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        <title>Jacob, der Glücksschmied. Ein Lebensbild von Jonas Breitenstein ELTeC Ausgabe</title>
        <author ref="viaf:37559018 wikidata:Q15621161">Breitenstein, Jonas (1828-1877)</author>
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        <p><date>2021-12-14</date></p>
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          <title>Jacob der Glücksschmied. Ein Lebensbild von Jonas Breitenstein</title>
          <author>Breitenstein, Jonas</author>
          <publisher>H. Georg's Verlag</publisher>
          <pubPlace>Basel</pubPlace>
          <date>1868</date>
          <!-- this title has been retrodigitised as part of the project “High Mountains Low Arousal? Distant Reading Topographies of Sentiment in German Swiss Novels in the early 20th Century”  -->
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      <p>The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the 1868
        edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan from UB Basel,
        which is based on the 1868 edition.</p>
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        <p> n31. <pb/>Suchdrucueret von J. G. Baur in Basel.<pb/>J Ireudig schallten die Glocken vom
          Kirchlein auf der stillen Höhe, zu deren Füßen das Dörflein Schönenwyl sich lagert und
          sandten ihre Klänge hinunter in das still ihnen lauschende Dorf, hinaus in die Weite an
          die mit frischem Waldesgrün bekränzten Berge und Hügel, welche das Thal einfassen, und
          hinauf zu dem Himmel, der in tiefem Blau freundlich über der blühenden Frühlingslandschaft
          sich wölbte.Es war ein Frühlingstag, so herrlich und schön, wie sonst das ganze Jahr in
          dem bunten Wechsel seiner Tage kaum einen aufzuweisen vermag, ein Sinnbild jener im
          Menschenleben so selten erscheinenden festlichen Zeiten, wo in dem Lichte höherer
          himmlischer Freude und von dem stillen Hauche des göttlichen Geistes durchweht, die Seele
          die Noth des Irdischen vergißt und der Wonne eines bessern Lebens sich freut.<pb/>Als ein
          sprudelnder, unversteglicher Quell brach die frische Kraft der Natur hervor, in viel
          tausend und tausend Gestalten stündlich Neues und immer Herrlicheres zu schaffen, da die
          Wiesen zu bekleiden mit schwellendem saftigem Grün, dort die Bäume und Sträucher zu
          schmücken mit frischen Knospen und mit zarten in den Farben der Unschuld und Wonne
          prangenden Blüthen. Bis in die verborgensten, kleinsten und dunkelsten Oeffnungen der Erde
          drang der belebende Strahl der Frühlingssonne, und als ob eine freundliche, liebevolle
          Mutter sie riefe zu frohem Erwachen, kamen sie alle hervor im bunten Gewühle, die
          fröhlichen lebenden und webenden Kinder der Natur. Allen Harm des langen und bangen
          Winters vergessend badete der Vögelein munterer Chor in den reinen warmen Lüften ihr
          Gefieder und das Echo ihrer liebetrunkenen Lieder hallte von Berg zu Thal, indeß
          Schmetterlinge und Bienlein und Käfer und Mücklein und alle Vettern und Bafen ihres
          Geschlechtes flatternd und fliegend und krabbelnd und zappelnd und surrend und summend,
          jedes nach seinem Vermögen, ihres Daseins und Lebens sich freuten.Auch die Menschen hatte
          der liebliche Frühlingstag aus ihren Häusern herausgelockt und zu neuem Lebensmuthe und
          fröhlicher Arbeitslust Alle wie neugeboren; in den Gärten, auf den Wiesen und draußen
          überall auf dein Felde sah man <pb/>*fleißige Hände sich rühren und Hoffnungssaat der Erde
          anvertrauen, die sie ernährt.</p>
        <p>O wie sinnig lacht solch ein Frühlingstag in unser Erdenleben hinein, wie thaut an einem
          solchen auch das Menschenherz auf; Unmuth und Sorge, die die Heiterkeit der Seele trübten,
          fliehen mit den Wolken über Berg und Thal, die Sonne der Freude strahlt aus Auge und
          Angesicht und lieblich fangen die verstummt und verstimmt gewesenen Saiten des Gemüths
          wieder an zu tönen; neues Leben erwacht und neue Kräfte beginnen sich zu regen als
          fröhlich keimende Saaten zu neuer kräftiger That. Doch nur wo der Frühlingsgruß der Natur
          einen Wiederhall findet im Innersten der Seele, kann solch ein Frühlingsleben erblühen,
          nur wo der Odem des Allmächtigen weht, der die Creaturen lockt aus der Erde hervor und
          Berg und Thal so wundersam bekleidet und schmückt, können die Kräfte des Lebens sich
          regen.</p>
        <p>War's solch ein Frühlingsgruß, den die Glocken von Schönenwyl so hellen Klauges sandten
          in die Welt hinaus?Jedenfalls erweckten sie Freude in den Bewohnern des Dorfes. Während
          die jungen Bursche des Ortes sich damit vergnügten, aus dem heimeligen Dunkel schattiger
          Baumgärten und hinter den grünenden Hecken hervor Knall auf Knall ihre Freudenschüsse
          abzufeuern, die sie mit fröhlichem <pb/>Jauchzen und Jodeln begleiteten, hatten die Frauen
          und Mädchen ihre Arbeit verlassen und standen in größeren und kleineren Gruppen plaudernd
          und scherzend und lachend das Dorf entlang auf der Straße oder im blumengeschmückten
          Gärtchen beim Hause und harrten in fröhlicher Ungeduld der Dinge, die da kommen sollten;
          und auf manchem blühenden Angesichte, aus manchem feuchten Auge war die stille Hoffnung
          eines ähnlichen Glückes zu lesen, dessen Zeuge zu sein diese Schönen begehrten. Alles war
          Jubel, Freude und Lust, nur der alte, sonst gutmüthige Pfarrer nicht, der so eben den
          Hügel hinanstieg, dem Rufe der Glocken zu folgen und dem der Unwille über das
          unvernünftige und wider alle Verordnungen und Gesetze sich vergehende Schießen,das die
          Leute sich wieder erlaubten, gar sehr seine stille Vorbereitung verderbte, was er dem ihn
          begleitenden Schulmeister in ein paar abgebrochenen Worten vertraute.Noch hatte der alte
          Herr nicht die Höhe erstiegen, als man durch die Reihen der Zuschauerinnen im Dorfe den
          Ruf vernahm: „sie kommen, sie kommen!“ Die kriegerischen Jungen hatten mittlerweile mit
          ihrem Geschütze noch näher dem Dorfe Position genommen und plötzlich krachte es jetzt
          hinter den Häusern Puff auf Puff, daß die Mädchen und Frauen, aus ihrer stillen
          Betrachtung aufgeschreckt,einmal über das andere zusammenfuhren. Nichtsdestoweni<pb/>ger
          harrten sie aus auf ihrem Posten und aller Augen waren wie in stiller Andacht gerichtet
          auf den Hochzeitszug,der jetzt sich das Dorf hinabbewegte und dann in den Weg einlenkte,
          der unter dem Dache blühender Kirsch- und Zwetschgenbäume zur Kirche führte. Wem ihre
          stille Betrachtung galt, ob dem schön gewachsenen Bräutigam, der im schwarzen Feierkleide
          und mit seinem Maien auf dem Hute stolzen und festen Schrittes einhergieng und die
          Erkorene seines Herzens zum Traualtar führte, oder der Braut, die in stiller
          Bescheidenheit und holder Anmuth an seiner Seite wandelte, den Hochzeitskranz auf ihrem
          reichen, schöngeflochtenen,glänzenden Haar, oder den Hochzeitsgästen, die sie begleiteten;
          ob sie die Leute darauf ansahen, was innerlich in ihnen vorgieng, oder ob sie nur ihre
          Kleidung und Haltung musterten, lobten oder tadelten, das wollen wir hier nicht
          untersuchen. Genug, ihre Aufmerksamkeit, ihre Theilnahme, ihre Bewunderung und Freude galt
          der Hochzeit des glücklichen Riederjakob mit seinem lieben Friedenanneli,die heute
          gefeiert ward.</p>
        <p>Die Frauen und Mädchen sind und bleiben sich überall gleich, und wo es eine Brautschaft
          oder gar eine Hochzeit gilt, da sind sie gewiß Alle Auge und Ohr und darin lebet und webet
          ihr Herz und Sinn, und wer wollte es tadeln? Ist es doch nichts Anderes als eine bewußte
          oder <pb n="6"/> unbewußte Aeußerung ihres Gefühles für die Bestimmung,die ihnen vom
          Schöpfer gegeben ist und die solche Theilnahme auch an dem Loose Anderer in ihnen erweckt.
          Doch diesmal war diese Theilnahme erhöht durch das Paar selber,der sie galt; hatten doch
          schon in der Jugendzeit von eben diesen Zuschauerinnen der Jakob und das Anneli genug sich
          müssen utzen lassen, sie seien einander hold und hatten, je mehr sie sich dagegen wehrten,
          ihre Neckerinnen nur immer kecker gemacht; nun feierte die Liebe ihren Triumph und die
          Freundinnen alle hatten doch Recht gehabt, das war's,was sie in der Seele vergnügte. J </p>
        <p>Die letzten Klänge der Glocken waren verhallt, die Büchsen der Bursche waren verstummt,
          die Zuschauerinnen waren wieder auseinandergegangen, Einige zur Kirche, die Andern an ihre
          Arbeit, in der Stille über Liebe und Lebensglück zu sinnen, und stille war's wieder im
          Thale geworden; nur aus Hecken und Büschen sangen Amseln und Finken mit voller, heller
          Stimme ihre fröhlichen Weisen und aus den blauen Luften herab schmetterte die Lerche ihr
          Freudenlied.In der Kirche erklang feierlich und sanft der Chorgesang und verscheuchte mit
          stillem Wehen die Wolke des Unwillens, die sich auf der Stirne des alten Pfarrers hatte
          lagern wollen, und in Kebenden Ernst verwandelten sich die Zuge seines Angesichts. War er
          doch von jeher dem Ja<pb/>kob und dem Anneli gut gewesen und hatte sich auf ihre
          Einsegnung mehr als auf so manche andere, die er zu halten hatte, gefreut, wie sollte er
          sie nun entgelten lassen,was Andere in ihrer besonderen Freude nach seiner Meinung
          verderbt! Darum legte er nun auch den Verlobten in ernster aber herzlicher Ansprache die
          Pflichten der Ehegatten und Alles, dessen sie in Freud und Leid zu gedenken hätten, an das
          Herz, darum segnete er sie mit fast zitternder Stimme vor dem Altare zum heiligen Bunde
          ein. War es diese bewegte, zitternde Stimme des Geistlichen,deren Bewegung sich
          sympathetisch der Braut mittheilte, oder war es die Macht dieses ernsten, entscheidenden
          Augenblickes,die sie überwältigte, oder war es eine bange Ahnung, die wie eine schwarze
          Nacht aus der Ferne in den heitern Himmel ihres Glücks eindringen zu wollen schien das
          gute Anneli, bisher in strahlender Freude hold blühend wie die oollste Rose in einem
          Blumengarten, wurde jetzt auf einmal blaß und bleich, fieng an zu zittern und wußte
          nicht,wie ihm geschah; kaum war es im Stande aus der gepreßten Brust sein „Ja“
          hervorzustammeln, das doch bisher in seiner Seele die vollste und reinste Wahrheit gewesen
          war. Wohl sahen seine Mutter und manche der Gäste diese Veränderung, aber sie schien ihnen
          wenig zu bedeuten;es sei dem guten Mädchen ein wenig angst und bange ge<pb n="9"/> worden
          wie mancher Anderen auch schon, die auf dem heißen Steine gestanden, so dachten sie und
          trösteten sich damit. Zudem war ja das Alles bald uberstanden und dann machte sich das
          Herz in neuer Freude Luft.</p>
        <p>So ganz, wie sie es dachten, sollte sich indessen diese ihre Hoffnung nicht erfüllen.
          Wenn auch gefaßt und ruhig,doch blasser und stiller, als sie gekommen war, gieng die Braut
          an der Seite des ihr so lieben Angetrauten aus der Kirche heim und vermochte nicht in
          dessen nun laut sich ergießende Fröhlichkeit einzustimmen; sinnend, ja fast träumend
          folgte sie seinem muthigen Schritte, und indessen ihre fröhlichen Hochzeitsgäste hinter
          ihnen her scherzten und schäkerten und manch Einer voll Freude und Lust ein hallendes
          Juchhei gleichsam als Lebehoch auf Bräutigam und Braut ausbrachte, hieng sie unwillkürlich
          ernsten Gedanken nach.„Ach, was bin ich so dumm und mache mir solche Grillen, und Er ist
          doch so lieb und so gut und Alles ist heute so freundlich und schön“ so warf sich das
          Anneli selber vor und konnte doch nicht Herr werden der Stimmung, in die es verfallen war.
          So webt eben eine höhere und himmlische Macht in die glänzenden und schillernden Fäden des
          irdischen Lebens und seiner vergänglichen Freude und Lust wohl auch dunkle und schwarze
          hinein, an die Vergänglichkeit irdischen Glückes und den ächten Glanz einer bessern <pb n="4"/> und ewigen Freude das schwankende Menschenherz zu erinnern und oft haben sie
          vielleicht noch mehr zu bedeuten für ein weibliches, ahnungsvolles Gemüth.</p>
        <p>Indessen war es im“Dorfe wieder lebendiger geworden;ja an einem Punkte hatte die Straße
          sich noch mehr als vorher mit Zuschauern und Zuschauerinnen gefüllt, während die
          Büchsenschüsse wieder die Ankommenden begrüßten. Es harrten unten am Kirchwege schon die
          Sprengwägelchen,mit den vor Ungeduld stampfenden Gäulen, um die Festgäste aufzunehmen und
          in das nächste Dorf zu fahren, wo in dem für solche Fälle wohl renommierten „Rößlein“ das
          Hochzeitessen stattfinden sollte. Nicht ohne mancherlei Hinund Herreden und ländliche
          Complimente kam das Einsteigen zu Stande. Die alte Bas Kätheri, die in ihrem Leben sonst
          nie als auf einem Leiterwagen, wie etwa in der Heuerndte, gefahren war, wollte sich
          durchaus nicht dazu bequemen, sich auf den Polstersitz zu setzen, der für sie und ihren
          Mann bestimmt war, indem sie erklärte, der Sitz sei viel zu „gherrschlig“ für sie; und die
          gute Gotte Anne Marei getraute sich gar nicht aufzusitzen, weil der wilde Kohle gar
          fürchterlich stampfe, sie bleibe lieber daheim, sie wolle sich im Stillen mit ihnen Allen
          freuen, ganz gewiß. Der Vetter Hansjörg dagegen hatte seinen Muth und seine Gewandtheit
          zeigen wollen und richtig bei diesem Manöver <pb n="10"/> seiner Begleiterinn, der Base
          Lisebeth, mit seinen grob gegemacht, den sie nagelneu auf diesen Anlaß hatte anfertigen
          lassen. So muß es eben allerle Ungeschicktes bei einem solchen Anlaß geben, damit nicht
          nur Zucker, sondern auch Pfeffer und Gewürze dabei sei. Das Alles gab den Zuschauern und
          Zuschauerinnen reichen Stoff zum Betrachten und Lachen, besonders als noch dem Kutscher
          des Brautpaares, dem sonst schon possierlichen Schnapperhannes, gerade in dem Augenblicke,
          als er großartig seine Peitsche schwingen wollte und: »allez hüp!« rief, der nur knapp
          aufsitzende, des Kopfes und Trägers ungewohnte Seidenhut mit dem Maielein abfiel und in
          den nahen Bach hineinrollte,wo er endlich schwimmend von den lärmenden, ihm nacheilenden
          Dorfjungen aufgefangen und halb mit Wasser gefüllt dem Eigenthümer wieder zugestellt
          wurde. Mit lustiger Geberde schüttete der Schnapperhannes den Inhalt desselben zum
          Ergötzen des Publikums aus und setzte ihn wieder auf sein Haupt, auf welches er jetzt
          besser aber in weniger kunstgerechter Form als früher paßte, und dann schwang er seine
          Peitsche und mahnte das Pferd mit dem Zügel und fröhlich fuhren die Hochzeitslente zum
          Dorfe hinaus.Was sollen wir das Essen im Rößlein beschreiben und </p>
        <pb n="11"/>
        <p>Alles erzählen, was an demselben verhandelt ward? Vor Allem der ganzen Familie Freud und
          Leid von alten Zeiten her bis auf diesen Tag bildete den Gegenstand des Gesprächs, das
          durch viele köstliche Anekdoten des alten Vetter Hansheiri, der eine lebendige Chronik
          war, gewürzt ward.Wie Manches, das dem Dunkel der Vergangenheit angehörte, glänzte nun in
          einem neuen und schöneren Lichte!Denn was das sehnende Herz in der Gegenwart sucht und
          nicht mehr findet, das dichtet es so gerne dem Vergangenen an, wo es doch ungefähr auch so
          war, wie es jetzt noch ist. Vergangenheit und Zukunft sind eben in den zauberhaften Duft
          des Entfernten gerückt, nur die Gegenwart schauen wir in ihrem wirklichen Lichte. So waren
          es besonders die älteren Gäste, zumal der Vetter Hansheiri und die Bas Lisebeth mit ihrem
          Triangel im nagelneuen Rocke,die da wetteiferten, alte Zeiten und Tage in die Erinnerung
          zurückzurufen und gleichsam mit Blumen das Gemälde, das sie hervorholten, neu zu
          umwinden.</p>
        <p>Ehrerbietig ließen gerne die Jungen eine Zeit lang den Alten das Recht des Vorganges und
          hörten andächtig zu,zumal da sie mittlerweile die Bedürfnisse des Gaumens beim
          vortrefflichen Essen, das der Rößliwirth aufstellte, befriedigen konnten. Aber bald machte
          der Jugend Kraft und Lust in ungebundener Fröhlichkeit sich Luft und brachte die </p>
        <pb n="49"/>
        <p>122 Stimmen der Alten zum Schweigen. Besonders war Annelis Bruder und nunmehr Jakobs
          Schwager, der Friedli,gut gelaunt. Es purzelten gleichsam die Witze und Scherze aus seiner
          munteren Laune heraus und thaten um so vortrefflichere Wirkung, als sie im grellsten
          Widerspruche standen mit der sonst so eintönigen, wortkargen und trockenen Weise des
          Mannes, der im gewöhnlichen Leben Vielen wie einfältig erschien.Besonders hatte er seinen
          nunmehrigen Schwager auf's Korn genommen und manches guten und schlechten Witzes
          Zielscheibe mußte heute der glückliche Jakob sein, der sich auch geduldig das Alles
          gefallen ließ und fröhlich mit den Lachenden mochte lachen. Als aber der Friedli sogar
          sich zu einer Rede postierte und von ihrer Katze erzählte, die allemal die ihr vorgesetzte
          Milch stehen ließ, aber redlich jede Nacht den süßen Rahm von allen Milchbeckelein leckte
          und nicht undeutlich zu verstehen gab, daß er mit der Katze den Jakob vergleiche, dem er's
          übrigens von Herzen gönnen möge, da wurde auch der Jakob lebendig und ohne seinem Schwager
          Friedli etwas übel zu nehmen, erhob er sich freudig und sprach: „Ja, ja, das können
          Zimmerbases Katzen,die wie Hündlein dressiert sind und's vom Friedli gelernt haben, aber
          ich weiß Einen, der kann mehr als nur Rahm schlecken. Schmied heiße ich zum Geschlecht und
          Schmied <pb n="14"/> will ich bleiben, das sollt ihr sehen, so wahr es heißt:Jeder ist
          seines Glückes Schmied.“ „Ja so,“ sagte D schmied soll leben, soll leben hoch!“ und Alle
          stimmten ein und was Niemand gewollt, was Niemand geahnt und gedacht von dem Tage an hatte
          der Jakob, es war nicht mehr auszutilgen, bei Jungen und Alten den Namen: „der
          Glücksschmied.“ </p>
        <p>Wie viel an diesem Tage noch in fröhlicher Heiterkeit geredet, wie viel gesungen, wie
          viel getanzt ward, das können wir hier nicht Alles beschreiben, es wurde geleistet,was man
          an einem Hochzeitsfeste leisten kann. Alles war heiter und fröhlich, nur das gute Anneli
          konnte noch immer nicht bei aller erzwungenen Heiterkeit so recht von Herzen fröhlich
          sein. Die Träume des Morgens verfolgten es den ganzen Tag, so daß seine Sinne nur halb
          waren bei Allem, was geschah und sein fröhlicher Bräutigam mehr als einmal es fragte, was
          ihm fehle, ob ihm nicht wohl sei. „Nicht so ganz,“ erwiederte ihm beruhigend die Braut,„es
          fehlt mir ein wenig im Kopfe, es wird schon besser kommen.“ Und der Jakob war wieder
          beruhigt. </p>
        <p>So gieng dieses Hochzeitsfest vorüber, dem Frühlingstage gleich, an dem es gefeiert ward.
