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                <title>Altfränkische Leut. Eine zahme Geschichte aus bewegten Tagen: ELTeC
                    Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:34947689 wikidata:Q96321986">Hetzel, Elisabeth
                    (1835-1908)</author>
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                <p><date>2022-03-08</date></p>
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                        <name>UB Basel</name>
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                        <resp>Scan</resp>
                        <name>UB Basel</name>
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                <bibl type="firstEdition">
                    <title>Altfränkische Leut. Eine zahme Geschichte aus bewegten Tagen</title>
                    <author>Hetzel, Elisabeth</author>
                    <publisher>Buchdruckerei J. Schaub-Buser</publisher>
                    <pubPlace>Sissach</pubPlace>
                    <date>1911</date>
                    <!-- this title has been retrodigitised as part of the project “High Mountains Low Arousal? Distant Reading Topographies of Sentiment in German Swiss Novels in the early 20th Century”  -->
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            <p>The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the
                1911 edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan
                from UB Basel, which is based on the 1911 edition.</p>
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        <body>
            <div type="chapter">
                <p>Das Baselbieterdorf, in welchem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die
                    Personen dieser kleinen Erzählung mitspielen, war schon von altersher eine
                    blühende, wohlhabende Ortschaft, dessen Einwohner nebst Landbau und
                    verschiedenen Gewerben die Bandweberei für die Basler Fabrikanten betrieben;
                    dadurch ergab sich ein lebhafter Verkehr mit der Hauptstadt. Markus Lutz
                    berichtet: „Dieser Ort hat eine angenehme Gegend und gute Wirtshänser.“Beide
                    Eigenschaften mögen zusammengewirkt haben, ihn zum beliebten Ausflugspunkte zu
                    machen.</p>
                <p>Rosenthal, so nennen wir das ansehnliche Dorf, hatte eine schöne
                    lindenbeschattete Kirche, zu deren Füßen sich hochgegiebelte Häuser dicht
                    aneinander drängten; weiterhin breitete es sich mit stattlichen Gebäuden und
                    kleinen Güärten dabei in der Talmulde aus. Im Brachmonat, wenn die Rosen
                    blühten, war trotz der landwirtschaftlichen Gerüche überall ein Duften von Haus
                    zu Haus von den gewöhnlichen Buschrosen, welche auch strengen Winter über
                    dauerten;aber jede Hausfrau pflegte in ihrem Blumengärtchen auch die damals
                    berühmteste, die Centifolie. Ringsum lagen <pb n="2"/> die Gemüsegärten; die
                    Hügel hinan wuchs Getreide; auf den ansteigenden Wiesen standen Obstbäume, und
                    an günstig gelegenen Abhängen wuchsen Reben. In der Dorfstraße war es ordentlich
                    und ruhig, doch aus allen Häusern tönte das Schwirren der Posamentstühle; die
                    sehr verbreitete Bandweberei trug zum Wohlstande der Gemeinde bei.</p>
                <p>„Hier war gut Hütten bauen“, hatte wohl mancher Städter in vergangenen Tagen
                    gedacht; denn in der Umgebung und auf einigen Hügeln rings standen freundliche
                    altmodische Landhäuser. Zur Winterszeit geschlossen, sahen sie während der
                    schönen Jahreszeit nicht nur die Besitzer,sondern auch viele Gäste ein- und
                    ausgehen. Auch in anderen Jahreszeiten lag Rosenthal nicht einsam; schon die
                    Botenfahrten brachten Leben ins Dorf; dann erschien der Char à banoe oder ein
                    sonstiges Gefährt des Stuhloder Bändelireiters, wie man die Aufsichtsdiener der
                    Bandfabrikanten hieß, welche die in ihren Häusern arbeitenden Posamenter oder
                    Bandweber zu inspizieren hatten.</p>
                <p>Lag der Schnee fest, kamen an sonnigen Wintertagen die Schlitten der Basler
                    Herrschaften gefahren, bisweilen ein ganzer Zug mit Vorreitern; dann sprangen
                    die Kinder auf die Straße; die Weber verließen ihre Posamentstühle,um die in
                    kostbare Pelze gehüllte Gesellschaft in den eleganten Schlitten, die
                    prachtvollen Pferde, je zu vieren,mit den Silberglöckchen und farbigen Rosetten
                    und Quasten zu bewundern; dann stieg aus den Schornsteinen der größern
                    Gasthäuser, Ochs und Bär, der Rauch ununterbrochen in die klare Winterluft.</p>
                <p>Im Sommer war natürlich der Verkehr viel größer;verging selten ein schöner Tag
                    ohne einige Basler da <pb n="3"/> Kutschen, und Sonntags kamen alle Arten
                    Gefährte, von der hochrädrigen Chaise an bis zum einfachsten Ryt- oder
                    Sprengwägeli (damals sagte man im Baselbiet „ryte“ für fahren). Aber nicht
                    weniger kamen auf Schusters Rappen;was gab es den Leuten damals zu tun, vier
                    Stunden hin und vier Stunden her zu gehen und daneben womöglich noch einen
                    Abstecher zu machen nach links oder rechts!</p>
                <p>Auf einem der nächsten Hügel stand das uralte Herrenhaus „zum Mattenhof“. Das
                    Erdgeschoß war mit Pfeilern festgemauert, darüber erhob sich ein schwerer
                    Holzbau mit Giebel, auf welchem ein weit vorladendes Schindeldach ruhte. Die
                    obern Fenster hatten bleigefaßte, halbblinde runde Scheibchen, sie waren niedrig
                    und breit, und die Altane, die sich am Gibel hinzog, machte sie noch
                    düsterer.Tiefgebräunt sah das Holzwerk aus; aber bei Schlagregen bekam es alle
                    Farben, rot, gelb und violettgrau; das reparierte Schindeldach hingegen gab
                    einen silbernen Schein zwischen den beiden hohen Tannen hindurch, welche
                    gleichsam Wacht vor dem alten Bau hielten.</p>
                <p>In diesem Hause standen alle Fenster weit geöffnet,um Luft einzulassen Der Heuet
                    war in diesem Jahr früh beendet; Blitz und Donner eines starken Gewitters
                    verzogen sich eben noch in der Ferne. In den Tannenzweigen rauschte noch der
                    letzte Regenschauer, und Frau Lene, die stattliche Lehenfrau, deckte den Tisch
                    im Wohnzimmer und stellte einen Strauß in die Mitte. Nun zog sie die Schürze
                    über den Kopf und eilte durch das Sprühen zum Lehenhofe zurück.</p>
                <p>Dieser stand weiter zurück und schien ganz der neuen Zeit anzugehören; die
                    massiven Gebäulichkeiten waren mit </p>
                <pb n="4"/>
                <p>Ziegeldächern gedeckt, und atmeten Wohlhabenheit und Ordnungssinn. Die Zörnlein
                    hausten seit bald zwei Jahrhunderten hier oben als Gutspächter; es ging stets
                    vom Vater auf den Sohn über. Meister David aber, der jetzige Lehenmann, übertraf
                    alle seine Vorgänger an Verstand und Kenntnissen. Von Jugend an gut geschult,
                    hatte er seine Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Institut erhalten. Das
                    genügte ihm aber nicht, er trat noch in ein Seminar, und wurde mit einem
                    Gelehrten bekannt, der ihn als Sekretär auf seine Reisen mitnahm. Sieben Jahre
                    hatte das gemächliche Wandern gedauert, da erreichte ihn die Botschaft, daß sein
                    Bruder gestorben sei und er die Nachfolge anzutreten habe.</p>
                <p>Auf diese Weise kehrte er in den angeborenen Bauernstand zurück und heiratete die
                    kinderlose Witwe des Bruders.Den Ehegatten wurde ein Sohn geschenkt; Meister
                    David gab ihm den Namen seines Ahnen: „Gottfried“. Dieser Stammyvater, ein
                    Stadtbürger, war schon vor mehreren Generationen aus Liebe zum Bauernwesen hier
                    Lehenmann geworden und hatte eine Tochter aus der Gegend zur Frau genommen.</p>
                <p>Während des letzten Sprühregens schwankte der Wagen der Herrschaft ins Dorf; zu
                    allen Türen hinaus sprangen Kinder durch die strömenden Dachtraufen auf die
                    kotige Straße und jauchzten: „Die Substitutenkutsche“! Ein junger Bauer unter
                    einem Scheunentor scherzte zum lachenden Nachbar hinüber: „Die
                    Substitutenarche“. Es war auch ein ungefüges, gelbes Gebäude auf hohen Rädern;
                    an Stelle der Kutschenfenster schlossen Lederklappen, die man des einströmenden
                    Regens wegen überall fest eingeknöpft <pb n="5"/> hatte; drei Pferde zogen den
                    triefenden, von Kot vollgespritzten Wagen langsam durchs Dorf, während es
                    allmälig zu regnen aufhörte.</p>
                <p>Endlich hielt er vor dem Gasthause „zum Bären“;der Besitzer schoß in die Tür,
                    rief schallend in den Flur zurück: „Hans, Lieni!“ An der Schwelle stand der
                    Besen,an dem die Eintretenden die Füße zu reinigen hatten;der Bärenwirt ergriff
                    ihn und fuhr auf die Wagenräder los, das Gröbste herunterzukehren, putzte auch
                    den aufgeklappten Fußtritt; die Knechte spannten aus; noch war nichts aus der
                    Kutsche zum Vorschein gekommen, als eine rundliche weiße Hand, welche von innen
                    heraus am Leder losknöpfte; der Wirt hätte gern geholfen, er war aber kurz von
                    Gestalt. Endlich flog die Wagentür auf und das Trittbrett herunter; erst kam ein
                    stattliches Bein mit Kniehose zum Vorschein, dann das zweite, während der Rücken
                    noch verdeckt war. Zum Glück kletterte der Lohnkutscher,der zu Substituts Wagen
                    die Pferde geliehen hatte, nochmals auf den Bock und half von oben herunter; und
                    während der kleine runde Wirt hinter ihm fortwährend dienerte, stieg der Herr
                    Substitut vorsichtig ab, um seine seidenen Strümpfe und die Schnallenschuhe
                    nicht zu beschmutzen.</p>
                <p>„Ghorsamschter Diener, Herr Grichtssubstitut!“ grüßte der Wirt beflissen. Der
                    Basler streckte ihm zwei Finger entgegen und sagte: „E Guete, Heiri!“</p>
                <p>Unierdessen kam ein dickes Mädchen förmlich vom Wagen heraus geflogen. „Elsi, gib
                    acht!“ rief eine Stimme von innen; aber es war zu spät, schon spritzte das
                    Wasser einer Lache rings um das lange Kleid. Das Kind kehrte <pb n="6"/> sich
                    nicht daran, raffte das beschmutzte Gewand zusammen und flog dem lieben
                    Mattenhofe zu.</p>
                <p>Die beiden Mägde waren wie gesottene Krebse ausgestiegen; die Herrin reichte von
                    innen heraus, was in den Seitentaschen und Köfferchen der alten Kutsche
                    steckte,und nun erschien sie selbst mit der Haube in der Hand,und der Bärenwirt
                    legte ihr schnell ein Brett, daß sie trockenen Fußes in das Haus gelangen
                    konnte. Kühl und frisch trat sie ein, während sich ihr Gatte noch immer den
                    Schweiß von der Stirne wischen mußte; sie sah aus wie ein junges Mädchen und war
                    doch schon manches Jahr Großmutter.</p>
                <p>Jetzt stand sie vor dem kleinen Spiegel, der schräg an der Wand hing, und setzte
                    ihre sorgfältig behütete Haube auf; das war ein Meisterstück der damaligen
                    Putzmacherkunst. Die Frauen trugen in früheren Zeiten statt Hüten kostbare
                    Hauben; auch die war nur für Kirchgang und festliche Anlässe bestimmt; heute
                    hatte sie das Kunstwerk ihren Verwandien zulieb aufgesetzt; man war nämlich im
                    Pfarrhause zu Liestal über Mittag zu Gast gewesen.</p>
                <p>Der Wirt schaute mit andächtigem Staunen zu, wie geschickt die schöne Frau die
                    Schleife unter dem Kinne band und ihre rotblonden Löckchen an der schmalen Stirn
                    hervorzupfte. Die Haube hatte über den Scheitel eine hochgebaute Krause, und
                    einen ebenfalls hochragenden Boden;in der Vertiefung zwischen beiden Hälften saß
                    wie ein großer, aus dem Neste aufgeflogener Vogel, eine kühn geraffte, violette
                    Bandschleife. Die Substitutin zog noch ihr gelbes Seidenschälchen zurecht, daß
                    die Ecke hinten genau in die Mitte kam, raffte ihr olivfarbenes Seidenkleid zu
                        <pb n="7"/> sammen und sagte, zu ihrem Manne gerichtet: „Kommst du mit,
                    Manuel?“ „Nein, liebe Sybilla“, erwiderte er,„ich bleibe noch.“ Sie hatte es
                    nicht anders erwartet;flüchtig nickte sie dem Wirte zu und merkte nicht, daß er
                    ihr trippelnd mit vielen Kratzfüßen und Schwenken der Zipfelkappe bis zum
                    Ausgange folgte.</p>
                <p>Obschon der Bärenheiri in früheren Jahren manchmal des Baslers Spiekamerad
                    gewesen, hielt ihn doch sein Takt als Wirt von Vertraulichkeit ab und mit einem
                    Gesichte voll unausgesprochener Komplimente kehrte er zum Substituten zurück,
                    was diesen Herrn ebenso amüsierte als seine vorige Beflissenheit um Frau
                    Sybilla. Er offerierte ihm auch freundlich eine Brise aus seiner goldenen
                    Tabatiere, und forderte ihn auf, beim Glase Wein zu berichten,was seit dem
                    letzten Herbst in Rosenthal vorgegangen war;waren ihm doch alle Familien
                    Bekannte von seiner Jugend an.</p>
                <p>Da geriet der redselige Wirt auf Meister Zörnli, den reichen Lehenmann; es sprach
                    sich im Orte herum, daß er auf dem Punkte sei, den Mattenhof ganz in seine
                    Tasche zu stecken und selber Gutsbesitzer zu werden. Ob der Herr Substitut
                    wisse, daß er neuerdings wieder einen großen Wald dazu gekauft habe?</p>
                <p>„Ja,“ sagte dieser, „und ich habe ihn selbst dazu bestimmt,“ mehr verriet er aber
                    nicht, und Heiri biß sich auf die Zunge; er wollte es mit dem nobeln Kunden
                    nicht verderben, der jeden Nachmittag sein Schöpplein vom besten im Bären
                    nahm.</p>
                <p>Während die Mägde mit ihren Kleiderbündeln auf dem Kopfe und Körben und Säcken an
                    den Armen den Karren <pb n="8"/> weg nach dem Mattenhof hinanstiegen, hatte
                    Elsit den Fußsteig zwischen Gürten und Aeckern genommen; der war aber so
                    durchweicht, daß sie nicht vorwärts kam; da stieg sie einfach durch die
                    abgemähten Wiesen hinan. So kam sie an den Hügelabsatz, wo es einen steilen
                    Stutz zu überwinden gab; da hinauf kam sie nicht, es war zu schlüpfrig.Sie
                    atmete tief, um die Brust mit Luft zu füllen, und stieß dann einen gellenden Ruf
                    aus; sofort antwortete ihr von oben ein Juheschrei, und bald flog es wie ein
                    Federball herunter: der Gottfried Zörnlin. Er kam barfüßig und in Hemdärmeln;
                    dennoch sah er sehr akkurat aus in seiner reinen Wäsche. Der Knabe hatte etwas
                    feines, auf einem schlanken Körper saß ein stolz getragener Kopf; der war kahl
                    geschoren, aber der Mangel an Haar konnte der schönen Form nichts anhaben.</p>
                <p>Elsi schaute erstaunt zu ihm auf: „Du bist aber groß geworden!“ und indem sie
                    sein mit Sommersprossen ganz überdecktes Gesicht musterte, fügte sie bei: „aber
                    häßlich mit allen den braunen Flecken“ Der Knabe nahm es gelassen auf: das komme
                    vom Heuen. „Schöner bist du auch nicht geworden, Elsi! Du tust ja gar nicht
                    wachsen und wirst so dick.“</p>
                <p>„Ich weiß es, Friedli! Mama sagt, es komme daher,weil ich solch ein Vielfraß bin;
                    denk, sie will mir den Brodkorb künftig höher hängen.“</p>
                <p>„Bah!“ machte der Knabe geringschätzig, „da ist meine Mutter auch noch da; gerade
                    heut haben wir gebacken,und da hat sie für dich eine Rahmwähe gemacht, komm nur!
                    Aber was ist denn das mit deinem Haar? Das fliegt dir so wild um den Kopf
                    herum!“</p>
                <pb n="9"/>
                <p>„Herje!“ rief Elsi, „mein neues seidenes Zopfband ist weg, das hab ich wohl hier
                    verloren. Geh doch, Friedli,such mirs schnell!“</p>
                <p>Und der Junge trabte gehorsam die Wiese hinunter und fand es auch Unterdessen
                    hatte Elsi den andern kurzen Zopf auch losgebunden, und steckte beide Schleifen
                    in die Kleidertasche; da waren sie sicher.</p>
                <p>Und nun gings Hand in Hand aufwärts. Elsi in den Schuhen fiel auf der
                    durchtränkten Matte alle Augenblick über ihr langes Kleid, dann zog sie der
                    Gefährte wieder in die Höhe; so war ihr Aussehn natürlich sehr verwildert,als
                    sie durch die Küchentür zur Lehenfrau hinein sprangen.</p>
                <p>„Aber Eisi,“ fragte diese nach dem ersten Willkomm,„wo hast du deinen Hut
                    gelassen?“ Wo? Das wußte sie nicht, vielleicht lag er noch drunten in der
                    Kuische;das war ihr einerlei, jetzt, wo sie sich den Rahmkuchen schmecken
                    ließ.</p>
                <p>„Aber KRind! wie siehst du aus! so darfst du nicht zur Mama!“ Und Mutter Lene,
                    die Frau Zörnli, holte Bürste und Tuch und putzte an dem Mädchen herum; da
                    entdeckte sie noch die nassen Schuhe und die Strümpfe,deren Weiß in ein
                    schmutziges Braun verwandelt waren,und hieß das Mädchen daheim sofort
                    wechseln.</p>
                <p>Nun liefen die beiden wieder davon; Friedli mahnte beim Vorbeigehn am
                    Herrschaftshause, was seine Mutter befohlen hatte; da setzte sich Elsi auf die
                    Eingangsstufe,zog Schuhe und Strümpfe aus und warf beides hinter die offene
                    Haustür. Daß das Barfußgehen ihren empfindlichen Sohlen weh tat, ließ sie sich
                    nicht merken; sie trabte <pb n="140"/> tapfer neben dem Gefährten dem Tusculum
                    zu; so bezeichnete nämlich Elsis Vater das Gartenhäuschen, dus ganz den Kindern
                    angehörte </p>
                <p>Ein Großvater des jetzigen Besitzers hatte es in der verkleinerten Form eines
                    griechischen Tempels aufrichten lassen; ein paar Säulchen bildeten den Eingang;
                    dahinter war ein kleines Gemach mit einem alten zerbröckelnden Tisch, mit
                    Damenbrett und Neuntelstein und andern Spielfiguren eingesegt: die Stühle, deren
                    zerrissene Strohsitze trichterförmig nach innen gehangen, hatte der Knabe fast
                    alle entfernt und durch eine nette kleine Bank ersetzt, die er gezimmert und
                    grün angestrichen; hier war der Spielplatz der Kinder an Regentagen, und hier
                    befand sich auch die kleine Schatzkammer für Elsi. Wenn man ein Bodenbrett
                    aufhob, sah man eine zwischen Kies und Schutt sauber herausgearbeitete
                    viereckige Höhlung; darin lagen sonst auf grünen Blättern die schönsten Früchte
                    des Lehenhofes.Diesmal war Elst enttäuscht, sie hatte auf Kirschen gerechnet; in
                    der Stadt wurden ja solche schon feil geboten.Die Frühkirschen waren aber hier
                    im Blust erfroren und die nachfolgenden noch nicht reif. Schließlich gab sie
                    sich zufrieden und stopfte die Taschen voll mit den getrockneten Zwetschgen und
                    Hutzelbirnen, welche die schönsten Exremplare ihrer Art waren </p>
                <p>Es war ein stilles Abendessen im Herrenhause; trotz der guten Dinge, die Frau
                    Lene aufgestellt, wohnte die Langeweile an diesem so großen und doch so leeren
                    Familientische. Obenan saß der Substitut, zu seiner Rechten Frau Sybilla. Elsi
                    durfte ohne Erlauhnis nicht sprechen;dafür stieß sie dann und wann etwas um,
                    ließ Löffel oder </p>
                <pb n="11"/>
                <p>Gabel fallen, und kippte wohl auch zur Abwechslung mit ihrem Tabouret.</p>
                <p>Die Ehegatten bedienten sich gegenseitig mit beflissener Höflichkeit, und wenn
                    der Hausherr etwas fragte, antwortete die Frau: „Ja, lieber Manuel! nein, lieber
                    Manuel!“Lieber Papa, hätte sie sagen mögen, aber ihr Töchterchen nannte ihn
                    beharrlich „Vater“ ihr zu trotz; sie empfand eine Beleidigung in dem
                    Unterschiede, den Elsi zwischen Vater und „Mama“ aufstellte.Jetzt sah sie den
                    Blick ihres Eheherrn den einsamen Tisch entlang streifen und hätte gern gefragt:
                    „Gelt, Manuel,du denkst an die Zeit, wo unsere großen Mädchen noch hier saßen?“
                    aber sie fühlte sich so unbeholfen, im Augenblick wollte ihr das Wort nie
                    rechtzeitig zu Hilfe kommen,immer erst hintendrein.Es war auch richtig, Manuels
                    Gedanken weilten wirklich in der Vergangenheit, bei den drei blonden lieblichen
                    Töchtern, die sein Stolz und seine Freude waren; um sie zu erziehen, hatte er
                    darauf verzichtet, eine neue Stellung zu suchen Es war kein Opfer seinerseits;
                    die Juristerei war ihm von den Eltern aufgedrängt; er hätte es vorgezogen,Lehrer
                    zu werden. Nun hatte er volle Muße, seine Töchter auszubilden; es waren schöne
                    und kluge Mädchen und sein Stolz, sie um sich zu haben. Leider durfte er sie
                    nicht behalten, alle drei heirateten kurz hintereinander und machten vornehme
                    Partien. In der Stadt sah man sich wohl öfter; aber da oben. wo sich zu seiner
                    Eltern Lebzeiten jung und alt um den Familientisch gruppiert hatte, wo sich in
                    den alten Gaststuben droben mit den kleinen Fenstern <pb n="12"/> und der
                    niedrigen Balkendecke junges Volk tummelle, hier durfte er die feinen
                    Herrschaften nicht erwarten.</p>
                <p>Eben wollte Frau Sybilla anheben, um etwas zu sagen,da wandte er sich an seine
                    Elsi: „Gelt, du bist froh, daß du wieder recht herum springen kannst?“ Und als
                    hätte der Vater eine Schleuse aufgezogen, sprudelte es über des Mädchens Lippen;
                    was gab es nicht alles zu berichten!Mit einem warmen Lächeln blickte er auf
                    seine Jüngste;hübsch war sie nicht, die schwarze Wilde, aber von einer
                    Lebendigkeit! man ward wieder jung mit ihr.</p>
                <p>Ehe der Substitut vom Tische aufstand, wandte er sich an seine Frau: „Liebe Mama,
                    möchtest du uns in Zukunft nicht an den kleinern Tisch dort beim Fenster decken
                    lassen?“ Sie sagte schnell: „Gewiß, lieber Manuel!“</p>
                <p>Elsi hätte aufjauchzen mögen, dort gab es doch etwas zu sehn, und wenn es nur ein
                    vorüberfliegender Vogel war, oder das vom Wind bewegte Laub der Bäume.Freudig
                    wollte sie auf die Mutter zuspringen; aber diese räumte vom Tische ab und hatte
                    in einer Hand den Brotkorb, in der andern das Salzfaß, und Sybilla war ein wenig
                    abergläubisch: ausgeschüttetes Salz bedeutet Unfrieden im Hause; da wehrte sie
                    kurz ab, daß Elsi sie nicht anstoße.</p>
                <p>So war es immer; wenn das Kind seiner Mutter entgegen kam, verhinderte sie irgend
                    ein unwichtiger Umstand am Verstehen. Der Vater sah es mit Gram; zwischen den
                    beiden war eine unerklärliche Kluft. Trotz ihres zurückhaltenden Benehmens hatte
                    seine Frau immer in freundlichem Einvernehmen mit den ältern Töchtern
                    gestanden;zwar sahen sie sich äußerlich, mehr noch im Naturell ähnlich; gar
                    nicht wie die Kleine, die aus dem Familienmodell <pb n="143"/> gefallen zu sein
                    schien; die machte einem in der Tat gehörig zu schaffen mit ihrem störrigen
                    Kopfe, und man war ihr nicht leicht gewachsen.</p>
                <p>Frau Sybillens Schulbildung war gering; das merkte man ihr aber nicht an, sie
                    verstand es vortrefflich, ihrem Hauswesen einen feinen Ton zu geben. Das hatten
                    die Töchter auch erkannt und willig von ihr angenommen.</p>
                <p>Nun sollte auch Elst auf des Vaters Wunsch ein wenig zur Hausarbeit angehalten
                    werden, einstweilen nur kurze Zeit. Das Stricken hatte sie bei einer Lehrerin
                    zur Not begriffen. Es war aber eine Marter für die Mutter, das Mädchen eine
                    Stunde lang zu ertragen. Bald durchstach sie mit der Nadel die Tischdecke oder
                    machte Löcher in ihre Schürze, oder sie bohrte sie irgend wo hinein, daß sie
                    zerbrach; Frau Sybilla mußte sie immer ins Strafkämmerchen hinauf schicken, ein
                    nit Grümpel gefülltey Raum, wo sie nichts verderben konnte.</p>
                <p>Das machte dem Mädchen keine Sorgen; das Strickzeug lag irgendwo am Boden und sie
                    stöberte in dem alten Kram herum und hätte schon allerlei interessante
                    Entdeckungen gemacht. Eines Tages gelang es ihr, das rostige Schloß an einer
                    wurmzerfressenen Truhe abzuschlagen. Da fand sie Helme von Pappe, Kronen,
                    Waffen, mit Goldblech überzogen, Mäntel und Kleider aller Art; das mußten die
                    alten Charadenanzüge sein; der Vater hatte ihr oft erzählt, wie sich die Jugend
                    damals auf dem Mattenhofe amüsierte.</p>
                <p>Selbstverständlich packte sie alles aus; da tat sie noch einen besondern Fund:
                    ein kleines schwarzes Holzkästchen.Sie fand kein Schloß daran, erst nach langem
                    Tasten <pb n="14"/> geriet sie auf eine Feder, und der Deckel sprang auf: ein
                    Mädchenbildnis blickte ihr entgegen!</p>
                <p>Eisi jauchzte vor Freude; es war ein herziges Bildchen in Wasserfarbe mit der
                    Feder fein gezeichnet, einfach und lebendig glich es sogar Elsi, doch war das
                    Gesicht etwas älter und sanfter.</p>
                <p>„Es gleicht mir,“ rief sie entzückt, „nur daß es hübsch ist, und ich bin häßlich.
                    Wenn ich aber auch Löckchen hätte und ein tief ausgeschnittenes Kleid und machte
                    ein ebenso freundliches Gesicht, könnte man meinen, wir seien Schwestern. Wer
                    mag es wohl sein?“</p>
                <p>Lange betrachtete sie das Bildchen; „Mama muß sie kennen!“ dachte sie, und hastig
                    warf ste den ganzen Kram in die Truhe zurück, zwängte den Deckel darauf und lief
                    hinunter.</p>
                <p>Frau Sybilla arbeitete eben an einer mühsamen Stopferei und blickte erst auf, als
                    ihr Elsi das Bildchen unter die Augen hielt; dann aber fuhr sie entsetzt in die
                    Höhe, als VD riß ihrem Kinde das Bildchen aus der Hand und lief damit in die
                    Küche. Da wuschen die Mägde, auf dem niedern Herde brannte ein großes Feuer.
                    Eben wollie die eine einen Kessel mit Wasser am dasen aufhängen, der aus dem
                    Rauchfang an einer Kette mederhing; aber die Frau Substitut drängte sie weg und
                    warf einen Gegenstand in die hohe Flamme.</p>
                <p>Elsi war ihr nachgelaufen; sie stieß die brennenden langen Scheite auseinander
                    und wollte ihr Bildchen herausscharren; das zerfiel aber schon in glühende
                    Asche.</p>
                <p>Nun stand Elsi mit einem Feuerbrand vor der Mutter wie eine Kriegsfurie. Die zwei
                    starrten sich an, Frau </p>
                <pb n="15"/>
                <p/>
                <p>Sybilla mit kaltem Blick aus den grauen Augen, Elsi DD Küchenboden, daß die
                    Funken nach allen Seiten flogen,und rannte hinaus, den Vater aufzusuchen.</p>
                <p>Eben kam der Substitut vom Dorfe herauf; das Steigen strengte ihn bereits an, und
                    er ließ sich aufalmend auf den Sitz unter der Platane nieder; da flog sein
                    Mädchen wie eine Rasende herbei: „Vater!“ kreischte sie, „ist Mama meine
                    Stiefmutter?“ Er sah Elsi ganz verwundert an;was mochte geschehen sein? sie ließ
                    ihn nicht lange in Ungewißheit; alles berichtete sie haarklein; ein Schatten
                    Anfgeregten ihren Unsinn; aber an seinem Schweigen merkte sie doch, daß etwas
                    dahinter stecke: „Ich bring es schon heraus!“ dachte sie.</p>
                <p>In schmerzliches Sinnen versunken, nahm der Substitut kaum noch Notiz von ihr; da
                    stampfte sie energisch zur Lehenfrau hinüber.</p>
                <p>Diese war über Elsis Frage nicht weniger erstaunt als der Substitut; aber sie
                    verstand es, das Mädchen von seinem Irrtum zu überzeugen. Hatte doch vor
                    ungefähr elf Jahren ihr David von Herrn Manuel einen Brief erhalten, worin er
                    schrieb: „Statt des erwarteten Knäbleins ist uns wieder ein Mädchen geschenkt
                    worden, ein schwarzes und lebendiges Ding, das im Schreien zwei Buben
                    übertrifft; es heißt Elsi.“</p>
                <p>Und zu Elsit gewendet, sagte sie: „Denk dir, Kind,ich weiß noch gut, wie ich dich
                    zum erstenmal hier oben sah; da trug dich die Wärterin in einem Kissen, und du
                    hattest noch einen Schleier übers Gesichtchen. Ich sah,<pb n="16"/> das war eine
                    Quälerei bei dieser Hitze, und trotzdem die Person meinte, die Frau Substitut
                    würde zanken, band ich dir das Ding los, und da machtest du die Augen auf und
                    sahest mich an Stell dir vor, was ich damals angerichtei habe! Das Elseli wollte
                    von nun an keinen Schleier mehr leiden, es raste, bis man ihn wieder wegnahm.
                    Erkennst du dich jetzt an dem trotzigen kleinen Ding?“</p>
                <p>Elsi mußte wohl glauben, daß Frau Sybilla ihre richtige Mutter war, aber im
                    innern Herzen widersprach doch etwas; sie verbarg es auch nicht vor der
                    Lehenfrau, und die kluge Frau Zörnli hatite gute mütterliche Worte: wenn Elsi
                    nicht ein so störriges Kind wäre und ihrer Mama mehr Freude machte, würde es
                    nicht besser stehen?</p>
                <p>Das Mädchen schwieg eine Weile; aber da fiel ihr das Bildnis wieder ein, und sie
                    fragte: „Warum gleich ich aber der Mama nicht, wie die andern Schwestern? und
                    ich ruhe doch nicht, bis ich weiß, wer das ist, dem ich so ähnlich sehe! Sag
                    einmal, Mutter Lene, kann ein Herr nicht zwei Bräute gehabt haben? mein Vater
                    war vielleicht mit der schwarzen einmal verlobt, darum war er so traurig, als
                    ich ihm alles berichtete. Besinn dich doch,Mutter Lene, du hast das Mädchen
                    gewiß gekannt?“</p>
                <p>Die Lehenfrau hatte es bereits erraten; das mußte das Contrefey von Manuels Base
                    sein, der Esther Reifenstein; die Beiden galten für Brautleute. Aber gesehen
                    hatte sie diese Verwandte nicht; denn als sie auf den Hof heiratete, war Sybilla
                    schon Frau Substitutin, und mit den Reifensteins war die Freundschaft
                    entzwei.</p>
                <p>„Nun denn, hast dus endlich?“ stieß Elsi die Frau an. Diese sagte: „Es wird, denk
                    ich, das Mädchenbild <pb n="17"/> deiner Großtante Reifenstein sein, die soll ja
                    so schwarzes Haar haben!“</p>
                <p>Das ließ Elsi nicht gelten: „Als die Tante jung war,hatte man eine andere
                    Kleidermode, steifes Mieder und einen hohen Haarwulst auf dem Kopf; sie besaßen
                    ja in der Stadt ein Jugendportrait von der Großtante. Das junge Mädchen hingegen
                    trug kleine Löckchen um die Stirn und hatte ein weit ausgeschnittenes Kleid,
                    ungefähr so, wie ihre Mama als Hochzeiterin abgemalt war.“</p>
                <p>Unzufrieden wie ein Verhörrichter, der nichts herausbringen kann, ging Elsi
                    weiter; hätte sie wenigstens Gottfried die Sache erzählen können; aber wenn man
                    ihn brauchte, war er nie zu haben!</p>
                <p>Frau Sybilla empfand, daß sie sich vor ihrem Kinde eine Blöße gegeben habe; sie
                    fühlte sich stets von zwei dunkeln Augen beobachtet, und es war ihr zu Mute, wie
                    unter polizeilicher Bewachung. Der Vater konnte es auch nicht länger ansehen; da
                    eine Aussprache zu vermeiden war,gab es kein andres Mittel als Entfernung.</p>
                <p>Der bequeme Herr Substitut raffte sich auf und begleitete Elsi zu einer
                    befreundeten Familie, wo man sie längst zu den Töchtern des Hauses eingeladen
                    hatte. Hier verließ er sie im Glauben, sie sei für eine Weile versorgt; aber er
                    kannte sein Mädchen noch nicht ganz! Eines schönen Morgens erklärte Elsi
                    bestimmt: „Jetzt geh ich nach Haus!“Man redete ihr zu, sie sollte wenigstens auf
                    eine Fahrgelegenheit warten, da es so weit weg war. Aber nichts konnte sie
                    zurückhalten, sie marschierte zu Fuß ab.</p>
                <p>Als sie im Laufe des Nachmittags auf dem Mattenhofe erschien, war der Vater nicht
                    da; das Fehlen seines <pb n="42"/>28 </p>
                <p>Mädchens hatte ihn vom Hofe abgetrieben und er war in die Stadt gegangen. Zum
                    Glück trafs gerade Samstag,Gottfrieds Ferientag. Wo er steckt? im Gartenhäuschen
                    wohl, da er im Lehenhaus nicht zu finden war.</p>
                <p>Froh, eine Ueberraschung in Szene setzen zu können,schlich sie um die Gebüsche
                    und trat hinter den Knaben,ohne daß er es merkte.</p>
                <p>„Was treibt er denn, daß er so vertieft ist? zeichnet er? nein er schreibt.“ Sie
                    sieht ihm ohne sein Wissen über die Schulter. Vier Verse hat er geschrieben,
                    jeden mit derselben Endzeile. Sie liest plötzlich hinter im ganz laut:„Der
                    Friedli ist dem Elseli hold.“</p>
                <p>Ein Donnerschlag aus blauem Himmel hätte den Jungen nicht so erschreckt, wie
                    diese Ueberrumplung; er tat einen Wutschrei, knüllte das Papier zusammen und
                    stieß das Mädchen heftig mit dem Ellbogen weg. Vom Stoße flog sie an die Wand
                    und fiel zu Boden. Er kümmerte sich nicht darum, krebsrot war er davon
                    gerannt.</p>
                <p>Elsi schrie, was sie aus dem Halse brachte es kam niemand, sie aufzuheben. Sie
                    mußie zuletzt allein aufstehen und dann lief sie in den Lehenhof; die Dichterei
                    hatte sie vollständig vergessen, aber für seine Grobheit verklagte sie ihn. Sie
                    wurde getröstet, der Bub mußie gehörig abgestraft werden.</p>
                <p>„Würde er gehauen?“ „Nein, viel schlimmer; der Vater werde ihm eine schärfere
                    Züchtigung auferlegen, er sollte in Zukunft das Elslein in Ruhe lafsen!“</p>
                <p>„Nein, nein!“ das wollte das Mädchen nicht; wenn Gottfried heim kam, das war
                    selten genug, da pflegte sie ihn ganz in Beschlag zu nehmen; ohne ihn hielt sie
                    es gar <pb/>J nicht aus. Elsi bat daher, lieber möchte man vom Strafen
                    absehen.</p>
                <p>Trotzdem war kein Gottfried zu finden, sie suchte im Garten, in den Ställen und
                    auf den Heuböden; auch im Walde droben; keine Spur von ihm! So langsam war ihr
                    Samstag Abend und der folgende Vormitiag noch nie vergangen.</p>
                <p>Es war Sonntags nach Tisch; alle Dienstboten vom Lehenhof hatten sich im
                    festlichen Putz entfernt; Elsi sah nach, ob Gottfried bei den Eltern sei. Da
                    rief die Lehenfrau: „Siehe, der Bitzburger kommt zu uns.“</p>
                <p>Bitzburger, ein Basler Schnupftabakhändler, hatte sein Schäfchen ins Trockene
                    gebracht und in Rosenthal ein Stückchen Land gekauft, um seinen Kohl zu
                    pflanzen. Er war ein besondrer Freund von feinen Obstsorten und pflegte mit
                    Meister David oft Propfreiser zu tauschen.</p>
                <p>Das kleine Männchen mit der Schnupfernase schaute diesmal etwas verlegen
                    drein.</p>
                <p>„Was bringt Ihr gutes?“ redete ihn der Lehenmann an. Der Bitzburger zog ein
                    Sackmesser aus der Tasche und fragte: „Kennt Ihr das?“</p>
                <p>„O das ist Gottfried seines,“ rief Elsi freudig. Das Mädchen hatte keine Ahnung
                    von dem Weiter, das es über den Spielgefährten heraufbeschwor.</p>
                <p>Nun erzählte der Tabakhändler von seinem jungen Barellenbäumchen, das zum ersten
                    Mal getragen hatte,sieben schöne Barellen. Den zeigte er in seiner Freude dem
                    Goitfried, und der Junge sei so darauf versessen gewesen, daß er sie ihm
                    durchaus abkaufen wollte; er gab sie aber nicht.</p>
                <pb n="20"/>
                <p>Heute morgen sei er in den Garten gegangen, um sie zu pflücken, da war das
                    Bäumchen leer, und da fand er dies Messer drunter liegen.</p>
                <p>„Gotifried!“ rief schallend der Vater; der Knabe erschien sofort, und mit einem
                    Blicke übersah er alles, den Tabakhändler, das verängstete Gesicht der Gespielin
                    und des Vaters richterliche Miene.</p>
                <p>„Hast du die Früchte genommen?“ „Ja, Vater!“„Wo hast du sie hingebracht?“ Keine
                    Antwort. Der Lehenmann holte einen Stock aus der Nebenstube: „Willst du es
                    sagen?“ „Nein“.</p>
                <p>Nun fiel der Stock unbarmherzig auf den schlanken Knaben, daß er sich bog wie
                    eine Weidengerte, aber kein Laut gab er von sich; als aber der Vater den Stock
                    wegstellte, ging Gottfried mit hocherhobenem Haupte hinaus.</p>
                <p>Mutter Lene hatte still am Tisch gesessen; ihr Kiefer zitterte vor Bewegung, aber
                    sie ließ alles geschehen; Elsi hatte den Kopf in ihren Schoß verborgen und
                    schluchzte zum Herzbrechen.</p>
                <p>Auch dem Tabakhändler liefen die Tränen über die magern Backen; „Meister Zörnli,
                    Ihr habt Euren Jungen fast entzwei gehauen“, sagte er mit zitternder Stimme.</p>
                <p>„Das nächste mal schlag ich ihn tot!“ entgegnete der Vater und ging ohne Gruß
                    davon, und der Bitzburger wankte gebrochen hinaus, als hätte er selber die
                    Prügel erhalten.</p>
                <p>Das war ein Sonntag Nachmittag! Gottfried blieb unsichtbar, Elsis Vater verreist,
                    und Zörnlis waren auch nicht gut zu sprechen. Das Mädchen setzte sich auf die
                    Stufen vorm Tusculum, stützte die Ellbogen auf die Knie und <pb n="21"/> das
                    Kinn auf die Hände: „Nein, das ist ein Leben! Erst die Geschichte mit dem Bilde
                    und heute die Prügelsache!Was doch der Mensch aushalten muß, man möchte fast
                    heulen!“</p>
                <p>Das tat sie auch, bloß zum Versuch und reckte den Kopf nach rechts und links, ob
                    ihre Töne nicht den Gespielen herlocken möchten; aber der war schon weit weg;die
                    zurückkehrenden Dienstboten hatten ihn auf dem Wege zum Schuldorf angetroffen,
                    wo er die Woche durch bei Lehrers bleiben wollte, sagten sie.</p>
                <p>War das wieder ein Streich von dem Friedli! sie begriff überhaupt nicht, wozu er
                    die Geschichte mit dem gestohlenen Obst angestellt, und was er wohl mit den
                    Barellen gemacht hatte.</p>
                <p>Diese tiefen Rätsel zu bedenken, schlich sie in ihre Schlafstube hinauf und nahm
                    sich vor, die ganze Nacht wach zu bleiben, bis sie es heraus bekommen hatte;
                    aber als die Mutter nach einer Viertelstunde hinaufkam, lag sie schon in tiefem
                    Schlafe.</p>
                <p>Am folgenden Morgen kam Elsi ganz erregt zu Mutter Lene gelaufen und zog sie mit
                    zum Gartenhäuschen. Dort lagen die sieben Aprikosen sorgfältig zwischen Reblaub
                    gebettet im Schatzkämmerchen. Die Lehenfrau blickte das Mädchen an, als wäre ihr
                    nun ein Licht aufgegangen;ihr Gesicht sah gedankenschwer aus.</p>
                <p>Elsi unterbrach ihr Sinnen mit der Frage: „Was soll ich mit den Barellen
                    anfangen? Gelt, dem Bitzburger wieder bringen, nicht?“ „Das wirds beste sein;
                    tue ganz nach deinem Willen, liebes Kind.“<pb/>baf </p>
                <p>Elsi ordnete sie in ein Körbchen und wandelte damit nach Rosenthal hinunter. Des
                    Tabakhändlers Tür war,entgegen dem Dorfgebrauch, immer geschlossen; sie hämmerte
                    darauf, bis oben durch ein Fensterchen seine Zipfelkappe mit dem weißen
                    Quästchen herausguckte; es nickte über seiner großen Nase, und er fragte fast
                    zaghaft: „Was willst du?“</p>
                <p>„Ein paar Worte mit Ihnen reden, Bitzburger; machen Sie auf!“ Und als er sie
                    eingelassen, stellte sie das Körbchen vor ihn auf den Tisch und sagte scharf:
                    „Da haben Sie Ihre Barellen wieder!“</p>
                <p>Der Mann sah überwacht aus; des Zörnli Strafgericht hatte ihn sehr mitgenommen,
                    und er fing aufs neue an zu weinen: „Jerum, Jerum, hätte ich doch
                    geschwiegen!“</p>
                <p>„Das meine ich auch!“ sagte Elsi mit altkluger Strenge,und der Zerknirschte war
                    eine Weile ganz still. Auf einmal fuhr er auf: „Du bist aber auch Schuld, Elsi;
                    was brauchtest du zu sagen, daß es Gottfrieds Messer war?“</p>
                <p>Das Mädchen schwieg erst betroffen, dann fuhr es auf: „Hören Sie, Bitzburger, des
                    Messers wegen sind Sie nicht in der Hitze auf den Mattenhof gelaufen; es ging
                    Ihnen um Ihre Barellen! Wissen Sie, der Gottfried dachte gewiß nicht ans
                    Stehlen, er mußte die Früchte holen, da Sie sie ihm nicht gaben, und das Geld
                    dafür hätte er Ihnen bezahlt! Ich halte nichts mehr auf Sie, Bitzburger, sicher
                    nicht! Ihretwegen ist Friedli gehauen worden, zum ersten mal in seinem Leben,“
                    so schimpfte sie drauflos.</p>
                <p>Der Bitzburger faßte die Geschichte doch nicht ganz so auf; zu welchem Zwecke
                    mußte der Knabe das Obst haben?</p>
                <pb n="22"/>
                <p>Da ihn aber die kleine resolute Person darüber nicht aufklären konnte, gestand
                    er, wie ihm die Sache die ganze Nacht zu schaffen gemacht, und ihm Goitfried
                    durch seine Standhaftigkeit imponiert habe. Das versöhnte die strenge Richterin
                    wieder, und sie machte den Vorschlag, einen Brief zum Abbitten nachzuschicken,
                    sonst käme der Bub nicht mehr heim.</p>
                <p>Da gab er dem Möädchen Papier und Feder und sie kritzelte:</p>
                <p>„Lieber Goitfried, es tut dem Bitzburger leid und mir auch; er hat aber einen
                    famosen Reschbeckt vor dir bekommen und du mahnest ihn an Muzius Zewolah, wo
                    seine Hand ins Feuer steckte ohne zu muksen. Vater ist noch fort, und kommst du
                    nicht heim, so gehe ich auch.Gruß vom Elsi und vom Bitzburger.“</p>
                <p>Das Schreiben wollte der Schnupftabakhändler durch einen von Goitfrieds
                    Schulkameraden abschicken. Nun schaute er noch immer auf die sammtnen Früchte
                    hernieder, denen man keine Spur ihrer abenteuerlichen Schicksale ansah. Sollte
                    er sie nicht mit dem Mädchen teilen?Es hatte doch den netten Brief geschrieben!
                    Nein, er wollte generös sein: „Elsi! nimm sie mit! Du sollst sie alle haben!“
                    und er schob sie ihr im raschen Entschluß zu.</p>
                <p>Und Elsi ging und sann: „Was fang ich mit den Barellen an? Wäre Vater hier, ich
                    brächte sie ihm;Mutter Lene darf ich nicht damit kommen! Und dem Friedli auch
                    nicht! Was ist mit ihm eigentlich los? Er war sonst nie so bbs! Warum schmiß
                    mich der Zorniggel zuerst so grob an die Wand? Wer weiß, er wirft mir die
                    Früchte vielleicht an den Kopf!“</p>
                <pb n="24"/>
                <p>Es blieb ihr also keine Wahl, als das corpus delicti aus der Welt zu schaffen,
                    und das tat sie, indem sie es gelassen aufaß.</p>
                <p>Der Knabe kam wirklich am folgenden Abend heim;Elsi ging ihm entgegen und folgte
                    ihm neugierig auf den Lehenhof. Goitfried reichte den Eltern wie gewohnt die
                    Hand und auch sie waren nicht anders als sonst; daraus konnte sie nicht klug
                    werden; es schien ihr aber ratsam,ihrerseits auch zu tun, als wäre nichts
                    vorgefallen.</p>
                <p>Mehrere Sommer und Winter waren vorübergegangen;Gottfried, schon ein großer
                    Knabe, hatte die Bezirksschule im Nachbardorf verlassen und war nach Liestal
                    übergesiedelt,wo er die Realschule besuchte, beim Organisten Musikunterricht
                    nahm, sowie beim Pfarrherrn das Latein weiter lernte; der Substitut hatte ihn
                    schon alle die Sommer hindurch in diese Sprache eingeführt.</p>
                <p>Der Knabe war hoch gewachsen und benahm sich auch wie ein Herr. Elsi konnte ihn
                    nicht mehr ausstehen, wie sie saglte; dennoch war sie stets in seiner Nähe, im
                    Lehenhof daheim und am Steintisch unter der Platane, wo der Substitut sich vom
                    Schüler genau berichten ließ.</p>
                <p>Manuel hatte wirklich seinen Beruf verfehlt, als Erzieher hätte er Vorzügliches
                    geleistet. Das hatte er schon gemerkt, als er begann, seine drei Töchter zu
                    unterrichten. Sie waren mit guter Fassungskraft und gutem Willen begabt, er
                    hätte fast gewünscht, daß es ihm schwerer gemacht worden wäre; aber sie waren
                    nun einmal Musterschülerinnen.</p>
                <p>Später, als der Knabe seines Lehenmanns und Freundes,der Gottfried, heranwuchs,
                    fand er an ihm ein dankbares </p>
                <pb n="25"/>
                <p>Objekt; er durfte ihn aber des Winters wegen, wo der Substitut in der Stadt
                    wohnte, der Schule nicht entfremden, und begnügte sich, den Jungen in der
                    übrigen Zeit anzuziehen und durch Anschauungsunterricht zu fördern.Sein Elslein
                    war gewöhnlich dabei, und was sie mit ihrem kleinen, harten Kopfe nicht lernen
                    wollte, nahm sie unbewußt vom Spielkameraden an. So erging es auch mit dem
                    Französischen; anstrengen wollte er die Kleine noch nicht, aber Gottfried
                    brachte ihr spielend alles bei, was er selbst gelernt hatte.</p>
                <p>Das änderte sich, als der Knabe in die Bezirksschule versetzt wurde; die war in
                    einem andern Dorfe, und er konnte erst abends wieder auf dem Mattenhofe sein,
                    und das kleine Mädchen langweilte sich ohne ihn und war unartiger als je. Gute
                    Freunde deuteten an, Elsi sollte auch in die Schule kommen, wenn es nur wäre, um
                    Disziplin zu lernen. Aber der Vater hatte seine eigene Ansicht; er selbst mußte
                    die Erziehung des schwierigen Kindes leiten, sie fügte sich sonst keinem.</p>
                <p>Der Substitut hatte sich schon früher mit pädagogischen Schriften vertraut
                    gemacht; ihm war Pestalozzi der rechte Führer; durch Liebe und Sanftmut wollte
                    auch er seine Kleine auf den rechten Weg lenken. Einen andern Zweck hatte sein
                    Leben ja auch nicht mehr.</p>
                <p>Frau Shybilla beschwerte sich zwar darüber. Wenn das Wetter den Unterricht im
                    Freien nicht gestattete, mußte sie hören, wie schwer es ihrem Gatten wurde, die
                    herumflatternden Gedanken seiner Schülerin einzufangen; wie oft fiel das Buch
                    oder die Tafel zur Erde, oder mit Gepolter sogar der Stuhl; wie konnte Manuel
                    sich quälen; es war <pb n="26"/> ja alles umsonst! Auch sie hatte einen so
                    harten Schädel gehabt, der nichts aufnehmen wollte; man mußte das Kind gehen
                    lassen, ein Mädchen brauchte ja ohnehin nicht so viel zu lernen.</p>
                <p>Aber Manuel wurde nicht müde! Tropfen um Tropfen goß er bescheidenes Wissen in
                    der Kleinen Verständnis;aber seine Liebe feierte den größten Triumph, des Kindes
                    Seele schloß sich mit einer wahren Inbrunst an den geliebten Vater an, und er
                    vermochte sogar etwas von dem vollen Strome zu seiner Sybilla hinüber zu lenken.
