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                <title>Die Verschüttung im Hauenstein: ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:76423327 wikidata:Q115992">Fröhlich, Abraham Emanuel
                    (1796-1865)</author>
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                    <resp>ELTeC conversion</resp>
                    <name>Nele Sophie Spielberg</name>
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                <p><date>2021-10-12</date></p>
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                    <title>Die Verschüttung im Hauenstein</title>
                    <author>Fröhlich, Abraham Emanuel</author>
                    <publisher>Schultheß</publisher>
                    <pubPlace>Zürich</pubPlace>
                    <date>1858</date></bibl>
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                    <title>Die Verschüttung im Hauenstein</title>
                    <author>Fröhlich, Abraham Emanuel</author>
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            <p>The text was transcribed from the Gutenberg-DE edition which claims to be from 1858.
                The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from the printSource of
                the 1858 edition.</p>
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                <head><hi>Die Verschüttung im Hauenstein</hi></head>
                <p>Auf der Sommerau bei Oberhofen im Schwarzwald schaute Margarita, die Magd des
                    reichen Bauers, seit einigen Tagen öfter von der Arbeit weg auf die Landstraße
                    hin, welche über die westliche Höhe jenseits ins ebnere Land hinunter führt. Wie
                    sie hübsch, gesund und kräftig war, hatte auch ihr schönes, schwarzes Auge eine
                    besondere Stärke, und sie konnte die ganze Stunde weit, da wo die Straße durch
                    die Waldlücke auf die Hochebene steigt, nicht nur einen Wagen heraufkommen sehen
                    und sagen, mit wie viel Pferden er bespannt sei, sie gab auch die Zahl der in
                    den Einschnitt des Waldes tretenden Wanderer an und fast auf eine halbe Stunde
                    weit unterschied sie die einzelnen Bekannten. Vom Felde und Brunnen, aus dem
                    Stall, der Scheune und Küche schaute sie so seit einigen Tagen zumal am Abend
                    auf die Landstraße hin, und da es gerade Vollmond war, dann noch lange aus ihrer
                    Kammer, deren Fenster gen Abend sah über die flacheren Hügel und die breiten
                    Felder und hinter diesen zur westlichen Waldhöhe und deren Landstraße. Aber wie
                    sie da aus ihrem Fenster zwischen Rosmarin und Blumen in die helle Nacht
                    hinausschaute, die Sterne höher stiegen und der Mond endlich über dem Walde
                    unterging und die Straße daher nicht kam, wonach sie sich sehnte, dann seufzte
                    sie wieder, ihr Auge wurde naß und sie sagte: »Soll es denn <pb n="2"/>so sein,
                    so stärke du mich, himmlischer Vater, daß ich nicht wider dich murre; laß mich
                    nicht verzweifeln; stärke mich in dem Glauben, daß auch dunkle Pfade, die du
                    mich leiten willst, die einzigen Wege seien zu meinem Heile, und daß du mich die
                    rechten Straßen führest um deines Namens willen.« Nach wem hinaus schaute denn
                    so die schöne Margarita?</p>
                <p>Neben ihr diente auf der Sommerau der Knecht Andreas. Sie hatten sich herzlich
                    lieb und waren verlobt. Nun aber hatte Andreas schon vor mehreren Tagen nach
                    Karlsruhe hinunter reisen müssen; er sollte um den Kriegsdienst das Loos ziehen.
                    Auch der Bauer sah ihn ungern gehen. Er hatte, ohne daß es Andreas wußte,
                    mancherlei versucht, ihn von dem Ziehen des Looses zu befreien und ihn bei sich
                    behalten zu können. Denn Andreas war ihm überaus nützlich, nicht leicht verstand
                    ein Landmann den Feldbau, die Viehzucht und die Besorgung der Pferde besser, er
                    konnte auch gut lesen und schreiben und galt unter den Bauern für einen
                    Gelehrten, weil er so viel wußte und las; nicht leicht war ein Knecht treuer und
                    fleißiger als Andreas; auch war er stets unverdrossen, heiter und aufgeweckt,
                    sang und pfiff oft den ganzen Tag: seine Freude und sein Glück war ihm seine
                    Margarita. Dem Bauer wäre es durch die ihm verpflichteten Vorgesetzten wohl noch
                    gelungen, den Andreas vom loosen zu befreien; wie dieser aber von solchen
                    Umtrieben etwas merkte, sagte er: »Dazu gebe ich mich nicht hin; ich will von
                    meinen Kameraden weder gehaßt noch verhöhnt sein, als sei ich zum Kriegsdienst
                    untauglich oder feig: am Ende mißgönnt mich der Meister dem Großherzog und
                    dienen muß ich in allewege. Ich will auf geraden Wegen gehen und wohin mich Gott
                    führt.« <pb n="3"/>Dieß konnte auch Margarita nur billigen. »Daß ich lieber bei
                    dir bleibe und täglich um dich, sagte er, und tausend Mal lieber hier wäre als
                    in der Kaserne, und lieber in Feld und Stall als auf dem Exerzier- und
                    Paradeplatz, ach das weißt du schon. Aber alles, wie Gott will!« Und so nahmen
                    sie von einander Abschied; er gefaßter unterdrückte seinen Schmerz, sie aber
                    küßte ihn noch unter vielen Thränen.</p>
                <p>»Ich fürchte«, sagte der Bauer, als Andreas ging, »du bleibst doch in Karlsruhe
                    stecken; sie werden die Loose wohl so schütteln, daß es dich trifft. Du bist ein
                    Kerl, wie sie wenige haben, so hoch, breit und stark, du würdest einer der
                    ersten unter den Gardekürassieren. Willst du dem entgehen, zeige nur nicht, daß
                    du jetzt schon gut reiten und mit den Pferden wohl umzugehen weißt. Uebrigens
                    hättest du's hier allewege besser; nicht wahr Margarita? Auch ist die Kost auf
                    der Sommerau eine bessere als in der Kaserne, nicht minder die Löhnung.«
                    »Diese«, sagte Andreas, »hält mich wahrlich nicht auf der Sommerau; und komme
                    ich zurück, so soll dann über unsern künftigen Lohn auch noch ein Wörtlein
                    gesprochen werden.« »Darüber kannst du meinen Willen«, antwortete der Bauer:
                    »Knechte und Mägde hat's überall zur Auswahl.« »Ich weiß«, sagte Andreas, »wenn
                    euere Rosse, Kühe, Ochsen reden könnten, sie würden zum Abschied mir etwas
                    Vernünftigeres sagen; und ja von ihnen will ich auch noch Abschied nehmen.« Und
                    so ging er in den Stall und sprach zutraulich mit jedem Thiere und streichelte
                    und hätschelte sie und schob ihnen noch Futter nach; sie wendeten Kopf und Auge
                    nach ihm, bezeigten ihm ihr Behagen. »Hab' ihnen Sorg, Margarita,« sagte er. Die
                    Thiere <pb n="4"/>hatten ihn wohl verstanden. Könnten sie reden, hätten sie
                    gesagt: »Du kommst doch wieder?« Der Haushund merkte Andresens Fortgehen und
                    wollte wie gewohnt ihn begleiten. Andreas sagte: »du kannst nicht mit!« Da kroch
                    das schöne Thier ohne weiteres traurig in seinen Stall und folgte ihm unverwandt
                    mit seinen Blicken.</p>
                <p>Die andern jungen Bursche von Oberhofen, die mit hinunter mußten, das Loos zu
                    versuchen, zogen vorüber mit Jauchzen und Singen, als gings zu einem Feste,
                    schwangen den Ihrigen, den Schätzen und Bräuten noch den Hut; und Andreas schloß
                    sich ihnen an. Margarita aber ging in ihre Kammer und schaute ihnen nach. Es war
                    an einem Sonntag Nachmittag und so durfte sie, da auch ihr der Tag Ruhe
                    vergönnte, am Fenster verweilen. Andreas wußte das und grüßte noch oft zurück.
                    Auch er trug von ihr einen Strauß, gleichwie die andern von Bräuten und
                    Freundinnen mit Blumen beschenkt fortzogen. Sie jubelten, um den Schmerz zu
                    verbergen oder zu übertönen und zu beschwichtigen und sangen:</p>
                <p><l>Mir hat den Strauß gebunden.</l>
                    <l>Die theuerste, liebste Hand,</l>
                    <l>Und hat mir ihn geboten</l>
                    <l>Als ihrer Treue Pfand.</l></p>
                <p><l>Da ihre schonen Augen</l>
                    <l>Geträuft den Thau darein,</l>
                    <l>So welket nicht die Rose.</l>
                    <l>Noch das Vergißnichtmein.</l></p>
                <p>Der Bauer bemerkte nach einigen Tagen, wie Margarita vom Brunnen und aus dem
                    Garten und Felde öfter auf die Landstraße hinblickte und etwa auch die Ar<pb n="5"/>beit vergaß, am Brunnen den Zuber überlaufen ließ, im Garten Hand und
                    Kopf auf den Griff des Spatens lehnte und über den grünen Hag in die Weite sah.
                    »Hast lange Zeit nach ihm?« sagte der Bauer; »er versäumt dich so noch mehr am
                    Arbeiten, als wenn er um dich ist, so viele Zeit denn auch oft verplaudert und
                    vernarret wird. Du kannst ihn doch nicht herblicken. Am Ende ziehst du ihm auch
                    noch nach in die Garnison.« »Ich habe Versäumtes«, anwortete Margarita ruhig,
                    »noch immer wieder eingeholt, und auch jetzt habe ich noch mehr gemacht, als mir
                    aufgetragen.« »Ja«, sagte der Bauer, »du setzest dann wieder an, um dein Heimweh
                    nach ihm zu vergessen und um kurze Zeit zu haben. Es wäre aber besser, du
                    schlügest dir ihn aus dem Sinn; er kömmt doch nicht mehr, sonst wäre er schon
                    hier.« Sie antwortete: »Es wäre Euch selber nicht recht, wenn er nicht mehr
                    käme; denn das sehen doch alle auf unserem Hofe, daß dem Meister sein Andreas
                    fehlt; so solltet Ihr es natürlich finden, daß er auch mir fehlt; was wollt' ich
                    das verhehlen? Aber noch verzweifle ich nicht an seiner Zurückkunft; denn auch
                    von seinen mit hinunter gegangenen Kameraden ist noch keiner heim gekommen, und
                    alle mit einander wird das Loos doch nicht getroffen haben. Und seht dort in
                    weiter Ferne kommen einige Männer die Straße her. Die könnten's, die werden's
                    wohl sein.« »Man kann von dir nicht sagen«, erwiederte der Bauer, »daß dich die
                    Liebe blind mache. Ich sehe wohl die Landstraße; aber wer wollte so weit in die
                    Ferne unterscheiden, ob Männer oder Weiber oder Wagen da herkommen?« »Nun ja«,
                    sagte Margarita, »die Liebe mag allerdings fernsichtig machen, und wenn Euch von
                    dorther ein Wagen mit Heu oder Korn käme, würdet Ihr ihn auch sehen und <pb n="6"/>das Bäuerlein, das Euch Zinsen bringt, wohl auf eine Viertelstunde
                    weit erkennen.«</p>
                <p>Indessen kamen die Männer näher, sie wurden auch von andern bemerkt, die
                    vermutheten, es seien die durchs Loos Befreiten. Eltern und Freunde eilten
                    entgegen. Nach einer Weile rief Margarita: »Meister, der Andreas ist unter
                    ihnen; er ist frei und kommt wieder, darf ich ihm nicht auch entgegen? Sehet
                    Mütter, Schwestern und Bräute sind auch schon auf der Straße.« »Nun«, sagte der
                    Bauer, »sie wollen sehen, ob der Ihrige unter den Zurückkehrenden sei, da aber
                    deine fernsichtige Liebe den Andreas erkannt hat, so bist du ja schon im
                    Gewissen. Und Mägde werden doch schwerlich mit ihren Hausherren und Hausfrauen
                    und mit den Töchtern des Hauses den Söhnen entgegen ziehen.« Margarita
                    antwortete: »Soll sich denn die Magd nicht auch freuen über die Befreiung und
                    Rückkehr ihres Schatzes? Ach ihr Reichen habt so viele andere Güter, mißgönnt
                    doch uns Dienenden nicht die Liebe. Und sollte ich nicht vor aller Welt und auf
                    der Landstraße sagen: Das ist mein Andreas, und Gott sei Lob und Dank, daß du
                    wieder zurückkommst. Sehet, er hat auch mich bemerkt, er winkt mit dem Hute. »Du
                    hast schon gehört«, sagte der Bauer, »du bleibst bei der Arbeit; daran ist
                    nichts gelegen, ob du ihm eine Viertelstunde früher oder später die Hand
                    reichest. Ich aber will ins Dorf hinunter, zu sehen, welche denn durchs Loos
                    befreit und ob meine Vettern auch darunter seien.« Als er fort war und Margarita
                    bemerkte, wie Andreas wiederum winkte, löste sie das Tuch von ihrem Nacken und
                    schwang es und sah, daß nun auch Andreas ein Tüchlein fliegen ließ. Es war ihr
                    schwer, ihm nicht entgegen zu eilen.</p>
                <pb n="7"/>
                <p>Sie sah, daß er von der Landstraße ablenkte und den nähern zur Sommerau führenden
                    Fußpfad einschlug. Da ließ sie den Spaten stecken und eilte ihm entgegen und sie
                    trafen sich hinter dem hohen und langen sich an den Obstgärten hinziehenden
                    Hage. Unter Freudenthränen küßte sie ihn und Hand in Hand gingen sie dem Hofe
                    zu. Er sagte: »Auch ich hatte nach dir lange, lange Zeit. Das Ziehen des Looses
                    verzögerte sich aber um einige Tage, weil noch etliche junge Leute mußten
                    hergeholt werden, die sich entweder krank gestellt oder auf andere Weise sich
                    dem Kriegsdienst hatten entziehen wollen. Als wir dann looseten, sah ich, wie
                    die Offiziere mich ins Auge gefaßt und hörte, wie ein Rittmeister sagte: der
                    kömmt in mein Regiment. Ich griff nicht ohne Bangigkeit; aber siehe, ich hatte
                    ein befreiendes Loos. Und die Offiziere sagten: »Wie Schade! Bursche, du
                    solltest dich wahrlich schämen, nicht das Dienstloos bekommen zu haben«. »Du
                    solltest«, sagte der Rittmeister, »freiwillig in mein Regiment eintreten. Du
                    würdest bald vorrücken.« Ich aber antwortete: »Ihr werdet wissen, meine Herren,
                    daß es heißt: Loos wird geworfen in den Schooß; aber es fällt wie der Herr will.
                    Gilt es einmal das Vaterland zu vertheidigen, so bleibe ich mit tausend andern,
                    die jetzt das Loos vom Kasernendienst befreite, gewiß nicht hinter dem Ofen, und
                    könnt ihr mich brauchen, Herr Rittmeister, so trete ich dann freiwillig unter
                    euer Regiment und werde hoffentlich das Reiten nicht verlernt haben. Bis dorthin
                    ist ja eben durch das Loos dafür gesorgt, daß auch der Nährstand lebe. Mit
                    Sichel, Sense und Pflug, mit Vieh- und Pferdezucht ist er dem Lande wohl eben so
                    nothwendig und nützlich, als ihr mit dem Schwert in der Hand.« »Dir aber«, sagte
                    der Rittmeister, <pb n="8"/>»stünde das Schwert besser als der Flegel oder die
                    Mistgabel«. »Es ist wahr«, antwortete ich, »es geht jedes Mal ein Gefühl von
                    Muth und Freude durch mich, wenn ich die Hand an den Griff eines solchen
                    Kürassierschwertes legen kann. Ich habe auch schon von Kameraden, welche aus der
                    Garnison auf Urlaub kommen, etwas fechten gelernt und der schwere Pflug und die
                    Wucht der Holzaxt haben meinen Arm nicht schwach gemacht. Muß ich etwa einen
                    schnellen Botenritt machen und ich trabe auf einem guten Pferde so dahin, ist es
                    mir oft, ich habe das Schwert an der Seite und dann laß ich das Roß fliegen und
                    denke mir, wie es sein werde, wenn man einhaut oder dem geworfenen Feinde
                    nachsetzt.« »Nun so bleibe bei uns«, sagte der Rittmeister; »du könntest als
                    Bedienter in meine besondern Dienste treten; da hättest du Gelegenheit, unser
                    edles Handwerk aus dem Grund zu lernen; da fändest du die schönsten Rosse,
                    schmuckes Pferdezeug, die besten Waffen und eine auserlesene Kameradschaft. Du
                    würdest ganz gewiß dein Glück machen. Ich wollte dir dazu behülflich sein.« »Ich
                    danke«, antwortete ich, »daß ihr gegen einen euch noch unbekannten und armen
                    Burschen, gegen den Knecht eines Bauers so gütig seid; aber ich muß wieder
                    zurück zu demselben auf die Sommerau.« »Den kenne ich wohl«, sagte der
                    Rittmeister; »aber der zieht doch seine Leute weder mit großer Löhnung noch
                    Liebe.« »Was gilts aber«, rief ein anderer Offizier, »den Burschen zieht eine
                    andere Liebe nach der Sommerau zurück und darum ist er so vergnügt, daß ihn hier
                    das Loos nicht getroffen hat.« »Nun das will ich nicht läugnen, meine Herren«,
                    sagte ich, »es wartet dort meine Braut auf mich; sie wird sich über meine
                    Freiwerdung nicht minder freuen als ich und die Herren werden mir <pb n="9"/>das
                    nicht übel nehmen; ich will meine besten Jahre lieber mit ihr in irgend einer
                    kleinen Hütte zubringen, als hier ohne sie in der größten Kaserne es vielleicht
                    bis zum Feldweibel bringen zu können.« »Sie könnte ja aber auch hier einen
                    Dienst bekommen«, meinte einer. »Die Verlobten und Verheiratheten werden nicht
                    die pünktlichsten im Dienste sein, sagte ich; sie würde mir auch schwerlich
                    gerne hieher folgen, und auch ihretwegen wird mein Loos so gefallen sein.« »Du
                    solltest dich aber doch nach einem andern Dienst umsehen«, sagte der
                    Rittmeister; »ich weiß, der Bauer auf der Sommerau gibt so wenig Lohn als
                    möglich. Benütze nun die Gelegenheit deines hiesigen Aufenthalts, du findest
                    wohl eine Anstellung, wo du schneller dein Glück machen kannst.« So sagte der
                    Rittmeister und gab mir selber noch Anleitung, zu einem bessern Dienst und Lohn
                    zu kommen. Für einmal aber ist mein Glück schon gemacht, daß ich wieder bei dir
                    bin.«</p>
                <p>Also erzählte und sprach Andreas, wie er mit seiner Margarita Hand in Hand zur
                    Sommerau ging. »Es ist recht« sagte sie, »daß du frei bekanntest, wir seien
                    verlobt. Aber wenn du hättest müssen Soldat werden, ich weiß nicht, ob ich es
                    hieoben so allein ausgehalten hätte. Ach was ich Angst und Heimweh hatte diese
                    Tage und Nächte lang. So mehr sei Gott gedankt, daß er uns beisammen sein läßt.«
                    »Ja auch ich habe der Sommerau entgegengejauchzt, so bald ich sie auf der
                    Berghöhe wieder erblickt«, sagte Andreas. »Um den Lohn aber, um den wir bisher
                    gedient, wollen wir hier nicht bleiben. Anderwärts, das habe ich nun vernommen,
                    verdienen Knechte und Mägde, welche nicht einmal leisten was wir, das Doppelte
                    und Dreifache. Und das muß der Bauer wissen. Ich habe auch <pb n="10"/>unterwegs
                    ein Gütchen gesehen, ein schmuckes Häuschen, ein Gärtchen und so viel Land, als
                    nöthig ist für eine kleinere Haushaltung; in der Nachbarschaft wäre täglich viel
                    zu verdienen und das Gütchen um eine verhältnißmäßig geringe Summe zu kaufen.
                    Wir haben freilich noch nicht so viel erspart. Aber eben darum muß uns der Bauer
                    den Lohn erhöhen oder wir suchen einen bessern Dienst.«</p>
                <p>So waren sie in den Garten getreten. Margarita ergriff wieder ihren Spaten.
                    Andreas ging sogleich in den Stall. Die Thiere erkannten alsbald seine Stimme
                    und wandten die Köpfe gegen ihn. Sobald er sein Sonntagsgewand ausgezogen, ging
                    er an die Arbeit und besorgte das Vieh.</p>
                <p>Der Bauer war noch nicht zurück. Er sah den Andreas nicht unter den heimgekehrten
                    jungen Burschen und zweifelte nun, ob Margarita recht gesehen; die Liebe könnte
                    sie denn doch getäuscht haben. Die von den Ihrigen bewillkommten Jünglinge, die
                    des Bauers Wesen kannten und den Andreas liebten, sahen, daß der Bauer diesen
                    unter ihnen suche und machten sich einen Spaß, ihn etwas in Ungewißheit zu
                    lassen. »Ist denn Andreas nicht mit euch hergekommen?« fragte der Bauer. »Das
                    könnet Ihr selber sehen«, sagten die Bursche. »Er hat den Offizieren vor allen
                    Andern gefallen.« »Die Margarita«, sagte der Bauer, »hat doch sicher gemeint,
                    ihn unter euch zu sehen; er habe ihr mit dem Hut gewunken.« »Gewunken haben wir
                    Alle«, antwortete einer. »Die Margarita wird jetzt eben auch einen andern Dienst
                    suchen. Und das muß man sagen, einen Knecht, wie Andreas, eine Magd, wie
                    Margarita, die findet man nicht überall und nicht alle Tage. Saget nur der
                    Margarita, ihr Andreas lasse sie grüßen.«</p>
                <pb n="11"/>
                <p>Der Bauer bemerkte wohl das Lächeln der Bursche, aber er meinte nun, es sei
                    Schadenfreude, daß er seinen Andreas verloren und daß er jetzt auch die
                    Margarita verlieren werde, und ging verdrießlich auf seinen Hof zurück. In der
                    Nähe desselben sprang aber sein Hund voraus, er hatte den Andreas gewittert. Und
                    der Bauer traf denselben im Stall. »So! du bist also den Feldweg hergekommen«,
                    sagte er, und ließ nicht merken, daß ihm die Heimgekommenen etwas mitgespielt;
                    »aber du wirst eben aus der Ferne schon die Margarita erblickt haben und bist
                    ihr auf dem kürzesten Wege zugeeilt.« »Ihr sehet, daß mich die Arbeit und Euer
                    Vortheil herzog, sonst wäre ich mit meinen Kameraden billiger Maßen noch ins
                    Wirthshaus gesessen. Ich hätte es wahrlich thun sollen und dann wäret Ihr zu uns
                    gekommen und hättet uns auch noch einen Trunk bezahlt aus Freude, daß wir
                    zurückgekehrt. Eure Vettern und auch ich.« »Es ist mir ganz recht, daß du wieder
                    hier bist«, sagte der Bauer, »aber am Ende hätte ich es auch ohne dich machen
                    können.« »Das weiß ich gar wohl«, antwortete Andreas; »aber so sage ich auch
                    Euch, daß ich es ebenfalls ohne Euch hoffe machen zu können. Und da Ihr nun
                    selber zum Willkomm davon angefangen, so sage ich Euch frischweg, daß ich Euch
                    von jetzt an nicht mehr um den bisherigen Lohn diene.« »Für das laufende
                    Halbjahr«, sagte der Bauer, »hast du dich mir wieder verdungen und warest mit
                    deinem Lohn, der recht und schön ist, zufrieden; und bei diesem bleibt es also
                    für einmal. Auch könnte ich dir für deine mehrtägige Abwesenheit einen Abzug
                    machen.« »Das möget Ihr«, antwortete Andreas; »aber um den bisherigen Lohn diene
                    ich Euch und zwar von Stund an nicht mehr.« »Du kannst freilich den Dienst <pb n="12"/>verlassen«, sagte der Bauer, »wann du willst, aber ich bin dann auch
                    nicht gehalten, dir den Lohn zu geben.« »Ihr werdet«, erwiederte Andreas, »mir
                    meinen wohlverdienten Lohn auf den Tag auszahlen; Ihr wisset doch, daß es heißt:
                    du sollst deinem Nächsten nicht Unrecht thun noch ihn berauben. Es soll des
                    Taglöhners Lohn nicht bei dir über Nacht bleiben bis an den Morgen; und wehe
                    dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen
                    Nächsten umsonst arbeiten lässet und gibt ihm seinen Lohn nicht.« »Du würdest
                    mich auch schädigen«, sagte der Bauer, »wenn du mir aus dem Dienst vor der Zeit
                    fortliefest und so wäre der zurückbehaltene Lohn nur ein geringer
                    Schadenersatz.« »Du sollst den dürftigen und armen Taglöhner nicht bedrücken«,
                    sagte Andreas, »und wiederum heißt es: siehe der Arbeiter Lohn, die euer Land
                    eingeerntet haben, der von euch abgebrochen ist, schreiet und das Rufen der
                    Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herren Zebaot.« Der Bauer antwortete:
                    »Heiße es dieses oder jenes, darnach frage ich nicht, ich halte mich an das
                    Gesetz, an Brauch und Ordnung, und nach diesen bin ich dir keinen Lohn schuldig,
                    wenn du mir aus dem Dienst fortläufst, den du mir nicht aufgekündet hast. Das
                    ist die Verkehrtheit der Zeit. Du warest doch froh, als ich dich von der Straße
                    weg als Knechtlein in mein Haus aufnahm. Aber kaum ist ein solches Bürschlein an
                    fremder und guter Kost hoch aufgeschossen, hebt er den Kopf auf, will selber
                    Herr werden und soll die Herrschaft noch dankbar sein, einen solchen Burschen,
                    der auf der Welt nichts hat, auferzogen zu haben. So viel ich noch aus der
                    Kinderlehre weiß, heißt es doch auch: ihr Knechte seid gehorsam in allen Dingen
                    euern leiblichen Herren!« <pb n="13"/>»Es heißt so«, sagte Andreas, »und ich
                    habe es an Gehorsam nicht mangeln lassen; Haus und Hof, Feld und Stall mögen
                    sprechen. Aber so auch ist geschrieben: ihr Herren, was recht und gleich ist,
                    das beweiset den Knechten und wisset, daß ihr auch einen Herren im Himmel habet.