          Was von den unzähligen zarten Hoffnungsblüthen, die an demselben sich <pb n="44"/>
          entfalteten, durch Regen und Sturm der kommenden Tage sich retten und unter dem
          freundlichen Sonnenschein glücklich gedeihen und reiche Früchte bringen, was durch die
          Ungunst der Witterung und anderer Widerwärtigkeiten verkümmern und verderben sollte, das
          stand noch in keinem Kalender,das sollte nach und nach erst sich erweisen in der künftigen
          Zeit. </p>
        <p>Il.Da Hochzeitsfest ist dem Erdenpilger, was dem Wanderer die Höhe eines schönen Berges
          mit herrlicher Aussicht. Wonnetrunken schweifen seine Blicke hinaus in das zu seinen Füßen
          liegende, ihm noch unbekannte und mit zartem Nebelschleier verhüllte Land, das er
          durchwandern will, und schon malt er im Geiste sich Alles im Einzelnen aus. Aber er kann
          nicht umhin, auch noch einmal rückwärts zu blicken und das ihm so wohl bekannte Gebiet zu
          überschauen, das er nun durchwandert hat. Einen solchen kurzen Rückblick wollen auch wir
          mit dem Jakob thun, ehe wir ihn weiter begleiten auf seinem ferneren Lebensgang.</p>
        <pb n="418"/>
        <p>Der Erstgeborene von sieben Kindern wenig bemittelter aber rechtschaffener Eltern, die
          wie die meisten ihrer Landsleute von der Seidenbandweberei und vom Betrieb eines kleinen
          Gütchens sich nährten, war der Jakob in seiner frühen Jugend ein zartes, aber
          hoffnungsvolles Kind. In munterem Spiele mit seinen Gespielen bald am klaren Bache,bald
          auf blumenreichen Wiesen, oder in allen den heimeligen Plätzchen seines väterlichen
          Häuschens, flossen ihm schnell die Tage seiner Kindheit dahin. Was ihm von früher Jugend
          an eigen war, das war ein Sinn, der aus Allem etwas zu machen wußte, und eine lebendige
          Einbildungskraft, in der er nicht nur sich seine eigene Welt zu gestalten suchte,sondern
          auch für die Zukunft schon die großartigsten Pläne entwarf. Wie oft doch baute er aus
          Pfählen und Brettern und Reisig und Allem, was er zu diesem Zwecke aufzutreiben wußte,
          sich ein wohnliches Häuschen und vergaß auch nicht den Keller darin, mit aufgelesenem Obst
          ihn für den kommenden Winter zu füllen. Wie oft mit seinen kleinen Freunden und
          Freundinnen bildete er als ihr Hauptanführer und Rathgeber alle möglichen Beschäftigungen
          und Bestrebungen und Freuden und Leiden der großen Menschenkinder, soweit sie ihm bekannt
          waren, ˖in seinen unschuldigen Kinderspielen ab, und heute wurde in saurer Mühe und Arbeit
          mit einem Pfluge, wie die Natur ihn <pb n="10"/> in einem eigens dazu geformten irgendwo
          aufgefundenen Aste von selber hatte wachsen lassen, der Acker gepflügt und das Feld
          bestellt, und morgen feierte man fröhliche Hochzeit mit Kirchgang, Mahlzeit und Tanz, oder
          es wurde Kindstaufe gehalten, oder das fette Schwein geschlachtet,dessen schrecklicher
          durch das herzzerreißende Geschrei eines auf der Diele liegenden Gespielen
          versinnbildlichter Tod nachher durch einen fröhlichen Schmauß verherrlichet ward,dem
          freilich dadurch nichts abgieng, daß auch das gewesene Schwein dabei den lebhaftesten
          Antheil nahm. Und bald gewirthet, bald gekrämert, bald ohne Patent hausiert oder irgend
          ein Handwerk getrieben wurde nach Herzenslust.So verwandelte sich auch die unserm kleinen
          Jakobli schon frühe überbundene Pflicht, seine kleineren schnell ihm nachwachsenden
          Geschwister zu beaufsichtigen und zu hüten, zu einem wonnigen Vergnügen, das freilich dann
          und wann,wenn er in seinem Eifer für das Ganze der besonders ihm aufgetragenen Pflicht
          vergaß und dafür Vorwürfe oder wohl gar Schläge kriegte, getrübt ward, wie denn im
          menschlichen Leben nie Alles vollkommen ist. </p>
        <p>Zum ersten Male aber trat der Ernst des Lebens, wie für viele tausend Andere auch, an ihm
          heran, als er die Schule mußte besuchen. Doch gieng er nach und nach zerne hin und als ein
          begabtes Kind lernte er leicht, und <pb n="17"/> mit nicht geringem Stolze mochte sein
          Vater es rühmen,der Schulmeister habe schon oft gesagt, ein gescheidter Büblein, als der
          Jakobli Schmied einer sei, habe er noch nie gehabt, es werde so lange nicht gehen, so
          wisse derselbe mehr als er selbst, und er könne ihm nichts mehr zeigen,das er nicht schon
          wüßte. Und je weniger der Vater sich scheute bei jeder passenden Gelegenheit dieß frühe
          schon auch vor den Ohren des Kindes zu rühmen und zu sagen, desto mehr schrieb auch
          unbemerkt der Jakobli sich dieß frühe schon hinter die Ohren und sog in kindlicher
          Unwissenheit das schwer zu vertilgende Gift einer thörichten Eitelkeit ein und meinte
          bereits schon, daß er mehr sei als andere Leute.</p>
        <p>So wenig der alte Schulmeister, der Jakobs Lehrer war, von den Grundsätzen der neuen
          Methode oder, wie das Volk halb entsetzt über dieselbe sich ausdrückte, der „neuen Lehre“
          verstand, weßwegen er oft mitleidig. von seinen jüngeren Collegen belächelt wurde, so
          wenig war das für seine Schule ein Nachtheil. Denn Lesen, Schreiben und Rechnen konnte er
          die Kinder lehren trotz einem geschulteren Jüngern. Dann aber hatte er, was so manchem auf
          Seminarien dressierten Manne abgeht und durch keine Kunst zu ersetzen ist, einen stets
          heiteren und lebendigen Geist und einen unverwüstlichen Humor, der beständig die Kleinen
          im Zuge erhielt. Und was er buntscheckig durcheinander, wie <pb n="18"/> es ihm kam, den
          Kindern aus der Naturgeschichte oder aus der Schweizergeschichte oder von fremden Ländern
          und ihrer Herrlichkeit, plastisch anschaulich, als ob er selber überall dabei gewesen
          wäre, erzählte, das prägte sich dem Gedächtniß und den Gemüthern weit tiefer ein, als ein
          geordneter aber trockener Unterricht in diesen Fächern zu thun es vermocht hätte.So
          bereicherte sich denn auch der Geist unsers kleinen Jakob ohne Mühe und Anstrengung mit
          mancherlei wenn gleich noch zerstreuten Kenntnissen; und hatte er bisher die kleine Welt
          seines Dorfes zum Gegenstand seiner Spiele gemacht, so wagte er sich jetzt in die große
          Welt hinaus.Der Dorfbach ward ihm zum unübersehbaren Weltmeere,ein alter Weidenstock,
          hinter welchem eine kleine Bucht mit stillem Wasser sich gebildet hatte, zum großartigen
          Seehafen, und ein Brett mit kunstlos darauf befestigten Masten zum majestätischen
          Handelsschiff, das mit Kaffee,Zucker und Gewürze beladen von einem Handelsplatze zum
          andern fuhr. Ja, er war so kühn, durch eine im Verein mit anderen noch stärkeren Knaben,
          die sonst nur Krebse und Fischlein im Bache zu fangen verstanden, mit großer Anstrengung
          quer durch den Bach aufgeführte und mit Rasen verstopfte Mauer das Wasser zu schwellen und
          auf einem selbst gebauten Floße darüber zu fahren, nicht we<pb n="19"/> niger stolz auf
          diese Heldenthat als je ein Weltumsegler mochte sein. Doch hatte er dabei, wie das bei
          großartigen Unternehmungen oft unvermeidlich ist, auch viel Unglück, indem er einmal
          schrecklichen Schiffbruch litt und in's Wasser plumpste und fast ertrank, wofür er statt
          Ehre und Ruhm Zurechtweisung und Strafe erndtete und indem das andere Mal zu seiner noch
          viel größeren Bestürzung der bei einem Gewitterregen angeschwollene Bach sein ganzes
          vermeintlich so fest aufgeführtes Werk von Grund aus zerstörte. Es wurde leider nicht
          wieder aufgeführt, zumal da andere weniger angenehme Pflichten die Kräfte des
          unternehmenden Mãnnchens in Anspruch nahmen. War die Zeit der freien fröhlichen
          Kinderspiele schon durch den Zwang des Schul-besuchs sehr eingeschränkt worden, so wurde
          sie es in der Folgezeit noch mehr, indem der gestrenge Wille des Vaters den Knaben frühe
          schon an das Spuhlrad bannte, an welchem er durch ernstere Thätigkeit der menschlichen
          Gesellschaft und zunächst seiner Familie selber sollte nůtzlich sein.O, das waren schon
          Tage, von denen es hieß: sie gefallen mir nicht, aber es war nicht zu ändern. Und nicht
          nur am Spuhlrad wurde der junge Weltbürger beschäftigt, auch sonst gab es im Hause, in der
          Küche, im Stalle frühe schon für ihn Arbeit genug, indem nach und nach die Pflege der
          Hühner und Schafe ihm anvertraut wurde er bald auch <pb/>9)</p>
        <p>0 sieden aus dem Fundamente verstand.</p>
        <p>Wenn trotz alledem Jakobli geistig nicht unbeschäftigt blieb, ja gerade bei der stillen
          Arbeit in seinem Kopfe die großartigsten Pläne schmiedete und die prachtvollsten Schlösser
          sich baute in die Luft, so war ihm doch dieses angebundene Leben eine rechte Last, und die
          Schule, die ihm früher wie ein Gefängniß vorgekommen war, war nun für ihn der Ort der
          Erholung und Lust. Oft dachte er mit stillem Grauen der schnell herannahenden Zeit, da er
          derselben sollte entlassen werden, während andere Kinder auf diese Zeit sich freuten. Und
          wirklich, als er mit seinem zwölften Jahre in die Repetierschule kam und wöchentlich nur
          noch ein paar Stunden dieselbe durfte besuchen, wurde er nun zur strengsten Arbeit
          angehalten. Ein so starker Bube (zu welchem sich Jakob aus einem zarten Knäblein
          entwickelt hatte), so meinte der Vater, dürfe nicht mehr Maulaffen feil haben, sondern vom
          frühen Morgen bis zum späten Abend daran zu sein, das sei einem solchen Bürschlein gesund,
          und ohnedieß thäte ihnen eine solche Hülfe sehr Noth. Die Kinder jenes Hauses mußten frühe
          schon lernen, woher es komme, das liebe tägliche Brot!So saß denn der Jakob bereits nicht
          mehr nur am Spuhl-rad, dessen Betrieb er schon längere Zeit den jüngeren <pb n="21"/>Geschwistern überlassen hatte, sondern er stand schon am Webstuhl, der als eine zweite
          Erwerbsquelle zu dem schon nun mit seinem Vater um die Wette. Da vergieng ihm ob der
          ermüdenden Arbeit manche fröhliche Jugendlust, da schrumpften die einst so üppigen
          Gestalten seiner Einbildungskraft oft erbärmlich zusammen und es wandelte ihn nicht selten
          eine stille Wehmuth an, gleich derjenigen eines unter ungünstigen Schicksalen und allen
          Widerwärtigkeiten verkommenden oder verkommenen Genies. An wie manchen Reichen, der nie
          etwas wird noch werden will, wird Alles gewendet, während wie eine vom eisigen Froste
          zerstörte Blume da und dort ein reiches Talent verkümmern muß. Solche Gedanken möchten es
          sein, die zu Zeiten den Jakob beschäftigten, zumal da sie in seiner durch mancherlei Lob
          über seine Fähigkeiten großgezogenen Eitelkeit reichliche Nahrung fanden. So kann das
          Bewußtsein berliehener Gaben und Kräfte gar manchem zu bescheidenerem Lebensloose
          Bestimmten eine Quelle innern Unglücks und trauriger Verbitterung sein.</p>
        <p>Doch sollte plötzlich eine glückliche Wendung der Dinge für den Jakob kommen, die seinem
          Geiste zu neuem Fluge verhalf. Sein Vettergötti, der alte Clausjoggi, der keine Kinder
          hatte, war gar sehr für seinen Pathen eingenommen <pb n="5"/>*und hatte es sich fest in
          den Kopf gesetzt, derselbe sei für einen gewöhnlichen Posamenter viel zu gut, ein so
          feines Bürschlein mit so klugen Augen und so gescheudten Löcklein müsse wenigstens ein
          angesehener Handlungsdiener in Basel, wo nicht gar dereinst noch ein vornehmer Herr
          werden, wie ein ihm in seiner Jugend Bekannter, dem der Jakobli auf's Haar gleiche, es
          eben auch geworden sei.Er war es besonders, der in traulichen Unterredungen die
          wunderlichsten Pläne in den Kopf des Knaben gesetzt und bei jeder Gelegenheit nach Kräften
          erhalten hatte, und er glaubte seiner Sache um so gewisser zu sein, als auch seine Studien
          im hundertjährigen Kalender das unzweifelhafte Resultat hatten, daß der Götti zu einem
          Herrn geboren sei.</p>
        <p>Wie aber die Sache in's Werk gesetzt, wie so manche nicht geringe Schwierigkeit
          überwunden werden sollte, das war dem alten Manne lange nicht klar; es half noch nicht
          viel, wenn er etwa einmal bei Jakoblis Vater durchblicken ließ, ein paar Fünflivres für
          des Knaben weitere Ausbil-dung würden ihn nicht reuen, nein, ein Schönes hätte der Götti
          von ihm zu erwarten; denn der Vater rechnete die Sache anders aus, da der Knabe vielleicht
          in einem Monat mehr verdiente, als der Vetter Clausjoggi überhaupt zu geben versprach; es
          nützte auch nicht viel, daß er den Knaben einige Male mitnahm, wenn er nach Basel <pb n="23"/> gieng, seine Bänder in den Laden zu tragen und den Jungen dem Personale der
          Herren und Diener als seinen „bsunderbar“ gescheudten Götti vorstellte, wobei er
          triumphierend mit der Zunge schnalzte und mit wichtiger Miene und geheimnißvoller Rede zu
          verstehen gab, daß der Junge auch einmal ein Solcher werden müsse, wie die Herren da
          seien, im Rechnen und Schreiben thue er jetzt schon Alle durch. Die Herren nahmen die
          Aeußerungen des Vettergötti wohlwollend und kopfnickend auf, aber dabei hatte es auch sein
          Bewenden.</p>
        <p>Mehr als das Alles bewirkteé der Einfluß des Herrn B seine Herren in der Stadt
          beschäftigten Arbeiter besuchte und der bei Jakobs Vater in gar hohem Ansehen stand.Schon
          mehrmals hatte der Jakob die nöthigen Briefe nach Basel schreiben müssen und dieselben
          hatten durch eine wirklich hübsche und ziemlich correkte Handschrift die Aufmerksamkeit
          der Ladenherren auf sich gezogen. „Was ist, Meister Schmied,“ fragte darum einmal der Herr
          Klingensold Jakoblis Vater bei einem seiner Besuche, „was habt Ihr für einen famosen
          Schreiber engagiert?“ „He? famosen Schreiber? weiß nicht“ erwiederte fast verlegen der
          Vater. „Ei ja,“ sagte der Andere und blickte dabei lächelnd den Jakob an, „der Euch
          jeweilen Eure Briefe an <pb/>V 4 die Herren in Basel schreibt.“ „Ja so, ähä,“ erklärte
          jetzt erst ihn verstehend Vater Schmied mit stolzem Lächeln, „das ist einmal Einer, nicht
          wahr?“ „Allewege,“war die Antwort, der aber sofort die Erklärung folgte:„Den Knaben müßt
          Ihr mir aber nicht am Webstuhl behalten, das ist nichts, der muß noch mehr geschult
          werden,er bleibt gewiß nicht immer in Schönenwyl, der wird sich noch machen, und wenn er
          einmal französisch kann, will ich ihm schon zu einem Platze verhelfen.“ So sprach der Herr
          Klingensold und er sprach noch mehr und wußte zu einer Ehrensache zu machen, daß er sich
          nach langem Sträuben endlich dazu verstand, den Jakob einstweilen in eine damals im Lande
          neugegründete höhere Schule zu schicken, wo auch französisch, was den Leuten die
          Hauptsache schien, gelehrt wurde, und der Jakob war nun auf einmal aus einem
          Repetierschüler ein Realschüler geworden.</p>
        <p>Das Leben in jener Schule wollen wir nicht weiter beschreiben. Jakob hatte eine Stunde
          weit in dieselbe zu gehen und sein Mittagsmahl, das er in der Schulstube verzehrte,
          bestand aus einem Fläschchen voll Milch und einem Stück Brod, das er täglich in seinem
          Schulränzchen mit sich nahm. Er machte ordentliche Fortschritte, mußte aber einsehen, was
          er noch nicht gewußt hatte, daß es auch noch <pb n="25"/> andere geschickte junge Leute
          gab außer ihm. Der Vater war übrigens mit dem Ergebniß des Schulbesuchs gar nicht
          zufrieden; er meinte, der Jakob sollte schon nach ein paar Wochen ordentlich welschen
          können; davon war aber keine Rede, dagegen mußte der Knabe gar vielerlei Anderes
          lernen,das der Vater für dunmimes Zeug ansah, weil es Einem nach seiner Meinung hell
          nichts nütze in der Welt. Wenn daher schon die armseligen Nahrungssorgen, die fast das
          einzige Gespräch im elterlichen Hause bildeten, und das unaufhörliche Klappern und
          Schnurren und Surren der Arbeitsgeräthe, und das Bischen entlehnter Schein von dem trüben
          Lampenlichtlein auf dem Zettelrade der Mutter, bei welchem der Knabe seine Aufgaben machen
          durfte, wenig geeignet war seinen Geist zu ermuntern, so waren es noch viel weniger die
          stillen und oft lauten Vorwürfe der unwilligen Eltern und Geschwister, die ihren Aerger
          darüber nicht immer verhalten konnten, daß sie um seinetwillen in ihrem Verdienst so sehr
          verkürzt worden waren; und eine einzige Klage aus seinem Munde wäre ein willkommener Anlaß
          gewesen, ihn wieder zu Hause zu behalten. Im grellsten Widerspruche gegen das Alles stand
          das Wirken des Lehrers, der mit begeisterten Worten den Knaben den Werth der reinen
          Wissenschaft anpries, die Menschen, die nur nach Nothwendigem und Nützlichem fragten,
          verächtlich <pb/>re 2 als armselige Naturen bezeichnete, und vielen seiner Schüler einen
          ernsten Wissens- und Tugendstolz einzuhauchen verstand, und das um so mehr, als seine
          Worte nicht nur hohle Worte waren, sondern als er an sich selbst das Ideal zu
          verwirklichen strebte, das er seinen Schülern bei jeder Gelegenheit vorhielt. Wie fieng es
          da an zu gähren in den Köpfen der Knaben, wie bunt und wild durcheinander drängten sich
          auch in Jakobs Kopfe die wunderlichsten Empfin dungen und Gedanken! Wie fing da an zu
          keimen die Wurzel eines inneren Widerstreites, der vielleicht nie zu einer vollkommenen
          Lösung gelangte! Wozu er von Natur schon geneigt war, wie seine frühen Knabenträume
          gezeigt hatten, das entwickelte sich nun immer mehr, und wie Licht und Finsterniß stachen
          gegeneinander ab seine hohen Gedanken und die dumpfe Wirklichkeit. Indessen: „Jeder ist
          seines Glückes Schmied,“ so hatte ihnen oft der Lehrer,um sie zur Strebsamkeit anzufeuern,
          zugerufen, das hallte in Jakobs Herzen so lange nach, daß er es auch später an seiner
          Hochzeit, wie wir gesehen, noch nicht vergessen hatte. </p>
        <p>Es ist aber mit solchen Worten eine eigene Sache;wie oft bewirken sie doch gerade das
          Gegentheil von dem,was sie suchen! So wähnt Mancher stolz, seines Glückes Schmied zu sein,
          während er träumend vergißt zu schmieden <pb n="27"/> an seinem Glück. Auch dem Jakob
          begegnete etwas Aehnliches und er träumte auch manchmal mehr, als er that.Seine Träume
          sollten indessen nicht zu lange währen. Die Erlernung des Wälschen schien dem Vater
          Schmied je länger je langsamer zu gehen, der Herr Klingensold war seltener mehr zu sehen,
          und wenn er kam, so schien er sein früheres Wort ganz vergessen zu haben, die Bedürfnisse
          in der Haushaltung wurden immer größer, da that es der Alte nicht an ders, nach
          anderthalbjähriger, höherer Schullaufbahn mußte Jakob wieder daheim bleiben und wieder
          werden,was er gewesen war. Er schickte sich indessen noch ziemlich geduldig darein, weil
          in der letzten Zeit Manches die Schule ihm auch verleidet hatte und weil ihm doch der
          Alles überwindende Trieb zu sehlen schien, dessen ein Mensch, dem von außen statt
          Ermunterung nur Entmuthigung zu Theil wird, zum treuen Verfolgen eines vorgesteckten
          Zieles bedarf.</p>
        <p>So übte er denn nun den Beruf seines Vaters, in welchem er sich bald eine große
          Geschicklichkeit erwarb, wieder aus, und fand auch da Gelegenheit, seinen Ehrgeiz zu