                    Elsi nahm dem Vater zuliebe ein freundlicheres Wesen gegen ihre Mutter an; im
                    Herzen blieben sie einander gleichwohl fremd,aber das äußerliche Verhältnis
                    wurde doch erträglich.</p>
                <p>Am glücklichsten waren beide, Lehrer und Schülerin,wenn sie am Steintische unter
                    der Platane weilen konnten.Es war ein schönes „Lug ins Land“ auf die umliegenden
                    Berge und Hügel und auf Rosenthal mit der Kirche zu Füßen. Hier feierten die
                    beiden köstliche Lehrstunden; ein Blatt, ein Baum, ein Vogel gab Stoff zum
                    berichten;da stieg im Dorfe der Rauch gerade auf in die Höhe oder der Luftstrom
                    trug ihn seitwärts; es bildete sich seltsames Gewölk oder es waren Dachdecker
                    auf einem Hause.Hier sah man ein Begräbnis auf den Kirchhof ziehen;dort
                    schafften Frauen mit hellen Kopftüchern auf den Aeckern oder in den Reben; bald
                    wellte der Wind die jungen, blaßgrünen Kornbreiten am Hügel oder die Frucht fing
                    an zu reifen und wurde alle Tage gelber bis zum bräunlichsten Tone. Die Höhe
                    drüben war von Wald umsäumt; man sah die Landarbeiter vom Felde her sich im
                    Schatten dort niederlassen und „Znüni“ nehmen kurz, der Stoff ging nie aus.</p>
                <pb n="7"/>
                <p>Nur eines vermißte der Lehrende; er war stärker und deshalb auch bequemer
                    geworden. Wenn seines Elsleins Augen herumwanderten, wäre sie ihnen gerne auch
                    mit den Füßen gefolgt; das konnte der Substitut aber nicht mehr vollbringen. Zum
                    Glücke gab es in den Ferienzeiten einen Begleiter; wenn nicht gerade die Ernte
                    oder andere Verrichtungen den zur Hülfe auf den Lehenhof Heimgekehrten in
                    Anspruch nahmen, ging Gottfried leichten Schrittes mit Elsi den Hügel hinan,
                    besuchte die fernen Höhen, die Dörfer und Schloßruinen, und kamen die Kinder wie
                    ein vergnügtes Geschwisterpaar zurück, so hatten sie viel zu berichten.</p>
                <p>„Dieser liebe Bursche!“ fügte der Substitut im stillen bei; „hätte mir das
                    Geschick einen Sohn gegönnt wie dieser müßte er sein, so gesund an Leib und
                    Seele und ebenso reinen Herzens.“</p>
                <p>Sein geistiger Vater war er ohnehin; was in dem Knaben schlummerte, hatte er ja
                    geweckt und zur Entwicklung gebracht; Meister David, so gescheit und praktisch
                    er war. konnte das nicht an seinem Kinde herausbilden.</p>
                <p>** *</p>
                <p>Die Sitzungen am „Philosophentische“, so hatten die Freunde den Steintisch unter
                    der Platane getauft (weil früher oft Diskussionen über philosophische Fragen
                    hier stattfanden), hatten noch immer Anziehungskraft. Mitte des Sommers wohnten
                    ziemlich viel Basler in der Nähe und abends kamen die Herren gerne hier
                    zusammen. Es plauderte sich so hübsch unter dem breiten Blätterdache der
                    Platane, und zum Behagen der Besucher schenkte die Lehenfrau einen
                    ausgezeichneten Roten aus, Rosenthaler 1804.</p>
                <pb n="28"/>
                <p>Als einheimische Bauerntochter und Rebenbesitzerin war sie von Jugend auf mit der
                    Behandlung des Landweines vertraut, und vom Elternhause her besaß sie noch gute
                    Jahrgänge, die sich mit der Zeit sehr veredelt hatten. Die Gäste pflegten beim
                    Weggehen einen bescheidenen Betrag auf den Tisch niederzulegen, daß sie nicht in
                    Schaden kam.</p>
                <p>Wenn auch viele Herren nach den Ferien in die Stadt zurückkehrten, blieben noch
                    immer ein paar Stammgäste.Der eine, Balthasar, der in seinem stattlichen Hause
                    am Tannenberg drüben immer am längsten aushielt, war ein gar hitziger
                    Gesellschafter; damals erregten die politischen Fragen alle Gemüter und man
                    konnte nicht zusammen kommen, ohne sich zu streiten. Der Substitut nahm es mit
                    kühler Gelassenheit auf; er, der Vielbelesene, vielleicht auch der
                    Freisinnigste, betrachtete alles gleichsam aus der Vogelschau. Bei seinem
                    starken Sinn sür Gerechtigkeit ahnte er, daß es zu einem Kampfe und zur Trennung
                    zwischen Stadt und Land kommen müsse; daß sich aber deshalb die Freunde so
                    hitzig befehdeten, war seinem feinen Wesen eine Pein.</p>
                <p>Der Besitzer vom Tannenberge schnob Feuer und Flamme gegen die Stadtregierung;
                    der Pfarrherr von Rosenthal aber, ein Vetter der Substitutin, gehörte, wie die
                    meisten Geistlichen, mit Leib und Leben der Stadt.</p>
                <p>Wenn diese beiden Geister aufeinander platzten, der eine schäumend vor Zorn, der
                    andere mit ruhiger Wucht, konnte mans erleben, daß der „Balzer“, so nannte man
                    ihn vertraulich, seinen Zinnbecher heftig auf den Tisch warf und mit dem Rufe
                    davonstürmte: „Mich seht ihr nicht wieder!“</p>
                <p>Lange hielt ers aber nicht aus; schon am zweiten Tage <pb/>*8 pflegte er sein
                    Kommen durch Heraushängen einer weißen Friedensfahne anzumelden. Man sah nämlich
                    vom Philosophentische gerade auf den Giebel des Tannenberghauses,das zwischen
                    hohen Pappeln stand, und der Balzer seinerseits konnte mit seinem guten
                    Perspektiv alles beobachten,was unter der Platane vorging. Saßen dann die
                    andern,der Pfarrherr und der heitere Doktor von Rosenthal und der Meister David
                    fröhlich bei Manuel, brachte er, der einsame Junggeselle, in seiner verbohrten
                    Stimmung einen grimmigen Abend zu.</p>
                <p>Am meisten neidete er dem Lehenmann, dem Zörnli,dem Herren- und Pfaffendiener!
                    seinen Vorzug und daß man ihn sogar rief, wenn er nicht von selbst kam. „Nach
                    mir fragt kein Teufel, wenn ich auch ganz wegbleibe!“grollte er.</p>
                <p>Das war richtig, Meister David durfte nicht fehlen;er sprach zwar selten und
                    blieb trotz seiner Liebe und Anbetung für Manuel entschiedener Anhänger der
                    Siadt,und in der streng-religiösen Richtung war er eins mit dem Pfarrherrn.</p>
                <p>Er stand auch fest zu seiner Ansicht, stritt jedoch nie;es schmerzte ihn aber
                    tief, daß der Freund, den er als sein Höchstes auf Erden verehrte, in dieser
                    Beziehung so unzugänglich war.</p>
                <p>Befand sich Gottfried an solchen Abenden zu Hause,versah er Ganymeds Dienst und
                    paßte dabei auf das Gespräch der Herrn. Er hatte in Liestal so manches
                    zeitgemäße Wort gehört; ihn zog es zu der freidenkenden Partei, und im stillen
                    war er sogar ein angehender kleiner Rebell, schon von der Zeit her, wo er sich
                    zum Lauschen <pb n="31"/>33 </p>
                <p>0 </p>
                <p/>
                <p>hinter dem breiten Rücken des Vaters versteckt hatte; jetzt ftand er zunächst
                    horchend unter der Platane und in seinem Beifall oder mit Ablehnung.</p>
                <p>Der Substitut hatte seine Freude an dem jungen Burschen; dem Lehenmann aber
                    bangte im stillen. Er hatte sich den Sohn anders erhofft, der Tradition der
                    Väter gemäß, einen streng Gläubigen und Getreuen der Stadt mit Leib und Seele.
                    Und nun mußte er erleben,daß der Sohn auch die Mutter in die Irre lockte.
                    Uebermäßig fromm war sie nie gewesen; jetzt hatie der Knabe leichtes Spiel, denn
                    sie war von ihm vollständig hingenommen, und er selbst hatte keinen Einfluß mehr
                    auf ihr Denken. Aber klagen durfte er nicht, denn beide,Mutter und Sohn,
                    erwiesen ihm ihre Achtung und Liebe wie gewohnt.</p>
                <p>Nur eine schimpfte tüchtig über Gottfried“ Der war kein Spielkamerad mehr, er
                    hatte jetzt immer Wichtigeres zu tun. Dennoch lief sie ihm auf Schritt und Tritt
                    nach;sie mochte ihn nur noch leiden, „weil ihn Vater so furchtbar gern hat“, so
                    meinte sie.</p>
                <p>* * *</p>
                <p>In den letzten zwei Sommern hatte sich der Freundeskreis am Philosophentische
                    allmählich gelichtet; die Basler Bekannten kamen wohl noch einzeln den guten
                    Manuel besuchen, aber er war doch zu leidend, um Gesellschaft zu ertragen.</p>
                <p>Wie es nach und nach gekommen, seit er sein tägliches Schöpplein im „Bären“
                    aufgegeben, darauf besann er fich nicht mehr recht. Jetzt saß er in seinem
                    großen Lehnstuhl <pb n="31"/> mit den Ohrklappen, einen Polsterschemel unter den
                    Füßen und eine Decke über sich gebreitet Der Frau Syhilla Kraftsüpplein und die
                    frischen Eier, alle die Hühnerbrühen nichts wollte anschlagen; sein Leiden nahm
                    langsam überhand und die Asthmaanfälle kamen immer häufiger.Er tröstete sich
                    aber mit seinem Nachbarn vom Tannenhofe; der Balzer lag grimmig auf einem
                    Ruhbett und fluchte auf seine eingewickelten Füße; wenns hoch ging,konnte er in
                    großen Filzstiefeln ein wenig herumschlurfen.Seine Hauptbeschäftigung bestand
                    daraus, das Perspektiv auf und zuzuschieben, durch welches er den ganzen Tag
                    nach dem Mattenhofe hinüber „glurte“. Manuel hatte zwar den luftigen Platz am
                    Hügelrande verlassen und saß,von Wandschirmen umgeben, weiter zurück; aber man
                    sah doch, wenn ihn David hinaus- und hineintrug.</p>
                <p>Wenn der Tannenberger ein borstiger Patient war,der vom Morgen bis Abend
                    kollerte, blieb der Substitut dagegen immer derselbe, gütig und liebenswürdig;
                    der Arzt hielt dem Balzer öfter seinen geduldigen Freund als Beispiel vor; doch
                    er ließ das nicht gelten; der Manuel hatte sein liebes, lustiges Töchterchen; da
                    wars leicht, brav zu sein. In der Tat, Elsi war ihrem Vater die kleine Freundin
                    und Pflegerin, ihrem kindlichen Können gemäß.</p>
                <p>Da er sie nicht weiter unlerrichten konnte, ließ er sich täglich von ihr
                    vorlesen, und das Mädchen kannte nichts höheres, als bei ihm zu sitzen. Sie war
                    etwas gewachsen,und wenn auch nicht hübsch, doch sympathischer geworden;ihm
                    aber, dem Substituten, war sie das Liebste und Schönste, was es auf Erden gab.
                    Auch im Umgange mit <pb n="322"/> der Mutter hatte sie sich gebessert, es war
                    doch wenigstens ein friedliches Verhältinis zwischen beiden.</p>
                <p>Für den Kranken warens glückliche Tage, wenn Gottfried heimkam; er lebte nun im
                    Lehrerseminar zu Muttenz,und da der Vorsteher, ein Basler Pfarrherr, in der
                    Musik sehr bedeutend war, hatte er den begabten Jüngling in seine besondere
                    Obhut genommen. Gottfried besaß eine schöne Stimme; schon da er noch in Liestal
                    war, hatte er seinen Lehrer, den Organisten, durch seine musikalische Begabung
                    überrascht.</p>
                <p>Jetzt wurde er oft Sonntags berufen, in den Dörfern die Orgel zu spielen;
                    zuweilen mußt er in der Stadt bei einem Konzerte mittun; so kam er selten auf
                    den Mattenhof. Desto größer war die Freude, wenn der sehnsüchtig Erwartete
                    erschien; seine Alten ließen es gerne zu, daß er fast die ganze Zeit beim
                    Kranken saß, mit dem er ein Herz und eine Seele war. Lang würde es ja nicht mehr
                    dauern, das lag auch in den kummervollen Mienen des Jünglings, wenn er wieder zu
                    den Eltern hinüberkam.</p>
                <p>Es war damals eine gährende Zeit. In dem strengreligiösen Seminar entwickelten
                    sich gerade entgegengesetzte Elemente; die jungen Männer neigten nicht bloß zum
                    Freisinn, sondern zu entschieden rebellischer Gesinnung gegen die Stadt.</p>
                <p>Meister David, der treu gesinnte, litt sehr darunter;sein Sohn war ihm über den
                    Kopf gewachsen und ging seine eigenen Wege. Die Mutter sah es aber mit
                    strahlenden Augen, Gottfried blieb ja immer derselbe liebevolle,bescheidene
                    Junge; nach ihrer Meinung war er im Recht und wenn ihn der Substitut nicht
                    tadelte, mußte ihr Sohn doch das Richtige gewählt haben!<pb/>2V </p>
                <p>*</p>
                <p>Der arme Substitut! Krank kehrte er im Herbst in die Stadt zurück und hatte den
                    ganzen Winter nur eine Sehnsucht: wieder auf den Mattenhof! Meister David war
                    selbst zur Stadt gefahren, den Kranken zu holen und auf seinen starken Armen in
                    die alte, gelbe Kutsche zu heben; Manuel hatte ein solches Verlangen nach ihm
                    gehabt, daß des Arztes Bedenken davor zurücktraten. Und nun saß der Patient
                    wieder im großen Lehnstuhl, von Kissen unterstützt, in Decken gehüllt im warmen
                    Sonnenschein; es war zufällig ein recht heißer, trockener Sommer,und die gute
                    Landluft schien ihm wohl zu bekommen.</p>
                <p>Die Ernte war eingebracht; noch immer dauerte die Hitze. Wenn zwei zusammen
                    redeten, sprachen sie über die Trockenheit, die alles verdarb, und ein Gebet um
                    Regen war angeordnet; wer am Sonntage konnte, ging in die Kirche. Auch der
                    fromme Lehenmann hatte seinen lieben Substituten recht bequem in die Kissen
                    gebettet und ging,sein Gesangbuch, den „Pfarrhofer“, unterm Arm, den Fußweg
                    hinab; Elsi folgte ihm.</p>
                <p>Oben horchte der Kranke still dem Kirchengeläute; auch das Orgelspiel und der
                    Gemeindegesang tönte bis zu ihm hinauf, und er bekam Hunger nach geistiger
                    Speise;Sybilla mußte ihm die alte Bibel holen. Die war aber groß und schwer;
                    seine schwachen Hände konnten sie nicht halten. Da bot sich die Substitutin an,
                    ihm vorzulesen;er bat um den 103. Psalm.</p>
                <p>Bis sie ihn nach langem Blättern gefunden, stand ihm vor Ungeduld schon der
                    Schweiß auf der Stirn; sie hatte das Buch gegen die Mitte des Tisches geschoben,
                    denn </p>
                <pb n="34"/>
                <p>Buchstabieren, es war zum erbarmen. Sie fühlte es mit tiefer Zerknirschung; weun
                    ihr doch der liebe Gott helfen würde! Es geschah aber nichts dergleichen, und
                    während sie lesend mit dem Zeigfinger Wort für Wort begleitete,wand sich ihr
                    Mann vor Qual; um sie nicht zu kränken,schwieg er still! Es kam aber doch
                    Hilfe!</p>
                <p>Auf einmal rief der Substitut mit einem frohen Aufseufzen: da kommt der
                    „Seminarist!“</p>
                <p>Eben war Gottfried den Weg hinaufgekommen; erst stand er wie erstarrt; der Kranke
                    hatte sich so furchtbar perändert! Dann warf er den Hut beiseite und schritt
                    lebhaft auf den Substituten zu, wie Gabriel der Erzengel,dachte dieser, und er
                    bewillkommte ihn auch wie einen Himmelsboten.</p>
                <p>Frau Sybilla hatte sich hinter den dicken Stamm der Platane zurückgezogen, sie
                    war innerlich zerschmettert; wie hatte sie ein langes Leben um Manuels Zuneigung
                    geworben, und nie war ihr solcher Willkomm geworden;nun erschien dieser junge
                    Bauer und wurde wie ein Herzenssohn aufgenommen. Und abseits schluchzte sie
                    leise in ihr Tuch, daß er es nicht höre.</p>
                <p>„Liebe Mama“, rief da seine Stimme, „komm schüttle mir die Kissen auf; Gottfried
                    will mich besser beiten.“Und sie kam, und der Kranke legte seine Arme um des
                    Burschen Nacken und ließ sich langsam von den jungen,sorgfältigen Händen
                    aufheben; wie alles wieder in Ordnung war und Gottfried seine liebe Last auf den
                    Sitz niederließ, kam der Jüngling der Stirne des Kranken so nahe, daß er aus
                    einem warmen Impuls einen innigen stuß darauf drückte. Verwirrt über seine
                    Keckheit, erhob <pb n="725"/> er sich, aber der Substitut flüsterte: „Mein Sohn,
                    mein lieber Sohn“, und sah ihn mit einem so liebevollen, dankbaren Blicke an,
                    daß der junge Mann ihn im Leben nicht mehr vergaß. „Du kommst sehr gelegen“,
                    fügte er bei,indem er auf das Bibelbuch wies; „bitte den aufgeschlagenen
                    Psalm!“</p>
                <p>Da las Gottfried mit seiner zu Herzen gehenden und wohllautenden Stimme; Sybilla
                    hörte es zerknirscht an.Warum hätte man sie dergleichen nicht gelehrt?</p>
                <p>Dann wünschte der Substitut noch das Lied: Befiehl du deine Wege; „gelt, das
                    singst du mir, nicht wahr,mein Sohn?“</p>
                <p>Und Gottfried ging einige Schritte weiter und sang alle Verse durch. Er hatte
                    sich so gestellt, daß der Ton in das Freie schalle und den Kranken nicht
                    anstrenge.Es klang auch weit hinaus in dieser Sonntagsstille.</p>
                <p>Von einem der Seitentäler her erschienen auf zwei Leiterwagen fröhliche, junge
                    Leute mit Singen und Jubeln;sie unterbrachen auf einmal die lärmende Fahrt und
                    die Teilnehmer lauschten, bis das Lied zu Ende war.</p>
                <p>Und noch eine hatte es gehört, Elst! Sie fühlte sich heute so beklommen; die
                    Kirche war des angeordneten Gebetes wegen dicht angefüllt, da hinein mochte sie
                    nicht und ging deshalb auf den Gottesacker daneben, setzte sich auf ein Grab und
                    fragte sich: „Was ist denn mit mir,daß ich so betrübt bin?“</p>
                <p>Die zwei Fuhrwerke hatte sie gesehen und gehört; die standen plötzlich stil wie
                    auf Kommando. Warum?</p>
                <p>Da schallte auch zu ihr Gottfrieds Gesang, und unbewußt faltete sie die Hände:
                    das war wie in einer Kirche!</p>
                <pb n="36"/>
                <p>Die Stille überall, kein Vogelton, nur die Falter wiegten sich über den Blumen
                    auf den Gräbern, und ihr erschien es wie eine Stimme vom Himmel, sie vergaß
                    fast, daß es die ihres Jugendgefährten war.</p>
                <p>Der Sänger hatte geendet; der Kranke schien eingeschlafen zu sein; Gottfried
                    wußte es besser, der Substitut wollte nicht mehr sprechen, „das ist der
                    Abschied“, sagte sich der Jüngling und ging traurig davon; da öffneten sich die
                    vorher geschlossenen Augen und folgten ihm mit heißer Liebe und Wehmut. Der
                    Jüngling fühlte es in seine Seele hinein, er wagte aber nicht, sich
                    umzublicken.</p>
                <p>Nachmittags schickte der Substitut Elsi hinüber: David soll kommen. Zörnlis saßen
                    eben in ernster Stimmung beisammen, Frau Lene sah verweint aus. Das Mädchen
                    machte große Augen: „Habt Ihr Euch mit Gottfried, dem Revoluzzer, gezankt?“
                    fragte sie; es kam wohl hie und da vor in letzter Zeit.</p>
                <p>Frau Zörnli blickte sie mitleidsvoll an: das arme Kind hatte gar keine Ahnung
                    davon, was ihm in kurzem bevorstand.</p>
                <p>Während dann der Jüngling mit dem Mädchen einen Spaziergang machte es kam jetzt
                    selten von Hause weg hätten die beiden alten Freunde eine ernste
                    Unlerredung.Ueber den Kranken war plötzlich eine angstvolle Unruhe gekommen; er
                    wollte heim in die Stadiwohnung, und David sollte alles vorbereiten. Diesem
                    waren alle Wünsche des Kranken Befehle: er werde gleich Montags die gelbe
                    Reisekutsche instand stellen lassen und Dienstag früh könne dann die Abreise
                    erfolgen.</p>
                <pb n="37"/>
                <p>Bisher hatte Manuel noch keine Aeußerung über seinen Zustand getan, und Zörnli
                    schwebte in beständiger Angst.das geliebte Leben möchte auslöschen, ohne daß der
                    Kranke seinen Frieden mit Gott gemacht habe. Jetzt aber, wo er selber sagte, es
                    gehe zu Ende, durfte David auch reden,und er bat dringend, den Pfarrer herbitten
                    zu dürfen, daß er ihm das Abendmahl reiche. Er mußte sich aber auf die Stadt
                    vertrösten lassen; dort wollte dann Manuel,wenn das Irdische im Reinen war, die
                    heilige Handlung in Ruhe begehen; er sprachs nicht aus, aber David merkte es
                    doch: ihm, dem alten Freunde wollte er es zuliebe tun.</p>
                <p>Viel schwerer lag dem Substituten das Irdische auf dem Herzen. Was wollte er noch
                    anordnen, wo doch nichts mehr vorhanden war als Schulden? „Ich bin allezeit ein
                    schlechter Haushalter gewesen“, sagte er zu Meister Zörnli,„das ist von den
                    Eltern ererbt. Und meine arme Sybilla,die lebte auch immer in den Tag hinein;
                    sie wird es gar nicht fassen können, wenn alles über sie hereinbricht! Wie dank
                    ich dir, daß du mich immer daran mahntest!Sie ist doch so weit sicher gestellt,
                    daß sie kein Bettelbrot essen muß, wenns auch armselig genug ist. Meine Töchter
                    sind ja versorgt und sie haben seinerzeit mehr bekommen als ich verantworten
                    kann; dafür bleibt meinem lieben kleinen Mädchen nichts! gar nichts!“</p>
                <p>David tröstete: „Darum sorge dich nicht, lieber Manuel,„Elsi ist unser wie
                    Gottfried. Und sollte es sich nicht fügen, du weißt, was ich meine! wird unser
                    Sohn an ihr treu sein wie ein Bruder.“</p>
                <p>„Ich weiß, ich weiß! als ob ich nicht selbst alles aus deiner Hand angenommen
                    hätte wie ein Kind vom Vater?</p>
                <pb n="23"/>
                <p> Und alle Zeit hindurch, wo ich zu feig war, Sybilla aufzuklären, da habt ihr
                    unsern Haushalt aufrecht gehalten;und deine Meisterin! Wo gibt es eine wie sie?
                    Mit vollen Händen gab sie, ohne Dank oder Anerkennung zu finden; meine Frau wird
                    es später einsehen. Liebe, treue Mutter Lene!“</p>
                <p>Umsonst hatte der Freund gebeten; der Substitut wollte nicht schweigen; er hatte
                    noch etwas auf dem Herzen:„Ich verlange noch einen Liebesdienst von dir,
                    David!Wenn wir in der Stadt sind, kommst du mir zuhilfe.Du weißt, mein
                    Schuldenverzeichnis ist gemacht. Damit gehst du zur Tante Reiffenstein; sie ist
                    zu stolz, einen Blutsverwandten fallen zu lassen. Aber einen Kampf wirds kosten!
                    Wenn ihn einer ausfechten kann, bist dus! Willst du? Und dann sprich ein gutes
                    Wort für mein Elseli!Sie hat das Kind immer gern gesehen, weil es ihrer
                    verstorbenen Esther gleicht. Vielleicht hätte sie sich mit mir versöhnt, wenn
                    man ihr die Kleine mehr gelassen hätte;aber Sybilla haßt ja alles, was
                    Reiffenstein heißt.“</p>
                <p>Manuel hatte sich so aufgeregt, daß er im Fieber zitterte; sein guter David nahm
                    ihn auf die Arme und brachte ihn zu Bette, wo der Ermattete sogleich in Schlaf
                    verfiel.Tags darauf saß der Kranke wieder draußen; der Windschirm schützte ihn
                    vor dem Luftzug, der von Westen her kam und Regen zu verheißen schien. Leichtes
                    Gewölk türmte sich auf; das dürre Laub flatterte von den Bäumen wie im Herbst,
                    und doch wars erst August.</p>
                <p>Manuel schaute mit heißen Augen in die vertraute Landschaft, die sich wie zum
                    Abschied leicht verhüllt hatte.</p>
                <pb n="38"/>
                <p>Von der Platane sank ein Blatt ums andere zu Boden;ein besonders großes wehte
                    sanft nieder und legte sich wie ein Gruß des alten Baumes auf seine
                    wachsbleichen Hände.Er nahm es auf und betrachtete die vollendete Form, das
                    schön gezeichnete Geäder, das sich in die Mitte noch gegen das leuchtende Gelb
                    zu sträuben schien; grüne Lebenskraft kämpfte da um das Vergehen: bloß ein Hauch
                    noch, wie bei ihm, dem Kranken.</p>
                <p>Er hielt das Blatt am Stile fest und dachte daran,wie es im Frühjahr gekeimt und
                    getrieben und seinen Platz zwischen den Brüdern gefüllt hatte. Das brachte ihn
                    auf seine eigene Kindheit und Laufbahn zurück. Man kann in wenig Minuten ein
                    ganzes Leben an sich vorüberziehen lassen.</p>
                <p>Als schwaches Keimlein war er seinen Eltern erst in spätern Tagen geboren; sie
                    hatten vor ihm drei Kinder begraben, und ihre Aengstlichkeit für den Jüngsten
                    ging nun über alles Maß hinaus. Nie durfte er mit andern Kindern spielen; seine
                    französische Bonne war seine einzige jüngere Gesellschaft. Umso mehr erschien
                    ihm der Mattenhof wie ein Paradies; hier brauchte er nicht immer an Mamsells
                    Hand zu gehen. Der pausbackige, fröhliche und doch nicht wilde Pächtersknabe
                    wurde von den Eltern gewürdigt, der Spielgenoß ihres Manuels zu werden.</p>
                <p>Dadurch nahm die Liebe zwischen beiden ihren Anfang,und das Lehensöhnchen nahm
                    dem feinen Knaben gegenüber das Mütterliche an, das er ihm sein ganzes Leben
                    lang widmete.</p>
                <p>Beide Kinder lernten auch zusammen, erst bei der Welschen, später bei einem
                    Hauslehrer. Wenn aber die </p>
                <pb n="40"/>
                <p/>
                <p>Herrschaft im Herbst zur Stadt zurückkehrte, besuchte Pächters David die
                    Dorfschule. Da kam es oft vor, daß der Lehrer dem gescheiten Buben das
                    Schulmeistern überließ. Er selbst hatie eine größere Familie und mußte mit
                    Posamenten dem kleinen Gehalt aufhelfen.</p>
                <p>Von diesem Schulhalten wußte David dem Baslerbüblein so viel zu erzählen, daß
                    Manueli ihn beneidete;er wollte, wenn er einmal groß war, auch Schulmeister
                    werden.Damals kam Tante Sabine Reiffenstein viel nach dem Mattenhofe. Sie hatte
                    noch ein Guthaben daran, das nie zur Auszahlung kam; darum erschien sie jeden
                    Sommer mit ihrem Töchterlein Esther, ihre Zinsen in natura zu verzehren,
                    „verfressen“, wie sie sagte. Sabine war eine derbe, rasche Frau und nahm kein
                    Blatt vor den Mund;da kam es oft zu stürmischer Unterhaltung.</p>
                <p>Einmal waren sie so aneinander geraten, daß sie im Zorn zusammenpackte und nach
                    dem Lehenhofe übersiedelte,wo auch Gastzimmer zu haben waren. Geschenkt sollte
                    es ihnen darum nicht sein! Sie setzte einen verwaisten Knaben aus ihres Gatten
                    Familie an ihre Stelle und lachte schadenfroh; denn Louis Reiffenstein war ein
                    lang aufgeschossenes, hageres Bürschchen, und solche „habens wie die jungen
                    Hund, mögen fressen alle Stund“, sagte sie.</p>
                <p>Es fiel aber ganz anders aus, als sie erwartet hatte;der aufgedrungene Gast war
                    ein gescheiter Junge, welcher die Herrschaft famos unterhielt. Er hatte sich
                    beizeiten gute Manieren erworben und strebte überall darnach, beliebt zu werden;
                    denn er hatte es hoch im Kopf.</p>
                <pb n="41"/>
                <p>Dem Manuel merkte ers gleich an, daß es ihm bei den Eltern zu enge war, und er
                    sich nach der Schule und dem Verkehr mit Altersgenossen sehne; denn er horchte
                    mit leuchtenden Augen, wenn Louis vom Schulleben erzählte,und er tat das mit
                    kluger Auswahl; er wollte dem netten Knaben zur Erfüllung seines Wunsches
                    helfen.</p>
                <p>Es gelang ihm auch, zu Frau Sabinens größtem Sitaunen: Manuel sollte zum Herbst
                    in die Schule, und Louis hoffte, in seine eigene Klasse. Des Hauslehrers
                    Unterricht hatte ihn sogar weiter gefördert, als Louis gekommen war; doch mußte
                    man sich nach den Lehrfächern der Anstalt richten, und Manuel bekam deshalb
                    Nachhilfestunden. Im Herbst trat er dann ein.</p>
                <p>Die Eltern bestimmten noch, daß Louis bei ihnen wohnen solle, was dem ehrgeizigen
                    Knaben die erste Staffel zum Glücke bedeutete. Es war aber nicht bloß Eigennutz
                    bei ihm; er mußte Manuel lieben, wie jeder,der mit ihm in Berührung kam, selbst
                    die bärbeißige Tante war von seinem lieblichen Wesen gefesselt; noch mehr aber
                    ihr Töchterchen Esther, seine kleine Herzensfreundin.</p>
                <p>Während der Substitut so still unter der alten Platane saß, zog sein ganzes Leben
                    an ihm vorüber: die Schulund Studentenjahre mit dem treuen Louis, der ihn
                    väterlich umsorgte und hütete.</p>
                <p>Als sie beide ihre Studien absolviert hatten, empfing man sie auf dem Mattenhof
                    wie preisgekrönte Sieger!Da entstand ein Festleben! Alle Tage Gäste, welche den
                    zu seltener Schönheit aufgeblühten Jüngling bewunderten.</p>
                <pb n="422"/>
                <p>Auf seinen Mentor Louis fiel auch manch wohlwollender Blick; dieser verstand auch
                    seinen Vorteil und begegnete ältern Leuten mit ausgesuchter Bescheidenheit. Bet
                    der Jugend wußte er sich zu behaupten, obschon die Mädchen ihn nicht ausstehn
                    konnten: der hagere Mensch mit dem eckigen Gesicht und moquanten Lächeln sah
                    neben dem schönen Manuel zu widerwärtig aus. Er nahms gelassen,wenn der schöne
                    Besuch den Haussohn umschwärmte, und er leer ausging; er würde später auch
                    „Einer“ und dann kam „seine Zeit“.</p>
                <p>Manuel mußte in Gedanken an jene Tage lächeln.Da saßen hübsche, junge Mädchen um
                    den Stammtisch,machten Filet oder stickten, und er lehnte am Stamm der Platane
                    ein bischen eitel war man doch und spielte den Gästen zur Unterhaltung Flöte:
                    Arien aus Opern,bekannte Lieder, auch eine Allemando oder einen Walzer;dann
                    standen die zierlichen Jungfräulein auf, umfaßten sich und tanzten einen Reigen
                    um den Tisch herum; zuweilen sangen sie auch, zum Beispiel: „Ich Mädchen bin aus
                    Schwaben“, oder „Die Stationen des Lebens“, ein Extrapostlied; wohl auch Webers
                    Ständchen:„Wenn die Racht mit süßer Ruh </p>
                <p>Längst die Müden lohnet,</p>
                <p>Geh ich auf das Hüttchen zu,</p>
                <p>Wo mein Mädchen wohnet,</p>
                <p>Wünsch ihm noch um Mitternacht </p>
                <p>Eine süße, gute Nacht.“</p>
                <p>Nachher spielte Manuel auf der Flöte Variationen zu der Melodie; sie waren der
                    einen zugedacht, die so unscheinbar und heiter lächelnd unter den Gefährtinnen
                        saß;<pb n="45"/> denn ihr, der Bescheidensten, gehörte das Herz des schönen
                    Flötenspielers zu eigen. Ach! er war nur zu empfänglich für die Huldigungen auch
                    der andern Jungfräulein! Dennoch wußten beide, sie würden einmal Mann und Frau
                    werden.</p>
                <p>Leider hatte Mutter Sabine die unglückliche Idee, ihre Esther noch ein Jahr ins
                    Institut zu schicken; diese Trennung war den Liebenden verhängnisvoll. Manuels
                    Eltern sahen ohnehin diese Verbindung nicht gern; ihre Pläne gingen höher
                    hinauf; die Schönste und Reichste nur durfte seine Gattin werden: das war die
                    gefeierte Sybilla, das einzige Kind eines vermögenden, einflußreichen
                    Mannes.</p>
                <p>Bis jetzt hatte die stolze Tochter schon einige Anträge abgewiesen; als sie
                    jedoch Manuel zum erstenmal sah,erklärte sie: „Dieser soll es sein!“ Ihr Vater
                    mußte mit des jungen Mannes Eltern Verbindungen anknüpfen, und diese kamen ihm
                    freudig entgegen. Einladungen erfolgten von beiden Seiten, Sybilla sah täglich
                    den ihr so liebenswert erscheinenden Manuel, und dieser war nicht geartet,der
                    werbenden Inklination eines so schönen Mädchens zu widerstehen. Beide waren noch
                    jung zum heiraten, dennoch fand die Hochzeit in Kürze statt.</p>
                <p>Damals prophezeite ihnen jedermann eine glänzende Zukunft, denn Sybillas Vater
                    besaß die Klugheit und die Macht, den Tochtermann zu fördern. Zunächst wurde
                    Manuel als Substitut an einem Gerichte angestellt; dem Reiffenstein verschaffte
                    er einen Posten, damit dieser dem jungen Manne in allen Fällen als Stütze
                    beistehe; denn er hatte es gleich erkannt, Manuel paßte nicht für seinen
                    Beruf.</p>
                <pb n="44"/>
                <p>So glaubte er bestens für das Wohl seiner Kinder gesorgt zu haben; da traf ihn
                    ein schwerer Schlag. Die französische Revolution war ausgebrochen; er hatte sich
                    tief in finanzielle Unternehmungen eingelassen und verlor in Frankreich den
                    größten Teil seines Vermögens. Um den Schaden zu decken, wagte er zu
                    spekulieren; aber auch da verfolgte ihn das Mißgeschick. Sorge, Aufregung und
                    Verluste verdüsterten allmählich sein Gemüt, und er mußte als schwerkranker Mann
                    in die Stille zurücktreten.</p>
                <p>Der Schlag beugte Manuels Eltern am meisten. Ihre glänzenden Aussichten für den
                    Sohn waren nun zerstoben.Der Substitut suchte sich in seiner Stelle einzuleben,
                    aber diese Geschäfte waren ihm zuwider. Während Louis beim Eintritt der
                    helvetischen Verfassung sogleich einen höhern Posten erreichte, konnte er sich
                    nicht in das neue System finden, und schließlich rieten ihm die Alten selber zum
                    Rücktritt.</p>
                <p>Er blieb aber unter seinen Bekannten „der Substitut“zum Unterschiede von einem
                    Altersgenossen und Freunde,welcher denselben Vor- und Zunamen trug.</p>
                <p>In den nächsten Jahren verbrachten die Alten und die Jungen den größten Teil der
                    Zeit auf dem Mattenhofe,und Spbilla fand sich leicht in das stille Leben. Troß
                    vieler Verwandten besaß sie keine einzige Freundin und empfand nie ein Bedürfnis
                    nach Verkehr, weil sie vollständig in der Haushaltung aufging. Sie führte
                    dieselbe nach der im Vaterhause gewohnten Art.</p>
                <pb n="45"/>
                <p>Dem Substituten wars hier auch am wohlsten, da er bor einer Begegnung mit
                    Reiffensteins sicher war. Tante Sabine geriet in Wut, wenn sie eins von der
                    „Sippschaft“erblickte; ihre Tochter hingegen trug den Abfall mit Sanftmut und
                    Würde; sie wußte, daß ihr Jugendfreund am meisten darunter litt; Sybillas
                    blendende Erscheinung konnte ihn nicht lange über ihre Leere täuschen. Dafür
                    stand Esthers verklärtes Bild auf dem Altar seines Herzens,besonders seit sie,
                    wie ihr Vater einst, unerwartet an einem Herzschlage gestorben war.Manuels
                    Eltern mußten auch aus dem Leben scheiden;dem jungen Paare erwuchsen drei
                    Töchter. Nun fand Manuel seinen Beruf und Wirkungskreis; mit einer
                    unvergleichlichen Sorgfalt erzog er die schönen, begabten Mädchen.</p>
                <p>Als diese rasch hintereinander heirateten, nahm die nachgeborne kleine Elsi seine
                    ganze Erziehungskunst in Anfspruch. Das Kind war schwierig zu behandeln, um so
                    heißer schloß ers ins Herz. Und wie sie der verstorbenen Esther giich! Dieselbe
                    Größe! Das gleiche dunkle Haar! Kam nicht die Verklärte eben durch den Baumgang
                    geschritten? Nein! es war ja sein Mädchen, das Elseli!Das hüpfte sonst wie ein
                    Füllen oder stapfte mit den Absätzen trotzig auf; jetzt kams sanft herbei und
                    kauerte sich zu seinen Füßen, und zärtlich ihm in die Augen blickend, fragte es:
                    „Ists denn wahr, Väterchen, du wollest diese Woche noch in die Stadt ziehen?
                    Armer, kranker Vater, es wird dir dort wie einem Gefangenen zwischen bier Wänden
                    zumute sein!“</p>
                <pb n="16"/>
                <p>Der Substitut zuckte schmerzlich zusammen; er dachte an die vier Bretter, die ihn
                    in Bälde einschließen würden.Elsi hielt ihm in liebreichem Schelten vor, wie
                    unrecht er tue, den schönen Mattenhof jetzt schon zu verlassen, um die enge
                    Stadtluft einzuatmen; die roten Bäckchen würde er dann verlieren und seinen
                    glänzenden Blick.</p>
                <p>Von seiner Genesung redete sie, von der Freude, wieder mit ihm am
                    Philosophentische zu sitzen. So lange hatte er sich mit ihr abgemüht! Nun sollte
                    er sehen, wie sie eifrig sein werde! Sie plauderte so unbefangen, und ihm brachs
                    fast das Herz </p>
                <p>Tändelnd verglich sie seine blassen, durchsichtigen Hände mit ihren braunen
                    Tätzchen; die müßten wieder rund werden, wie früher, und der grämliche Zug im
                    Gesichte sollte verschwinden. Ich will, wie immer, den schönsten von allen
                    Vätern haben! Aber, was ist das? Um Gotteswillen, Vater ..!“</p>
                <p>Der Substitut war plötzlich in sein Kissen gesunken;er zitterte wie im Froste.
                    Elsit schrieb es dem kühlen Lüftchen zu und stellte die Windschirme dichter um
                    seinen Lehnstuhl. Da kamen schon die Rosen wieder auf seinen eingefallenen
                    Wangen und Elsi schwatzte zärtlich weiter.</p>
                <p>Ihm aber verwirrten sich die Gedanken im Fieber;er schaute mit brennenden Augen
                    auf sein Kind: wars Esther? oder wars Elsi? Die beiden Gestalten zerflossen ihm
                    in eine; er stammelte ohne Zusammenhang! „Ach Gott, er kennt mich nicht mehr!“
                    schrie Elsi * mnd wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis: der Vater tirbt </p>
                <pb n="47"/>
                <p>Sie warf sich jammernd über den Kranken, als vermöchte sie mit ihren festen,
                    jungen Armen das entfliehende Leben zurückzuhalten. Sie weinte laut! Das hatie
                    sie seit ihren ersten Kindertagen nicht mehr getan.</p>
                <p>Wars ihr Schluchzen oder der körperliche Schmerz,den ihm die heftige Umklammerung
                    verursachte er erwachte wieder zum Bewußtsein und zur schwersten Stunde seines
                    Lebens: das ungestüme, verzweifelnde Kind, das ihn nicht lassen wollte! Der Tod
                    mit seinen Schrecken schien ihm mild gegen diese Qual, die ihm das Herz
                    zerfleischte!</p>
                <p>Zum Glück eilten von zwei Seiten Sybilla und David herbei. Letzterer zog das
                    Mädchen weg und bat es eindringlich, dem Substituten keine Aufregung mehr zu
                    verursachen; er hätte sofort den Tod davon haben können.Und Elsi flog hinauf in
                    den einsamen Wald; da durfte sie doch ihren Schmerz hinausschreien.</p>
                <p>Jungen Herzen kann man die Hoffnung nie ganz nehmen. Als sie dem Vater „Gute
                    Nacht“ sagen durfte,fand sie ihn wieder gelassen in den Kissen gelehnt, und er
                    gab ihr liebreich die Hand und sagte: „Schlaf wohl,liebes Kind!“ wie er jeden
                    Abend tat, und doch wars heute das letztemal.</p>
                <p>Es hatte in der Nacht geregnet; der Staub auf der Landstraße war gedämpft und die
                    Luft still. Alles traf zusammen, um dem Kranken die Abreise zu erleichtern;sogar
                    die Nacht hatte ihm Schlaf gebracht. Nun saß er,schon frühe, in seinem
                    Lehnstuhl, an welchen man Stangen gebunden hatte; David und sein Meisterknecht
                    Hansli trugen <pb n="48"/> ihn das Sträßchen hinunter; die Frauen hatten mii
                    Fläschchen und allerlei Stärkungsmitteln den kürzern Fußweg genommen.</p>
                <p>Elsi war zum Glücke nicht aufgewacht. Aus ihrem Fensterchen in der Eckstube oben
                    wehte der kleine Vorhang wie zu einem Scheidegruße; Manuel blickte hinauf, so
                    lange ers sehen konnte; jetzt sah er nur noch das alte,bucklige Dach, jetzt die
                    liebe, breitästige Platane, und nun mußte er die Augen schließen: das
                    Rückwärtstragen, so vorsichtig es geschah, verursachte ihm Schwindel.</p>
                <p>Unten wurde er in den bereitstehenden Wagen gebettet,Sybilla setzte sich neben
                    ihn. Meister David sah noch nach,ob das Riemenzeug an den drei Pferden in
                    Ordnung sei,Hansli stieg auf den Bock und dann setzte sich das Gefährt langsam
                    in Bewegung.</p>
                <p>Dicht hinter der Substitutenkutsche, die hernach nie mehr in dieser Gegend
                    gesehen wurde, fuhr der Arzt mit Zörnli. In Liestal war alles vorausbestellt; am
                    Eingange warteten zwei Spitaldiener mit einem Tragbette; denn auf das bekannte
                    holperige Gassenpflaster durfte man sich mit dem Kranken nicht wagen. So trug
                    man ihn hinter dem Städtchen durch.</p>
                <p>Einmal, als Manuel aufblickte, sah er Gottfried nebenher gehen. Sein Gesicht
                    leuchtete einen Augenblick auf;aber er war nicht imstande, ein Zeichen zu geben;
                    er nahm auch keine Notiz davon, als man ihn wieder in den Wagen legte.</p>
                <p>Jetzt setzte sich David auch in die Kutsche. Es waren frische Pferde eingespannt
                    und rasch gings der Stadt zu,wo die tags vorher gesandten Mägde alles
                    vorbereitet <pb n="49"/> hatten. Der Arzt wartete schon, auch die Töchter mit
                    ihren Gatten; sie konnten aber den Vater nicht begrüßen.</p>
                <p>Mutter Lene hatte schweren Herzens den Weg zum Mattenhofe erstiegen. Ihr bangte
                    so sehr vor der Frage des Mädchens, warum man sie zurückgelassen habe. Mehrmals
                    hatte sie vor Elsis Bett gestanden und hatte nicht den Mut, es zu wecken:
                    „Schlafe nur, armes Kind!“flüsterte sie.</p>
                <p>Aber nun war die Zeit doch gekommen. Elsi nahms viel ruhiger, als sie gedacht;
                    aber sie wollte zu Fuße nachfolgen, weil im Wagen kein Platz für sie gewesen
                    war.Nur des Vaters Gebot konnte sie zurückhalten; sie versprach zu warten, bis
                    ihr Bericht geschickt würde.</p>
                <p>Am Tage nach der Uebersiedlung nach der Stadt schien sich der Substitut wohler zu
                    befinden, und David begab sich auf den Weg zu Frau Reiffenstein. Diese wohnte im
                    zweiten Stocke eines großen Hauses. Meister Zörnli setzte mehrmals den Klopfer
                    an der Haustür in Bewegung es rührte sich nichtz. Oben an den Fenstern waren
                    Spiegel angebracht, sogenannte Spione, in denen man die Einlaßbegehrenden
                    revidieren konnte. Da drin erschienen Gesichter und verschwanden wieder; David
                    sah daraus, daß man ihn mit Absicht nicht hörte und daß sich diese Tür für ihn
                    nicht öffnen würde.</p>
                <p>Er war aber nicht der Mann, sich abschrecken zu lassen,und schlug den Hammer nur
                    kräftiger auf. In der Nachbarschaft öffneten sich die Fenster; neugierig und
                    unwillig zugleich iönten Reden über die Straße: er stand wie eine Mauer und
                    klopfte weiter.</p>
                <pb n="30"/>
                <p>Zuletzt kam eine bärbeißig aussehende Magd und fragte nach seinem Begehr. Trotz
                    ihres Widerstrebens drückte er die Tür auf und stand endlich im Hause drin. Dann
                    ging sie eine Treppe hinauf, er hörte wispern, und schließlich kam die Person
                    zurück, öffnete ein Zimmer, dessen vergittertes Fenster gegen den Hof ging. Hier
                    solle er warten, bis die Frau benachrichtigt sei.</p>
                <p>Er ging zornig auf und ab. Plötzlich fiel ihm ein,man möchte Lust haben, ihn
                    gefangen zu setzen. Leise zog er den Schlüssel aus der Tür und legte ihn auf das
                    hohe Bord eines Schrankes. Nun kam es zaghaft die Treppe hinunter. Das war
                    offenbar die Base, die Frau Reiffenstein pflegte, eine blasse, ängstliche
                    Jungfrau. Sie fragte nach seinem Begehr und hieß ihn einstweilen Platz nehmen.
                    Dann war sie mit einem Sprung an der Tür,schlug diese zu und wollte schnell den
                    Schlüssel umdrehen;doch der war weg. Das Gesicht mußte er sehen! Er irat an die
                    Erschrockene, welche kaum mehr ihrer Sinne mächtig war: „Gehen Sie voran“,
                    befahl er, „ich will zu Frau Reiffenstein. Sie zeigen mir jetzt den Weg!“</p>
                <p>Die Greisin saß in der Nähe des Fensters zwischen den Kissen eines weichen
                    Polsterstuhls. David hätte sie nicht wieder erkannt, so gebrechlich und schwach
                    war die einst so resolute Frau geworden. Ihr kleines Gesicht verschwand fast
                    unter der großen Haube; die Spitze der stark gebogenen Nase und das aufstrebende
                    Kinn schienen sich begegnen zu wollen, und dazwischen lag der kleine,
                    tliefeingefallene Mund. Sie nahm eben eine Prise zur Stärkung und schob dann die
                    silberne Dose in ihre Schürzentasche. Meister Zörnli war höflich grüßend
                    eingetreten und <pb/></p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head>51 —</head>
                <p>51 sah gleich die scharfen Augen auf sich gerichtet; sie stachen aus Schlitzen
                    heraus wie zwei Messer: „Was will der Lehenmann hier?“ rief sie mit starker
                    Stimme; „er hat ja schon den Mattenhof in seine Tasche gesteckti Von ihm triffts
                    zu, was in der Bibel gesagt ift: Und Jonathan zog seinen Rock aus, den er
                    anhatte, und gab ihn David,dazu seinen Mantel und sein Schwert, seinen Bogen und
                    seinen Gürtel.“Vers 4; aber vorher heißt es: ‚„Und Jonathan und David machten
                    einen Bund miteinander; denn er hatte ihn lieb wie sein eigen Herzl Das ist das
                    Richtige, Frau Reiffenstein: Manuels Freundschaft war das Glück meines
                    Lebens;aber daß ich ihn ausnützte, wer dürfte das behaupten?Sie wiffens ja durch
                    Ihren Neffen, den Präsidenten. Es ist rechtschaffen erworben und anständig
                    bezahlt. Für einen andern hätte das Gut nicht den Wert gehabt wie für mich.“</p>
                <p>Frau Reiffenstein hatte immer dafür gegolten, daß sie ein „böses Mundstück“ habe;
                    auch jetzt fuhr sie über ADDan Titeln aus dem Tierreich nicht fehlen ließ; sie,
                    „die Aushauserin“, war an allem schuld, und die Schwiegersöhne, die den Alten
                    ausgezogen hatten.„Sehe er einmal dort hinüber! Die Wetterfahne auf dem spitzen
                    Dach! Das ist Manuels Elternhaus! Es war auch einmal meines; er hats von den
                    Eltern überkommen. Jetzt ist kein Ziegel auf dem Dache mehr sein eigen, alles
                    verklopft! Das Ding da oben zeigt schon lange richtig: „O weh, nur Schulden!“<pb n="58"/>12 </p>
                <p>Als sie endlich schwieg, um Atem zu holen, erklärte David, er müsse mit Frau
                    Reiffenstein ohne Zeugen sprechen,und deutete auf die Verwandte, die noch immer
                    zunächst der Türe stand und horchte. Sie wurde hinausgewiesen.</p>
                <p>Dann legte er ihr des sterbenden Freundes Anliegen ans Herz. Er erinnerte sie an
                    die Zuneigung, die sie für den Knaben Manuel gehabt; aber es hatte den
                    entgegengesetzten Erfolg: ihr fielen alle Kränkungen ein, die sie und ihre
                    Tochter vom Neffen erlitten hatten. „Es geschieht ihm recht, das ist der Sünde
                    Schuld!“ sagte sie, ein damals üblicher Ausdruck, wenn man jemand eine Strafe
                    gönnte.</p>
                <p>Zuletzt mahnte David wohlmeinend, aber etwas ungeschickt, daß vielleicht auch
                    bald ihr Stündlein kommen werde, bei ihrem hohen Alter </p>
                <p>Ihn unterbrechend, schrie sie: „Was untersteht er sich?Der Teufel ist alt! “.</p>
                <p>Er war auf dem Punkte, den Mut zu verlieren; da kam ihm eine komische
                    Unterbrechung zu Hilfe: schon lange hatie er ein Schlürfen und Trippeln im
                    Hausflur vernommen; ob wohl jemand an der Tür lauschte? Rasch ging er darauf zu
                    und riß sie auf: da standen die Mägde des Hauses, die bärtige Köchin und eine
                    noch nicht gesehene;die eine mit mächtigen Schüreisen bewaffnet, die andere mit
                    ähnlichem Gerät. Die Verwandte floh eiligst, er sah noch ihre Kleider flattern
                    und in einer Seitentür verschwinden.Zörnli fuhr sie mit seiner kräftigen Stimme
                    an: „Ihr verrückten Weibsbilder! Wenn ich wollte, ich schlüge euch <pb/>37*17
                    nieder!“ und vor den erhobenen Fäusten des Lehenmanns flüchteten sie in
                    Eile.</p>
                <p>Frau Sabine mußte so unbändig lachen, daß sie einen Stickhusten bekam, und hätte
                    sie David nicht gehalten,wäre sie vornüber gefallen. Er klopfte ihr sanft auf
                    den Rücken, wie ers in ähnlichem Falle schon gesehen; als es nachließ, lehnte er
                    sie in die Kissen zurück, zog das große Schnupftuch aus Blumdruck aus ihrer
                    Tasche und wischte der alten Frau wie einem Kinde das von Schweiß und Tränen
                    benetzte Gesicht ab.</p>
                <p>So schnell der Zwischenfall vorübergegangen, war bei Sabine eine Umwandlung
                    geschehen. Sie ließ sich das Schreiben wieder geben vorhin hatte sie es dem
                    Lehenmann vor die Füße geworfen , und nun war sie zur Unterhandlung bereit. Aber
                    dem Meister brannte der Boden unter den Füßen. Die Närrinnen hatien ihn so lange
                    aufgehalten; was hatte Manuel unterdessen gelitten?Was konnte geschehen sein in
                    dieser Zeit?</p>
                <p>Die Frau Reiffenstein war besser als ihr Ruf; David ging mit einer unbestimmten
                    Zusage und stürmte zum Hause des Substiluten zurück. Dort war des Kranken letzte
                    Stunde gekommen; der Arzt hatte die Angehörigen holen lassen, Manuel aber rief
                    sehnsüchtig nach ihm, dem Freunde.</p>
                <p>In der Krankenstube war das Beit von der Wand geschoben; an einer Seite saß
                    Sybilla und schluchzte leise in ihr Taschentuch. Die drei Töchter standen
                    weinend am Fußende; sie dachten wohl jetzt der sonnig-heitern Jugend,die sie bei
                    dem gütigen Vater genossen hatten. Sie fühlten den Stachel des Gewissens, das
                    ihnen die spätere Ent<pb n="54"/> fremdung vorwarf. Ihre Gatten standen in Reih
                    und Glied näher der Wand und machten ernste, unbehagliche Gesichter.</p>
                <p>Der Doktor überließ dem Zörnli seinen Platz am Bette. Mit heißen, vom starken
                    Lauf und von der Erschütterung bebenden Händen umfaßte dieser die kalten Finger
                    des Sterbenden, beugte sich zu seinem Ohre und sagte: „Manuel! ich bins,
                    David“.</p>
                <p>Das Bewußtsein war noch nicht ganz geschwunden.Mit Anstrengung hob der Substitut
                    die Augenlider ein wenig, und sein Blick fragte: „Wie stehts?“</p>
                <p>„Alles gut, mein Lieber! Du darfst auch ohne Sorge um dein Kind sein; denn die
                    Reiffensteinerin liebt Elsi!“</p>
                <p>Als hätte man einen grauen Vorhang von seinem Gesichte weggezogen, verschwand auf
                    des Sterbenden Antlitz der Ausdruck einer furchtbaren Angst. „Er hat nur noch
                    auf das gewartet“, dachte David, „nun läßt er sich sinken;Friede liegt auf
                    seinem Angesicht! Wenn jetzt nur einer beten wollte!“ aber niemand tat es, als
                    er selbst, stumm,mit tiefem Herzweh.</p>
                <p>Es war so still im Zimmer, daß man das Geräusch des schwingenden Perpendikels im
                    Uhrkasten störend empfand;auf der Gasse hörte man hin und wieder Leute
                    gehen.Jetzt trafen mehrere Männer vor dem Hause zusammen und führten eine laute
                    Unterhaltung; sie hätten nicht so derb gelacht, wenn sie eine Ahnung gehabt
                    hätten, daß über ihnen eine Seele auf der Schwelle der Ewigkeit stehe.Einer der
                    Schwiegersöhne ging entrüstet, das Fenster zu schließen; Manuel hatte nichts
                    mehr gehört, eben war sein letzter Seufzer entflohen.</p>
                <pb n="55"/>
                <p>Meister Zörnli war gegangen; der Schmerz erstickte ihn, er mußte ins Freie. Ohne
                    Hut lief er in den Gassen und Gäßchen herum. Wäre er doch auf dem Mattenhofe
                    gewesen, unter seinem Baume, das freie Feld vor sich.Hier zwischen den engen
                    Zäusferreihen war der Druck so schwer, als hätte ein Schraubstock sein Herz
                    umspannt!Ueberall rannte er an Leute; es war die Feierstunde, wo sie von der
                    Arbeit heimkamen.</p>
                <p>Endlich fand er im Kreuzgang des Münsters die gesuchte Einsamkeit! Hier dämmerte
                    es bereits; aus allen Ecken schien ihm das Dunkel entgegenzukriechen. Er hatte
                    kürzlich gehört, daß einmal einer das Schließen der Pforte verpaßt habe und eine
                    Nacht eingesperrt worden war. Dieser Mann behauptete, daß fich um Mitternacht
                    die Gräber geöffnet haben und die Verstorbenen umhergewandelt seien.David
                    glaubte es ja nicht; dennoch fing er an zu laufen wie ein Schulknabe und war
                    bald draußen unter den Bäumen der Pfalzterasse.</p>
                <p>Aber wohler wurde ihm nicht; ein physischer Schmerz zog ihn zusammen; er wollte
                    schreien, würgte aber keinen Ton heraus. Verzweifelnd wankte er bis zu einer
                    Bank an der Mauer und schaute mit Augen, die nichts sahen,auf den Strom und die
                    Gegend im Abendschein. Der Mann, dem im Leben nie etwas weh getan hatte, war vor
                    Qual fast von Sinnen.</p>
                <p>Und wie er stille saß, fielen ihm die Augen zu. So manche Nacht schon hatte er
                    nicht geschlafen; Frau Sybilla war ja nicht geschickt genug, ihren Mann zu
                    pflegen.</p>
                <p>Ein paar Stunden vergingen, noch immer saß er unbeweglich; die Münsteruhr schlug
                    zehn, das weckte ihn <pb n="2"/>20 auf. Erstaunt sah er um sich! Wie kam er
                    dahin?Unten rauschte der Strom feierlich-ernst vorbei und die Sterne spiegelten
                    sich in dem Wasser. Dort in Kleinbasel waren einzelne Fenster erleuchtet; auf
                    der Brücke brannten rötlich die Oellaternen. Da kam es ihm plötzlich in den
                    Sinn: er war hier, weil Manuel gestorben war, ach, ohne das Nachtmahli Er ging
                    ungestärkt den dunkeln Weg!„O Manuel, wo bist du?“</p>
                <p>Bange sah er zum Himmel auf. In diesem Momente schoß eine Lichtgarbe vor ihm
                    nieder und verschwand langsam in den Fluten des Rheines. Er wußte es ja wohl,das
                    war eine Sternschnuppe, wie sie so oft fallen im August; aber ihm kams vor wie
                    eine Botschaft aus der Höhe, daß der Geliebte zur Seligkeit eingegangen sei.</p>
                <p>Nun konnte er etwas getröstet an das Nächste denken.Er begab sich in die Stadt
                    hinunter, zu sehen, ob er in einem Wirtshaus noch Essen bekomme; denn am
                    heutigen Tage hätte er noch keinen Bissen genossen; bei Substituts war alles aus
                    dem Geleise. An der Freienstraße fand er noch eine offene, kleine Kneipe, und
                    als er gesättigt war,überlegte er erst: „Wohin für diese Nacht?“ Die Stunde war
                    schon so vorgerückt. Wie er aber gegen das Sterbehaus kam, sah er die Köpfe der
                    beiden Mägde zum Fenster hinausschauen und hörte sie rufen: „Er ists! er
                    kommt!“und freudig eilten beide die Treppe hinunter, ihm zu öffnen.Die jüngere
                    wäre um keinen Preis allein geblieben; sie hielt sich krampfhaft an den
                    Rockfalten der andern fest 8 ihre Bilcke irrten in den dunkeln Winkel des
                    lurs.</p>
                <pb n="57"/>
                <p>Oben saß Frau Syhilla wie vernichtet in der Sofaecke: „Sie haben mich allein
                    gelassen“, klagte sie, „es muß doch jemand wachen.“</p>
                <p>„Gehen Sie ruhig zu Bett, Frau Substitutin, ich „werde das schon versehen!“ sagte
                    David und hieß die Mägde sie begleiten.</p>
                <p>Er nahm den Leuchter, in dem eine dicke Wachskerze brannte, und ging damit in
                    Manuels Zimmer. Leise hob er das Tuch von des Toten Gesicht. Auf diesem war
                    alles Schmerzliche ausgelöscht. Die Züge hatten sich geglättet, und verjüngt und
                    schön wie in den Jugendtagen lag er da, das sanfte Lächeln um den feinen
                    Mund.</p>
                <p>Wie er doch vor allen Menschen bevorzugt war! Leibesschönheit und alle Gaben des
                    Gemütes hatte ihm Gott verliehen. Eigenes (I) verstand er nicht vor Leiden zu
                    bewahren!</p>
                <p>David dachte an seine Jugendzeit zurück. Als sie beide noch kleine Knaben waren,
                    hatte ihn Manuels Freundschaft beglückt; und als er sich verbittert von den
                    Seinigen getrennt hatte, war der einzige Trost, der ihn in die Fremde
                    begleitete, des Jünglings Wort: „Ich werde immer an dich denken!“ Wie glücklich
                    hatten sie sich wieder zusammengefunden! Jetzt war dieses Licht in seinem Leben
                    erloschen; es schien ihm, er könne niemals mehr froh werden. In seiner naiven
                    Seele fühlte er sich eins mit dem Psalmisten und klagte mit dessen Worten:„Es
                    ist mir leid um dich, mein lieber Bruder Jonathan!“</p>
                <p>Die Fünfuhrglocke weckte am Morgen den Meister Zörnli. Er hatte sich im
                    Sterbezimmer auf ein Ruhbett ausgestreckt und wollte wach bleiben; aber die
                    Müdigkeit hatte ihn übermannt. Durch das offene Fenster wehte der <pb/>* 7 </p>
                <p>Frühwind und bewegte das Leinentuch, das über den Toten gebreitet war. Es sah
                    aus, als ob Lebendiges darunter liege.</p>
                <p>Bald mußte die Sonne ins Zimmer scheinen. David zog die Fensterladen zu. Da stand
                    schon ein Bote von Frau Reiffenstein an der Haustür: der Lehenmann solle fofort
                    kommen, die Frau Reiffenstein habe eine schwere Nacht durchgemacht.</p>
                <p>Sie lag zu Bett und sah viel verfallener aus als am gestrigen Tage: ein weißes
                    Tuch umschlang den Kopf;die magern Arme und Hände streckten sich aus dem
                    weiten,bunten Nachtgewande dem Meister entgegen.</p>
                <p>„Wo hat er gestern Abend gesteckt?“ fuhr sie ihn an,„ich hab ihn überall suchen
                    lassen! Was hat er mit Manuel gesprochen? Ich will alles wissen!“</p>
                <p>Dabid berichtete getreulich. Er war darauf gefaßt, daß sie über ihn herfallen
                    werde, da er weit mehr versprochen als sie ihm zugesagt. Zu seinem Erstaunen
                    rief sie: „Da hat er Recht gehabt! Ich muß ihm danken, daß er mir gestern den
                    Daumen aufsetzte! Wenn ich mirs ausdenke,daß ihm drüben meine Esther als Engel
                    entgegenkam!Wie hätte es sie gekränkt, daß die Mutter wieder einmal schnöde
                    gewesen! Er braucht nicht zu lächeln, Lehenmann! Meine Tochter erfährt alles,
                    was ich tue. Ich bin halt eine arge Frau, wenn ich aber Böses getan habe, kommt
                    mir nachher die Reue; da gehe ich in meiner Esther Stüblein, schau er! da ist
                    die Tir! Es steht noch alles, wie sie es verlaffen hat, sogar ihre Arbeit ist
                    noch am Nähstock angeheftet. Dort saß sie am Vormittag und abends war sie
                    tot.</p>
                <pb n="39"/>
                <p>In ihrem Stüblein werde ich immer besser, denn sie ist da und sagt mir, wie ichs
                    gut machen foll, wenn ich gefehlt habe. Da hat sie mir denn befohlen, ich soll
                    Manuel geben, um was er bittet. Denk er sich meinen Schreck! Wo ich herauskomme,
                    erfahre ich, daß mein Neffe gestorben ist. Er darf mirs glauben, das war eine
                    schreckliche Nacht! Dort in der Tür stand meine Esther und sah mich betrübt und
                    vorwurfsvoll an!</p>
                <p>Nun!“ unterbrach sie sich, „Manuel hat auch schlecht an ihr gehandelt; er wird
                    gewiß eine schwere Todesstunde gehabt haben, weil er ohne ihre Verzeihung
                    abfahren mußte.“</p>
                <p>„Er hat Vergebung erhalten, Frau Reiffenstein“, unterbrach sie David; „ich habs
                    selbst mitangesehen.“</p>
                <p>Die Greisin fuhr in die Höhe, riß in der Aufregung das Kopftuch weg und schrie
                    ihn an: „Wann? was weiß er? sag ers mir!“</p>
                <p>Und Zörnli berichtete, daß es auf dem ElisabethenGottesacker gewesen sei; der
                    Substitut hatte den Steinmetz dahin bestellt, weil das Grabmahl der Eltern einer
                    Reparatur bedurfte; er, David, hatte ihn begleitet.</p>
                <p>Da sahen sie auf einmal die Jungfer Esther unter dem Schatten der Bäume
                    hervorkommen; freudig ging sie auf Manuel zu. Natürlich zog sich David zurück
                    und wartete draußen, und da kamen sie endlich, Hand in Hand,und sie saglie:
                    „Behüt di Gott, liebe Vetter!“ und auch er nahm herzlich Abschied von ihr.</p>
                <p>„Davon hat mir meine Tochter kein Wort gesagt“,brummte Frau Reiffenstein, „wie
                    kam das?“<pb/>75)3 </p>
                <p>Esther war aber bald darauf gestorben; demnach empfands die Mutter als eine
                    schwer zu verwindende Kränkung, und David trat rücksichtsvoll zurück, bis sie
                    ihn wieder rief.</p>
                <p>Nun kam sie auf Manuel und die Seinen zurück. Der Meister war erstaunt, wie genau
                    sie von allem unterrichtet war; sie sagte ihm, das sei immer der Fall gewesen,
                    wenn Substitutens in der Stadt waren. „Beispielsweise: Hätte er mich gefragt,
                    was sie z Immis kochen? Ich hätte ihms genau sagen können; wie ichs erfuhr,
                    werde ich ihm aber nicht auf die Nase binden!“ David dachte gleich an eine
                    bezahlte Spionin.</p>
                <p>Ganz antipathisch waren ihr des Verstorbenen Tochtermänner. War das ein Getu, als
                    die vornehmen Brüder auf einen Tag mit den beiden Substitutenmädchen Hochzeit
                    hatten! Damals sagte der Louis mit Recht: „Der Substitut zieht sich aus, bevor
                    er zu Bett geht“. Nachher kam die Helene dran; der gehörte auch was den
                    andern.</p>
                <p>Als man dann erfuhr, daß es bei den Alten anfing zu hapern, wollte Helenens Mann
                    dem Schwiegervater einen Teil zurückerstatten; aber Manuels Stolz ließ es nicht
                    zu. „Verhungert sind sie deshalb nicht, sie fraßen nur alles auf, was zu Geld zu
                    machen war. Eben das ärgerte die jungen Handelsmänner am meisten, und da es
                    herum kam, wollten sie nichts mehr mit den Alten zu tun haben.“„Das ist ihm ja
                    alles wohlbekannt, auch daß Louis,der Präsident, zu Elsis Vormund bestimmt ist.