                    Nun ist aber mein bisheriger Lohn nicht mehr das, was recht und gleich, das
                    heißt meiner Arbeit und Leistung gleich und angemessen ist; meine Tüchtigkeit
                    ist gewachsen und Ihr bezahlet mich immer noch wie den einst schwachen und viel
                    weniger leistenden Anfänger.« »Wie gesagt«, warf der Bauer hin, indem er aus dem
                    Stall ins Haus ging, »du kannst, aber, versteht sich, ohne Lohn, fort, wann du
                    willst.«</p>
                <p>Sobald sie Feierabend hatten und wieder allein sein konnten, hielten Andreas und
                    Margarita Rath. Sie faßten den Entschluß, keines wolle ohne das andere auf dem
                    Hofe bleiben und wenn ihnen der Bauer nicht einen bedeutend höhern Lohn gebe,
                    wollen sie diesen Meister verlassen. Margarita war zu Oberhofen und in der
                    Nachbarschaft schon öfter angegangen worden, in einen leichteren und doch besser
                    belohnten Dienst zu treten Sie konnte auswählen. Andreas sagte: ich habe auf
                    meiner Reise wiederholt versichern hören, für einen starken und gewandten
                    Arbeiter sei gegenwärtig weit aus der reichste Verdienst in den Tunnelarbeiten
                    zu finden. Einer meiner Bekannten hat mich wirklich für dieselben angeworben. Es
                    ist einer der Werkführer im Hauensteiner Tunnel in der Schweiz. Weit hin ist es
                    nicht; und der Werkführer, der ein redlicher Mann ist, betheuert mir, ich würde
                    mit meinen Kräften täglich bis zehn Franken verdienen. So könnten wir ja mit
                    dem, was wir schon erspart, schon etwa in zwei Jahren jenes Gütchen <pb n="14"/>kaufen. Bei den gewöhnlichen Jahrlöhnen müßten wir noch länger als zehn Jahre
                    dienen und kämen doch nicht zu einem eigenen Heimwesen. Auch meint der Bekannte,
                    da ich gut lesen und schreiben und mit den Leuten umgehen kann, auch schon öfter
                    ganze Schaaren von Mähdern, Schnittern und andern Taglöhnern beaufsichtigt habe,
                    ich würde in kurzer Zeit irgend ein Aufseher werden mit leichterer Anstrengung
                    und größerm Lohn. Ich habe darüber seither viel nachgedacht und mich näher
                    erkundigt. Alles bestätigt die versprochenen Vortheile und ich bin, wenn du
                    nicht ganz und gar dawider bist, so viel als entschlossen, in die nahe Schweiz
                    zu reisen und dort unser Glück zu suchen. Denn was ich dort in kurzer Zeit
                    verdienen kann, gibt mir unser Bauer nie und gibt mir kein Meister nah und
                    fern.« »Aber das Allein sein!« sagte Margarita. »Ach es wird mir«, fuhr Andreas
                    fort, »ebenso schwer werden. Aber wollen wir einmal zusammen hausen, müssen wir
                    uns in diese einstweilige Trennung fügen. Ich weiß keinen andern Weg zu einer
                    eigenen Hausthüre.« »Wir haben ja aber auch schon erzählen hören«, sagte
                    Margarita, »daß jene unterirdischen Arbeiten nicht nur mühselig, sondern auch
                    ungesund und gefährlich seien und daß beim Durchgraben der Hügel und Berge schon
                    manches Menschenleben geopfert worden sei.« »Unglücksfälle«, antwortete Andreas,
                    »gibt es überall auch beim Feldbau und freilich öfter bei großen Bauten. Durch
                    Unvorsichtigkeit oder Ungeschick oder Verwegenheit sind die Leute meist selber
                    Schuld, wenn sie Schaden nehmen. Uebrigens ist ja unser Leben eine fortwährende
                    Todesgefahr; wir sind aber überall in Gottes Hand und sein Aufsehen bewahret
                    unsern Odem.« »Aber das würde mir doppelt schwer fallen«, sagte Margarita, »dich
                    mir stets in <pb n="15"/>den dunkeln und feuchten, unterirdischen Gängen zu
                    denken, selber am heitern Sommertag in der tiefen Finsterniß, wo sie beim matten
                    Schein und beim Qualm der Lichter arbeiten. O wie viel tröstlicher wäre es, dich
                    auf Wiese und Feld zu wissen. Ich könnte doch denken, auch er erfreut sich
                    dieses schönen Tages, der Wärme oder Kühle dieses Morgens oder Abends.« »Nein«,
                    sagte Andreas, »in beständiger Nacht und Vergrabenheit wirst du mich dir nicht
                    denken müssen. Die Arbeiter lösen sich dort in kurzen Fristen ab; ein Theil des
                    Tages wird auch unterm freien Himmel und in der frischen Luft zugebracht. Es
                    könnte auch wohl sein, meinte jener Werkführer, daß ich beim Fuhrwerk angestellt
                    würde, denn auch eine Menge Pferde seien bei diesem Unternehmen in Thätigkeit.
                    Auch können sich selber die, welche im Innern die schwersten Arbeiten
                    verrichten, bei gehöriger Vorsicht und Mäßigkeit gesund erhalten. Es gebe da
                    sehr viele Leute, welche, obschon sie lange im Tunnel angestrengt gearbeitet,
                    dennoch gesund seien und ein frisches Aussehen haben.« »Und dennoch ist es mir«,
                    sagte Margarita, »du solltest nicht hingehen; ich spüre in mir noch etwas
                    Anderes als das kommende Heimweh. Und wenn ich schon das Wort höre: Befiehl dem
                    Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen, und: Sorget nicht für
                    euer Leben; ihr könnet euerer Lebenslänge nicht eine Spanne zusetzen - habe ich
                    doch jetzt schon Angst um dich, ja ich fühle es, ich werde fortwährend um dich
                    in Aengsten sein.« »Und ich hoffe«, antwortete Andreas, »ich werde dir bald
                    einen Brief schreiben können, der dich dann von aller Furcht befreit. Und auch
                    du schreibst ja gern, bist, einen großen und schönen Brief mir schreibend, am
                    Sonntagsnachmittag bei mir und ich eben so bei dir. Vielleicht findest du auch
                        <pb n="16"/>einen Dienst in der Nähe der Schweiz und dann könnten wir uns
                    öfter wieder sehen. Oder ich finde für dich sogar einen Platz in der Schweiz
                    selbst, denn darnach werde ich mich sogleich eifrig umsehen und dann wären wir
                    doch wieder wöchentlich oder sonntäglich beisammen.« »Die Hauptsache ist«, fuhr
                    Margarita fort, »daß wir fest seien, nicht das Geld, sondern Gott führe uns
                    unsere Wege; wir müssen beten: gib mir einen gewissen Geist; wende von mir den
                    falschen Weg.« »Daß ich gebetet«, sagte Andreas, »als ich das Loos zog, Gott
                    möge mich stärken, mich in seinen Willen zu fügen, darfst du glauben. Und siehe,
                    gerade an jenem Tage, als mich das Loos vom Kriegsdienst befreite, traf ich
                    jenen mir wohl bekannten Werkführer, der mir die Vorschläge machte, mit ihm in
                    die Schweiz zu gehen. Dürfen und sollen wir das nicht für einen Fingerzeig
                    ansehen?« »Wir sind eben«, antwortete Margarita, »wie in einem finstern Tunnel
                    und müssen uns der Hand anvertrauen, die uns führt. Wir haben es wie die, die es
                    unternehmen, Berge zu durchgraben, auf was für Schwierigkeiten sie stoßen und ob
                    ihnen ihr Werk gelingen werde, wissen sie nicht.« »Der Glauben aber versetzt
                    Berge«, antwortete Andreas. »Wohl wahr«, sagte Margarita, »und so wollen wir
                    beten: stärke unsern Glauben, daß er auch die Berge der Sorgen und
                    Beängstigungen hebe.«</p>
                <p>Inzwischen hatte der Bauer doch berechnet, was für ein Nachtheil ihm erwüchse,
                    wenn Andreas und Margarita von ihm fortgingen und wie viel er ihnen etwa bieten
                    sollte, um sie länger in seinem Dienste zu behalten. Er erwartete, Andreas werde
                    ihm eine bestimmte Forderung stellen. Dieser aber schwieg und verrichtete
                    fleißig wie immer seine Geschäfte. Endlich brach der Bauer das Stillschweigen<pb n="17"/> und sagte: »Es scheint, du wollest denn doch bei mir bleiben, und
                    es sei dir nicht Ernst gewesen mit dem, was du vorgebracht. Es ist freilich auch
                    bald gesagt, man wolle fort und in einen besser belohnten Dienst. Aber wenn man
                    weder einen bessern Dienst weiß, noch einen größern Lohn zugesichert hat, so ist
                    man froh, zu bleiben, wo man ist.« »So froh bin ich aber nicht«, antwortete
                    Andreas, »und es ist mein ganzer Ernst, ich verlange größern Lohn.« Diese
                    Festigkeit erschreckte den Bauer, und er sagte: »So gar unzufrieden bin ich
                    freilich mit dir und mit der Margarita nicht, und um euch das zu zeigen und euch
                    zu ermuntern, will ich ihr jährlich zehn Franken mehr geben und dir zwanzig.«
                    »Als ein Trinkgeld am Neujahrstag«, sagte Andreas, »ließ ich mir dieß noch
                    gefallen; aber eine Vermehrung des Lohnes wird doch das nicht sein wollen.« »Die
                    Dienstleute werden immer begehrlicher«, erwiederte der Bauer. »Ich dachte, du
                    würdest das freiwillig Dargebotene mit Dank annehmen, und jetzt ist es dir ein
                    bloßes Trinkgeld. Sag, was erwartetest und was verlangst du denn?« »Was ich
                    anderwärts verdienen kann«, sagte Andreas, »gebet Ihr mir auf keinen Fall und so
                    nützt es nichts, daß ich meine Forderung ausspreche.« Der Bauer antwortete: »Das
                    möchte ich denn doch gerne vernehmen, wie hoch im Preise das Dienstvolk
                    gestiegen sei.« »Warum sollte denn«, sagte Andreas, »die Kraft und Arbeit nicht
                    im Preise steigen, da sich der Gewinn aus derselben mannigfach vermehrt hat? und
                    warum soll aus der Kraft und dem ganzen Leben der Armen nur der Reiche den
                    Gewinn ziehen? Nach Euerer Schätzung wäre meine Kraft und Fähigkeit sehr gering.
                    Ich glaube, mich nicht zu überschätzen, aber so sehr unter einem billigen Preis
                    gebe ich mich auch nicht hin. Ich <pb n="18"/>weiß zwar wohl, in einem Dienst
                    ist noch mehr als der Lohn das Wohlwollen und die Sorgfalt der Herrschaft. Die
                    Dienenden sollten liebe und werthe Glieder des Hauses sein. Wir aber sind Euch
                    bloß ein nützliches Werkzeug. Werden wir in Euerem Dienst krank oder alt,
                    beseitigt Ihr das unbrauchbare Werkzeug, ohne Euch um dasselbe weiter zu
                    bekümmern, und versehet Euch mit frischem. Und daß ich es Euch nur sage:
                    Margarit und ich sind bisher gerne hier gewesen, weil wir uns eben gerne haben.
                    Aber jetzt gehen wir fort.« »Gehet, gehet!« sagte der Bauer, und wie wenn er
                    dieses Wort bereute, fragte er alsobald: »Oder was fordert ihr denn? was
                    erwartet ihr von mir?« »Ich will künftig zweihundert Franken Jahrlohn,« sagte
                    Andreas »und Margarita muß wenigstens hundert verlangen.« »Seid ihr verrückt?«
                    sagte der Bauer, »um diesen Lohn finde ich drei oder vier Knechte und Mägde. Was
                    würden die andern Bauern, welche eine Dienerschaft halten müssen, sagen, wenn
                    ich anfinge, einen so unerhört hohen Lohn zu zahlen? sie würden auch mich für
                    verrückt halten oder meinen, ich wollte einen Hofstaat führen und statt einen
                    Stallknecht fürder einen vornehmen Herrn Güterverwalter anstellen und besolden
                    und statt einer Küchenmagd ein Kammerfräulein. So würdest du der Herr und ich
                    der Knecht. Jetzt geht nur; ich habe genug; Waare, wie Ihr seid, findet sich
                    überall und hat nicht aufgeschlagen.« »Wir wollen keine Waare mehr sein«, sagte
                    Andreas, »und übrigens ist die wohlfeilste Waare meistentheils die
                    theuerste.«</p>
                <p>Andreas und Margarita verließen die Sommerau. Der Bauer gab ihnen für die schon
                    verflossene Zeit des laufenden Halbjahres keinen Lohn. Er hatte noch gehofft,
                    die Margarita zurückzubehalten und ihr etwas mehr Lohn ver<pb n="19"/>sprochen;
                    allein umsonst. Jetzt war er auch über sie erbost und meinte, sie beide werden
                    sich zu seinen Fleischtöpfen zurücksehnen. »Es ist nur Schade«, sagte Andreas,
                    »daß Ihr nicht auch noch, was wir in diesem Halbjahr genossen, zurücknehmen oder
                    Euch von uns bezahlen lassen könnt; es war freilich wohl verdient, und unser
                    Tagelohn, den Ihr uns verweigert, wird Euch kein Segen sein. Aber ich wünsche,
                    daß er Euch zu Euerer Besserung etwa an uns erinnere und daß Ihr in Zukunft
                    gegen Euere Dienstleute und Tagelöhner gerechter und menschlicher seid. Möget
                    Ihr so glücklich werden als es schön ist auf der Sommerau.«</p>
                <p>Er hatte noch den Sonntag vorher, ehe sie von diesem Hofe schieden, mit Margarita
                    alle die Plätze besucht, wo sie so oft an Sonntagabenden miteinander im Schatten
                    gesessen, sich ihrer Liebe und der Schönheit von Berg und Thal gefreut, und mit
                    einander gelesen und gesungen, er hatte Abschied genommen ringsum von der
                    Sommerau, wo er seine Kindheit und Jugend und seit er Margarita liebte, seine
                    schönsten Jahre zugebracht. Es that ihm wehe, von seinen Kühen und Pferden zu
                    scheiden. Er schaute noch einmal aus seiner Kammer in die Felder und in den
                    Wald, in denen er Jahre lang gearbeitet und in den Garten hinunter und in den
                    Hof mit dem reichen Brunnen und sagte: »Aus deinen Bäumen, lieber Garten, weckt
                    mich nicht mehr der Gesang der Vögel, ich höre dich nicht mehr rauschen, du
                    frischer Brunnen, euch Tauben nicht mehr rugen.« Es war ihm, als sagte ihm jedes
                    Spätzchen: o bleibe doch da. Auch der Margarita war es schmerzlich, sich von der
                    gewohnten Umgebung zu trennen. Bis auf den letzten Abend widmete sie Allem, was
                    sie im <pb n="20"/>Garten gepflanzt, noch eine besondere Sorgfalt. Die Blumen,
                    die ihr Kammerfenster schmückten und ihr Eigenthum waren, schenkte sie einigen
                    Freundinnen.</p>
                <p>Früh am Tage verließen sie dann in aller Stille die Sommerau, sie konnten aber
                    nicht durch Oberhofen kommen unbemerkt, wie sie gewünscht hatten. Freunde und
                    Freundinnen waren, da sie tagsvorher von dem frühen Fortgehen derselben gehört,
                    auch schon auf, traten aus ihren Häusern, nahmen aufs herzlichste Abschied.
                    »Gott behüte euch«, sagten sie, »er lasse es euch wohlergehen, wie ihr es
                    verdient; ach, ihr werdet uns allenthalben mangeln.« Einige Freundinnen mußten
                    weinen. Auch Margarita und Andreas waren sehr bewegt. Daß sie ihren
                    Jugendgenossen so lieb seien, wußten sie nicht. »Wir werden auch sie vermissen«,
                    sagte Margarita, »und um so mehr, da auch wir selbst uns trennen. Ach wie
                    schmerzlich ist der plötzliche Verlust dessen, was man Jahre lang und täglich
                    und stündlich und in solcher Sicherheit genossen, als ob es ein ewiger Besitz
                    wäre!« »Aber die Liebe höret nimmer auf;« sagte Andreas. »Ja sie ist täglich
                    neu«, antwortete Margarita, »aber sie will's dem Geliebten auch täglich sagen
                    und von ihm es täglich hören.« »So mehr«, fuhr Andreas fort, »werde ich mich
                    anstrengen, daß wir bald zusammenkommen; auch Hoffen und Sehnen vermehrt die
                    Liebe.« »So wird sie in uns mächtig wachsen«, sagte Margarita, »das spüre ich
                    wohl. Jetzt bin ich dann in meinem neuen Dienste ferne von hier mit meinem
                    Heimweh ganz allein. Hier in Oberhofen hätte ichs doch noch meiner vertrautesten
                    Freundin klagen können. Aber jetzt verlasse ich auch diese. Wir werden
                    verpflanzt; ob wir das neue Erdreich ertragen werden, ist noch ungewiß.
                    Jahrelanger Umgang mit lieben <pb n="21"/>Leuten, mit Jugendgenossen ist ein
                    unzählbarer Schatz von einzelnen Hülfeleistungen, Genüssen, Tröstungen; ihn auf
                    einmal zu verlieren, ist ein größerer Verlust, als wenn einem sein Haus abbrennt
                    mit allen seinen seit Jahren aufgehäuften Vorräthen, Bequemlichkeiten,
                    Gewöhnungen Man ist fremd im fremden Haus. Wir gehen in die Fremde.« »Um, so
                    Gott will, bald bald in ein eigenes Häuschen für immer zu kommen«, sagte
                    Andreas. »Ja das gebe Gott«, fuhr Margarita fort; »er helfe uns, er tröste und
                    stärke uns!«</p>
                <p>So gingen sie dahin. Ehe sie ins flache Land hinunterstiegen, schauten sie durch
                    die Waldlücke noch einmal nach der Sommerau zurück. Sie glänzte im Morgenlicht
                    »So soll und wird unsere Liebe und unsere dort verlebte Jugend- und Liebeszeit
                    immerdar leuchten, und endlich wird auch uns ein eigenes freundliches Häuschen
                    entgegen lachen.«</p>
                <p>Ihr Weg führte an dem Gütchen vorüber, das sich Andreas ausersehen. Sie
                    betrachteten es näher. Es gefiel auch Margarita ungemein. In der nahen großen
                    Ortschaft hatte sie eine neue Anstellung gefunden. Dorthin begleitete sie
                    Andreas. Es waren stille Leute, Mann und Frau und eine erwachsene Tochter. Sie
                    waren über Margarita's Erscheinung offenbar erfreut. Das war dem Andreas ein
                    rechter Trost. Er glaubte, hoffen zu dürfen, daß sich die Tochter bald mit
                    Margarita befreunden werde. Der Dienst schien leicht und angenehm und bestand in
                    Besorgung der Küche und des großen Gartens, in welchem das hübsche Haus
                    stand.</p>
                <p>Auch Andreas ward freundlich aufgenommen. Der Hausvater billigte es, daß beide
                    den auch ihm bekannten <pb n="22"/>Bauer der Sommerau verlassen und daß nun
                    Andreas in die Schweiz wolle. Dort könne jetzt allerdings in kurzer Zeit ein
                    Ziemliches verdient werden. Die Gelegenheit sei zu benützen, um mit der Kraft
                    der jüngeren Jahre zu wuchern. Diese Worte erheiterten auch Margarita.</p>
                <p>Sie erhielt dann von ihrer neuen Herrschaft die Erlaubniß, den Andreas bei seiner
                    Abreise in die Schweiz eine Strecke weit zu begleiten. Die Straße führte südlich
                    auf eine der obern Höhen des Schwarzwaldes. Bis dort hinauf durfte Margarita das
                    Begleit geben und gab sie es. Von dort sieht man in die nördliche Schweiz
                    hinunter auf die Höhen und in die Thäler des Jura und zu der langen Reihe der
                    hohen Alpen hinüber. Beide waren erstaunt über den noch nie gesehenen,
                    wundervollen Anblick. Stumm schauten sie eine Zeitlang hin. Dann setzten sie
                    sich unter Schattenbäumen auf die steinerne Ruhebank. »So herrlich«, sagte
                    Andreas, »habe ich mir denn doch die Schweiz nicht vorgestellt. »Es ist des
                    Allerhöchsten Welt und Werk«, fuhr Margarita fort, »auch für uns erschaffen, daß
                    wir uns ihrer freuen, daß wir in diesem Heiligthum anbeten. Ja du großer Gott,
                    der du die Gebirge in die Wolken thürmest, alle die Ströme herableitest, du bist
                    auch unser Hort, du richtest auch unsere Pfade. Die Größe und Kraft deiner Werke
                    stärkt auch unsere Seele, daß wir mit Zuversicht auf dich hoffen. Du, Andreas
                    wirst vor diesen Altären noch fleißiger beten. Es ist mir, man werde von ihnen
                    herab mit Andacht, Anbetung und Vertrauen angeweht. Ich danke dir, Gott, für
                    diesen Anblick, für diesen Trost in der Stunde der Trennung. Ach, lieber
                    Andreas, wäre ich nicht schon wieder in einen Dienst getreten, ich zöge jetzt
                    sogleich mit dir. Es ist ja wie in ein Kanaan hinüberzusehen. <pb n="23"/>Mir
                    ist, als ob dort innen nur fromme Leute leben könnten, eben so frohe und heitere
                    als ernste und stille.« »Und ists auch nicht so«, sagte Andreas, »so kann man
                    sich auf jenen Höhen leicht und schnell aus Staub und dumpfer Luft erheben und
                    wieder frisch werden an Leib und Seele.« »Ja thu du das, mein Lieber«, fuhr
                    Margarita fort, »lies fleißig auf den Bergen die Bergpredigten, den besten Rath
                    und Trost, den dort der gute Hirte auf allen Hügeln und Triften ertheilt und in
                    jede Hütte gebracht hat. Nimm hier mein neues Testament mit sammt den Psalmen,
                    trage doch das Büchlein immer bei dir.« »Das werde ich gewiß thun«, sagte
                    Andreas, »und wenn ich lesen und gebetet, dann auch zum Rhein hinunterschauen
                    und über demselben hier an den Schwarzwald, an den Feldberg, der weit in die
                    Schweiz hinein blickt; ich will mir auch diese Höhe merken. Und du hast
                    vielleicht auch an einem Feiertag Gelegenheit, hieher zu kommen und in die Berge
                    zu sehen, wo ich weilen werde.« Er hatte sich dieselben auf der Landkarte
                    gemerkt. Durch Lücken des Juragebirges sahen sie an einer Stelle die Aare
                    schimmern; in ihr Thal hinunter werde er von den südlichen Abhängen und Höhen
                    des Hauensteins sehen. Er zeigte ihr die höchsten Gipfel im westlichen Jura, die
                    Geißfluh, den Belchen, eine der Einsenkungen östlich von diesem, das sei der
                    untere Hauenstein, über diesen hinüber sehe sie gerade in die Berner-Alpen
                    hinein. »Nun so gebe Gott«, sagte sie, »daß dich deine neue Arbeit mehr auf jene
                    in die Alpen sehenden Höhen des Jura führe als in den unterirdischen Durchbruch.