          befriedigen. Waren nicht seine Eltern nun so sehr mit ihm zufrieden, daß sie ihm gar viel
          besondere Gunst erwiesen;durfte er nicht mit großer Selbstbefriedigung hören, wie die
          Leute seine Eltern beneideten, weil der Jakob ihnen Geld verdiene wie Stein? Daneben
          tröstete er sich, sobald er <pb n="2"/> aus dem Unterrichte und nun erwachsen war, mit dem
          Gedanken, daß er nun weit früher sein eigener Herr und Meister könne sein, als wenn er
          lange hätte müssen Schulen und Welschland besuchen und dann erst noch Handlungslehrling
          oder dergleichen etwas sein.</p>
        <p>Und weil nun sein nimmer rastender Geist einen Gegenstand seines Sehnens und Ringens doch
          mußte haben,so wendete sich bald sein ganzes Denken dem schönen und freundlichen
          Friedenanneli zu, das einst als Kind schon so manchmal bei ihm in seinem Häuschen gewohnt
          und mit ihm gehaushaltet hatte. Lange blieb es bei einem stillen Einverständniß der
          Liebenden, die nur etwa am Feierabend beim Brunnen, wenn der Jakob seine Kühlein zur
          Tranke führte und das Anneli Wasser holte, oder etwa, wenn der glückliche Zufall es
          wollte, am Sonntag beim Spaziergang sich sahen und sprachen und einander zu sehen und zu
          sprechen sich freuten. Diese glücklichen Zufälle kehrten aber immer häufiger wieder, und
          die jungen Leutchen hatten einander immer mehr zu sagen, so daß ihr Verhältniß den Leuten
          schon lange kein Geheimniß mehr war, als sie es noch immer als solches bewahrten.</p>
        <p>An allerlei Erlebnissen, wie sie etwa einem angehenden Bräutigame zu Theil werden, fehlte
          es auch unserm Jakob nicht. „Herz, wohi zieht es di? Säg mer, wo denksch du <pb n="28"/>
          hi?“ sang er oft mit bewegter, schöner Stimme, denn er war auch beim Gesangverein, am
          Abend hinter dem Hause,so daß Anneli es wohl hören konnte, wenn es in seiner Küche am
          Wassersteine stand; und nicht selten erklang dann von dorther als Antwort, die das Herz
          des Jakob mit Freuden erfüllte und für ein paar Tage ihn überglücklich machte, aus holdem,
          weiblichen Munde ein ähnliches Lied. War's ein Wunder, wenn es das Herz nicht nur sondern
          den ganzen Jakob mächtig dorthin zog, woher ihm die Antwort kam, um nur, wieder von Ferne
          an einem freundlichen Blicke sich zu erlaben?</p>
        <p>Es war an einem schönen Abend zur Sommerszeit,die auch dem fleißigen Posamenter etwa
          einmal einen stillen Feierabend gönnt. Der freundliche Abendstern mit seinem milden Glanze
          hatte schon sich hinter den Bergen zur Ruhe begeben, aber fröhlich zirpten allüberall noch
          die Grillen im duftenden Grase und fröhliche Stimmen der Menschen erklangen durch die
          sanftkühlende Abendluft. Den Jakob zog's in die Nähe des Hauses seiner Geliebten; er
          glaubte am erlenchteten Küchenfenster die holde Gestalt seines Anneli zu erblicken und
          kletterte ungesäumt auf den hinter dem Hause aufgerichteten und fast bis zum Küchenfenster
          hinaufreichenden Stoß von Scheitern, im Lande kurzweg „Schiterbigi“ genannt. Von da
          vermochte er hineinzuschauen, vielleicht <pb/>25*24 sogar ein stilles Wörtlein mit der
          Geliebten zu tauschen.Aber kaum hatte er den Kopf erhoben und hineingeblickt,als ihn das
          häßliche Gesicht der alten Kätheri, der Magd des Hauses, angrinste, die zuerst mit einem
          Schrei des Entsetzens zurückfuhr, dann aber, schnell gefaßt, plötzlich durch das geöffnete
          Fenster dem Zudringling, ehe er sich zurückziehen konnte, das ganze Geschirr voll
          schmutzigen Waschwassers, in welchem sie sich beschäftiget hatte, in Begleitung von
          Scheltworten und Flüchen über das Haupt herabschüttete.Zornentbrannt eilte er, indem er
          Verwünschungen ausstieß,nach Hause und sah es gar nicht, daß er an dem auch gerade nach
          Hause kehrenden Anneli vorbeilief, als er gerade fast wüthend ausrief: „Du alte Mohr, du
          Haareule und Vogelscheuche, die du bist, komm mir nur noch einmal unter die Augen!“
          Erschrocken und betrübt gieng das Anneli heim, denn es glaubte nichts anderes, als das
          gelte ihm,erst nachher klärte sich die Sache zu Beider Belustigung auf.</p>
        <p>So gab es manchen Spaß, bis es endlich zum Ernste kam, indem zumal nach solchen
          Erlebnissen es kein Geheimniß mehr bleiben konnte, daß der Jakob zum Anneli gehe.Er mußte
          seinen Eltern seine Neigung gestehen, und es setzte manchen Strauß ab, bis sie ihre
          Einwilligung zu einer Verbindung ihres Sohnes geben wollten, die ihrer Haushaltung eine so
          schöne Kraft entzog. Aber sie mußten <pb n="31"/> zuletzt doch in den Lauf der Welt sich
          fügen, Annelis Eltern kamen auch entgegen, und so wurde denn bald auch die fröhliche
          Hochzeit gefeiert.</p>
        <p>191 </p>
        <p>Heim welch ein trautes und liebliches Wort! Süßen Frieden haucht sein Klang in die
          menschliche Brust. Der Vogel hat sein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest so erinnert
          schon der heilige Sänger an die Wonne der Stätte, die unsere Heimat ist. „Heim“ lallt
          schon das müde Kindlein auf den Armen der Mutter und streckt seine Aermlein aus nach dem
          stillen Bergungsorte, wo die Liebe zuerst ihm sein weiches Lager bereitete, wo das Gefühl
          einer trauten Sicherheit es zuerst umfieng. Heim, heißt das freudige Losungswort des von
          des Tagewerks Arbeit und Last Abgelösten, heim eilen seine Schritte, wo Liebe den Schweiß
          ihm von der Stirne wischt, und „heim, ach heim!“seufzt am Schlusse der Wallfahrt im Lande,
          wo wir nur Gäste und Fremdlinge sind, des irdischen Treibens müde,der Geist, heim, wo die
          Hütten des ewigen Friedens sind.</p>
        <p>Heim, das ist das stille Heiligthum, das der Gesittung <pb n="2"/> und Tuzend treue
          Hüterinn ist, und von welchem allein sie recht gepflegt wird, heim ist die verborgene
          Wiege jener Thaten, die ganze Nationen segnen und beglücken. Wie Engel des Friedens
          umschweben auch den in der Welt Umhergetriebenen noch die Erinnerungen der Heimat, wie
          gute Geister rufen sie auch den Verirrten noch vom Pfade des Verderbens zurück. Darum muß
          jene stille, wunderbare Macht, die mit zarten Banden den Menschen dem Menschen verbindet,
          in gemeinsamer, liebender Arbeit ein Heim sich zu gründen und auszubauen, in ihrem
          tiefsten Grunde gottlichen Ursprungs sein, und keine Erwägung kann mehr jene Verirrungen
          und Laster verabscheuen lehren, welche dieses zarte Band zerreißen, als die, daß sie die
          wilden Zerstörer eines solchen Heiligthums sind.</p>
        <p>Mit süßer Wonne empfanden auch Jakob und Anneli das stille Glück die Begründer einer
          eigenen Heimat zu sein.Klein aber heimelig war ihre neue Wohnung, einfach und bescheiden
          ihr neues Hausgeräthe, aber niedlich und rein;Alles war gerade recht zum fröhlichen
          Bleiben sie einzuladen.Verträglich wohnten im kleinen Schranke, der hübsch bemalt war,
          neben des Mannes Hosen und Frack die Röcke und Jacken der Frau und in der Schachtel
          prangte neben Jakobs Festtagshut Annelis reinliche Haube. Friedlich hiengen an der Wand
          neben dem Köorbchen und anderen Zeichen des </p>
        <pb n="33"/>
        <p>Friedens des Mannes Waffengeräthe. Vorn am Fenster stand wohl aufgerüstet der Webstuhl
          und was dazu gehörte,als die Stätte der Arbeit, und hinten in stiller Ecke war das
          reinliche, zu stiller Ruhe nach des Tages Mühe einladende Bett. Ein blank gefegtes
          Tischchen, eine Kommode und ein paar Stühle machten den übrigen Hausrath aus.Gehet hin,
          ihr Reichen der Erde, in euere strahlenden, hellerleuchteten Salons, in euere Conzerte, in
          euere Theater,auf euere Bälle; den süßen stillen Frieden eines solchen Stübleins, das
          traulich eine Familie mit ihren Freuden und Leiden umschließt, den findet ihr dort nicht,
          den findet ihr je nur wieder, wenn ihr auch ein solches Heim noch besitzet. </p>
        <p>Fleißig arbeitete jetzt der Jakob darauf los, es war ihm eine Lust, selbstständig für
          seine Familie sorgen zu dürfen,bestand sie einstweilen auch nur aus ihm und seiner
          Frau,und ein freudiger Stolz erfüllte sein Herz. Er fühlte sich erst jetzt recht als einen
          Mann, und es kam ihm nicht anders vor, als die ganze Welt müsse es fühlen, daß er jetzt
          mehr Bedeutung habe und Gewicht. Man sah das auch seinem Schritte und seiner Miene an,
          wenn er etwa am Sonntag zur Kirche gieng oder Nachmittags in die Gemeindeversammlung, um
          nun auch seine Bürgerpflicht zu thun.Daheim aber, wenn seine junge Frau arbeitend treu in
          zur </p>
        <pb n="34"/>
        <p>Seite stand und ihre Wangen im Eifer der Arbeit glühten,konnte er oft nicht anders, als
          einen Augenblick stille zu halten, sie freudig in seine Arme zu schließen und einen Kuß
          auf ihre freie Stirne zu drücken und dann sofort lustig wieder seine Arbeit zu thun. Das
          Anneli empfand tief die Wonne dieses Glückes mit ihm und konnte es jetzt fast nicht mehr
          begreifen, daß an der Hochzeit ihm so bange geworden war.</p>
        <p>Und wo bei Genügsamkeit und Zufriedenheit solch ein redliches Ringen ist, da ist auch der
          stille Segen des Herrn. Die jungen Leutchen verdienten nicht nur, was zu des Lebens
          Nothdurft gehörte, gar manchen ersparten Thaler D mälig auch ihren Hausrath. Unvermerkt
          mehrte sich ihr kleines Gut und sie fühlten sich dabei überschwänglich reich;damals hätten
          sie gewiß mit keinem König oder Kaiser getauscht. </p>
        <p>Damit soll freilich nicht gesagt sein, als ob sie schon Engel gewesen wären, und als ob
          keine menschliche Schwachheit auch ihr Leben verunziert, kein Mißton je ihren Frieden
          gestört hätte. Wer würde das auch glauben? Wo auch noch so sehr einander liebende Menschen
          beisammen wohnen,wo alle sonst verborgenen Eigenheiten und Schwachheiten offenbar werden,
          wo entgegengesetzte Anlagen und Neigungen sich geltend machen, sich müssen lernen
          ausgleichen und in <pb n="35"/> einander sich fügen, da geht es ja freilich ohne
          mancherlei Mißtbne und kleine Kämpfe nicht ab. Und von solchen hätten auch die stillen
          Wände von Jakobs und Annelis Stüblein zu erzählen gewußt. Aber die jungen Gatten waren
          doch in der Hauptsache einig, und wie die kräftige Sonne gar bald die sie verdunkelnden
          Nebel verscheucht,daß sie in dünner und immer dünner werdenden Streifen nur scheu noch an
          dunkeln Bergabhängen hinschleichen,bis sie gänzlich müssen verschwinden, so trug auch über
          Alles, was ihr Verhaltniß trüben wollte, die Liebe immer wieder den Sieg davon. </p>
        <p>So lebten und haushalteten sie gesund und glücklich zusammen und der Jakob war fast nur
          zu sehr auf's Arbeiten und Hausen erpicht, indem er darin allmälig die Hauptaufgabe seines
          Lebens zu erblicken sich gewöhnte. Seine Kameraden konnten ihn nicht mehr leicht verlocken
          zu einem Glase Wein und als ihn einmal sein eigener, sonst haushälterischer Vater
          ermahnte, er solle sich bisweilen doch auch ein wenig etwas gönnen, da sagte er mit gar
          ernstem Ausdruck: „Jä, Vater, das hat seine Meinung, es läßt sich nachsehen, wenn man ein
          Ehemann ist, besonders bei gewissen Umständen der Frau!“ Seiner Frau aber bemerkte er, da
          sie ihm nicht sparsam genug schien, „ja, Fraueli,<pb n="36"/> schau, jetzt müssen wir uns
          wehren und uns einziehen, Du wirst wohl wissen warum?“ Schnell waren im lieblichen Wechsel
          des hellen, warmen Sommers, des üppigen Herbstes und des kalten und doch heimeligen
          Winters die Tage des ersten Jahres im EheDDDDD den Bergen weggefegt, die Haselstauden und
          die Weiden blühten, die Maßliebchen streckten ihre freundlichen Köpfchen hervor, die
          gelben Dotterblumen besäumten die Bächlein mit goldenem Rande, und mit sammetnem Grün
          bekleidete das hervorsprießende junge Gras die Wiesen; emsig summten die Bienlein durch
          Berg und Thal, Schmetterlinge flatterten hin und wieder und unter dem Dache baute in
          fröhlicher dust die zurückgekehrte Schwalbe sich wohnlicher wieder ihr altes Nest. Die
          ganze Natur war zu neuer Freude und neuem Leben erwacht. </p>
        <p>Aber störend und wild tönten in diese Frühlingsklänge hinein die rauhen Stimmen der
          menschlichen Leidenschaft.Schon seit längerer Zeit war das Volk aufgereizt worden,seine
          alten Rechte von der regierenden Partei zu fordern,und je zudringlicher und
          herausfordernder dieß von Seiten des Volkes geschah, um so hartnäckiger und eigensinniger
          beharrten die Andern auf ihrem verjährten Rechte. Immer <pb n="87"/> höher giengen die
          Wogen der Leidenschaft, immer drohender zogen die Wolken sich zusammen. Wer auch noch so
          gerne harmlos von aller Politik sich ferne gehalten hätte, er konnte es nicht, gewaltsam
          ward er durch die allgemeine Strömung fortgerissen, sich für oder wider zu erklären; ein
          schrecklicher Bürgerkrieg schien im nahen Anzuge zu sein, Stadt und Land schienen bis
          auf's Blut sich zu befehden und so war es denn auch. Man wußte nicht, welchen Augenblick
          es zum blutigen Zusammenstoße kommen und welches die traurigen Folgen des Kampfes sein
          würden. </p>
        <p>In diese Zeit fiel für unsern Jakob ein Ereigniß, das unter anderen Umständen, oder auch,
          wenn er einen größeren Gleichmuth gehabt hätte, als er in Wirklichkeit besaß, auch trotz
          allen diesen Umständen für ihn eines der glücklichsten seines Lebens hätte sein können;
          als erstes Pfand der Liebe wurde ihm ein kräftiges, holdes Knäblein geschenkt und Mutiter
          und Kind waren wohl und gesund. In seliger Mutterfreude heftete das Anneli seine Blicke
          auf ihn in der stillen Hoffnung, er werde jetzt Alles um ihn her vergessen und jubilieren
          vor Freude. Aber der Jakob sah ganz verdüstert aus und ein stiller Seufzer war es, mit dem
          er die Ankunft seines ersten Sprößlings auf dieser-Welt begrüßte.Seine Frau wischte sich
          eine Thräne aus den Augen und Schwermuth wollte sich ihrer Seele bemächtigen. Sie konnte
            <pb n="38"/> ganz und gar nicht die Kälte ihres Mannes begreifen, den sie eben jetzt mit
          dem höchsten Glücke erfreut zu haben meinte.Hätte sie gewußt, wie in Jakobs Seele es
          aussah, sie hätte sich wenigstens viele andere vergebliche, traurige Gedanken erspart, die
          in ihrem Herzen mit einander kämpften. Es konnte ja auch nicht anders sein, als daß
          einigermaßen sein Inneres offenbar werden mußte in dieser Zeit.So kam sein bester Freund,
          der Rechenjohannes zu ihm,um ihm von Herzen zu seinem Söhnlein zu gratulieren und ihm noch
          manche Wiederholung der ihm widerfahrenen Freude zu wünschen. Sehr kalt und trocken nahm
          der Jakob diese Glückswünsche auf. Der gute Johannes meinte, er treibe Spaß und sagte: „Du
          willst nur nicht zeigen, wie stolz und wie glücklich Du jetzt bist, ich kenne Dich schon,
          Du Schlimmer.“ „Was?“ schrie aber da der Jakob, „was stolz,was glücklich? Ich wollte
          lieber, mein Büblein hätte nie das Licht der Welt gesehen, wie jetzt der Lauf der Welt
          geht. Vielleicht morgen schon schießt man mich todt, wer soll dann noch für ihn sorgen?
          Und wenn er am Leben bleibt, was kann er Gutes erwarten? Der Himmel weiß,wo das Schicksal
          ihn hinverschlägt. Man sollte Keinem Glück wünschen, der auf dieser Welt ankommt, der
          Mensch ist zu Leiden geboren, das steht halt auch in der heiligen Schrift, wenn Du mich
          etwa daraus belehren wolltest.“</p>
        <pb n="30"/>
        <p>Der gute Johannes zog ab, denn er war nicht gewohnt und geübt zu widersprechen, was zu
          beklagen war, da ein kräftiger Widerspruch dem Jakob heilsam gewesen wäre, während er
          jetzt nur um so fester auf seiner trübseligen Meinung bestand, durch die er sich selbst
          und Andern die schönsten und zartesten Freuden verderbte.</p>
        <p>Und da er diesen seinen traurigen Gedanken über den Unbestand alles irdischen Glückes
          sich immer mehr hingab und diese düstere Stimmung immer mehr Herr über ihn werden ließ,
          kein Laut der Freude kam mehr über seine Lippen, kein heiterer Blick mehr glänzte aus
          seinen Augen,er konnte auch nicht mehr in gewohnter Zärtlichkeit seiner Frau begegnen und
          nicht mit der Vaterfreude, wie Jedermann von ihm erwartet hätte, sein Kindlein betrachten,
          und doch war ihm noch gar nichts Arges begegnet, was ihn hätte traurig machen können,
          nichts, als was er selber sich vormalte, so war er Allen ein Räthsel und viele scheuten
          sich fast vor ihm. Seine junge Frau aber war durch das Alles ganz verstört und nahe daran,
          an ihm irre zu werden,zumal da er nicht mochte sich über sein Inneres aussprechen; und
          weil er verdüstert schwieg, so schwieg sie auch.O es giebt fast nichts Drückenderes in
          einem Ehestand als ein solches Schweigen; wie ein böser, schwarzer Geist lagert es sich
          trennend zwischen die Herzen, die unauflöslich <pb n="10"/> sollten verbunden sein; und
          doch könnte oft ein einziges offenes und das Herz des Andern öffnendes Wort der Liebe
          diesen Geist bannen, doch müßte eine rechte christliche Besonnenheit schon ihn
          verscheuchen. Was half es, daß der Jakob im Uebrigen mit fast bewunderungswerther
          Hingebung in dieser Zeit Alles that, was in seinen Kräften stand, daß er selber kochte,
          wusch, das Kindlein pflegte sammt seiner Frau und Tag und Nacht keine Ruhe sich gönnte,was
          half das, wenn er bei alledem seiner Frau den Eindruck machte, daß sie ihm auf einmal
          unwerth geworden sei und wenn es ihr zu Muthe war, sie wollte tausendmal lieber, er wäre
          gleichgültig und hülfe ihr nichts und machte dafür ein freundliches, fröhliches Gesicht
          und wäre herzlich wie einst. Was half es, daß er sich selber einredete,wie er ein treuer
          und besorgter Ehemann sei, wenn seine Frau es schon nicht erkenne, da er das erste, was er
          schuldig war, in seiner Verblendung zu üben vergaß!</p>
        <p>Das war ein dunkler Schatten, der auf das heitere Glück des jungen Ehepaars sich zu
          lagern begann. O wie oft faltete das Anneli im Stillen seine Hände in seinem Bette und
          betete inbrünstig, daß dieser unheimliche Bann doch sich läsen und von ihnen möchte
          genommen werden! Wie oft, wenn es sein holdes Knäblein voll seliger Mutterfreude alles
          Leides vergessend in seinen Armen hielt, durchzuckte <pb n="41"/> auf einmal wieder ein
          unnennbares Weh sein Herz! So bviel können falsche Gemüthsstimmungen, die man für etwas
          Gleichgültiges zu halten geneigt ist, verderben in der Welt. Die gefürchtete Revolution
          brach freilich in der Folge aus mit allen Schrecken eines erbitterten Bürgerkrieges und
          auch Schönenwyl blieb von ihren Verwüstungen nicht verschont. Indessen wurde weder dem
          Jakob noch den Seinigen ein Haar gekrümmt, und er hatte, wie man zu sagen pflegt,
          geschrieen, ehe er geschlagen war. Freilich hatte auch er, wie Alle, unter den
          öffentlichen Wehen zu leiden; der Verdienst stand eine längere Zeit stille, die wenigen
          Ersparnisse wurden allmälig wieder aufgezehrt und der Jakob konnte noch manchmal darüber
          traurig und erzürnt sein,daß er vergeblich bisher gestrebt, gearbeitet und gerungen habe.
