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                <title>Geschichten aus dem Emmental: ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:101149842030102841963 wikidata:Q1426560">Gfeller, Simon
                    (1868-1943)</author>
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                    <resp>ELTeC conversion</resp>
                    <name>Sebastian Cramm</name>
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            <publicationStmt>
                <p><date>2020-05-18</date></p>
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                        <name>Projekt Gutenberg</name>
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                    <publisher ref="http://abc.de">Hella Reuters</publisher>
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                <bibl type="printSource">
                    <title>Geschichten aus dem Emmental</title>
                    <author>Gfeller, Simon</author>
                    <publisher>A.Francke AG Verlag</publisher>
                    <pubPlace>Bern</pubPlace>
                    <date>1956</date></bibl>
                <bibl type="firstEdition">
                    <title>Geschichten aus dem Emmental</title>
                    <author>Gfeller, Simon</author>
                    <publisher>A.Francke AG Verlag</publisher>
                    <pubPlace>Bern</pubPlace>
                    <date>1914</date>
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            <p>The text was transcribed from the GutenbergDE edition, which claims to be based on
                the 1956 edition, but the page breaks, chapter divisions and chapters were taken
                from the printSource, which dates back to 1956.</p>
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                <language ident="de">German</language>
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            <change when="2021-05-06">Sebastian Cramm created the document. The printSource is used
                only to insert page beginnings, paragraphs, chapters and heads.</change>
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            <div type="chapter">
                <head><hi>Bürden</hi></head>
                <head>Nach Aufzeichnungen eines alten Pfarrers</head>
                <p>Hansueli Reber, vielgeprüfter, unvergeßlicher Freund, Dein liebes Bild möchte ich
                    in diesen Blättern festhalten ...</p>
                <p>Der letzte Schlag der Totenglocke war am Verhallen; zitternd erstarben die leisen
                    Klänge in der weichen Luft des mildwarmen Nachsommertages. In stiller
                    Ergriffenheit harrte das Schärlein Trauernder zwischen den verwaschenen
                    Leichensteinen und schmucklosen Holzkreuzen des Friedhofes. Über der offenen
                    Gruft hing Dein Sarg in den Seilen der Totengräber. Plötzlich zuckte ein heller
                    Schein über die entblößten Häupter der Leidtragenden. Zwei weiße Falter huschten
                    heran, setzten sich mit zierlichen Füßchen auf den spiegelnd schwarzen
                    Sargdeckel, fächelten lieblich mit den Flügeln und verließen ihren Platz erst,
                    als zögernd die Seile emporgezogen wurden. Ein paarmal noch kreisten sie im
                    holden Sonnenglanz über Deiner friedvollen Ruhestatt, dann schwangen sie sich
                    über die Kirchhofmauer und die Hausdächer empor und waren in blauer Ferne
                    verschwunden.</p>
                <p>Mir aber zitterte das Herz in leiser Wehmut. Sollte alles Frohe und Freundliche,
                    alles Gütige und Starke, was Du uns vorgelebt hast, ebenso jäh und spurlos
                    erlöschen, wie der verklärende Schimmer, den die leichtbeschwingten <pb n="10"/>Sommervöglein für eine armselige Minute über Dein Grabesscheiden ausgegossen
                    hatten? ...</p>
                <p>In jener Stunde gelobte ich mir im stillen, aufzuschreiben, was ich aus Deinem
                    Leben erfahren und erahnt habe, und was Du mir gewesen bist.</p>
                <p>*</p>
                <p>Von ihm möchte ich erzählen und weiß es nicht besser zu wenden, als daß ich von
                    mir selbst anfange.</p>
                <p>Als ich noch junger Pfarrer zu Kleindorf war, hatte ich mit meinen Bauern einen
                    harten Stand. In meinem Kopfe gärten allerhand Weltbeglückungspläne; ein heißes
                    Begehren, zu wirken und zu helfen, lebte in mir. Hundert Glücks- und
                    Freudenbrünnlein hätte ich graben und in die dürren, kahlen Lebensäcker meiner
                    Gemeindegenossen leiten mögen. Aber je eifriger ich grub, desto geschäftiger
                    deckten ungeschickte Hände wieder zu. Predigte ich von der Schönheit der
                    Frühlingsnatur, so hörte ich vor der Kirchentüre spötteln: «Der Pfarrer hat gut
                    schwätzen, er muß nicht mit dem Heuwagen auf die Station fahren!» Schilderte ich
                    Familienfrieden und Eheglück, dann hieß es hinterrücks: «Meine Alte wäre auch
                    weniger brummig, wenn ich ihr für Küche und Haushalt eine eigene Magd halten
                    könnte, wie es in den Pfarrhäusern Brauch ist!» Suchte ich ihre Tierfreude zu
                    wecken, gleich murrte irgendwo einer: «Daß Gott erbarm! Erst letzte Woche habe
                    ich meine beste Milchschenkin in die Tenne hängen und auswägen müssen. Solche
                    Freude erlebt man an den Tieren, ja!» Unglücklicherweise ließ ich einmal
                    verlauten, auch der Pfarrer könne nicht wissen, wie es im Himmel aussehe und wo
                    er sei, und galt nun gar für einen Dummkopf. «Von einem <pb n="11"/>solchen
                    Pfarrer ist Trost und Hülfe zu erwarten! Er weiß ja nicht einmal, wo der Himmel
                    ist, wie will er einem denn hineinhelfen! Und hat doch so lange studiert und
                    bezieht einen solchen Lohn!»</p>
                <p>Kurz, ich mochte anpacken, wo ich wollte, so griff ich fehl; all mein Werben um
                    Vertrauen schien umsonst; ich vermochte nicht zu erwarmen in Kleindorf. Jeder
                    Schritt, den ich tat, wurde schadenfroh bemäkelt. Diese Lust am Verdrehen und
                    Verkleinern, gepaart mit unbezähmbarer Klatschsucht und verdrüssiger
                    Klagemeierei, verleidete mir Menschen und Amt. Ratlos stand ich da und wußte mir
                    nicht zu helfen. Zu jener Zeit merkte ich noch nicht, daß viele Bauern das
                    Klagen als Schutzmauer gegen den Neid der Nachbarn und die Begehrlichkeit der
                    Steuerbehörden aufrichten. Eine Ahnung davon dämmerte mir erst später auf, als
                    ich einmal hörte, wie der Dorfwirt mit grimmigem Humor seine drei hell und
                    lustig singenden Kinder anbarschte: «Wollt ihr die Schnäbel halten, dumme
                    Dinger, oder wenigstens die Fenster schließen, sonst meinen die Bauern, es gehe
                    uns viel zu gut und kaufen aus Ärger sonntags ihren Schoppen beim Brunnen.»
                    Ebensowenig wußte ich, wie viele Menschen, und nicht bloß Bauern, sich durch
                    Leidensklagen Ansehen und Wichtigkeit beilegen möchten, und ließ mich deshalb zu
                    leicht rühren. Vor allem aber fehlte mir die Gabe, unbeirrt durch Bemängelung
                    und Herabsetzung in Ruhe und Selbstsicherheit meine Wege zu gehen. Ich hatte das
                    Warten und Geduldhaben noch nicht gelernt und wollte helfen, bevor man mich
                    notwendig hatte und bevor ich über ein wurzelechtes Lebenswissen und eine
                    selbsterworbene Herzenskundigkeit verfügte. Natürlich kam mir meine <pb n="12"/>eigene Unzulänglichkeit erst später zum Bewußtsein, und ich suchte die Gründe
                    meines Mißerfolges ausschließlich bei der Gegenpartei.</p>
                <p>Besonders schlimm kränkte ich mich eines Sonntags zur Zeit der Kornreife. Ich
                    hatte mit Ernst und Wärme eine Erntepredigt gehalten und schritt sinnend
                    zwischen den Gräberreihen der Kirchhofpforte zu. Da hörte ich außerhalb der
                    Kirchhofmauer einen föppeln: «Ja, ja, unser Pfarrer hat gut plappern. Er kann
                    die ganze Woche am Schatten sitzen und braucht keinen müden Arm zu machen,
                    derweil unsereiner an der Sonne braten und sich abschinden muß. Ich möchte wohl
                    sehen, was der für Beine machte beim Garbenladen.» Und der andere meckerte
                    hämisch Beifall. Das war mir zuviel. Mit zornrotem Kopf schritt ich zur
                    Kirchhofmauer, entschlossen, die Schwätzer gebührend zur Ordnung zu weisen. Kaum
                    tauchte aber meine Gestalt auf, duckte das Ausschänzelerpack den Nacken und
                    kniff feige aus. Der eine davon war ein Mitglied des Kirchgemeinderates ...</p>
                <p>Da ging ich nach Hause, riß meine Bäffchen herunter, schmiß den Predigermantel in
                    eine Ecke und preßte die heiße Stirne gegen eine Fensterscheibe. Bestürzt
                    schaute meine liebe Frau zu und fragte in erschrockenem Tone, was mir wieder
                    Unebenes begegnet sei. Zornbebend erzählte ich den Vorgang und schnaubte in
                    meiner ungestümen Jugendwut: «Lieber möchte ich Rinderhirt sein als Seelenhirt
                    in diesem heillosen Neste.»</p>
                <p>Bei Tische vermochte ich vor Unmut kaum einen Bissen hinunterzuwürgen, und meiner
                    Frau stand das helle Wasser in den Augen. Ihre begütigenden Reden fielen auf
                    ungelockertes Erdreich. Zu oft war meine Wunde gereizt worden, so leicht hörte
                    sie nicht auf zu schmerzen. <pb n="13"/>Durchs Gehirn flogen mir abenteuerliche
                    Pläne; Aufgabe des verfehlten Berufs oder zum wenigsten Demission und Wegzug
                    erschienen mir in der ersten Hitze unvermeidlich. Dem verärgerten Tage folgte
                    eine schlaflose Nacht, in der ich endlose selbstquälerische Betrachtungen
                    anstellte. Was wissen sie, die Harten, die Stumpfen, die Satten, die Spöttischen
                    und Übergescheiten, von den seelischen Nöten eines Pfarrers, der nicht ein
                    Mietling sein möchte! Erst gegen Morgen gelang es mir, ein Zipfelchen Schlaf zu
                    erwischen, und ich erwachte mit einem schweren, benommenen Kopfe. Vergeblich
                    suchte ich zu arbeiten; meine Gedanken waren zu unstet und flüchtig; die Unruhe
                    rann mir durch alle Nerven; ich hatte kein Bleiben an meinem Studiertische.</p>
                <p>«Geh lieber ins Freie», riet meine besorgte Frau. «Wolltest du nicht in den
                    Erlengraben und jemanden besuchen?»</p>
                <p>«Damit sich die erntenden Bauern wieder über mich ärgern und neidgifteln: ‚Der
                    hat Zeit zum Herumflanieren, während unsereins hart werken muß!‘» murrte
                    ich.</p>
                <p>«Ach, du solltest dir doch nicht jeden Unverstand so zu Herzen nehmen und dich
                    nutzlos quälen. Wenn es dir in der Nähe nicht paßt, so geh doch weiter! Zwei,
                    drei Tage kannst du wohl abkommen. Wie wäre es mit einer Gratwanderung in die
                    Küherweiden hinein? Ich bitte dich, geh; es wird dir gut tun. Nachtlager findest
                    du leicht eins in einem Bergwirtshause.»</p>
                <p>«Und du?»</p>
                <p>«Ich hüte derweilen Haus und Kind; geh du nur unbesorgt und komm zufrieden wieder
                    heim!»</p>
                <p>Und während ich immer noch unschlüssig dastand, packte sie schon emsig meinen
                    Rucksack.</p>
                <pb n="14"/>
                <p>Eine halbe Stunde später hatte ich den Weg bereits unter den Füßen. Wohin die
                    Reise gehen sollte, wußte ich selbst nicht genau, irgendwo in die abgelegenen
                    Alpweiden hinein. Vorläufig suchte ich den nächsten Hügelzug zu gewinnen.
                    Mürrisch schritt ich fürbas, schaute kaum weder rechts noch links und war froh,
                    daß mir kein Mensch begegnete. Der Tag war schön, und die Sonne hatte Kraft.
                    Bald fühlte ich auf meiner Stirn großtropfigen Schweißtau. Das Hemd feuchtete
                    sich, und die Jacke klemmte, bis ich sie auszog und unter den Rucksackdeckel
                    versorgte. Hemdärmelig schritt ich weiter über das grobknollige Kieselgeröll des
                    Bergweges, meinen Hakenstock mit der Stahlspitze tüchtig brauchend.</p>
                <p>Allgemach begann der unleidliche Druck auf meinem Gehirn zu weichen, das dumpfe
                    schwere Gefühl in meiner Brust sich zu verflüchtigen. Mit jedem hervorbrechenden
                    Schweißtropfen reinigte sich nicht nur das Blut, sondern auch die beklommene
                    Seele. Die frische Luft tat mir unendlich wohl. Bald wanderte ich, bald rastete
                    ich und ließ die Blicke schweifen. Was mir bei dieser Wanderung alles durch die
                    Gedanken zog, weiß ich nicht mehr; aber ein Bild grub sich in meinen Sinnen
                    unauslöschlich fest.</p>
                <p>Es war Nachmittag geworden, und mein steiniger Weg schlüpfte unvermutet aus einem
                    schattigen Walde hinaus. Rechter Hand lag an freier hausdachsteiler Halde ein
                    Roggenäckerlein, eine richtige, der Sonne voll zugekehrte Brandseite. Erdreich
                    konnte man's nicht wohl nennen. Erdarm wäre die richtigere Bezeichnung gewesen;
                    denn an mehreren Stellen stachen die Steinrippen beinahe durch die schmächtige
                    Erdhaut hindurch. Doch hatte das wohldurchsonnte und sorgsam bearbeitete <pb n="15"/>Schäumchen Erde dennoch beleibte Garben hervorgebracht, wenn sie
                    auch etwas dünn in der Zeile lagen. Mann, Frau und Kinder begannen eben mit dem
                    Eintragen. Der Mann stellte sein Räf zurecht, spannte das starke Seil aus und
                    schichtete sich eine hohe Bürde auf. Die Frau legte fünf Garben in ein Wurfseil,
                    und das älteste Mädchen half ihr binden und die Garben auf das Schnittende
                    stellen. Jetzt bohrte sie mit der Faust ein Nest in die Halme, stieß den
                    unbedeckten Kopf hinein und ließ sich gleichzeitig auf die Knie nieder. Ein Ruck
                    und Schwung, das Mädchen hob am schweren Ende aus Leibeskräften, und die Last
                    ruhte auf Kopf und Schultern der Frau.</p>
                <p>Mir war, als müßte ich ihr tragen helfen. Unwillkürlich war ich einen Schritt
                    über den Wegrand hinausgetreten und sah nun zu, wie die Frau, Tritt um Tritt
                    festen Stand suchend und die Absätze und Schuhränder tief in die Erde grabend,
                    abwärts strebte, ihrem Häuschen zu, das unten in einer kleinen Mulde seitlich am
                    Abhang lehnte. Hinter ihr drein stöffelte schreiend der Zweitjüngste, den
                    offenen Latz seiner Erstlingshosen über die struppigen Stoppeln schleifend. Die
                    wackere Älteste wollte nacheilen und ihm das fatale Hintertürchen schließen;
                    aber der rauhe Zuruf des Vaters begehrte ihre Hilfe für das Binden und
                    Aufstellen seiner Bürde. Derweilen er in die Tragbänder schlüpfte, das
                    Tragkissenringlein unter den Räfdeckel schob, das rechte Bein möglichst unter
                    den Leib zog und den zwiegriffs gefaßten knotigen Räfstecken seitlich in den
                    Boden stieß, mußte sie ihm die Bürde im Gleichgewicht halten. Jetzt, nachdem er
                    sich postiert hatte, ließ er die Last behutsam nach vorn neigen, um sie mit
                    Rücken, <pb n="16"/>Schultern und Kopf fassen zu können; der geduckte Rücken
                    streckte sich langsam; der Fuß des vorgestreckten linken Beines scharrte die
                    Erde auf und grub sich in den Boden; sachte beschrieb die Bürde einen
                    Viertelskreis nach rechts um ihre Horizontalachse; das linke Bein stand, das
                    rechte kniete. Wuchtig stützten sich die sehnigen Arme auf den Räfstecken, ein
                    hartes Kraften, Atemanhalten, Rotwerden des Gesichtes und Herauswulsten des
                    Halses, und das rechte Knie war gestreckt, die Bürde gehoben.</p>
                <p>Mir verschlug's beim Zuschauen fast den Atem. Wie, wenn die Bürde vornüberstürzte
                    und den in den Tragbändern hängenden Mann mitschwang? Wie, wenn er einen
                    Mißtritt tat oder die schwankende Last nicht im Gleichgewicht zu halten
                    vermochte? Doch meine Befürchtung war grundlos. In Zickzacklinien abwärts
                    steigend, schritt er so sicher einher und meisterte seine Bürde so
                    offensichtlich, daß meine anfängliche Besorgnis wich.</p>
                <p>Unterdessen trat die Frau schon aus der schmalen Einfahrt heraus, zupfte sich
                    widerstrebende Ährenreste aus den zerzausten Haaren und trocknete sich den
                    Schweiß von der Stirne und den glühenden Wangen. Dann schob sie das Tuch
                    zwischen Hemd und Brust – sie trug nur ein Unterkleid und hatte keinen
                    Kittelsack zur Verfügung – und knöpfte dem über die erfahrene Nichtachtung
                    höchlich erbosten Büblein das flatternde Hemdzipfelchen wieder hinter das
                    lottrige Falltürchen. Noch ein begütigendes Wangenstreicheln, und ungesäumt
                    schritt sie wieder bergauf an ihre Arbeit. Ich aber wandte mich rasch zum Gehen;
                    denn ich schämte mich, vor dieser hart werkenden Frau als gaffender Müßiggänger
                        <pb n="17"/>zu stehen. Zurückschauend gewahrte ich noch, wie sie rüstig eine
                    neue Bürde zusammentrug und zugleich mit neckischem Kuckuckruf den immer noch
                    nicht ganz besänftigten Kleinen zu geschweigen und bei guter Laune zu erhalten
                    suchte.</p>
                <p>«Gugguh, gugguh!» klang's hinter mir drein, hell, warm und lieblich. Die schwere
                    Bürde beugte der tapferen Frau wohl den Nacken; aber die Seele blieb ungeknickt
                    und spannkräftig.</p>
                <p>So hätte ich meine Gemeindegenossen alle gerne gesehen. Leuchtende Augen unter
                    schweißtriefenden Brauen, Blicke, die nicht bloß im Wust und Unrat der Erde
                    umherkrochen, sondern sich in die Höhe und Weite schwangen, Nacken, die sich
                    immer wieder strafften unter den Sorgenbürden des Lebens. Feuer hätte ich in
                    ihren Herzen anfachen mögen, lebendige Feuer, die das Unreine verzehren, die
                    verhärtete Kruste von Schmutz, Erdenstaub und Seelenkehricht durchfressen, damit
                    Friede, Freude und Lebensmut siegreichen Einzug halten können. Bisher war es mir
                    nicht gelungen. Aber warum nicht? Das wurde mir nun nach und nach klar. In
                    herzlicher Beschämung hielt ich Selbsteinkehr. War ich selbst ein Starker und
                    Geduldiger, der seine Bürde mutig trug, ein fröhlicher Überwinder? Lange noch
                    lag ich an jenem Abend droben beim Bergwirtshaus unter dem freien Sternenhimmel
                    und sann beim friedsamen Schellengeläute der Herden, die in der Nachtkühle
                    weideten, sann und konnte nicht fertig werden mit Luftschlösser bauen. Die
                    Bitterkeit war von mir gewichen, mit dem lieblichen Kuckucksruf war mir ein
                    warmer Lenzhauch fröhlichen Glaubens und Vertrauens in die Seele gedrungen.</p>
                <pb n="18"/>
                <p>Am andern Morgen hatten sich die Hitzwellen des Menschenbeglückungsfiebers
                    freilich schon etwas gelegt. Ich hatte schlecht geschlafen. Ob die Bettdecke zu
                    schwer war oder ob ich mich vor dem Zubettgehen zu sehr aufgeregt hatte, genug,
                    ich schleppte im Traum schwere Roggengarben einer steilen Halde entlang und
                    fühlte mich beim Erwachen müde und mißgestimmt. Der grüblerische Verstand begann
                    an den gestrigen Erlebnissen und Plänen zu zausen, und bedeutend ernüchtert,
                    doch leidlich bei Laune, trat ich den Heimweg an.</p>
                <p>Auf der Rückreise wollte ich im Erlengraben, der auch zu meiner Gemeinde gehörte,
                    einen Krankenbesuch abstatten. Dort lebte nämlich der Stumperfranz, ein
                    sonderbarer Kauz, über den mir die wunderlichsten Dinge zu Ohren gekommen waren.
                    Haar und Bart lasse er ungeschoren wachsen wie die Nasiräer des alten
                    Testaments. Geistige Getränke genieße er nicht, und Speise berühre er keine
                    außer Milch und Brot. An schönen Sonntagen steige er auf eine aussichtsreiche
                    Höhe und halte dort unter einer mächtigen alten Linde seinen Gottesdienst. Wie
                    es mit seinem Glauben beschaffen sei, wisse allerdings niemand, da er
                    menschenfeindlich und verschlossen sei. Einige hielten ihn für einen harmlosen
                    Narren, andern, besonders Frauen, sei er unheimlich. Kein Mensch könne aus ihm
                    klug werden. Nicht einmal, wo er ursprünglich herstamme, sei bekannt. Früher
                    habe er sich mit Tannenstumpen sein Brot verdient, und keiner habe es ihm an
                    Beherztheit und Waghalsigkeit gleich tun können. Mit einer Kraft und
                    Behendigkeit sondergleichen sei er auf die höchsten Tannen hinaufgeklettert;
                    ohne eine Spur von Schwindel habe er den Wipfel abgesägt und im Nu die Äste
                    heruntergehackt, <pb n="19"/>und die Bauern, welche Trämelholz fällen wollten,
                    ohne ihren Jungwuchs zu beschädigen, seien oft froh gewesen über ihn. Sobald ihn
                    aber einer habe ausforschen wollen, sei er auf und davon. Jetzt habe er das
                    Tannenstumpen aufgegeben und erschwinge den Lebensunterhalt mit Holzbödenmachen,
                    Leiternanfertigen und allerhand leichtern Holzarbeiten. Vor Zeiten habe er nie
                    einen festen Wohnsitz gehabt; jetzt wohne er seit etwa zwei Jahren bei Hansueli
                    Reber, dem Knochenstampfer im Erlengraben, in einem eigenen Stübchen. Aber auch
                    jetzt noch stürme er halbe Nächte lang in den Wäldern umher, und wo der Wald am
                    dichtesten und dunkelsten sei, da scheine es dem Tannenstumper am besten zu
                    gefallen.</p>
                <p>Diesen Sonderling aufzusuchen hatte mich schon lange gelüstet. Einmal hatte ich
                    ihn auf der Straße gestellt und angeredet. Doch nach wenigen kurzen Worten hatte
                    er mich kaltblütig stehen lassen und unbeirrt seinen Karren weitergeschoben.
                    Ermutigend war diese Begegnung keineswegs, und ich machte keinen fernern
                    Versuch, mit ihm bekannt zu werden. Jetzt aber, nachdem er schon längere Zeit
                    bettlägerig gewesen, redete ich mir ein, es sei meine Pflicht, ihn zu besuchen.
                    Ein wenig Neugierde mag freilich dahinter gesteckt haben, sicherlich trieb mich
                    aber auch ehrliche Besorgnis. Der Mann stand allein, wie leicht konnte es ihm am
                    Notwendigsten gebrechen!</p>
                <p>Es mochte um die zweite Nachmittagsstunde sein, als ich an meinem Ziel anlangte.
                    In einer kleinen Ausweitung des Tälchens stand rechts am Wege ein
                    scheunenartiges Gebäude, dessen Fenster oder Heiterlöcher mit Läden fest
                    verschlossen waren. Das gewaltige oberschlächtige Wasserrad, das an der
                    morgenseitigen Wand unbeweglich <pb n="20"/>auf festen, eichenen Unterlagern
                    ruhte, benahm mir jeden Zweifel: dies mußte die Knochenstampfe sein. Jetzt, in
                    der Erntezeit, stand sie freilich außer Betrieb. Unbenutzt strömte das Wasser in
                    prächtigem Bogen aus dem Schußkanal neben dem Rad hinunter in die gemauerte
                    Wasserkammer, wo es weißgischtend aufklatschte und glitzernde Tropfen an das
                    Gezweige und Blattwerk des Ufergebüsches emporsprühte.</p>
                <p>Einen Scheibenschuß weiter oben, wo die sanftgeneigte Talsohle in einen ziemlich
                    steil ansteigenden Abhang überging, stand ein Kleinbauernhaus und ein
                    speicherartiges Gebäude, in dessen Erdgeschoß drei Fensterchen einen Wohnraum
                    vermuten ließen. Dort mochte der Einschlupf des Stumperfranzen sein, und
                    ungesäumt beschritt ich den rechtwinklig abbiegenden Seitenweg, welcher neben
                    der auf Bockstützen ruhenden Wasserleitung hinaufführte. Da niemand zugegen war,
                    den man hätte fragen können, steuerte ich geradenwegs auf die Speicherwohnung
                    zu, dem Geratewohl auch etwas überlassend. Die obere Hälfte der Türe stand halb
                    offen und ließ den Blick frei in ein schneckenhauskleines, armselig
                    ausgestattetes Kuchelein. Ich pochte an; niemand regte sich. Offenbar mußte aber
                    doch jemand zu Hause sein, sonst hätte man beim Hinausgehen die Türe
                    eingeklinkt. Nach kurzem Besinnen schlüpfte ich unter dem Korbbogen des
                    Türeingangs durch und trat über den Lehmboden bis zur Stubentüre, spürte aber in
                    diesem Augenblick deutlich, wie schwer es sei, einen Menschen zu besuchen, wenn
                    man nicht weiß, ob man willkommen ist. Allein ich tröstete mich, daß ich in
                    guter Absicht komme, und klopfte mit dem Hakenstock vernehmlich an.</p>
                <pb n="21"/>
                <p>Drinnen ließ sich ein Geräusch vernehmen, wie das Knacken einer alten Bettstatt.
                    Wieder ein Geräusch; diesmal ein Rascheln wie im Stroh, dann ein Schlurfen, und
                    die Türe spaltete sich ein klein wenig auf. Ein Riemen Hanfbart und Gesicht mit
                    einem tief liegenden, erregt flackernden Auge erschien in der Öffnung.</p>
                <p>«Wer ist da?» klang es mir mißtrauisch entgegen.</p>
                <p>«Gut Freund», antwortete ich; denn mir war, als hätte mich eine Schildwache
                    angerufen.</p>
                <p>«Wer bist du?» Ungeduld und verhaltenes Grollen lagen in dem tiefen Tone.</p>
                <p>«Ich bin der Pfarrer.» Damit meinte ich, mein Eindringen hinlänglich
                    gerechtfertigt zu haben. Die Würde meines Amtes sollte wie ein Keil in die
                    Türspalte dringen und sie schleunigst verbreitern, hoffte ich.</p>
                <p>«Was willst du hier?» fuhr der Frager hartnäckig weiter.</p>
                <p>«Man hat mir gemeldet, Ihr seied krank, und darum möchte ich nachsehen, wie es
                    Euch geht.» Nun, meinte ich, sollte die Türe doch endlich zum Aufgehen geölt
                    sein.</p>
                <p>Der drinnen besann sich eine kleine Weile, dann kam der Bescheid.</p>
                <p>«Ich habe niemanden kommen heißen. Laß mich in Ruhe!»</p>
                <p>Türe zu – Riegel vor – punktum!</p>
                <p>Über die Maßen verblüfft stand ich da. So was war mir meiner Lebtag noch nie
                    begegnet. Sollte ich zornig werden oder lachen? Erst stieg mir das Blut ein
                    wenig in den Kopf, dann reizte mich die komische Seite. Ein hinausgeworfener
                    Pfarrer mit überschüssigem Vorrat von Trost und Wohlwollen, das war neu und
                    absonderlich und fing an, mich zu belustigen.</p>
                <pb n="22"/>
                <p>Natürlich blieb mir nichts übrig, als den Rückzug anzutreten; an der energisch
                    kundgegebenen Willensäußerung war nicht zu rütteln. Eigentlich geschah mir so
                    unrecht nicht. Unsereiner dringt in die Familien ein und nimmt als fast
                    selbstverständlich an, daß man willkommen sei, darum schadet es nicht viel, wenn
                    man einmal abblitzt und merkt, wie ungelegen man kommen kann. Der Mann drinnen
                    war doch wenigstens offen und ehrlich. Zehn andere hätten die Türe geöffnet,
                    Freude und Dankbarkeit geheuchelt und den Besuch ins Pfefferland gewünscht. Er
                    dagegen nahm kein Blatt vor den Mund, und das gefiel mir.</p>
                <p>So schied ich ohne Groll von seiner Schwelle, hemmte aber unwillkürlich den
                    Schritt, als mein Blick auf des Knochenstampfers Heim fiel, dem die
                    Nachmittagssonne gar viel Liebes tat. So hell und freundlich lag es da, daß ich
                    meinte, in ein stillvergnügtes, gutes Menschenantlitz zu schauen. Sonnenwarmes
                    Goldbraun leuchtete auf seinen Wangen, und die blitzsaubern Fenster äugten
                    gescheit und frohherzig unter dem weit vorspringenden mattvioletten Schindeldach
                    hervor, das sich traulich unter das eigenwillig naturkrumme Geäst herrlicher
                    alter Bäume schmiegte, die als trotzige Wächter daneben standen. Kein Künstler
                    hätte die knorrigen Gesellen, die wie treue Eidgenossen ihre kraftstrotzenden
                    Arme schützend über das Haus reckten, geschickter gruppieren können.
                    Jahrzehntelange Kameradschaft in Sturm und Sonne hatte sie zusammengefügt und
                    zusammenhalten gelehrt. Untenher des Hauses sonnte sich eines jener
                    altheimeligen Kraut- und Blumengärtlein, in denen all die lieben Blümlein und
                    würzigen Arzneikräuter unserer Väter und Mütter noch unbeengt und unbeschämt <pb n="23"/>von charakterlosen Modepflanzen geruhig fortblühen dürfen. Im
                    Hintergrunde umzogen die Hofstattbäume das Ganze mit einem mächtigen Grünhag,
                    als wollten sie fremden Eindringlingen den Zutritt wehren.</p>
                <p>Während meine Augen sich noch schauend und staunend ergötzten, fuhr meine Hand
                    schon suchend in die Rocktasche. Seit meinen Studentenjahren führte ich immer
                    ein kleines Skizzenbuch mit mir, und wenn mir eine Baumgruppe, ein Haus oder
                    eine Wolkenpartie recht gefiel, so versuchte ich, das Geschaute mit einfältigen
                    Strichen festzuhalten. Kunstwerke kamen freilich dabei keine heraus, denn ich
                    war ein recht ungeschickter Zeichner; aber meine Erinnerung hatte später feste
                    Anhaltspunkte. Nach meiner Gewohnheit griff ich also zum Stift und begann eifrig
                    zu zeichnen. Dabei muß ich mich wohl länger verweilt haben als beabsichtigt.
                    Bevor ich den letzten Schattenstrich getan hatte, sah ich den Knochenstampfer
                    mit der Sense auf der Schulter vom Acker heimkommen, was mir sehr angenehm war,
                    denn ich redete gerne ein paar Worte mit ihm.</p>
                <p>Hansueli Reber war ein freundlicher und leicht zugänglicher Mann. Selten habe ich
                    ein Gesicht gesehen, das so deutlich und unverkennbar einen lautern und
                    treuherzigen Charakter widerspiegelte.</p>
                <p>Die Geradheit und Gutherzigkeit leuchtete ihm förmlich aus den hellgrauen Augen
                    und allen Falten des Antlitzes hervor. Sein Alter mochte in der Nachbarschaft
                    der Fünfzig liegen; das immer noch volle Haupthaar war beinahe grau, der
                    Kragenbart unter dem Kinn tüchtig gesprenkelt. Die mittelgroße, ziemlich
                    untersetzte und breitschultrige Gestalt schritt noch ungebeugt einher. Das Hemd
                    stand vorn offen und ließ eine kräftig <pb n="24"/>behaarte, sonnverbrannte
                    Brust frei. Mit der Sonne schien er überhaupt in Freundschaft zu leben; denn er
                    ging barhaupt, und seine Hemdärmel waren weit über die braunen, sehnigen Arme
                    zurückgestreift. Grißhosen, Cotonnehemd und derbe Nagelschuhe, das war alles,
                    was er am Leibe trug.</p>
                <p>Mit ihm kamen auch seine Frau und sein Sohn. Sie hieß Lisbeth und war mit ihrem
                    leichtgewellten, sorgfältig gescheitelten Braunhaar und der blühenden, reinen
                    Hautfarbe immer noch ein appetitlich Weibchen, obschon sie kaum ein Halbdutzend
                    Jahre weniger zählte als er. Leicht zur Fülle neigend, entbehrten ihre Formen
                    trotz ihres Alters noch keineswegs der gefälligen Rundung, und die tief braunen
                    Augen wußten noch nichts von Mattigkeit. Sie kleidete sich einfach und nicht
                    ohne Geschmack. Auch ihre Gesichtszüge verrieten Wohlwollen, ließen im übrigen
                    jedoch auf keine außerordentlichen Geisteskräfte schließen.</p>
                <p>Johannesli, der Sohn, drückte sich bald mit Vaters Sense, Steinfaß und Mähriemen
                    beiseite. Das linkische und, wie es schien, etwas verzärtelte Bürschlein war
                    eben der Schule entwachsen, steckte aber offenbar noch über Gebühr in den
                    Kinderschuhen.</p>
                <p>Bald stand ich mit dem redseligen Kleinbauern in lebhaftem Gespräch. Meine
                    anerkennenden Worte über sein freundliches Heim taten ihm wie einer Katze das
                    Kraueln am Halse. Mit der lieben Einfalt einer kindlich unbefangenen Seele
                    stimmte er in meine Lobsprüche ein und geriet alsbald in hellen Eifer, mir das
                    ganze Besitztum samt all seinen Annehmlichkeiten und verborgenen Vorzügen
                    vorzuweisen. Ich mußte näher zu der Baumgruppe treten, deren Schönheit mich
                    gefesselt <pb n="25"/>hatte. Ich mußte den reichen Fruchtbehang des gewaltigen
                    Gelbbirnbaums bestaunen und vernehmen, wie der alte Sauergrauech als ein
                    gewissenhafter Gevattersmann alljährlich sein ansehnliches Patengeschenk
                    austeile. Ich mußte wissen, daß gedörrte Gelbbirnen fast besser schmecken als
                    Feigen und daß man grünsaure, mit Zucker und Zimmet bestreute Grauechschnitzlein
                    in der Blut- und Leberwurstzeit nach dem Schlachtfest nur höchst ungern
                    entbehre. Ich mußte den hochragenden Saarbaum bewundern, der als dritter im
                    Bunde zwar keine Früchte spenden konnte, dafür aber kühn seine Stirn dem Blitze
                    darbot. Ich mußte von dem herrlichen Brunnen trinken, dessen Wasser Hansueli
                    nicht genug rühmen konnte, weil es auch in trockenster Sommerzeit seine Kühle
                    behalte und nicht versiege und auch in kalten Wintern nicht vereise. Ich mußte
                    die glatthaarigen, saubergehaltenen zwei Milchkühe mit Namen kennenlernen und
                    den mit der glückhaften Eigenschaft der Fräßigkeit gesegneten starkwüchsigen
                    Schweinen meine Anerkennung zollen. Ich mußte – törichtes Wort! – wie herzlich
                    gern tat ich's! – also: Ich ging mit ihm in die Pflanzung und stimmte bei, daß
                    die weißgrünen Kohlköpfe von der gedrungenen, festgeschlossenen Sorte bis im
                    Herbst sicherlich fast mäßkübelgroß sein werden. Ebenso konnte ich mit gutem
                    Gewissen bestätigen, daß das fingerdicke Rübli, welches mir Hansueli auszog und
                    zu kosten gab, außerordentlich zartfaserig sei, und begreifen, daß Frau Lisbeth
                    auf ihre Stangenbohnen stolz war. Ich glaubte aufs Wort, der Boden müsse
                    tiefgründig und humusreich sein; denn am Kornacker stand die reifende Frucht so
                    schön ebenmäßig dicht und dennoch <pb n="26"/>ohne Windnester und Lager, alle
                    Ähren gleichmäßig hoch, wie abgeschoren, und zwischen den festlich mit gelben
                    Fähnlein geschmückten Stengeln junge, sprießende Grassaat, daß jeglicher Tadel
                    verstummen mußte. Ja, der Acker hatte es leicht, seine Schuldigkeit zu tun; ihm
                    leuchtete die Sonne doppelt, einmal vom Himmel herunter und zum zweiten aus den
                    Augen seines Besitzers.</p>
                <p>Und wie wir so dastanden und über das früchteschwere kleine Halmenmeer
                    wegschauten, wurden diese Augen feucht, und Hansueli Reber sagte still
                    ergriffen: «Es will mich oft schier überwältigen, daß Gott mir, dem armen
                    Knechtlein, so viel Liebes und Schönes anvertraut hat!» Da wallte es auch in mir
                    auf wie gerührtes Lachen und glückseliges Weinen, und ich knurrte in mich
                    hinein: «Stockblinder Tor du! Unter lauter hagebuchenen Geldkratzern,
                    verkniffenen Neidhammeln, boshaften Klatschmäulern und kraftarmen Grämlingen
                    meinst du zu sitzen, und nun steht einer vor dir, so unlistig und seelenrein, so
                    voll zufriedenen und genügsamen Sinnes, so dankbar und vertrauend, ein wahres
                    Kind Gottes! Am liebsten nähme der sein Häuschen, seine Bäume und sein Erdreich
                    abends mit sich ins Bett unter die warme Decke und schlänge entschlafend seine
                    Arme drum!»</p>
                <p>Während wir unsern Rundgang fortsetzten, erzählte mir Hansueli, wie er ein
                    Bauernknecht und Lisbeth Dienstmagd gewesen sei, wie sie ein Sümmchen Geld
                    erhaust und ein kleines Erbe gemacht hätten, und wie er sich dann das Gütlein
                    habe kaufen können. Dabei machte er von den Mühen und Anstrengungen, die hinter
                    ihnen lagen, wenig Aufhebens und verfiel niemals in einen prahlerischen Ton. Er
                    hatte auch nicht nötig zu prahlen, sein kleines Besitztum zeugte laut genug für
                        <pb n="27"/>ihn. In solcher Üppigkeit gedeiht der Graswuchs nur bei
                    sorgfältigster Pflege, und da, wo bereits eingegrast war, zeigte der Rasen einen
                    Schnitt, als hätte man das Rasiermesser und nicht die Sense gebraucht. In der
                    ganzen Hofstatt fand sich keine Mistel und kein bemooster und verlauster Baum,
                    am Gartenhag fehlte kein Nagel und kein Scheielein.</p>
                <p>Aus Furcht, lästig zu fallen und an der Arbeit zu säumen, hatte ich mich mehr als
                    einmal verabschieden wollen; aber Hansueli duldete es nicht, daß ich ging, und
                    Lisbeth hatte derweilen schon den Kaffee bereitet, womit sie mich bewirten
                    wollte. Eine Absage wäre als Kränkung empfunden worden, und so setzte ich mich
                    mit ihnen zu Tische. Ich hatte es nicht zu bereuen; denn das luftgeräucherte
                    Dörrfleisch, welches Lisbeth noch vom sonntäglichen Mittagessen her im
                    Küchenschrank gehabt hatte, schmeckte ein hübsches Brosämlein besser als
                    gepfefferte, versalzene und gesalpeterte Metzgware, und das Specksalätlein
                    stammte von guten Eltern. Nun konnte ich auch, was ich beinahe vergessen hätte,
                    über den Stumperfranz Auskunft einziehen und gewann rasch die Überzeugung, daß
                    ihm mit Geldunterstützung nicht gedient sei. Der Mann habe zum Leben genug,
                    erfuhr ich, vielleicht wäre mir sogar ein Stuhl an den Kopf geflogen, wenn ich
                    ihm etwas angeboten hätte. Zu Zeiten sei er wild und unwirsch, niemand außer
                    Hansueli solle ihm zu nahe kommen. Auch der Frau Lisbeth habe er einmal ein
                    Brot, das sie ihm schenken wollte, zur Türe hinaus nachgeworfen. Die Frauen
                    hasse er wie Gift und Teufel. Und doch, behauptete Lisbeth, streiche er ihnen
                    heimlich nach. Ihr selbst folge er mit den Augen überallhin auf ganz unleidliche
                    Weise. Sie <pb n="28"/>empfinde ein Grauen und hüte sich vor ihm; denn sie halte
                    ihn für einen Weibervölkler. Hansueli hingegen redete milde und behutsam, wie
                    einer, der eine fremde Wunde nicht vor aller Augen entblößen will. Niemand
                    wisse, was der Stumper Schweres erlebt habe. Soviel aber sei sicher, daß er
                    unglücklich verheiratet gewesen und von seiner Frau betrogen worden sei. Aus
                    vereinzelten Äußerungen zu schließen, müsse sie zu einer herumziehenden Bande
                    gehört haben, mit der auch der Stumper eine Zeitlang laichte. Wie die beiden
                    auseinandergekommen seien, wisse niemand zu sagen. Der Stumper rede nie davon,
                    bloß aus seinen Verwünschungen könne man sich ein Weniges zusammenreimen. Er sei
                    schrecklich mißtrauisch und habe vordem nie längere Zeit am gleichen Ort bleiben
                    können. Hier necke ihn niemand, man lasse ihn gewähren, und das empfinde er
                    dankbar. Zu Hansueli habe er einmal gesagt: Du bist der einzige Mensch auf
                    Erden, der gegen mich nie falsch war. Du brauchst mich nicht zu fürchten, dir
                    tue ich kein Leid an, so wahr mir Gott helfe. Manchmal rede er dann verwirrtes
                    Zeug von Adam und Eva und behaupte, die letztere sei nicht vom lieben Gott,
                    sondern vom Teufel erschaffen worden, den Menschen zum Fluch. Auch komme ihm
                    zeitweilig vor, er sei schon früher einmal auf der Welt gewesen, damals habe er
                    aber Simson geheißen. Doch bat mich Hansueli, niemand etwas davon zu erzählen,
                    damit der Arme, der im übrigen ziemlich harmlos sei, nicht geneckt werde. Das
                    versprach ich gerne.</p>
                <p>Mittlerweile war es Zeit geworden, heimzugehen. Herzlich verabschiedete ich mich
                    von den heimeligen Leuten und verhieß ihnen gerne, bald wiederzukommen. <pb n="29"/>Draußen waren die Schatten länger geworden, das mahnte mich zur
                    Eile. Und doch mußte ich im Talauswärtsschreiten noch einmal innehalten und dem
                    Heim des Knochenstampfers einen Blick schenken, denn endlich, endlich hatte ich
                    eine Scholle gefunden, wo ich festwachsen konnte. Von dieser Seite beguckt,
                    erschien das Dächlein wie ein großer Hut, geschmückt mit einem grünen Buschen
                    und einer kecken Feder. Ich winkte ihm einen letzten freundlichen Gruß zu und
                    kletterte wohlgemut den Hügelzug hinauf, der den Erlengraben von Kleindorf
                    trennt. Schräg der Seite nach wand sich der steinige Weg in Spechtenflügen
                    ziemlich jäh empor zur Höhe des Hügelrückens, doch störte mich die rasche
                    Steigung wenig; mit meinen Gedanken beschäftigt, achtete ich ihrer kaum. Meine
                    Lebensgeister waren mächtig angeregt worden durch die Begegnung mit den
                    schlichten, gutherzigen, lebenstapfern Leuten; ich hatte meine ganze jugendliche
                    Spannkraft wiedergewonnen. Ach, was ist doch ein gütiger Mensch voll fröhlichen
                    Vertrauens für eine herrliche Gabe Gottes und wie kann man sich an ihm erquicken
                    und erbauen! Wie durch Zauberschlag verwandelt, fühlte ich mich plötzlich stark
                    und hoffnungsfreudig; Heimatgefühl durchströmte meine Seele und sagte mir: «Hier
                    ist dein Platz! Zähe und ungeschlacht ist der Boden, den du bearbeiten willst;
                    aber es ist dennoch guter Grund.»</p>
                <p>Die äußerste Kuppe des Hügelkammes, den ich beschritt, bildet einen beliebten
                    Aussichtspunkt, Tannenbühl genannt. Zu seinen Füßen liegt auf einer Terrasse
                    Kleindorf, und weiterhin schweift der Blick über waldige Hügel bis zu den
                    Schneebergen. Noch stand die ganze Landschaft mit ihren blühenden Kleematten,
                    schwarzgrünen <pb n="30"/>Kartoffelfeldern und fahlgelben Kornäckern unter
                    reichster Sonnengnade. Entzückt blieb ich stehen, entblößte mein Haupt und sog
                    andachtsvoll mit schönheitsdurstigen Augen das unendlich wohltuende Bild ein.
                    Welch unbeschreiblichen Frieden, welch edle Ruhe atmeten die sonnenselig
                    träumenden Wälder in ihrer königlich stolzen Gelassenheit und Stille! Wie quoll
                    freudigstarke Hoffnung empor aus dem warmen Gelbgrün der belichteten Hänge! Wie
                    verheißungsvoll und trostreich winkten die Ährenfelder in ihrer goldschimmernden
                    Pracht!</p>
                <p>«Sonnengnade», klang es in mir, «wie erfüllest du Himmel und Erde. Auch der
                    geringsten vergissest du so wenig, als eine Mutter ihrer Kinder vergißt. Du
                    schenkst dem Wolkenrande milden Schein und webst der armseligsten Hecke ihren
                    Goldschleier. Du tauchst das elendeste Lotterdach in leuchtende Farbe und
                    liebkosest das verkrüppeltste Bäumchen mit verklärendem Dufte. Du lockst der
                    zottigen Hummel in der zartroten Blütenröhre des Klees ein Tröpfchen süßen
                    Nektars hervor und weckest mit belebendem Hauche das Mücklein zum
                    freudetrunkenen Tanze. Durch das dichteste Geäst des Waldes brichst du dir Bahn.
                    Du umschmeichelst das trotzige Gestämme mit sanfter Glut und gibst auch dem
                    verborgensten Moospflänzlein sein Schlücklein Licht zu trinken. Du schenkst in
                    unendlicher Güte deine Huld auch dem verrufenen Giftkraut, wärmst seine Wurzeln
                    und reifst seinen Samen. Vielleicht preßt dereinst gerade aus ihm ein
                    einsichtsvoller Arzt den rettenden Saft für einen armen Kranken. Du kennst nicht
                    Hohes und Tiefes, aller erbarmst du dich; kein Abgrund ist dir zu schaurig, kein
                    Gletscher zu kalt.»</p>
                <pb n="31"/>
                <p>Sonnengnade – auch mir war sie hold, auch mir geschah ein Sonnenwunder. Während
                    ich staunte und sann, drang mir der helle Schein mit warmer Liebkosung hinunter
                    zu den Wurzeln meiner Seele und zeugte Leben. Wie ein Quell aus verborgenen
                    Tiefen sprang mir das Schriftwort ins Bewußtsein: Ihr seid das Licht der Welt!
                    Mir war plötzlich, als stünde der Herr und Meister, der dieses Wort gesprochen,
                    neben mir und wiese mit ausgestrecktem Arm und friedenstillem Antlitz hinunter
                    auf die sonnengesegneten Fluren, über denen in lichter Majestät der Alpen
                    unvergleichliche Schönheit thronte. Da strahlte das schlichte Wort vor mir auf
                    wie ein Kleinod von wundersamster Leuchtkraft, enthüllte der schauenden Seele
                    seinen verborgenen Reichtum und zeigte ihr ein herrliches Ziel. Und ein Blühen
                    und Glühen hub an in meiner Brust, als müßte und könnte ich alles Düstere,
                    Traurige, Frierende und Tote aus der Welt schaffen.</p>
                <p>So stand ich, bis der letzte Strahl der Abendsonne verglommen war, dann machte
                    ich mich auf den Heimweg. Zu Hause angelangt, gab ich meiner Frau einen
                    stürmischen Kuß, wehrte aber ihre Fragen ab: «Später. Es ist alles gut! Gedulde
                    dich; ich muß arbeiten!»</p>
                <p>Bis weit über Mitternacht saß ich am Schreibpult. Der Text der Predigt, die ich
                    ausarbeitete, hieß: Ihr seid das Licht der Welt!</p>
                <p>Das war für mich ein Wendepunkt zum Guten und darum ein unvergeßlicher
                    Glückstag.</p>
                <p>*</p>
                <p>Einige Zeit später, genau wie lange, weiß ich nicht mehr, saß in meinem
                    Studierzimmer Hansueli Reber, der Kleinbauer und Knochenstampfer aus dem
                    Erlengraben. Er <pb n="32"/>steckte in den Sonntagskleidern und hatte sich eine
                    schwarze Krawatte vorgebunden. Auf seinen Knien ruhte zwischen den Händen der
                    Leidhut, und seine Stimme war ernst und feierlich; denn er brachte mir die
                    Nachricht, der Stumperfranz sei letzte Nacht gestorben. Wann man ihn begraben
                    könne, fragte er, und ob ich das Leichengebet halten wollte. Auf meine
                    Erkundigungen, woran der Sonderling gelitten habe und wie er gestorben sei,
                    erhielt ich die zögernde und bekümmerte Antwort: «Erhängt hat er sich. Heute
                    morgen haben wir ihn aufgefunden, kalt und starr. In seiner eigenen Wohnung hat
                    er sich aufgeknüpft. Den starken eisernen Haken hatte er schon lange vorher an
                    der Zimmerdecke befestigt, und auch das Seilstück hing daran. Als ich ihn einmal
                    fragte, wozu das dienen solle, antwortete er grinsend: ‚Kraftübungen!‘ Da er
                    auch sonst seine Absonderlichkeiten hatte, achtete ich weiter nicht darauf,
                    sondern bemerkte bloß zu Lisbeth: ‚Jetzt will der alte Eigensinn gar noch so
                    stark werden wie Simson, der ihm immer im Kopfe rumort. Gib acht, das wird auch
                    der Grund sein, warum er sich Haar und Bart wachsen läßt und die geistigen
                    Getränke meidet.‘ ‚Wenn er nur nicht etwas Ungeratsames anstellt‘, erwiderte
                    sie. ‚Mir ist manchmal, als führe er Böses im Schilde. Aus allen Winkeln und
                    durch alle Spalten glotzt er mir nach. Ich weiß nicht, was ich davon denken
                    soll.‘ Ich suchte sie zu beruhigen. Die nächsten Tage gingen ohne
                    Widerwärtigkeit vorüber. Der Stumper fühlte sich unwohl. Ich wollte zum Arzt;
                    der Kranke wehrte heftig ab, trotzdem er keinen Bissen genießen mochte und
                    schlecht aussah. Das einzige, was mir gelang, war, ihn ins Bett zu mustern, und
                    hin und wieder nahm er etwa auch eine Tasse <pb n="33"/>Milch von mir an. Da
                    Lisbeth ihm mißtraute, ging ich allemal selbst, bis gestern abend. Ich hatte
                    alle Hände voll zu tun, und damit die Milch nicht erkalte, ging diesmal Lisbeth
                    mit dem Töpfchen. Er war ja krank und ich in der Nähe. Da geschah das
                    Schreckliche. Kaum war sie zur Türe hereingetreten, stürzte er sich auf sie und
                    wollte sie aufs Bett niederreißen. Sie schrie und rang mit ihm, ich hörte den
                    Lärm und eilte zu Hülfe. Er war wie ein wildes Tier; aber als er mich erblickte,
                    ließ er ab von ihr. ‚Schlechter Hund, ist das dein Dank!‘ schrie ich ihn an, und
                    es zuckte mir in den Fäusten, ihn aus Leibeskräften durchzuwalken. Aber Lisbeth
                    keuchte:‚Fort, fort! Er ist verrückt; komm, komm!‘ Sie zitterte am ganzen Leibe,
                    und ich hatte Mühe genug, sie zu beruhigen. Ich geleitete sie in unsere Stube
                    und überließ ihn sich selbst. Lisbeth duldete nicht, daß ich noch am gleichen
                    Abend mit ihm abrechnete, sie war vor Entsetzen außer sich. Bald meinte sie, ich
                    solle den Landjäger holen; dann aber fürchtete sie sich vor dem Alleinsein, und
                    schlafen konnte sie die halbe Nacht nicht. Wir berieten, was zu tun sei, und
                    wurden einig, auf alle Fälle müsse der Stumper unverzüglich fort. ‚Vielleicht‘,
                    sagte ich, ‚geht er von selbst, und ich finde am Morgen die Stube leer.‘ Heute,
                    nach dem Morgenessen schaute ich nach. Die Türe war von innen verriegelt, also
                    war er noch da. Aber alles Rufen nützte nichts, niemand wollte aufmachen. Durchs
                    Fenster hinein sah ich ihn hangen. Da sprengte ich die Türe ein; aber es war zu
                    spät. Auf dem Tischblatt lag dieser Zettel.»</p>
                <p>Damit reichte er mir einen Fetzen vergilbtes Papier. Darauf standen in ungefüger
                    Schrift die Worte: «Vergebt mir; ich habe schwer gekämpft und gelitten.»</p>
                <pb n="34"/>
                <p>Die Worte überraschten mich sehr. Ich drehte den Zettel hin und her und sann.
                    Dann schüttelte ich den Kopf und konnte mich nicht enthalten, zu sprechen: «Das
                    sieht gar nicht nach Geisteskrankheit aus.» «Nicht wahr», fügte Hansueli bei.
                    «Was soll man denken?» Wieder überlegte ich. «Am besten wird sein, zu schweigen
                    über das, was dem Tode vorausgegangen ist, schon um eurer Frau willen, die nicht
                    ins Gerede kommen darf.» Hansueli nickte. «Und das Richten überlassen wir Gott,
                    der sich der friedlosen Seele in Gnaden erbarmen möge.»</p>
                <p>Dann beredeten wir alles Notwendige, und Hansueli ging, nachdem ich ihm noch
                    einen freundlichen Gruß an Frau Lisbeth aufgetragen hatte.</p>
                <p>Das traurige Schicksal des Tannenstumpers erschütterte mich tief. Ob ich wollte
                    oder nicht, ich mußte diesem Lebensrätsel nachgrübeln. Hatte er in geistiger
                    Gestörtheit gehandelt oder in sinnlicher Leidenschaft? Hatte er sich Haar und
                    Bart wachsen lassen, damit sie ihn erinnern an seine Mannheit? Hatte er seinen
                    Leib karg gehalten mit reizloser Nahrung, um nicht die Herrschaft zu verlieren
                    über sich? Hatte er diesen rebellischen Leib abmüden und unterjochen wollen,
                    wenn er halbe Nächte in finstern Wäldern umherirrte? Haßte er die Weiber, weil
                    er nicht auf hören konnte, ihrer zu begehren? Kam er sich vielleicht deswegen
                    vor als ein zweiter Simson? Schwer gelitten und gekämpft habe er. Worin mochte
                    dieser Kampf bestanden haben? Ich mußte an Lisbeth, die muntere Bäuerin mit den
                    frischfarbigen Wangen und dem gewellten Braunhaar, denken und wie er ihr
                    heimlich nachschielte. Ich sah ihn vor mir, wie er mit glühender Begierde in den
                    Augen den Bewegungen ihrer drallen <pb n="35"/>Gestalt folgte. Aber Hansueli
                    Reber, der Mann ohne Falsch war es, der ihm, dem Unstäten, eine Freistatt
                    geboten hatte. Welche bodenlose Schlechtigkeit, dem Weibe des Gütigen,
                    Wohlgesinnten nachzustellen! Nie und nimmer durfte das geschehen! Wer solch
                    unerhörte Tat begehen konnte, durfte nimmer auf Erden weilen. Der eiserne Haken
                    an der Decke mahnte: Siehe wohl zu, was du tust! An dem Tage, wo du dich
                    vergissest und das Gastrecht schmählich entheiligst, wartet deiner das Gericht.
                    Aber die böse Lust wächst, die Entbehrung spornt die Begierde, und die Blicke
                    müssen häufiger und länger auf das Seilende gerichtet bleiben. Kraftübungen
                    vornehmen, nennt der Mann das, wohl Kraftübungen, aber nicht des Leibes. Er
                    trägt, wie alle Menschen, eine Bürde, und seine Bürde ist schwer. Niemand kann
                    sie ihm tragen helfen; denn er, der Mißtrauische, Verbitterte, mag niemandem
                    offenbaren, was auf ihm lastet. Darum wird er zuletzt müde und matt, gibt den
                    Kampf auf, fällt und unterzieht sich dem vorausbestimmten, selbstauferlegten
                    Richterspruche.</p>
                <p>Solcherlei Bilder und Gedanken rief die erhitzte Einbildungskraft in mir wach.
                    Täuschte sie mich, träumte ich bloß, narrte mich ein Spiel von Zufälligkeiten,
                    oder war ich der Wahrheit auf der Spur? Ich wage es bis auf den heutigen Tag
                    nicht zu entscheiden. Soviel aber begriff ich: Bewußt oder nicht, krank war
                    seine arme Seele und vermochte sich nicht zum Lichte durchzuringen und Frieden
                    zu finden. Darum fiel an seinem Sarge kein hartes, verdammendes Wort. Mir wurde
                    es um so leichter, dem Unglücklichen zu verzeihen, weil ich hoffte, mit ihm
                    seien auch die bösen Wirkungen seiner Tat aus der Welt geschieden. Lisbeth hielt
                    ich für eine kerngesunde <pb n="36"/>Natur, die den erlebten Schrecken rasch
                    verwinden werde. Leider hatte ich mich getäuscht. Der Blitzstrahl, der so jäh
                    das friedlichstille Glück der Familie getroffen hatte, war kein Kaltschlag
                    gewesen. Der Schicksalsfunke fand seinen Zunder und glühte weiter.</p>
                <p>*</p>
                <p>Als die Leiche des Stumpers auf dem Friedhofe ruhte, atmete auch Hansueli Reber
                    erleichtert auf. Seine Frau hatte ihm schwere Sorge bereitet. Der gewaltsame
                    Überfall hatte ihre Seele mir Grauen erfüllt. Nun, hoffte der ängstlich
                    Besorgte, werde sie sich allgemach beruhigen und das Gleichgewicht wiederfinden.
                    Auch er vermochte sich nicht auszudenken, was die Vorstellung, Gegenstand solch
                    höllenheißen Begehrens gewesen zu sein, in einer Frauenseele für entsetzliche
                    Verwirrung anstiften könne. Je länger je mehr mußte er aber innewerden, daß in
                    Lisbeths innerstem Wesen irgendwie eine Wurzel losgerissen worden sei.</p>
                <p>Ihren Geschäften ging sie zwar nach wie sonst; aber ihre Gedanken wußten wenig
                    von dem, was ihre Hände taten, und ihre frühere Heiterkeit und Selbstsicherheit
                    war wie ausgelöscht. Ein grübelnder Ausdruck erschien auf ihrem Gesichte, ein
                    fremder Glanz in ihren Augen. Und dieser Glanz, dieses Leben der Augen trat in
                    seltsamen und beängstigenden Gegensatz zu der kalten Starrheit der
                    Gesichtsmuskeln. Die sonst so harmlos Mitteilsame wurde plötzlich wortkarg und
                    verschlossen. Einmal beobachtete Hansueli durchs offene Fenster, wie sie vor dem
                    Spiegel stand und eingehend und gespannt ihr Ebenbild musterte und studierte.
                    Obschon ihm solches an ihr neu war, hätte er wohl dem kleinen Vorfall wenig <pb n="37"/>Bedeutung beigemessen; aber als sie sich ertappt sah, schoß ihr das
                    Blut in die Wangen, und sie machte ihm in gereiztem Tone unfreundliche
                    Bemerkungen. Es war nicht das erste Mal, daß er sich über die geringschätzige
                    Art, wie sie ihm gelegentlich begegnete, aufregen mußte. Womit er eine solche
                    Behandlung verdient habe, vermochte er sich nicht zu erklären; zu ihrem völlig
                    veränderten Wesen fehlte ihm jeglicher Schlüssel. Nachts lag sie stundenlang im
                    Bette und starrte mit offenen Augen in die Finsternis. Ab und zu verrieten
                    zitternde Atemzüge und schwere Seufzer, daß sie von Gedanken und Vorstellungen
                    heimgesucht werde, die sie quälen, von denen sie aber trotz Qual und Grauen
                    nicht loskommen könne. Wieder einmal redete ihr der Mann begütigend zu: «Nun
                    schlaf doch! Was kann dir denn geschehen, wenn ich bei dir bin? Gib mir deine
                    Hand. Oder, wenn du doch nicht schlafen kannst, schütte mir dein Herz aus und
                    sage mir, wo es dir fehlt und was dich quält.» Doch sie stieß erregt seine Hand
                    zurück: «Laß mich in Ruhe, es ist nicht nötig, daß du mich auch noch plagst mit
                    deinem kindischen Händegeben und Gefrage.»</p>
                <p>Da wandte er sich bitter gekränkt ab und ließ sie. In diesem Augenblick hatte er
                    mehr das Gefühl, sie verhärte sich eigensinnig, als daß sie krank und
                    bemitleidenswert sei, und Ungeduld und Unleidigkeit drängten ihm eine scharfe
                    Zurechtweisung auf die Zunge. Doch bezwang er sich, und als er am Morgen ihre
                    hilflose Traurigkeit und Niedergeschlagenheit bemerkte, war er froh, geschwiegen
                    zu haben. Schamhaft schlug sie ihre Augen nieder und wich ihm aus, wie eine, die
                    mit Entsetzen in Abgründe der eigenen Seele geblickt hat und darüber in
                    Verzweiflung geraten ist.</p>
                <p>So kam die dritte Nacht seit dem Begräbnis. Frühzeitig fiel Lisbeth in Schlaf,
                    und ihr Mann frohlockte, nun sei es gewonnen. Voll Zuversicht schloß auch er die
                    Augen. Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte ihn ein wilder, markerschütternder
                    Schrei; es klang wie der Wehelaut eines tödlich Getroffenen. Entsetzt sprang er
                    auf und fand seine Frau in heftigen Weinkrämpfen.</p>
                <p>«Um Gotteswillen, was hast du, was kann ich dir helfen?» fragte er angstvoll und
                    umschlang sie mit den Armen. Sie zitterte am ganzen Leibe. «Hat dir etwas
                    Schreckliches geträumt oder bist du krank?» Sie schluchzte. «Red doch, damit ich
                    etwas tun kann für dich.» Da preßte sie zwischen stoßweisen Schluchzern
                    hervor:</p>
                <p>«Nun – ist – es – geschehen!»</p>
                <p>Wieder drang er in sie:</p>
                <p>«Was ist geschehen?»</p>
                <p>«Das Unglück!» stieß sie hervor.</p>
                <p>«Welches Unglück?»</p>
                <p>Statt einer Antwort stieß sie ihn heftig von sich, vergrub das Antlitz in die
                    Kissen und weinte. In seiner Ratlosigkeit wollte er Licht anzünden.</p>
                <p>«Lösch das Licht aus», kreischte sie mit unnatürlicher Stimme, «und laß mich in
                    Ruhe!»</p>
                <p>Aufs höchste betroffen stand er da. Um sie nicht noch mehr aufzuregen, tat er ihr
                    den Willen, tastete sich ins Bett und horchte gespannt auf ihre Atemzüge. Nach
                    langer Zeit weinte sie sich in Schlaf, und auch er fiel, von Abgespanntheit
                    übernommen, in einen unruhigen Halbschlummer.</p>
                <p>Am Morgen hatte sich Lisbeth leidlich erholt; sie sah besser aus als die Zeit
                    her. Hansueli drang ernstlich in <pb n="39"/>sie, sie solle doch zu ihm
                    Vertrauen haben und ihm offenbaren, was sie bedrücke. Wenn sie krank sei, gerne
                    wolle er den Arzt holen. Was das gewesen sei mit dem Schrei und dem Weinen in
                    der Nacht? Doch auch diesmal war sein Drängen fruchtlos. Sobald er zu reden
                    begonnen hatte, nahm ihr Gesicht einen versteinerten, feindseligen Ausdruck an.
                    Sie wollte sich an nichts erinnern können; ihr fehle nichts, sie sei gesund,
                    aber er quäle sie, wo er könne. Da gab er es auf, mit ihr zu reden.</p>
                <p>Die nächsten Tage verflossen ruhiger. Lisbeth gab keinen besondern Anlaß zu
                    Besorgnissen. Gewissenhaft erfüllte sie ihre häuslichen Pflichten. Ein Fremder
                    hätte an ihr nichts Auffälliges gefunden, nur wortkarg und verschlossen blieb
                    sie. Zu Zeiten hatte ihr Antlitz einen geistesabwesenden Zug, und sie geriet in
                    brütendes Sinnen. Hansueli hoffte auf die heilende Zeit, hatte Geduld und ließ
                    sie gewähren. Nur eines kam ihm seltsam und ganz unerklärlich vor: Sobald sich
                    Lisbeth unbeachtet glaubte, schlich sie hastig hinaus zum Brunnen und wusch sich
                    Gesicht und Hände, bis sie brannten ...</p>
                <p>*</p>
                <p>Die Behausung des Tannenstumpers blieb nicht lange unbewohnt. Des
                    Tanngratschusters Tochter, die Marei, suchte ein solches Stübchen. Ihr Vater,
                    den sie in seinen alten Tagen treulich gepflegt hatte, war gestorben, und nun
                    stand sie allein in der Welt. Doch hatte sie so viel ertaglöhnert und
                    zusammengelegt, daß sie ihr Leben von nun an einigermaßen nach eigener Wahl
                    einrichten konnte. Ans Heiraten dachte sie nicht mehr, da sie schon die Vierzig
                    hinter sich hatte. Dienstmagd zu sein, sagte ihr auch nicht zu. Nicht zwar, daß
                    sie die Arbeit gescheut <pb n="40"/>hätte, gegenteils war sie als eine richtige
                    Werkader bekannt und geschätzt; aber alte Köpfe fügen sich schwer in neue
                    Ordnungen, und je älter der Mensch wird, desto weniger gern läßt er sich
                    schuhriegeln. In einem eigenen Stübchen selbständig schalten und walten zu
                    dürfen, schien ihr etwas so Schönes, daß sie dafür gerne kurz abbeißen und sich
                    mit wenigem begnügen wollte. Denn ihre Mittel waren bescheiden und langten nicht
                    für eine teure Wohnung. Das Stübchen im Wohnspeicher des Knochenstampfers hätte
                    ihr außerordentlich gut gepaßt. Rebers waren ihr als rechtliche und wohlmeinende
                    Leute bekannt. Der Wohnzins erschien ihr mäßig, und die Aussicht, ihn durch
                    Taglohnarbeit abverdienen zu können, fiel auch in die Waagschale. Nur eines lag
                    ihr quer: daß sich der Tannenstumper in dem Stübchen, wo sie mutterseelenallein
                    wohnen sollte, erhängt hatte. Aber im Grund war sie ein beherztes Frauenzimmer,
                    das sich umschauen durfte, wenn es hinter ihr raschelte. Darum gab sie Hansuelis
                    verständigem Zureden Gehör und sagte zu, und der Knochenstampfer war froh, sie
                    als Mieterin gewonnen zu haben. Er hoffte, weibliche Gesellschaft und
                    Unterhaltung werde auf Lisbeth wohltätig wirken und sie am ehesten von ihren
                    verschrobenen Grübeleien abziehen. Sie hatte schon lange weiblichen Umgang
                    entbehrt und war vielleicht deswegen wunderlich geworden. Auf alle Fälle war nun
                    eine Stütze zur Hand, die rasch einspringen konnte, wenn seiner Frau etwas
                    zustoßen sollte. Nachdem er mit Marei den Mietkontrakt beredet hatte, machte er
                    auch Lisbeth Mitteilung davon und fragte sie um ihre Meinung; doch zeigte sie
                    für diese Angelegenheit wenig Interesse und sagte weder ja noch nein.</p>
                <pb n="41"/>
                <p>So zog denn die neue Mieterin ein. Anfangs kam es ihr etwas unbehaglich vor, und
                    besonders abends mußte sie die Ohren nach verdächtigen Geräuschen spitzen. Doch
                    verlor sich dieses Gespanntsein bald, als sich nichts Unliebsames ereignete.
                    Marei hatte ein kindlich vertrauendes Gemüt. Wenn sie ihr Nachtgebet verrichtet
                    hatte, so war ihr, als sei nun eine starke Schutzmauer um sie gezogen. Sie wußte
                    sich auch im neuen Heim unter der Hand des Allmächtigen.</p>
                <p>So erzählte sie mir selbst, als ich einmal flüchtig ihre persönliche
                    Bekanntschaft machte und dabei eine Überraschung erlebte, die ich kurz erwähnen
                    muß. Eines meiner Unterweisungskinder im Erlengraben lag krank. Als ich es
                    besuchen wollte, kam ich auch bei der Knochenstampfe vorbei. Am Wege kehrte eine
                    Frau abgezogenen Flachs mit einer langen Stange. Beim Grüßen wendete sie mir ihr
                    breites, ehrliches Gesicht voll zu, und augenblicklich wußte ich, daß mir dieses
                    Gesicht schon irgendwann und irgendwo begegnet sein mußte. Doch vermochte ich es
                    trotz angestrengten Nachsinnens nicht heimzuweisen. Auf dem Rückwege knüpfte ich
                    deshalb mit der Frau ein Gespräch an. Sie grub dicht am Sträßchen Kartoffeln
                    aus, und nach einigem Hin- und Herreden wußte ich, wen ich vor mir hatte. Es war
                    die fröhliche Garbenträgerin, deren Tapferkeit ich auf meiner Gratwanderung
                    bewundert hatte. Als ich ihr berichtete, daß ich sie für die Hausfrau und
                    Familienmutter gehalten habe, schüttelte sie lächelnd den Kopf: des geizigen
                    Krähennest-Peters Frau möchte sie nicht sein, sie habe dort schon in den wenigen
                    Tagen beinahe den Verleider bekommen, als sie für die bettlägerige Frau
                    eingestanden war.</p>
                <pb n="42"/>
                <p>Doch nun will ich weiterfahren von ihr zu erzählen, wie ich sie aus Hansueli
                    Rebers Schilderungen kennengelernt habe: Tagsüber war sie fleißig wie eine
                    Ameise. Sie lief in den Wald, las Holz zusammen, hackte und schichtete es auf.
