Früchte die Bauernjugend schon unreif heruntergeschlagen
                        hatte, der Kirschbaum, dessen Blusst erfroren war, und der Zwetsschgenbaum,
                        dessen Zwetschgen wegen der andauernden Hitze herunterfielen. Die Bäume
                        standen da, und aus ihnen ertönte das langweilige Gezwitsscher der ihre
                        Brunsstzeit überstanden habenden Amseln. Aber kein menschliches Wesen war zu
                        entdecken, kein ausgegrabener Keller, kein Gerüst, keine Mauer und kein
                        Parterre-Gebälk! An diesem Nachmittage <pb n="58"/>des 26. August erhielt
                        mein Glauben an die Menschheit den Todesstoß. Und noch etwas erhielt den
                        Todesstoß: mein schöner Sonntagsstrohhut! In meiner Niedergeschlagenheit
                        hatte ich nicht bemerkt, daß ein schweres Gewitter heraufgezogen war, und
                        als mir die Tatsache zum Bewußtsein kam, prasselte schon ein Regen
                        hernieder, der mich an meinem Hügel herunter ins Tal zu schwemmen drohte.
                        Mein schöner Sonntagsstrohhut hing mir über die Ohren herunter, und meine
                        Kleider waren durch und durch naß. So kam ich nach Hause, ein Bild des
                        Jammers, ich, der Bauherr.</p>
                    <p>Am nächsten Morgen wappnete ich mich mit der ganzen Energie, die mich
                        kennzeichnet, und eilte zum Architekten. Ohne Gruß schrie ich ihn an:</p>
                    <p>„Laut den Verträgen sollten die Arbeiten in Roßwil im Juli beginnen! Und
                        jetzt ist Ende August und noch gar nichts gemacht! Wenn das so weiter geht,
                        sind wir geschiedene Leute."</p>
                    <p>Er eilte ans Telephon und kurbelte. „Nummer 9999, bitte!“</p>
                    <p>Der Bauunternehmer stellte sich, und mein Architekt kapitelte ihm herunter,
                        bis ich in Wonneschauern erbebte.</p>
                    <p>„So", wandte er sich dann wieder an mich, ,der hat genug! Morgen beginnt er.
                        Ich werde ihn nun Tag für Tag kontrollieren. Seien Sie ohne Sorge! Das Haus
                        wird zur Zeit fertig. Es langt noch largement bis zum ersten April.“</p>
                    <p>Mein Architekt war also doch ein Engel!</p>
                    <p>Bei einem weiteren Besuch in Roßwil fand ich wirklich etwas Lochähnliches auf
                        meinem Bauplatz, und drum herum lagen einige Gestalten, neben sich die leere
                        Bierflasche. Das war wenigstens ein Anfang!</p>
                    <p>Ein regnerischer Herbst hatte eingesetzt, und die bodenlosen Wege erschwerten
                        die Zufuhr des Baumaterials. <pb n="59"/> Jeden Sonntag fuhr ich hinaus, um
                        die Fortschritte zu konstatieren, und jeden Sonntag mußte ich bis über die
                        Knöchel im Kot waten. Wer schon beim Regenwetter um einen Neubau
                        herumspazierte, der kann meine Gefühle teilen, die ich bei meiner Heimkehr
                        jeweilen empfand. Ich habe nicht wenige Bekannte, und alle traf ich auf
                        meinem Heimwege.</p>
                    <p>„Heiliges Gewitter!“ hub der erste an, „wo hast du all den Dreck her an
                        Schuhen und Hosen?“</p>
                    <p>„Ich baue,“ antwortete ich kleinlaut.</p>
                    <p>„Wo baust du ?"</p>
                    <p>„In Roßwil."</p>
                    <p>Es klang noch kleinlauter und löste bei meinen Bekannten ein dröhnendes
                        Gelächter aus, das unverschämt durch die sonntagsstillen Gassen gellte.</p>
                    <p>„Wie kommst du nur in dieses Saunest?“</p>
                    <p>„Roßwil ein Saunest? Roßwil ist das schmuckste Dorf weit und breit!“</p>
                    <p>„Schmuck, ja! Aber rückständig, und die ganze Gemeindeverwaltung nur auf die
                        Bedürfnisse der Bauern zugeschnitten! Du wirst deine heiligen Wunder noch
                        erfahren! Adieu!“</p>
                    <p>Zum Tode erschrocken konnte ich mich nicht mehr vom Flecke rühren. Also
                        Roßwil war rückständig. Und das hatte mir kein Mensch gesagt, bevor ich das
                        Land kaufte. Alle hatten gerühmt und Roßwil in den Himmel erhoben, und nun
                        war Roßwil – </p>
                    <p>„Salu, Alter! Wo kommst du her? Hast du ein Schlammbad genommen?"</p>
                    <p>Das war der zweite Bekannte. Ich sagte ihm ebenfalls, daß ich von Roßwil
                        komme und daß ich baue. Dieser zweite Bekannte konnte lateinisch, was ich
                        daraus schloß, daß er mir erwiderte :</p>
                    <p>„Quem Jupiter perdere vult dementat.“</p>
                    <pb n="60"/>
                    <p>Da ich ebenfalls lateinisch kann, verstand ich ihn und flüsterte tonlos:</p>
                    <p>„Und so geht's dreimal rum!"</p>
                    <p>Dann gab ich meinen Stillstand auf, trennte mich von ihm und traf —- na, ich
                        traf also alle meine übrigen Bekannten. So erging es mir jeden Sonntag.</p>
                    <p>Ein Lichtblick in dieser Nacht meines Hausbaues war das Richtfest. Ein
                        Tannenbäumchen mit bunten Bändchen wiegte sich auf dem Dachstuhle im Winde,
                        und in der „Krone" in Roßwil wurde auf meine Kosten ein opulentes
                        Nachtessen, bestehend aus Rauchwürsten und Kartoffelsalat, verzehrt. Dazu
                        tranken die Arbeiter Bier und die Unternehmer, der Architekt und der Bauherr
                        Wein. Der Architekt hielt eine schöne Rede und ließ den Bauherrn hoch leben.
                        Ich blickte sschamhaft errötend vor mir nieder; denn so viel Gutes hatte
                        noch kein Mensch von mir gesagt. Nachher sang ein italienischer Maurer ein
                        sentimentales Lied mit fabelhaft schönen Koloraturen und einem Refrain, den
                        alle mitgröhlen konnten, und zum Schlusse schlugen sich die Maurer und
                        Zimmerleute die Köpfe voll.</p>
                    <p>Dieses Richtfest hatte anfangs Dezember stattgefunden, und nun sollten vor
                        Eintritt der Kälte die Gipserarbeiten beginnen. Meine Kontrollbesuche mußten
                        daher fortgesetzt werden. Bei einem solchen wollte auch meine Frau
                        mitkommen. Sie hatte von Anfang an eine feindliche Position zu dem neuen
                        Hause eingenommen.</p>
                    <p>„Nie in meinem Leben werde ich nach Roßwil ziehen! Geh’ du nur allein in
                        deine Hütte!“ So hatte bis jetzt der Bericht gelautet. Endlich hatte die
                        Neu- gierde, wie die „Hütte" wohl aussehen möge, über den Haß gegen meinen
                        Neubau den Sieg davongetragen. Es war an einem düstern Regensonntag, als wir
                        nach Roßwil ausrückten. Meine Stimmung war trostlos; <pb n="61"/>denn nach
                        meinen bisherigen Erfahrungen mußte ich schließen, daß die Gipser noch nicht
                        angefangen hatten. Kam aber die Kälte dazwischen, so war es mit meinem
                        „Recht", am 1. April einzuziehen, aus, und dieser Gedanke quälte mich Tag
                        und Nacht; denn meine Stadtwohnung war auf den 1. April an einen andern
                        vermietet. In Roßwil regnete es natürlich mindestens in gleicher Güte wie in
                        der Stadt, und wir, d. h. meine Frau, meine damals zweijährige Tochter und
                        ich, wir zogen unter unendlichen Mühsalen zu unserm Neubau.</p>
                    <p>Es war so, wie mir geschwant hatte: die Gipser hatten noch nicht gegipst. Ich
                        unterdrückte einen sprungbereiten Seufzer und begann, sorgsam auf Schutt und
                        Holzlatten umherspazierend, meine Erklärung:</p>
                    <p>„Hier links ist die Küche. Da führst du das Regiment, meine Teuerste, und mir
                        ist, als stiegen mir die Forellen-, Geflügel- und Bratendüfte deiner
                        erhabenen Kochkunst schon in die Nase. Daneben die Speisekammer, dann ein
                        kleiner Raum für Besen, Flaumer usw., hier das Klosett. Vor uns liegt die
                        geräumige Diele. Diese Türe führt ins Eßzimmer und jene in den Salon, der
                        hoffentlich nicht zu klein ist für den persischen Teppich, welchen ich dir
                        zur silbernen Hochzeit einst schenken werde. Durch die dritte Türe ~ dort
                        rechts + geht's ins Wohnzimmer. Schon hier, vom Parterre aus, hast du eine
                        Aussicht, die ihresgleichen sucht. Heute ist sie allerdings verhängt durch
                        Regenwolken. Aber wenn sich das lichtet, so glaubst du, einen Blick ins
                        Paradies zu tun. Über dem Wohnzimmer, im ersten Stock, liegt mein
                        Arbeitszimmer, das später einmal, wenn mein Onkel in Klondyke stirbt,
                        hochmodern eingerichtet wird, über dem Salon das Kinderzimmer ~ ganz in weiß
                        natürlich ~ und dann folgt von rechts nach links unser Schlafzimmer, das
                        Badezimmer und das Gasstzimmer. Im Dachstock – <pb n="62"/>Hörst du nicht
                        auch Schritte? –~ Komm, wir wollen hinauf! Vielleicht ist der Gipser
                        oben.“</p>
                    <p>Keuchend stiegen wir die zu ihrem Schutze vor den Schuhen der Handwerker mit
                        rohen Holzbrettern verkleideten Treppenstufen hinan, während meine Frau
                        etwas von „Größenwahn“ murmelte. Oben angelangt, wollte ich eben meine
                        Erklärungen wieder aufnehmen, als es über unsern Häuptern zu poltern begann.
                        Das Gepolter nahm in einem kurzen und überaus heftigen Crescendo zu, und vor
                        meinen Augen fiel inmitten einer Staubwolke aus dem Dachstock etwas
                        Menschenähnliches herunter. Ich näherte mich der Gestalt, um mich nach ihrem
                        Befinden zu erkundigen, als ich instinktiv die Augen schloß, weil mich noch
                        eine dichtere Wolke einhüllte, während es wie Blei auf meinem Haupte
                        lastete. Die Augen wieder öffnend, entdeckte ich, daß ich mindestens die
                        Hälfte des Inhalts eines Zementsackes auf mir trug. Vor mir richtete sich
                        jemand auf: es war mein Architekt.</p>
                    <p>„Entschuldigen Sie die Überraschung“, begann er, indem er Ellenbogen und
                        Kniee rieb. „Ich machte soeben Kontrolle. Als ich Sie unten hörte, wollte
                        ich die Leiter heruntersteigen, verfehlte den Tritt und riß einen offenen
                        Zementsack mit, an dem ich mich halten wollte. Glücklicherweise hat's mir
                        nichts geschadet.“</p>
                    <p>Das war also die Hauptsache am ganzen Vorfall, daß es ihm nichts geschadet
                        hatte. Aber daß ich in Zement gehüllt war und aussah wie das Standbild
                        meines zukünftigen Denkmals, das rührte ihn nicht. Ein Wunder, daß er seinem
                        Zement nicht noch einen Kessel Wasser nachgesandt hatte, um von mir bei
                        Lebzeiten einen Abguß zu nehmen. Während er Frau und Tochter begrüßte,
                        schüttelte ich das Gröbsste ab; alles wegzubringen gelang mir nicht, da mir
                        eine Bürste fehlte und der feine Staub sich auf meinem regenfeuchten <pb n="63"/>Hute und dito Mantel festgesezt hatte. Von weitem glich ich also
                        immer noch einer wandelnden Sandsteinfigur, wie der Architekt
                        behauptete.</p>
                    <p>Bei dieser Gelegenheit brachte ich meine Reklamation wegen des nicht
                        begonnenen Gipsens an.</p>
                    <p>„Morgen werden die Gipserarbeiten in Angriff genommen“, bekam ich zur
                        Antwort. „Seien Sie ohne Sorge! Bis zum 1. April ist das Haus fix und
                        fertig."</p>
                    <p>Er kümmert sich also doch um mich, sagte ich mir, und stieg den anderen voran
                        die holprige Treppe hinunter. Während ich mit dem Architekten im Keller noch
                        etwas besichtigte, ging meine Frau mit der Tochter um’s Haus herum, um sich
                        die Sache von außen anzusehen. Auf einmal brüllte meine Kleine, als ob sie
                        am Messer steckte. Da mußte etwas Furchtbares geschehen sein! Hinauf und
                        hinaus! Was wars ? Meine Tochter lag im Kalkloch! Verletzt war sie nicht.
                        Nicht einmal aus der Nase blutete sie! Ich wagte einen leisen Vorwurf an die
                        Adresse meiner Frau:</p>
                    <p>„Warum gibst du aber auch nicht besser acht auf das Kind?“</p>
                    <p>Da kam ich schön an. Ietzt müsse sie wieder schuld sein! Ob sie etwa das Haus
                        gebaut habe? Erst baue man Häuser, ohne sie zu fragen und ohne etwas vom
                        Bauen zu verstehen, ruiniere die Kleider, und zum Schlusse, wenn alles
                        schief gehe, müsse sie die Suppe ausessen. Aber niemals ziehe sie nach
                        Roßwil! Das gebe sie mir schriftlich.</p>
                    <p>In der „Krone“ wurden etwelche Reinigungsversuche gemacht, und dann zogen wir
                        gebeugten Hauptes, wie von einem Begräbnis kommend, heimwärts.</p>
                    <p>Ich kam acht Tage später wieder nach Roßwil; aber von Gipserarbeiten war
                        nichts zu sehen. Dann trat die Kälte ein, und erst jezt, als Stein und Bein
                        gefroren war, begann die Gipserei. Nach dem Gipser <pb n="64"/>kam der
                        Anschläger: das Gleiche in grün. Zum Austrocknen des Baues waren einige
                        eiserne Ofen aufgestellt worden. Auf einem dieser Öfen kochte sich der
                        Anschläger vom Morgen bis zum Abend Beefsteaks (der Himmel weiß, wo er das
                        Fleisch her hatte) und trank zu den Beefsteaks Flaschenbier. Einmal, auf
                        einer Überraschungstour, traf ich den Schreinermeister und seinen Gesellen
                        in edler Eintracht sternhagelbesoffen in einem Zimmer schlafend. Für die
                        zwei war die soziale Frage gelöst; aber angeschlagen wurde nichts. Wir waren
                        im Januar, und am 1. April sollte ich einziehen! Grauen erfaßte mich. So
                        konnte das nicht weiter gehen. Ich mußte mit meinem Architekten Fraktur
                        reden. Zunächst teilte ich ihm meine Beobachtungen mit und richtete dann die
                        für mich bedeutsame Frage an ihn:</p>
                    <p>„Wer entschädigt mich eigentlich, wenn ich am 1. April nicht einziehen
                        kann?"</p>
                    <p>„Derjenige unter den Bauhandwerkern, der nachgewiesenermaßen die Verzögerung
                        verschuldet hat“.</p>
                    <p>„Und wer hat sie verschuldet?“</p>
                    <p>„Das müßte erst noch eruiert werden. Übrigens: Seien Sie ohne Sorge! Am 1.
                        April können Sie ~"</p>
                    <p>„Ich will Ihnen etwas sagen: Wenn's im gleichen Tempo weiter geht wie bis
                        jetzt, kann ich nicht einmal über's Jahr einziehen!"</p>
                    <p>„Wo denken Sie hin, mein lieber Herr! Heute geht ein Chargé ab an den
                        Schreinermeister, worin ich ihm androhe, daß wir ihn, wenn er in vierzehn
                        Tagen nicht zu Ende komme, für allen Schaden haftbar erklären. Ist der
                        Schreiner fertig, dann geht's rasch. Bodenleger, Tapezierer, Elektriker,
                        Spengler, Schlosser und Maler: das ist eine Kleinigkeit. Am. 1. April können
                        Sie einziehen. Seien Sie ohne Sorge."</p>
                    <p>Ich begann wieder zu hoffen, aber umsonst. Der <pb n="65"/>Schreiner war zwar
                        mit dem Anschlagen bis Ende Februar fertig. Aber dann kamen sich Maler,
                        Tapezierer und Bodenleger gegenseitig derart in die Quere und in die Haare,
                        daß mir zu Mute wurde, als baute ich den Turm zu Babel. Einzig der Spengler,
                        der Schlosser und der Elektriker arbeiteten, am sichtbarsten der Elektriker;
                        denn so oft ich hinauskam, hingen zu allen Löchern Drähte heraus.</p>
                    <p>Der 1. April rückte näher und mein Haus war noch immer eine Höhle. Keine
                        Tapeten, kein Inlaid, nichts geweißelt, nichts gemalt! Mein Möbelwagen war
                        bestell. Da kam am Vorabend meines Auszuges mein Architekt zu mir und machte
                        mir den Vorschlag, von Strohmayr in Konstanz ein Zelt kommen zu lassen,
                        meine Möbel unter dieses Zelt zu stellen und im Gasthof zu logieren, bis das
                        Haus fertig sei. „Hören Sie mal," entgegnete ich ihm, „wollen Sie mich
                        eigentlich am Seil herunter lassen? Ich ziehe morgen in mein Haus und mache
                        Sie verantwortlich für allen mir entstehenden Schaden. Haben Sie mich
                        verstanden?"</p>
                    <p>Ich lief zu einem Advokaten, um mir guten Rat zu holen.</p>
                    <p>„Ja, haben Sie einen Vertrag mit dem Architekten?"</p>
                    <p>"Nein."</p>
                    <p>„Da ist Ihnen nicht zu helfen."</p>
                    <p>„Aber ich habe Verträge mit den Bauhandwerkern, worin sie mir den Bezug auf
                        1. April garantieren.“</p>
                    <p>„Das nützt Ihnen nichts ; denn keiner wird der Schuldige sein wollen. Da
                        müßten Sie schon mit einem nach dem andern prozessieren, und schießlich
                        würden Sie doch verlieren.“</p>
                    <p>Es blieb mir also nichts übrig, als die Faust im Sack zu machen und
                        einzuziehen.</p>
                    <p>Der 1. April brach an, und es regnete natürlich in Strömen. Meine Frau hatte
                        sich ins Unvermeidliche <pb n="66"/>geschickt, gleichzeitig aber doch noch
                        behauptet, sie habe alles das vorausgesehen. Die Frauen sehen ja bekanntlich
                        alles voraus! Nachdem der Möbelwagen geladen war, fuhren wir per Bahn nach
                        Roßwil, und da machte ich eine neue unangenehme Entdeckung. Damit mir nichts
                        erspart blieb, war die einzige Zufahrtsstraße zu meiner Liegenschaft am
                        Morgen meines Auszuges aufgerissen worden zum Zwecke des Legens der
                        Kanalisationsröhren.</p>
                    <p>Das war der Gipfel! Die ganze Welt hatte sich gegen mich verschworen! Ich
                        mußte den Kelch leeren bis zur Neige! Ich donnerwetterte, ich fluchte wie
                        ein Heide (ich weiß zwar nicht, wie die Heiden fluchen), ich verglich die
                        Menschheit mit allen Tieren, die ich als zoologische Rückstände aus der
                        Schule gerettet habe, und die Vergleiche fielen sehr zu Ungunsten der
                        Menschheit aus! Ich holte mir auf der Gemeindekanzlei das Obligationenrecht
                        und versuchte, den Verantwortlichen festzustellen! Ich brüllte die
                        Erdarbeiter an, nannte den Parlier eine malacietta creanza, drohte dem
                        Gemeindepräsidenten mit der „schwarzen Hand“, verlangte die Intervention der
                        Regierung, des Bundesrates, des Bundesgerichts, die Pikettstellung zweier
                        Bataillone Infanterie und einer Schwadron Dragoner! Aber alles nützte
                        nichts. Die Straße blieb aufgerissen.</p>
                    <p>Als die Besinnung in mir zurückgekehrt war, ging ich zu meinem zukünftigen
                        Nachbarn, der seinen Hof zwischen meinem Garten und der Landstraße hatte,
                        und erbat von ihm die Erlaubnis, meine Möbel durch seinen Baumgarten
                        transportieren zu dürfen. Ich erhielt nicht nur die Erlaubnis, sondern
                        überdies seinen Pritschenwagen. Auf diesen wurden an der Landstraße die
                        Möbel geladen, dann die Pferde angespannt, und im Galopp ging’s durch den
                        besagten Baumgarten den Hügel hinan. Zehn solcher Fuhren hatte ich.
                        Unterwegs <pb n="67"/>fiel dann gewöhnlich einiges ins nasse Gras. Ich ließ
                        anhalten, laden, und weiter ging die wilde Jagd, bis wieder etwas
                        herunterrutschte. Stühle und Tische verloren die Beine! Das Geschirr wurde
                        zer- und die Spiegel eingeschlagen! Endlich war eingezogen, d. h. die Möbel
                        lagen in unbeschreiblichem Wirrwarr auf den rohen Zementböden umher. Ich
                        aber stand davor und dachte:</p>
                    <p>Hoffnungslos</p>
                    <p>Weicht der Mensch der Götterstärke,</p>
                    <p>Müßig sieht er seine Werke</p>
                    <p>Und bewundernd untergehn.</p>
                    <p>Durch meine Frau wurde ich aus meinen Gedanken aufgeschreckt.</p>
                    <p>„Es ist ja kein Kochherd in der Küche!“</p>
                    <p>„Ja so, der Kochherd! Den habe ich ganz vergessen.“</p>
                    <p>„Und so was nennt sich „Bauherr"!" hörte ich noch schimpfen und versank
                        wieder in meine Gedanken. Bodenleger, Tapezierer und Maler hatten sich
                        mittlerweile geeinigt. Der Bodenleger begann zuerst. Er bezeichnete mir
                        jeweilen für den folgenden Tag das Zimmer, in welchem er arbeiten wollte und
                        welches daher geräumt werden mußte. Er kam, schnitt das Inlaid zurecht und
                        blieb wieder zwei Tage weg. Dann kam er wieder, befestigte das Inlaid und
                        blieb wieder zwei Tage weg. In die Räume mit belegtem Boden zog der Maler
                        und schließlich der Tapezierer. Jawohl, der Tapezierer ! Das Erste, was er
                        tapezierte, war das Schlafzimmer. Ich hatte die teuerste Tapete in
                        himmelblau ausgewählt. Ein himmelblaues Schlafzimmer ist sehr hübsch! Oder
                        nicht? Das Schlafzimmer war also himmelblau tapeziert, und mit
                        paradiesischem Wohlbehagen legte ich mich im ersten vollendeten Raume meines
                        Hauses zur Ruhe.</p>
                    <pb n="68"/>
                    <p>Gegen morgen erwachte ich mit dem Gefühl, als ob mein Bauherrnhaupt von
                        irgend etwas Knisterndem zugedeckt sei. Ich hob das knisternde Etwas mit der
                        Hand empor: es war Papier. „Seltsam, bei Gott! Höchst wunderbar und
                        seltsam!" Ich schaffte das Papier beiseite und drehte den Knopf des
                        elektrischen Lichts. ~ Die ganze, schöne, himmelblaue Tapete war von den
                        Wänden heruntergefallen und bedeckte die selig schlummernde Familie.</p>
                    <p>Was tun? – Der Architekt wurde hergezaubert, der Gipser und der Tapezierer
                        wurden einvernommen, Expertisen fanden statt; aber nichts kam heraus dabei.
                        Der Tapezierer behauptete, der Gipser habe toten Gips verwendet, der Gipser
                        behauptete, der Tapezierer könne nicht tapezieren, und der Maler als
                        Superexperte entschied, der Gips sei erfroren. Ob nun aber der Gips tot oder
                        erfroren war, das half mir nichts. Den Wänden mußte eine besondere
                        Behandlung zuteil werden, und die Kosten trug ich, der Bauherr.</p>
                    <p>Das war ein kleines, aufregendes Intermezzo. Als dann der Tapezierer endlich
                        fort war, artete das Fertigstellen des Hauses in ein Idyll aus. Von Morgen
                        bis Abend vergnügte sich ein Maler mit dem ersten, zweiten und dritten
                        Anstrich, mit dem Masserieren, Marmorieren, Schablonieren und Dekorieren.
                        Der Malermeister, dem die Arbeit übertragen war, beschäftigte sechzig
                        Gesellen; aber bei mir malte die längste Zeit nur einer. Es sei besser so,
                        meinte der, der erste Anstrich könne trocknen, bis der zweite komme, und der
                        zweite bis der dritte komme. Er pinselte und pfiff und pfiff und pinselte,
                        und fragte ich ihn, ob er noch nicht am dritten Anstrich sei, so erwiderte
                        er:</p>
                    <p>„Nein, am ersten!"</p>
                    <p>Ich hatte mich an ihn gewöhnt, wie an ein Haustier. Er soff mir zwar meinen
                        Wein, wie ich erst später <pb n="69"/>bemerkte; dafür wußte er aber Mittel,
                        mit welchen man die Delfarbe aus den Kleidern entfernen konnte. Das war für
                        mich wichtig; denn während dieser Anstreicherei trug ich alle Farben des
                        Regenbogens an mir herum: ein .Aermel war grün, der andere rot, ein
                        Hosenbein weiß, das andere gelb. Die einzige Abwechslung während der Woche
                        war, daß die Aermel, die Hosenbeine und die Farben unter sich ebenfalls
                        abwechselten.</p>
                    <p>Am Sonntag hatte ich wieder eine andere aparte Unterhaltung. Da die Umzäunung
                        zu meinem Garten noch fehlte, füllte er sich jeden Sonntag einige Male mit
                        Spaziergängern, die den „Neubau“ besichtigen wollten, und wenn ich
                        behauptete, der „Neubau“ sei bewohnt, sie sollten sich zum Teufel scheren,
                        so lachten sie mich noch aus, mich, den Bauherrn.</p>
                    <p>Am Abend vor dem eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag hatte der letzte
                        Handwerker seine letzten „Pflichten“ erfüllt und ich das „Recht“, endlich
                        allein zu sein. Schon früh erhoben wir uns am Sonntag Morgen, um nach der
                        Kirche zu gehen und dort zu danken, zu büßen und zu beten. Während ich
                        meinen Hochzeitszylinder bürstete, hörte ich Hammerschläge gegen die
                        Haustüre. Ich trat hinaus und sah noch, wie mein Architekt wie der Wind
                        davon stob. An der Haustüre aber hing ein Papierschild mit den
                        vergißmeinnichtumrankten Worten: „Der Herr behüte deinen Eingang und deinen
                        Ausgang.“</p>
                </div>
                <pb n="70"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Mein Jagdstück.</head>
                    <p>Mein sogenannter ,sehnlichster“ Wunsch war erfüllt. Ich wohnte auf dem Lande
                        und hatte einen Garten.</p>
                    <p>„Nun lebst du im Paradies,“ sagte ich mir. „Rechts von dir der an deinen
                        Garten stoßende tiefgrüne Hochwald, vor dir im Tale das alte, erst wenig
                        verschandelte Dörfchen und links die Aussicht in blauende Weiten. Am Morgen
                        wecken dich die „Finken des Waldes“, und am Abend singt dir die Nachtigall
                        das Schlaflied. Im Frühjahr öffnet sich mit den Knospen deines Gartens dein
                        Herz der Pracht der Erde, und im Herbst klagt es mit dem Herdengeläute über
                        entschwundene, schöne Tage.“</p>
                    <p>Und ich arbeitete in meinem Garten. Ich spatete, rechte, säte, setzte,
                        düngte, jätete; - aber es wuchs nichts. Die Erbssenbeete blieben leer, die
                        Bohnenkeimpflänzchen streckten die Köpfchen heraus und verschwanden wieder
                        von der Bildfläche, vom Spinat kam nur der zehnte Teil, die Kohlköpfe
                        entwickelten sich zu Krüppeln und zwar jeder Kopf zu einer besondern
                        Spezialität, der Blumenkohl war ein stinkendes Gemengsel von faulen Blättern
                        und Raupendreck. Nur das Unkraut wuchs. In meinem Garten gab es weit und
                        breit die schönsten Exemplare von Löwenzahn, Vogelkraut, Steinklee,
                        Hahnenfuß und Disteln. Ging jemand daran vorbei, so mußte <pb n="71"/>er
                        unwillkürlich lachen. Ich aber verbarg mich. Ich hätte heulen mögen.</p>
                    <p>Endlich klagte ich einem Kenner mein Leid.</p>
                    <p>„Da wird nie etwas wachsen; denn das ist kein Garten, das ist ein Steinbruch.
                        Lesen Sie erst einmal fleißig Steine heraus und misten Sie gehörig.