                    Ich will dich mir lieber an jenen grünen und sonnigen Abhängen denken als in den
                    feuchten Finsternissen des Berges.« »Aus denselben heraus«, fuhr Andreas <pb n="24"/>fort, »wird mir der Tag und seine Welt nur um so schöner leuchten,
                    und auch in die dunkeln Schächte wirst du mich begleiten und mir ein Licht
                    sein.« »Das beste Licht sei dir«, sagte sie, » der, vor dem Finsterniß nicht
                    finster ist und dem die Nacht leuchtet wie der Tag und Finsterniß ist wie das
                    Licht.« »Ja das will ich sagen«, fuhr Andreas fort, »und würde mir in die Hölle
                    gebettet, siehe, so bist du auch da; auch die Nacht muß Licht um mich sein und
                    auch im Abgrund wird deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.«</p>
                <p>So redeten sie noch lange und waren ihre letztem Worte ein Abschiedsgebet. Sie
                    mußte zurück, um noch vor Nacht wieder in ihren jetzigen Wohnort zur Herrschaft
                    und den Geschäften zu kommen. Es mußte geschieden sein. Es geschah unter heißen
                    Thränen und Küssen. Dann eilten sie schnell; sie hier, er dort den Berg
                    hinunter, so sehr es sie drängte, einander wieder entgegenzuspringen und sich
                    nochmals zu sehen und einander zu sagen: Auf Wiedersehen! Aber sie riefen es
                    sich doch noch zu und Lebewohl! und Gott behüte dich! Es war ihr erwünscht,
                    allein gehen zu können. Sie weinte noch lange. Als sie unten am Berge war, ging
                    die Sonne unter; die Abendglocken läuteten; es drängte sie, zum Gebet
                    hinzuknieen, aber sie hatte zu eilen. Ihre Herrschaft und besonders die Tochter
                    des Hauses, sahen ihr den tiefen Schmerz an, fühlten Mitleid mit ihr und suchten
                    sie zu trösten. Diese Theilnahme war ihr erquickend.</p>
                <p>Bald dann schrieb ihr auch Andreas: »Ich bin immer bei dir. Je mehr mich das
                    Heimweh plagt, desto eifriger arbeite ich und so geht die Zeit schneller vorüber
                    und ist uns nicht verloren, und besonders dieser Gedanke macht <pb n="25"/>mir
                    leichter. Den Werkmeister habe ich, wie ich ihn schon früher gekannt, jetzt
                    neuerdings als redlichen Mann erfahren. Er weist mich immer an Arbeiten, denen
                    ich gewachsen bin und bei denen ich längere Zeit aushalten kann. Denn wir werden
                    nach der Arbeitszeit bezahlt. Er ist auch darauf bedacht, daß ich eben so viel
                    außer dem Tunnel als in demselben arbeiten kann; so bleibe ich eher gesund, ich
                    spüre auch zur Stunde keinerlei Nachtheil von der allerdings feuchten, dumpfen
                    und schwülen Luft im Tunnel. Ich vermochte auch schon, worüber sich viele
                    verwundern, bei einer Stunde Erholung zwölf Stunden in derselben auszuhalten.
                    Ich arbeite in der südlichen Hälfte, im sogenannten Trimbacher Tunnel. Trimbach
                    ist das Dorf südlich am Fuße des Hauensteins. Der nördliche Theil des Tunnels
                    von Läufelfingen ist nässer. Denn das Gewässer hat nach der Schichtung des
                    Gebirges seine Richtung gegen Süden und ist nach Norden fast nicht zu bewältigen
                    und hinauszubringen; drum denn auch der mittlere der drei Schächte, welche von
                    der Berghöhe in den Tunnel etliche hundert Fuß tief gegraben worden sind, mit
                    Wasser gefüllt ist, nachdem er bereits eine Tiefe von 270 Fuß erreicht hatte.
                    Der Durchbruch von Süden her, in welchem ich arbeite, ist beinahe schon eine
                    halbe Stunde, mehr als 5500 Fuß, in den Berg hineingedrungen und zum Theil
                    ausgewölbt. Mit dem ausgegrabenen Gestein und Schutt wurde der Wall für die
                    Eisenbahn aufgeworfen, welche in einem Gefäll von 2,65 vom Hundert zur Aare
                    hinuntergeht. Durch den ganzen Tunnel führt ein Schienenweg. Zwischen den
                    Schienen ist meist tiefer Koth; da schreiten wir auf den Schienen, den Stock in
                    der einen und die Lampe in der andern Hand, die zwanzig oder fünfundzwanzig <pb n="26"/>Minuten in den Tunnel hinein an die Arbeit. Wir haben ein eigenes
                    Grubengewand, uns gegen die Nässe ringsum zu schützen, denn wir stehen im Koth;
                    und wo der Durchbruch noch nicht gewölbt ist, läuft das Bergwasser beständig von
                    oben; wir tragen daher einen mit Wachstuch bedeckten Filzhut, ein dichtes auf
                    die Kniee reichendes wollenes Hemd und hohe wasserdichte Stiefel. Die Luft im
                    Innersten ist bisweilen so schwül, daß viele bei der Arbeit den Oberleib ganz
                    entblößen. Beim ersten mehr als 560 Fuß tiefen Schacht arbeitet von dem aus dem
                    Tunnel strömenden Wasser getrieben eine Maschine, ein Ventilator, und pumpt in
                    die innerste Tiefe hinein frische Luft. Dieser Schacht öffnet sich oben hinter
                    dem Dorfe Hauenstein in einem Kessel des Gebirges, er ist zwölf Fuß weit und
                    dient zur Erfrischung der Luft und zur Herunterschaffung der Gewölbsteine und
                    mancher andern Bedürfnisse. An seinem Ausgang aus dem Berg arbeitete früher eine
                    Dampfmaschine, um in den Tunnel hinunter Luft zu bringen. Der Schacht ist
                    oberhalb 140 Fuß in die Tiefe hinunter gemauert, weiter hinab aber etwa 320 Fuß
                    mit Bohlen und Sperrbalken bewandet, am untern Theile gegen den Tunnel geht er
                    etwa 80 Fuß wieder durch Felsen; hier steht eine Schmiede zur Wiederherstellung
                    des Werkzeugs; hier ist auch ein Raum, wo die Arbeiter rasten, sich und ihre
                    Kleider tröcknen können.</p>
                <p>Die Arbeit nun ist eine mannigfache. Zu hinterst greifen die Vorhauer das Gebirg
                    an, bohren den Fels und sprengen ihn, das geschieht erst unten am Boden, dann
                    oben auf Gerüsten zur Rundung des Gewölbes; andere Arbeiter bauen diese Gerüste
                    auf, andere laden das gebrochene Gestein und den Schutt, andere schaffen ihn <pb n="27"/>fort, die Maurer führen mit Quadersteinen die Wände auf und setzen
                    das Gewölbe fort. Daß die vielen Arbeiter einander nicht hindern, sind sie
                    vertheilt und die verschiedenen Räume des Tunnels mit Zahlen benannt, so daß ein
                    Theil der Leute in 17, ein anderer in 18 u. s. w. arbeitet, die Befehle auch von
                    den Aufsehern, woher und wohin dieses und jenes gebracht werden solle, sicher
                    ausgeführt werden können. Die Aufseher sind sehr wachsam und meist strenge, was
                    bei der Mehrzahl dieses Arbeitervolkes sehr nöthig ist; denn viele suchen sich
                    die Arbeit zu erleichtern, in der Dunkelheit etwa auch in einen Winkel zu liegen
                    und zu schlafen, die Arbeitszeit zu verkürzen. Daher herrscht da eine feste
                    Ordnung, und wer sich dieser nicht fügt, wird alsobald fortgeschickt. Das Werk
                    selber erfordert die größte Aufmerksamkeit; es sind auch stets neuer und
                    unvorhergesehener Schwierigkeiten so viele, daß die Leiter des Baues nicht
                    vorsichtig genug sein können, und daß auch schon mehrere Bauverständige zu
                    zweifeln anfingen, ob das Werk könne zu Ende geführt werden. Andere prophezeihen
                    noch mancherlei Unglück. Das soll dir aber nicht Angst machen, liebe Margarita.
                    Die Werkführer sind des Bergbaues kundige Männer; viele derselben haben auch
                    schon nicht minder große und schwierige Unternehmungen der Art geleitet und
                    glücklich vollendet.</p>
                <p>Ich wohne auf dem Hauenstein bei einem rechtschaffenen Bauer. Er hatte bisher
                    kein Arbeiter in sein Haus aufnehmen wollen. Mein Werkmeister hatte mich ihm
                    empfohlen. Und wie mich die Hausleute eine Weile betrachtet und angehört,
                    erlaubten sie mir, bei ihnen einzukehren. Sie gaben mir zur beständigen Wohnung
                    eine zwar kleine aber liebliche und mit einem Ofen versehene Kammer. Sie hat <pb n="28"/>ein Fensterchen gegen das Gebirge. Eine schönere Aussicht könnte ich
                    nicht haben. Während ich dir hier schreibe, brauche ich nur aufzublicken, so
                    sehe ich in das Aarethal hinunter auf seine Dörfer und Städtchen, Burgen und
                    Schlösser und über die waldigen Vorberge hin an die ganze Alpenkette, die gerade
                    jetzt wolkenlos pranget.</p>
                <p>Vom Tunnel herauf habe ich bis in meine Wohnung eine halbe Stunde zu gehen. Auch
                    dieser Gang nach der Arbeit in den dunkeln Räumen ist mir gesund, und hier oben
                    athme ich wieder in der frischesten Luft.</p>
                <p>Wenn alles so fortgeht, wie es mir bisher Gott gelingen ließ, so bin ich nicht
                    umsonst hier, und führt unsere Trennung doch endlich zur Vereinigung.«</p>
                <p>Margarita schrieb dem Andreas: »Ich bin immer bei dir; ich bete auch oft für dich
                    besonders Nachts, wenn ich denke, daß dich nun die Reihe an die Nachtarbeit
                    getroffen habe. Es fällt mir dann auch schwer, daß ich in meiner stillen Kammer
                    ruhen soll, während du eine lange Nacht in der mühseligsten Arbeit durchwachest;
                    könnte ich nur sie mit dir theilen! Unser große Garten gibt mir zwar viel zu
                    thun, und ich danke Gott für die Menge der Arbeiten; aber gegen die deinen sind
                    es ja keine Arbeiten, sondern eher Vergnügungen, besonders da mir Gott alles
                    wohl gedeihen läßt. Die Hausfrau ist mit mir auch sehr zufrieden. So schön, sagt
                    sie, sei ihr Garten noch nie im Stande gewesen; sie thut sich etwas darauf zu
                    gut, wenn die Nachbarinnen vor demselben stille stehen und die Fülle der
                    mannigfachen Gemüse beloben. Mit besonderer Freude sieht sie selber dann in die
                    benachbarten Gärten, in denen weder Spargel, noch Erbsen, noch Blumenkohl und
                    anderes so reich und schön steht wie bei uns. Wir brauchen <pb n="29"/>nicht
                    alles, was wir pflanzen, vieles kommt auf den Markt und bringt nicht wenig Geld;
                    da ist denn die Hausfrau so gütig und gibt auch mir bisweilen ein Trinkgeld. Der
                    Tochter Sophie besorge ich ihre Blumen; und es ist wahr, weit und breit sieht
                    man nicht einen reicheren Flor. Ich wollte, ich könnte dir ein hübsches Glas vor
                    dein Fensterchen stellen Nelken, Rosen, Nachtviolen, da sähest du durch meine
                    Blumen in die schönen Schneeberge hinein. Die Tochter Sophie ist mir sehr
                    freundlich. In meinem Heimweh hat sie mich schon oft getröstet. »Lesen wir etwas
                    mit einander«, sagt sie dann, »oder singen wir ein schönes Lied.« Sie kann gar
                    zierlich singen und klavierspielen. Sie hat mich schon manches feine Lied
                    gelehrt und sagt unser Stimmen passen wohl zusammen, das findet auch der Herr
                    und die Frau und sie hören uns gerne zu. Dann muß ich ihnen etwa auch eins
                    unserer alten Lieder singen. Ach wie oft haben wir sie selbander auf der
                    Sommerau durch Feld und Wald oder im Garten und am Brunnen beim Mondschein
                    gesungen! O du liebe Zeit! Jüngst wünschten sie eine wehmüthige Weise zu hören,
                    da sang ich ihnen das Lied:</p>
                <p><l>Auch unter Blumen öffnen</l>
                    <l>Die Gräber sich allwärts;</l>
                    <l>Die Theuersten versinken;</l>
                    <l>In Blumen weint der Schmerz.</l></p>
                <p><l>Bis sie uns selber decken,</l>
                    <l>Ach mangelt das Geleit.</l>
                    <l>In Blumen erst des Himmels</l>
                    <l>Geht Unzertrennlichkeit.</l></p>
                <p>Die Weise dieses Liedes erweckte mir so das Heimweh und machte mir so bange, daß
                    ich weiter nicht mehr singen konnte.</p>
                <pb n="30"/>
                <p>Auch die Sophie weinte. Sie hat offenbar auch schon erfahren, was Liebe ist. Der
                    Herr verlangte zu wissen, was du vom Hauenstein gemeldet habest; ich las es ihm.
                    Und er sagte: du möchtest auch seinetwegen so ferner thun und vom Fortgang des
                    Werkes ausführlich erzählen; das sei lehrreich. Er habe es in seiner
                    Abendgesellschaft mitgetheilt und da haben alle gar aufmerksam zugehört. Er läßt
                    dich grüßen. Er hat auch vernommen, daß der Bauer auf der Sommerau unser Wegsein
                    empfinde; es habe derselbe seither schon öfter Knecht und Magd gewechselt; aber
                    Niemand könne es ihm treffen, von einem Knecht, den er wegen des geringen Lohnes
                    vorgezogen, sei er nachher um mehr als das Zehnfache bestohlen worden.</p>
                <p>Möchte diese Jasmin-Blüthe, die ich in den Brief lege von dem Stocke, der vor
                    meinem Kammerfenster blüht, noch etwas Geruch bringen. Und wenn sie dich auch
                    nicht anhaucht, du fühlst doch meine Nähe. Ja fühle sie früh und spät! Ich herze
                    dich und sage mit Inbrunst: Gott der Herr behüte dich!«</p>
                <p>Nicht lange nachher schrieb Andreas wieder: »Es geht mir, Gott sei Dank! immer
                    besser. Da ich nun mit allen Arbeiten und dem ganzen Bau bekannter, auch eine
                    Aufseherstelle ledig geworden war, hatte mich der befreundete Werkmeister für
                    dieselbe empfohlen. Und siehe nun bin ich einer der vielen Aufseher, habe zwar
                    große Verantwortlichkeit, auch mancherlei Verdruß, aber doch eine minder
                    beschwerliche und angreifende Arbeit und einen noch größeren Lohn. Ich bin daher
                    im Stande, mitkommende Summe zu schicken. Lege sie in die Ersparnißkasse unserer
                    Gegend.</p>
                <p>Ich bin auch, wofür ich Gott nicht genug loben und <pb n="31"/>preisen kann,
                    durchaus gesund. Du mangelst mir freilich stets und überall; aber deine Briefe
                    richten mich wieder auf. Das thut auch die wundervolle Schönheit der Gegend.
                    Etwa habe ich einen freien Sonntag; dann streife ich am liebsten allein von früh
                    bis spät auf den grünen Bergen umher und wenn ich in alle die Schönheiten
                    hinunter schaue, denke ich tausend Mal: Ach wärest du bei mir! Ich habe mich
                    auch schon in Olten, in Aarburg und Zofingen nach einem Dienst umgesehen, der
                    für dich passend wäre; allein bisher umsonst. Ich gebe aber die Hoffnung nicht
                    auf. Vielleicht würdest du aber deine jetzige Herrschaft nicht einmal gerne
                    verlassen. Aber wie viel schöner, erquickender wären mir die Sonntage, wenn ich
                    an denselben dich besuchen, mit dir Hand in Hand lustwandeln könnte! - Ich hatte
                    es bisher noch nie so gefühlt, was für eine Wohlthat es ist, ein Sonntagskleid
                    anziehen zu können. Denn so garstige Kleider, wie wir sie die ganze Woche im
                    Tunnel tragen, hatte ich eben auch noch nie tragen müssen. Etwa eile ich am
                    Samstag Abend bei warmem Wetter an die Aare hinunter, mich von all dem Unrath
                    und Qualm des Tunnels zu reinigen und durch Schwimmen mich zu erfrischen.
                    Erlaubt dieß das Wetter nicht, so eile ich Samstags noch in eins der nahen Bäder
                    zu Eptigen oder Lostorf. Ich glaube, dieß Baden hat mitgeholfen, mich gesund zu
                    erhalten. Sonntags früh dann, wenn der Himmel klar ist, welch ein Erwachen! Die
                    höchsten Bergspitzen, wie vor Freude roth, sehen mir in die Kammer herein; hin
                    und wieder liegt im Thal noch Nebel und schimmert wie ein See. Dann hebt die
                    Morgenluft von Berg und Thal die Hüllen weg, sie fliegen auf und verschwinden
                    und nun glänzen die Schlösser und Höfe und Dörfer. Ich öffne <pb n="32"/>das
                    Fenster; ein frischer Hauch und Wohlgeruch wehet mich an und immer wieder ein
                    neuer Lebensodem aus einem Abschnitt der heiligen Schrift, den ich dann lese. Es
                    freut meine Hausleute, wenn ich sie in ihre Pfarrkirche nach Ifenthal begleite.
                    Dieß ist ein Dörfchen, eine Viertelstunde westlich von Hauenstein. Die Kirche
                    sieht vom Berge gar lieblich ins Thal. Vor derselben stehen Linden, in ihrem
                    Schatten sammeln sich die Kirchgänger; man sieht zwischen den reich bewaldeten
                    Berghalden in das Thal hinunter, durch welches sich die Hauensteiner Straße in
                    weiten Krümmungen zur Höhe herauf windet, und durch welches hinunter nun der
                    Eisenbahnwall sich zur Aare senkt. In der Mitte des Thals geht die Bahn auf
                    einer mächtigen Brücke über die Landstraße. Unten im Thal glänzt die Aare und
                    das grüne Land und überall die Hügel und Berge, die Pracht der Alpen, an denen
                    sich die Morgennebel lösen. Herauf tönt Sonntagsgeläut. So unter der Linde
                    sitzend bin ich schon erbaut und dann geht mir auch die schlichte Predigt des
                    ältern Pfarrers oder die seines jungen Vikars noch eher zu Herzen. Darnach
                    steige ich sachte über die grasreichen Bergwiesen weiter gegen Westen hin von
                    Hof zu Hof. Sie sagen, es seien das Sennereien, wie drinnen in den Alpen, und es
                    seien auch im Hochgebirg keine grünern Matten als hier. Ueberall öffnen sich
                    auch die schönsten Aussichten; ich sehe wie in die Alpen, so auch zu dir in den
                    Schwarzwald hinaus, ich bin nun gewiß, dort die Höhe gefunden zu haben, wo wir
                    Abschied genommen. Auf diesen Sennhöfen sind überall freundliche Leute, und
                    finden sich auch aus benachbarten Städten Gäste, die auf dem Berge den Sommer
                    zubringen. Solcher sah ich besonders viele in Kirchzimmern; dieser Sennhof ist
                    rings von <pb n="33"/>Höhen umschlossen und nur gegen Abend offen, die Lage
                    daher gar mild; ein erwünschter und stiller Aufenthalt für Kränkelnde; über den
                    grünsten Wiesen und Wäldern ragen zunächst an der Sennerei zwei mächtige
                    Felshöhen, auch sie sind noch bis zu ihren Spitzen mit Laubholz und Fohren
                    geschmückt. Durch die quellenreichen Matten hinunter führt der Pfad weiter gegen
                    Westen nach Langenbruck hinunter. Dorthin bin ich auch schon in die Predigt
                    gegangen und werde noch öfter hingehen. Im Rückwege dann nach dem Hauenstein
                    bestieg ich schon mehr als Ein Mal den Velchen, die höchste Spitze in dieser
                    Gegend des Jura. Ach daß ich dich dort hinaufführte! da könntest du bequem zu
                    oberst auf die Felsenbank sitzen und die Herrlichkeiten alle betrachten von den
                    Höhen am Bodensee bis zum Montblanc. Da wollt' ich dir alle die Gipfel der Alpen
                    nennen, die ich nun kennen gelernt habe, und dir sagen, aus was für Thälern sie
                    emporsteigen; da sähest du am Lauf der Aare und an ihren Zuflüssen von Süden her
                    zu deinen Füßen eine Menge Ortschaften, weithin gegen Morgen Lenzburg, dann
                    Aarau, näher Olten, Aarburg und Zofingen, weiter hinauf den weißen Strich, es
                    ist Langenthal mit seinen Bleichen; im Jura selber nach allen Seiten eine Menge
                    schön geformter Gipfel und Flühen, gegen Norden weithin unsern Schwarzwald und
                    die Vogesen. Wahrlich es war mir auf diesem Felsensitze fast nur zu schön für
                    meine Einsamkeit.</p>
                <p>Wie sehr viele der Tunnel- und Eisenbahnarbeiter ihren Sonntag zubringen, will
                    ich dir nicht beschreiben. In wüsten Gelagen verprassen manche ihren so mühselig
                    verdienten Wochenlohn. Nur Wenige sind eingezogen und sparsam; etliche ein
                    gottloses Volk, welches, jetzt, da sie stets nur <pb n="34"/>Ihresgleichen sehen
                    und hören, noch mehr verwildert. Eine Ausnahme machen die Arbeiter aus der
                    Umgegend, besonders die Verheiratheten und die Söhne, welche täglich wieder in
                    ihr Elternhaus kommen.</p>
                <p>Mehreren besonders leichtfertigen Burschen, wenn sie unter meiner Aufsicht
                    standen, machte ich schon freundliche Vorstellungen. Sie meinten, ich spasse und
                    lachten mich aus. Viele derselben hassen mich auch, weil ich bei der Arbeit sie
                    nicht feiern lasse, am Werken selber der erste und der letzte bin, auch ihre
                    abscheulichen Reden bei der Arbeit nicht dulde. Glauben sie den Aufseher nicht
                    in der Nähe, verlästern sie ihn, verabreden auch allerlei, ihn zu betriegen. Sie
                    sagen: »Die Herren nützen uns aus bis aufs äußerste, sollten wir nicht auch auf
                    unsern Nutzen sehen? Die Herren stellen uns tief in alle Mühseligkeit, Noth und
                    Gefahr, und thun nichts zu unserer Erleichterung; da müssen wir uns selbst
                    helfen.« So sind sie einigermaßen unter sich verbunden und helfen sich oft
                    selbst mit Opfern auf eine merkwürdige Weise. Sie klagen auch nicht ganz ohne
                    Grund. Es herrscht in diesen Unternehmungen bei einigen zu höchst Gestellten
                    eine außerordentliche Selbstsucht und Herzlosigkeit. Die Regierungen haben den
                    Arbeiter und dessen Angehörige wenig oder gar nicht geschützt. Es geht kein
                    Schiff in die See ohne einen Schiffskaplan, kein Bataillon ins Lager ohne seinen
                    Feldprediger; und da sind viele hundert Arbeiter eine Reihe von Jahren
                    beisammen; keine Seele denkt daran, daß sie auch Seelen seien. Es wäre schon der
                    äußere Vortheil der Unternehmer gewesen, für das Wohl ihrer Arbeiter, welche für
                    sie das Leben einsetzen, zu sorgen leiblich und geistig; für das Eine geschah
                    nicht viel, für das Andere gar nichts. Die Generalunternehmer sind wahrlich
                    keine <pb n="35"/>Generäle; wenn ein rechter General, wie ich schon oft gelesen,
                    ein Vater der Soldaten sein soll. Es scheint mir oft, gewissen Herren ist der
                    einzelne Mensch noch von minderem Werth als ein Lastthier. Es hat unter den
                    Arbeitern auch sehr begabte und fürs Bessere empfängliche Menschen. Ein dazu
                    geeigneter Mann, dem die Seelsorge derselben übertragen worden wäre, hätte in
                    der Reihe von Jahren an manchem Einzelnen gewiß mit Segen wirken können. Man
                    sagt freilich: es sind Vagabunden, ein gottloses Volk; aber eben dessen sollte
                    man sich am ehesten annehmen. Die Sträflinge in Zuchtanstalten, ja
                    Galeerensklaven haben ihre Seelsorger. In dieser Beziehung sind hier Menschen
                    und Vieh gleich gehalten. Ich erachtete es daher für meine Pflicht, da ich das
                    erste Mal als Aufseher mit meiner Mannschaft in den finstern Tunnel zog, zu
                    sagen: »In jedem Bergwerk, ihr Männer, ist auch eine Kapelle, da treten, die zur
                    Grube fahren, zuerst ein und befehlen sich dem Schutze Gottes; sprechen wir
                    darum, ehe wir an unsere Arbeit gehen, ein kurzes Gebet.« Alle lachten mir Hohn
                    und ließen mich stehen. An jenem Tage aber verunglückten zwei von meiner
                    Mannschaft; durch einen vom Gewölbgerüste gefallenen Quaderstein wurde dem einen
                    ein Arm, dem andern ein Bein zerbrochen. Als wir des andern Tages wieder unsere
                    Schicht antraten, sagte ich: »An Gottes Segen ist Alles gelegen; wenn Gott nicht
                    wachet, wachet der Wächter umsonst; wir haben es gestern erfahren. Lasset uns
                    Gott um seinen Schutz anflehen.« Es wurde mir jetzt doch nicht Hohn gelacht;
                    aber die meisten gingen vorwärts und nur wenige blieben stehen, während ich ein
                    kurzes Gebet hielt. Da ich dann aber für die Verunglückten aufs eifrigste
                    sorgte, ihnen und den Ihrigen eine nicht unbedeu<pb n="36"/>tende Unterstützung
                    auswirkte, so blieben die andern Male, wenn wir an die Arbeit gingen, noch mehr
                    zum kurzen Gebete stille stehen, obschon auch andere Aufseher und Arbeiter
                    dessen lachten. Es ereignete sich schon, daß wir bei Wasserdurchbrüchen oder bei
                    andern dringenden Arbeiten auch Sonntags im Tunnel waren und naß geworden, uns
                    in dem hiefür eingerichteten Raum tröckneten und ausruheten. Da sagte ich
                    einmal: Es ist Sonntag; darf ich euch nicht ein Kapitel aus der heiligen Schrift
                    vorlesen? etwa die Bergpredigt? sie ist mitten in diesem Berge noch nie gelesen
                    worden. Einige wollten, Andere nicht. Sie kamen überein, die Minderheit müsse
                    sich der Mehrheit fügen; es wurde abgestimmt; und siehe: es stimmten mehr für
                    das Lesen. Die Andern waren durch ihr Uebereinkommen verpflichtet, stille zu
                    sein; und sie waren es auch. Viele hatten diese himmlischen Worte noch nie
                    selber gelesen. Die göttliche Wahrheit rührte ihr Herz. Sie verstanden ohne
                    weitere Erklärung die ewigen Tröstungen: Selig sind, die da Leid tragen. Selig
                    sind die Barmherzigen. Selig sind die Friedfertigen. Seid Kinder euers Vaters im
                    Himmel u. s. w. Ich las sehr langsam. Das Gebet des Herrn betete ich mit rechter
                    Inbrunst. Sie hörten stille zu bis zum Ende. Die Meisten schwiegen, ernster
                    geworden. Einige sagten: das sei doch etwas Rechtes, solche Worte vorzulesen,
                    und es anzuhören, mache einem Tunnelarbeiter keine Unehre. Und einer sagte: das
                    ist denn doch die Predigt aller Predigten; du mußt uns diese und andere aus der
                    heiligen Schrift öfter vorlesen, Andreas; und gewiß, es ginge Manches besser,
                    wenn wir bisweilen und besonders auch an einem Sonntag so zusammen säßen. »Ich
                    bin immer dabei«, sagte ich, »und wo zwei oder drei sind, sich zu <pb n="37"/>erbauen, da ist ja eine Gemeine.« Seitdem habe ich wirklich schon öfter
                    einigen an Sonntagen oder in Feierstunden aus der Bibel vorgelesen. Die meisten
                    freilich haben ihr Gespött darüber und heißen mich den Apostel Andreas, den
                    Missionar aus dem Schwabenland. Ich lasse aber nicht ab. Schon folgen mir
                    Sonntags einige Arbeiter, wenn ich nach Läufelfingen hinunter in die Kirche
                    gehe. Wenn auf die Herbst- und Winterzeit die Unternehmer der Zentralbahn in den
                    vielen Räumlichkeiten im Bahnhof zu Olten für den Sonntag einen Saal anwiesen,
                    darin sich die Arbeiter zum Lesen oder schreiben oder auch zur Erbauung und zum
                    Unterricht versammeln könnten, so würden die Arbeiter auch ordentlicher, jetzt
                    sind sie fast gezwungen, den Sonntag im Wirthshause zu versitzen und zu
                    verderben. Du siehst, ich habe hier viele Veranlassung, über die
                    Volksvernachlässigung nachzudenken und darüber Erfahrungen zu machen. Es sagten
                    auch schon einige Uebelwollende, ich sei wahrscheinlich ein Schulmeister, der
                    wegen Frömmelei verjagt worden sei. Andere meinen, ich habe etwas von einem
                    Verwalter eines Zuchthauses; ich werde wohl schon in einem solchen gewesen sein.