                    Sie sammelte Tannzapfen; viele Körbe voll schleppte sie heim und dörrte sie an
                    der Sonne, bis sich die Schuppen emporsträubten. Sie bepflanzte ihr Gärtchen,
                    fegte ihr Stübchen, flickte an den Kleidern, hing ein Wäschlein an die Leine
                    oder strickte an einem Strumpfe. Keinen Augenblick ging sie müßig.</p>
                <p>Beim Hausbauer hatte sie schon nach wenigen Tagen einen gewaltigen Stein im
                    Brette. Das war auch gar nicht verwunderlich. In aller Herrgottsfrühe schon
                    stand sie im Grasgarten, um beim Eingrasen behülflich zu sein. Sollte rasch eine
                    Botschaft ausgerichtet werden, sie hatte flinke Beine. Hatte man sie auf dem
                    Acker nötig, gleich war sie bei der Hand. Jegliches Werkholz paßte ihr zwischen
                    die hartgearbeiteten Finger. Mähen und Furchenhacken konnte sie, einem
                    Mannenvolk zum Trotz. Ohne Wesens zu machen, griff sie überall da an, wo es
                    ersprießlich war. Kollerten die Gelbbirnen im Weg herum, die Marei las sie
                    zusammen und stellte sie in die Küche. Warf der Wind ein Wäschestück von der
                    Leine, alsbald stand sie daneben und steckte es fest. Rannten die jungen
                    Schweine in der Hofstatt herum und wollten sich nicht wieder in den Stall
                    sperren lassen, ungeheißen half sie wehren. Blieb ein Feldgerät draußen liegen,
                    sie erspähte und verörterte es. Vergaß der Bauer einmal seine Bluse neben dem
                    Acker, sicherlich brachte Marei sie heim und ersparte ihm einen Gang. Immer war
                    sie bereit, für ihn ein Gelenk zu biegen. Das tat ihm wohl, und er sagte mehr
                    als einmal zu seiner Frau:</p>
                <pb n="43"/>
                <p>«Wie gut ist es doch, daß wir mit der Marei geakkordet haben. Man weiß gar nicht
                    mehr, wie wohl man lebt, seit sie hier ist. Was wollten wir anfangen, wenn wir
                    die Marei nicht hätten!»</p>
                <p>Auf solche Worte hin kräuselten sich Lisbeths Lippen allemal zu einem kalten,
                    höhnischen Lächeln. Ein verbissener Zug erschien in ihrem Antlitz, ein finsterer
                    Glanz in ihren dunkeln Augen. Sie widersprach nie, stimmte aber auch nicht mit
                    einer einzigen Silbe in diese Lobsprüche ein, obschon ihr Marei tat, was sie ihr
                    an den Augen absehen konnte. Hansueli hatte ihr mitgeteilt, daß seine Frau seit
                    dem traurigen Ende des Stumpers oftmals ein wenig eigen sei, daß die unselige
                    Tat sie erschreckt habe und Schonung geboten sei. Marei konnte das gut
                    nachfühlen und empfand aufrichtiges Mitleid mit der verängstigten Seele. War sie
                    beim Hausbauer auf dem Taglohn und aß am gemeinsamen Tische, dann räumte sie,
                    sobald das Schlußgebet gesprochen war, das Geschirr in die Küche und stellte
                    sich ungeheißen an die Abwaschbank. Und bevor noch rasch der Besen über den
                    Lehmboden gezogen, das Feuer im Herde versorgt und der Kessel mit Wasser gefüllt
                    war, ging sie nicht auf den Acker. Anfangs ließ sich das Lisbeth gleichmütig
                    gefallen; aber zu einem vertraulichen Verhältnis zwischen den Frauen kam es
                    nicht. Seit jedoch der Bauer in seiner Herzenseinfalt die Mieterin so sehr
                    rühmte, drehte sich bei Lisbeth der Wind. Wollte ihr Marei abwaschen helfen, so
                    nahm ihr Lisbeth das Geschirr aus der Hand. Rührte Marei einen Besen an, so
                    verschwand Lisbeth in der Nebenstube und riegelte sich ein. Füllte die
                    Taglöhnerin den Wasserkessel, dann leerte ihn die Bäuerin und holte anderes.
                    Kurz, Marei fand es geraten, <pb n="44"/>im Hause möglichst wenig mehr
                    anzurühren, und Hansueli merkte, daß seine Zunge eine Torheit begangen hatte. In
                    Zukunft legte er sich ein Schloß vor den Mund, aber Geschehenes konnte er nicht
                    ungeschehen machen.</p>
                <p>Lisbeth war unzugänglicher denn je. Jedes vertrauliche Wort, jede Zärtlichkeit
                    wies sie zurück. Einzig für Johannesli, den Sohn, hatte sie noch etwas spärliche
                    Freundlichkeit übrig. Häufig geriet sie wieder ins Brüten und vergaß darüber
                    ihre Arbeit. Manchmal wurde ihr beim Abwaschen das Wasser kalt, oder das Feuer
                    im Herde ging aus, und die Mahlzeit war nur halb gekocht. Abends war die Lampe
                    noch ungeputzt. Die Schweine mußten revoluzzen, bevor sie ihr Fressen erhielten,
                    und nur die Hühner waren angenehm überrascht, das Gartengätterlein offen zu
                    finden. Oder es kam vor, daß sich die Milch zischend über die Gußplatte des
                    Kochherdes flüchtete vor dem sengenden Feuer. Schmälte der Mann ein einzig Wort
                    nur, dann war Feuer im Dach. Lisbeth schaute so gehässig und rachsüchtig drein,
                    daß er sich scheute, sie anzublicken. Ihr Gesicht hatte sich stark verändert;
                    harte Linien entstellten die einst so gutherzigen Mienen, und in den Augen
                    brannte beständig der unheimliche, finstere Glanz. Hansueli wurde ganz weh
                    zumute, wenn er sie betrachtete. Sprach er vom Arzt, dann kam die spöttische
                    Antwort: «Ich bin so gesund wie du, du wartest umsonst auf meinen Tod.»</p>
                <p>Zeitweise verfiel Lisbeth dann wieder in eine unheimliche Hast und
                    Geschäftigkeit. Dann klirrten die Löffel und Gabeln ihr seltsam unter den
                    Händen; die Diele knarrte seufzend unter ihren Tritten; die Türe schoß unwillig
                    ins Schloß; die geschwellten Kartoffeln rollten ihr beim Ausschütten über den
                    Tisch hinaus, und <pb n="45"/>die Milch spritzte ihr beim Aufstellen ungeberdig
                    über den Kachelrand hinaus. Dann zerriß ihr beim Aufziehen der Schwarzwälderuhr
                    die Kette, woran der Gewichtstein hing; der Küchenboden hatte eine unheimliche
                    Anziehungskraft für Heimberger Geschirr; irgendwo lauerte ein umgekrümmter Nagel
                    auf die günstige Gelegenheit zum Kleiderzerreißen, und auch der alte Besen
                    kannte die Ecken nicht mehr.</p>
                <p>Wenn auch Lisbeth den Fliegenschmutz an den Fensterscheiben und das Unkraut im
                    Garten nicht mehr sah, für gewisse Dinge hatte sie um so schärfere Augen und
                    Ohren. Standen Hansueli und Marei irgendwo beisammen, so sah sie es um die Ecke;
                    sprachen die beiden miteinander, so hörte sie es durch eine Mauer hindurch.
                    Halbstundenlang konnte sie ihnen durch eine Fensteröffnung oder Ritze zuschauen,
                    wenn sie auf dem Acker arbeiteten. Das unzeitige Waschen hatte sie schon längst
                    wieder aufgegeben, gegenteils kämmte sie sich zeitweilig nicht einmal die Haare
                    und hielt ihr Gewand schlecht in Ordnung.</p>
                <p>Eines Abends saß Hansueli unter der Kuh beim Melken. Früher hatte er dabei oft
                    gejodelt oder ein Lied gesungen. Nunmehr war ihm das Jodeln längst vergangen.
                    Während er noch an der Arbeit war, kam Marei mit ihrem Milchhäfelein, um ihren
                    Liter frisch von der Kuh weg zu holen. An der Stalltürschwelle blieb sie wartend
                    stehen, und die beiden führten irgendein gleichgültiges Gespräch.</p>
                <p>Auf einmal kam mit raschen Schritten die Lisbeth gegangen. Ihr Gesicht flammte,
                    und die Augen glänzten fiebrig. Unversehens gab sie Marei einen heftigen Stoß,
                    daß diese auf den Stallgang zu Boden stürzte und den Milchtopf in Stücke
                    schlug.</p>
                <pb n="46"/>
                <p>«Krieche doch zu ihm unter die Kuh, du Ehebrecherin, du Lumpenmensch!» schrie
                    Lisbeth und trat die Gefallene mit Füßen, schrie und tobte wild. Hansueli sprang
                    auf, stellte rasch den Kessel weg, ergriff seine Frau bei den Armen, schüttelte
                    sie unsanft und fuhr sie an: «Was soll jetzt das heißen! Besinne dich, was du
                    tust und redest!»</p>
                <p>«Hilf ihr nur, hilf ihr nur! Ihr beide seid längst ein Pack zusammen.» Und sie
                    spie ihm in ohnmächtiger Wut ins Gesicht. Da fuhr ihr seine flache Hand
                    klatschend auf den Mund.</p>
                <p>«Und du bist eine wüste, böse Frau!»</p>
                <p>Sie suchte sich loszureißen, kratzte, biß, kreischte und heulte; aber er hielt
                    sie fest.</p>
                <p>Derweilen war Marei aufgestanden. Still und betroffen ging sie davon. Heiße
                    Tränen rollten ihr über die Wangen. «Nie wieder einen Schritt unter dies Dach!»
                    das war ihr unwiderruflicher Entschluß.</p>
                <p>Auf Lisbeths Wutausbruch folgte ein schrecklicher Weinkrampf. Hansueli, schon
                    reuig, sie geschlagen zu haben, führte sie in die Stube und legte sie aufs Bett,
                    wo sie sich in Zuckungen hin und her wand. Er vermochte nicht, sie zu
                    besänftigen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt vor Grauen. War das die Frau,
                    neben der er fast zwei Jahrzehnte lang gearbeitet, gegessen und geschlafen,
                    deren Gedanken letzten er zu kennen vermeint hatte, oder war es ein wildfremdes
                    Geschöpf? Wie konnten dieser Frau, der er nie eine Falte seiner Seele verborgen
                    hatte, solche grundlosen, giftigen Vorstellungen ins Hirn steigen? Die ganze
                    Nacht mußte er sich abquälen mit den unglückseligsten Seelenmartern.</p>
                <p>Bisher war er durchs Leben gegangen wie ein Pflug durch gute fruchtbare
                    Ackererde, sachte und geradlinig. <pb n="47"/>Mancher Stein hatte dabei die
                    Pflugschar geritzt; aber sie hatte ihn kräftig beiseitegeschoben, war scharf und
                    unverletzt geblieben, hatte sich nicht aus der Richtung sprengen lassen, und
                    kein zersetzender Rost hatte sich an ihr einzufressen vermocht. Gelegentlich war
                    sie auch einmal auf Fluhsätze gestoßen oder hatte sich im Gewirr verschlungener
                    Wurzeln festgehakt; aber auf Fluhsätzen findet der Fuß festen Stand, kann der
                    Pickel arbeiten und lossprengen Stück um Stück, wenn es auch mühsam geht, kann
                    gute Erde aufgeschüttet werden, Wurzeln können gelöst und durchschnitten werden;
                    es ist ein fester Angriffspunkt gegeben, ein Absehen des Zieles und Gelingens
                    dabei. Wenn aber Geschirr und Pflug ins Bodenlose hineingeraten, bei jedem Hub
                    und Ruck tiefer und tiefer sinken, der Fuß keinen zuverlässigen Grund findet, da
                    wird alle Kraft eitel, der Mut klein und die Hoffnung ein erlöschender Docht. So
                    war es in Hansuelis Leben. Alles Widerwärtige, Feindselige, das ihm begegnet
                    war, hatte sich packen und ordnen oder umgehen lassen, war zuletzt klar und
                    überwindlich geworden. Jetzt ragte das Dunkle, Rätselhafte, Unangreifbare und
                    doch Unabweisbare in sein Leben hinein. Zum ersten Male wich der vertrauenden
                    Seele der feste Untergrund des Begreifens und Verstehens, und sie blieb stecken
                    in lähmender Bangnis, im Gefühl niederdrückender Ohnmacht und Hilflosigkeit.
                    Sollte sie völlig wurzellos werden, ein Spiel dunkler Mächte, oder sollte die
                    Wurzel bloß in tieferes Erdreich verpflanzt werden, wo sie vom Urquell alles
                    Lebens und Seins noch reichlicher gespeist wurde?</p>
                <p>Es war gut, daß Hansueli zu dieser Zeit viel Arbeit hatte, die ihn ablenkte.
                    Lisbeths giftige Trümpfe hätten <pb n="48"/>ihn sonst zur Verzweiflung gebracht.
                    Sie war unermüdlich und bewies ein unheimliches Geschick und einen verblüffenden
                    Scharfsinn im Aufrupfen ausgesuchter Bosheiten. Je näher sie bei ihm sein und je
                    ärger sie ihn quälen konnte, desto wohler schien ihr zu sein. Sobald sie ihn
                    nicht sah, hatte sie keine Ruhe und kein Bleiben mehr.</p>
                <p>Marei kam nie mehr unter das Dach, sie hielt ihren Vorsatz getreulich. Auch zur
                    Arbeit erschien sie nie wieder und kündete unverzüglich die Wohnung.</p>
                <p>Mit dem Bauer verlor sie nie mehr Worte, als unumgänglich notwendig, und beide
                    vermieden peinlich jeden bösen Schein. Ein einzig Mal noch hatte er mit ihr eine
                    längere Aussprache, dankte ihr für ihre Arbeit und ihr Gutmeinen und bat sie,
                    ihm und seiner von Eifersucht verblendeten Frau nicht zu zürnen. Dann wichen sie
                    einander aus, als lebten sie in bitterster Feindschaft, und Marei zog, sobald
                    sie einen andern Unterschlupf gefunden hatte, aus.</p>
                <p>Hansueli hatte auf diesen Zeitpunkt neue Hoffnungen gerichtet. Vielleicht wurde
                    es besser, wenn Marei weit weg war. Doch das Opfer der gutherzigen Taglöhnerin
                    war umsonst. Die Eifersucht hatte sich zu tief in Lisbeths Seele eingefressen.
                    Nach wie vor verfolgte sie ihres Mannes Tun und Lassen auf Schritt und Tritt.
                    Arbeitete er auf dem Acker, bereitete er unten in der Stampfe Knochenmehl oder
                    besorgte er den Stall, immer hatte sie Not zu wissen, wo er sei. Unzählige Male
                    mußte Johannesli Auskunft geben oder nachschauen, was der Vater tue. Kam dann
                    gar ein weibliches Wesen durchs Sträßchen gegangen, hatte sie erst recht keine
                    Weile mehr. Dann konnte die Milch wieder über den Küchenboden <pb n="49"/>laufen, die Speise jämmerlich anbrennen, und zum Nachtisch gab's häßliche
                    Anschuldigungen.</p>
                <p>Sobald Fremde sich der Wohnung näherten, ging Lisbeth beiseite und schloß sich
                    ein. Trotzdem blieb Hansuelis Unglück den Nachbarn nicht verborgen. Von den
                    Wohlmeinenden traute ihm zwar niemand etwas Schlechtes zu. Die Böswilligen
                    hingegen spürten eine gewisse Genugtuung. «Hat der Ruhmnarr endlich auch seine
                    Krippe voll zu kauen! Sonst nahm er immer den Mund so voll, als ob er schon im
                    Vorhimmel wäre. Nun wird es ihm wohl ein wenig das Ruhmhorn verstopft haben,
                    seit er weiß, was seine Lisbeth für ein Kaninchen ist. Ein böses Räf war sie
                    alleweile.»</p>
                <p>Auch an guten Ratschlägen fehlte es nicht. Der Seitenbauer, sein nächster
                    Nachbar, wußte ein unfehlbares Mittel, den Weibern die Mucken aus dem Kopf zu
                    treiben. «Ein vierfaches Seil an die Wand hängen und allemal, wenn sie ein
                    krummes Maul ziehen, zuhauen damit, solange man einen Arm rühren kann. Das fegt
                    die Spinnhuppen weg und stärkt den Gehorsam. Schmier sie doch einmal gründlich
                    aus, dann hast du bald wieder Frieden und Eintracht. Wenn sie dich erteufelt,
                    warum erteufelst du sie nicht auch?»</p>
                <p>So der Rat dieses Sachverständigen. Hansueli wies ihn mit Abscheu von sich.
                    Sosehr sie ihn manchmal gequält hatte, so weh ihm namentlich tat, wenn ihre
                    Reden ins Gemeine ausarteten, für diese Roßkur war sie ihm doch noch zu gut. Vor
                    solcher Behandlung schützte sie sein Charakter und das Andenken an die gemeinsam
                    verlebten Jahre des Glücks. Zudem gab es auch bei Lisbeth Momente, wo durch all
                    den Nebel hindurch ein leiser Strahl der alten Liebe zu schimmern schien.</p>
                <pb n="50"/>
                <p>In einer solchen günstigen Periode traf es sich, daß ich Hansueli Reber einen
                    Besuch abstattete. Nach Wochen war die Kunde von seinem ehelichen Zerwürfnis
                    auch zu mir gedrungen, doch hatte ich nur oberflächlichen Bericht erhalten. Auch
                    er offenbarte sich mir damals nicht ganz, und mit Fragen in ihn zu dringen,
                    hatte ich nicht den Mut. Er sah so schmalwangig und hohläugig aus, das Unglück
                    hatte so hart an ihm gezimmert! Im Laufe des Gespräches legte er mir die Frage
                    vor, ob ich seine Frau für geisteskrank halte oder nicht. Nach dem wenigen, was
                    ich damals vernommen hatte, getraute ich mir nicht, ein Urteil abzugeben, und
                    mochte ihm nicht die Hoffnung rauben, obschon mir schien, daß Anzeichen von
                    Geistesstörung vorhanden seien. Ich erklärte ihm darum, daß die Beurteilung des
                    Geisteszustandes Sache eines erfahrnen Arztes sei und auch dieser in schwierigen
                    Fällen erst dann zu entscheiden wage, wenn er den Patienten in der Anstalt
                    längere Zeit genau beobachtet habe. Ich meinte, das klug gemacht zu haben – ach,
                    hätte ich meinen Hansueli Reber schon damals besser gekannt! Natürlich bat ich
                    ihn auch herzlich, sich an mich zu wenden, wenn ich ihm etwas helfen könne, und
                    nahm Abschied, ohne Lisbeth gesehen zu haben.</p>
                <p>*</p>
                <p>Ein trübseliger Winter ging zu Ende, und ein hoffnungsfreudiger Frühling zog ins
                    Land. Bald grünten und blühten Baum und Strauch, und frohes Leben regte sich
                    allenthalben. Nur im Heim des Knochenstampfers im Erlengraben wollte die Trübsal
                    und Drangsal nicht weichen. Immer noch geriet Lisbeth ins Brüten und Horchen,
                    ins Gifteln und Schelten und machte ihrem Manne das Haus <pb n="51"/>zur Hölle.
                    Immer noch hatte er ihren Anwürfen mit Engelsgeduld standgehalten. Aber einmal
                    wurde es auch ihm zu viel, als sie ihn wieder aufs Blut quälte. Die Bitterkeit
                    und der Zorn stiegen ihm in die Kehle, er konnte nicht mehr reden wie ein
                    Mensch, sondern stieß Laute aus wie ein mißhandeltes Tier. Die Sonntagskleider
                    riß er aus dem Schranke, ein frisches Hemd aus dem Tröglein und die bessern
                    Lederschuhe unter dem Ofentritt hervor. Dann versorgte er sich mit Bargeld,
                    setzte den Wollhut auf und übergab dem weinenden Johannesli das
                    Kassenbüchlein.</p>
                <p>«Jetzt gehe ich fort. Ich halte es nicht mehr länger aus. Dinge einen Knecht. Um
                    mich sorge dich nicht. Sobald ich irgendwo angestellt bin, schreibe ich dir.
                    Vielleicht kann ich dir auch etwas Geld heimschicken. Versorge das Büchlein gut.
                    Behüte dich Gott! Hilf dir, wie du kannst! Wein doch nicht so!»</p>
                <p>Lisbeth starrte ihn mit entgeisterten, weitaufgerissenen Augen an. Da griff er
                    nach der Türklinke; nicht einen Blick schenkte er ihr. Jetzt schrie sie auf:</p>
                <p>«Geh nicht fort, geh nicht fort. Ich lasse dich nicht gehen, du darfst nicht.
                    Johannesli, hilf!»</p>
                <p>Sie klammerte sich an ihm fest.</p>
                <p>«Weg jetzt! Nun ist es einmal genug!» Er schüttelte sie ab. Sie krallte sich mit
                    beiden Händen an seinem Westenkragen fest. Mit einem heftigen Ruck wollte er
                    sich befreien. Da rissen die Westenknöpfe ab und rollten über den Stubenboden.
                    Sie sank in die Knie, immer noch mit den Händen krampfhaft festhaltend.
                    Knirschend löste er ihr die Finger. Laut weinend rutschte sie ihm auf den Knien
                    nach und erhob flehend die Hände. Doch schon schmetterte die Türe ins Schloß.
                    Mit raschen Schritten <pb n="52"/>eilte Hansueli wegabwärts, er konnte ihr
                    Schreien nicht mehr anhören. Wie er das Sträßchen erreicht hatte und sich
                    talauswärts wendete, tönte ihm das Muhen seiner Lieblingskuh in die Ohren. Wie
                    sie ihm leid taten, die lieben Tiere! «Wer wird sie nun versorgen, daß es ihnen
                    an nichts gebricht», dachte er. Ach, hätte er ihnen doch wenigstens noch die
                    Raufe voll gestopft! Fast nötete es ihn, umzukehren und das noch nachzuholen.
                    Doch nein, es konnte nicht sein. Er marschierte bis zur Wegkehre. Hier mußte er
                    halten und sich umschauen. Einen letzten Blick mußte er seinem lieben Heim
                    schenken. Die Strahlen der scheidenden Abendsonne lächelten lieblich darauf
                    nieder. Da war ihm, als ob sich tausend Arme nach ihm ausstreckten und ihn
                    zurückzögen. «Kehre um!» winkte ihm die goldgelbe Löwenzahnmatte, «wir beide
                    gehören zusammen.» «Willst du nicht schauen, was für schwere, volle Ähren ich
                    für dich reife», mahnte der saftiggrüne Kornacker. «Hast du ganz vergessen, wie
                    viele Vier-, Sechs- und Achtbösche von unsern herrlichsten Nüssen wir dir für
                    deinen Johannesli geschenkt haben», erinnerten die behäbigen Haselbüsche oben am
                    jäh abfallenden Rain. «Wer wird nun mein Sonntagsgast sein», klagte der
                    Wintersitzplatz oben am Waldsaum, wo der Schnee immer am frühesten schmilzt und
                    die ersten Blütenbüschel der Tormentille erscheinen. «Geh, wenn du ein Tor
                    bist», zürnte der Kartoffelacker, «wo in aller Welt findest du solche mehligen
                    Kartoffeln, wie ich sie dir gespendet habe?» «So viele Jahre habe ich dir Schutz
                    und Schirm geboten, deine Habe geborgen und deinen Schlaf bewacht, und nun
                    kehrst du mir den Rücken», ereiferte sich das sonnbeglänzte Dach. Und durch die
                    blustbehangenen Fruchtbäume ging ein <pb n="53"/>leises Zittern und Beben wie
                    von verhaltener Trauer; die Amsel oben auf der Spitze der großen Rottanne hörte
                    auf zu singen; der Holunderstrauch und die Büsche am Bächlein senkten wehmütig
                    ihre Blätter. Alle machten sich schön, so schön wie sie noch nie gewesen waren,
                    und alle baten vereint: «Kehre um, da es noch Zeit ist, wir gehören zusammen,
                    wer wird uns so lieb haben wie du?»</p>
                <p>Lange schaute er hin, schaute von einem Liebern zum andern, bis ihm heiße Tränen
                    die Augen verdunkelten und er nicht mehr sehen konnte. So weinten Adam und Eva,
                    als sie aus dem Paradiese mußten. Tropfen um Tropfen rieselte über die hagern
                    Wangen. «O wie gerne wollte ich bleiben; aber sie richtet mich zugrunde. Die
                    bösen Blicke, die vorwurfsvollen Mienen, die gehässigen Worte, die aufreizenden
                    Gebärden, die schlaflosen Nächte, die friedlosen Tage, nein ... nein ...» Er
                    wandte sich zum Gehen. Da erblich langsam der helle Schein auf den Bäumen,
                    Grasmatten und Äckern; die leuchtende Schönheit erlosch; düster und bekümmert
                    standen Haus und Garten, Wiesen und Hofstatt. Nur die steil aufragende
                    Pappelspitze erglühte in festlicher Abendschöne, als hätte sie noch immer
                    Hoffnung. Und wieder wurzelte sein Fuß am Boden, den letzten Schimmer noch
                    wollte der Wanderer verglimmen sehen, vielleicht zum letztenmal verglimmen
                    sehen, und dann hinaus in die weite, fremde, unfrohe Welt.</p>
                <p>Jetzt öffnete sich oben im Hause die Türe, und heraus schritt, ebenfalls
                    sonntäglich gekleidet, soweit es die Zeit erlaubt hatte, Lisbeth eilfertig quer
                    durch die Grasung hinunter dem Sträßchen zu.</p>
                <p>Hansueli beschleunigte seine Schritte. Da fing sie an <pb n="54"/>zu laufen.
                    Laufend und rufend eilte sie hinter ihm her. Daraus erkannte er, sie sei
                    entschlossen, ihm zu folgen, wohin es gehe; darum wartete er. Bis auf wenige
                    Schritte trat sie an ihn heran. Dann blieb sie zögernd stehen und rang ratlos
                    die Hände. Demütig schwieg sie und erwartete, daß er sie anrede. Nun fing er
                    wieder an zu marschieren. Sie ging hinter ihm her. Nun stand er still. Da blieb
                    auch sie stehen und wartete wie ein Hündlein, das einen schlimmen Streich verübt
                    hat und sich nicht mehr getraut, fröhlich an den Herrn hinaufzuspringen.</p>
                <p>So konnte es nicht weitergehen. «Warum kommst du mir nach? Bin ich denn nirgends
                    sicher vor dir und deiner Bosheit!» herrschte er sie an.</p>
                <p>Sie schluchzte herzerschütternd. «Ich weiß nicht, warum es über mich kommt, daß
                    ich so sein muß. Hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht anders. Wenn du gehst, so
                    muß ich mitkommen!» Jammer, Elend, Herzbeben zitterte aus ihrer Stimme.</p>
                <p>«Gott und Vater im Himmel, was ist das für eine Zuversicht!» seufzte er halb
                    entwaffnet. Jetzt wagte sie ein scheues Näherkommen, und wie sie bei ihm war,
                    schlang sie ihm die Arme um den Hals, preßte ihn an sich und küßte ihn, küßte
                    ihn, wie sie ihn seit den Tagen ihrer jungen Ehe nie mehr geküßt hatte, und
                    netzte ihm mit ihren Tränen seine Wangen. «Lieber, Lieber, Lieber!» stammelte
                    sie dazwischen.</p>
                <p>Ihre Herzensnot entwaffnete ihn ganz. Er konnte nicht länger widerstehen und
                    duldete, daß sie ihn am Arm nach Hause zog. Alles, was er wollte, versprach sie
                    ihm. Es war, als hätte ihr die Angst das Eis des Herzens geschmolzen und die
                    Fesseln der Zunge gelockert. An jenem Abend konnte sie zu ihm reden von den
                    Schatten, <pb n="55"/>die sie verfolgten, ohne ihn zu reizen, wahr und
                    ergreifend in ihrer Unbehülflichkeit. Er glaubte ihr und flehte zu Gott um
                    Kraft, zu ertragen, was ihnen auferlegt war. Zum erstenmal seit langem ruhte sie
                    friedlich atmend an seiner Brust.</p>
                <p>In der Nacht rüttelte sie ihn heftig: «Erwache, erwache, sie ist wieder da!»</p>
                <p>Schlaftrunken hob er den Kopf: «Wer ist da?»</p>
                <p>«Sie, sie, die Marei. Jetzt kommt sie als grüne Eidechse! Siehst du sie nicht,
                    wie sie sich ankrallt, dort, dort am Fenster, wie sie die glotzenden Augen
                    rollt! Sie will nicht, daß ich bei dir schlafe. Hilf mir; halte mich!»</p>
                <p>Sie klammerte sich an ihn, und er spürte, wie ihr das Herz in wilden Schlägen
                    pochte.</p>
                <p>«Sei ruhig; ich halte dich; niemand kann dir etwas tun!»</p>
                <p>«Schau, wie sie mit der gespaltenen Zunge nach mir sticht und geifert. Willst du
                    jetzt weg, verfluchtes Untier!»</p>
                <p>Blitzschnell riß sie sich los, ergriff einen Schemel und schmetterte ihn so
                    wuchtig hin, daß das ganze Fensterkreuz klirrend in Stücke flog. Dann lachte sie
                    gellend auf und kroch wieder unter die Decke:</p>
                <p>«Nun wirst du wohl genug haben für Zwanzig!»</p>
                <p>*</p>
                <p>Nun war der Nebelschleier zerrissen. Jählings hatte das Unfaßbare Gestalt
                    angenommen. Jetzt konnte Hansueli Reber nicht mehr im Zweifel sein, welcher Art
                    Bürde auf seine Schultern niedergesunken war. Mir bangte sehr um ihn. Daß das
                    Schicksal just ihn, den Weichherzigen und wehrlos Gütigen, so hart treffen
                    mußte, war <pb n="56"/>mir unendlich leid. Ich hatte keine Ruhe, bis ich wußte,
                    wie er es aufnehme. Konnte ich ihm auch nur spärlichen Trost spenden, so wollte
                    ich ihm doch den guten Willen beweisen und teilnehmend die Hand drücken.</p>
                <p>Zu meiner großen Erleichterung fand ich ihn ruhig und gefaßt. Meines Trostes
                    bedurfte er nicht. Ihn tröstete die Kraft und Weisheit der einfältig reinen
                    Herzen, der Glaube.</p>
                <p>«Das Schwerste ist von mir genommen; meine Frau ist mir wieder geschenkt. Sie ist
                    nicht töricht und kindisch, nicht gemein und schlecht, nicht boshaft und
                    rachsüchtig. Sie ist nur krank, und es trifft sie keine Schuld. Was wir tragen,
                    kommt von Gott. Das ist mir der beste Trost; denn aus Gottes Hand kann ich das
                    Leiden geduldig annehmen, nachdem ich so viel Gutes empfangen habe. Nun kann ich
                    meine Frau wieder liebhaben und bin nicht mehr so einsam.»</p>
                <p>So sprach er, und kein selbstquälerisches Murren oder Hadern kam über seine
                    Lippen, nur sein armes Weib beklagte er. Von Versetzung in eine Anstalt wollte
                    er nichts hören.</p>
                <p>Mir rannen heilige Schauer durch Leib und Seele. Wie oft hatte ich beklommen
                    geseufzt: «Kann auch das Schilf aufwachsen, wo es nicht feucht ist!» Nun erfuhr
                    ich: «Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.» Das Wort: «Ob ich schon wanderte
                    im finstern Tal, fürcht' ich doch kein Unglück; denn du bist bei mir», war vor
                    meinen Augen Fleisch geworden.</p>
                <p>Diese Stunde hat mir köstlichen Gewinn gebracht. Sie hat mir die Menschen lieb
                    werden lassen und mir Vertrauen und Freudigkeit gegeben, unter ihnen zu wirken.
                    Ich war gekommen, um Kraft zu erwecken, und hatte <pb n="57"/>nun selber Kraft
                    empfangen. Neugestärkt und im Innersten erhoben ging ich von dannen.</p>
                <p>*</p>
                <p>Sieben Jahre lang hat er die Bürde getragen als ein Mann und Christ. Sie hat ihm
                    manchmal einen Seufzer ausgepreßt; denn er war ein Mensch und besaß menschliche
                    Schwäche; aber sie hat ihn nicht zum Seelenkrüppel verunstaltet. Wohl blichen
                    seine Haare, wohl furchte sich sein Antlitz; aber aus seinen Augen leuchtete
                    Freundlichkeit und gütiger Ernst; im Gärtlein seines Gemüts öffnete sich immer
                    noch ab und zu ein bescheidenes Blütenknösplein.</p>
                <p>Die sinnlosen und schmählichen Anschuldigungen seiner Frau ertrug er mit
                    vollkommener Sanftmut und Geduld. Wenn sie so recht schwer hatte und wider ihn
                    eiferte, sprach er mit mildem Erbarmen: «Rede dich aus; entleere das gesammelte
                    Gift; schrei! Wenn dir nur leichter wird, dann ist alles gut.» Selbst wenn sie
                    ihn wie mit ausgeklügelter Bosheit zu verwunden trachtete, ließ er es sie nicht
                    entgelten.</p>
                <p>Wie schon früher, folgte auf die Eiferzeit fast regelmäßig eine Schonzeit. Leise,
                    wie ein todwundes Vöglein seine gelähmten Flügel zu heben versucht und kraftlos
                    wieder sinken läßt, kämpften in der Seele die Gotteskräfte der Liebe und Treue
                    gegen die starren Fesseln des Wahns und erweckten in Lisbeth ein verschwommenes
                    Empfinden, sie habe eine schwere Verfehlung gutzumachen. Dieses dunkle Gefühl
                    äußerte sich nie in Worten oder Liebkosungen, sondern es trieb sie zur Arbeit.
                    Frühmorgens schon stand Lisbeth hinter einem Werk und gönnte sich keine Ruhe bis
                    tief in die Nacht <pb n="58"/>hinein. Ihr ganzes Schalten und Walten war eine
                    hinreißende Bitte um Erbarmen und Verständnis. Und nie in seinem ganzen Leben
                    erschütterte etwas Hansueli Rebers Herz so tief wie diese lautlose und unbewußte
                    Flehgebärde. Manchmal, wenn seine Frau sich mit heißer Mühe abrackerte, wurden
                    seine Augen feucht. Dann nahm er ihr das Werkzeug aus der Hand, strich ihr
                    liebkosend über den Scheitel und sagte: «Tu dir nicht zu viel, du Arme, Liebe,
                    Gute! Ich sehe wohl, du möchtest meine liebe, brave Lisbeth sein, wenn du nur
                    könntest; aber du bist wie ein Bienlein, dem eine garstige Spinne mit ihren
                    Fäden die Flügel umwunden hat.» Und wenn er dann so liebreich mit ihr sprach,
                    war es, als hätte ihr der Wind ein paar Töne einer lieben, altbekannten Melodie
                    hergeweht; ein leiser Abglanz scheuen und stillen Glückes verschönte ihr
                    Antlitz; die beiden durften einen Augenblick ihre Bürde anlehnen und Atem
                    schöpfen.</p>
                <p>Sieben Jahre lang hat es bei Lisbeth gewechselt wie der zu- und abnehmende Mond.
                    Diese sieben Jahre sind auch mir unvergeßlich geblieben. In dieser Zeit hatte
                    ich den Hansueli Reber fast jeden Sonntag in der Kirche. Und wenn er kam, dann
                    wußte ich: Dich hat einer nötig! Drum ließ ich die ganze Woche nicht nach, bis
                    ich erbauliche Trostworte gefunden hatte. Um das Urteil der Menge kümmerte ich
                    mich nicht mehr groß. Wenn Hansueli Reber bei der Bitte des Schlußgebetes: Dein
                    Wille geschehe! still nickte, war ich für meinen guten Willen belohnt genug.
                    Nicht ein beliebter Mann und berühmter Redner wollte ich mehr sein, sondern ein
                    Helfer allen denen, die eine Bürde trugen. Darum gewann mein Leben Reichtum und
                    Fülle; von einer Bürde auf den eigenen Schultern wußte ich wenig mehr. Später
                        <pb n="59"/>durfte ich erfahren, daß ich in dieser Zeit nicht nur eine Seele
                    erquickt, sondern auch andere gewonnen hatte. Ein rechtes Liebes- und
                    Lebenswort, geboren aus herzlichem Wohlwollen, findet manchmal einen guten Ort,
                    wo man es nicht vermutet. Nach und nach wurde mir mein Wirkungskreis so lieb,
                    daß ich mich nicht mehr hätte davon trennen mögen. Besonders gerne erinnere ich
                    mich der heiligen Sonntage, wo das Abendmahl ausgeteilt wurde. Wenn ich die
                    Männer und Frauen mit züchtig gespannten Gliedern zum Tische des Herrn kommen
                    sah, als träten sie vor den Thron Gottes, wenn sich auf ihren Gesichtern die
                    aufrichtigste und tiefste Ehrfurcht vor dem Heiligen spiegelte, dann wallte mir
                    allemal das Herz auf, und ich sprach bei mir: Liebe Brüder und Schwestern, gerne
                    will ich bei euch sein, und wenn eure Fehler noch so groß wären ...</p>
                <p>Nach sieben Jahren schwerer Prüfung kam unerwartet eine Änderung. Früher und
                    strenger als gewöhnlich hatte der Winter eingesetzt. Schon im November schneite
                    es ein, und an Hansueli Rebers Wasserleitung hingen rockärmeldicke Eiszapfen.
                    Hansueli konnte nicht mehr viel verrichten mit Knochenmehlstampfen. Die
                    Wasserkraft langte nicht, das ganze Werk in Betrieb zu setzen. Doch hatte er für
                    die Frühjahrsdüngung schon einen ansehnlichen Vorrat bereit und hoffte auf
                    günstigere Tage. Hin und wieder brachten die Nachbarn ein paar Säcke Korn, um
                    sie brechen zu lassen und für ihr Vieh kräftiges Beifutter zu gewinnen; denn in
                    dem nassen Sommer vorher war gehaltarmes Heu gewachsen. Für das Geschäft des
                    Kornbrechens reichte die Kraft immer noch hin, und eines Abends stand Hansueli
                    in seiner Stampfe und füllte den mächtigen Steintrog nach. Draußen <pb n="60"/>klirrte es vor Kälte. Vom Wasserrad hatte er erst das Eis herunterschlagen
                    müssen, bevor es sich regelrecht drehen konnte. Noch stand die Leiter an der
                    höchsten Bockstütze angelehnt. Der Schußkanal war abgelenkt; ungehindert ergoß
                    sich das Wasser hinunter in die steinerne Kammer. Das große Wasserrad ruhte
                    unbeweglich auf seiner Achse. Drinnen verteilte Hansueli beim Schein der Laterne
                    das Korn in die Löcher des Troges. Dann griff er nach dem Seil, das durch ein
                    Loch der Wand hinauslief. Ein kräftiger Ruck, um den Schußkanal
                    einzuschalten ... da ertönte draußen ein markerschütternder Aufschrei. Zitternd
                    vor Schreck ließ der Knochenstampfer das Seil wieder fahren; es schnellte auf,
                    und das Wasser rauschte hinunter wie vorher. Mit bebender Hand ergriff er die
                    Laterne, eilte hinaus und zündete. Drunten auf dem Steingrunde der Wasserkammer
                    lag ein Bündel Kleider. Er stellte die Laterne ab und kletterte, sich mit einer
                    Hand am Gesträuch festhaltend, hinunter. Drunten, o Gott, lag sein armes, irres
                    Weib. Er hob sie auf und kroch mühsam mit ihr empor – er hielt eine Leiche in
                    seinen Armen.</p>
                <p>Offenbar hatte ihr der Wahn wieder Gestalten vorgespiegelt. Darum war sie ihrem
                    Manne nachgeschlichen und hatte auskundschaften wollen, was er tue und ob er
                    allein sei. Durch das Heiterloch in der Wand hatte sie heimlich hineinspähen
                    wollen. Darum war sie auf die Leiter gestiegen. Ob nun diese an dem vereisten
                    Holze abgeglitten, oder ob jäher Schreck den Sturz verursachte – wer vermag's zu
                    sagen?</p>
                <p>Auf den Armen trug der Knochenstampfer sein totes Weib ins Haus, und drei Tage
                    nachher haben wir sie begraben. Hansueli betrauerte sie aufrichtig, doch äußerte
                        <pb n="61"/>er keinen übertriebenen Schmerz. «Ihr ist wohl geschehen – und
                    uns auch», bekannte er ehrlich.</p>
                <p>«Nun könntet ihr doch die Marei als Haushälterin einstellen», schlug ihm noch auf
                    dem Kirchhof der Seitenbauer vor und maß ihn aus den Augenwinkeln mit
                    beobachtenden Blicken.</p>
                <p>«Das wird nicht geschehen», sagte er ruhig, «ich will nicht den Leuten Anlaß
                    geben zu Gerede. Wir werden uns ohne Haushälterin behelfen müssen.» Dann trat er
                    mit seinem Sohne den Heimweg an.</p>
                <p>*</p>
                <p>Ein mutter- und frauenloses Haus gleicht dem Tag ohne Sonne. Nur wo ein
                    treubesorgtes Frauengemüt waltet, zieht Sonntagsstimmung ein in die Familie.
                    Erst die unermüdlich ordnende Frauenhand schafft das Haus um zum behaglichen
                    Heim. Wo man sie missen muß, fehlt die rechte Familienluft, fehlt des Lebens
                    schönster Schmuck. Das spürten auch Hansueli und Johannes. Ohne weibliche
                    Hilfskraft konnte ihr Haushalt nicht gedeihen. Die hunderterlei Sorgen und
                    Verrichtungen des Hauswesens stahlen ihnen unverhältnismäßig viel Zeit und lagen
                    ihnen schwerer auf als die übrige Arbeit. Was eine richtige Frau nur so aus dem
                    Ärmel geschüttelt hätte, schuf ihnen Kopfzerbrechen. Darum machten sie sich mit
                    Unlust dahinter oder ließen es auch sein. Auf die Länge konnte es nicht so
                    weitergehen.</p>
                <p>«Johannes soll doch eine Frau anstellen», rieten die Nachbarn.</p>
                <p>Gewiß, das wäre die natürlichste Lösung gewesen. Das heiratsfähige Alter hatte er
                    mehr als erreicht. Auch brauchte er den Mädchen nicht mehr auf die Strumpfbänder
                        <pb n="62"/>zu stehen, wenn er ihnen einen Kuß geben wollte. Aus dem
                    schüchternen Büblein war ein lang aufgeschossener Bengel geworden. Zwischen den
                    Schultern war er freilich etwas schmal geblieben, und mit besonderer Hübsche
                    oder Körperkraft konnte er nicht prahlen. Doch das hätte sich gegeben.
                    Heutzutage kriegt ja jeder, sei er ein aufgestengelter Sprenzel oder ein dicker
                    Krüschmüder, doch eine Frau, wenn er nur versteht, tüchtig das Maul aufzureißen
                    und keck nach den Schürzen zu langen. Aber die glorreichen Heldentugenden des
                    Maulaufreißens und ungenierten Zutappens gingen Johannes eben ab. Ihm war es
                    nicht wie manchem andern gelungen, das linkische und unentschlossene Wesen mit
                    den verwachsenen Bubenkleidern abzulegen. Die Natur hatte ihn bestimmt, als ein
                    stilles Wasser zu fließen, und die Krankheit der Mutter tat ein übriges, um
                    jegliches sprudelnde Überschäumen zurückzudämmen. Das mit einem Zuschuß von
                    Geringschätzung vermischte Bedauern der Nachbarn scheuchte ihn ins Haus zurück,
                    und nirgends fand sein Selbstgefühl gesunden Nährboden, auf dem es Wurzel
                    schlagen und fröhlich ins Kraut schießen konnte. Darum traute er sich nicht an
                    die Mädchen heran, und sie hielten ihn für einen Schüchterling und Stubenhocker.
                    Ja, wenn man sich eine Frau nur so hätte vom Baum schütteln können wie eine
                    süßreife Pflaume, hätte Johannes sicher zugegriffen. So aber begnügte er sich,
                    dem schönen Geschlechte durch Türschlitze und Fensterlöcher angelegentlich
                    nachzugucken.</p>
                <p>Unter diesen Umständen mußte sich Hansueli doch bequemen, eine Magd ins Haus zu
                    nehmen. Einer tüchtigen, treuen und zuverlässigen Person bestandenen Alters
                    werde der Vorzug gegeben, hieß es in der Ausschreibung. <pb n="63"/>Aber diese
                    untadeligen Hausfrüchte wachsen nicht an allen Hägen und stehen nicht das ganze
                    Jahr zu Markte. Hansueli brauchte sich mit Auswählen und Vorzuggeben nicht zu
                    plagen; die einzige Hilfskraft, die sich meldete, mußte ihm recht sein.</p>
                <p>Trine, die Neue, wies übrigens eine Reihe nicht zu unterschätzender Vorzüge auf.
                    Ihre Seelenruhe war nicht leicht zu trüben; denn ihr Wahlspruch lautete: «Es
                    kommt nicht darauf an.» Wenn sie morgens früh geweckt wurde, bewies sie ein
                    seltenes Beharrungsvermögen und eine treue Anhänglichkeit ans Bett. Bei Tische
                    erwahrte sie sich durchaus als eine tüchtige Kraft. Sie war aber auch eine
                    ausgezeichnete Futterverwerterin, der man einen reichen Stoffwechsel schon von
                    weitem ansah. Im Gebrauch von Seife übte sie weise Sparsamkeit, und im Umgang
                    mit Besen und Bürsten befliß sie sich zartester Schonung. Bei der Arbeit zeigte
                    sich ihre Zurückhaltung im hellsten Lichte. Sie zerrieb keine Tücher beim
                    Waschen, und gefährlich spitzigen Gegenständen begegnete sie mit großer
                    Vorsicht; Nadeln und ungeputzte Messer berührte sie nicht ohne Not. Kam der
                    Briefträger oder sonst jemand unter die Haustüre, dann verfehlte Trine nicht,
                    ihre Unterhaltungsgabe und Standhaftigkeit leuchten zu lassen. Sogar der Zug zum
                    Höhern, zur Geistigkeit, ging ihr nicht ab: Mit außerordentlicher
                    Gewissenhaftigkeit studierte sie die Inserate des Amtsanzeigers, um zu
                    vernehmen, wo ein Ausverkauf von Winterfinken, ein Wettgrännet, Weggliesset,
                    Sackgumpet oder Antrinket abgehalten werde. Kurz, Trine war ein Tugendklumpen
                    erster Güte.</p>
                <p>Nun hat aber alles auf der Welt seine Licht- und Schattenseite, und
                    unglücklicherweise fiel es Hansueli Reber <pb n="64"/>ein, die Tugenden seiner
                    Haushälterin immer nur von der Schattenseite aus zu betrachten. Zur Strafe für
                    diese finstere Gewohnheit vermochte er auch von dem freundlichen Schimmer, den
                    eine Frau ins Haus bringen und ausstrahlen soll, wenig zu erspähen und mußte
                    sich vergeblich nach Besserem sehnen.</p>
                <p>Manchmal hat aber das Schicksal ein Einsehen, und wenn es einem auch nicht just
                    zu dem verhilft, was man gerne möchte, pflanzt es einem doch ein bescheidenes
                    Blümlein an den Weg.</p>
                <p>Eines Tages traf Hansueli, als er von einem Geschäftsgang heimkommend im
                    Wirtshaus einkehrte, ein hellhaariges, freundliches Schulmädchen, das von der
                    Gemeinde verkostgeldet werden sollte. Der nichtsnutzige Vater des Kindes steckte
                    im Arbeitshaus, die brave und fleißige Mutter sei an der Auszehrung gestorben,
                    lautete der Bericht der Wirtin. Sie redete Hansueli dringlich zu, er solle sich
                    des Kindes annehmen, es scheine gut geartet und ordentlich erzogen zu sein. Die
                    Kleine dauerte ihn aufrichtig, und da sie zu seinem gütigen Vaterantlitz sofort
                    Zutrauen faßte und Freude bezeugte, zu ihm zu kommen, willigte er ein. Die
                    Armenbehörde gab ihre Zustimmung, und andern Tags brachte der Gemeindediener die
                    neue Hausgenossin nebst ihrem Bündlein Kleider. Lineli lächelte den Hausvater
                    freundlich an mit seinen blauen Augen und fühlte sich bald heimisch am warmen
                    Ofen. Der Gemeindegewaltige erquickte und erwärmte sich an einem dargebotenen
                    Schnaps. Um sich erkenntlich zu zeigen und eingedenk der Würde und
                    Verantwortlichkeit seines Amtes, gab er dem Kinde noch einen kräftigen Zuspruch,
                    ehe er den Staub von seinen Füßen schüttelte. Er hätte sich das wohl ersparen
                        <pb n="65"/>dürfen. Lineli, das stille, ernste, über seine Jahre hinaus
                    gereifte Kind, fügte sich in die Haushaltung ein, ohne nennenswerte Sorgen zu
                    bereiten. Nicht nur der Vater, auch Johannes und Trine mochten es leiden; denn
                    es nahm ihnen manchen Tritt ab. Ein Sprengbub oder Sprengmädchen ist für die
                    Erwachsenen gar bequem. Trine hatte nun jemand, den sie meistern und dem sie im
                    Notfall die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Sie gefiel sich sehr in der
                    Rolle der besorgten Mutter und predigte Erziehungsgrundsätze, die ihr für die
                    eigene Person überflüssig und beschwerlich, für andere aber passend und wertvoll
                    erschienen. Sie gehörte zur zahlreichen Schar derer, die den Kindern den
                    kostbaren Erbschatz elterlicher Weisheitslehren unabgenutzt überliefern. Für
                    Kindererziehung halten sich, kraft der Zahl ihrer Jahre, auch solche befähigt,
                    die selber noch die Strumpfrohre im Kot nachschleifen. Wenn einer auf dieser
                    Erdenwelt nichts leistet und aus sich selber nichts zu machen weiß, eines
                    versteht er sicher: an Kindern herumzudressieren. War Trine sich selbst
                    überlassen, so lebte sie in Schmutz und Unordnung so vergnügt wie die Laus im
                    Haarwald. Ließ aber Lineli einmal sein Schulbüchlein liegen oder kratzte die
                    Schuhe zu flüchtig ab, dann erwachte in Trine die zünftige Hausfrau, der solches
                    ein Greuel ist. Sie geriet in Eifer wie ein Bußprediger und kam sich selbst
                    erhoben und wer weiß wie wichtig vor. Dafür überließ sie dem Kinde mit rührender
                    Uneigennützigkeit allerhand Arbeiten, an denen es sich üben und tüchtig werden
                    konnte. Diese Uneigennützigkeit ging so weit, daß der Hausvater Schranken setzen
                    mußte. Bei ihm fand das Kind Schutz und Stütze und schloß sich ihm mit großer
                    Innigkeit an. Zu ihm <pb n="66"/>hatte es von Anfang an ein absonderliches
                    Vertrauen gefaßt und erzählte ihm, wenn sie allein waren, unaufgefordert dies
                    und jenes aus seiner Vergangenheit.</p>
                <p>«Wir hatten auch Tassen mit Goldrändchen, fast gleiche, wie die da sind. Da kam
                    Vater betrunken heim, ganz betrunken. Da mußte Mutter hart weinen. Und da
                    zerschlug Vater alle, alle Tassen.» Einmal, an einem Sonntagnachmittag, saßen
                    sie auch allein in der Stube. Der Hausvater las in der Zeitung. Das Kind saß
                    neben ihm und betrachtete ihn lange ernsthaft. Endlich fragte er lächelnd: «Was
                    siehst du auch an mir? Habe ich Hörner?» Aber das Kind verzog keine Miene.</p>
                <p>«Vater, warum hast du so weiße Haare?»</p>
                <p>«Kind, solche Haare bekommt man, wenn man viel Kummer hat oder wenn man alt
                    wird.»</p>
                <p>Da nickte es still. «Mutter hatte auch schon viele und war nicht sehr alt.»</p>
                <p>Noch öfters bemerkte er, daß die Kinderaugen sich auf seinen Haarschmuck
                    richteten, und einmal fragte er es:</p>
                <p>«Machen sie dir immer noch Gedanken, meine weißen Haare?»</p>
                <p>Statt einer Antwort schmiegte sich das Kind an ihn. Als er ihm freundlich den Arm
                    umlegte, sagte es leise, als handle es sich um ein schönes Geheimnis:</p>
                <p>«Ich möchte gerne einmal mit der Hand darüber fahren.»</p>
                <p>Und er mit gütigem Lächeln: «Tu's nur, Kind, ich bin lange nicht mehr
                    gestreichelt worden», und hob es auf den Arm.</p>
                <p>Da strich es mit scheuer Liebkosung über das eisgraue Haupt, so zart und leise,
                    als liege unter seiner <pb n="67"/>Hand die wundersamste Kostbarkeit der Welt,
                    und ein eigener Glanz lag in seinen ernsten Augen.</p>
                <p>Johannes hatte dem Kinde seinen alten Schlitten zurechtgemacht und geschenkt.
                    Aber wenn es sonntags mit dem Vater spazieren durfte, stellte es den Schlitten
                    in die Ecke. An Vaters Hand zu gehen war ihm das Schönste. Manchmal hüpfte es
                    vor ihm her wie ein mutwilliges Zicklein und ergötzte ihn durch muntere
                    Einfälle. Meistens aber schritt es ernst und gesetzt, ja mit einer gewissen
                    feierlichen Würde neben ihm her wie ein Großes. Gelegentlich, wenn er freundlich
                    mit ihm plauderte oder ihm ein Geschichtlein erzählte, ging der Kinderblick wie
                    in weite Fernen. Er hielt das anfangs für Zerstreutheit und schmälte: «Aber du
                    hörst ja gar nicht zu.» Da sagte es einmal ganz unvermittelt: «Mutter redete
                    ganz, ganz anders als du, und doch ist mir oft, ich höre sie sprechen, wenn du
                    erzählst.» Diese Worte eröffneten ihm einen tiefen Einblick in die Geheimnisse
                    dieser Kinderseele.</p>
                <p>Von Johannes hatte die Kleine viel Neckereien zu erdulden; er war als ein
                    unabtreiblicher Plagegeist hinter ihr her. Schmälte der Vater deswegen mit ihm,
                    so brummte er halb unmutig, halb lachend: «Der fremde Strupf hat angehends beim
                    Vater mehr Recht als ich.» Das war Wasser auf Trinens Mühle. Ihr saß beständig
                    das Wort auf den wulstigen Lippen: «Aus dem Meitli gibt's nichts. Viel zuviel
                    wird ihm nachgelassen. Ich bin anders durch die Knüttleten gejagt worden.» Es
                    ärgerte sie, daß ihre Ermahnungen dem Kinde nicht tiefer zu Herzen gingen. Denn
                    je stärker sie niederhielt, desto lustiger flimmerte es in Linelis blauen Augen.
                    Schalt aber der Vater einmal, dann weinte es mit einer Heftigkeit, <pb n="68"/>die bewies, wie stark es empfand. Nur Trine wollte es nicht gelingen, die
                    Sünderin zur Buße und Bekehrung zu leiten, und das vermochte sie schier nicht zu
                    verwinden.</p>
                <p>Wenn am Sonntagnachmittag des Seitenbauers Lise auf Besuch kam, berichtete sie
                    mit Vorliebe, was für schwere Sorgen ihr die Erziehung des Kindes bereite, und
                    malte es tüchtig schwarz an. Die Lise, in der kleinen Zehe außen noch etwas mit
                    dem Seitenbauer verwandt, galt für eine Werkige und Tüchtige. Darum war Trine
                    stolz auf diese Freundschaft, lud Lise allemal dringend zum Wiederkommen ein und
                    anvertraute ihr die tiefsten Geheimnisse. Daß die beiden Mägde sich
                    wechselseitig besuchten, fiel niemandem auf. Lise hatte schon gar nicht die Art,
                    sich auffällig zu machen. Sie war kein ungattlich Weibsbild, soweit es den
                    Körper anbetraf; mittelgroß gewachsen, festknochig und stämmig, verriet ihr
                    Körperbau zähe und ausdauernde Kraft. Nur war sie über die Pflaumenweiche längst
                    hinaus und fing schon an zu vertrocknen und zu schmurren. Der Kleidung nach
                    hätte man sie nicht für eine Magd, sondern für eine Kleinbauerntochter gehalten.
                    Sie hatte Erspartes am Zins und ließ sich das Geld für währschafte Kleider nicht
                    reuen. Sonntäglich ausstaffiert, hinterließ sie den Eindruck der Nettigkeit. Bei
                    ihren Besuchen blieb sie nie zu lange und ließ sich auch nie bewirten. In ihrer
                    Rede nahm sie sich in acht, sprach vorsichtig abgewogen und wie es für ihren
                    Stand paßte. In ihrem Kommen und Gehen lag keine Störung oder
                    Aufdringlichkeit.</p>
                <p>Anfangs drückte sich Johannes, wenn sie kam. Er fürchtete das Hänseln und
                    Auszäpfeln. Als sie ihm aber mit anwährender Gleichmütigkeit begegnete, wich er
                    ihr <pb n="69"/>nicht mehr aus, sondern ließ sich mit ihr ins Gespräch ein. Bald
                    freute es ihn sogar, mit ihr zu plaudern. Manchmal war sie gleicher, manchmal
                    andrer Meinung als er; aber immer hörte sie ihm mit einem gewissen Respekt zu.
                    Was sie vorzubringen hatte, schien ihm Hand und Fuß zu besitzen, und es wollte
                    ihn bedünken, auch ihm komme mehr als sonst in den Sinn, wenn er mit ihr redete,
                    er spüre festen Boden unter seinen Füßen. So sprach er sie denn ganz gegen seine
                    sonstige Gewohnheit auch unbefangen an, wenn er ihr auf der Straße oder bei
                    einem Feldspaziergang begegnete, und faßte Vertrauen zu ihr.</p>
                <p>Nach und nach wurde auch sie mitteilsamer. Besonders über Trine anvertraute sie
                    ihm manches, das die Magd in sehr zweifelhaftes Licht setzte, und beschulte ihn,
                    wie er der Haushälterin über ihre Veruntreuungen kommen könne. So verging der
                    Sommer.</p>
                <p>Anfangs Winter wurde in der Käshütte das Käsgeld für einen Teil der Sommerware
                    verteilt. Damit verband sich alljährlich ein kleines Festchen, Bossennacht
                    geheißen. Der Käser löste eine Bewilligung für das Wirten und eine Freinacht,
                    bestellte ein Faß Weißen und eins Roten, tüchtige Vorräte von Wecken und
                    Bratwürstlein und eine flotte Handharfenmusik. An langen Tischen, die der Wirt
                    geliehen hatte, jaßten, politisierten oder sangen die Alten. Derweilen
                    schrägelten draußen im Käsespeicher oder auf dem Küchenboden mit löblicher
                    Ausdauer die Jungen. Manches zaghafte Füßlein versuchte sich hier vor
                    beschränkter Öffentlichkeit erstmalig in einem unbeholfenen Walzer und eröffnete
                    damit eine siegreiche Tanzbodenlaufbahn.</p>
                <p>An der Bossennacht fehlte auch Johannes nicht, obschon <pb n="70"/>er des Tanzens
                    unkundig war. Die Rücksicht auf die Einnahmen des beliebten Käsers gebot ihm,
                    mitzumachen. Früher wäre er manchmal lieber zu Hause geblieben; dieses eine Mal
                    ging er nicht ungern. Ob die Lise auch da sein würde? Gewiß war sie da und
                    tanzte. Doch schien ihr nicht viel daran zu liegen. Sie wollte frühe nach Hause,
                    ließ sie Johannes wissen, als er ihr das Glas brachte und sie ihm Bescheid tat.
                    Das war nicht in den Wind gesprochen. Als sie einige Zeit später aufbrach,
                    verschwand auch Johannes unauffällig. Beide hatten den gleichen Heimweg, und in
                    kurzem hatte er sie eingeholt. Johannes war aufgeregt.</p>
                <p>«Hat uns jemand fortgehn sehen?»</p>
                <p>«Ich glaube nicht», erwiderte Lise gelassen.</p>
                <p>«Sie meinten sonst, ich ginge mit dir heim,» fuhr er nach einer Pause fort.</p>
                <p>«Das könnte wohl sein.»</p>
                <p>«Daß ich mit dir heim ginge?» Er ließ sich näher zu ihr.</p>
                <p>«Nein, daß sie das meinten.» Sie wich nicht, obwohl er sie mit der Schulter
                    berührte und schneller zu atmen begann. Johannes kämpfte mit einem
                    Entschlusse.</p>
                <p>«Was sagtest du, wenn ich dir einmal fenstern käme?»</p>
                <p>«Das kann ich jetzt nicht wissen. Du müßtest halt erwarten, wie es dir
                    erginge.»</p>
                <p>«Und wenn ich grad heut mit dir käme?»</p>
                <p>«Und wenn es dann jemand vernähme?» Lises Ton klang eine Färbung schärfer.</p>
                <p>«Und wenn! Aber es vernähm's niemand», stieß er aufgeregt hervor.</p>
                <p>Sie kamen an die Kehre, wo sich ihre Wege schieden.</p>
                <p>«Soll ich kommen?» würgte er heraus.</p>
                <pb n="71"/>
                <p>«Soll ich dich kommen heißen?» gab sie kalt und unbewegt zurück.</p>
                <p>Da zauderte er nicht mehr, sondern ging mit ihr. Von da an stahl er sich hin und
                    wieder am Samstagabend fort, wenn nicht frischer Schnee gefallen war.</p>
                <p>Nach einigen Wochen verlangte Johannes, die Magd müsse aus dem Hause. Er wies ihr
                    Veruntreuungen nach.</p>
                <p>«Aber wo eine andere hernehmen und nicht stehlen?» wendete der Vater ein.</p>
                <p>Auf diesen Einwurf hatte Johannes gewartet.</p>
                <p>«Wir brauchen gar keine mehr; ich möchte heiraten.» Überrascht schaute der Vater
                    auf. Ihm war am Sohne nichts Besonderes aufgefallen.</p>
                <p>«Du heiraten? Das ist mir das Neueste! Hast denn schon etwas dazu?»</p>
                <p>«Mehr als genug», hätte Johannes erwidern können, begnügte sich aber mit einem
                    verlegenen Kopfnicken.</p>
                <p>«Ist mir ganz recht, ganz recht. Heißt das, wenn's eine gefreute Person ist.»</p>
                <p>«Die Lise.»</p>
                <p>«Die Lise?» machte der Vater gedehnt.</p>
                <p>«Sie hat Geld am Zins.»</p>
                <p>«Nicht deswegen meine ich. Reich genug ist mir eine bald. Aber warum gerade die
                    Lise? Das gibt eine räße Frau. Hast dir's auch ordentlich überlegt?»</p>
                <p>«Es ist halt Muß dabei», würgte Johannes rot werdend hervor.</p>
                <p>«Bist du sicher?»</p>
                <p>«Die Lise sagt's, und es wird wohl so sein.»</p>
                <p>«Das ist eine andere Sache. Nun muß sie dir auch gut genug sein zum Heiraten.
                    Dann sag ich nichts mehr dawider. Sie ist wenigstens eine hausliche und werkige
                    Person.»</p>
                <pb n="72"/>
                <p>Nun drang Johannes nicht mehr darauf, daß die Magd Knall und Fall aus dem Hause
                    müsse. Er durfte sich Hochzeitskleider anmessen lassen, das war die Hauptsache.
                    Wenn er auch keine hochzeitliche Miene aufsetzte, atmete er doch erleichtert
                    auf. Der Vater mühte sich redlich, seine Verstimmung und Besorgnis nicht merken
                    zu lassen.</p>
                <p>Trine erhielt die Kündigung. Sie schied schwer gekränkt. Als Abschiedsmelodie
                    blies sie in verschiedenen Tonarten: «Undank ist der Welt Lohn.» Auf die Kunde,
                    wer ihre Nachfolgerin sei, fiel ihr der Daumen in die Hand. Sie schimpfte mit
                    Inbrunst über Lise, die falsche Klapperschlange, und suchte in aller
                    Geschwindigkeit noch ein Nestlein voll Sündeneier zu legen, indem sie das
                    Güterkind gegen die zukünftige Hausfrau aufwies.</p>
                <p>Im Nachwinter wurde Hochzeit gefeiert, eine ganz stille, ohne Reise, ohne
                    Festmahl, ohne törichte Geldverschleuderung. So wollte es Lise. Doch einige
                    Nachtbuben, die ihr nicht grün waren, sorgten für geräuschvolle Zutat. Am
                    Vorabend des Hochzeitstages brach plötzlich ein Heidenspektakel los.
                    Muldenziehen, Peitschenknallen, Hornblasen und Plärren schallte höhnend durch
                    das friedliche Tälchen, und als Lise am Morgen den Kirchgang antrat, fand sie
                    den Weg mit Strohhäckseln bestreut. Sie preßte die schmalen Lippen fest
                    zusammen; ihre graugrünen Augen funkelten vor verhaltener Wut, und ihre Nase
                    wurde noch spitzer. Johannes erlebte keinen anmutigen Hochzeitstag.</p>
                <p>Die ersten Wochen blieb Lise noch an ihrem alten Platze. Erst müsse der Schreiner
                    ihren Hausrat fertigmachen; sie ziehe nicht mit leeren Händen ein wie eine
                    Bettlerin, erklärte sie Johannes, und dabei blieb es.</p>
                <pb n="73"/>
                <p>Der Umzug schob sich hinaus bis in den Frühling. Eines Nachmittags schwenkte ein
                    Füderchen Möbel bei der Knochenstampfe ins Seitensträßchen ein. Der Seitenbauer
                    brachte Lises Trossel. Sie selbst schritt nebenher und half Bett, Tisch, Schrank
                    und Stühle abladen. Die Begrüßung fiel etwas kurz und einsilbig aus. Lise schien
                    jetzt daran gelegen, ihren währschaften Hausrat passend und sorgfältig zu
                    verörtern. Während sie und Johannes das besorgten, bewirtete der Hausherr den
                    Fuhrmann mit Käse, Brot und Wein; Lise hatte es abgelehnt, mitzuhalten. Der
                    Seitenbauer stieß wieder mit vollen Backen ins Lobhorn: «Froh soll er sein, der
                    Johannes, daß er sie bekommen hat. Die kehrt ihm mehr ein als manche, die ein
                    großes Vermögen mitbringt. Die wird ihm bei der Arbeit die Waage halten.» Er war
                    äußerst aufgeräumt, der Seitenbauer, seine stechenden Augen glitzerten vergnügt,
                    und ein listiges Lächeln verschlüpfte sich in seinem Bart, als er das Fuhrwerk
                    gewendet hatte.</p>
                <p>Am selben Abend schon trat Lise ihr Hausfrauenamt an. «Lineli kann dir kochen
                    helfen», hatte der Vater angeordnet, «es weiß, wo die Vorräte sind und die
                    Sachen hingehören.» Dienstfertig eilte das Kind herzu und mühte sich, der neuen
                    Meisterin recht an die Hand zu gehen. Wortlos ließ sie es gewähren. Als es aber
                    im Eifer, ihr zu dienen, bemerkte: «Ei, das ist zuwenig Fett; Vater mag die
                    Rösti nicht trocken; wir nehmen sonst viel mehr», fragte Lise scharf, das
                    Mädchen vom Herde wegschiebend: «Willst du mir vorschreiben, wie ich kochen
                    soll?»</p>
                <p>«Nein, nein», stotterte das Kind erglühend, «ich meinte nur ...» Zufällig hatte
                    der Vater diese Worte mitangehört. Sie befremdeten ihn; trotzdem zeigte er ein
                        <pb n="74"/>freundliches Gesicht. Als man nach dem Essen und Abwaschen noch
                    ein Weilchen am Tische saß, begann er väterlich:</p>
                <p>«Nun soll's in unserem Hause wieder heimelig werden. Wir sind so froh, nun wieder
                    eine Frau bei uns zu haben. Wir wollen einander auch immer recht in die Hände
                    arbeiten und Geduld miteinander haben. Das Schönste ist doch ein Haus des
                    Friedens, wo man einander ein gutes Wort gönnt und eines dem andern tragen
                    hilft.»</p>
                <p>Auf Lise schienen die wohlmeinenden Worte nicht sonderlich Eindruck zu machen. Um
                    ihre Lippen zuckte ein geringschätziges Lächeln. Sie erwiderte kein Wort, begann
                    bald darauf zu gähnen und begehrte ins Bett.</p>
                <p>Lise war eine Frühaufsteherin. Sie verließ ihr Lager, nachdem es kaum recht
                    angewärmt war, und Johannes mußte aus den Federn, schier ehe seine Hosen recht
                    verplampet hatten. Unzeitig früh stand das Morgenessen auf dem Tisch, und als
                    das Mannenvolk immer noch im Stalle zu schaffen hatte, protzte Lise auf:</p>
                <p>«Nun ist der Kaffee kalt und die Kartoffeln sind verbraten! Wir sollten nicht
                    erst essen, wenn andere Leute schon auf dem Acker sind.»</p>
                <p>«Die will das Meisterheft am ersten Tage in die Faust bekommen», dachte der
                    Vater, und laut sagte er: «So spät ist es noch keineswegs. Wir haben nie früher
                    gegessen und ich möchte lieber nicht zu viel neue Bräuche.» Johannes sah während
                    dieser Rede stumm auf den Rand seiner Tasse. Der Kaffee war richtiges
                    Lürliwasser, eine kraftlose Schwenke und Tränke. Lise war nicht gleicher Ansicht
                    wie jene Kaffeemutter, die meinte: «Wenn der Kaffee schon teurer wird, ist das
                    doch kein Unglück! <pb n="75"/>Wenn er nur nicht den Geschmack verliert!» Lises
                    Brühe mundete den Männern schlecht; aber sie hielten an sich und –
                    schluckten.</p>
                <p>Eine halbe Woche später konnte man mit der Feldarbeit beginnen. Das Wetter war
                    günstig. Oben am Rain sollte ein Kartoffeläckerchen in Angriff genommen werden.