          Als aber die hochgehenden Wogen der öffentlichen Bewegung nach geendigten Kämpfen allmälig
          sich wieder zu legen begannen, die altgewohnte Thätigkeit fand nach und nach wieder ihr
          Geleise und Jakob durfte sehen, wie seine Frau neu gestärkt wieder konnte ihm zur Seite
          stehen und wie sein Söhnlein so kräftig sich entwickelte, da kehrte doch zuletzt ihm die
          Besinnung wieder zurück und sein Herz thaute auf zu neuer Freude und Lebenslust. Und wenn
          dann sein Söhnchen ihn anlächelte, seine Händchen ihm ent<pb n="42"/> gegenstreckte und
          voller Muthwillen und Lebensfreude zappelte und jauchzte, da war der glückliche Vater
          vollends von aller Schwermuth geheilt. Und manchmal schämte er sich im Stillen, machte
          sich Vorwürfe darüber und konnte es nicht mehr begreifen, wie er so lange ohne Grund sich
          habe abhärmen und das Leben sich selber verbittern können, er schien wieder ganz der alte
          Jakob zu sein und das Anneli vergaß ob dieser Wahrnehmung gerne alles, was es im Stillen
          gelitten; hatte es jetzt doch wieder das Herz seines lieben Mannes, das ihm eine Zeit lang
          entfremdet gewesen war. Aber um eine ernste Erfahrung war das junge Paar reicher geworden;
          ob es sich dieselbe in Zukunft zu Nutze gemacht?</p>
        <p>V.</p>
        <p>Wies unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten; darüber will er früh und spat
          mit seiner Gnade walten so singt unser christliches Volk in einem seiner schönen
          geistlichen Lieder. Wie finden wir diese Wahrheit so schön veranschaulichet und herrlich
          bestätiget in dem von <pb n="43"/> dem Schöpfer allen Kreaturen eingepflanzten mächtigen
          Triebe, hingebend und aufopfernd für ihre Nachkommen zu sorgen, so lange sie dieser Sorge
          bedürfen! Wer könnte ohne innige Rührung es ansehen, was in dieser Hinsicht das
          unbeachtetste Thierlein, was das geringste Vögelein unter dem Himmel zu leisten vermag, wo
          Männchen und Weibchen mit einander wetteifern für die hülflosen und nack ten Jungen Speise
          zu suchen und sie zu füttern, wo Jedes lieber selbst verhungern wollte, als jene verderben
          zu lassen! Wenn es aber Menschen giebt, die diesen Trieb nicht mehr kennen und üben,
          Väter. und Mütter, die denselben im Leben verläugnen, so sind sie wahrlich tief unter das
          Thier gesunken, so ist an ihnen, wie uns scheint, auch die letzte Spur des göttlichen
          Ebenbildes verwischt.</p>
        <p>Aber die Weisheit des Schöpfers ist unergründlich auch in diesem Theile. Was von Natur
          nur ein auf die Erhaltung des Geschlechtes gerichteter Trieb scheint zu sein,muß zu jener
          geheimnißvollen Triebfeder sich entfalten und gestalten, die das ganze Menschheitsleben in
          die wunderbarste und mannigfaltigste Bewegung setzt, die tausend schlummernde Kräfte weckt
          und zum Forschen und Ringen,zum Weben und Streben, zum Schaffen und Gestalten
          allermänniglich begeistert. Mag der mächtige Ehrgeiz, mag ein edler Drang reiner und
          herrlicher Begabung einen großen <pb/>*44 </p>
        <p>Antheil haben an allem zu Tage geförderten sittlichen Gut,es ist nicht zu vergleichen mit
          dem, was jenem Triebe entspringt, es fehlte auch dem herrlichsten Gedanken die denselben
          ausbildende und verbreitende Hand, wenn er ihn nicht zum dienstbaren Geiste hätte. Was
          spornt schon den Jüngling an, einen Lebensberuf recht zu erlernen? In viel tausend Fällen
          ist's der stille Gedanke an seine künftige Bestimmung. Was begeistert den Mann in oft fast
          übermenschlicher Anstrengung seiner Kräfte zu wetteifern mit Andern auf seinem
          Wirkungsfeld? Es ist der Gedanke an Weib und Kind und die ermuthigende Hoffnung ein
          schöneres Loos des Daseins ihnen zu bereiten. Wie schade ist es darum, daß auch dieses
          Geschenk des Himmels so oft in ein Werkzeug der Hölle verwandelt wird, wo Habgier und
          Ungerechtigkeit sich daran hängen, oder wo die oft getäuschte Hoffnung in Verbitterung und
          Verzweiflung umschlägt.Unser Jakob hatte mit frischem Muthe die Arbeit seines Berufes
          wieder aufgenommen und: „Jeder ist seines Glückes Schmied,“ so rief er sich ermunternd zu,
          wenn ihm je etwa einmal der Muth ausgehen wollte. Die Tage,die Monate, die Jahre eilten
          ihm wie im Fluge dahin;„ist's denn auch möglich,“ so mußte er jeden Sonntag und in
          gleicher Weise bei jedem Jahresschlusse sich fragen, „ist's möglich, daß schon wieder eine
          Woche, daß schon wieder <pb n="45"/>ein Jahr verflossen ist?“ Und doch war diese Zeit
          nicht nur so spurlos vorübergeflohen; wie der Jakob auf seinem Stuhle für fagçonnierte
          Waare in das fort und fort sich verlängernde Gewebe seiner Bänder allerlei bunte Bilder
          wob, da helle lichtvolle Farben und dort wieder dunkle Schatten, so wob die Zeit gar
          maucherlei bunt wechselnde Erfahrungen auch in sein Leben hinein. Sah er sich doch schon
          nach wenigen Jahren von einem ganzen Trüpplein gesunder rothwangiger Kinder umringt und
          umgaukelt, die schnell hintereinander dem Erstgeborenen gefolgt waren,und jedes hatte
          wieder ein neues Leben in das Haus gebracht, jedes zu neuen Freuden und zu neuen Sorgen
          mannigfaltigen Anlaß gegeben. Das Stüblein, in dem er und sein Anneli zuerst so wohnlich
          sich hatten einrichten können,war zu klein geworden, sie hatten eine größere und theurere
          Wohnung gemiethet, und die kleinen Töpfe und Schüsseln in der Küche, die größeren und
          immer größeren hatten weichen müssen, glänzten jetzt nirr noch als Andenken an eine
          frühere Zeit vom Küchenschranke herab; die einstigen Kleidungsstücke der Eltern aber
          umhüllten jetzt in Folge einer wunderbaren Verwandlung in mancherlei Form und Gestalt die
          rührigen Gliedchen der Jungen, und das Anneli, wenn es nach langem Besinnen je etwa einmal
          zu <pb n="8"/> diesem Zwecke einen Rock zerschnitt, der ihm gar sehr einst lieb gewesen
          war, dachte oft?:</p>
        <p>„Ist eine Mutter auch noch so arm,Giebt sie doch stets ihren Kindern warm.“So hatte denn
          der Jakob Anlaß und Aufforderung genug, seinem Stolze, welchen er zu Anfang des Ehestandes
          in's Herz gefaßt hatte, daß er nun ein Mann sei, der mit eigener Kraft wisse einen
          Hausstand sich zu gründen und eine Familie zu erhalten, Genüge zu thun. Er hatte aber auch
          wahrlich sich genug zu wehren, denn er mußte das Sprüchlein auch erfahren: „Viele Kinder,
          viele Stücklein Brot.“ Es wollte auch bei gutem Verdienste fast nicht mehr angehen, einen
          Sparpfennig auf die Seite zu legen, denn nur die Auslagen für Milch und Brot machten ein
          hübsches Sümmchen im Jahre aus. Da wollte den strebsamen Mann oft wieder der leidige
          Mißmuth beschleichen, und es gab Tage, wo er ganz' verstimmt außer dem Allernothwendigsten
          kein Wort mochte reden. „Was hast du auch wieder?“ fragte ihn eines Abends nach einem
          solchen Tage beim Schlafengehen seine Frau. „Ach, ich mag nicht reden,laß' mich gehen,“
          erwiederte ihr kleinlaut der Mann. „Ich möchte es aber doch wissen,“ gab ihm die Frau
          zurück;„wer hat denn etwas mit dir gehabt, daß du so böse bist?“<pb n="47"/> „Böse?“
          fragte er, „wer hat denn gesagt, ich sei böse?Aber wenn auch an Allem Pech hängt, was man
          anrührt;wenn man sich abmüht und abschindet Tag und Nacht und bringt es doch zu nichts,
          kommt nicht vorwärts, eher zurück, und am Ende des Liedes, wenn man alt und bedürftig ist,
          schelten Einen die Leute als einen faulen Hund Frau, ich mag nicht daran denken, ich bin
          halt nichts;“so und auf ähnliche Weise machte der Jakob seinem stillen Aerger Luft. Die
          Frau schwieg stille; als er aber noch nicht aufhören konnte, bemerkte sie ernst: „Aber wir
          wollen uns doch nicht versündigen. Sollten wir nicht zufrieden sein, wir sind Alle gesund
          und wohl und Mangel haben wir doch noch nie gehabt.“ </p>
        <p>Solche in Herzenseinfalt aus der Wahrheit gesprochene Worte sind Stimmen dessen, der auch
          aus dem Munde der Unmündigen sich ein Lob bereitet, aber sie werden gar oft überhört oder
          doch gar bald wieder vergessen, zumal wenn neue Versuchungen sich nahen. Der Jakob ließ
          sich zwar damals begütigen, er schwieg wenigstens stille und gabtillschweigend seiner Frau
          Recht; aber schon am folgenden Tage gab es wieder einen Anlaß, da es anfieng zu kochen in
          seinem Herzen und es kochte dießmal lange.</p>
        <p>Er hatte eine alte Base, in der ganzen Familie nur die Zimmerbase genannt, weil ihr Vater
          ein Zimmermann ge<pb n="48"/> wesen war. Sie war eine alte Jungfer, ziemlich wohlhabend
          und wohnte allein mit einem halben Dutzend Katzen in einem Hause unten im Dorfe. Sie war
          sehr launisch und man konnte es oft übel treffen, wenn man etwas bei ihr zu thun hatte. Um
          so übler war der Jakob daran,als er in vielen Dingen von ihr abhängig war. Sie hatte sich
          ganz zur Rathgeberinn seiner Frau zu machen gewußt,die auch wirklich besonders in den
          wichtigen Zeiten, wo die Familie einen neuen Zuwachs erhielt, der Zimmerbase nicht meinte
          entbehren zu können. Da kam dieselbe regelmäßig,so lange das Anneli noch nicht seiner
          Sache vorstehen konnte,während des Tages die Haushaltung zu besorgen. Der Jakob war dessen
          gewohnt, aber es graute ihm immer ordentlich auf diese Zeit. Denn da war gewöhnlich der
          Zimmerbase auch nur Alles nicht recht, was im Hause war;in der Küche war kein ordentlicher
          Vorrath von Butter,im Schranke fand sie nicht hinreichend Weißzeug, das Kochgeräthe schien
          ihr im elendesten Zustande, das Holz, mit dem sie kochen sollte, war noch grün und wollte
          nicht brennen (auch wenn es wirklich klingeldürr war), die Kinder waren nach ihrer Meinung
          übel erzogen und es weiß kein Mensch, was Alles sonst noch in einem Athemzuge sie tadeln
          konnte. Das that sie aber aus Schonung nie vor dem Anneli, sondern draußen in der Küche
          oder <pb n="49"/> auf dem Gange mußte der Jakob herhalten und sich den Kopf von ihr
          waschen lassen, als ob er allein im Fehler sei. Er stand ihr auch nirgends recht, sie war
          im Stande,wenn sie recht im Unwillen war, gegen ihn eine Fußbewegung zu machen, wie sie
          that, wenn sie daheim eine unberufen in ihr Haus hineinschleichende Katze mit dem Fuße zur
          Thüre hinausschleuderte.</p>
        <p>Waren das Demüthigungen für unsern stolzen Jakob,die ihm recht das Leben verbitterten und
          nicht wenig beitrugen zu seiner zeitweiligen Mißstimmung! Und doch wußte er nicht, wie er
          diesem Uebel entrinnen sollte, er mußte im Gegentheile noch gegen die Base freundlich sein
          aus guten wohlzuberechnenden Gründen.</p>
        <p>Zu dieser Base mußte er am Tage nach den zwischen ihm und seiner Frau geschehenen
          Herzensergüssen gehen.Sie hatte ihm vor einiger Zeit zwanzig Franken vorgestreckt, die er
          ihr auf diesen Tag wieder zu bringen versprochen hatte, weil sie sie nothwendig an
          demselben brauchte;er hatte sie aber noch nicht, denn er war mit seiner bestellten
          Rechnung nicht so schnell fertig geworden, als er gehofft hatte. Auf das Andringen seiner
          Frau gieng er dennoch hin, sich zu entschuldigen und für ein paar Tage noch um Geduld zu
          bitten. Es wäre dieselbe ihm wohl auch gerne gewährt worden, denn ihre guten Sesten und
            <pb n="30"/>Stunden hatte die Base doch auch; aber jetzt war sie nicht in der besten
          Laune, als er kam, denn ihre Katzen hatten ihr in der Küche den Milchtopf vom Brette
          hinabgestürzt, der schöne Topf lag in Scherben und die süße weiße Milch floß auf dem
          Küchenboden umher. Der Jakob hörte wohl noch, wie laut sie in der Küche regierte und die
          Katzen anschrie: „Da lappet jetzt, ihr verschleckten Schelme, ich jage euch alle zum Hause
          hinaus;“ aber er wußte nicht, was es zu bedeuten hatte.</p>
        <p>Jetzt, als er kam und verlegen seine Entschuldigung anbrachte und etwas stotterte von der
          bösen Zeit und vom geringen Verdienste bei der schlechten Waare und dem geringen Lohn und
          von Allem, was man in eine Haushaltung brauche, da lief er recht in das Wetter. „So,“ fuhr
          sie ihn barsch an, „du singst wieder dein altes Lied. Bist doch ein rechter Lazarus und
          hast einen so schönen Verdienst. Wenn du deine Familie nicht erhalten kannst und immer
          klagen mußt, warum hast du denn geheirathet, hast Kinder und weißt sie nicht zu erziehen?
          Da ist mir der Brücklehans ein anderer Mann, der weiß seine Sache anzuschicken, daß es
          eine Art und eine Gattung hat. Geh',und bringe mir die zwanzig Franken, wenn du
          kannst.“Damit gieng sie raschen Schrittes wieder in die Küche und ließ ihn stehen, er aber
          strich sich zum Hause hinaus.</p>
        <pb n="51"/>
        <p>Das war's, was der Jakob noch brauchte! Jedes in unbesonnener Leidenschaft gesprochene
          Wort der Base drang wie ein giftiger Pfeil in sein Herz und er hatte nicht so viel
          Ueberlegung zu bedenken, daß, wie er die Base doch wohl hätte kennen können, die wirklich
          ungerechten und lieblosen Vorwürfe, die sie ihm gemacht hatte, im Grunde doch nicht so
          ernst gemeint gewesen seien und darum auch nicht so viel zu bedeuten hätten; nein, sie
          wurmten ihn und wurmten ihn immer mehr, je mehr er sich dagegen vorhielt, daß er sie
          wahrlich nicht verdiente. Er war nicht nur böse über die alte Jungfer, sondern er
          verbitterte sich im Stillen auch gegen seine Frau, die mit der Base immer unter einer
          Decke spiele, obgleich sie wohl wisse, wie sie es ihm mache und wie er ihr Pudel müsse
          sein.</p>
        <p>In solcher Stimmung trat er den Heimweg an. Zugleich erhob sich nun aber auch sein
          beleidigter Stolz:„Die sollen mir nicht mehr so kommen,“ sagte er halblaut zu sich selbst,
          “ ‚dem Ding will ich jetzt einen andern Bogen geben, so gewiß ich der Jakob Schmied bin.“
          Das erste, was er gleich that, war, daß er die zwanzig Franken bei einem Freunde
          entlehnte, sie in ein Papierlein wickelte und sie durch sein Büblein, den Jakobli, der
          Zimmerbase schickte, alles ohne Wissen seiner Frau. Das aber reizte nur um so mehr den
          Zorn der Base, der bereits <pb n="32"/> schon sich wieder gelegt hatte. Sie schickte mit
          ein paar Trümpfen, die sie darauf geschrieben hatte, das Papierlein wieder dem Jakob
          zurück, er schickte ihr es wieder und so fort, bis endlich seine Frau darauf kam, die das
          Alles sehr betrübte und die dann selber zu der Zimmerbase gieng und vermittelte. Jetzt
          gieng aber wirklich Jakobs ganzes Sinnen und Denken dahin, seiner Sache, wie er sich
          ausgedrückt hatte,einen anderen Bogen zu geben. An seinem Webstuhl schmiedete er jetzt
          unaufhörlich Pläne und des Nachts wälzte er sich schlaflos im Bette, indem er darüber
          nachsann, wie er es auch „angattigen“ könnte, um auch zu etwas zu kommen und ein ganz
          unabhängiger Mann zu sein. Und was ihm die Base vom Brücklehans gesagt hatte, das gieng
          ihm besonders nahe, weil wirklich derselbe, ohne fleißiger und sparsamer als Jakob zu
          sein, mehr Glück in seinem Geschäfte gehabt hatte als er. Wohl kamen ihm in glücklicheren
          Stunden etwa auch wieder ändere Gedanken, es fiel ihm wohl etwa auch wieder der bei seiner
          Confirmation ihm gegebene Denkspruch ein: „Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und
          lässet ihm genügen,“ und er war oft nahe daran, sich wieder daran zu halten, zufrieden zu
          sein mit seinem bescheidenen Theile und Gott lassen zu walten und ihm zu vertrauen. Aber
          dann hörte <pb n="53"/> er wieder eine Stimme, und er meinte, es sei eine rechte,die ihm
          sagte: „Liegt es am Ende nicht doch an dir und wirst nicht du verantwortlich gemacht, ob
          du vor oder rückwärts kommst? Es ist schön reden vom Gottvertrauen,aber mit dem allein
          kommt man nicht aus in der Welt.“ Und dazu kam noch manches Andere, was ihn wieder
          abbrachte vom Vertrauen und von der Genügsamkeit.</p>
        <p>So gieng er an einem Sonntagnachmittag mit einem Freunde aus der Nachbargemeinde, der ihn
          besucht hatte,zur Seltenheit einmal in das Wirthshaus um ein Schöpplein zu trinken; und
          wie es Einem geht, wenn man selten in's Wirthshaus kommt, weil man's nicht hat wie andere
          Leute, er war ein wenig schüchtern, so wenig das sonst seine Art war. Saß nicht da auch
          der Müllerklaushans,ein reicher, geldstolzer, großmauliger Bauer, der mit unzart genug
          angedeuteter Verachtung auf die kleinen Leute der Geißbauern und Tauner herabsah? Dem
          Jakob war es nicht recht, daß der da war, der seinen Reichthum nur dazu benützte, die
          geringeren Leute zu drücken und einen oft unvernünftigen Zwang in der Gemeinde
          auszuüben;aber er ließ es nicht merken, grüßte freundlich den Müllerklaushans und trank
          mit seinem Freunde eine Flasche.</p>
        <p>Sie sprachen über allerlei, wie denn beim wenig gewohnten Genuße des Getränkes, das des
          Menschen Herz <pb n="54"/> erfreut, bald Beider Zunge sich löste. Sie verhandelten die
          Freuden und Leiden ihres Berufes, sie sprachen von den schlimmen Zeiten und wie es schwer
          sei für den gemeinen Mann, der ein Heerdlein Kinder habe, sich zu halten, geschweige denn
          oben hinauf zu kommen. „Jä,“ sagte der Müllerklaushans mit gedehnter breiter und eiserner
          Stimme, nachdem er eine Zeit lang ihnen zugehört hatte, „jä, was wollt ihr denn sagen? Ihr
          habt es lange gut, bei Gott! Verdienet Geld als wie Stein und habt doch nie keines, und
          der Bauer muß sich schinden und plagen und kriegt nichts dafür. Was, klagen über die armen
          Leute? Weißt, Jakob, ich meine dich nicht, du bist noch ein rechter Mann, Respekt! Aber da
          stellen EiGesäme, und laufen am Ende davon, und wir können ken an das Schulhaus bezahlen,
          's ist eine ewige Ungerechtigkeit, und dem Armenseckel soll's bereits auch bedenklich
          kluncken im Magen, eine schöne Zuversicht. Man komme zu nichts, habt ihr gesagt; glaub's
          wohl; wer nichts wagt,gewinnt nichts; Unsereiner muß auch wagen bei Gott, ist mir erst
          gestern wieder die schönste Kuh verreckt lauf dem Kukuk zu.“ Solches und noch viel Anderes
          sprach dort der Müllerklaushans, ein Mann von den gröb<pb/>5k sten Manieren, der aber als
          der reichste des Ortes fast Alles, was er wollte, durchzusetzen vermochte.</p>
        <p>Die herausfordernde Rede desselben hatte das Gespräch Jakobs mit seinem Freunde, als er
          ihn eine Strecke weit heim begleitete, auf einen besonderen Gegenstand gelenkt.„Hast du
          gesehen,“ so sagte der Freund Bastian, der aber nur der Bascheli hieß, „wie dergleichen
          Bursche unserer Gattung Leute ansehen? Rechnen sie es uns nicht zur Schande an, daß wir
          Kinder haben, die uns so lieb sind und uns saure Mühe und Arbeit genug kosten, sie mit
          Gott und Ehren zu erhalten und zu erzieh'n? Weißt du,ich kenne den Müllerklaushans schon,
          aber wir haben auch solche Leute, unser Steinheinrich ist noch verdrehter und schlimmer
          als er. Aber weißt du, was ich dir sagen will? Dem Ding können wir ein Ende machen, der
          Klaushans hat es selbst gesagt: „Wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ Es hat Jeder von uns
          etwa ein Stücklein Feld und kann noch mehr sich anschaffen; kann nicht Jeder von uns ein
          Kühlein halten oder auch zwei; dann braucht man nicht mehr um den Gotteswillen um die
          Milch anzuhalten,die man doch theuer genug bezahlen muß. Und, weißt du, noch mehr! Dann
          lehrt man die Kühe ziehen, das geht wie Schnupftabak, wenn sie es einmal los haben, und
          dankt die Roßbauern ab, die Einem bisher das Feld be<pb n="80"/>stellten, wenn sie mit
          ihrer Sache fertig waren und wenn es ihnen wohl gefiel, und hintenher noch Einen
          auslachten oder verschimpften, wenn Alles mißrieth. Nein, nein, Jakob, dem Ding kann man
          ein Ende machen, wenn man nur will,der Müllerklaushans wird auch einmal müssen sein Maul
          zuthun!“ </p>
        <p>So sprach der Bascheli in einer Begeisterung, und wie seine Worte vom Herzen kamen, so
          giengen sie zum Herzen,dem Jakob war das gerade, was er gesucht und was er gewollt. Und
          wie das ohnedieß schon sein Grundsatz war:„Jeder ist seines Glückes Schmied,“ so meinte er
          nun auch nach den Andeutungen seines Freundes den Stein der Weisen gefunden zu haben. Ein
          Kuhbauer und demnach schon auf der mittleren Stufe der Dorfbewohnerschaft stehend war zwar
          schon sein Vater gewesen und war es noch, aber den ganzen und den wesentlichsten Nutzen
          daraus,wie sein Freund ihn hier auseinandergesetzt, hatte er noch nicht gezogen. Die
          frühere Zeit war noch nicht aufgeklärt genug gewesen dazu. Jakob aber hoffte
          zuversichtlich, es in Zukunft noch ein wenig weiter zu bringen, als es sein Vater
          gebracht. </p>
        <p>Einstweilen zwar verstieg er sich noch nicht hoch, seine Kasse war auch, um etwas
          anzufangen, noch gar zu klein.Darum verbarg er auch seine hochgehenden Pläne selbst vor
            <pb n="57"/> seiner Frau, indem er sich vornahm, sie erst zu überraschen, wenn er einen
          recht tüchtigen Wurf gethan. Um so mehr schränkte er sich ein, auch in die Haushaltung
          durfte fast nichts gebraucht werden, und er brachte es wirklich dazu, daß bald ein
          hübsches Sümmchen im Geldschächtelein, der gemeinsamen Kasse der Eheleute, war;das erste
          Mittel zu seinen Unternehmungen und der Anfang des zu erhoffenden Glücks.</p>
        <p>V.</p>
        <p>Wie ist doch die Welt so groß und so weit und wie wird auch der Sinn und das Herz des
          Menschen so weit, wenn er aus den beengenden vier Wänden seines Zimmers und aus den
          einschränkenden Sorgen des häuslichen Lebens hinaus kommt in die weite Welt und in das
          bunte Treiben der Menschen! Da sieht sich Alles anders an, da geht Einem erst das
          Verständniß auf und öffnet und erweitert sich der Blick für Vieles, was man bisher noch
          gar nicht oder nur halb gewußt; da kommt ein rechter Muth und Unternehmungsgeist auch in
          die sonst zaghafte Seele. Freilich,<pb n="8"/>wie viel unter dem Flitter, womit die Welt
          die Augen des Unerfahrenen blendet, ächtes Gold, was unter dem großartig ausgehängten
          Scheine Wahrheit und Wirklichkeit sei,das muß Mancheiner erst nach mancher bitteren
          Erfahrung lernen.</p>
        <p>Das war nun auch unserm Jakob klar geworden schon an jenem Sonntag im Wirthshaus und
          hatte sich immer mehr als seine Ueberzeugung befestigt, je mehr er im Stillen nachsann und
          sich Alles überlegte, daß er bisher viel zu wenig in die Welt hinausgekommen sei und unter
          die Leute und daß es in diesem Punkte anders werden müsse, wenn er es dazu bringen wolle,
          einmal ein gemachter Mann zu sein. Vor der Hand that er zwar aus wohlberechneter
          Sparsamkeit nicht mehr, als daß er jeden Sonntag das Wirthshaus besuchte; die paar Batzen,
          hielt er seiner Frau vor, die ihn darüber tadeln wollte, welche er dort verthue, seien
          nicht der Rede werth gegen den Gewinn, was man dort Alles lernen könne und erfahren, und
          zudem, wenn sie einem Manne, der die ganze Woche für seine Familie fleißig schaffe,diese
          nöthige Erholung nicht gönnen möge, so nehme er es eben jetzt sich selbst heraus zu thun,
          was er für gut finde.</p>
        <p>Er fand sogar auch Gelegenheit, seine Frau von dem erwähnten Gewinne und Vortheil einige
          Male zu überzeugen.So waren sie einmal im Handel wegen einer Ziege, welche <pb n="24"/>
          der Frau selber für dreißig Franken angetragen worden war und die sie den Jakob ermuntert
          hatte zu kaufen. Er hatte vorgegeben sich noch ein paar Tage besinnen zu wollen; im
          Wirthshaus aber, wo er die Geißhandelfrage auf's Tapet brachte, war zum guten Glücke auch
          der Guldenfritz von Neuningen anwesend, der oft den Courtier machte und über alle
          möglichen Schicke Bescheid wußte. „Ihr wollt eine schöne Geiß kaufen?“ fragte er den
          Jakob. „He, es ist noch nicht gesagt,“ erwiederte dieser, „es kommt eben noch darauf an.“
          „Ja ich wüßte Euch etwas Schönes, etwas extra Gutes,“fuhr jener fort, „Ihr braucht mir
          nicht zu glauben, Ihr könnet Den oder Jenen fragen, sie steht in unserm Dorfe.“ „Und
          welches wäre der Preis?“ fragte der Jakob neugierig weiter. „Genau weiß ich das nicht,
          aber für fünfundzwanzig Franken, ich wette darauf, könnet Ihr das Thierlein haben und ein
          schöneres und besseres habt Ihr noch nie gesehen.“ Der Jakob besann sich nicht lange und
          gieng noch an jenem Sonntage in das Nachbardorf, erkundigte sich da und dort, und nachdem
          er überall guten Bescheid erhalten, erhandelte er das Thier für dreiundzwanzig Franken,
          und hatte wirklich, wie man zu sagen pflegt, einen Schick gemacht. Triumphierend brachte
          er seine Ziege seiner Frau, indem er nicht ermangelte, ihr zu sagen:„Siehst Du jetzt, was
          Einem ein Schöpplein nützen kann?</p>
        <pb n="0"/>
        <p>Es hat mir heute nur sieben Franken eingetragen.“ Und solche Freude seine Frau eines
          Besseren belehren zu können,wurde ihm noch einige Male zu Theil; das Glück aber, das er
          bei diesen kleinen Unternehmungen hatte, machte ihm einen rechten Muth, immer Größeres zu
          wagen und jedenfalls auch das Wirthshaus, weil es ihm so viel eintrug,nicht weniger,
          sondern eher mehr zu besuchen. </p>
        <p>Es war an einem wunderschönen Herbsttage, da war im DDDem Jakob war zwar damals die freie
          Zeit sehr karg zugemessen, denn er hatte sehr pressante Arbeit, dennoch ließ er es sich
          nicht nehmen, dießmal den Markt zu besuchen.Das Anneli konnte es nicht begreifen, weil das
          sonst nicht Jakobs Art war, aber es mußte sich darein ergeben, wenn es nicht Unfrieden
          haben wollte im Hause. Schon am frühen Morgen machte sich ihr Mann auf die Beine und sah
          überaus lustig aus. Das Wetter war auch darnach. Milder Sonnenschein beleuchtete die in
          den freundlichen Farben des Herbstes prangenden Fluren und Wälder, goldene Früchte lachten
          Einen von jedem Apfel- und Birnbaume an, und die Menschen, die den Segen des Herbstes
          einheimsten,waren alle so fröhlich und lachten und jauchzten, daß es tönte durch Feld und
          Wald. Dem Jakob schwoll recht ordentlich seine Freude und sein Muth.</p>
        <pb n="81"/>
        <p>Anders sah es daheim beim Anneli aus, wo fun der Webstuhl stille stand, der hätte gehen
          sollen Tag und Nacht und wo die stille Einsamkeit zum traurigen Brüten verlockte. Es sann
          über die Veränderung nach, die es in seines Mannes Wesen bemerkte; es konnte ihm zwar
          nichts vorwerfen, er war im Ganzen noch immer der fleißige und vorsorgende Jakob, und doch
          konnte es sich's nicht verhehlen,daß in seinem Innern etwas Wichtiges vorgieng und es
          schwante ihm, es sei das gewiß nichts Gutes, besonders da der Jakob schon längere Zeit so
          verschlossen war und gar nicht mehr so offen wie einst. Da kam ihm in den Sinn,daß der
          Mann letzthin einen Brief erhalten und ihm von seinem Inhalte nichts gesagt habe. Die
          neugierige Frau wollte im Kästlein, wo neben der Geldschachtel auch die wenigen
          Briefschaften aufbewahrt wurden, nachsehen, aber wie erschrak sie, als sie wie durch
          Zufall auch das Geldtruckli in die Hand bekam und es ganz leicht und leer fand!</p>
        <p>Wirklich auch nicht mehr ein Rappen war darin. Sollte das Geld gestohlen worden sein?