                        Amzuträglichsten ist für diesen Boden der Stallmisst vom ersten, besten
                        Bauern: Roß-, Kuh- und Schweinemist untereinander. Roßmist allein ist zu
                        hitzig."</p>
                    <p>Ich befolgte den Rat, las Steine heraus, bis ich eine ganze Stadt hätte mit
                        Schotter versehen können und spatete herrlich duftenden, echten Bauernmist
                        hinein.</p>
                    <p>Aber es wuchs nichts, und ich wandte mich an einen zweiten Kenner.</p>
                    <p>„Das will ich glauben, daß nichts wächst. Die Erde ihres Gartens ist viel zu
                        schwer. Da gehört Pferdemist hinein, Torfstreumist. Der macht den Boden
                        leicht.“</p>
                    <p>Von einer Fuhrhalterei bekam ich einen mächtigen Wagen Pferdemist und hoffte,
                        damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.</p>
                    <p>Während ich ihn hinunterspatete, blieb ein dritter Kenner am Garten stehen
                        und sah mir zu. Nach einer Weile bemerkte er:</p>
                    <p>„Ich gebe gar nichts auf den Stallmist. Kunstdünger ist das einzig Richtige!
                        Nur mit Kunstdünger können Sie dem Boden Stickstoff, Phosphorsäure, Kali und
                        Kalk im richtigen Verhältnis zuführen."</p>
                    <p>Ein abgrundtiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und ich kaufte bei einem
                        Großbauern einige Säcke Thomasmehl, Chilisalpeter, Kalidüngsalz, Kainit und
                        wie das Zeug alles heißt.</p>
                    <p>Aber es wuchs nichts oder wenigstens beinahe nichts, und als ein vierter
                        Kenner seine Arme auf den Gartenzaun legte, brüllte ich zum Voraus:</p>
                    <pb n="72"/>
                    <p>„Machen Sie, daß Sie fortkommen! Ich habe alles probiert: gemischten Mist,
                        Roßmist und Kunstdünger!“</p>
                    <p>„Ich will mich ja nicht aufdrängen! Aber Sie misten viel zu viel. Ihrem
                        Garten tut nicht der Mist not, sondern das Ausrotten des Ungeziefers. Sehen
                        Sie die Löcher überall im Boden? Das sind Mausselöcher. Sie haben den Garten
                        voll von Mäusen. Und in jedem Beet erblicke ich Werrengänge. Es muß bei
                        Ihnen wimmeln von Werren. Und die Erdflöhe und die Raupen, die Ihnen den
                        ganzen Kohl zerfressen haben! Und da! Sehen Sie, wie sich dieser
                        Kohlsetzling bewegt? Graben Sie nach! Da liegt ein Engerling darunter! Ihr
                        Garten ist jedenfalls dick voll von Engerlingen!“</p>
                    <p>Ich machte die Probe auf's Exempel, und richtig, da lag ein fetter Engerling
                        und krümmte sich vor Lachen. Aber das Lachen verging ihm, denn ich machte
                        ihm den Garaus. Dieser vierte Kenner schien etwas zu verstehen, weshalb ich
                        ihn um Entschuldigung bat wegen meines barsschen Wesens und ihn ersuchte,
                        fortzufahren.</p>
                    <p>„Sehn Sie," fuhr er wirklich fort, „die Gärtnerei muß rationell betrieben
                        werden. In erster Linie müssen Sie sich die einschlägige Literatur
                        verschaffen und dann gründlich ans Werk gehen.“</p>
                    <p>Er diktierte mir die Titel einiger Gartenbücher. Meine „einschlägige
                        Literatur“ wuchs bald auf ca. 100 Bände an, und in jedem Buche wurde etwas
                        neues empfohlen. Ich probierte alle Bände durch, ging auf die Jagd nach
                        allen möglichen Schädlingen und brachte es im fünften Jahre meines
                        Gartenbesitzes zu einigen Kocheten Erbsen, Bohnen, Wirsing und Rotkraut. Da
                        kam mir ein neuer Feind ins Gehege.</p>
                    <p>Als ich eines Abends für meinen Haushalt Erbsen holen wollte, waren eine
                        Menge Schoten aufgepickt oder aufgebissen und der Inhalt gefressen. Stracks
                        wandte ich mich an den mit den Feinden der Gartenkultur vertrauten <pb n="73"/>Kenner Nr. 4 und zeigte ihm einige leere Hülsen.</p>
                    <p>„Da ist guter Rat teuer," lautete die Antwort. „Aber auf alle Fälle war's ein
                        Vogel. Sehn Sie, die Vögel, das ist alles Lumpenpack! Ich dulde keinen
                        einzigen mehr im Garten. Bei mir finden Sie nur noch Eidechsen, Frösche und
                        Kröten."</p>
                    <p>„Aber ich bitte Sie," wagte ich schüchtern zu erwidern, „die Finken, die
                        Meisen ~"</p>
                    <p>Doch er unterbrach mich und geriet in einen nicht gelinden Eifer. „Daß die
                        Buchfinken im Frühjahr die Erbsen aus dem Boden hervorholen, werden Sie aus
                        Erfahrung wissen. Und die Meisen? Ich kann Ihnen zwei vollständig
                        unbescholtene Zeugen stellen, die mit mir konstatierten, daß eine Blaumeise
                        an einer reifen Birne herumpickte.“</p>
                    <p>„Ja, Birnen, freilich! Aber hier handelt es sich um Erbsen."</p>
                    <p>„Hören Sie, wenn es keine Meise war, dann war's ganz sicher ein
                        Buchfink."</p>
                    <p>Ich war im Begriff, ein Todfeind der Buchfinken zu werden, und machte aus
                        meiner Todfeindschaft kein Hehl, als ich an einen fünften Kenner geriet.</p>
                    <p>„Buchfinken?“" meinte der. „Niemals! Derartige Verwüstungen richten nur die
                        Spatzen an."</p>
                    <p>Ich hatte also den Buchfinken in Gedanken schweres Unrecht getan. Dieses
                        hundsgemeine Spaztengesindel war ja, wie man mir wiederholt geklagt hatte,
                        zu allem fähig. Die Spatzen hatten mir meine Erbsen gefressen! Ich besah
                        neuerdings die Erbssenbeete. Wo das Auge hinsah, waren wieder die schönsten
                        und größten Schoten ausgehöhlt. Da überkam mich die Wut, und ich eröffnete
                        ein Steinbombardement auf die Strolche. Ich habe in meinem Leben viele
                        Steine geworfen, ohne je zu treffen, und traf auch jetzt keinen der
                        Missetäter. Sie blieben denn auch sitzen, blinzelten mich vergnügt an <pb n="74"/>und schienen zu einander zu sagen: „Du kennst den Schützen!
                        Suche keinen andern!“ Jedem einigermaßen bekannten Menschen, dem ich fortan
                        begegnete, erzählte ich mein von den Spatzen verschuldetes Mißgeschick und
                        wies ihm Muster von leeren Erbsenhülsen vor, von welchen ich immer einige in
                        der Tasche auf mir trug.</p>
                    <p>Unterdessen nahm das Verhängnis seinen Fortgang. Mit jedem Tage nahm die Zahl
                        der leergefressenen Hülsen zu, und mit jedem Tage wurde mein Grimm über die
                        Spatzen größer, bis ein Kenner Nr. 6 mir gegenüber bezweifelte, daß die
                        Spatzen die Uebeltäter seien.</p>
                    <p>„Die Amseln werden das Unheil anrichten!“</p>
                    <p>Natürlich! Die Amseln fressen Kirschen, Erd-, Him-, Brom- und Johannisbeeren!
                        Warum sollten sie keine Erbsen fressen?</p>
                    <p>Meine Pflicht war es nun, in meinem ganzen Bekanntenkreise den von mir
                        untergrabenen guten Ruf der Spatzen wiederherzusstellen und die Amseln zu
                        verdächtigen. Bei einer solchen Gelegenheit erzählte mir ein siebenter
                        Kenner, der es wissen mußte, weil er in der Schule der Beste in der
                        Naturgeschichte gewesen war, weder Spatzen noch Amseln könnten Erbsenhülsen
                        öffnen.</p>
                    <p>„Ja, aber hören Sie mal! Sie werden doch nicht behaupten wollen, es seien
                        Nachtigallen?“</p>
                    <p>„Nein, das nicht, aber ~ aber ~ vielleicht Krähen?"</p>
                    <p>„Krähen? Unsinn! Die Krähen finden im Felde draußen genügend Futter.“</p>
                    <p>„Das schon! Aber Erbsen schmecken ihnen vielleicht besser."</p>
                    <p>„Genug, genug! Schließlich kommt noch einer und behauptet, es seien
                        Lämmergeier gewesen.“</p>
                    <p>Einst machte ich wieder meinen abendlichen Rundgang und verjagte Amseln,
                        Buchfinken und Spazgen, der Sicherheit wegen alle drei Spezies, als mein
                        Blick unter dem Apfelbaum einen angebissenen unreifen Apfel <pb n="75"/>liegen sah. Ein angebissener, unreifer Apfel ist auf dem Lande keine
                        Seltenheit. Aber wie kommt unter meinen Apfelbaum ein angebissener, unreifer
                        Apfel?</p>
                    <p>Meine sechsjährige Tochter wird einvernommen:</p>
                    <p>„Hast du in einen unreifen Apfel gebissen und ihn wieder weggeworfen?'</p>
                    <p>„Nein, ich nicht; aber der Edi.“</p>
                    <p>„Wer ist der Edi?"</p>
                    <p>„He, der Edi ist der Edi. Er war ganz grün."</p>
                    <p>„Wer, der Edi?“</p>
                    <p>„Nein, der Apfel, nicht der Edi‘ - und meine sechsjährige Tochter legte sich
                        vor Lachen nieder bei dem Gedanken, daß der Edi grün sein sollte.</p>
                    <p>Am nächsten Abend fand ich unter dem Apfelbaum drei angebissene Aepfel. Neues
                        Verhör meiner sechsjährigen Tochter.</p>
                    <p>„Sag’ mir die Wahrheit! Hast du im Garten unreife Aepfel gefunden und davon
                        gegessen ?"</p>
                    <p>„Ganz sicher nicht: Der Edi“.</p>
                    <p>„Was ist denn mit diesem Edi? – War er im Garten?"</p>
                    <p>"Nein, er hat unreife Aepfel gegessen. – Das darf man doch nicht?“</p>
                    <p>„Wo hat er die Aepfel geholt ?“</p>
                    <p>„Drüben auf der Matte."</p>
                    <p>Ich atmete auf, ganz nach dem Rezept der Pintschgauer. Aber ich mußte der
                        Sache auf den Grund kommen.</p>
                    <p>„Warum sprichst du denn immer vom Edi ? Was hat er sonst noch getan ?“</p>
                    <p>„Der Edi?“</p>
                    <p>„Ja, der Edi!“</p>
                    <p>„Er ißt immer unreife Aepfel. Das darf man doch nicht ?“</p>
                    <p>„Nein, das darf man nicht, sonst ?"</p>
                    <pb n="76"/>
                    <p>„Bekommt man Bauchweh und stirbt und wird ins Grablöchlein gelegt.“</p>
                    <p>„Ganz recht! Weißt du noch etwas von Edi?“</p>
                    <p>„Er ißt immer ganz grüne Aepfel, ganz grüne!</p>
                    <p>Das – ?“</p>
                    <p>„Schon gut. Macht er sonst nichts ?“</p>
                    <p>„Ich habe gesagt, er darf nicht in den Garten, und dann hat er gesagt, er
                        steigt über den Hag.“</p>
                    <p>Aha! Nun kamen wir der Sache näher!</p>
                    <p>„Wer ist denn dieser Edi ?“</p>
                    <p>„He, der Edi !“</p>
                    <p>Es hatte keinen Zweck, weiter zu fragen. Aber ich schien wenigstens auf der
                        richtigen Fährte zu sein. Zufällig wußte meine Frau, wem der Edi gehörte,
                        und ich nahm mir vor, seinen Vater zur Rede zu stellen.</p>
                    <p>Da entdeckte ich schon am folgenden Tage, daß nicht der Edi der Sünder sein
                        konnte. Denn niemand hatte das Haus verlassen, und der Edi war nie in der
                        Gegend gesehen worden, und trotzdem lag unter dem Apfelbaum ein halbes
                        Dutzend angebissener Aepfel. Ich befürchtete, schwermütig zu werden. Wenn
                        das so weiter ging, dann war in einigen Tagen die Apfelernte zu Ende.</p>
                    <p>Eines Morgens ~ es war Sonntag und ich hatte schlecht geschlafen ~ erhob ich
                        mich um fünf Uhr, um ein bischen im Garten zu spazieren. Ein wunderbar
                        schöner Tag hatte seinen Anfang genommen. Die Morgensonne vergoldete die
                        Höhen um mich her, während Haus und Garten noch im Schatten lagen. Nach
                        mehrmaligem Rundgange setzte ich mich auf eine an der mit Ampelopsis
                        überwachsenen Nordseite des Hauses stehende Bank. An diesen Teil meines
                        Gartens stößt der meistens aus Eichen und Buchen bestehende Gemeindewald Dem
                        Gartenzaun entlang zieht sich dichtes Gestrüpp von Hagebuchen, wilden
                        Himbeer- und Brombeersträuchern. <pb n="77"/>Ich versenkte meine Blicke in
                        das dichte Grün und lauschte dem leisen Rauschen der grünen Wipfel und dem
                        zaghaft erwachenden Vogelgezwitscher.</p>
                    <p>Wie ich so hinsah, bemerkte ich, daß sich ein Zweig wie unter einer für ihn
                        zu schweren Last auf einen Pfosten des Gartenzaunes neigte, und auf dem
                        Pfosten erschien ein allerliebstes Eichhörnchen. Die Eichhörnchen haben mir
                        immer viel Spaß gemacht, und ich verfolgte daher auch diesmal die niedlichen
                        Bewegungen des Tierchens mit großem Vergnügen. Es sprang vom Pfosten herab,
                        huschte lautlos über den Kiesweg und verschwand in ~ einem Erbsenbeet.</p>
                    <p>Sollte –– ?</p>
                    <p>Ein furchtbarer Verdacht stieg in mir auf. Unterdessen raschelte es zwischen
                        den Erbsenstöcken, und das Rascheln wollte kein Ende nehmen. Schon drohte
                        meine Ungeduld über mich Herr zu werden, als das Eichhörnchen wieder auf dem
                        Wege erschien und direkt auf den Apfelbaum los marschierte. Ich hielt den
                        Atem an. Im Nu war das flinke Tierchen am Stamm hinaufgeklettert und
                        spazierte hier von Ast zu Ast. Was es trieb, ward mir erst klar, als ein
                        Apfel herunterfiel und noch einer und noch einer.</p>
                    <p>Du neunhundertneunundneunzigmal verdammtes Aas! Da steigt es ruhig am
                        Baumsstamme herab mit dem größten Apfel im Maul, wandert nach dem Zaun,
                        schlüpft darunter durch und ist verschwunden.</p>
                    <p>Was nun? Ich bohrte meinen unheilbrütenden Blick in die Stelle, an der ich
                        das Tierchen verschwinden sah, und versuchte, meinen Zorn niederzukämpfen.
                        Aber es wollte mir nicht gelingen. Im Gegenteil! Meine Entrüstung nahm
                        ungeheure Dimensionen an und richtete sich allmählich gegen die gesamte
                        Tierwelt, einschließlich der Mollusken, Polypen usw. Ich, der edelste
                        Tierfreund unter der Sonne, ich, der ich alle <pb n="78"/>Jahre mindestens
                        einmal den zoologischen Garten besuche, ich wurde von Tieren geplündert!
                        Also ausgerechnet in meinen Garten mußte das Vieh, und den schönen großen
                        Garten meines Nachbars verschonte es!</p>
                    <p>Eine Stunde verging, bis der Zorn ausgetobt hatte und der kalte, grausame
                        Rachedurst mich den Weg finden ließ, auf dem ich die Vernichtung des
                        Eichhörnchens herbeizuführen hoffte. Ersschossen wird's, erschossen! und
                        zwar mit einem Flobert! Ich habe zwar noch nie geschossen und besitze auch
                        kein Flobert; aber ich entlehne eines, um das Eichhörnchen abzuschießen.</p>
                    <p>Jawohl, „abschießen“ nennt man das. Ich schieße ab, du schießest ab, er
                        schießt ab. Großartig! Wenn ich so rede, wird jedermann sofort merken, daß
                        ich schießen kann.</p>
                    <p>Um acht Uhr versammelte sich die Familie samt Besuch von teuren Anverwandten
                        zum Frühstück, und bei dieser Gelegenheit eröffnete ich meinen Mordplan.
                        Aber kaum war ich mit der Sprache herausgerückt, so flosssen schon Tränen
                        des Mitleids mit dem armen Eichhörnchen. Tu’s nicht! Tu's nicht! ertönte es
                        von allen Seiten.</p>
                    <p>"Laß es lieber die Aepfel holen!“ bat meine liebenswürdige Ehehälfte.</p>
                    <p>„Ach ja, ach ja! Laß es die Aepfel holen!“ bestätigte die Korona.</p>
                    <p>Nur meine sechsjährige Tochter schien ebenso grausam zu sein wie ich; denn
                        sie sagte, der Papa habe ganz recht. Außerdem ward ich von meinem zu Besuch
                        weilenden Neffen unterstützt, dem wie mir Jägerblut in den Adern rollt (sein
                        Großonkel mütterlichersseits war Wildbrethändler gewesen). Allein auch ohne
                        diese Unterstützung hätte ich mich von meinem Plane nicht abbringen
                        lassen.</p>
                    <pb n="79"/>
                    <p>„Das Eichhörnchen wird abgeschossen!“ sagte ich und richtete mich in meiner
                        ganzen Jägergröße auf. –„Es wird abgeschossen!"</p>
                    <p>Die Ruhe, mit der ich das erklärte, in Verbindung mit meiner Jägersprache,
                        wirkte. Niemand hielt mich zurück, als ich mich sofort zu einem Freunde
                        begab, von dem ich glaubte, daß er ein Flobertgewehr besitze. Diesem
                        erzählte ich die ganze Geschichte von den gefresssenen Erbsen und Aepfeln
                        bis zu meinem mörderischen Entschluß. „Da ich das Eichhörnchen abzuschießen
                        D verstehst du! abzuschießen ? — gedenke, ersuche ich dich um Ueberlassung
                        deines Flobertgewehrs.“</p>
                    <p>„So, so, fressen die Eichhörnchen Aepfel ? – Unglaublich!“ erwiderte er. „Ich
                        habe übrigens kein Flobert.“</p>
                    <p>„Nicht? Ich glaubte _“.</p>
                    <p>„Ich hatte einmal eines entlehnt, hab's aber wieder zurückgegeben. Solche
                        Sachen muß man eben zurückgeben. Dagegen weiß ich, wo du eines bekommst :
                        geh’ einmal zum Kronenwirt. Der muß eines haben wegen den Spatzen.“</p>
                    <p>Ich sah nach der Uhr. Erst halb zehn und schon zum Frühschoppen! ,„Tut
                        nichts, der Jude wird verbrannt, “ d. h. das Eichhörnchen abgeschossen! Ich
                        ging also zum Kronenwirt, der einen ausgezeichneten Walliser ausschenkt, und
                        bestellte einen Zweier. Mit dem ersten Schlucke erwachte mein etwas
                        geschwundenes Selbstbewußtsein.</p>
                    <p>„Herr Wirt“, begann ich, „würden Sie mir auf einige Tage ihr Flobert leihen?
                        Ich muß ein Eichhörnchen abschießen!“</p>
                    <p>Beim Worte „abschießen“ faßte ich ihn gehörig ins Auge und bemerkte, wie
                        seine Achtung vor mir wuchs. Aber sein Flobert bekam ich nicht.</p>
                    <pb n="80"/>
                    <p>„Mein Flobert ist nichts mehr wert. Vollständig ausgeschossen! Ich muß bei
                        nächster Gelegenheit ein neues kaufen. – Nebenbei bemerkt: das habe ich
                        nicht gewußt, daß die Eicherli Aepfel fressen.“</p>
                    <p>„Da kennen Sie die Viecher schlecht! Wie verrückt fressen die Aepfel! –
                        Wissen Sie mir sonst niemand, der mir ein Flobert leihen könnte ?“</p>
                    <p>„Doch! Der Doktor Fürbringer drüben hat ein ausgezeichnetes Flobert."</p>
                    <p>Doktor Fürbringer wohnte eine halbe Stunde von der „Krone“ entfernt, am
                        Abhange des Fuchsberges. Ich trank meinen Zweier aus und setzte einen
                        gemäßigten Trab an, bis mich das ansteigende Gelände zur Vernunft brachte.
                        Die Sonne brannte mir mit ihren herrlichen Auguststrahlen breit auf den
                        Rücken.</p>
                    <p>Doktor Fürbringer war nicht zu Hause. Ich mußte also die Geschichte von
                        „Erbsen“ bis „abschießen“ seiner Frau erzählen. Die gute Seele! Sie
                        bedauerte außerordentlich, daß sie mir den Gefallen nicht erweisen konnte;
                        allein das Fürbringersche Flobert befand sich in Reparatur. Dafür mußte ich
                        ihren Kirsch versuchen. „Wir haben ihn von unsern eigenen Kirschen brennen
                        lassen. Er ist sehr gut !“</p>
                    <p>Sie schenkte mir aus der bereitstehenden Flasche ein Gläschen ein, und ich
                        nippte daran, indem ich die Miene eines Fachmannes aufsetzte und das Getränk
                        über die Zunge rieseln ließ wie ein echter Weinhändler. Sie benützte die
                        Pause, um die mir nicht mehr unbekannte Frage an mich zu richten:</p>
                    <p>„Ei, ei, die Eichhörnchen fressen auch Aepfel?</p>
                    <p>„Gewiß fressen die Eichhörnchen Aepfel“ antwortete ich und leerte das
                        Glas.</p>
                    <p>„Bitte, noch eines!"</p>
                    <p>„Nein, ich danke! Ich trinke sonst vormittags nie Schnaps."</p>
                    <pb n="81"/>
                    <p>Ich entfernte mich nach einigen Minuten ohne Flobert, aber mit einem Schnaps
                        im Magen, der suchen mochte, wie er sich mit dem Zweier Walliser vertrug,
                        und mit dem gutem Rate, einmal beim Rößliwirt nachzufragen. Der habe auch
                        ein Flobert.</p>
                    <p>Der Röüßliwirt war bekannt wegen seines guten Elsässerweines. Ich marschierte
                        also, die ersten schweren Schweißtropfen von der Stirne wischend, nach dem
                        Dorfe zurück zum „Rößli“, bestellte einen Zweier Elsässer und trug mein
                        Anliegen vor. Doch der Rößliwirt hatte kein Flobert. Er habe einmal eines
                        gehabt; aber die Kinder hätten es ihm kaput gemacht. Das habe er übrigens
                        auch noch nie gehört, daß die Eicher Apfel fressen.</p>
                    <p>Ich hatte die beste Lust, ihm eine an die Ohren zu hauen. Diese Zweifel an
                        meiner Wahrheitsliebe begannen mich aufzuregen. „Der Ochsenwirt –" Ich wußte
                        schon! Der Ochsenwirt hatte ein ausgezeichnetes Flobert! Aber konnte ich mit
                        meinen zwei Zweiern und einem Kirschwasser noch zum Ochsenwirt? Und zudem
                        war der Ochsenwirt berüchtigt wegen seines gewässerten Weines. Doch es mußte
                        sein!</p>
                    <p>„Was ist gefällig ?“ fragte mich die liebliche Tochter, die mit ihren süßen
                        Augen die Aufmerksamkeit der Gäste vom Weine ablenken mußte. Ich streichelte
                        ihr molliges weißes Patschhändchen, das sie berechnend auf den Tisch gelegt
                        hatte, und bestellte ein Bier.</p>
                    <p>„Ist der Vater zu sprechen?"</p>
                    <p>„Ja, ich will ihn rufen." Und dann kam die Eichhörnchengeschichte mit
                        Flobert-Schluß."</p>
                    <p>„So? Gehn die Eicherli auch an die Äpfel?"</p>
                    <p>Ich blieb ruhig. Man sah mir nicht an, daß ich von meinen Vorvätern heißes
                        Blut geerbt habe. Aber innerlich kochte es. Unter Zusammennahme meines
                        letzten Restes an Selbstbeherrschung konnte ich ihn nochmals an das Flobert
                        erinnern.</p>
                    <pb n="82"/>
                    <p>„Ja so, mein Flobert! Das kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich habe es an
                        meinen Bruder ausgeliehen. Wissen Sie, der hat so viele Spatzen! O, also
                        Spatzen hat der! Davon macht man sich keinen Begriff. Wenn ich Ihnen einen
                        guten Rat geben darf, so gehen Sie zu Herrn Lehrer Habermann hinüber am
                        Wolfshag. Der hat einen ganz neuen Flobertstutzen."</p>
                    <p>War das eine Gemeinheit oder war es keine? Existierte eine Verschwörung gegen
                        mich ? Habermann wohnt ausgerechnet dreiviertel Stunden vom „Ochsen“
                        entfernt. Nun, ich nahm den Weg unter die Füße. Bis zum Mittagessen konnte
                        ich zurück sein. Der Marsch war beschwerlich ; denn in meinem Magen ruhten
                        zwei Zweier Wein, ein Kirsch und ein Bier. Aber meine Energie sollte sich
                        diesmal in ihrer strahlendsten Größe zeigen.</p>
                    <p>Herr Habermann war zu Hause. Ich begrüßte ihn und begann mit meinem
                        Vortrag.</p>
                    <p>„Gestatten Sie, daß ich Sie unterbreche! Ich habe ein ausgezeichnetes
                        Nußwasser angesetzt."</p>
                    <p>„Um Gottes Willen machen sie mich nicht unglücklich! Ich kann nicht.“</p>
                    <p>„Nur ein Gläschen! Sie beleidigen mich, wenn Sie ablehnen.“</p>
                    <p>Ich wollte ihn nicht beleidigen, bevor ich den Flobertstutzen hatte, und
                        trank während zwei Minuten zwei Gläschen Nußwasser. Das macht also: ein
                        Zweier Walliser, ein Kirsch, ein Zweier Elsässer, ein Bier und zwei Gläschen
                        Nußwasser.</p>
                    <p>„Und nun wollen Sie", fragte Herr Habermann, als ich mein Anliegen
                        vorgebracht hatte, „von mir einen Flobertstuzen? Einen Stutzen habe ich
                        nicht. Dagegen kann ich Ihnen ein Flobert leihen. Aber tragen Sie Sorge
                        dazu! Es gehört nämlich nicht mir, sondern einem meiner Freunde. Und wenn
                        Sie schießen, so <pb n="83"/>halten Sie immer vom Ziel aus etwa 20
                        Zentimeter weiter nach rechts und 10 Zentimeter weiter nach unten. Ich habe
                        es ausprobiert.“</p>
                    <p>Ich war selig. Mit Liebe umfaßte ich den Lauf und steckte die Schachtel mit
                        den Kugeln in die Tasche.</p>
                    <p>„Vielen Dank, Herr Habermann!" stammelte ich und wollte mich verabschieden.
                        Habermann begleitete mich an die Türe; denn die unselige Frage mußte doch
                        noch heraus :</p>
                    <p>„So, so ? Die verflixten Eicher gehen auch an die Aepfel ?"</p>
                    <p>„Ja“, antwortete ich, in mein Schicksal ergeben, ,sie gehn auch an die
                        Aepfel."</p>
                    <p>Unterwegs memorierte ich: 20 Zentimeter weiter nach rechts und 10 Zentimeter
                        weiter nach unten. Eine Bäuerin kam mir entgegen. „Grüß Gott!“ ,20
                        Zentimeter weiter nach rechts und 10 Zentimeter weiter nach unten." Sie
                        schüttelte den Kopf und ging weiter. Aber ihr Kopfschütteln war mir egal;
                        denn ich hatte ein Flobert. – 20 Zentimeter weiter nach rechts und 10
                        Zentimeter weiter nach unten.</p>
                    <p>Es ward einsam um mich her, so daß ich wenigstens aufblicken konnte, ohne zu
                        riskieren, gefragt zu werden, ob die Eichhörnchen Aepfel fressen. Tiefblauer
                        Himmel und die gelben üppigen Kornfelder, vom Ostwind leicht gekräuselt! Die
                        Feuerblumen lachten daraus hervor, und über den Blumen torkelten, trunken
                        vom Blütenduft, die Schmetterlinge. Unten am Berge leuchtete das weiße Dorf.
                        Kaum hatte jedoch die wunderbare Mittagsstille mich mit der Welt versöhnt,
                        so begann eine Bremse, mich zu umkreisen. Ich schlug mit dem Gewehrkolben
                        nach ihr; es nützte nichts, sie kehrte immer wieder zurück. Da ließ ich sie
                        auf meiner silbergrauen Weste absitzen und versetzte mir mit der flachen
                        Rechten <pb n="84"/>derart einen Hieb auf den Magen, daß ich das Feuer im
                        Elsaß zu sehen glaubte. Unterdessen hatte mich eine andere Bremse in die
                        linke, das Gewehr haltende Hand gestochen. Was blieb mir übrig, um diesen
                        Unholden zu entgehen, als einen erneuten Laufschritt anzuschlagen?</p>
                    <p>In Schweiß gebadet, kam ich um ein Uhr nach Hause. Die zwei Zweier Wein, der
                        Kirsch, das Bier und die zwei Nußwässer spritzten förmlich aus meinen Poren,
                        so daß mein Kopf dem Verteiler einer Gießkanne in Aktion nicht unähnlich
                        war. Auf zwölf Uhr präzis war das Essen gerichtet gewesen, und nun war alles
                        kalt geworden. Allein was hatte das zu sagen angesichts der Tatsache, daß
                        ich im Besitze eines Floberts war, daß die Tage des Eichhörnchens gezählt
                        waren?</p>
                    <p>Der Nachmittag wurde zum größten Teil zu Schießübungen verwendet. Vorerst
                        zielte ich auf ein Blatt Papier von 20 Zentimeter im Quadrat. Keine Spur von
                        einer Spur! Dann nahm ich ein Blatt von einem halben Meter im Quadrat.