                    Angefurcht hatte man im Herbst, den Dünger geführt im Winter. Jetzt sollte der
                    Rasen abgeschält werden. Das mußte von Hand mit der Hacke geschehen. Zum
                    Vorschälen mit dem Pflug war das Land zu steil. Man stellte sich in den untern
                    Ecken des Äckerchens auf. Hansueli und Johannes führten die Hacke rechtshändig,
                    Lise linkshändig. Sie warf ihre Jacke weg, schürzte den Kittel hoch und schlug
                    drein. Scholle um Scholle flog ab; kein Streich ging ihr fehl. Bald hatte sie
                    die Ecke links weggeschnitten. Derweilen schälten in der Ecke rechts die Männer
                    Streifen um Streifen weg, immer schräg hinunter gegen die Mitte zu, so daß jeder
                    neue Streifen länger war als der Vorhergehende und das geschälte Stück die Form
                    eines Dreiecks aufwies. Von Zeit zu Zeit schaute Johannes hinüber, wieviel Lise
                    verrichte, und bemerkte mit Erstaunen, daß ihr Dreieck fast ebenso schnell
                    wachse wie das der Männer. Da schwang auch er seine Hacke behender, bis ihm der
                    Schweiß durch die Bartstoppeln lief, die ihm dünn wie Armeleutekorn am Kinn
                    sprossen. Auch der Vater merkte Lises Absicht, die Männer zu übertrumpfen, und
                    legte sich tüchtig ins Geschirr. Trotzdem trafen sich die Spitzen der geschälten
                    Dreiecke fast in der Mitte des Ackers, und Lises Augen funkelten spöttisch auf.
                    «Sie hat den Teufel im Leibe», dachte Hansueli, «aber sie wird bald zahmen. Mit
                    Dreinschießen wie der Stier in den Krieshaufen <pb n="76"/>ist's noch lange
                    nicht getan. So viel Ausdauer wie ein Weibervölklein werden wir auch noch
                    besitzen; die Länge macht die Strenge.» Er täuschte sich. Lise schwang das
                    Werkholz mit unverminderter Kraft und Behendigkeit, und die Männer mußten sich
                    roden, wenn sie ihr einhalten wollten. Von Tabakanzünden konnte nicht die Rede
                    sein.</p>
                <p>Endlich wurde der Vater unmutig: «Wir wollen doch nicht so hunden! Morgen ist
                    auch noch ein Tag.» Und zu Lise: «Du solltest doch deinen Zustand bedenken. Wie
                    leicht könntest du dir schaden.»</p>
                <p>Doch die Lise kräuselte geringschätzig die Lippen. «Mir schaden?» Und sie
                    hengstete eher noch ärger aus. Die Männer waren froh, als sie gehen und das
                    Mittagessen kochen mußte. Jetzt durften sie doch einmal den Rücken strecken.</p>
                <p>Dem Mittagessen fehlte die Würze eines gemütlichen Gesprächs, den Speisen der
                    richtige Familiengeschmack. Man spürte, daß der Kochlöffel nicht mit Lust und
                    Liebe gehandhabt worden war. Lise selber schlang die Bissen so heiß hinunter,
                    daß sie vom Geschmack wenig wahrnahm. Noch waren die Männer kaum halb gesättigt,
                    als sie aufstand. Jetzt beeilten sich auch die andern. Lineli trug das Geschirr
                    hinaus und half abwaschen. Der Vater ging in den Stall; eine Kuh war nähig.
                    Johannes hätte noch gerne in die Zeitung geblickt, die, Lineli gebracht hatte,
                    als es von der Schule heimkam. Er getraute sich aber nicht recht. Als er durch
                    die Küche hinausging, schaute er seiner Frau einen Augenblick zu. Ihre Wangen
                    waren heute frischer als sonst. In einer verliebten Anwandlung trat er leise
                    hinter sie und löste ihr den <pb n="77"/>Schürzenbändel auf. Aber Lise war nicht
                    aufgelegt zum Schäkern. Wenig fehlte, so hätte sie ihm einen Guß Abwaschwasser
                    ins Gesicht geschmissen. Verdutzt und betreten drückte er sich.</p>
                <p>Draußen auf dem Stallbänklein gedachte Hansueli seufzend der Nachmittagsarbeit.
                    Zum erstenmal wies sie ihm ein unfreundliches Gesicht. Sonst war er ihr
                    wahrhaftig nie ausgewichen. Daß jeder junge Morgen ein gerüttelt und geschüttelt
                    Maß davon bringe, war ihm so selbstverständlich erschienen wie der
                    Sonnenaufgang, und daß man am Abend mit müden Gliedern seinen Strohsack
                    aufsuche, so ordnungsgemäß wie der Sonnenuntergang. Ja, ohne Müdigkeit am Abend
                    hätte ihm sein Arbeitsgewissen keinen rechten Frieden bewilligt. Sonst war ihm
                    die Arbeit gewesen wie ein Lebensatem. Morgen und Abend hatte sie ihm
                    zusammengerückt. In ihr hatte er sich selbst vergessen, manches Leid in sie
                    versenkt, nun sollte sie ihm verleidet werden. Nachdem er jahrzehntelang als
                    freier Mann gearbeitet hatte, sollte er wie ein Sklave gejagt werden, stempelten
                    ihn die spöttischen Blicke der Sohnsfrau zum Faulenzer, ohne Rücksicht auf sein
                    Alter und die Schwäche seines Armes. Das tat ihm weh.</p>
                <p>Als man auf den Acker kam, maß Lise mit kritischen Blicken ab, wieviel in der
                    Zwischenzeit geschafft worden sei, und wieder rümpfte sie unverkennbar die Nase
                    über die Männerarbeit. Der Vater ließ sich jedoch nicht beirren. Mit ruhiger
                    Gleichmäßigkeit arbeitete er weiter, wie er es gewohnt war.</p>
                <p>Diesmal war nun auch das Kind gekommen, Lineli führte die Hacke aber noch sehr
                    unbehülflich und verrichtete wenig und keineswegs vorzügliche Arbeit, wie <pb n="78"/>es von einer Anfängerin nicht anders zu erwarten war. Doch zeigte es
                    guten Willen, und der Vater war damit zufrieden. Nicht so Lise. Beständig hatte
                    sie zu nörgeln und zu tadeln. Es ging, bis das Kind in Tränen ausbrach und der
                    Vater sagte: «Man muß doch auch Verstand haben.»</p>
                <p>Jetzt schwieg Lise freilich und zwar gründlich. Mit bösem Gesichte hackte sie
                    drauf los, als wäre sie mutterseelenallein auf dem Acker. Auch der Vater war
                    neuerdings verstimmt. Lises Benehmen erschien ihm unverschämt. Kaum war sie da,
                    regierte sie schon in alles hinein.</p>
                <p>Nach einer Weile suchte Johannes, dem auch unbehaglich zumute war, Lise zu
                    besänftigen. Er hatte zur Erfrischung ein paar Äpfel in die Rocktasche gesteckt.
                    Den schönsten bot er seiner Frau an. «Schaff du», war ihre Antwort. Da gab er
                    den Apfel dem Kinde und war auch ärgerlich.</p>
                <p>Ähnliche Vorkommnisse ereigneten sich in der nächsten Zeit fast jeden Tag. Bald
                    dokterte Lise an dem Kinde herum, bald an ihrem Manne. Immer hatte sie etwas zu
                    keifen. Das Ministern und Regenten wollte kein Ende nehmen. Nur dem Hausvater
                    wagte sie einstweilen noch nicht, das böse Maul anzuhängen. Dafür bezeigte sie
                    ihm ihre Meinung durch Blicke, Mienen und Gebärden. Hansueli war manchmal ganz
                    starr über ihre Unverfrorenheit.</p>
                <p>Eines Morgens schenkte sie dem Kinde Kaffee ein. Der Vater hatte befohlen, daß es
                    wenigstens am Morgen Milch erhalten solle, damit es für den langen Schulhalbtag
                    gehörig ernährt sei.</p>
                <p>«Wofür soll jetzt das wieder gut sein?» fragte er.</p>
                <pb n="79"/>
                <p>«Ich wüßte nicht, warum es das Güterkind besser haben sollte als wir. Wir müssen
                    arbeiten, nicht es. Kaffee tut's auch für die Prinzessin. Wenn wir schon etwas
                    mehr Milch in die Käserei bringen können als bisher, ist's auch nicht
                    schade.»</p>
                <p>«Zu befehlen habe vorläufig noch ich. Das Kind erhält seine Milch.» Er öffnete
                    das Fensterflügelein und schüttete den Kaffee hinaus. «Und in Zukunft schenke
                    ich ihm ein.»</p>
                <p>Da stand Lise mit zornrotem Kopf auf, schleuderte den Löffel in die Stube hinaus
                    und schmetterte die Stubentüre hinter sich zu, daß es krachte. Den ganzen Tag
                    kam sie nicht mehr zu Tische.</p>
                <p>Von da an hatte Lineli ein böses Verding. In keinen Schuh mehr gut war es der
                    Lise.</p>
                <p>Kurz darauf gab's einmal in der Küche beim Abwaschen Lärm. Lineli hatte eine
                    Tasse fallen lassen, und Lise schrie mit ihm. Sie schüttelte es am Arme. Lieber
                    hätte sie es bei den Haaren genommen. Da kam der Vater und fragte:</p>
                <p>«Was ist los, was geht da vor?»</p>
                <p>«Es hat eine Tasse zerschlagen.»</p>
                <p>«Sie hat mich gestoßen, da fiel sie mir aus der Hand.»</p>
                <p>«Das lügst du. Kaum angerührt habe ich dich, da hast du sie auf den Boden
                    geworfen ganz mutwillig.»</p>
                <p>Diese Zumutung erregte das Mädchen so, daß es kein Wort mehr hervorbrachte,
                    sondern nur laut aufschluchzte.</p>
                <p>«So gebt doch Ruhe! Wegen einer Tasse wollen wir kein solches Geschrei
                    anstellen.»</p>
                <p>«Aber es braucht nicht noch zu lügen», beharrte Lise rechthaberisch.</p>
                <pb n="80"/>
                <p>«Das Kind hat mich noch nie angelogen», sagte der Vater ruhig, «wenigstens soviel
                    ich weiß, nicht.»</p>
                <p>«Ja, wenn man dumm genug ist, alles zu glauben ...», höhnte Lise.</p>
                <p>«Das bin ich eben nicht ...», erwiderte er bedeutsam.</p>
                <p>Damit hatte er nun wieder in den Ast gesägt. Lise beklagte sich bei Johannes.
                    Natürlich beleuchtete sie den Vorfall in ihrer Weise. Johannes zweifelte nicht
                    an ihren Worten, machte dem Vater eine saure Miene und murrte:</p>
                <p>«Man sollte dem Meitli nicht immer den Kopf groß machen.»</p>
                <p>«Das will ich auch nicht; nur vor ungerechter Behandlung will ich es
                    bewahren.»</p>
                <p>Dazu fand er in der Folgezeit Gelegenheit genug. Beinahe hätte Lise auch seinen
                    guten Glauben zu erschüttern vermocht. Eines Tages hatte das Mädchen ein
                    Stücklein Zucker gemaust. Es bekannte sofort. Von da an fehlte im Küchenschranke
                    jeden Augenblick etwas. Das eine Mal war Butter abgeschnitten worden, das andere
                    Mal Birnensaft genascht. Ein drittes Mal fehlten Äpfel auf der Hurde, und einmal
                    war sogar ein Zwanziger abhanden gekommen. Steif und fest behauptete es Lise.
                    Wenn man sie hörte, so mußte man ihr fast glauben, so viele Einzelheiten und
                    Nebenumstände wußte sie anzuführen. Natürlich konnte nur Lineli die Täterin
                    sein.</p>
                <p>Ernst und eindringlich stellte der Vater das Kind zur Rede. Heftig weinend
                    beteuerte es seine Unschuld. Lise, die keine unanfechtbaren Beweise beizubringen
                    vermochte, riet, ihm mit der Rute über das Nackte die Verstocktheit
                    auszutreiben, und als Hansueli das ablehnte, stichelte und giftelte sie in einem
                    fort.</p>
                <pb n="81"/>
                <p>Bald darauf steckte ein Zufall dem Vater ein Licht auf. Von einem sonntäglichen
                    Mittagsmahl waren Rauchfleischreste übriggeblieben. Lise hatte sie auf den
                    Küchenschrank gestellt. In ihrer Abwesenheit nahm der Vater absichtslos ein
                    Stücklein davon und gab es der Katze. Gleich darauf erhob Lise ein großes
                    Geschrei, das «Meitli» habe mehrere große Stücke eingesackt und verzehrt.
                    Diesmal war der Vater sicher, daß das Kind grundlos verdächtigt wurde, und nun
                    wußte er, wie gewissenhaft Lise ihre Anschuldigungen abwog. Sie hatte sogar die
                    Stirne, zu behaupten, er habe das wegen der Katze nur erfunden, um dem Schoßkind
                    aus der Tinte zu helfen. Damit kam sie nun freilich nicht wohl an, sogar bei
                    Johannes ging diese Dreistigkeit ins Lebendige. Es war nicht das erste
                    Wäschlein, das er mit Lise auszuringen hatte, aber das erstemal, daß ihm ihr
                    Verhalten die Schamröte in die Wangen jagte.</p>
                <p>Getreu seiner stillen Art, verlor Hansueli Reber über den Vorfall weiter keine
                    Worte mehr, obschon es in ihm gärte. Früher hatte jedes Familienmitglied dem
                    andern einen Wert zugetraut; jetzt waren sie alle heruntergemarktet. Offenbar
                    hielt Lise ihn selber für einen arbeitsscheuen Dummkopf, den Johannes für einen
                    blöden Schwächling und das Kind für eine abgefeimte Näscherin und Diebin. Seit
                    Johannes sich erkühnt hatte, ihr die Stange zu halten, behandelte sie ihn
                    zeitweilig mit einer schnöden Geringschätzung, die den Vater empörte. Wenn sie
                    ihn weder achtete noch liebte, warum hatte sie ihn denn geheiratet? Etwa um in
                    ein warmes Nest sitzen zu können? Und sollten nun vielleicht alle, die ihr im
                    Wege waren, aus diesem Neste hinausgeärgert werden? Fast schien es so, der Vater
                    konnte sich dieses Verdachtes <pb n="82"/>kaum mehr erwehren. Wenn Lise ein
                    Gartenbeet umgrub, traf es sich, daß sie den schönsten Rosenstock anhackte, so
                    daß er welkte und verdorrte. Blühende Geranienstöcke waren seit Lises Hiersein
                    mehr vom Gesimse gefallen als vorher in drei Jahren. Wollte der Vater am Morgen
                    oder Abend die Kühe tränken, so war das Wasser im Brunnentrog fast immer
                    verunreinigt. Mit der heißen Asche ging Lise so leichtfertig um, daß Hansueli
                    aus der Besorgnis gar nicht herauskam. Wie manchmal legte er sich die Frage vor:
                    Handelt sie aus Übelwollen und Bosheit so oder aus Unachtsamkeit, Ungeschick und
                    Vergeßlichkeit? Denn darüber gingen Hansueli die Augen auf: Lises Ring- und
                    Schwingplatz war der Acker; in Haus und Küche blühten ihr keine Kränze. Sie war
                    ein gut eingeübtes und arbeitswilliges Ackerpferd, aber keine gewiegte Hausfrau.
                    Mißbehagten ihr die Hausarbeiten vielleicht deswegen, weil sie spürte, daß sie
                    darin keine Meisterin war? Ach, wie gerne hätte Hansueli mit ihr Geduld gehabt,
                    wenn es nur das gewesen wäre! Jede junge Frau muß mit Ernst und Hingabe lernen,
                    bis sie sich die tausend glückbringenden Ränklein und Pfiffe angeeignet hat,
                    über die eine rechte Hausmutter verfügt. Aber Lise wollte auf dem blinkenden
                    Panzer der Selbstgerechtigkeit, mit dem sie sich umgürtete, keine Rostflecklein
                    sitzen lassen. Nahte man ihr mit Rat oder Tadel, so war es, als hätte man mit
                    Stahl auf einen Feuerstein geschlagen. Ihre grenzenlose Selbstgefälligkeit
                    zuckte unter der leisesten Berührung, in ihrem Dünkel erblickte sie die
                    Hausgenossen weit unter sich. Besonders das Kind verfolgte sie mit einem ganz
                    unerklärlichen Haß; Hansueli fragte sich nur, ob sie vielleicht mit dem Kinde
                    ihn treffen wolle. Andern <pb n="83"/>Kindern, die etwa sonntags auf Besuch
                    kamen, strich sie aus eigenem Antrieb ein Butterbrot. Nur Lineli sollte ihr
                    nicht zu nahe kommen. Es schien Hansueli, als leide auch Lise an einer
                    Krankheit, wie seine verstorbene Frau, nur nicht an Eifersucht, sondern an
                    Quälsucht.</p>
                <p>Eines Tages vergriff sie sich tätlich an dem Kinde und mißhandelte es. Sie
                    meinte, der «Alte» befinde sich drunten in der Knochenstampfe. Lineli hatte im
                    Keller Kartoffeln entkeimt. Nach Lises Meinung hatte es viel zu wenig
                    verrichtet, und sie mutete ihm zu, es habe die Zeit benutzt, im Keller
                    herumzuschlürmen und alles auszufirmen. Das Kind wehrte sich, es habe sich
                    keinen Tritt von der Arbeit entfernt. Jetzt brannte sie auf: «Ich will dir das
                    unverschämte Widermaulen abgewöhnen, mag der Alte nachher sagen, was er will»,
                    schlug es mit Fäusten und riß es an den Haaren, bis es schrie. Da stand
                    urplötzlich der Vater vor der Kellertüre und wurde Zeuge des wüsten
                    Auftritts.</p>
                <p>«Was habt ihr zusammen?»</p>
                <p>«Widermaulen tut es immer, das freche Geschöpf!»</p>
                <p>«Ich habe nicht ...»</p>
                <p>«Willst jetzt das Maul halten!» schrie Lise und schlug neuerdings zu, daß dem
                    Kinde die Nase blutete.</p>
                <p>«Aufgehört nun, es tut's jetzt», stieß der Vater finster blickend hervor und
                    befreite das zitternde Mädchen. «Komm zum Brunnen und wasch ab.»</p>
                <p>Hansueli zweifelte nicht an der Unschuld des Kindes. Lise mißhandelte es ja
                    täglich und stündlich mit Blicken, Gebärden und Worten ohne die geringste
                    Ursache. So konnte es nicht weitergehen, es mußte Abhilfe geschafft werden.
                    Diese feige Lust einer verunkrauteten Seele an <pb n="84"/>der Qual eines
                    wehrlosen Geschöpfes vermochte er nicht länger mitanzusehen, und verhindern
                    konnte er sie nicht, solange das Mädchen im Hause war. Darum mußte es fort. In
                    einer schlaflosen Nacht erwog er, wo eine barmherzige Seele wäre, die es
                    aufnähme. Dabei erinnerte er sich der Marei, seiner ehemaligen Mieterin. Bei
                    dieser guten Seele wäre es geborgen. Sein Entschluß stand fest.</p>
                <p>Am nächsten Sonntag brachte er das Kind hin. Weder Lise noch Johannes ahnten, was
                    er vorhatte, und Lineli reiste gehorsam mit ihm ab, ohne das Ziel zu kennen.</p>
                <p>Anfangs erschrak Marei gewaltig und besegnete sich schier vor der schweren
                    Aufgabe, die sie übernehmen sollte. Als aber Hansueli schilderte, wie Lise das
                    Kind quäle und verfolge, kriegte es gar wunderlich in dem Herzen der alten
                    Person, und das verschüttete Brünnlein ihres Muttertriebes begann warm zu
                    rieseln. Sie konnte nicht nein sagen.</p>
                <p>Auf dem Heimwege enthüllte der Vater dem Kinde seine Pläne. Es war ihm dabei
                    zumute wie einem Arzte, der dem Kranken die unausweichliche Notwendigkeit einer
                    Operation klarmachen muß. Zu seiner Überraschung war Lineli zu allem willig.
                    Kinder fügen sich häufig in bittere Lebensnotwendigkeiten mutiger und geduldiger
                    als Erwachsene. Ihr Lebensvertrauen ist noch nicht durch zu viele traurige
                    Erfahrungen verstümmelt. In der folgenden Woche brachte er Lineli mit
                    Einwilligung der Armenbehörde an den neuen Pflegeort. Der Abschied war ein
                    schmerzlicher; aber die Marei strich mit ihrer großen, plumpen Hand gar sanft
                    über die Haare des Kindes und fand den Mutterlaut, der jeglichem Weh die Schärfe
                    nimmt.</p>
                <pb n="85"/>
                <p>Als Hansueli heimkehrte, empfingen ihn Lise und Johannes mit einem Schwall von
                    Vorwürfen.</p>
                <p>«Nun soll ich es aus dem Hause getrieben haben», geiferte sie. «Vor der Behörde
                    und allen Leuten stellst du mich als einen bösen Drachen hin, weil ich den
                    Strupf zur Arbeit und Ordnung anhalten wollte. Aber warte nur, das will ich dir
                    eintreiben.»</p>
                <p>«Du hättest doch wenigstens mir vorher ein Wort sagen dürfen», sekundierte ihr
                    Johannes. «Als wir es nicht nötig hatten, nahmst du es ins Haus; jetzt, wo es
                    uns bald als Kindermädchen hätte dienen können, muß es weg. So muß einem das
                    Leben verleiden!»</p>
                <p>«Du bist nicht der einzige, dem es verleidet, und ich bin nicht der, welcher uns
                    so gebettet hat», gab der Vater bitter zurück.</p>
                <p>«O ich meine, Ihr hättet auch nicht zu erklagen», fuhr jetzt Lise auf. «Die
                    Arbeit darf man Euch abnehmen, das findet Ihr in Ordnung, aber um seine Meinung
                    fragt man unsereinen nicht. Der Schinder möchte so dabei sein.»</p>
                <p>Auf diesen Grundton war die Familienmusik in Zukunft abgestimmt. Dem Vater war
                    seit dem Wegzug des Kindes, als sei alles Liebe und Freundliche aus seinem Leben
                    geschieden. Lise machte ihre Drohung nur zu wahr: Sie legte ihm ohne Schonung in
                    den Weg, was sie konnte. Ihr unbehilflicher Zustand erpreßte ihr manchmal
                    zornige Tränen. Sie mußte sich von den Männern die Kochhäfen abstellen und die
                    Tränkemelchtern mit dem Schweinefutter hinaustragen lassen. Das empfand sie als
                    eine Demütigung. Sogar Johannes bekam für solche Liebesdienste nur Ärgerworte
                    als Belohnung.</p>
                <pb n="86"/>
                <p>Auch bei der Feldarbeit konnte es Lise den Männern nicht mehr zuvortun, und das
                    verdroß sie. Die Nachbarn hätten zu ihren Weibern sprechen sollen: «Wo stecket
                    ihr auch so lange? Rebers Lise ist schon eine Stunde auf dem Acker.» Es hätte
                    heißen sollen: «Seit die Lise bei Rebers ist, sind sie immer ein halbes Werk
                    voran.» Das zu hören wäre für sie Balsam gewesen. Und nun ging ihr alles so
                    schwer; sie mußte Haushaltung schleppen, konnte nicht als erste ausrücken und
                    das wohlklingende Lob nicht einheimsen. Nicht einmal ein Mädchen hatte sie, das
                    hatte der Alte ihr zuleid aus dem Hause getan.</p>
                <p>In dieser Zeit setzte sich Lise in den Kopf, es müsse ein anderes Gütermädchen
                    her, und Johannes unterstützte sie. Der Vater aber, verbittert von all dem
                    Schlimmen, das ihm Lise angetan hatte, schlug es rundweg ab und blieb fest
                    dabei. Weicher bettete er sich nun damit freilich nicht. Von nun an ließ Lise in
                    der Haushaltung mit Fleiß alles schlitteln und sah weder Staub noch Kehricht
                    mehr. Was focht es sie an, wenn die Speisen nur halb gargekocht auf dem Tisch
                    erschienen; sie hatte ja keinen rechten Appetit! Mochte der Alte selber schauen,
                    wie er mit den zähen Brocken fertig wurde! Was gingen sie seine schadhaften
                    Zähne an! Ihm geschah es recht, wenn er halbsatt vom Tische mußte, und wenn er
                    über Magenweh klagte, lächerte es sie nur. Sie war noch nie krank gewesen und
                    wußte nicht, wie Krankheit tut. Wer sich für krank ausgab, stand bei ihr im
                    Verdacht, er schütze Schmerzen vor, um sich der Arbeit zu entziehen.</p>
                <p>Es traf sich, daß mir Hansueli in jenen Tagen sein Herz ausschütten konnte, wie
                    schon mehrmals, seit die Lise im Haus war. Sein Geschick bewegte mich tief, und
                        <pb n="87"/>ich suchte ihn zu trösten. Ich richtete seine Hoffnung auf das
                    zu erwartende Kind.</p>
                <p>«Wenn etwas Lises Herzfrost aufzutauen vermag, so ist es das Kind. Ein holdes
                    Kinderlächeln, ein Unschuldsblick aus reinen Kinderaugen haben schon oft Wunder
                    vollbracht, Kinderhände schon manchmal Zornesfalten geglättet auf gerunzelten
                    Stirnen. In der Liebe zu dem Kinde werdet ihr euch alle finden und vereinigen.
                    Das Kind wird euer Friedensengel und Glücksbringer sein. Ihr, Hansueli, habt
                    Euch immer ein Töchterlein gewünscht, vielleicht wiegt Ihr nun in Euren alten
                    Tagen noch eines auf den Knien. Und wenn Ihr erst angefangen habt Kinderlieder
                    anzustimmen, trägt vielleicht auch ein so scharfbewehrter Heckendorn, wie die
                    Lise ist, noch ein paar genießbare Früchte. Denn in einem Menschenherzen hat
                    mehr Gutes und Böses nebeneinander Platz, als man in einen Maltersack
                    hineinstopfen könnte, und die Lise ist zwar ein unwirsches und stachliges
                    Geschöpf; aber es mangelt ihr nicht an Kraft und Tüchtigkeit.»</p>
                <p>«Das wohl», gab Hansueli zu und reichte mir die braune Rechte mit den dicken
                    Adern auf dem Handrücken zum Abschied, «aber ob wir uns einmal verstehen
                    lernen ...» Er schüttelte bloß wehmütig das graue Haupt und ging.</p>
                <p>Erst nach einigen Wochen sah ich ihn wieder und vernahm den fernern Verlauf.</p>
                <p>Zu Beginn der Erntezeit war Lises schwere Stunde gekommen, nachdem Lise
                    ungeduldig und ungebärdig gelitzt und um sich gebissen hatte wie eine hässige
                    Fohlenmutter. Als Kindbetterin stellte sie sich tapfer. Den muntern Stammhalter
                    betrachtete sie mit einer gewissen <pb n="88"/>zornigen Neugierde und
                    Genugtuung, als wollte sie sagen: So also siehst du aus, du Knirps, der mir so
                    viel Ungelegenheit bereitet hat! Sie wollte den Jungen selbst nähren, gab es
                    aber nach einigen mißlungenen Versuchen auf. «Wenn du nicht willst, hast du
                    gehabt», kanzelte sie ihn ab. Sie hatte von ihrem Sprößling mehr Fleiß und
                    Anstelligkeit erwartet. Der Kleine wandte sich hartnäckig ab; die Mutterbrust
                    floß ihm zu spärlich. Ob es dem Bürschlein da zu wenig warm und weich war? Lise
                    hatte nicht übel Lust gehabt, ihm ein Brätschlein zu verabfolgen. Indessen fand
                    sie sich rasch mit der Tatsache ab. Daß sie ihn nicht zu nähren hatte, brachte
                    auch Vorteile mit sich. Sie durfte unbesorgt die Windeln im kalten Wasser
                    waschen und brauchte sich weniger in acht zu nehmen mit Speise und Trank.</p>
                <p>Vorläufig war sie aber noch nicht so weit. Zu ihrem Ärger bekam sie eine kranke
                    Brust und mußte das Bett hüten. Die Hebamme hatte das Aufstehen strenge
                    untersagt und die Abwartefrau verantwortlich gemacht. Lise trotzte und stand
                    dennoch auf; das bekam ihr jedoch schlecht. Von Schwindel ergriffen, sank sie
                    zusammen und mußte schleunigst wieder unter die Decke gebracht werden. Zornig
                    kehrte sie sich gegen die Wand, verbiß und mußte trotzdem weinen: Jetzt ging die
                    Erntezeit vorbei, ohne daß sie helfen konnte. Gewiß hielten die andern sie für
                    eine Faulenzerin! Das war für sie eine bittere Demütigung. Nun durfte sie, die
                    Gepflegte, die unnütze Versäumerin, nicht einmal austurnieren mit dem
                    unangstlichen Mannenvolk, wie es in ihrer rauhborstigen Art lag. Zu ihrem
                    geheimen Erstaunen gab ihr aber niemand ein Unwort, und sie fand keine rechte
                    Gelegenheit, aufzubrennen. Hansueli und Johannes duselten <pb n="89"/>sich
                    allmählich in eine friedliche und versöhnliche Stimmung hinein. So gut hatten
                    sie es noch nie gehabt, seit Lise da war. Sie genossen Ferientage. Oder rötete
                    sich der Morgenhimmel besserer Zeiten? Trog das leise wehende Hoffnungsfähnlein
                    nicht, mit dem die Zukunft freundlich grüßend winkte?</p>
                <p>Ab und zu hatte zwar Lise immer noch über dieses und jenes zu brösmen und zu
                    kurmeln, besonders wenn der Großvater den kleinen Ernstli hätscheln wollte.</p>
                <p>«Er soll mir nicht verzärtelt werden! Ich will nicht, daß ein Hösel aus ihm
                    werde. Wartet nur, bis ich aufgestanden bin und ihn selber besorgen kann!»</p>
                <p>Hansueli nahm solche Drohungen nicht allzu wichtig. Es wird manches Messer
                    gewetzt, ohne daß man seine Schärfe am eigenen Fleisch erfahren muß! Wer kann
                    glauben, es beleidige eine Mutter, wenn man ihr Kind liebkost?</p>
                <p>Die Taufe ging vorbei. Hansueli und Lises Schwester Barbara vertraten
                    Patenstelle. Daß der Großvater als Gevatter mitwirken durfte, erfüllte mich mit
                    Genugtuung. Ich schloß daraus, das Wägelein rolle nun regelrecht auf allen vier
                    Rädern und finde von selbst die richtige Straße. Aber Wunsch und Wirklichkeit
                    stimmten wieder einmal nicht überein. Als ich einige Zeit nachher mit Hansueli
                    zu reden kam, merkte ich, daß die Steine des Anstoßes noch nicht weggeräumt, das
                    Harzen und die Reibungen noch nicht überwunden seien. Doch wußte er auch zu
                    Lises Entlastung etwas vorzubringen:</p>
                <p>«Gotte Barbara hat mir manches erzählt aus Lises frühern Jahren. Sie soll eine
                    traurige Jugend hinter sich haben. Mit Füßen sei man auf ihr herumgetrampelt.
                    Der <pb n="90"/>eigene Vater habe ihr die ersten Ersparnisse entwendet und
                    verschnapst. Köpfig sei sie von klein auf gewesen; aber die Schläge, die sie
                    dafür bekommen habe, hätte nicht manches Kind ausgehalten. Da man ihr mißtraute,
                    habe sie lange keinen rechten Platz gefunden und sei ausgenutzt und übervorteilt
                    worden. Das alles habe sie erbittert und ihren Charakter vergiftet. – So wird
                    man denn mit ihr Geduld haben müssen», schloß er den kurzen Bericht.</p>
                <p>Nun, zum Geduldhaben war Hansueli Reber der richtige Mann, da durfte ich ruhig
                    sein. Wochen schwanden dahin, ohne daß ich üble Nachricht erhielt. Dann mußte
                    ich erinnert werden, daß auch gehämmertes Eisen durch Unvernunft verderbt und
                    brüchig gemacht werden kann.</p>
                <p>Eines Morgens früh stand der Mann aus dem Erlengraben wieder in meinem
                    Studierzimmer.</p>
                <p>«Helft mir, Herr Pfarrer, sonst weiß ich nichts Besseres zu tun, als zur
                    Schnapsflasche zu greifen oder einen Strick zu suchen und mich aufzuhängen, wie
                    der Stumper getan hat.»</p>
                <p>«Gott und Vater», rief ich entsetzt, «was ist mit Euch vorgegangen, Hansueli?»
                    Ich hatte mir eingebildet, dieser Wackere sei gegen alles Erdenleid gerüstet und
                    gefeit, und nun sah er aus wie das aschgraue Elend.</p>
                <p>«Ich halt's nicht mehr länger aus. Die Lise ...» Die Bewegung übernahm ihn, daß
                    er nicht weitersprechen konnte, und die Tränen rannen ihm in die
                    Bartstoppeln.</p>
                <p>Ich bat ihn, Platz zu nehmen, und suchte ihn zu beruhigen. Nach und nach gewann
                    er die Herrschaft über sich zurück und begann zu erzählen. Wie Geröll von einer
                    aufgefrierenden Felswand lösten sich die Anklagen gegen seine Peinigerin von
                    seinen zuckenden Lippen. <pb n="91"/>Wichtiges und Nebensächliches kollerten ihm
                    ungeordnet durcheinander.</p>
                <p>Ein Metzger, mit dem er schon öfters befriedigende Geschäfte abgeschlossen hatte,
                    war gekommen, um Hansueli ein unträchtiges Rind abzuhandeln. Der Knochenstampfer
                    hatte ihm das Tier so geschätzt, daß die Möglichkeit offen blieb, daran einen
                    bescheidenen Gewinn zu erzielen. Da fuhr Lise dazwischen: Zwei Napoleon höher
                    müsse der Preis angesetzt sein, sonst lasse sie das Rind nicht aus dem
                    Stalle.</p>
                <p>Nun gibt es für einen Bauern kaum etwas Beschämenderes, als wenn sich die Weiber
                    öffentlich und ungefragt in solche Händel mischen. Auch der Knochenstampfer
                    wurde über diese unbefugte Einmischung borstig. Scharfen Tones gebot er Lise, in
                    die Küche zu gehen und nachzuschauen, ob ihre Abwaschgebse gefegt sei. Sogar
                    Johannes drängte: «Geh, geh; man muß es ungern haben; das ist nichts für
                    dich.»</p>
                <p>«Ungern oder nicht, das ist mir dreckgleich», blechte Lise erbost aus. «Wenn das
                    Mannenvolk zu lamaschig ist, sich zu wehren, muß das Weibervolk in die Stricke
                    liegen! Was nützt es mir, zu arbeiten, bis mir das Fleisch von den Knochen
                    fällt, wenn ihr euch beim Handel immer über den Kübel bühren laßt! Der Metzger
                    soll meinetwegen Leute aushonigen, die es besser erleiden mögen als wir.»</p>
                <p>«Was, aushonigen?» juckte und muckte der Händler zornig auf. «Da gibt es
                    auszuhonigen, ja! Überhaupt bin ich gewöhnt, mit Männern zu handeln. Unterröcke
                    auszustauben ist nicht meine Sache.» Darauf blieb Lise die Antwort nicht
                    schuldig. Sie stichelte und giftelte weiter, bis der Metzger sein Angebot
                    zurückzog und <pb n="92"/>zornig scheltend, er sei kein Wucherer und Betrüger,
                    den Weg hinuntersteckelte.</p>
                <p>Vor dem Fremden hatte Hansueli immer noch an sich gehalten und nicht überwallen
                    lassen, was in ihm kochte. Jetzt sprudelte ihm der siedende Zorn heraus.</p>
                <p>«Wenn du mir noch einmal das ungewaschene Maul in einen Handel hineinhängst, so
                    jage ich dich fort wie einen Hund. Im Stall und Handel will ich Meister sein,
                    und deiner Unverschämtheit bin ich endlich satt.»</p>
                <p>«Und ich lasse mir das Maul nicht verbinden und will auch etwas zu befehlen
                    haben. Und so leicht wirst du mich nicht mehr los. Ich steige dir nicht aufs
                    Wasserrad, daß du mich hinunterschmettern kannst, das denke nur ja nicht»,
                    hohnlachte sie.</p>
                <p>Dieser giftige Stich kam unerwartet. Vor Betretenheit blieb Hansueli
                    sprachlos.</p>
                <p>«Nicht, nicht,» stotterte Johannes, ängstlich dem Vater ins starre Gesicht
                    blickend, «das hättest du nicht sagen sollen.»</p>
                <p>«Warum nicht?» begehrte sie auf, und ihre harte Gelle klang nicht einen Grad
                    weniger protzig.</p>
                <p>«Ja, warum nicht?» seufzte Hansueli bitter, «es geht zu allem übrigen.» Dann
                    schritt er müde und schwerfällig der Stube zu.</p>
                <p>Johannes schaute ihm besorgt nach. Diesmal stellte er sich entschieden auf des
                    Vaters Seite, so entschieden, als ihm möglich war, und machte Lise Vorwürfe, so
                    wie er Vorwürfe machen konnte. Aber da kam er übel an. Lise feuerteufelte erst
                    recht auf und warf ihm alles Elende vor. Wenn er nicht ein schlappschwänziger
                    Hösel und Pfösel wäre, so hätte er schon längst versucht, das Heimwesen in seine
                    Hände zu bekommen. Statt dessen <pb n="93"/>stecke er den Kopf zu dem Alten
                    unter die Decke und sie müsse hier zeitlebens Magd sein. Aber nun wolle sie ihm
                    das Gebiß eintun und am Leitseil sägen, bis er wisse, wo hindurch und in welcher
                    Gangart.</p>
                <p>Am Abend riß sie ihr Bett auseinander und trug es über die Küchenstiege hinauf in
                    die Kammer; dann holte sie auch die Wiege mit dem kleinen Ernstli nach. Die Magd
                    gehöre ins Gaden, erklärte sie im Hinausgehen und ließ das Weiße in den Augen
                    hervor, daß niemand über ihre boshaften und schadenfrohen Absichten im Zweifel
                    bleiben konnte. Nachher schob sie geräuschvoll den Riegel.</p>
                <p>Drei Wochen hielt es Johannes ohne Lise aus und trotzte standhaft mit ihr. Dann
                    hörte ihn der Vater mehrfach an der verschlossenen Kammertüre Einlaß begehren,
                    wieder die Treppe hinunterschleichen und sich schlaflos und ärgerlich auf dem
                    Lager wälzen. Lise schwor, die Türe nicht eher zu öffnen, bis sie Bäuerin sei
                    oder wenigstens bindende Zusicherungen erhalten habe.</p>
                <p>Eine Weile wand sich Johannes in der Klemme hin und her, dann verlangte er
                    wirklich halb mürrisch, halb ängstlich, der Vater solle ihnen das Heimwesen
                    abtreten und in die Speicherwohnung ziehen. Lise wolle es absolut so, und er
                    könne sie nicht zu anderem bereden.</p>
                <p>Als der Vater diese stockend vorgetragene Botschaft vernahm, verzog sich sein
                    Mund zu einem bittern Lächeln, und er hatte es nicht eilig, Ja und Amen zu
                    sagen. Tagelang wartete Johannes auf eine klare und bündige Antwort; der Vater
                    tat, als hätte er nichts gehört, und seine Miene blieb undurchdringlich. Jetzt
                    wurde auch Johannes ungeduldig, brummte und ließ seinem Unmut bei jeder
                    Gelegenheit freien Lauf. Lise stachelte ihn <pb n="94"/>noch mehr auf, und wenn
                    sie dem Vater einen Dorn ins Fleisch treiben konnte, sparte sie es nie. Sogar
                    das Kind mußte ihr als Werkzeug dienen, dem Alten wehe zu tun. Triumphierend
                    erklärte sie ihm, der Kleine gehe ihn nichts an. Ja sie jagte ihn von der Wiege
                    weg, und als Hansueli das Kind einmal aufhob, riß sie es ihm mit Schmähworten
                    aus den Armen. Und Johannes schwieg dazu.</p>
                <p>Das war gestern geschehen, und so standen die Dinge, als er zu mir kam. Jetzt,
                    was tun?</p>
                <p>Ich tröstete ihn und versprach werktätige Hilfe. Vorerst aber bat ich um
                    Bedenkzeit, damit das fernere Vorgehen wohl überlegt werden könne. Denn
                    augenblicklich war mir nur das eine klar: Er durfte den Löffel nicht unbedacht
                    aus der Hand geben, sonst harrte seiner das denkbar traurigste Alter. Gottlob
                    kam meine Warnung nicht zu spät, und gerne versprach er mir, ohne mein Wissen
                    keine entscheidenden Schritte zu unternehmen. Und obschon ich ihm nur meinen
                    guten Willen und herzliche Teilnahme hatte zeigen können, verließ er mich
                    gefaßter, als er gekommen war.</p>
                <p>Aber beim guten Willen und billigen Trostworten durfte es nicht bleiben. Ich
                    mußte Wege finden, ihm zu helfen, mußte ihm Vorschläge unterbreiten können, die
                    praktisch durchführbar waren, eher fand ich keine Ruhe. Das schuf mir nicht
                    wenig Kopfzerbrechens. Gerne hätte ich mich mit meinem Schwager Albert beraten,
                    der um jene Zeit bei mir auf Besuch war. Er hatte Rechtswissenschaft studiert,
                    verwickelte Handelsgeschäfte geleitet und sich dabei viel Welterfahrung und
                    Menschenkenntnis angeeignet. Mich ließ er, wie das unter Schwägern bräuchlich
                    ist, manchmal seine Überlegenheit <pb n="95"/>fühlen und spöttelte gerne über
                    meine unnützliche Bücherweisheit und pfarrherrliche Lebensfremdheit. Indessen
                    focht mich dieses Belächeltwerden nicht sonderlich an, und für einen guten Rat
                    hätte ich es unbedenklich in den Kauf genommen. Aber bei der Sinnesart meines
                    Schwagers war nicht anzunehmen, daß er sich für meinen alten Freund stark zu
                    erwärmen vermöge. Wie so viele Erfolgreiche und Weltglückliche hüllte er sich
                    gerne in die hörnerne Haut der Fühllosigkeit und warf mit großartigen Worten um
                    sich: «Mit Dulden und Tragen, Hoffen und Stillesein bleibe man mir gefälligst
                    drei Schritte vom Leibe weg! Harte Haut und Tatkraft sind eine bessere
                    Kampfrüstung für das Leben. Wer ein Mann ist, fährt dem Schicksal keck mit der
                    Faust an die Gurgel und würgt es an die Wand hinauf oder krautet es unter seinem
                    Knie zusammen! Ist einer dazu zu schwach und gutmütig, so lasse er sich das Fell
                    über die Ohren reißen.»</p>
                <p>Wenn ich an diese Leitsätze im Weltanschauungsbekenntnis meines Schwagers dachte,
                    verging mir die Lust, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Trotz seiner Geriebenheit
                    konnte er mir nicht helfen. Wenn ihn just seine Spottlaune gestachelt hätte,
                    wäre er imstande gewesen, zu raten: «Der Alte soll doch die ganze Rasselbande
                    zum Loch hinausschmeißen und eine ältere, aber wohlunterhaltene Haushälterin
                    einstellen und mit ihr fleißig anstimmen: Freut euch des Lebens! Dann mag dieser
                    Kümeler und Schlabian Johannes, der nichts Besseres verdient, selber schauen,
                    wie er mit seinem krummzinkigen Reibeisen fertig werde.»</p>
                <p>Nein, an eine solch leichtfertige und brutale Lösung zu denken, verboten mir die
                    grauen Haare meines vielgeprüften <pb n="96"/>Freundes und mein Amt. Meine
                    Aufgabe war das Brückenschlagen und Versöhnen, nicht das Scharfmachen und
                    Auseinanderreißen. Sich der Lise kurzerhand zu entledigen, ging nicht an; denn
                    Johannes hing trotz alledem an ihr. Und wie konnte Hansueli sich glücklich
                    fühlen, wenn er den Sohn die Gattin und das Kind die Mutter entbehren sah? Aber
                    wenn nun Lise nicht zum Einlenken und einem ordentlichen Verhalten gebracht
                    werden konnte? Was blieb dann dem Vater übrig, als das Feld zu räumen, um sich
                    vor ihren giftigen Stichen zu schützen? Und doch erschien mir ein solcher
                    Ausgang ganz und gar unleidlich und unannehmbar. Wie schwer mußte es dem alten
                    Manne werden, von seinem mühsam erwerkten Heim, von seinen Tieren, seinen
                    Bäumen, seinen Äckern und seiner Arbeit zu scheiden. «Nein, nein», schrie es in
                    mir, «diese reine, reiche und tiefgründige Natur darf nicht unterliegen! Sollen
                    denn die Weichmütigen und Gutherzigen, die Edeln und Gewissenhaften allemal
                    untendar kommen und die Harten und Boshaften, die Selbstsüchtigen und
                    Gewissenlosen obenauf? Sollen die Unflätereien des Lebens auch in dieser
                    kindlichfrommen, gottinnigen Seele allen fröhlichen Glauben an die Gerechtigkeit
                    und alles Gute mit ihrem Schmutze überkrusten?»</p>
                <p>Die Sorgen brachen mir den Schlaf, und schon am folgenden Tage eilte ich in den
                    Erlengraben, entschlossen, mit dieser querköpfigen Lise ein ernstes Wort zu
                    reden. Hansueli war in der Knochenstampfe beschäftigt; das Werk befand sich in
                    vollem Gang. Die eisernen Stämpfer schmetterten wuchtig nieder auf die spröden
                    Knochen in den Löchern des granitenen Steintroges. Knochenstaub wirbelte umher;
                    es war ein Poltern, Klopfen, <pb n="97"/>Krachen und Stäuben, daß einem fast
                    Hören und Sehen verging, Ein Ruck und Anhängen des Seils und die treibende Kraft
                    war ausgeschaltet. Noch einige Drehungen des Wendelbaumes, dessen Lüpfer die
                    schweren Eisenknechte emporhoben, und man hörte bloß noch das geschwätzige
                    Plätschern des befreiten Wasserstranges.</p>
                <p>Hansueli wollte mich ins Haus führen; ich wehrte ab. Hier konnten wir uns
                    ungestört besprechen, und ich erfuhr, es habe sich seit unserem letzten
                    Beisammensein nichts Nennenswertes ereignet.</p>
                <p>Das schien aber nur so; in Wirklichkeit war die Lage doch eine veränderte.
                    Hansueli hatte sich schon halb und halb mit dem Gedanken vertraut gemacht, dem
                    Sohne das Gütlein in Pacht zu geben.</p>
                <p>«Genau besehen, ist es so Unerhörtes nicht, was mir zugemutet wird. Der junge
                    Zahn stößt den alten ab, und wenn der alte Baum anfängt, morsch und spitzendürr
                    zu werden, fällt und zerholzt man ihn, und ein junger nimmt seine Stelle ein,
                    das ist der rechtmäßige und natürliche Verlauf der Dinge. Mich kränkt nur, daß
                    man mich nicht still beiseite treten läßt, sondern mir mit der Faust den Weg
                    weisen will ins Land der Alten. Das Alleinsein fürchte ich nicht; lieber will
                    ich einsam als im Unfrieden leben. Nur eines fürchte ich: Lise werde mich auch
                    in meinem Altenstübchen nicht in Ruhe lassen und mein Nachgeben werde ihre
                    Begehrlichkeit erst recht ins Wachstum treiben.» So sprach er, und sein
                    bekümmerter Blick ging verloren in die Weite, als suche er die Zukunft zu
                    ergründen. Er hatte überwunden; aber wie schwer es ihm geworden, zeigte mir
                    dieser still klagende Blick. Er war bereit, das Opfer zu bringen, das <pb n="98"/>ich ihm nicht hätte zumuten dürfen, nun konnte Rat werden.</p>
                <p>Ergriffen von seiner selbstlosen Gesinnung, seinem verständigen und versöhnlichen
                    Wesen, gelobte ich mir aber auch, ihn von nun an energischer gegen Übergriffe in
                    Schutz zu nehmen.</p>
                <p>«Eilt nicht zu sehr mit dem Nachgeben», sprach ich. «Euer Entschluß bestätigt
                    Euren Wert und macht Eurem Herzen Ehre. Nun sollen aber auch die Jungen zeigen,
                    daß sie Eurer Gunst und Gabe würdig sind. Bequemt sich die Schwiegertochter zu
                    einem anständigen Verhalten und erweist sie Euch die schuldige Rücksicht, dann
                    mögt Ihr ihnen das Gütlein pachtweise überlassen. Vorerst aber laßt sie eine
                    Probezeit durchmachen. Halten sie Euch, wie es sich gebührt, so mag der Vertrag
                    in Kraft treten, den ich Euch werde ausfertigen helfen. Denn dafür muß gesorgt
                    werden, daß Ihr den Haken in der Hand behaltet und die Kette aushängen könnt,
                    sobald es not tut. Lise soll merken, daß Ihr nicht mehr allein steht und
                    schutzlos ihren bösen Launen preisgegeben seid. Mit ihr will ich heute
                    kinderlehren, daß sie noch eine geraume Weile daran denkt, und wenn Ihr
                    einverstanden seid, suchen wir sie nun auf.»</p>
                <p>Wir gingen und kamen zu den drei Bäumen vor dem Hause. Wackere grüne Eidgenossen
                    waren's, Haus und Menschen zu Schutz und Trutz verbündet, als ich sie das erste
                    Mal erblickte; jetzt standen sie starr und kahl da, als wüßten sie, daß alles
                    warmblütig Lebensfrohe aus diesem Hause geflohen sei, als trauerten sie darüber,
                    daß sie kümmerlicher Lebenskargheit Wache stehen sollten.</p>
                <pb n="99"/>
                <p>«Seht Ihr», sagte ich zu Vater Hansueli, «wie jeder der drei Getreuen sein
                    eigenes Gesicht zur Schau trägt! Jeder hat seine besondere Art des Wuchses und
                    bringt die Frucht, die ihm von Natur eigen ist. Der Sauergrauechbaum kann nicht
                    Gelbbirnen tragen und der Gelbbirnbaum nicht Sauergrauech. Freilich kann der
                    Baum unter Berücksichtigung seiner Art umgepfropft werden. Manchmal hilft aber
                    alles Veredeln nicht, die aufgesteckten Schosse verdorren, und das Wilde schlägt
                    durch. So haben auch die Menschen ihre Art nicht gekauft. Manche gleichen den
                    Holzapfelbäumen, die nur herbe, bittere Früchte bringen können; das wollen wir
                    bei unsern Veredlungsversuchen nicht vergessen.»</p>
                <p>Er schaute mich sinnend an, nickte still, und wir traten über die Schwelle.</p>
                <p>Lise strickte an einem Strumpf; das Büblein schlief; Johannes hackte irgendwo
                    Reiswellen. Ohne lange Umschweife erklärte ich Lise den Zweck meines Kommens und
                    hielt ihr mit scharfen Worten ihr liebloses Betragen vor. Sie blieb verstockt,
                    preßte die schmalen Lippen zusammen, und meine Vorwürfe prallten an ihr ab wie
                    Beilhiebe an gefrornem Holz. Das regte mich auf, und nur mit äußerster
                    Anstrengung bewahrte ich meine Selbstbeherrschung. Ein einzig Mal lief etwas wie
                    Verwunderung über das trotzige Gesicht des hartbissigen Weibes, als ich mich
                    neben Hansueli stellte, den Arm um seine Schultern legte und mit Nachdruck
                    erklärte: «Dieser ehrwürdige Mann ist mir wie ein Bruder; ich schätze wenige so
                    hoch wie ihn. Ich dulde nicht ferner, daß Ihr ihn unehrerbietig behandelt, und
                    wenn ich gegen Euch die ganze Gemeinde zum Kampf aufrufen müßte.»</p>
                <pb n="100"/>
                <p>«Oh, es gibt andere, die auch nicht den Narren an ihm gefressen haben», höhnte
                    sie, und ihre Augen funkelten verächtlich.</p>
                <p>«Wer zum Beispiel?» begehrte ich zu wissen.</p>
                <p>«Das geht Euch nichts an, das sage ich nicht!»</p>
                <p>«Sie wird ihren ehemaligen Meister, den Seitenbauer meinen,» mischte sich
                    Hansueli ein. «Mein Gütchen hätte so schön zu seinem Heimwesen gepaßt, und er
                    kann immer noch nicht verwinden, daß ich ihm beim Kaufe zuvorgekommen bin. Ich
                    merkte schon seit langem, daß er Lise den Kopf groß gemacht und sie gegen mich
                    aufgewiesen hat. Ich begreife nur nicht, daß sie immer noch auf ihn hört; denn
                    er hat sie ausgenutzt und mit Rühmen dazu gebracht, daß sie ihm für zwei
                    arbeitete.»</p>
                <p>«Er hat mir wenigstens einen Lohn gegönnt, und hier erhalte ich nichts. Wenn der
                    Alte wieder heiratet, kann ich mit leeren Händen abziehen. Er soll nur nicht
                    meinen, wir hätten von seinen Besuchen bei der Marei nichts vernommen.»</p>
                <p>«Ich habe das Kind besucht, das du vertrieben hast. Nicht der Marei wegen bin ich
                    gegangen ...»</p>
                <p>«Das du vertrieben hast», äffte Lise nach. «Ich hab' es nicht vertrieben. Dem ist
                    nicht überschehen von mir. Aber du hast es gern dorthin gegeben, um einen
                    Vorwand zu haben für deine Besuche bei der Marei, die dir immer so wert war. Man
                    redet genug davon.»</p>
                <p>«Wer redet davon?»</p>
                <p>«Die Kirchgänger und die Marktleute!»</p>
                <p>«Und dir hat's der Seitenbauer eingeblasen und dir weis gemacht, ihr müßtet das
                    Haus räumen, und du warst so einfältig, es ihm zu glauben!»</p>
                <pb n="101"/>
                <p>Statt einer Antwort schnitt Lise eine Grimasse, und ich mußte mich ins Mittel
                    legen. Ich schlug Hansueli vor, zukünftig sowohl Johannes als auch Lise einen
                    angemessenen Lohn auszurichten, und er willigte ein. Dann versuchte ich Lise zu
                    überzeugen, wie töricht ihr Verdacht sei und wie sie durch ihr unfreundliches
                    Verhalten den Vater just zu dem treiben könnte, was sie verhüten wolle.</p>
                <p>Mittlerweile kam auch Johannes heim, um nachzusehen, warum er kein Vieruhrbrot
                    erhalten habe. Nun sprach ich auch ihm zu und rückte mit den verabredeten
                    Vorschlägen heraus. Der junge Mann hätte nach uraltem Brauch die Schuld gerne
                    seiner Eva aufgebürdet, doch die hielt ihre Schultern nicht geduldig dar. «Als
                    du mir nachliefst, versprachst du mir immer, zu sorgen, daß der Alte uns das
                    Gütlein abtrete. Ist es wahr oder nicht?»</p>
                <p>Johannes mußte kleinlaut gestehen, es sei so. Darum verließ Lise den Kampfplatz
                    nicht als eine Besiegte. Trotzig schritt sie mit dem erwachten Kinde auf den
                    Armen zur Türe hinaus, ohne mir einen Blick zu schenken oder meinen Abschied
                    abzuwarten, und sosehr mich ihr Wesen abstieß, nötigte sie mir doch mehr Respekt
                    ab, als ihr schwächlicher Mann.</p>
                <p>Ob mein Eingreifen die erhoffte Wirkung erzielte, ließ sich vorderhand nicht
                    abschätzen. Hatte ich auch nur wenig ausrichten können, dem alten Freunde
                    gereichte mein Beistand doch zum Troste, und er entließ mich mit einem warmen
                    Händedruck.</p>
                <p>Vierzehn Tage später wiederholte ich meinen Besuch. Lise durfte nicht meinen, ich
                    fürchte mich vor ihren graugrünen Stechaugen, oder ich lasse mich durch den
                    weiten Weg abschrecken. Sie sollte mich auf dem Plan <pb n="102"/>finden, wenn
                    meine Worte bei ihr nichts gefruchtet hatten. Es schien aber, sie wolle nun doch
                    die Hörner einziehen. Hansueli war weniger klaghaft über sie als sonst.</p>
                <p>Auf dem Heimwege kam ich mit einem Nachbar des Knochenstampfers ins Gespräch. Er
                    wußte mir Interessantes über den Seitenbauer zu berichten. Der Seitenbauer hatte
                    im Rausche allerhand ausgeplaudert, woraus mit Sicherheit zu schließen war, daß
                    er Lise von Anfang an planmäßig und mit boshaftester Absicht aufgehetzt hatte.
                    Er war es, der Lise die Meinung beigebracht hatte, ihr Mann und ihr
                    Schwiegervater seien schwachsinnige Tröpfe, mit denen man nach Belieben
                    umspringen dürfe. Mit diesem fertigen Urteil war sie in das Haus getreten und
                    hatte ihrer Herrschsucht und bösartigen Natur ungescheut die Zügel schießen
                    lassen. Leuten, die von andern hinter dem Rücken nur verlacht und verspottet
                    wurden, glaubte sie keine Rücksicht schuldig zu sein. Andernfalls hätte sie wohl
                    ihre selbstsüchtigen Absichten besser verdeckt und wäre klüger und vorsichtiger
                    zu Werke gegangen.</p>
                <p>Mir und meinem Freunde kam nun auch zustatten, daß ich nach und nach fest in
                    meine Gemeinde eingewachsen war. Mein entschiedenes Eintreten für ihn zog die
                    öffentliche Meinung auf seine Seite. Man fand plötzlich Lises Aufführung über
                    die Maßen abscheulich und nahm keinen Anstand, ihr das bei schicklicher
                    Gelegenheit fühlbar werden zu lassen. Kein Wunder, daß sie mich von nun an
                    ingrimmig haßte. An ihrem Gewährsmann und Helfershelfer, dem Seitenbauer, hatte
                    sie wenig Rücken. Wie mir gemeldet wurde, soll er sie mit dem rohen Scherze
                    vertröstet haben: «Die zwei schönsten <pb n="103"/>Dinge auf dieser Welt sind
                    eine geschabte Sau und ein toter Schwäher; gedulde dich, bis der Alte die Nase
                    unter der Erde hat.»</p>
                <p>Lise befolgte den Rat. So schwer es ihrer unbändigen Natur wurde, sie legte sich
                    Zurückhaltung auf. Hansuelis Berichte, die er mir sonntags an der Kirchentüre
                    abstattete, lauteten meistens ziemlich befriedigend.</p>
                <p>Bei meinem nächsten Besuche traf ich schon Handwerker an, welche die
                    Speicherwohnung für ihn instand setzten. Er war zum Rückzug entschlossen und
                    malte schon wacker am Bilde eines ruhigen und friedsamen Lebens, das ihm die
                    Zukunft bescheren sollte. Vor den Fenstern seines winzigen Stübchens lag ein
                    Stücklein Erdreich ummauert. Im Frühjahr sollte es umzäunt und ausgeebnet werden
                    zu einem heimeligen Gärtlein. Nicht weit davon ruhte auf Sockeln ein neues
                    Häuschen für vier Bienenvölker.</p>
                <p>«Viel zu lange schon habe ich faule Eier ausgebrütet», erklärte er. «Nichts ist
                    unfruchtbarer, als unglückseligen Gedanken und Gefühlen nachzuhängen! Man kommt
                    nicht weiter damit, als wenn man Wolken aufklaftern oder Nebel zwirnen wollte.
                    Zu einem Entschluß kommen, Neues in Angriff nehmen, das vertreibt die bösen
                    Dünste und Aufwallungen. Glaubt nicht, ich habe es schon erstritten. Steine wagt
                    mir die Lise zwar nicht mehr anzuwerfen, sie legt sie bloß vor meine Füße. Der
                    Holzapfelbaum kann nicht Gelbbirnen tragen, das habe ich jetzt begriffen. Aber
                    ich bin auch nicht gezwungen, die Holzäpfel aufzulesen und hineinzubeißen.»</p>
                <p>Das gefiel mir. Jetzt war alles auf guten Wegen. Ich lud Hansueli ein, mich zu
                    besuchen, wenn er mich nötig habe. Er kam nicht; dagegen sah ich ihn öfters in
                    der <pb n="104"/>Predigt, und ich freute mich über sein stilles, gütiges
                    Vaterantlitz, sooft ich ihn erblickte.</p>
                <p>Im Frühling erwachte in mir eine rechte Sehnsucht nach ihm. Ich mußte wissen, wie
                    es ihm ging, wieder einmal seine freundliche Rede vernehmen, in seine milden,
                    klaren Augen schauen. Wahrscheinlich fürchtete er, mich an der Arbeit zu
                    versäumen und mir lästig zu fallen, darum suchte er mich nie auf. So ging ich
                    denn zu ihm.</p>
                <p>Es war ein lauterklarer Tag. Als ich oben auf der Höhe des Tannenbühls stand,
                    blinkten die Schneeberge im reinsten Weiß, winkten mir frohen Wandergruß herüber
                    und leuchteten den emsig werkenden Landleuten zu ihrer Arbeit. Mir weitete sich
                    das Herz, wie das erstemal, als ich hier stand, und im Weiterschreiten dachte
                    ich: Wie muß die Mahlzeit im Freien schmecken, wenn über der Schale Rand solche
                    Pracht hereinfunkelt! Und wie gut ist es doch, daß diese ewig junge Schönheit
                    nicht in Fässer und Flaschen abgezapft, nicht in Käskübel verpackt oder in
                    Stanniolpapier eingewickelt und verschickt werden kann, sie wäre vielleicht
                    schon längst verschachert. Denn manchmal will es scheinen, als sei der stolze
                    Schweizernacken gar schmieg- und biegsam geworden und wolle sich neuerdings den
                    Schandspruch aufbrennen lassen: Kein Geld, kein Schweizer! Doch mochte ich mir
                    nicht den schönen Tag durch trübe Gedanken vergiften lassen.</p>
                <p>Meinen Hansueli Reber traf ich im Gärtlein. Er hackte, pflanzte und hatte rote
                    Backen wie ein Junger. Erfreut reichte er mir die erdige Hand über den neuen
                    Staketenzaun. Aus dem Bienenhäuschen flogen zwei Völker und kehrten mit gelben
                    Höschen wieder heim. Die <pb n="105"/>Immen hatten schwer zu tragen an ihren
                    Brötlein und suchten ein Ausruhplätzchen, wo sie sich verschnaufen konnten,
                    bevor sie mit ihrer kostbaren Beute zum Flugloch hereinschlüpften. Ungeniert
                    setzten sie sich auf Hansuelis Hemdärmel, Stirne und Kragenbart. Furchtlos und
                    geduldig ließ er sie gewähren, bis sie von selber abflogen. Dann durfte ich
                    eintreten in sein kleines Gartenreich und vernehmen, was er schon angesäet habe
                    und was er noch plane. Die fertigen Beete waren mit flachen Kieselsteinen aus
                    dem nahen Bache sauber eingefaßt, die zweckmäßig angelegten Wege mit gesiebten
                    Tannennadeln nett bestreut. Längs des Zaunes öffneten einige Sträucher und ein
                    Stock hundertblättriger Rosen ihre Laubknospen. Sie stammten aus dem Hausgarten.
                    Lise hatte sie ausgerissen und über den Zaun geworfen, worauf sich Hansueli der
                    Verschmähten erbarmte und sie zu Ehren zog.</p>
                <p>Nutzen und Schaden war nun den Jungen angegangen; Hansueli hatte ihnen das
                    Gütchen um einen billigen Zins verpachtet. Jetzt durfte Lise ministern und
                    regenten nach Herzenslust, der «Alte» redete ihr nicht mehr drein, und Johannes
                    war wie Teig in ihrer Hand. Das verhaßte Blumenzeug wurde ausgerodet, die Beete
                    zusammengerissen, um Hockbohnen und Krausekohl pflanzen zu können. Auch der
                    Garten sollte zinsen helfen.</p>
                <p>Sein Stübchen hatte Hansueli einfach, aber behaglich eingerichtet, sogar zwei
                    Bilder schmückten die Wand, und zwischen ihnen hing als liebstes Angedenken eine
                    Photographie der Lisbeth.</p>
                <p>«Anfangs hielt es mich hart», erzählte er, als wir uns auf dem Bauern-Ruhbett
                    niedergelassen hatten. «Und gut war es, daß ich gefreute Arbeit hatte. Ich weiß
                    nicht, <pb n="106"/>wie ich es sonst durchgefochten hätte. Jetzt bin ich schon
                    ein wenig eingewöhnt und empfinde dankbar die Ruhe und den Frieden meines
                    kleinen Heims. Keine Lise stört mich mehr innert diesen Wänden, und es ist mir
                    eine große Wohltat, ihre Katzenaugen, ihre spitze Nase und ihre verkniffenen
                    Lippen nicht mehr beständig ansehen zu müssen. Und das Gütchen kann sie mir
                    nicht mit einem Aschentuche überdecken, so gern sie's täte, und kann mir nicht
                    wegnehmen, was ich hier erlebt habe und was es mir lieb gemacht hat. Die paar
                    Gartensträuchlein sind gottlob nicht das einzige, was ich hinübergerettet habe.
                    Um mich will ich nicht mehr klagen. Wenn es nur Johannes besser hätte; er dauert
                    mich manchmal, ich kann nicht sagen wie sehr. Wie die drüben nun geizt und
                    rackert, es ist nicht mehr zum Aushalten! Niemals kommt ein frischgebackenes
                    Brot auf den Tisch; damit es nicht zuviel brauche, läßt sie es erst schimmlig
                    werden. Die Äpfel kommen selten ab der Hurde, ehe sie angefault und wenig mehr
                    nutz sind. Die Milch gelangt nur tropfweise zur Verwendung; das Dörrobst läßt
                    sie vermilben und das Fleisch, will ich wetten, wagt sie nicht zu kochen, bis
                    Würmer drin sind. Ihre Kleider hängen im Schrank, ach Gott, es könnte eines
                    einen Riß oder Flecken kriegen, und Hudelzeug tut's auch, sogar für den Sonntag.
                    Und dann dieses Hustern und Hotten, Hunden und Jagen, diese entsetzliche
                    Vielgeschäftigkeit ohne Ende! Lise wird dürr wie ein Zaunstecken; es nimmt mich
                    nur wunder, daß sie es aushält. Aber sie hat einen Starrkopf, härter als ein
                    Dangelstock! Glaubt Ihr etwa, Herr Pfarrer, ich dürfte ihr hin und wieder das
                    Büblein hirten? Nein und abermal nein, das gibt ihr der Böskopf nicht zu. «Von
                    meinem <pb n="107"/>Kind steht nichts im Akkord», hat sie mir spitz geantwortet,
                    als ich mich ihr anerbot.»</p>
                <p>Lange noch plauderten wir, diesmal bei einem Glase Wein. «Denn», sagte Hansueli
                    lächelnd, «jetzt habe ich Zeit.»</p>
                <p>«Dieser Mensch», sagte ich auf dem Heimwege zu mir selbst, «ist wie ein
                    wurzelechter Rosenstrauch. Zweimal ist der Frost über ihn gegangen und hat ihm
                    Blüten, Blätter und Zweige verbrüht. Aber der Wurzeln Kraft und Saft trieb neue
                    Knospen hervor. Die Gemütswärme im Herzkämmerlein trotzte allen Frösten. Freude
                    und Schmerz hat sie ihm verdoppelt, darum ist sein Leben tief und reich
                    geworden. Nur wer fühlt, der lebt. Wer nicht mit den Nöten des Lebens gerungen
                    hat, dem sind auch des Lebens Freuden nur laues Spülwasser; wie der Trunk aus
                    klarem Freudenquell erfrischt, spürt er nie; er ist kein rechter Kampfsoldat,
                    bloß ein Schlachtenbummler des Lebens. Kampf ist dem Menschen gesund und stählt
                    seine Kraft; zu beklagen sind nur die Opfer, die nach hoffnungslosem Ringen
                    zermalmt werden.»</p>
                <p>Übrigens war Hansueli Reber den Nöten des Lebens noch keineswegs entronnen. Sie
                    drangen zu ihm herein und folgten ihm nach in sein friedliches Stübchen. Noch
                    war kein Jahr verflossen, seit er sich auf sein Altenteil zurückgezogen hatte,
                    kursierte im Erlengraben ein häßliches Gerücht, er unterhalte ein Verhältnis mit
                    seiner ehemaligen Mieterin, der Marei. Einige Besuche, die er ihr um des
                    anvertrauten Kindes willen abstattete, mochten zu dem Gerede Anlaß gegeben
                    haben. Gemeine Seelen lebten wohl daran; erfreulicherweise gab es aber auch
                    Männer und Frauen, die der Verleumdung kräftig entgegentraten. Die Urheberin
                    dieser neuen Kränkung <pb n="108"/>war vermutlich Lise; doch hatte sie es
                    einzurichten gewußt, daß man sie nicht behaften konnte. Seit ich mich offen an
                    Hansuelis Seite gestellt hatte, war sie bedeutend vorsichtiger geworden. Der
                    boshafte Streich brachte meinen Freund nicht aus der Fassung, wurmte ihn
                    heimlich aber doch mehr, als er sich den Anschein gab.</p>
                <p>Ich sann nach, wie ich ihm zu Hilfe kommen könne, und nach einigen Wochen bot
                    sich mir eine Gelegenheit. Ein Mitglied des Kirchgemeinderates war gestorben.
                    Ich setzte es durch, daß Hansueli Reber mit dem Ehrenamt betraut wurde. Es
                    kostete mich manchen Gang und manches eindringliche Wort. Weil ich aber sonst
                    stets vermieden hatte, eigensinnig in die Gemeindeangelegenheiten
                    hineinzuregieren, nahm man diesmal auf meinen Herzenswunsch Rücksicht. Das war
                    eine Genugtuung für meinen Freund und mich! Wie die Lise spie und schimpfte!