                    Den armen Wurm hat er splitternackt zurückgelassen; für seine </p>
                <pb n="61"/>
                <p>Sybilla sorgte er wenigstens, daß sie noch was zu nagen hat . Nein! unterbrech er
                    mich nicht! Ich weiß wohl,was meine Pflicht ist: Esther hat mirs heut Nacht
                    gesagt.</p>
                <p>Was meint er, wenn ich sie in ein Institut gebe?“</p>
                <p>David riet ab: „Elsi ist von Natur etwas unbändig und bis jetzt lebte sie wie ein
                    Füllen auf der Weide.Wenns ihr nicht paßt, läuft sie draus. Es wäre vielleicht
                    besser, sie zuerst in einer Familie unterzubringen, wo noch Töchter wären; zum
                    Beispiel im Pfarrhaus in Liestal; es hat ihr dort immer so gut gefallen.“</p>
                <p>„Da hat er einen gescheiten Gedanken!“ rief Frau Reiffenstein erfreut; „sie haben
                    dort von Zeit zu Zeit Kostmädchen gehabt.“</p>
                <p>Die Pfarrfrau hatte infolge der aufrührerischen Zeiten eine schwere Erkrankung
                    durchgemacht; das war aber vorbei. Frau Sabine erklärte: „Elsi muß ins
                    Pfarrhaus!Der Reiffenstein soll gleich heut schreiben.“</p>
                <p>Mutter Zörnli hatte schwere Stunden mit der zurückgelassenen Elsi. Dabids
                    Botschaft vom Abscheiden des Substituten war nach dem Mattenhofe gelangt; aber
                    sie fand den Mut nicht, dem wie verstörten Mädchen die Trauernachricht
                    mitzuteilen; es kam nicht mehr zu Tisch und floh alle Menschen.</p>
                <p>Der Pfarrherr von Rosenthal war heraufgekommen,um die Waise zu trösten; sie ließ
                    sich nicht blicken. Mit dem wärmsten Mitgefühl suchte er sie in ihrem Stübchen
                    auf; aber sie schob schnell den Riegel vor. Alle wußtens und niemand traute
                    sich, das schwere Wort auszusprechen.<pb/>12*</p>
                <p>4 </p>
                <p>Da kam die beste Hülfe in der Not, der Sohn Gottfried. Willig folgte ihm Elsi die
                    Anhöhe hinauf; er wußte,der erste Sturm mußte fern von den Leuten durchgekämpft
                    werden!</p>
                <p>An diesem Abend saß das Mädchen wieder zum erstenmal am Tische. Gottfried war
                    zwar wieder gegangen, aber Elsi, die alles gewußt, ohne daß ihrs jemand sagte,
                    hatte Ergebung gefunden.</p>
                <p>Als der Meister vom Begräbnisse zurückgekehrt und ihr alles Nähere berichtete,
                    weinte sie heiße Tränen. Sie prägte sich jedes Wort ein, das ihr der Vater durch
                    David hatte sagen lassen. Daß sie ganz arm war, berührte sie kaum; Zörnlis waren
                    noch da, bei ihnen fühlte sie sich Kind.</p>
                <p>Nach der Mutter äußerte sie kein Verlangen, sie war ganz froh, als ihr Vormund,
                    der Präsident Reiffenstein,für die Substitutin ein Unterkommen gefunden hatte.
                    Es war bei einer Doktorswitwe auf aargauischen Boden, wo er selbst schon im
                    Quartier gewesen; er führte sie auch an ihren Bestimmungsort </p>
                <p>Energisch sorgte Elsi für ihre eigene Zukunft. Die Aussicht, ins Liestaler
                    Pfarrhaus zu kommen, war ihr ganz erwünscht; nur gings zu lange, bis die Sache
                    im Reinen war; denn in Liestal trug man Bedenken, in so unruhiger Zeit ein
                    Kostkind zu nehmen, und Elsi stand obendrein im Rufe, etwas verwöhnt zu
                    sein.</p>
                <p>Das dauerte dem Mädchen aber zu lange: „Ich will wissen, wo ich dran bin!“ sagte
                    sie zu Zörnlis, und da alles Zureden umsonst war, ließ man das Bernerwägelein
                    einspannen, und der Meisterknecht Hansli fuhr sie nach Liestal.</p>
                <pb n="82"/>
                <p>Das Gefährt erregte mitten in der Woche viel Aufsehen im kleinen Städtchen Der
                    Hansli hatte sich dem „Baslerjümpferli“ zulieb mit seinem besten Staat
                    angetan;seine glühenden Backen wetteiferten mit dem roten Halstuch, und im
                    grünen Sonntagskamisol mit dem breiten Hut saß er stolz auf dem Vordersitz,
                    hinter ihm Elst im schwarzen Kleide.</p>
                <p>Kaum war er vor der Pfarrhaustür angefahren, zeigten sich kurz oben am Fenster
                    zwei Köpfe: das waren die ältere Pfarrerstochter Valentine, die sich dann
                    beeilte, ihrem Vater oben im Studierzimmer die unliebsame Ueberraschung
                    mitzuteilen, und die jüngste, Thekla, die in einigen Sprüngen die Treppe
                    herunterflog und mit lautem Jubel den Gast in Empfang nahm.</p>
                <p>Einen größern Gegensatz gab es nicht als die zwei Mädchen: Elsi schwarz, etwas
                    derb, eher klein für ihr Aller; die blonde Thekla hingegen außerordentlich
                    aufgeschossen und überschlank; sie ging noch in kurzem Kleide und trug das Haar
                    à la Titus.</p>
                <p>Schwatzend hüpften beide die Treppe hinan. Oben stand die Pfarrfrau und schloß
                    Elsi mit zartlicher Wehmut in die Arme. Ihr war der Substitut ein so lieber
                    Verwandter gewesen! Sie zog das Mädchen ins Zimmer,denn eben hörte man die
                    Schritte des Pfarrherrn auf der Treppe. Vally hatte ihn schon bearbeitet, das
                    sah man an seinem Gesichte.</p>
                <p>Die Pfarrerin trat schnell zum Gatten, als wollte sie ihn halten, und ihre Blicke
                    hingen bittend an den strengen Mienen des Hausherrn. Dieser vermied aber, sie
                    anzusehen, und sein frostiger Gruß zeigte deutlich, daß ihm </p>
                <pb n="64"/>
                <p>Elsi nicht erwünscht kam. Da dachte das Mädchen: „Hier muß man für sich selber
                    sprechen“, und trat resolut auf den Gestrengen zu. „Herr Pfarrer“, sagte sie,
                    „ich merke wohl, daß Sie Lust haben, mich wieder fortzuschicken.Aber versuchen
                    Sie es doch erst ein paar Tage mit mir;die liebe Frau Pfarrer hat mich so
                    herzlich empfangen! Wenn Sie wüßten, wie nötig es für mich ist, in ein solches
                    Haus zu kommen! Seit der Vater tot ist, sagt mir kein Mensch mehr, was ich tun
                    soll, und was wird dann aus mir? “. Ein Schluchzen kam in ihre Stimme.Thekla
                    warf sich dem Vater an den Hals und bettelte und flattierte mit vielen Küssen.
                    Sie stellte ihm vor: „Wir sind drei Stimmen gegen zwei, denn Laura möchte auch
                    und die Mutter! Sieh nur, wie sie nasse Augen hat!Sie hat Elsi so gern!“</p>
                <p>Der Pfarrherr war überwunden. Er reichte dem Mädchen die Hand entgegen:
                    „Meinetwegen denn! Wir wollen es auf ein paar Wochen wagen. Die Zeiten sind
                    nicht danach, einen langen Akkord zu schließen. Aber da unten hört man mit der
                    Peitsche knallen. Ich glaube,Zörnlis Knecht wird ungeduldig?“</p>
                <p>Laura, die zweite Tochter, hatte schon für einen Becher Wein gesorgt; eine Magd
                    brachte ihn dem Durstigen samt einem kleinen Imbiß. Dann zog sie aus der weiten
                    Schürzentasche einen Wampen Brot und fütterte das Pferd.Hansli klöpfte seine
                    kleinen Augen weit auf und schaute über den Becherrand fast neidisch zu, wie die
                    hochgewachsene, schöne Person den Kohli streichelte und ihm gute Worte gab. In
                    seinem Kopfe entstand der Gedanke, so müsse einmal die Lehenfrau beschaffen
                    sein, wenn ihm </p>
                <pb n="65"/>
                <p>Meister David die Pacht übergab; das helle Gesicht und die Zöpfe von der Farbe
                    des reifenden Kornes nahmen ihn gefangen, und ihre Freundlichkeit mit dem
                    „Roß“.hüls Elsi aus dem Fenster herabrief: „Fahr zu,Hansli, ich bleibe; grüße
                    mir alle“, machte er mit Leidwesen Kehrt und vergaß darüber den Abschiedsgruß
                    für die Auserwählte.</p>
                <p>Elsi war also ein Glied des Hauses geworden. Die paar zugestandenen Wochen des
                    Pfarrherrn machten ihr kein Bedenken, denn nun saß sie mit der Familie beim
                    Abendbrot. Mutter Lene hatte ihr stets mit einem Leckerbissen aufgewartet; auch
                    hatte sie die Erinnerung an frühere Gelegenheiten, wenn Tante Sabine sie ins
                    Pfarrhaus mitnahm und der Tisch mit viel Silber und einer Menge guter Sachen
                    besetzt war. Die Großtante brachte letztere gewöhnlich im Kutschkasten mit.</p>
                <p>Jetzt erstaunte sie über das einfache Gerät: es war alles, auch die Löffel, von
                    Zinn; der Hausvater allein hatte einen von Silber und die Pfarrerin einen
                    solchen Kaffeelöffel, um das weiche Ei auszuschöpfen, das ihr tägliches
                    Äbendessen war. Die Töchter umsorgten ihre Mutter; dergleichen hatte Elsi noch
                    nie gesehen: eine schob ihr den Strohstuhl an den Tisch, die andere steckte ein
                    Kissen hinter ihren Rücken und Thekla den Schemel unter ihre Füße. Der Pfarrherr
                    schnitt ihr das Weißbrot zum Eintunken in lange, schmale Würfel, so peinlich
                    genau,als wärs der feinfte Leckerbissen. Alle bestrebten sich nur,sie zu
                    verwöhnen. Der Vater dämpfte sogar seine starke Stimme, wenn er mit ihr sprach.
                    Und doch war sie nicht schön, die Pfarrerin. Da war die Mama eine andere </p>
                <p>Frau dagegen!</p>
                <pb n="36"/>
                <p>Aber die weiße Tüllkrause ihrer Haube umschloß ein liebliches Gesicht, von dem es
                    wie Sonnenstrahlen ausging; wie wohl wurde einem unter ihren Augen!</p>
                <p>Jetzt wurde das Abendessen hereingebracht. Duft wie von gebratenem Speck ging von
                    der breiten Schüssel aus.Elst blickte gespannt, als man sie vor Valentine nieder
                    setzte: was wars? Haferbrei!</p>
                <p>Die älteste schöpfte auf die Zinnteller; sie tat es so geschickt, daß auf jeder
                    Portion von dem Geschmelzten obenauf lag. Die Mägde waren mit ihren Tellern auch
                    gekommen; Laura hatte vorher die Becher mit Milch gefüllt und schmackhaftes
                    Hausbrot in Scheiben geschnitten;jedes bediente sich nach Belieben.</p>
                <p>Die Neuangekommene knusperte fröhlich ihre gerösteten Speckwürfel. Da merkte sie,
                    daß alles wartete. Erst als die Dienstboten ihren Anteil auch hatten, betete
                    Thekla:„Aller Augen“, und dann ging ein allgemeines Löffeln an.</p>
                <p>Spöter ließen sie sich zum zweitenmal geben, Elsi dankte.Sie besah sich
                    unterdessen die Leute am Tisch: der Pfarrherr war anders geworden als früher;
                    ein scharfer Zug lag auf seinem Gesicht. Valentine war sein Ebenbild.„Die mag
                    ich nicht, so schön sie ist“, dachte sie, „auch Thekla scheint mores vor ihr zu
                    haben; sie meistert wohl alle! Hingegen Laura hat das liebliche Wesen ihrer
                    Mutter, die muß man gern haben!“</p>
                <p>Elsi kannte die Mägde auch von früher her. Damals wurden die Dienstboten mehr zur
                    Familie gerechnet; es kam ja vor, daß sie in derselben Sielle ihr ganzes Leben
                    zubrachten. Kunigunde war die ansehnliche Tochter eines Liestaler Bürgers und
                    Handschuhmachers; ihr selbstbewußtes </p>
                <pb n="87"/>
                <p>Wesen zeigie an, daß sie aus bloßer Neigung im Pfarrhause diente. Dagegen war die
                    anmutige, blonde Chrischona von musterhafter Bescheidenheit; denn sie stammte
                    bloß aus dem Gestadeck, dem an Liestal angeschlossenen Dörfchen.</p>
                <p>Als die Pfarrersleute ein Kindermädchen suchten, wurde sie ihnen von des Hauses
                    Wäscherin vorgestellt, aber zu jung erfunden. Betrübt wandte sich das artige
                    Kind zur Tür; da fragte die Hausfrau: „Wie heißest du denn?“„Chrischona“
                    antwortete das Mädchen, und zwei schwere Tränen rollten über seine Wangen.</p>
                <p>Der poesievollen Pfarrerin stieg plötzlich eine Erinnerung auf: „Chrischona“, der
                    grüne Hügel mit dem lieblichen Kirchlein, wo sie sich mit ihrem Kandidaten
                    versprochen hatte. Der Name und vielleicht die Tränen des Kindes machten ihr das
                    Herz weich; sie wechselte einen Blick mit ihrem Gatten und sagte: „Chrischona!
                    du kannst morgen eintreten“, worauf der Pfarrherr beifügte: „Einstweilen auf
                    Probe!“</p>
                <p>Damals kroch Valentine noch auf allen Vieren; andere Kinder folglen. Chrischona
                    hegte und besorgte sie wie ein Mütterlein und wuchs dabei selbst in die Höhe und
                    in die Familie hinein, und als zwei ihrer Pfleglinge an der Bräune starben,
                    benetzte sie ihre Särglein mit den heißesten Tränen.</p>
                <p>Das war alles der Elsi wieder in den Sinn gekommen.Jetzt falteten die Mägde ihre
                    Hände zum stillen Gebet und gingen dann mit ihren Tellern ab; Elsi blickte
                    gespannt nach der Tür.</p>
                <p>„Auf was wartest du, liebes Kind?“ fragte die Pfarrfrau, und das Mädchen sagte
                    unüberlegt: „Auf das, was nachkommt!“</p>
                <pb n="88"/>
                <p>Die Ehegatten sahen einander belustigt an; dann erklärte die Hausmutter: „Es
                    kommt nichts mehr; wir haben abends eine einzige Speise. Der Herr Pfarrer allein
                    nimmt zum Nachtisch einen Bissen zum Wein, weil er bis Mitternacht arbeitet.
                    Aber Väterchen ist so gut und gibt euch ein Stückchen vom Käse ab.“</p>
                <p>Jetzt war das Lachen an Elsi: das Väterchen hatte gewiß seine sechs Schuh Länge,
                    und als er den Mädchen an der Messerspitze einen schön abgezirkelten Käsewürfel
                    entgegenstreckte, reichte sein Arm über den ganzen Tisch.</p>
                <p>Nachher wurden die Mägde wieder hereingerufen und setzten sich neben der Tür.
                    Valenline hatte dem Vater die Bibel gereicht; er las einige Verse, knüpfte ein
                    paar Worte daran und sprach das Vaterunser. Nachher ging alles auseinander, und
                    Elsi hatte Zeit, ihre Betrachtungen anzustellen. Zuerst fiel ihr auf, wie sich
                    die Wohnstube verändert hatte. Noch stand der massive Eßtisch in der Mitte, die
                    Holzstühle ringsherum. Aber doch war alles früher viel netter gewesen; hohes,
                    braunes Getäfel, oben dran weiß gekalkte Mauer. Da hingen zwei schönbemalte
                    Holztafeln, die einst Türen einer Hausorgel gewesen; auf der einen junge
                    Gestalten in griechischen Gewändern, die Musen; auf der andern Orpheus mit der
                    Leier! Rings um ihn lagerten zahme und wilde Tiere und vom Baume herab lauschten
                    Pfauen, Fasanen und anderes Gevögel.</p>
                <p>Die gegenüberliegende Wand schmückte eine sentimentale Landschaft mit einem
                    Weiher; auf blumigen Rasen kniete eine Jungfrau und schlang dem Lämmchen vor ihr
                    ein farbiges Band um den Hals.<pb n="2"/>8 </p>
                <p>Seitdem sie zum letztenmale dagewesen, war das Helle,Bunte alles verschwunden;
                    die Stube sah nüchtern aus in dem eintönigen Graugrün der neugestrichenen Farbe.
                    Es fehlte auch der gemütliche Ofenwinkel mit seinen TreppenD kalten Winter bon
                    1829,30 Tag und Nacht einheizen mußte, um nicht zu erfrieren. Da hatte der alte
                    Ofen den Rest bekommen.Sein Nachfolger war kleiner, von den neumodischen, grünen
                    Kacheln und heizte gut. Ein warmes Plätzchen für die Muller war so gewonnen, ihr
                    hochbeiniges Sofa stand nun dicht daneben.</p>
                <p>Thekla zog nachher Elsi in die Visitenstube. Dieser mit einer Menge Kleinigkeiten
                    angefüllte Raum war der Jüngsten zur Besorgung übergeben, und sie pflegte mit
                    einer unglaublichen Pietät alle die Andenken, welche die Pfarrfrau im Lauf der
                    Jahre erhalten hatte. Das waren einst Arbeiten von jungen Liestaler Töchtern,
                    welche im Pfarrhause Unterricht im feinen Nähen und Sticken, im Folorieren und
                    Ausschneiden erhallen hatten. Damals schnitt man mit winzigen Scherchen Blätter
                    und Blüten aus farbigem Papier und klebte sie zu Albumblättern,Blumenkörbchen
                    und anderem zusammen. Selbst Landschaften wurden auf diese Weise mit Tempelchen
                    und Bäumen aufgestellt und Figuren darum gesetzt </p>
                <p>Thekla machte die neue Hausgenossin auf einige kunstvolle Sachen aufmerksam,
                    welche die dankbaren Schülerinnen der Pfarrfrau verehrt hatten. Sie öffneie auch
                    eine Schublade und zeigte ihr das Werkzeug; aber Elsi fand es zu dumm: ihr ging
                    der Sinn für Kleinigkeiten vollständig ab. Die lebenden Blumen hingegen draußen
                    auf <pb n="70"/> dem Fenstersims hatten ihren Beifall. Das Pfarrtöchterchen
                    hatte eine glückliche Hand, und was sie pflanzte, gedieh.</p>
                <p>Es war schon dämmerig im Zimmer, da leuchtete auf einem Eckschranke eine Büste
                    hervor. Wen sie vorstellte, hatte Thekla vergessen; der Vater hatte den Kopf in
                    seiner Hauslehrerzeit geschenkt bekommen. Leider war er angestoßen und hatte
                    einen Leck an der Nase.</p>
                <p>Das große Mädchen stellte sich auf die Fußspitzen,netzte mehrmals den Zeigfinger
                    an der Zungenspitze und rieb an der Gipsnase. Dabei nahm ihr hübsches, junges
                    Gesichtchen einen mütterlichen Ausdruck an, wie eine Frau,die ihr beschmutztes
                    Kind reinigt. Elsi sah lächelnd zu ihr auf; da rief Thekla: „Hier steht der
                    Rame: Plato!“</p>
                <p>„Er kam mir doch so bekannt vor“, sagte die Substitutentochter. „Vater hatte ihn
                    auf seinem Bücherschrank stehen; er hielt gar viel auf seinem Plato. Aber was
                    soll er hier in all dem kleinen Krinskram? Er gehört doch eher in deines Vaters
                    Zimmer.“</p>
                <p>Thekla war empört und wies die andere zurecht: „Was fällt dir ein? in meines
                    Vaters Studierstube, wo so viele Leute hinkommen? Weißt du denn nicht“, sagte
                    sie von oben herab und mit verächtlicher Betonung, „er war ja ein Heide!“</p>
                <p>Elst warf den Kopf auf wie ein feuriges Schlachtrößlein, und, den Standpunki
                    ihres Vaters vertretend,geriet sie in Disput mit dem Pfarrerstöchterchen,
                    welches begreiflicherweise an demjenigen ihrer Familie festhielt.Elsi gelang es
                    aber, ihre Gegnerin zu ducken; sie hatte nicht umsonst manchen Brocken vom
                    Philosophentisch aufgeschnappt. Auch behauptete sie bestimmt, daß Plato <pb n="71"/> mehrere hundert Jahre vor Christi Geburt gelebt habe und wohl ein
                    großer Weiser, aber kein Christ fein konnte.</p>
                <p>Das mußte aber erst bestätigt werden; dem Vater durfte man nicht damit kommen,
                    der hatte sonst genug im Kopfe. Aber Vally, die war ja ungeheuer gescheit, die
                    wußte es ganz genau.</p>
                <p>„Ja, und 8 Befehlen versteht sie auch, das merkt man gleich“, sagte Elst
                    lächelnd, und Thekla stimmte bei und verfiel sofort in vertrauliche
                    Geschwätzigkeit. Sie wurde ja den ganzen Tag von ihrer ältern Schwester
                    kommandiert, und ahmte nach, wie diese beständig mahnte: „Thekla,sitz aufrecht!
                    Zieh die Ellbogen ein! Thekia, streck die Füße nicht so lang heraus! Thekla! du
                    glaubst nicht,wie das dumm aussieht, wenn du den Mund so hängen lässest! .“„Ja,
                    ja! 8 Regieren ist ihr Element; aber doch kann sie ihren Kopf nicht allemal
                    durchsetzen. Weißt du, als der Präsident das erste Mal schrieb, Tante
                    Reiffenstein möchte dich bei uns in Kost geben, hat sie sich mit Händen und
                    Füßen gewehrt; du seiest als störriges Kind bekannt,Mutter werde darunter
                    leiden, und Vater mußte absagen.Nun kam der zweite Brief von deinem Vormunde,
                    und es war das Gleiche wieder. Zum Glück erscheinst du selber und Vally mußte
                    zuletzt parieren.“</p>
                <p>Da trat Laura ins Zimmer und erkundigt sich freundlich, was die zwei so lebhaft
                    zu berichten hätten. Elsi wars ein wenig unbehaglich, aber Thekla sagte ganz
                    ruhig:„Ich habe ihr alles erzählt, wie sich Vallh dagegen gewehrt hat, daß wir
                    sie nehmen.“</p>
                <pb n="32"/>
                <p>Laura blieb der Mund offen vor Erstaunen. Das war doch eine gefährliche
                    Schwatzbase, diese Jüngste; und dann begann sie Elsi zu erklären, weshalb ihre
                    Schwester Besorgnisse gehabt: die Mutter habe eine lange, schwere Krankheit
                    durchgemacht, wobei sich Vally ganz aufopferte,und jetzt war sie noch immer
                    bedacht, der Leidenden alle Unruhe fernzuhalten. „Das Kind da siehts gar nicht
                    ein,was es der Schwester zu verdanken hat; ohne sie lebte die Mutter vielleicht
                    nicht mehr!“</p>
                <p>„Lorli, liebes Lorli“, schmeichelte die Jüngste gerührt;aber dann fügte sie bei:
                    „Elsi hats doch gleich gemerkt,daß wir hier alle nach Vallys Pfeife tanzen!“</p>
                <p>In diesem Augenblicke riefs draußen: „Thekla!“ Obschon gedämpft, klang die Stimme
                    doch herrisch, und das schlanke Mädchen warf einen tragischen Blick auf die
                    beiden andern, schob die Unterlippe so weit als möglich vor und ging mit einer
                    Grimasse, halb Weinen, halb Lachen, zur Tür hinaus.</p>
                <p>Bis jetzt waren die beiden Jüngsten beisammen gewesen;nun mußte Thekla ihr Bett
                    an Elsi abgeben und zur ältern Schwester übersiedeln. Valentine würde nicht die
                    Geduld haben wie Laura, welche die Schlaftrunkene weckte und wieder weckte, bis
                    das Möädchen sich endlich losreißen konnte und mit der Stubengenossin Hülfe in
                    die Kleider kam. Es gab von da an auch jeden Morgen Tränen.</p>
                <p>Zum Frühstück erschienen die Eltern nicht; der Vater arbeitete am Morgen am
                    ungestörtesten und die Mutter durfte nach ärztlichem Befehl erst spät aufftehen.
                    Valentine hielt die Morgenandacht; sie hatte eine Vorliebe für die </p>
                <pb n="15"/>
                <p>Sprüche Salomons, „gehe hin zur Ameise“ und „wie lange liegest du, Fauler!“ „Das
                    ist alles für mich gepredigt“, flüsterte Thekla der Elsi zu. „Vally hätte
                    Pfarrer oder Schulmeister werden sollen.“</p>
                <p>Thekla war zur Schule gegangen und die Töchter an ihre Hausarbeit. Valentine kam
                    noch einmal zurück, um Elsi zu fragen, ob sie ihr Strickzeug habe. Das Mädchen
                    schüttelte den Kopf. Von der herrschsüchtigen Pfarrerstochter würde sie sich
                    nicht meistern lassen. Die war sicher doppelt scharf, weil sie gegen ihren
                    Willen da blieb. Elsi irrte jedoch. Valentine war eine gelassene Natur; sie trug
                    nichts nach. Freundlich sagte sie: „Ich schicke dir Laura, sie hat eine
                    angefangene Arbeit für dich!“</p>
                <p>Und Laura erschien mit einem Strickkörbchen, in dem lag es blütenweiß mit einem
                    kunstreichen Börtichen. „Nein!“wehrte Elsi, „nimms nur wieder mit! Wenn ich
                    einmal herum gestrickt hätte, könntest du eine Stunde lang gefallene Maschen
                    aufheben!“</p>
                <p>Laura ließ sich nicht abfertigen; jedes junge Mädchen mußte wenigstens seinen
                    Strumpf stricken können; und durch ihr freundliches Zureden brachte sie es
                    dahin, daß Elsi am Nachmittage bei den nähenden Frauen saß und an einem
                    gestrickten Waschlappen arbeiten wollte.</p>
                <p>„Mutter wird bald kommen!“ sagte sie im Hinausgehen; aber Elsi zog sie wieder in
                    die Stube und fragte:„Warum nennt ihr sie „Mutter“ und nicht „Mama“?Gelt, weil
                    man eine Mutter lieber haben muß?“</p>
                <p>„Armes Mädchen!“ dachte die Pfarrerstochter; es war ja bekannt, daß die
                    Substitutin ihr eigenartiges Kind nicht <pb n="74"/> zu behandeln wußte. Sie
                    belehrte aber Elsi, daß sie des Landes Brauch angenommen hätten; vielleicht
                    würden sie in der Stadt auch Mama gesagt haben.</p>
                <p>Es blieb noch Zeit für Elst, in der Stube herumzustöbern und sich auf frühere
                    Zeiten zu besinnen. Hier vor dem alten Klavier hatte ihr Vater so oft gesessen,
                    und jedesmal, wenn er im Pfarrhause einkehrte, spielte er seiner Base, der
                    Pfarrerin, das Neue, was er in Konzerten gehört hatte </p>
                <p>Wenn man nach dem Mattenhofe ging oder davon zurückkam, brachte man den Mittag
                    hier zu; später aber harmonierten die Herren nicht mehr. Emanuel fuhr vorbei und
                    speiste in einem Wirtshause.</p>
                <p>Elsi kam freilich auch dann noch ins Pfarrhaus, weil Frau Sabine sie gern
                    mitnahm. Wenn aber im Gespräche Substituts aufs Tapet kam, schickte man die
                    Kinder in den Garten; sie durften nicht hören, wie die Tante über ihren Neffen
                    und seine Frau loszog. Dennoch hatte das kleine Mädchen manches Wort aufgefangen
                    und mit ihrem jungen Verstande gemerkt, daß die Hausfrau noch immer ihrem Vetter
                    Manuel gewogen war.</p>
                <p>Es ging auch früher nicht so strengreligiöß zu im Pfarrhause Die Ehegatten hatten
                    als langjährige Brautleute einen schön-geistigen Briefwechsel geführt; der
                    Kandidat lebte damals als Hauslehrer in einer süddeuischen Familie.Er selbst
                    dachte an ein Lehramt. Da bot sich die Pfarrstelle in Liestal, und nach langem
                    Warten wurden die Verlobten endlich vereinigt.</p>
                <p>In Liestal war große Freude. Der imposante Pfarrherr und seine feingebildete und
                    doch so freundliche Gattin <pb n="75"/> gewannen sogleich alle Herzen, obschon
                    manche ihn seinem Vorgänger ähnlicher, das heißt von strengerer Richtung
                    gewünscht hätten.</p>
                <p>Das brachte aber die nachkommende Zeit zustande.Allmählig wurde das Aesthetische
                    von den Pflichten in den Hintergrund gedrängt; damals begann die Zeit, wo Elsis
                    Vater sich im Pfarrhause nicht mehr heimisch fühlte.</p>
                <p>Jetzt kam Frau Pfarrer und begrüßte Elsi freundlich und entschuldigte sich, daß
                    niemand zu ihr gekommen war.„Die Mädchen haben viel Arbeit, denn morgen sind
                    Pfarrherrn und Lehrer bei uns zu Tische, und da muß heute schon alles
                    vorbereitet werden.“</p>
                <p>Elsi wollte der Hausmutter schnell einen bequemen Sitz bieten; überall stieß sie
                    an, alles Holzstühle. Da ging die Pfarrfrau aufs Sopha zu und zog das Mädchen
                    neben sich. Sie plauderten von allem Möglichen, und immer sagte das Mädchen:
                    „Ja, Frau Pfarrer! nein,Frau Pfarrer!“ Diese aber sagte mütierlich: „Nenne mich
                    „Tante“, das ist weniger steif.“</p>
                <p>Da hörte Elsi zuerst von Frau Reiffensteins Wunsch,daß sie hier in Liestal
                    konfirmiert werden solle. „Mein Mann wird dich in diesen Tagen einmal ins
                    Studierzimmer rufen zu einer kleinen Prüfung!“</p>
                <p>„Prüfung? worüber?“ staunte Elsi.</p>
                <p>„Das kannst du dir doch denken, liebes Kind; es betrifft den Religionsunterricht,
                    den du gehabt hast!“</p>
                <p>„Ich habe keinen gehabt, liebe Tante.“</p>
                <p>„Du gingst aber doch in die Kinderlehre?“</p>
                <p>„Nie, Tante!“</p>
                <pb n="16"/>
                <p>Mitleidig sah die Pfarrfrau auf das Heidenkind an ihrer Seite. Sie wußte wohl,
                    daß der liebe Substitut ein Freidenker war; aber seine Frau doch nicht! die war
                    freilich weder eins noch 8 andere.</p>
                <p>„Liebes Elseli“, forschte sie, „hat dir denn niemand von den schönen, biblischen
                    Geschichten berichtet? Von der Schöpfung und den Patriarchen, von David und
                    Goliath und allem, was die Kinder so interessiert? Und die schöne Erzählung von
                    der Geburt Christi, und seine Wundertaten,und sein Tod und seine
                    Auferstehung?“</p>
                <p>Da fielen Elsi die früheren Zeiten wieder ein, wo sie auf dem Mattenhofe mit
                    Friedli an den Sonntagabenden zu den Füßen der alten Magd Züs gesessen und ihr
                    die Worte von den Lippen getrunken hatte.</p>
                <p>„Die Züs hat uns von dem allem erzählt; gewiß,ich weiß noch vieles!“ und sie
                    erzählte der Pfarrfrau von der alten Person, die schon grau war als die Mutter
                    Lene auf die Welt kam, und Mutter Lene ist schon mehrere Jahre über fünfzig.
                    Kein Mensch weiß, wie alt Züs ist,und sie selber nicht.</p>
                <p>„Das ist jedenfalls eine fromme Person gewesen! Von der hast du doch etwas über
                    Religion gehört, gottlob!“</p>
                <p>„Nicht allein von ihr, liebe Tante; der Gottfried hat jedesmal berichtet, was sie
                    in der Kinderlehre gehabt haben,und der wußte viel mehr als Züs und sagte ihr
                    Bibelsprüche und Liederverse vor, und sie lernte sie von ihm;sie konnte eben
                    nicht lesen. Dennoch hat sie ein gedrucktes Lied gehabt; das war schon gelb und
                    zerschlissen, obschon sie es in einem Seidentüchlein aufbewahrte. Das mußte ihr
                    Gottfried oft vorlesen, obgleich sie es auswendig konnte.“</p>
                <pb n="77"/>
                <p>„Was war das für eins?“</p>
                <p>„Das christliche Posamenterlied von d'Annoni, eins mit vielen, vielen
                    Versen.“</p>
                <p>Eben kehrte der Pfarrherr von einem Ausgange zurück und trat ein, um seine Frau
                    zu begrüßen. Da teilte sie ihm von dem Erzählten mit, und er wünschte einige
                    Verse aus dem Liede zu hören. Richtig aufsagen hatte Elsi beim Vater gelernt,
                    ihre Stimme war auch angenehm, man mochte ihr gern zuhören. Sie wählte auch klug
                    einige Verse von sechsundzwanzig Strophen, welche das Lied enthält:„Hier steh
                    ich bei dem Webestuhl,Herr, mach mir ihn zur guten Schul,Daß bei der äußern
                    Handelschaft Dein Wort in meinem Herzen haft.So geht es denn aufs Weben los.</p>
                <p>Wie mancher Zug, wie mancher Suehi Doch schreckt das Rumpeln mich nicht ab,Ich
                    webe, bis ich Bändel hab.</p>
                <p>Bricht dann ein Fädelein entzwei,</p>
                <p>So eil und knüpf ich ihn aufs neu.</p>
                <p>Zeigt sich im Räderwerk ein Fehl,</p>
                <p>So sricht ichs ein und salbs mit Oel.Halleluja! was will ich mehr?</p>
                <p>Der Heiland ist mein Bändel-Herr.Er deckt uns hier und dort den Tisch.Halleluja!
                    so web ich frisch!“Elsi fügte bei: „Das Lied ist zu finden im Bischoffschen
                    Buchladen 1786 und wird gesungen nach der Melodie des hundertsten Psalms; das
                    steht darüber. Der Gottfried kann Ihnen mehr davon sagen, Herr Pfarrer.“</p>
                <pb n="78"/>
                <p>Aber dieser machte ein finsteres Gesicht: „Gottfried kommt nicht mehr zu uns“,
                    und als er gegangen war,sagte die Pfarrfrau von seibst: „Gottfried hat meinem
                    Mann sehr weh getan! Er hatte den Jüngling so lieb,nun ist er von uns abgefallen
                    und bei den Freigeistern und Revoluzzern und macht böse Anschläge mit ihnen.</p>
                <p>Elsi verstand wohl: nicht gegen das Pfarrhaus, sondern gegen die sogenannten
                    Aristokraten wars gemeint, aber dennoch wehrte sie sich für ihren Jugendfreund:
                    „Nein,liebe Tante, böse Anschläge macht er gewiß nicht, und wenn ers mit den
                    andern hält, ists, weil sie Recht haben!“Das Unpassende ihrer Antwort empfand
                    sie sogleich und bat um Verzeihung; aber die Pfarrfrau sagte mit wehmütigem
                    Scherze: „Sieh, sieh! wir haben eine kleine Rebellin unter unserm Dache! aber
                    hüte dein Zünglein,uueine Kleine; Herr Pfarrer versteht darin deinen Spaßi Es
                    darf überhaupt bei uns von diesen Sachen gar nicht gesprochen werden! und nun
                    wollen wir mal sehen,wie die Mädchen den Tisch für die Herrn gedeckt haben.“</p>
                <p>Am folgenden Tage ging es im Pfarrhause sehr lebhaft zu. Die beiden Jüngsten aßen
                    allein mit der Mutter,Valentine und Laura bedienten und die beiden Mägde hatten
                    in der Küche alle Hände voll zu tun. Man schickte an solchen Tagen gern die
                    Jüngste aus, um vor ihren Ueberraschungen sicher zu sein; diesmal begleitete sie
                    Elsi mit Vergnügen. Erst waren die Mädchen in den hintern Gassen beim
                    Schuhflicker, bei dem Strumpfwirker und noch bei andern bescheidenen Leuten. In
                    diesen Gassen war <pb n="79"/> nicht viel zu sehen: neben den Haustüren die der
                    Ställe,Düngerhaufen vor jedem Hause und weiße und farbige Lappen zum trocknen an
                    den Fenstern. Da war die Hauptstraße viel unterhaltender. Laden und Lädchen, wo
                    die hinter den Scheiben aufgestapelten Waren wenigstens Abwechslung boten In der
                    Gasse, die sich von beiden Seiten leicht abschüssig gegen die Matte neigte,
                    rauschte ein Bächlein und teilte sich in zwei gleiche Hälften. Das war so
                    lockend zum Ueberspringen, und da Elsi wie eine Bachstelze hinüber und
                    herüberflog, wollte Thekla auch versuchen, mit geschlossenen Füßen
                    darüberzusetzen, und machte mit den Armen gewaltige Gesten. Buben und Mädchen
                    kamen zu sehen und probierten das Kunststück auch, wobei eins ums andere mit
                    beiden Füßen in das Wässerlein platzte Das war ein Gekreisch und ein Jubel unter
                    den Kindern! Die Mütter kamen aus den Häusern,lachten und zankten, je nachdem
                    ihre Sprößlinge naß geworden oder nicht.</p>
                <p>Auch Kunigunde, die Pfarrmagd, hörte es, denn sie hatte der Handschuhmacherin,
                    ihres Bruders Frau, ein Töpfchen gute Suppe gebracht; nun trat sie unter die Tür
                    und schrie auf: „Herjeses! unsere Hopfenstange und das Substitutenmädel!“ Dann
                    holte sie die beiden ins enge Handschuhlädchen und hielt ihnen eine
                    Standrede,daß sich solches Benehmen für Töchter eines geistlichen Hauses nicht
                    schicke und sie nicht verfehlen werde, es dem Herrn Pfarrer anzuzeigen.</p>
                <p>Thekla machte sich nicht viel aus der Drohung, da es heut nicht möglich war, des
                    Pfarrers habhaft zu werden;bis morgen hatte es Kunigunde wieder vergessen.</p>
                <pb n="29"/>
                <p>J</p>
                <p>Und die alte Magd hatte auch ein Einsehen. Sie dachte an die blanken
                    Sechsbätzner, die der Herr Substitut allemal unter den Teller gelegt hatte, wenn
                    er mit den Seinen im Pfarrhause speifte. Das geschah früher regelmäßig und ohne
                    vorherige Anmeldung; der Gast brachte ja selbst ein Namhaftes zur Besetzung des
                    Tisches mit.</p>
                <p>Das Substitutentöchterlein war bei Kunigunde gut angeschrieben. Die alte Frau
                    Reiffenstein zahlte ein schoönes Kostgeld, welches dem Hause gutkam; damit
                    konnte man der kranklichen Pfarrfrau die Stärkungen anschaffen,gegen die sie
                    sich immer gewehrt hatte. Es war eben anders als früher, wo die anhänglichen
                    Bürgersfrauen von allem Guten eine Probe ins Pfarrhaus schickten. Eine besonders
                    gesegnete Zeit brachte das Schweineschlachten,wo Tag um Tag das Todesstbhnen der
                    gestochenen Tiere aus den Höflein tönte. Damals kam oft so viel „Metzgete“ins
                    Haus, daß mans nicht aufessen konnte und die Pfarrfrau hin und wieder heimlich
                    mit einem gefüllten Körbchen ins Gestadeck ging; dort wohnte ihre Waschfrau, die
                    Schupferin, die Leule um sich herum wußte, welche nie ein Stückchen Fleisch
                    sahen; denen waren die Blut- und Leberwürste ein Festmahl.</p>
                <p>Liestal war damals eine sehr lebhafte Stadt. Als Durchgang zweier bedeutender
                    Verkehrslinien, der beiden Hauensteinstraßen, sah es täglich eine Menge von
                    Güterwagen pafsieren, zum teil acht- bis zwölfspännig. Es kam zuweilen vor, daß
                    gegen Abend einer um den andern anfuhr, mit Stampfen der starken Rosse, die mit
                    den Hufen Funken aus den runden Pflastersteinen schlugen.Am Kummet klingten die
                    Messingziraten; die Fuhrleute <pb n="81"/> riefen und schalten, um Raum zu
                    bekommen, und öfters war die Hauptstraße links und rechts und vom untern bis zum
                    obern Tor mit Frachtwagen besetzt. Schmiede,Sattler und Wagner hatten vollauf zu
                    tun; Lichter zuckten hin und her, jeder Wagen mußte eine Laterne haben. Die
                    Wirte und ihr Gesinde hatten alle Hände voll zu tün,aber auch ihren schönen
                    Verdienst; das Uebernachten für Fuhrmann und Tiere kostete um fünfzig alte
                    Schweizerfranken herum, je nach der Zahl der Pferde.Dagegen war es in den
                    Nächten vom Samstag auf Sonntag und der darauffolgenden recht still und
                    dunkel.Liestal war von vier Oellaternen beleuchtet, in besonderen Fällen aber,
                    zum Beispiel, wenn ein Brand ausgebrochen war, mußte jeder Bürger eine Laterne
                    an seinem Fenster heraushängen. Die Bürger mußten außerdem, wenn das Feuer in
                    strenger Winterszeit ausbrach, Kessel voll heißen Wassers in Bereitschaft
                    halten, weil das Wasser zum Löschen in den Metallröhren leicht einfror.</p>
                <p>Es ging alles noch äußerst einfach zu; eine Beförderung von Passagieren gab es
                    nicht, so groß auch der Warenverkehr war. Wer sich nicht Extrapost leisten
                    konnte,mußte zu Fuß gehen und konnte noch froh sein, in einem Botenwagen
                    unterzukommen. Nur mußte man sich in Geduld fassen oder unterwegs schlafen, wie
                    es der Botenmann tat. Spitz, der Wächter, saß vorn unter der Hauder auf erhöhtem
                    Sitze; sah er etwas Ungewöhnliches, machte er Lärm. Der Schimmel oder Kohli
                    trottete seinen bedächligen Schritt und blieb ruhig stehen, wo sein Herr
                    anzuhalten pflegte.</p>
                <pb n="4"/>
                <p>Außer den Geschäften für die Posamenter versah der Bote, oder „Bott“, alles
                    Mögliche, sogar die Beförderung von lebender Ware, wie etwa einem Kälbchen oder
                    einem Schaf. Das Größte und Kleinste wurde ihm anvertraut,und, obschon damals
                    die Post existierte, trug der Bote in einer angeschnallten Ledertasche die
                    meisten Briefschaften mit.</p>
                <p>Die Post besaß damals ein Stübchen an der Hauptstraße, das ihr als Bureau diente;
                    ein Töchterlein vertrug etwaige Briefe aus dem Auslande.</p>
                <p>Im Pfarrhause ging das Leben still vorbei. Was sich draußen begab, wurde von der
                    Mutter geheim gehalten.Sie unterdrückte im stillen die Angst und Sorge, wenn der
                    Gatte ausging: aber doch atmete sie erst auf, wenn er wieder im Hause war. Der
                    Pfarrer, auch wenn er noch so schweren Herzens zurückkehrte, nahm eine sorglose
                    Miene an; sie wußten beide, daß sie sich gegenseitig täuschten; aber die
                    Beherrschung ihrer Gefühle war nötig,da der erste Ausbruch ihres Herzleidens
                    nach Gemütserschütterungen erfolgt war.</p>
                <p>In die Wochenkirche drang einmal ein junger Mensch,legte die Flinte auf den
                    Pfarrer an und schrie: „Soll ich dich von der Kanzel herunterschießen, du
                    .....2“Laura, die weit hinten saß, trat auf den jungen Menschen zu und sagte:
                    „Du kannst ihm nichts tun, denn Gott steht bei ihm!“ worauf er mit einem Fluche
                    zwischen den Zähnen fortging. Das andere Mal war der Pfarrer auf dem Rathause
                    und verlangte einen verwandten Geistlichen zu sprechen, der als Gefangener
                    eingebracht war. Es kam zu einem Wortwechsel und er wäre bald selbst abgefaßt
                    worden.</p>
                <pb n="33"/>
                <p>Eine erschreckte Nachbarin war hergelaufen, hatte von der Gefahr berichtet, und
                    damals bekam die Pfarrfrau ihren ersten Herzkrampf; schnell wurde Kunigunde
                    abgeschick, den Vater zu holen. Sie war überhaupt eine tapfere Person und setzte
                    es durch, daß sie täglich dem gefangenen Vetter des Hauses ein Mittagessen
                    bringen durfte.</p>
                <p>Von der Zeit an kränkelte die Mutter, und obschon man ihr alles verschwieg,
                    merkte sie doch, was vorging.Thekla flüchtete steis mit Elst in eine
                    verschwiegene Ecke,um ihr alles Erlebte mitzuteilen. Da wars im Sommer,als es
                    hieß, die Basler Garnison rücke gegen Liestal aus.Das Geschrei im Städtchen! Das
                    war ein Flüchten von Menschen, Tieren und Habseligkeiten! Und die arme Mutter
                    lag gerade schwer krank an einem Fieber, und als die Sturmglocken in Liestal und
                    in den Ortschaften herum läuteten, ließ der Doktor die Fenster der Krankenstube
                    mit Bettzeug verbarrikadieren; aber sie hörte doch alles, auch das schreckliche
                    Schießen. Die Kanonenkugeln flogen auf die Dächer, und Ziegel und Kamine
                    polterten herab. Am meisten schossen sie auf den Kirchturm, um die Glocken zu
                    zerstören. Der Vater mußte Mutter halten,sie wollte immer auf und davon. Und
                    dann schrie man „Fürio“ und Vally ging hinauf und sah durchs Bodenfenster, daß
                    ein furchtbarer Rauch und Feuer auf der Spiitelmatie war Puh! Thekla wäre um
                    kein Lieb hinaufgegangen; man konnte ja durch eine Kanonenkugel getötet werden!