          Aber das war ja nicht möglich, es war seit gestern Abend Niemand außer dem Hause gewesen
          und damals hatte das Geld sich noch vorgefunden, ihr Mann mußte es also genommen haben,
          aber warum das, warum die ganze Summe? Sie machte sich die wunderlichsten Gedanken. Hatte
          er es etwa nur ver<pb n="82"/> steckt üd ihr ein Zeichen des Mißtrauens wollen geben,wozu
          er doch wahrlich keinen Grund hatte? Oder hatte er etwas zu bezahlen, das er ihr nicht
          sagen durste? Dieser Gedanke quälte sie erschrecklich. Oder war er am Ende mit dem Gelde
          fortgegangen und hatte Weib und Kind im Stiche gelassen? Daran durfte sie gar nicht
          denken, und doch war es auch eine Möglichkeit, da er in der letzten Zeit oft so
          unzufrieden schien.</p>
        <p>Während sie sich solche Gedanken machte, trieb der Jakob sich vergnügt auf dem Sebacher
          Markt herum und er däuchte sich ein gewichtiger Mann zu sein. Besonders zog ihn der
          Viehmarkt an und mit der Miene eines Kenners musterte er die dort ausgestellte Waare und
          betastete auch da und dort ein Häuptlein, das ihm zu gefallen schien. Das hatten die Juden
          gleich gemerkt, deren dort eine große Zahl war und bald umstanden ihn ein halbes Dutzend
          der Söhne Israels. ‚Wollt ihr einen guten Schick machen, ich habe etwas, das ist ganz für
          Euch,“ redete der Eine ihn an, und der Andere fiel alsbald demselben in's Wort und zog den
          Jakob am Arme, „kommt,“ sagte er, „das Kühlein, das ich da habe, müßt ihr beschauen.“ Der
          Jakob machte eine verneinende Bewegung, er hatte auch wirklich nicht große Lust
          anzubinden, da er schon öfter gehört hatte, daß mit den Juden nicht gut zu handeln sei und
          man in den meisten <pb n="9"/>4 </p>
        <p>Fällen angeführt werde. „Na, das Beschauen kostet ja nichts,“ sagte fast höhnend der Jude
          und so gieng denn der Jakob hin, das Kühlein zu beschauen, hatte aber gar mancherlei
          auszusetzen daran, wodurch er bald verrieth, daß er nicht ein so großer Kenner sei, wie er
          sich zuerst den Anschein gegeben, indem er nur durch Argwohn und nicht durch Gründe die
          Behauptungen des Verkäufers widerlegte.Ein Dritter, der ein Schlaukopf war, half dem Jakob
          und sagte ihm, wohl merkend, daß der kauflustige Mann den Juden nicht traue: „nein, kaufet
          das nicht, aber' ich kann Euch etwas zeigen, wo Ihr nicht angeführt seid, es gehört nicht
          mir, ich ließe es auch gar nicht, wenn es mein wäre,“ und damit führte er den Jakob zu
          einem ehrlich aussehenden Christenmanne, der eine hübsch anzusehende Kuh mit großem Euter
          feil hatte. Der Jakob glaubte wirklich gefunden zu haben, was er gesucht, und nach vielem
          Markten und Feilschen kaufte er die Kuh für fast all sein baares Geld, das er heimlich am
          Morgen mit sich genommen hatte. Mit großem Behagen und indem er auf dem Wege weit
          ausreichende Pläne für die Zukunft sich machte, führte er seine erhandelte Kuh nach Hause,
          wo er mit Sehnsucht von den Seinigen erwartet wurde. Unterwegs trank er aus Freude über
          sein gutes Geschick auch noch ein Schöpplein </p>
        <pb n="64"/>
        <p>über den Durst, es sei das jetzt schon zu verantworten, dachte er, wenn man solche
          Fortschritte mache, wie er. Daheim aber führte er die Kuh nicht ganz bis nach Hause,
          sondern band sie bei seines Nachbars Stall an, um seine Leute deflo mehr zu überraschen.
          Lustig trat er in seine kleine Stube,„Frau, was meinst du, was habe ich dir für einen
          Marktkram?“. fragte er nach kurzer Begrüßung. „Was ich nicht wüßte,“ sagte sie, ein wenig
          kleinlaut und kurz angebunden, weil sie theils wegen des weggekommenen Geldes ein wenig
          böse, theils ob Jakobs Rede erschrocken war. „Nun,so komm und sieh,“ fuhr er fort und sie
          mußte gehen und sehen, was er gekramt. „Um Gotteswillen,“ redete sie betroffen ihn an,
          „was hast du gemacht! Ein so köstliches Thier gekauft. und hast weder Stall noch Futter?“
          „Ja,“sagte aber der Jakob, „rede mir nicht so, ich weiß wohl,was ich thue, bin ich nicht
          Manns genug, für dich und die Kinder zu sorgen, unsere Sache muß in Zukunft anders gehen
          und einen Anfang muß man einmal machen, gelt Zingel!“ und wandte sich mit diesen Worten zu
          seiner Kuh und streichelte sie als Einer, der wohl weiß, wie man umgehen inuß mit dem
          lieben Vieh. *</p>
        <p>Unterdessen kamen auch sein Vater und Annelis Vater,die etwas vernommen hatten, hinzu.
          Sie stimmten zuerst in Annelis Tadel ein, bemühten sich dann aber sofort </p>
        <pb n="50"/>
        <p>Jakobs Schick zu besichtigen. Ihr Erfundbericht war nicht der günstigste. „Was hast du da
          für ein Heuhäuslein gekauft? nimmt mich Wunder, wo du das Futter für dasselbe hernehmen
          willst, das ist nichts für dich, du hättest etwas Kleines kaufen sollen, du hättest dann
          auch nicht so viel Geld darin stecken,“ meinte sein Schwäher. „Eben drum,“ erwiederte aber
          der Jakob, „hat große Waare auch wieder größeren Werth, wenn man sie einmal verkaufen muß,
          fraget den Metzgersepp!“ „Die Kuh ist zähmelkig,“ bemerkte Jakobs Vater, „und am Ende ist
          sie noch heimtückisch, sie sieht mir darnach aus und was hat sie gekostet?“ Zweihundert
          und fünfzig Franken, das ist kein Geld,“ antwortete der Gefragte, es war aber nicht wahr,
          denn er hatte runde dreihundert bezahlt. „Theuer genug,“ erhielt er zur Antwort, „und wenn
          sie schlecht ausfällt, viel zu theuer!Hättest wenigstens uns etwas sagen und Einen von uns
          mitnehmen können, es ist das beim Handeln immer gut,Zwei wissen und sehen doch immer mehr
          als Einer allein.“</p>
        <p>So wurde hin und her geredet und zum Schlusse der Kuh ein Aufenthalt gewährt im Stalle
          von Jakobs Vater,bis er eine Gelegenheit fand, in der Nähe seiner Wohnung sie zu
          beherbergen. Den Jakob hatten zwar die gefallenen Worte wenig erbaut, aber sie hatten ihn
          auch nicht irre gemacht. „Das kann sie jetzt ärgern,“ sagte er sich selbst,<pb n="66"/>
          daß etwas geschehen ist ohne sie und daß ich auch etwas wissen und verstehen soll, aber
          ich muß doch zuletzt mir selber helfen und meine Sache fördern; ob ich nichts kann, das
          wird sich noch zeigen, es ist mir bisher noch immer gelungen.“</p>
        <p>Indessen wurde er im Stillen von den verständigen Bauern belächelt, denn das Futter war
          theuer und er hatte wirklich ein Heuhäuslein von einer Kuh gekauft, die doppelt so viel
          fraß als eine andere und doch dabei nicht fetter wurde und auch keinen verhältnißmäßig
          größeren Nutzen abwarf. Immerhin, rechnete Jakob sich aus, zahle die Kuh mehr, als das
          Futter ihn koste und man müsse einmal probieren, probieren gehe über studieren. Er
          miethete sich so bald wie möglich einen Stall und einen Autheil der dazu dehörenden
          Scheune und war nun ein Kuhbauer geworden in der Hoffnung, in nicht zu ferner Zeit noch
          größere Sprünge zu machen.Denn zu einer Kuh gehört auch Land, das sah der Jakob wohl ein,
          und hatte er das Eine gewagt, so wagte er nun kühn auch das Andere. Es bot sich bald eine
          Gelegenheit dar, da Land versteigert wurde; es war zwar damals in Schönenwyl das Land
          ziemlich im Preise, aber der Jakob wagte es doch und kaufte sich eine hübsche Wiese um
          tausend Franken und einen Acker um die Hälfte dieses Preises. Das Anneli weinte, als es
          die Nachricht von diesem Kaufe er<pb n="67"/> hielt, denn es meinte nichts anderes, als
          das bringe sie noch an den Bettelstab. „Ah, was denkst du auch,“ sagte aber stolz der
          Jakob, „da laß du nur mich machen, es wäre traurig, wenn ich das nicht verstünde.“ Er
          hatte auch nicht Unrecht, infofern er auf Hypothek des gekauften Landes einen schönen
          Theil der zu bezahlenden Kaufsumme zu erhalten wußte und das Uebrige terminweise abzahlen
          konnte, wofür er denn auch wieder nach Leibeskräften arbeitete, und wirklich hatte er nach
          einiger Zeit den Rest erhaust. Nur darin täuschte er sich, daß er in seinen Gedanken das
          Erkaufte stolz als sein Vermögen betrachtete, während er es doch zum größten Theile
          schuldig war.</p>
        <p>Indessen wie Mancher hat schon so im Kleinen angefangen und bei Umsicht, Thätigkeit und
          sparsamem Sinne es immer weiter gebracht. Auch der Jakob war auf dem Wege dazu. Zwar hatte
          er seinen schönen Zingel, wie ihm voraus gesagt worden war, mit Schaden wieder verkaufen
          müssen, weil die Kuh noch andere Fehler hatte, als daß sie nur ein Heuhäuslein war; aber
          das Kühern war einmal angefangen und eine neue nun wirklich bessere Kuh wurde eingestellt.
          Das Anneli konnte manchen schönen Batzen aus der verkauften Milch lösen, sie hatten fast
          immer ihre eigene Milch und die Zimmerbase hatte auch keine Ursache mehr über den leeren
          Ankenhafen zu schimpfen. Anneli lebte <pb n="98"/> selber wieder fröhlicher auf ob aller
          dieser Herrlichkeit und der Jakob konnte manchmal ganz vergnügt sagen: „gelt,du warst so
          böse, als ich auch einmal etwas wagte und jetzt ist dir's doch auch recht. Laß du nur mich
          machen,dann bist du versorgt, so gewiß als ich Schmied heiße, du weißt ja mein
          Sprüchlein.“ Ja, die Leutchen waren so glücklich, daß sie nach und nach auch an das
          aufgenommene Kapital ein Hübsches abzahlen konnten, was freilich dem Jakob nur eine
          erwünschte Gelegenheit war, noch etwas Land und sogar eine zweite Kuh, auch ein Wägelein
          und Feldgeräthe zu kaufen, um eingedenk der Worte seines Freundes Bascheli mit seinen
          Kühen sein Feld nun selbst zu bestellen. Er hatte nicht wenige Neider im Dorfe, die es ihm
          mißgönnten, daß er sich so aufzuschwingen wußte, und ob besonders auch der Müllerklaushans
          wegen seines Kühfuhrwerkes oft genug ihn hänselte, es ärgerte ihn nicht, er war nur stolz
          darauf. <pb/>O </p>
        <p>1 </p>
        <p>Ho gieng es mehrere Jahre, und es gieng gut, zumal da die Kinder allmälig heranwuchsen
          und in mancher Arbeit schon behülflich sein konnten. Aber unsers Jakobs Sinn strebte höher
          und manchmal sagte er sich im Stillen: „Das ist doch Alles noch nichts; da kann man Jahre
          lang knausern und sich abmühen vorwärts zu kommen und bleibt doch fast immer nur auf dem
          gleichen Fleck. Das Ding muß mir anders gehen, muß sehen, wie es sich macht.“ So kam es,
          daß er, der nun zu haben schien, was er gewollt,wieder in's Nachsinnen verfiel und wieder
          unzufrieden und innerlich unglücklich wurde; und wenn er an seinem Webstuhle stand, so
          sann er immer hin und her und seine Hauptarbeit, die ihm bisher das tägliche Brod
          verschafft hatte,wurde ihm immer unlieber und saurer. Das Anneli merkte es wohl und
          betrübte sich, aber es schwieg meistentheils stille,weil der Jakob sich nicht gerne mehr
          etwas sagen ließ.Besonders hatte er darüber zu klagen, daß sie immer noch nur zur Miethe
          mußten sein und ihr Vieh in einem fremden Stalle sei. Ueber das erstere sagte er zwar
          offen noch nichts,aber das letztere brachte er alle Tage auf's Tapet. Die Kühe in einem
          fremden Stalle, das sei nichts. Was <pb n="70"/> man nur Zeit müsse verlaufen, wenn Alles
          so weitläuftig sei! Und der Nachbar Hansheiri sei ein kitzlicher Mann;habe er in der
          Scheune Ordnung gemacht, so zerstreue ihm Jener wieder Alles; habe er das Thörlein
          zugeschlossen, so öffne Jener es wieder und lasse das impertinente Hühnervolk hinein, das
          Alles verderbe; wolle er in der Heuerndte mit seinem Wagen hinein, so müsse er warten, bis
          jener langweilige Krauter zuerst abgeladen habe; und im Stalle sei es deßgleichen, da
          sperre Jener hinten und vorn Stunden lang die Thüre auf, daß einmal ja die Kälte im Winter
          recht eindringen könne, und die Zugluft sei ohnedies von keinem Nutzen für die Thiere und
          was sonst Alles noch gehe, das wisse man nicht.</p>
        <p>So schlug er auf die Stauden und zuerst leiser, dann lauter und immer lauter schwatzte er
          drum herum, es könne so nicht mehr gehen, er müsse etwas Eigenes suchen, dann wisse man
          erst, was man habe. Ein Scheuerchen und ein Ställchen dazu werde nicht aller Welt kosten.