                        Nichts! Schließlich setzte ich aus mehreren Pappendeckeln eine Scheibe von
                        einem Quadratmeter zusammen. Endlich ein Resultat] Der Schuß saß in der
                        untern rechten Ecke, vom Zentrum aus gemessen 40 Zentimeter zu weit rechts
                        und 45 Zentimeter zu weit nach unten. Probieren wir's noch einmal! Da saß
                        der Schuß links oben in der Ecke, und ein dritter Schuß saß gar nicht mehr
                        auf der Scheibe. „Das Gewehr muß höchst minderwertig sein,“ sagte ich mir
                        und schoß weiter, und jeder Schuß ging irgendwo anders hin.</p>
                    <p>„Herr Habermann wird's doch besser wissen als du," mischte sich nun meine
                        Frau in die Sache, „wie das Gewher schießt, und wenn er dir sagt, du müßest
                        20 Zentimeter nach rechts und 10 Zentimeter nach unten halten, so wird's
                        wohl so sein."</p>
                    <pb n="85"/>
                    <p>Die Frauen haben immer recht. Ich stellte daher meine Uebungen ein.</p>
                    <p>Beim Nachtessen drehte sich das Gespräch ausschließlich um die
                        Eichhörnchenjagd, und ich unterließ es nicht, darauf aufmerksam zu machen,
                        daß die Eichhörnchen ein seltener Leckerbissen seien.</p>
                    <p>„Ein Eichhörnchen reicht aber kaum für die ganze Familie," behauptete mein
                        Neffe mit dem Jägerblut.</p>
                    <p>„Ja, meinst du," gab ich zurück, „ich schieße nur eines? Es ist gar nicht
                        ausgeschlossen, daß sich mehrere, vielleicht ein Dutzend, auf meinem
                        Apfelbaum verproviantieren. Die schieße ich alle der Reihe nach ab! Sie
                        sollen übrigens sehr leicht zu treffen sein. Sobald sie bemerken, daß man
                        zielt, halten sie still und blicken einem direkt ins Rohr.“</p>
                    <p>Allgemeines Gelächter.</p>
                    <p>„Ja, da gibt's nichts zu lachen," fuhr ich fort. „Das hat mir ein alter,
                        routinierter Jäger erzählt."</p>
                    <p>Dann wandte ich mich an meine Frau:</p>
                    <p>„Kannst du Eichhörnchen zubereiten ?"</p>
                    <p>„Triff sie nur erst einmal! Zubereitet sind sie dann bald."</p>
                    <p>„Und denk’ dir: all die hübschen Felle!“ wagte ich noch zu bemerken.</p>
                    <p>„O, da bekomme ich eine Pelzkappe und einen Muff!“ jubelte meine sechsjährige
                        Tochter, in diesem Momente der einzige Mensch auf Erden, der noch an den
                        Jäger in mir glaubte. Auch sie erntete nur ein gerührtes, mitleidiges
                        Lächeln, und zwar galt die Rührung ihr und das Mitleid mir.</p>
                    <p>Frühzeitig legte ich mich aufs Ohr, um bald ins Reich der Träume zu
                        versinken. Natürlich träumte ich von Eichhörnchen, nichts als von
                        Eichhörnchen. Sie saßen vor mir in Reih und Glied, hielten mit den
                        Vorderfüßen große, rotbackige Aepfel, knabberten daran <pb n="86"/>herum und
                        blicken mich höhnissch an. Ich wollte schießen, fand aber mein Gewehr nicht.
                        Ich faßte nach einem Stock, konnte ihn aber nicht heben. Ich wollte mit den
                        Fäusten auf sie los, war aber am Boden festgewachsen und kam nicht vorwärts.
                        Da hüpfte das mir zunächst sitende Eichhörnchen auf mich zu, und siehe: es
                        war gar kein Eichhörnchen, sondern mein Neffe. Er packte mich am Arm, und
                        plötzlich war ich nicht mehr festgewachsen, sondern ging mit ihm, wohin er
                        mich führte. „Hier ist Bern!“ sagte er mir und hielt an. Bern mußte sich bis
                        zur Unkenntlichkeit verändert haben. „Das ist nicht Bern!“ behauptete ich.
                        „Doch, das ist Bern. Du wirst es gleich an den vielen Eichhörnchen erkennen,
                        die am Münster den Feuerhaspel drehen." Ich sah mich nach dem Sprechenden
                        um. Da stand nicht mehr mein Neffe, sondern ein längst verschollener
                        Jugendfreund, der mich eine Gasse entlang führte, bis wir uns einer
                        mächtigen Eichhörnchentrülle gegenüber befanden, in welcher es von
                        Eichhörnchen wimmelte, die aber trotzdem stille stand. „Wenn diese Trülle
                        losgelassen wird, treibt sie den Feuerhaspel. Das geht nämlich so,“ sprach
                        mein Freund, der ein mir vollständig unbekanntes Gesicht angenommen hatte,
                        und durchschnitt ein Seil, mit welchem die Trülle festgebunden war. Sie
                        setzte sich in Bewegung und trieb wirklich den Feuerhaspel, der einen
                        durchdringenden Lärm machte.</p>
                    <p>Ich schreckte auf. Es war mein Wecker, der herunterrasselte und den ich
                        schnell abstellen muße, damit nicht das ganze Haus in Aufregung geriet. Vier
                        Uhr! Notdürtig angekleidet, schlich ich aus dem Schlafzimmer und setzte mich
                        an das Fenster einer Mansarde, von welchem aus ich den Garten überblicken
                        konnte. Das Gewehr wurde geladen und ans Gesims gelehnt, und nun harrte ich
                        des Eichhörnchens.</p>
                    <pb n="87"/>
                    <p>Es war noch beinahe Nacht. Die Dämmerung hatte erst ihre leisen Vorboten
                        hinausgesandt. Kaum waren die schwarzen Baumkronen des Waldes vom dunkeln
                        Nachthimmel zu unterscheiden. Am Fenster huschten mit unhörbarem
                        Flügelschlag die Fledermäuse vorbei und aus dem Dickicht schallte von Zeit
                        zu Zeit der Schrei eines Käuzchens.</p>
                    <p>Und diese wunderbare Einsamkeit, die mich im tiefsten Innern bewegte, die
                        alle Saiten meines Gemütes erklingen ließ und meinen Geist auf ferne,
                        sonnige Höhen trug, diese Einsamkeit und in ihr diese heilige, grüne
                        Waldesnacht wollte ich durch einen Schuß ins Tierreich entweihen! Ich kam
                        mir vor wie Tell einst in der hohlen Gasse:</p>
                    <p>Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken!</p>
                    <p>– – – – – – – – – – – –</p>
                    <p>Während ich in die Stille hinausgeträumt hatte, war ganz allmählich die
                        Dämmerung herangeschlichen, um der Allsssiegerin Sonne den Weg zu bereiten.
                        Vom Dorfe herauf tönten die ersten Kikerikis, die ersten Dengelschläge der
                        Bauern, und nun begann der Wald zu erwachen. Die Rotschwänzchen fingen mit
                        dem Reigen an. Es folgten die Amseln, die Drosseln, die Finken, die Meisen.
                        Die Spagen piepsten dazwischen, und als die aufgehende Sonne die Baumwipfel
                        des Waldes rötete, setzte ein Lärm seiner gefiederten Bewohner ein, daß
                        einem Hören und Sehen verging.</p>
                    <p>Unbeweglich dem Konzerte lauschend, bemerkte ich im Gebüsch starke Bewegung.
                        Den Atem anhaltend, riß ich mein Gewehr an mich. Es kam aber kein
                        Eichhörnchen, sondern eine Amsel, die sich auf den Rand des Kompostbehälters
                        setzte und nach Kohlblättern zu picken schien. „Dort schadet sie nichts",
                        sagte ich mir und stellte meine Waffe wieder ans Gesims. Eine <pb n="88"/>zweite, eine dritte Amsel kam. Endlich war es ein halbes Dutzend. Sie
                        flatterten hin und her, kehrten aber immer wieder zum Komposthaufen
                        zurück.</p>
                    <p>Da pochte es an die Kammertür, und auf mein "Herein !" erschien mein Neffe
                        mit dem Jägerblut.</p>
                    <p>„Guten Morgen, Onkel!" rief er fröhlich.</p>
                    <p>„Halt's Maul!" zischte ich zurück. „Du verscheuchst mir ja das
                        Eichhörnchen."</p>
                    <p>„Ja, ist's schon da ?"</p>
                    <p>„Nein! Aber es kommt doch nicht, wenn du brüllst wie ein Ochse !"</p>
                    <p>Die Amseln verzogen sich nach andern Teilen des Gartens, und es erschienen
                        erst zwei Buchfinken und dann ein Spatz nach dem andern.</p>
                    <p>„Schieß doch auf die Sperlinge, Onkel!" Als gut erzogener Reichsdeutscher
                        spricht mein Neffe nur von "Sperlingen“.</p>
                    <p>„Das kann ich doch nicht. Sobald ich schieße, mache ich die Eichhörnchen
                        scheu, und dann ist's aus."</p>
                    <p>Die Kammertür öffnete sich von neuem, um meine Frau einzulassen. Sie wollte
                        nur nachsehen, ob mir bei der eckelhaften Schießerei nichts passiert sei.
                        Almählich versammelte sich die ganze Verwandtschaft und schließlich
                        trippelte, um das allgemeine Hallo noch zu vergrößern, meine sechsjährige
                        Tochter im Nachthemdchen herbei. Und bei dem ganzen Manöver sollten sich die
                        Eichhörnchen zeigen? Das Stärkste war dabei, daß alle behaupteten, das
                        Eichhörnchen sei schon dagewesen; ich hätte es aber gefehlt.</p>
                    <p>Was blieb mir da anderes übrig, als meine Schießfertigkeit an einem Spatz zu
                        beweisen?</p>
                    <p>„Seht ihr den Spatz dort auf dem Spalierbäumchen?</p>
                    <p>– Der wird abgeschossen."</p>
                    <pb n="89"/>
                    <p>Dieweil ich aber mein Gewehr an die Wange riß, flog er davon.</p>
                    <p>„Die Jagd ist dort hinaus !“ deklamierte der Neffe mit dem Jägerblut, und
                        meine sechsjährige Tochter lachte königlich über den Witz.</p>
                    <p>Mittlerweile hatte ich aber schon auf einen andern Spagt; gezielt. Zwanzig
                        Zentimeter weiter nach rechts, zehn weiter nach unten – ein Schnappen des
                        Hahns und ein feines blaues Räuchlein!</p>
                    <p>„So, den hat's", behauptete ich mit einem tiefen Seufzer der
                        Befriedigung.</p>
                    <p>„Absolut nicht!“" erwiderte die Festversammlung unisono. „Er ist davon
                        geflogen."</p>
                    <p>„Ich habe doch deutlich gesehen, wie die Federn stoben. – Geh," wandte ich
                        mich an den Neffen, ,sieh nach! Links vom Bäumchen muß er liegen."</p>
                    <p>Er ging, fand aber nichts. „Noch weiter links |“ rief ich hinunter. „Etwas
                        weiter hinten — jetzt wieder mehr rechts ~ oder vielleicht vorn." Er fand
                        nichts.</p>
                    <p>„Wahrscheinlich hat er sich, schwer verwundet, ins Dickicht geflüchtet,"
                        bemerkte ich und schoß weiter ~ zwanzig Zentimeter nach rechts, zehn
                        Zentimeter nach unten ~, und mein Neffe suchte jeweilen nach der Beute, die
                        sich leider immer wieder, schwer verwundet, ins Dickicht geflüchtet hatte.
                        Um sieben Uhr stellte ich das Feuer ein und hielt folgende Ansprache :</p>
                    <p>„Hochansehnliche Versammlung! Das Jagdglück ist launisch. Es versagte mir
                        diesmal den Tod meines Erzfeindes, des Eichhörnchens. Ich lebe aber der
                        sichern Hoffnung, daß es durch mein Feuern auf die Spatzen derart
                        eingeschüchtert worden ist, daß es sich jedenfalls zweimal besinnen wird,
                        ehe es wieder an meine Aepfel –" „Unsere Aepfel,“ warf meine Frau
                        dazwischen, <pb n="90"/>– ehe es wieder an unsere Aepfel geht. –
                        Waidmannsheil !"</p>
                    <p>Als ich eine Stunde später den Garten betrat, lagen wieder sechs Aepfel mit
                        deutlichen Spuren von Nagezähnen unter dem Apfelbaum, und eine neue Ladung
                        von Erbsen war gefressen.</p>
                </div>
                <pb n="91"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Wie ich beinahe Gemeinderat geworden wäre.</head>
                    <p>Ich und die Politik oder vielmehr die Politik und ich standen nie in einem
                        erfreulichen Verhältnisse zu einander. Wenn ich hier von Politik rede, so
                        denke ich nicht etwa an die Politik der hohen Diplomatie; denn für diese
                        habe ich auffallend viel Verständnis, und ich bedaure nur, daß mich das
                        Schicksal nicht auf irgend einen Botschafterposten oder in einen
                        Ministersessel des Aeußern setzte. Doch das Schicksal hat es nun einmal
                        anders bestimmt, wie es — nebenbei bemerkt - auch mein sstrategisches Genie
                        zur Verkümmerung verurteilte. Ich war nämlich mein Leben lang ein großer
                        Stratege. Schon als Knabe habe ich einen ungeheuren Verbrauch an
                        Bleisoldaten erzielt, und als späterer Manöverbummler wußte ich immer alles
                        besser als die Manöverleitung. Für jeden Generalstab in- und außerhalb
                        Europas halte ich einen Kriegsplan zur Verfügung, der unfehlbar zum Siege
                        führt, und ich bin wirklich neugierig zu erfahren, welche Großmacht zuerst
                        den Prinz Eugenius redivivus entdeckt.</p>
                    <p>Kehren wir indessen zur Politik zurück! Wenn ich hier von Politik rede, so
                        meine ich die Parteipolitik, den Streit zwischen den Parteien des
                        „unentwegten", des „gesunden“ und des „vernünftigen“ Fortschritts. <pb n="92"/>Zu dieser Politik, der Parteipolitik, stand ich also, wie schon
                        gesagt, nie in einem angenehmen Verhältnisse. Zwar wage ich nicht, wie dies
                        böse Mäuler schon getan haben, die Parteipolitik als eine Schule der
                        Korruption zu bezeichnen. Aber ~ für Pflanzstätten des Seelenadels halte
                        auch ich die politischen Parteien nicht. Von dieser Ueberzeugung bringen
                        mich keine noch so ernsthaften Bekehrungsverssuche ab. Trotzdem mußte es
                        ausgerechnet mir, wenn auch ein einziges Mal in meinem Leben, passieren, daß
                        ich in den politisschen Strudel gezogen wurde, nicht etwa als unschuldiges
                        Subjekt, als Stimmvuieh, sondern als Objekt, als Kandidat einer Partei bei
                        einer Gemeinderatswahl. Wie es mir dabei erging, das will ich dem geneigten
                        Leser zu schildern versuchen.</p>
                    <p>Ich hatte das reizend zwischen liebliche Hügel gebettete Roßwil zum Wohnsitz
                        und Adoptivvater-Dorf gewählt. Wo Roßfßwil liegt, ist durchaus Nebensache,
                        und ich möchte meine zukünftigen Biographen schon jetzt darauf aufmerksam
                        gemacht haben, daß Roßwil auf der Landkarte nicht zu finden ist. Item, das
                        Dorf gefiel mir vom ersten Besuche an nach allen Richtungen. Nicht in den
                        Kram aber paßten mir einzelne seiner Bewohner, namentlich die maßgebenden
                        unter ihnen. Ueber alle Methoden, nach welchen Menschen schikaniert werden
                        können, genoß ich einen Anschauungsunterricht von seltener Gründlichkeit.
                        Einige Beispiele:</p>
                    <p>Kaum eingezogen, war ich an einem Sonntagmorgen im Garten beschäftigt, als
                        mir ein Gemeinderatsmitglied über den Zaun zurief:</p>
                    <p>„Es ist Sonntag !"</p>
                    <p>„Ich weiß es," entgegnete ich.</p>
                    <p>„Man darf am Sonntag nicht arbeiten."</p>
                    <p>„Ich arbeite nicht, ich erhole mich.“</p>
                    <p>„Die Sonntagsarbeit ist verboten!"</p>
                    <pb n="93"/>
                    <p>Da riß mir die Geduld.</p>
                    <p>„Ich sehe euch Bauern doch jeden Sonntag Gras heimholen. Ist das etwa keine
                        Sonntagsarbeit ?"</p>
                    <p>„Das Grasen und Heuen ist laut Sonntagsgesetz nicht verboten !"</p>
                    <p>„Das heißt: was euch paßt, ist erlaubt, und was mir paßt, ist verboten. –
                        Adieu"</p>
                    <p>Ich wurde verzeigt, kam aber mit einer Warnung davon. – Doch weiter:</p>
                    <p>In einer stürmischen Novembernacht, zwischen einem Samstag und einem Sonntag,
                        hatte ein wolkenbruchartiger Regen allen Kies aus meinem windschiefen Garten
                        hinausgeschwemmt, und es blieb mir daher nichts anderes übrig, als ihn am
                        Sonntagmorgen korbweise wieder hereinzutragen und mit dem Rechen
                        auszubreiten. Da schreckte mich mitten in der Arbeit Iocki, der Bannwart,
                        auf:</p>
                    <p>„Sie, das Rechen ist am Sonntag verboten!"</p>
                    <p>„Notstandsarbeit !" seufzte ich.</p>
                    <p>„Notstandsarbeit hin oder her! Sie dürfen am Sonntag nicht rechen !"</p>
                    <p>„Aber ich bitte Sie, bester Herr Jocki, wann soll ich's denn tun? An
                        Werktagen bin ich tagsüber in der Stadt. Bevor ich morgens wegfahre, ist's
                        finster, und wenn ich abends heimkehre, ist's Nacht."</p>
                    <p>„Das geht mich nichts an!“</p>
                    <p>„So steigen Sie mir gefälligst den Buckel hinauf !"</p>
                    <p>Ich wurde mit fünf sauer verdienten Franken gebüßt und trug mein Ungemach mit
                        Geduld, bis mit dem neuen Zivilgesezbuch und mit der Neuanlegung des
                        Grundbuches neues Elend über mich kam. Ich wurde eines Tages aufgefordert,
                        die zu meinen Gunsten lautenden Dienstbarkeiten anzumelden. Das ließ ich mir
                        nicht zweimal sagen, sondern meldete sofort auf Mord <pb n="94"/>und Brand
                        an. Erstens, zweitens, drittens u. s. w.! Ich besaß massenhaft Servituten
                        oder – glaubte, sie zu besitzen, bis mich „eine hohe Behörde“ eines bessern
                        belehrte. Unter anderem hatte ich angenommen, daß ich berechtigt sei, die
                        einzige nach meiner Liegenschaft führende Straße für meine Zwecke zu
                        benugzen, und verlangte getrost die Eintragung meines Wegrechtes. Da erfuhr
                        ich zu meinem Schrecken, daß ich kein Wegrecht habe. Prost Mahlzeit! Kann
                        sich der geneigte Leser so etwas vorstellen? — Aehnliches passierte bis
                        jetzt nur dem Papste, mit dem einzigen Unterschied, daß der Papst seinen
                        Vatikan nicht verlassen will, ich aber den meinigen nicht verlassen d ar f.
                        Ob ich das Wegrecht in meinem Garten besitze, wagte ich schon gar nicht zu
                        fragen aus Angst, es werde mir ebenfalls entrissen. Was tun? – Ich
                        usurpierte für fünf Minuten mein nicht vorhandenes Wegrecht und eilte zum
                        Präsidenten „einer hohen Behörde“.</p>
                    <p>„Sie," begann ich möglichst diplomatisch, „Sie enthalten mir das Wegrecht
                        vor; aber ich muß doch einen Weg zu meinem Hause haben !“</p>
                    <p>„Das haben Sie ja! ~ Nur kein Wegrecht haben Sie!“</p>
                    <p>„Was nützt mir der Weg, wenn ich kein Wegrecht habe ?“</p>
                    <p>„Daran hätten Sie früher denken sollen!“</p>
                    <p>„Warum habe ich dann die Baubewilligung bekommen ?“</p>
                    <p>„Weil das Land damals noch ihrem Nachbarn gehörte und dieser Nachbar von der
                        andern Seite her eine Zufahrt hatte.“</p>
                    <p>Der Interpellant erklärte sich für nicht befriedigt und ging kopfschüttelnd
                        nach Hause. Ich hatte also eine Baubewilligung bekommen, weil mein Nachbar
                        eine Zufahrt besaß! Eine seltsame Begründung für <pb n="95"/>meinen
                        Wegrechtsmangel! Offen gestanden; ich hatte kein Verständnis für derartige
                        zivilrechtliche Verhältnisse und sah mich daher genötigt, mich in stiller
                        Resignation nach den Preisen für Luftschiffe und Flugapparate zu erkundigen;
                        denn das Luftwegrecht konnte mir niemand entziehen. Allein angesichts der
                        Preise für den simpelsten Eindecker wuchs sich meine Resignation zur
                        Verzweiflung aus. Schon sah ich im Geiste die zukünftige Verbottafel neben
                        meiner Gartentüre stehen und zitternd las ich:</p>
                    <p>Dieser Weg ist kein Weg. . Wer es dennoch tut, bekommt 5 Franken oder einen
                        Tag Haft.</p>
                    <p>Der Gemeinderat.</p>
                    <p>In meiner höchsten Not suchte ich nach einem Leidensgenossen, fand ihn in
                        Gestalt meines Roßwiler Freundes Schaaggi Kurzmeier und schüttete ihm mein
                        vielgeplagtes und vielverkanntes Herz aus. Schaaggi hatte zufällig ähnliches
                        erlebt, und schüttete mit. Was aus diesen beiden Herzen ausgeschüttet wurde,
                        das staute sich zu einem ansehnlichen Haufen. Der Haufe wurde sortiert, das
                        Wichtigste beiseite gelegt, und aus diesem Wichtigsten brauten wir einen
                        Aufruf an unsere Roßwiler Mitgeplagten zusammen, einen Aufruf voll
                        revolutionierender Gedanken, voller Hingabe an das gemeinsame Ganze, voll
                        blendenden Feuers. Von der Tyrannenmacht, die eine Grenze hat, schrieben wir
                        und von dem einigen Volk von Brüdern, das wir sein wollten. Der Erfolg war
                        wunderbar! Die ganze Roßwiler Villenkolonie erklärte sich mit uns
                        solidarisch. Ich träumte schon von gewaltigen Protestversammlungen mit
                        anschließenden Demonstrationszügen, von einer Revolution, gegen welche die
                        große französische ein Kinderspiel war.</p>
                    <p>Haaruus !</p>
                    <pb n="96"/>
                    <p>„Einem gemeinsamen Vorgehen,“ bemerkte ich Schaaggi Kurzmeier, „stellt sich
                        insofern ein Hindernis entgegen, als hier alle Wirte mit dem Gemeinderate
                        unter einer Decke stecken. Und irgendwo müssen wir doch zusammenkommen
                        ?"</p>
                    <p>„Im schlimmsten Falle,“ erwiderte Kurzmeier, „können wir uns
                        abwechslungsweise in unsern Privatwohnungen treffen. Die Präliminarien zum
                        Rütlischwur fanden auch nicht in einer Wirtschaft, sondern bei Walther Fürst
                        statt."</p>
                    <p>Nach einigem Nachdenken fiel mir ein, daß der Rößliwirt im ersten Stocke ein
                        nettes, kleines Lokal hatte, in welchem der neueste Rütlischwur geschworen
                        werden konnte, ohne daß wir indiskrete Zuhörer zu fürchten hatten. Im
                        Einverständnis mit Schaaggi Kurzmeier lud ich sämtliche Roßwiler
                        Villenbesitzer auf einen Samstagabend ins „Röüßli“ ein zur Beratung über ein
                        Schutz- und Trutzbündnis. Der von mir mit Inbrunst erwartete Tag kam herbei.
                        Ich war der erste auf dem Platze und konstatierte mit freudigem Erstaunen,
                        daß alle, alle erschienen! Der schlaue Habermann und der joviale Dr.
                        Fürbringer, der fröhliche Kurzmeier, der schöne Rumpler und wie sie sonst
                        noch heißen mögen. Man stellte sich gegenseitig vor, soweit dies noch nicht
                        geschehen war, setzte sich um den großen runden Tisch herum, machte sich
                        gegenseitig Komplimente und beglückwünschte mich zu meiner großartigen
                        Idee.</p>
                    <p>Ich eröffnete die Sitzung, indem ich etwas wie ein Exposé von mir gab. Was
                        ich sagte, war mir selber nicht ganz klar; denn ein Redner bin ich nie
                        gewesen, und noch heute bekomme ich das Lampenfieber, wenn ich mehr als zwei
                        Augen auf mich gerichtet sehe. Doch im großen und ganzen schien ich
                        verstanden worden zu sein, was ich daraus schloß, daß mich der schlaue
                        Habermann unterstützte, während mir der joviale Dr. Fürbringer<pb n="97"/>
                        für die Initiative dankte. Das Eis war gebrochen, und einer nach dem andern
                        erzählte von seinem Kolonistenjammer. Damit war aber die Sache noch nicht
                        erledigt. Man beschloß schon beim zweiten Dreier Elsässer mit großer
                        Begeisterung, sich zusammenzuschließen, um vereint den Widerstand der Bauern
                        gegen zeitgemäße Reformen zu brechen. Zum Schlusse schritten wir zur Wahl
                        einer Kommission. Präsident wurde natürlich ich. Ich hatte nichts anderes
                        erwartet ; denn so oft ich in meinem Leben einen Verein gründen half, so oft
                        wurde ich Präsident. Das Präfidentwerden lastet wie ein schwerer Fluch auf
                        meinem ganzen Leben. Bald hatten wir Erfolge aufzuweisen. Wenn wir in der
                        Gemeindeversammlung geschlossen auftraten, geschah es, daß sich auch etliche
                        mit Vernunft begabte Köpfe unter den Bauern unsern Argumenten nicht
                        verschlosssen und für unsere Anträge stimmten. Der Kamm schwoll uns daher
                        gewaltig, und als eines Tages ein Mitglied des Gemeinderates zurücktrat,
                        beanspruchten wir den Pofsten für uns.</p>
                    <p>Der Verein sollte den Kandidaten bestimmen. Seine Aufstellung bildete das
                        Haupttraktandum unserer der Wahl vorausgehenden Sitzung. Ich eröffnete sie
                        wieder mit einem Exposé, in welchem ich die Notwendigkeit unserer Vertretung
                        im Gemeinderat begründete. Männiglich war mit mir einverstanden, so daß man
                        der Kandidatenfrage näher treten konnte. Ich schlug Herrn Alois Habermann
                        vor. Allein der schlaue Habermann lehnte ab wegen Mangel an Zeit. Ich ging
                        weiter und fragte Herrn Dr. Fürbringer an. Der hatte leider auch keine Zeit.
                        Ich sette meine Umfrage fort, und mir wurde heiß und immer heißer und
                        schließlich siedend heiß; denn alle hatten aus plausiblen Gründen abgelehnt,
                        so daß ich befürchten mußte, die Sache bleibe an <pb n="98"/>mir hängen.
                        Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Schaaggi Kurzmeier verlangte das
                        Wort und sprach :</p>
                    <p>„Meine Herren! Wir haben nun seit einer Reihe von Monaten getagt unter der
                        umsichtigen und flotten Leitung unseres Herrn Präsidenten und haben ihn alle
                        kennen und schätzen gelernt. Wenn wir Erfolge aufzuweisen hatten, so
                        verdanken wir es nicht zuletzt seiner Energie und seinem Geschick. Ich nehme
                        daher an, daß Sie, meine Herrn, alle mit mir einverstanden sind, wenn ich
                        unsern verehrten Herrn Präsidenten als Kandidaten für den erledigten Posten
                        eines Gemeinderatsmitgliedes vorschlage. Er verfügt über die nötige freie
                        Zeit, und ich lebe der bestimmten Ueberzeugung, daß unser Herr Präsident der
                        rechte Mann am rechten Platze sein wird."</p>
                    <p>Beifälliges Gemurmel und einzelne Bravos folgten dieser Rede. Ich aber
                        blickte bescheiden errötend vor mich nieder und suchte nach einer Begründung
                        für meine Ablehnung; denn aus meinem tiefsten Innern rang sich ein
                        kategorisches „Niemals“ empor. Ich dankte für das allseitige Zutrauen,
                        machte aber geltend, daß ich unmöglich annehmen könnte wegen ~ Mangel an
                        Zeit. Das wollte mir kein Mensch glauben. Man bat mich und bestürmte mich,
                        bis ich mir zuletzt nach berühmten Mustern eine Bedenkzeit von zweimal
                        vierundzwanzig Stunden erbat. (Was ich während dieser Zeit bedenken sollte,
                        wußte ich zwar nicht, weil ich bestimmt vorhatte, auf die Ehre zu
                        verzichten.) Allein nicht einmal diese Bedenkzeit wurde mir gewährt. Die
                        Versammlung ging über alle meine Proteste hinweg zur Tagesordnung über und
                        stellte mich mit brutaler Einstimmigkeit als Gemeinderatskandidat auf.</p>
                    <p>Ich trat meinen Heimweg mit gemischten Gefühlen an. Sollte ich mein Präsidium
                        niederlegen und meinen Austritt aus dem Verein, aus meiner eigenen Schöpfung
                            <pb n="99"/>nehmen, um der ganzen Unannehmlichkeit aus dem Wege zu
                        gehen? Eine Gemeinderatswahl ist ein politischer Vorgang, und Politik wollte
                        ich nicht treiben. Anderseits aber durfte ich doch meine Leidensgenossen
                        nicht im Stiche lassen. Mein Schicksal als Einwohner von Roßwil war mit dem
                        ihrigen zu enge verknüpft. Schließlich klammerte ich mich an den einzigen
                        Strohhalm, der mir übrig blieb: ich hoffte inbrünstig auf meine eigene
                        Niederlage.</p>
                    <p>In meine schweren Gedanken versunken, war ich meinem Hause näher gekommen.