                    Das kommt mir jetzt freilich zu statten, daß ich auf der Sommerau oft Schaaren
                    von Taglöhnern in Zucht und Ordnung gehalten. Ich denke in diesen Frühlingstagen
                    oft an jene Zeit zurück. So Gott will, blühen auch uns einst noch eigene Bäume
                    um unser Häuschen im eigenen Garten!«</p>
                <p>Nach einiger Zeit schrieb Margarita: »Ich habe dir von einem großen Glück zu
                    schreiben. Eine ferne Verwandte von mir, die meiner vergessen und an die zu
                    denken ich auch keine Aufforderung hatte, ist kinderlos und ohne ein Testament
                    gestorben, hat aber ein nicht geringes Vermögen <pb n="38"/>hinterlassen und ich
                    bin nach Untersuchung und richterlichem Spruch einzige Erbin. Gott sei Lob und
                    Dank! Jetzt bin ich der unaufhörlichen Angst um dich bald enthoben. Wir können
                    das Gütchen, das du ausersehen oder auch ein anderes und größeres kaufen. Künde
                    also deinen Dienst auf und kehre, so bald du kannst, zu deiner dich mit
                    Sehnsucht erwartenden Braut.«</p>
                <p>Andreas antwortete: »Dein Brief lautet wie ein Mährchen, aber um so mehr ist ihm
                    zu glauben. Ich habe auch wirklich meinen Dienst aufgekündet, kann ihn aber nach
                    meinem Vertrag vor Ende des Monats, das ist dieses Jahr nicht vor Pfingsten
                    verlassen. Donnerstags am acht und zwanzigsten Mai Morgens um zehn Uhr gehe ich
                    mit meiner Mannschaft zum letzten Mal in den Tunnel. Wenn es dir deine
                    Herrschaft erlaubte, solltest du mich abholen; so würde doch noch einmal mein
                    Wunsch erfüllt, mit dir durch diese grünen Thäler des Jura zu gehen, durch diese
                    jetzt so blumigen Bergwiesen und mit dir von den Flühen hinunter zu schauen. Es
                    ist in diesen Tagen über alle Maßen schön. Die Bäume blühen im ganzen Land in
                    vollster Ueppigkeit, wie seit Jahren nie mehr. Der Blüthenschnee wölbt sich weit
                    und breit hoch über den schwarzen Strohdächern der Dörfer. Wenn du kämest, so
                    würden die Obstbäume auf den Höhen des Jura erst in die volle Blüthe kommen,
                    denn diese beginnt hier, wenn sie im Thale nach ihren wenigen Tagen verweht ist.
                    Doppelt schön prangen hieoben die alten Obstbäume in der frischesten Verjüngung
                    auf den Bergweiden zwischen den dunkeln Wäldern und den grauen Felsenwänden. Du
                    könntest da mitten aus dem Blüthenschnee heraus und unter demselben hinüber
                    sehen auf den Schnee der Alpen, der früh und spät mit Rosenroth besäumt <pb n="39"/>ist wie die Blüthe der Apfelbäume; dann stiege ich mit dir alsobald
                    zur Frohburg hinauf, nicht zunächst der vortrefflichen und viel besuchten
                    Wirthschaft wegen, obschon wir da auch echte Landskraft träfen, guten
                    Markgräfler, und du mir wohl zum Willkomm eins Bescheid thätest, nein der
                    unvergleichlichen Aussicht wegen bei den rothen Buchen, die nach allen
                    Himmelsgegenden gleich reizend ist und voll der reichsten Abwechslung. Ich saß
                    dort allein und dein gedenkend am spätern Abend des heiligen Himmelfahrtsfestes.
                    Auf den Zinnen der Alpen im weiten Kreis brannte das Abendopfer im sanften
                    Feuer; auch die Jurahöhen nah und fern glüheten in tiefblauem Purpur; im goldnen
                    Dust der im weiten Abendhimmel untergehenden Sonne standen die Vogesen und der
                    Schwarzwald. Mir zu Füßen am Nordabhange lag schon im Schatten das stille
                    Dörfchen Wiesen, gerade vor mir über glänzte mit seinem frischen Wald und
                    Wiesengrün noch brennend beleuchtet die ganze Hügelkette des Hauensteins, durch
                    den hin sich der Tunnel zieht. Daß selber am heiligen Himmelfahrtsfeste in den
                    Finsternissen des Berges der Tagelöhner arbeiten muß, sagte mir der hinter dem
                    Dorfe Hauenstein aus dem hohen Schlotte des Schachtes aufsteigende Rauch. Ich
                    mußte denken: ach dort unten haben sie keine Himmelfahrt, keine
                    Auffahrtsgedanken. Und diese waren mir jetzt um so festlicher zu Theil geworden,
                    da nun mir so schnell und so unerwartet die Erlösung aus diesen Arbeiten der
                    Unterwelt gekommen ist. Die südlichen Abhänge des Jura waren auch schon im
                    Schatten, nur das Sälischlößli mit einem Thurme glänzte im röthlichen
                    Abendlichte noch herüber und die Festung Aarburg und in der Ferne mancher Hof
                    und Kirchenthurm. Alles um mich war still; ohne <pb n="40"/>Glockenklang weidete
                    die Heerde. Die Lichter der nächsten Höhen erloschen, die Dämmerung trat ein.
                    Das Abendgeläut aus der Kirche von Trimbach tönte herauf. Ich schaute hinunter;
                    der Mond ging auf; von seinem Lichte schimmerten die Wellen der Aare und die
                    Kreuze auf den Gräbern des Kirchhofes zu Trimbach. Mein Blick blieb dorthin wie
                    gebannt. Das Kreuz der Gräber predigt ja eben auch des Herrn Auffahrt und die
                    Seligkeit derer, die in ihm entschliefen und aus den Gräbern der Tiefe und
                    Finsterniß ihre Auffahrt halten durften. Es liegt im Kirchhofe zu Trimbach schon
                    mehr als Ein im Tunnel Verunglückter begraben, Jünglinge und Hausväter. Diese
                    Gedanken begleiteten mich auf meinem einsamen Heimgange und auch in Träumen
                    noch. Es steht östlich von Trimbach an dem Wege, der unten im Dorfe bei der
                    kleinen Kapelle nach Lostorf geht, zunächst demselben ein altes steinernes Kreuz
                    auf einem Acker, welcher neben einer alten nun verschwundenen Kirche des Dorfes
                    ehemaliger Gottesacker gewesen sein soll, umgeben von Kornfeldern und
                    Obstbäumen. Diesen kleinen Acker sah ich im Traume neuerdings zu einem
                    Begräbnißplatze geworden, seiner Breite und Länge nach ganze Reihen neuer
                    Gräber, mit weißen hölzernen Kreuzen, an denen frische Kränze hingen. Ich sah
                    dich auf diesem Platze, und drüber erwachte ich. Und seither blicke ich immer,
                    wenn ich ins Thal hinunter sehe, nach diesem alten steinernen Kreuze. Kommst du
                    her und stehen wir mit einander auf diesen Höhen, so lässest du dir wohl auch
                    dieses steinerne Kreuz zeigen, aber auch alles Andere, was das Auge ergötzt und
                    die Seele erhebt. Ja komme doch. Schreibe, ob ich dir am Pfingstsonntag oder
                    Montag nach Läufelfingen entgegen kommen soll; denn bis dorthin könntest <pb n="41"/>du auf der Schweizerbahn fahren, und an die badische Bahn hast du ja
                    nur wenige Stunden zu reisen. Also sage ich: auf ein baldiges und seliges
                    Wiedersehn!«</p>
                <p>Am achtundzwanzigsten Mai, Donnerstag Morgens um zehn Uhr, wie Andreas
                    geschrieben hatte, lösten sich die Arbeiter in der südlichen Seite des Tunnels
                    ab und zog er mit seiner Mannschaft an seine Schicht. Er stand auch dieß Mal am
                    Eingang des Tunnels still mit denen, die seines Sinnes geworden, entblößte das
                    Haupt, und sprach: »Das walte Gott, er behüte unsern Ein- und Ausgang! Bringe
                    uns wieder hervor aus den Tiefen der Erden! Amen.« Wie sie schon tief innen am
                    Schachte vorbeigingen, der in den Tunnel mündet und wo in der Schmiede die
                    beiden Essen in voller Thätigkeit waren, stand er da ein wenig still und schaute
                    auswärts. Die Arbeiter hatten gestern im Schachte über dem hölzernen Gitter,
                    welches vor herabfallenden Steinen schützen sollte, in einem eisernen Roste oder
                    Ofen ein Feuer angezündet, um damit die Luft zu reinigen und den Luftzug zu
                    befördern. Andreas sagte: »Wenn ich hier bei euch zu befehlen hätte, so ließe
                    ich dieses Feuer löschen, denn leicht könnte daraus ein schreckliches Unglück
                    entstehen. Denket doch, wenn sich durch euer Feuer der etliche hundert Schuh
                    hohe Holzthurm entzündete, mit dessen Wänden der Schacht eingeschalet ist!
                    Wahrlich ihr schmiedet da nicht anders als in einem hölzernen Thurme. Und wie
                    ich an euern Werkstätten vorüber ging, habe ich, noch ehe ihr diesen Rost
                    aufgestellt, schon gar manchmal gedacht, da drohe noch Unglück.« Die Arbeiter
                    sagten: »Wir schmieden hier schon die längste Zeit; die Holzwände und
                    Sperrbalken reichen nicht so weit herunter; zunächst geht der Schacht ja wieder
                    durch Felsen, wie oben hinaus. <pb n="42"/>Je weiter ihr aber im Tunnel
                    vordringt, desto schwüler und ungesunder wird die Luft; der Ventilator hier
                    vermag nicht mehr genug gesunde Luft hinein zu schaffen. Nun wir aber nach
                    Anweisung der Oberaufseher seit gestern dieses Feuer im Schacht unterhalten, hat
                    sich die Luft hier merklich verbessert. Ihr werdet auch hinten im Tunnel
                    leichter athmen und nicht so sehr von Hitze leiden. Wie wollte unser Feuer
                    anzünden? Du siehst ja, es brennt in einem eisernen Rost; ein eigens hiefür
                    bestellter Mann unterhält es und wirft, auf dem Gitter stehend, auf welchem der
                    Rost ruht, in denselben von oben das Holz. Auch leitet ja, siehe nur, die weite,
                    eiserne Röhre über dem Rost die Hitze in die Mitte des Schachtes und Funken
                    können die Holzwände desselben nicht erreichen, denn diese fangen ja erst
                    achtzig Fuß oberhalb des Gesteins an, in welches das Rohr führt. Zudem siehst du
                    ja über dem Feuer im Rost noch einen Boden, der ist mit Lehm und Pferdemist
                    bedeckt und steht in seiner Mitte ringsum einen Fuß vom Rohre ab. Du kannst ja
                    durch diese Oeffnung des Bodens in den Schacht hinauf sehen.« Andreas schaute
                    wirklich hinaus und sagte: »Es ist mir, ich sehe weiter oben noch das Tau
                    herunterhängen; es ist betheert und drei Zoll dick. Könnte dieses nicht Feuer
                    fangen und die Holzwand entzünden? Warum ist dieses Tau nicht ganz hinauf
                    gezogen worden? Könnte nicht auch in der Holzwand ein Balken, ein Brett sich
                    gelöst haben, herausstehen und herunterhängen und von auffliegenden Funken
                    entzündet werden? Ist das Alles gehörig untersucht worden? Ist Jemand deßhalb
                    den Schacht herab und hinauf gefahren?« »Das kannst ja du thun«, sagten die
                    Schmiede, »du solltest uns nicht frieren; wir wollten dir hier von unten schon
                    zünden« »Es ist <pb n="43"/>wahrlich weder zum Spassen noch Spotten«, fuhr
                    Andreas sehr ernst fort, »ihr wisset nicht einmal, wie weit das Tau herabreicht.
                    Und da solltet ihr doch nachsehen. Ich bitte euch dringend, thut das! Und reicht
                    es bis auf den Lehmboden herab, so eile doch schnell Einer nach Hauenstein
                    hinauf an den Eingang des Schachts und ziehe das Tau zurück. Ich werde auch den
                    ersten Werkführer, den ich antreffe, auf diesen Umstand aufmerksam machen.« »Es
                    ist Schade«, sagten die Schmiede, »daß du nicht der oberste Werkführer bist; du
                    hättest wohl den Tunnel schon längst vollendet.« »Und auch daran«, sagte
                    Andreas, indem er sich durch den Spott nicht stören ließ, »auch daran werde ich
                    erinnern, daß die Röhre, welche den Rauch euerer Esse in den Schlott leitet, an
                    ihrem obern Ende, da wo sie in den Schacht mündet und an der Seite desselben
                    hinaufgeht, von Holz ist und sich auch noch entzünden könnte. Zudem wann ist
                    dieses Rohr gerußet worden? Ich glaube, noch gar nie. Jetzt ist durch euer Feuer
                    im Rost der Luftzug im Schacht allerdings mächtig, ja auf eine schreckliche
                    Weise vermehrt; wenn sich nun der Ruß in dieser Röhre euerer Esse entzündete und
                    hinausflöge, so könnte auch er schon einen Brand veranlassen.« »Wie wollten«,
                    antworteten die Schmiede, »fliegende Funken achtzig Fuß höher hinauf feste
                    Balken anzünden?« »Das ist gar nicht unmöglich«, sagte Andreas; »der ganze
                    Holzthurm da über eueren Köpfen, der wohl aus hundert Klaftern Holz besteht, ist
                    durch die Hitze und den Rauch euerer Esse so ausgetröcknet und wird es nun durch
                    das Feuer in euerem Roste noch dermaßen, daß wenn sich von einem einzigen
                    auffliegenden Funken oben ein Splitter entzündet, der ganze Thurm, als wie ein
                    Pulverthurm, von unten bis oben in Einem <pb n="44"/>Augenblicke in Einer Flamme
                    stehen wird. Dann stellt euch das Entsetzliche vor: mehr als hundert Arbeiter zu
                    hinterst im Tunnel, und hier stürzt der brennende Holzthurm herunter und mit ihm
                    von seiner Glut aufgelöst oben das Mauerwerk!« - »Du bist ein Narr«, sagten die
                    Arbeiter, »würden die hundert oder mehr Klafter Holz so in Einem Augenblicke
                    verbrennen? am Ende ließen wir's oben hinaus brennen und hätten immer noch Zeit,
                    aus dem Tunnel zu kommen.« »Aber ihr bedenket nicht«, sagte Andreas, »den
                    ungeheuern Luftzug, den das Feuer im Schachte erzeugen müßte, ein Luftzug, der
                    wie ein Sturm, ja wie ein Orkan hinauf rasen und die verzehrende Gewalt der
                    Flammen aufs äußerste vermehren würde.« »Für einmal«, sagten die Schmiede, »gibt
                    uns das Feuer im Rost kühl und wir werden es, damit auch ihr tief hinten kühl
                    bekommet, wohl unterhalten.« »Möge euer Feuer«, sagte Andreas weggehend, »nur
                    Keinen kalt machen.« Vom Schachte weg bis so weit der Durchbruch vorgedrungen,
                    war es jetzt eine Strecke von etwa 2000 Schuh. In dieser Abtheilung war der
                    Tunnel nur 1000 Schuh weit gewölbt, die übrigen 1000 Schuh waren nur durch
                    Holzgerüste gegen Lösung und Sturz von Erde und Steinen gesichert. Im hintersten
                    Ende war Andreas mit seinen Leuten an der Arbeit, die bis eine halbe Stunde nach
                    dem Mittag ihren ungestörten Fortgang hatte.</p>
                <p>Hinter dem Dorfe Hauenstein, wo sich in einem Kessel von grünen Hügeln umgeben,
                    der Schacht öffnet, stehen in geringer Entfernung von der Oeffnung und dem Kran,
                    an welchem früher durch den Schacht die Arbeiter und die Bausteine und alles
                    Uebrige hinuntergelassen worden, und eine Dampfmaschine Luft hinunter pumpte,
                    einige Häuser, <pb n="45"/>zunächst ein neues mit Ziegeln gedecktes, weiter
                    abwärts einige Strohhütten. Am achtundzwanzigsten Mai, Mittags um 12 ½ Uhr, rief
                    die Hausfrau im oberen Hause ihrem Mann, der in der Scheune war, er möchte doch
                    sehen, es rauche aus dem hölzernen Schlotte des Schachts ganz ungewöhnlich. Der
                    Mann kam, sah den Rauch oben heraus in dicken Schwällen und seitwärts aus allen
                    Fugen und Ritzen des Schlotts dringen und sagte: »Das ist nicht der Rauch der
                    Esse; und horch, wie es im Schachte knistert! es tobet und toset als wie in
                    einer Hölle.« Und wie er dieß sagte, schlug eine Flamme aus dem Schlotte hoch
                    und immer höher und verzehrte den Schlott und strömte und wüthete aus dem
                    Schacht in seiner ganzen Breite mit schrecklichem Zischen und Sausen. Wenn ein
                    solcher Flammenstrom, wie er hier bis in die Wolken empor fuhr, wagerecht zu den
                    Thoren einer Stadt herein schlüge, im Augenblicke läge Gasse um Gasse in Asche.
                    So hoch wie diese Feuersäule, so mächtig und gewaltig ist noch nie ein
                    Wasserstrahl emporgeschossen. »Allmächtiger Gott«, rief der Bauer, »der ganze
                    Berg brennt! helfet, löschet! unsere Häuser werden angezündet.« Wirklich fielen
                    eine Masse brennender Kohlen auf das Dach; zum Glück war es mit Ziegeln bedeckt.