                    Keinen Fuß mehr setze sie in meine Kirche, zehnmal lieber mache sie den Weg ins
                    Nachbardorf. Ein solcher Speisprediger, der denen in den Kirchgemeinderat
                    verhelfe, die ihn mit Wein bewirten und ihm saufen helfen, könne ihr gestohlen
                    werden.</p>
                <p>Je nun, das Mißfallen der Lise hat mich nicht umgeworfen, gegenteils empfand ich,
                    wie ich gestehen muß, nicht geringe Schadenfreude über ihren Ärger. Sie hatte es
                    in dieser Zeit gar nicht leicht, die Lise. Sie fühlte sich zum zweitenmal Mutter
                    und gebärdete sich, als hätte ihr nichts Schlimmeres zustoßen können. Der gute
                    Johannes wurde behandelt wie ein Verbrecher und mußte den Kratten tragen, mehr
                    denn je. Lise gedachte, ihn durch Hungernlassen zu zähmen und zu bestrafen; aber
                    Hansueli erbarmte sich seiner, steckte ihm heimlich Eßbares zu und riet ihm,
                    beim Melken eine Tasse mit sich in den <pb n="109"/>Stall zu nehmen und sich an
                    der frischen Milch schadlos zu halten. Und Johannes ließ sich das nicht zweimal
                    sagen.</p>
                <p>Als ihnen ein Mägdlein geboren wurde, durfte ich es nicht taufen. Lise wartete,
                    bis sie bei Kräften war und trug es ins Nachbardorf, und zwar an einem Freitag.
                    Taufemahl gab es diesmal keines. Die Nachbarn verzogen ob diesem Gebaren die
                    Mundwinkel und schickten ihr spöttische Blicke nach.</p>
                <p>Im Laufe der Zeit schob sich aber das Gewicht der Bürde allmählich wieder auf die
                    Männerseite hinüber. Die Pflege und Erziehung der Kinder verursachte
                    Unstimmigkeiten und Streit zwischen den Eltern. Lise war eine parteiische
                    Mutter. Sie ließ dem Buben alles Recht und vernachlässigte das zweitgeborne
                    Mädchen. Unwillkommen war es erschienen, unwert wurde es von ihr gehalten.
                    Umsonst verschwendete das stille Kind sein liebliches Lächeln an die Mutter, sie
                    mochte es nicht und betrachtete es als eine zuwidere Last. Um so mehr nahm sich
                    der Vater der Kleinen an und trug sie, wenn Lise abwesend war, auch hinüber zum
                    Großvater, trotzdem Feuer im Dach war, wenn Lise dahinter kam. Auch dem Büblein
                    verbot sie strenge, hinüberzugehen. Das fand der Kleine sehr unbequem und ließ
                    sich nur durch Schläge davon abhalten. Der Großvater besaß nämlich ein liebes,
                    kleines Dachshündchen, zu dem es den Buben an allen Haaren hinzog. Dem
                    Früchtchen machte es grausame Freude, Kaninchen, Hunden, Hühnern und Katzen mit
                    seiner Peitsche aufzumessen. Johannes wehrte eifernd, Lise schwieg oder
                    entschuldigte, und die Tiere flüchteten sich. Selten erwischte er eines, an dem
                    er seine rohe Lust auslassen konnte. Da entdeckte er ein anderes Spielzeug zum
                    Mißhandeln, sein Schwesterchen. <pb n="110"/>Eben hatte es die ersten zagen
                    Schritte in das unendliche Meer der Wohnstube hinaus gewagt und stand noch recht
                    wackelig auf den schwanken Beinchen. Nur einen kleinen Stoß brauchte ihm das
                    liebe Brüderchen zu geben, dann purzelte es so lustig in die Stube hinaus,
                    lustig für das liebe Brüderchen. Dann kam die Mutter: «Was hast du wieder zu
                    schreien, ach, was man doch für eine Mühe mit dir hat», und riß es unsanft am
                    Ärmlein in die Höhe. Unterdessen stand das artige Brüderchen daneben und schaute
                    unschuldig zum Fenster hinaus oder einer Fliege nach. «Lieg jetzt hier und
                    schweig, sonst will ich dich lehren stille sein!» Sie schmiß ein Decklein auf
                    den Boden und das Kind darauf. Hatte sich die Türe hinter ihr geschlossen, dann
                    ging die Unterhaltung wieder los. Brüderchen nahm einen Stecken und stach das
                    Schwesterlein ins Bein. Das Kind strampelte und schrie. Jetzt öffnete sich die
                    Türe; zürnend erschien die Mutter. Schwesterlein bekam seinen Teil. Solches
                    wiederholte sich fast alle Tage. Aus dem Fenster seines Stübchens sah Hansueli
                    oft zu, wenn die beiden Kinder auf der Türschwelle saßen, in der Dachtraufe
                    spielten oder auf der Kellertreppe sandelten. Immer wieder nahm der Bub dem
                    Schwesterchen das Spielzeug weg, plagte und reizte es zum Schreien. Ein paarmal
                    kam er herüber und drohte: «Bub, dich haue ich nächstens einmal durch, daß du
                    nicht mehr sitzen kannst!»</p>
                <p>«Rühr ihn an, wenn es dich gelüstet», schrie Lise daraufhin. «Der Bub geht dich
                    nichts an; pack dich hinüber, wo du hingehörst.»</p>
                <p>Sie wäre ihm mit den Nägeln ins Gesicht gefahren, wenn er seine Drohung
                    ausgeführt hätte. Triumphierend wies der Bub dem Großvater die Zunge.</p>
                <pb n="111"/>
                <p>Vom Vater aufmerksam gemacht und bestärkt, wachte Johannes über seinem Kinde und
                    verhütete, was ihm möglich war. Zum erstenmal gab er nicht nach. Das reizte Lise
                    zur höchsten Wut. Wilde, wüste Zänkereien folgten. Lise, ihrer selbst nicht
                    mächtig, schlug Johannes ins Gesicht. Da packte er sie, ein minutenlanges Ringen
                    begann, und endlich warf er sie zu Boden. Als Hansueli herüberkam, lag Lise auf
                    der Stubendiele, Johannes kniete auf ihr und hielt sie fest, obschon sie ihn mit
                    den Nägeln geschürft hatte, daß er im Gesicht ganz blutig war.</p>
                <p>«Laß sie jetzt aufstehen», mahnte Hansueli.</p>
                <p>«Es pressiert noch nicht damit», keuchte Johannes, «hast mich manchmal gequält,
                    du; jetzt hört's auf, dafür will ich dir gutstehen!»</p>
                <p>Er schüttelte sie noch ein paarmal mit einer Kraft, die er noch nie in sich
                    verspürt hatte. Endlich ließ er ab von ihr. Doch kaum hatte er losgelassen,
                    sprang sie ihm wieder an wie ein böser Hund. Hansueli wollte sie halten; aber
                    Johannes schrie:</p>
                <p>«Weg! Ich!»</p>
                <p>Diesmal war der Kampf bald entschieden. Johannes brauchte seine Kraft mit aller
                    Rücksichtslosigkeit; ein Ruck, ein Schwung und Lise lag wieder auf dem Rücken.
                    Die Kindbetten und selbstauferlegten Entbehrungen hatten ihrer Kraft
                    zugesetzt.</p>
                <p>«Weißt du jetzt – wer – Meister ist? Probier's noch einmal – dann schlag ich dir
                    deinen harten Tüssel auf der Diele weich ...»</p>
                <p>Er zeigte ihr versuchsweise, wie das gemeint sei.</p>
                <p>«Nicht, nicht», wehrte Hansueli ab, und die Kinder schrien beide mörderlich. Da
                    ließ er Lise aufstehen; ihr fiel das zerrissene Gewand vom Leibe; die Kleider
                    zusammenraffend <pb n="112"/>und ihre Blöße bedeckend, flüchtete sie ins
                    Nebenzimmer.</p>
                <p>Hansueli besänftigte die entsetzten Kinder, und Johannes trocknete sich mit dem
                    Sacktuch das Blut ab.</p>
                <p>«Sie hat angeschlagen», berichtete er dem Vater, «und gut ist's, daß sie es getan
                    hat. Allzulang hat sie mich für einen völligen Schwächling gehalten. Oh, du
                    weißt nicht, wie sie mich gequält und erniedrigt hat! Du hast nur am Tage
                    zuschauen können ...! Alles habe ich über mich ergehen lassen ... Aber das Kind
                    soll sie mir nicht mißhandeln und unterdrücken. Eher schlag' ich sie tot oder
                    lasse mich von ihr scheiden. Von heute an ändert's in unserem Hause. Nimm du das
                    Kind nur mit dir hinüber, jetzt befehle ich. Vorläufig bleibt es bei dir.»</p>
                <p>Hansueli machte große Augen, als er seinen Sohn so sprechen hörte. Er nahm das
                    Kleine auf den Arm wie einen kostbaren Schatz und ging.</p>
                <p>Drei Tage lang trotzte Lise in der Kammer und rührte die Arbeit mit keinem
                    Streich an. Wenn Johannes in der Nähe war, schloß sie sich ein. Am Morgen des
                    vierten Tages stand er vor der Türe:</p>
                <p>«Mach auf und komm heraus!»</p>
                <p>Keine Antwort.</p>
                <p>«Zum letztenmal: Mach auf!»</p>
                <p>Keine Antwort.</p>
                <p>«Nun gut», murmelte er, holte im Küchenwinkel die schwere Schlägelaxt, stellte
                    sich auf, schwang die Axt, und nach wenigen Streichen fuhr die Türfüllung
                    splitternd aus dem Rahmen und gewährte ungehinderten Durchgang.</p>
                <p>Im Nebenzimmer stand Lise mit einem Gesicht, das eine Farbe hatte wie ein
                    Leinlaken.</p>
                <pb n="113"/>
                <p>«So», sagte Johannes, «heute hast du noch Zeit, dich zu besinnen, was du tun
                    willst. Trittst du morgen nicht zur Arbeit an, so schaff' ich dich aus dem
                    Hause, wenn du nicht vorziehst, selber zu gehen. Entweder tust du deine Pflicht
                    und führst dich auf, wie es Brauch ist, oder du wanderst. Nun wähle selbst!»</p>
                <p>Damit machte er kehrt, ließ sie stehen und kümmerte sich nicht um sie.</p>
                <p>Am Nachmittag sah er sie talaus schreiten, das Büblein an der Hand. Wie sich
                    später herausstellte, ging sie zum Seitenbauer, wohl um Rat zu holen. Vermutlich
                    fand sie nicht, was sie erhofft hatte. Keine offenen Arme streckten sich ihr
                    entgegen. Sie mußte erkennen, daß sie allein stand. Wenigstens kehrte sie in der
                    Abenddämmerung wieder zurück und war später auf den Seitenbauer äußerst schlecht
                    zu sprechen. Vielleicht flößte ihr auch Johannes' so plötzlich erwachte Tatkraft
                    Respekt ein. Genug, sie griff wieder zur Arbeit, wenn auch mit finsterem
                    Gesichte.</p>
                <p>Johannes ließ sie einige Tage ruhig gewähren; doch als sie mit Koldern nicht
                    fertig werden konnte, stellte er sie zur Rede. Es setzte einen heißen Wortkampf
                    ab. Johannes verlangte Unterwerfung oder Ehescheidung und ließ nichts abmarkten.
                    Nachdem er in zwei Schlachten Sieger geblieben war, nahm er das Oberkommando für
                    sich in Anspruch. Lise knurrte und rüttelte an seinem Willen, durfte es aber
                    nicht mehr zum Äußersten kommen lassen. Ihr erging es wie einem gezüchtigten
                    Köter: Einmal ins Hundshaus gejagt, hält er nie mehr stand, kläfft aber um so
                    mehr aus dem Hinterhalt.</p>
                <p>Hansueli unterstützte den Sohn mit Rat. Trotzdem ihm die wüsten Auftritte in der
                    Seele weh taten, spürte <pb n="114"/>er eine gewisse Erleichterung, weil
                    Johannes endlich Kraft zeigte, sich Luft zu schaffen. Auch die Pflege des
                    Enkelkindes brachte ihm angenehme und willkommene Ablenkung, und er ließ die
                    lange aufgestauten Großvatergefühle breit hervorbrechen. Aber wenn er an die
                    Zukunft dachte, wurde ihm trübe zumute. Was für ein kummervolles Alter stand
                    Johannes bevor! Was für ein armer Tropf wurde aus ihm, wenn einmal das Söhnlein
                    der Lise erwachsen war und die Zügel an sich reißen konnte! Denn die beiden
                    hielten zusammen durch dick und dünn, und immer deutlicher artete der Bub seiner
                    Mutter nach, die jederzeit einen Verspruch für seine boshaften Streiche
                    fand.</p>
                <p>Die Erziehung des Buben führte fortwährend zu unerquicklichen Reibereien. Lise
                    konnte es nicht ansehen, daß ihn der Vater strafte; Johannes konnte es nicht
                    ansehen, wie ihn Lise verzog; beiden verleidete das Leben. Johannes sah keinen
                    Ausweg mehr als die Scheidung und ließ sich vom Rechtsanwalt beraten; auch
                    Hansueli wußte keine bessere Lösung.</p>
                <p>Aber es kam anders.</p>
                <p>Eines Vormittags wollte Lise ein Stück Garten umgraben. Johannes ging auf den
                    Acker, Hansueli in die Knochenstampfe mit dem Mädchen an der Hand. Der Bub blieb
                    bei der Mutter.</p>
                <p>Als Johannes heimkam, saß Lise halb entkleidet auf dem Brunnenrand. In den Armen
                    hielt sie das Büblein und schaute ihm unverwandt und starr ins bleiche Gesicht.
                    Am Boden lagen Höschen, Strümpflein, Schühlein und Lises Obergewand – alles voll
                    Kot! Das Jaucheloch stand offen; Lachen von Jauche umgaben den Rand. Lise hielt
                    um den nackten Körper des Kindes ihr eigenes <pb n="115"/>Gewand geschlungen,
                    als wolle sie ihn vor Kälte oder Gefahr schützen.</p>
                <p>Mit einem Blicke überschaute Johannes die grause Verwirrung. Im Nähertreten
                    schlotterte ihm ein Schauer durch die Glieder, dann entfuhr ihm ein entsetztes:
                    «Herr Jesus Gott!» Das Knäblein war tot. Lise gab keinen Laut von sich.
                    Trockenen Auges starrte sie immer nur in das entseelte Kinderantlitz. Erst als
                    ihr Johannes die Leiche aus den Armen nehmen wollte, stand sie auf, schritt wie
                    eine Nachtwandlerin in die Stube und legte das Kind auf ihr Bett, ohne es aus
                    den Armen zu lassen. So über ihr Bett geneigt, halb stehend, halb liegend,
                    verharrte sie stundenlang. Manchmal streichelte sie mit den erkalteten Händchen
                    die Wange, wie das Kind ihr so oft getan hatte, als es sich noch des Lebens
                    freute.</p>
                <p>Johannes' erstes war, den Großvater zu rufen. Tieferschüttert kam dieser herbei.
                    Seine ersten zusammenhängenden Worte lauteten: «Das ist furchtbar für sie. Mach'
                    ihr doch ja keine Vorwürfe!»</p>
                <p>Sie ließen Lise gewähren. Wie das Unglück geschehen, vermochten sie sich selber
                    zu erklären. Lise hatte den Garten mit Mist und Jauche gedüngt. In ihrer
                    Arbeitshast hatte sie vergessen, den Jauchebehälter wieder zu decken. Das
                    Büblein war drunten im Garten, nichts mahnte sie an die Gefahr. Aber der Kleine
                    konnte sich nicht lange am gleichen Orte stille halten. Unvermerkt wischte er
                    zum Gartentürchen hinaus mit seiner Peitsche, vielleicht einem Huhn oder einer
                    Katze nach, durch den Brunnenschopf. Da geschah das Unglück. Unterdessen grub
                    Lise emsig weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen. Als sie auf die Suche
                    ging, war es zu spät. Neben dem Jaucheloch lag noch der starke <pb n="116"/>Holzrechen, den sie von der Wand heruntergerissen hatte, um damit in der
                    gräßlichen Brühe zu fischen.</p>
                <p>Endlich mußte man Lise doch stören. Gegen Abend fragte Johannes sie: «Willst du
                    nicht auch etwas genießen?» Heftig schüttelte sie den Kopf. Niedergeschlagen
                    äußerte Johannes zum Vater:</p>
                <p>«Sie gefällt mir nicht. Wer weiß, ob es nicht kommt wie mit der Mutter. Wenn sie
                    nur weinen könnte.» Da ging auch Hansueli zu ihr hinein. Sie achtete es nicht.
                    Erst als er ihr die Hand auf die Schulter legte, wendete sie sich ihm zu und
                    schaute auf. Den Blick vergaß er nie mehr. Es war ein Blick, der ihm mehr ans
                    Herz griff, als alle Worte vermocht hätten. Er konnte nicht anders als ihr beide
                    Hände entgegenstrecken und sprechen:</p>
                <p>«Um des heiligen Gottes Willen glaube nur eines nicht, du Arme: Daß wir dir das
                    gönnen mögen!»</p>
                <p>Leise zitterten ihm die Worte aus Herzensgrund herauf, Vatergüte leuchtete auf
                    seinem bekümmerten Antlitz, und die Augen wurden ihm feucht. Lise erfaßte seine
                    Vaterhände nicht, vielleicht hatte sie sie nicht einmal gesehen. Groß und
                    forschend hing ihr Blick an dem milden Greisenantlitz, als wolle er in das
                    verborgenste Inwendige hineindringen. Plötzlich ging eine Erschütterung durch
                    ihren Leib. Mit zuckenden Lippen stammelte sie:</p>
                <p>«Das dank' ich dir einmal!» Dann warf sie sich über das tote Kind und erstickte
                    ihr wildes Schluchzen in der Bettdecke.</p>
                <p>Still, wie er gekommen, wandte er sich wieder zum Gehen und ließ sie
                    ausweinen.</p>
                <p>Trotz der schlaf losen Nacht legte sie am andern Morgen wieder Hand an. Alle
                    Anordnungen für das Begräbnis <pb n="117"/>überließ sie den Männern. Ohne
                    Einspruch ließ sie geschehen, daß das Kind auf dem Gemeindefriedhof begraben
                    wurde und ich das Leichengebet hielt. Es war für mich keine leichte Aufgabe; ich
                    wollte Eindruck machen auf Lise. Jedes Wort befühlte ich rundum, ob ihm nicht
                    eine verwundende Spitze anhafte, bevor ich es den andern anfügte. Vergebliche
                    Mühe. Lise, die jede Nacht getreulich bei ihrem Liebsten Wache gehalten hatte,
                    kam nicht zum Begräbnis. Vor keinem Menschen zeigte sie sich. Wir warteten,
                    solang es möglich war, und Johannes ängstigte und ärgerte sich sehr. Flüchtig
                    blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, sie könnte sich ein Leid antun. Nach
                    einigem Zaudern entschloß er sich aber doch, dem toten Kinde das Geleite zu
                    geben.</p>
                <p>Auch mich befremdete Lises Verhalten. Haderte sie mit mir, haderte sie mit dem
                    lieben Gott, oder fürchtete sie, vor den Neugierigen die Fassung zu
                    verlieren?</p>
                <p>Im Urteil der Leichengänger kam sie schlecht weg. Man nahm es gewaltig schief,
                    daß sie nicht ans Grab gekommen war, die meisten waren empört über sie. «Da
                    sieht man wieder einmal, was für eine sie ist», hieß es, «ein Tier hat mehr Herz
                    für seine Jungen.»</p>
                <p>Nach dem Begräbnis eilte Johannes ungesäumt nach Hause. Er traf Lise am Brunnen.
                    Sie wusch. Ihr spitzes Gesicht schien kalt und unbewegt. Nur ihre Augen
                    brannten. Johannes atmete erleichtert auf, als er sie bei der Arbeit sah.
                    Zugleich quoll ihm Verachtung und Bitterkeit auf wider sie. Wenn es ihr nicht an
                    Kraft und Fassung zur Arbeit gebrach, hätte sie wohl auch ihr Büblein zum Grab
                    geleiten können. Die, und sich ein Leid antun, diese Herzlose! Seine Mundwinkel
                    krümmten sich abwärts. «Wir haben umsonst gekummert», erklärte er <pb n="118"/>dem heimkehrenden Vater, «Lise bleibt Lise, und wenn man einen Mühlstein über
                    sie wälzte.»</p>
                <p>«Was weiß ich», überlegte Hansueli, «du könntest dich täuschen. Sie ist eine
                    Verschlossene. Sei du gut mit ihr und nimm ihr ab, was du kannst. Vielleicht
                    gewinnst du sie jetzt. Es ist doch ein guter Kern in ihr, wenn er auch hart ist.
                    Probieren wir noch einmal im Guten. Von Scheidung kann vorläufig nicht wohl die
                    Rede sein.»</p>
                <p>Hansueli redete aber nicht nur so, er handelte auch danach. Er forderte Johannes
                    auf, Bethli, das jüngere Kind, nun wieder ins Haus hinüberzunehmen. Die Mutter
                    sollte ihr einziges Kind nicht entbehren. Er selbst war zufrieden, wenn er es
                    hin und wieder bei sich haben durfte.</p>
                <p>Johannes nahm das Kind und trug's hinüber. «Der Vater meint, es würde dir kurze
                    Weile machen», sagte er zu Lise. «Er soll's jetzt nur behalten», antwortete Lise
                    kurz und trocken. Darüber regte sich Johannes neuerdings auf. Doch Hansueli
                    pochte noch öfters an.</p>
                <p>«Wollen wir nicht auf Ernstlis Grab einige Stöcke schöne Blumen pflanzen», schlug
                    er Lise vor,« die Nachbarin hat mir Nelkenstöcklein anerboten, junge,
                    weiße.»</p>
                <p>Sie maß ihn mit einem ruhigen, nicht unfreundlichen Blick und erwiderte: «Das
                    halte, wie du willst.»</p>
                <p>Daraufhin ließ Hansueli ein Kreuz aufs Grab setzen und bepflanzte es selbst. Aber
                    erst nach Wochen ging Lise hin, um es anzuschauen. An einem Sonntagnachmittag
                    war's. Johannes wollte sie begleiten. «Dann bleibe ich zu Hause», erklärte sie.
                    «So geh doch allein», rief er unwirsch. Sie ging, verriet aber keinem Menschen,
                    wohin, und als sie zurückkehrte, merkte man ihr nicht die Spur von einer
                    Gemütsbewegung an.</p>
                <pb n="119"/>
                <p>«Sie hat auch den Buben nicht liebgehabt», urteilte Johannes, «sie hätschelte ihn
                    nur, um uns damit zu ärgern.»</p>
                <p>«Fast sollte man es meinen», antwortete der Vater; auch ihm kam sie unbegreiflich
                    vor. Im übrigen hatte er sich nicht mehr über sie zu beklagen. Sie fügte ihm
                    keine absichtlichen Kränkungen zu. Eher wich sie ihm aus.</p>
                <p>Dafür war Johannes um so öfter vor seiner Türe. Wegen jedem Flohpick hatte er
                    etwas zu kümmeln. Unmerklich und allmählich begann sich das Blatt zu wenden:
                    Johannes fiel ab, und Lise stieg in des Vaters Wertschätzung. Gewiß war sie
                    manchmal unwirsch und sauertöpfisch, das steckte ihr nun einmal im Blute. Aber
                    an Angriffslust, Eifer und Ausdauer bei der Arbeit übertraf sie Johannes weit.
                    Er verplemperte manches Endchen Zeit, und seine stete Klaghaftigkeit verleidete
                    dem Vater.</p>
                <p>Wie fast alle Anfänger, mußten auch Johannes und Lise Unglücksfälle im Stall
                    erleben. In der Sommerhitze wurden ihnen die Schweine krank und mußten
                    geschlachtet werden. Johannes warf die Schuld auf Lise, sie halte zu wenig
                    Ordnung und Reinlichkeit, lasse das Futter sauer werden und halte auch nicht
                    regelmäßige Futterzeit inne. Lise weinte. Sie hatte auf schönen Erlös gehofft
                    und viel Mühe aufgewendet. Gewiß hätte größere Reinlichkeit nichts geschadet;
                    aber wo sollte sie die Zeit dazu hernehmen? Darum empfand sie die Vorwürfe als
                    ungerecht und unbillig. Sie wehrte sich; es gab wieder einmal Zank und
                    Tubeltage.</p>
                <p>Diesmal stellte sich Hansueli offen auf Lises Seite. «Du hättest den Stall
                    ebensogut reinigen können, wie sie», sagte er zum Sohne. «Wenn sie dir soviel
                    auf dem <pb n="120"/>Acker draußen hilft, darfst du ihr wohl von der Hausarbeit
                    etwas abnehmen.»</p>
                <p>«Mutter hat diese Arbeit doch immer selbst besorgt», murrte Johannes.</p>
                <p>«Ja. Dafür brauchte sie aber weniger auf dem Felde zu helfen. Von der Lise noch
                    mehr Arbeit zu verlangen, wäre unvernünftig. Sie arbeitet mehr als du, glaub's
                    nur.»</p>
                <p>Das ging bei Johannes ins Guttuch. Er kam nicht so bald wieder zum Vater, um vor
                    dessen Türe seinen Kleinkram abzulagern.</p>
                <p>Zu Lise bemerkte Hansueli bei passender Gelegenheit: «Nimm's nicht so schwer
                    wegen den Schweinen, du hast dein möglichstes getan, das muß man sagen. Ich will
                    dann bei der Zinszahlung ein Einsehen tun und euch nicht hart halten.»</p>
                <p>Und wieder einmal sah ihn Lise mit großen, überraschten Augen an und sagte
                    nachher zu Johannes: «Du bist viel der Wüstere als der Alte. Der hat doch auch
                    noch Verstand mit einem.»</p>
                <p>Es kam Hansueli gelegen, daß er einen bescheidenen Sparbatzen beiseite gelegt
                    hatte. Die Knochenstampfe klopfte ihm nicht mehr viel heraus. Öfters ließ er sie
                    durch einen Taglöhner besorgen, um sich recht seines Enkelkindes annehmen zu
                    können. Nach Geldzusammenscharren stand sein Sinn nicht mehr, für seine geringen
                    Bedürfnisse hatte er bald genug.</p>
                <p>Später trat etwas ein, das er sich nie hätte träumen lassen: Er ging manchmal
                    hinüber und half Lise und Johannes bei der Arbeit, wenn sie ihn nötig hatten.
                    Zur Erntezeit hatte er diesen Brauch angefangen. Garben lagen draußen, ein
                    Gewitter drohte. Johannes und Lise banden den Rest. Da litt es ihn nicht in
                    seinem Stübchen. <pb n="121"/>Er schirrte die Kühe ein und brachte einen zweiten
                    Schneggen hinaus. Und Lise wies ihn nicht vom Acker und lief auch selbst nicht
                    davon, sondern nahm die Hilfe an. Johannes lud; sie gab die Garben hinauf;
                    Hansueli hielt die Kühe und fuhr nach; alles kam trocken unter Dach. Er half
                    auch noch die Garben ablegen und schlagen. Unterdessen bereitete Lise die
                    Zwischenmahlzeit. Als der Vater seiner Wohnung zusteuern wollte, trat Lise zu
                    ihm und sagte unsicher:</p>
                <p>«Wenn du magst, trink den Kaffee mit uns, aber nicht, daß du mußt ...»</p>
                <p>Johannes horchte auf; dem Vater lief ein freundliches Aufleuchten über das
                    Gesicht, und er erwiderte ohne Besinnen: «Gern!»</p>
                <p>Seitdem erwarb er drüben wieder ein Stück von seinem alten Heimatrecht. Worte
                    machen, war der Lise ihre Art nicht, und süße Mienen brachte sie keine zustande.
                    Aber aus ihrem Tun und Lassen verspürte er doch eine versöhnlichere Gesinnung.
                    Sie mied, was ihm zuwider war, und begegnete ihm nie mehr unehrerbietig. Das
                    genügte ihm.</p>
                <p>Eines Sonntags, als Johannes in der Predigt war, überraschte der Großvater Lise
                    vor einer Kiste, die allerhand Andenken an das verunglückte Söhnlein enthielt.
                    Nun wußte er, daß sie ihren Verlust noch nicht verwunden hatte, obschon sie nie
                    davon sprach. Denn ihr Gesicht spiegelte deutlich genug einen zerrissenen,
                    unglücklichen Seelenzustand wider. Johannes sprach noch öfters von dem
                    verstorbenen Knaben; aber ohne wärmeres Gefühl. Wahrhaftig, bei Lise war
                    tieferer Grund. Sie litt schweigend, und das brachte sie dem Großvater näher <pb n="122"/>als alles, was sie sonst getan hatte, ihn zufriedenzustellen.</p>
                <p>Winter und Frühling waren vorbei; die Heuernte brach an. Oben am steilen Rain lag
                    dürres Futter. Hansueli hatte es an Walmen geschichtet und laden geholfen. Zwei
                    hochgetürmte Schneggeten standen zur Heimfahrt bereit. Diese war schwierig und
                    nicht ohne Gefahr. Mit vereinten Kräften steuerten die drei das erste Füderchen
                    den steilen Schrägweg hinunter. Auf dem Ebenen ließen sie es stehen und wollten
                    das zweite nachholen. Lise ging voraus. Sie war voll Arbeitseifer wie immer auf
                    dem Felde. Johannes und Hansueli kamen nach. Letzterer hatte mit kurzem Atem zu
                    kämpfen. Ungeduldig wartete Lise auf sie, es ging ihr zu lange. Schon hatte sie
                    sich in die Stange gestellt, die Handhaben ergriffen und hob prüfend die auf den
                    Schlittensohlen ruhende Last.</p>
                <p>«Nicht, nicht», schrie Johannes, «es wird dir zum Meister!»</p>
                <p>Sein Warnungsruf kam zu spät. Kaum hatte Lise die Handhaben angerührt, kam das
                    Fuhrwerklein in Gang. Vergeblich preßte sie mit aller Kraft die Schlittensohlen
                    auf den Boden. Auf dem trockenen, harten Erdreich bremsten sie zu wenig. Wuchtig
                    drängte die Last nach. Mit Not vermochte Lise in den Schrägweg einzurenken. Die
                    Last jagte sie aus und trieb sie in langen Sprüngen vor sich her. Trotzdem
                    verlor sie ihre Geistesgegenwart nicht. Mit äußerster Kraftanstrengung riß sie
                    die Stangen herum gegen das obere Wegbord. Das hätte zur Rettung führen können.
                    Unglücklicherweise war das Füderchen schief geladen und die schwerere Hälfte auf
                    der Unterseite. Darum überschlug es sich bei dem <pb n="123"/>heftigen Anprall,
                    stürzte über den schmalen Wegrand hinaus und überrollte sich, bis es von den
                    hohen Haselstöcken und anderem Unterholz aufgehalten wurde. Lise, die noch in
                    der Stange war, wurde mitgeschleudert. Hoch im Bogen flog sie hinunter in die
                    Haselbüsche.</p>
                <p>Das alles geschah kaum fünf Schritte vor den Augen der Männer, und doch hatte
                    keiner helfen können.</p>
                <p>«Häb, häb!» hatten sie geschrien und waren ihr entgegengeeilt. Zum Eingreifen
                    kamen sie nicht, so unglaublich rasch ging alles vor sich. Wie gelähmt standen
                    sie in der ersten Bestürzung und starrten mit entsetzt aufgerissenen Augen über
                    den Wegrand hinunter in den Haselrain. Dann ermannten sie sich und kletterten
                    hinunter.</p>
                <p>Lise war im Stürzen ebenfalls durch einen Haselstock aufgehalten worden.
                    Totenbleich lag sie da. Die Kleider hingen ihr zerfetzt am Leibe. Blut floß ihr
                    aus Mund und Nase. Sie atmete noch, doch schien ihr das Bewußtsein geschwunden.
                    Hansueli kniete zu ihr hin und bettete ihr Haupt sorgsam in seinen Arm. Er
                    redete ihr zu, was, das wußte er selbst nicht. Auch Johannes stieß Angstworte
                    aus, er schlotterte. Erst nach geraumer Zeit kam ihnen die Fassung und
                    Überlegung wieder.</p>
                <p>Sie versuchten Lise in die Höhe zu heben. Kaum rührten sie an, stieß sie einen
                    gellenden Wehelaut aus. Sie warteten. Dann probierten sie es auf andere Weise,
                    sie aufzurichten. Wieder tat sie einen Schrei. «Laßt mich liegen und sterben»,
                    jammerte sie in erschütternden Tönen. «Mein Rücken, mein Rücken!» Ihre Rede
                    verlor sich in unverständlichem Gewimmer.</p>
                <p>«Spring zum Nachbar», befahl Hansueli. «Er soll <pb n="124"/>sofort den Arzt
                    holen. Dann komm wieder. Sie sollen uns helfen. Ich will hier warten.»</p>
                <p>Johannes eilte. «Bring Wasser mit dir!» rief ihm der Vater nach.</p>
                <p>Unten bei der ersten Heufuhre lag das Kind und schlief sanft. Sie hatten es ganz
                    vergessen. Mit Halmen spielend, war es eingenickt. Jetzt nahm es Johannes mit
                    ins Nachbarhaus.</p>
                <p>Unterdessen kniete Hansueli immer bei der Lise, hielt ihr Haupt, strich ihr von
                    Zeit zu Zeit liebkosend mit der zitternden Hand über das Haar und sprach ihr
                    Geduld ein. Sie litt schwer. Auch ihn schmerzten die Knie, die Beine schliefen
                    ihm ein; aber er hielt stand.</p>
                <p>Eine halbe Ewigkeit schien verstrichen, als Johannes mit den Männern vom
                    Nachbarhause anlangte. Gierig schlürfte Lise von dem frischen Wasser. Daneben
                    kamen die Männer mit leeren Händen. Erst als sie sahen, daß ein gewaltsames
                    Aufrichten und Wegtragen Lises Tod herbeiführen könnte, rieten sie her und hin,
                    was zu tun sei. Man holte endlich ein breites und langes Brett, hieb den
                    Haselstock um und schob es nahe an den Leib. Mit unsäglicher Anstrengung wälzte
                    sich Lise selber auf das Brett, dann verlor sie die Besinnung aufs neue. Doch
                    nun konnten die Männer anpacken, schafften sie mit vieler Mühe in den Weg
                    hinauf, trugen sie auf einer Bahre nach Hause und hoben sie samt dem Brett auf
                    ihr Lager. So mußte sie bleiben, bis der Arzt anlangte, sie auskleidete,
                    untersuchte und mit höchster Vorsicht selber anders bettete. Über ihren Zustand
                    war auch er nicht völlig im klaren. «Abwarten», lautete sein Bescheid.</p>
                <p>Lise starb nicht. Ihr drohte das härtere Geschick, als Krüppel weiterleben zu
                    müssen. Tag für Tag kam der <pb n="125"/>Arzt in der ersten Zeit, untersuchte
                    und befragte sie. Tag für Tag las er auch in ihren Augen die gleiche bange Frage
                    und antwortete: «Es kann schon noch gut kommen.» Sobald sie aber die kleinste
                    Bewegung versuchte, mahnte sie ein stechender Schmerz, daß dieses Ziel noch in
                    weiter Ferne liege. Das brachte sie fast zum Verzweifeln! Draußen so viel
                    Arbeit, jede Hand so kostbar, und sie mußte im Bette liegen, steif wie ein Stück
                    Holz. Heiß wallte es in ihr auf. Sie ballte die Fäuste und hätte etwas
                    zerschlagen mögen, austoben wie ein wildes Tier. Noch lebte in ihren Armen etwas
                    von der alten Kraft, im Herzen etwas von ihrem alten Trotz und wehrte sich. Aber
                    von Woche zu Woche wurde der Widerstand schwächer. Das Leiden sog ihr den Mut
                    und die Hoffnung aus dem Herzen, die Kraft aus ihren Gliedern. Langsam nahm der
                    Schmerz ab und machte einer bleiernen Müdigkeit Platz. Etwas Dunkles und
                    Schweres senkte sich auf sie herab und lastete wie ein ungeheurer Alb auf ihrer
                    Brust, daß sie weinen mußte, manchmal stundenlang.</p>
                <p>Dem Vater gegenüber hatte der Arzt nicht hinter dem Berge gehalten: Verletzung
                    der Wirbelsäule und vermutlich auch des Rückenmarks. Man müsse sich auf ein
                    langwieriges Krankenlager gefaßt machen, vielleicht auch auf einen bleibenden
                    Nachteil. Daraufhin hatte Hansueli sofort Hilfskräfte einzustellen gesucht. Mit
                    Mühe und Not hatte sich endlich ein Taglöhner gefunden, der Johannes die
                    Heuernte beendigen half. Eine Krankenpflegerin war nicht aufzutreiben. So mußte
                    Hansueli selbst den größten Teil der Pflege übernehmen. Gutherzige Nachbarfrauen
                    unterstützten ihn darin und nahmen ihm nach altem, schönem Bauernbrauch einen
                        <pb n="126"/>Teil der Nachtwachen ab. Aber auch so blieb seine Aufgabe eine
                    schwere. Die Haushaltung, das Kind und die Kranke gleichmäßig zu bedenken und
                    betreuen, ging fast über seine Kräfte. Ihm kam zu statten, was er in frühern,
                    schweren Tagen gelernt hatte.</p>
                <p>Nächtelang saß er am Krankenlager seiner ehemaligen Widersacherin und bewegte ihr
                    Schicksal in seinem Herzen. Selbst ein leidgeprüfter Mann, ermaß er die Tiefe
                    ihres Schmerzes, verstand ihre seelische Zerrissenheit. Er hatte eine schwere
                    Bürde zu tragen gehabt; die ihrige war schwerer. Ihm hatte im Dunkel immer ein
                    Sternlein der Liebe und des Vertrauens geleuchtet. Sie mit ihrem kalten Gemüt
                    war grenzenlos arm, ehe Tod und Krankheit sie beraubt hatten, arm an Liebe, arm
                    an Freude, arm an Vertrauen und Glauben. Dann mußte sie das einzige, was ihr
                    lieb war, lassen, ihr Kind. Nun sollte ihr auch das einzige, worauf sie stolz
                    war und trotzte, genommen werden, ihre Arbeitstüchtigkeit. Den Wipfel ihres
                    Lebensbaumes hatte der Sturm gebrochen und gestürzt. Was blieb, schien ein
                    entästeter, entblätterter und blütenloser Strunk.</p>
                <p>Hilflos, in unsäglicher Traurigkeit lag sie da. Sooft sie sich zu erheben suchte,
                    sank sie kraftlos auf ihr Lager nieder. Da schwand der letzte Schimmer von Groll
                    in Hansuelis Herzen, und auch Johannes wandte sich mit nassen Augen ab, er
                    konnte dem Jammer nicht zusehen. Keiner sah mehr das häßliche, spitze Gesicht
                    der Lise, vergessen war ihre saure, unfreundliche Art; sie sahen an ihr nur mehr
                    das schmerzenreiche Menschentum und suchten zu trösten und zu helfen. Die
                    kleinste Handreichung, die ihr der Vater tat, war getragen von reiner
                    Herzensgüte und zarter Rücksicht. Keine Stunde verging, <pb n="127"/>in der er
                    nicht feurige Kohlen auf der Lise Haupt sammelte. Voreinst hatte sie diese
                    Vatergüte als Schwachheit und Dummheit verachtet, wie hundert gedankenlose und
                    unerfahrene Menschen im Dünkel ihrer Kraft und Größe tun. Aber nun war sie
                    schwach und klein geworden und konnte sich nicht mehr dagegen wehren und
                    verhärten. Sie nahm, was ihr geschenkt wurde, und es gab Augenblicke, in denen
                    sie sich schämte, daß sie es unverdient annehmen mußte.</p>
                <p>Viele Wochen lag sie nun schon darnieder. Schmerz fühlte sie nicht mehr; aber
                    ihrem Kreuz fehlte die Kraft. Doch brauchte ihr niemand mehr zu wachen, und
                    tagsüber durfte der Großvater den Hausgeschäften nachgehen, ohne sich viel um
                    die Kranke zu kümmern; Lise machte wenig Anspruch auf Zeitvertrieb; ihre einzige
                    Gesellschaft bildete das Kind. Während der langen Krankenzeit hatten sich die
                    beiden mehr und mehr gefunden. Lises Denken und Fühlen war anders geworden,
                    erfreulicher auch ihr Verhältnis zu dem Kinde. Es plauderte mit ihr, spielte an
                    ihrem Bette, kletterte zu ihr hinauf, kämmte ihr die Haare, streichelte ihr die
                    Wangen und reichte ihr, was sie nötig hatte. Auch Blumen brachte es ihr, und
                    Lise hatte zum erstenmal recht Zeit, sie zu betrachten, und empfand vielleicht
                    auch zum erstenmal eine Ahnung von ihrer Schönheit. Solange das Kind da war,
                    vergaß sie ihr Elend, und die Stunden eilten rascher. Fehlte es ihr, so kehrten
                    die schwermütigen Stimmungen wieder, und manchmal so stark, daß die Männer
                    fürchteten, sie verliere den Verstand.</p>
                <p>Eines Tages hörte Hansueli sie beten. Es war ein Aufschreien aus Herzensnot, so
                    heiß verlangend, daß sich ihm die Haare sträubten. Nie in seinem Leben hatte er
                        <pb n="128"/>ähnliches gehört. Was mußte sie durchkämpft und durchlitten
                    haben! Das Wasser schoß ihm in die Augen, und er seufzte: «Tröst' Gott die arme
                    Seele!»</p>
                <p>Nach Monaten zeigte sich eine deutlichere Wendung zum Bessern. Lises Kraft kehrte
                    wieder; aber es ging so langsam wie das Wachsen eines Baumes. Wie ein Kind mußte
                    sie lernen, zuerst das Sitzen. Doch war schon das eine Wohltat für sie. Sie
                    konnte Äpfel rüsten, Kartoffeln schälen oder Suppenbrot einschneiden. Sogar das
                    ehemals verhaßte Nähen und Stricken verkürzte ihr die Zeit. Dann kam das Gehen
                    an die Reihe. Anfangs mußte sie geführt werden, und der erste Guck zum Fenster
                    hinaus wurde ihr zum wichtigen Ereignis. Später eroberte sie die Stube auf
                    Krücken. Auf einem Stuhle sitzend, begann sie den Besen zu ziehen. War eine Ecke
                    gereinigt, so rückte sie weiter und gab nicht nach, bis die ganze Stube gekehrt
                    war. Nach einiger Zeit dehnte sich ihr Reich auch auf die Küche aus, doch
                    vermochte sie noch lange nicht, die schweren Kochgeschirre abzustellen. Das
                    preßte ihr noch manchen schweren Seufzer, manche bittere Selbstanklage aus. Die
                    Station Ungeduld lag noch lange nicht hinter ihr. Es kam vor, daß sie ihre
                    Krücken fortwarf, sich an eine Wand lehnte und zornig weinte. Doch endlich kam
                    die Zeit, wo ihr Hansuelis Hakenstock Stütze genug war. Sie steckte die Krücken
                    ins Feuerloch und kochte sich einen Kaffee damit. Das gab ihr Mut und Kraft, und
                    bald turnierte sie schon wacker aus mit Hühnern, Katzen und dem Mannenvolk. Ihre
                    Rüstigkeit wuchs von Woche zu Woche, und die Schwäche verlor sich bis auf einen
                    ganz geringen Rest. Sie konnte wieder ungehindert Weg und Steg brauchen, nur
                    wenn sie mit dem Mannenvolk wetteifern wollte in <pb n="129"/>schwerer Arbeit,
                    merkte sie, daß es nicht mehr ging. Immerhin konnte sie mit dem Ausgang
                    zufrieden, ja recht zufrieden sein. Zuzeiten war sie es auch wirklich. Die
                    schweren Heimsuchungen hatten die Schattenseiten ihres Charakters gemildert. Sie
                    hatte erfahren, wie schwach und gebrechlich einer werden, wie sehr er die Hilfe
                    der andern benötigen kann, und das ruhige und besonnene Walten ihres
                    Schwiegervaters, seine rücksichtsvolle und gütige Art hatten ihr in den
                    Leidenstagen so wohl getan, daß sie es nie mehr ganz vergessen konnte. Erwachte
                    auch einmal die eifernde Lise wieder und geriet ins Keifen und Schelten, so
                    dachte Johannes deswegen noch lange nicht an Ehescheidung.</p>
                <p>Im nächsten Frühjahr stand Hansueli Reber zum letztenmal in meinem
                    Studierzimmer.</p>
                <p>«Ich möchte mein Amt als Kirchgemeinderat niederlegen», meldete er. «Der weite
                    Weg fängt an, sich mir schwer an die Füße zu hängen. Mein Gehör ist schwach
                    geworden; ich verstehe wenig mehr von der Predigt, darum lasset mich
                    austreten.»</p>
                <p>Ich bat ihn, wenigstens noch die nächste heilige Zeit seines Amtes zu walten,
                    damit in Ruhe ein Nachfolger gewählt werden könne, und er sagte zu.</p>
                <p>Am Ostertage war die Reihe an ihm, den Kelch zu halten. Als ich auf die Kanzel
                    trat, leuchtete mir vom Ehrenplatze aus sein Haar schneeweiß entgegen. Leise
                    Wehmut ergriff mich, als ich bedachte, daß es das letztemal sei. Während des
                    Gemeindegesanges ließ ich meine Blicke über die Köpfe der Andächtigen schweifen,
                    und plötzlich blieben sie haften am Gesicht der – Lise. Die Lise in der Kirche:
                    Es gab mir einen förmlichen Ruck. Und während ich meine Predigt hielt,
                    schimmerte auf <pb n="130"/>dem Grunde meiner Seele der Freudengedanke: Die Lise
                    ist wieder zur Kirche gekommen, und wärmte und verklärte jedes meiner Worte.</p>
                <p>Die Predigt war geschlossen. Wer nicht das Abendmahl genießen wollte, ging. Ich
                    verließ die Kanzel und trat an den Taufstein. Suchend glitten meine Blicke über
                    die Frauenseite. Nirgends erblickte ich die Lise. Das beunruhigte und
                    enttäuschte mich. Der Freudenschimmer in meiner Brust wollte erbleichen. Die
                    heilige Handlung begann. Ich hatte das Brot gebrochen, vom Kelch getrunken. Vor
                    mir stand Hansueli Reber mit freudig-ernstem Gesicht, empfing feierlich den
                    Becher aus meiner Hand und stellte sich mir zur Rechten. Der Zug der Männer
                    reihte sich hintereinander. Betend standen die Frauen auf und schlossen sich an.
                    Nein, Lise war nicht da. Meine schöne Hoffnung zerfloß. Jetzt kam die letzte
                    Reihe heran und plötzlich – das Herz klopfte mir – die Allerletzte in der Reihe
                    war Lise. Bescheiden hatte sie sich hintenangestellt, sie wollte die letzte
                    sein, der Hansueli den Becher reichte. Mit niedergeschlagenen Blicken und
                    gebundenen Schritten trat sie näher. Erst, als ich ihr das Brot reichte, schaute
                    sie auf und maß mich mit einem rätselhaften Blicke. Jetzt trat sie zu den
                    Kelchhaltern und wartete ruhig, bis ihr Hansueli den Becher reichen konnte. Sie
                    zitterten beide, die rauhen, hartgearbeiteten Hände, die gebende und die
                    empfangende. In Lises Augen schimmerte es feucht, und Hansuelis Friedensgesicht
                    strahlte in heiliger Rührung! Versöhnung, o schöner, o unvergeßlicher Tag!</p>
                <p>*</p>
                <pb n="131"/>
                <p>Von der Versöhnung blieb einer ausgeschlossen, und dieser eine war ich. Lise, die
                    in ihrer Krankenzeit meine Besuche hartnäckig abgelehnt hatte, blieb in der
                    Folgezeit ebenso hartnäckig meinen Gottesdiensten fern. Meine Einmischung in
                    ihre Angelegenheiten hatte sie zu tief erbittert, und der Ast am Holzapfelbaum
                    blieb bis ans Ende seiner angestammten Frucht treu. Aber das war zu
                    verschmerzen. Die Hauptsache blieb, daß sie meinem alten Freunde öffentlich die
                    Ehre gegeben und ihre frühern Verdächtigungen durchgestrichen hatte.</p>
                <p>Etwas mehr als zwei Jahre später betteten wir Hansueli Reber ins kühle Grab. Es
                    liegt nicht weit entfernt von dem Lisbeths. Ein Eisenkreuz steht darauf inmitten
                    freundlicher Blumen. Nicht Lises Hände haben sie hergepflanzt. Daß sie sich mit
                    ihrem Schwiegervater bis zum Ende leidlich vertrug, war alles, was man von ihr
                    erwarten konnte. Eine wackere, blonde Handwerkersfrau hält das Grab in Ehren –
                    Hansueli Rebers einstige Pflegetochter ...</p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head><hi>Zwölfischlägels Weihnachtsfeier</hi></head>
                <pb n="132"/>
                <p>Ein stürmischer Christtag neigte sich dem Abend zu. Durch den breiten Talgrund
                    der Emme raste eine grimmige Bise. Heulend pfiff sie um die Ecken der Häuser;
                    unheimlich und eisige Kälte mitbringend, hornte sie durch die Schornsteine
                    hinunter. In Hofstatt und Feld trieb sie mit dem feinen Staubschnee ihr
                    ausgelassenes Spiel. Bald wirbelte sie ihn in toller Lust hochauf und garnierte
                    Baum und Strauch mit weißen Strichen und Streifen, bald fegte sie ihn in breiten
                    Wellen vor sich her, als müsse die letzte Falte der weiten, weißen Fläche
                    ausgefüllt und geglättet sein.</p>
                <p>Mitten durch Sturm und Schneegestöber kämpfte sich ein einsamer Wanderer. Vom
                    Emmengrund herkommend, watete er mühsam durch tiefen Schnee über die
                    Waldhofäcker. Es war ein alter Vagabund und Schnapsbruder, dem man den
                    Spitznamen Zwölfischlägel angehängt hatte, weil er mit seinem gewaltigen Kopfe,
                    seinem unförmlichen Leibe und seinen dünnen Schlotterbeinchen einem
                    Glockenklöppel nicht ganz unähnlich sah. Ihn trieb die bittere Not auf die
                    Bettelfahrt. Sein Magen knurrte; im Schnapsfläschchen war kein Tröpflein mehr,
                    keine armselige Brotrinde in der Tasche, und der Nastuchzipfel, in dem sonst
                    seine Krückenmünzen eingeknotet lagen, war leer. Darum wollte er heute noch die
                    Waldhof-Bauernhäuser zu erreichen suchen. <pb n="133"/>Bei den reichen
                    Waldhofbauern würde sich wohl auch für ihn ein Stücklein Festgebäck und ein
                    Strohnachtlager in einem warmen Stalle finden.</p>
                <p>Diese matte Hoffnung trieb ihn vorwärts durch das tobende Unwetter. Wolken und
                    Schneestaub umwirbelten ihn, und die Windstöße warfen ihn manchmal fast um. Wie
                    ein bissiger Hund schnappte die Bise nach seinen zerlumpten Kleidern. Den
                    schäbigen Wetterhut riß sie ihm vom Kopfe und rollte ihn eine weite Strecke über
                    den Schnee. Fluchend und schimpfend rannte ihm der Alte nach. Aber nicht einmal
                    ausfluchen und schimpfen konnte er ordentlich; der Wind hinterhielt ihm den
                    Atem, und wenn er sich bückte, um den alten Deckel zu erhaschen, hüpfte ihm
                    dieser unter den Händen weg. Endlich erwischte er ihn, setzte ihn auf seine
                    wildflatternden Haarsträhnen und hielt ihn mit der Hand fest. Doch verleidete es
                    ihm bald; die Bise riß ihm fast die Haut von den steifgefrorenen Handgelenken.
                    Da nestelte er sein schmieriges Nastuch hervor, faltete es länglich zusammen,
                    legte es über den Hut und die blauangelaufenen Ohren und knöpfte die Zipfel
                    unter dem Kinn fest. Dann bohrte er die Fäuste tief in die Hosentaschen,
                    buckelte den Nacken krumm in den aufgestülpten Rockkragen und stapfte weiter.
                    Immer wieder flogen ganze Hände voll Schneestaub in sein Gesicht, überzuckerten
                    seine zwetschgenblaue Nase und überpuderten ihm die schwammigen Wangen.
                    Eiszäpflein bildeten sich an seinem zerzausten Schnurrbart, und das Wasser lief
                    ihm aus den schmerzenden Augen. Sein leerer Magen heizte schlecht, und die
                    schadhaften alten Lumpen ließen die eisige Kälte aufs Lebendige dringen.
                    Durchfroren, hungrig und völlig erschöpft erreichte er den Bauernweiler.</p>
                <pb n="134"/>
                <p>Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen, als er vor der Gastwirtschaft
                    «Zum Waldhof» haltmachte. Die Gaststube lag in tiefem Dunkel, denn sie war heute
                    leer.</p>
                <p>Im Bauernhaus, das auf der andern Seite der Straße stand und dem gleichen
                    Besitzer gehörte, drang hingegen schon gedämpfter Lampenschein durch die
                    gefrorenen Fensterscheiben. Dort hinüber zog es den Alten, und er pflanzte sich
                    neben der geschnitzten Kellerlaube an windgeschützter Stelle auf. Seine heiß
                    verlangenden Augen sogen sich an dem milden Lampenschimmer fest. Licht,
                    Stubenwärme, o wer auch drinnen säße! Aber niemand zeigte sich, den man hätte um
                    Einlaß bitten können, und anzuklopfen getraute sich der späte Gast nicht. Er
                    wußte zu gut, wie unwillkommen er überall kam. Unschlüssig blieb er stehen, die
                    Augen immer dem Lichte zugewendet. Endlich öffnete sich die Türe. Ein Duft von
                    frischem Backwerk entströmte der Küche. Begierig sog ihn der Vagabund auf. Dann
                    trat ein Knecht mit einer Laterne in der Hand heraus. Scheu und beklommen bot
                    ihm der Draußenstehende guten Abend. Der Knecht leuchtete ihm ins Gesicht und
                    dankte, fing aber zugleich an zu spötteln: «So, so, bekommen wir auch noch
                    Visite, und so vornehme! Hättest eher kommen sollen! Wir hätten einen Drescher
                    brauchen können. Und die vielen Reiswellen, die hätten gemacht werden sollen!
                    Aber da war kein Zwölfischlägel zu erblicken. An der Weihnacht hingegen ließe
                    man sich schon dorfen. Wär' schon nett, das!» Dann schlurfte er in seinen
                    schweren Holztrögen gleichmütig dem Stalle zu. Der Zwölfischlägel wäre auch
                    gerne mitgegangen, wenn die Rede etwas einladender geklungen hätte.
                    Niedergeschlagen <pb n="135"/>blieb er stehen und schaute wieder in das Licht
                    und hob bald den einen, bald den andern der entsetzlich frierenden Füße.</p>
                <p>Drinnen in der Wohnstube legte die rüstige Bauernwirtin die letzte Hand an den
                    Weihnachtsbaum. Ungeduldig drängten in der Nebenstube die Kinder: «Mutter,
                    Mutter, willst du nicht endlich anzünden?» «Bald, bald», begütigte sie, «nur
                    noch einen Augenblick Geduld! Ach, jetzt habe ich noch meine Schere verlegt!
                    Frida, schnell hole mir die andere drüben in der Gaststube. Das Arbeitskörbchen
                    steht auf dem Ofentritt.»</p>
                <p>Dienstfertig eilte das älteste Mädchen hinaus, brachte die Schere und meldete,
                    der Zwölfischlägel stehe draußen, zitternd und hungernd. Es kannte ihn noch,
                    weil er ihnen früher manchmal Strohbänder gemacht hatte. Die Wirtin war nicht
                    erbaut von dieser Kunde. «So, muß nun der auch noch herzulaufen!» sagte sie
                    ärgerlich. «Fortschicken kann man ihn ja nicht bei dieser Kälte. Führt ihn in
                    die Küche. Die Köchin soll ihm einen Teller Kartoffelsuppe geben oder soviel er
                    mag, und dann kann er in den Stall.»</p>
                <p>Die Kinder eilten mit dieser Botschaft hinaus, und bald saß der Zwölfischlägel
                    hinter der dampfenden Abendsuppe. Aber er schlotterte, daß er kaum den Löffel
                    zum Munde führen konnte, ohne zu verschütten. Seine Hosengestöße waren ihm steif
                    und fest gefroren und standen ihm auf den Schuhen wie einem Trainsoldaten die
                    Lederhosen. Der alte Mann dauerte die guten Kinder. Sie bestürmten die Mutter,
                    ob er nicht auch in die Stube kommen und den Weihnachtsbaum ansehen dürfe. Erst
                    schlug es die Mutter rundweg ab. «Er beschmutzt mir den Stubenboden. Und wenn er
                    Läuse hat? <pb n="136"/>Nein, das schlagt euch aus dem Sinn!» Doch die Kinder
                    wußten Rat. «Wir legen ein großes Stück Packpapier auf den Boden und stellen den
                    Stuhl darauf, dann muß er sich dort stillhalten. Nachher tragen wir die
                    Unterlage auf den Mist und waschen den Stuhl ab. Der arme Mann sagt, er habe
                    noch nie einen Weihnachtsbaum gesehen. Noch nie, nie, nie! Denke doch, Mutter!»
                    «So fragt den Vater; wenn er es erlaubt, will ich nicht dawider sein.» Jetzt
                    ging's auf den Vater los, und sie ließen nicht nach mit Schmeicheln und Bitten,
                    bis er sagte: «Nun, meinetwegen; er ist auch ein armer Teufel und hat nichts
                    Gutes auf der Welt.»</p>
                <p>Jubelnd eilten die Kinder in die Küche. «Hast du's gehört, Alter? Du darfst auch
                    an den Weihnachtsbaum kommen! Vater und Mutter haben es erlaubt, und Mutter
                    zündet bald, bald an! Oh, das wird lustig!» Seltsamerweise sträubte sich der
                    Zwölfischlägel erst eine Weile und sah ganz bedrückt aus. Er wolle lieber in den
                    Stall, er dürfe gewiß nicht in die Stube kommen, er sei wohlzufrieden mit einem
                    warmen Nachtlager. Zuletzt ging er aber doch.</p>
                <p>In der Stube war die ganze Haushaltung versammelt, und der einfach geschmückte
                    Lichterbaum flammte in funkelnder Pracht. Geblendet hielt der Zwölfischlägel die
                    Hand vor die Augen. Die Kinder führten ihn zu seiner Stabelle und schärften ihm
                    ein: «Aber stillsitzen mußt du! Weißt, der Mutter ihren frischgefegten
                    Stubenboden schmutzig machen mit deinen nassen Schuhen und Hosen darfst du
                    nicht.» Er nickte eifrig, nahm verlegen Platz und saß auf seinem Stuhl so
                    ehrerbietig steif, als ob er in der Kirche wäre. Dazu machte er so köstliche
                    Glotzaugen, daß die Kinder an ihm ihre helle <pb n="137"/>Freude hatten und auch
                    die erwachsenen Hausgenossen sich eines Lächelns nicht enthalten konnten. Das
                    liebe, milde Licht und die herrliche Wärme taten ihm unsäglich wohl. Dankbar
                    nickte er den freundlichen Kindern zu, die nicht müde wurden, ihn auf dieses und
                    jenes Schöne besonders aufmerksam zu machen, und schaute vergnügt auf ihr
                    munteres Treiben. Als sie sich sattgesehen hatten und mit hellen Stimmen ein
                    altes Weihnachtslied ertönen ließen, faltete er stillergriffen die Hände.</p>
                <p>Kaum war der letzte Ton verklungen, so pochte jemand an die Türe. Die Kinder
                    sahen einander groß an, und die Mutter lächelte leise und bedeutsam. Über die
                    Schwelle trat der Weihnachtsengel, und feierlich klang in die Stille hinein der
                    alte, heilige Weihnachtsgruß:</p>
                <l>Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden</l>
                <l>Und an den Menschen ein Wohlgefallen. Amen!</l>
                <p>Schneeweiß war das Gewand des Engels, schneeweiß der lange Schleier, der sein
                    Gesicht verhüllte. Flügel hatte er zwar keine; aber die hatte er auch gar nicht
                    nötig. Am Weihnachtstage berühren sich Himmel und Erde, so daß die Engel auf die
                    Erde herniedersteigen können, auch wenn ihnen keine Flügel gewachsen sind. Kaum
                    war der Engel in der Stube, so begab sich etwas Unerwartetes. Liseli, das
                    fünfjährige Kleinste, trat unaufgefordert vor ihn hin. Schlicht faltete es seine
                    Händlein und sagte mit heiligem Ernste sein Verslein her. Dabei schaute es mit
                    seinen klaren, unschuldigen Äuglein dem Weihnachtskinde unverwandt ins Gesicht,
                    so heiligfreudig und ehrfurchtsvoll zutraulich; wäre der liebe Gott selber vor
                    ihm gestanden, die reinen Kinderaugen hätten ihn nicht freudiger, lieber und
                    gläubiger anstrahlen können. Als das Mägdlein mit seinem Verschen zu <pb n="138"/>Ende war, beugte sich das Weihnachtskind ergriffen zu ihm nieder und sprach:
                    «Du herziges Kind! Komm, ich muß dir einen Kuß geben.» Da schlug die Kleine
                    munter und zutraulich ihr Ärmchen um den Hals des Engels und sagte: «Wart', so
                    will ich dir auch einen geben.»</p>
                <p>Unterdessen saß der Zwölfischlägel regungslos auf seiner Stabelle, hielt den Atem
                    an, schaute mit weitgeöffneten Augen zu, und plötzlich erschütterte ein schwerer
                    Atemzug seinen Leib. Zwei Tropfen lösten sich von seinen Wimpern, große, helle,
                    schimmernde. Der liebliche Klang der Kinderstimme, der selige Glanz der
                    Kinderaugen hatten ihm ans Herz gerührt. Ein Hauch aus besserer Welt umwehte
                    ihn; ein schmerzhaft süßes Glücksgefühl durchschauerte und erhob ihn. Wie ein
                    Träumender schaute und hörte er, wie ein Kind nach dem andern aufsagte und sein
                    Geschenklein erhielt, wie sie ihre Liedlein sangen und ermahnt wurden, immer
                    fromm und artig zu sein. Und er da mittendrin, ein Mensch unter Menschen; es war
                    so unerhört neu und seltsam und schön! Keinen Blick konnte er vom
                    Weihnachtsengel abwenden und merkte nicht, daß er den Mund offen vergaß.</p>
                <p>Zuletzt kam der Weihnachtsengel auch zu ihm und bot ihm einen schönen, braunroten
                    Bärenlebkuchen an. Da hielt er in demütiger Verschämtheit die Hände hinter die
                    Stuhllehne und stotterte erschrocken: «Mir nicht, mir nicht! Ich habe es nicht
                    verdient!» Aber der Engel legte ihm das süße Gebäck auf den Schoß und sagte
                    freundlich: «Heute ist uns der Heiland geboren, der alle lieb hatte; darum darf
                    keiner leer ausgehen.» Da drückte der Alte den Bärenlebkuchen mit beiden Händen
                    an sich, und wieder schossen ihm Glückstränen in <pb n="139"/>die Augen. Wie
                    verklärt blickte er der lichten Gestalt nach, als sie zur Türe
                    hinausschritt.</p>
                <p>Nun durften sich die Kinder besser rühren. Jubelnd zeigten sie einander ihre
                    Geschenke und eilten damit zu Vater und Mutter. Auch zum Zwölfischlägel kamen
                    sie, und die Kleine sagte altklug: «Gelt du, das Weihnachtskindlein ist ein
                    Liebes und tut einem nichts zuleide.» Und er nickte fröhlich und dankbar. Dann
                    kam auch Walter und bot dem Alten ein lebkuchenes Mühlenrad an; Frida stopfte
                    ihm Baumnüsse in die Rocktasche, und die Kleine zog ihren Zuckerstengel aus dem
                    klebrigen Göschlein: «Willst du ihn?» Doch der Vagabund schüttelte den Kopf:
                    «Behalt ihn nur!», und da lutschte sie eifrig weiter.</p>
                <p>Derweilen hatten die Eltern insgeheim etwas verhandelt, und die Wirtin ging
                    hinaus. Als sie wiederkam, hatte sie ein Paar alte, aber noch brauchbare Schuhe
                    und frischangestrickte Strümpfe in der Hand: «Wir wollen nicht geiziger sein als
                    unsere Kinder. Vater und ich wollen dir nun auch noch etwas geben. Weil's
                    Weihnacht ist! Du hast die Sachen, weiß Gott, blutnötig.»</p>
                <p>«Aber sie verkaufen und das Geld verschnapsen sollst du nicht», schärfte ihm der
                    Wirt ein. «Ich habe da noch ein paar verschliffene Halbfränklein beiseite
                    gelegt, die mir niemand abnimmt. Die kannst du haben, wenn du sie begehrst, und
                    damit anfangen, was du willst». Der Alte behändigte die kleinen Geschenke und
                    sagte mit zitternder Stimme: «Vergelt's Gott!»</p>
                <p>Eine Weile noch ergötzten sich alle an dem strahlenden Lichterbaum; dann erlosch
                    eine Kerze nach der andern. «Ach, nun ist's wieder für ein Jahr vorbei»,
                    seufzten die Kinder, «nun müssen wir ins Bett!»</p>
                <pb n="140"/>
                <p>Da stand auch der Zwölfischlägel auf, legte ungeheißen sein Feuerzeug auf den
                    Ofen, dankte nochmals und folgte dem Knecht in den Stall. Der Knecht schämte
                    sich nun auch fast ein wenig, daß er den armen Kerl so spöttisch angelassen
                    hatte, und meinte gutmütig: «Stroh mußt du reichlich haben. Und jetzt gib mir
                    dein Schnapsplutzgerlein; ich will es dir füllen; das ist dir doch noch das
                    Liebste. Du sollst nicht etwa meinen, ich sei ein Unhund!»</p>
                <p>Fast mußte der Knecht nun noch anwenden mit Bitten, bis ihm der Alte das
                    Schnapsfläschchen reichen wollte. Wäre nicht der Gedanke an den morgigen Tag und
                    seine Beschwerden in ihm aufgestiegen, der Zwölfischlägel hätte es kaum
                    hergegeben. Wenigstens rührte er am selben Abend keinen Tropfen von dem
                    geschenkten Schnaps an. Als die Kinder und Dienstboten zur Ruhe waren und der
                    Bauer die Türen schloß, hörte er den alten Vagabunden singen. Es mochte wohl ein
                    Lied sein, das ihn noch die Mutter gelehrt hatte.</p>
                <p>Zwei Monate später starb der alte Vagabund im Spital. In seiner Not nahm er unter
                    seinem Kopfkissen einen harten, verkrümmelten Bärenlebkuchen hervor, legte ihn
                    auf die keuchende Brust und faltete betend die Hände darüber. «Den hat mir das
                    Weihnachtskind gegeben; laßt mir ihn», bat er die Wärterin. Da erhielt er ihn
                    mit ins Grab ...</p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head><hi>Christine Brand</hi></head>
                <pb n="141"/>
                <p>Wenn der alte Moosriedschulmeister – Gott hab' ihn selig – in seinen braunroten
                    Plüschpantoffeln auf der Sandsteinterrasse vor seinem Wohnstöcklein hin und her
                    spazierte, von Zeit zu Zeit mit der Rechten das schneeweiße Kinnbärtlein strich
                    oder das schwarzsammetene Imikäpplein zurechtrückte und dazu straßauf und
                    straßab guckte, dann plagte ihn in der Regel der Menschenhunger. Schwerhörigkeit
                    hatte den Alten gezwungen, vom Amte zurückzutreten, obschon er immer noch
                    lebhaften und regsamen Geistes war und am Sinnieren, Räsonieren und Fabulieren
                    große Freude hatte. Nur fehlte ihm jetzt sein altgewohntes Publikum. Den
                    Schülern, die ihm willig und gläubig zugehorcht hatten, erzählte nunmehr ein
                    anderer Geschichten, und seine treue Lebensgefährtin, die ihn von allen am
                    besten verstanden hatte, ruhte auf dem Friedhof. Wohl tauschten die Nachbarn,
                    wenn sie vorbeikamen, gern ein paar freundliche Worte mit ihm; aber wegen seiner
                    Übelhörigkeit war in Wechselrede mühsam mit ihm zu verkehren, und seinen
                    Geschichten zu lauschen, fehlte ihnen meistens die Zeit. So fühlte er sich denn
                    oft recht einsam und empfand einen Besuch als eine Wohltat, besonders wenn der
                    Gast in der Kunst, ausdauernd und stillschweigend zuzuhören, wohlbewandert war.
                    Das Brünnlein seiner Rede, einmal im Fließen, wollte geruhsam plätschern, man
                        <pb n="142"/>durfte es nicht so bald ableiten oder zum Abtropfen zwingen.
                    Übrigens lohnte es sich wohl, ihm zuzuhören. Der Alte hatte viel erfahren und zu
                    mehr als einem Törchen in das große Uhrwerk des Menschenlebens hineingeguckt.