                        Der Vollmond beschien seine weißen Mauern und verwandelte es in eine
                        geheimnisvolle Gralsburg. Bäumeund Sträucher, durchleuchtet vom silbernen
                        Stamm einer Birke, schwankten wie die Schatten Abgeschiedener im Garten und
                        rauschten und flüsterten und kicherten. Mutlos betrat ich mein Eigentum und
                        schloß die Gartentüre. Die eben erst erblühten Akazien schütteten ihre
                        schweren, süßen Düfte hernieder, unterstützt vom betäubenden Geruch des
                        Pfeifenstrauchs. Mit ihnen wetteiferten die stillen Rosen vom dunkelsten Rot
                        bis zum schneeigsten Weiß. Auf knisterndem Kiese schritt ich die schmalen
                        Gartenwege entlang, dem bellenden Schrei des Waldkauzes und dem Ruckuhucken
                        der Schleiereule, die im Walde ihr eintöniges Nachtkonzert veranstalteten,
                        lauschend. Meine Gedanken aber weilten ferne von der lichten Schönheit, die
                        mich umspielte. Ich sah mich im Geiste als Mitglied eines hohen
                        Gemeinderates an dem mir wohlbekannten Tische der Gemeindekanzlei sitzen, an
                        welchem ich einst mit meiner schönen Unterschrift mein Roßwiler Elend durch
                        einen Landkauf besiegelt habe. Ich sah mich vier aalglatten Gemeinderäten
                        gegenüber, ich als reiner Tor, unfähig den Schlichen und Ränken einer hohen
                        Behörde“ zu folgen. Und ich sah mich wieder hinausfliegen bei der nächsten
                        Wahl, weil ich „versagt“, <pb n="100"/>weil ich das in mich gesetzte
                        Vertrauen des Roßwilervolkes getäuscht hatte. – War es nicht möglich ?
                        Konnte der Kelch nicht an mir vorübergehen?</p>
                    <p>Patsch! Patsch!</p>
                    <p>Was war das ? Wer störte meine tiefen Gedanken ?</p>
                    <p>Patsch, patsch, patsch! – Da nahte sich im Mondenschein eine niedliche Kröte,
                        die sich tagsüber in meinem Alpinum aufhielt und nachts zur Jagd auf
                        Schnecken und andere unwillkommene Bewunderer meiner Kulturen auszog. Ganz
                        in meiner Nähe blieb sie stehen und sah mich an, als ob ich nicht in den
                        Garten, sondern ins Bett gehörte. Sie mochte recht haben, die gute Kröte,
                        von ihrem Standpunkte aus. Hätte sie aber geahnt, daß ich
                        Gemeinderatskandidat war, sie hätte gewiß meinem Schmerz und meiner
                        Sehnsucht nach Einsamkeit mehr Verständnis entgegengebracht. Sie sah so klug
                        in die Welt, daß ich mir vornahm, sie mit meinem Kummer vertraut zu
                        machen.</p>
                    <p>„Liebi, glaini Grott!“ begann ich –</p>
                    <p>Patsch, patsch, patsch! ~ Da hopste sie schon vergnügt weiter nach den
                        Erdbeerbeeten, wo sie mit Recht reiche Beute witterte.</p>
                    <p>Neue Enttäuschung für mich: Auch die Zoologie verließ mich in dieser
                        erhabenen, furchtbaren Stunde. Voll tiefster Verachtung für die ganze Erde
                        samt ihren Kreaturen überließ ich mich daher dem weichen Pfühl des Bettes
                        und dem Reich der erlösenden Träume.</p>
                    <p>Ein Sturm der Entrüstung durchbrauste die Herzen aller währschaften Roßwiler,
                        als meine Kandidatur bekannt wurde. Dafür, daß sie möglichst schnell bekannt
                        wurde, sorgte der Rößliwirt. Seine Tochter hatte in unserer Sitzung während
                        des Servierens etwas weniges aufgeschnappt, es ihrem Vater brühwarm
                        hinterbracht <pb n="101"/>und dieser das Unglaubliche seinen Stammgästen
                        mitgeteilt. Bis zum nächsten Mittag wußte es das ganze Dorf.</p>
                    <p>Um die Entrüstung zu verstehen, muß man wissen, was ein Herr Gemeinderat in
                        Roßwil bedeutet. Er ist die oberste Stufe der politischen Gemeindetreppe und
                        überragt an Bedeutung den Wächter, den Brunnmeister, den Wegmacher, den
                        Schermauser, den Zuchtstierhalter und den Schulmeister. Dem Herrn
                        Gemeinderat merkt man seine Wichtigkeit auf hundert Schritte an. Wenn er
                        auch nicht viel denkt, so gibt er sich doch den Anschein, als ob er denke.
                        Um keine der schwerwiegenden Gemeinderatsbeschlüsse vorzeitig preiszugeben,
                        spricht er wenig oder nichts. Fragst du ihn, ob die Gemeinde diese oder jene
                        Arbeit schon in Angriff genommen habe, so erwidert er dir, es sei
                        gegenwärtig ausgezeichnetes Wetter zum Durlipssetzen, und dringst du auf
                        eine definitive Antwort, so wirst du angelogen. Im Staatsinteresse darf man
                        ja bekanntlich lügen. Das wissen nicht nur die Kabinette der Großmächte,
                        sondern auch die Gemeinderäte. Und solch ein erhabenes Werkzeug der Roßwiler
                        Menschheit hatte ich die Keckheit werden zu wollen?</p>
                    <p>Bald vernahm ich, daß ich noch keine Angst vor meiner Wahl zu haben brauchte.
                        Im Haupte des Schuhmachermeisters Spinnhirny war schon längst die Sehnsucht
                        nach dem Strahlenkranze gemeinderätlicher Glorie erwacht. Spinnhirny war ein
                        durch und durch netter Mann, und das bischen politischen Ehrgeiz konnte ihm
                        niemand verübeln. Er war für das Gemeindewohl besorgt und opferfreudig, was
                        von mir mein stärkster Feind nicht zu behaupten wagt. Die Sorge für das
                        Gemeindewohl und die Opferfreudigkeit habe ich aber an anderen Leuten immer
                        sehr gerne gesehen, und ich kann mich noch heute aufrichtig entrüsten
                        darüber, daß <pb n="102"/>es Leute gibt, welche die Sorge für das
                        Gemeindewohl als eine mildere Art moralischen Schwachsinns bezeichnen.
                        Spinnhirny verdiente also, Gemeinderat zu werden. Ratlos wandte er sich an
                        seinen Freund Spenlihauer.</p>
                    <p>Spenlihauer, Dorfzeitung und rechte Hand des Gemeinderates zugleich, ist ein
                        Mensch, der das Maul auf dem rechten Flecke hat. Einem jeden weiß er das zu
                        sagen, was dieser am liebsten hört, und er ist felsenfest überzeugt, daß
                        jedermann Esel genug sei, ihm zu glauben. Dem Spinnhirny sprang er sogleich
                        hilfreich bei und verschwor sich mit ihm gegen mich, und mir teilte er bei
                        nächster Gelegenheit mit, er werde das Gewicht seiner ganzen Persönlichkeit
                        für mich in die Wagschale werfen.</p>
                    <p>Was Spinnhirny nnd Spenlihauer beschlossen hatten und was gegen mich
                        unternommen wurde, das erfuhr ich erst später und glücklicherweise zum Teil
                        erst nach dem Wahlakte. Die beiden Kampfhähne ließen durch den Dorfwächter
                        eine Vorversammlung einberufen. Alle Häuser, mit Ausnahme derjenigen, die
                        einen meiner „Parteiangehörigen" als Besitzer hatten, wurden abgeklopft und
                        die Bewohner zum Aufsehen gemahnt.</p>
                    <p>Sie kamen, die Roßwiler, mit wuchtigem Schritt und dampfender Pfeife, um zum
                        rechten zu sehen. Um acht Uhr abends sollte die Tagung beginnen. Es ward
                        neun Uhr, und kein Mensch hatte noch ein Wort gesagt. Endlich erhob sich
                        Spenlihauer, lobte den „unentwegten“ Fortschritt, focht gegen die schwarze
                        Reaktion und schlug die Gründung einer fortschrittlichen Bürgerpartei vor.
                        Allgemeines Kopfsschütteln folgte seiner Nede. Die einen trauten offenbar
                        dem „Fortschritt“ nicht recht, und die andern sahen Spenlihauers Bürgertum
                        nicht für solider an als das meinige. Für den Fortschritt, hieß es, seien
                        immer nur die fremden Fötzel eingetreten; der echte Bürger sei und bleibe
                        konservatio. <pb n="103"/>Lange wurde hin- und herberaten, bis der
                        gemeinsame Zorn gegen meine Anmasssung schließlich den „Fortschritt" mit dem
                        „Bürgertum“ versöhnte. Die Partei der Roßwiler „Schwarzen Hundert" wurde
                        gegründet und der Fortschrittsmann Spinnhirny als Kandidat für die
                        Gemeinderatswahl aufgestellt. Meine gemeinderätlichen Aussichten waren auf
                        den Nullpunkt gesunken.</p>
                    <p>Doch mein traditionelles Pech wollte, daß zufällig einer meiner „Anhänger“,
                        der von der Versammlung gehört hatte, anwesend war. Der erhob sich und hielt
                        eine lange Rede zu meinen Gunsten, in welcher er meine Weisheit, mein
                        Gerechtigkeitsgefühl, meine Aufopferungsfähigkeit für das gemeine Wohl,
                        meine geradezu fanatische Wahrheitsliebe und meine parlamentarische
                        Gewandtheit in so glühenden Farben schilderte, daß Spinnhirny in einer
                        unbegreiflichen Anwandlung von Schwermut eine Kandidatur ablehnte. Dadurch
                        wurde die Situation für die unter so günstigen Auspizien gegründete neue
                        Partei prekär. Was saollte sie machen? Ein zweiter Kandidat von der
                        Bedeutung Spinnhirnys war nicht aufzutreiben. Spenlihauers Latein war zu
                        Ende. Er hätte sich gewiß gerne selbst geopfert, d. h. als Kandidat
                        vorgeschlagen, aber er wußte wohl, daß nicht die Liebe zu ihm seine Partei
                        geeinigt hatte.</p>
                    <p>Die Lage war verzweifelt; denn männiglich hatte sich bereits erhoben, um sich
                        bei einem Iaß im „Rößli“ von der verdammten Politik zu erholen, als im
                        Rößliwirt der neuen Partei ein Retter, a second Daniel erstand. Der
                        Rößliwirt beantragte, der Gemeindeversammlung in Spinnhirny und mir eine
                        Doppelkandidatur – so quasi zur Auswahl -- vorzulegen. So ward beschlossen,
                        und Spinnhirny atmete auf. Das Ei des Kolumbus war wieder einmal auf die
                        Spitze gestellt worden.</p>
                    <pb n="104"/>
                    <p>Die Agitation begann. Ich sah meinen ehrlichen Namen auf allen
                        Starkstromleitungsträgern prangen. Errötend folgte ich meinen Spuren und
                        verwünschte meine Nachgiebigkeit. Wie ich an den Starkstromleitungsträgern,
                        so paradierte bald darauf Spinnhirny an allen Scheunentoren. Seine Plakate,
                        von „einigen unabhängigen Wählern“ unterzeichnet, waren noch größer als die
                        meinigen. Sie empfahlen ihn als Mann des unentwegten Fortschritts und wiesen
                        darauf hin, daß man bei mir, seinem Gegner, einen Sprung ins Dunkle tun
                        würde.</p>
                    <p>Aber nicht genug damit! Spinnhtirny als Vertreter einer anerkannt
                        fortschrittlichen Partei, hatte sogar die fortschrittliche Presse für sich
                        und ich gegen mich und zwar nicht etwa nur einen Roßwiler oder Lauchheimer
                        Anzeiger, sondern ein Stück wirklicher „Presse“. Ein großmächtiges
                        Zeitungsblatt legte sich für den Fortschritt ins Zeug, als ob ich Kandidat
                        der schwärzesten Reaktion gewesen wäre, und packte mich mit der ganzen
                        Wuscht, die der siebenten Großmacht eignet, am Kragen.</p>
                    <p>Jeder Mensch hat bekanntlich seine Fehler. Nur weiß der Schlaue sie zu
                        verbergen, während der Harmlose sie gutmütig zur Schau trägt. Ich habe nie
                        zu den Schlauen gehört, und darum bot ich meinem Zeitungsblatte eine
                        unheimlich große Angriffsfläche. Aber auch wenn ich ohne Fehl, wenn ich im
                        weißen Engelsgewande direkt vom Himmel herabgestiegen wäre, die siebente
                        Großmacht fände gewiß etwas an mir auszuzusetzen und wenn sie mir aus meiner
                        Unschuld einen Strick drehen müßte. Sie hat es ja so leicht; denn der
                        Gemeinderatskandidat wehrt sich nicht. Geduldig hält er aus und freut sich
                        nur auf den Augenblick, da der ganze Schmutzkübel, der ihm über den Kopf
                        gestülpt wurde, leer wird und ihn wieder schnaufen läßt. Nein, es gibt für
                        die siebente Großmacht kein dankbareres <pb n="105"/>Objekt für den Angriff,
                        als so einen Gemeinderatskandidaten, besonders wenn er nicht als Engel vom
                        Himmel herabgestiegen, sondern mit der sündhaften Erde und ihren Bewohnern
                        während bald eines halben Jahrhunderts engste Fühlung hatte, wenn warmes,
                        mitunter sogar heißes Blut durch seine Adern rinnt. Die Art des Angriffs der
                        siebenten Großmacht ist von verblüffender Einfachheit. Schießesst du Spatzen
                        ab, weil sie dir den Salat oder deine Beeren fressen, so wirst du zum
                        Wilddieb gestempelt. Legst du einem Halunken das Handwerk, in dem du die
                        Aufmerksamkeit der Behörde auf ihn lenkfst, so bist du ein Denunziant.
                        Bewirbsst du dich um eine Nachtwächterstelle, so bist du ein politischer
                        Streber. Läßt du dir nicht von jedem Tropf den Weg verlegen, so bist du ein
                        unheilbarer Querulant. Und so weiter, froh und heiter, gewürzt mit
                        französsischem Esprit und verarbeitet mit deutscher Gründlichkeit! Dann ade,
                        du armer Teufel von einem Gemeinderatskandidaten !</p>
                    <p>Ich wurde politisch mit Stumpf und Stiel ausgerottet, und die vielen schönen
                        Hoffnungen, die meine Anhänger an meine Wahl heimlich oder offen knüpften,
                        waren dahin. Mit dem Kantonsrat, dem Kreiseisenbahnrat, dem Nationalrat, dem
                        Bundesrat usw. war’s aus.</p>
                    <p>Der Wahltag kam. Ich setzte mich in die Reihen der Wählenden und starrte
                        teilnahmlos vor mich hin. Der Gemeindepräsident wappnete sich mit seiner
                        Würde und eröffnete die Sitzung. Ich hörte ihn wie aus weiter Ferne. Der
                        Schreiber verlas das Protokoll der letzten Gemeindeversammlung. Ich verstand
                        nichts davon. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Schließlich betrachtete ich
                        einige Gipslatten, die von der blessierten Zimmerdecke herab ihrer stillen
                        Verwunderung über all’ die <pb n="106"/>Leute da unten freien Lauf ließen.
                        Minute um Minute, eine furchtbarer als die andere, verrann. Jetzt kam die
                        Wahl. Ich wußte es, weil Zettel ausgeteilt wurden. Meine Freunde hatten mir
                        eingeschärft, nicht etwa den „noblen Hund" zu spielen, sondern mir selber
                        die Stimme zu geben. Das ging mir nun bei meiner allbekannten Bescheidenheit
                        und bei meinem bis zur Krankhaftigkeit ausgeprägten Taktgefühl gegen den
                        Strich. Aber — durfte ich den schwarzen Verrat begehen und mir nicht
                        stimmen? Hing unter Uniständen nicht von dieser einen Stimme das Wohl und
                        Wehe meiner Partei ab ? Es war wohl nicht Zufall, daß plöglich Habermann und
                        Dr. Fürbringer zu meinen beiden Seiten und Schaaggi Kurzmeier und Rumpler
                        hinter mir saßen.</p>
                    <p>„Die kontrollieren dich!“ sagte ich mir. „Nimm dich zusammen und stimm’ für
                        dich selbst!“</p>
                    <p>Der Präsident hatte die Stimmenzähler ernannt. Sie nahten sich mit ihren
                        Körbchen. Bei ihrem Anblick überkam mich ein stiller Zorn. Warum sollte ich
                        mich pressen lassen? „Gemeinderat hin, Gemeinderat her! Ich bin ein freier
                        Schweizer!" so schwur ich in diesem feierlichen Momente, zog meinen
                        Bleistift hervor und schrieb auf meinen Zettel, troß meiner vierfachen
                        Bewachung :</p>
                    <p>Pompejus Spinnhirny, Schuhmachermeister.</p>
                    <p>„Alea jacta est!“ sprach ich, als ich den Bettel ins Körbchen legte, und gab
                        mich einem Zustande hin, den man gewöhnlich mit Apathie zu bezeichnen
                        pflegt, während Habermann und Dr. Fürbringer, wie übrigens der größte Teil
                        der Versammlung, mit gespannter Aufmerksamkeit dem Verlesen der Stimmzettel
                        folgten und Schaaggi Kurzmeier mit Rumpler eine Flasche wettete, daß ich
                        gewählt sei.</p>
                    <p>Endlich verkündete der Präsident das Resultat. Es waren 119 Stimmen eingelegt
                        worden. Das absolute <pb n="107"/>Mehr betrug 60. Stimmen hatten erhalten:
                        Spinnhirny 60, ich 59. Spinnhirny war gewählt.</p>
                    <p>Während wir uns alle erhoben, schmetterte die Schulhausglocke der Sonne ein
                        jubelndes : Habemus Papam! entgegen. Spinnhirnys Partei ging zur Siegesfeier
                        nach dem „Rößli“ und meine Partei, geschlagen und niedergeschlagen, nach
                        Hause, nachdem mich alle meine Anhänger ihrer tiefgefühlten Teilnahme
                        versichert hatten. Innerlich versöhnt, betrat ich meinen Heimweg, auf dem
                        ich trotz allen politischen Frühlingsstürmen immer noch kein Wegrecht besaß.
                        Der süße Wahnsinn des Verzeihens kam über mich, und im Uebermaße meines
                        Glückes vergab ich allen meinen politischen Schuldnern, d. h. ich sprach mit
                        Niet;sche-Zarathustra : „Ich vergebe dir, was du mir tatest; daß du es aber
                        dir tatest, ~ wie könnte ich das vergeben!‘ Ich nahm mir sogar vor, mich den
                        Schrullen eines widerssinnigen Sonntagsgesetzes zu fügen.</p>
                    <p>Den mit so glänzenden Aussichten ins Leben getretenen Politiker in mir hängte
                        ich aber für immer an den Nagel.</p>
                </div>
            </div>
            <pb n="110"/>
            <div type="liminal">
                <head>Meine Weggenoßsen.</head>
                <pb n="111"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Der Schnittenfritz.</head>
                    <p>Der Schnittenfritz war mein Freund und Mitschüler. Man nannte ihn
                        „Schnittenfritz", weil er erstens den seltenen Namen Fritz trug und zweitens
                        an jeden, den zum Zweikampfe herauszufordern er irgend eine Ursache hatte,
                        die Frage richtete:</p>
                    <p>„Wotsch Schnitte ?"</p>
                    <p>Schnittenfritz ließ sich nämlich die gleiche Beleidigung nicht zweimal
                        gefallen, und unterstand sich einer, auf die bedeutsame Frage nicht sofort
                        klein beizugeben, so erhielt er ohne Erbarmen die in Aussicht gestellten
                        „Schnitten“, d. h. Hiebe von links und rechts.</p>
                    <p>Schnittenfriz war daher eine gefürchtete Persönlichkeit. Er imponierte schon
                        beim ersten Anblick durch seine kräftige Gestalt mit den breiten Schultern,
                        deren Wucht er durch das Zuknöpfen nur des untersten Knopfs seiner Jacke
                        noch zu erhöhen wußte. Aus seinem gelbbraunen, breiten und knochigen
                        Gesichte, blickten finster zwei unheilverkündende wassserblaue Glotzaugen,
                        zu welchen das sorgfältig gescheitelte blonde Haar und das lustig auf dem
                        linken Ohre sitzende schwarze Filzhütchen einen merkwürdigen Gegensatz
                        bildeten. Der leichte, beinahe grazisss Gang verriet den gewiegten
                        Kunstturner. Schnittenfritz galt nämlich für einen der besten Turner der
                        Klasse und glänzte bei allen Uebungen, vom Bauchaufzug bis zum Riesjee,
                        durch die tadellose <pb n="112"/>Eleganz seiner Bewegungen. Beim Ringen und
                        Schwingen aber nahm er unbestritten den ersten Rang ein und übte unermüdlich
                        an jedem seiner Mitschüler seine „Griffe“. Fiel jemand in Schnittenfritzens
                        Nähe, scheinbar ohne Ursache, geräuschlos und möglichst rasch rückwärts zu
                        Boden, so konnte man mit Sicherheit annehmen, daß Schnittenfritz einen neuen
                        „Griff“ probiert hatte. Veraltete Methoden, wie z. B. das Beinstellen,
                        verachtete er. Darum waren seine „Griffe“ immer originell.</p>
                    <p>Bei den Kadetten hatte es Schnittenfritz bis zum Major gebracht. Das war eine
                        respektable Leistung, wenn man bedenkt, daß er seine Beförderung
                        ausschließlich seiner militärischen Tüchtigkeit verdankte. Wie beim
                        wirklichen Militär, so setzte auch bei den Kadetten die Möglichkeit,
                        Offizier zu werden, im allgemeinen eine gewisse soziale Stellung voraus, und
                        diese Stellung hatte Schnittenfriz nicht inne. Seine Eltern wohnten im
                        äußersten „wilden Viertel“, in einer Gegend, die von den Göttern, wenn sie
                        noch gelebt hätten, mit Nacht und Grauen bedeckt worden wäre. Das „wilde
                        Viertel“ bestand aus wenigen Straßen, die durch einen Eisenbahnstrang von
                        der übrigen Stadt getrennt waren. Woher es seinen schlechten Ruf hatte, weiß
                        ich heute noch nicht. Von der Hautevolée war es allerdings nicht bewohnt;
                        doch es gibt ja auch außerhalb der Hautevolée noch ganz rechtschaffene
                        Leute. Item, Tatsache ist, daß bessere Aerzte und Advokaten das Viertel
                        entweder gar nicht oder nur gegen Vorausbezahlung betraten. Die langweiligen
                        Häuserreihen waren bis zur Schäbigkeit öde und alle Hauseingänge schwarz vom
                        Entlangrutschen des Kindersegens. In jedem fünften Hause befand sich ein
                        Spezereilädelein, aus welchem alle Waren entweder nach Petroleum oder nach
                        Seife rochen. Und da wir uns gerade mit dem Geruche beschäftigen, <pb n="113"/>so darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch dem ganzen Viertel
                        ein gewisser Geruch eigen war. Das rührte daher, daß sich an seiner
                        Peripherie eine chemische Fabrik, eine Kerzenfabrik und eine Cichorienfabrik
                        befanden. Die Gerüche dieser drei Fabriken vermischten sich und gaben dem
                        ganzen Viertel das Cachet, das immerhin von Tag zu Tag, manchmal von Stunde
                        zu Stunde variierte, indem das eine Mal die Anilinverbindungen, das andere
                        Mal der Talg und das dritte Mal der „Schigori“ den Vorrang hatten. Daneben
                        besaß noch jedes Haus, oft auch jedes Stockwerk seinen Privatgeruch.</p>
                    <p>Unter allen Fenstern lag zum Auslüften bestimmte Bettwäsche, und vor jedem
                        Hause spielte ein Dutzend Kinder Ringelreihen nach der schönen Melodie des
                        „Iungfern-Kranzes“ oder des „Herrn mit ein'm Pantoffel.“</p>
                    <p>Ich betrat einmal in eigener Person die engere Heimat Schnittenfritzens, wenn
                        auch nur mit Zittern und Zagen und für mein Leben fürchtend. Um aber bei
                        einem allfälligen räuberischen Angriffe nicht ruhm- und kampflos
                        unterzugehen, steckte ich vorher heimlich einen verrosteten Schlagring zu
                        mir, den ich einst auf einem Schuttablagerungsplatze unter altem Eisen
                        aufgestöbert hatte. Meine Vorsichtsmaßregel war indessen überflüssig, da mir
                        auch nicht der Schatten eines Haares gekrümmt wurde. Es enttäuschte mich
                        sogar, daß in den von Weibern, Kindern und Faulenzern belebten Straßen
                        niemand von meiner faszinierenden Erscheinung Notiz nahm.</p>
                    <p>Bei meiner Ankunft vor Schnittenfritzens Behausung tönte mir aus dem
                        Erdgeschoß die Sprache meines berühmten Zeitgenossen Gabriele d’Annunzio
                        entgegen. Unwillkürlich griff ich in der Tasche nach meinem Schlagringe.