                    Die Bewohner der Hütten etwas weiter unten schütteten, so viel sie konnten,
                    Wasser auf ihre Strohdächer; kaum vermochten sie das mehr als einmal in
                    denselben ausbrechende Feuer zu löschen. Der hohe hölzerne Schlott über dem
                    Schachte war nun zusammengebrannt. Die Flammensäule aus dem offenen Schachte
                    nahm nicht ab, sie trug jetzt angebrannte Bretter wie Spielkarten in die oberste
                    Höhe; wie ein feuerspeiender Berg schleuderte der brennende Schlund lodernde
                    Balken, ja Felsen in die <pb n="46"/>Luft; es regnete und prasselte von Steinen
                    und feurigen Holzstücken. Die Hitze versengte nahe stehende Bäume, ohne daß
                    diese von dem Feuer berührt wurden. Und höher als der Flammenstrahl stieg und
                    wirbelte noch die Rauchsäule. Sie wurde auf viele Stunden weit bemerkt. Das Land
                    ringsum meinte, ganz Hauenstein gehe im Brande auf und eilte zu Hülfe.</p>
                <p>Die Leute aber zunächst am Feuerstrome des Schachtes dachten, wie dann nach und
                    nach die Flammensäule sich senkte, aber Rauch und Hitze immer hervorquoll und
                    dann das für den Augenblick durch den Sturz von Balken und Steinen gedampfte
                    Feuer wieder hindurch drang und in einem neuen heftigeren Ausbruch empor wüthete
                    wie aus einer Hölle, sie dachten: was wird nun erst im Tunnel selbst geschehen
                    sein? Um Gottes Willen! Ist wohl alles verbrannt? oder haben sie sich retten
                    können? Sind auch die hölzernen Gerüste alle die lange Strecke weit in Flammen
                    gerathen? Ist wohl alles verschüttet und umgekommen?</p>
                <p>Eine arme Frau die eine dieser Strohhütten bewohnte und ihren einzigen Sohn im
                    Tunnel hatte, schrie, indem sie ihr Häuschen zu retten suchte: »O mein Sohn,
                    mein Sohn! mein Häuschen, mein Häuschen! Allmächtiger Gott, sei doch meinem Sohn
                    und mir gnädig und barmherzig!«</p>
                <p>Den benachbarten Häusern drohete nun das Feuer um so mehr, da auch der Kran neben
                    dem Schacht und ein Theil des Gebäudes brannte, in welchem früher die
                    Dampfmaschine gestanden.</p>
                <p>Einige Leute, die auch im Tunnel angestellt waren, und beim Ausbruch des Feuers
                    eben von ihren Höfen her über die Hügel kamen, um an ihre Schicht zu gehen,
                    hatten auch feurige Kohlen von sich zu schütteln, welche <pb n="47"/>der durch
                    den Flammenstrom erzeugte scharfe Windzug über sie getragen hatte. Diese Leute
                    sowie zwei Bauführer liefen nun jähsten Sprunges den Hauenstein hinunter zum
                    Eingang des Tunnels. Da war von Arbeitern ein Getümmel, Her- und Forteilen,
                    Fragen und Rathen und Befehlen, Ein Jammerruf, Ein Schrei: helfet! helfet!</p>
                <p>Von hundertundzwanzig Arbeitern, die sich im Tunnel befanden, haben sich etliche
                    siebenzig gerettet. Man zählt, frägt, ruft nach den Namen; es mangeln
                    zweiundfünfzig. Die sind nun hinter den glühenden Trümmern des Holzthurmes und
                    des in den Tunnel gestürzten Schuttes.</p>
                <p>Die entkommenen Schmiede, mit welchen Andreas um 10 Uhr noch gesprochen, melden
                    hastig: »Wir freuten uns des frischen Luftzuges und der Kühle, den uns das Feuer
                    im Roste des Schachtes verschaffte, um so mehr, je weniger es dem Andreas hatte
                    gefallen wollen. Wir hatten bis Mittags nach 12 Uhr schon ein gutes Stück Arbeit
                    hinter uns. Da rief der Heizer des Ofens über uns in unsere oben offen stehende
                    Schmiede hinunter: »Es brennt im Schacht. Wir warfen die Hämmer weg, eilten
                    hinaus, schauten durch die Lücke des Bodens um das Rohr herum in den Schacht
                    hinauf und sahen ihn in hellen Flammen. Sogleich eilte einer von uns, so schnell
                    er nur laufen konnte, in den Tunnel hinein und rief: Rettet euch! Er traf auch
                    unsern Handlanger und Laufbuben, der den Arbeitern ihr gebessertes Werkzeug
                    hingebracht hatte und schadhaftes auf einem Wagen zurückbrachte. Diesem sagte
                    er: Lauf, was du immer kannst, und ruf den Arbeitern in 18 und 19: der Schacht
                    brenne; sie sollen fliehen! Der Laufbube eilte hin und rief: »Fort, fort, der
                    Tunnel will einstürzen!« In der Abtheilung 18 wollten sie ihm <pb n="48"/>nicht
                    glauben; in 19 aßen vier Arbeiter ihr Mittagsbrod; ein fünfter arbeitete noch
                    und ließ sich nicht stören und sagte: es sei nicht erster April. Andere
                    Arbeiter, da sie die Todesangst des Buben sahen, eilten sogleich hinaus; doch
                    zogen sie noch ihre Kleider an. Er selbst vergaß auch nicht sein Speisesäcklein,
                    sein Ueberhemd und Fläschchen, und schoß dann mit vielen andern beim Schacht
                    vorbei, wo schon brennende Balken herunterstürzten.</p>
                <p>In der Abtheilung 17 verschloß noch einer der Arbeiter, ehe er entfloh, die
                    Pulverkiste und andere Kisten, in denen Oel, Kerzen und Werkzeug waren, zog noch
                    seine Kleider an und mahnte dann noch Andere, die er in 16 und 15 fand, zur
                    Eile. Von 15 aus konnten sie das Feuer sehen. Um den Schacht herum war es hell
                    wie am Tage. Er half vor dem Schacht andern Arbeitern ein noch unausgebrochenes
                    Felsenstück stützen! Das währte einige Minuten. Derweil stürzten aus dem Schacht
                    immer mehr glühende Balken und Steine hinunter. Arbeiter, die noch aus der Tiefe
                    hervorliefen, trauten sich nicht durch diesen Feuerregen hindurch und wichen
                    zwei und drei Mal zurück. Und erst durch die dem Feuer schon entronnenen
                    ermuthigt, wagten sie endlich, durch die Flammen zu springen und entkamen.</p>
                <p>Viele waren hinten im Tunnel geblieben. Sie hatten am Morgen das Gespräch des
                    Andreas mit den Schmieden gehört und sagten: das hat Andreas mit dem Laufbuben
                    verabredet, und wollten dem Rufe: rettet, rettet Euch! nicht folgen.</p>
                <p>Aber Andreas selbst, so erzählte einer der Entkommenen, beschwor sie doch so
                    schnell als möglich zu entspringen und eilte selbst noch zu hinterst in den
                    Tunnel, <pb n="49"/>um alle zur Flucht anzutreiben und keinen
                    zurückzulassen.</p>
                <p>Wie dann die letzten von etwa siebenzig, die entrannen, durch die Flammen
                    gedrungen waren, stürzte der brennende Holzthurm in den Tunnel, und die noch mit
                    Andreas entspringen wollten, waren nun abgeschnitten.</p>
                <p>Der Laufbube, wie er mit noch vielen andern zum Tunnel herausgestürzt kam,
                    blickte zurück und schaute sich um und fing an aufzuschreien, zu weinen und zu
                    jammern: »Sie wollten mir nicht glauben, auch dem Andreas nicht. Ach Gott, der
                    ist auch nicht da; er hat mich vorausgeschickt und ist selber noch tiefer
                    hineingesprungen, um die andern zu errufen. Er hat es so kommen sehen.«</p>
                <p>Alles dieses Berichten, Suchen und Fragen geschah in wenigen Augenblicken.</p>
                <p>Am Ausgange des Tunnels sind eine Anzahl größerer und kleinerer Wohnungen der
                    Arbeiter, die sich hier seit Beginn des Werkes angesiedelt. Aus allen diesen
                    Häusern waren die Männer, die Frauen und Kinder herbeigesprungen. Andere Frauen,
                    Töchter und Kinder waren da, die in der Mittagsstunde ihren Vätern und Brüdern
                    das Mittagessen gebracht. Alle suchten im Gewimmel der Hervorgestürzten, dem
                    Tode todtenblaß Entsprungenen die Ihrigen. Namen wurden gerufen; es wurde in der
                    ganzen Menge mit Auge und Mund gefragt: ist mein Mann, ist mein Sohn, mein
                    Bruder auch da? Und vielfaches Jammern brach aus nach den Vermißten.</p>
                <p>Aber nicht lange wurde müßig gejammert. Es erhob sich wie aus Einem Munde der
                    Ruf: Auf, auf! Retten wir die Brüder! Und so stürzten mit den herbeigeeilten
                    Arbeitern auch die dem Grabe kaum Entsprungenen mit <pb n="50"/>neuem Werkzeug
                    wieder in den Tunnel hinein, und durch den Rauch und Qualm, um durch den
                    brennenden Trümmerwall den Kameraden ein Thor zu öffnen.</p>
                <p>Sie mochten es in dem Rauch nicht lange aushalten und waren bald wieder
                    gezwungen, außerhalb des Tunnels frische Luft zu schöpfen. Aber so bald sie sich
                    erholt, eilten sie wieder hinein, andere abzulösen und die Arbeit fortzusetzen.
                    So wird mit Aufbietung aller Kräfte vom Mittag bis am Abend gearbeitet nicht
                    ohne etwelchen Erfolg. Man hoffte, in der Nacht noch den Wall durchbrechen und
                    die Eingeschlossenen erlösen zu können. Bis acht Uhr Abends war man schon 8
                    Schuh vorgedrungen. Man ermuthigte sich auch: die Eingeschlossenen werden sich
                    mit möglichster Anstrengung suchen hinauszuarbeiten. Von den davongekommenen
                    Arbeitern hatten sich schon einige zum fünften und sechsten Mal in den
                    qualmenden Rauch und Dampf, in die Hitze und an die ebenso gefährliche als
                    mühevolle Arbeit gewagt. Das bessere Gefühl gab sich auch in roheren Männern
                    kund.</p>
                <p>Mittlerweile hatte die Feuer- und Rauchsäule auf dem Hauenstein eine Menge
                    Nachbarn zur Brandstätte gerufen; sie eilten in Schaaren herbei von beiden
                    Seiten des Berges mit Feuerspritzen und Löschgeräthen. Die von der südlichen
                    Seite kehrten aber wieder um, da sie gehört, der Rauch steige aus dem Schacht.
                    Die zu demselben Gekommenen aber halfen voraus die dem Schachte nächsten Häuser
                    retten. Der Brand dieser hätte leicht das ganze Dorf Hauenstein entzünden
                    können. Wie man das im Schacht noch immer wüthende, mit Qualm und Flammen unter
                    einer schrecklichen Hitze stets von neuem wieder ausbrechende Feuer dämpfen
                    könne, darüber waren die Meinungen ge<pb n="51"/>theilt. Einige schlugen vor,
                    und es gebot auch ein Bauführer: den Schacht oben luftdicht zu verschließen, daß
                    das Feuer ersticke. Lasse man diesem noch weiter freien Spielraum, so werden
                    sich auch die vielen Zentner Steinkohlen im Tunnel bei der Schmiede entzünden.
                    Andere meinten, das Ersticken des Feuers durch Abschließen der Luft könnte den
                    Eingeschlossenen schädlich sein und auch ihnen die nöthige Lebensluft entziehen.
                    Andere wollten das Feuer auswüthen lassen; es gebe das auch im Tunnel einen
                    frischen Luftzug. Der Menge schien das Natürlichste, das Feuer mit Wasser zu
                    löschen; viele mißriethen es, das werde im Tunnel einen erstickenden Dampf
                    erzeugen und den Eingeschlossenen und denen, welche sie retten wollen,
                    lebensgefährlich werden. Zuerst wurde nun der Schacht zugedeckt bis auf eine
                    Oeffnung in der Mitte von etwa zwei Fuß. Dann rief man: an die Reihen, an die
                    Reihen! Es ist unmittelbar hinter dem Schacht ein ziemlich großer Teich, von
                    diesem bis zum Schacht reiheten sich die Leute; es wurde geschöpft, die Eimer
                    flogen und der Teich wurde in den Schacht geleert. Das Dorf Hauenstein selbst
                    hat wenige Brunnen und keine Wassersammler, so wurde denn Wasser herbeigeführt
                    aus allen benachbarten Brunnen und Quellen und Bächen. Von diesem Löschen hatte
                    besonders abgerathen der alte Pfarrer von Ifenthal; und wie sich nun diese
                    Ströme Wassers in den Schacht ergossen, sagte er: »Jetzt hat's gefehlt; jetzt
                    werden die am Durchgraben des Walls Arbeitenden so wie die Eingeschlossenen von
                    Dämpfen umgeben.« Aber gleichwohl wurde so mit Hinunterstürzen von Wasser
                    fortgefahren die ganze Nacht bis Freitag Mittags.</p>
                <p>Bald trat ein, was man befürchtet, vielleicht durch <pb n="52"/>dieses Löschen
                    befördert. Bis um zehn Uhr Donnerstag Nachts hatten die Arbeiter am Durchbrechen
                    des Schuttes schaffen können. Jetzt aber entwickelte sich Stickluft, und die
                    Arbeiter sanken betäubt hin und erholten sich auch an der frischen Luft erst
                    durch den Beistand der Aerzte und anderer Hülfeleistenden.</p>
                <p>Aerzte waren aus der Nähe und Ferne herbeigerufen worden so wie ganze Schaaren
                    Eisenbahnarbeiter von allen Seiten her von Olten, Aarau, Burgdorf, Läufelfingen.
                    Und nun zeigte dieß Volk der Tagelöhner die größte Hülfsbereitwilligkeit, ja
                    einen Heldenmuth, wie er sich in Schlachten nicht tapferer und schöner bewähren
                    kann. Sie setzten das Leben ein, um andern das Leben zu retten, sie thaten es
                    nicht um etwa die Gnade und den Lohn eines Fürsten oder den ausgesetzten Preis
                    einer großen Geldsumme im Wettkampfe zu erringen; sie thaten es nicht in dem
                    auch den weniger Beherzten hinreißenden Feuer des Schlachtenkampfes und der
                    Selbstvertheidigung. Sie brachten sich selbst zum Opfer. Und wenn du,
                    Hordreicher, Hunderttausende hingäbest, was wäre deine Gabe, die du nicht im
                    geringsten vermissest, gegen die Selbsthingebung eines solchen Tagelöhners? Gar
                    nichts! Oder thaten sie es aus bloß natürlicher Liebe, aus Blutsverwandtschaft,
                    der Vater für den Sohn, der Sohn für den Bruder? Nein! die Wenigsten derer, die
                    draußen sind, kennen die hinter dem feurigen Wall Eingeschlossenen, es sind
                    Schweizer, welche Britten, Franzosen, Italiener retten wollen, es sind hinwieder
                    Iren, Schotten, Würtenberger, welche alles dran setzen, daß verschüttete
                    Schweizer, Badenser und andere ihnen ganz bekannte dem sonst gewissen Untergänge
                    entrissen werden. Thun sie's aus Ruhmsucht? Es sind unbekannte Leute, <pb n="53"/>mit Namen nicht einmal den Herren bekannt, für deren Gewinn sie arbeiten. Wer
                    hatte ihnen diesen durchaus uneigennützigen aufopferungsfähigen Edelmuth
                    eingeflößt? Der vorübergehende Priester oder Levit? gewiß nicht, aber ganz gewiß
                    der, welcher selber der Samariter hieß. Denn er ist gekommen, das Licht
                    anzuzünden. Und er löscht den glimmenden Docht nicht aus, sondern erfacht ihn in
                    denen, welche so oft die letzten scheinen, in dem, was schwach ist vor der Welt
                    und unedel und verachtet, oft durch solche Ereignisse zur hellen Flamme. Oder
                    thun sie es angetrieben von einem gewissen Korpsgeiste? sie sind nicht auf
                    solche Weise verbunden, sie kommen und gehen der eine nach Norden, der andere
                    nach Süden; sie sprechen verschiedene Sprachen und einige können sich
                    gegenseitig kaum verständlich werden. Nein sie thun es durchaus in der Wahrheit:
                    Alles, was ihr wollet, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen. Und
                    der arme, verachtete Tagelöhner, der nun in die Todesluft tritt, um andere
                    daraus zu retten, wie unendlich viel größer ist er, wie unendlich viel mehr ein
                    Mensch als jener gerühmte Kriegsfürst, der eine große Zahl tapferer, ihr
                    Vaterland vertheidigender Krieger in einer Höhle mit Rauch erstickte. Du
                    Tagelöhner bist ein Mensch, dieser ein Unmensch! Oder haben euch Sünden und
                    Laster in dieses Todeswagniß getrieben, Lebensüberdruß, Ekel über Euere traurige
                    Arbeit, Leichtsinn und Leichtfertigkeit, nun eine Gelegenheit zu haben, des
                    elenden Lebens einmal auf eine noch zu belobende Weise los zu werden? Nein!
                    Viele von Euch sind Söhne, welche mit ihrer Händearbeit ihre Eltern erhalten,
                    andere Väter, welche seit Jahren alle Mühseligkeiten ausgestanden, um die
                    Ihrigen mit Gott und Ehren durch die Welt zu <pb n="54"/>bringen. Oder treibt
                    Euch der Wahn, durch eine solche That unter die Seligen und Heiligen versetzt zu
                    werden? Das steht Euch nicht zunächst vor der Seele, wohl aber, daß zu retten
                    Euere Pflicht ist, und daß, der Euch dieses Pflichtgefühl und diesen Trieb und
                    Muth eingeflöst, Euch auch helfen werde. Ihr rufet, von den mißlungenen
                    Versuchen nicht abgeschreckt: Wagen wir's noch einmal! hinein in Gottes Namen!
                    Oder handelt Ihr in einer gewissen Besinnungslosigkeit der Angst, in einer
                    blinden Wuth, in einem ansteckenden Wahnsinn? gewiß nicht; denn wie kühn Ihr
                    Euch in die Todesgefahr waget, Ihr brauchet doch noch so viel Vorsicht, als
                    möglich ist; und die ganze Nacht hindurch währet Euere Anstrengung und den
                    folgenden Tag, und Euer Muth und Euere Hingebung nimmt zu mit der Gefahr, in
                    welcher Ihr die Brüder wisset; Ihr wollet Euch auch durch keine Vorstellungen
                    der Vergeblichkeit Euerer Bemühungen und der unfehlbaren Gewißheit Eueres Todes
                    von neuen Versuchen abwenden lassen, und Ihr weichet endlich nur der Gewalt. Es
                    wurde einige Stunden gerastet. Aber früh am Freitag Morgen suchten die Arbeiter
                    wieder an den Schuttkegel vorzudringen, allein sie wurden von der Stickluft
                    betäubt, fielen ohnmächtig oder todt hin. Da drängten sich wieder andere vor, um
                    die Vermißten zu holen. Sie traten muthig, die eigene Todtenkerze in der Hand,
                    in die lange und finstere Gasse des Todes. Andere fuhren auf mit Pferden
                    bespannten Rollwagen in die Dunkelheit und Pestluft hinein; die Lichter brannten
                    kaum noch, die Pferde schnaubten; im Tunnel lagen die Erstickenden und
                    Erstickten, sie wurden aufgeladen und hinausgeführt; aber auch die sie
                    herausbrachten, waren nun vergiftet, sanken ohnmächtig hin. So lagen schon <pb n="55"/>ganze Reihen da bewußtlos und sterbend. Es wurden in der ganzen Zeit
                    vierhundert halb Erstickter von den Aerzten behandelt. Diese bemühten sich aufs
                    angestrengteste, sie wieder ins Leben zurückzurufen; ihnen halfen Männer und
                    Frauen, besonders diese waren äußerst thätig und unermüdlich mit Waschungen und
                    Reibungen selber um die, welche von den Aerzten schon aufgegeben wurden. So
                    erwachte mancher wieder, die meisten unter schrecklichen Zuckungen. Viele, ins
                    Leben zurückgerufene, bleiben aber wie gelähmt, sie haben das Gedächtniß und zum
                    Theil die Sprache verloren. Einige derer, die sich schneller erholt haben, sind
                    nicht zurückzuhalten und dringen mit andern zum fünften und sechsten Mal wieder
                    in den Tunnel, denn nun gilt es, zunächst die Vermißten der Rettenden auf der
                    langen, finstern Todesstraße zu suchen und so schnell als möglich
                    herauszubringen. So hat sich einer, schon zum vierten Mal wieder zur Besinnung
                    gebracht, neuerdings hineingewagt und kömmt nun nicht zurück, er ist ohnmächtig
                    umgesunken und seine Begleiter auch schon gelähmt sind zu schwach, ihn
                    herauszutragen. Da dringt seine junge Frau hinein, findet ihren da liegenden
                    Mann und trägt ihn selber heraus an die Lebensluft; aber er ist todt. Unter den
                    herausgetragenen Ohnmächtigen ist auch ein Engländer, er wird einer der
                    helfenden Frauen zu Füßen gelegt, es ist ihr eigener Mann. Er war schon zwei Mal
                    scheintodt herausgebracht worden und seine Frau hatte ihn unter Thränen
                    beschworen, sich nicht mehr in den Tunnel zu wagen. Allein er konnte dem
                    Hülfgeschrei nicht widerstehen. Sie gibt sich nun alle erdenkliche Mühe, ihn
                    wieder ins Leben zurückzubringen: umsonst; auch er ist ein Opfer seiner sich
                    hingebenden Bruderliebe und ist Vater von drei <pb n="56"/>Kindern. Wie alle
                    Belebungsversuche vergeblich bleiben, erhebt die unglückliche Mutter von Schmerz
                    überwältigt ein herzdurchdringendes Jammergeschrei. Zwei Brüder halfen ihre
                    Kameraden, die noch nicht aus dem Tunnel gekommen, suchen, und verloren sich in
                    der Dunkelheit selber. Der eine mußte zurück um Luft zu schöpfen; wie er wieder
                    hinein lief, hörte er um Hülfe schreien; es war sein Bruder. Er nahm ihn auf die
                    Schulter und trug ihn hinaus. Allein auch er wurde matter, er bat andere
                    Kameraden: haltet mich, verlasset mich nicht. Die Lichter waren am erlöschen. Er
                    selber fiel mit seiner Last. Da wurden beide Brüder vor dem Tunnel neben
                    einander gelegt, der eine war todt, der andere, welcher jenen herausgeholt, kam
                    wieder ins Leben, sah den Bruder blaß neben sich, ergriff dessen Hand; sie ist
                    kalt. Da sagte er: »So bist du auch schon todt und vor wenigen Augenblicken noch
                    mein treuer Gefährte!« So fiel wie in der Schlacht ein Kamerad neben dem andern
                    angehaucht von dem unsichtbaren und nur um so grauenvolleren Feinde. Gegen ihn
                    half weder Muth noch Kraft. Ihm zu nahen, forderte mehr Entschlossenheit als in
                    ein Pestlazaret zu treten; denn hier wurde jeder ohne Ausnahme vergiftet und
                    konnte er nicht alsobald das Gift wieder von sich hauchen, so starb er schneller
                    als von einem Giftbisse. In den Tunnel zu treten, war gefährlicher als in eine
                    Höhle voller Giftschlangen sich zu wagen; der Tod war gewisser als im Sturme auf
                    eine Batterie. Nur die unbedingteste Hingebung, nur das vollste Vertrauen auf
                    Gottes Hülfe führte die Hülfeleistenden in den Todeshauch des Schlundes.</p>
                <p>Schon Freitags lagen sieben Männer todt da, die ihr Leben eingesetzt; andere vier
                    wurden vermißt und konnten <pb n="57"/>in der Finsterniß nicht gefunden werden.
                    Man vermochte in derselben von Stunde zu Stunde immer weniger weit vorwärts zu
                    kommen; die vergifteten Dünste verbreiteten und verstärkten sich immer mehr.</p>
                <p>Wie dieselben verdrängt, wie gesunde Luft in den Tunnel gebracht werden könne,
                    wurde nun hin und her gerathen. Freitags versuchte man mit Kalkwasser, das man
                    durch Feuerspritzen in den Tunnel trieb, die Pestluft unschädlich zu machen.
                    Umsonst! Die Mannschaft an den Spritzen, welche von Olten und Zofingen und
                    andern Orten hergekommen, wurde auch ohnmächtig. Die stärksten Männer, welche am
                    längsten aushielten, am angestrengtesten arbeiteten und auch um so kräftiger und
                    tiefer Athem holten und die Stickluft einschluckten, wurden von dem Gifte nur um
                    so mehr erfüllt. Einige blieben mehrere Tage lang krank, andere spürten die
                    schlimmen Folgen noch mehrere Wochen später. Die Thätigkeit auch dieser mit
                    ihren Spritzen zu Hülfe hergeeilten Leute war außerordentlich und voll
                    Hingebung. Aber auch diese und andere Versuche mit großen Strohfeuern, mit
                    breiten Segeln ferner, die man auf Wagen schnell vor und rückwärts bewegte: alle
                    diese Versuche wurden als ganz vergeblich aufgegeben.</p>
                <p>Es konnte nichts anderes helfen, als Röhren in die ganze Länge des Tunnels zu
                    legen und mit Luftpumpen durch frische Luft die vergiftete zu verdrängen.</p>
                <p>Es wurden daher solche hölzerne in der Höhe und Breite 14 Zoll weite Röhren
                    überall bestellt und in der Nähe und Ferne, in Luzern, Basel und Zürich und
                    Aarau und anderwärts Tag und Nacht gefertigt; und schon am Montag früh war 2200
                    Fuß weit in den Tunnel hinein eine solche Röhrenleitung gelegt und vorn an
                    derselben arbeitete <pb n="58"/>der Ventilator, getrieben von dem aus dem Tunnel
                    strömenden Bache, welcher sich durch den Schuttkegel bald wieder Bahn gebrochen
                    hatte. So weit die Röhren vorgeschoben wurden, verbesserte sich nach und nach
                    die Luft. Ein Geschwisterpaar, Bruder und Schwester, saßen stundenlang vor dem
                    Tunnel auf einem Stein und warteten, ob man ihren erstickten Bruder finde. Er
                    wurde endlich am 2. Juni nebst drei andern Leichen gefunden. Und die Geschwister
                    führten ihren todten Bruder auf den Gottesacker ihres Dorfes.</p>
                <p>Bis am 2. Juni Dienstag Vormittags war die Röhrenleitung 3000 Fuß vorgerückt und
                    Nachmittags hatte sie den Schuttkegel erreicht. Man fing an, ihn zu
                    durchbrechen. Die Arbeit war eben so mühsam als drohend; aber auch hier entzogen
                    sich die Arbeiter der Gefahr nicht. Sie hatten einen acht Fuß hohen und vier Fuß
                    breiten Stollen zu öffnen. Nur etwa zehn Mann konnten daran arbeiten. Sie gruben
                    sich durch glühenden Schutt und verkohlte Balken und glaubten Mittwochs den 3.
                    Mai, Vormittags 9 Uhr, den Wall durchgraben zu haben, indem sie vor sich einen
                    offenen Raum sahen. Sie hielten ein mit der Arbeit. Es war ein erwartungsvoller
                    Augenblick. Was wird geschehen? was sich zeigen? läßt sich Nichts hören? Sie
                    riefen; sie bliesen mit Signalhörnern. Alles bleibt todtenstill. Verwesungsdunst
                    umgibt sie. Die Röhren werden weiter vorgeschoben und die Arbeit wieder möglich
                    gemacht. Der Schuttkegel ist noch nicht durchbrochen. Die herunter gestürzten
                    Balken, sich gegenseitig stemmend, haben einen hohlen, etwa sechs Fuß tiefen
                    Raum gebildet, jenseits desselben muß weiter gegraben werden. Der ganze Wall ist
                    36 Fuß breit, noch sieben Fuß sind zu durchbrechen. <pb n="59"/>Der Durchbruch
                    gelang endlich am achten Tage nach dem Einsturze, Donnerstags den 4. Juni,
                    Abends halb acht Uhr. Bis Freitag Mittags hatte man dann einunddreißig Leichen
                    gefunden.</p>
                <p>Die Kunde des außerordentlichen Unglücks war am nämlichen Tage, den 28. Mai,
                    durch den Telegraphen und auf den Eisenbahnen in die weiteste Ferne gekommen.