                    Was er erlebt und beobachtet hatte, wußte er nicht ohne Geschick zu schildern,
                    und seine schlichte Erzählkunst kürzte mir manche Stunde. Selten verließ ich
                    ihn, ohne von ihm einen guten Wink oder anregende Gedanken empfangen zu
                    haben.</p>
                <p>Es war an einem trüben, unfreundlichen Stubenhocksonntag, als ich ihn wieder
                    einmal aufsuchte. Ich traf ihn in seinem wohldurchwärmten Stübchen am
                    Schreibpult, wo er in alten Briefen und Papieren herumkramte. Mir schien, er
                    packe seine Erinnerungsschätze etwas unmutig zusammen, und ich fürchtete schon,
                    mein Kommen bedeute für ihn diesmal eine unliebsame Störung. Als ich mich aber
                    mit einer Entschuldigung zurückziehen wollte, bat er mich zu bleiben und räumte
                    seine sieben Sachen in eine Schublade. Dabei fiel ihm ein altes Lichtbildchen zu
                    Boden. Da ihm das Bücken schon etwas sauer wurde, hob ich den Flüchtling auf und
                    gewahrte auf dem abgeblaßten Kärtchen die Halbfigur eines jungen Mädchens.</p>
                <p>«Betrachten erlaubt?» fragte ich.</p>
                <p>«Warum nicht», nickte er und schloß das Pult.</p>
                <p>Ich durfte mir zum Anschauen also gemächlich Zeit gönnen und trat ans
                    Fenster.</p>
                <p>Das verblichene Bildchen wies einen feingeschnittenen Mädchenkopf, der anmutig
                    auf schlankem Halse saß. Über der Stirne scheitelte sich glatt anliegendes Haar,
                    dessen reiche Flechtenkrone mit einem breiten Sammetband festgehalten war. Den
                    landläufigen Begriffen <pb n="143"/>von Frauenhübsche entsprach das Bild nicht
                    völlig, dafür zeichneten die Wangen zu schmal. Aus den Augen aber leuchtete es
                    wie stiller Ernst und schwärmerische Weichheit, und der Mund formte sich in
                    zartestem Liebreiz. Immerhin hätte mir das Bild kaum mehr als ein flüchtiges
                    Wohlgefallen abzugewinnen vermocht, wenn ich nicht plötzlich auf der Rückseite
                    die Aufschrift entdeckt hätte: Dem treuen Freunde. Christine Brand.</p>
                <p>«Gilt die Widmung dir?» konnte ich mich zu fragen nicht enthalten.</p>
                <p>«Was meinst du?»</p>
                <p>«Ob die Aufschrift dir gelte?»Ich redete fortan lauter.</p>
                <p>«Jaso. Natürlich gilt sie mir.»</p>
                <p>«Dann ist diese Christine Brand wohl ein alter Schatz von dir?» neckte ich
                    lächelnd.</p>
                <p>«Schatz? Nein, das nicht. Obwohl es mich, wie ich gestehen will, zu einer Zeit
                    hoch beglückt hätte, wenn sie's gewesen wäre.»</p>
                <p>«Also eine heimliche Liebe», neugierte ich, «ein romantisch-bittersüßer
                    Jugendschwarm?»</p>
                <p>«Beinahe so etwas», gab er lächelnd zu.</p>
                <p>«Das mußt du mir beichten, der heutige Nachmittag ist wie geschaffen dazu!»</p>
                <p>Der Alte wiegte überlegend den Kopf: «Es könnte dir zu lange dauern, und ich
                    kriege wohl kaum mehr alles zusammen, was dazu gehört; mein Gedächtnis fängt
                    doch auch an zu schwachen.»</p>
                <p>Ich lächelte bloß und zwinkerte mit den Augen.</p>
                <p>«Nein, nein, das ist es sicher nicht. Meine Person spielt in der Geschichte nur
                    eine nebensächliche Rolle, und auf das, was du meinst, vermag ich mit ruhigem
                    Lächeln zurückzublicken. Aber ich erwäge, wie schwer <pb n="144"/>es ist, der
                    Menschen innerstes Wesen zu erfassen, ihren Schwächen und Vorzügen gerecht zu
                    werden und ihren Charakter wahr und treu zu schildern. Ihr behenden Jungen reimt
                    euch Charakterzüge und Lebensschicksale der Leute aus ihren Gesichtszügen und
                    andern Äußerlichkeiten zusammen und kennt euch fix und fertig aus im Nu (der
                    Sprecher unterstrich seine Worte mit einem spöttischen Lächeln, damit ich merke,
                    der Seitenhieb gelte mir); wir langsamen, unbehilflichen Alten wären froh, wenn
                    wir verstünden und zu deuten wüßten, was sich vor unsern Augen ereignet. Denn
                    des Menschen Seele ist wie ein tiefer See, der Menschen Gefühls- und Tatenleben
                    wie Wellenspiel und Wogendrang dieses Sees. Ein Sonnenstrahl fällt durch den
                    Wolkenriß: die Wellen wabern und lohen in hellem Brand. Glitzlichter tanzen
                    ihren Funkenreigen; sie wachsen auf blauem Grund wie schneeweiße Blümchen: der
                    See ist plötzlich eine Märchenwiese. Gespenstische Wolkenschatten huschen heran:
                    das frohe Glanzblau erstirbt, und trauriggraues Düster starrt dir entgegen.
                    Wetterstürme brausen, und trübe wallt es auf aus den Tiefen. Wellenkämme
                    schäumen rauschend auf, stürzen ineinander und zerrinnen. Wogen treiben an dir
                    vorüber. Welche die andere verstärkt und weitergetrieben, welche die andere
                    gehemmt und verschlungen hat, du weißt es nicht. Dein Auge ist zu arm, um das
                    große Mit- und Durcheinander zu entwirren und im einzelnen und ganzen zugleich
                    zu erfassen, dein Geist zu schwach, um auch nur das wechselvolle Spiel der
                    Kräfte an der Oberfläche zu begreifen und berechnen. Wer erst vermißt sich, die
                    dunkeln Gewalten und Geheimnisse zu ergründen, die in der Tiefe schlummern? Der
                    klarste Wasserspiegel spottet deiner <pb n="145"/>Bemühungen und äfft dich: je
                    näher du dich zu ihm niederbeugst und je angelegentlicher du hineinspähst, desto
                    deutlicher strahlt er dir dein eigenes Bild entgegen. Manche freilich wähnen,
                    die tiefsten Wunder und Urgründe erforscht zu haben, wenn es ihnen gelungen ist,
                    recht schlüpfrigen und ekligen Schlamm heraufzuholen ...»</p>
                <p>Der weißhaarige Alte schaute lange versunken in tiefes Sinnen wie in ferne
                    Weiten, und ich hütete mich, ihn zu stören. Das Grundwasser seiner Seele war
                    angebohrt und in Wallung; das Brünnlein mußte bald hervorspringen. Ich wartete
                    geduldig und hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile begann er wieder:</p>
                <p>«Was bleibt uns zur Untätigkeit verdammten und überflüssig gewordenen Alten
                    anderes übrig, als unser eigenes Leben und was damit verbunden war, rückschauend
                    noch einmal zu durchwandern und genießen? Fast reizt es mich, dir die Geschichte
                    der Christine doch noch zu erzählen. Nur mußt du vorlieb nehmen mit dem
                    Stückwerk, das ich dir bieten kann, und mir einen gelegentlichen Seitensprung
                    nicht verargen.»</p>
                <p>Ich beruhigte ihn und gab meiner freudigen Erwartung Ausdruck.</p>
                <p>«Vorerst sollst du dich behaglich einrichten; denn das Alter macht geschwätzig,
                    und so bald werde ich nicht zu Ende kommen.» Er wies mir meinen Sitzplatz an auf
                    dem gradlehnigen, altväterischen Ruhbett, holte mir von seinem gutartigen,
                    blonden Holländertabak, der mir so ausgezeichnet mundete, und rückte den
                    Aschenbehälter herbei. «Stopf aber nicht so fest, daß du einen Schusterdaumen
                    bekommst und vorzeitig hohlwangig wirst», scherzte er mit vergnügtem Blinzeln;
                    «das Kraut <pb n="146"/>steht dir zur Verfügung für eine unbeschränkte Zahl von
                    Ladungen!»</p>
                <p>Ich dankte, zündete an und nestelte mich bequem in die Ecke. Er rückte sich ein
                    dünnes Kissen in den leicht erwärmten Ofenwinkel, setzte sich darauf und
                    streckte seine Beine länglings über die Ofenplatte. Ein kurzes Besinnen, dann
                    hub er an zu erzählen:</p>
                <p>«Am letzten Allerheiligentag vor sechsundvierzig Jahren hielt ich drüben in
                    Moosried zum erstenmal Schule. Ich war ein blutjunges Bürschlein, kaum zwanzig
                    Jahre und kam direkt aus dem Seminar. Meine Habseligkeiten versperrten nicht
                    viel Raum in der Welt, und die Moosrieder Bauern brauchten ihre Pferde nicht
                    abzurackern, als sie mich abholten. Bett, Tisch, Stühle, Koffer und Bücherkiste
                    hatten wohl Platz auf einem Brückenwägelein, und Katzenköpfe knallte man keine
                    los, als ich einrückte. Mein erstes war, daß ich mich nach einem Kostort
                    umschaute. Eine reichhaltige Auswahl stand mir dabei nicht zu Gebote. Der Weiler
                    Moosried bestand damals aus vier Bauernhäusern samt Nebengebäuden, einer Käserei
                    und einem Schulhaus. Die übrigen zu meinem Schulkreis gehörenden Häuser lagen
                    mir schon zu fern ab. Ich fragte den Präsidenten der Schulpflege um Rat. Der
                    Mann hieß Andreas Dreyer und wurde von jung und alt Ried-Rees genannt. Er war
                    Besitzer zweier Bauerngehöfte zu Moosried und ein mit Geld wohl untersetzter
                    Filz. Das größere Gut mit dem neuen, stattlichen Hause bewirtschaftete er
                    selbst, das andere hatte er an einen Lehenmann verpachtet. Ried-Rees wollte aber
                    mit mir nichts zu tun haben. Ein Wurf junger Schweine, deren Alte mit Tod
                    abgegangen war, setzte seinen Milch- und Speisevorräten so arg zu, daß <pb n="147"/>er es unmöglich wagen durfte, auch noch einen jungen, hungrigen
                    Schulmeister an die Kost zu nehmen. Die Ehre, mich beköstigen zu dürfen,
                    überließ er uneigennützig seinem Pächter Jakob Brand. Dieser willigte nach
                    einigen Bedenklichkeiten ein. Ich mußte geloben, ich wolle bei der allgemeinen
                    Familienkost vergnügt sein, keine Extraleckerbissen verlangen und insbesondere
                    die gesottenen Kartoffeln nicht verachten. Dann durfte ich mich zu Tische setzen
                    und probieren, ob es mir schmeckte. Wir bildeten eine ansehnliche Tafelrunde.
                    Oben am Tische saß der Hausvater; links und rechts schlossen seine Kinder an,
                    drei Buben und zwei Mädchen, und unten am Tische, zwischen Knecht und Magd, wies
                    man mir meinen Platz an. Die Hausmutter fehlte; die Geburt eines Spätlings hatte
                    sie das Leben gekostet. Mutter und Kind ruhten, wie mir Jakob Brand erzählte,
                    seit fünf Jahren auf dem Friedhof. Das Hausfrauen- und Mutteramt verwaltete die
                    älteste Tochter; Christine hieß sie; ihr Bild hast du soeben betrachtet.
                    Sechzehnjährig hatte sie in der Mutter Fußstapfen treten müssen; liebe
                    Hoffnungen waren ihr mit der Heimgegangenen ins Grab gesunken. Sie wäre so gerne
                    Lehrerin geworden. Der alte Lehrer hatte diesen Wunsch in ihr wachgerufen und
                    genährt; denn sie war sein Liebling. Was er an Büchern besaß, lieh er ihr gerne
                    und versprach ihr kräftige Nachhilfe. Und nun auf einmal zerriß der Tod all die
                    zarten Traumgespinste!</p>
                <p>Das Buch mußte aus der Hand gelegt werden; der Platz des eben der Schule
                    entwachsenen Mädchens war von nun an am Kochherd, am Waschbottich und an der
                    Backmulde. Christine fügte sich willig und lebte sich mit jugendlicher
                    Anpassungsfähigkeit in ihr neues Werk <pb n="148"/>ein. Als ich ins Haus des
                    Brand Jakob kam, war die Einundzwanzigjährige in der Führung der Hausgeschäfte
                    bewanderter und sicherer als manche längst Verheiratete. Im Hause herrschte eine
                    Ordnung und Reinlichkeit, wie sie in damaliger Zeit noch lange nicht überall
                    anzutreffen war. Jede Woche wurde gesamstaget, das heißt der Stubenboden
                    aufgefegt, das Küchengeschirr blank geputzt und das Fensterglas funkellauter
                    gerieben. Christinens Angehörige liefen nicht mit zerfetzten Hemdsärmeln und
                    klaffenden Kleiderwunden umher. Abends nadelte sie bei spärlichem Lichte bis in
                    alle Nacht hinein. Zwilchhandschuhe mußten geflickt sein, Überstrumpfknöpfe
                    angenäht, Ellbogenlöcher gestopft, Hosengesäße gesattelt, und das Strümpfesohlen
                    und Fersenkappen wollte kein Ende nehmen. Und was nur schon das Obstdörren in
                    selbem Winter für eine Aufgabe war! Die Fruchtbäume hatten so reich getragen,
                    daß die Obstbettler, wenn man ihnen die Säcke füllen wollte, anhielten: ‚Nur
                    nicht zuviel, nicht zuviel! Vergelt's Gott, vergelt's Gott!‘ Vom Mosten wußte
                    man noch wenig und besaß auch die notwendigen und zweckmäßigen Geschirre nicht.
                    Der Verkauf von Grünobst beschränkte sich auf das, was in die Dörfer und Städte
                    geliefert werden konnte; über die Grenze ging noch keins. So rüsteten wir denn
                    fast jeden zweiten oder dritten Abend unsern Korb Äpfel oder Birnen, und die
                    Christine mußte dörren und dörren, bis ihr die Schnitze im Traume nachliefen.
                    Manche Frauen, wenn sie von der Arbeit bedrängt sind, werden unliebenswürdig und
                    kriegerisch, geraten ins Jagen und Jasten, ins Schimpfen und Schelten, und wer
                    in ihre Nähe kommt, hat augenblicklich seinen Träf weg. Christine hingegen
                    bewahrte <pb n="149"/>auch in arbeitsreichen Zeiten fast immer ihr freundliches
                    und ruhig-heiteres Wesen. Gewiß war auch sie auf ihre Hausfrauentüchtigkeit
                    nicht wenig stolz. Lobte ein Gast ihr lockeres, braungebackenes Brot, rühmte
                    eine ältere Nachbarsfrau ihre Kochkunst, oder die Wäsche lag wieder einmal weiß
                    und glatt und wohlgeordnet im Schrein, dann strahlte ihr Gesicht von jener
                    freudigen Genugtuung, die der schönste Lohn aller treuen und erfolgreichen
                    Arbeit ist. Daraus leitete sie aber noch lange kein Recht ab, die andern
                    abzukanzeln oder ihre Leistungen zu übersehen und zu mißachten. Mitunter
                    freilich ward auch ihr die verfrühte Mutterrolle schwer genug. Wenn andere
                    Mädchen auf den Markt, an den Spinnet oder Tanzsonntag gingen, schickte sie
                    ihnen lange, sehnsüchtige Blicke nach. Dann erwachte auch in ihr der Drang nach
                    Lebensfreude, der diesem Lebensalter eigen ist. Ihr kam zum Bewußtsein, wie
                    beengend ihre jungfrische Lebenskraft an die nüchterne Pflicht gefesselt war.
                    Das junge Blut rebellierte, das Herz pochte in heißem Verlangen, und die ledigen
                    Jahre wollten ihr in trübem Lichte erscheinen, weil sie so selten an den
                    Lustbarkeiten der andern teilnehmen durfte. Brand Jakob pflegte solche Anfälle
                    nicht wichtig zu nehmen; mochte es unter dem Mieder der Tochter würgen und
                    wogen, wie es wollte, das berührte ihn wenig ...»</p>
                <p>«Doch nun habe ich», unterbrach sich der Erzähler, «gar nicht die richtige
                    Reihenfolge innegehalten. Uns Alten ist freilich die Tüchtigkeit am Menschen die
                    Hauptsache; aber wenn man jung ist, fällt anderes ebenso schwer in die
                    Waagschale. Das erste, was ich an der Christine bemerkte, waren durchaus nicht
                    ihre Hausfrauentugenden, sondern ihre strahlenden Augen, ihr <pb n="150"/>blaßroter Mund, ihre ganze eigenfeine Schönheit. Ich erinnere mich noch
                    deutlich, wie es mich überrieselte, als ich das erstemal am Tische saß und diese
                    sonnenwarmen Augen auf mich gerichtet fühlte. Sie saß auf dem Vorstuhl, mir
                    schräg gegenüber, und ermahnte mich wiederholt mit freundlichem Lächeln zum
                    Zulangen. Der Umstand, daß sie hätte Lehrerin werden mögen, sicherte meiner
                    Person und meinem Beruf von Anfang an ihr Wohlwollen. Ich fühlte mich bald recht
                    heimisch im Hause des Brand Jakob. Christine konnte plaudern und scherzen,
                    steckte voller Einfälle und neckte sich mit mir aufs unbefangenste. Der
                    köstliche Wohllaut ihres leisen Lachens war mir eine Offenbarung seelischer
                    Schönheit, und ihre selbstlose Hingabe für die Ihrigen rührte mich tief. Kurz,
                    ich erblickte nur Vorzüge an ihr und war auf dem besten Wege, mich Hals über
                    Kopf in sie zu verlieben. Sobald ich aber schön tun wollte, wich sie mir mit
                    großer Geschicklichkeit aus und wußte mich stets gutartig ablaufen zu lassen,
                    daß mir der Mut verging. Ihre Überlegenheit, die ich nicht anerkennen wollte und
                    dennoch spüren mußte, machte mich oftmals fuchsig. Mir schien, mit einem
                    Menschen, der bare sechshundert Franken verdiene, sollte man nicht so
                    umspringen. Denn nach meiner Meinung konnte man mit einer solchen Summe Berge
                    versetzen. Meine Kenntnisse schätzte ich ebenfalls nicht gering ein und war
                    nicht wenig stolz auf die Menschenkenntnis und Welterfahrung, die ich mir schon
                    erworben hatte. Großer körperlicher Vorzüge konnte ich mich allerdings nicht
                    rühmen. Ich war ein aufgestengelter Dünnling und noch kein richtiger Mann,
                    sondern nur das aufgesteckte Längenprofil eines solchen, und mit meinem
                    Bartwuchs stand es keineswegs <pb n="151"/>glänzend. Aber immerhin, was nicht
                    war, konnte noch werden, und für Spreu ließ ich mich ungern ansehen ...</p>
                <p>Da erfuhr ich eines Tages von den Jungburschen, Christine habe längst einen
                    Schatz und sei wahrscheinlich bereits heimlich mit ihm versprochen. So etwas
                    hatten mich meine Welterfahrung und Menschenkenntnis nicht ahnen lassen, und
                    darum stürzte mich diese Kunde aus allen Himmeln herunter. Daß auch andere
                    Burschen begehrlich die Hand nach der lieblichen Blume ausstrecken könnten, war
                    mir gar nicht eingefallen. In naiv jugendlicher Selbstsucht hatte ich mir
                    eingebildet, sie sei eigens für mich gewachsen. Nun war ich zu spät gekommen,
                    und das traf mich hart. Ich zog mich zurück und fand plötzlich mein leeres
                    Wohnzimmer heimeliger als Brands belebte Familienstube. Wenn mich Christine
                    einlud, am Abend beim Rüsten zu helfen, schützte ich Arbeit vor und ging heim.
                    So klug war ich doch, daß ich meine schwere Enttäuschung verarbeitete, ohne
                    jemandem davon zu sprechen. Nur meiner alten Geige vertraute ich mein Leid an
                    und entlockte ihr manchen wehlichen Seufzer. Christine gegenüber suchte ich den
                    Unbefangenen zu spielen. Meine Verschlossenheit und Wortkargheit kam ihr aber
                    doch ungewohnt vor, und manchmal ruhten ihre Augen forschend auf mir. Es ist
                    wohl möglich, daß sie ahnte, was in mir vorging. Wenigstens behandelte sie mich
                    mit Nachsicht und gleich bleibender Freundlichkeit. So argwöhnisch ich sie auch
                    beobachtete, nie bemerkte ich ein geringschätziges oder übermütiges Spottlächeln
                    auf ihren Lippen. Andernfalls hätte ich sofort das Haus geräumt, das stand bei
                    mir fest. Solcher Dummheit, die mich am sichersten verraten hätte, wäre ich wohl
                    fähig gewesen.</p>
                <pb n="152"/>
                <p>Großes Verlangen trug ich danach, jenen Burschen kennenzulernen, der sie mir, wie
                    ich mir einredete, vorweggestohlen hatte. Samstag abends ging ich extra zum
                    Barbier, um mir den keimenden Bart locken zu lassen, und mischte mich nachher am
                    Wirtshaustisch unter das junge Volk. Meine Mühe war nicht vergebens. Karl Flück,
                    der älteste Sohn des Gummbauern, Christinens heimlich Verlobter, war auch
                    anwesend. Ich hatte erwartet, einen besonders flotten und stattlichen Burschen
                    zu finden; nun schien es einer zu sein, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen.
                    Warum sich die Christine, dieses lebensvolle, frische Geschöpf, just einen
                    solchen Menschen auserlesen hatte, vermochte ich nicht zu begreifen. Er ragte
                    weder durch Körpergestalt noch Begabung unter den andern irgendwie hervor und
                    stammte aus einer kinderreichen, keineswegs besonders begüterten Familie. Man
                    rühmte ihm nach, daß er ein tüchtiger Schaffer sei, wußte aber auch von
                    jähzornigem, ungehobeltem Wesen Beispiele. Als ich vorsichtig mit gemachter
                    Gleichgültigkeit nachforschte, wie wohl Christine zu diesem Anbeter gekommen
                    sei, hieß es: ‚Nachgelaufen ist er ihr; fast die Füße abgetreten hat er ihr.
                    Auch war sie ihm zu Dank verpflichtet. Als sie einmal abends vom Dorf durch den
                    Riedwald heimkehrte, wurde sie in der Nähe der Gumm von einem Vaganten
                    angefallen und vermochte sich seiner kaum mehr zu erwehren. Da kam Karl Flück
                    dazu, befreite sie, und das mag sie ihm hoch angeschlagen haben. Und zudem, was
                    ist mit dieser Christine denn Besonderes los? Vermögen wird wenig vorhanden sein
                    bei Brands, und wenn fünfe ein Kuchlein teilen, gibt's magere Stücke. An Tänzern
                    hatte es ihr nie gefehlt; aber zum Taufstein begehrte sie keiner <pb n="153"/>zu
                    führen als Karl Flück ...‘ Nun hatte ich doch wenigstens einige Anhaltspunkte.
                    Ich hatte zu wenig bedacht, wie sehr sich die Glut der Liebe in so vielen Fällen
                    nach der Höhe der Katasterschatzung und dem Versteuerbaren richtet, zu wenig
                    überlegt, wie solches auf ein empfindsames Mädchenherz einwirken mußte. An
                    dieser kalten Berechnung der andern gemessen, gewann Karl Flück entschieden.
                    Immerhin mochte ihm Christine mehr aus Dankbarkeit und Gutherzigkeit als aus
                    warmer Zuneigung ihr Jawort geschenkt haben. Liebe, schien mir, sollte ein
                    Mädchen einem solchen Menschen nicht entgegenbringen können. Mir kam er
                    entschieden widrig und abstoßend vor, seine Augen gefielen mir nicht, versteckte
                    Brutalität lauerte darin. Oder waren meine Augen parteiisch? Trübten Eifersucht,
                    Neid und Mißgunst mein Urteil? Ich vermochte nicht ins klare zu kommen. Der
                    ungewohnte Weingenuß regte mich auf, spiegelte mir beängstigende Zukunftsbilder
                    vor, und mein Kopf war von Gedanken schwer, als ich ihn aufs Hauptkissen legte.
                    Wenn er sie roh behandelte, wenn sie unglücklich wurde ... Ach, der Christine
                    hätte ich alles Glück gönnen mögen!</p>
                <p>Am andern Tage dachte ich wieder nüchterner. Sie hatte durch ihre Wahl in meinen
                    Augen ein weniges von ihrem Werte eingebüßt. In Zukunft vermochte ich ihr kecker
                    und selbstbewußter entgegenzutreten. Sogar dazu verstieg ich mich, sie mit ihrem
                    Schatz zu necken; aber meine Neckereien glichen unausgereiften
                    Schattenseitentrauben, sie schmeckten herb und säuerlich. Wenn Christine nicht
                    gewußt hätte, wo der Hase im Kohl lag, jetzt merkte sie es sicher. Meine geheime
                    Wut auf diesen Karl Flück schimmerte zu deutlich durch. An ihm selber <pb n="154"/>hatte ich keine Gelegenheit, sie auszulassen, er ließ sich nie
                    blicken; das Verhältnis wurde vor den Leuten geheimgehalten. Mich nahm sehr
                    wunder, ob er sie im verstohlenen besuchte. Ein paar Abende paßte ich ihm auf,
                    bis mir die Kälte beinahe die Zehen vorn abgefressen hatte. Dann verleidete mir
                    das undankbare Geschäft, ich schlüpfte unter die warme Decke und kümmerte mich
                    nicht weiter darum.</p>
                <p>Nun begab es sich ausgangs jenes Winters, daß der langjährige Moosried-Käser
                    starb. Die Stelle wurde unverzüglich ausgeschrieben, und es meldete sich eine
                    beträchtliche Zahl von Bewerbern. Die Wahl des neuen Käsers gab im Weiler viel
                    zu reden. Die Moosrieder hielten auf ein schönes Mulchen Käse und waren nicht
                    zufrieden, wenn ihre Abrechnung nicht die höchste war im Umkreis. Das war nun in
                    den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr der Fall gewesen. Der Käsherr klagte,
                    die Ware sei zu wenig offen, und ließ Ausschuß liegen. Die Bauern gaben dem
                    Käser schuld, er brenne den Teig zu stark ein und bringe die Käse zu spät in die
                    Heizung. Der Käser schob die Schuld auf mangelhafte Einrichtungen in der Hütte
                    und klagte über schlecht gereinigte Transportgeschirre. So hatte der Tod ein
                    schon ohnehin gestörtes Verhältnis gelöst und die Bauern der unangenehmen
                    Aufgabe enthoben, ihren alten Käser wegzuwählen. Nun wollten sie sich wohl
                    versehen und nur einen ganz tüchtigen anstellen. Abordnungen wurden ausgeschickt
                    nach allen Seiten, um Auskünfte einzuziehen. An der Hüttengemeinde erschien das
                    letzte Bein, während bei meiner Wahl die Schulgemeindeversammlung kaum
                    beschlußfähig gewesen war. Ich wurde mit Bitterkeit inne, wieviel wichtiger
                    ihnen die Wahl eines <pb n="155"/>Käsers galt. Aber eben, dem Käser vertrauen
                    sie die kostbare Milch ihrer Kühe an, geben ihm Werte in die Hand, die in die
                    Zehntausender steigen, und zum Lehrer schicken sie bloß ihre Kinder!</p>
                <p>Der Neugewählte hieß Rudolf Roth und stammte aus einer bestbekannten Käser- und
                    Schwingerfamilie. Sein Vater hatte mit Käsen und Milchkaufen ein beträchtliches
                    Vermögen erworben. Rudolf hatte ihm dabei von Kindsbeinen an geholfen und sich
                    die außerordentlich günstige Gelegenheit zur gründlichen Erlernung des Berufes
                    wohl zunutze gemacht. Trotzdem mußte er auch noch zum Onkel in die Schule, und
                    dieser übernahm es, ihn in die letzten Finessen der Käsebereitung einzuführen.
                    Nach Beendigung der Lehrzeit hatten ihm Vater und Onkel zu einer Stelle
                    verholfen, die er so wohl ausfüllte, daß nur ein Lob darüber zu vernehmen war.
                    Von jener Stelle weg meldete er sich in Moosried und stellte sich persönlich
                    vor. Und fast mehr noch als seine glänzenden Zeugnisse wirkte seine gewinnende
                    Persönlichkeit. Er verstand mit den Leuten in Ernst und Scherz zu reden und
                    besaß die Gabe, sich angenehm und beliebt zu machen. Darum wurde er beinahe
                    einstimmig gewählt, und als die Hüttengemeinde ausging, nickten sich die
                    Moosriedbauern vergnügt zu, rieben die Hände und schmunzelten, als ob ihnen ein
                    unverdientes Glück widerfahren wäre.</p>
                <p>Natürlich schloß auch ich bald einmal mit dem Neuen gute Bekanntschaft. Ich kann
                    nicht sagen, wie froh ich war, an ihm einen geeigneten, fast gleichaltrigen
                    Genossen zu finden. Die Käser sind im allgemeinen ein Stand, auf den das Land
                    stolz sein kann, und gar mancher Landlehrer hält gerne und treu zusammen mit
                    einem <pb n="156"/>intelligenten Käser. Bald war ich in der Freizeit fast mehr
                    in der Käshütte als im Schulhause daheim. Rudolf war ein lustiger Fink, der
                    jedem schnell ein heiteres Gesätzlein zu pfeifen verstand. Nie langweilte man
                    sich bei ihm, und wer ihm bei der Arbeit zusah, mußte gestehen, er sei ein
                    Prachtskerl. Hei, wie spielten seine Armmuskeln, wenn er den Käse auf der Presse
                    kehrte! Wie flogen beim Salzen im Käsespeicher die schweren Laibe hinauf in die
                    obersten Schubfächer! Die anstrengendste Arbeit bewältigte er spielend, Ermüdung
                    schien er nicht zu kennen. Alles an ihm atmete Frische und Spannkraft,
                    Selbstsicherheit und Männlichkeit. Und wie seine Augen in ungebrochenem
                    Jugendfeuer blitzten, so sieghaft froh, so bezwingend! Man mußte ihn gern
                    kriegen; ich selber war eine Zeitlang ganz vernarrt in ihn. Und erst die
                    Weibsleute! Welches Landmädchen möchte nicht gerne Käserin werden oder Sennin,
                    wie man sie damals nannte? Wer darf so aus dem vollen schöpfen wie eine Sennin?
                    Wem fließen Milch und Rahm so reichlich zu einem Nidelkaffee; wer darf so keck
                    in den Käse einhauen, so tief in den Butterhafen langen, so himmlisch unbesorgt
                    kücheln und die Kartoffeln schmalzen, bis sie von selber aus der Pfanne
                    spazieren, wie eine Sennin? Und nun denke man sich als Zugabe und Krone dieses
                    süßen Loses noch einen Mann von der Währung Rudolfs, und man wird begreifen, daß
                    verschiedene Bauerntöchter von nun an selber mit dem Butterkörbchen in die Hütte
                    liefen und daß der Verbrauch von Halbpfundanken merkbar zunahm. Man wird sich
                    auch nicht sehr verwundern, daß die Störennähterin von Moosried plötzlich alle
                    Hände voll zu tun hatte und daß die Sonntagsspaziergänge der ledigen Mädchen
                    auffallend <pb n="157"/>häufig bei der Käserei vorbeiführten. Wer alle Feuerlein
                    anblies und nachher vergnügt den Buckel einzog und lachte, war natürlich Rudolf.
                    Er hatte es faustdick hinter den Ohren und verstand es, die Unwitzigen hinters
                    Licht zu führen, siebenmal für einmal.</p>
                <p>Da die Käserei und das Haus des Brand Jakob nur durch einen Garten voneinander
                    getrennt waren, konnte es nicht ausbleiben, daß Rudolf schon in den ersten Tagen
                    seiner Ankunft mit Brands in freundnachbarlichen Verkehr trat. Als ich ihm
                    mitteilte, Christine sei bereits vergeben, horchte er kurz auf und meinte
                    leichthin: ‚Das ist fast schade. Die Christine ist ein verteufelt nettes
                    Mädchen, einmal nicht so ein rotes, dickbackiges Rundapfelgesicht, sondern etwas
                    Apartes, Rassiges! Na, wenn sie schon einen hat, desto besser; dann darf man
                    doch zu ihnen ruhig unters Dach treten, ohne daß die Leute Anlaß haben, ihre
                    Mäuler aufzureißen, man grütze um Weibervolk!‘</p>
                <p>Am nächsten Sonntagnachmittag saßen wir zusammen bei Brands, nahmen ein
                    Kartenspiel zur Hand und vergnügten uns mit Nußbocken. Brands Walnußbaum hatte
                    reichlich getragen, und zu Anfang des Spiels bekam jedes eine Anzahl Nüsse
                    geschenkt. Um diese wurde nun gespielt. Jedes legte eine beliebige Anzahl vor
                    sich auf den Tisch. Sobald die Einsätze bereit lagen, gab der Bockhalter das
                    Spiel. Jeder Spieler erhielt der Reihe nach seine Karte, die letzte schlug der
                    Spielgeber für sich selbst. Wer eine niedrigere Karte besaß als er, verlor
                    seinen Einsatz. Wer das Glück hatte, eine höhere zu erwischen, gewann vom
                    Spielgeber oder Bock, wie wir ihn kurz nannten, so viel Nüsse, als er gesetzt
                    hatte. Zuerst hielt ich den Bock; aber ein trauriges Pech verfolgte <pb n="158"/>mich. Lauter Siebner und Achter schlug ich und kam so von Sack und Pack, daß
                    ich Anleihen über Anleihen aufnehmen mußte. Christinens Brüder fielen fast unter
                    den Tisch vor Lachen, und auch die andern hatten unbändige Freude an meinem
                    heillosen Mißgeschick. Als ich meine Schulden nicht mehr bezahlen konnte,
                    pfändeten sie mir spaßweise den Hut und hielten darüber eine lustige
                    Geltstagssteigerung ab, wobei der Käser als Weibel amtierte. Zuletzt versorgte
                    mich Christine gutmütig mit neuem Vorrat, und der Bock wanderte weiter zu
                    Rudolf. Ich prophezeite, es werde ihm gehen wie mir; aber meine Prophezeiungen
                    trafen schändlich daneben. Kaum hatte er das Spiel in den Händen, so wendete
                    sich das Blatt. Der Bock, der mich in Schulden gestürzt hatte, machte ihn reich.
                    Ehe eine Viertelstunde um war, hatte Rudolf schon ein halbes Armkörblein voll
                    gewonnen. Er spielte mit so unverschämtem Glück, daß kaum eines mehr einen
                    rechten Einsatz wagen durfte. Darüber geriet er in eine mordsvergnügte Stimmung,
                    riß Witz über Witz und hunzte und hänselte uns, so sehr er konnte. Einzig
                    Christine hielt ihm noch die Stange und versuchte immer wieder ihr Glück,
                    obschon sie die Hauptverliererin war. Einmal sagte sie:</p>
                <p>‚Jetzt probiere ich's mit sieben; sieben ist eine heilige Zahl!‘ Und ihre Augen
                    flammten auf in einem scheuen, süßen Trotze, der ihr wunderlieblich stand.</p>
                <p>‚Und ich gewinne doch‘, lachten seine Augen, und er fing, während er das Spiel
                    mischte, schalkhaft an zu erzählen: ‚Es war einmal ein böser Wolf, der fraß
                    sieben Gitzelein ...‘</p>
                <p>‚Aber zuletzt ging es ihm schlecht‘, fiel sie triumphierend ein; denn sie hatte
                    einen König erhalten.</p>
                <pb n="159"/>
                <p>‚Und ich gewinne doch‘, lachten seine übermütigen Augen. Er kehrte seine Karte,
                    es war das Herzaß. Da strich er langsam die sieben ein und erzählte dazu
                    behaglich: ‚Es war einmal ein böser Wolf, der fraß sieben arme, arme
                    Gitzelein ...‘</p>
                <p>‚Ich setze noch einmal sieben‘, unterbrach sie ihn und bekam vor Eifer ganz rote
                    Wangen.</p>
                <p>‚Und ich gewinne sie‘, glitzerten seine Schelmenaugen. Aber diesmal verlor er.
                    Christine erhielt eine Dame und er bloß einen Neuner. Nun war das Erzählen an
                    ihr, und mit spöttischer Stimme und funkelnden Äuglein fuhr sie fort:</p>
                <p>‚Und als der böse Wolf gestorben war, kehrten die Gitzelein wiederum alle heim in
                    den warmen Stall.‘</p>
                <p>Ruhig zahlte er den Gewinn aus, mischte die Karten aufs neue und erklärte:</p>
                <p>‚Jetzt fange ich an zu hexen. Hokus, pokus, malokus – mokus, pokus, halokus! Nun
                    wollen wir schauen, wer obenauf kommt!‘</p>
                <p>‚Wegen dem Lirumlarum! So setze ich zwölf, grad extra!‘ trotzte sie.</p>
                <p>‚Recht so‘, nickte er, legte jedem mit einem Hokus, Pokus oder Malokus seine
                    Karte hin, kehrte den Kreuzkönig obenauf und lachte übers ganze Gesicht; er
                    hatte sämtliche Einsätze gewonnen. Als er Christinens Häuflein behändigte,
                    seufzte er mit weinerlicher Stimme:</p>
                <p>‚Und die zwölf Söhne Jakobs zogen nach Ägyptenland und wohneten allda bis an ihr
                    seliges Ende.‘ Und der Triumph verjagte ihn fast.</p>
                <p>So ging es noch eine ganze Weile. Je waghalsiger Christine setzte, desto sicherer
                    verlor sie. So hitzig hatte sie noch nie gespielt. Ehe wir uns versahen, war es
                    Zeit, <pb n="160"/>Vieruhrbrot einzunehmen, und Christine bewirtete uns mit
                    Käse, Brot und süßem Branntwein. Mit dem Kaffee ging man damals noch sparsamer
                    um als heute, und Zwischenmahlzeiten gestattete man sich lange nicht in allen
                    Häusern. Wir hatten darum allen Grund, mit unserer Wirtin zufrieden zu sein.
                    Rudolf ließ ihr keine Ruhe, bis sie mit ihm anstieß, und bevor er fortging,
                    schenkte er ihr seine gewonnenen Nüsse bis auf einen ‚Höck‘, den er zum Andenken
                    an den lustigen Nachmittag und das fabelhafte Spielerglück aufbewahren
                    wollte.</p>
                <p>Von da an konnte sie nie mehr neben ihm vorbei, ohne daß er ihr irgend etwas
                    Schnakisches anhängte, und Gelegenheit, sie zu sehen und zu necken, gab es nun
                    fast tagtäglich. Jeder milde Frühlingstag lockte Christine in den Garten. Die
                    Rosenstöcke mußten aus ihrer Winterhaft befreit werden. Beete gab es
                    umzustechen, neu zu formen und anzusäen, Wege zu reinigen, Pflänzlinge zu
                    versetzen, und der Buchshag mußte geschnitten werden. Christine arbeitete mit
                    jener freudigen Geschäftigkeit und Beflissenheit, die allemal die Frauen
                    ergreift, wenn die ersten sonnigen Frühlingstage ins Land ziehen und ihnen
                    erlauben, von ihrem lieben Gartenreich wieder Besitz zu ergreifen.</p>
                <p>Nun war es seltsam: wenn sie so rank und schlank durch den Garten ging, so
                    geschickt mit Spaten und Rechlein hantierte, sich so geschmeidig zu ihrer Arbeit
                    niederbog, dann traf es sich, daß auch Rudolf draußen etwas zu besorgen hatte.
                    Es gab eine Melchter unter die Brunnzube zu stellen. Ein Käsdeckel mußte an die
                    Sonne gerollt werden, damit man mit dieser warmen Unterlage einen Käse, der
                    nicht nach Wunsch Loch machen <pb n="161"/>wollte, mehr treiben konnte. Immer
                    war etwa auch ein Kästuch auszuschwenken und zum Trocknen an die Zeugstange zu
                    hängen. Und wie gut schickte es sich dann, schnell im Vorbeigehen irgendein
                    Neckwort über den Zaun hinüberzuspicken! Was konnte es Hübscheres geben für
                    Rudolf, als nachmittags, wenn sein Verschnaufstündchen angebrochen war, ein
                    wenig an den Gartenhag zu lehnen, zuzuschauen, wie gefällig sich die Beete unter
                    Christinens erdigen Händen formten und ebneten, und ein bißchen mit ihr zu
                    spaßhändeln! Dabei wußte es der Schlaumeier einzurichten, daß seine Aussetzungen
                    wie verkapptes Lob klangen. Die schnurgeraden Gemüsebeetkanten sollten krumm
                    sein, die wohlabgemessenen Weglein ungleich in der Breite. Die Zwiebeln,
                    behauptete er, setze Christine mit dem Wurzelende nach oben, die Rüblein säe sie
                    zu dicht, den Salatsamen zu dünn. An allem hatte er zu mäkeln. Aber Christine
                    verstand sich auf diese Sorte Kritik sehr wohl, lächelte nur leise in sich
                    hinein oder strich sich mit dem Handrücken die widerspenstigen Haare zurück und
                    entgegnete leichthin: ‚Ja, wirklich?‘ oder ‚Es wird nicht so gefährlich sein!‘
                    oder ‚Es kommt nicht darauf an!‘ Es schien ihr aber doch daran gelegen, daß ihr
                    Werk tadellos aussehe. Immer wieder sah sie daran noch etwas zu verbessern und
                    konnte fast nicht fertig werden. Zuletzt kehrte sie alle Weglein mit einem alten
                    Besen und ließ nicht nach, bis Vater Brand mit der großen Schnellbänne in die
                    Gerbe fuhr, um Lohe zu holen, die man sorgfältig zwischen die Beete streute. Nun
                    könne man doch auch im Garten etwas holen, ohne allemal die Schuhe kotig zu
                    machen, frohlockte Christine und ließ ihre Augen befriedigt über ihre Schöpfung
                    gleiten.</p>
                <pb n="162"/>
                <p>Im Garten zu holen gab es nun zwar in der nächsten Zeit noch nicht viel,
                    höchstens einige Kocheten Winterspinat und hin und wieder ein paar Halmspitzchen
                    Schnittlauch für die Suppe. Und doch zog es Christine immer wieder dorthin. Sie
                    mußte doch nachschauen, ob ihre Aussaat auch ebenrecht dicht und gleichmäßig
                    errinne, ob sich nicht etwa ein Rosenstock von der Stütze losgerissen, mußte
                    achtgeben auf Erdflöhe, Schnecken und anderes Ungeziefer. Dabei war es
                    schlechterdings nicht zu vermeiden, daß hin und wieder ein verlorener Blick auf
                    die Käshütte und ihre Bewohner fiel. Ebenso leicht konnte der Zufall wollen, daß
                    nun der Käser gerade notwendigerweise eine Gepse verschwellen oder einen
                    Milchschruf beim Brunnen reinigen mußte. Das ließ sich nun doch nicht wohl
                    abtun, ohne mit der hübschen Nachbarin ein paar Worte zu wechseln; denn wer mag
                    den Vorwurf der Unhöflichkeit und krautsauren Verbissenheit auf sich laden? Auf
                    ein Zaungespräch mehr oder weniger kommt es in der Welt doch nicht an, und wenn
                    einmal ein freundlicher Verkehr angeknüpft ist, läßt er sich nicht so leicht
                    abbrechen.</p>
                <p>Wir andern hatten uns ja auch nicht zu beklagen. Wenn Christinens Brüder nirgends
                    zu finden waren, brauchte man sie nur drüben in der Käserei zu suchen, dort traf
                    man sie sicher, und wenn Rudolf etwas Drolliges erlebt oder erlauscht hatte,
                    ließ es ihm keine Ruhe, bis er es uns erzählen konnte. Manchmal, wenn er bei mir
                    oder bei Brand Jakob auf der Terrasse stand, fügte es sich, daß Christine in der
                    Küche wirtschaftete und seine Worte ebenfalls vernahm. Dann durfte aber Kätheli,
                    die jüngere Schwester, die noch zu mir in die Schule ging, nicht dazwischen
                    klappern; denn es geziemt <pb n="163"/>den Kindern zu schweigen, wenn Erwachsene
                    reden.</p>
                <p>Einen ganz besondern Spaß schien es Rudolf zu verursachen, Christine mit ihrem
                    Schatz zu necken. Trug sie eine nette Schürze oder einen hübschen Flauti, dann
                    war er hinter ihr her: ‚Es ist doch schade, daß das der Karl nicht sieht; du
                    würdest ihm sicher gefallen. Aber tags läßt er sich nie blicken, und nachts sind
                    alle Katzen grau!‘</p>
                <p>Und merkwürdig: Hatte ich die Christine necken wollen, die Münze zum Herausgeben
                    hatte ihr nie gefehlt; neckte er sie, so wurde sie verlegen wie ein
                    Schulmädchen, wußte nicht wo aus und ein oder wurde zornig und eilte weg.
                    Allemal trieb er sie in die Enge, und nicht immer mit den feinsten Wendungen.
                    Ich weiß nicht, woher es kam, aber ich mußte mich darüber ärgern, obschon es
                    mich nicht das geringste anging. Ich konnte es nicht verputzen, daß sie ihm
                    nicht energisch aufs Dach stieg. ‚Reib ihm doch auch einmal Nesseln unter die
                    Nase!‘ riet ich ihr. Aber rat' einer den Weibern! ‚Er meint es wohl nicht so
                    böse‘, entschuldigte sie ihn, ‚und es ist nur dumm von mir, immer so rot zu
                    werden.‘ Und dann horchte sie auf, ob nicht etwa aus der offenen Hüttentür ein
                    Jodler ertöne. Das und manches andere fiel mir nun doch auf. Wenn sie Kartoffeln
                    über die Kellerstiege hinauftrug, riß es ihr Gesicht hüttenwärts. Wusch sie beim
                    Brunnen, so wanderten ihre Augen beständig hinüber. Räumte sie in der Küche auf
                    oder kehrte den Küchenboden, immer blieb die obere Hälfte der Haustüre offen,
                    und ihre Augen glitten, wie unbewußt, suchend hinaus. Redete man sie unvermutet
                    an, so schrak sie zusammen. Einmal sah sie durch das Fensterflügelein <pb n="164"/>zu, wie Rudolf und sein Knecht einen neuen Käse vom Keller in den
                    Speicher trugen, und vergaß darüber ihre Arbeit. Wir waren allein in der Stube.
                    Da fuhr mir heraus:</p>
                <p>‚Wenn ich Karl Flück wäre ...‘ Erschreckt trat sie zurück, schaute mich mit ihren
                    großen, unschuldigen Augen hilflos an, wurde flammend rot und verschwand zur
                    Türe hinaus. Ich aber dachte bei mir selber: ‚Mich nimmt nur wunder, wie das
                    herauskommen soll.‘</p>
                <p>Bald darauf vernahm ich von Rudolfs Hüttenknecht Dinge, die meine Unruhe noch
                    vermehrten. Ich weiß nicht, ob du den alten Brauch kennst, der sich mancherorts
                    bis auf den heutigen Tag erhalten hat. An den Sonntagen liefert ein Bauernhaus
                    nach dem andern dem ledigen Käser, der sich werktags selber beköstigt, ein
                    schmackhaftes Mittagessen, das gewöhnlich aus geräuchertem Fleisch und Gemüse
                    besteht. Nun war die Reihe, das Mittagessen zu liefern, auch an den Brand Jakob
                    gekommen, und Christine hatte Sauerkraut gekocht und für Käser und Hüttenknecht
                    ein leckeres Laffli aus dem Speicher geholt und gesotten. Da Kätheli in der
                    Kinderlehre war und die Buben wie gewöhnlich irgendwo herumschwarbelten, trug
                    sie es selber hin. Rudolf bestürmte sie, sie solle mithalten, und als sie das
                    nicht wollte, bat er, sie solle wenigstens den Tisch decken helfen. ‚Mich
                    schickte er natürlich hinaus‘, erzählte der Knecht, ‚aber ich dachte:
                    Bürschlein, dir komme ich schon über den Stecken hinein! Ich trogelte recht
                    vernehmlich in meinen Holzboden zur Küche hinaus. Draußen jedoch schlüpfte ich
                    blitzschnell aus den weiten Trögen, kehrte barfuß in die Küche zurück und
                    schaute durch das Astloch in der Holzwand, was in der Stube <pb n="165"/>vorgehe. Natürlich hatte er sie schon umhalst und wollte sie küssen. Sie
                    wendete sich heftig weg und sagte ängstlich: Nein, nein, nein! Aber er ließ sie
                    nicht los, sondern zog sie fester an sich: Nur einen, nur einen einzigen! Und
                    dazu schaute er sie an – du weißt, wie er Augen machen kann. Sie sagte noch
                    immer: Nein, nein, nein! wendete sich aber nicht weg. Da hatte er schon, was er
                    wollte. Als sie ein Weilchen nachher herauskam und scheu neben mir vorbeiging,
                    war sie rot bis an die Ohrläppchen. Ich saß auf dem Stiegentritt, schnitt meine
                    Zehennägel ab und hatte nichts gesehen.‘</p>
                <p>‚Nützer ist dir jedenfalls, du habest nichts gesehen und redest zu niemandem
                    davon‘, sagte ich, um den Knecht einzuschüchtern und ein Gerede zu vermeiden;
                    ‚es könnte dich leicht deine gute Stelle kosten!‘</p>
                <p>‚Ist gar nicht nötig, mir das zu verbieten‘, erwiderte er; ‚ich tät's der
                    Christine nicht zuleide, sie hat mir nie etwas in den Weg gelegt. Dir durfte ich
                    es schon sagen, du hassest sie ja auch nicht!‘ Und dazu lachte er verschmitzt,
                    der unangenehme Mensch!</p>
                <p>Einen Augenblick erwog ich, ob mich der Bursche nicht vielleicht angelogen haben
                    könnte. Doch hielten meine Zweifel nicht lange stand; der Bericht trug zu sehr
                    den Stempel der Wahrheit. Das glich Rudolfen.</p>
                <p>In jenen Tagen herrschte mich Christine einmal barsch an: ‚Was siehest du mich
                    immer so an! Du verleidest mir!‘</p>
                <p>‚Ich kann ja gehen, wenn ich dir am Weg bin!‘ gab ich nicht ohne Schärfe zurück.
                    Doch war sie bald wieder freundlich. Ich zog aber doch vor, die Abendstunden in
                    meiner Wohnung zu verleben oder einen Abendspaziergang zu machen.</p>
                <pb n="166"/>
                <p>Es war gegen Mitte Mai zur Zeit der letzten Baumblüte. Der Vollmond ließ sein
                    mildes Licht über Busch und Baum und Feld und Wald niederrieseln. Wie Silber
                    schimmerte es auf den Straßen und tief niederhängenden Schindeldächern.
                    Blütenduft strömte durch mein offenes Fenster. Da hielt ich es nicht länger
                    drinnen aus; die wunderbare Mondnacht lockte mich ins Freie. Ein Fußweg, der
                    sich durch die Matten schlängelte, leitete mich hinaus an den leise rauschenden
                    Moosbach. Ich zog ihm nach, und mit mir wanderte als treuer Begleiter der
                    wonnige alte Kerl, der Mond. Ein paarmal verschwand er für Augenblicke hinter
                    dem dichten Ufergebüsch; doch schon nach zwei, drei Schritten lachte er mir aus
                    dem Wasserspiegel wieder fröhlich entgegen: ‚Da bin ich auch schon; ich mußte
                    nur schnell unter den Stauden durchschlüpfen!‘ Auf Schritt und Tritt paßte er
                    sich mir an als ein willfähriger Kamerad. Lief ich schnell, so pressierte es
                    auch ihm, schlenderte ich gemütlich, so schien er zu winken: ‚Nur gemach, wollen
                    uns Zeit lassen!‘ Fein war's! Aber auf einmal fiel mir ein, wieviel feiner es
                    noch wäre, wenn ein anderes liebes Gesicht so treulich neben mir wanderte, mir
                    auf Schritt und Tritt so hold entgegenleuchtete. Eine wehmütig sehnsüchtige
                    Stimmung bemächtigte sich meiner. Ich wendete meinem Wanderkameraden schnöde den
                    Rücken; unwillkürlich setzten sich meine Füße in Bewegung heimzu. Ehe ich mich
                    dessen versah, stand ich zu Hause in Brand Jakobs Hofstatt, lehnte mich an einen
                    mächtigen Baumstamm und schickte meine Blicke hinüber zu Christinens
                    Kammerfenster.</p>
                <p>Die Moosrieder Bauernhäuser hatten ihre Lichteraugen längst geschlossen.
                    Friedlich träumten die Gärten, <pb n="167"/>und ich träumte mit ihnen, lange,
                    lange. Es war schwül. In den weißleuchtenden Blütenwipfeln erhob sich ein
                    stilles Wehen. Warme Luftwellen säuselten um mein Antlitz. Durch die Baumkronen
                    strich der Föhn, der gefürchtete Blütenverderber. Während die ahnungslosen
                    Menschen schliefen, schlich er heimlich einher und begann sein Zerstörungswerk.
                    Unter seinem sengenden Atem welken die zarten Blütenblätter, kräuseln sich
                    langsam zusammen und verwandeln sich in mißfarbene Zeltchen, die schlimmen
                    Schädlingen zum bequemen Schlupfwinkel dienen. Ein paar Tage bloß, und der
                    hoffnungsreichste Fruchtansatz ist durch Wurmfraß gefährdet. Mir tat es leid um
                    die herrlichen Blüten. So lange hatten sich die Knospen gesehnt nach Licht und
                    Sonnenwärme, so verheißungsvoll sich gerüstet zum fröhlichen Aufbrechen, und
                    kaum hatte sie die Sonne zu jubelndem Leben erweckt, fuhr der sengende Hauch
                    darüber!</p>
                <p>Langsam löste ich mich vom Stamme des Baumes und wollte mein Lager aufsuchen. Da
                    öffnete sich leise und sacht die Käshüttentüre. Ein Mann trat auf den Zehen
                    heraus, schlüpfte draußen in die Lederpantoffeln und schlich durch die Hofstatt
                    dem Hause des Brand Jakob zu. Ich drückte mich hinter den Baum und atmete
                    kaum.</p>
                <p>Der Bursche, es war natürlich Rudolf, schickte einen forschenden Blick umher,
                    ohne etwas Verdächtiges zu gewahren, und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los.
                    Unter Christinens Fenster, das zu ebener Erde lag, machte er halt. Ein leises
                    Klopfen mit dem gekrümmten Finger, ein Warten, ein Flüstern durchs Flügelein,
                    und das Fenster öffnete sich. Gewandt schwang sich Rudolf auf die Fensterbank;
                    ein Vorhangzipfel wehte leise, und behutsam schlossen sich die
                    Fensterflügel.</p>
                <pb n="168"/>
                <p>Mir wirbelte das Hirn. Weiß der Himmel, was mir alles durch den Kopf schoß.
                    Hingehen und mit den Fäusten zornig am Fenster trommeln? Wegsteine holen und die
                    Scheiben einschmeißen? Und nachher? Sich auslachen lassen: Seht den lüsternen
                    Schulmeister, wie er sich geärgert hat, weil ihm das Fenster verschlossen blieb!
                    Und zudem: Das erstemal mochte das Fenster doch wohl nicht so rasch aufgegangen
                    sein; Warnung kam zu spät. Und schließlich: Was gingen anderer Leute
                    Liebesgeschichten mich an?</p>
                <p>Und doch wurmte und würgte es mich elendiglich. Im Nachhausetrotten sagte ich zu
                    mir: ‚Blöder Tor, siehst du nun! So muß man es anfangen bei den Weibsleuten!
                    Ohne Federlesens zutappen mit allen fünfen! Das gefällt ihnen; so wollen sie es
                    gerne!‘ Meine Lippen verzerrten sich; ich konnte mir nicht genug tun in Zorn,
                    Scham und Verachtung. Dieser Rudolf! Diese Christine! Daß er so handeln konnte,
                    war am Ende noch zu begreifen; aber für sie gab es keine Entschuldigung, nein,
                    gar keine!</p>
                <p>Trotz meiner Empörung schlief ich gut und bis in den lichten Morgen hinein. Erst
                    unmittelbar vor dem Erwachen irrlichterte mir etwas von der Geschichte durch
                    mein Gehirn. Ich stand vor Christine und erblickte ein rotes Schandmal auf ihrer
                    Stirn. Eben wollte ich sie anreden und ihr Vorwürfe machen, da wieherte unter
                    meinem Fenster ein vorüberfahrendes Pferd, und ich erwachte.</p>
                <p>Am hellen Tage schaute ich das nächtliche Abenteuer bedeutend kühler an. Mich
                    betraf's ja nicht: mochten die zwei dann selber tragen, was sie sich auf
                    bürdeten. Allerdings, gegen Christine konnte ich nicht mehr sein wie <pb n="169"/>vorher. Höflich und artig wollte ich sie in Zukunft behandeln, aber frostig
                    und kalt. Sie sollte innewerden, daß sie meine Achtung verloren hatte!</p>
                <p>Doch wie erging es mir? Als ich zum Essen kam, grüßte sie mich so zutraulich und
                    unbefangen wie nur jemals. Wer dem andern nicht frei und offen ins Auge schauen
                    durfte, war ich. Nur wenn sie zur Seite blickte, wagte ich verstohlen, ihr
                    Antlitz zu mustern; eine eigentümliche Neugierde trieb mich dazu. Was stand in
                    den Augen der schönen Sünderin geschrieben? Trug sie das Brandmal ihrer Schande
                    auf der Stirn? O ich Einfältiger! Wie sie vor mir stand, erschien sie mir
                    lieblicher und begehrenswerter denn je. Konnte dieses blütenzarte Antlitz so
                    viel Duft der unberührten Mädchenhaftigkeit nur vortäuschen? Nein, diese
                    strahlenden Augen wußten von keiner Schuld; nein, hinter dieser klaren Stirn
                    konnte nichts Unreines wohnen! Zwiespalt erhub sich in mir; ich wußte nicht
                    mehr, was ich von ihr denken sollte. Hatte mich ein nächtlicher Spuk genarrt,
                    oder log ihre Unschuldsmiene? Tagelang beschäftigte mich diese Frage. Existierte
                    ein Versprochensein mit Karl Flück am Ende nur im Gewäsch neuigkeitensüchtiger
                    Leute? Nein, diesen Gedanken mußte ich sofort wieder fallen lassen. Ihr ganzes
                    Benehmen, wenn sie geneckt wurde, sprach dagegen. Aber halt – konnte ein
                    Verhältnis, wenn es wirklich bestanden hatte, nicht erkaltet und in aller Stille
                    wieder gelöst worden sein? Gelöst worden sein, vielleicht erst in den letzten
                    Tagen? Gewiß, so konnte es sich verhalten.</p>
                <p>Ich atmete wie befreit auf. Wenn nur der unvertilgbare Makel der Falschheit und
                    Untreue von ihr abfiel! Daß sie als Kind des Volkes altem, wenn auch nicht
                    löblichem <pb n="170"/>Landesbrauch folgte und ihrem Einziggeliebten das Fenster
                    öffnete, erniedrigte sie in meinen Augen nicht. Hatten nicht meine eigenen
                    Blicke verlangend auf ihrem Fenster geweilt? Stand es mir also an, den
                    Sittenrichter zu spielen? Bitter genug fiel es mir zwar und wurmte mich
                    unaufhörlich, daß Rudolf und nicht ich ihre Liebe erobert hatte. Aber was ließ
                    sich dagegen tun? Wer will der Liebe ihre Bahn vorschreiben? Wie eine
                    unabwendbare Naturgewalt war sie über Christine hereingebrochen; jede neue Woche
                    brachte mir neue Bestätigung. Wenn Rudolf, den ich sonst zu meiden angefangen
                    hatte, und ich Brands beim Heuen aushalfen, dankte mir Christine mit
                    anerkennenden Worten; aber wieviel süßern Dank spendeten ihre Augen ihm! So sehr
                    sie sich mühte, sie konnte es nimmermehr verbergen, wie gut sie ihm war. In
                    seine Nähe riß es sie, seinen Worten lauschte sie, ihm galt ihre Sorge bei der
                    Mahlzeit; wir andern zählten nur halb. Nicht nur mir fiel es auf, auch die
                    Dienstboten und Brand Jakob maßen sie oft mit erstaunten und forschenden
                    Blicken.</p>
                <p>Da kam der Tag des Heuerntefestes. Am Sonntagnachmittag saßen wir bei Fleisch und
                    Wein; Küchlitürme und Gemüseplatten bedeckten den Tisch. Brand Jakob war guter
                    Dinge. Viel und gutes Futter war eingebracht worden; kein Unfall hatte das Werk
                    aufgehalten. Der gezuckerte Rotwein machte ihn redselig. Frühere Ernten wurden
                    besprochen; das Gespräch lief vom Hundertsten ins Tausendste. Rudolf neckte sich
                    mit den Buben; Christine ging auf in Hausfrauengeschäftigkeit und ermunterte uns
                    fleißig zum Zugreifen. Eben wollte ich mit ihr anstoßen. Plötzlich erbleichte
                    sie. Das Glas in ihrer Hand neigte sich, der Wein floß aufs Tischtuch. <pb n="171"/>Sie zitterte und ließ kraftlos ihre Arme sinken. Ihr Blick irrte an
                    mir vorbei durchs Fenster. Dem Hause zu schritt Karl Flück. Entschlossen
                    steuerte er auf die Haustüre los und klopfte. Christine stand wie angewurzelt
                    und stützte sich schwer auf den Tischrand. ‚Geh doch hinaus und frag, was er
                    wolle!‘ sagte der Vater.</p>
                <p>‚Kätheli soll gehen‘, lehnte Christine tonlos ab, ‚ich muß ...‘</p>
                <p>‚So geh!‘ beschied der Vater, und das Kind lief und kam wieder. ‚Vater solle
                    herauskommen; er fragt etwas wegen einem Rind, das wir verkaufen wollen.‘</p>
                <p>‚Was, Rind verkaufen? Wir haben doch kein Rind zu verkaufen!‘</p>
                <p>‚Geh doch, Vater!‘ drängte Christine.</p>
                <p>Brand Jakob schaute erst verwundert von einem zum andern, dann stand er auf und
                    ging. Karl setzte sich gemütlich aufs Kellerläublein und erklärte des langen und
                    breiten, was ihn hergeführt habe. Brand Jakob hörte zu, machte
                    Zwischenbemerkungen und kratzte sich verlegen in den Haaren. Er merkte wohl, daß
                    Karl darauf wartete, in die Stube geheißen zu werden. Irgendwie hatte er aber
                    ein unbestimmtes Gefühl, daß Karls Kommen Christine unangenehm sei, und nun
                    wußte er sich nicht zu helfen. In der Hoffnung, der Besuch entferne sich
                    endlich, zögerte und zögerte er, bis Karl fragte, ob es nicht erlaubt wäre,
                    Christine zu grüßen. Das konnte ihm Brand Jakob nicht wohl abschlagen, und so
                    traten die beiden in die Stube.</p>
                <p>Christine stand bleich und verstört neben dem Ofentritt und rieb mit einem weißen
                    Handtüchlein mechanisch an einer Gabel. Karl faßte sie sofort ins Auge, schritt
                    zu ihr hin und bot ihr die Hand:</p>
                <pb n="172"/>
                <p>‚Grüß' Gott, grüß' Gott! Da treffe ich's einmal gut! Ich bin auch gern dabei,
                    wo's lustig geht!‘</p>
                <p>Wie im Scherz hielt er ihre Hand fest, die sie ihm entziehen wollte, und
                    verdeckte mit einem Lächeln, das einem heimlichen Knirschen verzweifelt ähnlich
                    sah, daß er ihr Gewalt antat. Christine brachte kein Wort heraus, und ihre
                    Blicke wichen zur Seite. Finger um Finger mußte sie aus seiner Faust lösen; ihr
                    Gesicht rötete sich, und Empörung sprühte aus ihren Augen. Sie mochte wohl
                    spüren, daß er sie am liebsten bei den Armen ergriffen und geschüttelt oder
                    geschlagen hätte. Trotzdem bezwang sie sich, wies ihm einen Platz an und
                    bewirtete ihn, wie man einen geschätzten Gast bewirtet. Karl aß und trank und
                    erzählte auch hier wieder, was ihn hergeführt habe. Es sei ihm leid, wenn er
                    ungelegen komme. Aber wenn man einen guten Kauf machen wolle, dürfe man nicht zu
                    Hause hinter dem Ofen sitzen bleiben. Man müsse wohl darauf achten, wie Kauf und
                    Lauf gehe. Ein anderer komme einem sonst zuvor und man habe das Nachsehen. Und
                    er sei nicht einer, der sich die Sache vor der Nase wegschnappen lasse. So
                    schloß er mit einem heisern, gezwungenen Lachen und schaute Christine vielsagend
                    an. Sie mußte mit ihm anstoßen. ‚Aber in die Augen schauen, sonst gilt's nicht!‘
                    kommandierte er, und als das Glas in ihrer Hand leise zitterte und ihre Augen
                    seinen Blick nicht auszuhalten vermochten, verschärfte sich das höhnische Zucken
                    um seine Mundwinkel. Dann wandte er sich wieder an den Vater und tat, als wäre
                    er hier zu Hause. Wir andern waren für ihn nicht vorhanden.</p>
                <p>Das war eine Luft im Zimmer – topp, wie vor einem schweren Gewitter! Hier der
                    unheimliche Bursche, dem <pb n="173"/>die schwarzen Haarbüschel die niedere
                    Stirn fast bedeckten, und unter diesen Haarbüscheln zwei Augen, in denen mühsam
                    niedergehaltener Zorn und Schmerz glühte. Dort Rudolf mit zusammengezogenen
                    Brauen und aufeinandergebissenen Zähnen verächtlich lächelnd. Zwischendrin
                    Christine, deren Herzklopfen man zu hören vermeinte – nein, das hielt ich nimmer
                    länger aus; ich stand auf, murmelte irgendeine Entschuldigung und ging hinaus.
                    Das war auch für die andern das Zeichen zur Auflösung der ungemütlichen
                    Tischgesellschaft. Die Spannung entlud sich ohne den gefürchteten Donnerschlag.
                    Rudolf schritt der Hütte zu, um den Käse zu kehren, und kam nicht wieder.
                    Christinens Brüder ließen mir keine Ruhe, bis ich mit ihnen ein Stöckelspiel
                    machte, dem Brand Jakob durchs offene Fenster zusah. Christine war verschwunden,
                    wahrscheinlich hatte sie sich in der Kammer eingeriegelt. Karl klebte immer noch
                    und klebte, obschon ihm der Vater nur mit halbem Ohr zuhörte. Endlich stand auch
                    er auf und mußte abziehen, ohne Christine gesehen und ihr gedankt zu haben,
                    obschon ihm gewaltig viel an diesem Danken und Lebewohlsagen gelegen schien.</p>
                <p>Was am selben Abend noch geschah, habe ich schon tags darauf vernommen. Karl
                    kehrte wieder, um Christinen zu fenstern. Er fand das Fenster geschlossen und
                    niemanden, der ihn einlassen wollte. So ließ er sich jedoch nicht abspeisen;
                    denn er hatte getrunken und war aufs höchste aufgeregt. In der Wut schlug er mit
                    der Faust ein Fensterkreuz ein und drang ins Zimmer. Er fand es leer. Christine
                    hatte vorausgeahnt, daß er kommen und Einlaß begehren werde. Um ihm nicht Rede
                    und Antwort stehen zu müssen, hatte sie sich zu ihrer <pb n="174"/>Schwester ins
                    Gaden hinauf geflüchtet und ihre Kammer von außen verschlossen. Ihr Bett fand er
                    unberührt, die Türe vermochte er nicht zu öffnen. Ihm blieb nichts übrig, als
                    wieder zu gehen. Fluchend und schimpfend entfernte er sich und warf, bevor er
                    heimging, in der Käserei ein paar Scheiben ein. Rudolf und der Hüttenknecht
                    eilten heraus, um ihn zu verprügeln. Es gelang ihm aber, ihnen zu
                    entwischen.</p>
                <p>Am andern Morgen nahm Brand Jakob seine Tochter ins Gebet. Sie gestand ihm, es
                    sei ihr unmöglich, den Karl Flück zu heiraten, sie gehöre längst einem
                    andern.</p>
                <p>‚Meitli‘, fuhr der Vater auf, ‚mach nicht, daß du zwischen Stuhl und Bank fällst!
                    Sieh dich vor, was du beginnst!‘</p>
                <p>Als er aber hörte, es sei Rudolf recht, das Aufgebot zu bestellen, je eher, je
                    lieber, schlug bei ihm der Wind um. Der wohlhabende Freier, der seiner Tochter
                    eine gesicherte Existenz bieten konnte, war ihm lieber. Brand Jakob hatte so
                    lange und mühsam um den Batzen gerungen, wie sollte er den Franken nicht
                    schätzen?</p>
                <p>‚Die Christine ist ein kluges und praktisches Mädchen‘, rühmte er mir; ‚sie weiß
                    ihren Vorteil wahrzunehmen. Halt, wenn man auf dem Pferd reiten kann, setzt man
                    sich nicht auf den Esel. Der Karl Flück hat mir sowieso nie recht eingeleuchtet.
                    Ist ein unholder Bursch; es nimmt mich nur wunder, daß sich die Christine einmal
                    mit ihm eingelassen hat. Nun hat sie ihn abgeschüsselt, was mir nur recht sein
                    kann. Verbrüllen und vermaledeien wird er sie nun zwar; denn er war wie
                    versessen auf sie und ließ ihr keine Ruhe. Aber an solchen Sachen stirbt man
                    nicht; eine solche Wortschweize ist noch bald einmal eingetrocknet und hat bald
                    verstunken.‘</p>
                <pb n="175"/>
                <p>‚Ja, hat ihm denn Christine nicht längst sein Wort zurückgegeben?‘</p>
                <p>‚Wie es scheint, hat sie schon seit langem daran herumstudiert und manchen Brief
                    angefangen und wieder zerrissen. Und mündlich durfte sie es ihm erst nicht
                    ausrichten, wenn er einmal kam. Ob er sie dauert oder ob sie ihn fürchtet, ich
                    kann's nicht sagen. Offenbar ist ihm dann von anderer Seite etwas ins Ohr
                    geblasen worden, und jetzt wird er wohl wissen, woran er ist. Christine hat ihm
                    geschrieben, einen langen, dicken Brief. Das beste wird sein, nun sobald als
                    möglich zu hochzeiten; das beißt verschiedenem den Faden ab.‘</p>
                <p>In der folgenden Zeit geschah es, daß Christine mich manchmal forschend
                    betrachtete und mich einmal fragte: ‚Warum gehst du immer gleich nach dem Essen
                    wieder weg? Sind wir dir nicht mehr gut genug?‘ Ich zuckte die Achseln,
                    behauptete, ich hätte nicht immer Zeit zu langen Unterhaltungen, und nahm die
                    Türe in die Hand. Sie hatte viel von ihrer Frische verloren, die Christine;
                    manchmal schaute sie recht bekümmert drein und gar nicht wie eine glückliche
                    Braut. Unerwartete Geräusche erschreckten sie, daß sie zusammenfuhr; um geringer
                    Ursachen willen brach sie in Tränen aus. Sie sah aus wie eine Blüte, die der
                    heiße Föhn angesengt hat ...</p>
                <p>An einem der nächsten Sonntage fand die Eheverkündung von der Kanzel herunter
                    statt. Karl Flück saß, wie die Leute nachher erzählten, neben der Orgel auf der
                    Vorlaube. Als der Pfarrer seinen Spruch getan hatte, stieg er bleichen Gesichtes
                    und mit brennenden Augen die Vorlaubentreppe hinab und schlug, ohne nach links
                    oder rechts zu blicken, den Nachhauseweg ein. Das gab <pb n="176"/>zu reden. Die
                    Leute brandmarkten Christinens Schlechtigkeit mit höchster Entrüstung. Manches
                    Neidfeuerlein trieb jetzt seinen Qualm zur Rauchküche hinaus. Aus Brand Jakobs
                    Hause war niemand zur Kirche gegangen. Man ließ das Wetter rauschen und blieb
                    unter Dach.</p>
                <p>Am andern Morgen früh stand Christine beim Brunnen und wusch irgendein Geschirr.