                    Dann hieß es, die Garnison sei im Städtchen; es war ein grausiger Lärm.</p>
                <p>Hernach kam den Landschäftlern Hilfe und die Basler mußten weichen; die Kanonen
                    waren verstummt und es <pb n="34"/> war schrecklich unheimlich nach dem Rufen
                    und Jubeln in den Gassen. „Jetzt kommen sie das Pfarrhaus erstürmen und den
                    Vater erschießen“, jammerte die Mutter, und ihr Zustand wurde so schlimm, daß
                    man Kunigunde herausließ, den Doktor zu suchen.</p>
                <p>Lange, lange ließ sie auf sich warten; endlich erschien sie und ein paar wilde
                    Kerls hinter ihr drein, die mit ins Pfarrhaus wollten. Sie wehrte sich mit ihren
                    Fäusten und ihrem guten Mundstück und schrie: „Ihr kommt nicht hinein und wenn
                    ihr mich hinmacht!“</p>
                <p>Vally hatte es durch den Laden gesehen und wollte der alten Magd beistehen! Laura
                    rief um Hilfe; aber niemand hörte es, weil das Pfarrhaus so zurücksteht.Einzig
                    zwei Buben schauten ängstlich um eine Hausecke.Da rief einer davon: „Der Doktor
                    kommt! Pfarrjumpfer!Der Doktor!“ Da ließen die Kerls von Kunigunde ab und
                    machten sich davon.</p>
                <p>Nach diesem aufregenden Tage wurde es, äußerlich wenigstens, ruhig im Städtchen.
                    Die Tagsatzung hatte Einstellung aller Feindseligkeiten geboten und ihre
                    Repräsentanten versuchten zu schlichten; aber sie vermochten den Bruderhaß nicht
                    zu ersticken, und die freisinnigen Landschäftler sahen sich steis in Gefahr, von
                    den Gegnern überfallen zu werden; sie machten ihrerseits Ausfälle gegen die
                    stadibaslerisch gesinnten Gemeinden.</p>
                <p>Thekla erzählte das alles in kindlicher Weise; das Wichtigste erschien ihr, daß
                    eidgenössisches Militär Liestal und andere Landgemeinden besetzte. Da wars
                    einmal lustig im Städtchen: in der Hauptstraße standen Kavballerie,<pb/>*735 </p>
                <p>Infanterie und Schützen; die schimpfenden Bürger mußten sich entfernen und
                    mehrere Freisinnige wurden eingesperrt.Thekla war durch Höflein und Gänglein zu
                    ihrer Freundin in die Hauptstraße geschlichen, um auch etwas davon zu sehen.</p>
                <p>Damals bekamen Pfarrers auch Einquartierung. Thekla stand gerade mit der Mutter
                    am Fensier, als ein junger Offizier auf das Haus zuschritt: „Das scheint mir ein
                    ganz netter Mensch; er ist gewiß guter Leute Kind! Geh,Thekla, rufe deine
                    Schwester, daß sie ihn in Empfang nimmt!“</p>
                <p>Die Pfarrfrau war über die Gegenwart eines Soldaten im Hause sehr froh; er gab
                    ihr Sicherheit für den Gatten.Sie wollte, daß ihn Valentine hineinführte; aber
                    diese stolze Tochter nahm ihm gegenüber ein schroffes Wesen an, das jede
                    Annäherung ausschloß, und doch war der junge Krieger von Valentinens Schönheit
                    ganz überwältigt.</p>
                <p>Theklas Spürsinn fand das bald heraus; wenn sie dem Offizier im Hause begegnete,
                    blieb sie bei ihm stehen und schwatzte wie mit einem Kameraden. Er ließ sich
                    gern aufhalten, denn es ereignete sich bisweilen, daß die schöne Pfarrerstochter
                    unwissentlich durch eine Tür auf den Flur trat. Dann sperrte die Jüngste Augen
                    auf wie Pflugsräder, und in ihrem kindischen Kopfe entstand ein großer Plan: sie
                    wollte dem so schlecht behandelten Verehrer eine Genugtuung verschaffen. Das tat
                    sie verwegen,im Gedanken, daß Mutter auch gewünscht habe, ihn kennen zu lernen
                    sie lud ihn zum Nachtessen ein. Anfänglich zögerte er; aber der Wunsch, einmal
                    in Valentinens Nähe zu sein, ließ ihn über die Form wegsehen und er sagte
                    zu.</p>
                <pb n="86"/>
                <p>Wer aber nicht den Mut hatte, von der kecken Einladung zu sprechen, das war
                    Thekla. So traf der Offizier dann unerwartet um die Zeit des Abendessens mit
                    Chrischona in der Tür zusammen. Die Magd trug die große Schüssel mit dem
                    Habermues und ließ dem Gast den Vortritt.</p>
                <p>An den verblüfften Gesichtern merkte er, daß er gar nicht erwartet war, und
                    wollte sich entschuldigend zurückziehen. Aber die Pfarrfrau brauchte bloß in das
                    lamenlable Gesicht ihrer Jüngsten zu blicken, da wußte sie, was Thekla
                    angestellt hatte. Sie ging rasch auf den Offizier zu und sprach ihre Freude aus,
                    ihn hier zu sehen, und da es aufrichtig gemeint war und herzlich, ging die erste
                    unbehagliche Viertelstunde glücklich vorbei, und der Gast aß die Haferkost, als
                    wenn es nichts besseres auf der Welt gäbe. Laura und die Mägde waren
                    weggeblieben;Kunigunde lief zum Schlüsselwirt, wo sie zum Glück einen fertigen
                    Braten ergatterte, Chrischona rüstete eilig Salat,und als der Brei abgetragen
                    war, erschienen alle drei wieder beladen, Lorle mit einer petschierten Flasche,
                    die schon jahrelang im Keller geruht hatte.</p>
                <p>Bei diesem Anblick schaute der Pfarrherr auch auf, er hatte bis jetzt steif
                    dagesessen und seiner liebenswürdigen Gattin den Gast überlassen. Man unterhielt
                    sich recht gut, nur Valentine saß da wie ein Eisklotz, und die Jüngste schaute
                    ängstlich auf fie hin: Welch Strafgericht brauten die Wetterwolken auf der
                    stolzen, schwesterlichen Stirn zusammen? Es ging aber gnädig vorbei; man war
                    eben unverantwortlich schwach gegen die Jüngste, den Nestvogel.</p>
                <pb n="87"/>
                <p>Der nette Offizier wollte andern Tags seine Dankund Abschiedsvisite machen, wurde
                    jedoch nicht angenommen.An seine Stelle kam ein älterer, der so sauer
                    dreinblickte,daß Thekla alle Lust verging, mit ihm anzubinden.</p>
                <p>2* 2* *Der Konfirmationsunterricht hatte begonnen; aber mit einer viel kleinern
                    Zahl von Konfirmanden als in früheren Jahren. Eisi sollte probeweise teilnehmen;
                    aber sie fand sich gut zurecht, du Laura sie jedesmal auf die
                    UnterrichtsVtigung, schrieb Bibelsprüche ab, lernte sie auswendig und war
                    zufrieden dabei. Wenn sie früher gewohnt war, nach Belieben zu gehen und zu
                    kommen, hier fügte sie sich leicht in die Hausordnung.</p>
                <p>Mit Thekla durfte sie nicht mehr ins Städtchen: es war von der Hüpferei über das
                    Bächlein doch etwas ins Pfarrhaus gedrungen; aber Laura nahm sie immer
                    mit,zuweilen auch eine der Mägde. Vorsicht war in dieser unruhigen Zeit ganz
                    gerechtfertigt.</p>
                <p>Der Herbst war gekommen und allmählich der Winter.Da saßen die Pfarrtöchter
                    abends strickend am Tische.Thekla hatte das Amt mit der Lichtschere; da
                    passierte es gar oft, daß sie beim Schneuzen des Nachts die Unschlittkerze
                    löschte. Dann gab es Schelte von Vally. Chrischona,die sowohl als Kunigunde mit
                    dem Spinnrad in der Nähe der Frauen saß, mußte im Dunkeln hinaustappen, um das
                    Licht am Oellämpchen in der Küche wieder anzuzünden. Mit vorgehaltener Hand
                    brachte sie es herein und zündete wieder an; das Kerzenlicht brannte erst ganz
                    schwach auf. Die Leute waren damals noch recht geduldig.</p>
                <pb n="88"/>
                <p>Die Pfarrfrau spielte etwa Domino oder ein anderes Unterhaltungsspiel mit Elst
                    und Thekla und saß in fröhlicher Laune unter den Mädchen. Es ging ihr wieder gut
                    und sie hatte große Freude an ihrem Kostkinde. Elsis angenehme Stimme und ihr
                    melodisches Lachen halfen ihr über die Melancholie weg, der sie zuweilen
                    nachhing.</p>
                <p>Das Substitutenmädchen fühlte sich so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Es
                    nahm sich im stillen vor,auch einmal eine so liebevolle, gütige Mutter zu
                    werden,die niemals schalt. sondern nur mit ihrem warmen Blicke abmahnte, wenn
                    man im Begriffe war, Unrechtes zu tun oder zu sagen.Im übrigen saß Elsi wie eine
                    Krähe unter den blonden,rosigen Pfarrersmädchen. Ihr schwarzer Kopf und die
                    dunkle Haut stachen so sehr von den andern ab, auch durchs Gedrungene ihres
                    Körpers, den ein schlecht gearbeitetes Trauerkleid noch mehr verunstaltete; die
                    Haustöchter,besonders Valentine, waren sehr schön gewachsen. Wenn Thekla mit
                    ihrer dünnen Schlankheit neben ihr saß, wurmte es Elselt doch ein bischen, daß
                    sie so kurz geraten war.</p>
                <p>Elsi hatte keine Ursache, eitel zu sein; aber doch besaß sie einige Vorzüge. Die
                    Frau Pfarrer schaute so gern in ihre feurigen, dunkeln Augen, und die zärtliche
                    Thekla wollte immer den frischen Kindermund mit den roten Lippen küssen. Laura
                    hingegen nahm sich des krausen, schwarzen Haarbusches an. Man hatte Elsi zuletzt
                    kurz geschoren,um sich nicht mit dem ungeduldigen Mädchen quälen zu müssen;
                    jetzt aber hielt sie still und ließ sich kämmen und bürsten.</p>
                <pb n="89"/>
                <p>Laura war das Ebenbild ihrer Mutter; deshalb schloß sich das Substitutenmädchen
                    besonders an diese an. Dennoch ging ihr Thekla auf Schritt und Tritt nach und
                    war selig, wenn sie ihr in einem verschwiegenen Winkel alle ihre erlebten
                    Geschichten anvertrauen konnte. Das viele Schwatzen hatte man ihr verboten.</p>
                <p>Elsi fühlte sich glücklich hier, da sich das Leid um ihren Vater allmählich in
                    ein liebevolles Erinnern verwandelte. Er würde sich freuen, wenn er sie so von
                    Liebe und Friede umgeben sähe, auch über sie seibst, meinte sie,sie war sanfter
                    geworden, die kleine Schwarze, wie man sie scherzweise nannte.Wie konnte es auch
                    anders sein in diesem Hause, wo eines das andere liebte und ihm alles zu
                    Gefallen tat!Thekla freilich gab oft Anlaß zum Schelten; aber sie war ein so
                    gutes Mädchen, daß ihr niemand graäm sein konnte.</p>
                <p>Hier spielte sich das Leben so ruhig ab. Jeder Tag brachte seine Pflichten; der
                    Feierabend war frühe, und außer dem Pfarrherrn lag schon alles zu Bette, wenn
                    der Nachtwächter seine Runde begann. Da klirrte er mit dem Stocke auf und
                    sang:Loset, was i euch will sage,</p>
                <p>DeGlocke het achti gschlage, achti gschlage.Bewahret gur und Liecht!</p>
                <p>Daß euch Gott behüet!</p>
                <p>Für und Liecht nehmt wohl in Acht!</p>
                <p>Gott geb euch all e gueti Nacht.Nur eines verdroß Elsi: Gottfried war hier im
                    Städichen und bekümmerte sich gar nicht um die Jugendgespielin; sie <pb n="90"/>
                    war ihm auch noch nie begegnet, was Thekla öfters geschah.Ja, sie zog Elsi eines
                    Abends in eine verschwiegene Ecke und vertraute ihr an, sie habe einen
                    „Schatz“.</p>
                <p>Verständnislos blickte ihr die Schwarze ins Gesicht.Auf dem Lehenhofe hatten die
                    Mägde wohl hie und da ein solches Anhängsel, aber dann mußten sie wandern;das
                    wurde nichi gelitten. Thekla war aber doch ein Schulkind, nein, das glaubte sie
                    nicht!</p>
                <p>Aber die Pfarrjüngste versicherte: „Frag nur die Fieke,meine Schulkamerädin! Wir
                    haben ihn miteinander!“</p>
                <p>„Da ists wohl ein Schulbub?“ fragte Elsi.</p>
                <p>„O nein“, erwiderte Thekla empört, „er ist gewiß schon zwanzig Jahre alt! Du
                    kennst ihn ja auch! 8 ist der Gottfried Zörnli!“</p>
                <p>Elsi wurde feuerrot; aber sie fragte nicht weiter. Was würde sie noch erfahren
                    von dieser Thekla?</p>
                <p>Sie bekam nun auch zu wissen, daß sie, Thekla und Fieke, dem Gottfried einen
                    Brief mit einem Verslein Jeschickt hätten. Fieke dichtete wunderschön, man müsse
                    sich bloß wundern, wo sie es herhabe.</p>
                <p>Aögeschrieben hat sies, die Gans“, warf Elfi ein.</p>
                <p>Meinst du? Es hat ihn aber doch gefreut. Wir sind ihm begegnet; natürlich wurden
                    wir rot wie Klatschrosen und durften ihn nicht ansehen; gemerkt haben wirs aber
                    doch, wie er uns freundlich anlächelte!“</p>
                <p>„Der Schlingel!“ rief Elst erzürnt dazwischen.</p>
                <p>Bist du böse auf ihn, Elseli? Er ist doch ein so lieber Mensch! Weißt du, er
                    wohnt im gleichen Haus mit Fieke und sie weiß alles, was er tut. Im Rathause
                    halten sie viel auf ihn; er muß auch alles besorgen, wo <pb n="91"/> es einen
                    feinen Mann braucht, und da ist er oft auswärts. Ach! früher kam er auch zu uns,
                    als er bei Vater Stunden hatte. Ich mochte ihn so gern, und er brachte mir
                    Levkoiensamen vom Mattenhofe und bekümmerte sich um meine Blumengärtnerei. Und
                    jetzt steckt er unter einer Decke mit den Revoluzzern. Aber ich weiß es
                    besser;er ist nur da, um Gutes zu tun: einen hat er gewarnt,daß er nicht
                    gefangen wurde, und ein anderes Mal flüchtete er ein Pfarrerskind mitten durch
                    die Insurgenten.</p>
                <p>Dann erzählte Thekla das Ereignis: In einer Baselbietergemeinde hatte sich der
                    Pfarrherr durch seine Strenge gegenüber den Freisinnigen so verhaßt gemacht, daß
                    die Landleute sein Haus überfielen und ihn totschlagen wollten.Er konnte aber
                    entwischen, seine Frau auch, und sie verbargen sich jedes an einem andern
                    Ort.</p>
                <p>Ihr kleines Mädchen, das Gritli, war von der Magd rechtzeitig noch bei den
                    Ihrigen untergebracht worden.Weder Vater noch Mutter konnten nach ihm sehen, sie
                    wußten selbst nichts von einander. Da erfuhr die Pfarrfrau, daß ein paar Dörfer
                    von dem ihrigen weg Meister Zörnli, ein treuer Stadtanhänger, wohne, und sie
                    sandte ihm einen Boten mit der Bitte, ihre Kleine in seine Obhut zu nehmen. Das
                    erfuhr Gottfried und entschloß sich, das Gritli herauszuholen und nach der Stadt
                    Basel zu bringen.</p>
                <p>Das Mädchen war für sein Alter noch so klein, daß sich Gottfried der
                    Bequemlichkeit halber den Tragkorb seiner Hüterin, der Dorfwächtersfrau, erbat
                    und das Kind hineinsetzte. Man kannte ihn dort nicht, er hatte auch schlechtes
                    Zeug angezogen; aber dennoch wurde er von den Bauernwachen angehalten, die noch
                    immer auf die Pfarrersleute <pb n="92"/> fahndeten. Sie fragten „woher und
                    wohin“ und wem das Kind gehöre. Er gab zur Antwort, „es sei dasjenige der
                    Wächterin“, und er bringe es zu seiner Großmutter.</p>
                <p>Da schob das kleine Ding sein Näschen über den Rand des Korbes hinaus und rief
                    empört: „S ist gar nicht wahr, ich gehöre nicht der Wächterin, ich bin das
                    Gritli vom Herrn Pfarrer!“</p>
                <p>Gottfried hatte Mühe, die Kleine zu schützen; die erbosten Dörfler hätien gern am
                    „Pfaffenbalg“ ihren Zorn ausgelassen; aber Gottfrieds Pistole hielt sie in
                    respektvoller Entfernung. Sie selbst waren nur mit Heugabeln und Zaunpfählen
                    bewaffnet. Der junge Mann verlangte,daß sie denjenigen herholten, der hier
                    befehle, und das ging nicht so schnell.</p>
                <p>Als er endlich erschien, gab sich Gottfried zu erkennen,und daß die Kerls von
                    ihrem Anführer „Rindviecher“und noch anders geschimpft wurden, brachte die
                    verlorene Zeit nicht ein. Er mußie gewaltig ausschreiten; es ging schon gegen
                    Mittag.</p>
                <p>Endlich erreichte er einen bekannten Bauernhof. Ein jüngerer Sohn dieses Hauses
                    war zugleich mit ihm im Lehrerseminar in Muttenz gewesen. Dort wurde er
                    freundlich aufgenommen, hob das leise winselnde Kind aus dem Korbe und wusch das
                    verweinte Gesichtchen mit frischem Wasser. Die Hausmutter wärmte Milch und
                    deckte ein Beit auf, wo die Kleine ihre schmerzenden Glieder ausstrecken
                    konnte.</p>
                <p>Sie schlief auch sofort ein; Gottfried weckte sie ungern wieder, aber es war noch
                    die letzte Strecke zu überwinden,ehe es dunkelte.</p>
                <pb n="43"/>
                <p>Den Korb hatte er zurückgelassen, Gritli saß bald auf seinem Arme, bald auf
                    seiner Schulter; und mit eiligen Schritten ging es St. Jakob zu.</p>
                <p>Als er mit der kleinen Last in das Aeschentor trat,jauchzte Gritli auf, faßte
                    seinen Retter um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Die Wache wollte
                    im Durchgang auf ihn zu, nun aber mußte sie so lachen,daß sie den Mund fast von
                    einem Ohr zum andern zog.Die andern Garnisönler, die herumstanden, machten
                    schlechie Witze, und Gottfried war damit glücklich hineingekommen.</p>
                <p>Jetzt kam eine andere Verlegenheit. Zörnli wußte wohl den Namen der Großmutter,
                    aber nicht ihre Wohnung.Die Kleine konnte es nicht sagen; sie meinte all
                    Augenblickt „Da ist!“ Wenn sie aber näher kamen, wars doch nicht der Großmutter
                    Haus. Er fragte eine begegnende Frau, die wußte auch nicht Bescheid, der Name
                    war zu allgemein. Sollte er das Kind auf die Wache bringen?Dann konnte der
                    Rebell selbst Unannehmlichkeiten haben.</p>
                <p>Ratlos schritt er dahin, die jämmerlich weinende Kleine auf dem Arme. Da kam eine
                    Frau auf ihn zu und fragte teilnehmend: „Was fehlt dem armen, kleinen
                    Mädchen?“Und sie wußte ihm Auskunft zu geben und meinte: „Das ist wohl das
                    kleine Gritli, auf das man schon viele Tage mit Sorgen wartet?“ und bot sich zur
                    Begleitung an.Der Zörnli übergab ihr aber das Kind und machte sich eilig auf den
                    Rückweg; er wollte noch den Bauernhof erreichen und dort übernachten.</p>
                <p>Das hatte Thekla in behaglicher Breite erzählt und Elsi mit brennenden Wangen
                    zugehört: er war wirklich <pb n="94"/> ein famoser Kerl, ihr Gottfried; die
                    andern aber brauchten nicht solch Wesens aus ihm machen, er ging sie nichts
                    an.*Unter eisigen Winden nahte die Festwoche. Im Pfarrhause wurde wenig
                    gerüstet; jedermann war zufrieden,wenn alles still verlief. Doch lags in der
                    Zeit, daß sich alle in freudiger Stimmung befanden. Damals feierte man
                    Weihnachten nur im religiösen Sinne, Geschenke kamen erst auf Neujahr dran. Von
                    einem Lichterbaume war überhaupt nicht die Rede; das wurde erst später
                    allgemeiner.</p>
                <p>Man saß am heiligen Abend still beisammen; der Vater hatte seine Studierlampe ins
                    Wohnzimmer gebracht.Da fiel das langweilige Schneuzen der Talgkerze weg.Er las
                    das Evangelium von Christi Geburt; es war feierlich-schön, Elsi hatte es nicht
                    so erwartet. Valentine begleitete auf dem alten Klavier mit dem Harfenklange die
                    altgewohnten Weihnachtslieder, und als hernach eine augenblickliche Stille
                    eintrat, sagte die Pfarrfrau: „Es fliegt ein Engel durch die Stube!“</p>
                <p>„Mutter, der Engel bist du selber!“ rief Thekla und fiel mit ihrer stürmischen
                    Zärtlichkeit über sie her, während der Vater mit den beiden ältern Töchtern
                    ernste Blicke tauschte: „Wie lange noch wird sie bei uns bleiben?“Der Alltag kam
                    wieder zu seinem Rechte. Jedes hatte eine kleine Handarbeit, und wenn sie noch
                    so unbedeutend war. Thekla drückte sich in die Ecke und zog Elsi mit;sie war von
                    einem großen Unternehmen erfüllt und wollte sich aussprechen.</p>
                <pb n="395"/>
                <p>Mit Fieke zusammen hatte sie einen schönen Neujahrswunsch gekauft, den schönsten,
                    den man in Liestal bekommen konnte, mit Blumen, Vögeln und Golddruck. Den
                    wollten die Mädchen an Gottfried senden, und Elsi durfte als seine
                    Jugendbekannte ihren Namen auch einschreiben.</p>
                <p>Elst nahm das auf empörende Weise auf; sie griff nach dem Blatte und riß es von
                    oben bis unten durch.</p>
                <p>Thekla sah sie erst sprachlos an, dann versteckte sie ihr Gesicht in die Schürze
                    und weinte herzbrechend; da tat es dem heftigen Mädchen doch leid und sie
                    tröstete:„Heul doch nicht so, Thekeli, 8 ist ja bloß Papier!“</p>
                <p>Aber Thekla war vernichtet; sie hatte kein Geld, ein zweites zu kaufen, und was
                    würde Fieke sagen?</p>
                <p>„Aber zu was braucht denn Gottfried einen Neujahrswunsch, als wenn er euer
                    Großvater wäre?“</p>
                <p>„Man sieht wohl, Elsi, daß du ihn nicht gern hast,sonst täte es dir mehr
                    leid!“</p>
                <p>„Geh doch, Thekla! so ein dummer Glückwunsch; er ist dem Gottfried ganz
                    wurst.“</p>
                <p>Die beiden kamen dann überein, das teure Blatt mit Eiweiß zu verkleben, und da
                    der Riß doch gar zu sehr in die Augen stach, schrieb Elst darunter: „Das habe
                    ich zerrissen“. Thekla erbetielte beim Vater einen weißen Bogen und machte einen
                    geschickten Umschlag davon, der,mit Oblate zugeklebt, der Mitspenderin Fieke das
                    Geschehene verbergen sollte.</p>
                <p>Am Shylvestermorgen gings in der Schule gemütlich zu; da schrieb man überall
                    Neujahrswünsche. Die Schüler brachten ihre Glückwunschböglein mit, mehr oder
                    minder verziert, und außer dem Kratzen der Federn hörte man <pb/>J934 keinen
                    Laut. War das wichtige Werk dann zu Ende,teilte der Lehrer die Zeugnisse aus;
                    dem alten Jahre wurde noch ein Abschiedslied gesungen und dann war die Schule
                    aus.</p>
                <p>Thekla ging mit weinerlichem Munde heimwärts; in ihrem Zeugnis stand:
                    „Schwatzhaft und vorwitzig“. Vor den Eltern bangte sie nicht, da liefe es gnädig
                    ab; aber die gestrenge Schwester! Ihre scharfen Augen hatten die Zerknirschte
                    schon entdeckt, als diese verstohlen ins Haus schleichen wollte, und das ominöse
                    Schriftstück nahm sie ihr oben an der Treppe ab und begab sich damit zur
                    Mutter.</p>
                <p>Hier gab es eine pädagogische Verhandlung: Valentine beklagte die
                    unverantwortliche Nachsicht der Eltern; sie und Laura waren so streng erzogen,
                    und diesem leichtfertigen Mädchen sah man alles durch die Finger. Aber einmal
                    müsse Recht vorgehen, sonst verliere man alle Gewalt über Thekla.</p>
                <p>Die Mutter berief sich auf des Kindes Jugend und Unverstand; weil sie so in die
                    Länge gegangen sei, verlange man zu viel von ihr. Bekanntlich werde man gegen
                    die Jüngsten immer nachsichtiger, und wenn Vally einmal eigene Kinder habe,
                    werde es ihr auch so ergehn; überhaupt passe nicht dieselbe Methode für alle.
                    Einen kleinen Arrest setzte Valentine doch durch.</p>
                <p>Elsi war oben im Schlafzimmer, das sie mit Laura teilte; sie lernte ihre Sprüche
                    für den Unterricht auswendig. Da brachte Kunigunde eine Schachtel, die der Bote
                    für sie abgegeben hatte. Damals waren diese leichten,soliden Holzschachteln,
                    welche einst von Schwarzwälderhändlern verkauft wurden, das übliche Gepäckstück,
                    das zu <pb n="87"/> festlichen Zeiten mit dem Botenwagen hin- und
                    herwanderte;auch mit der Deligence nach Bern, Zürich, Luzern. Da konnte man auf
                    dem Deckel die alten, durchgestrichenen Adressen studieren, und die Abdrücke von
                    Siegellack, mit dem man neue Adressen aufpetschierte, waren über das ganze,
                    angebräunte Holz verstreut.</p>
                <p>Elsi jubelte; das war das erste Liebeszeichen seit den drei Monaten, die sie im
                    Pfarrhause war, und es kam von ihrer Schwester Helene, von der sie beim Oeffnen
                    auch einen Brief fand. Sie meldete, daß ihr Gatte im Herbst die Kur in Baden
                    gebraucht und die Mama öfter gesehen habe. Diese fühle sich wohl dort und lasse
                    ihre Elsi vielmal grüßen; sie denke so viel an ihr liebes Töchterlein und hoffe,
                    es gehe ihm gut, aber man wisse ja, mit dem Schreiben fiele es ihr zu schwer.
                    Aber was die alte Schachtel alles enthielt! Vieles Nötige für Elst, auch ein
                    Müffchen und Boa nebst Pelzhaube, die Helene von ihrer Mädchenzeit her noch
                    aufgehoben hatte. Thekla, welche von ihrer Schwester auf den Stuhl vor den
                    Arbeitstisch genagelt worden, erfuhr von dem wichtigen Ereignis, warf ihre
                    Strafarbeit weg und erschien, beim Auspacken zu helfen.Baslerleckerli füllten
                    den untern Teil; die wollte Elsi der Frau Pfarrer bringen; ihr war ein
                    Wurstzipfel lieber.Da fanden die Mädchen noch ein Geldbeutelchen, durch dessen
                    Seidenmaschen Silbermünzen blinkten.</p>
                <p>Elsi fühlte sich dem Pfarrtöchterchen gegenüber ersatzschuldig für Gottfrieds
                    mißhandelten Glückwunsch. Sie nahm einen glänzenden Sechsbätzner und drückte ihn
                    Thekla in die Hand. Da führte die Beglückte einen wahren Indianertanz auf, daß
                    alles zitterte und klirrte. Im </p>
                <pb n="28"/>
                <p>Augenblick kamen rasche Schritte über den Flur. Der Pfarrherr, der an der Predigt
                    arbeitete, riß die Tür auf und rief zornig: „Was geht da vor? Macht, daß ihr
                    hinunterkommt!“</p>
                <p>Die Pfarrfrau freute sich des Gebäcks, sie hatten andere Jahre auch solches
                    fabriziert, aber jetzt war die Zeit nicht zu Ueberflüssigem angetan. Elsi hatte
                    ganz blaue, starre Hände vom Aufenthalt im kalten Stübchen droben: „Du armes
                    Kind“, sagte sie liebkosend, „du erfrierst ja fast in deinem dünnen
                    Merinofähnchen! Geh eins, das Paket im Kasten holen! Ich habe deiner Großtante
                    geschrieben,und da ermächtigte sie mich, dir ein warmes Kleidchen machen zu
                    lassen. Es ist wohl am besten, du ziehst es gleich an, gefällts dir?</p>
                <p>Ob es ihr gefiel? Schon die warme Umhüllung tat ihr wohl; dann wars auch gut
                    gearbeitet, der Stoff vom besten Liestaler Halblein. Elst kam sich so hübsch
                    drin vor, sagte ganz naiv: „Wenn mich nur Gottfried so sähe!“und als alle
                    lächelten, fügte ste bei: „Er hats so gern,wenn man gut angezogen ist!“</p>
                <p>Das war ein schöner Tag im Pfarrhause; der Duft des Milchbrotes im Flur, die
                    Stimmung im Familienzimmer Vally hatte sich wieder entwölkt. Die Mutter saß am
                    Ofen, in dem die Holzscheiter knackten und knisterten,um sie herum die Mädchen;
                    das freundliche Gesicht der Pfarrfrau bestrahlte alle gleichmäßig.</p>
                <p>Abends gingen sie zur Kirche in den Jahresschluß.Elsi fühlte sich so geborgen,
                    sogar eine kleine Pelerine hatte sie bekommen. Die Pfarrtöchter hatten keine
                    Mäntel,nur kleine, viereckige Umschlagtücher. Man war damals <pb n="5"/> noch
                    nicht so empfindlich; nur glaubte man, dem Kopf eine warme Umhüllung schuldig zu
                    sein. Die farbigen Samthauben der Mädchen stammten von ihren Kinderjahren her,
                    die Pelzeinfassung war ziemlich abgescheuert, aber sie schmückten dennoch die
                    hübschen Gefsichter.</p>
                <p>Die Pfarrfrau war mit Chrischona allein geblieben.Letztere deckte den Tisch und
                    die Hausmutter wigelte ihre bescheidenen Geschenkchen ein und band farbige
                    Bändchen darum; für die Mägde war das Uebliche ein Wecken, mit einem Taler oben
                    drin stecken. Und dann kamen alle heim mit klappernden Zähnen, roten Nasen und
                    blauen Backen, und brachten einen Strom von Kälte in den Kleidern mit; aber der
                    Thee dampfte auf dem Tisch und rosiger Schinken von selbst aufgezogenen
                    Schweinchen war die Festspeise. Fröhliches Geplauder und die Verteilung der
                    kleinen Gaben füllten den Abend, bis der Pfarrherr mit einem Vaterunser die
                    kleine Familienfeier beschloß.</p>
                <p>Elsis stiller Wunsch, der Jugendfreund möchte sie sehen,ging am Neujahrstage in
                    Erfüllung. Frau Pfarrer schickte die Jüngsten unter Valentinens Obhut spazieren.
                    Es war ein kalter, aber sonniger Tag und alle Welt auf den Füßen; dem
                    schwarzhaarigen Mädchen mit dem dunkeln Teint gab die Kälte etwas Frisches, und
                    die weiche Umrandung durch den grauweißen Pelz stand ihr gut; sie war sich
                    dessen auch bewußt und deshalb vergnügi.</p>
                <p>Da kam ihnen der Zörnli mit einem Herrn entgegen;letzterer verschlang von weitem
                    schon die schöne, ältere Pfarrerstochter mit den Augen, während Gottfried dem
                    Mädchen zulächelte. Als er sich aber näherte, kam ein weicher Ernst in sein
                    Gesicht; er dachte an ihr letztes </p>
                <pb n="90"/>
                <p>Zusammensein, da sie miteinander um einen teuren Versiorbenen geweint hatten.
                    Elsi empfand das sogleich und senkte beschämt die Augen; in der Freude des
                    Wiedersehens war er ihr zuvorgekommen, hatte vor ihr des Vaters gedacht.</p>
                <p>Aber Valentine schritt in diesem Augenblick mit stolzer,abweisender Gebärde an
                    den beiden Männern vorbei.Gottfried konnte nur noch mit einem treuen, warmen
                    Blicke die kleine Freundin umfassen; dann waren sie vorbei. Thekla hatte mit
                    Verwunderung dieser Augensprache zugesehen; sie wäre leer ausgegangen, wenn sie
                    sich nicht umgekehrt und dem still Verehrten mit betrübten Blicken nachgesehen
                    hätte. Eben wendete sich Zörnli auch zurück und da ward ihr noch ein
                    freundliches Nicken zu teil.</p>
                <p>Wenige Tage später saß die Pfarrfrau wieder an ihrem warmen Plätzchen, von den
                    arbeitenden Mädchen umgeben,und prüfte kritisch Elsis Näherei: „Du hasts schon
                    los,einen ordentlichen Saum zu machen“, sagte sie, „nur sind deine Stiche immer
                    noch zu lang!“ Ich sehe, du lernst alles leicht, wenn du nur den Willen dazu
                    hast; ich möchte so gerne, daß du bei uns auch etwas Rechtes profitiertest,du
                    hast uns einen so reichen Segen ins Haus gebracht!Ich meine nicht nur, was
                    unsere liebe Verwandte Reiffenstein deinethalben uns schickt, sondern deine
                    kleine, fröhliche Person hat mir auch fürs Gemüt gut getan. Es hat niemand
                    erwartet, daß ich mich so erholen würde von der nervösen Aengstlichkeit; sogar
                    gestern hat der Arzt gesagt, ich dürfe mich nun auch ein wenig im Haushalt
                    umtun. Aber“,mit einem eigenen Blick auf die älteste Tochter, „es geht bei
                    Valentine alles am Schnürchen, daß ich überflüssig <pb n="101"/> bin. Aber ich
                    könnte mich doch nützlich machen, indem ich dir Unterricht gebe: aus den
                    Schulfächern bin ich so ziemlich heraus, aber zum Beispiel im Gesang, was meinst
                    du, Elsi?“</p>
                <p>Das Möädchen wehrte sich lebhaft; es wäre für die gute Tante eine Qual, da ihr
                    das Gehör für Musik fehle und vor ihrem falschen Singen alles davonlaufe.</p>
                <p>„An der Sümme fehlts nicht, lieb Elst, sondern nur am Zutrauen; ich muß mich
                    eigentlich wundern, daß dich dein musikalischer Vater nicht dazu vermocht hat;
                    aber man weiß ja: einer, ders zum Künstler brachte, dem geht die Geduld mit dem
                    Anfänger bald aus.“</p>
                <p>„Dem Vater die Geduld ausgegangen? Niemals!o nein!“ dachte Elsi.</p>
                <p>Da aber die Pfarrfrau ihr noch mehr zuredete, versprach sie einen Versuch zu
                    machen mit den Liedern aus dem Gesangbuche, von denen sie sagte, daß sie am
                    leichtesten zu lernen seien. „Aber schrecklich langweilig,solch schleppender
                    Gesang!“ warf sie offenherzig ein. „Ja wenns noch ein lustiges Liedlein wäre,
                    wie es Burschen und Mädchen auf dem Lande singen!“</p>
                <p>Valentine machte eine geringschätzige Geste, welche die Mutter von weiterem
                    abhalten sollte; aber die Pfarrfrau erzählte im Gegenteil, daß sie in jüngern
                    Jahren auch heitre Musik bevorzugt habe. Laura sollte das Heft aus ihrem
                    Schreibtische holen; sie legte es vor sich.</p>
                <p>Es war ein Band in rotem Leder mit schwarzer Etiquette; auf dieser stand mit
                    Goldbuchstaben gedruckt: „Lieder von Magdalis“.</p>
                <pb n="102"/>
                <p>„Magdalis? Wer ist das?“ fragte Elsi, und die Hausmutier wurde ganz rosig, als
                    sie berichtete: „Man war eben auch einmal jung und schwärmerisch; da schien uns
                    mein Name „Magdalena“ zu trocken und die Freundinnen nannten mich Magdalis.“</p>
                <p>Elsi blätterte interessier in dem roten Buche; ihr Vater hatte auch solche
                    selbstgeschriebenen Notenhefte. Hier waren Schweizerweisen, ein Appenzeller
                    Kuhreigen, dann weitere Lieder: „Reicht mir frische Myrthenkränze“, „Wie wohl
                    ist mir in meinem Innern“ und andere mehr. Französische Airs folgten aus
                    Climène, „Zèmire et Azor“, ein „Vaudevillo de la belle Arseno“. Da kam:
                    „Mal-brough s'en va-t-en guerre!“ Elst saß in Gedanken auf des Vaters Knie,
                    damals, als sie anfing Französisch zu lernen und ihr nichts im Kopfe bleiben
                    wollte als das lustige Mironton, mirontaine“.</p>
                <p>Die Pfarrfrau hatte ihr mit Spannung zugesehen; sie wußte, daß das Kind auf eine
                    Ueberraschung stoßen werde,und da schrie es schon heraus: „Tante! ist das hier
                    nicht meines Vaters Handschrift? Hier: „Der Rose Sendung“,von Tiek, komponiert
                    von Hummel.“</p>
                <p>„Du hast recht gesehen, liebe Elsi. Als wir hier meiner Schwester Brautgastierung
                    hielten, war das Lied in Basel bekannt geworden; einer der Eingeladenen hat es
                    uns vorgesungen, und dann kopierte mirs der liebe Substitut hier in mein
                    Heftchen.“</p>
                <p>Bald darauf schickte die Pfarrfrau einmal ihre Töchter XDD das sich nur in wenig
                    Tönen bewegt!“ Sie schlug die Note auf dem Instrument an; da das Möädchen nicht
                        <pb n="103"/> treffen konnte, sang sie den Ton vor. Es war eine unendliche
                    Mühe, und Elsi, hingerissen von der Liebe und Geduld ihrer Lehrerin, gab was sie
                    konnte an gutem Willen und Können. Schließlich kam doch ein kleiner,winzig
                    kleiner Erfolg, und zum Lohn und zur Ermunterung sollte sie das Lied von der
                    Rose hören, mit halber Stimme nur:„An Alexis send ich dich .</p>
                <p>Die Pfarrfrau stimmte es mit leiser Begleitung. Sie mußte einmal eine gute
                    Sängerin gewesen sein, denn jedes Wort fiel deutlich von ihren Lippen; Innigkeit
                    und Wärme ergoß sich aus den schwachen Tönen. Ihr liebliches, von der weißen
                    Tüllkrause umrahmtes Gesicht fürbte sich rosig,und ganz verjüngt erschien sie
                    ihrem Gatten, der, von der Aeltesten hergerufen, in die Türe trat. Er brachte es
                    nicht über sich, sie zu stören; erst als sie fertig war, trat er heran: „Liebe
                    Magda“, sagte er weich, „du weißt doch,du darfst dich nicht anstrengen! Sieh,
                    wie erregt du bist!Dein Puls schlägt wie ein Hammer!“</p>
                <p>Er trug sie aufs Ruhbett und zog einen Stuhl heran;ihre Hand in der seinen,
                    wartete er, bis sich das Herz beruhigt hatte. Damit wars nun aus mit der
                    Singstunde.Dennoch glühte in Elsi ein Funke von Sangeslust weiter;sie hätte zu
                    gern probiert, aber sie waren alle stets um den Weg, die gestrenge Valentine und
                    die vorlaute Thekla,vor Laura hätte sie sich weniger geniert. Das rote Buch der
                    Magdalis hatte sie aber in Verwahrung genommen.</p>
                <p>Die Gelegenheit ergab sich schließlich doch. Im Pfarrhause war großes Waschfest,
                    und bei dem köstlich warmen Weiter hatten sich alle auf den Gstadeck begeben,
                    den all<pb n="104"/> gemeinen, großen Trockenplatz des Städtchens. Elst
                    arbeitete an ihrer Aufgabe für den Unterricht; die Herrin ordnete oben im
                    Studierzimmer ihres Gatten. Dieser hatte sich bei Tagesanbruch auf den Weg
                    gemacht, um einen gleichgesinnten Amtsbruder zu besuchen; der Weg durch die
                    nächsten Dörfer war ihm versperrt und er konnte nur in einem großen Umkreise zu
                    ihm gelangen.</p>
                <p>Jetzt irat die Pfarrfrau in die Stiube: „Elseli, machts dir nichts, ein wenig
                    allein zu Haus zu bleiben? Ich möchte gern einmal nachsehen, was die andern
                    machen!Aber gelt, du kommst einmal in die Küche? hier unter das Sauerkraut
                    schiebst du einen Spahn; es ist gar und braucht nur noch warm gehalten zu
                    werden. Aber da unter dem schwarzen Topfe mußt du tüchtig anlegen, daß die
                    Kartoffeln zur Suppe verkochen! ich bin ja bald wieder hier.“</p>
                <p>Und freundlich nickend ging sie fort. Sobald die Haustür ins Schloß fiel, öffnete
                    Elst das alte Instrument und legte das rote Buch auf: das Lied von Alerxes Rose,
                    das mußte sie probieren. Aber erst die Pflicht tun! Sie schob unter die
                    hochbeinige Kupferkasserole mit dem Kraute, was nur von Holz darunter Platz
                    hatte; dagegen bedachte sie den schwarzen Kartoffeltopf mit einigen dürftigen
                    Spähnen.„Und jetzt hinein zum Klimperkasten!“ jauchzte sie.</p>
                <p>Mit dem Zeigefinger schlug sie die Noten an, die kannte sie zum Glück, und dann
                    sang sie, was das Zeug hielt,obschon sie selbst fühlte, es klang anders, als sie
                    wollte;aber die Stimme mußte zuletzt doch parieren, obgleich sie wie ein
                    störriges Böcklein bald auf die eine Seite, bald auf die andere übersprang.
                    Einstweilen übte sie nur die <pb n="105"/> zwei ersten Zeilen; um aber etwas
                    Abwechslung hineinzubringen, änderte sie den Namen Alexis in Gottfriedus um.</p>
                <p>Sie war so im Eifer, daß sie gar nicht merkte, daß die Pfarrfrau in der
                    halboffenen Tür stand und ungesehen wieder hinausging. Als die Hausfrau aber in
                    die Küche treten wollte, quoll ihr ein dicker Dampf von verbronntem Sauerkraut
                    entgegen; zugleich eilte schimpfend Kunigunde vom Garten herauf. Erschrocken
                    warf Elsi den Klavierdeckel zu und flog hinaus. Eben schüttete die Magd das
                    Gemüse in eine Schüssel um und zeigte dem Mädchen die dicke, schwarze Kruste im
                    Kasserolbodden. „Die muß nun wieder verzinnt werden“, brummte sie grollend.</p>
                <p>Elsi trat zur Hausfrau: „Tante, hauen Sie mir ein paar!“ sagte sie. Aber die
                    Pfarrfrau war nicht einmal imstande, ein ernstes Gesicht zu zeigen; die
                    Katzenmusik „an Gottfriedus“ lag ihr noch in den Ohren.</p>
                <p>Bei Tische fühlte sich das Mädchen recht unbehaglich.Laura und Chrischona waren
                    noch auf dem Trockenplatze,die andern aßen schweigend von dem brenzligen
                    Kraut,außer Thekla, deren Grimassen zum Lachen reizten; die Mutter mußte sie
                    warnend anstoßen. Die Waschfrau saß mit dabei, die ehrwürdige Frau im
                    schneeweißen Haar und mit dem stark gewölbten Rücken; auch sie verzog keine
                    Miene und wollte mit den Mägden ihren Teller hinaustragen! Da sagte die
                    Pfarrfrau: „Sitzt nur wieder ab,Schupferin, es gibt noch einen Kaffee“. Das
                    alte, schöne Gesicht erstrahlte. Das war ein Schluck, der in ihren Kundenhäusern
                    nicht vorkam; ja im Pfarrhause selbst gab es nur am Sonntag Kaffee statt der
                    gewohnten Morgensuppe.</p>
                <pb n="1060"/>
                <p>Dieser Februar war ein richtiger Frühlingsmonat; am Kornelkirschbaum im
                    Pfarrgarten zeigten sich die gelben Blüten, die Schneeglöckchen streckten ihre
                    Spitzen aus der Erde, und Thekla wühlte mit Spaten und Hacke im weichen Boden.
                    Die Mädchen hatten ihre Sommerkleider hervorgeholt, auch Elst trug wieder das
                    schwarze Merinofähnchen,deim die gute Laura zu einer bessern Form geholfen
                    hatte.Die Pfarrfrau genoß mit Entzücken diese Frühlingstage und wagte sich immer
                    weiter hinaus. Sie spazierte mit den Ihrigen an einem besonders schönen
                    Nachmittage zum Erzenberg, wo die Liestalerfrauen eben ihre Reben bes
                    chnitten,während' die Männer ihrem Gewerbe nachgingen. Sie traten jeweilen aus
                    den Stöcken heraus und reichten der lieben Frau „Pfarreri“ die Hand und freuten
                    sich mit reichlichen Worten, aber von Herzen, ihrer Genesung.</p>
                <p>Valentine war noch einmal zurückgegangen, um etwas Vergessenes zu holen: die
                    Medikamente für den Fall einer plötzlichen Herzkrise, aber niemand wußte
                    davon.</p>
                <p>Da zog der Pfarrherr die Uhr und mahnte an den Rückweg: er hatte eine Amtssache
                    und mußte zu bestimmter Zeit zurück sein, ja, er hatte sich schon versäumt und
                    überůeß den Töchtern, die Mutter heimzubringen.</p>
                <p>Kaum hatte er hundert Schritte getan, so trat ein Mensch mit einer Flinte aus den
                    Reben, rief gräßliche Schimpfworte und legte auf den Pfarrherrn an; der Schuß
                    knallte, die Kugel pfiff an seinem Ohr vorbei und riß ihm den Hut vom Kopfe.
                    Weiter oben sank seine Gattin mit schwachem Schrei in die Arme ihrer
                    Töchter.Alles andere vergessend, sprang er zurück, zog seinen Rock aus und half
                    die Mutter darauf niederlegen.</p>
                <pb n="107"/>
                <p>Die arbeitenden Frauen kamen aus den Reben gestürzt;sie sahen die Gefahr, in der
                    ihr Seelenhirte geschwebt, und schrien: „Herjeses, Herjeses, s8 isch jo euse
                    Herr Pfarrer!“</p>
                <p>Dann drängten sie sich jammernd um die blasse Kranke,und man mußte sie bitten,
                    sich zurückzuziehen; still weinend gingen sie weg.</p>
                <p>Die Töchter hatten getan, was in ihrer Lage möglich war. Das schneeweiße Gesicht
                    bekam von den stärkenden Essenzen wieder einen Schimmer von Farbe; wie gut, daß
                    Vally die Mittel noch geholt hatte!</p>
                <p>Darüber hatte niemand gemerkt, daß Elsi fehlte; sie war sogleich auf den Schützen
                    zugerannt, und da er vor ihren Augen verschwand, sprang sie auf ein Bord und sah
                    ihn unter sich in einem Weglein, wie er sich mit seinem Gewehre beschäftigte.
                    Sie nahm einen Satz und tauchte plötzlich vor ihm auf, wie eine aus der Erde
                    gewachsene, kleine Furie, zerzaust, mit flammenden Augen und wetterte mit einer
                    wahren Glockenstimme auf ihn los.Wars diese oder eine abergläubische Furcht: er
                    floh in weiten Sprüngen und sie hinter ihm drein! Auf dem holperigen Wege kam
                    sie nicht rasch genug vorwärts. Auf einmal war er verschwunden, und dann fiel
                    ein zweiter Schuß, sie wußte nicht, wo.</p>
                <p>Als sie umkehrte, sah sie Thekla, die, zusammengeklappt wie ein Taschenmesser,
                    mit Seitenblicken in die Reben hineinschielte; obschon sie sich entsetzlich vor
                    dem Schießen fürchtete, hatte sie doch der Vater geschickt, Elsi zu suchen.</p>
                <p>Sie kamen miteinander zurück; der Pfarrer durchbohrte sie mit einem schrecklichen
                    Blicke! Was war denn geschehen?Da erblickte sie die Pfarrfrau am Boden, und ein
                        sonder<pb n="108"/> bares Gefühl beschlich das entsetzte Mädchen; jedes Haar
                    richtete sich auf und ein eisiger Schauer ging durch ihren Körper: „Der zweite
                    Schuß“, stammelte sie, „hat er getroffen?“ Sie war dran schuld, sie hatte den
                    Mörder gereizt, und sie wünschte, die Erde möchte sich auftun und sie
                    verschlingen! Sie irrte aber; der Schuß hatte nicht der Pfarrfrau gegolten. Da
                    öffnete die vermeintliche Tote ihre Augen; ihr Blick ging in die Runde, ob alle
                    die Ihrigen noch lebten; dann blieb er auf Elsi haften mit einer Liebe, fast
                    Bewunderung, als danke sie ihr für den bewiesenen Mut. Vally aber bemerkte das
                    mit Neid und leiser Erbitterung; in diesem Augenblicke haßte sie das
                    Substitutenkind.</p>
                <p>Die beiden Jüngsten wurden heimgeschickt, Kunigunde mußte den Arzt suchen und
                    Chrischona mit dem Strohsessel der Pfarrerin hinaufkommen; der Gatte und die
                    starke Magd würden sie heimtragen. Die jungen Mädchen gingen wie verscheucht
                    umher.</p>
                <p>Thekla schlief oben, Elsi ging ins Gastzimmer. Das Türschloß knarrte, darum ließ
                    sie eine Spalte offen stehen;es mußte still zugehen heute im Hause.</p>
                <p>Da erwachte sie von einem Lichtschein an der Decke;es war des Nachtwächters
                    Laterne, und eben sang er:„Wänd er höre, was i euch will sage:D Glocke het Vieri
                    gschlage, Vieri geschlage,Bewahret “Da brach es plötzlich ab, und der
                    Laternenschimmer zuckte weiter. Elsi saß aufrecht und horchte: „Unten ging etwas
                    vor!“</p>
                <pb n="100"/>
                <p>Jetzt kam ein leiser Tritt die Stiege hinauf; Lichtschein drang durch die
                    Türspalte, und schnell sprang das Mädchen auf und stand vor Laura! Die Pfarrfrau
                    hatte nach Mitternacht einen neuen Anfall gehabt; eben ging der Arzt fort; aber
                    er gab die beste Hoffnung.</p>
                <p>Aber der Tag brachte trübe Kunde. Thekla erschien mit verweinten Augen und sagte:
                    „Elsi! man schickt dich fort! Vally hats mit dem Vater eben ausgemacht!“</p>
                <p>Bald darauf kam dieser ins obere Stockwerk und Elsi trat ihm entgegen: „Herr
                    Pfarrer“, sagte sie, „ich hab ein paar Worte mit Ihnen zu reden!“ Es war schier
                    lächerlich, wie die kleine Person zürnend zum großen,stattlichen Menschen
                    aufsah.</p>
                <p>Er ließ sie ins Studierzimmer vorangehen; Thekla,die vor Neugier brannte,
                    schlüpfte hintendrein. Der Pfarrherr bestätigte, was seine Jüngste schon
                    ausgebracht hatte;er herrschte diese aber an: „Du nichtsnutzige
                    Schwatzbase,mach, daß du in die Schule kommst!“</p>
                <p>Dann sprach er von den Gründen, die ihn zu diesem Beschlusse geführt: nächst dem
                    wichtigsten, der Erkrankung seiner Frau, noch die Verantwortung, in dieser
                    unruhigen Zeit ein Mädchen von Elsis Temperament im Hause zu haben. Man war bei
                    ihr nie vor Ueberraschungen sicher.</p>
                <p>Elsi erwiderte heftig: „Das ist nicht die Hauptsache!Ich weiß, Valentine hats
                    angestiftet, daß ich fort muß! Weiß die Tante schon davon?“</p>
                <p>Der Pfarrherr verneinte; man dürfe überhaupt jetzt nicht mit ihr sprechen. Er
                    besann sich eine Weile und fragte dann: „Elsi, wie kams, daß du dem Menschen
                    gestern nachgesprungen bist?“</p>
                <pb n="110"/>
                <p>„Es mußte doch jemand dem Kerl die Meinung sagen!“erwiderie sie gereizt.</p>
                <p>Ein leises Lächeln glitt über des Pfarrers Züge; dann meinte er, das wäre Elsis
                    Amt nicht gewesen! „Er war betrunken, und wenn er dir was zu leide getan
                    häite,mein guies Kind? Das hätte meiner Frau den Tod gebracht! Wir müssen nun
                    weiter reden“, fuhr er fort; „in die Stadt kann ich dich auf dem gewohnten Wege
                    nicht schicken, es ist zu unsicher. Der Doktor hingegen weiß eine Frau, mit
                    welcher du nach Rosenthal fahren kannst. Auf dem Mattenhofe finden sie eher
                    Mittel und Weg, dich in die Stadt zu befördern; einstweilen kannst du nirgends
                    besser versorgt sein! Und dann muß ich dir doch sagen, daß es uns allen leid
                    tut, daß wir dich müssen gehen lassen!</p>
                <p>Lange Zeit hätte es nicht mehr gedauert; Tante Reiffenstein will dich bald nach
                    Montmirail schicken. Mir aber ists besonders schmerzlich, daß ich dich nicht
                    konfirmieren darf; du hast mir in der letzten Zeit recht Freude gemacht mit
                    deinem gewissenhaften Lernen und namentlich mit deinen Antworien in der
                    Unterrichtsstunde “</p>
                <p>„Die mir Laura immer vorher eingedrillt hat“, fuhr Elsi dazwischen.</p>
                <p>„Mag sein! Aber du hast doch Interesse gezeigt, und ich denke, daß du das
                    Gelernte nicht wieder vergissest!Gelt, ich darfs hoffen?“</p>
                <p>Elsi schüttelte den Kopf und wollte auch dem Pfarrherrn die Hand zum Abschied
                    nicht geben. Er nahm sie dennoch und sagte: „Du bist ein trotziges, aber
                    aufrichtiges </p>
                <pb n="111"/>
                <p>Kind, und wie ich dich, als dein Lehrer, nicht ungesegnet von mir lassen kann, so
                    wird der Herr deine sich sträubende Hand auch einmal an sich ziehen, ob du
                    willst oder nicht!“ Es war bestimmt, daß Elsi die Pfarrfrau nicht mehr sehen
                    sollte; da traf es sich zufällig, daß die eben eingetroffene Krankenwärterin aus
                    dem Zimmer trat und das beirübte Mädchen einen Blick hinein werfen konnte: die
                    lila Betivorhänge waren zurückgerafft; die Hausmutter lag schneeweiß mit
                    geschlossenen Augen in den Kissen, und Elfi lief Thekla voran ins Wohnzimmer, wo
                    sie sich einem leidenschaftlichen Schmerze hingab, denn sie meinte, es sei alles
                    aus.Aber Laura tröstete: die Mutter schlief von der Arznei so und es stand gar
                    nicht schlimm.</p>
                <p>„Was wird die liebe Tante sagen, daß ich fort muß?“schluchzte sie; „sie soll es
                    ja jetzt nicht erfahren!“</p>
                <p>„Sie hats aber doch gemerkt, mein liebes Elseli; als ich allein bei ihr war,
                    fragte sie, wann du verreisest, und trug mir auf, dir in ihrem Namen „Bhüet
                    Gott“ zu sagen mit vielen, vielen Grüßen.“</p>
                <p>Kunigunde kam zu mahnen, es sei Zeit; sie wolle Elsi bis zum Gefährt begleiten.