          Das Anneli wehrte ab und suchte diese Gedanken ihm aus dem Sinne zu bringen. Zuletzt
          schwieg er und schien es wirklich vergessen zu haben, zumal da sein Vater und sein
          Schwäher alle Beredtsamkeit angewandt hatten, ihn zu ermahnen, daß er sich doch nicht zu
          tief einlassen solle.</p>
        <p>Aber stille Wasser gründen tief, hieß es jetzt auch beim <pb n="71"/>Jakob. Er schaute
          sich im Stillen um nach etwas Passendem, das er kaufen könnte, es war aber nichts zu
          finden.Da fuhr der Baugeist in ihn, und nicht nur Scheune und Stallung, sondern auch ein
          rechtschaffenes Wohnhaus sah er nun im Geiste erstehen und Tag und Nacht baute er sich nun
          sein Haus. Er thue es nicht für sich selber,so redete er sich ein, er thue es ja für seine
          Frau und seine Kinder, die nur nicht einsähen, wie ein besorgter und weitaussehender
          Hausvater er sei. Ja, er weihte auch gleich den Maurerhansli in sein Geheimniß ein,
          nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hatte, keinem Menschen ein Wörtlein zu sagen und
          planierte und rechnete mit ihm jeden Sonntagnachmittag und wenn er Zeit fand, daß es eine
          Art hatte, wobei nur das Mißliche war, daß der Jakob gar nichts vom Bauen und der Hansli
          vom Rechnen nichts verstand. Das thue indeß nichts, meinte der Jakob, da könne eben schön
          Einer den Andern ergänzen.</p>
        <p>Das Schlimmste aber war, daß im ganzen Dorfe kein passender Bauplatz zu finden war, denn
          die leeren Plätze zwischen den Häusern, theils Gärten, theils Baumgärten,waren den
          Besitzern um kein Geld feil, wie der Jakob durch den Maurerhansli, der auskundschaften
          mußte, erfuhr. Das machte ihn mankhmal fast wild und er hatte fast Lust dem Rathe seines
          Architekten zu folgen und draußen auf dem </p>
        <pb n="72"/>
        <p>Felde sich ein Nebenhöflein zu bauen. Das stimmte dann aber doch wieder nicht mit
          gewissen Plänen, die er jetzt schon an ein zu besitzendes eigenes Haus knüpfte, weßhalb
          auch der Gedanke, daß er sein väterliches Haus möglicherweise einst an sich bringen
          könnte, ihn nicht in seinen Bauplänen störte.</p>
        <p>So mußte er denn ziemlich lange warten und seine Geduld wurde auf eine harte Probe
          gestellt. Indessen war das dabei sein Trost, daß er mittlerweile doch Zeit habe, nur um so
          besser Alles auszudenken und auszutifteln, denn er sei keiner von jenen Bauunternehmern,
          die erst, wenn fertig gebaut sei, wissen, wie sie es hätten machen sollen.</p>
        <p>Es war eines Abends im Winter. Ein kalter Novembersturm brauste draußen durch die
          entlaubten Bäume und heulte durch die Oeffnungen und Ritzen der Wohnungen,große
          Schneeflocken wirbelten wild in der vom matten Mondscheine wenig erhellten Nacht. Das
          Anneli lag im Bette und die Zimmerbase führte in Jakobs Hause wieder ihr strenges
          Regiment; so eben hatte sie mit Jakob wieder einen Strauß gehabt und er hatte seinen
          Rüffel“ eingesteckt. Da rief ihn, als er eben die Milch aus dem Stalle in die Küche
          hineingebracht hatte, der Maurerhansli, der im Gange stand,heraus und gieng mit ihm die
          Treppe hinab, weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe, die Zimmerbase schlug
          zor<pb/>Tè.nig die Thüre zu, denn den Maurerhansli mochte sie gar nicht leiden.</p>
        <p>„Höre,“ sagte ihm der Hansli, „ich bringe dir einen guten Bericht, da kannst du dich
          einmal freuen, einen Schoppen ist er, denke ich, wohl werth.“ „Warum nicht, und zwei,wenn
          es etwas Rechtes ist,“ entgegnete Jakob. „Allewege ist es etwas Rechtes,“ fuhr jener fort,
          „aber du darffst dich nicht zweimal besinnen.“ „Ja und was denn?“fragte der Jakob. „Ja
          schau, wer hätte es gedacht? hat nicht der Bauernmatthans dem Kilbimatthis sein
          Brünneleinmättlein im Stillen verkauft und es sollte heute Nacht auch im Stillen
          gefertiget werden, denn der Bauernmatthans steckt in bösen Schuhen. Jetzt geht aber der
          Kilbimatthis und wird wieder reukäufig, weil seine Leute gar wüst thun und sollte jetzt
          vergeblicherweise die Kosten bezahlen, da könntest du für ihn eintreten. Eine bessere
          Gelegenheit giebt's nicht, denke dir das Brünneleinmättlein, mitten im Dorf und eine Lage,
          wie es keine schönere giebt und der Preis, nun, du bist ein Mann, der ihn kann zahlen.“
          Dem Jakob wässerte ordentlich der Mund, dann aber sprach er nach einigem Besinnen: „Wenn
          nur meine Frau nicht in den und den Umständen wäre! daß auch die Sache gerade jetzt kowmen
          muß.“ „Ja, mach, wie du willst,“bemerkte ihm der Hansli, „ich habe dir's gesagt, aber wenn
            <pb n="74"/> du die Gelegenheit heute verpassest, so kannst du ihr lange nachlaufen;
          wenn die Sache kund wird, so findet das Mättelein Liebhaber genug,“ und damit empfahl er
          sich. „Was auch der Tilltapp so lange mag draußen im Wind und Wetter stehen? Es muß doch
          etwas recht Lustiges sein,was die Zwei zu verhandeln haben,“ sagte die Zimmerbase zum
          Anneli, als sie ihr die Suppe brachte. „Wer ist bei ihm?“ fragte die Kranke. „Ei wer? der
          Maurerhansli, der Thunichtgut; muß doch ein besonderes Vergnügen sein, mit dem die
          kostbare Zeit zu verplaudern,“ bemerkte die Base. „Es nimmt mich selber auch Wunder,“
          sagte das Anneli, „was die immer mit einander zu konferenzlen haben, sie hocken immer
          beisammen.“ „Eine schöne Gesellschaft,“ fuhr die Base fort und wollte noch weiter ihren
          Gedanken freien Lauf lassen; aber da trat eben der Jakob wieder herein und um sich nicht
          lange abkapiteln zu lassen, auch um recht ernstlich die Sache, die ihn beschäftigte, zu
          überlegen, nahm er schnell sein Licht, und ehe die Andern recht zum Worte kamen, fieng er
          an darauf los zu weben, als müßte den Abend noch Alles verarbeitet sein.Und während der
          emsigen Arbeit reifte in ihm ein schneller Entschluß, und wie die Schifflein in der Lade
          lustig sprangen hin und her, so sprangen auch hin und her seine Gedanken und gestalteten
          das Gewebe seines gefaßten Plans.</p>
        <pb n="74"/>
        <p>Es war ihm ganz leid, wenn er einmal mußte stille halten,um einen zerbrochenen
          Seidenfaden wieder anzuknüpfen oder ein Spülchen einzusetzen. Nach dem Nachtessen aber,das
          er hastig verzehrte, zog er seine Jacke an und setzte sein Hütlein auf, er müsse zum
          Präsidenten, gab er vor, um ihn etwas zu fragen, er komme bald wieder, und eilte zum Haufe
          hinaus. </p>
        <p>Manchmal blieb er unterwegs stille stehen, manchmal wandte er sich um und wollte wieder
          zurück, dann aber ermannte er sich: „Narr, der du bist,“ sprach er halblaut zu sich
          selbst, „Jeder ist seines Glückes Schmied und frisch gewagt ist halb gewonnen, entweder
          heute oder nie!“ So kam er in des Präsidenten Wohnung, wo bereits der Gemeinderath
          versammelt war und des Kilbimatthis, der auch zugegen war, reukäufige Erklärung angehört
          hatte. „Was willst du 7“ fragte der Präsident den Eingetretenen, „ist's etwa wegen der
          Sache, die vor einer Viertelstunde der Hansli mir mitgetheilt hat? Wenn's das ist, so
          kannst du jetzt anbeißen.“ „Meinetwegen,“ sagte der Jakob, „ich habe eigentlich nur sehen
          wollen, wie es steht.“ „Wie es steht?“ war die Antwort, „wenn ich sage, du kannst anbeißen
          und wenn zwölfhundert Franken dich nicht reuen, nicht wahr,Hans?“ „Jä, was? wie? wo?“
          fragte da der Bauernmatthans, indem er sich die Hand hinter das Ohr hielt,<pb n="76"/>
          denn er war übelhörend. „Nun ja,“ sagte ihm der Präsident, „es hat sich ein neuer Käufer
          gefunden, ich habe dem Jakob gesagt, er könne in den Kauf eintreten, denn er hat Lust
          dazu, wenn ihn zwölfhundert Franken nicht reuen.“ „Jäsja, jä so, aha ja“ erwiederte nun
          der über den Sachverhalt Aufgeklärte, „ja, zwölfhundert Franken, aha, ja.“ </p>
        <p>Dem Jakob wurde doch fast schwindlig ob solchen Erzffnungen, denn er hatte höchstens
          achthundert Franken gerechnet, und er fieng nun mit dem Hans an zu handeln und sagte oder
          vielmehr schrie ihm in's Ohr: „Ich will es nehmen, ich gebe Euch achthundert Franken
          dafür, Ihr sollt es morgen schon haben, ist's gehandelt?“ „Jä ja,jä so, aha achthundert
          Franken? jä so aha,“ entgegnete der Hans und schüttelte lächelnd den Kopf, „achthundert
          Franken, ja so, aha, da kann mir Einer gestohlen werden.“ „Was fordert Ihr denn zum
          Mindesten?“fragte unruhig der Jakob. „Was ich fordere? aha,zwölfhundert Franken, 's ist
          aus und vorbei, ja ja!“ </p>
        <p>Es war nichts Anderes zu machen, entweder mußte der Jakob es fahren lassen oder das
          Plätzlein Land kaufen um zwölfhundert Franken, was für einen Bauplatz in seinem Dörflein
          damals eine sehr hohe Summe war- Aber er war einmal im Eifer und sagte endlich dem Hans:
          „es <pb n="77"/> gilt, zwölfhundert Franken!“ „Zwölfhundert Franken?aha, ja ja!“ war die
          zustimmende Antwort, die er erhielt, und der Fertigungsakt wurde nun auf seine Kosten
          aufgesetzt und ein Trünklein, zumal da der Präsident selbst wirthete, mußte er Ehren
          halber nachher auch noch bezahlen. </p>
        <p>Er kam nicht auf der Stelle wieder, wie er versprochen hatte heim, und das Anneli wartete
          mit traurigen Gedanken auf ihn, zumal da die Zimmerbase, weil es ihr zu spät geworden,
          nach Hause gegangen war, was übrigens unter obwaltenden Umständen dem Jakob nicht leid
          war.Aber es war ihm doch seltsam zu Muthe, da er seiner leidenden Frau den Grund seines
          Weggehens und Ausbleibens noch nicht zu offenbaren wagte und zu einer Lüge seine Zuflucht
          nehmen mußte, während ihm selbst, nachdem er nun den kühnen Schritt gethan, vor demselben
          und vor seinen Folgen grauen wollte. Fast die ganze Nacht that er kein Auge zu, hin und
          her sinnend und Alles überlegend: Die dunkle einsame Nacht, der Gedanke an seine leidende
          Frau, die Betrachtung seiner Vermögensverhältnisse, die Frage, was sein Vater und sein
          Schwäher würden zu seinem Schritte sagen, das Alles drückte ihn nieder und verdüsterte
          sein Gemüth. Dann aber war es ihm wieder, als würde es helle und licht in seinem dunklen
          Gemache, er sah das Brünneleinmätteli im Sonnenscheine </p>
        <pb n="4"/>
        <p>9 glänzen, Bauholz lag darauf umher, Mauern mit schönen Kreuzstöcken erhoben sich stolz,
          ein solides Dach schwang sich zum Schutze darüber, und innen, wie war es nicht so wohnlich
          und so nett? Da eine heimelige Wohnstube,heiter und warm, ein Nebenzimmer, eine Küche mit
          aller Bequemlichkeit eines neueingerichteten Feuerheerdes, ein Hinterstüblein dazu; das
          Alles oben und unten, und eine herrliche Laube dazu, wo zur Sommerszeit im kühlen Schatten
          man konnte weilen, wo auch beim Unwetter die Kinder fröhlich sich konnten verthun. Und er
          sah noch mehr, sah in dem neuen Hause sein Geschäft sich erweitern, sah in Erfüllung gehn,
          einen nach dem andern, die holden Träume seiner Jugend, die er, wie er osft schon sich's
          gesagt hatte,nicht umsonst sich geträumt.</p>
        <p>So verbrachte er schlaflos jene Nacht, und wie sehr er sich auch Mühe gab, mäuschenstille
          zu bleiben und sich kaum zu regen, dennoch konnte dem Anneli, das aus anderen Gründen auch
          wach blieb und ebenso wie er sich auch anhielt, die Bewegung seines Innern nicht verborgen
          bleiben. Aber als eine duldende Seele duldete und schwieg es dazu. </p>
        <p>Dem Jakob wurde übrigens die Mühe erspart, selber den Seinigen die Anzeige seines Kaufes
          zu machen. In derselben Nacht schon war es im ganzen Dorfe bekannt,<pb n="708"/> und ehe
          noch der Morgen graute, waren schon sein Vater,sein Schwäher und andere Verwandte bei ihm,
          nicht um ihn zu ermuntern und zu trösten, sondern um ihm die bittersten Vorwürfe zu
          machen. Und diese Vorwürfe bezogen sich ganz vesonders wieder darauf, daß er auf eigene
          Faust und ohne einen Menschen um Rath zu fragen, etwas gewagt hatte. Um eine einfältige
          Scheune zu bauen solch ein theures Stuücklein Land zu kaufen, ob das nicht ein Unsinn,ob
          das nicht himmelschreiend sei? Und was er auch denke,ob er meine, Eltern und
          Schwiegereltern und Geschwister werden mit ihrem Sächlein, das sie sauer erhaust
          haben,einstehen und seine Thorheiten bezahlen wollen? So und auf manche andere ähnliche
          Weise mußte der Jakob sich abkapiteln lassen, und zweierlei war dabei vom Uebel. Für's
          erste nämlich, daß man dieß vor den Ohren seiner durch solche Nachricht ohnedieß
          überraschten kranken Frau that,der das einen furchtbaren Stoß gab, und zum andern, daß man
          es auf solche Weise that, wodurch Jakobs Unternehmungslust nicht in die richtigen und
          besonnenen Bahnen gelenkt, sondern wodurch nur sein Stolz und sein Gefühl der
          Ueberlegenheit gereizt werden konnte, erst jetzt recht etwas Unbesonnenes zu thun.</p>
        <p>Es kamen schwere Zeiten für unsern Jakob, Zeiten, wie er sie noch nicht erlebt. Ein
          hitziges Fieber überfiel sein </p>
        <pb n="30"/>
        <p>Anneli und viele Tage schwebte es in Todesgefahr. Und wenn er etwa dann zerknirscht und
          weinend ihrem Bette sich nahte, wenn er ihre heiße Hand in der seinigen hielt und ihre
          glühenden Wangen suchte zu kühlen, wer stand neben ihm mit feurigen Blicken? wer sagte ihm
          nicht nur mit drohenden Mienen und Geberden, sondern auch mit abgebrochenen bitteren
          Worten, gestichelt und angedeutet nur und doch nur zu verständlich: „Du bist der Mörder
          deiner Frau; gelt, du bist froh, wenn sie fort ist, du kannst dann machen, was du willst?“
          es war niemand anders als sein guter böser Geist, Zimmerbase genannt. O wie da in ihm
          Alles durcheinander wogte und kämpfte, wie da Empfindungen auf Empfindungen sich drängten
          und er endlich keine Rechenschaft mehr sich zu geben wußte, was er sollte denken und thun,
          es läßt sich das mit Worten nicht geben. Wahrlich, solche unüberlegte Ausdrücke, welche
          die Folgen eines vielleicht unbedachten Schrittes, an denen der Angegriffene nicht einmal
          allein Schuld ist, für ihn zu einem todeswürdigen Verbrecher stempeln, sind geeignet, auch
          an und für sich edle Seelen an den Abgrund der Verzweiflung zu führen. Warum müssen oft
          gerade die, die liebreich bewahrende Engel könnten sein, zu solchen Furien werden? </p>
        <p>Denn wie stolz auch der Jakob war, so verzagt konnte er mitunter werden; in dieser Zeit
          weinte er oft, er wußte <pb n="4"/> selbst nicht recht, ob mehr aus Schmerz oder aus Zorn
          oder aus Verzagtheit. „Muß mir denn auch Alles wider die Hand gehen? Ist denn auch Alles
          verhext, was ich anrühre? Es ist doch merkwürdig, warum es Einem so gehen soll, der etwas
          Rechtes sucht. Und wie man mir's macht! Schreien meine eigenen Leute meiner Frau den Kopf
          und die Ohren voll, daß sie sich hintersinnt und möchten mich noch gar zu ihrem Mörder
          machen, der ich ihr noch nie ein Häärlein gekrümmt! O, könnte ich aus der Welt,so weit
          mich die Füße trügen, ich gienge noch heute!“ solches Selbstgespräch führte er oft.</p>
        <p>Doch das waren vorübergehende Stimmungen und sein Muth und seine Entschlossenheit kehrten
          ihm jeweilen wieder zurück. „Laß sie thun und wüthen wie die Löwen,“ so ermunterte er
          sich, „und folge du deinem Kopfe, sie verstehen's eben auch nicht besser, sie haben noch
          nie in die Welt geschaut. Die verstehen so wenig vom Spekulieren und Rechnen, als eine Kuh
          Spanisch versteht. Ich brauche am Ende auch sie gar nicht mehr, das wäre ohnedieß das
          beste, selbst ist der Mann, es wird sich noch zeigen.“ </p>
        <p>Indessen war es leichter so zu reden als zu handeln, wie er gerne gehandelt hätte. Denn
          die achthundert Franken,mit denen er vor dem Präsidenten groß gethan hatte, als ob er sie
          sofort baar bezahlen wollte, sagen einstweilen <pb n="82"/> noch in anderen Säcken, die zu
          öffnen eine Kunst war,welche der Jakob noch nicht so aus dem Fundamente verstand. Doch
          macht ja die Uebung den Meister, und der Präsident war selber der Mann, den Jakob zu
          lehren, wie man Credit und Geld zugleich sich verschaffen kann. Er betrieb nämlich neben
          seiner Landwirthschaft und seinem Amte ein ziemlich einträgliches Geldgeschäft, indem er
          den kleinen Leuten des Dorfes und der Umgegend, deren Vermögensverhaltnisse er so genau
          kannte, als er alle Item wußte im Banne, größere und kleinere Darlehen machte auf freie
          Hand, je nachdem er weiter oder weniger weit glaubte gehen zu dürfen. Sie mußten ihm
          freilich dafür einen höhern als den gewöhnlichen Zins bezahlen, was sie aber selber ganz
          in der Ordnung fanden, da der Präsident kein Unterpfand, ja nicht einmal immer Bürgschaft
          verlangte. So trug ihm sein Geschäft nicht nur Gewinn sondern auch noch den Ruf eines
          guten Mannes ein, der den nöthigen Leuten auch beistehe und helfe, wie Andere es nicht
          thun. Sein Amt kam ihm dabei trefflich zu Statten, indem er stets von allen Vorgängen in
          der Gemeinde unterrichtet war und selten zu kurz kam, wenn es galt sein Schäflein in's
          Trockene zu bringen.</p>
        <p>An ihm fand nun auch der Jakob einen guten Freund,als er zu ihm kam um sich von ihm über
          seine Angelegen<pb n="830"/> heit unterrichten zu lassen. Wie es jetzt auch sei, fragte
          nämlich der Jakob den Ortsvorsteher, das Mättelein habe er also gekauft und habe gemeint
          das Geld zusammenbringen zu können, jetzt wolle es sich doch nicht so ganz schicken,ob
          nicht der Präsident ihm rathen könnte in dem Ding.„Ja, warum nicht,“ war die Antwort, „wie
          viel hast du beisammen?“ „He, beisammen habe ich's freilich noch nicht,“ erwiederte der
          Jakob, „wo nehmen und nicht stehlen? Aber ich denke, es sollte sich doch wohl machen
          lassen, iich wollte Euch eben fragen, wo ich das Geld wohl bekommen könnte, die Einsatzung
          ist ja gut und was fehlt, wäre das nicht noch auf mein anderes Land zu erhalten? Es ist ja
          außer der Matte alles nur erste Hypothek, verloren gehen kann da in Ewigkeit nichts.“
          „Ja,“erklärte ihm der Präsident, „das Mättelein ist aber nur für siebenhundert Franken
          gewürdigt; als Bauplatz mag es dir wohl zwölfhundert werth sein, aber geben würde dir's
          Niemand dafür. Weißt du was? Laß Alles zusammen noch einmal würdigen und probiere es. Ich
          würde dir's unbedenklich geben, aber ich habe so viel jetzt nicht bei der Hand, vielleicht
          giebt dir's der Herr Silberbringer, der ein reicher Kapitalist ist und Geld immer
          vorräthig hat; ich will selber mit ihm reden und wenn du später anstehst, so komm nur zu
          mir; wenn ich dienen kann, w ichs gerne <pb n="84"/> thun.“ Der Jakob war ihm ungemein
          dankbar sür diesen Rath, befolgte ihn und erhielt auch wirklich das Geld,und das Mättelein
          war sein eigen. Wäre nur das Haus auch schon darauf, das dort nun stolz sich erheben
          sollte.Doch auch das, meinte der Jakob, mache ihm nicht bange;der Präsident habe ihm nicht
          undeutlich zu verstehen gegeben,daß ein Mann, wie er einer sei, Credit habe, und wo Einer
          Credit habe, da habe er auch Geld, man müsse nur klug sein und die Sache recht einfädeln
          und an die rechten Leute sich halten; gehen müsse es, bieg's oder brech's. </p>
        <p>VII.</p>
        <p>Ein eigener Heerd ist Goldes werth, dieses Sprüchlein selber ist auch ein goldenes. Es
          ist gesprochen aus einer Zeit und aus einer Gesinnung heraus, die einen wahrhaften soliden
          Wohlstand begründete, da jedes Haus noch seinen eigen ehrenwerthen Namen hatte und jedes
          Handwerk einen goldnen Boden. Einen eigenen Reiz mag zwar für Viele auch das Nomadenwesen
          der unstäten heutigen Zeit an sich haben;sustig mag es sein, wie das Vöglein in den
          Zweigen sich <pb n="4"/>***</p>
        <p/>
        <p>bald auf diesen bald auf jenen Sedel zu setzen, je nachdem man an dem einen Orte nicht
          mehr sicher ist oder an dem andern es Einem besser gefällt; ist's doch zugleich auch ein
          treues Abbild unserer Wanderschaft durch die Welt und mag es den Vortheil haben, daß man
          dabei die Wechselfälle des Lebens mit leichterem Sinne ertragen lernt. Aber jener Reiz ist
          nicht zu vergleichen mit dem bleibenden stillen Glücke des behaglichen Friedens, das der
          ungestörte Besitz eines eigenen wohnlichen Heimwesens gewährt, und jene leichte
          Beweglichkeit über die Wandelbarkeit des Lebens sich hinwegzusetzen,reicht an den Werth
          eines ehrenfesten, häuslichen Sinnes nicht hinan. Diesem danken tausend Familien nicht nur
          ihre äußere Wohlfahrt, auf der der Wohlstand ganzer Staaten ruht, nein, er hält auch die
          zerfahrenden Sinne,vor Ausschreitungen und Verirrungen sie behütend, in den Schranken, er
          ist allermeist auch ein treuer Hüter der Ehrbarkeit und ein Pfleger der Gesittung und
          Tugend.</p>
        <p>Wer wollte daher einen jungen, strebsamen Familienvater tadeln, dem der Gedanke an die
          Gründung einer eigenen Wohnung sein liebster Gedanke ist, der mit Anstrengung aller seiner
          Kräfte ihn auch zu verwirklichen und mit eigener Hand den Seinen ein Heim, welches sie
          immer das ihrige nennen dürfen, zu bereiten strebt? Istꝰ nicht ein edler Trieb, der dazu
          ihn begeistert? Nur Schade, daß an <pb n="5"/> das Edle so oft unvermerkt das Gemeine sich
          hängt und ein schöner Zweck das schwache Herz oft zum Gebrauche unrechter Mittel
          verleitet; nur Schade, daß so Mancher im Fluge möchte ereilen, was in Geduld mit Warten
          und Ringen er erkämpfen sollte und ein Scheinglück sich gründet,das ihm unter den Händen
          wieder zerrinnt.</p>
        <p>Was hatte der Jakob nicht Alles zu sinnen, zu laufen und zu thun in den folgenden Zeiten!