                    Der Vater war im Stalle mit Melken beschäftigt; die andern besorgten auf dem
                    Felde das Eingrasen. Plötzlich stand Karl Flück neben ihr. Wo er gewesen,
                    verriet sein Rock, an dem Tannennadeln und weiße Harzflecken klebten. Als
                    Christine in sein Gesicht schaute, stieß sie einen Angstschrei aus. Karl sah aus
                    wie ein Halbverrückter; das schwarze Haar hing ihm in zerzausten Büscheln wild
                    um die Stirn, und die weit aufgerissenen Augenlider ließen das Weiße unheimlich
                    hervortreten. Abwehrend streckte sie ihm ihre Hand entgegen und wollte in die
                    Küche fliehen. Doch er packte sie rauh am Arm und hielt sie fest.</p>
                <p>‚Jetzt wartest du noch einen Augenblick!‘ Seine Stimme fuhr mühsam und kreischend
                    wie eine eingeklemmte Säge durch die Stimmritze. ‚Wissen mußt du doch noch, was
                    ich diese Nacht durchgemacht habe ...‘</p>
                <p>‚Es tut mir leid um dich; ich wollte dir nicht weh tun. Ich habe dir
                    doch ...‘</p>
                <p>‚Warum hast du mich denn so schändlich hintergangen, mir gegenüber stets die
                    Strenge, Sittsame gespielt und dich hinter meinem Rücken aufgeführt wie ein
                    Schachenmensch! Du elendes, miserables Geschöpf, fälscher als
                    Galgenholz ...‘</p>
                <p>‚Laß mich los, oder ich schreie!‘ Sie riß an ihrem Arm; er hielt wie ein
                    Schraubstock zusammen.</p>
                <pb n="177"/>
                <p>‚Schrei doch! Es wissen ja alle, wie du mich zum Narren gehalten hast! Aber
                    weißt, Christine, es soll dir vergolten werden. Wenn das wahr wird, was ich dir
                    heute nacht angewünscht habe, dann erlebst du nicht manche glückliche Stunde
                    mehr. Es gibt noch eine Vergeltung, verlaß dich drauf! Und wenn dich das Unglück
                    geschlagen hat, selbiges Mal will ich dann lachen ... lachen ...‘</p>
                <p>‚Was ist da los?‘ fuhr Brand Jakob dazwischen und trat mit der Mistgabel in der
                    Hand aus der Stalltüre. ‚Was hast du hier zu suchen? Was stößest du solch
                    verwegene Frevelworte aus! Mich hast nie gefragt um die Christine, und ich
                    hätt's nie zugegeben! Und darauf kommt's an ...‘</p>
                <p>‚Aber gewußt hast's und nicht darwidergeredet!‘ keuchte Karl und spuckte
                    verächtlich gegen Brand Jakob aus.</p>
                <p>‚Jetzt laß sie los und mach, daß du fortkommst, oder ich steck' dir die Mistgabel
                    in den Ranzen, du Unflat!‘ schrie dieser ergrimmt.</p>
                <p>Da loderte es in Karls Augen grell auf. ‚Das ist mein Dank und Glückwunsch‘,
                    hohnlachte er, spuckte Christinen ins totenblasse Gesicht, schleuderte ihren Arm
                    weg und ging.</p>
                <p>Wütend erhob Brand Jakob die Gabel zum Stoße. Aber Christine fiel ihm in den Arm
                    und riß die Gabel zur Seite: ‚Unglücks ist genug!‘ stöhnte sie. Sie hatte Mühe,
                    den Vater zu bändigen.</p>
                <p>‚Hättest ihm doch wenigstens die Faust aufs freche Maul gehauen!‘ polterte er und
                    vermochte sich noch lange nicht zu beruhigen. Christine erwiderte nichts, ging
                    ins Haus und schloß sich ein. Am selben Tag mußten Kätheli und ich das Essen
                    rüsten und tischen; sie <pb n="178"/>kam nicht mehr zum Vorschein. Als Rudolf
                    vernahm, was sich ereignet hatte, stieß er eine Zeile Flüche aus und ärgerte
                    sich, weil man ihn nicht gerufen hatte. ‚Der Kerl soll mir nicht unter die
                    Fäuste laufen, sonst mach' ich ihn kalt!‘</p>
                <p>Von jenem Tage an hatte Christine den festen Boden unter den Füßen verloren.
                    Vater und Bräutigam redeten ihr zu, sie solle sich die Schimpfworte und
                    Verwünschungen nicht zu Herzen nehmen. Karl habe doch nun seine wahre Natur
                    enthüllt und gezeigt, was für ein rachsüchtiger und brutaler Mensch er sei. Gott
                    danken und froh sein solle sie, daß sie von ihm los sei. Was das für eine Ehe
                    gegeben hätte mit einem solchen Zornnickel; geprügelt und mißhandelt hätte er
                    sie, bevor ein Vierteljahr vergangen wäre. Rudolf versuchte auch, sie mit
                    allerhand Späßen aufzuheitern, vermochte aber selten, ihr ein Lächeln
                    abzulocken. Manchmal schaute sie ihn mit großen, fragenden Augen seltsam an, als
                    vermöge sie nicht zu begreifen, wie er lachen könne. Still und in sich gekehrt,
                    ging sie ihren Geschäften nach. Eines Morgens bat sie den Vater, ob sie nicht
                    ihr Bett in seiner Schlafstube aufschlagen dürfe. Er willfahrte ihr, schüttelte
                    aber heimlich den Kopf. ‚Hab's gefürchtet, daß es ihr zu nahe gegangen sei‘,
                    sagte er zu mir. ‚Du machst dir keine Vorstellung, wie sie dreingeschaut und
                    ausgesehen hat an jenem Morgen. Gut ist's, daß jetzt bald Hochzeit ist, nachher
                    wird's schon wieder bessern.‘</p>
                <p>Als der Hochzeitsmorgen anbrach, war Christine eine blasse Braut. In ihrem
                    Hochzeitsstaat sah sie zwar lieblich aus; aber aller frohe Übermut war von ihr
                    gewichen. Als Rudolf kam, um sie abzuholen, brach sie plötzlich in Tränen aus.
                    ‚Nun mußt du mit einer zur Kirche, die <pb n="179"/>man angespuckt hat‘, sagte
                    sie mit zuckenden Lippen. ‚Ach, laß nun doch die dumme Geschichte sein, wie sie
                    ist! Ich habe noch nie gesagt, daß du mir nicht recht seiest!‘ stieß er ein
                    wenig ärgerlich heraus. Da trocknete sie ihre Tränen und trat mit ihm über die
                    Schwelle. Draußen harrte Brand Jakob mit dem bespannten Fuhrwerk. Als sie
                    abfuhren, schauten ihnen Neugierige aus allen Fenstern nach und tauschten ihre
                    Bemerkungen aus. Einige Dienstboten waren sogar bis zum Schulhaus gekommen, um
                    besser sehen zu können, und Ried-Reeses alte Magd erläuterte ihnen den Fall.</p>
                <p>‚Habt ihr sie betrachtet?‘ eiferte die Alte. ‚Schaut eine Glückliche etwa so aus?
                    Mit deren ihrem Glück ist es nicht weit her. Sehet dann zu, wie es ihr geht!
                    Verwünscht hat er sie, und das Pflaster zieht schon. Kein Zweifel, der Fluch
                    wirkt schon jetzt. Möcht' nicht eine solche Last auf dem Buckel tragen, und wenn
                    ich dafür eine reiche Bäuerin sein könnte. Denn man muß sagen: sie ist selber
                    schuld. Mit dem einen versprochen sein und derweilen einen andern anlocken und
                    einziehen – auf eine solche Schlechtigkeit gehört sich was. Untreu bringt Reu,
                    sagte meine Mutter immer, und mehr als eine Geschichte wußte sie darüber zu
                    erzählen. Einer ließ eine im Stich, nachdem sie in Hoffnung war, und wollte sein
                    Kind nicht anerkennen. Da wünschte sie ihm an, daß er dafür an seinen Kindern
                    gestraft werde. Er verlachte ihre Verwünschung und heiratete eine andere. Die
                    schenkte ihm zwei schöne Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die ihm sehr lieb
                    waren. Er hütete sie sorgsam, und sie gediehen und machten den Eltern große
                    Freude. Das weilte sich so, bis die Kinder siebenjährig waren. Da gingen eines
                    Sonntags Vater und Mutter <pb n="180"/>in die Kirche. Den Fluch hatten sie
                    längst vergessen und überließen die Kinder dem Dienstmädchen. Sie spielten vor
                    dem Hause, und das Mädchen mußte das Mittagessen rüsten. Plötzlich gesellte sich
                    zu den Kindern ein schwarzes Kätzlein. Um den Hals hatte es ein Schnürlein, mit
                    dessen Ende es spielte, als wollte es sagen: Komm, fang mich, jetzt erwischest
                    du mich! Der Knabe wollte es fangen; aber allemal, wenn er nach dem Schnürlein
                    griff, tappte er daneben, und das Kätzlein lockte ihn weiter hinter das Haus.
                    Zuletzt sprang es auf den Weidstock neben dem Weiher. Der Knabe holte ein
                    Leiterchen, um ihm nachzusteigen; das Mädchen sah ihm zu. Das Kätzlein lockte
                    immer wieder und spielte das Schnürlein dem Knaben fast gar in die Hände.
                    Plötzlich glitt das Leiterchen seitwärts ab, und das Knäblein fiel mit einem
                    Schrei in den tiefen Weiher, um den der Vater einen hohen Zaun hatte machen
                    lassen. Das Mädchen schrie um Hilfe; das Dienstmädchen rannte herbei, aber es
                    wußte sich nicht zu helfen; der Zaun war ihm hinderlich. Es holte den Nachbar;
                    der zerschlug den Zaun und zog das Knäblein heraus; aber es war schon längst
                    gestorben. Als die Eltern heimkehrten, war es kalt und starr, und als sie
                    hörten, wie das schwarze Kätzlein gelockt hatte, wußte der Vater: Es kommt nicht
                    von ungefähr; der Fluch hat sich erfüllt ... Das hat mir die Mutter erzählt für
                    eine teure, feste Wahrheit!‘</p>
                <p>Solcherlei Reden wurden um jene Zeit in mehr als einem Nachbarhause geführt, und
                    es war nur gut, daß Christine nichts davon vernahm.</p>
                <p>Bald nach der Verheiratung verlangte Rudolf, daß seine Frau zu ihm ziehe. Brand
                    Jakob hätte Christine <pb n="181"/>gerne noch behalten; denn Kätheli war der
                    Haushaltung noch nicht mächtig, und es mußte eine Magd eingestellt werden. Auch
                    Christine wäre nicht ungern noch einige Zeit zu Hause geblieben; aber Rudolf
                    setzte seinen Willen durch. Sie solle es schön haben bei ihm; er wolle ihr die
                    Mucken schon aus dem Kopfe treiben, den ganzen Tag solle sie nicht aus dem
                    Lachen herauskommen. So malte er ihr die Zukunft aus.</p>
                <p>Als der Schreiner Christinen den notwendigen Hausrat beschafft hatte, fand der
                    Umzug statt, und Rudolf bemühte sich, seine Vorsätze auszuführen. Morgens
                    versteckte er Christinens Kleider, damit sie lange im Bett bleiben müsse und
                    ausschlafen könne. Bei Tische füllte er ihr immer noch auf den Teller, wenn sie
                    längst satt war. Kaum hatte sie die Tasse halbleer getrunken, schenkte er ihr
                    wieder ein. Wollte sie arbeiten, so nahm er ihr das Werkzeug weg; verlangte sie
                    es wieder, so hielt er es in die Höhe, wie man einem Hündlein ein Stück Zucker
                    in die Höhe hält. Sie sollte bitte! bitte! machen, ihm Küsse geben, sollte
                    lachen und fröhlich sein um jeden Preis. Hatte sie die Milch auf dem Feuer, so
                    versäumte er sie, lockte sie weg oder hielt sie fest, bis die Milch überkochte.
                    Stand sie irgendwo vertieft und gab nicht acht, dann schlich er leise hinzu,
                    umfaßte sie und fand ihren Schreck komisch. Kein Tag verging, ohne daß er ihr
                    diesen oder jenen kleinen Streich spielte. Christine verkannte seine gute
                    Absicht, sie aufzuheitern, nicht. Und doch schien sie allemal aufzuatmen, wenn
                    ihn seine Arbeit ganz in Anspruch nahm. Sie machte auch den Versuch, ihm bei der
                    Arbeit an die Hand zu gehen, wünschte auch seine Arbeit von Grund aus
                    kennenzulernen; aber er gab ihr zum Spaß völlig <pb n="182"/>verkehrte Auskunft
                    und Anleitung, oder er schickte sie weg; denn sie sollte es gut haben und nicht
                    mit seiner Arbeit geplagt sein. Dieses Guthaben ging Christine nicht selten so
                    nahe, daß sie weinte, und lieferte sie erst recht ihren trüben Gedanken aus.
                    Dazu machte Christine auch anderweitig drückende Erfahrungen. Einmal, als ich,
                    wie das häufig geschah, abends ein Weilchen in der Käshütte zubrachte, erzählte
                    sie mir:</p>
                <p>‚Weißt du, wie es mir letzten Sonntag gegangen ist? Ich ging in die Kirche.
                    Frühe, damit ich nicht mit den andern müsse, machte ich mich auf den Weg. Als
                    ich in die Kirche kam, war sie noch fast leer. Ich setzte mich in eine Bank. Die
                    Kirche füllte sich langsam. Hinter mir und vor mir besetzten sich die Bänke.
                    Bekannte gingen an mir vorüber; keine Hand streckte sich mir entgegen; keine
                    Freundin setzte sich neben mich. Als ob ich mit einer ansteckenden Krankheit
                    behaftet wäre, hielten sie sich fern. Dazu hinter mir und vor mir ein Zischeln:
                    «Das ist jetzt die ...», «So, so, die ist es ...», und Blicke, die mir das Blut
                    in die Wangen trieben. Ich spürte sie, diese Blicke, ohne aufzusehen. Ich durfte
                    ja die Augen nicht erheben. Starr blickte ich in mein Gesangbuch. Ich wollte ein
                    Gebet lesen; aber die Worte hatten keinen Sinn, ich vermochte ihren Sinn nicht
                    zu erfassen. Die Scham betäubte meinen Verstand. Ich wollte das Kirchenlied
                    singen helfen. O wie gerne habe ich früher ein schönes Kirchenlied singen helfen
                    – keinen Ton brachte ich heraus. Als der Pfarrer zu predigen anfing, schaute ich
                    gradaus, immer nur auf ihn. So groß war meine Furcht, zudringlichen Blicken zu
                    begegnen, die mich verdammten. O wie schön ist es, wenn man jedem frank und frei
                    in die Augen schauen darf, wie schön, <pb n="183"/>wenn man spürt: Die andern
                    mögen dich leiden; sie schätzen dich; niemand sinnt dir Böses; alle wollen dir
                    wohl. Und wie schwer ist es, wenn man fühlen muß: Du bist verachtet; alles
                    Schändliche und Böse trauen sie dir zu und meiden dich darum!‘</p>
                <p>Es war das erstemal, daß sich Christine offen gegen mich aussprach. Ich suchte
                    ihr zu beweisen, daß das in der Kirche nur ein böser Zufall gewesen sei. Aber
                    vergeblich, meine Worte machten ihr keinen Eindruck. Sie wußte andere Beispiele
                    anzuführen, hatte unglücklicherweise Gespräche belauscht, die sich auf sie
                    bezogen und sie verurteilten; dagegen vermochte ich nicht aufzukommen.</p>
                <p>Nun wurde mir auch erklärlich, warum sie sich so scheu vor allen Menschen
                    zurückzog. Niemals blieb sie in der Käseküche, wenn die Milchträger kamen. Holte
                    jemand Butter oder Käse, im Nu war sie verschwunden. Kam jemand durch die
                    Straße, sie ließ den Wasserkessel im Stiche und flüchtete hinter die verbergende
                    Türe. Rudolf lachte sie deswegen aus und verdeckte ihr Tun mit scherzhaften
                    Entschuldigungen: Meine Frau hat einen Schranz im Kittel und darf sich nicht
                    sehen lassen. Oder: Meine Frau muß erst noch eine saubere Schürze anlegen. Oder:
                    Meine Frau muß noch schnell ein Küchenwappen abwaschen, und dergleichen mehr.
                    Manchmal wurde er aber doch ärgerlich über sie. Sonntagnachmittags wollte er
                    spazieren mit ihr. Anfangs ging sie mit, bat ihn aber, mit ihr wegab zu gehen in
                    den Wald oder an den Moosbach hinaus. Das paßte ihm schlecht, er suchte
                    Gesellschaft, wollte ihr die Menschenscheu abgewöhnen und brachte sie unter die
                    Leute. Da bat sie ihn, allein zu gehen und sie daheim zu lassen.</p>
                <pb n="184"/>
                <p>Als der Winter kam und der erste Schnee fiel, schlug er ihr vor, eine
                    Schlittenfahrt zu machen. Sie bat ihn inständig, ihr das zu ersparen. Darüber
                    wurde er wütend und gab ihr böse Worte: Heulerin, Langweilerin und Steckkopf,
                    bis sie weinte und eine halbe Nacht nicht aufhören konnte.</p>
                <p>An den langen Winterabenden, wenn ich nicht für die Schule zu arbeiten hatte,
                    ging ich öfters zu ihnen. Rudolf hatte mich dringend eingeladen, und Christine
                    sah mich nicht ungern kommen, vor mir flüchtete sie sich nie. Wir saßen am
                    Tische, Rudolf und ich, und vertrieben uns die Langeweile mit Damenbrett oder
                    Mühlespiel. Christine, deren gesegneter Zustand nicht mehr zu verheimlichen war,
                    beschäftigte sich mit einer Näherei oder klapperte mit ihren Stricknadeln. Ihr
                    Gesicht war schmal geworden und zeigte einen müden, krankhaften Ausdruck. An
                    unserem Gespräche beteiligte sie sich selten. Wenn Rudolf wieder einmal den
                    Witzbold herauskehrte und seine Späße mit schallendem Gelächter begleitete,
                    schauerte sie zusammen. Sosehr sie sich Gewalt antat, den Mund zu einem Lächeln
                    zu formen, die großen traurigen Augen straften ihn Lügen. Wie oft hatte ich das
                    Gefühl: Jetzt fängt sie an laut aufzuweinen, und ich saß wie auf einer Hechel.
                    Einige Male, als es Rudolf auch gar zu bunt trieb mit Witzeln und leichtfertigem
                    Reden, stand sie leise auf, tat, als ob sie etwas holen müsse, und entfernte
                    sich. Ich gab mir redlich Mühe, etwa auch ein ernstes, anregendes Gespräch
                    einzuleiten, und Christine ging dankbar darauf ein. Doch kaum waren wir im Zuge,
                    fuhr Rudolf mit unpassenden Bemerkungen dazwischen und zog alles ins
                    Lächerliche. Andern zuhören und bei einem Gesprächsgegenstand verharren, <pb n="185"/>war nicht seine Sache. Lieber führte er selber das große Wort.
                    Einmal hatte ich ein neues Buch mitgebracht und wollte daraus vorlesen.
                    Christine freute sich sehr darauf. Aber schon nach wenigen Seiten mußte ich
                    aufhören; das Vorlesen langweilte Rudolf so, daß er anfing zu gähnen und
                    mutwillig Geräusch verursachte. Christinens feine Nasenflügel zitterten vor
                    Ungeduld. ‚Kannst du nicht auch einmal fünf Minuten ruhig sein und dich benehmen
                    wie ein verständiger Mensch?‘ fragte sie ihn in gereiztem Tone. Damit hatte sie
                    aber seine Eitelkeit schwer verletzt. Er nahm die Mütze vom Nagel, machte uns
                    eine spöttische Verbeugung und sprach lächelnd: ‚Meine Herrschaften, ich
                    empfehle mich Ihnen!‘ Danach ging er ins Wirtshaus und kehrte erst nach
                    Mitternacht wieder heim. Es mögen für Christine schlimme Stunden gewesen sein;
                    denn sie war ihm trotz allem mit rührender Unterwürfigkeit ergeben. Ein
                    unfreundliches Wort von ihm, ja schon ein unfreundlicher Ton oder eine saure
                    Miene konnten sie zu Tränen reizen. Tränen aber waren ihm das Verhaßteste auf
                    der Welt, und wenn sie anfing zu weinen, wurde er grob: ‚Wehr dich doch, schimpf
                    mit mir, sag mir, was dir in den Mund kommt, nur heule nicht!‘ schrie er sie an.
                    ‚Wenn du heulst, ist mir immer, ich müsse über eine Wand hinaufkrabbeln. Das
                    halte der Teufel aus! Du hast nicht einen Funken Humor, sondern nur ganze Sümpfe
                    voll Augenwasser!‘ Auf solche gelegentliche Ausfälle hin härmte sie sich tage-
                    und nächtelang bitterlich. Darüber lachte er sie wieder aus, titulierte sie
                    Närrchen oder Kriegsschiff oder sonstwie und wollte die barschen Worte durch
                    Küsse auslöschen. Zufrieden, vergnügt, heiter sollte sie wieder sein; ob sie
                    konnte, fragte er nicht lange.</p>
                <pb n="186"/>
                <p>Solange Rudolf seine Arbeit zu besorgen hatte, war es noch leidlicher gegangen;
                    aber mit dem Wintermonat hatte das Käsen für eine Zeitlang aufgehört. Nun hatte
                    er wenig zu tun, saß die halbe Zeit in der Stube und langweilte sich sträflich.
                    Er hatte gehofft, bei seiner Frau Zeitvertreib und Kurzweil zu finden, und sah
                    sich getäuscht. Nichts machte sie unglücklicher, als wenn er sie als
                    Spielkätzchen behandeln wollte. Jetzt, wo das Beste an ihm, seine Arbeitskraft
                    und Berufstüchtigkeit, brach lag, mochte sie es erst nicht leiden. Ich vermute,
                    daß es zu jener Zeit unter ihnen zu stürmischen Auftritten gekommen ist.
                    Wenigstens lief Rudolf auffallend häufig ins Wirtshaus und kam meist spät und
                    angetrunken heim. Hin und wieder kam er auch einmal zu mir ins Schulhaus. Ich
                    kann aber nicht sagen, daß mir seine Gesellschaft besonders Vergnügen bereitet
                    hätte. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, äußerte er sich über Christine so
                    abschätzig und wegwerfend, daß es mir weh tat. ‚Bist ein Glückspilz,
                    Schulmeister, daß du sie nicht gekriegt hast! Bist ihr ja auch vors Gärtlein
                    gelaufen und um den Zaun gestrichen; meinst, ich hätte es nicht gemerkt? Jetzt
                    kannst lachen, weil ein anderer in die Patsche geraten ist. Ich wollte, du
                    müßtest auch mal ein paar Wochen neben einem solchen Jammerlappen leben, dem es
                    nie zu treffen ist. Würdest dann deine Heiligen auch erfahren!‘ Ich verwies ihm
                    diese schmähliche Rede, wollte ihn auf seine Fehler aufmerksam machen; was
                    half's? Wer will einen Menschen bekehren, der so felsenfest von seiner
                    Vortrefflichkeit überzeugt ist! Statt auf mich zu hören, ging er zum Brand Vater
                    und klagte ihm, wie schon mehrmals, die Ohren voll. Brand Jakob suchte ihn zu
                    beschwichtigen und schob <pb n="187"/>die Schuld auf Christinens Zustand. ‚Meine
                    Selige hatte, als sie mit Christine ging, auch ihre Seltsamkeiten. Einmal mußte
                    ich mitten in der Nacht aufstehen und ihr unreife Äpfel vom Baum
                    herunterschlagen, weil sie ein unbezähmbares Gelüsten danach empfand. Und
                    reizbar und empfindlich werden sie fast alle. Unsereins kann sich halt gar nicht
                    vorstellen, wie ihnen zumute ist. Immerhin will ich mit der Christine reden.‘
                    Und er redete mit ihr, schonend, vorsichtig und erreichte so viel, daß sie sich
                    wieder ein paar Tage härmte und das Gefühl hatte, sie habe ihr Vaterhaus
                    verloren, das ihr bisher in schweren Stunden manchmal noch Trost und Zuflucht
                    geboten hatte. Das war der ganze Gewinn der väterlichen Vermittlung.</p>
                <p>Weihnachten stand vor der Tür. Rudolf sei für einige Tage nach Bern gereist, um
                    seine Halbschwester, die dort als Krankenpflegerin und Vorgängerin lebe, zu
                    besuchen und mit ihr Rücksprache zu nehmen, ob sie dann seinerzeit auch
                    Christine ihren Beistand leihen wolle. Kätheli brachte mir diese Kunde und lud
                    mich ein, am Abend in die Käshütte zu kommen und ein Buch mitzubringen. Ich ging
                    und fand beide Schwestern dort; Kätheli war gekommen, um das Haus hüten zu
                    helfen und bei der Schwester zu schlafen, damit sie sich nicht fürchte. Ich
                    hatte mir einige Gedichte ausgesucht und las sie ihnen vor; hernach plauderten
                    wir. Christine hatte ein Kindstschöplein fertiggestrickt.</p>
                <p>‚Nun noch ein hübsches Spitzlein dran!‘ sagte ich.</p>
                <p>Sie schüttelte ernst den Kopf.</p>
                <p>‚Aha‘, fügte ich bei, ‚man muß zuerst wissen, ob Bub oder Mädchen; denn für einen
                    Knaben paßt nur eine rote, für ein Mädchen dagegen eine blaue Borte.‘</p>
                <pb n="188"/>
                <p>‚Nein, man muß zuerst wissen, ob das Kind gesund zur Welt kommt und einen freut.
                    Mir steht es nicht an, Hochmut zu nähren und Hoffart zu treiben.‘</p>
                <p>‚Nur nicht immer trübe Gedanken.‘</p>
                <p>‚Ach, was hilft es, sich dagegen zu wehren; das Verhängnis nimmt doch seinen
                    Lauf.‘</p>
                <p>Sie spähte durch die dunkeln Fensterscheiben und horchte, ob nicht jemand komme.
                    Nach einer Weile bat sie: ‚Lies uns noch etwas, es hat mir wohlgetan.‘ Und als
                    ich nach Hause wollte, dankte sie mir und sagte: ‚Es war ein friedliches
                    Beisammensein.‘</p>
                <p>‚Ach‘, dachte ich, ‚wenn ich dir nur helfen könnte!‘</p>
                <p>Nach drei Tagen war Rudolf noch immer nicht zurück und Christine in großer
                    Unruhe, die sich steigerte, als er auch am vierten und fünften nicht kam. Am
                    sechsten endlich eine Nachricht – aber leider ein Unglücksbrief! Ich habe das
                    Schriftstück selber in den Händen gehalten und erinnere mich noch gut, wie es
                    anfing: ‚Liebe Christine! Ich kehre vorderhand nicht mehr zurück. Ich halte es
                    einfach nicht mehr aus bei dir. Ich reise nach Amerika ...‘</p>
                <p>Ich ... Ich ... Ich ... So klang der Grundton des Briefes. Erst am Schlusse fand
                    sich etwas für Christine Günstiges: An Geld solle es ihr nicht fehlen; ein
                    Kassenbüchlein für sie liege bei Rudolfs Halbschwester und diese sei gerne
                    bereit, ihr in der schweren Stunde beizustehen.</p>
                <p>Ich war nicht dabei, als Christine diese Hiobsbotschaft empfing, aber nach allem,
                    was ich hörte, muß es sie bis ins Mark hinein getroffen haben. Zu Gesichte bekam
                    ich sie erst nach mehreren Tagen wieder, und ich vergesse nie, wie sie vor mir
                    schamhaft errötete, als <pb n="189"/>hätte sie ein Verbrechen begangen. Im
                    übrigen hatte sie sich schon ein wenig gefaßt und trug ihr Schicksal mit einer
                    gewissen stumpfen Ergebung ins Unvermeidliche. Da ein anderer Käser gewählt
                    werden mußte, räumte sie die Käshütte und kehrte mit ihren Habseligkeiten ins
                    Vaterhaus zurück.</p>
                <p>Am meisten regte mich auf, daß ihr der Vater trotz ihrem Elend noch Vorwürfe
                    machte. ‚Du hattest einen braven und tüchtigen Mann, warum hast du ihm mit
                    deinen ewigen Tränen das Leben derart versalzen, daß er es nimmer bei dir
                    aushielt? Meiner Lebtag habe ich niemanden so unverständig sein Glück mit Füßen
                    treten sehen!‘ räsonierte er unmutig.</p>
                <p>‚Du vergissest, Vater, was auf mir lastet. Du kannst es nicht begreifen, niemand
                    kann es. Alle Tage denken müssen: Ein Mensch lebt, der dich haßt. Wenn du
                    stürzest und ein Bein brichst, es freut ihn! Wenn du krank und elend wirst, er
                    hohnlacht! Und dir sagen müssen: Ich bin selbst schuld; ich habe schlecht
                    gehandelt; mir geschieht nach Verdienst! Du weißt nicht, wie schrecklich es ist,
                    wenn einem nachts einer mit feurigen Augen vor dem Bette steht: Verflucht sollst
                    du sein, keine glückliche Stunde mehr haben! Wo soll man denn das Lachen
                    hernehmen, wenn einem so zumute ist?‘ So verteidigte sie sich, und Brand Jakob
                    stieß als einzige Erwiderung einen tiefen Seufzer aus.</p>
                <p>Ein so trübes Neujahr hatte man in seinem Hause nie mehr gefeiert, seit die
                    Mutter gestorben war. Je näher Christinens schwere Stunde rückte, desto banger
                    wurde ihr. Bei ihr stand fest, daß das schwerste Unglück ihr noch bevorstehe.
                    Das Schicksal ihrer Mutter stand ihr vor Augen; Sorge um ihr Kind drückte sie,
                    und das <pb n="190"/>Verlassensein beelendete sie. Auch Rudolfs Halbschwester,
                    die Ende Februar in Moosried eintraf und sich ihrer mit großer Freundlichkeit
                    annahm, vermochte sie nicht zu trösten. Wie oft predigte Schwester Marie: ‚Ach,
                    du liebe, gute Seele, warum quälst du dich so! Tausende und aber Tausende in der
                    großen Welt haben gefehlt wie du, sind verwünscht worden wie du und ließen sich
                    deswegen nicht den kleinen Finger weh tun, sondern lebten getrost weiter.‘ Aber
                    ihre Worte blieben leerer Schall; ja ihr selbst wollte zuweilen die frohe
                    Zuversicht schwinden.</p>
                <p>Einige Tage später war die Stunde da. Christine blieb standhaft über Erwarten,
                    und alles ging gut vorüber. Als man ihr das Kindlein in die Arme legte, war ihre
                    erste zitternde Frage: Ist es, wie es sein soll? ‚Ein Prachtsbub ist's!‘ sagte
                    Schwester Marie. Jetzt wagte die junge Mutter erst, einen Blick nach ihm zu tun.
                    Äuglein, Öhrlein, Mündlein, alles, was sie mit diesem Blicke zu umfassen
                    vermochte, alles war am rechten Ort. Den ordentlich drallen Ärmlein und Händlein
                    fehlte kein Fingerlein, nicht einmal ein Nägelein. Kein Entenfüßlein
                    verunstaltete die emporgezogenen Beinchen; die Zehlein waren wohlgebildet und
                    richtig gegliedert. Kein Kainszeichen entstellte das zarte Gesicht, kein
                    flammend Muttermal, keine Hasenscharte, kein Leberflecklein! Wohl schimmerte die
                    Haut ein bißchen gelblich und stellenweise rötlich, aber sie war lauter und
                    klar. Über das Köpflein breitete sich ein leiser Hauch von seidenen,
                    flaumweichen Flachshärchen, ruhig und regelmäßig hob und senkte sich die rosige
                    Haut über der Scheitelnaht, daß man jeden Atemzug zählen konnte. ‚Nicht
                    überanstrengen! Haupt ablegen! Ruhig sein!‘ <pb n="191"/>gebot die Vorgängerin,
                    und Christine gehorchte mit einem Seufzer unendlicher Erleichterung. Während der
                    Kleine gewaschen wurde, gab er Zeugnisse einer gesunden Lunge und kräftigen
                    Stimme von sich. Und als er nach einiger Zeit, an Christinens Brust gelegt,
                    erwarmte und sich nach einigen mißglückten Versuchen schmatzend labte, da
                    erwarmte auch ihr Herz und erblühte in neuen wunderbaren Gefühlen. Wie befangen
                    in einem glückseligen Traume, richtete sie unbeschreibliche Blicke nach oben,
                    und wie stille Verklärung legte es sich über ihr demütiges Antlitz. Ein goldner
                    Morgensonnenstrahl drang durch die Vorhänge und umkoste Mutter und Kind mit
                    mildem, lichtem Scheine.</p>
                <p>In der folgenden Woche schrieb Schwester Marie einen langen Brief nach Amerika.
                    Auch sie war über Rudolfs feiges Ausreißen bestürzt gewesen und hatte es
                    mißbilligt von Anfang an. Jetzt, nachdem sie die Verlassene kennen und lieben
                    gelernt hatte, zürnte sie ihm noch viel mehr. Sie vermochte wohl nachzufühlen,
                    wie schwer Christine unter der Trennung litt, darum säumte sie nicht, den
                    leichtfertigen Durchbrenner an seine Gatten- und Vaterpflicht zu mahnen, und mag
                    ihm wohl tüchtig eingeheizt haben. Ihr teilnehmendes Wesen war für Christinens
                    Seelenzustand die beste Arznei. Leider konnte ihr Aufenthalt in Moosried nur von
                    kurzer Dauer sein. An einem Freitag trugen wir das Kindlein zur Taufe. Schwester
                    Marie, Christinens älterer Bruder und ich vertraten Patenstelle. Nach der
                    stillen Feier kehrte Marie wieder in die Stadt zurück. Beim Abschied legte sie
                    der weinenden Christine den kleinen Jakobli in die Arme und sagte: ‚Das soll nun
                    dein Tröster sein. Wem der Himmel ein solches Geschenk verleiht, dem zürnt er
                    nicht.‘</p>
                <pb n="192"/>
                <p>Ja, das Kind! Wie schwach und hülflos ist solch ein Kind! Und doch gelingen ihm
                    Siege, die keine Großmacht zu erfechten vermöchte. Was die Großen mit ihrer
                    Kraft nicht zu bewältigen vermögen, schiebt eine Kinderhand beiseite; wo die
                    vielgerühmte Klugheit der Großen kläglich versagt, bringt ein Kinderlächeln
                    Licht und Klarheit. Der Unschuldsblick ihres Kindes wurde Christine zum Born,
                    aus dem sie immer neuen Lebensmut trank, wenn die dunkeln Gefühle sie
                    überschatten wollten. Gelang es dem Trübsinn auch, sich für einen Tag bei ihr
                    einzunisten, abends scheuchte ihn das Kind sicher wieder weg. Wie hätte die
                    Mutter düster dreinzuschauen vermögen, wenn es in seinem Decklein unter der
                    Lampe auf dem Tisch lag, mit seinen runden Beinchen wob und strampelte und aus
                    voller Herzenslust das herrliche Lampensternlein ankrähte! Wie hätte sie ohne
                    Dankgefühl einzuschlafen vermögen, wenn der kleine, süße Kerl so weich und warm
                    an ihrer Brust ruhte!</p>
                <p>Zu Beängstigungen war freilich auch Grund vorhanden. Von Rudolf war immer noch
                    keine Nachricht eingetroffen; auch Schwester Marie hatte keine mehr erhalten.
                    Und doch hatte er ihr in seinem ersten Briefe versprochen, fleißig zu schreiben,
                    und durchblicken lassen, daß er nicht abgeneigt sei, später wieder heimzukehren,
                    wenn es Christinen gelinge, sich von ihrer Tränensucht zu befreien. Nun war das
                    Büblein schon halbjährig und vom Vater jede Spur verlorengegangen. Niemand
                    wußte, was man von ihm denken solle; an allerhand Mutmaßungen fehlte es
                    nicht.</p>
                <p>Nach einiger Zeit kam des Rätsels Lösung endlich an den Tag. Rudolf hatte Stelle
                    gewechselt, und ehe er <pb n="193"/>die neue Adresse seiner Schwester mitgeteilt
                    hatte, war ihm ein schweres Unglück zugestoßen. In einer Schlägerei war er übel
                    zugerichtet und mit Messerstichen traktiert worden. Mehrere Monate hatte er im
                    Spital zubringen müssen, und als er es endlich verlassen konnte, trug er
                    bleibende Nachteile davon. Er schrieb, daß er seinen Beruf nie mehr werde
                    ausüben können, und aus jeder Zeile seines Briefes sprach tiefe
                    Niedergeschlagenheit und Reue. Dem lustigen Finken war das Pfeifen für
                    einstweilen vergangen ...</p>
                <p>Sobald es Rudolfs Gesundheit erlaubte und sich Gelegenheit zur Überfahrt bot,
                    trat er die Heimreise an und fand vorläufig Unterkunft bei seiner Schwester in
                    Bern. Nach Moosried zurückzukehren schämte er sich und bestürmte Christine in
                    Briefen, mit dem Knäblein zu ihm zu kommen. Dessen weigerte sie sich jedoch
                    standhaft, obschon es sie einen schweren innern Kampf kostete. Sie war
                    entschlossen, sich in Zukunft nicht mehr als bloßes Spielzeug hin- und
                    herschieben zu lassen, sondern wollte als Frau respektiert sein. Darum schrieb
                    sie ihm, die Entfernung von Bern nach Moosried sei nicht größer als von Moosried
                    nach Bern, und wenn ihm an der Wiedervereinigung ernstlich gelegen sei, wisse er
                    wohl, wo sie wohne. Das mag ihn wohl erbittert haben; er machte ihr
                    leidenschaftliche Vorwürfe, hielt ihr Kälte und Herzlosigkeit vor und ließ
                    nachher eine Weile nichts von sich hören. Als er aber sah, daß sie fest blieb,
                    bequemte er sich, ihr den Willen zu erfüllen.</p>
                <p>Eines Abends traf er unvermutet in Moosried ein, hielt sich aber vor den Leuten
                    verborgen und reiste zwei Tage später bei Nacht und Nebel wieder weg. Die
                    Aussöhnung muß wohl eine vollkommene gewesen <pb n="194"/>sein; Christinens
                    liebe, gute Augen bekamen wieder ihren alten Glanz, und wenn das Kind unartig
                    war, hieß es von Stund an: ‚Bubi, lieb sein, was wird sonst Vater sagen, wenn
                    wir zu ihm kommen und du so zwängst!‘</p>
                <p>Einige Wochen später siedelte sie nach Bern über. Es war Rudolf gelungen, einen
                    kleinen Laden zu kaufen und eine Milch-, Käse- und Butterhandlung einzurichten.
                    Mit dem Gelde mußten sie sich freilich etwas hinziehen, das Amerikaabenteuer
                    hatte in Rudolfs Vermögen eine erhebliche Lücke gerissen. Dafür war er ein gut
                    Stück ernster, gesetzter und verständiger geworden, so daß das Lehrgeld nicht
                    umsonst ausgeworfen war. Christine hatte sich über ihr Los nicht zu beklagen.
                    Wenn ich meinem Göttibuben das Gutjahr brachte, fand ich die ganze Familie in
                    einer Ordnung vor, wie es sich gehört. Die Kinderzahl wuchs nach und nach auf
                    vier an, und nach wenigen Jahren mußte Rudolf sein Geschäft durch Anbau
                    vergrößern. Ein reger Erwerbsgeist war über ihn gekommen, es drängte ihn,
                    zuzugreifen mit beiden Händen von früh bis spät; er mußte es aber mit einer
                    bewenden lassen, denn der rechte Arm hing ihm steif und kraftlos an der Seite.
                    Sein rechter Arm war Christine; du hättest sie sehen sollen, wie gewandt und
                    energisch sie überall anpackte, wie verständig sie in allem Bescheid wußte und
                    wie frisch und blühend sie dabei aussah. Ja, wenn einer so eine Frau hat, ist es
                    keine Kunst für ihn, vorwärtszukommen ...»</p>
                <p>Der alte Schulmeister war müde geworden, sein Redebrünnlein war am Versiegen.
                    Sinnend schaute er vor sich hin; das Bild der lieben Jugendgefährtin mochte wohl
                    vor seinem geistigen Auge stehen.</p>
                <pb n="195"/>
                <p>«Und was ist aus jenem Karl Flück geworden?» fragte ich nach einer Weile.</p>
                <p>«Richtig, das habe ich ganz vergessen! Als Rudolf nach Amerika durchgebrannt und
                    Christine eine arme Verlassene war, zeigte Karl ohne Hehl, wie sehr er ihr dies
                    Unglück gönnen möge. Seine unbezähmbare Rachsucht und Schadenfreude brachte ihn
                    aber doch schließlich bei den Leuten in Unglanz. Als er eifrig eine Frau suchte,
                    fand er an allen bessern Orten verschlossene Türen. Zwei Jahre später heiratete
                    er eine begüterte Witwe, die aber nicht am besten beleumdet war und um ihrer
                    scharfen Zunge willen gemieden wurde. Seine Ehe brachte ihm wenig glückliche
                    Stunden. Der Fluch, den er über Christine ausgesprochen, fiel auf sein eigenes
                    Haupt zurück. Denn es stehet geschrieben: Segnet, und fluchet nicht!»</p>
                <p>Der Alte stand auf, ergriff das Bildnis der Christine, das immer noch auf dem
                    Tische lag, betrachtete es eine Weile und verschloß es sorgfältig in sein
                    Schreibpult. Ich dankte ihm herzlich für den schönen Halbtag, den er mir
                    bereitet hatte, stopfte mir noch eine Pfeife und nahm bald darauf mit einem
                    warmen Händedruck von ihm Abschied.</p>
                <p>Als ich ihn wiedersah, hatten sie ihn in den Sarg gebettet ...</p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head><hi>Fritz, der Suppentöter</hi></head>
                <pb n="196"/>
                <p>Er war ein Wildling von unbekannter Herkunft. Als ich auf ihn aufmerksam wurde,
                    mochte er etwas über dreißig Jahre alt sein. Wohnung besaß er keine; denn er war
                    ein Landstreicher und nährte sich mit der flachen Hand. Seine Atzung fand er vor
                    den Haus- und Küchentüren eines ziemlich weiten Umkreises, und die Fassungskraft
                    und Verarbeitungsfähigkeit seines Magens trug ihm den Übernamen Suppentöter ein.
                    War ihm die Wanderlust vergangen, so gewährte ihm der lahme Hänsel im Kehr
                    manchmal für einige Tage Unterschlupf.</p>
                <p>Der lahme Hänsel war auch kein Bürger erster Ordnung. Er stammte aus einer
                    angesehenen und begüterten Familie; aber der Alkohol hatte ihm den Weg nach der
                    Fehlhalde gewiesen, und alle Bemühungen seiner Verwandten, ihn zu einer
                    nüchternen und geordneten Lebensweise zurückzuführen, trugen keine Frucht. Nach
                    kurzen Zeiten des Aufraffens siegte der Durst stets wieder über den Verstand und
                    guten Willen. So blieb seinen Verwandten nichts übrig, als ihn unter
                    Vormundschaft zu stellen und ihm dergestalt das rasche Verschleudern seiner
                    Barmittel zu verunmöglichen. Hänsel, der nun allein stand, mietete sich in dem
                    halbverfallenen Tätschhäuschen im Kehr ein und lebte, wie es ihm wohlgefiel. Was
                    er mit Wagnerarbeit verdiente, <pb n="197"/>ließ er für Branntwein draufgehen,
                    für das übrige mochte der Vormund sorgen. Nach einigen Jahren meldete sich aber
                    eine heftige und hartnäckige Gliedersucht zum Worte, und wirksamer als der
                    Vormund hielt sie den Durstigen vom Wirtshausbesuch ab. Mit seinem lahmen Bein
                    konnte er den halbstündigen Weg nicht mehr zu Fuß zurücklegen. Auf seine
                    Magenstärkung mochte er jedoch auf keinen Fall verzichten, und darum ergab er
                    sich dem stillen Trunk zu Hause.</p>
                <p>Ein Trabant mußte ihm den flüssigen Stoff beschaffen, und hierzu eignete sich
                    niemand besser als der Suppentöter. Wer verfügte über mehr Zeit und geübtere
                    Wanderstelzen als der? Und wer begnügte sich mit so wenig Lohn? Wenn er ein
                    Gläschen mittrinken durfte und in Zeiten der Not auf den Spänen oder auf dem
                    Ofentritt des Lahmen ein Nachtlager fand, war er zufrieden. Bei guter Laune
                    teilte der Lahme mit ihm auch seine Mahlzeit, die häufig nur aus Brot und rohen
                    Zwiebeln bestand, und ließ ihn älteres Werkzeug brauchen. Fritz wußte damit
                    allerdings nicht viel anzufangen und besaß vor andauernder Arbeit einen
                    angebornen Abscheu. Das einzige, was er herzustellen wußte, waren
                    Wäscheklämmerchen einfachster Art. Dabei mußte er aber Sorge tragen, daß er
                    seinem Platzgeber nicht in die Quere kam, und es wurde ihm deutlich nahegelegt,
                    wie große Gnade man ihm erweise, wenn man ihn an der Werkbank dulde. Von Zeit zu
                    Zeit bekam der Lahme moralischen Katzenjammer; der Spartrieb regte sich in ihm
                    und löste unwirsche Stimmungen aus. Dann überschüttete er den Suppentöter mit
                    Kosenamen wie Faultier, Krauturfel und Steinesel und hieß ihn sich zum <pb n="198"/>Teufel scheren. Der Suppentöter nahm solche Ausbrüche mit
                    unerschütterlichem Gleichmut hin und drückte sich für einige Zeit. Er wußte aus
                    Erfahrung, daß ihn der Lahme nicht entbehren konnte und ohne Schwierigkeit
                    aufnahm, wenn er wieder zurückkehrte.</p>
                <p>Es gab freilich auch noch andere Leute, die dem Wagnerlahm Botendienste
                    leisteten, wenn er auf dem trockenen saß. Da war zum Beispiel Krüschhans, ein
                    ehemaliger Fruchthändler, der in jungen Jahren ein ansehnliches Vermögen
                    verspekuliert hatte und nun als alter Kracher ein kümmerliches Dasein fristete.
                    Aber die Sache hatte einen Haken. Krüschhansens Leber saß nur zu sehr an der
                    Sonnseite. Lag er einmal am Lumpentischchen des Pintenwirts vor Anker, dann
                    konnte es geschehen, daß er den günstigen Wind zum Weitersegeln verpaßte oder
                    sein Fahrzeug so schief belud, daß es auf der stürmischen Heimfahrt kenterte und
                    als Wrack auf einer Sandbank liegenblieb. Selten brachte er die Ladung glücklich
                    und ungefährdet in den Hafen, zum mindesten hatte sie unterwegs Wasser zu
                    schlucken bekommen. Solches verdroß den Lahm allemal über die Maßen;
                    Verfälschung des Trinkbaren erschien ihm als besonders schweres Vergehen, und
                    wäre der ehemalige Fruchthändler nicht nebenbei ein recht unterhaltender
                    Gesellschafter gewesen, so hätte ihm der Übervorteilte längst und für immer die
                    Türe vor der Nase zugeschlagen. Nur aus Furcht vor der Vereinsamung und
                    Langweile ließ er fünfe grad sein.</p>
                <p>Aber wenn der Suppentöter in erreichbarer Nähe war, harrte der Fruchthändler
                    vergeblich auf einen Auftrag. Denn der Suppentöter lief ab, wann und wohin man
                    wollte, und brachte die Gottesgabe rasch und unberührt <pb n="199"/>nach Hause.
                    Nie fiel es ihm ein, aus der Flasche zu trinken und bei der nächsten
                    Brunnenröhre heimlich nachzufüllen; auf ihn durfte man sich verlassen, trotzdem
                    er nur ein einfältiger Tropf war. Sehr angenehm war für den Auftraggeber auch
                    der Umstand, daß selten ein Neugieriger aus dem Beschränkten etwas
                    herausbrachte. Wie fast alle Schwachsinnigen besaß auch der Suppentöter in einem
                    Winkelchen seines Gehirns ein Fünklein verborgene Intelligenz. Diese äußerte
                    sich in der Kunst, sich noch ein Erkleckliches dümmer zu stellen, als er war.
                    Bohrte ihn einer, dem er nicht traute, mit Fragen an, flugs vertiefte sich der
                    Ausdruck stumpfer Gleichgültigkeit, der für gewöhnlich auf seinem Gesichte lag,
                    und der Ausfrägler sah sich plötzlich einem erbarmungswürdigen Blödsinnigen
                    gegenüber. Je eifriger einer forschte, desto verkehrtere Antwort erhielt er.
                    Entweder hieß sie allemal «Ja» oder allemal «Nein» oder «Weiß nicht!», oder sie
                    bestand aus einem unverständlichen Lallen. Am meisten Spaß aber machte es dem
                    Suppentöter, unbekümmert um alles, was der andere sagte, irgendeine kleine
                    Geschichte zu erzählen von einem Hasen oder Eichhorn, den er gesehen habe, oder
                    ähnliches Zeug. Das eine Mal blieb er dabei todernst, setzte das demütigste
                    Schafsgesicht der Welt auf und redete mit zuvorkommendster Beflissenheit, das
                    andere Mal wollte er sich ausschütten vor Lachen, das dritte Mal knurrte er
                    drohend und schaute so bösartig drein, als ihm nur möglich war. Einige hielten
                    ihn deshalb für einen Tauben, andere für einen völlig Blödsinnigen und noch
                    andere für einen Halbtollen. Die meisten ließen ihn darum in Ruhe, und die
                    Zudringlichen hielt er mit Ausweichen und Mißverstehen so lange <pb n="200"/>hin, bis sie satt waren. Kehrten sie ihm endlich ärgerlich den Rücken, dann
                    blinzelte er ihnen verschmitzt nach, und sein schwammiges Gesicht mit der
                    aufgeworfenen Stülpnase glänzte vor spitzbübischem Behagen wie eine
                    Bettlerferse. Zu Hause schilderte er nachher dem Lahm getreulich, wie er wieder
                    einen abgefertigt habe, und erhielt dafür ein Extragläschen.</p>
                <p>Hin und wieder einmal verleidete es dem Lahm in seiner Bude, wo es unfreundlich
                    genug aussah und immer nur die gleichen Gesichter um ihn waren; er sehnte sich
                    nach Wirtshausgesellschaft. Ans Marschieren war aber nicht zu denken. In diesem
                    Fall zog er seine Chaise aus der Remise und spannte das Zugpferd ein. Seine
                    Remise war ein ehemaliger Ziegenstall, die Chaise mußte ein vormals blau
                    angestrichener Karren ersetzen, und als Zugtier stellte sich einer seiner
                    getreuen Kumpane in die Stangen. Selbstverständlich erregte das seltsame Gefährt
                    und Gespann sofort die Aufmerksamkeit und den Witz der Nachbarn. Insbesondere
                    gewährte es einen komischen Anblick, wenn der Lahme beide Trabanten vorgespannt
                    hatte. Der ehemalige Fruchthändler war fast doppelt so lang als der Suppentöter
                    und der Suppentöter beinahe doppelt so dick als der Fruchthändler. Die Kleidung
                    der beiden hob das Mißverhältnis erst recht hervor. An Suppenfritzens Schenkeln
                    schlotterten gewöhnlich weite Schlampsackhosen von Eberhaut, die Rockschöße
                    klopften ihm bei jedem Schritt in die Kniekehlen, und die Fransen der Hosenrohre
                    wuchsen über die Schuhe hinunter, als wollten sie in den Erdboden hinein
                    wurzeln. Krüschhans hingegen trug die nach städtischer Mode zugeschnittenen,
                    abgelegten <pb n="201"/>Kleider eines Verwandten, der beträchtlich kleiner war
                    als er. Darum wollten sie auch nirgends langen und vermochten die auffallende
                    Magerkeit nicht zu verhüllen. Der Suppentöter hatte einen Rundschädel mit keck
                    aufwärtsstrebender Stülpnase, der Krüschhans einen Langschädel mit streng
                    abwärts gerichteter Habichtschnabelnase. Die Gesichtshaut des Suppentöters
                    zeigte eine stumpfe, bleigraue Schattenfarbe; des Krüschhansen Hakenschnabel
                    samt Umschwung strahlte in feurigem Rot mit Übergängen ins Blauviolette.</p>
                <p>Als die beiden Karrenpferde das erstemal nebeneinander trotteten, hatte ein
                    Spaßvogel gleich weg, daß der gedrungene, untersetzte Suppentöter auffallend die
                    Merkmale des Freiberger Pferdeschlages auf sich vereinige, während der
                    straffeldürre Krüschhans eher jenen geißrückigen, dünnschwänzigen
                    Militärreitpferden beizurechnen sei, die man unter den Soldaten in Bausch und
                    Bogen als «Deutsche» bezeichnet. Von da an hieß es immer, wenn der Lahm ausfuhr:
                    «Er hat den Freiberger eingespannt», oder aber: «Aha, heut' ist der Deutsche an
                    der Reihe.» Erlaubten aber die Einnahmen des Lahmen gar eine zweispännige Fahrt,
                    dann setzte es in der Talschaft ein wahres Hallo ab.</p>
                <p>«Sappermost! Heut' gibt er's verflucht nobel. Er hat den Deutschen und den
                    Freiberger im Geschirr!» Und wo das Dreiblatt durchzog, regnete es lachende
                    Zurufe:</p>
                <p>«Fuhrmann, solltest dem Freiberger einmal das Gefiser (die Fesselhaare)
                    schneiden!»</p>
                <p>«Lahmer, dem Deutschen fehlt es in den Haxen.»</p>
                <p>«Hänsel, solltest deine Rosse besser habern, damit sie auch ein bißchen Geist und
                    Hitz bekämen.»</p>
                <pb n="202"/>
                <p>Der Suppentöter verdankte solche Ansprachen stets mit breitestem Grinsen; auf
                    seinem schwammigen Zifferblatt kam eine Freudenlawine ins Rutschen und grub drei
                    waagrechte Risse, zwei kürzere unter der Stirne und einen bedenklich
                    ausgedehnten unter der Nase. Offenbar machte ihm der Jux einen Heidenspaß. Auch
                    der Lahme zeigte sich aufgeräumt und gab auf die Anzapfungen heraus, soviel er
                    Münze hatte. Weniger leicht fand sich der Krüschhans mit seiner Pferderolle ab.
                    Ein Rest von Scham kämpfte in ihm mit der heftigsten Begierde nach einem
                    Freitrunk. Seite an Seite mit einer solch niedrigen Kreatur, wie der Suppentöter
                    war, das kostete Überwindung! Mit melancholisch gesenktem Haupte, die Augen
                    erdwärts gerichtet, storchte er an den Neckgeistern vorbei, ohne ein Wort zu
                    erwidern. Der Suppentöter mußte sich beeilen, denn auf jeden Schritt des Langen
                    zog es ihm zweie; da mußte er wacker seine kurzen Stumpen schlenkern.</p>
                <p>Anders dann auf der Heimfahrt! Jetzt fehlte es weder dem Rosselenker noch dem
                    Deutschen an Geist und Hitz!</p>
                <p>«Hüh, Buben!» schrie der Fuhrmann ein Mal über das andere. «Wollt ihr wohl
                    ausgreifen, ihr vermaledeiten Krippendrücker und Luftkopper! Trrrab!»</p>
                <p>Auf solches Anfeuern erwiderte der Deutsche mit durchdringendem Wiehern, lüpfte
                    die magern Schenkel wie ein Zirkuspferd, warf sein hochbeiniges Gestell in die
                    Luft, knirschte ins eingebildete Gebiß und schlug mit den Schuhabsätzen gegen
                    die Karrenstangen. Einzig dem frommen und taktfesten Freiberger war es zu
                    verdanken, daß die Fahrt nicht kurzum mit einem tollen Sturz im Seitengraben
                    endigte. Wie ein gutes Zuderhandpferd <pb n="203"/>behielt er das Fuhrwerk auf
                    der wohlgebahnten Straße. Stürzte der Deutsche und blieb liegen, so deichselte
                    er das Gefährt allein nach Hause, wo zur Abwechslung einmal das Roß den Kutscher
                    ausschirrte und auf die Streu brachte. Auf der Ausfahrt der Dümmste, war er
                    allemal auf der Heimfahrt der Klügste; denn er betrank sich nie, so gern er sich
                    sein Gläschen genehmigte.</p>
                <p>Auf solch hohe Festtage folgten dann wieder langweiligere Zeiten. Befand sich der
                    Suppentöter nicht auf der Fahrt, so stahl er irgendwo eine Buchenspälte und
                    schnitzte daraus zur Kurzweil Wäscheklämmerchen in der Wagnerbutik. Besonders
                    während der ärgsten Untage des Winters lag er diesem Geschäft zeitweilig ob. War
                    der Lahm unguter Laune, so verzog er sich, bis der Schirmherr das Zorneisen aus
                    dem Feuer gezogen und abgelöscht hatte und er wieder in Gnaden angenommen wurde,
                    als ob nichts vorgefallen wäre.</p>
                <p>Dann kam der Frühling. Die Stare kehrten wieder. Nun regte sich auch im
                    Suppentöter die Zugvogelnatur. Das Bündel wurde geschnürt. Eine Schnur voll
                    Klämmerchen hängte er sich unverpackt an die Schulter. Das waren nämlich seine
                    Ausweispapiere, andere besaß er nicht. Nach seiner Ansicht genügten sie auch
                    vollkommen. Wer Augen hatte, konnte sehen, daß er auf ehrlichen Erwerb auszog,
                    und brauchte nicht lange zu fragen, wohin und warum. Freilich muß gesagt werden:
                    Er nahm immer nur einen sehr bescheidenen Vorrat mit sich, damit sein Lager
                    nicht allzu rasch ausverkauft sei. Den Leuten anhalten und Ware aufdrängen, war
                    schon gar nicht sein Brauch. Weitaus am besten trafen es ihm die Bäuerinnen, die
                    den Bescheid abgaben: «Klämmerchen haben wir diesmal keine nötig; wir haben die
                        <pb n="204"/>letztjährig gekauften noch nie gebraucht. Aber wenn du einen
                    Teller Suppe etwas schätzest, kannst du gerne bekommen.» Natürlich wollte er.
                    Auch wenn er kurz vorher im Nachbarhause eine halbe Schüssel voll bezwungen
                    hatte, sagte er nicht ab. Sein Magen ließ sich dehnen wie ein Wollstrumpf und
                    hielt einer solchen Belastungsprobe schon stand. Auch die Vögel füttern sich ja
                    im Frühjahr wieder zurecht, und es bekommt ihnen ausgezeichnet, dem Suppentöter
                    desgleichen. Zu andern Zeiten fand sein Magen auch wieder die nötige Ruhe; ja
                    manchmal schrumpfte er ihm zusammen zu einer einzigen Hungerfalte.</p>
                <p>Abends hielt er Umschau nach einer Schlafgelegenheit. Wählerisch verfuhr er dabei
                    nicht. Stall, Einfahrt, Bühne, Verschlag mit Laub oder Moos, alles genügte
                    ihm.</p>
                <p>Immer nach längern oder kürzern Zeiträumen kehrte er zurück in sein
                    Standquartier, teils um neuen Vorrat nachzuholen, teils um sich nach den
                    Bedürfnissen seines mächtigen Schirmherrn zu erkundigen und ihm die nötigen
                    Boten- oder Zugdienste zu leisten. Nicht nur wünschte er sich dieses Ecklein
                    warmzuhalten, ihn trieb auch Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu dem Manne, hinter
                    dessen kantiger Rauheit er vielleicht doch ein Fünklein Wohlwollen spürte. Ein
                    treuer Hund ist bereit, an den Herrn hinaufzuspringen, auch wenn er kurz vorher
                    Schläge gekriegt hat.</p>
                <p>Auf seiner Landfahrt bekam er auch nicht lauter Schmeicheleien zu hören. Die
                    Orte, wo man ihn fortjagte und verfolgte, merkte er sich genau; sie blieben bei
                    ihm schwarz angeschrieben für alle Zeiten. Wenn er an ihren Höfen
                    vorbeitrottelte, murrte er geringschätzig: <pb n="205"/>«Wüste Leut – böse Leut
                    – geizige Leut – leide, leide, leide, äh!» Umgekehrt hatte er auch seine
                    Lieblingsorte. Wenn ihm eine wohlbeleibte Bäurin oder sogar eine nette Tochter
                    vorwarf, wie lange er ausgeblieben sei, und lächelnd beteuerte, sie habe gewiß
                    lange Zeit verspürt, weil er immer nicht gekommen sei, dann glitt ein
                    Sonnenblick über sein graues Schattengesicht, und die Freudenlawine kam ins
                    Rutschen und zog ganz lange Risse.</p>
                <p>So wechselte in seinem Leben Angenehmes mit kleinen Bitternissen; Tag reihte sich
                    an Tag; Jahr an Jahr. Der Suppentöter kümmerte sich nicht darum, lebte vorab,
                    nahm Gut und Böse ohne viel Besehen an, wie es kam, und fühlte sich im ganzen
                    wohl in seiner Haut.</p>
                <p>Dann traf ihn das Unglück. Seinen Schirmherrn streckte der Tod, nachdem ihn die
                    Gliedersucht lange genug gekrümmt hatte. Äußerlich unbewegt wie ein Klotz,
                    innerlich mit dumpfem Schauder sah der Suppentöter zu, wie man den Gestorbenen
                    in eine schwarze Kiste packte und in der Erde verlochte. Das traurige Ereignis
                    beschäftigte ihn stark und lange; man sah ihn später noch öfters auf dem
                    Kirchhof.</p>
                <p>Die Wohnung des Verstorbenen wurde ausgeräumt; das Gerümpel versteigert. Ein
                    anderer Mieter zog ein, ein Pharao, der nichts wußte von Joseph und weniger
                    Verlangen spürte nach Gebranntem. Dieser wies dem Suppentöter feindselig die
                    Türe und drohte im Falle Wiederkommens mit Prügel. Somit war der Einschlupf
                    verrammelt, die bergende Höhle verschüttet. Jetzt hieß es ganz auf eigenen Füßen
                    stehen.</p>
                <p>Nun, der Suppentöter verstand es leidlich, sich einzurichten. Da er keine
                    Werkzeuge mehr besaß, steckte <pb n="206"/>er das Klämmerchenmachen auf und
                    probierte das Strohbänderknüpfen und Reiswellenhacken. Blieb er darin auch ein
                    Stümper, so diente es ihm doch als schicklicher Vorwand, sich den Bauernhäusern
                    zu nähern. Daneben bildete er sich gewissenhaft aus in der Kunst des Bettelns.
                    Die bisherige Weide entsprach aber den Bedürfnissen nicht mehr, sie war
                    allzurasch abgegrast. Darum pflanzte er die Gatterstöcke und Zaunpfähle
                    beträchtlich weiter hinaus und suchte neue Grasplätze, Tränkestellen und
                    Schutzgebüsche.</p>
                <p>Aber ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Um jene Zeit setzten Volk und
                    Regierung des Landes ein neues Gesetz in Kraft, das der Armut streitbar zu Leibe
                    gehen wollte. Not und Mangel, Hunger und Blöße sollten verschwinden, die Tränen
                    der Leidenden abgewischt werden. Auch der Arme sollte von nun an seine Milch im
                    Töpfchen finden und sein Stück Brot daneben. Anderseits sollte aber auch der
                    Liederlichkeit und Arbeitsscheu das Grab geschaufelt werden. Bettel und
                    Herumstreichen wurden unnachsichtig verfolgt. Die Sorge für verarmte
                    Durchreisende anvertraute man staatlich unterstützten Verpflegungsstationen;
                    aber wer staatliche Suppe genießen wollte, mußte sauber sein übers Nierenstück
                    und wohlgeordnete Schriften vorweisen können, sonst wurde sie ihm zum
                    Fallstrick. Die Verpflegungsstationen verlegte man in die Nähe der
                    Landjägerposten und beauftragte die Polizei, die Böcke von den Schafen zu
                    scheiden.</p>
                <p>Auch der weite Weidegrund des Suppentöters wurde von der Verordnung betroffen und
                    umgewandelt in Suppengäu, wie es die Handwerksburschen tauften. Die Bauern, bei
                    denen er bettelte, gaben ihm von dem <pb n="207"/>veränderten Zustande Kenntnis:
                    «Fritz, nimm dich in acht, sonst faßt dich der Landjäger. Betteln und
                    Landstreichen ist verboten.» Der Gewarnte vernahm die Botschaft mit ungläubigem
                    Kopfschütteln. Ihm wollte nicht in den Schädel, daß nun bestraft werden sollte,
                    was er ungestraft jahrelang geübt hatte. So ungerecht werde man doch nicht sein,
                    ihm den Broterwerb zu verbieten. Um die Verpflegungsstationen beschrieb er einen
                    Bogen. Nach Staatssuppe gelüstete ihn nicht; an die allgemeine Kelle wagte er
                    sich nicht heran. Er wanderte ohne Wanderbuch, freute sich der Heimat ohne
                    Heimatschein und beanspruchte keinen gesetzlichen Schutz. Er war zufrieden, wenn
                    man ihn gewähren ließ. Landjägern und Ortspolizeiern war er von jeher
                    ausgewichen im Gefühl, daß sie ihm feindlich gesinnt seien und man mit ihnen nur
                    Scherereien habe.</p>
                <p>Im übrigen lasteten keine schwarzen Untaten auf seiner Seele. Es mochte ja wohl
                    vorkommen, daß er auf einsamer Weide einem Rinde die Glocke abhängte und
                    mitlaufen ließ. Aber das Rind war sicher wohler ohne, und der Besitzer konnte
                    sich trösten, der Riemen habe sich gelöst und die Glocke sei irgendwo
                    verlorengegangen.</p>
                <p>Es kam auch etwa vor, daß der Suppentöter ein frisches Taschentuch nötig hatte
                    und neben einer hängenden Wäsche vorbeizottelte. Und nun warf ihm der Wind eins
                    vor die Füße: «Schau, da hast eins, heb's auf und steck's zu dir! Die Bäurin hat
                    ja eine halbe Leine voll und bringt sie sicher fast nicht in die Schublade.»
                    Sollte er da lange überlegen, wenn ihm einmal der Wind günstig wehte? Sollte er
                    den guten Rat mißachten und es auf der Erde liegen lassen, wo es kotig
                    wurde?</p>
                <pb n="208"/>
                <p>Oder es lag in der Traufe des menschenverlassenen Bauernhauses ein Dangelhammer
                    und streckte verlangend den Stiel in die Höhe: «Pack mich, sonst verrost' ich,
                    wenn's regnet!» Konnte man da widerstreben und sich ungefällig benehmen? Hatte
                    man ein Recht, das Glück von sich zu weisen, wenn es einen etwas finden ließ?
                    Nein, wer arm ist, darf nicht allzu blöde sein; der Suppentöter ließ den Hammer
                    in seiner weiten Rocktasche verschwinden. Der Bauer besaß ja noch Haus, Hof,
                    Feld, Wald und tausend andere schöne und gefreute Sachen, darum konnte er doch
                    wohl zufrieden sein mit seinem Los ohne Dangelhammer.</p>
                <p>Oder der Suppentöter wollte sich auf einem Strohhaufen oder Heustock zum Schlafe
                    hinlegen und griff in ein Eiernest. Ein freundlicher Zufall entdeckte ihm das
                    Versteck schlauer Legerinnen, die ihre Gaben ungebührlich und widerrechtlich den
                    Menschen zu entziehen trachteten. Am nächsten Tage mußte er wieder auf die
                    Reise, wußte nicht, wo er einen Bissen kriegen werde, und nun rollte ihm
                    urplötzlich die Wegzehrung in ihrer Unschuldsfarbe vor die Füße. Sollte er sie
                    wirklich liegen lassen und den mahnenden Magen aufs Ungewisse vertrösten?</p>
                <p>Oder man versetze sich einmal in folgende Lage: Fruchtbehangener Kirschbaum an
                    menschenfernem Waldrande, heiße, staubige Straße, einsamer Wanderer mit
                    vertrocknetem Gaumen. Was tut der Wanderer? Hundert gegen eins zu wetten, er
                    steigt auf den Baum und schnabuliert von den süßen Früchten oder zieht
                    wenigstens ein paar Äste herunter, um sich daran zu erquicken – heißt das, wenn
                    der Wanderer nicht zufällig einer ist, der vom Staate Lehraufträge für
                    Moralpädagogik <pb n="209"/>erhalten und darum keine Gelegenheit vorübergehen
                    lassen darf, sich in der Selbstbeherrschung zu üben. Nun, dem Suppentöter war
                    ein solcher Auftrag nicht zugekommen, und darum hielt er's mit den
                    Schnabulierern, und das Gewissen bohrte ihm deswegen keine Löcher in den Schlaf.