                    Auch an dem Orte, an welchem Margarita wohnte, wurde davon erzählt. Ihr Hausherr
                    hörte es in der Gesellschaft und theilte es zuerst seiner Frau und Tochter mit.
                    Sophie meinte, Andreas sei bereits aus der Arbeit im Tunnel getreten und
                    Margarita könne über das Loos ihres Verlobten unbekümmert sein. Wie aber
                    Margarita von dem Unglück hörte, war ihre erste Frage: »Wann, wann ist es
                    geschehen?« Tag und Stunde konnte bereits genau angegeben werden. »Da ist er
                    unter den Eingeschlossenen«, rief sie, und wurde todesblaß. »Er kann auch einer
                    der Entkommenen sein«, sagte Sophie. »Nein, nein!« fuhr Margarita fort, »das ist
                    meine Angst die letzten Tage und Nächte hindurch, wie ich sie noch nie gefühlt.«
                    Sophie suchte sie zu beruhigen. »Noch kenne man die Namen der einzelnen
                    Verschütteten nicht. Da das Nähere noch nicht bekannt geworden, sei es nicht
                    erlaubt, aufs Ungewisse hin sich der Trostlosigkeit hinzugeben und das
                    Traurigste vorauszusetzen.« »Ach«, rief Margarita aus, »er ist in den
                    Finsternissen der Erde eingeschlossen, er ist in seinem Grabe, das nur seiner
                    Seele sich öffnen wird. Er ist verschüttet; ich fühle es ganz und gar. Meine
                    Seele ist zu ihm gezogen in den unerschließbaren Kerker. O du armer, armer
                    Andreas!«</p>
                <p>Bald darauf brachten die Zeitungen die Namen der <pb n="60"/>Verschütteten, die
                    vergeblichen Versuche alle, sie zu retten, die neuen Opfer, welche dabei
                    gefallen. Sophie überflog die lange Reihe der Genannten und »ach Gott«! seufzte
                    sie. Andreas war darunter. »Du hast es geahnet, wie es geschah, wie es Gott
                    zugelassen in seinem uns verborgenen Rathschlusse«, sagte sie zu Margarita;
                    »Andreas ist wirklich unter den Eingeschlossenen.« »Ich weiß es«, antwortete
                    Margarita; »ich wußte es ohne die Zeitungen.« Sie rang die Hände und rief: »O du
                    Lieber, Lieber, mußt du so sterben und sollten wir uns nicht wiedersehen!«
                    Sophie und auch der Herr und die Frau suchten sie zu trösten: nach den Zeitungen
                    sei noch nicht alle Hoffnung aufzugeben, die Eingeschlossenen zu erretten. Sie
                    seien eben doch nur eingeschlossen und nicht eigentlich verschüttet; der Raum,
                    in welchem sie sich befinden, sei lang und auch ziemlich hoch; die Lebensluft in
                    demselben könne auch in zehn und mehr Tagen nicht erschöpft werden; es fließe
                    ein ziemlich starker Bach schon durch den hintern Theil des Tunnels, auch dieses
                    lebendige und gesunde Trinkwasser erfrische die Luft; die Eingeschlossenen haben
                    noch Nahrung, Brod, Thee, Rhum und Milch bei sich; denn die Arbeiter gehen nicht
                    ohne dieselbe in den Tunnel; sie haben auch genug Kerzen und Oel zum nöthigen
                    Licht, ja im äußersten Nothfall können sie sich auch mit diesem Talg und Oel das
                    Leben fristen; es seien sogar noch sieben oder acht Pferde mit ihnen
                    eingeschlossen, diese können geschlachtet werden und zur Nahrung dienen. Unter
                    den Abgesperrten seien auch Minengraber, welche wissen, was unter solchen
                    Umständen zu thun sei, namentlich befinde sich unter ihnen ein Engländer,
                    welcher einmal schon neun Tage verschüttet gewesen sei und dieser werde ihnen
                    des Besten rathen und <pb n="61"/>helfen können. Vielleicht haben sie schon mit
                    dem Baugeräth, an welchem in ihrem Raum ein großer Vorrath vorhanden, eine Wand
                    aufgerichtet, gegen die Stickluft, falls diese auch in den hintern Theil des
                    Tunnels dringen sollte, was aber wahrscheinlich nicht einmal der Fall sei.
                    Gleich außerordentlich seien auch alle die Anstalten zur Rettung und der Eifer
                    und die Hingebung, die von allen Seiten zu Hülfe kommen. Andreas selber sei
                    zudem ein eben so kluger und vorsichtiger als unerschrockener Mann, er habe auch
                    im Bergbau bereits viele Erfahrung gewonnen; vielleicht daß ihm Gott selber
                    einen guten Rath eingegeben, wie sie sich, bis der Schuttkegel durchbrochen, das
                    Leben fristen können. Gott werde auch ihn nicht in der Tiefe der Erde verlassen,
                    er werde auch sein Gebet erhören. »Ja«, sagte Margarita, »beten, beten, das ist
                    das einzige, was ich thun kann und was auch er thut, ich weiß es. Helfet uns
                    beten, daß ihn Gott nicht verzweifeln lasse mitten in der Nacht und den
                    Schrecknissen des langsamen Todes, da für die Seele kein Ausgang ist als nur mit
                    Zurücklassung des irdischen Lebens. Ich wache mit ihm die ganze Nacht und bete.
                    Ach ihm wechselt nicht mehr Tag und Nacht. Und sollten auch auf ihre Seite die
                    erstickenden Dünste dringen, ich darf an all den Jammer und das Entsetzen gar
                    nicht denken. Aber jetzt, da ihr mir schon erlaubt habt, während der
                    Pfingstwoche in die Schweiz zu reisen, um den Andreas abzuholen, so werdet ihr
                    nun die Erlaubniß nicht zurückziehen. Ach es ist jetzt nicht ein Lustreischen.
                    Ich gehe meinen Bräutigam, das Herz meines Herzens, zu begraben, ihn, der mein
                    Gatte sein sollte. Es ist Niemand dort, der um ihn weint; es sollen seinem Sarge
                    und Grabe die heißesten und treusten und schmerz<pb n="62"/>lichsten Thränen
                    nicht mangeln. Vielleicht sehe ich dich doch noch im Tode, du Guter, Treuer, und
                    drücke dir noch die kalte Hand.«</p>
                <p>»Wir wollen hoffen, liebe Margarita«, sagte Sophie, »du erlebest noch die höchste
                    Freude und er werde dir, gerade wie du hinkömmst, lebendig und unverletzt aus
                    dem Grabe heraus geführt. Gott selber schenke ihn dir wieder!« »Ach«, sagte
                    Margarita, »ich darf mich diesen Hoffnungen nicht hingeben; die Täuschung wäre
                    nur noch um so trostloser. Und doch, und doch kann ihn Gott ja wohl wieder an's
                    Tageslicht herausbringen und ihn seine Sonne wieder sehen lassen und seiner
                    Hände Werk. O wie viel seliger würde ich mit dem mir wieder Geschenkten mich des
                    Mai's und der schönen Berge freuen und wieder zu Euch zurückkehren! Aber ich
                    darf es nicht hoffen. Es ist zu traurig in meinem Herzen.«</p>
                <p>Sie zog auch ein Trauergewand an, als ob sie dessen ganz gewiß wäre, sie gehe an
                    das Leichenbegängniß ihres Verlobten. Sophie bot ihr andere Reisekleider. Allein
                    Margarita sagte: »Sollten wir uns hienieden wiedersehen, sollte ihn Gott aus dem
                    Grabe hervorführen, so soll mein Andreas sehen, daß ich traurend an seinem Grabe
                    gestanden; und für die Demuth dieser unaussprechlichen Freude, wenn Gott sie uns
                    hier auf Erden noch wollte werden lassen, schickte sich auch dieses Kleid eines
                    Dank- und Buß- und Bettages. Erschiene ich aber am Grabe meines Verlobten und am
                    Grabe seiner so vielen Mitverschütteten in einem farbigen Kleide, ach das würde
                    sich nicht schicken. Zudem finde ich im Trauerkleide wohl eher den Trost und die
                    Theilnahme oder auch die Schonung, deren mein armes Herz so sehr bedarf.«</p>
                <pb n="63"/>
                <p>Sie reiste nun auf dem nächsten Wege nach der Badener Eisenbahn und auf derselben
                    nach Basel. Die hohe, schöne Gestalt, das edle jetzt so blasse Angesicht, ihr
                    Trauergewand und der unendliche Schmerz, den ihre ganze Erscheinung aussprach,
                    machte die Reisenden auf sie aufmerksam. Sie wird wohl Schwester, Braut oder
                    Gattin eines der im Hauenstein Verschütteten sein, vermutheten Viele. Auf der
                    Fahrt von Basel nach Läufelfingen erkundigte sie sich bei einem Reisenden,
                    dessen Bescheidenheit und Theilnahme sie zum Reden ermuthigte, nach dem Stand
                    der Dinge im Hauenstein. Der Reisende meldete, daß die Röhrenleitung vorrücke
                    und die Arbeiten wieder möglich mache, den Schuttkegel zu durchgraben und wie
                    die im Bergbau Erfahrenen und sogar Aerzte und Chemiker die Hoffnung haben, es
                    könnten selber nach diesen verflossenen acht Tagen die Eingeschlossenen leben,
                    und morgen oder spätestens übermorgen wieder ans Licht gebracht werden. Es sei
                    ein gutes Zeichen, daß der Bach wieder voll und lauter durch den Schuttkegel
                    fließe und daß, wie sich beim Angraben des Kegels gezeigt, die vielen dort
                    ausgespeicherten Steinkohlen nicht entzündet worden seien. Auch denken Einige,
                    wenn sich in dem hintern Theil des Tunnels aus den Kohlen nur Kohlensäure
                    verbreitet, welche schwerer sei als die Lebensluft, so haben sich vor dieser
                    Stickluft die Arbeiter auf die hohen Gerüste retten und dort sich noch einige
                    Zeit halten können. Margarita sagte: »Ich mache mich auf das Traurigste gefaßt,
                    ich bin bereit, den zwei und fünfzig Verschütteten an das Leichenbegängniß zu
                    gehen. Es ist freilich Gott Alles möglich. Aber er hat ja auch eilf derer,
                    welche so edelmüthig retten wollten, sterben lassen. Wir müssen uns seinem
                    Rathschlusse unterziehen, so dunkel, ja grausam der uns <pb n="64"/>scheinen
                    mag. Ach wir sollen Gott sogar in allen Leiden preisen!«</p>
                <p>Margarita hatte unterwegs vernommen, daß einige der bei den Rettungsversuchen
                    Gestorbenen in Läufelfingen am 31. Mai, am Pfingstsonntage, auf dem Gottesacker
                    bestattet worden seien. Sie begab sich daher zuerst dorthin. Sie dachte, die
                    edeln Männer sind auch für meinen Andreas gestorben. Billig dank ich ihnen noch
                    auf ihrem Grabe. Ich hätte sie zu demselben begleitet, wenn ich hier gewesen
                    wäre. Sie traf bei diesen frischen Gräbern, wie sie schließen mußte, jene
                    Engländerin mit ihren drei Kindern, sie knieten am Grabe ihres Vaters, weinten
                    und beteten. Auch Margarita kniete hin und weinte mit ihnen und dachte an
                    Andreas; sie war jetzt in der Nähe seines schauerlichen Aufenthaltes, vielleicht
                    seines Grabes, vielleicht gerade in der Stunde hier seines letzten langsamen und
                    qualenvollen Hungertodes und Todeskampfes. Der Jammer überwältigte sie, sie
                    senkte ihr Haupt ganz auf den frischen Rasen eines dieser Gräber, sie schluchzte
                    und überließ sich ganz ihrem Schmerz. Die Mutter richtete sich auf, bückte sich
                    voll Theilnahme zur Margarita und redete, da sie seit ihrem Aufenthalte am
                    Hauenstein etwas deutsch gelernt hatte, in dieser Sprache zu ihr und sagte:
                    »Arme Frau, wen habet denn Ihr verloren?« »Ich sollte mich mit Ihnen trösten«,
                    sagte Margarita, »Sie haben mehr verloren als ich, Sie sind Wittwe geworden; Sie
                    sind fern von Ihrer Heimat, von Ihren Verwandten durch Land und Meer getrennt.
                    Und jetzt in Ihrem unendlichen Verluste nehmen Sie sich noch meiner an. Ich bin
                    auch fremd hier; kein Auge weint mit mir.« Und jetzt erzählte sie ihr Schicksal.
                    Die Wittwe ward noch mehr gerührt, sie hatte durch ihren <pb n="65"/>Mann den
                    Andreas kennen gelernt, und bat Margarita, ihr in ihre Wohnung zu folgen und bei
                    ihr zu bleiben. »Ich will es thun«, sagte Margarita; »Gott segne Sie für Ihre
                    Theilnahme; er hat mich in Ihre Nähe gebracht und Sie mir zur Trösterin
                    gegeben.« »Die Unglücklichen«, sagte die Wittwe, »und die Nichtverzagenden und
                    auf Gott Trauenden sind sich der beste Trost.« Auch die Kinder der Wittwe
                    zeigten sich zutraulich gegen Margarita. Die Wittwe sagte auch noch einigen
                    ihrer Landsleute, wer die Hergekommene sei; auch diese kannten den Andreas; er
                    war ihnen einer der werthesten Arbeiter und Aufseher und hatten seinen Auftritt
                    ungern gesehen. Auch sie hofften noch, daß wenigstens ein Theil der jüngeren und
                    stärkeren der Eingeschlossenen lebe, und äußerten gegen Margarita eine herzliche
                    Theilnahme.</p>
                <p>Frühe am folgenden Tag, es war Freitag der fünfte Brachmonat, stieg Margarita den
                    Hauenstein hinauf. Wer ihr begegnete, vermuthete, sie werde um einen der
                    Verschütteten Leid tragen. Auch der Gefühllosere empfand Mitleid mit ihr. Sie
                    fragte, wie weit die Rettungsversuche in der Nacht vorgerückt seien, und
                    vernahm, heute werde man in den hintern Theil des Tunnels gelangen und über das
                    Schicksal der Abgeschlossenen zur Gewißheit kommen. Sie ließ sich die Stelle
                    zeigen, wo der eingestürzte Schacht oben sich mündet und die Richtung, in
                    welcher sich der Tunnel hinzieht. Sie stand lange auf der verdeckten Oeffnung
                    des Schachtes. Es war ihr, als sollte sie ihrem Andreas hinunter rufen. Sie sah
                    noch die Spuren des Feuers, welches das entsetzliche Unglück zur Folge hatte.
                    Dann ging sie den grünen Hügel hinauf und in der Richtung des Tunnels gegen
                    Norden vorwärts. »Da unter meinen <pb n="66"/>Füßen«, dachte sie, »ist der
                    finstere, nasse Felsenkerker so viele Thurmshöhen unter mir. Ach, ihr
                    Unglücklichen, wie werdet ihr in diesem finstern Gange die acht Tage und acht
                    Nächte hin und her gegangen sein, rath- und thatlos! Konntet ihr fortleben, ach
                    so muß doch von Tag zu Tag euere Angst gestiegen sein. Die Angst hat euch
                    entkräftet; kam auch über euch von Klagen und Jammer Erschöpfte der Schlaf, ihr
                    seid jedes Mal zu nur noch größern Qualen erwacht.« Als sie meinte, sie sei so
                    weit vorwärts gegangen, als der hintere Theil des Tunnels reiche; es war dort
                    eine kleine Vertiefung, blühende Obstbäume standen umher; da knieete sie unter
                    denselben nieder, senkte das Haupt in das Gras und die Blumen. Es war ihr, als
                    spüre sie die Nähe ihres Freundes. »Andreas, Andreas«, rief sie in den Wasen
                    hinein, »lebst du noch? hörst du mich? spürst du mich? O du allmächtiger Gott,
                    hast du ihn bis jetzt erhalten, o so friste ihm das Leben noch diesen Tag über!
                    Laß es den sich so bereitwillig Hingebenden gelingen, ihren Brüdern die Hand zu
                    reichen in das tiefe, schauerliche Grab hinein und sie hinauszuführen an dein
                    Tageslicht! Allmächtiger, es ist dir Alles möglich; du konntest mitten in den
                    Schrecken des Todes die Unglücklichen erhalten, du kannst meinen Freund in dem
                    Verließ und der Finsterniß da unten auch meine Nähe und stimme und verspüren
                    lassen; du kannst die letzte Lebensspur in ihm noch unter der Asche erhalten und
                    sie anfachen zu einem neuen Lichte; Herr thue das! Erhöre mich! Hast du aber
                    seiner Seele schon geöffnet das Felsengebirg, hast du ihn errettet aus dem Leibe
                    dieses Todes, hast du ihn mit deiner allmächtigen Vaterhand schon erhoben in
                    dein Lichtreich, aus der tiefsten und finstersten Kammer in deine ewige
                    Seligkeit, <pb n="67"/>o so mache mich dessen recht gewiß und tröste und stärke
                    mich, dein verwaisetes Kind! O du lieber Andreas, wo deine Seele auch weilt, ich
                    weiß es, ich fühle es, du betest mit mir, wir sind vereint vor Gottes
                    Thron.«</p>
                <p>So lag sie lange, wie an die Stelle gebannt. Endlich stand sie auf. Sie wollte
                    zum Eingang des Tunnels hinunter. Wie sie über den Hauenstein hinging, sangen
                    über ihr im blauen Himmel die Lerchen, Sommervögel flogen um sie, sie sah die
                    höchsten Gipfel der Alpen, wie sie strahlend gen Himmel deuteten. Im
                    Hinuntersteigen traf sie Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und Freundinnen
                    der Verschütteten mit ihr selbst in gleicher banger Ungewißheit, in größerer
                    Furcht als Hoffnung dessen, was ihnen nun die nächste Stunde sagen und zeigen
                    werde.</p>
                <p>Der Wall war durchbrochen, die ersten Verschütteten gefunden, aber nicht mehr
                    lebendig, wie man gehofft. Leichen lagen bei Leichen, einige hatten noch ihr
                    Werkzeug in den Händen. Auch sie hatten den Schuttkegel durchgraben wollen,
                    waren aber wahrscheinlich alsobald erstickt, denn einige hatten noch Brod bei
                    sich.</p>
                <p>Den Verwandten der Verschütteten wurde gestattet, in der Nähe des Tunneleinganges
                    zu stehen und zwar oben am Borde des Weges auf der östlichen Seite, von welcher
                    her ein frischer Wind wehete. Die Leichen wurden herausgebracht. Ein
                    entsetzlicher Anblick! Sie waren schon durchaus unkenntlich geworden. Die
                    meisten konnten nur noch an einzelnen Kleidungsstücken erkannt werden. Es waren
                    der Todten einunddreißig. Wie aber an diesem oder jenem Merkzeichen die Hausfrau
                    ihren Mann erkannte, der Vater oder die Wittwe ihren Sohn, der Bruder den
                    Bruder, da brach der Schmerz aus in Thränen und Klagen. Andere <pb n="68"/>traten stumm und blaß zurück und schauten noch, wie die theure Leiche in den
                    Sarg gelegt wurde. Einige mußten von den Leichen der Ihrigen und aus dem Geruch
                    des Todes hinweggedrängt werden. Eine nun zur Wittwe gewordene arme Frau sah man
                    mit ihren sechs Kindern auf die Seite gehen, niederknieen und beten. Bei einigen
                    Todten wurde erspartes Geld gefunden, das vermehrte noch den Schmerz des alten
                    Vaters, der Mutter oder des Kindes. Mit Thränen in den Augen lobten sie den in
                    seiner mühseligen Arbeit Hingeschiedenen. »Ach«, sagten sie, »er hatte ein
                    besseres Loos verdient; er hat seit Jahren nur für uns gearbeitet und sich
                    selten nur Rast und Erholung gegönnt.« Andere Leichen wurden nicht erkannt; es
                    waren wie es schien, Leute fast namenlos, ohne Angehörige, ohne Freunde, solche,
                    denen im Tode wie im Leben Niemand nachfragte. Auch diese Verlassenheit bewegte
                    die Umstehenden sehr, sie empfanden, wie gewiß noch nie, die Hinfälligkeit des
                    Menschen und wie wenig der Einzelne zu bedeuten habe, wie wenig nothwendig, wie
                    ganz und gar nicht unersetzlich er hier zu sein scheine, ein Rauch und Dampf,
                    der Schatten einer Wolke. Und dennoch wie theuer, wie unentbehrlich der einzelne
                    treue Arbeiter und Versorger sei, sagten im Kreise so viele bittere Thränen. Wie
                    groß die Treue, die Aufopferungsfähigkeit auch der einzelnen der Beamten, der
                    Aerzte, der gemeinsten Tagelöhner, zeigte sich auch hier wieder, da sie bei dem
                    grauenvollen Geschäft und Anblick und Hauche ausharreten und ihre Pflicht
                    erfüllten.</p>
                <p>Unverwandt hatte Margarita vom Borde herab Leiche um Leiche betrachtet. Sie war
                    ganz gewiß, daß unter denselben ihr Andreas nicht gewesen. Sie hatte auch
                    einigen <pb n="69"/>Arbeitern gesagt, wen sie suche. Diese kannten den Andreas,
                    redeten mit Liebe von ihm, hatten auch gehört, wie er in den Tunnel zum letzten
                    Mal hinein gegangen, von dem Feuer im Schacht noch warnend zu den Schmieden
                    gesprochen. Sie sagten: »Wenn menschliche Klugheit und Anstelligkeit retten
                    können, so ist Andreas noch am Leben; auch war er der bravste von Allen. Wir
                    wissen auch, wie er gekleidet war, und wir würden ihn, auch wenn er sonst
                    unkenntlich wäre, an seinem außerordentlich hohen und starken Wuchse doch
                    erkennen. Er war der schönste Mann unter allen Arbeitern.«</p>
                <p>Der größere Theil dieser einunddreißig Särge wurden nach Trimbach hinunter
                    geführt und dort unter einem großen Begleite Theilnehmender beerdigt. Als das
                    Begleit sich entfernt hatte, knieete eine Bäurin an eines der Gräber. Ein
                    Herzukommender fragte sie, ob sie einen Sohn oder Gatten verloren? »Nein«,
                    antwortete sie, »aber wer wollte nicht für die armen Seelen beten!«</p>
                <p>Margarita aber stand noch immer am Eingang des Tunnels. Sie sagte, sie werde die
                    Stelle jetzt nicht verlassen, bis sie Gewißheit habe über das Schicksal ihres
                    Verlobten. Bis zu hinterst in den Tunnel war die Röhrenleitung noch nicht
                    vorgerückt und es war immer noch Hoffnung, die Stickluft werde nicht bis in die
                    hintersten Räume gedrungen sein. Als die Nacht eingebrochen, wurde sie von den
                    in den nächsten Häusern wohnenden Frauen kaum bewogen, ihnen zu folgen und ein
                    Nachtlager unter ihrem Dache anzunehmen. »Was hatte er für ein Nachtlager«,
                    sagte sie, »seit nun neun Nächten? Ich bin doch unterm freien Himmel und in
                    gesunder Luft. Und ist er schon heimgerufen, was könnte mir Erwünschteres
                    begegnen, als auch hinüberzu<pb n="70"/>schlummern?« Sie ließ sich endlich
                    überreden, das Bord des Weges zu verlassen. Sie schlummerte aber auf dem Lager,
                    das ihr freundlich bereitet war, nur kurze Zeit und war schon früh vor Tage
                    wieder am Tunneleingange und erkundigte sich, wie weit die Arbeit in den
                    Nachtstunden vorgerückt sei. Es wurde ihr mitgetheilt: die Röhrenleitung
                    erstrecke sich bereits 1800 Fuß weit hinter dem Schacht; einige Leichen seien
                    gefunden worden; die des Andreas sei nicht unter diesen. Um an das Ende des
                    Tunnels zu kommen, müsse man noch 400 Fuß vorrücken, in diesem entferntesten
                    Raume könnte doch noch frische Luft sein; man habe auch die erste Luftleitung
                    wieder hergestellt. »Ach«, sagte Margarita, »seid ihr den Eingeschlossenen auf
                    400 Fuß nahe gekommen und es wäre noch Eine Seele am Leben, so hätte sich doch
                    dieser Einzige noch geregt, ja wenn immer möglich, mit den letzten Kräften, wäre
                    er euch entgegengekommen. Es ist jetzt Alles aus und ihr werdet einundzwanzig
                    Leichen herausbringen und darunter meinen Andreas. Gott hat ihn anders als wir
                    gewünscht, aus dem Tode erlöset.« »Es könnten«, meinte ein Arbeiter, »denn doch
                    einige noch am Leben sein, aber vor Entkräftung sich eben nicht mehr regen,
                    durch ärztliche Hülfe aber vielleicht wieder hergestellt werden. Denn die
                    zuletzt gefundenen Leichen seien bei weitem nicht so entstellt wie die im
                    vordern Raume gelegenen.« So wurde noch der letzte Funken der Hoffnung in
                    Margarita genährt. Sie hielt mit vielen Andern, welche des Ausgangs der Ihrigen
                    gewiß werden und sie zum Grabe oder wieder ins Leben begleiten wollten, auf dem
                    Borde des in den Tunnel führenden Weges Stunde um Stunde aus. Nachricht kam um
                    Nachricht, es finden sich weiter hinten keine Leichen <pb n="71"/>mehr, es
                    könnte sein, daß sie sich bis an das Ende des Tunnels zurückgezogen und sich
                    dort auf irgend eine Weise gesichert hätten. »Das läßt sich nicht denken«, sagte
                    Margareta, »ist es geschehen, so sind sie auch dort auf ewig entschlafen; denn
                    nun ihr ihnen so nahe gerückt, würden sie irgendwie ein Lebenszeichen
                    geben.«</p>
                <p>So wurde gewartet den ganzen Tag. »Die Leichen sind gewiß alle gefunden«, sagte
                    Margarita, »aber man will es uns verheimlichen, die Unruhe im Volke, das rings
                    herum wartet, nicht vermehren; es haben sich vielleicht Umstände ergeben, welche
                    die ersten Schauerlichkeiten noch übersteigen.« Die vielen umherstehenden
                    Arbeiter, die mit nicht weniger Spannung des endlichen Ausganges warteten und
                    besonders die Angehörigen der letzten einundzwanzig Verschütteten wurden sehr
                    ungehalten; und da man wußte, daß nun alle Leichen aufgefunden seien, wurde
                    verlangt, es sollen alle Aufgefundenen noch aus dem Tunnel herausgebracht
                    werden, ehe es Nacht werde. Die Unruhe wuchs und das Verlangen wurde lauter, da
                    es hieß, man wolle die Aufgefundenen im Tunnel selbst in die Särge legen und
                    noch diese Nacht in aller Stille beerdigen. »Das soll nicht sein«, riefen viele
                    Arbeiter, »unsere Brüder sollen wie die andern einunddreißig am hellen Tage und
                    feierlich begraben werden. Es ist morgen Sonntag und da wird ihnen der ganze
                    Berg das Grabgeleite geben.« Die Angehörigen der Todten sagten: »Um Gottes
                    willen, lasset uns sie noch zum letzten Male sehen.« Umsonst suchte man sie von
                    ihrem Wunsche abzubringen; einige der Leichen seien doch nicht mehr zu erkennen;
                    ihr Anblick sei zu schauerlich; es müsse auch für die Gesundheit der vielen
                    Umstehenden gesorgt werden. »Und ich will meinen Sohn sehen«, rief <pb n="72"/>ein älterer Mann, der neben Margarita gestern und heute am Tunnel gewartet;
                    »wer hat ein Recht, mir seine Leiche vorzuenthalten? soll ich mein Auge von ihm
                    abwenden? er hat das nicht verdient. Wisset ihr, was es heißt, auf solche Weise
                    einen braven Sohn verlieren? ich will ihn sehen?« »Ach machet unser Herzeleid
                    nicht noch großer«, flehte auch Margarita, »bringet sie doch heraus, ehe die
                    Sonne untergeht, daß sie noch einmal, das letzte Mal in der Theuern Angesicht
                    leuchte, ehe sie der Sargesdeckel und das Grab auf ewig mit Nacht bedeckt.