          Wer Agesagt hat,der muß auch B sagen, und das wollte er redlich thun.Die Pläne seines nun
          zu erbauenden Hauses wurden vollendet, und nicht nur, wie anfänglich sein Häuschen ihm vor
          der Seele gestanden, sollte es jetzt ausgeführt werden,sondern weit ansehnlicher, schöner
          und größer sollte es sein.Das hatte der Maurerhansli ihm einzureden gewußt; etwas größer
          und schöner, wenn man doch einmal anfange zu bauen, als man sich zuerst vorgenommen habe
          und als man meine zu bedürfen, sei allemal besser und gehe ohnedieß in Einem zu. So wurde
          studiert und planiert, hin und her geredet und gerechnet und nebenbei wohl dem Jakob, der
          Alles verstehen wollte, Manches eingeredet, das er nicht verstand und dem er doch seinen
          Beifall und seine Zustimmung ertheilte.</p>
        <p>So stand nun Alles wohl schön auf dem Papier und so hatte er die freilch noch sehr
          unzureichende Rechnung im </p>
        <pb n="57"/>
        <p>Kopfe, die deßhalb zweifelhaft war, weil um das gewünschte Resultat zu erzielen, für
          Alles der niedrigste Anschlag war genommen und alle scheinbaren Kleinigkeiten nicht in die
          Rechnung waren gebracht worden. Aber die Ausführung traf noch auf manche unerwartete
          Schwierigkeit und zwar auf solche Schwierigkeiten, die dem guten Jakob oft recht die
          Freude an seinem Unternehmen vergällten.</p>
        <p>Wie schön hatte er sich's Alles zurecht gelegt, daß er das für den Anfang nöthige Geld
          leicht werde erhalten, wenn sein Vater ein Stücklein seines meist freien Landes und wenn
          es nöthig sei, auch zwei, als Unterpfand für die darauf aufzunehmende Summe hergeben
          wollte, und daß nach Vollendung des Baues er dann schon werde sich wissen zu helfen,weil
          für das, was sie koste, die Sache dann da sei. Zwar war die Weise, mit der sein Vater die
          Kunde von dem Kaufe seines Bauplatzes aufgenommen hatte, wenig geeignet gewesen, ihn in
          seinen Hoffnungen zu bestärken; er hatte ihm gerathen, einstweilen noch nicht an das Bauen
          zu denken, es habe schon Mancher, der mehr sei und verstehe als er, sich zu Tode gebaut;
          und doch hatte damals Jakob nur vom Bau einer Scheune und eines Stalles gesprochen und
          noch gar nicht das, was er wirklich vorhatte, berührt.Dennoch wagte er es, den Alten um
          eine Hülfeleistung an<pb n="88"/> zugehen, die, wie der Junge zuversichtlich meinte, ein
          Vater seinem Kinde schuldig sei.</p>
        <p>Der Alte aber hatte eine ganz andere Ansicht. „Zu einer Sache, die, wie ich fürchte, dein
          Untergang ist und uns mit dir in's Unglück bringen könnte, biete ich nicht die Hand,das
          ist aus und vorbei. Laß du das Ding liegen, bis du es besser vermagst und hast, dann habe
          ich nichts dawider und dann läßt sich wieder ein Wörtlein darüber reden, aber jetzt ist's
          nicht an der Zeit. Wenn du es recht überlegst,bist du schon tief genug hineingewatet und
          hast einstweilen mehr als genug; willst du dir noch mehr aufladen, bis du nicht mehr
          schnaufen kannst? Du hast mich schon hintergangen und zuerst nur von einem einfältigen
          Scheuerlein gesprochen, jetzt redest du von einem Häuschen und wer weiß, was da wieder
          dahinter steckt? Ich sage dir's, nimm dich in Acht, wer zu hoch fliegen will, fällt gar
          tief hinunter. Bleibe einstweilen, wie du bist, bis die Kinder größer sind und bis ihr es
          besser könnet machen; was Gott bescheert, bleibt unverwehrt, wenn man nur sich gedulden
          kann; gut Glück will Weile haben,aber schnelles Glück hat schnelle Fahrten; jedenfalls,
          wie schon gesagt, biete ich zu dem, was du übereilen möchtest,keine Hand!“ So sprach mit
          besonnenem Ernste der Vater seinem Sohne <pb n="80"/> zu. Der Jakob stand da und senkte
          seine finsteren Blicke zur Erde, während des Vaters Worte seine so schön ausgedachten
          Pläne suchten zu vereiteln, und in seinem gereizten Gemüthe verwandelte sich gleichsam
          jedes Wörtlein, das er hörte, zu gährendem Gifte. „Ich will ja nichts von Euch,“ sprach er
          nach einer Weile in einem gereizten und den Vater beleidigenden Tone, „ich will ja nichts
          von Euch,Ihr meintet sonst schon, ich wollte Euch aussaugen und um Euer Sächlein bringen.
          Ich hätte es eigentlich wissen sollen, daß ich nichts zu erwarten habe, es kümmert sich ja
          doch Niemand um mich, und wenn ich mich zu Tode schaffen muß, so kräht kein Hahn darnach
          und sagt mir Niemand ein danke dir Gott. Wenn andere Leute mich nicht besser meinten, als
          meine eigenen es thun, mir wäre schön geholfen in der Welt. Adieu, Vater, es thut mir
          leid, daß ich Euch beunruhigt habe.“ </p>
        <p>Mit diesen Worten gieng der Jakob fort, Bitterkeit und Zorn in seinem Herzen, und hörte
          nicht, was ihm der Vater noch antworten wollte. Für sich selber aber setzte er im Stillen
          und halblaut vor sich hin die Unterredung fort.„Es ist doch nur der Geiz und die Mißgunst,
          warum man es mir also macht,“ sagte er, „und zudem war ich den Meinigen immer ein Dorn im
          Auge, sie hatten immer etwas an mir auszusetzen und ich stand ihnen nirgends recht.</p>
        <pb n="10"/>
        <p>Und wie er hat können fromm thun und mit schönen Sprüchlein mich abspeisen und trösten!
          Das ist mir die rechte Art! „Was Gott bescheert, bleibt unverwehrt,“ hat er gesagt, das
          ist ungefähr, wie wenn ich zu einem Bettler sage: „Helf dir Gott!“ dann hat er gegessen
          davon! Helf dir Gott! ja wohl nein, selber muß man sich helfen und sollten Einem die
          helfen, die es können, wenn sie wollten. Was Gott bescheert, bleibt unverwehrt, ja
          wohl,Alter, und wenn ich ein armer Teufel bleiben und immer mehr werden muß, dann bleibts
          auch unverwehrt, und die schönen Zusprüche und frommen, bissigen Redensarten, wenn es dann
          fehlt, bekomme ich von Euch und Andern noch obendrein in den Kauf. Man reibt mir den
          Kümmel ohnedies genug unter die Nase, besonders wenn ich an die Zimmerbase denke,die
          gleiches Schlages ist wie Ihr, ich sei nichts und verstehe nicht meine Familie zu
          erhalten. Man will eben nicht, daß ich etwas werden und zu etwas kommen soll, man legt
          mir,wo man kann, nur Steine in den Weg! Gut, Jakob,du weißt jetzt, woran du bist, und wenn
          es muß gefrömmelt sein, so kannst du auch sagen: „Hilf dir selber, so hilft dir Gott!“So
          redete der Jakob mit sich selber und redete sich immer mehr in einen gewaltigen Eifer
          hinein. Alles, was Andere, was besonders seine Eltern ihm vorhielten, schien <pb/>X ihm
          ein Unrecht zu sein, Alles, was er meinte und wollte,das heiligste Recht. In diesem Eifer
          gieng er zu dem Präsidenten, bei diesem Freunde sich Raths zu erholen.Und er fand bei ihm,
          was er gewünscht. Auf sein Vorhalten, was er beim Vater gesucht und nicht habe erhalten
          können kam dem Manne der Gedanke: wenn der Jakob auch nicht mehr viel habe, woran man sich
          halten könne,weil zum großen Theile sein unbewegliches Gut schon verpfändet sei, so habe
          er doch einmal noch etwas zu erwarten,das ihm sicher scheine zu sein und worüber man, wenn
          es fehlen sollte, die Hand könne schlagen. Diese Erwägung theilte er freilich dem Jakob
          nicht mit, aber gar freundlich tröstete er ihn, er glaube, die Sache lasse sich
          schlichten,er, der Jakob, sei ein Mann, dem er noch Credit zu schenken sich getraue. Wenn
          er willig sei, seine Fahrhabe als Unterpfand zu bewilligen und im Falle der Noth, das
          werde aber nie nöthig sein, auf sein einstiges Erbtheil zu verzichten (nur der Form wegen
          müßte das auch geschrieben sein), so sei er bereit ihm vorzustrecken, so viel er
          bedürfe,es sei ihm gerade eine bedeutende Einzahlung gemacht worden, die er ihm gerne
          gönnen möge, wenn er sie könne brauchen.War das dem Jakob Wasser auf seine Mühle! Besser,
          als er es sich hätte ausdenken und wünschen können, hatte ihm <pb n="92"/> der Präsident
          hier Alles gesagt und wie gut und willfährig hatte er sich gezeigt! Das war auch einmal
          ein Mann,der ihn und seine Lage verstand, und wie er es dem Vater vorgehalten hatte, es
          besser mit ihm meinte, als seine eignen Leute. „Ja, Herr Präsident,“ sagte er, „ich wüßte
          nichts Besseres, als was Ihr mir da sagt, mit Freuden gehe ich auf Euern Vorschlag ein.“
          Sofort wurde nun vom Präsidenten selber der Vertrag aufgesetzt und von Jakob
          unterschrieben. Nur das bedang sich der Präsident aus, daß Jakob mäuschenstille sei zu der
          Sache, denn „weißt du,“bemerkte ihm jener, „wenn es kund würde, so könnten gar Viele in
          gleichen Anliegen zu mir kommen wie du und Allen helfen könnte und wollte ich auch nicht,
          denn es ist nicht Jeder ein Jakob Schmied, du verstehst.“ Und Jakob schwur ihm gerne
          Verschwiegenheit, war es ihm doch selber lieb, den großen Mann spielen zu können, und
          Niemand wußte, woher es kam. </p>
        <p>Jetzt hatte er Geld, und: „Geld regiert die Welt,“ so heißt es und dachte auch der Jakob
          in seinem Sinne. Seiner Frau sagte er von dem Allem nichts, er verbarg ihr's auf das
          Sorgfältigste. Denn auch zwischen ihr und ihm, die einst ein Herz und eine Seele gewesen
          waren, war eine Spannung eingetreten, weil er meinte, sie sei auch im Bunde mit seinen
          Leuten und stehe, indem sie ihn nicht <pb/>wolle verstehen, ihr selber vor der Sonne. Im
          Stillen hoffte er zugleich, sie einst beschämend überraschen zu können mit Allem, was er
          für sie ausgedacht und geschafft. „Warte nur, Anneli,“ sagte er oft im Stillen zu sich
          selber, „dir werden einmal die Augen aufgehen, daß du sehen mußt, was für einen Mann du
          gehabt, den du nie genug respektieren wolltest und der nur dein Pudel mußte sein. Warte
          nur! Aber dann, und dann erst, will auch ich noch ein Wörtlein reden!“ </p>
        <p>Nur um so mehr drückte es die arme Frau, daß ihr Mann, der schon längere Zeit verstört
          und einsylbig gewesen war, nun fast unnatürlich aufgeweckt und triumphierend übermüthig
          war. Sie sah die Veranderung, aber sie konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, sie
          sollte jedoch bald etwas Genaueres darüber erfahren. Denn der Jakob hatte keine Ruhe mehr
          am Stuhle, auf dem er wieder so pressante Arbeit hatte, er mußte bald da bald dorthin
          gehn. Es währte auch nicht lange, so begannen, es war zu Anfang der schöͤnen Sommerszeit,
          auf dem Brünneleinmättlein die Bauarbeiten. Da wurde ausgesteckt, Keller und Fundament
          wurden gegraben, Steine wurden zugefahren, Bauholz wurde aufgeschichtet, Kalk wurde
          gelöscht, Maurer- und Zimmerleute begannen fröhlich ihr Werk. Und unter ihnen war alle
          Augenblicke der Jakob zu sehen und hatte bald <pb n="94"/> mit Dem bald mit Jenem zu reden
          und zu regieren wie ein General in dem Felde. </p>
        <p>„Um Gotteswillen,“ sagte ihm oft das Anneli, „sag',was hast du auch vor, was muß das auch
          werden, hat dich Jemand angestellt??“ Denn daß es für sie sein sollte,konnte es nicht
          glauben; wo sollte der Jakob auch die Mittel nehmen dazu? Aber der Jakob lächelte nur
          schlimm:„Laß du mich nur machen,“ sagte er, „du verstehst doch nichts davon und ich selber
          muß dazu schauen.“ Nicht weniger aber verwunderten sich auch die Leute, die von Jakobs Bau
          hörten und es sahen. Wie der es nur machen kann, wo der Glücksschmied immer das Geld dazu
          hernehmen mag, so urtheilten sie; denn die Handwerksleute rühmten, daß er immer sie baar
          bezahle, Respekt müsse man vor ihm haben, das Holz zum Exempel habe er auch alles baar
          bezahlt. Nur einige Superkluge meinten:entweder könne der Jakob mit dem Hexen umgehen und
          werde am Ende noch ein steinreicher Mann, oder es nehme seine Sache ein Ende mit
          Schrecken, das letztere aber sagten sie schüchtern nur stille, und der Jakob, wenn er so
          etwas hörte, mochte vergnügt sich die Hände reiben und lachen dazu. Rasch wuchs aus dem
          Fundamente der Bau hervor, groß,weit und schön, wie kein schöneres Gebäude im Dorfe zu <pb n="848"/>*9 finden war. Der Jakob war wenig mehr zu Hause zu finden, das Anneli mußte
          mit schwacher Hand den schweren Webstuhl treiben; es schade ihr nichts, dachte im Stillen
          ihr Mann, wenn seine Frau auch einmal selber erfahren müsse, was für Mühe und Arbeit ohne
          Dank er so viele Jahre hindurch gehabt. Inzwischen stolzierte er, im Bewußtsein künftiger
          Größe und schon einstweiliger Bedeutung,die Hände auf dem Rücken, auf seinem Bauplatze
          herum,bald bei diesem, bald bei jenem Handwerksmanne verweilend und seine Arbeit mit
          Kennermiene prüfend. Was kümmerte es ihn, daß seine Arbeit dadurch verkürzt ward? Das
          sollte ja zehnfach später wieder eingeholt werden. Sein Vater und sein Schwäher ließen ihn
          gehen, weil er ihnen deutlich zu verstehen gegeben hatte, von ihnen nehme er keine Weisung
          mehr an, sie hätten ihn selber dazu gebracht zu erkennen: Jeder sei seines Glückes
          Schmied.</p>
        <p>Alles gieng ganz vortrefflich von Statten, wenn man nicht in Anschlag brachte, daß der
          Maurerhansli und der Zimmerfried im Stillen von Jakob immer wieder neue Vorschüsse
          verlangten, und wenn sie dieselben nicht sogleich erhielten, ihre Arbeit wieder für ein
          paar Tage stille stand;denn sie lebten von der Hand in den Mund und brauchten Beide
          obendrein noch Manches für ihren Durst. „Es ist wohl eine schöne Sache, das Bauen,“ sagte
          etwa gelegentlich <pb n="96"/> der Jakob den Leuten, „aber es hat seine Meinung, da muß
          Einer sehen, woher er es nimmt; was das nicht kostet,potz Element!“ </p>
        <p>Endlich konnte aufgerichtet werden im Spätsommer und es gab einen fröhlichen Tag, der
          aber den Jakob manche Maaß Wein kostete und manches schöne Stücklein Geld.Aber was achtete
          er das gegen das stolze Bewußtsein, nun ein eigenes Haus zu haben und zwar, wenn es
          vollends ausgebaut war, das schönste und wohnlichste im Dorfe!Zwar mit dem Ausbauen gieng
          es nicht so schnell und nicht so leicht, als er sich gedacht hatte; denn da kamen nun die
          vielen kleinen Sächlein, an die man beim Hauptaecorde entweder gar nicht gedacht oder die
          man absichtlich als kleine Nebensachen übergangen hatte, und jetzt erst gieng etwelche
          Noth an; diese Kleinigkeiten zusammen wuchsen zu einer Summe an, die weit über Jakobs
          Büdget hinausgieng.Manchen kleinen Disput und manchen größeren Strauß setzte das zwischen
          ihm und seinen beiden Architekten, dem Maurerhansli und dem Zimmerfried ab; war dem Jakob
          ihr Plan nicht recht klar und alle die Namen, die sie jedem Dinge gaben, so kamen sie aus
          seiner Rechnung nicht heraus und zankten oft lange sich darum herum. Der Jakob mußte
          meistentheils ihnen nachgeben, die Folge aber war, daß er doch anfieng zu sparen und daß
          sein Haus nicht wie es <pb n="97"/> sollte und wie er gewollt hatte, ausgebaut ward, es
          fehlte noch Dieses und Jenes, das er versparen mußte auf eine künftige bessere Zeit. </p>
        <p>Gleichwohl ließ er es sich nicht nehmen, eine glänzende „Hausräuke“ zu halten. „Jetzt ist
          das Haus im Brünnelimätteli dein,“ so sagte er eines Abends gar vergnügt zu seiner Frau,
          „und die andere Woche ziehen wir aus und dort ein, schau, das ist es, was ich gemacht
          habe, du kannst dich freuen. Es hat mir Niemand helfen wollen, jetzt habe ich es selber
          gemacht. Am Sonntag wollen wir es besichtigen, du wirst deine Augen nicht übel aufsperren,
          wenn du siehst, wie Alles eingerichtet ist; und was noch fehlt, macht man später.“ Das
          Anneli erschrak nicht wenig ob diesen Eröffnungen seines Mannes;denn immer noch hatte es
          im Stillen gehofft, es könnten die Dinge sich noch so wenden, daß die Last, die seines
          Mannes Unternehmungsgeist ihm aufgebürdet hatte, ihnen wieder abgenommen würde; jetzt war
          denn auch diese seine schwache Hoffnung zu Schanden geworden. Es mußte eben folgen dem
          Manne, mit dessen Leben seine Schicksale verkettet waren für immer.</p>
        <p>Was sollen wir den Auszug aus der alten gemietheten in die eigene neue Wohnung
          beschreiben? War Jakobs Fahrhabe auch nicht bedeutend, so gab es doch der Umstände
          <pb/>dsß genug und der Jakob konnte regieren nach Herzenslust.Aber je mehr die alten
          wohlbekannten trauten Räume sich leerten und zuletzt fast unheimlich nur noch die leeren
          Wände Einen anschauten, desto größere Wehmuth erfüllte Anneli's Herz, und selbst der Jakob
          konnte eines ähnlichen Gefühles nicht ganz sich erwehren. Nicht viel anders, als wenn von
          einem liebgewordenen Menschen man Abschied nehmen muß auf Nimmerwiedersehn in dieser Welt,
          nahm das Anneli Abschied von seinem lieben Stübchen und von Allem,was darum und daran
          gewesen war. „O, du liebes gutes Häuschen,“ so mußte es seufzen, „wie lange haben wir
          vergnügt und glücklich in dir gewohnt, ich kann dich fast nicht verlassen! Du hast unsere
          Haushaltung wachsen, unsere Kindlein hast du kommen und gedeihen sehen und treu uns
          umschlossen in Lieb und Leid. Jetzt sollen wir denn ziehen in ein schöneres Haus und in
          hellere Stuben; wie wird's uns dort ergehen, was wird dort unser warten, werden wir können
          vergnügter und glücklicher sein als in dir?“ So sprach die Frau und eine bange Ahnung
          wollte sich ihres zur Schwermuth ohnedieß geneigten Gemüthes bemächtigen, bis der Jakob
          ihr sagte: „Sei doch nicht so verzagt, wo du dich freuen und fröhlich könntest sein.Nur
          frischen Muth gefaßt, es wird Alles noch prächtig gehen!“ </p>
        <pb n="99"/>
        <p>Die „Hausräuke“ am Abend gieng herrlich und in Freuden vor sich. Der neue Feuerheerd in
          der Küche war eingeweiht worden und köstlich duftete der darin bereitete Braten auf dem
          Tische; auch am Wein ließ der gastfreundliche Jakob es diesmal nicht fehlen. Alle
          Nachbaren,Verwandte und Bekannte, nebst den verschiedenen Handwerks-leuten waren
          eingeladen worden zu dem Feste; doch hatten Einige abgelehnt, unter denen auch Jakobs
          Vater und Schwäher sich befanden, was ihn sehr ärgerte und betrübte.Die erschienenen Gäste
          aber ließen es sich vortrefflich schmecken,die Gläser erklangen und bald löste der Wein
          alle Zungen.Wie wurde da das neue Haus gerühmt und sein Erbauer von allen Seiten
          gelobt!</p>
        <p>So „usdenkt“ und auf das Vortrefflichste eingerichtet finde man nicht bald ein Haus weit
          und breit, und der Jakob sei eben ein Fino, wie es wenige gebe, der wisse,wo der Bartli
          den Most hole; darum sei er eben der Glücksschmied. So wurde dem Jakob geschmeichelt und
          auf sein und seines Hauses Glück ein um das andere Mal angestoßen. Der Jakob aber war
          seelenvergnügt und seine Augen blinzten in schelmischer Freude und sein Angesicht
          strahlte, als trüge er einen Lorbeerkranz.</p>
        <p>Bis tief in die Nacht oder vielmehr bis an den frühen Morgen dauerte die Festlichkeit.
          Der Zimmierfried fand,</p>
        <p>7 2<pb n="100"/>als man endlich aufbrach, die Thüre nicht mehr, die er doch selber
          gemacht hatte, und der Maurerhansli stolperte richtig beim Hinausgehen über die steinernen
          Stufen hinunter, die er doch selber gebaut. So sehr hatten Beide mit Jakob sich des
          gelungenen Werkes gefreut. Endlich ward es stille in den Räumen, die von nun an eine
          Familie und kommende Geschlechter beherbergen sollten, als stumme Zeugen vom Wandel der
          Dinge und von des Menschenlebens Lust und Leid. Mit gar verschiedenen Empfindungen und
          Gedanken suchten in ihrem neuen Hause, der Ruhe bedürftig, der Jakob und das Anneli
          endlich ihre Lagerstatt. </p>
        <p>VIII.</p>
        <p>Wauch ein Schauplatz der wechselndsten Erscheinungen ist doch diese Gotteswelt, die wir
          bewohnen; welch ein lehrreiches Sinnbild der Wandelung im Großen und im Kleinen und ein
          treues Abbild eines ganzen Lebens wird oft ein einzelner Tag! Wir denken etwa an einen
          Sommertag. Aus Nacht und den ersten Strahlen des Lichtes gewoben steigt <pb n="1014"/> die
          Dämmerung empor; zuerst in dunkeln und dann in immer deutlicheren Umrissen läßt sie
          erkennen, was das Auge schauen soll am lichten Tag; sie ist es, die wie die träumende
          Kindheit in den Zauber der Ahnung das Zukünftige hüllt. Da wird es heller am Himmel, die
          Morgenröthe taucht aus der Nacht und der grauen Dämmerung auf, es erwachen die Wesen, die
          im Schlummer gelegen, und eine fröhliche Stimme wird nach der andern laut. Aus dem dunklen
          Dämmerscheine der Ahnung erwachen die Sinne zum klaren Bewußsein, und unversehens steigt
          in unbeschreiblicher Pracht und Herrlichkeit das Gestirn des Tages auf, seinen Weg zu
          wandeln gleich als ein Held. Sein Licht erleuchtet nun Alles und erweckt zum Leben jede
          noch schlummernde Kraft, indeß der frische Hauch des Morgens die Gluth seiner Strahlen
          kühlt, daß sie nur erleuchten und schmücken, aber nicht verzehren dürfen den erquickenden
          Morgenthau. Schönes Bild der heranreifenden Jugend, vor der uns das Leben im schönsten
          Sonnenscheine glänzt, während unversehrt und frisch noch die Jugendkraft sich darf regen!