                    An Baum- oder Feldfrüchten haben sich – ausgenommen der geneigte Leser –, wohl
                    alle Menschen gelegentlich einmal vergriffen, und niemand wird von einem armen
                    Landstreicher frömmere Sitten erwarten, als ihm selbst eignen.</p>
                <p>Wenn man einem das Sündenregister aufgekreidet hat, gebührt es sich, auch seiner
                    Guttaten zu gedenken. Großer Verdienste konnte sich nun freilich der Suppentöter
                    nicht rühmen. Etwa hätte er sich darauf berufen dürfen, daß er den Bauern als
                    Wetterprophet diene, doch war ihm diese Tatsache wohl nicht bekannt. Wenn er an
                    irgendeinem Waldsaum oder an einem Wegbord verlüftete und anfing aus
                    Leibeskräften zu johlen, dann konnte vorkommen, daß ein Meister bedenklich den
                    Kopf schüttelte und befahl: «Fertig mit Mähen! Hört ihr, wie der
                    Regenwettervogel trillert?» Ja ein Bauer soll sogar in die Hagelversicherung
                    eingetreten sein, weil der dicke Staudensänger so verdächtige Leistungen zutage
                    förderte.</p>
                <p>Vom Bänderknüpfen und Reiswellenhacken darf nicht viel Aufhebens gemacht werden;
                    was Hänschen nicht gelernt hatte, lernte Hans wirklich nicht mehr. Eher dürfte
                    noch aufgezählt werden, daß der Suppentöter manchmal den Pferden die Bremsen
                    wehrte, wenn sie vor einer Wirtschaft standen. Indessen geschah solches
                    entschieden in gewinnsüchtiger Absicht, was nicht der wahre Jakob ist, da man
                    «das Gute um des Guten willen» tun soll.</p>
                <pb n="210"/>
                <p>Als Letztes käme noch in Betracht, daß er manchmal die Leute durch sein drolliges
                    Wesen zum Lachen brachte. Zwerchfellerschütterungen sollen sehr gesund sein, und
                    deshalb darf diese Leistung nicht vergessen werden.</p>
                <p>Hinwiederum gab es aber auch Vereinzelte, die sich über ihn ärgerten und die
                    Ansicht vertraten, er dürfte mehr leisten. Man kann es ihnen nicht ganz
                    verübeln; denn die Arbeit in Sonnenbrand und Hitze geht wirklich weniger leicht
                    aus der Hand, wenn nebenan einer gemütlich in Baumes Schatten liegt und dem
                    süßen Nichtstun frönt. Diese Mißvergnügten erinnerten sich, daß solches
                    Nichtstun gegen Gesetz und Verordnung verstoße, und rieben das bei nächster
                    Gelegenheit dem Landjäger unter die Nase.</p>
                <p>Die Folgen bekam der ahnungslose Landfahrer bald zu spüren. Er wurde beim Betteln
                    erwischt, hinter Schloß und Riegel versorgt, bis seine Zugehörigkeit erkundet
                    war, und abgeschoben in seine Heimatgemeinde. Natürlich wurde ihm dort kein
                    gemästetes Kalb geschlachtet und kein Ring an den Finger gesteckt; denn es
                    mußten Kosten bezahlt werden. Die Armenbehörde suchte ihm einen Kostort,
                    versprach ein Pflegegeld und gebot ihm strenge, das schweifende Leben
                    aufzugeben. Einige Tage hielt er es aus, dann war er spurlos verschwunden.
                    Gewitzigt, nahm er sich nunmehr besser in acht und schlüpfte durch. Es mag
                    manches Versteckspiel abgesetzt haben. Tauchte irgendwo eine grüne Uniform auf,
                    im Nu war er verschwunden. Die nächste Hecke oder Erdwelle mußte ihn verbergen
                    und ihm das schützende Dickicht des Waldes erreichen helfen. Brücklein,
                    Scheuerlein, Asthaufen und Heuschochen, alles nützte er als Deckung. Aus war's
                    nun mit dem <pb n="211"/>sorgenlosen In-den-Tag-Hineinleben. Doch auch das
                    Haschenspiel hat seine Reize, und der Suppentöter schnitt manchmal eine
                    Freudengrimasse, wenn er wieder glücklich entronnen war.</p>
                <p>Aber – was dem Suppenfritz als eine ganz besondere Schlechtigkeit erschien – mit
                    den Landjägern hielten es auch die Ortspolizeidiener, und die trugen leider
                    selten eine Montur. Und weil er in so vielen Gemeinden verkehrte, war es ihm
                    unmöglich, alle die Gesichter und Gestalten so fest ins Gedächtnis zu fassen,
                    daß er sie schon auf eine nützliche Entfernung erkannte.</p>
                <p>Nach Wochen fiel er einem solchen Polizeidiener in die Hände. Dieser erlas ihm
                    die Taschen. Der Landstreicher vermutete, man suche bei ihm «gefundenes» Gut
                    oder wolle ihm seine Sparbatzen abnehmen. Darum focht ihn das Erlesen nicht
                    stark an. «Gefunden» hatte er schon seit einiger Zeit nichts mehr, und das
                    kleine Spargut ruhte wohlverwahrt zwischen den Wattenlagen seiner Schaufelkappe.
                    So meinte er denn, der zudringliche Polizeier werde bald einmal seine Finger von
                    ihm lassen müssen. Der Befund lautete aber: «Ohne jegliche Mittel zum
                    Lebensunterhalt.» Wieder folgte Abschub in die Heimat unter
                    Kostenauferlegung.</p>
                <p>Nun war die Armenbehörde der Heimatgemeinde seiner satt und beschloß Versetzung
                    in eine Armenanstalt. Der Suppentöter wußte nicht, was er davon halten sollte,
                    und sah scheel drein. Man machte ihm den Beschluß mundgerecht. In der Anstalt
                    finde er Gesellschaft, schlafe in einem ordentlichen Bett, erhalte brave Kleider
                    und nahrhaftes Essen. In der Anstalt führe man einen immerwährenden
                    Herrenlebtag. Stumpfsinnig hörte der also Getröstete zu und ließ sich gehorsam
                    abführen. <pb n="212"/>Der Fall schien erledigt. Für die Behörde war er es auch,
                    nicht aber für den alten Landfahrer.</p>
                <p>Jawohl, es gab Brot, Suppe und überhaupt Essen genug; es gab ein ordentliches
                    Bett und warme Kleider; man hatte allezeit ein schützendes Dach und Gesellschaft
                    übergenug. Es gab Brot, und das Brot schmeckte anfangs nicht übel. Aber es gab
                    Tag für Tag genau das gleiche Brot, und schon nach wenigen Tagen fing es dem
                    neuen Insassen an zu verleiden. Lag es daran, daß die Abwechslung fehlte?
                    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Bisher hatte er allerdings bald weißes, bald
                    Schwarzbrot, bald frisches und bald altbackenes bekommen, und allemal hatte es
                    ihm geschmeckt. Jetzt freute es ihn niemals, zu Tische zu gehen; denn mit der
                    Suppe war es das gleiche Elend: nahrhafte Suppe, aber ohne das Kräutlein
                    Ißmitlust. Dem Suppentöter wachte plötzlich auf, niemand könne so herrliche
                    Suppe kochen wie die Bauernfrauen! Jede würzt mit ihrem Lieblingskraut, die eine
                    mit Majoran, die andere mit Petersilie, die dritte wirft Kümmelkörner hinein,
                    kurz, jede kennt einen besondern Vorteil. Die Füße konnte man nicht still
                    halten, wenn man solche Suppen aß. Und wie lustig war es, heute aus einem
                    blumeten Teller zu essen und morgen aus einem weißen, das eine Mal mit einem
                    runden Löffel, das andere Mal mit einem spitzen, morgens im Hausgang, stehend,
                    mittags auf der grünen Hausbank, behaglich sitzend wie ein Rentner, und am Abend
                    auf einem Stiegentritt, kauernd. Aber wenn man essen muß: immer aus dem gleichen
                    Topf, von der nämlichen Hand bereitet, am gleichen Platz zwischen andere
                    eingeklemmt, mit gestrecktem Rücken und nicht einmal die Ellbogen aufstützen
                    darf – nein, da <pb n="213"/>bringt man kaum etwas hinunter, bis zuunterst im
                    Halsrohr würgt der Löffelvoll.</p>
                <p>Ein weiches Bett! Ja freilich, das ist hoch zu schätzen! Wohlig dehnt man die
                    Glieder darin und schläft. – Indes abzumarkten gibt es auch hier. Tagüber darf
                    man sich auch nicht ein einzigmal hinstrecken, es wäre schade für die saubern
                    Bezüge, und jeden Morgen will das Bett gemacht sein. Wozu auch dieser lästige
                    Brauch? Wann schläft man am besten, wann ist das Lager am weichsten? Doch
                    unbestreitbar am Morgen! Also gebietet vernünftiges Denken, das Bett möglichst
                    so zu belassen, wie es am Morgen ist. Mit einem Bett aus Stroh, Laub oder Moos
                    hat man keine solchen Geschichten. Da schlüpft man hinein und hinaus, wann es
                    einem gefällt, da gibt es nicht zu schimpfen wegen der Sauberkeit, und wenn man
                    fortgeht, läßt man den ganzen Plunder einfach liegen. Und was für prächtige
                    Schlafkameraden man auf solchen Stallstrohlagern findet! Das eine Mal ein munter
                    kapriolendes Kälbchen, das andere Mal ein lustig wieherndes Füllen oder einmal
                    etwa ein zutrauliches, krauswolliges Schäfchen. Dem Suppentöter träumte fast
                    allnächtlich davon; nie fand er den frühern gesunden, erquickenden Schlaf.</p>
                <p>Seine Genossen behagten ihm nicht. Es gab so viel unfreundliche Gesichter in der
                    Anstalt, so viel böse Augen. Es fehlte nicht an alten, zänkischen Haderern und
                    futterneidischen Fressern. Die schlimmsten aber waren die Augendiener und
                    Ohrenbläser, die sich vor dem Vorsteher gebärdeten, als könnten sie Gott nicht
                    genug danken für die schöne Heimstatt in der Anstalt. Solche brachten es fertig,
                    auf dem warmen Ofen sitzenzubleiben, bis sie Blasen am Gesäß bekamen, damit nur
                    ja <pb n="214"/>kein anderer sich auch wärmen könne. Wehleidige Stumme fielen
                    den andern lästig durch ohrenzerreißendes Geheul, Heimtückische durch boshafte
                    Streiche; trauen konnte man nach Ansicht des Suppentöters niemandem, und das
                    Ärgerlichste war, daß man keinen Augenblick unbeobachtet für sich selbst sein
                    konnte und tun, was einen freute. Immer hieß es: Du mußt – du mußt! Kaum war der
                    junge Tag erwacht, fing dieses Müssen schon an: Fritz, du mußt aufstehen! Fritz,
                    du mußt betten! Fritz, du mußt dich waschen, du mußt sofort zu Tische kommen, du
                    mußt helfen das Zimmer kehren!</p>
                <p>Wie anders hatte früher der Tag begonnen! Da hatte sich der Suppentöter auf einer
                    Einfahrt oder vor einer Stalltüre behaglich gedehnt, hatte schnuppernd und
                    blinzelnd nach dem Wetter ausgeschaut und sich die Frage vorgelegt: Was beginnen
                    wir heute? Wohin wenden wir uns? Beliebt Tal oder Hügel, Nord oder Süd, eilig
                    oder gemach? Da stand einem die ganze Welt offen; kein Mensch hatte
                    dreinzureden; da hieß es nicht: Du mußt! Sondern allezeit: Ganz, wie du willst!
                    Oh, man ermißt nicht, was für ein Abgrund klafft zwischen dem «Wie du willst!»
                    und «Du mußt!». Wenn man muß, flattert die Freude schleunig hinweg. Fritz hatte
                    öfters einen Besen gezogen, freiwillig manchen Schopf und Stallgang gesäubert;
                    aber das befohlene Kehren verdroß ihn. Das Waschen verdroß ihn, das Betten
                    verdroß ihn, das Hemdenwechseln verdroß ihn, die ganze unbehagliche Sauberkeit
                    und Regelmäßigkeit, alles, was in der Anstalt gefordert wurde, verdroß ihn. Die
                    Freudenlawine kam nie mehr ins Rutschen; Kummersäcke hingen ihm unter den
                    verdüsterten Augen. Sein ganzes <pb n="215"/>Sinnen und Trachten verdichtete
                    sich in dem Brennpunkt: Fort! Fort aus diesem Hause, wo man jeden Augenblick
                    unleidlichen Zwang zu spüren bekam und von Vorschriften wie mit einer
                    Dornenhecke umzogen war.</p>
                <p>Aber was nützte das Fortlaufen? Man wurde doch erwischt, wieder eingesteckt, und
                    dann war alles ärger denn zuvor. Darum bezwang er sich und blieb. Aber wenn die
                    Tauben sich aufschwangen, daß ihre schneeweißen Flügel in den blauen Himmel
                    hineinblitzten, und ins weite Feld flogen, blickte er ihnen sehnsüchtig nach.
                    O wie gut hatten es die! Sie durften fliegen, wohin sie wollten, durften ihr
                    Futter selber suchen und aufpicken, was ihnen behagte, niemand hinderte sie. Wie
                    gut hatte es der Wind, der in der jungen Saat Wellen schlug! Ach, wer auch mit
                    ihm ziehen könnte! So viel Wege führten in aller Welt herum, und der seinige
                    führte nur vom Hausgang bis zur Mauer oder, wenn's hoch ging, noch ein Stücklein
                    ins Feld hinaus. Dann mußte man zurück in die Eintönigkeit, ins graue Elend. Und
                    draußen war es doch so schön, so viel frische Luft, so viel blauer Himmel, so
                    große schimmernde Wolkentürme. Gewiß glänzten jetzt alle Bächlein und die
                    Forellen kamen unter den Schwellenhölzern hervor ins klarfließende Wasser, und
                    wenn man vorbeiging und der Schatten des Körpers ins Wasser fiel, schossen sie
                    hurtig wieder in ihre Verstecke. Jetzt an einem sonnigen Wegrand zu sitzen oder
                    im Schatten eines Laubbaumes dem Vogelsang zu lauschen und den Faltern
                    nachzugucken, oh, oder sich an dem bunten Treiben der Welt zu ergötzen! Irgendwo
                    balgten sich zwei Hunde, spielten junge Kätzlein, rauften überkugelnd böse
                    Buben. Irgendwo drehte sich ein Wasserrad, weideten <pb n="216"/>Kühe, entrann
                    ein Pferd. Irgendwo wurde ein Haus gebaut, ein Baum gefällt, ein Bach oder
                    Weiher ausgeschort. Die Augen voll gab es zu schauen – draußen – draußen! Der
                    Metzger schlachtete ein Schwein. In der Wirtsstube schäkerte einer mit der
                    Kellnerin. In der Käserei zugten die Milchbuben ein und aus wie in einem
                    Bienenhaus. Ein Hüttler schlug dem andern den Brentendeckel weg und erhielt
                    dafür einen Spritzer Käsmilch ins Lachmaul. Abends küßte sich hinter
                    verschwiegenem Busch vielleicht sogar ein Liebespärchen ...</p>
                <p>Bild um Bild seines ehemaligen ungebundenen Lebens stieg vor ihm auf, eines immer
                    lockender als das andere. Nie war ihm dieses Leben so wunderbar erschienen, bis
                    jetzt, da er es nicht mehr genießen durfte. Rein und verklärt strahlte ihm die
                    Erinnerung das geringste Ereignis wider und ließ ihn die Gegenwart um so
                    bitterer empfinden. Ja, in der Freiheit war es schön, nur in der gottverlassenen
                    Anstalt war es öde und langweilig. Nicht einmal ein Häslein lief vorbei, nicht
                    einmal ein hungriger Rabe kam in den Hof geflogen. Und wenn sich doch einmal
                    etwas Neues ereignete, so war es nicht etwas Sonniges, das einen heiter stimmte,
                    sondern etwas Düsteres, das einen nur noch mehr niederdrückte. Etwa brachte der
                    Tischler eine schwarze Truhe, man legte einen hinein und stieß ihn unter die
                    Erde. Wie konnte es auch anders sein? Hier mußte man krank werden und sterben,
                    hier, wo man sich nicht bewegen durfte, wie es einen freute, wo man wie ein Hund
                    an der Kette lag und immer nur mußte, mußte, mußte!</p>
                <p>Ein Zufall wollte, daß in der Anstalt kein Ehepaar war. Das gab dem Suppentöter
                    Kopfarbeit. Ein Schauder <pb n="217"/>durchfuhr ihn: «Das also ist's! Heiraten
                    muß man, eine Frau suchen! Wer eine Frau hat, ist ein Mann. Männer darf man
                    nicht in die Anstalt sperren, nur Alte, Schwache, Krüpplige, Halbverrückte, die
                    keine Frau gefunden haben.» Aber wenn es nur an dem lag – warum sollte er keine
                    finden. Hatte ihn nicht manches Weibervolk freundlich angelacht?</p>
                <p>Jetzt hat er den Schlüssel gefunden, jetzt öffnet er das Schloß. Er fliegt aus
                    und nimmt sich eine Frau! Nachher soll einer kommen und ihn in die Anstalt
                    sperren! Das werden sie dann bleiben lassen. Wenn er auch einer von den
                    Wichtigen, Unberührbaren geworden ist, wagt sich kein Grünhösler und kein Profoß
                    mehr an ihn heran. – Am nächsten Tag ist er verschwunden. Nun können sie
                    nachfragen und die Gebüsche erlesen! Lange genug hat er sich die einzuschlagende
                    Richtung gemerkt. Wie der gejagte Fuchs oder Hase meidet er das offene Land. Den
                    Waldzügen und Bachläufen nach windet er sich. Nein, sie erwischen ihn nicht. Er
                    ist verschlagen und vorsichtig, kein Mensch sähe ihm an, was alles Schlaue ihm
                    einfällt. In kurzer Zeit ist der alte Wanderkreis erreicht, und die alten
                    Schlupfwinkel sind nicht mit Brettern verschlagen.</p>
                <p>Erst jetzt fühlte er sich geborgen und genoß seine Freiheit. Jede Krähe grüßte er
                    mit den Augen, jede Elster lachte er an: «Du, ich bin auch wieder da!» Vor den
                    Menschen nahm er sich in acht, nur wo er ganz sichere wußte, landete er an. Oh,
                    er verstand sich schon zu helfen – die, und meinten ihn füttern zu müssen! Sein
                    Beruf nährte ihn gut genug, dieser freieste, schönste unter allen Berufen.
                    Freilich, so genau wie früher nahm er es nicht mehr; immer häufiger «fand» er
                    etwas <pb n="218"/>Brauchbares. Bald war es eine Kette, bald ein Seil, bald ein
                    Kleidungsstück. Auch Feuerzeug wußte er sich zu verschaffen. Nun konnte er
                    Kartoffeln braten, deren gab es genug auf den Äckern. Ach, wenn ihm nichts mehr
                    Sorge bereitet hätte als der Unterhalt des Leibes! Aber mit dem andern wollte es
                    nicht rücken. Die Frau war immer noch nicht gefunden. So schwer hatte er sich
                    das Freien nicht vorgestellt. Schon hatte er die Schuhsohlen durchgelaufen und
                    die Rechte noch immer nicht entdeckt. Mehr als eine hatte er gefragt: «Willst du
                    mich? Willst du meine Frau sein?» Mehr als zehn hatte er heimlich ins Auge
                    gefaßt und probiert, ihnen zu flattieren. Von einer hatte er eine Ohrfeige
                    bekommen, die andern hatten ihn ausgelacht.</p>
                <p>Wenn aber so viel auf dem Spiel steht, gibt man nicht ab, ohne das Letzte
                    versucht zu haben. Bauernknechte boten sich ihm als Helfer an, wenn er ihnen
                    einen Liter Schnaps zahle. Trotz anfänglichen Mißtrauens ging er auf das lose
                    Spiel ein und opferte seine letzten, so mühsam gesammelten Bettlerbatzen. Sie
                    halfen ihm zu einem als Weibsbild verkleideten Knecht in die Kammer, und dieser
                    versprach, ihn zu heiraten, «sobald die Eichhörnchen brüten». Aber nachdem sie
                    genug Schindluderei mit ihm getrieben und sich über ihre Großtat halb zu Tode
                    gelacht hatten, tauchte, wie verabredet, ein «Nebenbuhler» auf, prügelte den
                    Genarrten und warf ihn in den Brunnentrog.</p>
                <p>Nun war ihm für einige Zeit das Heiratsfieber gesunken, doch gab er auch jetzt
                    seine Pläne noch nicht endgültig verloren, obschon er sich dabei der Gefahr
                    aussetzte, erwischt zu werden. Einmal wäre er bei einem Haar dem Landjäger in
                    die Fänge gelaufen. Ein andermal <pb n="219"/>begegnete er zu seinem Schrecken
                    einem Mitglied der Armenbehörde. Doch faßte er sich, und es gelang ihm, dem
                    schlechtunterrichteten Manne einen Bären aufzubinden. Er habe drei Tage Urlaub
                    bekommen, um einen kranken Bruder zu besuchen, behauptete er fest. Auf die
                    Frage, wie es ihm in der Anstalt gefalle, erwiderte er finster: «Schlecht – es
                    sterben so viele.» Wie das Essen sei? «Schlecht – man möge nicht essen.» Wie die
                    Behandlung? «Schlecht – man lasse einen nie in Ruhe.» Damit trottete er weiter.
                    Bei der nächsten Sitzung der Behörde erfuhr jener Armenpfleger, daß Urlaubern
                    stets ein schriftlicher Ausweis in die Tasche gesteckt werde, daß der
                    Suppentöter längst ausgebrochen sei und ihn genasführt habe.</p>
                <p>Fast ein Jahr nachher wurde der Suppentöter wieder eingebracht. Frau hatte er
                    keine gefunden; alle hatten ihm den Rücken gekehrt, die einen schimpfend, die
                    andern mit Gespött. Nun waren auch sie schuld, daß er wieder zurück mußte an den
                    verhaßten Ort.</p>
                <p>Mit finsterem Gesichte trat er über die Schwelle der Anstalt und kam für die
                    erste Zeit an den Klotz. Dieser Klotz war mit einer Kette an seinem Knöchel
                    befestigt, beim Gehen mußte er ihn auf dem Arm tragen und war jedem Kinde als
                    Ausreißer kenntlich gemacht.</p>
                <p>Nachdem der Suppentöter den Reiz der Freiheit bewußt gekostet hatte, erbitterte
                    ihn der Anstaltszwang noch um so tiefer. Tag und Nacht wühlte es in ihm.
                    Schlecht waren alle Menschen, eine elende Horde. Vergeblich suchte ihn der
                    Anstaltsvorsteher mit verständigen Worten zu belehren. Niemand konnte ihm das
                    Gefühl aus dem Herzen reißen, daß an ihm ein himmelschreiendes Unrecht begangen
                    worden sei und begangen <pb n="220"/>werde, solange man ihn an einem Orte
                    festhalte, der ihm auf den Tod zuwider sei.</p>
                <p>Nach wenig Tagen entwich er aufs neue. Den Klotz trug er nach. Beim ersten
                    Waldbach machte er halt. Mit harten Kieselsteinen hämmerte er so wuchtig und
                    lange, bis die Kette brach. Den Klotz schleuderte er ins Wasser, daß es
                    klatschend aufspritzte. Frei, frei! Aber wie lange? Die Verfolger sind ihm auf
                    den Fersen. Hinter dem Brückenpfeiler lauert der Landjäger schon auf ihn. Ehe er
                    die Heimat erreicht hat, wird er verhaftet.</p>
                <p>Wieder geht es zurück in die Anstalt. Die Feinde unter den Anstaltsinsassen
                    hänseln ihn. Der Vorsteher verweist es ihnen; aber er muß den Fehlbaren
                    bestrafen; denn böses Beispiel steckt an, und Ordnung muß sein. Der Suppentöter
                    erhält einige Tage Zellenhaft.</p>
                <p>Da sitzt er nun in seiner Zelle und stiert ins gleiche Loch. Nur die
                    Kieferknochen arbeiten hinter den hager gewordenen Wangen. Die Fäuste ballen
                    sich. Um die Lippen zuckt es; in den Augen brennt ein unheimliches Feuer. Bisher
                    war er ein harmloser Mensch, der keinem Lebenden, weder Mensch noch Tier, ein
                    Leid zufügen konnte. Aber wie ist man umgesprungen mit ihm, wie hat man es ihm
                    gelohnt! Alles an ihm schreit nach Rache. Die Nahrungsmittel schiebt er
                    unberührt zur Seite. – Endlich muß man ihn herauslassen.</p>
                <p>In einer der nächsten Nächte brach Feuer aus in der Anstalt. Eines der
                    Nebengebäude brannte nieder. Mit äußerster Mühe konnte das Hauptgebäude gerettet
                    werden. Man mutmaßte Brandstiftung. Der Verdacht lenkte sich auf den
                    Suppentöter. Als die Flammen hoch empor loderten, hatte er seine wilde Freude
                    nicht verbergen <pb n="221"/>können. Noch in selber Nacht wurde er verhaftet
                    und, begleitet von den Verwünschungen seiner Genossen, ins
                    Untersuchungsgefängnis abgeführt.</p>
                <p>Das Verhör bot wenig Schwierigkeiten. Er versuchte keine langen Winkelzüge,
                    sondern legte ein offenes Geständnis ab. Es schuf ihm Befriedigung, zeigen zu
                    können: Seht, ich habe mich gerächt für das angetane Unrecht! Trotzig hielt er
                    allen Fragen stand.</p>
                <p>Am andern Morgen fand man ihn in seiner Zelle erhängt. Mit den Hosenträgern hatte
                    er sich an der Türangel aufgeknüpft. Der Menschheit, die ihn den Suppentöter
                    geheißen und so lange mißhandelt hatte mit ihren Begriffen von Ordnung, Recht
                    und Gesetz und mit ihrem Helfenwollen, streckte er die Zunge heraus.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head><hi>Das Rötelein</hi></head>
                <pb n="222"/>
                <p>«Magst es ergritten?» rief Hans Tanner vom Saum des Wäldchens hinüber, grätschte
                    seine langen Beine schlotternd auseinander und machte mit den Armen die Bewegung
                    des Mähens. Sein Zuruf und seine Komikervorstellung galten einer flinken
                    Jungmagd, die draußen auf der Wiese das spärliche, mit Wurmstöcklein durchsetzte
                    Spätherbstgras zusammenschabte. So leicht ließ sich aber die Regsame in ihrer
                    Sonntagvormittagsbeschäftigung nicht stören. Ruhig schwang sie ihre Sense
                    weiter, als kümmere sie sich nicht im geringsten um die Jungburschen, die so
                    unverhofft am Waldrand aufgetaucht waren. Nur einen einzigen, schnellen Blick
                    ließ sie hinterhuts hinübergleiten, dann folgten ihre Augen wieder dem blanken
                    Stahlblatt, das blitzend über die taunasse Rasenfläche glitt und erbarmungslos
                    die gelblichen, an die Erde sich schmiegenden Löwenzahnblätter köpfte. Den
                    gaffenden Burschen aber paßte dieses Schaffen und Schweigen nicht in den Kram;
                    denn sie hatten auf eine ergötzliche Maulerei gehofft.</p>
                <p>«Schau, schau, du schneidest dich in den Schuh», schrie der Bühlfritz.</p>
                <p>«Du fällst rücklings auf die Nase», sekundierte ihn der Gerbepeter
                    geistreich.</p>
                <p>Da endlich streckte die Mäherin den Rücken, stellte die Sense zurecht zum Wetzen
                    und gönnte dem geduldigen <pb n="223"/>Tannerhans, der immer noch die Beine
                    auseinanderspreizte wie ein Photographenstativ, einen lächelnden Blick.</p>
                <p>«Oh, vielleicht habe ich heute bessern Stand als ihr alle», spottete sie lustig
                    und fing an zu wetzen.</p>
                <p>«Warum? Wieso, wenn man fragen darf?» heuchelten die Burschen und zwinkerten
                    einander mit den Augen zu: Die merkt auch schon, daß letzte Nacht keiner von uns
                    im Bette war.</p>
                <p>«Man sieht euch an den Federn an, was Vogels ihr seid», trümpfte sie.</p>
                <p>«Lustige Vögel sind wir, und pfeifen können wir wie die Kanarien!»</p>
                <p>«Die so schöne goldgelbe Schnäbel haben», ergänzte sie schlagfertig mit hellem
                    Lachen.</p>
                <p>«Sollen wir etwa kommen und dir aufladen helfen», fragte Tannerhans.</p>
                <p>«Wird wohl gescheiter sein, wenn ich's selbst tue. Es könnte sonst überort
                    geraten; zum Laden gehört gesunderes Augenmaß, als ihr heute habt.»</p>
                <p>«Hoho, selb wollten wir schauen», polterte Hans gemütlich, da ihm nichts anderes
                    einfallen wollte.</p>
                <p>Der Balzer aber, als ob ihn die gelben Schnäbel wurmten, giftelte:</p>
                <p>«Du, Rötelein, komm nur beim Laden dem Gras nicht zu nahe mit deinem Heuel, sonst
                    müssen des Gratbauers Kühe schon morgen Dürres fressen.» Bühlfritz hatte dem
                    Sprecher einen mahnenden Ellbogenschupf verabfolgt, doch der Balzer nahm keine
                    Notiz davon; seine gedunsenen Züge glänzten boshaft, und aus der Stimme klang's
                    wie heimlicher Groll.</p>
                <pb n="224"/>
                <p>Sogleich änderte auch die Magd ihren Ton. «An dir verdreck' ich mich nicht. Putz
                    dein Maul anderswo ab», sagte sie verächtlich, schwenkte gelassen ihre Sense und
                    hieb wieder drein, ohne nach links oder rechts zu schauen. Was der Bursche noch
                    maulte, verdunstete in der Luft.</p>
                <p>Sobald der Balzer sich einmischte, hatte sich Tannerhans mißmutig abgewandt.
                    Jetzt setzte sich das Trüpplein in Bewegung und verschwand im Walde. Aber die
                    Schrauber- und Vogelflinten kamen nicht zum Knallen, so eifrig auch die Burschen
                    in die dichten Tannenwipfel hinaufspähten. Kein Schwanz von jagdbarem Wilde ließ
                    sich blicken, trotzdem sie das ganze Wäldchen absuchten und vom Aufwärtsglotzen
                    fast die Nackenstarre kriegten. Da fing es ihnen an zu erleiden. Der scharfe
                    Morgenwind trieb ihnen das Wasser in die gereizten Augen. Einer nach dem andern
                    verrenkte seine Kiefer zu einem schrecklichen Gähnen oder fuhr sich mit der Hand
                    über das Schädeldach, unter dem es unheimlich hämmerte und schmerzte.</p>
                <p>Nämlich: Beim Stockbauer war Rübenrüstet gewesen. Ein lustiger Abendsitz hing
                    daran. Bis weit nach Mitternacht hatten sie gejodelt, gehandharft und getanzt.
                    Tannerhans hatte ihnen seine lustigen Kehrlein aufgespielt. Den Rest der Nacht
                    hatten sie benutzt, vor den Kammerfenstern der heiratsfähigen Mädchen die Runde
                    zu machen. Trocken war es dabei nicht zugegangen, und allmählich war eine
                    ausgelassene Stimmung über sie gekommen. «Wer ein rechter Vater ist an seinen
                    Buben, klepft sie mit der Geisel wieder fort, wenn sie am Sonntagmorgen vor
                    sieben Uhr nach Hause kommen», hatte der Balzer großartig deklamiert. Daraufhin
                        <pb n="225"/>hatte man beschlossen, gar nicht ins Bett zu gehen, sondern die
                    Büchsen zu holen und im Wald zu schleichjägern. So waren sie hergekommen.</p>
                <p>Jetzt wurden die Beine immer schwerer, die Augen kleiner. Pfeife und Zigarre
                    wollten nicht brennen. Die Stimmen klangen wie Scherben, heiser und hart; die
                    Witze waren am Vertropfen. Am jenseitigen Waldsaum angekommen, setzte man sich
                    auf einen Stock oder legte sich, ohne der Feuchte zu achten, ins Moos aufs Ohr;
                    die Kühle tat so wohl! Nur der Tannerhans blieb stehen und warf nach kurzem
                    Besinnen den Lederriemen seiner Vogelflinte über die Schultern: «Ich will
                    heim.»</p>
                <p>Vergeblich baten die Kameraden; Hans kehrte sich nicht daran und ging.</p>
                <p>Als er außer Hörweite war, fragte der Balzer unschuldig: «Was ist jetzt mit
                    dem?»</p>
                <p>«Tue jetzt noch, als ob du erst heute auf die Welt gekommen wärest, Kuhlamm du!»
                    putzte ihn der Bühlfritz ab. «Du weißt so gut als ich, warum Hans ärgerlich ist.
                    Nachdem er uns zuliebe mitgemacht und die ganze Nacht aufgespielt hat, hättest
                    du seinen Schatz nicht zu hunzen brauchen.»</p>
                <p>«Warum hat sie uns Gelbschnäbel ausgeteilt? Und daß sie fatalblond ist, daran bin
                    ich auch nicht schuld.»</p>
                <p>«Ja; aber es steht nicht jedem an, ihr das vorzuhalten. Weißt, mit den roten
                    Haaren ist es so eine Sache: Manchen stoßen sie nur am Tag ab, bei Nacht aber
                    ziehen sie ihn um so stärker an.»</p>
                <p>«Wenn das mich angehen soll, so möchte ich mich bedankt haben. Mit jedem Pack
                    lass' ich mich nicht ins gleiche Band nehmen», protzte der Balzer
                    hochmütig-wegwerfend auf, erhob sich und griff nach seiner Büchse. <pb n="226"/>«Überhaupt hast du mir nichts zu befehlen, und ich wäre ein Narr, wenn ich
                    solche unverschämte Lügen länger anhörte. Ich kann's machen ohne euch, blast ihr
                    mir!» Er spuckte großartig aus und schritt davon. Spöttisches Gelächter schallte
                    ihm hinterdrein, und einer sagte: «Dem pressiert's.»</p>
                <p>«Geh nur», rief ihm Fritz nach, «es bravet, wenn du weg bist. Geheiratet hättest
                    du es nicht, das Rötelein, das ist richtig. Aber sonst wäre es dir gut genug
                    gewesen, trotz der roten Haare. Du wärest ihm sonst weniger oft und lang auf der
                    Scheiterbeige herumgeripst.»</p>
                <p>Der Balzer schaute nicht mehr um. Er klopfte nur auf jene Gegend, die man
                    höflicherweise als den «untern Rücken» zu bezeichnen pflegt.</p>
                <p>«Ist das Tatsache?» fragte einige Zeit nachher einer der Burschen.</p>
                <p>«Ja und gewiß», bekräftigte Fritz, «unaufhörlich hat er ihm nachgestellt. Briefe
                    hat er ihm auch geschrieben und Zusammenkünfte vorgeschlagen. Doch das ist noch
                    nicht alles. Einige Zeit nachher kam das Rötelein ins Gerede; vielleicht habt
                    ihr auch einen Ton davon vernommen. Man brachte es in einen Lärm mit dem
                    Gratbauer, bei dem es Haushälterin und Magd ist. Und wenn nicht alles trügt, ist
                    es der Balzer, der dieses schändliche Gerücht ausgestreut hat. Beweisen freilich
                    kann man es ihm nicht, dafür hat er die Sache schlau genug eingefädelt. Und
                    Leute, die nicht begreifen konnten, warum das Rötelein so lange bei dem harzigen
                    Batzenklemmer aushielt, glaubten es ihm, etwas blieb immerhin hängen.»</p>
                <p>«Warum blieb es denn eigentlich so lange?» fragte Gerbepeter.</p>
                <pb n="227"/>
                <p>«Warum? Weil ihm die kleinen, mutterlosen Kinder so sehr anhingen. Darum! Und
                    weil es ein Weibervölklein ist, dem alles Böshaben nichts macht, das sich in
                    alles schicken kann. Die Hübscheste kriegt er nicht, der Hans, aber eine, die
                    sich drehen kann wie ein Zwirbelein.»</p>
                <p>«Wenn ich Hans gewesen wäre, den Balz hätte ich ausgewindet nach Noten.»</p>
                <p>«Oh, man kennt den Hans. Er überlegt sich alles gar genau und ist eine gute
                    Seele. Item, mir war er ein lieber Kamerad die ledige Zeit durch, und mit dem
                    Rötelein habe ich manchen Tanz getanzt und manches Lied gesungen. Und wenn sie
                    Hochzeit halten, muß geschossen sein, und wenn der Balzer Dummheiten macht, so
                    klopfen wir ihm das Leder.»</p>
                <p>«Meinetwegen. Ich helfe auch mit. Nur haltet jetzt endlich euere Lafern, so kann
                    man schlafen», reklamierte einer, während ein zweiter schon recht wacker Holz
                    raspelte.</p>
                <p>«Steht ihr lieber auf! Besser ist, wir gehen nach Hause; hier liest man die
                    Gliedersucht auf.»</p>
                <p>Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Einige blieben liegen und feilten
                    Sägen, die andern gingen heim.</p>
                <p>*</p>
                <p>Es war am zweiten Freitag im April des folgenden Frühlings. An der Waldecke, wo
                    die Wege zusammenliefen, stand der Tannerhans. Er trug eine nagelneue
                    Halbleinkleidung und befand sich überhaupt im höchsten Sonntagsstaate; denn
                    heute war sein Hochzeitstag, und er erwartete hier seine Braut. Schon lange
                    hatte er angelegentlich gehalst, ob sie nicht komme. Als sie <pb n="228"/>endlich an der Wegbiegung auftauchte, schlüpfte er schnell hinter eine große
                    Tanne. Doch das Rötelein hatte ihn schon erblickt.</p>
                <p>«Komm nur hervor», rief es neckend, «oder soll ich etwa umkehren?»</p>
                <p>«Wie du meinst», antwortete Hans, kam aber mit bemerkenswerter Hurtigkeit aus
                    seinem Verstecke hervor.</p>
                <p>Einen Augenblick betrachteten sich die beiden Hochzeitsleutchen.</p>
                <p>«Potz!» gab Hans seiner Bewunderung Ausdruck. Auch das Rötelein war neu
                    eingerumpft, vom Kopf bis zum Fuße. Es trug die schöne Bernertracht, und sie
                    stund ihm wohl.</p>
                <p>«Hast du mir ein Hochzeitsmailein mitgebracht?» forschte es. «Sieh, hier ist das
                    deinige.» Es steckte Hansen ein Geraniumträubelchen mit einem grünen Blatte ins
                    Knopfloch.</p>
                <p>Der gute Hans stand da wie ein Lichtstock.</p>
                <p>«Du», er kratzte sich kleinlaut in den Haaren, «ich hab's wahrhaftig vergessen.
                    Sie riefen mir noch etwas nach von einem Hochzeitsmaien; aber ich meinte, es
                    wäre Spaß. Weißt was, steck du nur den Geranium ein, mich kränkt's nicht, wenn
                    ich keinen habe.»</p>
                <p>«Dann meinen die Leute, ich sei das Vergeßliche gewesen.»</p>
                <p>«Ja, was fangen wir denn nun an?»</p>
                <p>«Oh, ich kann ja eine Säublume ins Mieder stecken», entgegnete das Rötelein, halb
                    neckend, halb spottend.</p>
                <p>«Nein, das sollst du nicht; aber wart nur, unterwegs findet sich vielleicht doch
                    etwas für dich.»</p>
                <p>Und es fand sich wirklich etwas. Nach einiger Zeit <pb n="229"/>kamen sie zu
                    einem blühenden Kirschbaum. Rasch entschlossen kletterte Hans über den Stamm
                    hinauf, das Rötelein wehrte ab.</p>
                <p>«Zerreiß deine Hosen nicht, daß ich sie dir nicht schon am Hochzeitstag flicken
                    oder mit einem Lumpenhudi in die Kirche muß. Lieber gehe ich ohne Mailein.»</p>
                <p>Aber schon stand er vor ihm und überreichte ihm das erhaschte
                    Blütenzweiglein.</p>
                <p>«Ins Haar stecken mußt es!»</p>
                <p>«Ja, wahrscheinlich», erwiderte es und verzog den etwas zu groß geratenen Mund
                    mit den kräftig geschnittenen Lippen zu einem überlegenen Lächeln. «Schön
                    abstechen würd's; dann meinten sie noch, ich wolle mit meinem mißfarbenen
                    Haarschopf Hoffart treiben.»</p>
                <p>«Laß sie doch reden. Sie sollen meine Augen nehmen und dich anschauen, dann
                    gefällst du ihnen.» Er guckte dem Mädchen zärtlich in die goldig schimmernden
                    Braunaugen und haschte nach seiner herabhängenden Hand. «Du, manchmal gelüstet
                    es mich selber, dir Rötelein zu sagen. Es klingt so schön, und weißt du, ich
                    denke dann immer an das flinke Vögelein, das so munter in den Stauden
                    herumschlüpft und so lustig pfeifen kann. Rötelein! Staudenrötelein!»</p>
                <p>«Ei, ei», lachte das Mädchen schelmisch, «nun bekomm' ich doch noch eine
                    Liebeserklärung. Es war aber auch die höchste Zeit. Nach dem Kirchgang hätt's
                    geheißen: Hans Hintennach kommt zu spät.»</p>
                <p>Darauf wußte Hans nicht mehr zu antworten, und schweigend schritten sie Hand in
                    Hand durch die knospende, blühende Frühlingsnatur. Lichter Sonnenschein <pb n="230"/>lag auf den goldgelben Löwenzahnmatten, von denen sich die
                    blütenweißen Kirschbäume und die dunkelgrünen Tannenwälder so freudig abhoben,
                    und der Himmel und die fernen Hügelzüge steuerten zu dem lieblichen Bilde ihr
                    zartestes Blau bei. Auch in die Herzen der Hochzeitsleute drang ein mildheller
                    Abglanz des sonnigen Tages und verstärkte die gehobene Stimmung. Sie trauten
                    einander das Beste zu, und darum war es ein fröhliches Wandern.</p>
                <p>«Wunderlich geht's doch zu auf der Welt», begann Hans nach einer Weile. «Wer uns
                    das prophezeit hätte, als wir noch in die Schule gingen! Erinnerst du dich auch
                    noch? Du warst freilich noch ein ganz kleines Bimserlein, als ich aus der Schule
                    kam. Aber ein böses Teufelchen! Die Nägel, Zähne und Schuhnasen wußtest du zu
                    gebrauchen, wenn du geplagt wurdest.»</p>
                <p>«Und du warst ein lang aufgestengelter Gabriel und saßest trotzdem in der
                    Unterschule. Wenn mir einer gesagt hätte, dieser ungeschickte Junge werde eines
                    Tages mein Mann, hui, die Augen hätte ich ihm ausgekratzt. Denn wild und trotzig
                    war ich, das stimmt. Der alte Schulmeister sagte mir mehr als einmal: Du bist
                    ein Wildsäulein!»</p>
                <p>«Siehst du, zur Strafe mußt du nun den ungeschickten Jungen mannen. Und Geduld
                    wirst du viel haben müssen mit ihm! Schaffen, das kann ich! Sei's Landarbeit,
                    Holzarbeit oder Zementerei, ich weiß mir zu helfen; es läuft mir aus der Hand.
                    Und hausen und sparen kann ich; da darfst du ruhig sein. Aber das Rechnen und
                    Schreiben muß ich dir überlassen; es ist für mich ein bitteres Kräutlein, daß
                    ich dich damit plagen muß.»</p>
                <p>«Was wir zu schreiben und zu rechnen haben, ist im <pb n="231"/>Grunde nicht
                    viel, und ich getrau' mir schon, damit fertig zu werden.»</p>
                <p>Wieder schritten sie eine ganze Strecke stillschweigend nebeneinander her. Kamen
                    Leute oder Häuser in Sicht, dann löste das Rötelein seine schlanken Finger aus
                    Hansens breiter Tatze und sagte:</p>
                <p>«Nicht narrochtig tun vor den Leuten!»</p>
                <p>War die Luft wieder rein, so fanden sich auch die Hände wieder. Hansen machte
                    noch manches Gedanken. Er wußte nicht, ob er rechts oder links vom Altar zu
                    stehen habe, und jammerte, es sei halt das erstemal, daß er Hochzeit halte. Das
                    Rötelein lachte ihn aus und beruhigte ihn, man werde ihnen schon Plätze
                    anweisen. Zwischenhinein erzählten sie einander, was die neuen Schuhe gekostet
                    haben, und berieten, wo und was sie zum Mittagessen bestellen wollten.</p>
                <p>So kamen sie nach anderthalbstündiger Wanderung in der Kirche ihres Wohnortes an.
                    Trauen sollte sie ihr Unterweiser, der sie kannte. Sie durften ihm frei und
                    ungescheut in die Augen schauen und wußten, daß er an ihnen väterlichen Anteil
                    nahm.</p>
                <p>Dem greisen Seelensorger war schon manchmal angst und bange geworden, wenn sich
                    Paare trauen ließen. Protzig aufgesträußt traten die einen zum Altar, fahrig und
                    schlampig die andern. Dem einen guckte die Leichtfertigkeit aus allen Winkeln,
                    andern die kälteste Berechnung. Dirnenhafte Lüsternheit, Gemeinheit, Roheit –
                    ach, was hatte er schon alles von den Gesichtern gelesen und wie oft den
                    Ehestand zum Wehestand werden sehen!</p>
                <p>Heute blickten die hellsichtig gewordenen Augen mit stillem Wohlgefallen auf zwei
                    schüchterne, linkische <pb n="232"/>Leutchen. Zagen Schrittes waren sie über die
                    Schwelle getreten; demütig gesenkten Hauptes standen sie da. Die Braut faltete
                    kindlich fromm die Hände; der Bräutigam wollte es ihr nachtun. Nur hinderte ihn
                    der schöne neue Hut, den man doch nicht wohl zerknittern durfte, weil er so viel
                    gekostet hatte. Mit leiser Rührung gewahrte der Greis die beklemmende
                    Verlegenheit. Da fiel der suchende Blick des Hochzeiters auf den Stuhl des
                    Kirchendieners. In wenig Schritten, auf den Zehen hatte er ihn erreicht und den
                    Hut dort geborgen. Nun konnte er die Hände regelrecht falten, wie es ihn die
                    Mutter gelehrt hatte. Und wie nun der alte Herr das Paar in scheuer Ehrfurcht
                    vor sich stehen sah, strömte eine Welle jugendlicher Gemütswärme durch seine
                    Brust. Weggeweht war der Eingang seiner studierten Rede. Andere Worte erblühten
                    ihm auf den Lippen, schlichte, gütige Vaterworte.</p>
                <p>«Liebe Kinder», sprach er ergriffen, «es freut mich, daß ihr eure Hände immer
                    noch falten mögt zum Gebet, wie zur Zeit, als ihr zu mir in die Christenlehre
                    kamt. Tut allezeit wie heute, leget aus den Händen und verbannet aus den Herzen,
                    was euch hindert, vertrauensvoll die Hände zu falten. Und es freut mich, daß
                    diese Hände, die ich heute ineinanderlegen darf, rauh geworden sind von
                    ehrlicher Arbeit. Mir ist, als sehe ich durch eure klaren Augen hinab in eure
                    Herzen. Und mir ist, als wohne dort ein verständiger und rechter Sinn und ein
                    herzliches Verlangen nach Segen. Darum lasset mich segnen und sprechen von dem,
                    was euern gemeinsamen Lebensweg erhellen, erleichtern und fruchtbar machen
                    kann.»</p>
                <p>So redete er weiter in herzlichem Eifer, lehrte, ermahnte <pb n="233"/>und
                    ermunterte, und sie hörten ihm tief ergriffen zu und suchten zu erfassen, was
                    sie zu erfassen vermochten. Dabei keimte in ihnen ein schönes Glücksgefühl auf:
                    Wenn wir reiche und vornehme Leute wären, mehr hätte er nicht anwenden können.
                    Sie spürten ein Gutmeinen und Vertrauen, das sie erhob und ihre guten Vorsätze
                    befestigte.</p>
                <p>Als die heilige Handlung vollzogen war, wollte Hans auch seine gute Meinung und
                    Dankbarkeit bezeigen. Angelegentlich fragte er nach den Kosten und war fast
                    betrübt, als der alte Herr lächelnd abwinkte.</p>
                <p>Kaum waren sie draußen auf dem Friedhof, sagte das Rötelein: «Schön war's, und
                    nie, nie wollen wir das vergessen!»</p>
                <p>«Allweg, allweg», stimmte Hans eifrig bei, «wenn man nur alles behalten könnte.»
                    Hand in Hand schritten sie über den Kirchhof, zwischen den mit Weißschlüsselchen
                    und Arabis geschmückten Gräbern hindurch, feierlich und ernst.</p>
                <p>Draußen vor der Kirchhofpforte aber wehte Hansen plötzlich ein Übermutslüftchen
                    an, und neckend sprach er: «Jetzt hat's dich!»</p>
                <p>«Und dich hat's auch», gab das Rötelein lächelnd zurück. In fröhlicher Stimmung
                    traten sie in die Wirtsstube und setzten sich bald darauf an die weißgedeckte
                    Tafel. Suppe, Fleisch und Gemüse hatte Hans bestellt; das ließen sie sich
                    munden. Sogar zu einer Flasche Vermachtem wollte er sich versteigen. Doch das
                    Rötelein wehrte kopfschüttelnd ab:</p>
                <p>«Nicht herrschelig anfangen und armüetelig aufhören! Offener tut's auch.» Da
                    bestellte Hans einen Fünfer Weißen; aber vom Bessern. Die Kellnerin rümpfte <pb n="234"/>ein wenig die Nase darüber; die Wirtin hingegen nickte der jungen
                    Frau freundlich zu und ließ sich mit ihr in ein Gespräch ein. Alles nahm einen
                    guten Verlauf; nur beim Bezahlen kam Hans ein wenig in Not. Zwei Essen und einen
                    Fünfer konnte er nicht mit der wünschenswerten Geschwindigkeit zusammenschlagen.
                    Er wußte sich aber zu helfen. Seinen Geldbeutel dem Rötelein zuschiebend, sagte
                    er: «Zahl du, du weißt besser Bescheid mit dem Trinkgeld», und wurde ein wenig
                    rot. Unbefangen berichtigte das Rötelein die Schuld, und niemand merkte
                    etwas.</p>
                <p>Im frühen Nachmittag begab sich das Paar auf die Hochzeitsreise. Sie führte nicht
                    in der halben Schweiz herum oder gar nach Italien. In einer Nachbargemeinde
                    hatte Hans ein kleines Gütchen gekauft, das wollten sie besuchen und
                    besichtigen. Die Sonne brannte schon recht warm, und Hans trug seinen schweren
                    Wollhut in der Hand, damit ihm der leise streichende Nordost die schweißnasse
                    Stirne kühle. Als sie das Dorf hinter sich gelassen hatten, zog er aus seiner
                    Busentasche sein Stutzerlein und wies es listig blinzelnd der jungen Frau vor,
                    stopfte aber noch nicht. Erst als sie gutmütig lächelte und sprach: «So, hat das
                    auch mit uns Hochzeit gehalten», kam auch der Tabakbeutel zum Vorschein. Da sie
                    nicht Einsprache erhoben hatte, wurde in aller Behaglichkeit gefüllt und in
                    Brand gesteckt.</p>
                <p>«Wenn jemand kommt, tu' ich weg. Nur – auf das Essen gehört ein Mundvoll
                    Tabakrauch, sonst ist das Tüpflein nicht auf dem i.»</p>
                <p>Er schwelgte königlich an dem wohlfeilen Murtenbieter, und munter schritten sie
                    fürbas, hügelauf und hügelab. Dann lenkten sie ihre Schritte in ein
                    Seitentälchen, <pb n="235"/>das enger und enger wurde, bis zuletzt jede Talsohle
                    aufhörte und die Abhänge beidseitig hausdachsteil emporstiegen.</p>
                <p>Das Rötelein hatte sein zukünftiges Heim erst ein einzig Mal gesehen. Kurz vor
                    dem Abschluß des Kaufes war's gewesen. Hansens Vater und Bruder waren auch
                    mitgekommen, um erwägen zu helfen. Damals lag aber das Gütlein zum Teil noch mit
                    Schnee bedeckt, im Winterschlaf. Nun mußte es die warme Lenzsonne geweckt und
                    geschmückt haben. Wie mochte es sich wohl jetzt ausnehmen? Unvermerkt beflügelte
                    das Paar seine Schritte und geriet nach und nach ins Juden. Hansen war das
                    Pfeiflein längst ausgegangen; denn er wickelte an schweren Gedankenknäueln.</p>
                <p>«Wenn's uns nur gut geht», wiederholte er mehrmals. «Ein Gewagtes ist es immerhin
                    für uns. Unsere gemeinsamen Ersparnisse frißt die Anzahlung fast weg. Das
                    wenige, was uns mein Vater herausgeben kann, reicht nicht viel weiter als für
                    den Besatz. Wir werden anfangs sehr kurz abbeißen müssen.»</p>
                <p>«Es wird schon gehen», ermutigte ihn das Rötelein. «Sobald wir angepflanzt haben,
                    suchst du Arbeit bei den Bauern und überlässest mir das Heim.»</p>
                <p>So redeten sie noch lange ernsthaft und verständig über ihre Zukunft, und endlich
                    standen sie am Fuße ihres Gütchens, dem die Nachmittagssonne eine
                    verschwenderische Fülle von Licht und Glanz spendete. Freundlich blickte das
                    braune Häuschen auf sie herunter. Es stand ungefähr in der Mitte des Erdreichs
                    auf einem kleinen Vorsprung, zu dessen Seiten sich das Land muldenförmig
                    auskehlte. Vom Fahrsträßlein hinauf <pb n="236"/>führte ein Karrweg. In einer
                    einzigen Kehre kletterte er den Abhang hinauf. Alte, knorrige Kirschbäume
                    hielten das Wegbord mit ihren Wurzeln fest und hatten sich den Sommerhut über
                    und über mit Blüten besteckt.</p>
                <p>«Sieh, sieh», rief das Rötelein erfreut und weidete sich an dem herrlichen
                    Anblick. Kopf an Kopf blühte der Löwenzahn, wunderbar leuchtete das Grün des
                    Hanges. Oben am Buchrain guckte das erste zarte Laub, und eine große weiße
                    Stockwolke schaute über die Wipfel auf die Ankömmlinge.</p>
                <p>«Ganz, ganz anders sieht's aus als das erstemal, viel, viel freundlicher. Aber
                    Zeit wird's jetzt, daß wir antreten. Es ist gut, können wir nächste Woche
                    zügeln. Jetzt komme ich gerne hieher.»</p>
                <p>Diese anerkennenden Worte versetzten auch Hansen in eine zuversichtlichere und
                    angeregte Stimmung.</p>
                <p>«Das Gras hat mächtig gewachsen, seit ich das letztemal da war. Der Boden ist gut
                    und die Bäume werfen auch etwas ab.» Im Aufwärtsschreiten berieten sie schon, wo
                    und was sie anpflanzen wollten, statteten auch den Äpfel- und Birnbäumen einen
                    Besuch ab und stellten einen schönen Blütenansatz fest.</p>
                <p>Das Häuschen stand leer, der frühere Besitzer war schon ausgezogen und hatte
                    nicht die beste Ordnung hinterlassen. Im Brunnenschopf langte Hans hinter einen
                    Rafen hinauf, holte den Türschlüssel herunter und öffnete. Sie traten in die
                    Küche, die ihnen leer und unfreundlich entgegengähnte. Große Löcher im Lehmboden
                    zeigten, daß hier gleichgültige Menschen gewohnt hatten. «Das muß ändern», sagte
                    das Rötelein, «so könnte man einen Fuß verstauchen.» Ungemütlich <pb n="237"/>sahen auch die leeren Stuben aus. Doch hatte die Sonne ungehinderten Zutritt;
                    das Gütlein trug nicht umsonst den Namen «Sonnseite».</p>
                <p>«Sobald der Hausrat drinnen ist, sieht alles ganz anders aus», tröstete Hans. «In
                    diese Ecke stellen wir das Bett. An die Wand kommt der Schrank, dort der Tisch.
                    Dann setzest du dich hier und bist die Bäuerin; ich sitze dort und bin der
                    Bauer.» Er schlang ihr den Arm um den Nacken und zog sie an sich. «Freut's dich,
                    sag, freut's dich?» Sie nickte, gab ihm einen Kuß und sprach: «Weil's unser
                    ist.»</p>
                <p>«Unser und den Schulden. Doch glaub' ich nicht, daß wir zu teuer gekauft haben;
                    ich glaub's nicht.»</p>
                <p>«Anwenden werden wir müssen; aber ich sorge mich gar nicht so sehr wie du. Wenn
                    wir nur gesund sein können.»</p>
                <p>Dann nahmen sie ihren Rundgang wieder auf, schritten durch Keller, Tenne und
                    Stall und stiegen über die Einfahrt auf die Bühne, wo noch ein kleiner Rest Heu
                    und Stroh, den Hans mitgekauft, vorhanden war. Überall erblickte Hans Dinge, die
                    auf seine geschickte Hand warteten.</p>
                <p>«Gut ist's, daß ich mich auf die Holzarbeit verstehe. Wenn wir zügeln, nehmen wir
                    auf der Säge gleich Laden und Schwarten mit, damit ich das Notwendige sofort
                    ausflicken kann. In einem halben Jahr wird vieles geändert haben.»</p>
                <p>Den Garten traf das Rötelein höchst verwahrlost an und erinnerte sich dabei, daß
                    es sich noch nach Sämereien umsehen müsse. Für Kartoffeln hatte Hans gesorgt,
                    indem er schon das Jahr vorher Samen gekauft und auf dem väterlichen Gütlein ein
                    Stück angepflanzt und einen <pb n="238"/>schönen Ertrag geerntet hatte. Darüber
                    waren sie jetzt froh. Denn, wo sollten sie sonst in der ersten Zeit das Gemüse
                    hernehmen?</p>
                <p>Gar mancherlei rieten sie noch ab; dies und jenes Vergessene kam ihnen in den
                    Sinn, und als der Abend nahte, hatten sie das Gefühl, einen schönen und
                    fruchtbaren Nachmittag verlebt zu haben. Zufrieden und vergnügt traten sie den
                    mehrstündigen Heimweg an, nicht ohne sich noch ein paarmal umzuwenden und ihr
                    Gütlein zu bestaunen. Als sie endlich in Hansens Vaterhaus anlangten, war es
                    schon spät in der Nacht, und die derbledernen Hochzeitsschuhe hatten dem
                    Rötelein Blasen gedrückt. Dieses kleine Ungemach vermochte ihm jedoch nicht den
                    Humor zu trüben. «Dafür hat uns der Balzer in Ruhe gelassen», sagte es, «das ist
                    auch etwas wert. Und sind wir erst in unserem Heim, dann sind wir ihm aus den
                    Augen für immerdar.» «Das wird auch ihm das Liebste sein», fügte Hans bei, und
                    dann begaben sie sich zur Ruhe.</p>
                <p>*</p>
                <p>In der nächsten Woche zügelten sie. Nachbarn und Freunde, darunter Bühlfritz und
                    Gerbepeter, erwiesen ihnen den Liebesdienst gegen Versorgung mit Speise und
                    Trank. Drei schwere Fuder husterte man den Kehrstutz hinauf.</p>
                <p>Drei Fuder! Wie hatte das Rötelein Augen gemacht beim Aufladen. Dieser Hans! Was
                    das für ein Heimlichfeißer war! Einen Küchentisch hatte er selber geschreinert,
                    einen Geschirrständer, eine Abwaschbank! Fünfzig glattgeputzte Bohnenstangen
                    lagen bereit, daneben ein mächtiger Bund Erbsstichel! Ein feingehobeltes <pb n="239"/>Waschbrett streckte keck seine starren Beine gen Himmel! Immer mehr
                    kam zum Vorschein, eine Grasbähre, eine Mistbähre, eine Bänne! Eine
                    Schorschaufel, Waschstecken und Rechen zog Hans hinter dem Tennstor hervor.
                    Reiswellen hatte er gehackt, Scheiterholz gemacht und in Säcke verpackt. Auch
                    die notwendigsten Feldwerkzeuge besaß er schon und hatte glattbuchene Stiele
                    hineingeschnitzt.</p>
                <p>Das Rötelein kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Niemals hatte ihm Hans von
                    diesen Dingen ein Wörtlein gesagt. Fragen war er ausgewichen: Das werde sich
                    schon finden. Und doch hatte es ihn manchmal fast verjagt, daß er schweigen
                    mußte. Aber es sollte eine Überraschung sein für die junge Frau, und darum
                    bezwang er sich.</p>
                <p>«Weißt du, wann ich damit angefangen habe? An jenem Tage, als du mir zeigtest, du
                    mögest mich leiden. Fast zwei Jahre ist es seither! Und beinahe jede freie
                    Stunde habe ich daran gearbeitet.»</p>
                <p>«Ist's möglich, du? Und mir nie ein Wörtlein verraten!» Wie zwei Sönnchen so hell
                    und warm leuchteten ihn des Röteleins Braunäugelein an. «Ein Lieber bist, ein
                    Braver bist!» sprachen sie zu ihm so hold, daß ihn ein großes Glücksgefühl
                    durchrieselte. Dem Rötelein schien, ein schöneres Hochzeitsgeschenk habe noch
                    nie eine junge Frau erhalten und nach einem solchen glückhaftigen Anfang könne
                    es ihnen nicht fehlen.</p>
                <p>Freilich, als man ablud, wurde das junge Paar schon etwas kleinlauter. Stück um
                    Stück verschluckte das Haus, und noch gar manche Ecke blieb leer. Als man die
                    Fuhrleute bewirten wollte, fehlte es an diesem und jenem, obschon Hansens Mutter
                    vorsorglich gekochtes <pb n="240"/>Dörrfleisch und Gemüse mitgegeben hatte, das
                    bloß gewärmt zu werden brauchte. Immerhin verließ keiner durstig und ungesättigt
                    das Haus, als sie heimkehrten. Das geschah noch am selben Abend; denn die
                    Nachbarn hatten Verstand und begehrten nicht, einen Anfänger, der auf den Batzen
                    sehen mußte, zu brandschatzen.</p>
                <p>Nun waren Hans und das Rötelein allein. Es besorgte noch die Küche und er den
                    Stall. Dann beschauten sie gemeinsam ihre Tiere: ein trächtiges Rind, einen
                    Jährling und eine Milchziege. Letztere mußte vorläufig noch allein die kleine
                    Haushaltung mit Milch versorgen. Das schien ihr jedoch wenig Besorgnis zu
                    verursachen. Sie hatte ein prächtiges Euter und einen Kopf voll lustiger Faxen.
                    Auch Falch, das Rind, war ein gefreutes Tier und versprach Nutzen zu bringen.
                    Angesichts dieses lebendigen Reichtums kehrte den zwei Leutchen die
                    zuversichtliche Stimmung wieder.</p>
                <p>«Manche müssen noch viel weiter unten anfangen als wir», sagte Hans, als sie in
                    der Stube beisammen saßen. «Fehlen tut uns freilich noch viel. Aber mein
                    Werkzeug habe ich auch noch, und vieles, was ein anderer kaufen müßte, bringe
                    ich selbst zustande. Wenn ich irgendwo abmessen und abschauen kann, bring' ich's
                    schon in den Kopf. Nur wenn ich mir Dinge vorstellen soll, die man nicht sehen
                    und mit der Hand greifen kann, Dinge, die keinen Kopf und keine Füße, kein
                    Vornen und kein Hinten, kein Unten und kein Oben haben, will's mir nicht
                    glücken. So war's mit dem Rechnen in der Schule. Wohl hatte die Lehrerin ein
                    Gestell mit Drahtstengelchen und Röllchen dran und sagte: Das sind fünf, das
                    sind zwölf, das sind vierzig. Ich sah immer nur, daß das Gestell geviert und die
                    Kügelchen rund <pb n="241"/>waren. Ein solches Gestell hätte ich zur Not schon
                    damals herausgebracht, die Röllchen hingegen nicht, und das beschäftigte mich am
                    meisten. Immer mußte ich nachsinnen, wie man die erstellen könne. Wie es mit den
                    krummhakigen Ziffern zusammenhing, begriff ich nicht recht; sie hatten weder
                    Ähnlichkeit mit den Kügelchen noch mit dem Gestell. Erst in den letzten Jahren
                    dämmerte mir einiges auf; aber die Lehrerin hielt mich für einen
                    unverbesserlichen Dummkopf und ließ mich sitzen. Geschlagen hat's mich seither
                    oft, und wenn mich die Lehrerin das Rechnen hätte lehren können, wollte ich auf
                    den Knien zu ihr hinrutschen und ihr danken. Manchmal scheint mir, wenn ich noch
                    einmal vornen anfangen könnte, jetzt würde ich der Sache Meister; aber nun ist's
                    zu spät.»</p>
                <p>«Und wenn ich's dich lehren könnte? Mit einem einzigen Schüler geht's auch
                    leichter, als wenn man deren achtzig und so viele Klassen hat.»</p>
                <p>«Das gib auf. Höchstens ärgerten wir uns beide. Schämen werde ich mich freilich
                    noch manchmal müssen.»</p>
                <p>«Dafür bin ich das Rötelein, habe das Zifferblatt voller Laubflecken und einen
                    großen Mund. So passen wir zusammen und haben einander nichts vorzuhalten.»</p>
                <p>Das ließ Hans nicht gelten. Zum mindesten mußte ausprobiert und gemessen werden,
                    welches von beiden den größeren Mund besitze. Dabei machte Hans die Erfahrung,
                    daß an einem großen Mund auch mehr zu küssen sei und man weniger leicht
                    danebentreffe, und so nahm der Tag ein vergnügliches Ende.</p>
                <p>Am andern Morgen, als Hans erwachte, hatte das Rötelein sich schon gekämmt. Rasch
                    sprang er aus den Federn, säuberte sich beim Brunnen und nahm die <pb n="242"/>Sense zur Hand. Das Land, das sie umgraben wollten für Kartoffeln, mußte
                    vorher noch abgegrast werden. Mit Räf und Grasbogen ausgerüstet, ging er
                    hinunter an den Abhang. Bald kam das Rötelein mit dem Rechen nach. Als es den
                    Hans am Abhang kleben und tapfer schwerten sah, flog ihm eine Erinnerung durch
                    den Kopf, und es neckte mit heller Stimme: «Magst es ergritten?» «Denk wohl!»
                    nickte Hans mit einem Lächeln und holte noch wuchtiger aus. Dann packten sie das
                    zarte Futter zusammen und schafften es nach Hause.</p>
                <p>Während Hans fütterte, bereitete das Rötelein den Morgenkaffee, und bald ging's
                    wieder auf das Äckerlein, diesmal mit Bähre, Schaufel, Karst und Hacke. Mit
                    Anfurchen versäumten sie sich nicht lange. Erdseil, Erdscheibe und Zugkraft
                    fehlten ihnen noch, darum mußten sie sich anders behelfen; wie, hatte Hans sich
                    schon ausgedacht. Die Erdschollen aus der ersten Furche schichteten sie an einen
                    Haufen. Oben stieß das Kartoffelland an den Weg, der notwendigerweise
                    verbreitert werden mußte. Dabei ließ sich leicht Erde gewinnen zum Füllen der
                    obersten Furche. Den Erdhaufen konnte man später hinaufführen, wenn man den
                    Falch zum Ziehen gewöhnt hatte.</p>
                <p>Gegen Mittag war schon ein ansehnliches Stück umgegraben. Unverdrossen schwang
                    Hans den vierzinkigen Karst, und das Rötelein schälte ihm den Rasen in die
                    Furche. Manchen großen Kiesel lochten sie aus dem leichten, riesligen Boden
                    hervor. Das focht aber Hansen nicht an. «Du wirst sehen, wie gut wir die später
                    gebrauchen können», sagte er.</p>
                <p>Als sie genug umgegraben hatten für Frühkartoffeln, Zucker- und Kiefelerbsen,
                    ging's ans Mistaustun. Der <pb n="243"/>Vorgänger hatte auch ein Düngerstöcklein
                    müssen liegen lassen. Davon lud man auf die Bänne und fuhr oben an das Bord.
                    Dann holte Hans im Walde starke, in die Breite verzweigte Tannäste. Auf diese
                    schichtete man die Schollen, schleifte sie wie auf einem Schlitten hinunter und
                    leerte ab. Am Abend war ein schönes Stücklein Land eingerichtet zum
                    Kartoffelsetzen. Sowohl Hans als auch das Rötelein waren zufrieden mit dem
                    ersten Tage. Ein Hochgefühl schwellte ihnen die Brust. Auf eigener Erde steht
                    der Fuß fest, und wäre sie noch so steil. Über eigener Erde lacht der Himmel
                    doppelt freundlich. Auf eigener Erde zu arbeiten ist Lust und Freude, und wäre
                    die Arbeit noch einmal so mühsam. Darum sprach am selben Abend das Rötelein sein
                    Tischgebet mit besonderer Innigkeit.</p>
                <p>Die nächsten Tage und Wochen verflogen den beiden wie im Traum. Wohl gab es
                    anstrengende Arbeit vom ersten Frührot bis in die Nacht hinein. Aber keines
                    spürte sie als Last. Denn über ihrem Leben leuchtete die Sonne der Zufriedenheit
                    und Genügsamkeit. Die gemeinsame Arbeit schweißte das junge Ehepaar
                    unzertrennlich zusammen. Jedes spürte, wie unentbehrlich ihm das andere sei. Die
                    Arbeit ließ ihnen nicht Zeit zum Spintisieren und Grübeln; keines hatte Muße,
                    die Worte des andern auf die Goldwaage zu legen oder so lange nachzukosten, bis
                    sie einen bittern Geschmack bekamen. Fuhr Hansen auch einmal ein unbedachtes
                    Wort heraus, so gebärdete sich das Rötelein deswegen nicht wie eine beleidigte
                    Majestät. Entgleiste des Röteleins flinkes Zünglein ein bißchen, so wunderte das
                    Hansen nicht sehr; Rädlein, die sich schnell drehen, müssen schnurren und
                    summen. Eines ließ des andern Machtbereich <pb n="244"/>unangetastet. In Küche,
                    Keller, Stube und Garten war die rote Farbe Trumpf. Stall, Tenne und Bühne
                    standen unter Hansens Oberhoheit, und der Acker war gemeinsam beherrschtes
                    Gebiet.</p>
                <p>Trotzdem fehlte es nicht an Sorgen. Die vielen, vielen Anschaffungen! Bald fehlte
                    dies, bald jenes. Unglaublich viel kostete es, und die Einnahmen flossen
                    spärlich. Garten und Acker, erst frisch bestellt, konnten nichts spenden. Des
                    Röteleins einzige Hilfstruppen waren sechs brave, braune Leghühner. Denen bekam
                    der Aufenthalt im Buchrain außerordentlich gut. Fast alltäglich schenkten sie
                    ihre Eier; damit konnte die Bäckerin befriedigt werden. Vor dem Schuldenmachen
                    hatte das Rötelein einen wahren Abscheu. Schulden kamen ihm vor wie Rostflecken;
                    immer weiter breiten sie sich aus, immer tiefer fressen sie ein. Lieber als
                    Schulden machen wollten sie sich mit magerer Kartoffelkost begnügen, obschon ihr
                    Tagewerk hart und anstrengend war und ihnen eine kräftige Eierspeise zu Mittag
                    wohlgetan hätte.</p>
                <p>Hansen wollte bei diesem Zustand manchmal der Humor schimmlig werden. Das
                    Rötelein hingegen ließ sich die Sorgenangst nicht übers Schuhleder hinaufwachsen
                    und blieb allezeit buschauf. Wollte er den Kopf hangen lassen und Klagelieder
                    anstimmen, dann sagte es: «Nimm auch wieder einmal dein Handörgelein hervor, das
                    muß auch seinen Zins abtragen. Wofür wären deine schönen Kehrlein, wenn ich sie
                    nie hören sollte. Man kann nachher viel besser schlafen.»</p>
                <p>Kolderte er immer noch und wollte nicht drauflos, so schmollte es ein bißchen mit
                    ihm, zog ihn auf oder knetete ihn, bis er weich und fügsam war. Fast immer
                    erreichte es seinen Zweck, ihn aufzuheitern.</p>
                <pb n="245"/>
                <p>Zu gelegener Zeit spielte auch der Zufall hinein. Dem Nachbar stürzte die
                    Brüggstockmauer ein und mußte neu aufgeführt werden; denn der Heuet stand vor
                    der Tür. Das war für Hansen ein Glücksfall. Er fand Arbeit und Verdienst und kam
                    zu Hause ab der Kost. Dann warf der Falch ein Kälbchen; nun rollte Geld ins
                    Beutelein. Die Heuernte kam. An den sonnigen Halden konnte man früh damit
                    beginnen. Lange vor den Nachbarn waren Hans und das Rötelein fertig, obschon sie
                    fast alles eintragen mußten. Bei dem großen Arbeitermangel war leicht,
                    gutbezahlte Taglohnarbeit zu finden, und das Rötelein flitzte durch Stauden und
                    den Waldrändern nach, um Erdbeeren zu sammeln. Die ließen sich verkaufen wie
                    Zucker, und obendrein kriegte Hans am Sonntag eine saftige Erdbeerschnitte. Nach
                    den Erdbeeren kamen die Heidelbeeren. Für manche feine Mahlzeit holte das
                    Rötelein in den Lichtungen und Holzschlägen der umliegenden Wälder. Und nun
                    begannen sich unten am Kehr die Kirschen zu röten. Sehnsüchtig blickte das
                    Rötelein zu ihnen auf und mochte fast nicht warten, bis es sie gewinnen konnte.