                    Laura war mit leisen Tritten bis zur Haustür gefolgt; kein Geräusch sollte die
                    Schlummernde stören. Da rasselte etwas die Stiege herunter, daß sie unten
                    erschrocken auseinander fuhren; Thekla,die immer ein paar Stufen übersprang, die
                    untere hatte sie ganz vergessen. Als sie in der Hauptstraße das bespannte
                    Bernerwägelein gesehen hatte, das ihre Gefährtin <pb n="112"/> mitnehmen sollte,
                    rannte sie heim, um Elsi ein Andenken mitzugeben, einen im geheimen gepflegten
                    Rosenstock, dessen drei Knospen auf den Konfirmationstag aufblühn sollten.</p>
                <p>Als Elsi mit einem Kleiderbündelchen und dem Rosenstocke im Arm oben beim
                    Mattenhofe anlangte, schien alles ausgestorben; nur der Tyras riß an seiner
                    Kette und stieß ein Freudengewinsel aus.</p>
                <p>Das Mädchen schritt um die Gebäulichkeiten herum,ohne einer Seele zu begegnen,
                    dann trat sie durch eine Tür in die Küche. Das war der älteste Teil des
                    Lehenhofes und massiv wie eine Burg; er stammte aus der Zeit, wo ein einziger
                    Raum für alles genügte. Der niedere Herd mit dachartigem, großem Rauchfange
                    streckte sich in die Küche hinein. Aus diesem Kamine hingen an eingemauerten
                    Eisenstangen Ketten herab, an denen man die Kessel und Kochtöpfe aufhängte.
                    Zörnlis benützten teilweise die alten Kochgeräte, aber daneben standen noch
                    Dreifüße von allen Größen zum bequemen Gebrauch.</p>
                <p>In gewohnter Weise waren die Gluten, die man nie ausgehen ließ, auf einen Haufen
                    gekehrt und mit Asche bedeckt; um Feuer zu haben, brauchte man ein wenig von
                    dieser abzuheben und das Reisig, das man auflegte, stand in Flammen.</p>
                <p>In der Küche war kein Mensch zu sehen; der alten Züs Bandstuhl war von einer
                    Decke überhangen. Bisher geschah das nur auf den Sonn oder Feiertag; Züs war
                    eine Posamenterin, wie es auf der Landschaft wenige gab.</p>
                <pb n="113"/>
                <p>Zuletzt öffnete Elsi das Kabinett, in welchem David Zörnlis Schreibschrank stand;
                    da saß denn Mutter Lene im Lehnstuhl und hielt ihre Siesta. Elsi stieß sie leise
                    an.</p>
                <p>„Du?“ rief sie auffahrend, „wo kommst du her?Sag aber, was für ein hübsches Mädel
                    du geworden bist!“</p>
                <p>Auf Lauras Rat nämlich, weil in der letzten Nacht ein scharfer Ostwind
                    aufgestanden war, zog Elsi zur Fahrt ihr Halbleinkleidchen an und die Pelzhaube,
                    die ihr so gut stand. Die Luft hatte ihre Wangen gerötet und das krause,schwarze
                    Haar um ihre Stirn gewirbelt.</p>
                <p>Aber sofort dachte die gute Hausmutter an den Hunger ihres Gastes, ging eine
                    breite Pfanne auf die Glut legen,und als die Butter dann zu zischen begann,
                    öffnete sie ein Ei ums andere und ließ es hineinfallen.</p>
                <p>„Sechs Mutter Lene, halt ein!“ rief Elsi, „es ist genug!“ Doch Mutter Lene sagte,
                    Gottfried wäre mit einem Dutzend kaum zufrieden.</p>
                <p>Erst als der Gast sich an den „Stierenaugen“ satt gegessen hatte, ließ sich Frau
                    Zörnli berichten und dann gab sie auch die Erklärung der großen Stille auf dem
                    Mattenhofe! Alle Leute waren droben am Walde, wo man einen Zufluchtsort für die
                    Viehware erstellte; die Zeiten waren ernst und man sprach davon, daß es zum
                    Bürgerkriege kommen werde.</p>
                <p>Später kam der Meister und der war nicht weniger überrascht als seine Frau. Den
                    Pfarrer aber fand er unbegreiflich; er mußte doch wissen, daß Zörnlis nicht in
                    der Lage waren, Elsi in die Stadt zu spedieren. Ja, wenn der Gottfried noch da
                    wäre; aber der Bursch steckte ja bei seinen Revoluzzern.</p>
                <pb n="114"/>
                <p>Dennoch behielten sie „ihre Kleine“ gar zu gern; um ihre Sicherheit war keine
                    Bange; die Vorfahren hatten schon für ein Versteck gesorgt, das nur ein
                    Wissender auffinden konnte. Elsi war auch kein ängstliches Mädchen,im Gegenteil:
                    im stillen freute sie sich darauf, einmal etwas Rechtes zu erleben.</p>
                <p>Am 22. Februar hatte die Stadt mehr als die Hälfte der Landgemeinden aus dem
                    Staatsverbande entlassen;diese bildeten eine neue Selbständigkeit unter dem
                    freisinnigen Schutze der Tagsatzung.</p>
                <p>Ddas Volk hielt bei Liestal eine Volksversammlung ab,die Organisation des neuen
                    Staates betreffend; auch tat die Landschaft das Möglichste, um recht viele
                    Gemeinden zur Trennung zu bewegen. Die Stadt ihrerseits bemühte sich, viele
                    festzuhalten.</p>
                <p>So kams zu Reibungen überall, und eidgenössisches Militär besetzte einzelne
                    Gemeinden, um Tätlichkeiten zwischen den feindlichen Brůdern zu verhindern. Die
                    Gemüter waren sehr erregt, und wer auf den Mattenhof kam, wußte Neues zu
                    berichten; Militär lag in der Nähe und es verlautete,daß Baselstadt eine
                    Kompagnie Standestruppen in die Gegend schicken werde.</p>
                <p>Elsi jübelte und obschon sie versprochen haite, sich still zu verhalten, ließ ihr
                    die schon in Liestal angeregte Neugier und Spannung keine Ruhe; sie mußte alles
                    sehen!Am Rande des ebenen Platzes vor dem Herrenhause war ein Gebüsch, jetzt
                    noch kahl, aber es verbarg sie gegen das Dorf hin und gab ihr doch die
                    Möglichkeit, alles zu sehen.</p>
                <p>Das war ein Unterschied gegen früher: wo friedliche Leute damals in aller
                    Gemütlichkeit ihre Geschäfte besorgten <pb/>-</p>
                <p>115 und höchstens ihre Kühe anschrien, wenn sie dieselben zur Tränke führten,
                    sprach und lärmte jetzt alles durcheinander;die Mannen übten sich in Waffen, die
                    Bubenschar war aus Rand und Band und exerzierte wie die Alten, nur mit mehr
                    Spektakel.Dann kamen eines Tages Soldaten und quartierten sich im Dorf und
                    Umgebung ein. Nun sollte sie doch einmal Taten sehen! Das gegenseitige Drohen
                    und Kanonieren war doch zu erbärmlich. Mit leuchtenden Augen ging sie umher, die
                    friedliche Zeit im Liestaler Pfarrhause schien nie dagewesen zu sein. Das war
                    Leben jetzt!</p>
                <p>„Die Stadigarnisönler kommen!“ so riefs von allen Seiten. Eine unbeschreibliche
                    Aufregung hatte sich des Dorfes bemächtigt; alles rannte und schrie
                    durcheinander.Die einquartierten Soldaten traten ins Glied; sie sollten den
                    Garnisönlern den Eingang wehren.</p>
                <p>Die Truppe war in der Nacht von Basel aufgebrochen und über Großherzoglich
                    badisches Gebiet nach Rheinfelden marschiert, wo ihr ein Bürger heimlich die
                    Tore zum Durchlaß öffnete. Waffen und Munition wurden ihr auf verdeckten Wagen
                    nachgeführt. Die basellandschaftliche Regierung hatte ihr den erbetenen Durchlaß
                    verweigert,aber den Marsch durch andere Gebiete nicht verhindern können. Ihre
                    Repräsentanten begaben sich zum Obersten der eidgenössischen Truppen, welche
                    Rosenthal besetzt hielten,und verlangten von ihm, daß er den Abzug der
                    Garnisönler bewirke; die freisinnigen Gemeinden waren scharenweise in Waffen
                    herzugeströmt.</p>
                <pb n="116"/>
                <p>Der Oberst beschwichtigte und versprach, die Stadisoldaten zu entfernen, worauf
                    ein Teil des Landvolkes zurückkehrie; die übrigen zerstreuten sich auf den
                    nächsten Anhöhen.</p>
                <p>Bei Zörnlis herrschte an diesem Abend eine unheimliche Stille. Der Meister ging
                    mit finsterm Gesichte hin und her; Mutter Lene versank in sorgenvolles
                    Schweigen.Beide mochten ein und denselben Gedanken haben: ihr Gottfried war
                    sicher dabei.</p>
                <p>Die alte Züs geriet in große Aufregung; sie hatte ihre fertigen Bänder vom
                    Posamentstuhl genommen und schön in Packpapier eingebunden, um sie bei der
                    ersten Gelegenheit dem Basler Bandhause zu senden. Jetzt rannte sie mit ihrem
                    kostbaren Pakete umher, um ein sficheres Versteck dafür zu finden, denn der
                    Knecht Hansli hatte gerufen, es kämen Stadtsoldaten den Weg zu ihnen hinauf.</p>
                <p>Mutter Lene hatte Elsi ergriffen und sie in des Meistersleute Schlafzimmer
                    gezogen; dort war hinter der Wand des uralten Beiles ein versteckter Eingang,
                    durch welchen das Mädchen in einen dunklen Raum geschoben wurde. Erst sah sie
                    nichts und hörte nur die Stimmen der Soldaten,die lärmend Essen und Trinken
                    verlangten. Erst allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, fand sie sich zurecht;
                    durch selssame Löcher und Einschnitte in der Wand drang ein Schein; sie merkte,
                    daß Stufen zu den Oeffnungen hinauf führten. Jetzt ging ihr ein Licht auf: das
                    war die braune,verrauchte Schnitzerei an einer Küchenwand, sie hatte sich oft
                    gewundert, daß Zörnlis diese plumpe Verzierung nicht weggeschafft hatten.</p>
                <pb n="117"/>
                <p>Als sie oben stand, konnte sie alles sehen und hören,was in der Küche vorging:
                    die Garnisönler saßen schon breitspurig am Tische und ließen sich Brot und Wein
                    schmecken; die Meisterin brachte eben noch Käse. Einer der Soldaten schnitt sich
                    einen großen Würfel, steckte ihn ans Taschenmesser und briet ihn über der heißen
                    Asche.Währenddessen blickte er auf und sah das geräucherte Fleisch und die
                    Würste, die inwendig im Kaminrand hingen; den Käse warf er in die Glut und
                    schnilt sich ein Stück Speck herunter, und wie das seine Kameraden sahen,
                    stürzten sie herbei und folgten seinem Beispiel. Sie aßen mit Gier, und da sie
                    nicht mehr so viel zwingen konnten, wanderte alles in die Tornister.Auf das
                    Gesalzene folgie der Durst; sie verlangten heftig nach Wein, aber vom bessern.
                    Der Meister schickte sich gelassen darein, zündete die Laterne an und ging mit
                    ihnen in den Keller. Das Beste war in einem eifernen Gewölbe verborgen. Mutter
                    Lene folgte in Angst, es möchte ihrem Gatten etwas geschehen von diesen rohen
                    Menschen.Unterdessen kam die alte Magd von oben herunter und Elsi aus ihrem
                    Verstecke. Sie berichtete, was geschehen war und überredete Züs, daß sie
                    gemeinschaftlich das Gestohlene aus den Tornistern nehmen und dafür Backsteine
                    vom Herde hineintun wollten. Kaum waren sie damit fertig, kamen mit Geschrei und
                    Poltern die Soldaten herauf: sie hatten vom Dorfe ein Signal gehört, stolperten
                    nur herein, ihre Ausrüstung zu holen und stürzten fast kopfüber den Berg
                    hinunter.</p>
                <pb n="118"/>
                <p>Als es dunkelte, vernahm man den Abzug der eidgenössischen Truppen; der Oberst
                    hatte versprochen, die Garnisönler zu entfernen. Statt dessen zog er sich mit
                    seinen drei Kompagnien zurück, und die kleine Schar der Landleute stand
                    unbeschützt der Ueberzahl der Garnisönler gegenüber. Zum Glück hatten sich noch
                    bewaffnete Freisinnige in der Nähe aufgehalten, strömten nun von den Anfuhren
                    herunter, und das Feuern begann zwischen dem Landvolke und den
                    Stadtsoldaten.Sorgenvoll gingen die Meistersleute umher; auch Züs hatte keine
                    Ruhe; sie hieß Elst mitgehen und zusammen standen sie auf dem Altan des alten
                    Herrenhauses und blickten in den gräßlichen Tumult hinunter: Blitz,
                    Knall,Schreien der Blessierten, dazwischen die scharfen Rufe des
                    Kommandierenden. Das Drauflosgehen und Zurückweichen der Kämpfenden war
                    schauerlich beleuchtet, da mehrere Häuser brannten. Blutrot waren die Wolken,
                    dazu Rauch und Pulverdampf, der im Dorfe hin- und herwogte.Plötzlich packte die
                    alte Magd Elsis Arm und flüsterte ihr zu: „Dort ist er! Mit dem neuen Trupp ist
                    er gekommen! Komm!“ Sie zog das Mädchen rasch durch das dunkle Haus bis in
                    Zörnlis Küche: der Meister stand am Fenster und schaute finster in den
                    zunehmenden Glast.Hansli, der Meisterknecht, hatte ihn eben um das Gewehr
                    gebeten; er versagte ihm die Waffe und hieß ihn wieder in den Wald hinaufgehen,
                    wo die Knechte nur durch das Bitten und Weinen der ängstlichen Mägde davon
                    zurückgehalten wurden, unten dreinzuschlagen.</p>
                <pb n="119"/>
                <p>Da kam die Meisterin mit dem verweigerten Gewehr und schickte selber den Hansli
                    hinunter: „Geh, such den Bub! Laß ihm nichts geschehen!“ Und der junge Mann
                    eilte, fortzukommen.</p>
                <p>Das Gefecht dauerte die ganze Nacht; mehrere Gebäude gerieten noch in Brand. Da
                    erschien gegen Morgen Zuzug von landschaftlichen Kriegern. Die Baslersöldner
                    wurden zurückgedrängt; fie sammelten sich noch zur Wehr auf dem Kirchhofe. Da
                    ihre Munilion ausging, wurden sie immer mehr bedrängt und eilten in wilder
                    Flucht davon über die Höhen, teils ins Aargau, teils nach Säckingen.</p>
                <p>Hansli hatte den Haussohn nur einmal von ferne im Kampfgewühl erblickt, dann aber
                    wieder aus den Augen verloren. Während er ihn weiter bei den Kämpfenden suchte,
                    lag Gottfried bei einem Rebhäuschen am Wege zum Mattenhof, aber totwund.</p>
                <p>Er war dazu gekommen, als eine Scheune im Dorfe in Brand geriet, hatte auch
                    geholfen, die widerstrebenden Tiere aus den Ställen zu ziehen. Die Flammen
                    ergriffen das Haus; zum Löschen war keine Hülfe da, jeder sorgte für sein
                    eigenes Leben und für sein Hab und Gut. Viele hatten sich auch in die Keller
                    versteckt. Es war ein gräßlicher Tumult: die Kühe, die mit Gewalt wieder in
                    ihren Siall wollten, in Todesangst brüllend; dort das Geschrei der Kämpfenden,
                    die scharfen Kommandorufe, hier das Knirschen und Heulen der Flammen und das
                    Krachen,wenn ein heruntergebrannter Teil zusammenfiel.</p>
                <p>In diesem Höllenlärm verhallten fast ungehört die Hülferufe zweier Frauen, auf
                    deren morsches Schindeldach das Feuer hinübergesprungen war und das alte </p>
                <pb n="120"/>
                <p>Hülichen im Nu aufflammen ließ. Sie selbst waren noch herausgekommen, aber im
                    Hinterstübchen lag eine alte,bͤlinde Frau; sie mußte elend verbrennen, wenn sie
                    niemand herausholte.</p>
                <p>Die paar Leute, die noch auf ihr Geschrei hörten,sahen sich ratlos an: die
                    Giebelmauer der brennenden Baracke neigte schon vornüber. Wer wollte sich noch
                    in diesen Glutofen wagen?</p>
                <p>Die Frauen lagen auf den Knien und beteten; kein Retter zeigte sich!</p>
                <p>Da erschien Gottfried; er wußte nachher nicht, wie er dazu gekommen war. Sobald
                    er erfuhr, um was es sich handle, riß er vom Haufen der geretteten Ware eine
                    Decke,iauchte sie in den Brunnentrog und sprang todesmutig in den Brand.</p>
                <p>Eine Weile war alles so still, daß man nur das Fressen der Flammen und den fernen
                    Lärm hörte. Atemos standen die paar Menschen und starrten auf die Stelle,wo
                    Gottfried verschwunden war; die Schwestern bebten und schluchzten leise. Es
                    dauerte keine drei Minuten, aber ihnen schiens die Ewigkeit.</p>
                <p>Da tauchte ein über und über brennender Mensch aus der glühenden Lohe auf; mit
                    den Armen hielt er eine eingehüllte Last an sich gedrückt.</p>
                <p>Man nahm ihm die Gerettete ab, übergoß ihn mit Wasser, und während alle sich um
                    die alte Frau bemühten,wantte er betäubi davon; er hatte nur einen Drang: heim
                    zur Mutter. Bei einem Rebhauschen fühlte er den Boden unter den Füßen schwinden
                    und im Bestreben, sich an der Wand zu hallen, war er lautlos zusammen
                    gesunken.</p>
                <pb n="121"/>
                <p>Bei Zornlis war die Nacht entsetzlich schwer gewesen;Hansli hatte sich noch nicht
                    blicken lassen, der Meister lief hin und her, bald bergunier nach dieser Seite,
                    bald nach jener. War er unten, kehrte er in der größten Angst zurück, sie
                    möchten auf dem andern Wege seinen Sohn heraufgebracht haben.</p>
                <p>In diesem Hause glaubte man fast an der alten Züs zweites Gesicht, der Juůngling
                    sei schwer verwundet, wenn man ihn aber rechtzeitig finde, müsfe er nicht
                    sterben.</p>
                <p>Elsi lehnte auf der Fensterbank. Sie war bis gegen Morgen wach geblieben; aber
                    der Schlaf überfiel sie zuletzt so schwer, daß sie von allem Lärm nichts mehr
                    hörte.In halbem Bewußtsein däuchte ihr, daß ein Mann, wie Vater David, mit einem
                    langen Menschen auf dem Rücken draußen am Fenster vorbeiginge; es war halb
                    Traum,sie vermochte nicht die Augen zu öffnen.</p>
                <p>Aber es war doch so; David hatte seinen Sohn heraufgetragen. Es war ihm
                    aufgefallen, daß der anfangs in seiner Hütte versteckte Hund winselnd an der
                    Kelte riß.Würde er wohl die Fährte finden?</p>
                <p>Er machte ihn los und das Tier lief davon. In der Dunkelheit würde er ihn aus dem
                    Auge verloren haben, wenn ihm nicht dessen Klagetöne den Weg gewiesen
                    hätten.</p>
                <p>So fand er Gottfried! Wie schwer verwundet, wußte er nicht, wenigstens lebte er
                    noch.</p>
                <p>Einen Augenblick war er ratlos; er, der ziemlich kleine,gedrungene Mann konnte
                    den schianken, langgewachsenen Jüngling nicht allein tragen; er würde ihm zu
                    wehe tun.</p>
                <pb n="122"/>
                <p>Aber es war keine Zeit zum überlegen; er rutschte auf den Knien dicht an ihn
                    heran, bis es ihm gelungen war, den Widerstandslosen auf seinen breiten Rücken
                    zu ziehen. Es mochte gehen wie es wollte, nur nach Haus!</p>
                <p>Mutter Lene wollte das Herz stille stehen, als sie den Mann mit seiner Last
                    ankommen sah.</p>
                <p>Die Eheleute und Züs bemühten sich um den Kranken.Die alte Person eilte ins Dorf,
                    mitten durch Gewühl und Soldaten, um den Arzt zu suchen. Als Hansli endlich
                    erschien, gramvoll, weil er den Gesuchten nicht gefunden hatte, fuhr er entsetzt
                    zurück: war das der Haussohn, mit dem zerstörten Gesicht, den gräßlichen
                    Brandwunden überall?</p>
                <p>Mit Tagesanbruch, als Zuzug von landschaftlichen Kriegern erschien, wurde das
                    Gefecht noch hitziger. Auf dem Mattenhofe bekümmerte sich niemand darum, und als
                    die Basler flohen und die Landleute das Plündern bei den Aristokraten, das heißt
                    städtisch Gesinnten begannen, erwarteten Zörnlis in Ruhe die wütende ländliche
                    Schar,welche bei ihren Gegnern alles verwüstete und zertrümmerte:der Sohn war
                    ihre einzige Sorge und ihr einziges Denken.</p>
                <p>Gottfrieds Tat und sein schwer leidender Zustand waren bekannt geworden. Das
                    mochte dazu beitragen,daß sein Elternhaus verschont blieb; übrigens erhielt das
                    Dorf rasch wieder eidgenössisches Militär, die Ruhe kehrte zurück und auf dem
                    Mattenhofe pflegte man den Verwundeten in aller Stille.</p>
                <p>Bis jetzt war das klare Bewußtsein nicht zurückgekehrt,doch war keine
                    Lebensgefahr mehr. Sonst gings wieder <pb n="1238"/> im alten Geleise. Da kam
                    der Meister einmal von einem Gange zurück und fragte, in die Küche tretend:
                    „Frau,wem gehört das Gefährt da draußen?“</p>
                <p>Mutter Lene wies auf eine Frau, die, städtisch angezogen, mit schwarzer
                    Taffthaube, der Tür den Rücken kehrend, am Tische eine Erfrischung zu sich nahm;
                    sie war vom Präsidenten hergesandt, Elsi zu holen, und hatte einen Brief an den
                    Meister abzugeben. Der Präsident teilte Zörnli mit, es habe sich Gelegenheit
                    gefunden, das Kind einer Baslerfamilie nach Montmirail mitzugeben;mit bestem
                    Dank für die freundliche Aufnahme möchte er Elsi der zuverlässigen Dienerin
                    anvertrauen.</p>
                <p>Diese fuhr erschreckt zusammen, als sie des Meisters Stimme hinter sich hörte.
                    Das mußte der Lehenmann sein, gegen den sie sich so grob benommen damals. Hätte
                    sie das gewußt, nichts würde sie in die Höhle dieses Löwen gebracht haben.</p>
                <p>Der Meister ging an ihr vorüber und grüßte freundlich; ein Lächeln huschte über
                    sein Gesicht: auch er erkannte den bärtigen Dragoner der Tante Sabine! Dennoch
                    atmete die Alte erleichtert auf: der sah nicht mehr so aus, als ob er sie
                    fressen wollte.</p>
                <p>Bei Tisch fragte er, wie sie heiße: „Annkätter“,sagte sie.</p>
                <p>„Annkätter? Was ist das für ein schöner Name?“meinte er in gutmütigem Spott;
                    „wohl Anna Katherine?Ihr stammt aus dem Wiesental, nicht wahr?“</p>
                <p>Annkätter war ihm unlertänigst dankbar; in ihren Gedanken suchte sie einen Titel,
                    womit sie ihn ehren könnte.</p>
                <pb n="124"/>
                <p>Meister konnte jeder Bauer sagen, sie, die Stadiperson,hatte schon mit
                    Ratsherren, Doktoren und Professoren gefprochen; davon paßie hier aber nichts,
                    so verschluckte sie klug die Anrede.</p>
                <p>Die Knechte und Mägde kamen zu Tische; Annkätter wurde auch aufgefordert, sogar
                    der Kutscher aus der Stadt.Der Meister sprach ein kurzes Gebet, sonst wurde
                    nichts geredet. Es gab nur eine Speise, Kohlsuppe mit Kartoffeln gemischt und
                    Speck. Die Baslermagd hielt wacker mit,obschon sie eben Schinken und Eier
                    verspeist hatte; den Wein fand sie auch „süffig“ und ließ sich gern
                    einschenken.Nachher setzte sie sich draußen unter die Linde und machte ein
                    Schläfchen Dasselbe tat die Meisterin. Sie hatte die Nacht wachend bei Gottfried
                    zugebracht, der noch immer bewegungslos dalag wie am ersten Tage.</p>
                <p>Er hatte außer den vielen Brandwunden eine tiefe Verletzung auf dem Kopfe;
                    wahrscheinlich war ihm ein glühender Eisenteil darauf gefallen, darum war man
                    wegen DDV </p>
                <p>Jetzt wartete ihm die alte Züs. Elsi horchte an der Tür und hörie sie schnarchen
                    wie eine Säge. Da trat sie leise ein mit Theklas Rosenstock im Arm; den wollte
                    sie ihm zum Andenken da lassen. Die Knospen waren gewachsen, eine davon fast
                    aufgebrochen, und aus dem glühend roten Blumenherzen quoll ein herrliches
                    Duften.</p>
                <p>Jetzt stand sie am Bette: war das Gotifried? Eine Gestalt in Wickel gehüllt, den
                    Kopf mit Binden umgeben;<pb n="125"/> man sah nur ein wenig von der Stirne und
                    die geschlossenen Augen. Dieser Teil war verschont geblieben, weil er von dem
                    Schilde einer Mütze geschützt worden war.Das Lederbord und der Schild hatten
                    ausgehalten, der Boden der Kopfbedeckung war weggesengt.</p>
                <p>Ein heißes, zärtliches Mitleid flutete durch ihre junge Seele. Um den geliebten
                    Jugendgefährten besfer zu fehen,stieg sie auf einen Schemel und neigte sich über
                    das Lager.</p>
                <p>Lange blieb sie in dieser Stellung; schwere Tränen hingen an ihren Wimpern und
                    rollten auf das Linnen,mit dem seine Wangen bedeckt waren. Zwischen seinen
                    zusammengezogenen Brauen lag eine tiefe Schmerzensfalte;leise legte sie ihre
                    Lippen darauf, ihn mehrmals sanft und lange küssend. Nach ihrer Meinung sollte
                    das ihn erlösen!Wirkte es nicht schon? sicher! Die Falte war nicht mehr da; „er
                    wird wieder gesund!“ jubelten ihre Gedanken.</p>
                <p>Nun durfte sie aber nicht länger bleiben, man suchte nach ihr. Für Theklas
                    Rosenstock fand sie ein guies Plätzchen. Wenn er die Augen aufmachte, mußte sein
                    erster Blick darauf fallen. Lachelnd schlüpfte sie aus der Tür; Züs sägte noch
                    immer darauflos, sie hatte nichts gesehen noch gehört.</p>
                <p>Frau Sabine Reiffenstein hatte sich wieder einmal aufgerafft und für Eist ihr
                    Gastzimmer geöffnet. Sie war diejenige, welche die Institutskosten bestritt und
                    des Kindes Ausstattung besorgte; man durfte ihre Anordnungen nicht
                    durchkreuzen.</p>
                <pb n="126"/>
                <p>Elsi durfte ste nur dann verlassen, wenn die Tante ihren Mittagsschlaf abhielt,
                    und dann entschlüpfte sie gern zu Helene, mit welcher sie am besten auskam;
                    Theodora und Katinka, die älteren Schwestern, hatten immer so viel an ihr zu
                    rügen.</p>
                <p>„Na, Kleine, warst du wieder in Helenens Kaninchenstall?“ pflegte sie zu
                    schelten; „wie kann man auch so viel Kinder haben?“</p>
                <p>„Aber, liebe Tante! Kinder sind doch eine Gabe Goties; der Herr Pfarrer hat es im
                    Unterricht gesagt.“</p>
                <p>„So! Das hast du dir wohl am besten gemerkt?Du wirst wohl auch einmal ein Stücker
                    sechse anschaffen,wenn du verheiratet bist?“</p>
                <p>Elst sah die Tante in so guter Laune, daß sie frech ausrief: „Ich? Unter einem
                    Dutzend tu ichs nicht!“</p>
                <p>Die alte Frau mußte so lachen, daß sie einen Hustenanfall bekam; dann gab sie ihr
                    mit ziemlich derben Kosenamen zu verstehen, daß sie noch eine unvernünftige
                    Kreatur sei, sonst wüßte sie, daß Kinder zu viel Geld kosten.</p>
                <p>Das lag Elsi zu fern, um sich darum zu kümmern;einstweilen hatte sie Helenens
                    Kinderchen so gern, nirgends fühlte sie sich so daheim, wie unter den Kleinen
                    der Schwester.</p>
                <p>Aber auch hier war ihr wohl. Das Gastzimmer ging gegen den Garten. Da sah sie
                    einen Teil des alten,heimeligen Riegelbaues durch die blühenden Bäume schimmern;
                    es war ia alles wie neu, das Ziegeldach, die Wände mit den braunen, gestrichenen
                    Balken. Aber warum war der Garten durch einen Zaun geteilt, daß sie nur
                    hinübersehen, aber nicht dazu gelangen konnten? Hier fing die Linde an zu
                    grünen; an den Weglein blühten in <pb n="127"/> schnurgeraden Linien die roten
                    Tulpen auf, die Aurikeln zeigten auch schon Farbe, ach, das war ja ihr
                    Kinderparadies gewesen, wenn die Großtante guter Laune war und sie holen
                    ließ.</p>
                <p>Jeden Vormittag ließ sich Frau Reiffenstein in ihrem Rollstuhle zu Elsi
                    hinüberschieben; auch sie schaute gern nach dem Gartenhause mit den lieben
                    Erinnerungen: dort hatte ihre Esther gespielt, später das Elslein, wenn sie die
                    Laune hatte, das Kind zu sich holen zu lassen.</p>
                <p>„Wer besorgt jetzt die Immen?“ forschte das Mädchen.Das konnte die Tante schon
                    längere Jahre nicht mehr.</p>
                <p>„Die Bienen! Ein harter Winter hatte sie zugrunde gerichtet.“„O wie schade! Weißt
                    du noch, Tante? wenn der Lindenbaum blühte, klang es oben in der Krone wie
                    Orgelgebrumm! Und du hast mir erzählt, daß deiner Esther deshalb das
                    Immengärtlein so lieb war.“</p>
                <p>Es war für Elsi ein Schmerz, als ihr die alte Frau mitteilte, das Gartenhaus sei
                    nicht mehr ihr Eigentum.„Wem gehörts? Und wenn der Mensch nicht drin wohnt,wie
                    kommis, daß alles so sauber gejättet, kein Unkräutlein in den Beeten und Wegen
                    ist? Und wie geht der eigentlich hinein?“</p>
                <p>Da erfuhr sie, daß durch die Gärten eine neue Gasse herausgebrochen sei; dort
                    befinde sich ein eigener Eingang.</p>
                <p>Elsi, die zu den Leuten gehörte, die das Gras wachsen hören, dachte bei sich
                    selbst: „Die Tante flunkert, sonst würde sie seinen Namen sagen. Am End soll ich
                    drin wohnen, wenn ich einmal meinen Mann habe. Dann adien Kinder! na, das steht
                    noch in weitem Feld!“</p>
                <pb n="22"/>
                <p>116 </p>
                <p>Das Mädchen ging am andern Morgen auf Rekognoszierung aus. Richtig, da fand sie
                    die neue Gasse und darin ein Gartenpförtchen, von roten Steinen eingefaßt.Ein
                    paar Stufen führten hinauf; aber trotzdem sie sich auf die Fußspitzen stellte,
                    reichte sie nicht, durchs vergitterte Guckloch in der Tür zu schauen.</p>
                <p>Da blinzelte sie durchs Schlüsselloch. Nichts regte sich von innen; nur ein paar
                    junge Spatzen hüpften auf dem Kiese, und da war Tantes dreifarbige Miez, welche
                    die Vögel beschlich: „Dir will ich!“</p>
                <p>Ohne die Augen von ihrem Aussichtspunkte zu erheben,hob sie den schweren
                    Eisenklopfer in die Höhe und ließ ihn hart herabfallen; es klang wie ein Schuß
                    zwischen den kahlen Mauern, und die Wirkung war groß: die Vögel flatterten
                    plötzlich auf, die Katze machte einen entsetzten Luftsprung und verschwand, und
                    das Mädchen ergötzte die alte Frau nachher mit ihrer komischen Schilderung von
                    Miezens Erschrecken.</p>
                <p>Elst merkte wohl, daß sie bei der Greisin einen Stein im Brette hatte; das
                    benützte sie, um der lieben, noch immer leidenden Pfarrtante eine Erleichterung
                    zu verschaffen. Sie berichtete von dem Strohstuhle, der trotz aller Kissen für
                    die Kranke ein unbequemes Lager war,und brachte Frau Sabine auf die Idee, ihres
                    Gatten Krankenstuhl, der unbenützt in einem Alkoven stand, durch den Sattler
                    aufarbeiten und nach Liestal spedieren zu lassen.</p>
                <p>* * *</p>
                <p>Frau Reiffenstein hatte beschlossen, ihre Großnichte auf zwei Jahre ins gleiche
                    Institut zu tun, wo einst ihre Esther so glücklich gewesen war. Der Präsident
                    zuckte die Achseln:„Die bleibt nicht; Sie können uns glauben!“</p>
                <pb n="139"/>
                <p>Aber Elsi nahms auf die Ehre, niemals sollte sich der Vormund brüsten: „Hab ichs
                    nicht gesagt?“</p>
                <p>Es war ihr ernst mit dem Lernen; in Liestal hatte sie einsehen gelernt, welchen
                    Wert eine gute Erziehung hat. Die Pfarrfrau wurde ihr Vorbild und ihr ähnlich zu
                    werden und später einmal eine ebenso gute Hausfrau und Mutter, das traute sie
                    sich zu.</p>
                <p>Elsi erkannte, daß sie wenig begabt war; dafür hatte sie einen Willen, der alles
                    erzwang. Sie erinnerte sich aus ihrer Kindheit, wie ihr Vater schon die Hoffnung
                    aufgab, ihr je das Lesen beizubringen. Da kam einmal sein Freund Balzer zum
                    mühsamen Buchstabieren und sagte:„Das ist die reine Tierquälerei für beide: wir
                    wollen einmal etwas anderes versuchen! Höre, Elseli, wenn du morgen um diese
                    Zeit diese Seite hier glatt lesen kannst, bekommst du von mir einen
                    Neutaler.“</p>
                <p>Das Mädchen saß fest; kaum, daß mans zum Essen brachte. Und als die Herrn am
                    andern Nachmittag am Philosophentische beisammensaßen, erschiens mit wichtiger
                    Miene, legte die Fibel offen hin und las, langsam zwar, doch ohne Stocken und
                    ohne Fehler, die bezeichnete Seile herunter.</p>
                <p>Alle lobten und tätschelten das brave Kind. Damit war ihm aber nicht gedient; als
                    der Balzer keine Miene machte, sich seines Versprechens zu erinnern, stellte es
                    sich resolut vor ihn hin, streckte die Hand aus und sagte befehlend: „Wo bleibt
                    mein Neutaler?“</p>
                <p>Jetzt traute sich Elst zu, allem nachzukommen, was im Institut gelehrt wurde,
                    einzig die Singereil da wirds hapern. Sagte doch der Friedli immer: „Sei still!
                    Du miaust wie ein Kater!“</p>
                <pb n="130"/>
                <p>Diesem räkelnden Gottfried etwas richtig vorzusingen,etwan, Der Rose Sendung“,
                    das war jetzt der „Neutaler“,der sie anspornte. „An Alexis“ wurde freilich hier
                    nicht einstudiert, dafür Choräle und geistliche Lieder, die eine gütige Lehrerin
                    vorher separat mit ihr durchgenommen hatte. Bald konnte sie, ohne gar zu
                    störende Töne, mitsingen; ihre Stimme war voll Kraft und Klang.</p>
                <p>Hier im Anstaltsfrieden verlebte Elsi das erste Jahr und wurde dann konfirmiert.
                    Hieher gelangte kein Ton von der Unruhe der Außenwelt. Unnötiges Briefschreiben
                    war früher nicht üblich und „keine Nachricht“ bedeutete damals nur Gutes.</p>
                <p>Wie es ferner mit den Streitigkeiten zwischen BaselStadt und -Land erging, machte
                    ihr keine Sorgen. Ihr Jugendgespiel, der Gottfried, ging jedenfalls wieder auf
                    gesunden Beinen; sie lebte der Ueberzeugung, ihr Kuß habe ihn geheilt, und nach
                    dem damaligen Sturme gehe alles wieder glatt seinen Weg.</p>
                <p>Es hatte auch den Anschein. Die eidgenössische Einquartierung wurde
                    zurückgezogen; alles atmete vom Drucke auf, Freiheitsbäume wurden aufgerichtet
                    und frohe Feste gefeiert.</p>
                <p>Doch schlief der alte Hader nicht; heimlich grollte es in beiden Lagern. Im Laufe
                    des Jahres wurden die Geistlichen auf dem Lande aufgefordert, den Eid auf die
                    Verfassung von Baselland zu leisten. Sie weigerten sich und verloren
                    infolgedessen ihre Stellen; die aus Baselstadt gebürtigen Lehrer traf dasselbe
                    Schicksal.</p>
                <p>Schon längere Zeit hatten die Händel das Band der Einigkeit in Kirche und Schule
                    zerrissen; die städtischen </p>
                <pb n="131"/>
                <p>Pfarrer sahen in der Bewegung einen Abfall von Goit und den Sittengesetzen.</p>
                <p>Der Pfarrer von Liestal, der Dekan war, hatte früher einen großen Anhang gehabt,
                    auch von Seiten der Mitglieder der Brüdergemeinde.Nun waren außer den
                    Freisinnigen auch viele von diesen abgefallen und stellten sich in die Reihen
                    der Rebellen. Fromme Männer und Frauen, die seine Predigten eifrig besucht
                    hatten, blieben nach und nach aus und die Kirche war halb leer.Er trugs
                    äußerlich mit Würde. Seine schwerkranke Frau bekam nur sein heiteres Gesicht zu
                    sehen; es sollte in ihren letzten Tagen Friede um sie sein.</p>
                <p>Die Pfarrerin hatte sich von ihrem Anfall nach dem Schrecken am Rebberg scheinbar
                    wieder erholt; aber die Kräfte kehrten nicht zurück. Den Sommer über lag sie an
                    der Sonne am offenen Fenster; der bequeme Krankenstuhl der Tante Reiffenstein
                    tat seine guten Dienste.</p>
                <p>Die Leidende lächelte manchmal still vor sich hin; sie erriet, wer Frau Sabine
                    den Anstoß gegeben hatte, auch zu anderm, was der Bote hie und da aus der Stadt
                    miitbrachte. Das liebe, frische Naturkind! Möchte ihm ein Los zu teil werden,
                    welches das lautere, warme Herzlein glücklich machte!</p>
                <p>Die Töchter sorgten scheinbar fröhlich um die Mutter.Sie sollte nicht ahnen, wie
                    es um sie stand; aus zarter Liebe täuschten sie sich gegenseitig, denn die
                    Kranke wußte,wo sie dran war.</p>
                <pb n="22"/>
                <p>15 </p>
                <p>Täglich trug sie Chrischona vom Bette zum Lehnstuhl,sie war zuletzt so leicht wie
                    ein Kind; da kam die erfte Frostnacht und mit den Herbstblumen im Garten starb
                    auch sie.</p>
                <p>Der Novembersturm fuhr mit abgerissenem Laube über das offene Grab, um welches
                    nebst der Pfarrfamilie noch eine Anzahl Männer stand, die einer nach dem andern
                    eine Scholle Erde auf den eingesenkten Sarg fallen ließen.</p>
                <p>Schwarz hing das Gewölk bis auf die Erde, und so düster und streng wie der Himmel
                    war auch des Pfarrherrn Gesicht. Bis jetzt halte er um der kinen willen
                    geschwiegen und geduldet; jetzt war die Bürde von ihm abgefallen, sein vorher
                    gebeugtes Haupt richtete sich auf und mit hartem Blicke sah er über die Leute
                    weg.</p>
                <p>Befangen blickten die meist ältern Männer drein;bekanntlich war diese Frau das
                    Opfer der Revolution.Aber warum war „Er“ trotzig und starr dabei geblieben,wo es
                    nur an ihm lag, sich seine gute Stellung zu erhalten?</p>
                <p>Sie entfernten sich mit linkischem Gruße. Valentine stand ebenso aufrecht neben
                    dem Vater und sah mit herbem Ausdrucke zu einer Gruppe von Frauen, welche sich
                    elwas entfernt hielten, um die Hand nicht reichen zu müssen.Hätte sie
                    zurückgeblickt, würde ein anderes Bild ihre bitteren Gefühle gemildert haben.
                    Dort war die alte Waschfrau,die Schupferin, und hielt sich an einem Grabkreuze
                    fest,um nicht vor Schmerz umzusinken, und mit der gebeugten Greisin im weißen
                    Haar weinten Frauen und Mädchen aus dem Gstadeck um ihre geschiedene
                    Wohltäterin. Sie hatten sich nicht vorgewagt, und doch kam der
                    Rauten<pb/>135*kranz, der vorhin das Bahrtuch geschmückt hatte, aus dem geringen
                    Gstadeck. Sie warteten, bis das Grab gefüllt war und die Pfarrerstöchter das
                    Grün sorgfältig darauf legten.</p>
                <p>Thekla, welche aufgelöst in Chrischonas Armen gelegen,hatte in ihrer kindischen
                    Unerfahrenheit von dem kommenden Ende nichts gemerkt. Man hüäite sie doch darauf
                    vorbereiten sollen! Jetzt wurde sie fassungslos von Laura und der Magd
                    heimgeführt und zur Ruhe gelegt.</p>
                <p>Der Pfarrherr ging finster umher; der Zusammenhang zwischen ihm und seiner
                    Gemeinde war zerstört. Täglich mußte er fühlen, wie überflüssig er sei. Zwar
                    Begräbnisse waren angemeldet worden; aber obgleich es fromme Familien betraf,
                    wünschte man ausdrücklich nur die Personalien und ein Gebet. Ein Brautpaar,
                    frühere Konfirmanden, bestellte das Aufgebot, begab sich aber nachher zur
                    Trauung in eine auswärtige Gemeinde, wo ein von der Landschaft neu angestellter
                    Pfarrer amtete.</p>
                <p>Nun hatte man in Liestal auch die beiden städtischen Lehrer fortgewiesen. Es
                    schmerzte ihn tief, denn sie waren sehr tüchtige und ihm sympathische
                    Männer.</p>
                <p>Immer mehr stand er allein; ein bitterer Groll nahm seine Seele gefangen.</p>
                <p>An einem Sonntag, es waren nur wenig Kirchgänger da, sagte er in seiner Predigt,
                    daß die Gemeinden, welche ihre Geistlichen fortgeschafft hätten, Strafe
                    verdienten.Denn ein Pfarrer stehe im Einverständnis mit Gott und sei ein
                    Botschafter an Christi Statt; und ein schweres Gericht werde darum über Liestal
                    ergehen.</p>
                <pb n="134"/>
                <p>Da standen die wenigen Frauen und Männer auf und verließen die Kirche; es blieben
                    darin nur die Pfarrerstöchter und die beiden Mägde übrig. Es war ein trauriger
                    Heimweg.</p>
                <p>Der Pfarrherr schloß sich in seine Studierstube ein.Valentine, die ihm folgen
                    wollte, wurde nicht eingelassen.Des Pfarrers Aelteste, ein hochbegabtes Mädchen,
                    hatte für den Vater eine solche Anbetung, daß sie alles, was er sprach oder tat,
                    groß fand. Das ertrug er in seiner jetzigen Stimmung nicht; er war tief
                    unglücklich und mit sich selbst unzufrieden, und wenn er sich nach jemand
                    sehnte, wars nach einem aufrechten Manne, der ihm schonungslos die Meinung
                    sagte. Von einem solchen Starken gerichtet zu werden, schien ihm eine Wohltat zu
                    sein.</p>
                <p>Man pochte an seine Tür; der junge Zörnli bat um Einlaß. „Dieser? nein!“ es
                    wallte heftig in ihm auf,und schroff wies er den Besuch zurück.</p>
                <p>Gottfried hatte mit den Schwestern gesprochen, ob sie den Vater nicht bewegen
                    könnten, auf ein paar Tage nur wegzugehen; er setze sein Leben aufs Spiel, denn
                    am Abend werde seine heutige Predigt in allen Wirtshäusern verhandelt werden,
                    und die Folgen werden schlimm ausfallen. Er brachte auch einen verschlossenen
                    Brief für den Pfarrer, den Laura hinauftrug, und zu ihrem Erstaunen die Tür
                    nicht mehr verriegelt fand; vielleicht wäre der junge Mann doch noch angenommen
                    worden.</p>
                <p>Das Schreiben kam von einem früher als treuestes und bedeutendstes Gemeindeglied
                    geschätzten Bürger, der ihm den Rat gab, freiwillig zu gehen, ehe noch einer der </p>
                <pb n="1"/>
                <p>35 jungen Stürmer seine Seele mit einer Bluttat beflecke.Der Pfarrer habe selbst
                    Haß und Zorn geschürt, und er müsse es einst vor Gott verantworten, wenn einer
                    durch ihn zum Mörder geworden wäre.</p>
                <p>Lange saß der Pfarrer brütend über diesem Briefe.Ach, sie verstanden ihn nicht!
                    Würde er denn feige seinen Posten verlassen? nie!</p>
                <p>Nun kam aber von einer andern Seite Hülfe: Fieke,Theklas Schulkamerädin, hatte
                    von der Gartenseite her immer nach der Freundin geäugt, und das neugierige
                    Pfarrtöchterchen ließ sie ein.</p>
                <p>Was dieses Mädchen zu erzählen wußte! Bei ihr daheim war des Vaters Predigt auch
                    verhandelt worden;alles fiel über ihn her und nach diesem Vorgange, sagte sie,
                    sei der Pfarrer vogelfrei. Auch seine Verhältnisse wurden breit getreten:
                    Vermögen war keines da, und wenn er starb, waren die Töchter auf nichts
                    gestellt.„Und du, Arme, kannst ja noch nichts verdienen, du kommst ficher ins
                    Basler Waisenhaus!“ bemerkte die darauflosschwatzende Fieke.</p>
                <p>Von diesem Klatsche wie geladen, stürmte Thekla zum Vater hinauf. „Schweig!“ fuhr
                    er sie an; sie hatte aber kein Bewußisein, wie grausam und unkindlich sie
                    war,sie konnte nicht einhalten.</p>
                <p>Da gab ihr der Vater einen Streich! Körperlich tat er wohl kaum weh, aber in dem
                    jungen Geschöpfe quoll es auf: Schmerz, Empörung, Scham. Geschlagen!fie, die des
                    Vaters Hand nie anders als liebkosend gefühlt hatte.</p>
                <pb n="136"/>
                <p>Entgeistert schaute sie auf ihn, dann warf sie sich über den Tisch, achtlos über
                    Bücher und Schriften, und verfiel in einen Weinkrampf.</p>
                <p>Der Pfarrer rief die andern Töchter herbei. Sie versuchten alles umsonst; das
                    Weinen artete in Schreien aus. Da flüsterte Laura dem Vater zu: „Versprich ihr,
                    daß du fortgehen willst, gleich, oder morgen in der Frühe; es ist die Angst,
                    dich zu verlieren!“</p>
                <p>Und er versprach ihr, daß er sich in Sicherheit bringen werde, und der Anfall
                    ging vorüber; Thekla weinte sich an des Vaters Brust sanfter aus.</p>
                <p>Laura trocknete von den Büchern die Tränen ab, und Vally ging mit
                    geringschätzigem Achselzucken fort.</p>
                <p>Die Mägde hatten Tür und Fensterladen gegen die Gasse schon geschlossen und kamen
                    eben hinauf, um das gleiche oben zu tun: „Es geht schon los, hören Sie!“</p>
                <p>Das war richtig. Es kamen einzelne Menschen mit dem Rufe: „Wo ist der Pfaff? Der
                    Pfaff muß hingemacht werden!“ Dann flogen Steine gegen die Läden und der Tumult
                    nahm immer zu.</p>
                <p>Darüber war es dunkel geworden. Ein Licht, nur ein kleines Lichtlein! bestellte
                    Thekla: es war zu schrecklich, der Lärm von draußen und die Finsternis
                    innen;aber Kunigunde verweigerte es. Nun saß sie stumm an des Vaters tröstlicher
                    Seite. In das Haus kam die Bande ja nicht, und es war doch Ordnung im Städtchen,
                    man würde schon einschreiten.</p>
                <p>Als ein Bursche die Meinung aufbrachte, der Pfaff habe schon vorher Versengeld
                    gegeben, zerstreuten sich die </p>
                <pb n="137"/>
                <p>Lärmmacher wieder; es brannte ja auch kein Licht in der Gasse und das Pfarrhaus
                    war im Dunkel.</p>
                <p>In dieser Nacht wachten ihrer drei im Pfarrhause:der Vater, Vally und
                    Kunigunde.</p>
                <p>Nachdem es zwölf geschlagen, trat der Pfarrherr mit Valentine unter die Gartentür
                    und lauschte in den dichten Nebel hinaus; kein Laut ließ sich vernehmen, und mit
                    stummem Abschiede schritt er ins feuchtkalte Dunkel. Zuerst benützte er
                    Feldwege, um allfällige Begegnungen zu vermeiden; dann hielt er gegen den
                    Füllinsdörfer Rebberg zu. Diese Gemeinde hatte sich an der Bewegung nie
                    beteiligt.</p>
                <p>Es war schwer, im Nebel die Richtung einzuhalten.Nachdem er eine Stunde gelaufen
                    war, kam er wieder in die Nähe desselben Hundes, der vorhin so laut gebellt
                    hatie; er war also im Kreise herumgegangen.</p>
                <p>Nun wurde es aber lichter und er fand seinen Weg und ging dem Flusse der Ergolz
                    entlang bis Augst, wo er in einer Schiffshütte auf seine Töchter wartete.</p>
                <p>Valentine und Kunigunde blieben. Erst lauschten sie am offnen Fenster, ob der
                    Pfarrer nicht etwa genötigt wurde, daheim wieder Zuflucht zu suchen. Als aber
                    alles still blieb, besprachen sie miteinander, was ferner zu tun sei. Valentine
                    wollte im Pfarrhause bleiben, nur die Schwestern sollten dem Vater folgen und
                    Chrischona mit ihnen.</p>
                <p>Nach einem reichlichen Frühstücke machten sich die drei auf den Weg; die jüngste,
                    die noch nie so früh aufgestanden war, wankte halbschlafend zwischen Laura und
                    der Magd. Sie kamen glücklich nach der durch Abrede <pb n="78"/> bezeichneten
                    Schiffshütte und fuhren mit Tagesanbruch über den Rhein.</p>
                <p>Als Thekla das Wasser rauschen hörte, weigerte sie sich, in den Waidling zu
                    treten; aber der Fährmann hob sie ohne Umstände hinein. Wimmernd lag sie vor dem
                    Vater auf den Knien und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter. Das schmale
                    Schiffchen durchschnitt schräg die Strömung, und der Schiffsrand schien kaum
                    höher zu sein als das Wasser selbst. Doch brachte sie der Mann sicher ans
                    badische Ufer, wo die Flüchtigen in einem Bauernhause Stärkung fanden und ein
                    ländliches Fuhrwerk, um in die Stadt zu fahren.</p>
                <p>Hier suchte der Pfarrer einen bescheidenen Gasthof auf.Er hätte wohl Freunde
                    gehabt, bei denen er und die Seinen Aufnahme gefunden; aber bei dem überreizten
                    Zustande seiner Jüngsten fand ers besser, sie mit Laura und Chrischona allein
                    unterzubringen. Thekla, welche der Mutter Anlage geerbt, wurde ernstlich krank;
                    die Aufregungen und die erkältende Fahrt hatten zusammen dies bewirkt.</p>
                <p>Sobald es aber besser ging, kehrte der Pfarrer nach Liestal zurück. Es hatte ihm
                    wohlgetan, sich mit seinen Amtsbrüdern in der Siadt auszusprechen: um vieles
                    milder und versöhnlicher kehrte er auf seinen Posten zurück,obschon er wußte, es
                    werde nur für kurze Zeit sein.</p>
                <p>Am hellen Tage kam er wieder, von allen gesehen.Ein Schulmädchen sprang auf ihn
                    zu und fragte lebhaft,wie es seiner Thekla gehe. Das war ein Gruß, der ihn
                    freute, umso mehr, als die artige Tochter bis zur Schwelle des Pfarrhauses
                    plaudernd neben ihm ging.<pb/>
                </p>
                <p>Der erste Advent schlang wieder ein Band um ihn und seine Gemeinde. Erstaunt
                    blickte er auf die Kirchgänger, die sich so zahlreich seit vielen Monaten nicht
                    eingefunden hatten. Das nahe Weihnachtsfest wohl oder ein Rest von
                    Anhänglichkeit? Er empfand es mit Dank, und ein warmer Strom von Liebe ging von
                    der Kanzel auf die Zuhörer aus.</p>
                <p>Ach, wie grau war ihr Pfarrer geworden! Sie schauten mit Bewegung in sein von
                    Kummerfalten durchzogenes Gesicht und verglichen es mit dem frischen, blühenden
                    Antlitz früherer Tage.</p>
                <p>Trotzdem wurde dem Pfarrherrn in aller Form die Ausweisung angekündigt; die
                    landschaftliche Regierung hatte bereits seinen Nachfolger gewählt, und er ging
                    mit einer einfachen, stillen Würde, die ihm auch die höchste Achtung seiner
                    Gegner eintrug.</p>
                <p>Die Pfarrfamilie fand nahe bei der Stadt eine leerstehende Sommerwohnung, wo man
                    auf eine neue Anstellung warten konnte. Chrischona half noch einrichten;dann
                    wurde sie entlassen: die Töchter wollten die Haushaltung selbst besorgen.</p>
                <p>Tiefbetrübt wanderte sie Liestal zu; aber es war schon für ihre Zukunft gesorgt.