                        Aber wie alles an der lateinischen Rasse, so löste <pb n="114"/>auch dieser
                        Spektakel sich in Harmonie auf. Ein „Manssardentlavier“ begann, sich Geltung
                        zu verschaffen, und riß die erst noch krakehlenden Stimmen zu einer
                        südländisch weichen Weise hin. Und als ich nun gar durch ein geöffnetes
                        Fenster sah, wie die schwarzgelockten Söhne des Südens auf einem Bett, einem
                        zerrissenen Sofa und zerbrochenen Stühlen friedlich dahingegossen waren, da
                        verließ mich jede Furcht, und ich stiefelte tapfer die Treppe hinauf zu
                        Schnittenfritz. Ich wurde freundlich aufgenommen, und von diesem Tage an war
                        Schnittenfriß mein Intimus und offenbarte sich mir in Eigenschaften, die ich
                        um so höher schätzte, als sie mir unerreichbar waren.</p>
                    <p>Am angenehmsten berührte mich seine Liebe zur Musik. Denn während ich nur
                        unter unaufhörlichem Schelten zum Ueben auf meiner Geige gebracht werden
                        konnte, musizierte Schnittenfritz aus freien Stücken, ohne Unterbruch, mit
                        einer Hingebung bis zur Raserei, bis man ihm sachte bedeutete, man nehme
                        Reißaus, wenn er nicht aufhöre. Er spielte allerdings keines der
                        gebräuchlicheren Instrumente, weder Klavier, noch Geige, noch Cello, noch
                        Flöte, nicht einmal „Manssardenklavier“, sondern nur Mundharmonika,
                        „Schnuregyge“, wie er sein Instrument liebevoll nannte. Die aber beherrschte
                        er wie ein Künstler. So oft er sie aus der Tasche zog, beliebte er
                        vorauszuschicken, daß er auch in moll musiziere. Gewöhnlich spielte er
                        eigene Kompositionen, unter welchen ein Walzer, ein Trauermarsch und eine
                        Symphonie hervorragten. Die Symphonie war Programmusik schlimmster Sorte:
                        die Schilderung eines Essens von 6 Gängen mit Hors d’oeuvre, Dessert und
                        Kaffee mit Kirsch.</p>
                    <p>Am dankbarsten waren wir für Schnittenfritzens Musik auf den
                        Schulspaziergängen. Da zog er uns auf den staubigen Landstraßen mit seiner
                        „Schnuregyge“ <pb n="115"/>voran, und die ganze Klasse marschierte im
                        Schritt zu seinen Klängen. Man vergaß die Beschwerden des Marsches, den
                        Hunger, den Durst und die fehlenden Zigaretten. Machten wir Rast, um uns
                        auszuruhen und zu erfrischen, so blies der Unermüdliche noch auf besonderes
                        Verlangen den Trauermarsch. Den größten Dienst aber leistete Schnittenfritz
                        durch sein Musizieren sich selber, weil er dadurch alles Trennende zwischen
                        sich und vielen seiner Mitschüler beseitigte, indem er dadurch den Beweis
                        erbrachte, daß er, trotz seines lebenslänglichen Aufenthaltes im „wilden
                        Viertel“, im Grunde ein guter Mensch geblieben war; denn böse Menschen haben
                        ja bekanntlich keine Lieder.</p>
                    <p>Immerhin hätte sein großes musikalisches Talent allein nicht genügt, ihm die
                        Sympathie aller Klassengenossen zu erwerben, da sich unter ihnen auch höchst
                        unmusikalische Leute befanden. Was ihm eigentliche Popularität verschaffte,
                        das war ein Charakterzug, auf dessen Entstehung seine engere Heimat wohl
                        nicht ohne Einfluß war und der ihn zum willkommenen Werkzeuge für jeden
                        Klasssenulk befähigte: eine Unverfrorenheit, die ans Uebernatürliche
                        grenzte, die uns oft überraschte wie das Walten des Schicksals. Er
                        inszenierte Streiche, an die wir andern nicht zu denken gewagt hätten, und
                        führte sie in der Hauptsache auch selber aus. Dazu sette er die harmloseste
                        Miene auf und gab sich, wurde er einmal erwischt, einen Anschein von
                        Unschuld, der einfach verblüffte. Besschloß z. B. die Klasse, in der Stunde
                        des Lehrers A. Schwefelwasserstoff zu entwickeln, so stellte Schnittenfritz
                        heroisch sein Tintenfaß zur Verfügung, und konstatierte der Lehrer durch,
                        eigenes Riechen an allen Tintenfässern beim Schnittenfritz den Herd des
                        Gesstanks, so spielte dieser derart den Verständnislosen, daß der Lehrer
                        felsenfest überzeugt war, ein anderer habe Schnittenfritzens Tintenfaß ohne
                        dessen <pb n="116"/>Wissen mißbraucht. Wurde vor Beginn der Stunde des
                        Lehrers B. auf den obern Rand der nur spaltenweit geöffneten Türe -
                        natürlich durch Schnittenfrit;! der tropfnasse Schwamm gelegt, damit er beim
                        Eintritt des Lehrers auf dessen Glatze tätschte, so wälzte sich beim
                        Gelingen des Anschlages die ganze Klasse vor Lachen; Schnittenfritz nur
                        blieb ernst, und der Lehrer B. war überzeugt, in ihm den einzigen Schüler
                        der Klasse zu haben, der einer so ruchlosen Tat nicht fähig war.</p>
                    <p>Diese Eigenschaften stempelten Schnittenfritz zum Klassenhelden. Man verzieh
                        ihm seine unangebrachtesten Turnergriffe, ja man trug geduldig in corpore
                        die vom Rektor über die ganze Klasse verhängten Strafen, weil das Puntenöri
                        verbot, Schnittenfritz zu verraten.</p>
                    <p>Den Gipfel des Ruhmes erstieg er durch einen Vortrag, den er in der
                        Englischstunde hielt. Unser Englischlehrer, von uns kurzweg Iohny genannt,
                        ein gutmütiger alter Herr, verlangte nämlich von einer gewissen Schulstufe
                        an von jedem Schüler die Fähigkeit, einen Vortrag in englischer Sprache
                        halten zu können. Das hört sich großartiger an, als es in Wirklichkeit war;
                        denn Johny gab sich mit allem, selbst mit der schlimmsten Mißhandlung seiner
                        an und für sich schon nicht schönen Muttersprache zufrieden. Ieder machte
                        sich die Aufgabe so leicht als möglich. Man übersetzte irgend einen
                        Abschnitt aus einem Buche historischen, literarischen,
                        naturwissenschaftlichen oder technischen Inhalts ins Englische und lernte
                        ihn notdürftig auswendig. Das Konzept übergab man einem in der vordersten
                        Reihe sitenden Mitschüler, der die Funktion des Souffleurs übernahm. Einige
                        der Bequemssten gingen so weit, aus der in unserm Gebrauche stehenden
                        englischen Literaturgeschichte irgend eine Biographie auswendig zu lernen
                        und vorzutragen, und ihre Faulheit wurde dadurch belohnt, daß sie für ihr
                        gutes Englisch eine bessere Note <pb n="117"/>erhielten, als diejenigen, die
                        sich ihren Vortrag mühsam aus dem Wörterbuch zussammengeflickt hatten.</p>
                    <p>Was in diesen Vorträgen, sofern sie wirklich das eigene Produkt des
                        Vortragenden waren, hie und da für ein Englisch verbrochen wurde, davon kann
                        sich die kühnste Phantasie kein Bild machen. Trotzdem gab Johny selten
                        schlechte Noten. Die beste Note war 1, die schlechteste 5. Um aber bei Iohny
                        nur ein 2 zu erhalten, mußte man schon im Schlamme eines fürchterlichen
                        Kauterwelsschs oder vielmehr Kauderenglisschs stecken geblieben sein.</p>
                    <p>Nun war Schnittenfriz weit davon entfernt, zu Johny'’s besten Schülern zu
                        gehören. Schon die Aussprache machte ihm auffallende Beschwerden, und wenn
                        er englisch sprach, spie er um sich, als ob er Gift erwischt hätte.
                        Iedenfalls schlug er sich mit einem Minimum von Arbeit und Kenntnissen durch
                        den englischen Unterricht. Machte Johny Miene, jemanden zum Uebersetzen
                        aufzurufen, so duckte sich Schnittenfritz so tief hinter den Rücken des
                        Vordermannes, daß der kurzbeinige Johny ihn nicht sehen konnte, und wessen
                        Kopf Johny’s Blick nicht traf, der war sicher, von ihm nicht aufgerufen zu
                        werden. Mißlang Schnittenfritz gelegentlich einmal sein Manöver, so wurde
                        ihm von allen Seiten so deutlich eingeblasen, daß Johny das Lachen kaum zu
                        verbergen vermochte.</p>
                    <p>Wir waren daher alle nicht wenig erstaunt, als Schnittenfritz, nachdem die
                        Reihe, einen Vortrag zu halten, an ihn gekommen war, uns erklärte, er werde
                        den ausgetretenen Weg verlassen und einen vollständig freien englischen
                        Vortrag halten. Und wirklich : Schnittenfritz wies uns, als der große Tag
                        herbeigekommen war, einen kleinen Zettel vor, auf dem sich nichts als die
                        Disposition zu seinem Vortrage befand. Die Erholungspause vor der kritischen
                        Englischstunde benutzte er, <pb n="118"/>um - offenbar zu
                        Demonsstrationszwecken ~ ein ganzes Warenlager breitzulegen. Außer einem
                        versiegelten Patet, das erst während des Vortrages geöffnet werden sollte,
                        kamen Schnüre, Holzlatten, Steine, hartgesottene Eier, Geldstücke aus Nickel
                        und Kupfer, Biermarken usw. zum Vorschein. Auf den Tisch, der ihm als
                        Rednerpult diente, stellte er das sonst für die Reinigung der Wandtafel
                        bestimmte Becken mit Wasser, und zu beiden Seiten derselben wurden
                        Stearinkerzen auf die Tischplatte gepappt.</p>
                    <p>Sobald Johny das Klassenzimmer betreten hatte, stellte sich Schnittenfritz
                        hinter den Tisch, zündete die beiden Kerzen an und begann mit schmetternder
                        Kommandostimme :</p>
                    <p>„On a market-day in a village.“</p>
                    <p>Diese Worte sollten besagen, daß er das Leben und Treiben eines ländlichen
                        Marktes zu beschreiben gedenke. Er begann, im schauderhaftesten Englisch,
                        das je an ein menschliches Ohr geklungen, die Reize eines solchen Markttages
                        zu schildern, und legte Zeugnis ab für die Gründlichkeit, mit welcher er die
                        ländlichen Kirchweihfeste der Umgebung besucht hatte. Er vergaß nichts,
                        weder den Pruntruter Gesschirrhändler, noch den Verkäufer von Mülhausser
                        Stoffresten. Aus seinem versiegelten Pakete holte er Muster hervor: als
                        Geschirrmuster ein sehr intimes Gefäß und als Stoffmuster eine Windel, auf
                        welcher er mit gelber Farbe ein Dessin angebracht hatte, wie es sich
                        Säuglinge in gewissen Lebenslagen leisten. Er schilderte das Gebahren des
                        „billigen Jakob“ und bot als solcher Hosenträger zum Verkaufe an, die von
                        acht Pferden nicht zerrisssen werden könnten, Tintenstifte mit einer
                        Ausdauer von zwei Jahrhunderten, Geschirrkitt, der das Geschirr solider
                        mache, als es vor dem Zerbrechen war, Krawatten, die das Leben jedes
                        Methusalem aushielten, u. s. w. Er beschäftigte sich mit der Psseudonegerin,
                            <pb n="119"/>die Glücksbriefe verkaufte, und wies einen solchen
                        Glücksbrief samt Photographie der „Zukünftigen“ vor. Zum Schluß aber kam der
                        Clou des „Vortrages“, eine Zaubervorstellung, wie sie etwa an einem
                        Markttage auf dem Lande geboten werden könnte.</p>
                    <p>Schnittenfritz war immer ein großer Zauberer gewesen. Ich kannte ihn schon
                        längst von dieser Seite. Er konnte Steine verschlucken und sie mir dann aus
                        der Nase ziehen; er konnte eine Schnur vor meinen Augen zerschneiden und sie
                        ohne Knopf wieder ganz machen; er konnte unter seinem Hute ein Ei verbergen,
                        und das Ei besand sich bei näherem Zusehen in meiner Tasche; er konnte + o
                        er konnte unendlich vieles! Alle seine Kunststücke machte er uns vor,
                        begleitet von seinem englischen „Vortrag“. Zum Schlusse kam das wichtigste
                        Zauberstück. Er behauptete, er könne jedem, der es wünsche, die Zukunft
                        prophezeien und zwar nicht etwa nur von ungefähr, sondern mit
                        mathemathischer Sicherheit. Diejenigen, die Vertrauen zu seiner Methode
                        hätten, sollten sich melden. Es meldeten sich ihrer zwölfe, unter ihnen auch
                        der gutmütige Iohny. Ich blieb weg; denn so vertrauensselig ich sonst bin,
                        diesmal war ich mißtrauisch.</p>
                    <p>Schnittenfritz nahm eine der seinen Tisch flankierenden Stearinkerzen, hielt
                        sie über das Wasserbecken und lies für jeden der zwölf Neugierigen einen
                        Tropfen ins Waser fallen. Ieder Tropfen nahm bei dem raschen Erkalten im
                        Waser eine andere Form an, so daß jeder Zuschauer seinen Tropfen im Auge
                        behalten konnte. Schnittenfritz begann nun, das Wasser mit der Hand
                        umzurühren, hielt aber wieder inne, um jedem zu empfehlen, sich seinen
                        Tropfen genau zu merken.</p>
                    <p>„Do you see him?“ wandte er sich an Johny.</p>
                    <p>„If I can see it? – Oh yes!"</p>
                    <p>Dann beschleunigte er das Umrühren. Die Tropfen <pb n="120"/>bildeten nur
                        noch einen milchweißen Ring, und die Köpfe der Neugierigen kamen immer näher
                        zusammen und gruppierten sich im Kreise, wie die Karpfen im Teiche um einen
                        fetten Brocken. Da –</p>
                    <p>Beng! Flätsch!</p>
                    <p>Ein Moment atemloser Stille ~ und dann brach ein Orkan von Gelächter los, ein
                        Huronengelächter, ein Gelächter, das die Wände erzittern machte.
                        Schnittenfritz hatte, als alle zwölf Köpfe nahe genug beim Becken waren, mit
                        der flachen Hand ins Wasser geschlagen, und alle zwölf, Johny inbegriffen,
                        troffen wie zwölf aus dem Meere auftauchende Seehunde.</p>
                    <p>Ich hatte mich unter dem ersten Eindrucke dieses Bildes auf die Schulbank
                        gelegt und einfach hinausgebrüllt und gestrampelt vor Vergnügen. Als ich
                        wieder aufsah, trockneten sich meine durchnäßten Mitschüler mit den
                        Taschentüchern die Gesichter, während sich Iohny, offenbar zum gleichen
                        Zwecke, hinter die Wandtafel zurückgezogen hatte. Der Schnittenfritz aber
                        stand in seiner elegantesten Kadettenhäuptlingspose da, den linken Arm in
                        die Hüfte gestemmt, die rechte Hand noch tropfend, und blickte erstaunt um
                        sich, als ob er nicht begriffe, was unser Gelächter zu bedeuten habe. Nur um
                        die Mundwinkel huschte ein leichtes Zucken, das aber verschwand, als Iohny,
                        erfrischt wie eine Rose im Tau, hinter der Wandtafel hervortrat und ihn im
                        heiligem Zorne anfistelte:</p>
                    <p>„Have you finished?“</p>
                    <p>"Yes, Sir!“</p>
                    <p>„Sie bekommen die schlechteste Note für diese Frechheit! – Wochner, notieren
                        Sie ihm eine Fünf!“</p>
                    <p>Die Fünf saß bis zur nächsten Englischstunde. Dann bereute der gute Johny
                        seine Strenge und wandelte die Fünf in eine Zwei um, was der Schnittenfritz
                        mit einem fröhlichen Zwinkern des rechten Auges quittierte.</p>
                </div>
                <pb n="121"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Der bescheidene Hansli.</head>
                    <p>Ist die Bescheidenheit eine Tugend ? – Ich bezweifle es sehr und zwar aus dem
                        einfachen Grunde, weil sie am lautesten von denjenigen als Tugend gepriesen
                        wird, die sie nicht besizen. Doch ob Tugend oder nicht, sie ziert den
                        Menschen wie ein paar schöne, dumme Augen ein Gesicht zieren. Sie gewinnt
                        alle Welt für sich, und darum hat der Besscheidene so viele Freunde, die ihn
                        ausnützen. Wenn also die Bescheidenheit auch keine Tugend ist, eine Zierde,
                        ohne die man allerdings weiter kommt, ist sie unbedingt, und Goethe tut
                        daher manchem Bescheidenen bitter unrecht mit seinem: „Nur die Lumpe sind
                        bescheiden.“ Wie es unbescheidene Lumpe gibt, so gibt es auch besscheidene
                        Brave. Die Bescheidenheit ist ein Pflänzchen, das auf jedem gehörig mit
                        Schüchternheit oder Dummheit gedüngten Grunde gedeiht.</p>
                    <p>Hätte Goethe zum Beispiel unsern Hansli, den Helden dieser Geschichte,
                        gekannt, seine harten Worte wären unausgesprochen gehlieben; denn Hansli ist
                        kein Lump, und trotzdem ist er nur ein bescheidenes Veilchen oder noch
                        weniger in dem wuchtigen Blumengarten der Menschheit. Schon als er noch ein
                        Buschi war, sagten seine Eltern von ihm, er „fremde“, weil er sein Mündchen
                        beim Anblick jedes unbekannten Gesichtes zu einem Brieggeli verzog, und
                        sobald ihn ein fremder Arm, selbst derjenige seiner Patin, wiegen wollte,
                        schrie er, als ob er am Messer steckte. Als er gehen konnte und <pb n="122"/>die ersten Höschen trug, verbarg er sich beim Anblick fremder Leute hinter
                        dem Rocke seiner Mutter, und noch später verkroch er sich, sobald Besuch
                        gemeldet wurde, im dunkelsten Winkel des Dachbodens. Es wäre also durchaus
                        nicht nötig gewesen, ihm zu sagen, daß die Bescheidenheit die schönste
                        Zierde der Jugend sei. Trotzdem ließ sein in allen Lebenslagen korrekter
                        Papa keinen Tag vergehen, ohne ihn zu ermahnen, sich in dieser angeblichen
                        Tugend zu üben.</p>
                    <p>Der Erfolg entsprach den Erwartungen. Hansli brachte es in der Kunst, sein
                        Licht unter den Scheffel zu stellen, zu einem unglaublichen Raffinement. War
                        er in seiner Schulklasse der einzige, der auf eine Frage die Antwort wußte,
                        so sagte er diese Antwort nicht dem Lehrer, sondern blies sie einem seiner
                        Mitschüler heimlich ein, der sich dann mit der fremden Feder schmückte und
                        das Lob einheimste. Rühmte jemand seine blonden Locken, so behauptete er,
                        sein Freund Gussti habe noch viel schönere. Belohnungen für Botengänge wies
                        er zurück mit der Begründung, daß ihm der Gang selbst Vergnügen gemacht habe
                        und er dadurch genügend belohnt sei. Gelang ihm zu Hause eine hübsche
                        Arbeit, bei welcher ihm ein Kamerad mit guten Ratschlägen beigestanden, so
                        vergaß er nicht, diesem das Hauptverdiensst zu überlassen. Er sprach im
                        Kreise älterer Personen nie, ohne daß vorher das Wort an ihn gerichtet
                        worden wäre, und auch dann immer nur unter leichtem Erröten. Keinem Menschen
                        drängte er seine Bekanntschaft auf, und jedem, der sie suchte, sprach er
                        dafür seinen verbindlichsten Dank aus. Trat man ihm auf die Hühneraugen oder
                        brannte man ihm mit der Zigarre ein Loch ins Kleid, so entschuldigte er
                        sich.</p>
                    <p>Die Berufswahl bereitete ihm keine großen Schwierigkeiten. Seinen
                        persönlichen Neigungen hätte am ehesten die bescheidene Stube eines
                        gelehrten Forschers <pb n="123"/>entsprochen. Den Papa begann aber die
                        Bescheidenheit seines Sohnes zu ängstigen, und da ihm die geistigen
                        Fähigkeiten desselben nicht besonders bedeutend erschienen und er wußte, daß
                        der „bescheidene Gelehrte“ der Geschichte angehört, gab er ihn in eine
                        kaufmännische Lehre, wogegen Hansli nichts einzuwenden hatte. Auch hier
                        gewann er die Freundschaft seiner Vorgesetzten und seiner Kollegen. Einen
                        goldenen Charakter nannten ihn die einen und ein goldenes Herz die andern,
                        und die Inhaber der Firma bezahlten ihn miserabel, weil er mit jedem Gehalt
                        zufrieden war, während ihm die Kollegen alle Arbeit aufhalsten, weil er
                        willig alles auf sich nahm.</p>
                    <p>So war er glücklich auf dem Wege, ein Liebling der Gesellschaft zu werden,
                        das heißt der männlichen Gesellschaft; denn bei der weiblichen litt er elend
                        Schiffbruch. Die jungen Mädchen hatten keinen Sinn für Hansli’s
                        Bescheidenheit. Während er à la Schiller errötend ihren Spuren folgte,
                        ließen sie ihn errötend folgen und zogen ihm den Unbescheidenen vor, der die
                        Küsse in lachendem Uebermut von ihren Lippen trank, und so sehr die Mütter
                        heiratsfähiger Töchter an dem bescheidenen Hansli den Narren gefressen
                        hatten, immer wieder mußte er bescheiden einem Unbescheidenen Platz
                        machen.</p>
                    <p>War nun aber Hansli auch nicht unbescheiden, so war er doch beharrlich, und
                        diese Ameisentugend führte ihn zum Ziele. Ein strammer Ruedi von einem
                        Mädchen, das von den Küssen der Unbescheidenen übergenug hatte und zu
                        fürchten begann, es verpasse den Anschluß, wußte den Hansli zu einem
                        Heiratsantrag anzusspornen und neutralisierte seine Bescheidenheit, indem es
                        nach der Hochzeit selbst die Hosen anzog. Vorher aher spielte die
                        Bescheidenheit Hansli noch einen Streich, der ihn mit Freuden das
                        Pantöffelchen seiner Frau begrüßen ließ.</p>
                    <p>Er war als zwanzigjähriger Mann in einen Kreis <pb n="124"/>junger Leute
                        getreten, die, außer einer edlen Geselligkeit, der schönen Sitte huldigten,
                        jedem Mitglied beim Eintritt in den Ehestand ein Geschenk zu überreichen.
                        Jeder der ungefähr zwanzig jungen Männer spendete bei solchen Gelegenheiten
                        fünf Franken, so daß bei jeder Hochzeit eine Gabe von ungefähr hundert
                        Franken zusammenkam. Bei Hansli’s Eintritt in den Verein waren noch alle
                        ledig gewesen, und als er sich verlobte, blieben als Junggesellen nur noch
                        zwei hartgesottene Weiberfeinde übrig. Er hatte somit beinahe bei allen am
                        Brautgeschenk mitgewirkt und durfte hoffen, ohne unbescheiden zu sein, auch
                        bei sein er Heirat mit einem Geschenk bedacht zu werden. Richtig nahm ihn
                        auch Migger, der Kassier, einige Wochen vor der Hochzeit auf die Seite und
                        sprach zu ihm:</p>
                    <p>„Hansli, wie du weißt, wird jedem Mitgliede unseres Vereins bei der Hochzeit
                        etwas geschenkt. – Hast du einen besonderen Wunsch ?“</p>
                    <p>„Laßt doch das sein!“ antwortete Hansli bescheiden wie immer. „Ich habe ja
                        alles, was ich brauche, oder“ (er vermutete plötzlich, daß seine Braut
                        anderer Ansicht sein könnte) „wenn es absolut etwas sein muß, dann nur
                        irgend eine Kleinigkeit."</p>
                    <p>„Ziehst du,“ fuhr Migger fort, „ein Geschenk für dich persönlich vor, zum
                        Beispiel ein schönes Buch von Karl May, oder etwas für die Haushaltung
                        ?“</p>
                    <p>Hansli liebte die Bücher, konnte aber von Miggers literarischem Geschmack,
                        nachhem ihm ein Buch von Karl May angetragen worden war, nichts Gutes
                        erwarten und wünschte sich daher „etwas für die Haushaltung“.</p>
                    <p>Als er seiner Braut von dieser Unterredung berichtete, ergingen sich die
                        beiden unter der bräutlichen Aegide in den verwegensten Hoffnungen. Sie
                        ratschlagten immer wieder, was es wohl sein werde: ein <pb n="125"/>großer
                        Bodenteppich für das gute Zimmer, ein Kronleuchter, eine Wanduhr, ein
                        Spiegel mit Konsole, ein Bücherschrank oder vielleicht noch etwas
                        Schöneres.</p>
                    <p>Um jene Zeit war in Löfflers Glasladen Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe.
                        Dahin begaben sich die Brautleute eines Tages, um Küchengesschirr
                        einzukaufen. Während die Braut ihr Geschirr zusammensuchte, bebetrachtete
                        Hansli ein aus einem Glaskruge mit sechs Gläsern bestehendes und auf einer
                        runden hölzernen Tablette aufgestelltes Bierservice, einen offenbar alten,
                        sehr dem ländlichen Geschmack angepaßten Ladenhüter. Auf rotem Glase
                        prangten zwischen überladenem Goldschmuck blaue vergißmeinnichtartige
                        Blümlein. Hansli rief seine Braut herbei, und beide hatten ihre helle Freude
                        an der Geschmacklosigkeit des Glaskünstlers.</p>
                    <p>„Der Preis ist auch darnach," meinte Hansli, nachdem er die am Henkel des
                        Kruges angebrachte Etikette betrachtet hatte. „Das ganze Zeug kostet drei
                        Franken fünfundsiebzig.“</p>
                    <p>Dann packten sie ihr Geschirr zusammen und ließen es sich nach Hause
                        schicken.</p>
                    <p>Der Hochzeitstag näherte sich. Nach und nach trafen bei der Braut Geschenke
                        der Verwandten und Freunde der beiden sich verschwägernden Familien ein, vom
                        Verein immer noch nichts. Migger schien zögern zu wollen, um die
                        Ueberraschung voller wirken zu lassen.</p>
                    <p>Endlich, am Polterabend, wurde ein Paket abgegeben mit einer Adreßkarte
                        Miggers und einem Schreiben des Vereins, in welchem dem jungen Paar alles
                        Gute und noch mehr gewünscht wurde. Fieberhafte Hände entfernten die
                        Umhüllungen, die fast ausschließlich aus Reklamen für Miggers Geschäft
                        bestanden, und heraus schälte sich + das Bierservice aus Löfflers Ausverkauf
                        für drei Franken fünfundsiebzig.</p>
                </div>
                <pb n="126"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Eine Schicksalstragödie.</head>
                    <p>"Bevor wir Freundschaft schließen, muß ich dir mitteilen, daß ich ein
                        Unehelicher bin !"</p>
                    <p>Cosimo Simon sah mir dabei fest in die Augen. Wir saßen in der dunkeln Ecke
                        einer Wirtschaft im Industriequartie. Am Stammtische vor dem Buffet hatten
                        zwei Kohlenfuhrmänner mit Lederschürzen und ein Bahnarbeiter soeben in
                        schweren Halblitergläsern frischen Anstich bekommen. Sie ergriffen die
                        Gläser, setzten sie noch einmal schwer ab, stießen an, wischten mit den
                        schwieligen Handflächen über den Glasrand und schlürften hörbar den
                        Gerstensaft, während sich ihre rußigen Schnurrbärte wie halbruinierte
                        Fabrikkanalrechen in den weißen Schaum versenkten. An einem Tischlein neben
                        der Türe machten vier Arbeiter einer chemischen Fabrik mit roten und blauen
                        Händen einen Schieberjaß. Einer von ihnen schlug mit kräftiger Faust eine
                        schmutzige Karte auf den Tisch und meldete mit dröhnender Stimme die
                        „Stöcke“. Hinter dem Buffet saß die dicke Wirtin mit bleichem, zerfallenem
                        Gesicht, und neben ihr stand ihr Mann, dem Aussehen nach ein ehemaliger
                        Bierbrauer, mit roter Nase und triefenden Augen.</p>
                    <p>In diese unappetitliche Umgebung hatte mich Cosimo Simon geführt, um mir zu
                        eröffnen, daß er gerne mit mir Freundschaft schließen möchte. Er habe
                        bemerkt, <pb n="127"/>sagte er, daß ich ein aufgeweckter Bursche sei und daß
                        ich mir ~ ganz wie er ~ nicht alles gefallen lasse. Gegen all’ das hatte ich
                        nichts einzuwenden; aber daß er mir seine uneheliche Herkunft so brutal an
                        den Kopf warf, das berührte mich unangenehm. Was ging das mich an? Was hatte
                        seine Herkunft mit unserer Freundschaft zu tun ?</p>
                    <p>Als er sah, daß ich mit meiner Antwort zögerte, lehnte er sich verstimmt an
                        den nächsten Stuhl, und ein häßliches Lächeln glitt über sein Gesicht.</p>
                    <p>„Sie müssen mein Schweigen nicht mißversstehen, Herr Simon,“ gab ich
                        schließlich zurück. „Ich schätze Ihre Offenheit. Aber es gibt Dinge, von
                        denen ich nicht gerne spreche und nicht gerne sprechen höre. Daß ich die
                        Menschen nach dem beurteile, was sie sind, ohne Rücksicht auf Abstammung und
                        Besitz, das hätten sie wahrhaftig seit dem Beginn unseres Verkehrs
                        wahrnehmen können.“</p>
                    <p>Cosimo Simon war mit mir zufrieden. Wir stießen an auf du und du.</p>
                    <p>Wie war wohl Cosimo’'s Mutter auf den Namen des stolzen Florentiners geraten,
                        um ihren Knaben unter diesem pompösen Schmuck ins Leben zu senden? Niemand
                        wußte es und niemand hatte sie je darnach gefragt. Sie war von ihren selbst
                        nicht mit Glücksgütern gesegneten Eltern verstoßen und mit ihrem Kinde ins
                        Elend gejagt worden und brachte sich mit Waschen und Putzen mühsam durch's
                        Leben. Während sie ihrer Arbeit nachging, wuchs Cosimo einsam auf in einer
                        Manssarde, seiner mütterlichen Wohnung. Er sprach später selten von seiner
                        Kindheit; wenn er aber davon sprach, dann zitterte der Haß des Enterbten in
                        seiner Stimme. Er wurde ein fleißiger und intelligenter Schüler, mußte sich
                        jedoch mit dem, was in acht Jahren <pb n="128"/>in der Primarschule zu holen
                        war, begnügen. Nach Verfluß seiner Schuljahre, kam er als Arbeiter an die
                        Bahn und brachte es bis zum Weichenwärter. Allein sein Ehrgeiz und sein
                        Wissensdurst ließen ihm keine Ruhe. Jede freie Minute wurde zum Studium der
                        französischen Sprache, der Geschichte, der Mathematik und
                        volkswirtschaftlicher Lehrbücher benutzt. Sein einziger Wunsch war, es zum
                        Beamten irgend eines Dienstzweiges der Bundesverwaltung zu bringen; denn er
                        hoffte, im Genussse einer besseren Besoldung und günstigerer
                        Arbeitsbedingungen seine Bildung erweitern und innerhalb der
                        Bundesverwaltung von Stufe zu Stufe steigen zu können.</p>
                    <p>Die erste Stufe wurde erreicht. Er bestand das Eintrittsexamen als Beamter.
                        Bald aber mußte er erfahren, daß er nicht zum Beamten geschaffen war. Er war
                        sein Leben lang arm gewesen, aber nie ein Knecht. Vor Hohlköpfen Bücklinge
                        zu machen und vor der Falschheit die Segel zu streichen, das verstand er
                        nicht. Außerdem fehlte es ihm an der Kinderstube. Er war wie ein
                        Höhlenbewohner aufgewachsen und blieb ein Höhlenbewohnq4r. Nicht durch seine
                        Schuld; allein die Welt richtet nicht nach der Ursache, sondern nach der
                        Wirkung. Seine alternde Mutter unterstützte er, vergaß ihr aber nie, daß sie
                        an seinem elenden Dasein schuld war. Um zu etwas Geld zu kommen, heiratete
                        er, seine Stellung als festbesoldeter Beamter ausnützend, die Besitzerin
                        eines kleinen Mercerieladens mit etwas Vermögen. Als Frau eines
                        Bundesbeamten mußte sie ihr Geschäft aufgeben. Sie verfiel in Schwermut und
                        erschwerte Cosimo das Leben nach allen Richtungen. Regelmäßig zweimal im
                        Jahre mußte er die Wohnung wechseln, weil seine Frau überall Gespenster sah.