                    Als die ersten reif waren, mußte Hans ihm die Leiter aufstellen. Furchtlos stieg
                    es hinauf bis auf die obersten Sprossen. Ästlein um Ästlein zog es heran mit dem
                    Haken; Zweiglein um Zweiglein kirschte es ab; Krättlein um Krättlein voll trug
                    es über die Leiter ab; zuletzt war's ein großer Korb voll. Jetzt zog es sich
                    sonntäglich an, belud einen Karren mit Kirschen, Eiern und Salatköpfen aus dem
                    Garten und fuhr mit seinen Schätzen in die nächstgelegene, zweieinhalb Stunden
                    entfernte, größere Ortschaft. Wohl war die Entfernung etwas groß; aber des
                    Röteleins Hochzeitsschuhe hatten sich <pb n="246"/>nun den Füßen schon etwas
                    besser angewöhnt. Wohlgemut wanderte es die weite Strecke; freudige Erwartung
                    macht leichte Füße.</p>
                <p>Des Röteleins Kirschen glänzten so verlockend frisch und dufteten so würzig süß,
                    daß niemand widerstehen konnte. Als es am Abend heimkam, war all sein Geschirr
                    leer. Noch viel mehr hätte es brauchen können; eine ganze Anzahl Frauen hatten
                    ihm Bestellungen aufgegeben.</p>
                <p>Nun ging's frisch ans Gewinnen. Morgens in der Frühe, wie war's eine liebliche
                    Arbeit!</p>
                <l>«Chumm mir wei go Chirscheli gwinne,</l>
                <l>Weiß amen Ort gar grüseli viel.</l>
                <l>Ganzi Büscheli schwarzi, zweieti,</l>
                <l>Süeßi, saftigi hangen am Stiel!»</l>
                <p>Das Rötelein sang mit den Vöglein um die Wette, so leicht und froh war ihm ums
                    Herz. Ringsum, welch ein Segen, jedes Ästlein gehängt voll! Und die Kronen so
                    groß und dicht! Saß man oben, so schien ein einziger Baum ein kleines Wäldchen
                    zu sein, an dem man zwei, drei Tage abzulesen hatte. Bald merkte es, daß es die
                    Arbeit allein nicht zu bewältigen vermochte. Hans, der bisher meist nur die
                    Leiter weitergerückt hatte, mußte auch mithelfen. Sünde und Schande wär's, die
                    herrlichen Früchte geschänden zu lassen!</p>
                <p>Zu zweien war das Kirschen erst recht unterhaltsam. Sie kirschten um die Wette.
                    Das Rötelein mit seinen spazierigen Fingern lachte aber den Hans mit seinen
                    tolpatschigen Fäusten nur aus. «Ringlium!» rief es zu ihm hinauf, nachdem er
                    kaum noch den Ast recht erfaßt hatte. «Bodendeck!» meldete es schon, als er
                    immer noch nicht recht wußte, auf welche Seite den Kratten <pb n="247"/>schieben, damit er nicht unbequem sitze und doch bei der Hand sei. Als er
                    seinen Kratten etwas mehr als halb voll hatte, schickte es sich bereits an zum
                    Leeren. Und doch saß noch fast an jeder Kirsche der Stiel unverletzt, oder es
                    hingen zwei, drei Früchte zusammen und bildeten «Ohrbehänge», wie sie die Kinder
                    so gerne haben. Aus angeborner Klugheit vermied es jedoch, seine Überlegenheit
                    allzusehr fühlbar werden zu lassen und dem Manne dadurch die Arbeit zu
                    verleiden. Gegenteils wußte es Hansens zerflatterndes Selbstgefühl sehr
                    geschickt mit einem Endchen Lob zusammenzubinden.</p>
                <p>Von jetzt an war das Rötelein immer über den andern Tag unterwegs, bis der letzte
                    Baum leer stand. Obwohl sein Weg ein schönes Stück mit der Bahnlinie
                    zusammenfiel, ging es doch immer zu Fuß. Manchmal konnte es schon unterwegs
                    einen Handel abschließen und, was die Hauptsache war, das Fahrgeld blieb ihm in
                    der Tasche. Bald hatten es die Abnehmer um seines bescheidenen, freundlichen
                    Wesens willen liebgewonnen. Wenn sie ihm auch einmal nichts abkauften, zog es
                    ihnen deswegen keine sauren, mürrischen Mienen und blieb zufrieden und
                    gesprächig wie zuvor. So fand es dann für seine Ware schlanken Absatz, ohne daß
                    es aufdringlich zu werden brauchte. Und sosehr es Geld zu lösen wünschte, hatte
                    es doch das eine oder andere Mal auch eine Handvoll übrig für ein armes Kind,
                    das mit heißem Verlangen auf die süßen Früchte blickte. Es wußte, wie Entbehrung
                    schmeckt, und fühlte sich im Geben doppelt reich und glücklich.</p>
                <p>Wenn es müde, aber guter Dinge nach Hause kam, erzählte es Hansen bis aufs
                    Tüpfelchen, wie es ihm ergangen <pb n="248"/>sei und wer ihm abgekauft habe.
                    Dann überzählten sie strahlend die kleine Einnahme und fügten sie dem ersparten
                    Schatze bei, der in des Röteleins Tröglein wohlverwahrt auf Verwendung harrte.
                    Wäre es nach Hansens Willen gegangen, so hätte man das zwilchene Geldsäcklein
                    dreimal zugebunden und nicht nur mit einer Schnur, sondern mit Eisendraht. Ja
                    nichts fortgeben ohne Not, alles im Vorrat behalten, das war seine Meinung.
                    Dawider eiferte das Rötelein mit aller Macht. Geld soll nicht verschimmeln in
                    der Truhe, Geld soll Geld verdienen. Wofür hatte man Platz für Hühnerställe,
                    wofür den Buchrain mit der Sandgrube, der fast den ganzen Winter schneefrei lag
                    und Nahrung bot für die ganze Schar Hühner? Nein, jetzt mußten noch mehr Hühner
                    angeschafft werden, ein guter Stamm, von dem es sich lohnte zu züchten; Geld
                    blieb immer noch genug im Vorrat. Das begriff zuletzt auch Hans und gab
                    nach.</p>
                <p>Der Sommer war vorbei und hatte seine Schuldigkeit getan. Kein Hagelschlag hatte
                    die Felder verwüstet, kein Wolkenbruch die Erde der frisch aufgebrochenen Äcker
                    weggeschwemmt, und der Herbst schenkte eine reichliche Obsternte. Dreimal konnte
                    Hans auf die Station führen und zu guten Preisen losschlagen, ohne den Vorrat
                    für den Familientisch gefährlich zu schmälern. Trotzdem kehrte er niemals ein;
                    nicht ein Zweierlein gönnte er sich. Der letzte Batzen Obstgeld wanderte in des
                    Röteleins Kasse. Anfangs Winter gab's auch Käsgeld. Der Falch hatte brav
                    eingeschenkt; die Käse galten einen unerwartet hohen Preis; Hans kriegte mehr,
                    als er sich hatte träumen lassen. Ganz stolz kam er heim, die Hand immer im Sack
                    auf dem Klümplein. <pb n="249"/>«Du, ein wenig mehr zaunet es schon vom Falchli
                    als von deinen Hühnlein», prahlte er nicht wenig boghälsig. Das Rötelein ließ
                    dies Möstlein ruhig vergären und lächelte nur stillvergnügt in sich hinein; auch
                    ihm war wohlig warm ums Herzgrüblein.</p>
                <p>Am selben Abend nahm Hans ungeheißen seine Handharfe aus dem Gänterlein und
                    spielte Märsche und Lieder, was der Blasebalg hielt. Und das Rötelein summte
                    beim Abwaschen leise mit und klöpfelte mit der Fußspitze den Takt.</p>
                <p>Warum sollten sie nicht fröhlich sein? Küche und Keller bargen reichen Vorrat.
                    Das Heustöcklein dehnte sich behäbig in die Breite, und das Garbenstöcklein
                    ragte ganz ansehnlich in die Höhe. Und bogen sich im Kartoffelkrummen nicht die
                    Wände auswärts von der Last trocken gewachsener, mehliger Kartoffeln? Waren
                    nicht Obst, Kohl, Bohnen und Rüben wohl geraten? Lagen nicht für das kommende
                    Jahr schon allerhand Sämereien bereit? Hatte nicht das Rötelein für den Heizofen
                    und die Feuerplatte mächtige Haufen dürre Äste und Reiser aufgeschichtet? Lag
                    nicht das Geld bei Heller und Pfennig in der Lade für den Zinstag?</p>
                <p>Wohl, den Winter durfte man ruhig erwarten. Längst waren die Fußfallen des
                    Küchenbodens ausgeebnet. Schon im Sommer hatte Hans die ausgetretenen
                    Türschwellen und die wurmstichigen, verlöcherten Fensterbänke ausgemeißelt und
                    ausgeflickt. Warme Streue für das Vieh, dürres Buchenlaub und trockenes Moos war
                    herbeigeschafft. Ein großer Verschlag voll harrte der Verwendung. Der Dünger war
                    ausgeführt, die Weggleise mit Ackersteinen ausgefüllt. Mächtig war geschafft <pb n="250"/>worden den Sommer über, noch nie hatte das Sonnseiten-Erdreich so
                    viel Treue erfahren. Nur die letzten Vorbereitungen zum Empfange des Winters
                    waren noch zu besorgen. Das Kuh- und Ziegenställchen erhielt noch eine wärmende
                    Vortüre, der zügige Schopf eine schützende Wetterwand und der Brunnenstock ein
                    strohernes Übergewand. Dann durfte man auf das Dreschen los.</p>
                <p>Als auch diese Arbeit fertig war, kam der Wald an die Reihe. Zu dem Gütlein
                    gehörte nicht ganz eine Juchart, die teils mit Jungwuchs, teils mit Bauholz
                    bestanden war. Sogar einige Trämeltannen ragten über ihre Genossen empor und
                    bildeten Hansens größten Stolz. Sie standen an einer Stelle, wo sie schwierig zu
                    schlagen und wegzuführen waren, sonst hätte sie der vorherige Besitzer
                    wahrscheinlich noch gefällt, bevor er verkaufte. Hans aber gedachte, sie stehen
                    zu lassen, obschon sie nicht mehr den kräftigsten Wuchs aufwiesen. Wenn das
                    Unglück den Bauern schlägt in der Stube, im Stall oder auf dem Feld, wenn es ihn
                    vertreiben will von Haus und Hof, dann ist seine letzte Zuflucht der Wald. Davon
                    hatte auch Hans eine Ahnung, darum wollte er diesen treuen Freund und Helfer
                    nicht blößen. Doch durfte er sich wohl erlauben, für den häuslichen Bedarf und
                    in ganz bescheidenem Maße auch für den Verkauf das üppig wachsende Unterholz zu
                    schwenten und zu lichten.</p>
                <p>Das Rötelein blieb jetzt meist in der Stube. Es hatte zu flicken, zu stricken und
                    Kindszeug zu nähen; der Storch hatte für den Monat März seinen Antrittsbesuch
                    angemeldet. Nur bei ganz schönem Wetter half es dem Manne und schleppte ihm die
                    Äste an Haufen, während <pb n="251"/>er Reiswellen hackte. Dabei kam ihm ein
                    glücklicher Gedanke.</p>
                <p>«Du, Hans», sagte es, «jetzt hättest du gut Zeit, noch ein wenig rechnen zu
                    lernen. Wer weiß, ob ich im nächsten Sommer immer selbst mit den Eierkisten und
                    Kirschkörben fahren kann.» Dann erklärte es ihm, wie es sich das Rechnen
                    vorstelle. Hans solle fleißig seine Reiswellen zählen und nachrechnen, wieviel
                    ihm zu zehn, zwanzig, hundert oder zu jeder beliebigen Zahl fehlen. Abends solle
                    er immer melden, wie viele Stück er gemacht habe. Dann wollten sie gemeinsam
                    ausrechnen, wieviel man daraus lösen könnte, wieviel er dabei verdient habe und
                    anderes mehr.</p>
                <p>Hans machte anfangs eine Miene wie einer, dem der Arzt Blutegel ansetzen will. Er
                    fürchtete, sich schrecklich zu blamieren vor seinem klugen und geschickten
                    Frauchen. Aber es stellte ihm anfangs die Aufgaben so leicht, daß er nicht wohl
                    fehlgehen konnte. Allemal, wenn es Äste holen ging, stellte es ihm eine neue
                    Aufgabe; wenn es wiederkam, sollte er die Lösung gefunden haben. Seine Arbeit
                    hatte Hans so gut los, daß er ihr keine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden
                    brauchte. So wuchs denn trotz der Rechnungsstunde der Reiswellenhaufen. Damit
                    vergrößerte sich langsam auch der Zahlenraum und die Schwierigkeit der Aufgaben.
                    Doch machte Hans sich bei diesem behutsamen Vorwärtsschreiten ziemlich nach und
                    lernte auch sich selber Aufgaben stellen, wenn seine Frau nicht da war.</p>
                <p>Abends nahm ihn das Rötelein dann erst recht in die Kur. Mit dem Strickstrumpf in
                    den Händen saß es neben ihm und exerzierte mit ihm wie eine Lehrgotte, suchte
                    ihm die Bedeutung der Zahlen klarzumachen, <pb n="252"/>ließ ihn schreiben,
                    Zahlen zerlegen und zusammenfügen und hatte seine liebe Not mit ihm. Denn einen
                    harten Schädel besaß er immer noch, dafür aber auch einen festen Willen, ein
                    brennendes Interesse und ein hochentwickeltes Wertgefühl. Wenn er ein Resultat
                    schätzungsweise prüfte, entdeckte er jeden schlimmen Fehler sofort von selber.
                    Als er sich in die Zahlenverhältnisse ein wenig eingelebt hatte, stellte es ihm
                    angewandte Aufgaben. Er war der Verkäufer, es die Käuferin, und nun handelten
                    sie zusammen um Reiswellen, Eier, Pfund Kirschen, und es berappte ihm seine
                    Forderungen, lachte ihn ein bißchen aus, wenn er sich übertölpeln ließ, und
                    protestierte mit scheinbarer Aufgebrachtheit, wenn er überforderte, so daß die
                    Übungen ganz unterhaltlich verliefen. Und siehe: Was Hänschen nicht gelernt
                    hatte, lernte der Hans, und was die studierte Lehrerin nicht fertiggebracht
                    hatte, das erreichte das unstudierte Rötelein kraft seiner unerhörten Geduld und
                    Ausdauer.</p>
                <p>Wenn dringende Arbeit oblag, mußten die Übungen manchmal einige Tage ausgesetzt
                    werden; aber immer kehrte man wieder zu ihnen zurück; und als der Sommer kam,
                    durfte das Rötelein Hansen ziemlich unbesorgt mit Kirschen und Eiern handeln
                    lassen; so viel hatte er gelernt. Zur Beruhigung konnte es ihm ja immerhin eine
                    Tabelle in den Sackkalender schreiben, damit er in Zweifelsfällen nachsehen
                    könne, ob er sich überrechnet habe.</p>
                <p>Den Rest des Winters benutzte Hans dazu, allerlei Gerätschaften zu erstellen, die
                    ihnen noch fehlten. Ein unbenutzter Wohnraum diente ihm dabei als Werkstatt.
                    Auch für Nachbarsleute hatte er zu arbeiten, so daß seine Zeit wohl ausgefüllt
                    war und Geld einging.</p>
                <pb n="253"/>
                <p>Noch lang bevor der Kuckuck schrie, bekam das Rötelein Jugend. In der Wiege lag
                    ein strammer Bub und hielt Gesangübung ab. Und obschon er keineswegs eine so
                    sanfte melodische Stimme hatte wie der Kuckuck, gefiel es den Eltern doch über
                    die Maßen wohl. Für sie war der kleine Wiegensänger der rechte
                    Frühlingsbringer.</p>
                <p>Eine Woche lang hatte Hansens Mutter zur Aushilfe kommen müssen. Dann war das
                    Rötelein schon wieder fest auf den Beinen und emsig und flink hinter der Arbeit
                    her.</p>
                <p>Ja, als die Feldarbeit begann, schien es, erst jetzt kreise in ihm der rechte
                    Lebensstrom; die Augen sprühten und die Glieder federten. Wie ein Geißlein
                    kletterte es an den steilen Börtern der «Sonnseite» herum, an Leib und Seele
                    kernfrisch und saftig wie das Weidenholz im Mai. Das Bürschlein fand reichliche
                    Labung an der Mutterbrust; unversiegbar floß ihm der süße Born. Wohl wurde das
                    Rötelein etwas schmäler und schlanker, das schadete ihm jedoch nichts, weder
                    Gesundheit noch Wohlbefinden litten darunter. So hatte es noch nie gesungen; gar
                    manches alte Kinderlied stieg aus den Tiefen halber Vergessenheit wieder empor.
                    Mit Mutterkuß und Mutterblick, Mutterwort und Muttersang erweckte es die zarte
                    Kindesseele kosend zum Bewußtsein. Dabei hatte es nicht Zeit, an der Wiege Wache
                    zu stehen und jeder Laune des Kleinen abzuwarten oder ihn beständig auf den
                    Armen herumzuschleppen und sich von ihm tyrannisieren zu lassen. Im Hause des
                    Gratbauern hatte es mit kleinen Kindern umgehen gelernt, vielleicht hätte es
                    sonst auch, wie so manche andere Mutter, den Erstgebornen verzärtelt und
                    verzogen. So aber bekam es <pb n="254"/>nicht wegen jedem Müxlein Herzklopfen.
                    War die Witterung schön, so nahm es den Stammhalter mit aufs Feld. Unter einem
                    schattigen Baume ruhte er in einer Hutte, die mit Decklein wohl gepolstert war,
                    und genoß in der frischen Luft den gesundesten Schlaf.</p>
                <p>Hansen kam es anfangs ganz wunderlich vor, daß er Vater sein sollte. Doch war an
                    seiner Vaterliebe nicht zu zweifeln, wenn sie sich schon nicht lebhaft und
                    ungescheut hervorwagte und in gefühlvollen Worten kundzugeben verstand. Nie ging
                    er an der Wiege vorbei ohne einen freundlichen Blick auf den kleinen Schläfer.
                    Und wenn er das Büblein einmal zu halten bekam, wendete er eine rührende
                    Sorgfalt auf und bewies eine Geduld und Ausdauer, die nur ein zärtlicher Vater
                    aufbringt. Auf seinen Eier- und Kirschenreisen brauchte er für sich selbst nie
                    einen Rappen außer für Tabak. Dem Büblein hingegen, das in der Taufe den Namen
                    Gottfried erhalten hatte und Friedi gerufen wurde, brachte er fast allemal ein
                    Mühlrad, einen Lebkuchen oder anderes Backwerk heim. Als das Kind größer wurde,
                    fertigte er ihm aus Hölzchen allerhand Spielzeug an, und nirgends konnte sich
                    Friedi so gut versäumen wie in Vaters Werkstatt.</p>
                <p>*</p>
                <p>Drei Jahre lang war das Glück dem jungen Ehepaare hold. Was sie unternahmen,
                    gelang. Schon hatten sie ein kleines Sümmchen erspart. Vertrauensvoll schauten
                    sie in die Zukunft. Und nun war mit einem Male die schattende Unglückswolke da.
                    Mitten in der besten Gras- und Milchzeit mußten sie Falch, die ausgezeichnete
                    Nutzkuh, schlachten lassen, weil sie an Hirnbrand erkrankt <pb n="255"/>war.
                    Wohl nahmen ihnen die Nachbarn nach gutem altem Brauch das Fleisch ab; der Erlös
                    war dennoch gering. Der Ankauf eines guten Milchtieres erforderte jetzt, wo die
                    Preise am höchsten standen, mehr als das Doppelte der eingenommenen Summe. Das
                    räumte ihnen die so mühsam erworbenen Ersparnisse beinahe ganz weg. Darum traf
                    es sie hart, besonders Hansen. Nächtelang hatte er dem kranken Tier gewacht und
                    allen erdenklichen Fleiß aufgewendet. Umsonst. Nun waren sie wieder zwischen
                    Furcht und Hoffnung gestellt, ohne sichern Boden unter den Füßen. Wie verloren
                    stand Hans umher und machte Kalender. Kein Essen wollte ihm mehr schmecken;
                    seufzend wälzte er sich nachts auf seinem Strohsack; die Sorgenbrille färbte ihm
                    die ganze Zukunft schwarz. Das Rötelein hatte auch geweint, heiße
                    Schmerzenstränen hatten auch ihm die blanken Augen getrübt. Als es aber sah, wie
                    schwer Hans das Unglück zu Herzen nahm, munterte es sich gewaltsam auf, legte
                    das Geschehene hinter sich und schaute vorwärts. Um ihn seinen finstern
                    Grübeleien zu entreißen, begehrte es seine Hilfe bald zu dieser, bald zu jener
                    Arbeit. Es ließ ihn nicht mehr ungesättigt vom Tische aufstehen, und wenn er den
                    Kaffee schwarz trinken wollte, goß es ihm Milch nach. «Wer arbeiten soll, muß
                    genährt sein; unsere Gesundheit und Arbeitskraft ist auch ein Kapital, womit man
                    haushälterisch umgehen muß», sagte es. Ebensowenig duldete es, daß Hans sich das
                    Rauchen versagte. Eigenhändig stopfte es ihm die Pfeife: «Genug liegt sonst auf
                    dir. Wenigstens am Abend sollst du es nicht entbehren. Wenn du dir das nicht
                    gönnest, spüre ich unsere Armut am härtesten. Tue es mir zuliebe!»</p>
                <pb n="256"/>
                <p>Solcher Freundlichkeit vermochte er nicht auf die Dauer zu widerstehen.
                    Widerwillig zwar und verdrießlich klemmte er das Pfeiflein zwischen die Lippen
                    und befriedigte das heimlich nagende Gelüstchen. «Wenn gleichwohl alles kaputt
                    gehen muß, so kann ich auch noch ein wenig mithelfen», murrte er. Aber je länger
                    er schmauchte, desto mehr hellten sich seine Mienen auf. Der gewohnte Genuß
                    wurde zum leisen und mitleidigen Versöhner mit dem widrigen Schicksal. Er
                    verhalf der Gegenwart zu ihrem Recht und verscheuchte allgemach die verbissene
                    Stimmung.</p>
                <p>Einige Tage später befand sich Hans eifrig auf der Suche nach einer andern Kuh.
                    Als er hörte, was man forderte, wollten ihn die Zangen des Kleinmuts und der
                    Niedergeschlagenheit aufs neue packen. Allmählich ging auch das vorüber, und als
                    endlich ein anderes Tier in seinem Stalle stand, kehrte auch seine Regsamkeit
                    und Schaffensfreude wieder. Der erste Tagschein fand ihn rüstig auf dem Felde;
                    bis tief in die Nacht hinein hämmerte, hobelte und sägte er in seiner Werkstatt.
                    Die Nachbarn vertrauten ihm je länger, je mehr leichtere Holzarbeiten an, da er
                    nur bescheidenen Macherlohn beanspruchte. So groß wurde seine Arbeitswut, daß
                    das Rötelein bremsen mußte: «Tue dir nicht schaden. Mußt es nicht erstieren
                    wollen!»</p>
                <p>Mit einem Anflug von Laune antwortete er: «Wohl, dreinschlagen muß man. Mit
                    Gewalt stellt man eine Geiß hintenherum.»</p>
                <p>Das hinderte aber nicht, daß er noch oftmals wehleidig wurde und sagte: «Wenn wir
                    das verdammte Unglück nicht gehabt hätten, könnten wir jetzt soviel in die
                    Sparkasse legen.»</p>
                <pb n="257"/>
                <p>Im folgenden Winter beschenkte ihn das Rötelein mit einem Mägdlein. Hans fand das
                    in aller Ordnung, tat jedoch deswegen keine Freudensprünge. Die Mutter kam
                    gesund und ungeschwächt davon; das Kindlein gedieh. Somit war für ihn kein Grund
                    vorhanden zu besonderer Aufregung.</p>
                <p>Um so Schlimmeres brachte der kommende Sommer mit sich. Kurz nach der Heuernte
                    setzte eine Tröckene und Dürre ein, wie man sie jahrzehntelang nicht mehr erlebt
                    hatte. Tag für Tag stachen die heißen Sonnenstrahlen erbarmungslos nieder auf
                    die dürstende Erde. In kurzer Zeit waren die kahlgeschornen Grasäcker fuchsrot.
                    Aber auch da, wo noch Graswuchs die Wurzeln beschattete und schützte, röstete
                    die Sonne das Erdreich förmlich. Auf erdarmen Graten und unter den Bäumen
                    falteten die Pflanzen traurig ihre Blättlein und kräuselten sie zusammen. All
                    ihre Listen und Ränklein, um Wasser zu erhalten und zu sparen, waren umsonst.
                    Bald sahen auch sie aus, als wäre Feuer über sie gefahren. Heiß, wie eine
                    Ofenplatte, wurde der Boden und bekam Spalten, daß man fast zu den
                    Schnabelleuten hinuntergucken konnte. In Stuben und Ställen wurde die Hitze
                    unausstehlich. Keine kühlen Nächte netzten die versengten Fluren mit
                    erquickendem Tau. Vergeblich schrie die verstäubte, verdurstende Pflanzenwelt
                    nach Wasser. Nur Gewächse, die ihre Wurzeln tief in der Erde Grund hinabgesenkt
                    hatten, vermochten noch ein armselig Tröpflein Feuchtigkeit aufzusaugen und sich
                    grün zu erhalten.</p>
                <p>Ein solcher Sommer gibt jedem Landwirt auf zu raten. Doppelt schwierig ist es für
                    einen, dessen Land alles <pb n="258"/>an der Sonnseite aufgehängt und wenig
                    tiefgründig ist. Dreifach schwierig, ja ein wahrer Schrecken ist es für den
                    Betroffenen, wenn dieser zudem noch ein Rückenwehbäuerlein ist, dem eine
                    Schuldenlast den Nacken krümmt, wie es bei Tannerhansen zutraf. Wochenlang fiel
                    an der «Sonnseite» kein ausgiebiger Regen. Das Gras in der Hofstatt bekam die
                    Schwindsucht. Emd gab es nur auf einem kleinen Kleestück; alles übrige war
                    verbrannt. Mitten im Sommer mußte Hans den Heustock anschroten. Alle
                    Futterartikel stiegen rasch in die Höhe und wurden sündteuer. Die Kornernte
                    geriet nicht übel, obwohl die Ähren etwas spitzer und leichter waren als in
                    guten Jahren. Um so mehr Sorgen verursachten die Kartoffeln und das Gemüse.
                    Welk, mit gelben und schon verdorrten Blättern lagen sie am Boden. Die
                    Baumfrüchte serbelten auch nur so hin und verigelten.</p>
                <p>Da ging Tannerhansen der Jammer bis an den Hals. «Nicht einen hölzernen Rappen
                    trägt es uns ab, das Schinden und Rackern. Verflucht ist alles, was wir
                    angreifen. Es soll nicht sein, daß wir zu etwas kommen. Alles, was wir mit
                    Hunden und Böshaben zusammengekratzt haben, frißt uns dieser heillose Sommer. Im
                    nächsten Frühling werden wir ärmer sein als bei unserem Antritt, nur daß jetzt
                    doppelt soviel hungrige Mäuler um den Tisch sitzen. Besser der Tod tät einen
                    strecken, als daß man immer zuschauen muß, wie alles zunichte wird, was man so
                    mühsam erraxt hat.» Solche Worte trieb ihm der heiße Unmut und brandschwarze
                    Kummer über die Zunge, nicht einmal bloß, sondern fast alle Tage. Vom
                    Am-Schatten-Liegen sprach er, vom Hände-in-den-Schoß-Legen, von Auswanderung und
                        <pb n="259"/>vom Bettelngehen, und dabei verschwieg er immer noch das
                    Schlimmste, was ihn heimsuchte.</p>
                <p>Zentnerschwer zu tragen hatte auch das Rötelein. Mancher Atemstoß entfuhr ihm;
                    manchen wehen Blick sandte es über die versengte Hofstatt und das verwüstete
                    Land. Aber während dem Manne die entnervende Hitze allen Lebensmut und jegliche
                    Tatkraft zu rauben drohte, bäumte sich seine Lebensenergie auf zum heißen
                    Kampfe. Unermüdlich trug es Wasser in den Garten und leitete auch in die
                    Gemüsepflanzung das Abwasser des Brunnens, der, aus tiefem Schachte
                    hervorbrechend, immer noch in kräftigem Strahle heraussprudelte.</p>
                <p>Ein Kind auf dem Arme, das andere am Schürzenzipfel, durchsuchte es den nahe
                    gelegenen Wald. Wo in Lichtungen und Holzschlägen fütterbare Kräuter wuchsen,
                    köhlte es sie mit der Sichel zusammen. Manchen Abend konnte Hans einen Grasbogen
                    voll oder zwei heimholen und zum Dörren ausbreiten. Er tat es unwillig und
                    murrte: «Töte dich doch nicht halb. Es steuert doch nichts. Und wer weiß, ob mir
                    dieses Zeug nicht die Kühe ungerecht macht.»</p>
                <p>Doch es erwiderte: «Viel Wenig bringt zuletzt auch etwas. Vielleicht werden wir
                    noch froh sein darüber. Und schaden wird es den Tieren auf keinen Fall; ich
                    achte schon darauf, was ich herausschneide.» Und unverdrossen fuhr es
                    weiter.</p>
                <p>Unten am Bächlein stand eine ansehnliche Zeile Eschen. Auch diese mußten ihr Laub
                    hergeben bis auf das letzte Blatt. Das Rötelein gab nicht nach, bis Hans die
                    Äste heruntersägte und es sie ablauben konnte. Wieder willfahrte er ihm, aber
                    unter beständigem Hadern; denn der Neid hatte sich ihm tief eingefressen.</p>
                <pb n="260"/>
                <p>«Den dicken Großbauern, die nicht zu zinsen brauchen und noch Ausgeliehenes
                    haben, tut es nichts! In ihren Wässermatten steht das Gras mancherorts noch
                    bürstendicht. Und was macht denen das Heukaufen? Wenn sie auch kein Bargeld
                    hätten, denen geben die Heuhändler auf Kredit, soviel sie wollen. Nur uns armen
                    Teufeln borgt niemand; wirst es sehen im Nachwinter und Frühling!»</p>
                <p>«So weit sind wir noch lange nicht. Kümmere dich nicht immer, bevor das Unglück
                    da ist! Ein verzagter Mensch ist im Himmel nicht sicher. Der Herbst kann noch
                    manches gutmachen. Und im schlimmsten Fall: Haben wir nicht einen schönen Haufen
                    Stroh, woraus man Häcksel schneiden kann? Denn für Streue schaffe ich Laub für
                    und genug zum Hause. Wenn man im Herbst anfängt, Futter zu sparen, schön
                    abzuteilen und sich einzurichten weiß, viel viel weiter langt es. Und können wir
                    nicht im Notfall etwas Holz schlagen und den Heuhändler damit zahlen?»</p>
                <p>«Holz verkaufen, meinst du, die Trämeltannen schlagen? Nein zum Teufel,
                    lieber ...» Hans würgte die Worte wieder hinab, die ihm entwischen wollten; aber
                    der Ingrimm kochte ihm schier zum Halse heraus.</p>
                <p>Das Rötelein erschrak. Hansens Blicke verrieten das Schlimmste. Nie mehr kam es
                    mit einem Worte auf den Holzverkauf zurück. Sehnsüchtig richtete es jeden Morgen
                    seine Blicke zum Himmel und schaute nach einer regenschweren Segenswolke aus.
                    Aber ach, ein Tag war wie der andere; glanzlos stieg die Sonne aus Staub und
                    Dunst auf, glanzlos sank sie hinter die Jurawälle nieder. Die Luft, ja die
                    Wolken selber schienen Durst zu leiden.</p>
                <pb n="261"/>
                <p>Mehr als einmal erwachte es in der Nacht und meinte, auf den brüchigen,
                    emporgesträubten Dachschindeln das heimelige Geräusch fallender Regentropfen zu
                    hören. Aber, o Gott, ehe es den Schlaf völlig aus den Augen gerieben hatte,
                    wurde es inne, daß nur der Nachtwind leise rauschend durch die lederartig
                    gewordenen Baumblätter strich.</p>
                <p>Es half nichts, eine der beiden Kühe mußte verkauft werden. Das Rötelein riet
                    dringend dazu. Warum behalten, bis das Tier abgemagert und entwertet war und die
                    Preise noch mehr sanken? Hans schaute finster drein; aber auch er mußte
                    anerkennen, daß es das Gescheiteste sei. An der nächsten Hüttengemeinde bot er
                    die Kuh den Nachbarn feil. Das Rötelein schrieb auch an einen Viehhändler.
                    Käufer kamen. Aber die Notlage gab ihnen den Hebel in die Hand, und sie
                    schraubten und preßten ohne jegliche Rücksicht. Es däuchte das Rötelein, keinem
                    Christenmenschen sollte möglich sein, das Unglück seiner Nächsten so
                    erbarmungslos auszunutzen. Die Fäuste juckten und zuckten ihm, wenn es die
                    Schundangebote anhören mußte. Am liebsten hätte es die Wucherer und Schacherer
                    mit der Peitsche von der Stalltüre weggeklepft. Und wenn es auch das nicht
                    durfte, seiner Meinung gab es entrüsteten und unzweideutigen Ausdruck.</p>
                <p>Hans dagegen sagte wenig, sondern wurde stiller und stiller. Aber es war eine
                    unheimliche und gefährliche Stille. Viertelstundenlang konnte er irgendwo stehen
                    wie verkauft und verloren und ins gleiche Loch glotzen, viertelstundenlang an
                    der Werkbank den Kopf in die Hand stützen und vor sich hinbrüten. Dazwischen
                    schlich er umher, als hätte er Zentnerschuhe an den Füßen, aß <pb n="262"/>und
                    trank kaum mehr, saß nachts im Bette auf und war keinem guten Worte zugänglich.
                    Das Rötelein konnte nichts mehr denken als: jetzt verliert er den Verstand oder
                    tut sich ein Leid an, und nichts mehr tun als in blutiger Herzensnot für ihn
                    beten und um ihn zittern. So unauffällig als möglich überwachte es ihn, sorgte,
                    daß stets ein Kind in seiner Nähe sei, und wenn er in den Wald oder Buchrain
                    ging, zählte es bebend die Stricke hinter der Küchentür und vergewisserte sich,
                    ob die Büchse noch an der Wand hange. Trockenheit und Futtermangel waren ihm nur
                    noch Nebensachen, die es gerne hinnahm, wenn ihm das Leben nichts Schlimmeres
                    auferlegte.</p>
                <p>Doch das Leben verfügt über ungezählte Möglichkeiten und findet Lösungen, die der
                    Menschengeist nicht voraussehen kann.</p>
                <p>Eines Tages, nachdem Hans Ackersteine geholt hatte, ließ er oben in der Hofstatt
                    im Wege die leere Bänne stehen und ging einige Schritte davon weg. Bei ihm stand
                    Friedi, das Büblein, und kletterte, in der Meinung, der Vater werde ihn
                    heimziehen, über die Stange hinauf in das Fuhrwerklein. Der Vater, ins Sinnen
                    verloren und mechanisch mit dem Schuh Steine ins Geleise tretend, kehrte ihm den
                    Rücken. Plötzlich ein entsetzter Aufschrei! Die Bänne war ins Rollen gekommen.
                    Als Hans sich umwandte, fuhr sie eben mit dem Büblein über den steilen Wegrand
                    hinaus und rollte mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Hofstatt hinunter.
                    In verzweifelten Sätzen eilte Hans nach, vermochte sie jedoch nicht einzuholen.
                    Vor Entsetzen sträubten sich ihm die Haare – der steile, hausdachsteile Abhang!
                    – Das war der einzige Gedanke, den er zu fassen vermochte; <pb n="263"/>ein
                    gräßlicher Schauer raubte ihm jegliche fernere Überlegung, nicht einmal einen
                    Schrei vermochte er auszustoßen. Da prallte die Bänne mit voller Wucht gegen
                    einen Baumstamm und wurde zurückgeschleudert. So heftig war der Anprall, daß die
                    Bretter splitterten und das Kind hinausflog. Die Trümmer überschlugen sich,
                    rollten und glitschten weiter, und seitab rollte auch das Büblein wie ein
                    Bündelchen schräg hinunter. Ihm nach stürzte in mächtigen Sätzen der Vater,
                    erreichte es und fing es auf. Zuerst gab der Kleine keinen Laut von sich, die
                    Lungenflügel waren wie verkrampft. Dann aber schnappte er verzweifelt nach Luft
                    und erhob ein mörderliches Geschrei, das auch die Mutter herbeirief. Bleich und
                    sprachlos stürzte sie herzu, bettete ihn in ihre Arme und trug ihn heim. Wunden
                    fand man keine am Leib, und die Glieder schienen heil und ganz. Aber noch nach
                    einer Stunde ging der Atem stoßweise und krampfhaft, und die Eltern mußten
                    fürchten, das Kind habe innerliche Verletzungen davongetragen. Glücklicherweise
                    erwiesen sich diese Befürchtungen als unbegründet. Als Hans sich sonntäglich
                    angezogen hatte, um den Arzt zu holen, verfiel der Kleine in einen beruhigenden
                    Schlaf.</p>
                <p>Das aufregende Ereignis rüttelte Hansens Gedanken in eine gesundere Richtung, und
                    das Rötelein unterließ nicht, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war:
                    «Siehst du nun, daß uns noch viel Härteres auferlegt werden könnte als das, was
                    uns bisher Kummer bereitet hat. Darum versündige dich nicht länger mit Murren
                    und Hadern und sei ein Mann! Dann werden wir es schon durchfechten.»</p>
                <p>Andere Vorwürfe machte es ihm keine; aber was es <pb n="264"/>verschwieg, sagte
                    Hansen sein Gewissen: «Hättest du das Kind besser überwacht, so wäre es nicht in
                    Gefahr gekommen. Nur wie durch ein Wunder ist es heil geblieben. Unter hundert
                    Malen würde es nicht ein einziges mehr unverletzt aus der gleichen Gefahr
                    hervorgehen.» Nein, diesmal konnte er sich nicht über die Schickung
                    beklagen.</p>
                <p>In den nächsten Tagen griff er wieder ernsthaft zur Arbeit, und es fügte sich,
                    daß er neue Aufträge bekam, die ihm für längere Zeit Verdienst sicherten, und
                    überhaupt schien eine Wendung zum Bessern eintreten zu wollen.</p>
                <p>Eines Tages kam der Hofmattbauer vorbei, der etwas weiter hinten im Tälchen Wald
                    und Weide besaß. Im Vorbeigang ließ er sich mit dem Rötelein in ein Gespräch ein
                    und rühmte, daß ihn der Futtermangel noch wenig plage. Sein Land liege zum
                    großen Teil schattseitig und etwas naß, und auf der Bühne liege noch ein schöner
                    Vorrat vom letztjährigen Futter. Diese Gelegenheit benutzte das Rötelein, um ihm
                    die Kuh zum Kaufe anzutragen; denn der Hofmatter genoß den Ruf, ein verständiger
                    und wohlwollender Mann zu sein.</p>
                <p>Der Hofmatter dachte, Anschauen und Kaufen sei zweierlei, und ging, das Tier zu
                    besehen. Er hatte erwartet, ein Rebelkühlein anzutreffen, das besser in die
                    Knochenstampfe als in einen Großbauernstall passe, und war nun überrascht, ein
                    zwar etwas abgemagertes, aber wohlgepflegtes und sauber gehaltenes Tier zu
                    finden, das bei kräftiger Fütterung schönen Nutzen versprach.</p>
                <p>Wenn der Hofmatter mit seinesgleichen handelte, war er zäh wie Handschuhleder,
                    weniger um des Geldes als um seiner Händlerehre willen. Niemand konnte sich <pb n="265"/>rühmen, ihn beim Handel übertüselt zu haben. Diesmal aber fühlte er
                    eine warme menschliche Regung. Mehrmals hatte er den Sonnseitenleuten
                    zugeschaut, wenn sie bei der Arbeit waren und er durch das Tälchen ein- und
                    ausging. Und immer hatte er sich an ihrer Werkigkeit erbaut und nur gut Lob
                    vernommen über sie.</p>
                <p>So ließ er denn fürs erste die tröstliche Kunde zurück: «Um einen Schundpreis
                    laßt das Tierlein nicht aus dem Stall. Ich will nun vorerst meine Vorräte
                    prüfen, ob sie noch für ein Haupt mehr ausreichen. Sollte ich es selbst nicht
                    brauchen können, dann halte ich euch einen andern anständigen Käufer zu. Darauf
                    dürft ihr euch verlassen.»</p>
                <p>Das Rötelein verließ sich wirklich drauf und fühlte sich erleichtert. Hans
                    hingegen traute der Sache nur halb und brummte: «Die Reichsten sind manchmal
                    noch grad die Wüstesten.»</p>
                <p>Ends der Woche kam aber der Hofmatter und zahlte ohne Markten den geforderten
                    Preis, der allerdings bescheiden gehalten war. Er betonte aber, daß es ihm nicht
                    um einen guten Handel zu tun sei, sondern darum, ihnen aus der Klemme zu helfen.
                    Wenn sie sich dafür dankbar erweisen wollten, so sollten sie ein wachsames Auge
                    halten auf sein Waldstück und ihm melden, wenn dort gefrevelt werde, es solle
                    ihr Schaden nicht sein.</p>
                <p>Solches versprachen sie gerne, und sosehr das Kühlein sie reute, waren sie doch
                    froh, daß es in einen Stall kam, wo es gut gehalten war. Noch manches besprachen
                    sie mit dem erfahrenen Manne; er gab ihnen Rat und tröstete: «Die Sonne hat noch
                    keinen Bauer vom Hof geschienen.» Bevor er fortging, gab er Friedi, von <pb n="266"/>dessen gefährlicher Fahrt man ihm berichtet hatte, einen
                    Zweifränkler.</p>
                <p>Von der Zeit an brauchte das Rötelein weder die Stricke mehr zu zählen noch nach
                    der Büchse Ausschau zu halten.</p>
                <p>Der Sommer ging zu Ende. Erst gegen den Herbst fiel ausreichend Regen. Spät kam
                    er; aber immer noch hochwillkommen; denn nun hatten auch die Brunnen zu streiken
                    begonnen. Zum Grasen kam man an der Sonnseite nicht mehr. Aber das Rötelein war
                    froh, daß es Kuh und Ziege austreiben und hüten durfte. Jetzt hatte die Erde
                    wieder Saft und Triebkraft; tausend ersterbende Keimlein und Würzlein erholten
                    sich wieder. In der Werkstatt klopfte, sägte und zugmesserte Tannerhans, daß die
                    Späne nur so flogen.</p>
                <p>Nur wenn er sein Heustöcklein anschaute, wurde ihm wieder ungut zumute. Zu
                    Weihnachten war es schon so schlank geworden, daß es wackelte, wenn die Katze
                    hinaufstieg oder ein Huhn hinaufflüderte. Jetzt kam das Heukaufen, das
                    gefürchtete. Ballen um Ballen mußte von der Station geholt werden, und jedesmal
                    wurde Hans nach einer solchen Fahrt wunderlich und unwirsch. Das Herz im Leibe
                    drehte sich ihm schier um, wenn er sah, wie seine sauer verdienten Batzen Flügel
                    bekamen und davonfeckelten. Halbe Nächte brachte er dann wieder in seiner
                    Arbeitsstube zu, und manchmal mußte ihn das Rötelein ins Bett holen. Aber nicht
                    immer hobelte und zugmesserte er, gar oft stützte er den Arm auf den Zugstuhl
                    und kalenderte an unerquicklichen Gedanken herum, die er seiner Frau nicht
                    offenbarte.</p>
                <p>Eines Morgens kam das Rötelein unerwartet in die Futtertenne. Da lag neben dem
                    magern Heuwälmlein <pb n="267"/>ein geöffneter Grasbogen voll Dürrfutter
                    unbekannter Herkunft, das Hans eben unter das Heu mischen wollte. Als das
                    Rötelein eintrat, wurde Hans unter einmal ganz rot und gabelte aufgeregt in dem
                    Futter herum. Erstaunt trat die Frau näher, entnahm dem Grasbogen eine Handvoll
                    Dürres, betrachtete es und roch daran. Dann wich alles Blut aus ihren Wangen.
                    Kraftlos sanken ihre Hände nieder. Sie mußte sich an die Tennwand lehnen. Sonst
                    hatte ein Starkstrom von Lebenskraft diesen unscheinbaren Körper durchglüht;
                    jetzt schien die Leitung zerstört, der Strom ausgeschaltet, die Kraft am
                    Erlöschen. Mit Bestürzung sah es Hans. Trotzig hatte er auffahren wollen; aber
                    wie die Frau aussah, das war zu unheimlich. Zerknirscht stotterte er: «Es ist ja
                    nur Lische – Streuelische – der Hofmatter hat noch genug in seinem Scheuerlein
                    auf dem Weidstall. Es ist der erste Bogen voll, gewiß und wahrhaftig.»</p>
                <p>Das Rötelein stand noch immer, als ob der Schlag es treffen sollte, ein Bild
                    hilflosen Jammers, stummer Verzweiflung. Hansen wurde immer ängster, er durfte
                    nimmer hinsehen.</p>
                <p>«Ich tue es auch nie mehr, wenn's dir so schrecklich zuwider ist.»</p>
                <p>«So arm also sind wir, daß du stehlen mußt!» brach es endlich klagend von des
                    Röteleins zuckenden Lippen. Es kehrte sich gegen die Wand, lehnte die Stirne an
                    und weinte bitterlich. Ratlos stand Hans daneben, klaubte nervös an seinem
                    Westenknopfloch, wie ehedem, wenn er eine Rechnung nicht lösen konnte, und
                    suchte nach Entschuldigungen.</p>
                <p>«Jüngsthin, als ich durch das Weidli ging, stand oben im Scheuerlein das Tor
                    offen. Der Wind hatte es aufgerissen. <pb n="268"/>Ich schloß es wieder. Da kam
                    mir der böse Gedanke. Der Hofmatter merkt's nicht, dachte ich, und mein Kühlein
                    ist noch froh darüber, wenn ich's ihm unter das gekaufte Heu mische.»</p>
                <p>Und als es immer noch kein Wort für ihn hatte und in einem fort schluchzte,
                    bettelte er ängstlich: «Du, red doch auch endlich etwas und wein nicht so!»</p>
                <p>Und endlich, als es sich gefaßt hatte, redete es: «Sofort packst du's wieder ein!
                    Nicht ein Halm bleibt hier. Noch haben wir Geld zum Kaufen, und die Arbeit hab'
                    ich dir nie geweigert. Werken will ich dir helfen und hungern auch, wenn's dazu
                    kommen soll. Aber wenn du zu solchem greifst, freut mich keine Stunde unseres
                    Lebens mehr. Brav müssen wir bleiben, sonst ist meine Kraft dahin. Frank und
                    frei muß ich den Leuten in die Augen schauen dürfen, sonst bin ich fertig. Denke
                    daran, ein für allemal.»</p>
                <p>«Ich will's am Abend wieder hintragen», versprach er fügsam. Denn daß es dem
                    Rötelein heilig ernst war mit dem, was es sagte, das spürte er. Gefroren hatte
                    ihn, als er sah, was er ihm mit seiner Torheit angetan hatte.</p>
                <p>Als er am selben Abend von seinem heimlichen Gang zurückkehrte, saß das Rötelein
                    bei der Lampe Schein am Tische. Vor ihm lag ein Schulheft, in das es Einnahmen
                    und Ausgaben verzeichnete. Es hatte gerechnet und Ausblick gehalten.</p>
                <p>«Wenn wir gesund bleiben und du verdienen kannst wie bisher, erstreiten wir's.
                    Nur eins ist nötig: Daß dich die Leute zahlen, denen du Arbeit gemacht hast.
                    Aber in ihrer heillosen Gleichgültigkeit denken sie nicht daran, was unsereinem
                    ein paar Batzen ausmachen, und lassen es anstehen. Darum mußt du dich ermannen
                    und <pb n="269"/>es ihnen fordern. Wenn du nicht darfst, darf ich. Verspruch
                    haben wir einen guten.»</p>
                <p>Hans kratzte ein wenig hinter den Ohren, sah aber keinen Ausweg, als seiner Frau
                    zu folgen. Er spürte, wie sehr er sich inwendig strecken müsse, wenn er neben
                    ihr stehen wolle, und bemühte sich redlich, seinen Fehler gutzumachen. Aufs neue
                    stürzte er sich in die Arbeit, und von da an hatte das Rötelein immer das letzte
                    Wort.</p>
                <p>Heu mußte Hans noch viel kaufen. Aber zu seinem Erstaunen sagte der Heuhändler zu
                    ihm: «Wenn du's nicht machen kannst mit dem Geld, dir warte ich schon; du bist
                    mir immer gut genug dafür. Andere, die es besser machen könnten als du, haben
                    schon lange alles aufschreiben lassen.» Und Hans sah wieder einmal, daß er zu
                    mißtrauisch gewesen sei. Zum Aufschreiben kam's aber gar nie, das Rötelein
                    münzte immer noch aus. Hansen nahm nur wunder, wo es das Geld hernahm.</p>
                <p>Früher als gewöhnlich wurde es Frühling; ganze vierzehn Tage eher konnte man
                    grasen. Warme Regenschauer unterstützten das Wachstum und die Bestockung der
                    Gräser. Nur in den Neulisäckern blieb die Grasnarbe dünn und der Ertrag
                    mangelhaft. Als man mit der Feldarbeit begann, dachte das Rötelein noch öfters
                    an den Ausspruch des Hofmattbauern: Die Sonne hat noch keinen Bauer vom Hof
                    geschienen. Locker und mürbe rollten die Erdschollen zu Tage. Noch nie hatte das
                    Anpflanzen so wenig Mühe erfordert. Die Sonne hatte das Erdreich gebaut.</p>
                <p>Nun folgten für Hans und das Rötelein Jahre ruhigen Schaffens, in denen sie des
                    Lebens froh werden konnten. Die Handorgel kam wieder zu Ehren, und die
                    Tabakpfeife <pb n="270"/>brauchte das Rötelein nie mehr zu stopfen. Das tat Hans
                    schon selber. Trotzdem die Kinderzahl nach und nach auf fünf anwuchs, blieb Not
                    und Mangel der Schwelle fern, die Geldsorge drückte nicht mehr so hart.</p>
                <p>Das einzig Beunruhigende war Hansens Gesundheitszustand. Ein schlimmer Gast
                    meldete sich bei ihm immer häufiger und dringender an: die fliegende
                    Gliedersucht. Manchmal überfiel sie ihn mitten in den Hauptwerken. Dann mußte
                    das Rötelein mit den Kindern einzig anpflanzen, heuen oder ernten und dazu noch
                    den Stall besorgen. Wie es das alles durchzufechten vermochte, blieb mancher
                    Nachbarin ein Rätsel. Aber nicht vergeblich strömte die Lebensenergie so stark
                    durch seinen zähen Körper. Gewiß: Einen tadellosen Haushalt konnte es in solchen
                    Zeiten auch nicht führen. Irgend etwas mußte unter der Überlast von Arbeit
                    leiden. Es ging Tage, bis es einen Riß in seinem Kleid ausflicken konnte. Das
                    Fegen blieb das eine oder andere Mal aus. Die Kinder liefen gelegentlich einmal
                    mit ungeputzten Nasen oder mit unsaubern Wangen oder Händen herum. Das
                    Blumenzeug mußte hin und wieder Durst leiden, und das Unkraut im Garten machte
                    sich die Arbeitsüberhäufung der Gärtnerin zunutze und streckte sich frech in die
                    Höhe. Dem halben hundert Hühner konnte das Rötelein auch nicht auf Schritt und
                    Tritt nachlaufen, sondern es mußte sie tun lassen, was ihnen wohlgefiel. Es
                    selber dagegen mußte tun, was die Not erforderte! Wer mitten im Kugelregen
                    steht, kann nicht Flintenläufe putzen und Gewehrgriffe üben. Sobald der Mann
                    seine Arbeit selbst besorgen konnte, fehlte es nie an Reinlichkeit und Ordnung
                    in seinem Hause.</p>
                <pb n="271"/>
                <p>In der Kindererziehung hatte das Rötelein eine glückliche Hand. Alles Gute, was
                    es von ihnen verlangte, lebte es ihnen vor. Sobald sie eine Arbeit zu verrichten
                    vermochten, beschäftigte es sie ihren Kräften angemessen, und das ersparte viel
                    Aufsicht und Strafe. Dann machte es sich zum Grundsatz, nur einmal zu befehlen.
                    Gehorchten die Kinder nicht, so führte es sie am Arm an ihren Platz. So wußten
                    sie bald, was sie zu tun hatten.</p>
                <p>Als sich die Krankheit dem Vater auf das Herz schlug, mußte jede Aufregung von
                    ihm ferngehalten werden. Darum verklagte es die Kinder nie bei ihm, sondern
                    griff selbst energisch zu, wenn Strafe nötig wurde. Übrigens waren die Kinder
                    gut geartet, und die ältern konnten schon recht erfreulich helfen. Friedi, der
                    jetzt ins elfte Jahr ging, konnte schon wacker melken und füttern. Auf zwei
                    Hakenstöcke gestützt, kam der Vater in den Stall und gab ihm Anweisung, bis der
                    Junge wußte, wo aus und wo an. Das älteste Mädchen war der Mutter eine wertvolle
                    Stütze in der Haushaltung.</p>
                <p>Ein Jahr noch, und Tannerhans sank aufs Schmerzenslager. Das zähe Herz leistete
                    verzweifelten Widerstand. Der Sterbende hatte einen furchtbaren Kampf zu
                    bestehen. Acht Tage lang hing er zwischen Leben und Tod. Das Rötelein wich ihm
                    nicht von der Seite. Tag und Nacht legte es ihm die erwärmten
                    Kirschensteinkissen über die geschwollenen Füße, gab ihm seine Arznei und
                    stützte ihn mit seinen Armen; denn die Angst ließ ihn nimmer abliegen; nur
                    sitzend vermochte er die entsetzlichen Atembeschwerden zu ertragen. Ihn mit den
                    Armen umschlungen haltend, daß er sich auf seine Schultern lehnen konnte, sagte
                    es ihm die alten, tröstlichen Gellertlieder und Psalmverse vor, die es von der
                    Schule <pb n="272"/>her noch treu im Gedächtnis hatte. Und mitten in seinem
                    armen Sterben ging Tannerhansen eine tiefe und dankbare Erkenntnis auf, welcher
                    Reichtum ihm in dieser Frau geschenkt worden sei, daß er das Beste besessen, was
                    die Welt zu geben vermag; ein treues, aufrichtiges Herz, das in unwandelbarer
                    Liebe an ihm hing. Er hatte eine treue Brust, an die er sich lehnen durfte,
                    hilfreiche Arme, die ihn stützten und hielten, eine Hand, die ihm gelinde den
                    Schweiß von der Stirne wusch. War es nicht trotz aller Angst und Schmerzen ein
                    reiches, schönes Sterben? Zwischen Stöhnen, Ächzen und Schmerzensseufzern strich
                    er seinem Weibe leise liebkosend über die Haare und sprach: «Oh, wenn ich dich
                    nicht gehabt hätte! Oh, wenn ich dich jetzt nicht hätte!» All sein Dank und
                    seine Zärtlichkeit lagen in den Worten. Das gab dem Rötelein Kraft zum
                    Ausharren, wo die meisten andern längst ohnmächtig hingesunken wären. Als ein
                    treuer Kamerad hielt es stand, bis eine gnädige Bewußtlosigkeit des Kranken
                    Schmerzen linderte und der Allerbarmer Tod das flackernde Lichtlein sanft
                    auslöschte.</p>
                <p>Dann drückte es dem Entschlafenen die Augen zu, weckte den schlummernden
                    Ältesten, schickte ihn zu Bett und legte sich selbst hin zum Schlafen. Es war
                    müde zum Umsinken und verfiel sofort in einen traumlosen, tiefen Schlaf. Bis in
                    den hellen Morgen hinein schlief es. Dann stand es auf, strich mit der Hand über
                    die Stirn wie nach einem schweren Traum und traf alle Anordnungen zur
                    Bestattung.</p>
                <p>Am Begräbnistage drängten sich die Weiber mit neugieriger Teilnahme heran: «Ja,
                    ja, Frau Tanner, Euch ist Schweres auferlegt worden. Fünf unerzogene Kinder <pb n="273"/>und der Mann im Grabe! Euch sollte die Gemeinde helfen, am Ort
                    wär's.»</p>
                <p>Da streckte sich das Rötelein und sprach: «Der Gemeinde werden wir nicht zur Last
                    fallen. Wir werden uns wehren und schauen, daß wir durchkommen. Das beste ist:
                    Wir haben ein eigenes Heim und stehen nicht auf der Gasse. Und die Kinder sind
                    mir keine Last, sondern ein Trost.»</p>
                <p>«Daß Ihr es so fassen könnt», sagten die Frauen. «Wir dachten schon, Ihr werdet
                    das Heimweselein verkaufen.»</p>
                <p>«Verkaufen?» beinahe hätte das Rötelein über diese Unvernunft gelächelt. Es nahm
                    die Kinder an die Hand, ging mit ihnen nach Hause, legte die Werktagskleider an
                    und griff zu einer Beschäftigung. «Verkaufen? Den letzten Trost, die letzte
                    Zuflucht verlieren, die Hände in den Schoß legen und weinen? Nein, niemals!»
                    Hier im eigenen Heim konnte es stiller und schöner des lieben Toten gedenken als
                    auf dem Friedhofe vor den vielen fremden Augen. Jedes Gerät, das es in die Hand
                    nahm, jeder Winkel des Hauses, jeder Fußbreit Landes, jeder Baum, jede Arbeit
                    weckte freundliche Erinnerungen an den Entschlafenen. Diesen Ort verlassen hieß
                    erst recht den Vater verlieren.</p>
                <p>Am selben Abend redete die Mutter lange und ernsthaft mit den Kindern über die
                    Zukunft, und sie versprachen ihr willigen Gehorsam und kräftige Mithilfe. Als
                    sie zu Bett waren, zündete das Rötelein noch in den Stall und schloß die
                    Haustüre. Und wie es den Riegel vorgeschoben hatte, kam ihm der Gedanke: «Jetzt
                    hast du ihn ausgeschlossen; das erstemal schläft er nicht mehr mit dir unter dem
                    gleichen Dach. Nun bist du allein – allein – allein!»</p>
                <pb n="274"/>
                <p>Heiß wallte es auf in dem betrübten Herzen; das Weh wurde übermächtig. Bitterlich
                    weinend suchte das Rötelein sein Lager auf und näßte sein Kissen mit Tränen.
                    Stunden vergingen, ehe es ein Auge voll Schlaf fand.</p>
                <p>Die kommenden Tage und Wochen brachten heilsame Ablenkung durch strenge,
                    unaufschiebbare Arbeit, die Kopf und Herz gefangennahm. Für beschauliche
                    Empfindsamkeit blieb wenig Zeit und Raum übrig. Wenn sich das Rötelein einem
                    Gefühlsausbruch überlassen wollte, kam eine harte, unabweisbare Pflicht und riß
                    es wieder empor. Die kleinen Sorgen fraßen die großen. Die Kinder, die
                    Stalltiere, die Hühner, die Äckerlein und Wiesen; alle wollten betreut sein.</p>
                <p>Vom ersten Hahnenschrei bis in die stockdunkle Nacht hieß es: Anpacken! Vorwärts!
                    Das muß sein! Jenes muß sein! Mutter! hier und Mutter! dort. Doch war das auch
                    schon in den letzten Jahren so gewesen; das Rötelein war daran gewöhnt und
                    konnte sich drein schicken!</p>
                <p>Mit jedem Jahr wurden die Kinder größer und stärker zur Arbeit. Das Rötelein
                    wußte sie zu erziehen, daß es von ihnen Beistand und Hilfe hatte. Es weckte in
                    ihnen den Stolz und das Bestreben, brav und tüchtig zu werden, leitete sie mit
                    Ernst und Liebe und war ihnen eine gütige, freundliche, eine strenge und zornige
                    Mutter, alles zur rechten Stunde. Schon die Kleinen mußten ihre Zeit
                    nutzbringend anwenden lernen. Kamillenblümchen abstreifen, Obst und Ähren
                    auflesen, Kartoffeln einlegen, Holzscheitlein in die Küche tragen und hundert
                    andere kleine Dienste zu leisten vermag auch eine schwache Kraft. Aber auch die
                    Größern behielt es fest in der Hand. Als der Älteste der Schule entwachsen <pb n="275"/>war, hatte er Lust, sich dieser straffen Leitung zu entziehen. In
                    einer Samstagnacht fand es sein Bett leer. Der Junge war ausgeschwärmt;
                    Kameraden hatten ihn verlockt, mit ihnen eine nächtliche Runde zu machen. Im
                    Vertrauen darauf, die Mutter werde nichts merken und erfahren, hatte er zugesagt
                    und sich heimlich davongeschlichen. Aber er hatte sich verrechnet. Das Rötelein
                    hatte einen gar leisen Schlaf. Keine Maus im Haus konnte ihr Schwänzlein rühren,
                    ohne daß es davon erwachte. Mitten in der Nacht stieg es hinauf in die Kammer
                    und fand das Bett leer und den Vogel ausgeflogen.</p>
                <p>Am Morgen war er wieder da und besorgte den Stall. Aber das Rauchen, Trinken und
                    Nachtschwärmen hatte ihm miserabel angeschlagen. Seine Wangen hatten
                    Aschenfarbe, und seine Blicke krochen dem Boden nach; nur verstohlen durfte er
                    der Mutter ins Antlitz schauen. Wie das verkörperte schlechte Gewissen schlich
                    er umher. Die Mutter ließ ihn seinen Rausch ausschlafen. Erst am Abend nahm sie
                    den Sünder ins Gebet und hielt ihm sein Betragen vor. Alle seine Ausreden und
                    Beschönigungen schnitt sie ihm kurz ab. «Wir sind arme Leute. Denen sieht man
                    nichts nach, darum müssen wir brav bleiben. Mögen reicher Leute Söhne tun, was
                    sie wollen, das geht weder dich noch mich etwas an. Du stehst an Stelle des
                    lieben Vaters, den wir verloren haben, und in der Nacht ist dein Platz bei mir
                    und deinen kleinen Geschwistern. Uns ein Schutz und Schirm zu sein, solange wir
                    dessen bedürfen, das ist deine Aufgabe. Statt dessen lässest du uns im Stiche
                    und fährst in der Nacht herum, ohne mir ein Wort zu sagen. Suche dir Freude, die
                    ich dir erlauben darf; eine Lumpen- und Lotterwirtschaft unter meinem Dache
                    dulde ich nicht. <pb n="276"/>Und damit du es weißt und nicht wieder vergissest,
                    muß ich dich haaren. Halt deinen Kopf her!»</p>
                <p>Das schien dem langen Burschen, der die Mutter um einen Kopf überragte, doch
                    etwas starker Tabak zu sein. Das Blut schoß ihm in die Wangen, und zaudernd sah
                    er die Mutter an, ob es ihr ernst sei. Aber ihre Lippen waren streng
                    aufeinandergepreßt; in ihren Augen schimmerte es wie Stahlglanz. Langsam und
                    schwer fragte sie: «Habe ich es um dich verdient, daß du mir gehorchst oder
                    nicht?»</p>
                <p>Da ging es wie ein zitterndes Erschrecken durch den Burschen. Eine
                    unwiderstehliche Macht zwang ihn, das Haupt zu neigen. Vor ihm stand eine
                    Mutter, nicht eine Mutter in Sammet und Seide, nicht eine gebildete Mutter, die
                    geistreiche Gespräche im Fluß zu halten weiß, nicht eine angebetete Mutter, der
                    man die schönen schmalen Hände küßt, nein, nur eine rothaarige, laubfleckige,
                    unansehnliche, schlechtgekleidete Mutter, aber eine Mutter, Zoll für Zoll
                    unantastbar und achtunggebietend in ihrem sittlichen Wollen und Schaffen, eine
                    Mutter, herrlich in ihrer Liebeskraft und Hingebung an die Kinder, eine Mutter,
                    die für die Ihrigen mit jedem Atemzug, mit jedem Blutstropfen, mit jeder Faser
                    ihres Leibes, mit jeder Regung ihrer Seele gelebt und gerungen hatte. Und wenn
                    der Bursche das auch noch unklar empfand und unvollkommen begriff, ihn wehte
                    doch ein Hauch dieser Größe an und demütigte ihm das Haupt nieder unter die
                    strafende Mutterhand.</p>
                <p>In derselben Nacht, als der Sohn sich schlaflos auf seinem Lager herumwarf, ging
                    plötzlich leise seine Kammertüre, und an sein Bett trat die Mutter. Ihre Wange
                    legte sich an die seinige und netzte sie mit heißen <pb n="277"/>Tränen, die
                    Hand, die ihn gestraft hatte, strich ihm kosend den Scheitel. «Tue mir und dir
                    nie mehr so etwas an!» bat sie ihn. Und jetzt spürte er, wie schwer der Mutter
                    das Strafen geworden war. Erschüttert, keines Wortes mächtig, schlang er ihr den
                    Arm um den Hals und hielt sie fest, bis sie sich leise losmachte und ihm gute
                    Nacht wünschte.</p>
                <p>An diesem Abend hatte sie den Sohn gewonnen und gebändigt für immer; unbesorgt
                    durfte sie ihn an diesem oder jenem fröhlichen Anlaß teilnehmen lassen, zur
                    rechten Zeit erinnerte er sich stets an seine Mutter. So und ähnlich gewann und
                    bändigte sie auch die übrigen Kinder, wenn sie Böses getan hatten. Es gibt
                    Mütter, die das Kindererziehen im Griff haben wie das Salzen einer Suppe. So
                    eine Mutter war das Rötelein, und darum fielen alle ihre Kinder gut aus. Kaum
                    der Schule entwachsen, fanden die zu Hause Entbehrlichen Stellen, und eine
                    Stadtfrau, bei der eine Tochter des Röteleins in Diensten stand, tat den
                    Ausspruch: «Frau Tanner, es ist nur eins schade: daß ihr bloß fünf Kinder habt,
                    fünfzig oder fünfhundert sollten es sein, es wären ihrer wahrlich nicht zu
                    viele.» Das tat dem Rötelein gar wohl, stärkte sein Vertrauen und mehrte seine
                    Freude an den Kindern, und sie vergalten ihm mit Gegenliebe und treuer
                    Anhänglichkeit. Mit ihrer Hilfe getraute es sich sogar, das alte, schadhaft
                    gewordene Häuschen abzureißen und größer wieder aufzubauen. Zuerst wurde das
                    Stallwerk in Angriff genommen, und zwei Jahre später folgte das Stubenwerk nach,
                    dann schaute das neue Haus recht schmuck und stattlich ins Tälchen hinab. «Oh,
                    wenn doch der Vater das noch erlebt hätte», sagte das Rötelein, als der letzte
                    Balken eingefügt war.</p>
                <pb n="278"/>
                <p>Von Armenunterstützung durch die Gemeinde hat dem Rötelein nie einer mehr
                    geredet. Aber einmal wurde doch in der Armenbehörde von ihm gesprochen. Für ein
                    jungverheiratetes Ehepaar, das erst noch für ein einziges Kind zu sorgen hatte,
                    sollte der Hauszins bezahlt werden. Da schlug der Präsident auf den Tisch, daß
                    es krachte, und sagte zornig: «Krank ärgern muß man sich über solche
                    Liederlichkeit und Faulenzerei. Zwei junge, gesunde Leute bringen es nicht
                    fertig, sich und ihr Kind zu versorgen, und ein Sonnseiten-Rötelein zieht
                    mutterseelenallein fünf Kinder auf zu braven, tüchtigen Menschen, ohne daß
                    jemand einen Rappen beisteuern muß. Aber das sage ich, und halten tu ich's, so
                    wahr ich hier stehe: Das nächstemal, wenn ich dem Rötelein begegne, spreche ich
                    ihm meine Hochachtung aus, ziehe den Hut ab vor ihm und halte ihn in der Hand,
                    solange ich mit ihm rede.» So hat der Präsident gesprochen und hat's nachher
                    auch getan. Da ist das Rötelein noch röter geworden, und schüchtern und
                    verwundert hat es erwidert: «Ja, was habe ich denn besonders getan? Das verstand
                    sich doch alles ganz von selbst, anderwegs hätt's mich doch gar nicht
                    gefreut!»</p>
            </div>
        </body>
    </text>
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