                    Mutter Zörnlin suchte eine Hilfe;da brachte der Knecht Hansli die blonde
                    Pfarrmagd in Vorschlag, und als man sie gesehen und gesprochen hatte,war ihre
                    Anstellung abgemacht.</p>
                <p>Nachdem die Tagsatzung vergebens eine Vereinigung von Stadt und Land
                    vorgeschlagen, kam schließlich die </p>
                <pb n="140"/>
                <p>Trennung zustande; die Stadt entließ mehr als die Hälfte der rebellischen
                    Gemeinden aus dem Staatsverbande.</p>
                <p>Eine geographische Trennung konnte nicht stattfinden,da Nachbarsdörfer
                    verschiedenen Staatshoheiten angehörten und auf dieselben Verkehrswege
                    angewiesen waren.</p>
                <p>Dazu kam, daß eine der Stadt angeschlossene Gemeinde um des Friedens willen bat,
                    der Landschaft einverleibt zu werden. Basel wollte aber seine Rechte auf die
                    treu gebliebenen Gemeinden nicht aufgeben, und das entfachte den Parteihader
                    immer mehr.</p>
                <p>So gings bis Mitte des Sommers 1833. Ueberall wurden militärische Vorkehrungen
                    getroffen; unterhalb Liestal, bei der Griengrube, errichtete die Landschaft eine
                    Schanze, und ließ sie mit Palissaden versehen. Vier Kanonen wurden angekauft und
                    verschiedene Korps bewaffnet.</p>
                <p>In der Stadt Basel versammelte sich in diesen Tagen der Kleine Rat. Berichte von
                    Gewalttätigkeiten, welche die Landschaft gegen die Stadtanhänger in den Dörfern
                    verübten, hatten die Bürger aufgestachelt, und sie drangen in die Ratsherrn,
                    endlich Ernst zu zeigen.</p>
                <p>Daraufhin wurde dem Gemeinderat in Liestal angezeigt, daß Waffengewalt eintreten
                    werde, wenn ihre getreuen Landgemeinden ferner angegriffen würden.</p>
                <p>Gottfried Zörnli stand mitten im politischen Treiben.Er hatte sich von der
                    Schädelverletzung und den Brandwunden erholt und sich weder durch des Vaters
                    Bitten noch durch seinen Zorn auf dem Mattenhofe halten lassen.Er war kein
                    Dreinschlager, im Gegenteil; wo es zu <pb n="141"/> schlichten gab, wirkte er
                    durch sein Wort und seine gewinnende Persönlichkeit. Ein ideales Feuer aber
                    durchglühte ihn: er wollte mit Gut und Blut einstehen, um das Landvolk vom
                    ungerechten Drucke zu befreien.In den ersten Augusttagen war überall eine
                    unheimliche Stille, wie vor einem Sturme. Die Städter, die noch auf ihren
                    Landgütern im Baselbiet weilten, zogen eilends in die Stadt. Freisinnige
                    Stadtbürger sandten Warnungen an ihre Gesinnungsgenossen der Landschaft,daß man
                    sich dorti schlagfertig mache.</p>
                <p>Der junge Zörnli eilte als Bote der landschaftlichen Regierung von Ort zu Ort, um
                    alle einheitlich zum Widerstande zu vereinigen. Mehrmals entging er mit knapper
                    Not der Gefahr, von städtischem Militär erschossen oder gefangen gesetzt zu
                    werden. Es lag noch Besatzung in mehreren Tälern verstreut.</p>
                <p>Vom 2. auf 3. August verbreiteten sich dumpfe Gerüchte von einem drohenden
                    Ueberfall der Basler auf die Landschaft. Gottfried nahm die Nacht zu Hülfe, um
                    nach Liestal zurückzukehren. Als er am Morgen das Städichen erreichte, heulten
                    die Sturmglocken; aber niemand wußte zu sagen, was vorging. Auch als der Wächter
                    den verspäteten Brief der Militärkommission an den Liestaler Gemeinderat abgab,
                    sahen die Regierungsräte nur eine Drohung darin.</p>
                <p>Nun kamen aber Berichte von den Kämpfen der Basler mit den Schützen zwischen
                    Muttenz und Pratteln,und auf einmal bekam die Bewegung eine bestimmte Richtung;
                    ohne Führung lief alles nach den Schanzen,</p>
                <pb n="142"/>
                <p>Männer und Knaben. Man jagte mit den vier Kanonen dahin, merkte erst unterwegs,
                    daß die Munition vergessen worden war.In der Stadt war nach drei Uhr Alarm
                    geschlagen worden. Die Feuerglocke läutete; aber die Mannschaften beeilten sich
                    gar nicht, dem Rufe zu folgen, denn es waren nur einzelne, welche den Auszug
                    erzwungen hatten. Die Leute vom Kontingent mußte man einzeln herbeiholen;dennoch
                    fehlten von den Dienstpflichtigen gegen 300 Mann.Dagegen war bei den
                    Standestruppen großer Jubel: sie konnten es kaum erwarten, die Scharte von
                    Rosenthal auszuwetzen. Dennoch vergingen Stunden, ohne daß die Truppe
                    marschfähig war und die Stadt verließ.</p>
                <p>Sie traf bei Muttenz die Vorhut der landschaftlichen Schützen; die Kolonne der
                    Basler bewegte sich in der Ebene vorwärts, während die Landschäftler am
                    Waldabhange hinzogen. Ihre Schar vermehrte sich beständig;viele eilten über den
                    Bergabhang, um den Baslern bei Pratteln den Weg zu verlegen.</p>
                <p>Dort kam es zum ersten Zusammenstoß. Ein Schuß fiel auf die Standestruppen; diese
                    stürmten brüllend ins Dorf: „Ladt! Feuer! Ladt!“ war das Kommando.Ein Basler
                    Oberst sandte seine Ordonnanz; die Garnisönler sollten das Dorf verlassen, aber
                    sie gehorchten nicht. Sie trugen in ihren Tornistern nicht bloß Flaschen voll
                    Branntwein mit, sondern auch Faßbrand und Schwefelhölzer. Sechs Häuser auf
                    einmal steckten sie in Brand.Das Feuer ergriff noch weiter die mit Heu und Korn
                    angefüllten Scheunen.</p>
                <pb n="143"/>
                <p>Langsam stiegen die Rauchsäulen gegen den Himmel,Wehegeschrei der Dörfler
                    erscholl von den Hügeln; die Männer riefen sich mit Ingrimm zu: „Laßt
                    brennen!Schießt aber die Mordbrenner nieder!“</p>
                <p>Den geplanten Uebergang über das Ehrli, das eine gute Position gewesen wäre,
                    konnten die Stadtiruppen nicht mehr gewinnen. Vereint rückten sie auf der
                    Landstraße vor.</p>
                <p>Da wurden sie von der Birchschanze aus mit Kanonenkugeln beschossen. Jetzt sollte
                    die städtische Artillerie das feindliche Geschütz zum Schweigen bringen und die
                    Standestruppe rüstete sich zum Angriffe auf die Hülftenschanze,wo die
                    Entscheidung fallen mußte; denn von da an lag der Weg nach Liestal dem Feinde
                    offen.</p>
                <p>Die laudschaftlichen Schützen hingegen waren ihrerseits über den äußersten
                    Vorsprung des Ehrli geeilt. Nun füllte sich dieser Vorsprung und der ganze Rain
                    aufwärts immer mehr mit Bewaffneten, besonders auf der offenen Erdschanze der
                    Griengrube.</p>
                <p>Die Standeskompagnie richtete ihren Angriff dahin und wurde mit verzweifelter
                    Gegenwehr empfangen. Kugeln der Artillerie sausten den Landscht von vorn
                    entgegen und zwei Kanonen schoßen aus der guhe nach der Griengrube.</p>
                <p>Da flogen von der Birchschanze her die kleinen Kugeln den Garnisönlern in den
                    Rücken: „Vorwäürts!“ schrien sie im wilden Anstürmen; „Hurrah, Baselland!“
                    hallte es von den Höhen hinab.</p>
                <p>Das Knattern der Gewehre und Stutzer, das Pfeifen ihrer Kugeln, das Rasseln der
                    Kartäschen in den Bäumen <pb n="144"/> und das mühsame Sausen der großen
                    Geschoße erfüllten bei dem allgemeinen Geschrei den kleinen Raum mit furchtbarem
                    Getöse.</p>
                <p>Einige Mann von der Standestruppe waren still im gebüschumwachsenen Graben bis
                    zur Griengrube herangekrochen, erhoben sich plötzlich und schossen aus nächster
                    Nähe auf deren Verteidiger.</p>
                <p>Hier oben stand Gottfried neben einem geliebten, ältern Freunde, gerade über der
                    Stelle, wo die Garnisönler sich zum Ueberfall aufgerichtet hatten; sie schossen
                    beiderseits,aber schon sank der Freund tötlich getroffen neben dem Jüngling
                    zusammen. Gottfried wollte ihn mit den Armen auffangen, auch ihn traf ein
                    Streifschuß am Halse. Unterdessen war unten etwas geschehen, denn die Soldaten
                    sprangen über Kopf und Hals in den Graben hinunter,um sich mit den ihrigen zu
                    vereinigen. Die Standestruppe hatte fich nämlich wieder zum allgemeinen Angriff
                    gesammelt, als ihr aus nächster Nähe Kanonenschüsse entgegendonnerten </p>
                <p>Ihr Kommandant war schwer verwundet; von der Hauptmacht kam keine Unterstützung.
                    Da trat die Garnison ihren Rückzug an, und mit ihr die übrige Macht der Basler.
                    Sie wurden ungestüm verfolgt; immer mehr landschaftliche Mannschaft rückte nach,
                    und in vollständiger Auflösung flohen die Basler dem Hardtwalde zu.</p>
                <p>Die Städier schossen nicht mehr, desto schrecklicher die Landleute; sie fielen
                    zuletzt mit den Gewehrkolben über die Basler her und erschlugen sie. Die
                    Verwundeten baten um Gottes willen, daß man sie nicht liegen lasse; man lud
                    viele auf die Caissons, von denen das Blut herabtroff.</p>
                <pb n="145"/>
                <p>Erst am Weichbilde der Stadt konnte Halt gemacht werden; so weit der Hardtwald
                    ging, hatten aus jedem Verstecke die Landschäftler auf die Flüchtenden
                    geschossen.Fünf Offiziere, 36 Mann der Slandestruppe und 22 Bürger lagen
                    erschlagen auf dem Felde.</p>
                <p>Gottfried war bei seinem toten Freund allein zurückgeblieben; die übrige
                    Mannschaft halle sich auf die Verfolgung gestürzt. Der Jüngling sah erst auf die
                    bleichen Züge des Gefallenen; dann deckte er das liebe, iote Gesicht sorglich
                    zu.</p>
                <p>Ihm selbst rieselte das Blut fortwährend vom Halse;er ballte Erde in sein
                    Taschentuch und drückte es an die Wunde. In der Hitze des Kampfes hatte er kaum
                    bemerkt, daß beim vorhergehenden Bajonettangriff beim Ehrli sein linker Arm
                    blessiert worden war; der Aermel hing zerfetzt und war voll gestockten
                    Blutes.</p>
                <p>Es war ihm schwer zu Mute; das wilde Siegesgeschrei der Genossen, die Grausamkeit
                    und Wut der Verfolgung erfüllten ihn mit Ekel. Das sollte die erhoffte Freiheit
                    sein! Er hatte den geliebten Freund verloren; aber ihm starb in diesem
                    Augenblick noch viel mehr: sein Jugendtraum ging dahin.</p>
                <p>Glühend sengte die Augustsonne auf sein unbedecktes Haupt, dessen alte
                    Schädelwunde noch nicht ganz verharscht war; die Zunge klebte ihm am Gaumen.
                    Alles um ihn her schien sich zu drehen und todesmatt sank er zu Boden.</p>
                <p>Es war sein Glück, daß Leute kamen, die seine Taschen nach Geld durchsuchten. Das
                    brachte ihn wieder zu sich; er raffte sich auf, um aus dem Sonnenbrande zu
                    kommen. Dort am Waldrand fand er gewiß einen schattigen Zufluchtsort.</p>
                <pb n="146"/>
                <p>Wie er taumelnd hingelangt war und das Buschwerk teilte, fiel sein Blick auf
                    einen verwundeten Basler. Mit Todesangst sah dieser zum Jüngling auf; er war
                    auch schrecklich anzusehen: sein Haar starrte von Schweiß und Staub, die Augen
                    waren blutunterlaufen und schienen aus den Höhlen zu treien.</p>
                <p>Der blessierte Stadtsoldat machte sich ganz klein und flehte um sein Leben.</p>
                <p>„Ich bin kein Mörder“, sagte Gottfried.</p>
                <p>„Aber deine Landsleute! Sie schlagen die Verwundeten tot!“</p>
                <p>„Und eure Soldaten! Wie haben die gemordet und gesengt!“</p>
                <p>Der Basler verteidigte sich: er hatte keinem einzigen was zu leide getan, er war
                    überhaupt nur gezwungen mitgegangen, wie die meisten vom Kontingent. Als durch
                    die offenen Fenster der Blömlikaserne das wilde Toben und Jauchzen zu der sich
                    sammelnden Truppe herausschallte, hatten alle das boöse Ende vorausgesehen. Aber
                    die Garnisönler konnten es nicht erwarten, bis es losging;sie brüllten: Hurrah!
                    Wein und Schnaps in Liestal!Hurrah, Rewansche!</p>
                <p>Der Mann berichtete weiter, daß er und seine Gattin zur Brüdersozietät gehörten,
                    und seine Frau eine Landschäftlerin sei; er hatte ihr versprechen müssen, ihre
                    Landsleute zu schonen.</p>
                <p>„Wir vom Kontingent sind ja auch gar nicht zum Schusse gekommen; dafür habe ich
                    hinterrücks eine Kugel in die Seite gekriegt und kann weder stehen noch
                    gehen.</p>
                <pb n="147"/>
                <p> Meiner Frauen Bruder ist ein Liestaler, wenn der es nur wüßte, er hülfe mir aus
                    der Not!“</p>
                <p>Noch sprachen sie zusammen, da teilte sich das Gebüsch:ein beutetragender Knabe
                    wollte hier seinen Raub verbergen. Entsetzt fuhr er zurück, aber Gottfried
                    herrschte:„Steh! oder ich schieße!“</p>
                <p>Zitternd gab der Junge Bescheid auf die Frage des Soldaten: Ja, er kannte den
                    Mathys Senn, „den ‚Bedischt“(Pietist) meint Ihr doch?“</p>
                <p>Eben wollten ihn die beiden mit Botschaft zu ihm senden, da rauschte es in den
                    Baumkronen; Blätter und geknickte Zweige flatterten herunter.</p>
                <p>Die Angst packte den Jungen; es schoß dort noch zwecklos der eine oder der
                    andere, und eine Kugel konnte ihn treffen; er raffte seine Beute zusammen und
                    wollte verschwinden. Aber Gottfried packte ihn am Schopfe, und da schrie er in
                    Todesangst: „Laßt mich los, der Bedischt ist nicht weit weg. Bei den Bäumen an
                    der Augsterstraße verbinden sie Blessierte, und des Meisters Mathys Wägelchen
                    ist dort; er hat ihnen Brot und Wein gebracht.“ Damit entichlüpfte er ihnen.</p>
                <p>Sie ratschlagten beide, wie sie dahin gelangen sollten.Der Schlosser wollte nicht
                    allein bleiben, sonst komme noch einer und schlage ihn tot, und Gottfried war zu
                    schwach, um ihn zu tragen. Da packte der Basler seinen Tornister aus; die Gattin
                    hatte ihm manche Stärkung hineingetan. Sie wolltens nun wagen.</p>
                <p>Die Montur mußte der Schlosser zurücklassen. Gottfried lud den Verwundeten auf
                    seinen Rücken und schritt übers Feld. Vor und hinter ihnen fiel es wie schwere </p>
                <pb n="148"/>
                <p>Regentropfen auf den Acker, das waren Kugeln, von solchen, die aus Uebermut
                    losknallen.</p>
                <p>Der Schlosser hielt sich so fest an Gottfrieds Halse,daß sich die Kruste auf
                    seiner Wunde löste und das Blut neuerdings zu fließen anfing. Dies und die
                    Anstrengung machte ihn zusammenbrechen; es war nicht weit vom Verbandsplatz, und
                    des Schlossers Geschrei: „Mathys, komm hilf!“ wurde zum Glück gehört.</p>
                <p>Gottfried wurde gewaschen, verbunden, gestärkt und nach Liestal gebracht, wo er
                    in seiner eigenen Stube ein paar Stunden schlief.</p>
                <p>Gegen Abend weckte ihn ein verzehrender Durst und er richtete sich auf. Da hatte
                    jemand ein Krüglein hingestellt: es war Wein, und er trank alles aus. Nach
                    einigen Versuchen, aufzustehen, konnte er sich auf den Beinen halten; sein
                    einziger Gedanke war: „Heim!“</p>
                <p>In der Hauptstraße gings lebhaft zu; da konnte er ungesehen durch die Hintergasse
                    fortschleichen. Wie im Traum wandelte er den gewohnten Weg; bei jedem Brunnen
                    löschte er den Durst, sogar den Umschlag tauchte er ein, um ihn wieder auf das
                    brennende Haupt zu legen.</p>
                <p>Seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen; doch wankte er weiter, an Häusern
                    vorbei, wo schon alles schlief: „Heim, nur heim!“ das war der Jnsiinkt, der ihn
                    vorwärts trieb.</p>
                <p>Auf dem Mattenhofe wußte man nichts von allem,bis am späten Nachmittag Hansli
                    atemlos erschien und von den Ereignissen berichtete. Sofort lief der Meister den
                    weiten Weg Liestal zu; die Angst gab ihm Flügel.Als er ins Städtchen kam, erfuhr
                    er die Verwundung <pb n="149"/> seines Sohnes und sein Weggehen; es hatte ihn
                    jemand durchs Tor hinauswanken sehen, und er kehrte um, in der Hoffnung, ihn
                    bald einzuholen.</p>
                <p>Ein anderer, der Hansli, wurde von der Züs angewiesen, die Nebenwege abzusuchen,
                    da Gottfried diese der Kürze wegen zu benützen pflegte. Der Knecht war auch der
                    erste, der den Blessierten fand, als er eben matt auf ein Rasenbord gesunken
                    war. Er richtete Gottfried auf,flößte ihm ein, was die Meisterin ihm Stärkendes
                    mitgegeben, und brachte es dazu, daß der Jüngling, von seinen starken Armen
                    gehalten, wieder gehen konnte. Hier in dieser Einsamkeit war keine Hülfe zu
                    finden.</p>
                <p>Doch jetzt wars gefehlt: Gottfried schien sterben zu wollen. Er sank aus den
                    stützenden Armen des Knechtes leblos zu Boden. Hansli lag neben ihm auf den
                    Knien und starrle wie vernichtet in die helle Sommernacht hinaus; dann ermannte
                    er sich und rief: „Helft! helft!“Es antworteten ihm nur die Töne der
                    aufwachenden Vögel.</p>
                <p>Plötzlich ein ferner Laut: „Ich komme!“ Es war der Meister, dessen fester Schritt
                    sich in der Stille immer näher hören ließ. Nun war er da! Hanslis Stimme hatte
                    ihm den Weg gewiesen. Starr und finster blieb er stehen und sandte den Knecht
                    nach der erreichbaren Ortschaft, um eine Tragbahre zu bekommen.</p>
                <p>Darüber verging lange Zeit und Sonnenaufgang war nahe, als sie den Jüngling nach
                    dem Mattenhofe brachten.</p>
                <p>„Die Meisterin!“ rief Hansli, „sie steht unter der Tür!“</p>
                <p>Der Mann erwiderte nichts, das Unglück schien ihn zu Stein gemacht zu haben. Als
                    die Frau wieder hinein<pb n="150"/> gewankt war, gleichsam, um den Anblick ihres
                    Schmerzes vor dem hellen Tageslichte zu verbergen, stellten sie die Bahre vor
                    ihr nieder.</p>
                <p>Da brach Frau Zörnli in die Knie und schrie auf wie ein totwundes Tier:
                    „Tot?“</p>
                <p>„Ja, tot!“ sagte die unerbittlich harte Stimme des Meisters.</p>
                <p>Sie rief ihren Sohn mit den zärtlichen Namen ,dann jammerte sie wieder laut:
                    „Tot? mein lieber Bub?Ach, warum mußtest du auch bei allem dabei sein?“</p>
                <p>„Das fragst du?“ sagte er mit einem Blick, der sie erbeben machte. Dann kam bei
                    ihm auch ein wilder Schmerzensausbruch, und er floh hinaus.</p>
                <p>Die Mutter warf sich mit dem Gesicht auf des Sohnes Hände, welche Hansli fromm
                    wie zum Gebet ineinander gefügt hatie; man hörte nichts, sie zuckte nur in
                    Stößen.Züs lag neben ihr an der Erde und streichelte mit ihren hagern Fingern
                    die Schultern der Frau: „Meisterin! Lene!du nimmst ihm die Ruhe im Grabe, wenn
                    du so viel Tränen auf ihn fallen lässest!“</p>
                <p>Frau Zörnli schaute in gramvoller Hilflosigkeit auf:was dann, wenn sie nicht
                    einmal mehr weinen durfte?</p>
                <p>Warum lag sie nicht an seiner Stelle auf der Bahre?ohne das Kind, war das noch
                    leben?</p>
                <p>Verzweifelt starrte sie vor sich hin und fuhr zusammen,als die alte Magd sie in
                    schwer unterdrückter Aufregung plötzlich am Arm packte und mit heiserer Stimme
                    flüsterte:„Lene! wenn er noch nicht gestorben wäre? Tote werden starr, und fühl
                    ihn an, er ist noch ganz lind!“</p>
                <pb n="151"/>
                <p>Die Mutter warf einen Blick auf des Jünglings Gesicht; das war von Todesblässe
                    wie eingesunken und entstellt. Hoffnungslos wendete sie sich ab und stöhnte: „Es
                    ist alles, alles aus. Er hat recht, der Mann da draußen,ich bin schuld, ich habe
                    ihn stets gegen den Vater unterstützt! Für mich gibts kein Erbarmen mehr!“</p>
                <p>Züs hatte mit energischem Ruck den gekrümmten Rücken aufgerichtet. Sie stand vor
                    der Meisterin und sprach:„Das Erbarmen wirst du jetzt kennen lernen! glaube
                    endlich einmal und bete! Denk an den Jüngling zu Nain; der war auch ein einziger
                    Sohn und ist seiner Mutter zurückgegeben worden.“</p>
                <p>Damit hastete sie hinaus, den Meister und den Hansli zu rufen, hier tat rasche
                    Hilfe not.</p>
                <p>* **</p>
                <p>Präsident Reiffenstein holte sein Mündel im Institut ab. Aus dem früher knochigen
                    Studenten war ein sehr ansehnlicher Herr geworden; seine markige Gestalt und das
                    scharf gezeichnete Gesicht machten ihn zu einer imposanten Erscheinung.</p>
                <p>Er hatte es auch weit gebracht und seinerzeit glücklich geheiratet; jetzt war er
                    schon lange Jahre Witwer. Die Ehe war kinderlos geblieben, und um sein Leben
                    froher zu genießen, gönnte er sich zeitweilig eine Badekur oder eine kleine
                    Reise.</p>
                <p>Damals galt die Fahrt nach einer Schweizerstadt,Bern, Zürich oder Luzern, schon
                    für eine erhebliche Reise;in die Berge wagte er sich nicht, denn mit Ertrapost
                    konnte man nicht gut hingelangen, und das schien ihm die einzige tunliche Art zu
                    fahren.<pb/>»22 </p>
                <p>Diesmal gings nach Neuchätel, eine ihm noch fremde Gegend; es genierte ihn, daß
                    er französisch sprechen mußte.Obschon er die Sprache leidlich konnte, ließ ihn
                    seine gewohnte Leichtigkeit im Reden doch hier im Stiche, und er war glücklich,
                    als er im Gasthofe mit einem Reisenden deutscher Zunge zusammentraf. Er lud ihn
                    auch zur Rückfahrt ein, um dem Zusammensein mit Elsi zu entgehen.</p>
                <p>Trotz des Protestes des Fremden wurde das Mädchen auf den Rücksitz verwiesen; das
                    war eine heruntergeklappte,gepolsterte Banquette, von wo man nicht hinausschauen
                    konnte. Dazu hatte der Präsident auch noch das Fenster an seiner Seite
                    geschlossen, um keinen Zug zu haben.</p>
                <p>Elsi war widerhaariger als je; sie erboste ihren Vormund mit schroffen Antworten.
                    Er konnte ihr auch nicht verzeihen, daß sie in den zwei Jahren nicht hübscher
                    geworden. Sonst brachten die unschönsten Mädchen aus dem „Welschland“ eine
                    gewisse Frische mit heim, wenn auch nur la beauté du diable. Hier keine Spur!
                    die große Nase sprang immer gleich keck zwischen den magern Backen hervor; kein
                    Hauch von Wangenröte, alle Farben in diesem schmalen Gesichte schien der
                    korallenrote Mund an sich gezogen zu haben.</p>
                <p>Je länger er sie mit kritisierendem Blicke anschaute, ie mehr schien sie ihm ein
                    verjüngtes Exemplar von Tante Sabine. Ja, wie sie ihn eben zornig anblitzte,
                    fehlte nur noch, daß sie anfing zu fluchen wie die Alte.</p>
                <p>Zum Glück fuhr der Wagen rasselnd unter einem Stadttore durch; der Postillon
                    blies: „Trara trara!“ Mit 33 Trabe fuhren die Pferde durch die holprige
                    asse.</p>
                <pb n="153"/>
                <p>Aus dem stattlichen Gasthause stürzte der Wirt herbei,aus den Stallungen ein
                    Pferdeknecht; ehe sie noch angehalten, war Elsi schon hinausgeflogen: „In den
                    Kasten brächte mich keiner mehr!“ machte sie bei sich selbst aus.</p>
                <p>Froh schaute sie um sich; das war ja ein lustiges Städichen; an den schmalen
                    Häusern hinaufblickend, sah sie an allen Fenstern neugierige Köpfe. Dort, wo aus
                    dem Torwege Scharen von Buben und Mädchen kamen,mußte wohl die Schule sein? Und
                    am altväterischen Brunnen holten jetzt Frauen und Töchter mit Krügen und Eimern
                    Wasser und besahen sich die ausgespannte Extrapost eben das Essen serviert
                    wurde.</p>
                <p>Ehe die Mahlzeit zu Ende war, lief Elst mit einem Kelchgiase voll dufligen,
                    goldgelben Weines davon. Der Wiri, der ihn zum Dessert eingeschenkt hatte,
                    schaute ihr verplüfft nach. „Wo hinaus?“ rief der Präsident scharf,erhielt aber
                    keine Antwort mehr.</p>
                <p>Sie suchte den alten Postillon auf und reichte ihm das Glas. Mit verklärtem
                    Schmunzeln trank er langsam aus, und als das Mädchen ihn fragte: „Darf ich nicht
                    bei Euch oben sitzen?“ gab er Bescheid: „Gern, wenns der „Herr Vater“
                    erlaubt!“</p>
                <p>Sie saß aber schon oben, als der Vormund aus der Türe trai. Er proiestierte, Elsi
                    beachtete es nicht: „Sie läßzt mich hier stehen, wie einen Haubenstock“, knurrte
                    er dem Gefährten zu. Dieser flüsterte verstohlen etwas, daraufhin rief der
                    Vormund: „Meinethalben! wenn sie durchaus neben dem alten Krauter sitzen
                    will!“</p>
                <pb n="154"/>
                <p>Wie herrlich wars, so hoch oben zu thronen, alles unter sich zu schauen, wie die
                    Spatzen in der Luft. Ein dem Gefängnis entronnener Vogel war sie ja auch; jetzt
                    erst genoß sie die Freiheit in vollen Zügen.</p>
                <p>Das Städichen hatten sie hinter sich gelassen, im freien Felde dampften die
                    frisch umgepflügten Acker; hier blüten Kirschbäume, dort in der Linde hings wie
                    grüne Schleier.Der Weg führte zwischen Hecken; die waren von Schlehenblüten weiß
                    umsponnen. Und was kam dort über die Matten? eine singende Kinderschule. Die
                    Kleinen hatten die Händlein voll Himmelsschlüssel. Und dazu flöteten die
                    Vögelein in allen Zweigen.</p>
                <p>Elsi mußte jauchzen und singen! ja auch das wagte sie. Als aber der alte
                    Postillon bis zu Tränen lachte,weil er der Meinung war, sie singe aus Possen
                    falsch,steckte sie es wieder auf. Hingegen mußte er das Posthörnli blasen; sie
                    bettelte ihm sogar ab, daß sie fahren durfte; es war ihr vom Mattenhofe her
                    nicht ungewohnt.Die braven Postpferde trabten wohlgezogen ihre Straße klingend
                    fürbaß.</p>
                <p>Wenn der Vormund gewußt hätte, daß das Heil seiner lieben Knochen von dieser
                    nichtsnutzigen Mädchenhand abhinge? Seitdem ihn der Reisegefährte verlassen
                    hatte,schlief er, in die Wagenkissen bequem hingegossen.Der Präsident pflegte im
                    Trinken sehr peinlich zu sein;er wußte, daß ihn der Wein gehässig und ausfallend
                    machte und mischte ihn deshalb stets mit Selterser. Dieses hatte er hier nicht
                    vorgefunden; auch ließ ihn der unterhaltende Gast die Vorsicht vergessen. Darum
                    wurde das </p>
                <pb n="155"/>
                <p>Gespräch im Wagen nachher etwas zu aufgeregt und der Begleiter rief: „Halten!“
                    stieg verstimmt an einer Kreuzstraße ab, reichte dem Rosselenker ein Trinkgeld
                    und wünschte dem Mamsellchen eine glückliche Reise.</p>
                <p>Der Vormund wachte wieder auf, als der Wagen zum Pferdewechsel stille stand. Das
                    Schläfchen hatte seine Laune wieder hergestellt; er rief Elsi hinein, da es
                    anfing zu dunkeln und die Abendkühle empfindlich wurde.</p>
                <p>Ganz aufgeräumt sprach er von der Zukunft; der Reisegefährte haite ihm nämlich
                    eine bessere Meinung von seinem Mündel beigebracht. Nun hoffte er, daß Elsi sich
                    bei ihrer Schwester wohl fühlen werde; daß diese ihr eine gute Partie zuschanzen
                    wollte, das verschwieg er weislich.</p>
                <p>Das Mädchen sah erstaunt aus; Thea und Doris,die ältern Schwestern, hatten sich
                    bisher nie um sie gekümmert, Helene war die einzige, die es gut mit ihr
                    meinte.Sie haite auch erwartet, die Tante Sabine würde sie wieder haben wollen,
                    und daß es der Gesundheitszustand der alten Frau nicht erlaubte, tat ihr leid.
                    Hingegen freute sie sich lebhaft auf Helene, welche die erste sein wollte.Dort
                    war während der Institutszeit gewiß wieder ein Kleines angerückt?</p>
                <p>Elsi wurde mit Jubel empfangen, Helene war just Sirohwitwe, ihr Edi zur Kur in
                    Oberbaden.</p>
                <p>Trotz später Ankunft schwatzten die Schwestern noch lange. Elsis Vermutung war
                    richtig, der Dieterli, ihr früherer Liebling, hatte sein Bettchen schon vor
                    vielen Monaten an den Nachfolger Fredy abtreten müssen und schlief in einer
                    höhern Nummer. Das Mädchen wollte zu <pb n="156"/> gern in die Kinderstube, aber
                    Helene gabs nicht zu; das Landvögtli konnte aufwachen und dann machte es einen
                    Lärm, daß die andern aus dem Schlafe kamen.</p>
                <p>„Den Dieterli meinst du? Kann der noch so vaterländisch brüllen wie damals? Und
                    warum nennst du ihn Landvögtli?</p>
                <p>„Das kommt von meinem Manne her. Der behauptet,unser alter Ururahne, der Landvogt
                    Dietrich, spucke noch immer in unserem Blut und zeige er sich in jeder
                    Generation einmal; zum Beispiel in der Tante Reiffenstein,dann gelt, du nimmst
                    ihms nicht übel? in dir und nun in unserm Buben. Es muß etwas dran sein,denn ihr
                    habt alle drei etwelche Aehnlichkeit miteinander.“</p>
                <p>„Mag ihn dein Mann denn nicht leiden?“</p>
                <p>„Im Gegenteil, er hat den Narren an ihm gefressen.Hab ich dir erzählt, wie Edis
                    Tanten die Kinderbettvisite machten? Die zwei Jungfern waren ganz entsetzt und
                    meinten, wir müßten uns mit etwas versündigt haben; so hübsche Eltern und
                    kriegen ein so gräßliches Kind! Wie hat sich mein Mann über sie lustig gemacht;
                    so alte Fraubasen verständen vom Rassigen nicht die Spur. Aber weißt du, Elsi,
                    ein Kind ohne Rasse wäre mir doch lieber gewesen; wie nett sind Franz und
                    Rudölfli, wie herzig das Lenchen, sogar der Fredy lacht einem nur immer an; aber
                    mit dem Schlingel, dem Dieterli, werd ich nicht fertig, er fragt mir gar nichts
                    nach.“</p>
                <p>„Folgt er dem Papa denn?“</p>
                <p>„So so, la la! Edi prätscht ihn halt hie und da;aber glaubst du, das mache ihm
                    Eindruck? Nicht einmal <pb n="157"/> heulen tut er und läuft dem Papa gleich
                    darauf wieder nach wie ein Hund. Und mich nennt er nie „Mama“, sondern nur „es“. </p>
                <p>Elsi schlief im Zimmer mit Helene, und wohl zu lang für das ungeduldige
                    Landvögtli: auf einmal flog dem Mädchen ein Ball ins Gesicht und ein Bürschlein
                    stand da und begehrte auf: „Mach, daß du herauskommst, das ist Edi sein
                    Bett!“Die Mama war auch darüber aufgewacht und schaltr „Was wird das gute Tanti
                    von dir denken, du freche:Bub!“</p>
                <p>„Sie soll aufstehen und mir die Höslein zuknöpfen!“</p>
                <p>Aber schon kam die Marei, ihren Flüchtling wieder einzufangen, und Helene
                    jammerte, es sei ein Elend mit dem bösen Knaben; wenn er nur einmal so weit
                    wäre,daß er wie Rudeli in die Häfelischule gehen könnte! So nannte man früher
                    die Kleinkinderbewahranstalt; der größere ging schon in die Gemeinde-,
                    heutzutage Primarschule.</p>
                <p>Die Krone der Kinder war Lenchen, des Großpapa Manuels Ebenbild. Dem Kinde flogen
                    alle Herzen zu,wie einst dem Substituten; es sah Elsi mit des Vaters Augen an,
                    sie konnte sich gar nicht von ihm wegwenden.</p>
                <p>Das Schwesterchen allein fand Gnade vor dem Landvögtli; seine phlegmatischen
                    Brüder mußten ihm parieren und bekamen Prügel, wenn sie nicht folgten. Helene
                    war machtlos diesem kleinen Tyrannen gegenüber; nun war zum Glück Elsi da, und
                    die wußte bald mit ihm umzugehen.</p>
                <pb n="158"/>
                <p>So behaglich wars der jungen Mutter noch nie gewesen: das Schwesterlein war für
                    seine siebzehn Jahre noch so kindisch, daß es immer mit den glücklichen Kleinen
                    DOO jedenfalls unpassend, daß man ihren guten Willen so ausnützte!</p>
                <p>Elsi dachte gar nicht weiter; nach dem langwierigen Lernen war sie überglücklich,
                    ihren Tag bei den Kindern zuzubringen; ihrethalben konnte der Schwager
                    foribleiben,so lang er wollte.</p>
                <p>Aber seine Kur ging zu Ende, und man sprach im Hause von nichts als von seiner
                    bevorstehenden Ankunfi.Der Brief war gekommen. Helene redete nicht
                    darüber,obschon Elsi gesehen, daß die Schwester beim Lesen die Farbe gewechselt
                    hatte; sie ging aus, zu Thea und Doris,wie sie sagte.</p>
                <p>Erst nach ihrer Rückkehr ließ sie das Mädchen lesen.Eduard schrieb, daß er leider
                    genötigt sei, Mama Sybilla mitheimzubringen. Sie hätte sich sollen künftig mit
                    einem der schönen, großen Eckzimmer begnügen, weil der Sohn der Hausbesitzerin
                    heirate und dadurch der Platz beschränkter werde. Das wollte aber die
                    Substitutin nicht und hat schroff gekündet; sie wolle sogar die Zeit nicht
                    abwarien und mit dem Schwiegersohn nach Basel kommen.</p>
                <p>Helene hatte mit den Schwestern beraten; beide waren bereit, die Mama
                    aufzunehmen, aber nur unter der Bedingung, daß Elsi mitkomme. Erschrocken wehrte
                    das Mädchen ab: „Von den lieben Kindern weg? Mit Mama zusammensein den langen
                    Tag!“ Und Helene, die lobte, wie es jetzt behaglich wäre, die Kinder waren stets
                    <pb/>*9 beschäftigt. „Lieber nehmen wir die Mutter dazu“, seufzte sie; die
                    Visitenstube wurde selten gebraucht, die würde man für die Substitutin
                    einräumen. Es war aber doch,als ob ein Schatten aufs Haus gefallen wäre, die
                    Schwestern waren beide gedrückt.</p>
                <p>In der Nacht hörte Elsi leise stöhnen; sie lauschte:ihre Schwester warf sich
                    unruhig herum. „Bist du krank,Hely?“ fragte sie; zugleich sprang sie auf und
                    setzte sich auf Helenens Beitrand: „Was quält dich sonst noch, meine Liebe, sag
                    mirs doch, bitte, bitte!“</p>
                <p>„Alles kann man einem jungen Mädchen nicht gut mitteilen“, schluchzte die
                    Schwester.</p>
                <p>„Warum nicht, Hely? So dumm bin ich doch nicht mehr; ich merke schon, das hängt
                    wieder mit dem „Kingelistall“ zusammen.“</p>
                <p>„Mit was?“ fragte die ältere Schwester erstaunt.Da erzählte ihr das Mädchen der
                    Tante Sabine Aeußerung vom Kaninchenstall, und Helene mußte trotz allem Kummer
                    hell auflachen: „Das wird Edi amüsieren“, sagte sie. Uebrigens hatte Elsi
                    richtig geraten; auf den Herbst erwarte sie wieder ein Kleines, und darum werde
                    es ihr so schwer, die Mama um sich haben zu müssen; aber lieber sie ertragen,
                    als das Schwesterlein hergeben.</p>
                <p>Eduard war angekommen und die Frau Substitut mit ihm. Die Kinder waren noch nicht
                    zu Bett; das Landvögtli erstickte den Vater fast mit Liebkosungen, dann stellte
                    er sich vor Großmama Sybilla auf und starrte sie unhöflich an. „Du, Edi“, sagte
                    er dann zu Papa, „schick doch die Frau wieder fort, sie gefällt mir nicht!“</p>
                <pb n="160"/>
                <p>Die Substitutin war erstarrt: solche Kinder! Das würde ihr was zu schlucken
                    geben, und Reue ergriff sie,daß sie das behagliche Heim in Baden verlassen
                    hatte.Die schöne Visitenstube legte aber Balsam auf ihr verletztes Gemüt. Die
                    Straßenecke war ja auch kurzweilig,und nach der längern Abwesenheit freute sie
                    sich, wieder in Basel zu wohnen.</p>
                <p>Sie war viel unterwegs, machte Besuche, kaufte ein,o daß sie eigentlich nur über
                    Tisch bei den Kindern war;dennoch gab es viel Störungen. Die Dienstboten murrten
                    über die vielen Ansprüche der alten Frau, und Helene wurde von den Klagen so
                    nervös, daß sie das beständige Klingeln nicht mehr ertragen konnte; sie sah
                    leidend aus und sollte zur Erholung nach Bad Säckingen. Eduard ging natürlich
                    mit; man konnte der Kinder wegen ruhig gehen, Elsi war ihnen ein musterhaftes
                    Mütterchen.</p>
                <p>Heiter und gesund kam das Paar zurück; aber es dauerte nicht lange, so gings von
                    neuem los. Eines Morgens schellte und schellie die Substitutin, bis ihr der
                    Klingelzug in der Hand blieb; aber keine Magd wollte erscheinen. Erbost lief sie
                    in die Küche; da sagte man ihr, der Herr habe die Glocke abgeschraubt, das ewige
                    Klingeln sei ihm verleidet. Sie kehrte schweigend in ihr Zimmer zurück, aber von
                    Stund an warf sie glühenden Haß auf den Schwiegersohn, den sie nicht ganz
                    verbergen konnte, und lange konnte es auf diese Weise nicht mehr dauern.</p>
                <p>Einmal hörte Elsi eine scheltende Männerstimme, war das nicht Eduard? Sie eilte
                    schnell ins Eßzimmer; dort war die Schlafstubentür angelehnt. Helene lag noch zu
                    Bett und ihr Gatte sprach aufgeregt:</p>
                <pb n="161"/>
                <p>„Du kannst nichts als meinen“, sagte er, „eeig doch einmal, daß du daheim Meister
                    bist! wenn ich einschreite, heißt es: Barbar!“</p>
                <p>„Du bist aber auch gleich so derb, lieber Edi! Da war Papa ganz anders, voll
                    feiner Rücksichten gegen seine Frau!“</p>
                <p>„Geh doch mit deinen dummen Rücksichten! Ich bin der Maun, der für dich und die
                    Kinder sorgt. Und wenn ich den ganzen Tag für euch ochse, will ich abends mit
                    der Frau und den Kindern behaglich zusammensein und deine Alte nicht vor mir
                    hocken haben; wenn sie mich mit ihren kalten Augen fixiert, ist mir zu Mut wie
                    einem Käfer, der aufgespießt wird. Wie gesagt, wenn das nicht anders wird, eß
                    ich wieder im „Bären“ oder in „Drei Königen“ zu Abend, da hab ich angenehmere
                    Gesellschaft!“</p>
                <p>„Und verdirbst dich wieder mit Essen und Trinken und wirst krank!“</p>
                <p>„Einerlei, ich tus!“ damit ging er und schlug die Tür hart zu, und Helene
                    schluchzte zum Erbarmen.</p>
                <p>Elsi wußte nichts besseres, als ihrer Schwester das kleine Lenchen zu bringen;
                    das stack noch im Hemdchen und ließ sich gern zur Mutter ins Beit stecken.
                    Zärtlich nestelte es sich an die Weinende und fragte mit seinem weichen
                    Stimmchen: „Mammelh, wo tuts dir weh?“ und Helenens Tränen versiegten unter den
                    Liebkosungen der Kleinen.</p>
                <p>Eine Stunde später war Elsi bei Schwester Doris.Diese wußte schon, wie es stand,
                    Eduard hatte sich bei <pb/>4.</p>
                <p/>
                <p>ihrem Manne beklagt. Sie hatten ja immer im Sinne gehabt, die Mama zu sich zu
                    nehmen und es schon unter sich besprochen, weiche Veränderung zu treffen sei.
                    Das Schulzimmer der Mädchen, wo sie mit ihrer Mademoiselle lernten, würde für
                    die Großmama Shbilla eingerichtet.Elsi müßte freilich mit ihr zusammenwohnen.
                    Das Mädchen bat, man möchte sie über die nächste Zeit noch bei Helene lassen;
                    sie erreichte aber nur so viel, daß sie tagsüber bei den Kindern sein durfte,
                    bis die junge Mutter wieder vom Wochenbett aufgestanden sei.</p>
                <p>In den ersten Oktobertagen erschien ein kleines Mädchen,zu dessen Patin Elst
                    erbeten wurde. Mit dem Taufen machte man bei Eduards nicht mehr viel Umstände;
                    diesmal war die Gesellschaft klein, aber des eleganten Herrn Paten wegen durch
                    ein sehr feines Mahl ausgezeichnet.Der junge Herr Hieronymus, oder „Ronimus“,
                    wie er unter seinen Intimen genannt wurde, war äußerst liebenswürdig, beschenkte
                    den Täufling und seine Geschwister und nach einem schon fast abhanden gekommenen
                    Brauche auch die junge lustige Gevatterin, die ihm außerordentlich sympathisch
                    war.</p>
                <p>Dann ging das Leben eine Zeitlang ungestört weiter;Frau Sybilla fügte sich in die
                    strengere Hausordnung bei ihrer Tochter Doris. Zum Kaffeetisch erschienen alle
                    fertig angezogen; der Hausherr ging gegen neun aufs Kontor und die Mädchen mit
                    ihrer Mademoiselle ins Schulzimmer.Gesprochen wurde selten; Heinrich, der
                    wortkarge, beschränkte sich auf „guten Tag“ und „Adieu“.</p>
                <p>Elsi hätte sich gern der Französin angeschlossen, aber die Schwester gab ihr zu
                    verstehen, sie sei für die Kinder da.</p>
                <pb n="163"/>
                <p>Trotzdem sich alle freundlich und höflich begegneten,herrschte doch eine kühle
                    Luft in dem Hause; für Elsis Temperameni wars unerträglich. Wohl brachte sie
                    manchen Rachmittag bei Helenens Kindern zu; aber um so peinlicher empfand sie
                    den Abstand, wenn sie zurückkam.</p>
                <p>Da fügte es sich, daß ihrer Schwester Doris Schwiegermama, Frau Elianor, an dem
                    Mädchen Gefallen fand.Sie wohnie still in ihrem behaglichen zweiten Stocke und
                    kam fafst nie zu den Kindern herunter; dafür besuchten diese die Großmama um so
                    fleißiger, und Elsi durfte auch manche Stunde bei ihr zubringen.</p>
                <p>Hier wars auch, wo das Mädchen den ersten Christbaum sah. Am heiligen Abend war
                    die ganze Familie bei Frau Elianor vereinigt, die Brüder Heinrich und Thea; die
                    zwei Söhne der letztern und die Heinrichmädchen sangen ein schönes
                    Weihnachtslied, einer der Herrn begleitete. Die alte Frau saß im Lehnstuhl und
                    las das Evangelium von Christi Geburt; sie sah mit ihrem weißen Haar und mit der
                    milden Feierlichkeit ihres Wesens wie eine Priesterin aus.</p>
                <p>Das war die Siunde, wo sich die kühlen Brüder, die Handelsherrn, jedesmal wieder
                    als Kinder fühlten. Sie beleten die Mutter an, und es verging kein Tag, wo sie
                    nicht Zeit gefunden hätten, nach ihr zu sehen. Wenn die Tür aufging am
                    Weihnachtsabend und der Lichterbaum brannte, wehte sie mit dem Tannen- und dem
                    Wachskerzenduft die erste Jugend wieder an.</p>
                <p>Kaum daß Elssi den nächsten Morgen erwarten konnte;ihr Schwager Eduard sollte
                    seinen Kindern auch diese Freude bereiten.</p>
                <pb n="164"/>
                <p>So früh es anging, schellie sie dort an. Die Magd,die ihr öffnete, kam eben von
                    oben mit einem Arm voll Windeln: sie bringe sie der Frau; „die ist drin im
                    Eßzimmer und der Herr auch, er frühstückt eben“.</p>
                <p>Elsi ging darum zuerst nach der Kinderstube: „die schlafen sicher nicht mehr“,
                    dachte sie, „es geht ja gegen zehn, und doch alles so still!“</p>
                <p>Leise trat sie ein. Die drei Knaben lagen auf dem Bauche am Boden; sie schaute
                    fragend Marei an, welche eben das Jüngste badete, diese flüsterte: „se machen
                    die Krippe zu Bethlehem!“ sie hätte ihnen die Weihnachtsgeschichte erzählt, und
                    da sei dem Dieter ins Kopfle gekommen, sie wollten das spielen; und was der Bub
                    ausdenkt, machen die andern immer mit.</p>
                <p>Elsi wollte die ins Spiel vertieften Kinder nicht stören.In der Fensternische saß
                    das Lenchen auf einem Kissen am Boden; die Kindsmagd hatte ihm das warme, blaue
                    Wickeltuch ums Nachtkleidchen geschlungen, daß es sich nicht erkälte. Vor dem
                    kleinen Lenchen Maria stand als Krippe ein umgekehrter Schemel und eine
                    weißumwickelte Puppe als Jesuskindlein drin. Rechts und links aufgestellt
                    hölzerne Kühe, Pferde und ein wolliges Schaf, das aber an Größe alle anderen
                    Tiere überragle, und nun errichteten drei Buben mit Bauhölzchen einen Hag um den
                    heiligen Stall.</p>
                <p>Im Eßzimmer wars nicht so weihnachtlich; Elsi hatte nicht angeklopft, weil die
                    Stubenmagd eben herauskam.Helene faltete Windeln, Eduard saß sehr nachlässig im
                    Schlafrock, trank Kaffee und las das Tagblatt dazu. Als er ihren Schritt hörte,
                    sah er sich um schrie: „Millionendonnerwetter! wo kommt das Mädel plötzlich her?
                    Schnell,Frau! gib mir dein Halstuch her!“</p>
                <pb n="165"/>
                <p>Helene setzte gelassen ihre Beschäftigung fort: „Elsi hat dich ja schon gesehen,
                    du alter Faulpelz! Wenn ich nur malen könnte, ich würde dich abkonterfeien, wie
                    du jetzt aussiehst; daneben den geschniegelten, jungen Stutzer,der seinerzeit
                    der angebeteten Helene nachlief, und darunter würde ich schreiben: „einst und
                    jetzt!“</p>
                <p>Ganz gemütlich sagte er: „die Anbetung wenigstens ist noch dieselbe!“ Dazu
                    drapierte er seinen bloßen Hals mit der Zeitung: „Nun bin ich geistvoll angetan
                    und kann meinen Spruch bei der kleinen Schwägerin beginnen!“</p>
                <p>Elsi horchte auf. Es handelte sich um die Neujahrsfeier; Eduard und Helene baten
                    feierlich die Mama Substitutin und ihre Tochter auf diesen Tag zu Gaste.</p>
                <p>„Es ist aber doch Familientag bei uns, bei Heinrichs!Da feit Ihr gewiß auch
                    gebeten?“ warf Elsi ein.</p>
                <p>Der Schwager setzte ihr auseinander, wie es sich mit diesem Familienfeste
                    verhalte. „Der alte Remigius hatte zwei Frauen gehabt. Von der verstorbenen
                    ersten waren bier Tochter da, als er Frau Elianor zur Ehe nahm.</p>
                <p>Diese vier Töchter heirateten sie sind auch schon Großmütter und der Alte liebte
                    es, seine ganze Familie am ersten Tage des Jahres um sich zu haben, und Frau
                    Elianor handelt in seinem Sinne, wenn sie diese Vereinigung am Neujahr
                    beibehäli, obgleich es für alle, Schwäger und Schwägerinnen, eine große Schur
                    ist. Uebrigens sind sie darauf eingerichtet, die ganze große Sippschaft bei sich
                    zu empfangen.</p>
                <p>Die Frage war bloß, was man mit Mama Substitut anfangen soll; sie kennt ja
                    niemand von all den Leuten, und wir, Helene und ich, sind zum Neujahr mit Kind
                    und </p>
                <pb n="166"/>
                <p>Kegel stets bei den alten Tanten. Doch haben die guten Weiblein uns zu lieb ihr
                    Festchen auf den nächsten Sonntag verlegt. Somit würde alles klappen, wenn ihr
                    bei uns Verlieb nehmen wollt!“</p>
                <p>Gerne und selbstverständlich sagte Elst für sich und Mama zu; letztere hatte
                    übrigens keine Wahl, auf ihr Zimmer wurde als Garderobe gerechnet.</p>
                <p>Am folgenden Morgen hielt Doris ihr Schwesterchen zurück. Zuerst übergab sie ihr
                    zwei kleine Päckchen Geld,den Ueberschuß des vom Präsidenten einbezahlten
                    Kostgeldes; Doris hatte bloß die Auslagen berechnet.</p>
                <p>Sie war sehr erleichtert, als ihr das Mädchen von Eduards Einladung sagte, und
                    nahm am Plane, dessen Kindern einen Baum zu schmücken, recht lebhaften
                    Anteil:„Du kannst ja unser Tännchen haben, es muß doch auf die Seite geräumt
                    werden; Konfekt und Zierraten wollen wir auch spendieren, und laß dir von Mamag
                    Elianor zeigen,wie man Wachsstock verschneidet und die Lichter aufsetzt.“</p>
                <p>Elst war über ihr Geldlein so froh; gleich wollte sie nach dem Andreasplatze
                    laufen, wo ein bescheidener Weihnachtsmarkt stattfand. Dort gab es die billigen
                    Raritäten,die den Kleinen hochwillkommen sind. War das eine Freude für ihr
                    junges, kinderliebendes Herz, für ihre Batzen Säbel, Trompeten und Knallbüchsen
                    einzukaufen, und die vergoldeten Lebkuchenfraueli und Grättimannen und was der
                    Herrlichkeiten mehr waren. Sie sprach aber nicht davon, denn die Mama war
                    zornig; sie hatte geringschätzig ihr Geldpäckchen in eine Ecke geschleudert: „so
                    schofel!“Eduard hatte ihr seinerzeit das ganze Kostgeld zurückgegeben.</p>
                <p>* F *<pb/>167f Der Jubel der Kleinen beim Anblick des Christbaumes und die frohe
                    Ueberraschung bei den Erwachsenen warfen noch lange hinaus ihren warmen Schein
                    auf die folgenden unfreundlichen Januartage. Marei war heimlich bei den Tanten
                    gewesen, sie einzuladen; sie erschienen auch zur rechten Zeit, und waren von der
                    allgemeinen Freude so miigenommen, daß sie ihre Sacktüchlein naßweinten.
                    Elsi,das „Bubenmädel“, das ihnen früher so zuwider gewesen,war dadurch plötzlich
                    in ihrer Gunst. Sie wurde von den Jungfrauen „Phrosine und Adelheid“ eingeladen
                    und war bald ein Hausgast in ihrem wohnlichen Heim. „Bring auch eine Handarbeit
                    mit, liebes Kind“, mahnten sie einmal, und als Elsi den Kopf schüttelte, fügten
                    sie bei:„wenns zuletzt nur ein zerrissener Strumpf ist, wir wollen vich
                    verstechen lehren“.</p>
                <p>Aber die Mama machte ja alle Löcher zu; was sollte sie sonst den lieben langen
                    Tag tun?</p>
                <p>Frau Substitut fühlte sich in der letzten Zeit bei Doris nicht mehr behaglich.