                        Infolgedessen wurde er ungeduldig und grob gegen sie. Sie aber beging die
                        Torheit, sich <pb n="129"/>bei seinen Vorgesetzten über ihn zu beklagen. Das
                        war natürlich keine Empfehlung für ihn zur Erlangung höherer Stellen. Um
                        sich rasch zu bereichern, machte er mit dem Gelde seiner Frau
                        Wuchergeschäfte, die er so fein einzufädeln wußte, daß ihm kein Gericht der
                        Welt etwas anhaben konnte. Auch das schlug ihm zum Unheil aus; denn die
                        gerupften Opfer beschwerten sich bei der Verwaltung, der er als Beamter
                        angehörte, über ihn.</p>
                    <p>Als ich Cosimo kennen lernte, hatte er bereits eingesehen, daß ihm höhere
                        Stufen der Beamtenhierarchie unerreichbar waren, und sich ins Unvermeidliche
                        geschickt, aber nur ungern und grollend. Ich war damals als junger Beamter
                        nach der Kreisdirektion versetzt worden und fand mich da in prächtigen
                        hellen Räumen mit einem halben Dutzend jener Originale zusammen, wie sie nur
                        das Beamtentum hervorbringt. Da waren zwei Querulanten, die unter sich und
                        mit dem übrigen Personal in beständiger Fehde lagen und sich gegenseitig
                        zweimal im Tage Ohrfeigen offerierten, ferner zwei Halbinvalide, von welchen
                        der eine immer schwitzte und der andere immer fror, der eine im Winter die
                        Heizkörper schloß und im Sommer die Fenster öffnete, während der andere die
                        Heizkörper wieder öffnete und die Fenster wieder schloß. Der Kaltblütige
                        warf dem Heißblütigen vor, er saufe zuviel und habe aus diesem Grunde immer
                        heiß, und der Heißblütige forderte den Kaltblütigen auf, sich pensionieren
                        zu lassen, wenn er die frische Luft nicht mehr ertragen könne. Außer diesen
                        vieren saßen auf ihren hohen Stühlen noch ein schweigsamer, geriebener
                        Hinterwäldler mit großer Anpassungsfähigkeit an die Ansichten seines Chefs,
                        und Cosimo Simon. Dieser machte mir von allen sechsen äußerlich den
                        unangenehmsten Eindruck. Sein leichenfarbiger Kopf mit den halbgeschlossenen
                        breiten Augenlidern <pb n="130"/>glich einer Totenmaske. Ein
                        kohlenschwarzer, ungepflegter Bart umrahmte sein Gesicht und auf seiner
                        breiten Nasenwurzel hing verwegen ein Kneifer mit verrostetem Stahlgestell,
                        befestigt an einer hinter dem Dhre liegenden schwarzen Schnur. Der
                        ursprünglich weiße Hemdenkragen war gelbgrau, die Weste wies eine Kruste von
                        allen möglichen Speiseresten auf und über den Schultern hing ein unter der
                        Einwirkung der Jahre glänzend gewordener schwarzer Kammgarngehrock, offenbar
                        der letzte Rest der Hochzeitsgewandung. Ohne diesen Rock hätte er einem
                        verkümmerten Mansardenschuster ähnlich gesehen. Als ich ihm vom gemeinsamen
                        Vorgesetzten als neuer Direktionsbeamter vorgestellt wurde, reichte er mir
                        wortlos eine behaarte, weiße, feuchte Hand, kaum von seiner Arbeit
                        aufblickend. Erst etwa acht Tage später trat er eines Morgens an mein Pult
                        mit der Frage:</p>
                    <p>„Man hat mir gesagt, Sie hätten studiert ?“</p>
                    <p>„Ja, ich habe während einiger Semester Vorlesungen besucht."</p>
                    <p>„Was für Vorlesungen?"</p>
                    <p>„Philosophische, nationalökonomische nnd einige juristische.“</p>
                    <p>„So, so ? – Nationalökonomisches habe ich ziemlich viel gelesen : Adam Smith,
                        List, Rodbertus, Brentano. ~ Es würde mich freuen, wenn ich hie und da mit
                        Ihnen Gedankenaustausch pflegen könnte."</p>
                    <p>Er kehrte an seine Arbeit zurück.</p>
                    <p>Von diesem Tage an begleitete er mich oft abends nach Bureauschluß nach
                        Hause, um vor mir seine Kenntnisse auszubreiten und mir seine Ansichten
                        mitzuteilen. Er verfügte über ein außerordentliches Gedächtnis, und was er
                        einmal gelesen hatte, das saß in seinem Gehirnkasten fest, sich allerdings
                        eines oft unverstandenen Daseins erfreuend. Errötend gestand <pb n="131"/>er
                        mir schließlich, daß er auch schon verschiedenes geschrieben habe, und lud
                        mich ein, seine Arbeiten gelegentlich anzusehen.</p>
                    <p>An einem Sonntagmorgen erfüllte ich seinen Wunsch und suchte ihn in seiner
                        Wohnung auf. Aus dem Glasabschluß, den er mir selber öffnete (seine Frau
                        verbarg sich, wenn er Besuch erhielt), strömte mir ein widerlicher Geruch,
                        wie von einem Gemisch von Sauerkraut mit Schweiß entgegen. Das Zimmer in
                        welchem er arbeitete, war hübsch möbliert und machte einen reinlicheren
                        Eindruck als sein Bewohner; aber auch hier folterte der gleiche Geruch meine
                        Nase. Ich setzte mich neben ihn an seinen Schreibtisch, worauf er Berge von
                        Manuskripten hervorzog und mir bei jeder einzelnen Arbeit den von ihm
                        verfolgten Plan erläuterte. Im allgemeinen behandelte er
                        verwaltungstechnische Fragen und entwickelte in den Zielen, die er sich
                        gesteckt hatte, eine außerordentliche Kühnheit. Einzelne Gedanken waren
                        direkt bahnbrechend und sind auch später ohne Simons Zutun verwirklicht
                        worden. Seine umfangreichste Arbeit betraf die Reorganisation der gesamten
                        schweizerischen Bundesverwaltung. Sie setzte eine erstaunliche Kenntnis
                        aller eidgenössischen Betriebe voraus. Seiner Schreibweise haftete aber der
                        Mangel ungenügender Schulung an. Sie war weitschweifig, schwerfällig und
                        unübersichtlich bis zur Unversständlichkeit. Ich machte ihn darauf
                        aufmerksam, und das war das erste Mal, daß ich ihn verletzte. Er reagierte
                        mit einer giftigen Bemerkung, von der ich tat, als hätte ich sie nicht
                        gehört. Auf meine Frage, was er mit all’ diesen Manuskripten anfange,
                        erklärte er mir, er werde alle seine Arbeiten auf seine Kosten drucken und
                        im Selbstverlage erscheinen lassen.</p>
                    <p>Ich hatte mich bereits erhoben, um nach Hause zu gehen, als mich Cosimo bat,
                        noch ein bischen zu verweilen, <pb n="132"/>er habe mir noch etwas
                        Interessantes zu zeigen. Es war ein Buch über Theosophie, von deren
                        Bestrebungen ich damals keine Ahnung hatte. Auch Cosimo schien noch nicht
                        tief in die Geisteswissenschaft eingedrungen zu sein; denn er konnte meine
                        vielen Fragen über Sinn und Zweck derselben nur unklar oder gar nicht
                        beantworten. Zwei Dinge, sagte er mir, hätten ihn bestimmt, der Sache seine
                        Aufmerksamkeit zu schenken: sein Glaube an die Seelenwanderung und seine
                        prophetische Begabung.</p>
                    <p>„Ich habe mich früher viel mit dem Buddhismus beschäftigt, in welchem ich das
                        erhabenste Religionssystem bewundere. Mit der Seelenwanderung hat es seine
                        Richtigkeit. Ich bin überzeugt, daß ich in diesem Leben nicht das erste Mal
                        die Erde betreten habe. Durch Träume sind mir häufig Szenen aus meinem
                        früheren Erdenwanderungen in die Erinnerung zurückgerufen worden. Durch sie
                        habe ich z. B. erfahren, daß Ramses der Große kein anderer als Cosimo Simon
                        und Cosimo Simon Ramses der Große war.“</p>
                    <p>Ich konnte mich nicht enthalten, ihm ins Gesicht zu lachen,</p>
                    <p>„Sie lachen, wie alle gelacht haben, denen ich bis jezt davon erzählte. Ich
                        werde Ihnen aber, sofern Sie es erleben, noch beweisen können, daß alle
                        meine Träume Offenbarungen von Vergangenem oder Zukünftigem sind. Es ist
                        heute ein Iahr seither; da träumte mir, am 9. April 1910 trete in meinem
                        Leben eine bedeutende Wendung zum Bessern ein. Sie werden sehen, daß es
                        zutrifft. Alle meine Traumprophezeiungen sind bis jetzt in Erfüllung
                        gegangen.“</p>
                    <p>Wir waren Freunde geworden, als ich Cosimo zum zweiten Male zu Hause
                        aufsuchte. Er hatte mittlerweile <pb n="133"/>seine Wohnung dreimal
                        gewechselt und hauste ganz in meiner Nähe. Den Anlaß zu diesem zweiten
                        Besuche bildete nicht mehr die Neugierde nach Cosimo’s wissenschaftlicher
                        Betätigung, sondern der bittere Kampf um mein Dasein. Ich fühlte mich in
                        meiner Beamtenehre gekränkt und zurückgesetzt und focht mit scharfer Klinge
                        für mein Recht. Alle Beschwichtigungsversuche wohlmeinender Vorgesetzter
                        fruchteten nichts ; ich beharrte auf meinem Schein. In der Not sah ich mich
                        nach Verbündeten um, und als erster und —~ meiner Ansicht nach -
                        furchtbarster Bundesgenosse schloß sich mir Cosimo an. Er besitzz Waffen
                        gegen die Verwaltung, erklärte er mir, wie kein anderer.</p>
                    <p>Wir saßen also wieder wohlgeborgen vor seinem Schreibtische, als er ein
                        Geheimfach öffnete und ein umpfangreiches Buch, nebst einem Schnellbinder
                        hervorzog, sein „Material“, wie er das nannte. In seinem dicken Schreibbuche
                        hatte er sich alle Ungehörigkeiten und Vergehen seiner Vorgesetzten und
                        Kollegen, soweit sie seine Laufbahn berührt hatten, notiert. Alle Beamten –
                        auch ich, wie ich beim Umblättern bemerkte hatten in diesem unheimlichen
                        Buche einen Konto. Ich könne mich darauf verlassen, versicherte mir Cosimo,
                        daß es gewissenhaft nachgeführt sei. Im Schnellbinder befanden sich die
                        Belege.</p>
                    <p>Dieses „Material' bot mir Cosimo zu meiner Unterstüßzung an. Er dachte sich
                        die Sache so, daß ich von Zeit zu Zeit besonders krasse Fälle zu
                        Zeitungsartikeln verarbeiten und der Öffentlichkeit übergeben sollte. Seine
                        Belege seien vollständig. Im Notfalle könne er vor Gericht alles
                        beweisen.</p>
                    <p>Ich ging auf das Anerbieten nicht ein, weil ich das Gefühl hatte, Cosimo
                        wünsche uon mir, daß ich für ihn die Kastanien aus dem Feuer hole.
                        Vielleicht tat ich ihm unrecht. Ich weiß es nicht. Aber abgesehen <pb n="134"/>davon, hatte die von ihm vorgeschlagene Art des Kampfes für
                        mich etwas Stoßendes, Hinterlistiges. Ich verzichtete auf seine Mitwirkung
                        und unterlag ehrlich.</p>
                    <p>Cosimo aber konnte sich nicht enthalten, in der Folge mit einem der
                        saftigsten Kapitel seines „Materials“ einen Versuch zu wagen. In einer
                        Tageszeitung erschien bald nach unserer Unterredung ein heftiger Angriff auf
                        die Verwaltung. Der angegriffene höhere Beamte klagte, wurde aber
                        kostenfällig abgewiesen, weil der beklagten Redaktion an Hand von Cosimo’s
                        „Material“ der Wahrheitsbeweis gelungen war. Cosimo hatte seinen Artikel
                        nicht unterzeichnet. Aber alle Welt war überzeugt, daß er der Verfasser sei.
                        Alsbald wurde er verfolgt mit allen Mitteln, derer rachsüchtige
                        Verwaltungsmuftis fähig sind. Er suchte daher nach neuen Waffen und wurde
                        dabei unterstützt und gehetzt von Kollegen, die sich ebenfalls benachteiligt
                        fühlten, denen aber der Mut der Selbstverteidigung fehlte. Nationalräte
                        wurden von ihm aufgesucht und ihnen das „Material“ vorgelegt. Die
                        Nationalräte stellten ihm in Aussicht, die Sache in der Bundesverssammlung
                        zur Sprache zu bringen, und Cosimo wartete von einer Session auf die andere,
                        aber umsonst.</p>
                    <p>Hatte nun einer der Nationalräte mit dem Departementsvorsteher gesprochen
                        oder war durch andere Kanäle Näheres über Cosimo's Bemühungen bekannt
                        geworden, genug: er wurde scharf überwacht, und eifrig fahndete man nach
                        Blößen, die sich Cosimo im Verlaufe seines Beamtenlebens gegeben hatte. Und
                        man fand eine Blöße. Cosimo hatte sich einmal im Bureau in einer Art und
                        Weise aufgeführt, die nicht auf die Minderwertigkeit seines Charakters, wohl
                        aber auf ein bedenkliches Defizit an Erziehung schließen ließ. Der Vorfall
                        wurde durch gesinnungstüchtige Kollegen bezeugt <pb n="135"/>und nach oben
                        gemeldet. Der Entscheid war ebenso prompt als für Cosimo vernichtend. Er
                        wurde ins Provisorium versetzt mit verkürztem Gehalt, demjenigen Chef
                        unterstellt, der ihn bisher am kräftigsten verfolgt hatte und mit einer
                        Arbeit betraut, die allen Beamten als die unangenehmste galt.</p>
                    <p>Eine tiefe Verbitterung bemächtigte sich seiner. Seine Freunde zieh er des
                        Verrats und mir besonders warf er Untreue vor, weil ich mich geweigert
                        hatte, an seinem verunglückten Feldzuge teilzunehmen. Er erinnerte sich der
                        kleinsten Meinungsversschiedenheiten zwischen uns in unserm langjährigen
                        Verkehr und rieb sie mir als Beweise meiner Undankbarkeit ihm gegenüber
                        unter die Nase. Er wandte sich denjenigen zu, die ihn nur deshalb in den
                        ungleichen Kampf gehetzt hatten, um sich für angeblich von Seiten der
                        Verwaltung erlittene Unbill zu rächen oder um sich über die unaufhörlichen
                        Zänkereien zu amüsieren, und wurde von ihnen immer tiefer in den Sumpf
                        geritten. Eines Tages ließ er sich zu Grobheiten gegen seinen Vorgesetzten
                        hinreißen und wurde darauf kurzer Hand entlassen. Damals schrieb er mir ein
                        Billet folgenden Inhalts:</p>
                    <p>„Komme morgen, Mittwoch, über Mittag bei mir vorbei! Ich habe dir wichtiges
                        mitzuteilen."</p>
                    <p>Er wohnte damals in einer ganz entlegenen Straße, eine gute halbe Stunde von
                        mir entfernt, und da ich nur eine zweistündige Mittagspause hatte,
                        antwortete ich ihm, es sei mir nicht möglich, seinem Wunsch zu entsprechen.
                        Wenn es ihm jedoch passe, so würde ich einmal abends nach dem Nachtessen
                        oder Sonntag vormittags bei ihm vorsprechen. Mein Brief kam postwendend
                        zurück wit dem Vermerk :</p>
                    <p>„Wenn Du für einen alten Freund nicht einmal tuge Minuten übrig hast, so
                        verzichte ich auf Deinen Besuch."</p>
                    <pb n="136"/>
                    <p>Von nun an mied er mich, und ich hörte nur noch durch Dritte von ihm. Immer
                        noch lebte er im felsenfesten Glauben an die am 9. April 1910 eintretende
                        „Wendung zum Bessern“, und alle Welt machte sich lustig über ihn. Er hatte
                        wieder eine Anstellung erhalten, aber mit bedeutend niedrigerem Gehalte, als
                        er ihn früher bezogen hatte. Doch er ließ sich nicht entmutigen. Er
                        vertraute seinem Stern.</p>
                    <p>Der Morgen des 9. April 1910 war herangekommen. Als sich Frau Simon erhob, um
                        den Kaffee zu kochen, und an Cosimo’s Bett vorüberging, lag dieser bleich
                        und tot in seinen Linnen. Die „Wendung zum Bessern" war eingetreten.</p>
                </div>
                <pb n="137"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Die Prüfung.</head>
                    <p>Himmelsbach ist ein schweizerisches Mustersstädtchen. Es liegt an der
                        Landesgrenze und ist Bezirkshauptort. Als solcher besitzt es eine
                        Bezirksschule für Knaben und Mädchen, eine Vorstufe zur Kantonsschule, und
                        die Himmelsbacher sind nicht wenig stolz auf diesen Besitz. Sie betrachten
                        ihr Städtchen als halbe Universitätsstadt und hätten ihren
                        Bezirksschulmeistern schon längst den Professorentitel verliehen, wenn vom
                        Regierungsrate nicht ein entschiedenes Veto eingelegt worden wäre. Um diesem
                        Juwel von einer Bezirksschule trotzdem eine Ausnahmestellung zu verschaffen,
                        beschloß eines Tages die Himmelsbacher Schulbehörde, woran sie niemand
                        hindern konnte, bei der Aufnahme neuer Schüler nicht mehr nur auf die
                        Zeugnisse der Primarschule abzustellen, sondern von jedem und jeder der
                        zwölfjährigen Knirpse und Knirpsinnen eine Aufnahmeprüfung zu verlangen. So
                        kam es, daß die Himmelsbacher Bezirksschüler bei ihrem Übertritt in die
                        Kantonsschule alle ihre neuen Kameraden geistig um Haupteslänge
                        überragten.</p>
                    <p>Der Lehrkörper der Himmelsbacher Bezirksschule, samt und sonders im Besitze
                        des Mittelschullehrerpatents, zum Teil sogar akademischer Grade, war bei der
                        Ernennung sorgfältig ausgewählt worden und hätte jeder Schule zur Ehre
                        gereicht. Umsomehr mußte es Aufsehen erregen, als eines schönen Tages zum
                        Bezirksschullehrer <pb n="138"/>der Primarlehrer Udo Storz ernannt wurde,
                        von dem viele Leute behaupteten, es fehle ihm nicht nur die nötige Bildung,
                        sondern auch jeglicher Charakter. In Bezug auf Udo Storzens Chardckter
                        irrten sich diese Leute allerdings schwer. Das muß zur Steuer der Wahrheit
                        hier öffentlich festgestellt werden. Udo Storz hatte einen Charakter, ja
                        sogar einen ganz interessanten Charakter, einen En - tout - cas-Charakter,
                        den er in allen Lebenslagen ausprobiert hatte. Dieser En-tout-cas-Charakter
                        leistete ihm vorzügliche Dienste. Udo besaß nämlich ein entsetzlich dummes
                        Maul, ob infolge seines Temperaments oder eines Herzfehlers, darüber
                        schwanken die Angaben seiner Zeitgenossen. Tatsache ist nur, daß er heftiger
                        Art war und hie und da. aus purem Mißtrauen den oder jenen beleidigte. Um
                        dadurch nicht zu Schaden zu kommen, war er dann jeweilen genötigt, zu seinem
                        Charakter zu greifen und seine Beleidigungen zurückzunehmen. Auch in andern
                        wichtigen Lebensfragen war ihm sein Charakter unentbehrlich. So erlaubte er
                        ihm, da ihm sein eigenes Wohl suprema lex war, sich einflußreichen Leuten,
                        die ihn fördern konnten, huldvollst zu Füßen zu legen.</p>
                    <p>Was Udo Storz bewogen hatte, die Pädagogenlaufbahn zu wählen, war, außer dem
                        Glauben an seine Unfehlbarkeit, die aus seiner Schulzeit stammende Freude an
                        den Schulferien. Darin berührte er sich mit den meisten Menschen, da diese
                        im allgemeinen die Erholung der Arbeit vorziehen. Die Ferien wurden ihm so
                        zum Bedürfnis, daß er, wenn ihm die Schulzeit zu lange dauerte – etwa
                        zwischen Neujahr und Ostern oder zwischen Ostern und den Sommerferien ~ vor
                        lauter Sehnsucht nach Natur und Freiheit schwer erkrankte, wobei es nie ohne
                        einige Wochen Krantheitsurlaub abging.</p>
                    <pb n="139"/>
                    <p>Punkto Religion ließ Udo mit sich reden. Er war von Haus aus strenggläubig,
                        konnte aber auch Freidenker sein, wenn es absolut verlangt wurde. Von allen
                        Geboten war ihm das elfte am liebsten: „Laß dich nicht erwischen!‘ Wurde er
                        trotzdem einmal erwischt, so geschah es sicher nicht durch seine Schuld.</p>
                    <p>Äußerlich war Udo Storz ein hübscher Mann, nicht von großer Gestalt, aber mit
                        einem netten, runden Bürgermeisterbäuchlein. Über seinen von Gesundheit
                        stroßzenden roten Wangen blickten ein paar ganz vergnügte Augen in die Welt,
                        und seine breite Stirn war von dichtem Blondhaar umrahmt. Seine männliche
                        Schönheit war so eindrucksvoll, daß er eines höflichen und taktvollen
                        Auftretens wohl entbehren konnte. Er gehörte von Kindheit an zur société des
                        chapeaux vissés und gewährte weder dem Alter noch dem schönen Geschlechte
                        den Vortritt, was ihm übrigens beim schönen Geschlechte keineswegs schadete,
                        sondern ihn vielmehr als Naturburschen besonders begehrenswert machte,
                        umsomehr als er die Gabe besaß, unterhaltend zu sein. Er sprach gern und
                        viel und konnte stundenlang sprechen, ohne etwas zu sagen. Als zielbewußter
                        Mann hatte er seine Bildung, wie alles Überflüssige, auf das Notwendigste
                        beschränkt. Bücher besaß er keine und entlieh auch keine; dagegen war er auf
                        den „Himmelsbacher Tagesanzeiger“ und auf das „Kleine Wigblatt“ abonniert.
                        Er war ein fröhlicher Gesellschafter, lachte viel und liebte den Wein und
                        die gesottenen Forellen.</p>
                    <p>Wie die meisten Männer beschäftigte ihn das Problem der Ehe lange und
                        eingehend. Als vernünftiger Mensch verlangte er von seiner Lebensgefährtin
                        weder Schönheit noch Geist, sondern möglichst viel Barvermögen. Damit ließ
                        sich das Einkommen aufrunden, und was zur Befriedigung der
                        Herzensbedürfnisse fehlte, <pb n="140"/>das konnte bei einem gelegentlichen
                        Juheirafssa mit einem Liebchen in Weißkirchen oder einem Schätzchen in
                        Rothdorf nachgeholt werden.</p>
                    <p>Als die Lehrstelle an der Himmelsbacher Bezirksschule im Amtsblatte
                        ausgeschrieben war, meldete sich Udo als erster, troßdem er wußte, daß die
                        Wahlbehörde das Mittelschullehrerpatent verlangte. Er sagte sich eben, daß
                        Grundsätze Grundsätze bleiben, ob man sich an sie hält oder nicht. Die
                        einflußreichen Persönlichkeiten, denen er sich zur rechten Zeit huldvollst
                        zu Füßen gelegt hatte, wurden mobil gemacht und auf die Wahlbehörde gehetzt.
                        Iedes Mitglied wurde derart eingeseift, daß es vor lauter Schaum die Welt
                        nicht mehr sah. Man rühmte die Gediegenheit von Udo's Charakter, die goldene
                        Lauterkeit seines Herzens, seine ssittlich-religisöse Weltanschauung. Von
                        seinen erzieherischen Erfolgen erzählte man Wunder, die unbedingt zu seiner
                        Heiligsprechung genügt hätten. Gegen Schluß der Wahlperiode wurden die also
                        Vorbereiteten durch den Besuch des Herrn Storz in Person überrascht, der mit
                        seinem gewinnendsten Lächeln, bescheiden und doch männlich auftretend, die
                        noch Schwankenden von seiner Eignung zum Lehrer der Bezirksschule vollends
                        überzeugte. Die Wahl ging rasch und geräuschlos vorüber, und er war bereits
                        gewählt, als seine giftgeschwollenen Feinde, wie er diejenigen nannte, denen
                        er Fußtritte versetzt hatte, weil sie ihm hindernd im Lebenswege gestanden,
                        sich wider ihn erhoben.</p>
                    <p>„Ein Glück für die Bezirksschule !" seufzte er und ließ seine Blicke
                        bewundernd über sein Bäuchlein gleiten.</p>
                    <p>Die neuen Kollegen, deren Vorrechte durch die Wahl verletzt worden waren,
                        standen anfänglich gekränkt abseits. Doch die Zeit heilt alle Wunden. Udo
                        legte sich ihnen vorderhand huldvollst zu Füßen.</p>
                    <pb n="141"/>
                    <p>Es war an einem Junimorgen von strahlender Schönheit. Seit Ende April waren
                        keine Ferien gewesen, und eine schwere Krankheit hatte daher den Udo Storz
                        heimgesucht. Der Arzt fand allerdings nichts heraus, und Udo glich einer
                        blühenden Rose. Aber ein Kopfweh plagte ihn, ein abscheuliches Kopfweh! Es
                        mußte unbedingt an den Nerven liegen. Die Nerven seien zerrüttet, meinte
                        Udo. Er habe sich jedenfalls überarbeitet. Der Arzt konnte das Gegenteil
                        nicht beweisen. Er bescheinigte zuhanden des Schulvorstehers, daß Herr Storz
                        während vier Wochen aussetzen müsse, und riet seinem Patienten, sich sehr
                        viel im Freien zu bewegen. Frau Storz trug ihrem armen kranken Manne das
                        Fahrrad aus der Wohnung die beiden Treppen hinunter auf die Straße, küßte
                        ihm die Schmerzen von der Stirn und wünschte ihm gute Genesung.</p>
                    <p>Udo radelte davon. „Ein vortrefflicher Arzt!" sagte er sich. Den mußte er
                        sich warm halten. Gewiß, gegen diese heillose Nervosität gab es nur ein
                        Mittel, und das war die Bewegung im Freien. Er radelte über Berg und Tal,
                        durch üppige Wiesen und plätschernden Bächen entlang. Im Schatten
                        rauschender Buchen und Eichen pflegte er der Ruhe, um dann mit erneuter
                        Kraft weiter zu radeln.</p>
                    <p>Die Uhr am Kirchturme von Grüneck schlug die Mittagstunde, als Udo in das
                        breit ins Tal ausladende, behäbige Dorf einzog. Unter der Jahrhunderte alten
                        Linde vor dem geräumigen Gassthause zum schwarzen Ochsen sprang er vom Rad,
                        schloß dieses fest und stieg die breite Freitreppe hinan. Eine auffallend
                        schöne Frau in der Mitte der Dreißigerjahre empfing ihn und führte ihn in
                        das Gastzimmer, wo bereits einige Udo unbekannte Ausflügler des Mittagessens
                        harrten.</p>
                    <p>Während Udo sich einen Plat; suchte, trat die Wirtin, Frau Witwe Kunigunde
                        Holzschuh, zu den übrigen <pb n="142"/>Gästen, um sie zu begrüßen und die
                        üblichen Worte vom schönen Wetter und vom reichen Kirschenertrag
                        auszutauschen. Unterdessen wurde sie von Udo genau betrachtet. Sie war etwas
                        größer als er, hatte dichtes kastanienbraunes Haar, das über der hohen
                        weißen Stirn in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopfe in mächtigen Zöpfen
                        aufgesteckt war. Große dunkelgraue Augen, von kräftigen Brauen überwölbt und
                        langen Wimpern überschattet, blickten klug, manchmal auch etwas mutwillig in
                        die Welt. Die Wangen waren von einem gesunden Rot übergossen und verrieten,
                        gleichwie die etwas fleischige, aber nicht unschöne Nase, die bäuerliche
                        Abstammung ihrer Besitzerin. Der schön geschnittene, festgeschlossene Mund
                        und das wuchtige Kinn ließen auf eine nicht gewöhnliche Energie schließen.
                        Ein schlichtes schwarzes Wollkleid umschloß die feste, beinahe üppige
                        Gestalt und ließ einen tadellosen weißen Hals frei. Die Hände, welche, als
                        Udo mit seinen prüfenden Blicken bei ihnen angelangt war, eben die Bänder
                        des schwarzseidenen Schürzchens fester knüpften, waren keine roten
                        Mägdehände, trotzdem man ihnen ansah, daß Frau Kunigunde vor der Arbeit
                        nicht zurückschreckte, wenn die Not es erforderte.</p>
                    <p>Frau Kunigunde war seit zwei Jahren verwitwet und führte seither den weit und
                        breit vorteilhaft bekannten und gerne besuchten schwarzen Ochsen weiter.