                    Entziehet uns nicht den letzten Trost! wir scheuen und fürchten keinen
                    Todeshauch! Sind sie im Herren entschlafen, o so lasset uns noch in ihren Mienen
                    den Frieden des Gottes sehen, der sie auch in den Todeskämpfen nicht verlassen
                    hat.« Die Beamteten, welche den Auftrag hatten, die Leichen so bald und so still
                    als möglich zu beerdigen, fanden die Bitten so gerecht als menschlich. Sie sahen
                    auch einige der Leichen durchaus unentstellt und so, daß deren Anblick
                    allerdings noch Trost gewähren konnte; und so beschlossen sie, die Bestattung
                    auf den andern Tag zu verschieben und ließen nun die Särge, in welche die Todten
                    schon gelegt waren, zum Tunnel herausbringen.</p>
                <p>Es war ein stiller klarer Samstag Abend; im sanften Abendlicht prangten ringsum
                    die üppig bewaldeten Berghalden und zwischen denselben herein in das Seitenthal
                    und die Schlucht leuchtete das schöne Land und sein strahlendes Gebirg. Aber in
                    alle diese Pracht hinaus schaute jetzt kein einziges Auge; nicht auf das Leben,
                    auf den Tod war jeder Blick gerichtet. Sarg um Sarg wurde auf den Rollwagen
                    sachte aus dem gewölbten hohen Thore herausgebracht, wie aus einer
                    unterirdischen Stadt des Todes. <pb n="73"/>Das milde Abendlicht bestrahlte noch
                    das Thor und den Raum vor demselben. Wie ein Sarg herausgeführt war, wurde der
                    Sargesdeckel abgehoben. Die meisten Todten wurden erkannt und mit Namen genannt.
                    Es wurde den Verwandten nicht verwehrt, näher zu treten. Unter heißen Thränen
                    wurde noch Hand auf Hand gelegt, wurde noch segnend und dankend die Stirne
                    berührt. Einige Leichen, besonders die der jüngern Arbeiter, waren noch
                    unentstellt. Einzelne schienen noch nicht lange entschlafen. Alle hatten die
                    Hände über der Brust gekreuzt oder gefaltet. So war ein großer Theil gefunden
                    worden zu hinterst im Tunnel auf einem Gerüst, einer neben dem andern
                    entschlafen. Schon stand den Weg hinunter die lange Reihe von neunzehn Särgen.
                    Margariten, die nahe am Thore stand, wo die Sargdeckel abgehoben wurden, und die
                    aufs schärfste jede Leiche betrachtete, wurde angst und bang; sie zitterte.
                    Hatte sie nicht recht gesehen? Ist unter den mehr Entstellten und fast
                    unkenntlich Gewordenen ihr Andreas gewesen? ist er unerkannt bereits
                    vorübergeführt? und welcher der vielen Särge birgt ihn nun? Oder ist er gar
                    schon unter den ersten, den schon begrabenen einunddreißig gewesen? Haben sich
                    auch die Arbeiter getäuscht, die versicherten, sie würden seine Leiche unter
                    allen herausfinden? Es kam der zwanzigste Sarg, unwillkürlich ging sie ihm
                    entgegen, er wurde abgedeckt: »O Gott«, schrie sie, »das ist mein Andreas«, und
                    fiel über ihn hin und küßte ihn und benetzte sein durchaus noch frisches, ja
                    blühendes Angesicht mit einer Fluth von Thränen und strich ihm das Haar aus der
                    schönen Stirne und küßte auch sie, und faßte seine über der Brust gefalteten
                    Hände in die ihren und legte ihr Haupt auf seine Brust und sagte: »O du Guter,
                        <pb n="74"/>Treuer, Lieber, Lieber!« und küßte ihn wieder und wieder. Alle
                    weinten mit ihr, auch die Beamten, die nun seit zehn Tagen das Schrecklichste
                    gesehen und erlebt, deren Mitleid von all den Sorgen und Geschäften Tag und
                    Nacht zurück gedrängt war, konnten nun weinen, selber das Auge manches roheren
                    Angesichtes wurde naß. »O welch eine Liebe!« sagten viele; »was für ein schönes
                    Paar sind die gewesen; wie Schade, wie Schade!« Einer der Hülfe leistenden
                    Aerzte mahnte Margarita sanft, sie möchte ihrer Gesundheit schonen. »Ach«, sagte
                    sie, »ist er denn todt? noch ist ja etwas Farbe auf seinen Wangen; noch sind
                    seine Lippen roth; es umgibt ihn kein Leichengeruch. Nein, er ist nicht todt, er
                    kann nicht todt sein.« »Er ist ganz gewiß todt«, sagte der Arzt; »sein Aussehen
                    hat auch uns zuerst getäuscht; wir haben seit Stunden alle möglichen
                    Belebungsversuche mit ihm vorgenommen; umsonst!« »O«, sagte sie, »gebt die
                    Hoffnung noch nicht auf, machet neue Versuche hier in der frischen Luft, hier am
                    Sonnenlicht, versuchts mit Bädern.« »Beruhigt euch«, sagte der Arzt, »es ist
                    Alles geschehen. Das Leben ist entwichen. Die nach ihm folgende einundzwanzigste
                    Leiche hat ein Aussehen noch frischer und blühender; auch an ihr wiederholten
                    wir vergeblich alle Belebungsversuche. Diese beiden letzten und einige andere,
                    welche bei einander lagen, wie wenn sie sich friedlich zur Ruhe gelegt, müssen
                    fast selig entschlafen sein. Tröstet euch dessen.« »Ja das ist noch ein großer
                    Trost«, sagte Margarita, »du bist selig entschlafen, lieber Andreas, du bist im
                    Herren entschlafen. Er war dir nahe mit seinem Trost und Licht und Leben. Und
                    nun lebe wohl, auf ewig wohl und auf Wiedersehn im bessern Leben!« Und so küßte
                    sie ihn nochmals und legte ihr Haupt an das seine. <pb n="75"/>Der Arzt bat sie
                    dringend, sie möchte doch zurücktreten. »Ja«, sagte sie, »es muß geschieden
                    sein«, drückte noch einen Kuß auf seine Lippen, umfaßte noch einmal seine Hände;
                    und sah, wie der Sarg wieder bedeckt wurde.</p>
                <p>Der Amtmann überreichte ihr, was sich bei Andreas gefunden, das Geld, die Uhr,
                    ein neues Testament, es war das, welches sie ihm beim Abschied geschenkt und ein
                    Schreibbüchlein.</p>
                <p>Die Leute, bei welchen Andreas im Dorfe Hauenstein gewohnt, standen auch da, als
                    seine Leiche herausgebracht wurde. Sie wußten, daß er eine Braut habe. Auch sie
                    waren über Andreas trauriges Ende gar betrübt, er war ihnen sehr lieb geworden,
                    nicht minder bezeigten sie der so schwerlich leidenden Margarita herzliche
                    Theilnahme und luden sie ein, mit ihnen in ihre Wohnung zu kommen, sie könne in
                    der Kammer sein, welche Andreas bewohnt habe. »Ich werde Euch noch besuchen«,
                    sagte Margarita. »ich muß Euch noch selber danken für alle Liebe, die Ihr meinem
                    Andreas erwiesen; auch möchte ich freilich seine Kammer noch sehen. Aber diese
                    Nacht bleibe ich bei ihm. Morgen nach dem Leichenbegängnisse komme ich zu
                    Euch.«</p>
                <p>Bis in die Nacht blieb Margarita nahe bei Andreas Sarge. Endlich folgte sie der
                    dringenden Bitte der Leute, unter deren Dach sie die vorige Nacht zugebracht,
                    und begab sich zur Ruhe. Sie fand etwas Schlaf. Als sie aber erwachte, leuchtete
                    der hellste Mondenschein. Sie stand auf. Sie hatte nur wenige Schritte bis zum
                    Wege hinüber, auf welchem die lange Reihe der Leichen stand. Ein Arbeiter hielt
                    Wache. Er kannte sie, er hatte mit ihr geweint. Er erlaubte ihr, näher zu
                    treten. hob selber den Deckel ab von Andreas Sarge. Der Mond schien <pb n="76"/>nun auf das schöne wie im seligsten Frieden schlafende Angesicht. Lange
                    schaute sie ihn an; es war ihr, er müßte leben: »Ja du lebst«, sagte sie, »deine
                    schmerzlosen, ja lächelnden Gesichtszüge, dein sanftes Schlummern sagen: ich
                    lebe und mir ist wohl. Ja der Allgenugsame und Allbarmherzige wird dir reichlich
                    ersetzt haben und ersetzen, was du scheinst hier verloren zu haben. Und ewig,
                    ewig bleibt dir mein Herz, und bin ich auch deiner Liebe gewiß.« Und nun
                    strömten wieder ihre Thränen aber beruhigender; und wieder lehnte sie sich auf
                    sein Haupt und seine Brust und küßte ihn. Niemand störte sie, überall war es
                    stille wie in den einundzwanzig Särgen den Weg hinunter; leise nur bewegte der
                    Nachtwind die Zweige der waldigen Halden und nur die Wasser rauschten das Thal
                    hinunter. Der Mond ging unter über den nahen und hohen Felsen. Der Morgen
                    röthete sich im Gebirg. Sie sah die obersten Gipfel funkeln. Sie schaute durch
                    Thränen dieses noch nie gesehene Schauspiel, die Hand auf den kalten Händen:
                    »dein Beerdigungstag bricht an, mein lieber Andreas, wie herrlich schön und
                    klar! Ja ich soll gewiß sein, daß du aus der Finsterniß ins Licht gehoben
                    bist.«</p>
                <p>Der Wächter trat hinzu und meldete: es kommen Aufseher den Berg hinauf. Es dürfe
                    Niemand bei den Särgen gefunden werden. Er hob den Deckel, den Sarg zu
                    schließen, sie that in denselben den letzten Blick und zog sich in ihre nahe
                    Wohnung zurück.</p>
                <p>Es wurde heller Tag. Es war der siebente Juni, der Trinitatis-Sonntag. Frühe
                    sammelten sich bei den Särgen die Verwandten und fast alle Arbeiter von beiden
                    Seiten des Berges, sammt ihren Frauen und Kindern, alle Bewohner des Dorfes
                    Hauenstein, viele von Ifenthal, von <pb n="77"/>Wiesen, Läufelfingen und ab den
                    Höfen ringsum, auch viele der Gäste, welche auf Frohburg, Kirchzimmern und den
                    andern Sennereien sich aufhielten. Die Väter, Söhne, Brüder und andere nächste
                    Verwandte der Hingeschiedenen trugen schwarze Mäntel. Die Särge wurden auf Wagen
                    geladen und mit weißen Tüchern gedeckt. Der Zug ordnete sich und folgte den
                    langsam geführten Wagen stille den Berg hinunter. Unmittelbar hinter dem Wagen,
                    auf welchem Andreas Sarg lag, folgte Margarita, begleitet von der Engländerin,
                    von welcher sie zuerst war aufgenommen worden, von ihren jetzigen Gastfreunden
                    und den Leuten, bei welchen Andreas gewohnt hatte. Von den Arbeitern wurde allen
                    Leid tragenden und besonders auch Margariten viele Theilnahme erwiesen. Sie
                    hätten auch noch alle Särge bekränzt, wenn sie Zeit gefunden. Doch hing mancher
                    Kranz um dieses und jenes der einundzwanzig Kreuze, welche von Knaben vor den
                    Särgen getragen wurden, denen im Priestergewande der Kaplan, Gebete sprechend,
                    voranschritt, umgeben von Knaben, welche Weihrauchgefässe schwangen. Die Leute,
                    bei welchen Andreas aus- und eingegangen, ließen Blumentöpfe nachtragen, Rosen
                    und Nelken, um damit das Grab Andreas zu schmücken. »Es ist Gottes
                    Barmherzigkeit, daß wir nicht in den Särgen liegen«, dachten besonders die
                    siebenzig Arbeiter, welche dem Feuer und der Verschüttung noch hatten
                    entspringen können. »Es ist Gottes gnädige Rettung, daß unser Vater, Sohn,
                    Bruder noch lebt«, dachten die Angehörigen. Viele waren in sich gekehrt, und
                    folgten die Hände gefaltet und betend den Särgen. Die Reisenden, welche den Berg
                    heraufstiegen, standen still; einer so traurigen Prozession waren sie noch nie
                    begegnet. Sie sahen nicht <pb n="78"/>ohne Rührung die allgemeine Trauer, die
                    vielen Thränen besonders der Wittwen und Waisen. Ganz Trimbach stand an der
                    Straße und schloß sich dem Zuge an; so waren auch die Bewohner Oltens an das
                    große Leichenbegängniß herausgekommen.</p>
                <p>Unten bei der Kapelle in Trimbach, wo sich die Straße östlich gegen Lostorf
                    wendet, lenkte der Zug in den Feldweg dem steinernen Kreuze zu, wo einmal eine
                    Kirche gestanden und wo ein Gottesacker gewesen war. Von diesem Platze hatte dem
                    Andreas geträumt; er hatte dort im Traume Reihen von Gräbern und auf demselben
                    seine Margarita gesehen. Sie gedachte, wie sie auf den Platz trat, des Traumes,
                    den ihr in einem seiner letzten Briefe Andreas erzählt und erkannte die
                    Begräbnißstätte, wie er sie beschrieben. »Es sollte so sein«, dachte sie nun:
                    »er wird auch in seiner finstern Todtenkammer dieses Traumes sich erinnert
                    haben, und wie Gott ihn und mich dadurch an ein so frühes Ende und an seinen
                    unabänderlichen Rathschluß hat erinnern wollen.« Wie sie nun aber neben den
                    frühern neunzehn Grüften die einundzwanzig geöffneten Gräber sah, da ergriff sie
                    neuer Schmerz, sie senkte das Haupt und weinte bitterlich. Die Särge wurden
                    eingesenkt. Die geretteten Arbeiter thaten es und ließen ihre Kameraden und
                    Brüder, die nicht gerettet werden sollten und welche sie aus dem gemeinsamen
                    Grabe herausgeholt hatten, jeden in seine stille Gruft hinunter. Die Verwandten
                    merkten sich, wo der Ihrige hingelegt wurde; so folgte auch Margarita dem Sarge
                    ihres Andreas; er wurde gegen Osten eingesenkt in der letzten Reihe zu äußerst
                    am Rande des Begräbnißplatzes, zunächst am alten steinernen Kreuze. Wie der Sarg
                    auf die Sparren und die Seile gelegt wurde <pb n="79"/>über der Oeffnung des
                    Grabes, knieete sie noch nieder; lehnte das Haupt auf den Sarg und sagte: »Auf
                    Wiedersehen, Liebster, Bester, auf Wiedersehen! so gewiß Gottes Sonne in dein
                    Grab scheint, so gewiß das heilige Kreuz da neben dir steht!« Viele weinten
                    wieder mit ihr. Leise wurde der Sarg niedergelassen, so leise und sachte als
                    möglich mit der schwarzen Erde überschüttet, das weiße Kreuz auf den Hügel
                    gepflanzt. Ein Arbeiter, der den Andreas besonders lieb gewonnen, hängte einen
                    reichen Kranz um das Kreuz; die Blumengefässe wurden links und rechts neben das
                    Grabeskreuz gestellt. Der Kaplan weihete auch dieses Grab. Dann stand er auf den
                    höheren Rand des angrenzenden Ackers, und vor der großen unter dem freien Himmel
                    versammelten Gemeinde sprach er:</p>
                <p>»Mir beugen uns tief in den Staub vor dir, o Allmächtiger. Deine Wege sind
                    Weisheit, auch wo wir sie nicht verstehen und lauter Licht und Segen, auch wo
                    sie für uns nur Finsterniß sind und Jammer und Elend. Du hast Gewalt beides über
                    Leben und über Tod und du führest hinunter zu der Hölle Pforten und führest
                    wieder heraus; deiner Hand kann Niemand entfliehen. Du erhörest Gebet, darum
                    soll alles Fleisch zu dir kommen. Allein du lassest uns auch rufen: Herr, wie
                    lange willst du mein so gar vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor
                    mir? Wie lange soll ich Sorge haben in meiner Seele und Angst in meinem Herzen?
                    Aber im Namen deines Sohnes, dessen Kreuz hier vor uns steht, sollen wir zu dir
                    beten: Dein Wille geschehe! Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von
                    mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Wer hat brünstiger, ja
                    heftiger gebetet als dein Sohn; sein Schweiß fiel auf die Erde <pb n="80"/>wie
                    Blutstropfen, dennoch nahmst du den Kelch nicht von ihm. Dein Wille geschah. Ach
                    alle, welche wir hier begraben, mehr als ein halbes hundert Hausväter, Söhne.
                    Brüder, sie haben in tiefster Noth gewiß im Gebet gerungen, unter heißen Thränen
                    gefleht. Doch dein Wille geschah. Alle die Ihrigen, die Eltern und Kinder und
                    Freunde und Mütter und Bräute, sie haben um Errettung der Verschütteten zu dir
                    geschrieen unablässig Tag und Nacht. Doch dein Wille geschah. Wir alle haben um
                    sie zu dir gefleht; in allen Kirchen nah und fern ist das Volk vor dir auf den
                    Knieen gelegen und hat zu dir gerufen: erlöse sie aus diesen schrecklichen
                    Tiefen, Finsternissen, Todesqualen; früh und spät lagen Flehende vor deinen
                    Altären; bei deiner unendlichen Barmherzigkeit riefen wir dich an; um deines
                    ewigen Erbarmens Willen in Jesu Christo schrieen wir, sei ihnen, sei uns gnädig!
                    Doch dein Wille geschah. Ja viele wagten in der Liebe dessen, der für uns am
                    Kreuz gestorben, sich in Todesgefahren, um Brüder zu retten; so viele flehten
                    wieder für die, welche retten wollten: Herr, laß es ihnen gelingen. Du ließest
                    viele auch dieser, die sich opferten, den Tod finden. Dein Wille geschah. Sie
                    sind nicht verloren, alle die nach deinem Rathschlusse im Dienst der Liebe sich
                    hingaben, alle die ihre Seelen deinen Händen empfohlen; wer könnte sie aus ihres
                    Heilands Händen reißen? Aber dein Wille geschah. Denn du regierest, o Herr. Du
                    schauest die Erde an, so bebet sie; du rührest die Berge an, so rauchen sie. Du
                    sprichst: Berathet einen Rath und es werde nichts daraus, redet ein Wort und es
                    bestehe nicht. Du machst zu nichte die Gedanken der Listigen, daß ihre Hände
                    nichts Beständiges ausführen können. Wenn du nicht bauest, so <pb n="81"/>arbeiten die umsonst, die am Werk bauen. So vieles unternimmt der Uebermuth
                    ohne dich; aber du sprichst: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen
                    verlässet und hält Fleisch für seinen Arm und mit seinem Herzen vom Herrn
                    weiset. Ja deine Rechte, o Höchster, kann Alles ändern; deine Rechte behält den
                    Sieg. Die größten Werke der Menschen, was sind sie vor den deinen; du winkst, so
                    sind sie nicht mehr und sind zu Staub verweht. Die Bahn, welche durch dieses
                    Gebirg führen wird, geht nun durch das schauerlichste Grab und die fernsten
                    Geschlechter sollen hier immer wieder erinnert werden an ihre Ohnmacht und an
                    deine Allmacht. Dir allein, Herr, gebührt die Majestät und Gewalt und
                    Herrlichkeit. Du regierest für und für; wir aber vergehen. Du richtest der Welt
                    Enden. Ueber alle Welt gehen deine Gerichte. Warum du gerade diese Brüder, deren
                    irdische Hülle wir hier bestatten, sterben und so sterben ließest, das wissen
                    wir nicht. Aber das wissen wir, du willst auch uns demüthigen. Du könntest auch
                    uns durch ähnliche Trübsal aus dem Leben gehen lassen. Besseres haben wir nicht
                    verdient. Deine Güte will uns zur Buße leiten. Du erschütterst uns tief und
                    durch und durch, daß wir aus der Sicherheit aufgeschreckt wachen und beten. Wir
                    haben auch in deinen so dunkeln Führungen keinen andern Trost, als den uns dein
                    Sohn gegeben hat. Sein Kreuz steht da. Es steht schon Jahrhunderte hier in
                    diesem Aehrenfeld. Es wird da stehen, wenn die alten und neuen Bauten alle
                    zerfallen sind. Es wird stehen über der neuen Erde. Es sieht mit seinem
                    unendlichen Troste als das Siegeszeichen der Auferstehung auf diese Gräber her,
                    als der sichere und einzige Wegweiser durch die dunkeln, unterirdischen Gänge
                    und Verschüttungen <pb n="82"/>und Verpestungen unserer Zeitlichkeit in die
                    wahre Lebenslust hinaus und in das Licht der Ewigkeit. Und so bitten wir dich,
                    allmächtiger Gott, stärke du uns, daß wir hier und überall im Leben und Sterben
                    sagen: Dein Wille geschehe! Dein Wille ist gerecht und gut! Gib ihnen und uns
                    die Ruhe der Ewigkeit! Ihnen und uns laß leuchten das ewige Licht. Amen!«</p>
                <p>Nach dieser Grabrede verlas der Geistliche noch ein Schreiben der
                    Bau-Unternehmer, in welchem sie allen Hülfeleistenden dankten, den
                    Hinterlassenen Unterstützung nach Kräften versprachen, um so mehr da der Verlust
                    eines Gatten, Sohnes, Vaters, Bruders durch Nichts ersetzt werden könne.</p>
                <p>Im Kreise des Leichenbegleites wurden dann schon an den Gräbern Gaben gesammelt
                    zunächst für die verlassenen Wittwen, für brodlose Waisen. Mancher Arbeiter und
                    Tagelöhner steuerte eine nach seinen dürftigen Verhältnissen große Summe.</p>
                <p>Eine reiche Familie, welche auf der Frohburg weilte, bot auch Margariten mit
                    herzlicher Theilnahme eine Unterstützung. Sie dankte für die Tröstung: »Gott
                    richtet mich auch durch Sie auf«, sagte sie, »doppelt erquickend ist mir so
                    menschenfreundliches Mitleiden, da ich in der Fremde bin und in so schmerzlichen
                    Leiden. Unterstützung hat mein Herz wohl nöthig und Gott läßt mir sie auch durch
                    Sie werden. Für mein äußeres Fortkommen hat er schon gesorgt. Geben Sie die
                    Gabe, welche Ihre Güte mir bestimmte, den wirklich Bedürftigen.« Und sie nannte
                    ihnen die Wittwe, welche, als sie ihren Gatten unter den Todten erblickte, mit
                    ihren sechs Kindern zum Gebet niedergesunken war.</p>
                <pb n="83"/>
                <p>Margarita stieg dann allein auf einem einsamen Pfade den Berg hinan, schaute oft
                    zum steinernen Kreuz hinunter und kam in Andreas Kammer. Hier war noch alles, so
                    wie er es morgens am achtundzwanzigsten Mai verlassen hatte. Da hing noch sein
                    Gewand, in welchem sie ihn auf der Hinreise zum letzten Mal gesehen; da war sein
                    Tisch, aus welchem er ihr geschrieben, vor dem Fensterchen blühten einige
                    Blumen, zwischen denen hindurch er ins Gebirg hinüber gesehen; auf dem Tische
                    stand ein Glas, darin hatte er ein Paar seltene Bergblumen gestellt, sie waren
                    nun gewelkt; da lag auch noch sein Tagebuch bis zum siebenundzwanzigsten Mai
                    fortgesetzt; ein Verzeichniß der von ihm geleiteten Arbeiten, der von ihm
                    beaufsichtigten Arbeiter, ihrer Arbeitstunden und Taglöhne. Das Alles war ihr
                    wieder unendlich schmerzlich; sie lehnte das Haupt auf den Tisch und weinte
                    lange.</p>
                <p>Die Hausleute störten sie nicht; sie hatte gebeten, man möchte sie den Nachmittag
                    allein lassen.</p>
                <p>Jetzt erst dachte sie, daß ihr am Sarge das Geld, das sich bei Andreas gefunden,
                    sei übergeben worden und seine Uhr, sein Neues Testament und ein
                    Schreibbüchlein. Sie legte das alles auf den Tisch. Das Testament schien viel
                    gelesen. Sie öffnete das Schreibbüchlein, es enthielt meist Rechnungen,
                    Bemerkungen über seine Arbeiter und deren Verrichtungen. Sie blätterte weiter;
                    da hieß es: Am achtundzwanzigsten Mai, Donnerstag Morgens um zehn Uhr ging ich
                    in den Tunnel zur Arbeit in der Abtheilung 18 mit folgenden Arbeitern. Ihre
                    Namen waren aufgezeichnet. Aber nun war mit Bleistift weiter geschrieben; sie
                    sahs mit Schrecken und Zittern; und wendete die folgenden Blätter und siehe: sie
                    hat von ihrem Andreas noch <pb n="84"/>ein Tagebuch in Händen, seine letzten
                    Buchstaben, seine Sterbensgeschichte - vom achtundzwanzigsten Mai noch acht Tage
                    weiter: »Gott im Himmel«, rief sie, »so nahe war die Rettung!« Sie mußte sich
                    fassen, um nun lesen zu können. Und sie las:</p>
                <p>» Donnerstag Nachts. Ob, was ich schreibe, noch ein Sterblicher lesen, ob es mit
                    mir auf ewig begraben sein wird, weiß ich nicht. Erlöst uns Gott, so bleiben mir
                    diese Blätter, die ich gleichsam in meinem Grabe schreibe, heilige
                    Gedenkblätter. Werden sie bei mir gefunden, wenn ich schon ausgeathmet habe, und
                    noch ans Tageslicht gebogen werde, so liesest du sie vielleicht, liebe
                    Margarita, und sie sagen dir, daß ich deiner bis zu meinem letzten Odemzuge
                    gedacht.</p>
                <p>Wir sind in einer schrecklichen Lage. Was ich befürchtet, geschah. Ich sprang,
                    was ich mochte, noch in den hintersten Tunnel und rief zur schnellsten Flucht.