                    Einerseits trug sie ihr nach, daß sie vom großen Familientag ausgeschlossen
                    gewesen, anderseits mäkelte sie an der Kost; der Tisch in diesem Hause war fein,
                    aber nicht so reichüich wie bei Helene. Elsi hatte es zuerst auch empfunden und
                    ging oft halb hungrig vom Essen; aber es war sehr schmackhaft zubereitet und
                    genügte den andern auch. Doris trachtete ihre Kinder fein und zart zu erhalten;
                    so gab sie auch nur wenig Brot und steis ganz weißes zu den Mahlzeiten.</p>
                <p>Aehnlich hatte es Mama Sybilla einst mit ihren Kindern gehallen; daran erinnerte
                    sie sich aber nicht mehr.Mit den zunehmenden Jahren wurde sie stumpfer und fand
                    ihr Vergnügen allein noch am Naschen.</p>
                <pb n="168"/>
                <p>Man hatte ihre Ausgänge nie kontrolliert; da erhielt Herr Heinrich einmal eine
                    Konditornote zugeschickt für Pasteichen, Törtchen und dergleichen. Er brachte
                    sie seiner Frau herauf, und diese ging gleich ins Geschäft, zahlte die Rechnung
                    und bat den Zuckerbäcker, nur noch auf ihre eigene Bestellung hin zu
                    liefern.</p>
                <p>Als die Substitutin nachmittags unverrichteter Sache zurückkehrte, war sie in
                    einer schrecklichen Laune und ecklärte ihrer Tochter Doris, hier bleibe fie
                    nicht länger, sie wolle wieder ihre eigene Haushaltung führen. Dadei beharrte
                    sie auf ihrem Willen, und es blieb nichts anderes übrig, als den Vetter
                    Präsident, ihren gesetzlichen Vormund, zu einer Familienberatung zu berufen.</p>
                <p>Er wußte auch keinen Rat: wenn sie mit dem reichlichen Kostgeld der Tante Sabine
                    nicht auskommen konnte,dünkte ihn ihr Begehren geradezu Unvernunft. Frau
                    Reiffenstein war überhaupt nicht gut auf Sybilla zu sprechen, da sie von
                    Oberbaden her noch verschiedene Rechnungen erhielt für Eßwaren und unnötigen
                    Tand,den sie dort angeschafft und nicht bezahlt, die „Aushauserin“, die sie ihr
                    Leben lang bleiben würde, hatte die Alte gegrollt.</p>
                <p>In der Not fragte man noch einmal bei der frühern Hauswirtin in Baden an und bot
                    Erhöhung des Kostgeldes; dennoch erfolgte abschlägiger Bescheid.</p>
                <p>Elsit ihrerseits hätte einen Ausweg gewußt; sie bat,man solle sie mit der Mutter
                    nach dem Mattenhofe schicken.Dies wurde ohne Angabe des Grundes verworfen. Die
                    Geschwister hatten des Herrn Ronimus Vorliebe für die kleine Gevatterin bemerkt,
                    er schien sich allmählich zu <pb n="169"/> nähern; eine solche Gelegenheit zu
                    verpassen, ging nicht an. Der junge Mann war reich und von guter Familie.Dem
                    Präsidenten teilten sie aber ihre Gedanken nicht mit;wenn er in seiner raschen
                    Art zugriff, konnte er alles verderben.</p>
                <p>Thea erklärte, die Schwestern hätten Mama gehabt,nun sei die Reihe an ihr, sie zu
                    beherbergen, und die Substitutin mußte wohl oder übel mit Elsi nach dem Hause
                    ihrer Aeltesten übersiedeln.</p>
                <p>Das Haus war nicht groß, aber vornehm. Eine breite Paradetreppe führte in den
                    ersten Stock zu einem Vorsaal,in welchen die Türen der Wohngemächer mündeten,
                    sowie das Eßzimmer, hinter welchem die Küche lag und ein Gang, der auf eine
                    steinerne Wendeltreppe führte, diejenige der Dienstboten; sie reichte vom Keller
                    bis zum Dachstock.Frau Sybilla bekam zwei schöne Stuben im obern Geschoß, die
                    später für die beiden Söhne bestimmten Räume. Sie höätte sich hier behaglich
                    fühlen können, aber ihre freien Ausgänge fehlten. Das Haus war geschlossen und
                    Thea gab keinen Hausschlüssel.</p>
                <p>„Die Mama kann ja anschellen, es ist immer iemand unten in der Nähstube.“
                    Ueberhaupt ließ man sie nicht mehr allein aus.</p>
                <p>A sohn Remigius trat mit mehr Autorität auf als Heinrich und Thea war stolzer als
                    Helene. Und nicht allein die Alten ärgerte sie; da war der Knabe Ludwig, einer
                    der besten Köpfe seiner Klasse, der trug ein hochfahrendes </p>
                <pb n="170"/>
                <p>Wesen gegen Großmutter und Tante zur Schau. Und sie waren doch nicht um den
                    „Gottswillen“ da, Sabine zahlte ja für sie.</p>
                <p>Auch Elsi seufzte im stillen: wo blieben ihre Gänge zu Jungfer Phrosine und
                    Adelheid? die Plauderstündchen bei Frau Elianor und die köstlichen Nachmittage
                    bei Helenens Kinderstube? Die arme Helene! sie war so krank, daß niemand zu ihr
                    gelassen wurde. Eduard kam eines Morgens in Verzweiflung zu den Tanten und
                    klagte ihnen, die Kinder müßten fort, ste machten zu viel Lärm.</p>
                <p>Und da nahmen die alten Jungfrauen ihre Mäntel um und pilgerten vor die
                    Stadttore, bis sie nach langem,mühseligem Suchen eine freie Sommerwohnung fanden
                    und sogleich mieteten. Schon andern Tags konnte die Uebersiedlung stattfinden:
                    die Kinder mit Marei und einer zweiten Magd ins Erdgeschoß und die Tanten in die
                    Giebelstube.</p>
                <p>Elsi sah und erfuhr nichts, außer wenn Eduard schnell einsprach. Zuletzt stand es
                    so schlecht, daß er nicht mehr ankehren mochte. Da wars ihr ein Trost, daß der
                    jüngere Knabe, Remigius, nach der Schule zu Helenens Wohnung lief und Bescheid
                    holte.</p>
                <p>Remy war überhaupt ihr Trost. Entgegen seinem begabten und von den Eltern
                    vorgezogenen Bruder hatte er eine Vorliebe fürs Praktische. Auf derselben Etage
                    wie Großmama besaß er eine kleine Werkstatt, wo er in den Freistunden schnitzte,
                    leimte und zierliche Gegenstände fabrizierte. Elsi, die von Gottfried her einige
                    Erfahrung darin besaß, konnte ihm manchen guten Wink geben.</p>
                <pb n="171"/>
                <p>Dem Remh klagte sie bisweilen die Aengste, die sie nachts ausstand, wenn die Mama
                    lärmte und um sich schlug. So oft sie sich aber bei den Schwestern
                    beschwerte,glaubte man ihr nicht; über Tag war die Substitutin ganz richtig bei
                    Verstande.</p>
                <p>Der Knabe half ein altes Sopha in einen unbenützten Raum neben der Schlafstube
                    unterbringen; dahin konnte das Mädchen flüchlen, wenns die Mutter zu arg
                    trieb.Er sorgte auch für einen festen Riegel an der vorher unverschließbaren
                    Tür.</p>
                <p>So ging es viele Wochen hindurch. Wie manche Nächte hatte Elst hinter dem
                    schützenden Riegel auf dem Sopha gelegen! Als dann einmal Nanette, das Mädchen,
                    das Frühstück brachte, war die Frau besonders aufgeregt und schlug ihr das
                    Tablet aus den Händen: Brötchen, Getränk und Scherben lagen beisammen am
                    Boden.</p>
                <p>Entsetzt floh die junge Person; Elsi wunderte sich nicht, als darauf beide Mägde
                    erschienen, um wegzuräumen, daß die Schwester ihr sagen ließ, sie möchte bald
                    herunterkommen.</p>
                <p>Als Elsi mit nüchterem, knurrendem Magen bei ihr eintrat, ging ihr diese mit
                    freundlicher Feierlichkeit entgegen, umarmte sie und sagte: „Liebes
                    Schwesterlein, ich gratuliere dir zum schönsten Tage deines Lebens!“</p>
                <p>„Na na!“ dachte Elsi, „vorderhand habe ich noch nicht viel davon gemerkt!“ Sie
                    mußte neben Thea sitzen,und die Schwester teilte ihr in tiefer Erregung mit, daß
                    der junge Ronimus bei ihrem Manne um Elsi angehalten habe. Remigius würde diesen
                    Vormittag zum Vetter Präfidenten gehen, um ihn mit dem Bewerber zusammen auf <pb n="172"/> den Abend einzuladen. Da wollte man dem jungen Herrn Gelegenheit
                    geben, seiner Erwählten den Antrag zu machen.</p>
                <p>Elsi lächelte malitiös: mit dem Erscheinen des Vormundes wars schon nichts, der
                    Neffe Remy hatte ihn am Tage vorher abreisen sehen. Dann sagie sie
                    entschieden:„Gebt euch keine Mühe! den nehm ich nicht!“</p>
                <p>Thea war zuerst sprachlos vor Schreck; dann überlegte sie, daß Elsi eigentlich
                    noch zu jung sei, um ernst genommen zu werden. Sie ist ein widerhaariges,
                    eigenartiges Geschöpf,man muß sie mit großer Klugheit zur Einsicht
                    bringen,welches Glück ihr durch diese Partie zu teil wird. Wer nicht nachläßt,
                    gewinnt. Freundlich sprach sie weiter:</p>
                <p>„Hast du denn nicht gedacht, daß es so kommen muß,liebes Schwesterlein? Wir
                    ahnten alle, wo hinaus er wollte, wagten aber nicht, auf ein solches Glück zu
                    hoffen.Dem jungen Manne standen andere Türen offen, er konnte unter reichen und
                    schönen Mädchen wählen!“</p>
                <p>„Da soll er eine von diesen nehmen; ich werde ihn nicht heiraten!“</p>
                <p>„Weil du deine Lage ganz verkennst, liebe Kleine!Du bist arm und auch nicht
                    hübsch; wenn du diese Gelegenheit verpassest, kommt vielleicht keine mehr, und
                    was willsft du als arme, alte Jungfer anfangen? Bei den Geschwistern sein?“</p>
                <p>Elsi schüttelte den Kopf: „Bei euch gewiß nicht, aber bei Helenel Warum muß sie
                    just so krank sein? sonst hätte ich dorl Zuflucht gefunden! Und dann ist ja die
                    Großtante Sabine da, sie hat mich immer gern gehabt!“</p>
                <p>„Aber jetzt nicht mehr ich will dirs nur berichten:deinetwegen ging ich zu ihr,
                    um ein gutes Wort für meine <pb n="173"/> liebe Elsti anzubringen; aber wie hat
                    sie mich empfangen? Die Jungfer Babeit sagte zwar zum voraus, ich soll mir
                    nichts daraus machen, die Tante schimpfe alle aus;aber so stellte ich mirs nicht
                    vor.</p>
                <p>Ich wartete im Nebenzimmer, da kreischt sie: „Wer ist da? die Remigiussene? sieig
                    mir den Buckel auf!Was macht sie hier, das “ nein, ich bringe das Wort nicht
                    über die Zunge.“</p>
                <p>„Liebe Tante!“ sagte die Babett, „sie will Ihnen bloß aufwarten!“</p>
                <p>„Jawohl mit Gift und Popperment! Zeig ihr,wo der Zimmermann 8 Loch gemacht hat!
                    Und daß mir keins von der verdammten Bande mehr ins Haus kommt!“</p>
                <p>„Diese Insulten habe ich um deinetwillen schweigend in den Kauf genommen; mein
                    guter Remigius hat keine Ahnung davon. Du kannst dir nun vorstellen, wie es mit
                    deinen Hoffnungen beschaffen ist. Ja früher, als dich Tante zuweilen sah, da
                    mochte sie dich noch gern haben, aber mit dem zunehmenden Alter ist sie immer
                    verdrehier geworden. Du bist sonst ein so gescheites Mädchen!Denk auch an deine
                    Zukunft! Ich hoffe bestimmt, daß wir dich herumkriegen werden!“</p>
                <p>„Niemals! wenn ich wirklich einmal heirate, muß es einer sein, den ich gern habe,
                    und dann bin ich ja noch jung, ich brauch nicht zu pressieren!“</p>
                <p>„Jung gefreit, hat noch niemanden gereut! Du weißt ja, liebe Kleine, ich war
                    nicht älter als du; Doris wurde mit siebzehn Jahren Braut. Und wir sind gut <pb n="174"/> gefahren mit unsern Männern, du kannst es ja merken,wie sie uns
                    auf den Händen tragen. Und was das Gernhaben anbetrifft, was man Verliebtheit
                    nennt, das r bei uns auch nicht das kommt später ganz von selbst. </p>
                <p>Du sollst auch Rücksicht nehmen auf Mama, welche diese Heirat sehnlichst wünscht.
                    Du weißt, wie ihr daran liegt, wieder einen eigenen Haushalt zu führen. Ronimus
                    DDDihm sagst, läßt er es sicher der armen Mama ab; wir suchen dann nach einer
                    passenden Wartefrau für sie. Es wäre eine große Liebe von dir für uns alle. Du
                    siehst ja, daß man sie nirgends behalten kann!“</p>
                <p>„Ach so! Dazu bin ich gut genug, und ihr merkt endlich was! Wohl darum, weil sie
                    heut früh eine Szene gemacht hat! Wie oft habe ich euch gesagt, es sei nicht
                    richtig mit ihr; dennoch habt ihr mich dort oben allein gelassen, all die bösen
                    Nächte, wo sie bald jammerte, bald schimpfte und zornig alles durcheinander
                    warf. Ohne Helenens Erkrankung wäre ich schon lange zu ihr geflohen;zum Glücke
                    half mir der gute Remy eine Zuflucht schaffen,in der Kammer nebenan.“</p>
                <p>„Steht es wirklich so schlimm? Armes Elsli! es tut mir sehr, sehr leid. Von heut
                    an soll Nanette bei euch oben schlafen. Am Tage merkt man ihr aber gar nichts
                    an; ich kann mirs nicht erklären, daß sie so gereizt ist.Worüber beklagt sie
                    sich denn?“</p>
                <p>„Erstens über ihre Gefangenschaft hier im Hause!Vor allem aber, daß sie an
                    Magenweh leidet, weil sie beständig Hunger hat.“</p>
                <pb n="175"/>
                <p>Thea sah ihre junge Schwester ganz erstaunt an:„Hunger?“</p>
                <p>„Du weißt ja, sie hat sich das Essen zwischen den Mahlzeiten schon lange
                    angewöhnt; bei Doris konnte sie kleine Vorräte für ihr Taschengeld und für
                    meines einkaufen, denn wir bekamen immer den Ueberschuß von unserm Kostgelde
                    heraus. Du gibst uns keinen Rappen davon “</p>
                <p>„Weil mein Mann das ganze Geld für euch zinstragend angelegt hat. Dachtest du,
                    daß wir eiwas davon für uns brauchen würden? Heinrich hat auch dazu beigetragen,
                    um euch einen ordentlichen Sparhafen anzuschaffen, und für diese gute Meinung
                    werden wir noch getadelt! Und was das Uebrige anbetrifft, den Haushalt führen
                    wir, wie uns Mama gelehrt hat. Remigius und meine Söhne sind überaus zufrieden,
                    auch mit unserm Tische, nun, warum lächelst du so eigen? sprich!“</p>
                <p>Elsi antwortete: „Remy hat erst dieser Tage gemeint,XDDDDC seine Hunde fast
                    verhungern. Heirate lieber den jungen,hübschen Bäckermeister an der Ecke, sagte
                    er, dann kommen wir alle Tage zu dir und essen uns am Brot satt!“</p>
                <p>Thea hatte zuerst die Warnung wegen Ronimus herausgehört. „Seit wann hörte man
                    Schulknaben ihre Ansicht ab in Heiratssachen?“ Dann stieß ihr anderes auf:wie
                    kam Remy zu der Bekanntschaft mit dem Bäckermeister?Spielte etwa schon ein
                    verstohlener Briefwechsel, wie damals zwischen ihrer Schwester Helene und
                    Eduard? Sie fragte direkt: „Woher kennt der Knabe den Menschen?“</p>
                <p>„Wie alle andern Leute, die ihren Batzen durchs </p>
                <pb n="176"/>
                <p>Fenster in den Bäckerladen hineinreichen und dafür ihr Brotlaiblein in Empfang
                    nehmen, der Ludi wie der Remy“Daß die Knaben bei ihrer wöchentlichen
                    Rechenschaft über das Taschengeld Löschpapier, Federn und dergleichen
                    unterschoben, verriet sie nicht; aber Thea merkte es doch, sie nahm sich vor,
                    diesem Appetite der stark wachsenden Knaben in Zukunft besser Rechnung zu
                    tragen. </p>
                <p>Als Elsi mit leeren Händen hinaufkam, war Frau Sybilla sehr unzufrieden; das
                    Mädchen vertröstete sie auf das Mittagessen, es dauerte ja nicht mehr lange. Nun
                    berlangte Mama zu wissen, ob der Verspruch mit Ronimus heut abend richlig
                    gemacht werde. Lange halte sie es nicht mehr aus hier.</p>
                <p>Als Elst schwieg, drängte sie: „Du bist doch so gescheit und sagst Ja?“</p>
                <p>Das Mödchen verneinte, und da ging ein ganzer Sturm von Schimpfreden und
                    Drohungen über sie herab:man würde ihren harten Kopf brechen und sie zum
                    Gehorsam zwingen.</p>
                <p>Elsi erklärte, daß sie nur einem gehorsam gewesen wäre, ihrem geliebten Vater.
                    Der würde nie von ihr verlangt haben, einen zu nehmen, den sie nicht möge.</p>
                <p>„Oho! da bist du auf dem Holzwege“, schrie die Mutter sie an. „Dein Vater selber
                    hatte eine andere im Kopf; aber weil es seine Eltern verlangten, hat er mich
                    geheiratet!“</p>
                <p>„Und du wußtest von der andern und nahmst ihn doch?“</p>
                <p>„Ja! denn ich wollte ihn durchaus haben!“</p>
                <p>F Vnd die er im Kopfe hatte, wars nicht Esther Reiffenein?“</p>
                <pb n="177"/>
                <p>Die Muiter nickte und Elsi blieb erschüttert stehen.Da hatte sie die Lösung des
                    Rätsels, das damals ihren Kinderkopf beschäftigt hatte: „Warums bei ihnen anders
                    mal, die Meisterin hatte ein rasches Blut; aber das hinderte nicht, daß sie sich
                    herzlich gern hatten.</p>
                <p>Bet den Eltern gings dagegen fein zu; der Vater tat,als wäre seine Frau eine
                    Prinzessin, und sie, die Mama,konnte so demütig und sanft sagen: „Ja, mein
                    Lieber!“Wenn sie aber draußen war, ließ sie an irgend eiwas ihren Verdruß aus,
                    den heimlichen Groll, der gleichsam unter der Asche fortglimmte. Arme Mama! arme
                    Eltern!</p>
                <p>Die Substitutin las das Mitleid auf dem Gesichte ihrer Tochter und klagte: „Dein
                    Vater war die lautre Güte gegen jedermann; wie hat er dich geliebt, du böses
                    störriges Kind! nur ich bin bei ihm zu kurz gekommen ich weiß, warum! Die andere
                    stand immer zwischen uns.Als sie starb, dachte ich: Jetzt kommt er zu mir. Aber
                    nein! noch tot hat sie meines Mannes Herz festgehalten;er kam nicht. Ich war
                    doch das schönste Mädchen in der Stadt, sie garstig und schwarz wie du, dennoch
                    liebte er nur sie. Wundre sich noch eins, daß ich so geworden bin! ich war
                    verwöhnt! warum hat er mich nicht erzogen,wie dich, wie andere? Es lag ihm
                    nichts an mir, und doch hätte ich ihm für jedes Bröselchen Liebe auf den Knien
                    gedankt, ja sogar für Schelte und Schläge!“</p>
                <p>Reute es sie, daß sie der Tochter die Wunde ihres Lebens aufgedeckt hatte, oder
                    fühlte sie sich krank infolge des nüchteren Magens? Ihr Gesicht verzog sich in
                    gräßlicher Weise; Elst sah sie wanken und wollte ihr zu Hilfe <pb n="178"/>
                    kommen. Da schrie sie das Mädchen an: „Fort mit dir,du Schlange! Auch du hast
                    mir das Herz meines Manuels gestohlen; ich hasse dich, denn du bist „Esther“;wie
                    hätte er jene vergessen können, wenn er täglich ihr Ebenbild vor sich sah? Vor
                    meinen Augen ist alles rot wie Blut! werde ich denn verrückt?“ Sie schien ganz
                    von Sinnen zu sein.</p>
                <p>Plötzlich hob sie mit übernatürlicher Kraft einen schweren Stuhl und wollte ihn
                    auf des Mädchens Kopf niederschmettern. Dieses aber hatte sich schon vorher dem
                    Ausgange genähert und schlüpfte behende hinaus; das Möbel fuhr krachend gegen
                    die Tür.</p>
                <p>Elsi flog zur Wendeltreppe; fast ohne die Stufen zu berühren, glitt sie an dem
                    starken Tau, das zur Handhabe diente, von oben bis unten pfeilschnell hernieder
                    und war schon vor dem Hause, als man bei Thea ängstlich hinund herlief und nach
                    der Ursache des Spektakels fragte.Sofort wurde nach Remigius gesandt.</p>
                <p>Daß man den Flüchtling verfolgen werde, davor war das Mädchen sicher; die Herren
                    Schwäger mieden peinlich jedes Aufsehen. Nur hatte sie ohne Hut, ohne einen
                    Rappen Geld und mit leerem Magen das Haus verlassen. Ueber das Ziel war sie
                    nicht verlegen, sie wollte nach dem Mattenhofe.</p>
                <p>Den Kopf schützte sie mit dem Sacktuche gegen den Sonnenbrand. In ihrem
                    Haustleide glich sie einem Dienstmädchen, das Besorgungen macht, und so wanderte
                    sie ohne Hast durchs Stadttor nach Birsfelden und in die einsame Hardtwaldung.
                    Ihre Hoffnung, einen Botenwagen zu treffen, war nicht groß; sie hatte schon auf
                    dem Bar<pb n="179"/> füßerplatz gesehen, daß die einen abgefahren waren, die
                    andern erst abends gingen.</p>
                <p>Zuerst hatte ihr die Aufregung Kraft gegeben, nun aber quälte sie der Hunger so,
                    daß sie sogar gebettelt hätte. Es begegnete ihr kein Mensch; nur ein
                    Steinklopfer saß auf niederm Stühlchen und zerkleinerte Kiesel.Er rief ihr Worte
                    zu, die sie nicht verstand, aber ihren Füßen größere Geschwindigkeit verliehen.
                    Erst als sie weit weg von ihm war, sank sie totmüde am Straßenrande nieder und
                    die Augen fielen ihr vor der Gluthitze und der Erschöpfung zu.</p>
                <p>Halb im Traum hörte sie das Nahen eines Fuhrwerkes; sie raffte sich auf und stand
                    mitten in den Weg.Es saß ein älterer Mann auf einem Bernerwägeli.</p>
                <p>„Was will die Jungfer?“ fragte er mißtrauisch;„was hat sie auf der Landstraße zu
                    suchen?“</p>
                <p>Elsi sah ihn bittend an: „Nehmt mich mit, ich komme aus der Stadt und kann nicht
                    mehr weiter!“</p>
                <p>„Ich fahr Sie zurück, hols der Daniel; oder ists nicht recht 2 </p>
                <p>Ueber des Mädchens Gesicht flog ein Freudenstahl.An dem Ausrufe hatte sie den
                    Mann erkannt, den originellen Wirt, welchen ihr Vater bei jedem Besuche in
                    Liestal aufzusuchen pflegte. Sie nannte ihm ihren Namen und ihr Wanderziel und
                    er streckte ihr freundlich die Hand entgegen:</p>
                <p>„So! Sie ist die Tochter des Substituten? Das war ein lieber, feiner Herr! Nun
                    steig sie auf!“</p>
                <p>Buser, unter dem Uebernamen „General“ bekannt,war eine ungewöhnliche
                    Persönlichkeit. Seit dem Aus<pb n="120"/> bruch der französischen Revolution
                    führte er ein bewegtes Leben. Im Jahre 1801 saß er zwölf Wochen im Kerker und
                    seine Wirtschaft wurde ihm weggenommen, weil er im Verdachte stand, gegen die
                    helvetische Regierung zu agitieren.</p>
                <p>Dann gehörte er eine Reihe von Jahren zum Basler „Großen Rat“ und kam zur
                    Erkenntnis, daß dem Landvolke viel Unrecht geschehe. Als die Wirren zwischen
                    Stadt und Land ausbrachen, wurde er Mitglied der provisorischen Regierung in
                    Liestal. Damals fiel ihm der Titel „General“ zu, weil er einen größern Trupp
                    gegen den Feind geführt hatte.</p>
                <p>Später blieb er ruhig in seiner Wirtschaft zum „General“, wo sich die erprobten
                    „Freisinnigen“ zusammenfanden. Ein Feind der Geistlichkeit, der schwarzen
                    Vögel,hielt er sich stets ausgestopfte Raben.</p>
                <p>„Das ist so meine Meinung“, sagte der Liestler Buser.Wie oft hatte es ihm der
                    Substitut scherzend nachgesprochen!Und kam etwas Unerwartetes, wohl auch: „Potz
                    steinalie Käthri“ und „Hols der Daniel“, Busers spezielle Ausrufungen.</p>
                <p>So wars gleichsam ein alter Freund, neben dem Elsi Liestal zufuhr, und sie
                    scheute sich nicht, etwas von ihren Erlebnissen zu berichten. Aus allem hörte
                    der gute Mann nur heraus, daß sie jetzt um drei noch nicht einmal ein
                    Morgenessen im Leibe habe. „Was, sie hat kein Geld?Na, der General hat eins, und
                    an der Kreuzstraße kehren wir ein!“</p>
                <p>Bei Tisch fiel ihm auf einmal eiwas ein: „Sie geht auf den Mattenhof, Jungfer!
                    Kann sie mir nicht sagen,<pb/>h </p>
                <p>21 wo der junge Zörnli steckt? Nu nu, da haben wir auf einmal rote Backen“,
                    lachte er.</p>
                <p>Das Mädchen konnte aber nicht Bescheid geben; seit langem wars das erste Mal, daß
                    sie nur seinen Namen zu hören bekam.</p>
                <p>Es wurde doch spät, bis Elsi den Mattenhof erreichte;die Dienstboten waren schon
                    schlafen gegangen, nur die Meistersleute redeten noch zusammen in der Küche, und
                    Züs ging eben die Tür schließen. Da stand plötzlich eine Gestalt im Rahmen und
                    hob sich dunkel gegen den düster verglühenden Abendhimmel ab: „Alle guten
                    Geister loben Gott den Meister“, brummte die alte Magd erschrocken;da rief eine
                    schwache Stimme: „Ich bins, ich, die Els.“</p>
                <p>Sofort sah sich das Mädchen in die Höhe gehoben und zum Lehnstuhl getragen; auf
                    dem niedern Herde wurde die Asche auseinandergemacht, Reisig prasselte auf und
                    ein Wohlgeruch erfüllte den Raum. Während die Meisterin die Kraftspeise
                    zubereitete, saß Vater Zörnli neben Elsi und wärmte in seinen großen, warmen
                    Händen ihre kalten Finger. Ach, wie schmal waren sie geworden!Er ging damit
                    behutsam um, wie mit einem kleinen Vögelein, das er zu erdrücken fürchtete.</p>
                <p>Keines fragte nach dem Grunde ihres Kommens, sie schienen nur glücklich, daß das
                    Kind da war und daß sie es hätscheln durften. Aber kaum, daß seine Lebensgeister
                    wieder erweckt waren, begehrte es mit der Mutter Lene allein zu sprechen und
                    teilte ihr mit, was bei der Schwester vorgegangen war. „Sie wollten mich
                    zwingen, diesen Ronimus zu heiraten, beide, Tea und Mama, du <pb n="52"/>
                    hättest gewiß auch keinen auf Befehl genommen, gelt Mutter Lene?“</p>
                <p>„Liebes Kind, damals fragte man uns nicht wollt ihr? Auch ich mußte einen Mann
                    heiraten, weil es die Eltern beiderseits ausgemacht hatten, und mir tats
                    besonders weh, denn ich hatte Holdschaft mit David; der ging dann in die weite
                    Welt und ich wurde seines Bruders Jakob Frau.“</p>
                <p>„Und du bist nicht vorher davongelaufen?“</p>
                <p>„Wohin denn? Jeder hätte mich als ungehorsame Tochter zurückgebracht; was die
                    Eltern damals befohlen,war Gesetz. Und da hab ich mich hineingeschickt; die
                    Schwiegermutter vertrieb mir schon die Grillen, ich mußte schaffen wie ein Roß.
                    Der gute Jakob hat sich oft für mich gewehrt. Als er das Unglück hatte mit dem
                    bösen Tier, habe ich recht um ihn Leid getragen. </p>
                <p>Und da suchte die Gemeinde nach David, und als er nach Jahren zurückkam, war er
                    mir noch hold und wir sind schließlich doch Mann und Frau geworden. Es geht,wie
                    es gehen muß, sicher auch einmal bei dir!“</p>
                <p>Das gab ein frohes Erwachen! Vorbei die Angst und Pein mit Mama, hier war sie
                    geborgen! Die Nacht hatte ein schweres Gewitter gebracht; alle im Hause waren
                    aufgewesen, nur sie hatte sanft weiter geschlafen. Jetzt pläischerte der Regen
                    draußen. Es mochte noch früh am Tage sein, denn kaum stahl sich das Licht durch
                    die grünlichen, runden, bleigefaßten Scheibchen.</p>
                <p>Eben wollte sie sich noch einmal ins Kopfkissen einwühlen, da sah sie auf dem
                    Tische neben dem Beite einen </p>
                <pb n="183"/>
                <p>Krug mit Milch und Brot stehen; das war vielleicht noch vom Abend vorher. Wie war
                    sie eigentlich hier ins Beit gekommen? Das wußte sie nicht, aber sie aß und
                    trank und schlief aufs neue ein.</p>
                <p>Endlich richtete sie sich auf; es war helle geworden und der Regen vorbei. „Wie
                    heimelig es hier ist!“dachte sie, „das ist ja Gottfrieds Stube, und da auf dem
                    Bücherbord stehen die alten Bücher, aus denen wir zusammen gelernt haben!“ Sie
                    langte eins nach dem andern herunter: der Pfarrhofer, Gottfrieds
                    Kirchengesangbuch,die französische Grammatik! warum hatte sie die so gehaßt?
                    Ach! „Leos Aventures de Télémaque“,die Fabeln von Lafontaine und ihre Abscheu:
                    „Le magasins des onfants par Madame de Beéaumont“ in mehreren Bändchen. Wie sie
                    diese gelben Büchlein damals verabscheute, mit den langen moralfaulen und den
                    dummen Mährchen. Gab es denn Leute, die solchen Unstnn mochten, wie zum
                    Beispiel: „La bolle et la bôête“. Elsi hatte nur Sinn fürs Wirkliche im
                    Leben.</p>
                <p>Und während sie blätterte und hier ein seltsam geformtes Blatt zwischen den
                    Seiten fand, dort eine gepreßte Blume, stand die Jugend vor ihren Augen auf und
                    der schlanke, blonde Knabe mit den treuen Augen, und ein anderes liebreiches,
                    schönes Gesicht über ihnen beiden:„O Vater! wenn ich dich noch hätte!“</p>
                <p>Da öffnete sich die Tür ganz leise und ein altes Gesicht, braun und verrunzelt
                    wie ein vorjähriger Lederapfel,guckte durch die Spalte.</p>
                <p>„Guten Tag, Züs!“ rief Elsi.</p>
                <pb n="184"/>
                <p>„Ja schön, guten Tag; es ist vier Uhr nachmittags!Mutier Lene ist wohl ein
                    Dutzendmal hier gewesen, du hast nichts gehört. Jetzt sind die Meistersleute zu
                    einem Begräbnis und kommen erst spät wieder heim. Dein Mittagessen hat an der
                    heißen Asche gestanden und ist ganz zusammengeschmorrt; die Meisterin sagte,
                    Chrischona soll dir was Gutes zubereiten.</p>
                <p>„Ach die Chrischona! So ist sie richtig da? Ich hörte einmal was davon tönen.
                    Aber bleib hier, so schnell braucht es nicht zu sein, und erzähl mir was.“ Dabei
                    raffte sie die Bände zusammen und warf sie auf den Bord hinauf.</p>
                <p>„Nicht so, liebe Els, Gottfried leidet keine Unordnung in seinen Sachen! Jetzt
                    ists besser!“</p>
                <p>Elsi hatte Buch an Buch gereiht; freilich waren die Titel bald oben, bald unten,
                    aber Züs verstand selbst nicht viel davon. „Also was erzählen soll ich dir? Vom
                    Wolf und den sieben Gaislein? oder vom Prinzen, der eine Königstochter weiben
                    sollte, dem aber die arme Hirtin lieber war?“</p>
                <p>„Geh doch, du böse Alte! Du weißt ganz gut, was ich wissen möchte! Wo ist
                    Gotifried? und warum bekomm ich seine Stube? Mutter Lene ließ sonst keinen
                    Menschen darin wohnen!“</p>
                <p>„Das ist für die Not; die andern Kammern sind alle voll Gerät. Der Sturm hat das
                    Dach auf dem Herrenhaus eingedrückt und man mußte alles hieher bringen;der
                    Zimmermann schafft drüben. Und wegen dem Gottfried? Der kommt jetzt nicht, er
                    studiert in Leipzig.Du fragst mich, was? Liebes Kind, das kann ich dir <pb n="1855"/> nicht sagen doch halt! es klingt wie ein Weibername! wie nanntet
                    ihr früher den Stammtisch unter der Platane? So lautets!“</p>
                <p>„Also Sophie! Philosophentisch!“ lachte Elsi; „ich hab mir so was gedacht. Nun
                    möcht ich aber doch wissen,was schimmert dort Rotes durchs Fenster?“</p>
                <p>„Wie, du kennst den Rosenstock nicht mehr, den du ihm von Liestal gebracht hast?
                    Gottfried hat ein schönes Blumenbrett dazu gemacht und der Mutter den Stock auf
                    die Seel gebunden! Das erste, was er damals in seiner Krankheit wieder vom Leben
                    wahrgenommen, das war der Geruch deiner Rose. Er hat von da an immer darauf
                    hingeschaut, und es wurde alle Tage besser mit ihm.Und ausgesehen hat er, so
                    vergnügt, als tät ihm was besonders Schönes durch den Kopf gehen.“</p>
                <p>Im Gesicht der alten Züs spielte der Schalk; aus unzähligen Fältchen und Runzeln
                    schien es zu lachen, und Elsi wurde über und über rot: „Gestehs nur, du
                    scheinheilige Alte! du hast damals gar nicht geschlafen! Hast es aber niemand
                    erzählt, daß ich ihm einen Kuß gab, auch ihm nicht?“</p>
                <p>„Nein, liebes Kind; wenn er etwas davon weiß, hält ers allewege für einen
                    Traum.“</p>
                <p>Die alte Magd konnte ihre wißbegierige Kleine gar nicht zufriedenstellen, sie
                    wollte mehr und immer mehr von Gottfried wissen: „Denk doch, Züs, es sind eben
                    drei und ein halbes Jahr, seit ich von ihm gehört habe.“</p>
                <p>Es war aber nicht viel Gutes gewesen; die Ruhe im Hause war weg. Der Meister, bei
                    dem es viel brauchte, bis er einmal zornig wurde, der sich aber dann auch nicht
                    leicht <pb n="186"/> wieder hinausfand, hatte mit der Meisterin schweren Streit
                    gehabt. Der Gottfried folgte seinem Vater nicht, sondern ging nach seiner
                    Genesung wieder die alten Wege mit halten. Mutter Lene gab ihm Recht. Sie sah in
                    ihren Buben wie in einen Himmel hinein; was er sprach oder tat, waren ihr
                    „Prophetenbeeren“, wie man so sagt.</p>
                <p>Da hatte die alte Züs den Meister einmal gestellt und ihm vorgehalten, daß er,
                    der gläubige Mann, es seinerzeit beim Substituten ganz gleich gemacht habe; „der
                    Knabe habe nur die freien Gedanken seines Freundes eingesogen. Daraufhin war der
                    Alte dann still, und wenn unser Bub einmal heimkam, durfte er dem Vater wieder
                    die Hand geben.</p>
                <p>Dann kam der gräßliche 8. August, und wer zuvorderst dabei sein mußte, das war
                    unser Gottfried.“</p>
                <p>„Weiter, weiter!“ drängte Elsi, die atemlos dasaß.</p>
                <p>Und Züs berichtete alles, wie der Vater ihn gesucht und dann mit dem Knecht für
                    tot ins Haus gebracht hatte; wie es dem Arzte gelungen war, ihn aus dem starren
                    Zustande herauszureißen, aber nur, um ihn in neuer Lebensgefahr zu sehen.
                    „Goitfried bekam so schreckliches Fieber, daß ihn nicht einmal mehr die Männer
                    halten konnten; er mußte ans Bett gebunden werden. Wenn ich an diese Zeit denke!
                    Unser Doktor war da,so viel er konnte. Er ließ noch von Basel einen andern
                    geschickten Arzt kommen, und bis der ankam, hatte das Fieber abgenommen, aber
                    auch die Kräfte des Kranken gingen zu Ende. Nun ist aber unser Gottfried doch
                    wieder gesund geworden, und was die Doktors damals <pb n="187"/> sagten, er
                    werde eine Schwäche im Kopf davontragen,das ist gottlob nicht eingetroffen; er
                    ist so gescheit wie je!</p>
                <p>Dann ging der Spektakel wieder los, als der Bub heim Meister-den Wunsch
                    aussprach, auf eine Hochschule zu gehen. Der Alte war überzeugt, diese Krankheit
                    des Sohnes werde zurückkehren, sobald er seinen Kopf anstrenge. Er wehrte und
                    schalt und erklärte: keinen Heller gebe er dazu, den Sohn ins Verderben zu
                    bringen. Was der Alte im Kopfe hat, muß durch; er schlug rund alle Bitten und
                    Einwürfe der Frau ab.</p>
                <p>Aber Gottfried ist seines Vaters Sohn: er erklärte,daß er dennoch gehe; er werde
                    sich durchbringen, wie schon mancher arme Student vor ihm. Und er ging, der
                    Dorfwächter brachte seinen letzten Gruß herauf.“</p>
                <p>Züs erzählte weiter: „Da ist die Mutter manchen Tag herumgegangen wie vor den
                    Kopf geschlagen, bis ich sie mitheraufnahm und ihr meinen Sparhafen zeigte: den
                    soll der Fredli doch einmal bekommen! sagte ich. Jetzt ist die Zeit, wo ers
                    brauchen kann; wir schicken ihm das Geld aber wie und wohin? Vielleicht weiß
                    sein Freund, der junge Lehrer im Dorfe, Rat.</p>
                <p>Der war sehr erfreut; er wußte, daß Goitfried nach einer Stadt, weit weg, nach
                    Leipzig gegangen war. Dort lebten noch einige alte Freunde des Herrn
                    Substituten,die ihm guten Rat geben konnten. Er wurde auch freundlich
                    aufgenommen und bekam durch sie Schüler, die gut bezahlen, und hofft, seinen
                    Unterhalt damit zu verdienen.Einer und der andere hat ihn auch schon eingeladen
                    du weißt, Elsi, daß er schön Musik macht!“ fügte die Alte stolz bei „und seither
                    wissen wir, wie es ihm <pb n="138"/> geht; er schafft und kommt auch nicht eher
                    zurück, bis ers zu etwas Rechtem gebracht hat.“</p>
                <p>„Und was sagte er zu deinem Gelde, Züs?“</p>
                <p>„Das hat der brave Bursch als geliehen angenommen und mir dafür gedankt; der
                    Lehrer meint, er komme dadurch schneller vorwärts. Du meinst, ob Vater David
                    etwas gemerkt hat? Ich glaube wohl! Er lacht mitunter so eigen auf den
                    Stockzähnen, und letzthin sah ich im Dorf, wie er dem jungen Lehrer die Hand
                    schüitelte.“</p>
                <p>Am andern Tage, da Elsi noch tief im Schlafe lag,wanderte Züs am Stocke ins Dorf
                    hinab; sie brannte vor Begier, dem jungen Lehrer alles mitzuteilen, was sich mit
                    Elsi ereignet hatte. Der Freund sollte es sofort in einem Schreibebrief an
                    Gottfried berichten. Um diesen war sie schier ein wenig in Angst wegen dem
                    reichen Baslerherrn, der das Mädchen zur Frau haben wollte.Der Lehrer lächelte
                    oft über die alten Begriffe der guten Magd; da hatte sie zum Beispiel verlangt,
                    daß er ihren Sparhafen einpacke und ihn nach Leipzig schicke und es brauchte
                    viel Ueberredungskunst, bis sie ihn aus der Hand ließ und zugab, daß er die
                    Summe für Gottfried auf einer Baslerbank deponierte.</p>
                <p>Vergebens hatte ihr schon immer der Meister zugesprochen; sie trennte sich nicht
                    vom Metall, höchstens daß er ihre Silberlinge in Gold umwechseln durfte, wenn er
                    in Geschäften fortging. Es war übrigens ein schöner Sparhafen, den die Alte im
                    Laufe ihres langen Lebens zusammengetragen hatte; seit David auf dem Mattenhofe
                    war, überließ er ihr die Posamenterlöhne. Nach der Schätzung jener Zeit
                    verdiente sie viel schönes Geld.</p>
                <pb n="154"/>
                <p>Elsi blühte in der Freiheit und im leiblichen Wohlsein auf. Doch fühlte sie, daß
                    ihr der Aufenthalt bei den Schwestern gut getan hatte, äußerlich wenigstens;denn
                    sie war magerer geworden und glich jetzt mehr dem netten Mädchen, dessen Bildnis
                    sie in der Rumpelkammer gefunden und das die Substitutin ins Feuer geworfen
                    hatte.</p>
                <p>Damals wars ihr nicht gelungen, zu erfahren, wen es vorstellte; jetzt erriet
                    site, es war Esther Reiffenstein,ihres Vaters Jugendliebe. Schon früher hatte
                    sie etwas gemerkt, als er in seinen Fieberphantasien immer um Esther klagte, und
                    mit seltsamer Zärtlichkeit mit ihr, seinem Mädchen, sprach, wenn er sie für die
                    andere hielt.</p>
                <p>Aber wie konnten diese zwei einander fahren lassen?Der Vater, ja, der tats aus
                    Gehorsam, aber Esther? Ihr sollte mal eine kommen und den Schatz wegstehlen! Der
                    würde sie schön heimleuchten!</p>
                <p>Elsi betrachtele sich erst in Gottfrieds kleinem Spiegelein: etwas jungfräulicher
                    war sie doch geworden, nicht mehr das „Bubenmädel“ von früher; das Haar, das sie
                    jetzt gescheitelt trug, gab ihr ein sanfteres Aussehen. Die Nase, ja, die hatte
                    noch immer ihr ordentliches Maß;aber zwischen den vollen Wangen strebte sie
                    nicht mehr so kühn in die Welt hinaus wie früher. Und dann die Augen, die mußten
                    doch schön sein, sonst hätte der Ronimus nicht solche Mordsgeschichte daraus
                    gemacht! War sie nicht auch im übrigen ein adrettes Persönchen geworden?Kein
                    Plumpsack mehr wie in den Kinderjahren!</p>
                <p>Wenn sie aber hier blieb, wo sie faul dahinlebte und von Mutter Lene mit guten
                    Bissen gestopft wurde dann adieu, Schlankheit! Nein, das ging nicht an, sie <pb n="190"/> mußte sich rühren! Wenn sie zum Beispiel zu Eduards als Kindsmagd
                    ginge? Das gaben die andern Schwestern nicht zu, die trachteten nur nach einer
                    Versorgung für sie.Zu Thea oder Doris kehrte sie nicht zurück, auf keinen Fall!
                    Aber wohin denn? Tante Sabine ließ sie ja gar nicht mehr zu sich ein.</p>
                <p>Sinnend über diese Frage stand sie einmal am Fenster.Da fuhr eine große Chaise
                    vor; das Verdeck war so weit über den Sitz gezogen, daß sie nur etwas wie ein
                    graues Bündel erblicken konnte. Jetzt sprang der Kutscher vom Bocke und zog das
                    Dach nach hinten; es kam ein hoher,grauer Filzhut zum Vorschein, darunter eine
                    schwarze Mütze, die über Stirn und Ohren und Nacken gezogen war. Ein langer,
                    grauer Mantel umhüllte die männliche Gestalt; um die Schultern schlangen sich
                    sechs Kragen,einer immer daumensbreit kürzer als der andere. Es war zu komisch
                    in dieser Jahreszeit, wegen dem bischen Ostwind!</p>
                <p>Elsi ließ ihr fröhlichstes Lachen los, es klang wie ein lustiges Geläute, und der
                    Mann schaute hinauf: „Herrschaft! 8 ist der Vormund!“ rief sie und sprang
                    eilends nach unten.</p>
                <p>Da stand der Präsident; Chrischona hatte ihm den Reisemantel abgenommen, die
                    Meisterin nahm den Hut in Empfang. Eben zog er die seidene Zipfelmütze vom Kopfe
                    und versenkte sie in die Tasche; eine Bewegung der beringten Hand über das volle
                    Haar, ein Vorwärtsstreicheln der Backenbärtchen, und er war fertig: nun der
                    feine Stadtherr im schwarzen, feinen Anzug. Seine lila Weste von dickem Atlas
                    trug er fast zugeknöpft; aus dem kleinen </p>
                <pb n="191"/>
                <p>Ausschnitt am Halse schaute der Knoten der weißen Krawatte, Kragen und
                    Manschetten waren von blendender Frische. Von der Uhr hing ein breites Band aus
                    Goldgeflecht, daran baumelten nebst Petschaft eine Menge goldener Breloques; es
                    fehlte an seiner gewohnten Verfassung nichts als die goldene tabatière in der
                    Westentasche, sie war ein Brautgeschenk der seligen Präsidentin, und ihrer
                    doppelten Kostbarkeit wegen nahm er sie nie nach auswärts mit. Dafür hatte er
                    eine größere von Horn mit Silberbeschlägen; das war seine Reisedose, stets mit
                    feinem französischen Regietabak gefüllt. Er selbst war nicht Schnupfer; aber mit
                    dem Anbieten einer Prise knüpfte man zuweilen neite Bekannischaften an.</p>
                <p>Der Präsident kam, nach seinem Mündel schauen. Zu Elsis Staunen hatte er keine
                    Ahnung von ihrer Flucht;der Schwager hatte ihm bloß mitgeteilt, sie sei zur
                    Erholung nach dem Mattenhofe gegangen der Vater David hatte ihms nämlich so
                    gemeldet während ihre Mutter eines schweren Magenleidens wegen zur Behandlung im
                    Spital untergebracht werden mußte.</p>
                <p>Zörnlis taten dem Gaste alle Ehre an; dem Meister kam sein Besuch besonders
                    gelegen. Da Gottfried das Bauernwesen nie übernehmen würde, stand er im
                    Begriffe,es dem verwandten Meisterknecht, dem Hansli, zur Pacht zu geben. Hierzu
                    konnte er den Rat des rechtskundigen Herrn gut brauchen; er bat den Präsidenten,
                    bei ihm zum Mittag vorlieb zu nehmen. Die Meisterin tat das Ihrige im Kochen und
                    Backen, soweit es die knappe Zeit erlaubte.Chrischona hatte den Tisch auf der
                    Altane gedeckt; das war eine Gallerie in der Küche selbst.</p>
                <pb n="1932"/>
                <p>Vor Zeiten, als die alten Zörnlis noch Sommergäste und Milch- und Molkenkuranten
                    aufnahmen, hatten diese sich öfter beklagt, daß sie am gleichen Tische essen
                    mußten,wo vor ihnen die stallduftenden Knechte und Mägde saßen.Damals hatte
                    Davids Vater diesen Ausweg erdacht.Mehrere Stufen führten auf eine Erhöhung, die
                    sich an der ganzen Wand hinzog und mit Geländer eingefaßt war.Er hatte auch ein
                    dreiteiliges Fenster gegen die Linde ausbrechen lassen; man saß daher bei der
                    größten Hitze im Schatten. Die Sommergäste liebten diesen heimeligen Platz; bei
                    schlechtem Wetter war es in der Küche unterhaltender als in den Kammern oben.
                    Hier brannte den ganzen Tag das Herdfeuer und allerlei Leute gingen ein und
                    aus.</p>
                <p>Der Präsident fühlte sich auch recht behaglich. Chrischona hatte den Tisch
                    zierlich gerüstet; es gab im Lehenhause so manches alte Stück, mit dem man
                    Parade machen konnte. Und wenn sie selbst in ihrer blonden Frische abund zutrug,
                    das gefiel dem Gaste noch mehr. Er flüsterte der Meisterin zu: „Wenn Sie das
                    Gewerbe aufgeben,brauchen Sie ja die Chrischona nicht mehr. Meine Haus
                    bielleicht bekommen?“</p>
                <p>Aber der kam zu spät! Chrischona wurde in kurzem Hanslis Frau und Meisterin auf
                    dem Lehenhofe.</p>
                <p>„Schade, schade!“ meinte er, „sie hat eine feine Art und ist nicht mehr zu jung;
                    sie hätte meinem Hause prächtig angestanden.“</p>
                <p>Nachher wünschte der Präsident noch eine Unterhaltung mit Elsi. Er hatte dem
                    Remigius doch angemerkt, daß <pb n="198"/> etwas vorgefallen war: „Kind Gottes,
                    du machst mir wirklich Sorgen“, sagte er, „was fangen wir nun mit dir an?“</p>
                <p>Das Mädchen antwortete fröhlich: „Ich werde kochen lernen, und wenn ich etwas
                    verstehe, komme ich zu Ihnen als Haushälterin.“</p>
                <p>„Oho!“ dem Präsidenten brach schier der Angstschweiß aus; die kleine
                    unternehmende Person war kapabel, ihm auf die Bude zu steigen. Man war vor ihren
                    Ueberraschungen nie sicher. Schließlich faßte er sich und meinte:„Wenn meine
                    Frau selig noch am Leben wäre, wie gerne wollte ich dich zu uns einladen! Aber
                    du weißt ja, wie lange ich schon als Witwer einen Knabenhaushalt führe,und da
                    paßt ein junges Mädchen nicht hinein. Ueberdies! wer wollte eine kleine Person
                    wie dich in eine Stelle nehmen?“</p>
                <p>„Ich bin doch schon drum gefragt worden!“ unterbrach sie ihn, und er meinte:
                    „Vielleicht spaßweise“.</p>
                <p>„Nein, nein, im Ernst! Der Balzer auf dem Tannenbergli hat mir Bericht geschickt,
                    er wollte mich durchaus oben haben, da er schon lange krank ist und seine
                    Diensten immer davonlaufen.“</p>
                <p>„Ah wa! der alte Saufaus lebt noch? Und flucht er noch immer das Blaue vom Himmel
                    herunter? Was wollte er dir geben ich meine an Lohn?“</p>
                <p>„Er versprach, mir das Seinige zu vermachen, wenn ich bis zu seinem Tode bei ihm
                    bleibe.“</p>
                <p>„Und du griffest nicht mit beiden Händen zu?“</p>
                <p>Nachdem sich Elsi vorhin mit dem Antrage gebrüstet,wars sehr undiplomatisch, daß
                    sie jetzt ihren Abscheu so <pb n="194"/> offen zeigte; der Vormund aber sagte:
                    „Du hast Recht!Laß lieber seine sieben Zwetschgen fahren!“ Dann dachte der
                    Präsident eine Weile nach und machte halb für sich: „Schade, daß ich nicht mit
                    einem Hochzeiter aufwarten kann; das wäre das Richtige für die Kleine ein
                    Mann!“</p>
                <p>Elsi hatte es aber verstanden: „Geben Sie sich keine Mühe! ich kann das haben,
                    wenn ich will. Der Ronimus würde mich gleich heiraten, wenn ich ihn möchte!“</p>
                <p>Jetzt kams dem Vormund doch zu dick, er pfiff durch die Zähne! Der reiche,
                    elegante Ronimus, der bloß die Hand auszustrecken brauchte und es bleibt an
                    jedem Finger eine hängen! Dann sagte er väterlich: „Du hast mit ihm zu Gevatter
                    gestanden, da war er natürlich nett gegen die junge Gotte, das kann ich mir
                    denken! Aber man darf eben nicht alles für bare Münze nehmen, was die galanten
                    Herrn sagen “. Und als er das zornigglühende Gesicht des Mündels plötzlich dicht
                    vor sich sah, als könnte es gar eine Ohrfeige absetzen, meinte er
                    begütigend:„Nimms nicht so bös auf, Elst; wir Männer taugen eben alle nicht
                    viel!“</p>
                <p>„Das kommt mir auch so vor!“ schnauzte sie; „ich hätts Ihnen explizieren können;
                    aber mit Ihnen rede ich kein unnötiges Wort mehr.“</p>
                <p>Damit fuhr sie aus der Tür, und halb aufgebracht,halb lachend rief ihr der
                    Vormund nach: „Kratzbürste,die du bist! Du wirst den Deinigen einmal nach Noten
                    striegeln!“</p>
                <p>Wenige Tage später kam Züs von einem Ausgange heim und sagte mit Schmunzeln: „Du
                    Lene! Der Dorf<pb n="195"/> wächter hat der Els einen Liebesbrief gebracht!“ Die
                    Meisterin horchte nicht einmal besonders darauf; die Alte wurde hie und da schon
                    etwas kindisch. „Du willst nicht wissen, woher?“ fügte Züs bei, und da enischloß
                    sich Mutter Lene doch zur Frage, erhielt aber die unbestimmte Antwort: „Von
                    ihrem Holderstock natürlich!“</p>
                <p>Man hatte hier nicht Zeit, über dergleichen Dinge nachzugrübeln; es fiel der
                    Meisterin wohl auf, daß Elsi sich den ganzen Nachmitiag nicht blicken ließ. Beim
                    Nachtessen saß sie mit strahlendem Gesicht, verschwand aber nach dem Vaterunser,
                    ohne „Gut Nacht“ zu sagen.</p>
                <p>Am andern Morgen frühe lief sie ins Dorf und suchte den jungen Lehrer auf. Er saß
                    eben nachlesend über Schulheften und hielt nicht inne, als es klopfte;
                    „Herein!“Drinnen wartete Elsi eine Weile; dann sagte sie mit ihrer klangvollen
                    Stimme: „Guten Tag, Herr Lehrer!“</p>
                <p>Als hätte eine Bombe eingeschlagen, fuhr er auf und in seine Weste hinein; die
                    hing zum Glück an seinem Stuhl. Dann fragte er nach ihrem Begehr. Sie war
                    gekommen, bei ihm Papier, Tinte und Federn zu kaufen.Zum Glück hatte sie der
                    Präsident wieder mit Geld verforgl. Sie will dem Gotltfried schreiben, dachte
                    er, da muß ich ihr beistehen; er schnitt ihr die Federn: „Hart oder weich?“ Elsi
                    hat seit Montmirail keine mehr angerührt,sie wußte es nicht. „Machen Sie das
                    ganze Büschel auf zweierlei Art“, bat sie. „Und ob er ihr dann die Adresse
                    schreiben wolle?“ ‚Gewiß! Wenn Sie wünschen, auch den Brief spedieren?“</p>
                <p>Vergnügt trottete sie zum Mattenhofe zurück, sich schon unterwegs besinnend, wie
                    sie schreiben wollte. Hätte ihr </p>
                <pb n="196"/>
                <p>Chrischona nicht das Frühstück gebracht, wäre sie nüchtern an die Arbeit. Denn
                    eine schwere Aufgabe wars, trotz des inneren Jubels, und viele Briefbogen wurden
                    beschmiert,ehe es über die ersten Linien hinauskam.</p>
                <p>Und wie sie endlich mit glühenden Wangen in Zug kam, holte man sie herunter; der
                    Vormund wolle sie sprechen. „Schon wieder!“ dachte sie.</p>
                <p>Es fiel ihr gar nicht auf, als sie den Präsidenten im Kabinett fand, daß er
                    feierlich im Schwarz war, Kreppstreifen um den Arm und den Seidenhut. Mii
                    ernster Miene trat er auf sie zu: „Elsi, ich komme mit einer Trauerbotschaft.