                        Einer Wiederverheiratung war sie nicht abgeneigt; aber der erste Beste
                        durfte ihr nicht kommen, und ein Dutzend abgeblitzter Freier war bereits mit
                        mehr oder weniger gebrochenem Herzen abgezogen. Es war ihr auch nicht
                        entgangen, daß Udo’s Augen vom Momente seines Eintrittes an ihr mit
                        sichtbarem Wohlbehagen gefolgt waren, daß aber, wenn er auch den Trauring in
                        der Westentasche verborgen haben mochte, der Goldfinger der linken Hand vor
                        dem Fingeransatze eine leichte <pb n="143"/>Einbuchtung, den untrüglichen
                        Beweis für das Verheiratetsein Udo’s, aufwies. Als gewandte Geschäftsfrau
                        ließ sie sich nichts anmerken, sondern setzte sich, nachdem er sein
                        Mittagessen mit glänzendem Appetite verzehrt hatte und beim schwarzen Kaffee
                        angelangt war, zu ihm, um einige Minuten bei ihm zu verplaudern.</p>
                    <p>Udo war früher bei manchen seiner Vergnügungsfahrten in den schwarzen Ochsen
                        gekommen, hatte sich aber damals nicht stark um die Wirtsleute gekümmert, da
                        sich die Frau selten unter den Gästen gezeigt hatte und mit dem Wirt, einem
                        freundlichen, aber robusten blonden Hünen, nicht zu spasssen war. Später
                        fand er anziehendere Ausflugsziele und blieb weg. Vom Ableben Holzsschuh’s
                        hatte er nie etwas gehört und war nun angenehm überrascht, dieses Kleinod
                        von einer Witwe entdeckt zu haben. Er stellte sich als Lehrer der
                        Bezirksschule in Himmelsbach vor und suchte sich bei der Frau anzubiedern
                        durch das Flatternlasssen äußerst solider Ansichten über Staat, Gemeinde,
                        Familie und Erziehung. Mitten im Schwadronieren wurde er unterbrochen durch
                        den Eintritt eines reizenden elfjährigen Blondkopfs von einem Mädchen mit
                        prachtvollen, tiefblauen Augen. Frau Kunigunde bezeichnete das Kind als ihr
                        Töchterchen Elisabeth und giug mit ihm, sich Udo gegenüber entsschuldigend,
                        davon. Dieser wartete noch eine gute Stunde auf die Rückkehr Frau
                        Kunigunde’s, doch umsonst. Schließlich bezahlte er dem aufwartenden Mädchen
                        die Zeche und radelte heimwärts, mit rotglühendem Kopfe vor lauter Alkohol
                        und Liebe.</p>
                    <p>Die Fahrten nach Grüneck wurden wiederholt, vorerst in größern Abständen,
                        gegen das Ende seines Krankheitsurlaubs beinahe täglich. Nach und nach wurde
                        er bei Frau Kunigunde zutäppisch, verlängerte unnötigerweise seinen
                        Händedruck, ließ anzügliche Bemerkungen <pb n="144"/>fallen und versuchte
                        endlich gar, die hübsche Frau um die Taille zu fassen, wobei er allerdings
                        elend Fiasko machte; denn Frau Kunigunde entfernte seinen Arm mit einer
                        Kraft, die er in ihr nicht vermutet hätte, und ließ ihn allein sitzen.</p>
                    <p>Udo, weit entfernt, sich dadurch abkühlen zu lassen, verdoppelte seine
                        Anstrengungen. Beim Wiederantritt seiner Schultätigkeit standen ihm hiezu
                        allerdings nur noch die freien Nachmittage zur Verfügung. Die aber benützte
                        er regelmäßig zu seinen Fahrten nach Grüneck. Hie und da schleppte er, um
                        den Schein zu wahren, seine Freunde mit, rühmte ihnen den Wein und das gute
                        Esssen im schwarzen Ochsen und richtete in ihrer Gegenwart kein
                        überflüssiges Wort an Frau Kunigunde. Kam er aber allein, so schmachtete er
                        sie an und schwatzte ihr all’ das ungereimte Zeug vor, dessen sich Verliebte
                        bei schönen Frauen so gerne bedienen, nicht ahnend, daß diese Frauen
                        denselben Unsinn schon Dutzende von Malen zu hören bekamen.</p>
                    <p>Ein unscheinbares Ereignis brachte Udo eine kleine Abkühlung. Beim
                        Hervorziehen einer Banknote aus der Westentasche war in Frau Kunigundens
                        Gegenwart sein Trauring auf den Boden gefallen. Das war Pech! Udo wurde
                        zündrot und bückte sich rasch, um den Ring an sich zu nehmen und wieder in
                        die Tasche zu stecken.</p>
                    <p>„Behalten Sie ihn ruhig am Finger! Sie verlieren ihn weniger," bemerkte Frau
                        Kunigunde lächelnd.</p>
                    <p>„Ich trage ihn stets in der Tasche beim Velofahren, damit er nicht zerkratzt
                        wird,“ entgegnete Udo, streifte aber den Ring doch an den Finger.</p>
                    <p>Das Erscheinen der kleinen Elisabeth machte seiner Verlegenheit ein Ende. Er
                        nahm das Kind bei der Hand und fragte es freundlich:</p>
                    <p>„Wie alt bist du eigentlich, Elisabeth ?"</p>
                    <pb n="145"/>
                    <p>„Elf gewesen, Herr Lehrer."</p>
                    <p>„In welche Klasse gehst du jetzt?“</p>
                    <p>„In die sechste."</p>
                    <p>„Da kommt sie ja nächstes Jahr zu uns in die Bezirksschule?“ wandte sich Udo
                        an die Mutter.</p>
                    <p>„Nein, ich habe die Absicht, sie hier die Schule beendigen und dann im
                        Welschland das Fehlende nachholen zu lassen."</p>
                    <p>„Warum das, wenn man in der Nähe so eine ausgezeichnete Schule hat?" fuhr Udo
                        fort.</p>
                    <p>„Das Kind ist allerdings begabt und hätte die Aufnahmeprüfung nicht zu
                        fürchten,“ gab Frau Kunigunde zur Antwort. „Allein mit diesen Prüfungen ist
                        es so eine eigene Sache. Die Kinder vom Lande sind im allgemeinen schüchtern
                        und befangen, und Elisabeth übertrifft an Menschenscheu alle ihre
                        Kamerädchen. Solche Kinder bestehen Prüfungen nur schwer oder gar nicht, und
                        ein Mißerfolg würde hart auf Elisabeth lasten."</p>
                    <p>„Befürchten Sie nichts, Frau Holzschuh! Ich bin in der glücklichen Lage, die
                        Aufnahme Ihres Kindes in die Bezirksschule durchsetzen zu können. Ich habe
                        nämlich die Prüfungen abzunehmen, und mein Wort gilt etwas! Den Rektor habe
                        ich vollständig in der Tasche. Der tanzt nach meiner Pfeife.“</p>
                    <p>„Pst! Ihr Rektor sitzt im Gastzimmer nebenan und klopft mit dreien Ihrer
                        Kollegen einen Zuger.1)"</p>
                    <p>Udo ging in den Flüsterton über.</p>
                    <p>„Das hätten Sie mir auch gleich sagen können! Ich habe übrigens nur bildlich
                        gesprochen. Aber tatsächlich habe ich mir durch meine Tüchtigkeit, meinen
                        Ernst, meine restlose Hingabe an die großen Erziehungsprobleme der Gegenwart
                        “</p>
                    <p>Frau Kunigunde lächelte.</p>
                    <p>1) Zuger-Jaß, ein Kartenspiel.</p>
                    <pb n="146"/>
                    <p>„Lachen Sie nicht, Frau Holzschuh! Ich habe mir eine Stellung erworben, die
                        mich hoffen läßt, selbst Rektor zu werden, wenn einmal der Alte abkratzt!
                        Freiwillig geht er ja nicht.“</p>
                    <p>„Pst! Er sitzt nebenan."</p>
                    <p>„Ich rede ja nur bildlich, Frau Holzschuh. Doch sehen wir von meiner
                        Persönlichkeit ab! Wir Lehrer sind im allgemeinen eine Macht im Staate.
                        Gesett, wir haben einen Feind: wissen Sie, wie wir uns rächen können? Ganz
                        einfach! Der Feind hat Kinder, er muß sie der Schule übergeben, wir kriegen
                        sie in die Finger und können sie quälen bis auf's Blut."</p>
                    <p>Frau Kunigunde war starr. Iede Antwort wäre ihr im Halse stecken geblieben.
                        Ein solches Maß von Herzlosigkeit war ihr unbegreiflich an einem Menschen,
                        dem es vergönnt war, täglich seine Blicke in den reinen Blütengarten der
                        Kindheit versenken zu dürfen. Wollte er ihr imponieren oder gar drohen mit
                        dieser vom Zaune gerissenen Bemerkung? Udo schien ihre Gedanken zu erraten;
                        denn er fügte bei:</p>
                    <p>„Das war natürlich nur bildlich gesprochen. Ich liebe die Kinderlein und
                        könnte keinem das geringste Unrecht antun. Mein einziger Fehler ist meine
                        Offenheit. Ich trage das Herz auf der Zunge, und jeder Gedanke, mir oft kaum
                        bewußt, fliegt mir durch den Mund davon.“</p>
                    <p>Allein das verhängnisvolle Wort war gesprochen. Frau Kunigunde war zu sehr
                        Mutter, um das Davonfliegenlassen derartiger Gedanken leicht zu nehmen. Sie
                        sah im Geiste die blonde Unschuld ihres Kindes in den Händen Udo Storzens,
                        „gequält bis auf's Blut,“ und die Lust, sich mit ihm zu unterhalten, war ihr
                        vergangen. Sie wurde einsilbig, und Udo empfahl sich schließlich, sich
                        bittere Vorwürfe über seine „Offenheit“ machend.</p>
                    <pb n="147"/>
                    <p>Die Äußerung Udo’s hatte Frau Kunigunde von dem Gedanken, ihr Töchterchen in
                        die Bezirksschule nach Himmelsbach zu schicken, abgebracht. Die beiden
                        Grünecker Lehrer kannte sie und vertraute ihnen. Der eine war ein braver
                        alter Mann, geistig schwer beweglich, aber ein erfahrener Erzieher, vor
                        dessen Augen die Kinderherzen ausgebreitet waren wie aufgeschlagene Bücher.
                        Der andere war ein junger Idealist, noch etwas unreif, aber erfüllt von den
                        edelsten Absichten. Eine Gelehrte wollte sie aus ihrem Kinde nicht machen,
                        und für den Hausgebrauch genügte das Grünecker Pensum.</p>
                    <p>Udo Storz ließ jedoch nichts unversucht, um die Elisabeth Holzschuh als
                        Schülerin für die Bezirksschule zu gewinnen. Bei keiner Gelegenheit vergaß
                        er, die Bezirksschule, sich und seine Methoden herauszustreichen. Frau
                        Kunigunde war es unklar, warum er in dieser für ihn so untergeordneten
                        Angelegenheit eine so zähe Ausdauer bewies. Schließlich glaubte sie in ihrem
                        Mutterstolz, Udo wisse vielleicht von einem Grünecker Lehrer, welch
                        ausgezeichnete Schülerin Elisabeth sei und er wünsche als Pädagoge mit ihr
                        zu glänzen. Sie kam auf ihren Entschluß zurück und meldete ihr Kind in der
                        Bezirksschule Himmelsbach an. Udo fühlte seine Stellung bei ihr wieder neu
                        gefestigt, und er setzte auch im strengsten Winter seine Besuche in Grüneck
                        fort.</p>
                    <p>Ende Februar hatte ein in seiner Lieblichkeit seltener Vorfrühling eingesezt.
                        Die roten Blütenknospen der Aprikosen waren über Nacht aufgebrochen und die
                        unerfrorenen und unverfrorenen Brummfliegen patschten an die Scheiben der
                        Vorfenster. Die Sonne lockte den ersten Veilchen, und unter dem Einflusse
                        ihres milden Lichtes war Udo Storz wieder schwer nervenleidend geworden.
                        Vier Wochen Erholungsurlaub hatte ihm der Arzt vorgeschrieben, was absolut
                        nicht zu viel war, wenn <pb n="148"/>man bedenkt, daß das öde Einerlei der
                        Schule nun schon wieder seit Neujahr dauerte. Was sind vier Wochen zum
                        Auskosten der schönen, weiten Welt? Frau Kunigunde Holzschuh hatte wieder
                        ihren täglichen Kurgast, und schon überlegte sie sich ernsthaft, wie sie
                        sich den aufdringlichen Menschen fern halten könne, als ihr der Zufall zu
                        Hilfe kam.</p>
                    <p>In den ersten Tagen des März war Udo an einem Vormittage mit seiner Frau über
                        die Grenze spaziert, um im deutschen Nachbarorte für sie einen Mantel zu
                        kaufen. Dort waren nämlich aus irgend einem Grunde, über welchen die
                        Himmelsbacher heute noch nicht einig sind, die Kleider billiger als in
                        Himmelsbach, namentlich aber dann, wenn es gelang, den Zoll zu umgehen. Udo
                        Storz war nun kein Schmuggler von Profession; es war ihm nur zu umständlich,
                        den Zoll zu bezahlen für Waren, die er jenseits der Grenze holte. Seiner
                        Ansicht nach war der Zoll überhaupt nur für diejenigen da, die
                        wagenladungsweise. Waren einführten, oder für die dummen Teufel, unter
                        keinen Umständen aber für den Udo Storz.</p>
                    <p>Frau Storz war ohne Mantel ausgerückt. Auf dem Heimwege zog sie das gekaufte
                        Kleidungsstück an, und als das Paar die Grenze passierte, schritt Udo wie
                        ein Triumphator daher.</p>
                    <p>Von dem abgenutzten grauen Bänkchen vor dem Zollhause erhob sich ein
                        Grenzwächter und trat auf Udo zu.</p>
                    <p>„Haben Sie etwas zu verzollen?“</p>
                    <p>„Nein, wir haben nichts,“ antwortete Udo.</p>
                    <p>„Sie auch nicht?“ wandte sich der Grenzwächter noch besonders an Frau Storz.
                        Da brauste Udo auf:</p>
                    <p>„Wenn ich sage, daß wir nichts zu verzollen haben, so gilt das auch für meine
                        Fraul Ich bin Lehrer an der Bezirksschule und verbiete Ihnen, die
                        Richtigkeit meiner Angaben zu bezweifeln!"</p>
                    <pb n="149"/>
                    <p>„Gut, so kommen Sie gefälligst ins Büro!“</p>
                    <p>Er wies den beiden den Weg und öffnete die Türe zum Zollamte, um Frau Storz
                        vorangehen zu lassen. Udo aber, von dem einzigen Wunsche beseelt, dem
                        Grenzwächter zu zeigen, wer Meister sei in der Familie Storz, drängte sich
                        vor, um als Erster das Büro zu betreten, und begann alsbald, im Brusttone
                        der Überzeugung auf den mit schriftlichen Arbeiten beschäftigten
                        Zolleinnehmer einzureden und des Langen und Breiten zu erklären, daß er an
                        seinem Kredite geschädigt worden sei und von der Zollverwaltung
                        Schadenersatz verlange. Endlich ließ er den Grenzwächter zu Worte
                        kommen.</p>
                    <p>„Der Herr verneinte meine Frage nach zollpflichtigen Waren, trotzdem seine
                        Frau einen neuen, heute morgen drüben gekauften Mantel trägt."</p>
                    <p>„Beweisen Sie mir das!“ kreischte Udo, außer sich über die Anmaßung des
                        Angestellten.</p>
                    <p>„Beweisen? –~ Ich habe mehrere Zeugen, die Ihre Frau heute morgen die Grenze
                        ohne Mantel passieren sahen," gab der Grenzwächter ruhig zurück. „Dahinten
                        hängt übrigens noch die Etikette."</p>
                    <p>Lächelnd trennte er eine Papieretikette vom Kragen. Udo erblaßte, aber nur
                        für einen Augenblick; denn schon hatte er ersspät, daß die Etikette nur die
                        Stoffqualität bezeichnete, ohne einen Firmenaufdruck zu enthalten. Er faßte
                        sich rasch und bemerkte:</p>
                    <p>„Die Etikette beweist nichts. Der Mantel ist allerdings neu; allein ich
                        selbst habe ihn hier in Himmelsbach gekauft. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,
                        Herr Einnehmer!“</p>
                    <p>„Bei wem haben Sie ihn gekauft?" fragte nun der Einnehmer.</p>
                    <p>Durch diese Frage einigermaßen überrumpelt, antwortete Udo:</p>
                    <p>„Bei Fri –bei Leh — bei Hasenfratz und Sie.“</p>
                    <pb n="150"/>
                    <p>„Gut, so bringen Sie uns eine Bescheinigung von Hasenfratz und Sie. oder die
                        Rechnung!“ erwiderte der Einnehmer und wandte sich an Frau Storz: „Darf ich
                        Sie bitten, den Mantel auszuziehen, damit ich ihn abwiegen kann?“</p>
                    <p>Nachdem sich Frau Storz ihres Mantels entledigt hatte, wurde er auf die Wage
                        gelegt. Der Einnehmer stellte das Gewicht fest und fuhr fort:</p>
                    <p>„Sie haben zwanzig Franken zu hinterlegen für die allfällige Buße oder den
                        Mantel hierzulassen, bis die Bescheinigung von Hassenfratz und Sie.
                        vorliegt.“</p>
                    <p>Wütend warf Udo vier Fünffrankenstücke auf das Schalterbrett, gab
                        zornschnaubend seine Personalien an und stürmte davon, gefolgt von seiner
                        heulenden Frau. Daß so etwas gerade ihm passsieren mußte, ihm, dem Udo
                        Storz, dem anerkannt besten, an die äußere und innere Vollkommenheit
                        grenzenden Lehrer der Bezirksschule Himmelsbach! Und wer war schuld? Für wen
                        war der Mantel bestimmt? Für seine Frau natürlich. Für seine Frau hatte er
                        bare vierzig Mark ausgelegt, und zum Danke dafür bereitete sie ihm eine
                        solche Blamage. Läßt man denn an einem Mantel, den man zu schmuggeln
                        beabsichtigt, eine weiße Poapieretikette hängen?</p>
                    <p>„Du bist die größte Gans, die der Erdboden trägt!“ erklärte er ihr, als sie
                        zu Hause angelangt waren. „Ich esse heute auswärts. Trag’ mir mein Velo
                        vor's Hausl“</p>
                    <p>Beglückt darüber, daß es noch so glimpflich abgelaufen war, trug Frau Storz
                        das Fahrrad die zwei Treppen hinab auf die Straße, und Udo fuhr nach
                        Grüneck, um sich bei Frau Kunigunde Holzschuh Trost zu holen.</p>
                    <p>Seine Stimmung glich in nichts der Frühlingslandschaft, die er, wütend die
                        Pedale bearbeitend, mit zwanzig <pb n="151"/>Kilometer Geschwindigkeit
                        durchraste. Der Südostwind säuselte zärtlich über ihn hin, die Sonne sandte
                        ihr liebreizendstes Märzlächeln hernieder, die Amseln rollten ihre Pfiffe
                        und Finken und Meisen äugten ihn zwitschernd aus Busch und Hecken an. Udo
                        aber hörte nichts und sah nichts. Der Gedanke an seine Hinterlage von
                        zwanzig Franken erfüllte sein Gehirn bis in die letzte Windung, schnürte
                        seinen Hals zu, bis er nach Luft schnappen mußte. Seine Mundwinkel zogen
                        sich abwärts und seine Schelmenäuglein brannten in sehnsüchtiger Gier nach
                        dem verlorenen Geld.</p>
                    <p>Auch nach Udo’s Ankunft in Grüneck trat zunächst in dessen Befinden keine
                        Besserung ein, da sich Frau Kunigunde vorerst lange nicht zeigen wollte und
                        er daher keinen Menschen hatte, dem gegenüber er sein Inneres erleichtern
                        konnte. Hastig verschlang er sein Essen und noch hastiger trank er den ihm
                        vorgesetzten neuen Walliser, so daß er, als Frau Kunigunde endlich
                        herbeikam, ihn zu begrüßen, bereits am zweiten halben Liter saß.</p>
                    <p>Frau Kunigunde kam ihm so schön vor wie noch nie. Es war, als ob ein Teil des
                        Frühlingstages sich in sie verkrochen hätte und aus ihr heraus sein
                        Versteckspiel triebe, so glänzten ihre großen, lachenden Augen, so glühten
                        ihre Wangen, so blitzten ihre Zähne zwischen den schwellenden Lippen hervor.
                        Nach einem von Udo empfangenen zärtlichen Händedruck setzte sie sich zu ihm
                        und hörte ihm wie geistesabwesend, den irgend eine tiefe Seligkeit
                        wiederspiegelnden Blick an ihm vorbeigerichtet, zu, während er sein
                        Mißgeschick schilderte und seines Zornes Schale über das ahnungslose Haupt
                        seiner Frau ergoß. Er tönte eine wahrscheinliche baldige Scheidung von ihr
                        an und erwartete nun, Frau Kunigunde werde ihm sofort um den Hals fallen. Da
                        diese Wirkung ausblieb, trank er in seiner Enttäuschung immer mehr und
                        vertraute in seinem <pb n="152"/>Dusel Frau Kunigunde Dinge an, die er bis
                        jetzt seinem besten Freunde verschwiegen hatte. Daneben renommierte er mit
                        seiner Iugend und seiner Kraft und behauptete, als die Frau scheinbar einen
                        raschen Blick nach den leicht ergrauten Haaren an seinen Schläfen warf, das
                        komme vom jahrelangen Brachliegen seiner haushohen Intelligenz an der
                        Primarschule. Um seine Leistungsfähigkeit zu illustrieren, gab er seine
                        Liebesabenteuer zum Besten, ohne auch nur die Namen seiner Opfer zu
                        verschweigen.</p>
                    <p>Frau Kunigunde hörte nur mit halbem Ohre zu, ohne zu antworten. Udo’'s
                        Geschwätz widerte sie an. Schließlich tat sie dergleichen, als ob irgend ein
                        Vorgang auf der Straße sie interessiere. Sie erhob sich und trat hinter die
                        Vorhänge ans Fenster. Udo, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie allein
                        waren, folgte ihr. Er hielt den Augenblick für gekommen, der ihm die
                        Erfüllung seiner Wünsche bringen mußte, umfaßte rasch ihren Hals und wollte
                        ihren Mund küssen. Der Kuß traf aber auf die Nase; denn Frau Kunigunde hatte
                        den Angriff geahnt und ihrem Kopf eine andere als die von Udo gewünsche
                        Wendung gegeben. Mit einem Ruck machte sie sich frei und ging gemessenen
                        Schrittes zur Gaststube hinaus und die breite Eichentreppe hinan, die nach
                        dem oberen Stockwerke führte. Udo hatte sich alsbald von seiner Verblüffung
                        erholt. Er eilte ihr nach, erwischte sie auf der Plattform, welche die
                        Treppe unterbrach, und schlang seine Arme um ihren Körper. Frau Kunigunde
                        drehte sich gegen die untere Treppenhälfte, packte Udo mit beiden Händen so
                        kräftig um den Hals, daß er seine Arme sinken ließ, und warf ihn die Treppe
                        hinunter. Unten empfing ihn der Hausknecht, der eben vom Flur aus seine
                        handfeste Meisterin bewundert hatte, und beförderte ihn vollends auf die
                        Straße.</p>
                    <pb n="153"/>
                    <p>Mühsam arbeitete sich Udo auf die Beine. Gebrochen war nichts: aber das
                        rechte Knie und das Kreuz schmerzten ihn, und das zerschundene Gesicht
                        brannte ihn wie das höllische Feuer. Seine schöne Hose wies am rechten Knie
                        einen Riß auf, der sich fast rund um das Bein zog. Außerdem hatte ihm der
                        Hausknecht alle Wesstenknöpfe weggerissen. Während er den Schaden
                        betrachtete, versammelte sich ein Dutzend Kinder mit mitleidigen Gesichtern
                        um ihn her.</p>
                    <p>Er hinkte deshalb so rasch als möglich zu seinem Fahrrad und fuhr nach
                        Hause.</p>
                    <p>Seiner Frau erzählte er, er sei vom Rade gestürzt. Sie glaubte es ihm und
                        machte ihm, still besorgt um sein Wohl, kühlende Umschläge und strich ihm
                        Zinksalbe auf seine Schürfungen.</p>
                    <p>Seine Nervenkrankheit ließ er diesmal nicht volle vier Wochen andauern; denn
                        mitte März fanden die Aufnahmeprüfungen in die Bezirksschule statt, und er
                        war, wie er sich sagte, es sich selber schuldig, die Aufnahme der Elisabeth
                        Holzschuh mit allen Mitteln zu verhindern. Diese Kunigunde mußte wissen, mit
                        wem sie es zu tun hatte. Er rechnete zusammen, was er im schwarzen Ochsen in
                        Grüneck für Speisen und Getränke schon ausgegeben hatte, wobei er auf eine
                        ungeheuerliche Summe kam, und schauderte ob der Undankbarkeit dieses
                        Weibes.</p>
                    <p>„Alles für nichts und wieder nichts!“ stöhnte er. „Ich habe eine Schlange an
                        meinem Busen genährt.“</p>
                    <p>Sofort nach dem Wiederantritt seines Schuldienstes überzeugte er sich, daß
                        Frau Kunigunde ihr Kind zur Aufnahme angemeldet hatte. Mit den Prüfungen
                        wurde jeweilen Uto vom Rektor betraut, und über das Ergebnis hatte er
                        niemanden Rechenschaft abzulegen. Es war ihm daher ein Leichtes, ein Kind,
                        das ihm nicht behagte, durchfallen zu lassen. Daß er Frau <pb n="154"/>Kunigunde selber bewogen hatte, Elisabeth anzumelden, verursachte ihm kein
                        großes Unbehagen. Um so empfindlicher hoffte er, sie durch seinen Streich zu
                        treffen. Vergnügt blickte er durch das Fenster des Lehrerzimmers und malte
                        sich ihren Schmerz aus beim Empfang der Nachricht, daß ihr Töchterchen
                        unfähig war, die Prüfung zu bestehen.</p>
                    <p>Der Tag der Rache kam. Elisabeth fuhr frohgemut nach Himmelsbach; denn ihr
                        Grünecker Lehrer hatte ihr versichert, sie werde eine der Besten sein. Doch
                        sie kehrte weinend zurück. Sie glaube nicht, daß sie angenommen werde,
                        erzählte sie ihrer Mutter. Herr Storz habe sie gleich bei Beginn der Prüfung
                        grob angefahren, ihr rasch aufeinander immer neue Fragen gestellt, bevor sie
                        Zeit gehabt habe, die alten zu beantworten, und ihr fortwährend
                        dreingeschwatzt, so daß sie schließlich ganz verwirrt geworden sei. Auch bei
                        der schriftlichen Prüfung habe er sie immer am Schreiben gestört und ihr zum
                        Schluß vor allen Kindern erklärt, sie sei zu dumm für die Bezirksschule.</p>
                    <p>Frau Kunigunde begann etwas zu ahnen.</p>
                    <p>„Bis wann erfahrt ihr, ob ihr aufgenommen werdet?“</p>
                    <p>„Morgen nachmittag um vier Uhr müssen wir uns wieder einfinden.“</p>
                    <p>„Ich werde mit dir gehen."</p>
                    <p>Trotz allem Hudelwetter, das eingesetzt hatte, ließ es sich Frau Kunigunde
                        nicht nehmen, ihr Kind zu begleiten. Sie zog ihr bestes Kleid an, band sich
                        den feinen weißen Spitzenschleier um den eleganten Hut und begab sich ohne
                        viele Worte mit der ihre schöne Mutter immer wieder von der Seite
                        anstaunenden Elisabeth nach der Bahn. Alle ihre Bekannten zogen tief den Hut
                        vor der stattlichen Erscheinung.</p>
                    <p>Vor dem Schulhause angekommen, ließ sie Elisabeth allein eintreten und
                        erwartete sie vor der Türe.</p>
                    <pb n="155"/>
                    <p>Bald stürmten die Kinder fröhlich jubelnd heraus. Sie waren beinahe alle,
                        wenn auch nicht endgültig, so doch wenigstens zur Probe aufgenommen worden.