                    Viele wollten nicht glauben. Ich selber stürzte fort, ich hätte noch entfliehen
                    können, aber ich glitschte auf dem nassen Wege aus, und vor mir prasselten die
                    rauchenden Balken mit dem Schutte des Schachtes in den Tunnel herab. »Zu spät!
                    zu spät!« schrieen, seufzten, die mit mir enteilen wollten. Einige stießen
                    Verwünschungen aus über solche Unternehmungen. Andere fluchten, daß man sie
                    nicht frühe genug gewarnt und hinausgerufen. Es waren gerade die, welche mir
                    nicht hatten glauben wollen. Die meisten waren todtenblaß und stumm und starr
                    vor Schrecken. Der Rauch zwang uns, in den Tunnel uns zurückzuziehen.</p>
                <p>Ein Engländer zuerst sprach uns Muth ein: »Ich bin schon neun Tage verschüttet
                    gewesen; wir fristeten unser Leben mit Wasser und mit dem Talg unserer Kerzen.
                    Im <pb n="85"/>schlimmsten Fall haben wir für längere Zeit Nahrung. Pferde sind
                    mit uns eingeschlossen. An Thee, Rum, Oel und Kerzen ist ein Vorrath vorhanden.
                    Aber jetzt gilts in Ruhe und Ordnung die Arbeiten von außen abzuwarten. Gewiß
                    sind die schon am Werk. Hunderte können und werden uns helfen, deß dürfet ihr
                    gewiß sein. Sie werden rastlos arbeiten und es ist möglich, daß wir schon Morgen
                    wieder befreit sind. Aber Ihr müßt Euch freiwillig einer Ordnung fügen, die wir
                    jetzt verabreden wollen, damit nicht, was die einen etwa versuchen, den andern
                    und allen verderblich werde.«</p>
                <p>Viele sagten: das wollen wir. Andere waren wie taub, andere wie sinnlos. »Wir
                    müssen hinaus!« riefen sie, und ergriffen das Werkzeug, den Schutt zu
                    durchgraben »Thut das nicht!« sagte ich, »Ihr kommt im Rauch um oder im
                    Kohlendampf. Lasset beides durch den offenen Schacht sich verlieren!« Es half
                    nichts; etwa zehn oder zwölf eilten vorwärts und fingen an zu graben. Sie sind
                    an ihrer Arbeit erstickt und liegen in den Löchern des Schuttes, die sie
                    gegraben. Einige hatten das Rohr der Luftleitung zerbrochen und hofften aus
                    demselben gesundere Luft zu erhalten. Umsonst. Wir aber holten die sieben Pferde
                    und haben sie zu hinterst in den Tunnel gebracht. Der Rauch hat sich etwas
                    gemindert. Das Wasser aber am Schutte schwillt an. Allein wir hören außerhalb
                    graben und so wird dem Wasser bald wieder Abfluß werden.</p>
                <p>Der Bach, der lauteres Trinkwasser ist, kann uns dann noch retten helfen.
                    Einzelne haben auch noch etwas Brot bei sich.</p>
                <p>Wir haben uns in Rotten getheilt, die einen wachen, während die andern schlafen,
                    die einen lauschen auf Alles, <pb n="86"/>was sich von außen hören läßt, die
                    andern besorgen die, welche sich übel befinden, denn einige sind vom Schrecken
                    auch vom Rauch und der schwülen Luft angegriffen.</p>
                <p>Ich halte gerade Wache und sitze etwas hinter dem Rauche mit einigen andern auf
                    einem Schubkarren. Wir hören draußen graben. Der Rauch mindert sich, er scheint
                    durch den Schacht aufsteigen zu können.</p>
                <p>Die mit mir Wachenden bitten mich, ihnen aus der Bibel vorzulesen; ich thue
                    es.</p>
                <p>Freitag, den 29. Mai Abends.</p>
                <p>Wie ich gestern noch die Wache hatte, hörten wir Wasser in den Schacht stürzen.
                    Rauch und Dunst mehrte sich wieder. Ich weckte den Engländer. Er erschrack. Er
                    war meiner Meinung, sie sollten im Schacht dem Feuer, Rauch und Dunst freien
                    Abzug lassen; dieses heruntergeschüttete Wasser könnte uns verderblich sein. Wir
                    waren froh, daß von dem sich schwellenden Tunnel-Bache die Massen Steinkohlen
                    neben der Schmiede umgeben und vom Feuer abgeschlossen wurden. Wir stellten uns,
                    so viele noch unser waren, an den Schutt und riefen: »Nicht Wasser! löschet
                    nicht! öffnet! öffnet!« Allein sie scheinen uns weder draußen noch droben gehört
                    zu haben. Denn von oben wurde heute noch den ganzen Morgen Wasser
                    heruntergestürzt.</p>
                <p>Das Graben draußen hat aufgehört. Einige der Unsern werden angsthafter. Andere
                    waren nicht mehr zu halten, sie versuchten neuerdings, durch den Schutt zu
                    brechen. Der Engländer wollte sie mit Gewalt hindern, er ist aber in der Nähe
                    des Schuttes mitsammt den übrigen erstickt.</p>
                <p>Ich schlug vor, eine Quer-Wand in der ganzen Breite und Höhe des Gewölbes
                    aufzuführen. Wir hätten Laden und Balken genug. Wir könnten uns gegen Rauch und
                        <pb n="87"/>Dunst und Stickluft abschließen. Die Mehrheit stimmt nur nicht
                    bei. Sie ist muth- und kraftlos; die meisten sind außerordentlich schläfrig;
                    auch ich lege mich auf ein Brett hin, vielleicht zum ewigen Schlaf. Wie Gott
                    will!</p>
                <p>Samstag, Abends den 30. Mai.</p>
                <p>Der Schlaf hatte uns die vorige Nacht etwas erquickt. Ich und einige andere wir
                    wären noch im Stande zu arbeiten. Aber ohnmächtig lassen wir die Hände sinken.
                    Ach spürten doch diese gänzliche Ohnmacht so viele, die da meinen, Gott selber
                    und seine unendliche Kraft und seinen Willen überwinden zu können, mit dem er
                    die Welt regiert. Wir sind in seiner Hand; dieß ist unser einzige Trost. Es ist
                    wohl der letzte Samstag, den wir hienieden leben. Und wenn wir auch wieder ans
                    Tageslicht gebracht werden, so ist ihm unser Auge auf ewig geschlossen. Aber du,
                    o Gott, wirst den Morgenstern aufgehen lassen unsern Seelen.</p>
                <p>Jetzt brauche ich meine Kameraden im Grabe nicht mehr aufzufordern zum Gebet und
                    zum Bibellesen. Sie sagen selber: Andreas, bete mit uns, lies uns vor aus Gottes
                    Wort. Ich las ihnen heute die Geschichte vom verlornen Sohn, das fünfzehnte
                    Kapitel des ersten Briefes an die Korinther und etliche Psalmen, den
                    zweiundvierzigsten und die andern ähnlichen Inhalts.</p>
                <p>Wir hörten heute draußen nicht mehr arbeiten. Hat man uns aufgegeben? Einigen war
                    es, sie hörten das Geräusch von Feuerspritzen. Müßte also wieder neuerdings
                    Feuer ausgebrochen sein?</p>
                <p>Einige wurden heute zum Sterben schwach. Auch ihnen können wir nicht helfen. Wir
                    haben noch etwas Rum. Wir sparen ihn für die schwächer Werdenden, allein es <pb n="88"/>erfacht ihnen die erlöschende Lebensflamme nur noch für
                    Augenblicke.</p>
                <p>Seit wir nicht mehr graben hören, liegen die Meisten muthlos hin und wünschen
                    sich den Tod.</p>
                <p>Nur der Hunger nöthigt sie noch, sich zu regen. Brot haben wir keines mehr. Wir
                    werden endlich eines der Pferde schlachten müssen, ehe diese alle auch
                    verhungern. Einige haben die Taschen der Entschlafenen durchsucht, ob sie nicht
                    Brot oder andere Nahrung finden. Wir riethen ab; sie aßen dennoch, was sie
                    gefunden.</p>
                <p>Wie danke ich Gott, daß ich mitten in den Schrecknissen des Grabes und des Todes
                    sein Wort des Lebens für mich und die andern bei mir habe, in der Jugend auch
                    eine Menge unserer Kirchenlieder auswendig lernen mußte. Sie sind mir jetzt alle
                    gegenwärtig. Alle Tage bete ich sie selber und bete ich sie den Todesgefährten
                    vor: So mangelt uns doch nicht die geistliche Speise. Ein wahrer Balsam sind nun
                    mir, und jetzt kann ich sagen, allen andern die Lieder: Was Gott thut, das ist
                    wohlgethan, oder: Warum sollt' ich mich dann grämen, oder: Nicht so traurig,
                    nicht so sehr, oder die Sterbenslieder: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende; Wachet
                    auf! ruft uns die Stimme.</p>
                <p>Und so lege ich mich in Gottes Namen auch wieder nieder und sage:</p>
                <p><l>Fahr hin! die andere Sonne,</l>
                    <l>Mein Jesus, meine Wonne</l>
                    <l>Gar hell in meinem Herzen scheint.</l></p>
                <p>Pfingst-Sonntag, den 31. Mai.</p>
                <p>Es sind in dieser Nacht vom Samstag auf den Sonntag wieder etliche entschlafen.
                    Sie wünschten, ich möchte <pb n="89"/>noch mit ihnen beten. Unsere Lieder sind
                    ein lebendiges Gebetbuch. Einige der im Ende liegenden waren noch von schweren
                    Gewissensqualen gepeinigt. Die Sterbenden erleichterten ihr Herz durch
                    Bekenntnisse gegen mich. Ich tröstete sie mit dem Evangelium: im Himmel ist
                    Freude über einen Sünder, der Buße thut, und: heute wirst du bei mir im
                    Paradiese sein.</p>
                <p>So helfen die Sterbenden den Sterbenden; wirklich heißt es von uns:</p>
                <p><l>Mitten wir im Leben sind</l>
                    <l>Mit dem Tod umfangen.</l></p>
                <p>Die Schwankenden drücken den Hingesunkenen noch das Auge zu. Wir müssen sie
                    liegen lassen wo sie im Tunnel sich selbst hingelegt. Wir sind zu schwach,
                    Gräber zu graben. Wir sind ja alle in Einem Grab. Werden wir aufgefunden, so
                    werden wir dann neben einander gelegt werden, Gruft an Gruft.</p>
                <p>Wie wir heute beisammen saßen, sagte mehr als einer: Es ist Sonntag. »Ja«, sagte
                    ich, »heiliger Pfingst-Sonntag. Wenn Gott wollte, er könnte auch über uns einen
                    Sturm daher brausen lassen, er könnte durch ein Erdbeben unsern Kerker öffnen,
                    wie er ihn dort den Aposteln geöffnet hat. Aber auch hieher kann er uns seinen
                    heiligen Geist senden: daß wir sagen: leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben
                    wir, so sterben wir dem Herrn; darum wir leben oder sterben, so sind wir des
                    Herrn. Tausende könnten heute unter der herrlichen Pfingstsonne Pfingstenfeiern
                    und thun es doch nicht. Nicht wahr, meine Brüder, wenn uns Gott wieder ins Leben
                    hinausführen würde, wir wollten diesen Pfingsttag ewig nie vergessen und ihn
                    unser Leben <pb n="90"/>lang feiern mit Lob und Dank. Aber auch hier wollen wir
                    ihn feiern. Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten.« Ich betete dieses
                    herrliche Lied. Wenn wir im Gebirge Schätze von Edelsteinen finden, was wären
                    sie alle gegen dieses Eine Lied? Ich las ihnen dann die Pfingstgeschichte vor
                    und aus dem zweiten Brief an die Korinther das fünfte, sechste und das zwölfte
                    Kapitel und einiges aus den Abschiedsreden des Herrn, auch die Einsetzung des
                    heiligen Abendmahls. »Ach könnten wir's genießen!« sagten einige. »Wo zwei oder
                    drei in meinem Namen versammelt sind«, antwortete ich, »da bin ich mitten unter
                    ihnen, tröstet der Herr; und ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
                    Und wie er hingegangen ist und hat gepredigt den Geistern im Gefängniß, so ist
                    er auch bei uns in den Finsternissen des Todes und richtet unsere Füße auf den
                    Weg des Friedens.«</p>
                <p>Wir knieeten wieder hin wie schon oft und beteten unter heißen Thränen. Und Gott
                    stärkt uns wieder und rettet unsere armen Seelen vor Verzweiflung.</p>
                <p>Pfingst-Montag, den 1. Juni.</p>
                <p>Wir hören seit gestern vorn im Tunnel wieder arbeiten, ebenso das Summen eines
                    Ventilators. Auch in unserem Raume wird die Lust verdorbener. Es wagt sich
                    keiner mehr vorwärts zu den Leichen. Diejenigen, welche sich nicht warnen ließen
                    und wieder dorthin vordringen wollten, kehrten nicht mehr zurück. Dort fänden
                    wir einen schnellen Tod. Allein wir wollen ausharren, so lange es Gottes Willen
                    ist.</p>
                <p>Heute ist Pfingst-Montag: An diesem Tage hoffte ich mit dir, o du liebe
                    Margarita, wieder heimzukehren. Ach bist du hergekommen, so stehst du an meinem
                    Grabe. <pb n="91"/>Du würdest hereindringen und uns retten, wenn du könntest.
                    Doch du betest auch mit uns, das weiß ich; ja ich fühl' es. O du liebe Seele;
                    Gott erleichtere auch dir deine Schmerzen!</p>
                <p>Es vermehrt unsern Jammer, wenn hier die Hausväter seufzen und klagen um ihre
                    Frauen und Kinder, die Söhne um ihre hülflosen Eltern; und ich bin nicht der
                    einzige, der meint, um seiner theuren Braut willen sollte ihm geholfen werden.
                    Dann knieen wir wieder hin und beten für die Unsrigen, daß euch Gott tröste, daß
                    er die Wittwen und Waisen und Verlobten nicht verlasse.</p>
                <p>Dienstag, den 2. Juni.</p>
                <p>Es ist schon der sechste Tag unserer Verschüttung. Wir ziehen unsere Uhren
                    sorgfältig auf und zählen die Stunden. Ach sie werden lang und immer länger. Wir
                    danken Gott, je mehr Stunden wir ununterbrochen schlafen können. So drückt uns
                    dann doch nicht unser Elend. Und Gott stärkt uns wieder durch den Schlaf. Ja ich
                    träumte sogar von Erlösung. Ich stand mit dir, Margarita, auf den grünen Höhen
                    des Berges, in dessen Tiefen wir begraben sind. Wir schauten Hand in Hand in all
                    die Schönheiten des Landes. O wenn uns Gott dieses Glück noch schenkte! Wie
                    würden wir hinknieen und ihm danken! Aber wie Gott will! Im Himmel wird es noch
                    schöner sein und dort werden wir auch miteinander anbeten und lobpreisen. Dort
                    wird kein Tod mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen.</p>
                <p>Dieses las ich heute vor aus der Offenbarung. Wir sind wohl dem ewigen Lichte
                    näher als dem Tagesschein, dem wahren Vaterland näher als der irdischen
                    Heimat.</p>
                <p>Mehrere sind diese Nacht und diesen Morgen wieder <pb n="92"/>entschlafen. Es
                    werden, wenn auch der Schutt heute oder morgen durchbrochen wird, nur noch
                    wenige gerettet.</p>
                <p>Doch hören wir noch nicht graben. Sie müssen draußen Schwierigkeiten auf
                    Schwierigkeiten gefunden haben.</p>
                <p>Mittwoch, den 3. Juni.</p>
                <p>Wir hörten die ganze Nacht wieder am Schutte graben. Auch war uns, es tönte
                    draußen vor dem Schutte ein dumpfes Rufen. Einige meinten, das Blasen von
                    Signalhörnern vernommen zu haben. Wir wären jedenfalls zu schwach, um zu
                    antworten. Vorwärts wagen wir uns nicht mehr. - Jetzt ist's wieder still
                    geworden. Man kann, scheint es, nicht vordringen. Wir sind aufgegeben. So haben
                    wir denn unsere Seelen in die Hände Gottes empfohlen und um Verzeihung aller
                    unserer Sünden gebeten, und um ein schnelles und seliges Ende ihn angefleht. Wir
                    verzeihen auch allen, die uns je beleidigt und gekränkt und bitten: verzeihet
                    auch uns, vergesset, was wir gefehlt. Betet für uns!</p>
                <p>Am Abend. Wir hören wieder arbeiten. Aber wir sterben, ehe sie durchdringen. Die
                    Luft wird immer schwüler. Es dringt Stickluft gegen uns. Auch nimmt der Hunger
                    überhand. Wir haben ein Roß geschlachtet. Wir könnten so unser Leben noch länger
                    fristen. Aber die Hitze nimmt zu, das Athmen wird schwerer. Ach wie qualvoll!
                    bei gesundem Leibe nicht frisch athmen zu können. Wir ziehen uns aus, wir lehnen
                    den Kopf über den Bach; es dünkt uns, wir athmen etwas leichter. Aber die vielen
                    Leichen um uns her vermehren den schrecklichen Dunst. Wir athmen unter
                    Verwesenden. Ach Herr, wie so lange!</p>
                <p>Donnerstag, den 4. Juni.</p>
                <p>Viele sind diese Nacht entschlafen, auch jene wenigen unter uns, welche die
                    tiefste Noth nicht zum Beten ge<pb n="93"/>bracht. Sie blieben verstockt bis ans
                    Ende. Sie spotteten unser, verwünschten das Schicksal, den Zufall und die blinde
                    Natur.</p>
                <p>Wir sind alle auf das Gewölbegerüst gestiegen. Die Luft unten wird immer
                    verdorbener. Wie wir das Pferdefleisch braten wollten, brannte das Feuer nicht
                    mehr, auch unsere Kerzen erloschen. Wir haben auf das Gerüste hinauf den
                    Wasserkrug, Oel und einige Lampen genommen und sie aufgehängt. Sie brennen nur
                    schwach; es sind die Lichter in unserer eigenen Gruft.</p>
                <p>Donnerstag Nachts. Ich bin aus Bangigkeiten erwacht. Meine Kameraden schlafen;
                    einige wenige neben mir athmen noch schwach. Ich höre die Arbeit näher kommen.
                    Ich wage mich nicht von der Stelle. Das hinuntersteigen ist mein gewisser Tod.
                    Herr, wie du willst! Ich übergebe mich dir ganz und gar! Tröste meine Margarita
                    Theure Seele</p>

                <p>So weit ging das Tagebuch. »Allmächtiger«, sagte Margarita, »so nahe war die
                    Rettung. Aber es war dein heiliger Wille, o Gott; er sollte schon jetzt dahin
                    kommen, wohin wir alle berufen sind. Und du ließest ihn selig entschweben aus
                    den Tiefen der Verwesung. - Dich erquickt nun die reinste Himmelsluft. Und ich
                    bin bei dir und bleibe dein.« So senkte sie den Kopf auf das Büchlein und weinte
                    lange. Da Margarita länger allein geblieben, öffnete die Hausfrau leise die
                    Kammerthüre, nachzusehen, ob der Trauernden etwas zugestoßen. Margarita sagte:
                    »sehet den Abschied und das Vermächtniß meines Andreas. Gott tröstet mich damit
                    des Besten. Ich weiß, daß mein Freund als ein Christ und im Frieden des Herrn
                    heimgegangen ist.«</p>
                <pb n="94"/>
                <p>Am folgenden Tage wurde Margarita von der Hausmutter jener reichen Familie
                    besucht, welche einen Sommeraufenthalt auf der nahen Frohburg machte. Sie bot
                    ihr nochmals ihre Hülfe an. »Ich will mich«, sagte Margarita, »fürderhin ganz
                    der Führung Gottes überlassen. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Eins aber bitte
                    ich für jetzt, Sie auf die Frohburg begleiten zu dürfen, um von dort auf meines
                    Andreas Grab hinunter zu sehen. Er hatte sich gefreut, wie wir miteinander von
                    diesen grünen Höhen in die schöne Welt da hinaus blicken werden und jetzt will
                    ich von dort zu ihm hinübersehen in die bessere Welt.«</p>
                <p>So stieg sie dann auf die Frohburg hinauf und von einer nach Trimbach hinunter
                    sehenden Höhe, schaute sie lange nach dem steinernen Kreuze zunächst dem Grabe
                    ihres Andreas.</p>
                <p>Sie erfuhr die wenige Zeit, die sie noch auf Hauenstein blieb, viel Theilnahme.
                    Selber der Bauer der Sommerau war von ihrem und des Andreas Schicksal so
                    gerührt, daß er ihr schrieb und eine nicht geringe Gabe schickte, welche sie
                    hinwieder jener Wittwe schenkte.</p>
                <p>Auf eigenen Antrieb und unter Vermittlung jener reichen Frau trat sie dann in
                    eine Diakonissen-Anstalt.</p>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>