                    Deine Großtante Sabine ist gestorben.“</p>
                <p>Das Möädchen steckte eben noch in ganz andern als Leidgedanken; sie konnte sich
                    nicht so plötzlich zurechtfinden:„Wirklich?“ gab sie zerstreut zur Anlwort;
                    „aber die Tante war alt, sehr alt!“</p>
                <p>Da brauste der Vormund auf: „Ist das eine Teilnahmsbezeugung beim Tode einer
                    Verwandten, die dir so viel Güte erzeigte? Hat man euch im Inftitut keinen
                    bessern Anstand gelehrt?“</p>
                <p>Elst nahm die scharfe Zurechtweisung gelassen hin;sie hatte sie wohl kaum gehört.
                    Halb zu sich sprechend,sagte sie: „Ich habe sie recht gern gehabt und sie mich
                    sonst auch; in der letzten Zeit hat sie aber nichts mehr von mir wissen wollen!“
                    ein Schlucken kam in ihre Kehle,es ging ihr näher, als sie zeigen wollte.</p>
                <p>Dem Vormunde war es doch nicht entgangen und mit mehr Gewogenheit als vorhin
                    ieilte er ihr mit, daß die Großtante sie trotz ihrer langen Krankheit nicht
                        vergessen,<pb n="197"/> sondern ihr das „Immengärtlein“ mit allem, was drin
                    sei und was dazu gehöre, zum Andenken vermacht habe.</p>
                <p>Einen Augenblick stand sie wie überwöältigt, dann schrie sie vor Freude auf: „Ich
                    wußt es ja! ich habs dazumal schon erraten, obschon sie mirs verbergen wollte!“
                    Und sie hüpfte vor Freuden und tanzte mit offenen Armen auf den Präsidenten zu;
                    „Hilf, Samiel, hilf!“ stöhnte er, „sie fällt mir noch um den Hals!“ Aber da kam
                    zu rechter Zeit noch Mutter Lene und hielt lachend die stürmische Umarmung
                    aus.</p>
                <p>An diesem Tage war viel von der Verstorbenen die Rede; dem Präsidenten hatte sie
                    sich beinahe als Mutter erzeigt, obschon er nur von ihres Mannes Seite mit ihr
                    verwandt war. David, das Kamerödlein ihres Neffen Manuel, nannte sie ein braves,
                    frommes Kind, und liebte es sehr, wenn ihre Kleine, die Esther, mit den beiden
                    Buben spielte. Die drei Kinder lebten wie im Himmel,während Sabine mit ihren
                    Geschwistern disputierte, teils üͤber ihre Nachlässigkeit im Entrichten der
                    Zinsen, die sie zu fordern hatte, teils wegen der schwachherzigen Erziehung
                    ihres Söhnleins.</p>
                <p>Manches Ernste und Heitere wußten die beiden Männer zu berichten, bis sie ein
                    Blick auf Elsi zurückhielt. Sie follten nur weiter reden, es sei ihr schon alles
                    bekannt,auch wie es gekommen, daß ihr Vater seine Jugen dliebe nicht geheiratet
                    habe. So sollte es iher einmal nicht ergehen.</p>
                <p>Vielleicht war jetzt der Moment, sich mit dem Vormund auszusprechen. Da gab er
                    selbst Anlaß dazu.„Apropos, Elsi, ich habe dir letzthin doch Unrecht getan:<pb n="198"/> der Ronimus ist in der Tat gekommen und hat bei mir um deine Hand
                    angehalten. Nun ist ja für deine Zukunft glänzend gesorgt! Was soll das
                    bedeuten? Du machst ja ein abweisendes Gesicht! Du solltest Gott danken, daß dir
                    ein solches Glück in den Schoß fällt! Ists menschenmöglich? Du willst ihn nicht?
                    Warum,in des Kuckucks Namen, warum?“ schrie er.</p>
                <p>Elsi sagte ruhig: „Darum, weil ich im Begriffe bin,einem andern das Jawort zu
                    geben!“</p>
                <p>Der Präsident war außer sich vor Zorn. Da besann er sich, daß ihm solche
                    Alteration nach dem Mittagessen leicht einen Schlaganfall zuziehen könnte. Er
                    zwang sich zur Gelassenheit, fragte aber mit höhnischer Schärfe:„Darf der
                    Vormund vielleicht erfahren, wer der glückliche Prinz istꝰ“Gedrückt schauten die
                    Meistersleute auf das junge Mädchen, das sein Geschick in die eigene Hand
                    genommen hatte und so siegesbewußt mit strahlenden Augen jedes von ihnen ansah.
                    Nach einer kleinen Pause stand es langsam auf und sagte mit überlegenem Ausdruck
                    ernst und feierlich: „Mein Zukünftiger heißt Doktor Gottfried Zörnli!“</p>
                <p>Nun saßen sie da und schnappten nach Luft, wie die Karpfen auf dem Trocknen. Der
                    Präsident runzelte die Stirn und fixierte die Zörnlis. Das war sicher eine
                    abgekartete Sache! Aber die Leute schienen ganz überwältigt: er, der Meister,
                    sah unheimlich aus. Sein Blick irrte in weite Fernen; er suchte wohl in allen
                    Himmeln nach seinem Freunde Manuel, um ihm die Mär zu erzählen. Der Mutiter Lene
                    aber rollten die Tränen erbsen<pb n="199"/> groß über die vollen Wangen. Nein,
                    er tat ihnen Unrecht, sie hatten nichts gewußt.</p>
                <p>Aber wo war die „Rätzebille“ hingekommen? Sie sollte wenigstens Rede stehen! Da
                    hörte man eiliges Laufen und gleich erschien sie mit einem Briefe in der Hand:
                    „Hier lesen Sie, Herr Präsident!“ und schnurrte wieder davon.</p>
                <p>„Sind das Manieren für ein junges Mädchen!“brummte er und warf das Papier zuerst
                    weg; doch überwog bald die Neugierde, er entfaltete das Schreiben und las für
                    sich, dann teilte er auch den Eltern den Inhalt mit. Gottfried schrieb ungefähr
                    folgendes:</p>
                <p>Durch den Lehrer, seinen guten Freund, habe er erfahren, daß Elsi zu seinen
                    Eltern gekommen sei, nicht zu heiterm Besuche, sondern weil schmerzliche
                    Ereignisse ihr die Kinderheimat ins Gedächtnis gerufen hatten. Darüber wolle er
                    jetzt mit ihr sprechen, vorerst aber Mitteilung machen, daß er vor einigen
                    Wochen zum Doktor der Philosophie promoviert habe, daß ihm aber nicht Zeit
                    geblieben sei, den Seinigen Nachricht zu geben: er mußte für einen erkrankten
                    Lehrer einstehen und alle seine Kräfte anspannen, um seiner Aufgabe gerecht zu
                    werden, denn in seiner Klasse waren fast erwachsene Jünglinge. Er hatte auch im
                    Sinne gehabt, in den Ferien heimzureisen;nun habe sich alles anders gestaltet:
                    die von ihm zeitweilig versehene Stelle sei zur Bewerbung ausgeschrieben,und die
                    Vorgesetzten hätten ihm die Zusicherung gegeben,daß er sie erhalte, er möge sich
                    der Form wegen melden.</p>
                <p>Das wäre ein großer Schrilt und würde ihn in Stand setzen, sich und seiner
                    Zukünftigen ein freundliches Heim <pb n="200"/> zu bieten. Darum frage er seine
                    liebe Elsi: „Willst du meine Frau werden?“</p>
                <p>Das Herz sage ihms und eine kleine, süße Erinnerung,die er fast für einen Traum
                    gehalten habe: sie ist mir hold geblieben! Und wie es mit ihm stehe, wisse sie
                    schon längst; er lege darum beider Zukunft in ihre kleine Hand.</p>
                <p>Sobald er ihren Bescheid habe, werde er den Eltern schreiben und dem Herrn
                    Vormund seinen Antrag vorlegen. Wollten sie im Herbst noch Hochzeit machen,
                    müßte es rasch vorangehen.</p>
                <p>Ihn beunruhige nur ein Gedanke: wenn es Elsi zu schwer würde, hier in der Fremde
                    zu wohnen? In diesem Falle würde er sofort Schritte tun, um in der Heimat eine
                    Anstellung zu finden; es dauere dann etwas länger,aber Elsi sei ja auf dem
                    Mattenhofe daheim und unter seiner Eltern Schutz geborgen.</p>
                <p>„Ich werde auch in meinem Vaterlande emporkommen,nur langsamer als hier; dafür
                    wäre ich dann in der Nähe der Eltern und könnte ihnen in ehrerbietiger Liebe die
                    Sorgen vergüten, die ste meinetwegen ausgestanden haben.Aber das Liebste, was
                    ich ihnen zum Ersatz für ihre Leiden geben könnte, das bist du, mein
                    Herzenskind.Die lieben Alten sähen es als die Erfüllung eines heiligen
                    Vermächtnisses an: dein seliger Vater hat dich an uns verschenkt, und wenn meine
                    Eltern sich nie etwas anmerken ließen, wars nur, um dir die volle Freiheit zu
                    lassen.</p>
                <p>Unendlich viel hätte ich dir noch zu sagen; das bleibt auf späteres Schreiben
                    verspart. Erst muß ich deinen klaren Bescheid in den Händen haben“ usw.</p>
                <pb n="201"/>
                <p>Die Männer verfügten sich zu ungestörter Zwiesprache ins Kabinet. War der Vormund
                    erst etwas abgeneigt,änderte sich seine Meinung, sobald er einen Einblick in die
                    Vermögensverhältnisse Zörnlis getan hatte. Er war ein gewissenhafter Vormund,
                    aber die gute Versorgung schien ihm die Hauptsache. Darum hatte er auch den
                    Antrag des Ronimus so freudig begrüßt, und jetzt kam ihm peinlich in Erinnerung,
                    daß er dem jungen Manne Elsis Zusage als bestimmt verheißen hatte. Dies stellte
                    sich nun als unrichtig heraus: wer wurde aus diesen jungen Gänsen klug?</p>
                <p>Es war übrigens kein zu schlechter Tausch; abgesehen davon, daß das Mädel den
                    Ronimus nicht wollte, fiel ihm jetzt ganz gelegen ein, daß der junge Herr früher
                    ein arger Luftibus gewesen und mit erzürnten Vätern etliche Auseinandersetzungen
                    gehabt hatte. Gestand er doch offen,daß ihn das Rassige, die Kraft des Willens
                    bei Elsi anziehe; er hoffe, an ihr einen rechten Halt zu haben, da ihm diese
                    Eigenschaften fehlten.</p>
                <p>„Nanu“, dachte der Präsident, „s ist schon mancherlei Vorhaben bachab gegangen;
                    der junge Mann wird sich anderswo trösten.“</p>
                <p>Dem Präsidenten wars gar behaglich im verschwiegenen Stübli; gespannt sah er zu,
                    wie der Zörnli seinen Schreibschrank öffnete und die Rechnungsbücher vor sich
                    auf den Tisch legie. Jetzt nahm der Meister noch einen Einsatz mit vielen
                    Fächern heraus; dann knirschte ein Schlüssel und ein Geheimfach lag offen da.
                    Was mochte der eiserne Kasten enthalten, der in der Mauernische stand?</p>
                <pb n="202"/>
                <p>Mit brennender Neugier bohrte er die Augen hinein,als er ihn endlich vor sich
                    sah. In seinen Händen zuckte es, die vergilblen Blätter und etliche
                    Pergamentrollen zu untersuchen. Zörnli sagte: „Familienschriften! Bei einem
                    längern Besuche nehmen Sie dieselben wohl in Augenschein?Hier ist nur das
                    Wichtigere, meine paar Gültbriefe; Elsis Vormund bin ich Rechenschaft
                    schuldig.“</p>
                <p>Zörnli stieg in hohem Grade in des Präsidenten Achtung! Bei einem Bauern hätte er
                    diese Intelligenz in Geldsachen nicht vermutet! Alles war solid und ächt bei
                    diesen Leuten, und sein Mündel machte einen Schick mit dem Gottfried. Die beiden
                    Landwirtschaften, der Maitenhof und das Bachmühlegut, das von der Frau herkam,
                    repräsentierten schon einen schönen Wohlstand; das Kind hatte eine feine Nase,
                    saperlott!Als man Elsi herunterrief, war alles wieder an Ort und Stelle. Sie
                    merkte dem Vormund gleich das gute Wetter an; er stand mit dem Rücken am Fenster
                    und hatte die Daumen im NAermelausschnitt seiner Weste stecken,das war der
                    Ausdruck seines höchsten Behagens, zum Beispiel, wenn er sich recht daheim
                    fühlte.</p>
                <p>Er war sogar so höflich, ihr einen Stuhl anzubieten;offenbar war sie in seiner
                    Wertschätzung um eine Staffel höher gekommen. Mit einer ernsten Feierlichkeit
                    eröffnete er ihr, daß Meister David ihnen beiden, Vormund und Mündel, die Ehre
                    angetan, für seinen Sohn Gottfried um ihre Hand zu werben; daß er seinerseits
                    fröhlich seine Zustimmung gegeben habe, und da sie, Elsi, schon zuvor ihren
                    bestimmten Willen kundgegeben und vielleicht schon <pb n="293"/> das „Ja“
                    geschrieben, gratuliere er ihr von Herzen zu dem freudigen Ereignisse.</p>
                <p>Elsi lachte dem Vormund ins Gesicht: solch lange Sauce! Es war ja schon von ihr
                    alles durchgedacht!Nur wollte sie jetzt noch nicht Hochzeit machen. „Ueberhaupt,
                    dorthin gehe ich nicht; das Deuischparlieren geht mir gegen den Strich.
                    Goitfried würde auch nicht viel Ehre mit mir einlegen! Wir wollen ruhig warten,
                    bis sich daheim etwas findet!“</p>
                <p>„Das ist eine ganz vernünftige Ansicht von dir, liebes Kind“, sagte der
                    Präsident; „für den Ehestand seid ihr beide noch zu jung. Deine Schwestern waren
                    zwar in deinem Alter schon Frauen, aber das ist was anderes bei solchem
                    Strudelkopf, wie du einer bist! Sobald mir der junge Mann schreibt, will ich mit
                    Herrn Simon reden,dein Doktor steht in Gunst bei ihm, und er kann ihm sehr
                    vorwärts helfen. Das wäre also im Reinen.Nicht wahr, liebe Freunde, Sie sind
                    auch einverstanden,daß die Sache unter uns bleibt, bis wir einen Schritt weiter
                    sind?“</p>
                <p>Zörnlis hatten die liebe Elsi zärtlich in ihre Mitte genommen; auch sie lobten
                    des klugen Mädchens Beschluß.Ihr Sohn war nur wenig Jahre älter als seine
                    Erwählte,und der Ehestand ist eine ernsthafte Sache, man durfte ihn nicht zu
                    jung und unerfahren antreten. Und herzlich froh waren sie, daß sie nicht in die
                    Fremde wollte: wo Elsi blieb, würde Gottfried auch gerne bleiben.</p>
                <p>Nachher war von der Substitutin die Rede. Es ging ihr gut, der Fieberanfall war
                    nicht zurückgekehrt; sie mußte nur noch wegen ihrer außerordenttichen Magerkeit
                    eine Diät<pb n="204"/> kur durchmachen. „Wenn sie aus dem Spital entlassen
                    wird,wirst du sie zu dir nehmen, Elsi?“ fragte der Vormund.</p>
                <p>Das Mädchen sagte natürlich ja, fügte jedoch wichtigtuend bei: „Wenn ich aber
                    dann verheiratet bin ?“</p>
                <p>„Für diesen Fall ist schon gesorgt“, sagte Mutter Lene. „Mein Mann und ich haben
                    ausgemacht, daß wir Frau Sybilla zu uns nehmen wollten. Das Zimmer,das sie mit
                    dem Substituten bewohnte, steht ihr zur Verfügung, sobald das Herrenhaus
                    umgebaut ist.“</p>
                <p>„Sie wollen bauen?“ fragte der Präsident interessiert.„Ach, dieses Glück ward mir
                    nicht zu teil; meine Frau selig brachte mirs Haus in die Ehe. Es gibt für den
                    Mann keinen höhern Genuß als zuzusehen, wie sich so etwas aus dem Boden
                    herauswächst, und wie alle seine Ideen und Pläne in die Tat umgesetzt
                    werden.“</p>
                <p>„Wir aber bauen nicht von Grund aus, Herr Präsident; das Erdgeschoß bleibt
                    stehen, nur kommt stait des Holzbaues ein gemauertes oberes Stockwerk dazu. Die
                    Steinhauer sind schon an der Arbeit, Maurer- und Zimmerleute bestellt. Da nun
                    alles schon vorbereitet ist, kann das Haus vor dem Winter noch unter Dach
                    kommen.Das Holz holten wir schon lange aus dem eigenen Walde,und mit nächster
                    Woche beginnt der Abbruch.“</p>
                <p>„O, mich freute die heimelige Giebelstube mit dem Holzaltan und dem schönen Blick
                    in die Weite!“ murmelte der Präsident, dem die Erinnerungen aus der Jugendzeit
                    wieder aufgestiegen waren. Er und Manuel hatten dort oben gehaust. Aber die
                    würde wieder ganz gleich eingee Gottfried sollte dort seine ungestörte
                    Arbeitsstube aben.</p>
                <pb n="205"/>
                <p>So saßen sie plaudernd beisammen; da stieg dem neugierigen Vormunde noch eine
                    Frage auf: „Apropos,Elsi! Was steckt denn hinter dem kleinen, süßen Geheimnisse,
                    von dem im Briefe die Rede ist? Wenn dus dem jungen Lehrer anvertraut hast,
                    dürfen wir es vielleicht auch wissen?“</p>
                <p>„Ich habs ihm nicht erzählt, sondern die Zis“, antwortete sie unbesangen; „sie
                    war nämlich dabei, als ich den kranken Gottfried auf die Stirn küßte, daß er
                    wieder gesund werde und es hat ihm damals auch geholfen!“fügte sie stolz
                    bei.</p>
                <p>Mutter Lene schloß das Mädchen gerührt in die Arme;der Vormund machte ein
                    spöttisches Gesicht und raunte dem Meister zu: „Heilige Einfalt!“ aber der
                    Angeredete hörte es nicht, sein Blick ruhte liebevoll auf der künftigen
                    Sohnsfrau.</p>
                <p>Von einem federgewandten Menschen pflegte man früher zu sagen, er schreibe einen
                    guten Stiefel. Bei Elsi wars eher ein Holzschuh; denn unter Mühen und Nöten
                    berdarb sie Papier und Feder, und wenn sie die von der Arbeit erpreßten
                    Schweißtropfen abwischte, zog sie mit den schwarzen Tintenfingern dunkle Linien
                    über ihr Gesicht.Aber jede Ausdauer führt zum Ziele; endlich wars gelungen und
                    sie überlas ihr Werk mit Befriedigung:</p>
                <p>„Lieber Gottfried!</p>
                <p>Ja, ich will gern deine Frau werden, wir habens ja nie anders gewußt. Aber jetzt
                    ists mir noch nicht ums Heiraten; ich verstehe auch nichts von der
                    Haushaltung,und nach Leipzig mag ich nicht, wo man nicht einmal reden darf, wie
                    einem der Schnabel gewachsen ist.<pb n="92"/>4 </p>
                <p>Gestern war der Vormund da und brachte Bericht,daß Großtante Sabine gestorben ist
                    und mir ihr nettes Gartenhaus vermacht hat. Auf deinen nächsten Brief setze die
                    Adresse: zum „Immengärtlein“ in Basel; denn morgen führt uns der Hansli in die
                    Stadt, dein liebes Mütterlein kommt mit.</p>
                <p>Deine Eltern sind stolz auf dich, und erst die Züs!Ich soll dir schreiben, daß
                    der Meister, wenn er schon nicht Namen haben will, doch dem Lehrer Geld
                    hingetragen hat. Und desgleichen die Meisterin, die ihm alles brachte, was sie
                    zusammenkratzen konnte, und doch sollte keins vom andern wissen. Du wirst es
                    wohl erfahren haben?</p>
                <p>Der Präsident ist allweg froh, wenn er mich ab dem Magen kriegt; er freut sich
                    auf deine Anfrage und rühmt dich sehr. Gelt, du schreibst auch gleich?</p>
                <p>Einen so langen Brief habe ich mein Lebtag nicht geschrieben, und doch steht die
                    Hauptsach nicht drin, aber die weißt du schon. Nachher spring ich über Stock und
                    Stein vor Freude.</p>
                <p>Dein gutes Müeti packt eine ganze Kiste voll Eßwaren;wenns auf sie ankäme, würde
                    ich wieder kugelrund. Aber das will ich nicht, sonst passe ich nicht zu dir.</p>
                <p>Alleweil dein vielliebes, kleines Elseli.“Wenige Wochen später kam Elsi Sonntags
                    aus der Frühpredigt heim; da stand Meister Zörnli vor dem Sommergärtlein und
                    wollte eben den Klopfer in Bewegung setzen. „Du, Vater!“ rief das Mädchen
                    freudig, „Du bist doch nicht zu Fuß gekommen?“</p>
                <pb n="207"/>
                <p>Vater David hatte sein Fuhrwerk in Birsfelden eingestellt; um die Kirchenzeit
                    waren ja die Stadttore geschlossen, und nur ein Pförtchen stand für die
                    Fußgänger offen. Er war nun eingetreten und sah sich vergnügt um:„Das ist einmal
                    nett bei dir! Wer hält das Gärtchen so sauber? es ist ja wie geleckt?“</p>
                <p>Das war ja Annkätters Werk. Mutter Lene hatte es schon daheim berichtet, aber
                    auch geklagt, daß das Mädchen allein mit der alten, groblächten Person hauste.Im
                    Hause Reiffenstein wars immer mit viel Geschrei zugegangen; nun gewöhnte sich
                    Elsi an die täglichen Scharmützel, denn sie war nicht diejenige, die nachgab.
                    Als der Meister eine Bemerkung darüber fallen ließ, gab sie offen zu, daß
                    zuweilen Spektakel sei; aber es wohne zum Glück niemand in der Nähe, der es
                    höre.</p>
                <p>„Wenn das unser Goiltfried wüßte, liebe Elsi, es würde ihm Kummer bereiten ...
                    Ja, ja, ich glaub dirs schon,daß du die Haushaltung nirgends besser erlernen
                    kannst als bei ihr; ich fürchte nur, du nimmst auch unvermerkt die Art dieses
                    Dragoners an. Denk an deinen seligen Vater; was würde der feine Mann dazu sagen?
                    Käme deine Mutter nicht bald zu dir?“</p>
                <p>Nachher fing der Gast an zu erzählen; auf dem Mattenhofe war seither allerlei
                    geschehen. Der Meister hatte auf Chrischonas Rat die Mutter in Basel holen
                    lassen, und da kam sie knapp recht, um die Züs noch lebend zu treffen.Sie
                    verschied bald darauf ohne Krankheit; es war nur ein Auslöschen.</p>
                <p>Elst war sehr betroffen; sie hatte die Züs immer alt gesehen und nie daran
                    gedacht, daß sie einmal sterben könnte.</p>
                <pb n="208"/>
                <p>Mit welchem Eifer hatte sie es noch betrieben, um Gottfried und sie zusammen zu
                    bringen, die alte treue Züö! Wie alt sie geworden, konnte Vater David nicht
                    sagen, Züs wußte es wohl selber nicht. Der Pfarrer hatte Zörnlis gebeten, in
                    ihren Sachen nachzusehen; er wollte doch einen Anhaltspunkt haben. Man fand aber
                    nichts, als das dem Gottfried verheißene Posamenterlied und ein altes Beutelchen
                    mit kuriosen Münzen, die niemand kannte; sie mochten aus fremden Ländern
                    stammen. Einzig das konnte Frau Lene von ihr sagen, daß sie von Zörnlis Eltern
                    aus einem Dienst in Muttenz herausgenommen und auf das Lehengut versetzt worden
                    war. Einen Geschlechtsnamen besaß sie auch nicht, sie war als Susanna
                    Mattenhoferin begraben worden.*</p>
                <p>Einige Tage später feierte man die Hochzeit der jüngern Lehenleute; es ging sehr
                    still zu, da außer den Zeugen nur die Hausgenossen beiwohnten Der Hansli aber
                    platzt schier vor Stolz über seine noble Meisterin und hat einen Respekt vor
                    ihr! Die Chrischona weiß sich aber auch zu benehmen und hat im kleinen Finger
                    mehr Verstand als er in seinem ganzen dicken Schädel. Vater Zörnli ists
                    zufrieden, daß er ihr alles überlassen kann; in den paar Jahren hat sie sich
                    eingeschafft und leitet alles wie ein Mann. Aber vor den Leuten gibt sie immer
                    dem Hansli die Ehre, und gehen sie ins Dorf oder in die Kirche,bleibt sie nach
                    altem Baselbieterbrauch immer ein paar Schritte hinter ihm zurück.</p>
                <p>Des Meisters Reise hatte aber noch einen andern Zweck.Mutter Lene war von ihrem
                    letzten Besuch im Immen</p>
                <p>**<pb n="209"/> gärtlein ganz entzückl von dem dortigen eisernen Kochherd
                    heimgekommen, und da auch Chrischona sich über den ungeheuren Holzverbrauch auf
                    dem Lehenhofe gewundert und schon mehrmals auf die Vorteile eines Sparherdes
                    angedeutet hatte, ging der Meister zur Annkätter in die Küche.</p>
                <p>Wie das blinkte und strahlte an den Wänden! Die alte Magd gratulierte sich, daß
                    sie diesmal das Messingund Kupfergerät so besonders sorgfältig blank gemacht
                    hatte.Auch der Kochherd glänzte vor Sauberkeit, und aus den Töpfen stieg ein
                    herrlicher Duft! Sie hatte ihr Bestes getan, um den Meister zu feiern. Auch ihm
                    leuchtete die Einrichtung ein, und nachdem er alles geprüft, beschloß er,nicht
                    nur für die beiden Küchen im Substitutenhause, sondern auch für den Lehenhof in
                    größerm Maßstab eine solche Kochgelegenheit anzuschaffen.</p>
                <p>„Wenn nur deine Mutter hier wäre,“ sagte er zu Elsi,„es macht mir wirklich Sorge,
                    daß du hier allein bist mit dieser Annkätter!“</p>
                <p>Da erschien in den nächsten Tagen Frau Söbilla,verjüngt und munter wie nie zuvor.
                    Nach gut vollbrachter Kur war auch ihr Gemüt wieder ins Gleichgewicht gekommen;
                    eine kluge Spitalgenossin nahm sich ihrer törichten Nachbarin an und verspottete
                    freundlich ihre Eifersucht auf Esther. Sybilla quälte sich nämlich mit der Idee,
                    ihr Manuel sei jetzt im Himmel immer mit ihr zusammen.„Seien Sie zufrieden mit
                    dem friedlichen Leben, das Sie an seiner Seite gehabt,“ sagte Frau Rennler, „und
                    kommen die alten Mucken wieder, gute Substitutin, so jagen Sie die fort und
                    danken Sie Gott, daß Sie einen solchen Mann lieben durften.“</p>
                <pb n="210"/>
                <p>Mama Shyhilla nahm sich vor, mit ihrer jüngsten Tochter liebreicher als bihher
                    umzugehen; mit dem Ronimus wollte sie ihr nicht mehr kommen, das ersehnte kleine
                    Haus war ja auch ohne ihn da. Wie sie sich freute,wieder in dem Eigenen zu
                    schalten und walten!</p>
                <p>Es fiel aber nicht ganz so aus, wie sie erwartet hatte.Elsi gab die Regierung
                    nicht aus den Händen und wurde von anderer Seite wirksam unterstützt: Das
                    Parlament Annkätter, wie Ludi die forsche Magd betitelte, gab der Mama zu
                    verstehen, das Immengärtlein gehe sie nichts an.Es galt nur noch eine Macht, die
                    „Frau selig“; nichts durfte geändert werden, was sie angeordnet.</p>
                <p>Die alte Sabine ging wirklich „fry“ noch um. In der ersten Zeit wars der
                    Substitutin recht unbehaglich.Sie fand hier im Hause das alte, früher ihrem
                    Gatten gehörende Hausgerät wieder; doch hatte sie als junge Frau all das Zeug
                    verschachert, um à la mode Möbel anzuschaffen. Die Spürnase Reiffenstein mußte
                    es herausgeklügelt und unter der Hand hereingekauft haben; jetzt sahen die alten
                    Stücke sie gleichsam vorwurfsvoll an. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit an'
                    alles.</p>
                <p>Diese verging auch wie im Fluge! Sie staunte nur,was in Elsi gefahren war! Diese
                    schaffte sich ins Wirtschaften ein, bat sogar die Mama, ihr im Flicken Anweisung
                    zu geben und lief nebenbei noch in Lehrstunden, als ob ein Mädchen nötig hätte,
                    etwas anderes zu lernen als die Haushaltung! Sogar Briefe erhielt das Kind! Wie
                    gerne hätte sie ihrer Thea einen zum Lesen gebracht; Annkätter aber spielte sie
                    vor ihrer Nase dem Töchlerchen in die Hände; es war keiner zu erwischen.</p>
                <pb n="211"/>
                <p>Gottfried hatte noch als Doktor seine Studien fortgesetzt; anderthalb Jahre waren
                    seit dem Verspruch vergangen,da meldete er dem Präsidenten, daß er in der Heimat
                    eine Stelle an einer Kantonsschule in Aussicht habe und gesonnen sei, seine
                    Elsi, die einverstanden, in kürzester Frist heimzuführen.</p>
                <p>Dem Vormunde wars nicht ganz behaglich, als er die Angelegenheit Elsis
                    Geschwistern vorbringen mußte. Sie hielten ihm richtig sein Heimlichtun vor und
                    machten überhaupt Umstände: ein Bauernsohn und Revoluzzer paßte doch nicht in
                    ihre Familie. Thea hatte nie die Hoffnung auf Ronimus aufgegeben, darum war sie
                    Goitfried am meisten abgeneigt. Und wenn Elsi noch in eine andere Stadt ziehen
                    mußte, nahm sie gewiß ihre Einrichtung mit und lieh ihr Häuschen aus; wohin
                    sollte dann Mama gehen? Nach den Erfahrungen, die sie schon einmal gemacht
                    hatten, gelüstete es sie nicht mehr.</p>
                <p>Der Präsident ließ sie schadenfroh zappeln, hingegen Elsi teilte ihrer Mutter
                    Zörnlins Einladung mit, nach dem Mattenhofe zu kommen. Frau Sybilla war ganz
                    begeistert:„Und ich soll wirklich unsere alte Schlafstube bekommen?und du sagst,
                    sie haben alles gelassen, wie es früher war,als mein lieber guter Mann noch
                    lebte? ... Wie gut sind diese Leute doch gegen uns gewesen; Vetter Präsident hat
                    mir schon gesagt, daß sie uns zuletzt ganz erhalten haben. Elsi, eins mußt du
                    dem Alten sagen: Der Ofen in der Stube taugt nichts mehr!“</p>
                <p>„Der ist längst zusammengefallen und ein neuer gesetzt mit einer langen Röhre, in
                    der die Mutter sich was <pb n="212"/> bräteln kann,“ lachte Elsi. Ueberhaupt sei
                    alles schöner geworden, und doch die Einrichtung unten dieselbe geblieben.</p>
                <p>Mit dieser Neuigkeit eilte die Substitutin triumphierend zu ihren Töchtern: es
                    gab doch noch Leute, die sie gern wollien.</p>
                <p>*Gottfried war gekommen! Nach manchem Jahr stand Elsi wieder vor ihrem einstigen
                    Jugendfreunde und jetzigen Bräutigam und war scheu und sprachlos vor Glück. Und
                    er sah leuchtenden Angesichts auf sie nieder; der gelehrte Doktor stammelte wie
                    ein Schulknabe: „O du Liebes,du Herziges! O daß ich dich wieder habe, du
                    köstliches kleines Els!“ Und eines las in des andern Auge denselben Gedanken:
                    wie konnte ich es auch so lange aushalten ohne dich?</p>
                <p>Zuletzt führte ihn Elst zur Mama, der es vor Ueberraschung auch das Wort
                    verschlug: in ihrer Erinnerung hatte sich der halb bäuerisch angezogene
                    Seminarist festgesetzt; sie konnte sich nicht in die neue Erscheinung finden.Wie
                    fein er sich trug: so vornehm sah in ihrer ganzen Bekanntschaft keiner aus!</p>
                <p>Gottfried blieb nicht lange in der Stadt; es zog ihn zu den Eltern, die ihn mit
                    heißer Sehnsucht erwarteten.Sein Verlangen nach ihnen hatte ihn früher in die
                    Heimat zurückgeführt, als er vorher im Sinne gehabt; er kam mit einer
                    unvollendeten Arbeit, die er aus dem Maltenhofe abschließen wollte! Die Sonntage
                    aber sollten seiner Braut gehören. Am Samstag schon erschien er jeweilen im
                    Immengärtlein, um dann abends dem Samstagskränzlein des Herrn Simon beizuwohnen.
                    Dieser, sein <pb n="213"/> besonderer Gönner, hatte ihm sein Gastzimmer für den
                    ganzen Sommer zur Verfügung gestellt.</p>
                <p>Zuerst ging Elst wie im Traume umher: die jungen Leute mußten sich erst wieder
                    kennen lernen. Beide hatten sich nicht nur äußerlich verändert; Elsi spürte
                    sofort Gotifrieds geistige Ueberlegenheit. Aber trotz ihrer großen Zuneigung
                    fühlte sie sich nicht zur Unterwerfung geneigt.Er merkte gar wohl, was in ihr
                    vorging. War sie doch das offene, lautere Kind geblieben; aber ihre warme,starke
                    Liebe würde ihr darüber weghelfen.</p>
                <p>An einem Morgen kehrte Annkätter vom Einkaufen zurück und breitete auf dem
                    Küchentische Gemüse, Obst und Eier aus; sie rühmte sich bei Elsi, wie sie mit
                    den Bauernfrauen gemarktet und alles billiger bekommen habe als andere Leute.
                    Das Feilschen, das sie von der Frau selig gelernt und das Elst nicht ausstehen
                    konnte, kam ihr als die erste Pflicht einer guten Hausfrau vor. Darüber erzürnte
                    sich das Mädchen und es entstand zwischen beiden ein Wortwechsel, der mehr laut
                    als böse gemeint war.Wie immer in solchen Fällen war die Mama zur Ruhe mahnend
                    in die Türe getreten; daß sie diesmal ängstliche Zeichen machte, bewog Elsi,
                    aufzublicken. „O Himmel,fall nicht ein!“ am Fenster stand Gottfried, hatte alles
                    gehört und mit schmerzlichem Erstaunen sein zorniges Bräutchen angesehen. Sie
                    selbst hatte ihm erst kürzlich den Schlüssel zum Gartenpförichen gegeben, damit
                    er nicht lange zu klopfen brauche.</p>
                <p>Gotifried trat nicht ins Haus; er begab sich zu einer Gartenbank und schien sich
                    mit seinem Taschenbuche zu beschäftigen.</p>
                <pb n="214"/>
                <p>Der Elsi war elend zu Mut; einigemale versuchte sie,ihre Schritte auch dahin zu
                    lenken, aber die Scham war zu groß. Und er sah es ganz sicher, wie sie es
                    versuchte;warum kam er ihr nicht entgegen?Zuletzt siegte die Liebe. Sie setzte
                    sich neben ihn auf die Bank und fragte ganz demütig: „Bist du böse auf mich,
                    Gottfried? Es soll nicht mehr vorkommen, das versprech ich dir!“</p>
                <p>Er antwortete mit einem Kusse; innerlich nahm er sich aber vor, die Augen offen
                    zu halten, daß in seinem Hause keine Annkätter in Dienst genommen werde.</p>
                <p>Nun wollte Elst auch wissen, weshalb Gottfried zu einer solch ungewöhnlichen Zeit
                    erschienen war: „Ist dein Buch fertig geworden?“</p>
                <p>„Beinahe! Der gute Herr Simon wollte bloß Einsicht nehmen; ein paar Wochen habe
                    ich schon noch Arbeit. Denke dir, liebes Els, seit ich dich wieder habe, ist
                    eine Lust und Freudigkeit in mir, die mich weiter führt,als ich zuerst im Sinne
                    hatte. Wenn ich daheim so ungestört oben im Giebelzimmer des Substitutenhauses
                    sitze,wie dein Vater selig an der offenen Altantür, an demselben Tische, wo er
                    zu arbeiten pflegte da denke ich immer an die große Schuld, die ich an ihn
                    abzutragen habe. Sein Unterricht und sein Einfluß haben mich auf meinen jetzigen
                    Weg geführt; ihm verdanke ich die schönen Verbindungen, die mich gefördert
                    haben. Und gerade der alte Simon, Herrn Manuels bester Freund, hat mir seine
                    wertvolle Gunst geschenkt. Du verstehst mich ja, liebe Els? Es betrifft unsere
                    Zukunft.“</p>
                <pb n="215"/>
                <p>Elsi nickte verständnisvoll, obschon ihr der höhere Sinn seiner Rede entging: fie
                    würde es gut haben mit ihm und eine estimierte Frau sein; mit ihrem Gotifried
                    könnte sich nicht leicht einer messen.</p>
                <p>Am angesetzten Montag erschienen die zitierten Schwäger pünktlich im Hause des
                    Vormundes, nach ihnen der alte Simon und Gottfried. Sie sahen erstaunt, wie der
                    als exklusiv bekannte Herr vertraulich und doch wertschätzend mit dem jungen
                    Doktor verkehrte. Das Gespräch der heiden drehte sich übrigens um Dinge, die sie
                    nicht verstanden, und dauerte auch nicht lange; denn jetzt führte der Präsident
                    sein Mündel herein und ihnen folgte der Notarius, der besonders vor Herrn Simon
                    eine tiefe Verbeugung machte und dann eine allgemeine, leichtere für die
                    übrigen.</p>
                <p>Der alte Herr hatte die Braut mit einer herzlichen Gratulation begrüßt; er
                    beklagte nur, daß sein geliebter Freund, der selige Substitut, die Erfüllung
                    seines innigsten Wunsches nicht mehr erleben durfte. Elsi mußte sich zwischen
                    ihn und den Bräutigam setzen, der Notarius öffnete seine Mappe, entnahm ihr
                    einen Bogen, und mit einer Verbeugung in die Runde begann er die Eheabrede
                    vorzulesen: Im Namen Gottes!</p>
                <p>Zu wissen sei hiemit, daß zwischen Herrn Doktor Gotitfried Zörnli als Hochzeiter
                    einerseits und Jungfrau Elsi .... als Hochzeiterin andererseits mit Vorwissen
                    und Genehmigung des Vormundes der Hochzeiterin, sowie der beidseitigen
                    respektiben Anverwandten folgender Ehekontrakt wissend und vorbedächtlich
                    verabredet und getroffen worden:</p>
                <pb n="245"/>
                <p>(daß auch Namen und Stand der beidseitigen Eltern in gewissenhafter
                    Ausführlichkeit angeführt waren, versteht sich von selbst)</p>
                <p>Erstens werden beide Verlobte einander zur heiligen Ehe nehmen, einander in
                    christlicher Liebe, Treue und Anhänglichkeit behalten und diese gegen einander
                    getane eheliche Zusage mit Beförderung durch öffentlichen Kirchgang und
                    priesterliche Einsegnung vollziehen und bestätigen lassen.</p>
                <p>Zweitens werden dieselben, neben ihren Kleidern, Kleinodien und Leibsangehörden,
                    in die Ehe bringen, was ihre vor Eingehung der Ehe zu beziehenden und dem
                    Ehekontrakt beizulegenden Inventarien des nähern ausweisen und zeigen
                    werden.</p>
                <p>Drütens: wenn nun das eine oder andere der künftigen Ehegatten ohne Hinterlassung
                    eines in dieser Ehe gezeugten Kindes zu sterben käme, so nimmt das Ueberlebende
                    der Ehegatten und des zuerst Verstorbenen Erben,jeder Teil, sein in die Ehe
                    gebrachtes und während derselben ererbtes Gut zum voraus hinweg.</p>
                <p>Mit demienigen Vermögen hingegen, so während der Dauer dieser Ehe durch Gottes
                    Segen errungen, gewonnen und erspart worden ist, soll es in einem solchen
                    kinderlosen Sterbefalle folgendermaßen gehallen werden:a) Stürbe der Ehemann
                    zuerst, so hat dessen überlebende Witwe von dieser Errungenschaft zwei Drittel
                    zu beziehen, der andere Drittel fälli den Erben des verstorbenen Ehemannes
                    anheim.</p>
                <p>Außerdem haben letztere aus ihrem gesamten hinwegzunehmenden Vermögen der
                    überlebenden Witwe als eine </p>
                <pb n="217"/>
                <p>Morgengabe und Ergötzlichkeit auch noch die Summe von lausend Schweizerfranken
                    Kapitalgeld zu entrichten und zu vergüten.p) Wäre hinwieder der Ehemann der
                    überlebende Teil, so verbleiben demselben zwei Drittel der Errungenschaft;
                    dagegen verzichtet er auf jede Ergötzlichkeitssumme ab Seile der respektiven
                    Erben der zuerst absterbenden Ehegattin.</p>
                <p>Viertens: Falls nun aber beim frühern oder spütern Hinschied des Gatten oder der
                    Gattin ein in dieser Ehe erzeugtes Kind oder mehrere dergleichen vorhanden sein
                    werden, so bilden alsdann, ausnahmsweise der einem jedem Teil verbleibenden
                    Kleider, Kleinodien und Leibsangehörden,sämtliche von beiden Seiten in die Ehe
                    gebrachten und wahrend derselben ererbten, errungenen und gewonnenen
                    Vermögensmittel ein gemeinschaftliches Gut, womit folgendermaßen zu verfahren
                    ist:</p>
                <p>Sollte nämlich der Ehemann vor der Gattin das Zeitliche mit dem Ewigen
                    vertauschen, so hat letztere von dem gemeinsamen Vermögen zwei Drittel und die
                    Kinder ein Drittel zu beziehen.</p>
                <p>Beim zuerst erfolgten Hinschied der Ehegattin gebühren dem überlebenden Ehemann
                    zwei Drittel und den Kindern ein Drittel.</p>
                <p>Auch ist verstanden, daß in einem solchen Kinderfalle die hievor im Artikel 3 ab
                    Seite des Ehemannes vorgeschriebene Summe wegfällt.</p>
                <p>Alles aufrichtig und ohne Gefährde.</p>
                <p>Urkundlich dessen ist dieser Ehekontrakt doppelt ausgefertigt, von beiden
                    Verlobten, dem Vormunde der Jungfrau Hochzeiterin, den resp. nächsten
                    Angehörigen, sowie <pb n="218"/> dem hiezu berufenen Notar eigenhändig
                    unterschrieben, mit des Notars angewohntem Insiegel öffentlich verwahrt und
                    sodann jedem Teile ein Exemplar zugestellt worden.</p>
                <p>So geschehen in Basel ꝛc. ꝛc.</p>
                <p>Der Präsident, welcher hinter seinem Mündel gestanden hatte, nahm den Bogen vom
                    Notar in Empfang und legte ihn vor das Mädchen hin, das Schreibzeug mit GansRDD
                    Erste unterschreiben!</p>
                <p>Alle schauten erstaunt auf, als Elsi in heftigem Ton sagte: „Nein, ich tus nicht!
                    Das ist eine Ungerechtigkeit,daß ich eine Ergötzlichkeitssumme bekommen soll und
                    Gottfried geht lerr aus. Das haben sicher die beiden Handelsherren
                    ausgeklügelt!“ und sie wars einen flammenden Blick auf die ihr
                    gegenübersitzenden Remigius und Heinrich.</p>
                <p>Der Bräutigam hatte ihr zugeflüstert, daß sie sich irre,er selbst habe diese
                    Bestimmung festgesetzt; dennoch wollten die beiden Herren fortgehen, aber der
                    junge Doktor hielt sie zurück. Dann zog er eine feine Bleistifilinie auf dem
                    Papier, tunkte die Feder ein und gab sie der Braut in die Finger: „Meine liebe
                    Elsi, hier setze deinen Namen hin!“Im Gefühl, daß sie ihrem Bräutigam einen
                    peinlichen Augenblick verursacht hatte, sah sie abbittend in seine Augen und las
                    darin die sanfte Nötigung, zu gehorchen. Noch zitterte ihre Hand vor Erregung,
                    aber doch malte sie ihren Namen mit einigen Kraftspritzern hin. Als sie
                    aufblickte,sah sie gerade in das spöttifche Gesicht ihres Schwagers Heinrich und
                    sprang so rasch in die Höhe, daß der Präsident nur noch schnell dem Stuhl
                    ausweichen konnte, der polternd zu Boden fiel. Beschämt flüchtete Elst, während
                        <pb n="219"/> alle unterschrieben, in eine Fensternische und sah in den
                    stillen Hof hinaus, in welchem der laufende Brunnen so ruhig und gleichmäßig
                    plätscherte; wer auch so zahm werden könnte!</p>
                <p>Als sich mit gebührender Feierlichkeit der Notar von dem versammelten Familienrat
                    verabschiedet und auch der Präsident und die Schwäger mit Gottfried einen
                    Händedruck getauscht, trat dieser zu seiner Braut, die immer noch halb reumütig,
                    halb trotzig dem Sinnen des Wassers zusah. Ohne ein Wort zu sagen, faßte er sie
                    bei der Hand und sah ihr tief in die dunklen Augen. Elsi seufzte;sie fühlte so
                    gut, Gottfried war hoch, hoch über ihr! Die Lauterkeit ihres Wesens drängte sie
                    zum Bekenntnis; aber wie sollte sie Worte finden? Sie wußte selbst nicht
                    recht,worin eigentlich der Abstand lag; in ihrer Unbehilflichkeit griff sie zum
                    Nächstliegenden.</p>
                <p>„Goifried“, flüsterte sie ihm zu, „du bekommst eine böse Frau!“</p>
                <p>„So sagt man!“ bemerkte er scherzend.</p>
                <p>„Und du hast keine Angst?“</p>
                <p>„Geh doch, Elsli! Kenn ich dich nicht und hab ich dir nicht schon früher
                    unzählige Male das Querköpfchen zurechtgesetzt “</p>
                <p>„Nein, ich will alles gestehen! Inzwischen bin ich älter geworden, und in den
                    anderthalb Jahren, da ich allein Meister gewesen, hat sich mein Eigenwille noch
                    mehr enlwickelt; ich kann mich nicht mehr fügen wie früher!“</p>
                <p>Aber Gotifried gab ihr in aller Liebe zu verstehen, daß sie darum das Nachgeben
                    bei ihm lernen werde. „Du wirst es ja auch bei der Trauung hören, daß ich dein
                    Herr sein soll!“<pb/>75) </p>
                <p>2*</p>
                <p>Elsi wollte rasch erwidern, daß sie keinen Herrn brauche,als ihr die Antwort
                    einfiel, die sie Ronimus bel seiner Werbung gegeben: „Einen Sklaven mag ich
                    nicht, ich will einen Herrn haben!“ Die hatte man jedenfalls Gol fried
                    hinterbracht.</p>
                <p>Das Eintreten des Vormundes machte dem téteàtèts der beiden Brautleute ein Ende.
                    Er hieß sie Platz nehmen, da er noch Wichtiges mit ihnen zu besprechen hätte,
                    nämlich Ort und Zeit der Trauung.</p>
                <p>Da erwies es sich, daß Gottfried schon alles bis ins Kleinste ausgedacht und zum
                    Teil schon mit Elsi besprochen hatte. Zögern wollte er nicht länger, denn vor
                    wenigen Tagen war ihm eine Lehrersielle am Gymnasium in Basel übertragen worden,
                    und Herr Simon, sein einflußreicher,väterlicher Freund, hatte ihm, nach
                    Durchsicht seines fast vollendeten Buches, das Zeugnis gab von gründlichem
                    Wissen und außergewöhnlichem Scharfsinn, Hoffnung gemacht auf eine Professur in
                    wenig Jahren.</p>
                <p>„Was meinst du dazu, kleine Frau Prosessor?“ flüsterte er seiner Braut ins Ohr.
                    Diese war ganz rot geworden, daß ihr Doktor endlich in Basel Anerkennung fand,
                    und nahm sich vor, noch vieles von ihm zu lernen,um ihm keine Schande zu
                    machen.</p>
                <p>Elsis Schwestern hätten gerne die Hochzeit in der Stadt gehabt; aber dafür waren
                    weder Goifried noch seine Braut zu haben.</p>
                <p>„Sieh“, sagte Elsi, „mir ists, ich möchte da sein, wo unsere beidseitigen
                    liebsten Erinnerungen sind, wo mein liebster Vater seine letzten Tage zubrachte
                    in der treuen Pflege deiner Eltern, die ihm tkeuer waren, und sich um <pb n="221"/> meine Zukunft sorgie, welche sich nun ganz nach seinem Wunsche
                    gestaltet. Auf dem Mattenhofe, der deine Jugend schirmte und der stille Hafen
                    sein wird, wo das Leben meiner Mutter zu Ende geht, da ist unsere Heimat, von da
                    wollen wir den Weg zur Trauung in der alten Kirche von Rosenthal antreten, und
                    mir wird sein, die unvergeßliche Gestalt des lieben Vaters schreite neben uns
                    und seine Hand geleite uns zum Altar!“</p>
                <p>„Und sein Segen wird mit uns gehen ins neue Leben und uns helfen, „Freud zu
                    ertragen, in Leid nicht verzagen“, vollendeie Gotifried, indem er seiner Braut
                    einen Kuß auf die Stirn drückte, während der Präsident, dessen Anwesenheit sie
                    ganz vergessen hatten, sich geräuschvoll schneuzte.</p>
                <p>Er war es auch, der geltend machte, wie schwer es sein würde, die ganze
                    Hochzeitsgesellschaft in den zwei Gasthäusern von Rosenthal unterzubringen,
                    wurde aber bedeutet, es solle keine große Hochzeit geben: außer den Eltern
                    Zörnli, Frau Sybilla und den Schwestern Elsis mit deren Familien nur noch der
                    Vormund, Herr Simon und der junge Lehrer, Gottfrieds Freund; dann als
                    Brautjungfern Laura und Thekla, die jüngern Töchter des frühern Pfarrers von
                    Liestal, der inzwischen ganz nahe der Siadt wieder eine Gemeinde und somit eine
                    Lebensaufgabe gefunden hatte. Er selbst hatie es abgelehnt, die Trauung
                    vorzunehmen, obschon Elsi ihn darum gebeten. Er war zwar in seinen Urteilen und
                    Anschauungen viel milder geworden, fürchtete aber, wenn er zur heiligen Handlung
                    bon Liestal nach Rosenthal hätte wandern müssen, so wäre die alle Wunde wieder
                    aufgebrochen und mit ihr Schmerz und Bitierkeit, die sich bei ihm mit der
                    Erinnerung an die </p>
                <pb n="232"/>
                <p>Revolutionszeit eng verknüpften. So sollte der alte Pfarrer von Rosenthal, der so
                    oft am Philosophentische bei Herrn Manuel gesessen, dessen Tochter den Segen
                    spenden.</p>
                <p>Der Hochzeitstag fand nach kurzer Zeit fiatt und der Vetter Pfarrer hielt die
                    Traurede. Von Linde zu Linde waren Blumenbogen gezogen und die Kirche sah im
                    Innern aus wie ein blühender Garten. Aus dem Gasthaus erklang Geigen- und
                    Klarinettenmusik; drinnen wurde getanzt, und in den Gassen drängie sich eine
                    teilnehmende Menschenmenge.</p>
                <p>Nur das Brautpaar stieg Hand in Hand den Weg zum Mattenhofe hinan. Oben vor dem
                    neu aufgebauten Herrenhause angekommen, zog Gottfried seinen Hochzeitsrock aus,
                    nahm das bereitliegende Werkzeug und grub eine provisorisch mit den Wurzeln
                    eingeschlagene Linde aus dem Rasen. Mit kräftigem Arme hielt er den jungen Baum
                    in die Höhe und senkte ihn sauft in die geöffnete Grube herab. Elsi ergriff die
                    Schaufel und schütlete damit Erde auf die Wurzeln. Dann trat sie Gottfried fest.
                    Als die Linde gepflanzt war, nahm er die Hände der Braut in die seinigen: „Gott
                    nehme sie in seine treue Hut und bewahre sie, sowie auch uns und unser
                    nachfolgendes Geschlecht!“</p>
                <p>Schweigend schritten sie wieder wie Kinder den Berg hinab, nur daß Elsi, als
                    echtes Hausmütterchen, mit dem Spitzentaschentuche die Erde abstäubte, die an
                    des Bräutigams schwarzem Gewande hängen geblieben war.</p>
                <pb n="223"/>
                <p>Die Linde aber wurde gehegt und gepflegt und gedieh zu aller Freude. Zwei Sommer
                    noch wars der Substitutin vergönnt, im Schutze ihrer grünen Zweige auf das Dorf
                    hinunterzuschauen, die Augen spähend auf den Weg geheftet, auf dem Sonntags
                    immer und zuweilen auch an Wochentagen die beiden Doktorsleutchen aufzutauchen
                    pflegten.Eines Abends hatte sie besonders sehnsüchtig ausgeschaut, sie fühlte
                    sich matt und unsicher. Schon hatte sie die Hoffnung aufgegeben, denn eben
                    läutete die Abendglocke im Dorfe unten. Die Sonne ging leuchtend unter und in
                    ihrem Glanze erblickte sie die zwei vertrauten Gestalten, die ihr von ferne
                    schon zuwinkten.</p>
                <p>Da sank ihr Haupt zurück an die Stuhllehne und wie im Traume sprach sie halblaut
                    vor sich hin: „Und der Herr zog vor ihnen her; des Tages in einer
                    Wolkensäule,daß er sie den rechten Weg führete, und des Nachis in einer
                    Feuersäule, daß er ihnen leuchtete, zu reisen Tag und Nacht!“</p>
                <p>Nun war auf einmal Trauer eingekehrt in das fröhliche Haus, die aber etwas
                    gemildert wurde, als man nach wenig Wochen im Immengärtlein der jungen Mutter
                    den Erstgebornen in die Arme legte.</p>
                <p>Die kräftig sproßende Linde auf dem Mattenhof sah manch junges Reis aus Zörnlis
                    Stamm aufwachsen und erstarken; aber auch Stürme zogen über das stille Tal und
                    entblätterten manch blühendes Leben.</p>
                <pb n="224"/>
                <p>Unten veränderte sich die Welt: Schienenstränge spannen sich von Tal zu Tal, von
                    Ort zu Ort; rascher pulsiert das Leben, aber der Mattenhof liegt noch still auf
                    seiner Höhe. Früh morgens, wenn der bläuliche Duft wie ein Schleier über den
                    Bergen liegt, oder in lauen Sommernächten der Mondstrahl am Waldessaum
                    dahingleitet, tönt vom Dorfe her dieselbe Glocke, wie zu den Zeiten David
                    Zörnlis, aber nie mehr wild und stürmisch,Bruderzwist und Bürgerkrieg
                    verkündend, sondern Ruhe und Frieden nach bewegter Zeit. </p>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>