                        Hinter den Letzten schlich Elisabeth heran, bleich wie der Tod. Frau
                        Kunigunde wußte genug.</p>
                    <p>„Ist Herr Storz drinnen?"</p>
                    <p>„Im ersten Stock steht er vor dem Schulzimmer.“</p>
                    <p>„Erwarte mich hier, Elisabeth!"</p>
                    <p>Frau Kunigunde streifte rasch ihre Handschuhe ab, übergab sie samt ihrem
                        Ledertäschchen Elisabeth und stieg ruhig die breite Steintreppe hinan. Von
                        weitem schon hörte sie Udo’s gröhlendes Wirtshausgelächter. Im Korridor des
                        ersten Stockes stand er, den sie suchte, mitten unter einer Gruppe von
                        ältern, zu allerlei Handreichungen aufgebotenen Bezirksschülerinnen und ließ
                        sich angackern wie der Hahn im Hühnerhofe. Frau Kunigunde zog ihren Schleier
                        in die Höhe und trat festen Schrittes auf ihn zu. Die Mädchen wichen
                        unwillkürlich zurück. Udo erblaßte.</p>
                    <p>„Ich bin gekommen, um mit Ihnen abzurechnen, Herr Storz! Sie sind nämlich der
                        niederträchtigste Schuft, der mir in meinem Leben begegnet ist!“</p>
                    <p>Und = klaps! = hatte er links eine Ohrfeige und ~ klaps! — rechts eine. So
                        ging's ein Weilchen hin und her. Ein von dem Geschrei der Mädchen
                        herbeigerufener Kollege Udo's wollte ihm zu Hilfe kommen, flog aber unter
                        dem Einfluß einer energischen Armbewegung Kunigunde's an die Wand.</p>
                    <p>Nach beendigtem Gericht wandte sich die schöne Frau, mit Tränen des Zornes in
                        den Augen, aber stolz, wie eine Göttin, der Treppe zu und verschwand.</p>
                </div>
                <pb n="156"/>
                <div type="chapter">
                    <head>Anno 1914.</head>
                    <p>Fridolin Murzbacher von Basel war als ein tapferer Mann bekannt. Kein Mensch
                        seiner Umgebung hätte je gewaat, ihn der Feigheit zu zeihen. Es wäre ihm
                        schlecht bekommen; denn Fridolin Murzbacher erklärte allen, die es hören
                        wollten, daß er jede Beleidigung mit einer Ohrfeige und jede Ohrfeige mit
                        einem Totschlag räche. Schillers „Tell“ kannte er von vorn nach hinten und
                        von hinten nach vorn auswendig und spickte seine Reden mit patriotischen
                        Zitaten. Sein höchstes Ideal war Arnold von Winkelried, und seinen sechs
                        Kindern schärfte er jeden Tag ein, daß der Tod fürs Vaterland das schönste
                        sei auf Erden.</p>
                    <p>Als kinderreichem Familienvater war es Fridolin schwer geworden, eine Wohnung
                        zu finden, und er hatte deshalb an der Peripherie der Stadt ein Häuschen
                        gekauft und freute sich nun seit Iahren seines Besitzes, aber immer wieder
                        mit der Stauffacherin betonend :</p>
                    <p>Wüsßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,</p>
                    <p>Den Brand würf ich hinein mit eigner Hand.</p>
                    <p>So standen die Dinge, als Fridolin Mitte Juli des Kriegsjahres 1914 seinen
                        dreiwöchigen Erholungsurlaub antrat. Er pflegte diesen Urlaub zu Hause
                        zuzubringen, machte aber mit seinen Kindern fast täglich Ausflüge auf die
                        Hügel und Burgen in der Umgebung der Stadt, zeigte den Kindern ihr schönes
                        Vaterland von den fruchtbaren Tälern bis an die Schneekoppen der fernen
                        Alpen und erzählte ihnen, wie dieses Land seine Freiheit nur der Tapferkeit
                        der Ahnen verdanke. Dann jubelten alle und sangen:</p>
                    <pb n="157"/>
                    <l>Heil dir, Helvetia!</l>
                    <l>Hast noch der Söhne ja,</l>
                    <l>Wie sie Sankt Jakob sah:</l>
                    <l>Freudvoll zum Streit!</l>
                    <p>Als er eines Abends von einem solchen Spaziergange zurückkehrte und die
                        Zeitung zur Hand nahm, schrack er zusammen. Österreich hatte Serbien ein
                        Ultimatum übermittelt.</p>
                    <p>„Schrecklich Schrecklich!“ klagte er und starrte immer wieder nach dem
                        Telegramm im Zeitungsblatt.</p>
                    <p>„Was ist dir?“ fragte seine Frau. „Was ist geschehen? ~ Du bist ganz
                        bleich!“</p>
                    <p>„Ein Ultimatum!“ stöhnte Fridolin. „Der Österreicher hat an den Serben ein
                        Ultimatum gerichtet.“</p>
                    <p>„Wenn das alles ist, so laß das Ultimatum Ultimatum sein und iß jetzt, sonst
                        wird's kalt."</p>
                    <p>Fridolin betrachtete seine Frau halb mitleidig, halb mit dem Blicke des
                        gereiften Politikers, legte die Zeitung neben sich auf den Tisch und hub an:
                        „Weißt du, was dieses Ultimatum bedeutet? Dieses Ultimatum bedeutet den
                        Weltkrieg. – Der Serbe nimmt die Forderungen des Desterreichers nicht an,
                        weil ihm vom Russen der Rücken gestärkt wird. Der Österreicher erklärt daher
                        dem Serben den Krieg. Der Russe läßt den Serben nicht im Stich und erklärt
                        dem Österreicher den Krieg, der Deutsche dem Russen, der Franzose dem
                        Deutschen, der Italiener dem Franzosen, der Engländer dem Deutschen,
                        Italiener und Österreicher, der Spanier und der Portugiese ebenfalls, der
                        Türke und der Japaner dem Russen, der Chinese und der Amerikaner dem
                        Japaner, der Rumäne holt sich Bessarabien, der Bulgare Ost-Thrazien, der
                        Grieche die Inseln. Der Montenegriner hilft dem Serben, der Aegypter, der
                        Inder und der Marokkaner machen Aufstände "</p>
                    <pb n="158"/>
                    <p>„Und der Schweizer ?“ warf Frau Murzbacher endlich lächelnd in das
                        ethnologische Sammelsurium.</p>
                    <p>„Der Schweizer bleibt natürlich neutral, wenn er kann. Aber auch wenn er
                        neutral bleibt, ist seine Stellung äußerst schwierig. Von allen Seiten ist
                        ihm die Zufuhr abgeschnitten. Er verhungert. Die Banken geraten in Konkurs.
                        Er verliert sein Geld. Der Krieg ist da, basta! Nach dem Nachtessen wird
                        eine Liste aller Bedarfsartikel aufgestellt. Am Montag nimmst du den
                        Kinderwagen und Schangis Leiterwagen und kaufst ein, was ich dir
                        aufschreibe. Unterdessen hole ich unsere Ersparnisse auf der Zinstragenden,
                        der Kantonalbank, der Volksbank und der Handwerkerbank und miete mir einen
                        Tresor auf der Handelsbank. Der kluge Mann baut vor, heißt es im „Tell“. ~
                        Halt, Kohlen! Ich weiß, wie ich's machen muß, daß ich sie bald bekomme. Ich
                        sage im Kohlengesschäft, daß ich am Mittwoch verreise ins
                        Berneroberland.“</p>
                    <p>Frau Munrzbacher erwiderte nichts, sondern begnügte sich mit einem stillen
                        Lächeln. Ihr Fridolin war ja sonst ein guter Kerl und sorgte wacker für
                        seine Familie. Man mußte ihm seine paar Schrullen lassen.</p>
                    <p>„Noch eines!“ begann er nach einiger Zeit von neuem. „Der Krieg hat Pest,
                        Cholera, Typhus und Blattern im Gefolge. Du gehst am Dienstag mit den
                        Kindern zum Arzt. Dort laßt ihr euch alle impfen!“</p>
                    <p>„Aber du kommst doch auch mit?"</p>
                    <p>„Nein, ich – ich – bin schon geimpft."</p>
                    <p>Es kam Fridolin hie und da auf eine faustdicke Lüge nicht an, und diesmal log
                        er. Denn bis zu diesem Tage hatte er immer gegen den Impfzwang gewettert und
                        damit geprahlt, daß er noch nie geimpft worden und trotzdem nie an den
                        Blattern erkrankt sei. Er fühlte, daß er errötete und nahm die Zeitung vors
                        Gesicht. Aber seine Frau ließ ihn noch nicht los.</p>
                    <pb n="159"/>
                    <p>„Seit unserer Verheiratung bist du jedenfalls noch nie geimpft worden! Und
                        wenn nun gerade du, der Ernährer, krank wirst und stirbst ?"</p>
                    <p>„Aber einzige Lydia, man muß doch auch ein wenig Gottvertrauen haben !"</p>
                    <p>Und wiederum verbarg er sich hinter der Zeitung. Er stellte sich nun einmal
                        das Geimpftwerden als etwas Schmerzhaftes vor und wollte daher nichts damit
                        zu tun haben. Aber Frau und Kinder, die mußten geimpft werden, damit sie
                        nicht die Blattern nach Hause schleppten und ihn am Ende noch ansteckten.
                        Der Jubel der Kinder war groß. „Hurrah!“ rief der zwölfjährige Schangeli,
                        „Zeimpft werden wir und Krieg gibts !“ Und der zweijährige Migger markierte
                        das Echo: „Huah! Bimpft und Gieg!“" Dann aber wurde die kleine
                        Schwefelbande, die in voller Verkennung der schweizerischen Neutralität sich
                        sofort in zwei Lager teilte und als Deutsche und Franzosen aufeinander
                        loszuhauen begann, in ihre Schlafkammern gebracht und ins Bett gejagt.</p>
                    <p>Als die Ruhe hergestellt war, las Papa Fridolin seine Zeitung zu Ende, holte
                        mit einem tiefen Seufzer Tinte und Feder und begann die Vorräte zu notieren.
                        Seine Frau setzte sich mit dem Strickzeug ihm gegenüber. Die Wanduhr tickte
                        leise, und kratzend flog Fridolin Munzbachers Feder über's Papier. Draußen
                        hängte die Dämmerung ihre Schleier ans Fenster, einen um den andern.</p>
                    <p>„Es wird dunkel, du könntest das Licht anzünden,“ meinte endlich
                        Fridolin.</p>
                    <p>Die Frau tat so.</p>
                    <p>„Halt, die Streichhölzer habe ich noch vergessen!" warf Fridolin hin,
                        notierte noch 100 Pakete Streichhölzer und las dann seine Liste vor: 10
                        Doppelzentner Mehl (Simmel), 1 Doppelzentner Salz, 1 Zentner Gries, 1
                        Zentner Erbsen, gebrochene, 1 Zentner Schnittbohnen, <pb n="160"/>Zentner
                        Hafergrütze, 40 Pfund Cacao, 2 Zentner Würfelzucker, 2 Zentner Kochzucker, 1
                        Zentner Melis, 2 Zentner Kaffee, roher, 1 Zentner Maccaroni, 1 Zentner
                        Nudeln, 60 Pfund Speck oder Schmer zum Auslassen, 2000 Eier, frische, zum
                        Einlegen, 200 Büchsen kondensierte Milch, 1 Hektoliter Petroleum, 100 Patete
                        Streichhölzer.</p>
                    <p>Als Fridolin zu Ende war, reichte er die Liste der Frau, streckte sich und
                        sagte triumphierend:</p>
                    <p>„Daran denkt außer dem Fridolin Murzbacher natürlich wieder kein Mensch.“</p>
                    <p>Frau Murzbacher sah ihrem Manne lange prüfend ins Gesicht.</p>
                    <p>„Fridolin, darf ich dir die Wahrheit sagen?"</p>
                    <p>„Jawohl, heraus damit!“</p>
                    <p>„Du bist verrückt! Rettungslos irrsinnig!"</p>
                    <p>Fridolin war höchst erstaunt. Das hatte ihm noch kein Wensch gesagt, und nun
                        mußte er so etwas ausgerechnet von seiner eigenen Frau hören.</p>
                    <p>„Wieso verrückt?“</p>
                    <p>„Wo willst denn du alle diese Vorräte unterbringen?"</p>
                    <p>„Aha, mhm, aha! Du hast eigentlich recht. Soviel Platz haben wir ja gar
                        nicht. Afin, wir können von der Liste noch Verschiedenes abstreichen.“</p>
                    <p>Aufs Abstreichen verstand sich Frau Murzbacher großartig und Fridolin mußte
                        sich für jeden Posten wie ein Löwe wehren. Einzelne wurden von hundert bis
                        auf zwanzig, andere von fünfzig bis auf zehn Kilogramm reduziert. Beim Mehl
                        blieben zwei Doppelzentner übrig, beim Salz ein Zentner, was Frau Murzbacher
                        immer noch zu viel fand: denn das Mehl gehe ihr kaput und das Salz ziehe die
                        Feuchtigkeit an. Das Petroleum wurde gänzlich gestrichen wegen der
                        Feuersefahr.</p>
                    <p>Der folgende Tag war ein Sonntag. Fridolin <pb n="161"/>setzte sich
                        frühzeitig an seinen Atlas, um die Chancen der kriegführenden Parteien
                        abzuwägen. Trotzdem er keinen Militärdienst getan hatte + in seinem
                        Dienstbüchlein prangte ein großes „Untauglich“ ~ hielt er sich für einen
                        bedeutenden Strategen. Das sstrategische Genie lag bei ihm im Blut, hatte es
                        doch sein Vater, ein geborener Deutscher, bis zum Grade eines
                        Vice-Feldwebels gebracht. Diesem Umstand wird es auch zuzuschreiben sein,
                        daß er steif und fest an den Sieg der Deutschen glaubte. Antipathie empfand
                        er deswegen keine, weder den Franzosen noch den Engländern gegenüber. Denn
                        er rechnete die Zeit, während welcher er in Paris und London gearbeitet
                        hatte, zur schönsten seines Lebens. Einer aber von allen mußte siegen und
                        das konnte seiner Ansicht nach nur der Deutsche sein. Zuerst schlug er die
                        Karte von Frankreich auf. Im Gegensatz zum deutschen Generalstab rechnete er
                        mit der Neutralität Belgiens.</p>
                    <p>„Die Franzosen werfen ihre ganze Armee gegen Elsaß-Lothringen, besetzen die
                        Vogesenkämme und dringen im Norden gegen Metz im Süden gegen Mülhausen vor.
                        Die Deutschen, die das Belforter Loch meiden, halten den Feind im Süden
                        durch Scheingefechte fest, umgehen ihn im Norden und rollen ihn von Norden
                        nach Süden auf. Damit ist die französische Elitearmee vernichtet, und
                        Deutschland macht mit Frankreich rasch einen für dieses günstigen Frieden,
                        um sich gegen den Russen wenden zu können.“ Dann wurde die Karte Rußlands
                        aufgeschlagen. „Mit Rußland ist die Sache ebenfalls äußerst einfach. Die
                        österreichische Armee, soweit sie nicht durch Serbien gebunden ist,
                        maschiert zwischen Weichsel und Bug auf Warschau los, reicht dort einer
                        deutschen Südarmee, die von Polen her gegen Warschau vorgedrungen ist, die
                        Hand und revolutioniert Polen. Beide wenden <pb n="162"/>sich dann nach
                        Norden und vereinigen sich in Petersburg mit der deutschen Nordarmee, die
                        inzwischen die russischen Ostseeprovinzen erobert hat. Da gleichzeitig der
                        Rumäne in Bessarabien, der Türke in Russisch-Armenien und der Japaner in der
                        Manschurei eingedrungen sind und die russische Revolution ausgebrochen ist,
                        kann der Russe nichts machen. Der Engländer sitzt auf seiner Insel und hat
                        das Zusehen.“</p>
                    <p>Fridolin wollte seiner Frau die Sache erklären. Sie hatte jedoch keine Zeit,
                        weshalb Schangeli herhalten mußte, der bereits etwas von Geographie verstand
                        und daher mit Bewunderung zu seinem gescheiten Vater aufblickte. Bis zum
                        Abend war der Weltkrieg entschieden, und Fridolin konnte nun eine ruhige
                        Nacht verbringen. Doch schon der frühe Morgen sah ihn wieder an seiner Liste
                        der nötigsten Bedarfsartikel. Zucker mußte er entschieden mehr haben; denn
                        der Zucker würde im Preise enorm steigen. Es gelang ihm noch, 10 Zuckerhüte
                        in die Liste einzuschmuggeln. „Wenn du die zugeschleppte Ware am Hause
                        auspackst,“ schärfte er seiner Frau noch ein, „so gib acht, daß die Nachbarn
                        nichts merken. Deck’ alles jeweilen zu mit der Schürze! Ich will nicht
                        schuld sein, wenn eine Panik ausbricht. – Das Mehl gebe ich beim Müller
                        direkt auf. Alles übrige holst du mit den Kindern."</p>
                    <p>Nach dem Frühstück verabschiedete er sich von der Familie, bestellte sich
                        erst Kohlen mit „dem dringenden Ersuchen“, man möchte sie sofort liefern, da
                        er verreisen müße, und erhob dann sein ganzes, bei verschiedenen Banken auf
                        Kassabüchlein angelegtes Barvermögen. Tausend Franken behielt er für sich.
                        Den Rest legte er in einen gemieteten Tresor.</p>
                    <p>„Aber ich denke noch weiter", sagte Fridolin zu sich selber. „Bei einem
                        Kriege muß das Kleingeld sofort rar werden und zwar mit Naturnotwendigkeit !
                            <pb n="163"/>Also verschaffen wir uns noch Kleingeld !“ bei der
                        Hauptpost und trat an den Schalter.</p>
                    <p>„Eine Fünfsantimmarke!“ Als Bezahlung legte Fridolin eine Hundertfrankennote
                        hin.</p>
                    <p>„Ich muß Ihnen leider alles Fünffrankenstücke geben, da ich keine
                        Fünfzigernote habe“, entschuldigte sich der ahnungslose Beamte.</p>
                    <p>„Macht gar nichts!“ besschwichtigte Fridolin und ließ das Silber in seine
                        Taschen rollen. Dann suchte er nach dem nächsten Zigarrengeschäft, kaufte
                        für fünfzig Rappen „Stumpen“ und bezahlte mit einer Hundertfrankennote.
                        Diesmal erhielt er eine Fünfzigernote. Er ging weiter und wechselte ab
                        zwischen Postfilialen und Zigarrenläden, bis er die Taschen voll Silber und
                        Nickel hatte. Auf dem Heimwege bestellte er noch das Mehl, nahm in seiner
                        Stammkneipe einen Frühschoppen und kehrte zum Mittagessen, in Schweiß
                        gebadet und unter der Last seines Silbers fast zusammenbrechend, nach Hause
                        zurück.</p>
                    <p>Fridolin Murzbachers Vorbereitungen glückten. Drei Tage vor dem
                        Kriegsausbruch hatte er alles erreicht, was er wollte. Glückselng vom
                        Scheitel bis zur Sohle wandelte er durch die Straßen, vorbei an überfüllten
                        Lebensmittelgeschäften und belagerten Banken. Seine pfiffigen
                        Schweinsäuglein strahlten, und der Stolz auf seine Weisheit wuchs ins
                        Grenzenlose.</p>
                    <p>Damit war aber die Tätigkeit Fridolins nicht erschöpft. Er mußte Neuigkeiten
                        haben. Er versicherte sich an den Fenstern der Zeitungen alle paar Stunden
                        einmal, ob nicht neue Telegramme angeschlagen seien. Er bummelte nach den
                        deutschen Grenzortschaften, um die Stimmung kennen zu lernen. Am Donnerstag,
                        30. Juli, abends, kehrte er totenblaß nach Hause zurück.</p>
                    <p>„Barrikaden |“ konnte er nur heraussstoßen.</p>
                    <p>Frau und Kinder hingen ihm atemlos an den Lippen, <pb n="164"/>bis sie
                        endlich nach minutenlangem Warten erfuhren, daß die Straßen nach der
                        deutschen Nachbarschaft verbarrikadiert seien. Sonderbarerweise erschrak
                        niemand, Fridolin blieb der einzige Erschrockene. Das beruhigte ihn
                        einigermaßen und ermöglichte ihm eine Nacht erquickenden Schlafes. Schon um
                        sechs Uhr in der Frühe war er aber wieder auf den Beinen und auf dem Wege
                        nach der Grenze. Bis Mittag war die Ausbeute an Neuigkeiten gering, um so
                        größer am Abend, als er sich todmüde am Tische niederließ.</p>
                    <p>„Der Bahnverkehr nach Deutschland ist unterbrochen, ebenso die Telegraphen-
                        und Telephonverbindungen. Deutschland, Oesterreich, Italien und Frankreich
                        haben die Lebensmittelausfuhr verboten. Fortwährend werden französische
                        Spione erschossen, darunter vierundzwanzig Pfarrer aus dem Elsaß und vierzig
                        Rotkreuzschwestern. Iaurès ist ermordet worden und eine französische
                        Revolution ausgebrochen. Paris steht in Flammen. 300,000 Franzosen, die um
                        Delle zusammengezogen wurden, verlangen den Durchmarsch durch die Schweiz.
                        Der schweizerische Landsturm ist aufgeboten und die gesamte Armee auf Pikett
                        gestellt.“</p>
                    <p>Und so gings nun Tag für Tag fort. Die Kriegserklärungen kamen, eine nach der
                        andern und jede den guten Fridolin erschütternd. Aber mit dem, was er in den
                        Zeitungen las, begnügte er sich keineswegs. Es gab noch andere Nachrichten
                        am Stammtisch und auf der Straße. Diese sammelte er ebenfalls und gab sie zu
                        Hause mit phonographisscher Treue wieder:</p>
                    <p>„In der Schweiz werden massenhaft Spione gefangen genommen. Eine Brieftaube
                        mit einer Photographie der Gotthard-Befestigungen und einem geheimnisvollen
                        chiffrierten Schreiben wurde heruntergeschossen. Glücklicherweise konnte man
                        es dechiffrieren und ihm entnehmen, daß der Bundesrat und der schweizerische
                            <pb n="165"/>Generalstab in die Luft gesprengt werden sollten! Unter
                        sämtlichen Linien der Bundesbahnen fand man Bomben!“</p>
                    <p>Endlich am Freitag, den 7. August, am zweitletzten Tage seines Urlaubes, kam
                        Fridolin ganz verstört nach Hause.</p>
                    <p>„Alles zusammenpacken!“ kommandierte er mit heiserer Stimme. „Die Franzosen
                        haben die Grenze überschritten. Sie stehen im Birs- und im Leimental.
                        Delsberg brennt. Sobald sie in Basel sind, wird Basel von Istein und
                        Tüllingen aus beschossen. Wir liegen hier unter der Schußlinie. Also rasch
                        zussammenpacken! Wir fahren sofort nach Olten!“</p>
                    <p>„Aber Fridolin!“ beruhigte ihn seine Frau, „nimm doch Vernunft an! Wir lassen
                        doch unser Haus nicht im Stich ?“</p>
                    <p>„Unser Leben ist wichtiger als unser Haus |“</p>
                    <p>„Mach’ was du willst! Ich und die Kinder bleiben hier. Denn erstens werden
                        von zivilisierten Soldaten keine Unschuldigen getötet, und zweitens ist ja
                        unsere Grenze besetzt.“</p>
                    <p>„So, besetzt? Das bischen Landsturm nennst du Besetzung ?“</p>
                    <p>„Ein bischen Landsturm? Die ganze Armee ist doch mobilisiert ?"</p>
                    <p>„Sitzt aber gemütlich an ihren Truppensammelplätzen."</p>
                    <p>„Wir bleiben hier, fertig!“</p>
                    <p>„Und ich reise nach Olten!" trotzte Fridolin und ging nach dem Schlafzimmer,
                        um zu packen. Frau Munzbacher tat, als ob nichts geschehen wäre, setzte sich
                        mit den Kindern an den Tisch zum Abendessen und brachte diese nachher zu
                        Bette. Nach einer Stunde kehrte Fridolin ins Wohnzimmer zurück mit Hut und
                        Handkoffer und nahm einige Bissen von dem inzwischen kalt gewordenen Essen
                        zu sich. Seine Frau hatte ihren Flickkorb geholt und nähte, ohne
                        aufzusehen.</p>
                    <pb n="166"/>
                    <p>„So kommst du also mit den Kindern nicht mit?" fragte endlich Friedolin. „Ich
                        muß nämlich so wie so geschäftlich nach Olten.“</p>
                    <p>„Geschäftlich? Im Erholungsurlaub geschäftlich ?“</p>
                    <p>Fridolin erhob sich und wandte sich gegen das Fenster; denn er fühlte an der
                        ihm in den Kopf steigenden Hitze, daß er purpurrot wurde. Nachdem ssich der
                        Sturm in ihm gelegt hatte, reichte er seiner Frau die Hand hin und sagte
                        möglichst unbefangen !</p>
                    <p>„Also, adieu! Ich hoffe, daß ich spätestens am Sonntag Abend zurück bin.“</p>
                    <p>Frau Murzbacher gab ihm keine Antwort, ließ seine Hand unberührt und blickte
                        unverwandt auf ihre Arbeit. Fridolin ging. Als die Haustüre ins Schloß
                        gefallen war, trat Frau Murzbacher klopfenden Herzens ans Fenster.
                        Wahrhaftig, er nahm die Richtung gegen den Bahnhof.</p>
                    <p>„Meinetwegen l“ sagte sie schließlich zu sich selber mit einem kleinen
                        Seufzer als Begleiter. „Aber schade ist's für das Reisegeld bei diesen
                        schlechten Zeiten."</p>
                    <p>Sie legte sich erst spät zu Bette, konnte aber trotzdem den Schlaf nicht
                        finden. Das Gefühl, mit den Kindern im ganzen Hause allein zu sein, ließ ihr
                        keine Ruhe. Nach Mitternacht begannen Tatktschritte sie zu erschrecken. Von
                        Zeit zu Zeit ertönten Kommandorufe. Sollten am Ende doch die Franzosen . .
                        .? Sie trat hinter die Gardinen und blickte auf die Straße. Es waren
                        Truppen, aber schweizerische. Zug um Zug und Kompagnie um Kompagnie! Dann
                        begann ein ununterbrochenes Rasseln. Erst Wagen an Wagen : der Train. Dann
                        kam etwas, das noch mehr rasselte: Geschütze und Munitionswagen. Lange zog
                        es vorbei. Frau Murzbacher hatte sich wieder ins Bett gelegt. Durch die
                        offenen Fenster drangen, troß dem Lärm auf der Straße deutlich vernehmbar,
                        die aufgeregten Rufe der Nachbarn <pb n="167"/>an ihr Ohr. Ihr Fridolin war
                        also nicht der einzige Angsthase.</p>
                    <p>Endlich. quoll grau die Dämmerung durch die Vorhänge. Frau Murzbacher erhob
                        sich und begann ihr Tagewerk. Alles ging wie am Schnürchen. Aber gut
                        aufgelegt war sie nicht, und die Kinder durften nicht mucksen, sonst flog
                        ihnen die allzu leichte Hand der Mutter an den Kopf.</p>
                    <p>Im Laufe des Nachmittags wurde sie ans Telephon einer in der Nähe gelegenen
                        Wirtschaft gerufen. Sie eilte, so schnell sie die Füße tragen konnten.</p>
                    <p>„Frau Murzbacher hier!“</p>
                    <p>„Fridolin! –~ Grüß Gott, Lydia!“</p>
                    <p>„Ah, du bist's? Guten Tag!“</p>
                    <p>„Ich wollte nur sehen, wie's euch geht. Brennt unser Haus auch?</p>
                    <p>„Warum ssoll's brennen ?"</p>
                    <p>„Basel steht doch in Flammen! Die Franzosen sind vom Clsaß her eingedrungen,
                        und die Deutschen haben von Istein und Tüllingen her die Stadt unter ihr
                        Feuer genommen, oder nicht? Beim Bundesrat soll eine Meldung eingegangen
                        sein !"</p>
                    <p>„Sehr richtig! Basel brennt lichterloh, alle Dörfer in der Umgebung liegen in
                        Schutt und Asche, von unserm Haus steht kein Stein anf dem andern, den
                        Kindern wurden die Köpfe abgeschnitten und mich selbst haben sie
                        gevierteilt. Am Telephon hängt nur noch der Kopf! Adieu!“</p>
                    <p>Frau Murzbacher läutete ab und ging lachend heim.</p>
                    <p>Am Sonntag Nachmittag traf Fridolin kleinlaut wieder zu Hause ein. Alles war
                        noch wie vorher. Nur im vorsorglich eingekauften Mehl hätten sich Würmer
                        einquartiert, berichtete seine Frau, und der Gries gehe wahrscheinlich
                        zugrunde.</p>
                    <p>Fridolins Urlaub war abgelaufen. Als er seinen <pb n="168"/>Dienst antreten
                        wollte, traf er nur noch seinen Chef im Kontor, der ihm eröffnete, daß er
                        das Geschäft geschlossen habe. Er werde ihm, Fridolin Murzbacher, berichten,
                        sobald er wieder Arbeit für ihn habe. Auf die Bessoldung hätten alle
                        Angestellten verzichten müssen und auch ihm, Fridolin Murzbacher, bleibe
                        nichts anderes übrig. Fridolin dankte und bemerkte, daß er das vollständig
                        begreife. Man könne nicht sein eigenes Geld drauflegen, um die Angestellten
                        zu besolden. Er halte sich bestens empfohlen bis zur Rückkehr geordneter
                        Verhältnisse. Zu Hause aber entlud er seiner Frau gegenüber seine
                        wuterfüllte, tapfere Seele:</p>
                    <p>„So, nun bin ich stellenlos, zum ersten Male in meinem Leben stellenlos! Und
                        ich habe doch wahrhaftig meinen Posten ausgefüllt, treu und fleißig wie kaum
                        ein anderer. Es ist himmeltraurig, daß ein Chef, der im Gelde schwimmt und
                        mit etwas gutem Willen seine geschäftlichen Beziehungen aufrecht erhalten
                        könnte, wegen dem bischen Krieg das Herz gleich in die Hosen fallen läßt!
                        Eine solche wirtschaftliche Einssichtslosigkeit, eine solche Feigheit ist
                        unerhört! Es gibt nicht nur eine Tapferkeit dem Feind gegenüber, sondern
                        auch eine Tapferkeit angesichts unglücklicher Verhältnisse und diese zweite
                        Sorte von Tapferkeit ist bei uns sehr selten. Außer dem Generalstab hat
                        alles versagt: der Bundesrat, die Kantonsregierungen, das Rote Kreuz, der
                        Konsumverein, die Geschäftsleute. Alle, aber auch alle haben versagt !“</p>
                    <p>„Nur du,“ warf Frau Murzbacher dazwischen, „du hast nicht versagt."</p>
                    <p>Da schwieg Fridolin Murzbacher und schämte sich.</p>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>