          Und höher, immer höher, steigt die Sonne, immer heller wird ihr Strahl, immer heißer wird
          der Tag; doch in Hitze und Gluth da wachsen und erstarken die zarten Gewächse, da reift
          die hoffnungsvolle Saat; ist's <pb n="402"/> nicht dasselbe auch, was in unserem Leben des
          Tages Hitze bewirkt oder vielmehr bewirken soll?</p>
        <p>Aber wird der Tag wohl so bleiben, werden an ihn noch viele solcher glücklichen Tage sich
          reihen, bis, was in Hoffnung hervorsprießen durfte, gewachsen, bis die Erndte vollkommen
          gereift sein wird? Der göttlichen Liebe und Obhut muß es anbefohlen sein. Vielleicht ja
          will es das Glück, vielleicht sieh! dreht sich auf einmal der Wind,es erscheint ein
          verdächtiges Wölklein, es wird zur dunklen Wolke, die schon die Sonne verdeckt; und Wolke
          auf Wolke und schwärzer und immer schwärzer thürmen sie sich auf.Es rollet der Donner, es
          fährt durch die Lüfte der Blitz, es kommt immer näher und wer weiß es? mit Einem Male ist
          die Hoffnung des ganzen Jahres zernichtet. So kann es geschehen in der Natur, so kann im
          Menschenleben es gehen, nur mit dem Unterschiede, daß, was dort oon Oben allein uns
          geschickt wird, hier das Ergebniß ist göttlicher Fgung und menschlicher Verirrung und
          Schuld.</p>
        <p>In den ersten Tagen nach dem Einzug hatten der Jakob und das Anneli mehr als genug zu
          thun, in dem neuen Hause sich einzurichten und jeder Sache den Ort zu bestimmen, wo in
          Zukunft sie bleiben sollte. Es gab auch in dem Hause und um dasselbe noch genug
          aufzuräumen und wegzuschaffen, bis es nur einigermaßen eine wohnliche Hei<pb n="103"/> mat
          war, und das Anneli konnte im Ernste jetzt wiederholen, was es so oft einst im Scherze
          gesagt:</p>
        <p>„O bhüet is Gott vor thürer Zit,Vor Murer- und vor Zimmerlüt Und vor im dreckige
          Hafner!“</p>
        <p>Der Jakob aber hatte noch Anderes im Grunde weniger Angenehmes wegzuräumen als nur
          dieses. Er sollte es bald erfahren, daß es keine Rosen giebt ohne Dornen.Hatte er nicht
          seinem Freunde, dem Bascheli, der auch an der Hausräuke gewesen war, gesagt: „ein schön
          Heimweselein ist es, aber hat mich das ein Geld gekostet! Bei meiner Treu, da läßt sich's
          nachsehen, wenn man nicht die Finger verbrennen will; sie thäten Einen gerne über den
          Löffel balbieren, aber weißt du-, so gescheidt ist der Jakob Schmied auch, daß er sich
          nicht trompieren läßt!“ Trotzdem kamen ihm schon nach ein paar Tagen der Maurerhansli und
          der Zimmerfried mit Nachtragsrechnungen und wollten bezahlt sein, und es beliefen sich
          dieselben auf eine hohe Summe.Zwar sagte ihnen der Jakob: „Da kämet ihr mir eben recht, ja
          wohl! Haben wir nicht einen Akkord gemacht und ich habe euch nach dem Akkorde bezahlt und
          bin coulant gegen euch gewesen, nur zu coulant; wollt ihr jetzt die <pb n="104"/>schlechten Hunde an mir machen? Da giebt es nichts mehr zu schnupfen!“ Aber die guten
          Freunde, der Maurerhansli und der Zimmerfried, die an der Hausräuke noch ein Herz und eine
          Seele schienen mit ihm gewesen zu sein und ihn hoch hatten leben lassen, gaben sich mit
          dem nicht zufrieden, sie beharrten auf ihrer Forderung und der Jakob beharrte auf seiner
          Weigerung. Da gab es endlich Friedensrichterarbeit und, da die Sache auch hier nicht
          geschlichtet werden konnte, einen Prozeß, von dem, wie bei den meisten Prozessen, man erst
          nach Jahr und Tag erwarten durfte,wie er ausfallen würde. </p>
        <p>Das war schon eine dunkle Wolke in den Sonnenschein von Jakobs Glück hinein, aus der er
          jedoch so viel sich nicht machte, indem er glaubte, seiner Sache sicher zu sein,weil er
          Alles schriftlich habe. Aber auch bis die anderen Geldverhältnisse geordnet waren, hatte
          er große Noth, die er nicht einmal seinem Anneli zeigen durfte. Das Haus stand nun da,
          wenn auch noch nicht vollkommen ausgebaut. Jetzt ließ er es schätzen, um auf diese
          Schatzung hin das Geld darauf aufnehmen und Alles in's Reine bringen zu können.Es wurde
          viel niedriger, als er gehofft hatte, taxirt, hatte es ihn selbst doch viel mehr gekostet,
          und der Spruch über des Maurerhanslis und Zimmerfrieds nachträgliche große Forderungen war
          noch nicht ergangen. Seine schönen Hoff<pb n="105"/> nungen, daß er, wenn das Haus einmal
          dastehe, das Geld haben könne, wo er wolle, wollten sich nicht erfüllen.Manchen Tag gieng
          er in dieser Angelegenheit aus und reisste hin und her versäumte Arbeit und Zeit, verthat
          Geld und brachte doch nichts zu Stande.</p>
        <p>Endlich verhalf ihm auch da wieder sein Rathgeber und guter Freund, der Präsident, zu
          einer Auskunft, indem er ihm versprach, wenn er zwei solide Bürgen finde, die als
          Mitschuldner in dem zu errichtenden Instrumente sich unterzeichnen wollten, ihm Alles, was
          er noch bedürfe, zu verschaffen, wobei natürlich das, was er bisher dem Jakob vorgestreckt
          hatte, nicht mit inbegriffen war, sondern abgezogen und zuerst ihm zurückbezahlt werden
          sollte. So gieng also der Jakob jetzt auf Bürgen aus und hatte genug zu sinnen und zu
          thun, indem er an manchem Orte vergeblich anklopfte, denn die Hofbescheide sind auf dem
          Lande so wohlfeil, wie in den Residenzen und Städten. Der Schreinermichel, an den er
          zuerst sich wandte, betheuerte ihm feierlich: „Herzlich gerne wollte ich dir den Gefallen
          thun,aber meine Frau giebt das nie und nimmer mehr zu, seitdem ich durch Bürgschaft einmal
          etwas verloren habe; zürne mir ja nicht, gewiß, es ist mir leid.“ Der Holdenpeter,bei dem
          er zum zweiten anklopfte, erklärte nach vielem Schwanken und Bedenken sich bereit unter
          der Bedingung,<pb n="106"/>daß Jakobs Vater oder Schwager Mitbürge sei. Der Jakob sah aber
          wohl, wie Peters Frau, das Bäbi, ihrem Manne zornige Blicke zuwarf, als er sich also
          aussprach, und davon,daß sein Vater oder Schwager sich zu Peters Vorschlage verstehen
          würden, war einstweilen keine Rede. Mit großer Mühe gelang es endlich dem Jakob, in seinem
          Freunde Bascheli und in des Hansjoggijakobs Hansjakob die gewünschten dienstbaren Geister
          als annehmbare Bürgen zu finden.So war denn die Sache endlich so weit im Blei und es galt
          jetzt zu halten, was er errungen hatte und besaß,und das war keine leichte Sache; der
          Jakob sah auch wohl ein, daß mit seinem bisherigen Einkommen und Erwerbe er den hohen Zins
          nicht erschwingen könne, den er jährlich mußte bezahlen. Es galt auf neue Mittel zu
          sinnen, die er auch bereits schon glaubte gefunden zu haben. „O Herr Je,“ seufzte das
          Anneli, als er einmal in einer guten Stunde ihm offenherzig bekannte, wie seine Sachen
          standen; „o Herr Je, wo in aller Welt willst du das aufbringen neben unserer Haushaltung?
          Der Zins allein frißt ja Alles weg, was wir auf- und anzubringen vermögen und nicht ein
          Stäublein Mehl kannst du mehr für die Haushaltung kaufen, wo doch so viele Mäuler sind,
          die alle Tage wollen gegessen haben. Du hast uns eine Bürde aufgela<pb n="107"/>den, die
          uns erdrückt, o Herr je!“ „Ah pah,“ erwiederte der Jakob, „meinst du denn, ich könne nicht
          auch rechnen und habe nicht Alles schon längst überlegt? Daß wir in Zukunft keinen
          Hauszins mehr müssen bezahlen, das rechnest du nicht und doch macht das schon ein hübsches
          Sümmchen aus. Dann aber haben wir noch übrigen Platz und können nun selber Hausleute
          nehmen, und das trägt wieder ein Hübsches ein. Und weißt du, was man noch weiter macht?
          Man stellt noch einen Stuhl in das Haus und, wenn's möglich ist, zwei, und stellt Leute
          an, rechte Posamentermägde, bis die Kinder größer sind und selber können deren Stelle
          versehen. Da geht der Verdienst im Doppelten und Dreifachen und ich will ein Narrsein,
          wenn es uns nicht noch einmal so gut gehen wird, als es bis jetzt gegangen ist.“ So redete
          der Jakob, und obgleich seine Frau ungläubig den Kopf dazu schüttelte, so vermochte sie
          doch nicht, ihn zu widerlegen. Nur gegen das Anstellen von Mägden glaubte sie energisch
          protestieren zu müssen,das sei auch gar nichts für sie und sie gebe ihre Einwilligung dazu
          nicht.</p>
        <p>Der Jakob ließ sich jedoch nicht gerne mehr etwas vorschreiben, er hatte sich zu sehr
          daran gewöhnt zu thun, was er für gut fand und schon lange jene heilige Pflicht
          verletzt,die Ehegatten einander schuldig sind, daß Eines nichts gegen <pb n="108"/> den
          Willen, wenigstens nichts gegen das Wissen des Andern sollte thun. „Ich bin der Mann, und
          ich muß sorgen, und es kann eine Frau nur froh sein, wenn sie einen Mann hat, der sie
          versorgt,“ so dachte er stolz bei sich selbst. Er nahm also, so bald er sie bekommen
          konnte, Miethleute auf in sein Haus; sie waren zwar nicht ganz nach seinem Wunsche, denn
          in Schönenwyl waren die Wohnungen nicht sehr gesucht, weil fast Jedermann selber ein
          Häuschen oder doch einen Antheil daran besaß, aber der Jakob war ein praktischer Mann, der
          im Nothfall auch mit Geringerem vorlieb nahm und es mit dem Sprüuchlein hielt: „ein Spatz
          in der Hand ist besser als zehn auf dem Dache.“</p>
        <p>Es währte auch nicht lange, so langte wirklich doch der zweite Stuhl, von dem er seiner
          Frau gesprochen und den er von seinen Herren in Basel zu erhalten gewußt hatte, im Hause
          an, die Stube war geräumig und hell genug, zwei,und, wenn es sein mußte, drei Stühle zu
          fassen. Und weil nun der Stuhl da war und bereits auch schon die Sendung einer Lieferung
          Arbeit auf denselben von den Herren angezeigt war, so mußte auch trotz Anneli's
          Einwendungen die Magd herzu, die er im Stillen bereits schon gewonnen hatte. Schon Tags
          darauf, nachdem am Abend vorher der Stuhl angelangt war, stellte sich das Bäbeli ein. Es
          führte das indessen zu ernstlicheren Zerwürfnissen zwischen den Ehe<pb n="109"/> gatten,
          als der Jakob vermuthet hatte. Das Anneli, welches sah, daß sein Mang auch gar nichts von
          ihm annahm,leistete jetzt einen beharrlichen passiven Widerstand.</p>
        <p>„Siehst du, Frau,“ sagte der Jakob, als das Bäbeli eintrat, „das ist jetzt unsere Magd,
          die den neuen Stuhl treiben und uns dienen will, nicht wahr, Bäbeli?“ und erwartete, daß
          seine Frau sich doch fügen und die Angekommene bewillkommnen würde. Aber das Anneli sprach
          kein Wort, gab auch dem Bäbeli keine Hand, es nahm vom Tische, wo es eben Aepfel für das
          Mittagessen geschnitzt hatte, die Schüssel und gieng damit fest auftretend zur Thüre
          hinaus in die Küche, wo es blieb. Das Bäbeli schaute den Jakob, seinen neuen Meister, mit
          großen fragenden Augen an. „Ich glaube, es ist nicht, wie Ihr mir gesagt habt, ich bin da
          ein unwillkommener Gast; so war es nicht gemeint, Meister Schmied, ich bleibe nicht,wenn
          ich allenfalls Eurer Frau ein Dorn im Auge bin;“ so warf es dem Meister vor. Der Jakob war
          in ziemlicher Verlegenheit; er wisse nicht, was seine Frau habe,jedenfalls habe sie nichts
          wider das Bäbeli; es solle doch nur zufrieden sein und ganz getrost bleiben, es und seine
          Frau werden noch ganz prächtig mit einander auskommen,da könne er die Hand darauf geben.
          Er hieß es sich setzen,setzte ihm etwas Speise und Trank vor, redete mit ihm </p>
        <pb n="110"/>
        <p>über seine künftigen Obliegenheiten und besprach sich mit ihm über den Lohn. Und als es
          gegessen und getrunken und seinen Bündel in eine Ecke gestellt hatte, gab er ihm für
          einstweilen etwas am Seidenrade zu schaffen.</p>
        <p>Darauf gieng er in die Küche, wo seine Frau bei seinem Eintreten am Heerde sich
          niederbückte und mit schon glühenden Wangen das Feuer, das lustig brannte, zu noch
          hellerer Flamme anblies. Er wollte es zuerst mit lauten und bitteren Vorwürfen versuchen
          seiner Frau den Meister zu zeigen;als sie beharrlich schwieg und er auf diese Weise nichts
          ausrichtete, versuchte er es mit gütlichen Vorstellungen.„Du wirst doch nicht wollen so
          sein?“ sagte er in milderem Tone, „thu mir jetzt den Gefallen und laß dich herbei,sonst
          ist ja Alles verstört. Das Mädchen ist jetzt da und ist recht, du kannst ihm nachfragen,
          und man kann es nicht wieder schicken. Was meinst du, wir weisen ihm, denke ich wohl, das
          hintere Stüblein an, wo es seine Sache hinthun kann und machen ihm dort ein Gelieger
          zurecht?“Aber die einzige Antwort, die er von seiner Frau in einem an ihr sonst nicht
          gewohnten gereizten Tone erhielt, war:„Mach, was du willst!“ damit ließ sie ihn stehen und
          wieder gehen.</p>
        <p>Soweit mußte nun freilich die Frau doch nachgeben, daß sie bald darauf auch für die Magd
          den Tisch deckte und <pb n="111"/> nachher auch das „Gelieger“ bereiten half. Auch fieng
          sie an, so weit es durchaus nöthig war, mit dem Bäbeli zu reden, aber eine ungemüthliche
          Spannung war und blieb noch lange im Hause, besonders zwischen dem Jakob und seiner Frau.
          Und je mehr er sich bemühte auszugleichen und das Bäbeli durch seine Freundlichkeit zu
          gewinnen,damit ihm der Aufenthalt in seinem Hause nicht gar entleide,desto weniger traf er
          es damit seiner Frau, die sich dadurch nur noch mehr hintangesetzt fühlte. Das war eine
          bittere Wurzel, die keine guten Früchte bringen konnte, wenn sie fortwucherte in den
          Herzen.</p>
        <p>Jetzt war denn das neue Haus bewohnt und belebt und der Jakob fieng an aus seinem
          Unternehmen den gehofften Nutzen zu ziehen. Die Arbeit gieng ordentlich und das Bäbeli
          ließ sich nicht übel an; lustig klapperten die beiden Stühle zusammen, froh lebte der
          Jakob auf. Und er hätte noch froher können sein, wenn er nicht den fatalen Prozeß gehabt
          hätte,der ihn viele Mühe, Geld und Verdruß kostete und den er am Ende nun doch verlieren
          zu müssen die schönste Aussicht hatte. Der Maurerhansli, wenn er ihm je begegnete,machte
          ein höhnisch Gesicht. Der Jakob wurde wirklich schließlich zur Entrichtung der an ihn
          gestellten Forderungen und zum Bezahlen der Kosten verfällt.</p>
        <p>Solches und Anderes bewirkte, daß er doch nicht recht <pb n="112"/> vorwärts kam und nur
          mit größter Mühe und indem er etwas von seiner Fahrhabe verkaufte, am Ende des Jahres den
          Zins zusammenbrachte. Seine Miethleute erwiesen sich in der Folge als sehr unzuverlässige
          Zahler; nicht nur den Hauszins, selbst die Milch die sie von Jakob kauften,blieben sie
          schuldig. Um gutes Wetter zu machen, bezahlten sie dann und wann wieder ein paar Franken
          und vertrösteten den Jakob und seine Frau auf diese und jene Zeit,während ihre Schuld
          immer höher auflief. Auch im Stalle hatte er wieder Mißgeschick und mußte Bedeutendes an
          seinem Viehstand verlieren. So sehr ihn das Alles oft mißstimmen wollte, so faßte er doch
          jeweilen wieder Muth,hoffte auf bessere Zeiten und schlug sich, so gut es gehen mochte,
          hindurch.</p>
        <p>Es war an einem schönen Julitage, daß er seine Bänder nach Basel trug. Er hatte ein
          hübsches Sümmchen Lohn in Empfang genommen und kehrte zum Schlusse im Sternen ein, um sich
          noch ein wenig gütlich zu thun. Saß da nicht auch zu seiner Freude ein alter Bekannter,
          der Grubenmann von Beinlingen, den er schon so lange nicht mehr gesehen,sonst waren sie im
          Militärdienste die besten Kameraden gewesen. „Es ist, glaube ich, meiner Treu, der
          Grubenmann,“ so redete ihn der Jakob an, „grüße dich Gott!“ „Ei, der Schmied! Da schau man
          einmal, dich habe <pb n="113"/>ich schon lange nicht mehr gesehen, willkomm!“ antwortete
          Jener. „Wie geht's denn, was lebst du immer?“ fragte der Jakob. „Ei, wüst genug,“ war die
          scherzende Antwort, „es geht so so, la la, es muß gut sein.“ Da unterbrach ihn aber die
          Wirthinn: „Ja, ja, Herr Grubenmann, es kann schon gut sein, nicht wahr? wenn man ein
          Goldgrüblein hat wie Sie,“ und lobte ihn nicht anders als einen gemachten Herrn, als
          welchen er auch in seinem Anzuge, was dem Jakob gleich aufgefallen war, sich einigermaßen
          zu erkennen gab.Da regte sich Jakobs Neugierde gar sehr, und als die Wirthinn sich sonst
          zu schaffen machte und sie vergnügt mit einander eine Flasche tranken, konnte er sich
          nicht enthalten,seinen alten Kameraden zu fragen, was für ein Goldgrüblein er denn habe,
          er seinerseits könnte eigentlich auch eines brauchen. „Hm,“ meinte der Gefragte, „nur so
          ein Kramlädelein, weißt du, wie man es in einem Dorfe haben kann;indessen will ich nicht
          klagen, es geht wirklich manches Bätzlein ein, das Einem ist wie gefunden. Ich stelle mich
          wirklich besser, im Vertrauen gesagt, als da ich noch posamentete.“ Er mochte ganz
          schelmisch vergnügt dazu lächeln.Das interessierte den Jakob ungemein und er konnte nicht
          fertig werden seinen Freund zu fragen, wie er die Sache angefangen, wie er Alles
          eingerichtet habe, wo eer seine </p>
        <pb n="114"/>
        <p>Waaren beziehe, was er Alles halte, und was noch dergleichen Fragen mehr waren. Sein
          Freund gab ihm willig über Alles Bescheid, denn er hatte keinen Concurrenten zu fürchten
          und der Jakob schlürfte in gierigen Zügen die neue Weisheit ein.</p>
        <p>Sie mußten sich bald trennen und der Jakob trat seinen Heimweg an. So kurzweilig kam er
          noch nie nach Hause als diesmal. Ein Sturm von Gedanken und Vorsätzen wogte in seinem
          Kopfe, und das Kramlädelein, das Kramlädelein stand immer vor ihm. Mit einem Male war ihm
          ein neues Licht aufgegangen. War er nicht der Mann,so gut als sein Freund Grubenmann, auch
          so etwas einzurichten? War nicht sein Haus wie dazu gemacht, schön,einladend, geräumig und
          mitten im Dorfe? Das mußte ihm Kundsame bringen. So betrachtete er sich die Sache von
          allen Seiten, und wie einst der Vorsatz ein eigenes Haus zu bauen, so setzte jetzt die
          Idee sich fest in seinem Kopf, zum Handelsmann sei er geboren. Es war ihm gar nicht recht,
          als sich vom letzten Dorfe weg zufälligerweise des Hansjoggijakobs Hans Jakob, sein Bürge,
          zu ihm gesellte und in seinen Betrachtungen ihn störte. Derselbe trug sich, wie sich bald
          zeigte, mit anderen Plänen,indem er nach einigen Erörterungen und Umschweifen den Jakob
          anfragte, ob er ihm nicht wollte Bürge sein; er be<pb n="115"/> käme die und die Summe
          Geld, die er nothwendig brauche,auf eine Handschrift, wenn ein solider Mann sich zum
          Bürgen geben wollte. Er habe schon zu ihm kommen wollen,jetzt sei es ihm gerade recht, daß
          er ihn treffe. Er wisse wohl, der Jakob werde ihm's nicht abschlagen, Gefahr sei ja keine
          dabei und ein Dienst sei des andern werth. In Betracht des letzteren Umstandes sagte der
          Jakob mit etwas erzwungener Dienstfertigkeit: „Ja freilich, wohl, warum denn nicht?“ und
          wurde seinem Freunde Bürge.</p>
        <p>Er kam heim und war aufgeregt von Allem, was ihm durch den Kopf gegangen und war nicht so
          redselig wie sonst, wenn er jeweilen von Basel kam, denn er hatte gar viel zu denken, und
          das gieng ihm auch nachher noch nach. Er stand wieder an seinem Stuhl, er webte und
          haspelte Tag für Tag sein Tagewerk ab, aber das Kramlädelein steckte ihm immer im Kopfe;
          und wie er dann nicht anders konnte, nach und nach ließ er auch etwas von dem tönen,was er
          innerlich bewegte. Es sei eigentlich doch nichts mit den Hausleuten, so fieng er fast jede
          Nacht im Bette an,wenn er mit seiner Frau über allerlei noch redete, es sei eigentlich
          nichts mit den Hausleuten; da habe man das Unmuß im Hause, die Sachen werden Einem
          verderbt und am Ende vom Liede kriege man keinen Rappen Zins. Man könne noch froh sein,
          wenn man nicht danz ʒu Schaden <pb n="116"/> komme, er traue denen droben nicht recht, er
          glaube immer,sie haben lange Finger. Das Anneli mußte ihm Recht geben,wenn er so sprach,
          und das machte dem Jakob Muth immer deutlicher mit der Sprache herauszurücken. „Ja,“ sagte
          er eines Abends, als er seine gewohnte Abendunterhaltung wieder begonnen hatte, „ja, es
          ist jetzt ausgemacht, man kündet denen droben auf; auf Martini müssen sie ausziehen.Und
          dann weiß ich schon, was ich mache; dann fängt man etwas Anderes an, das mehr einträgt,
          als solches Gesäme zu beherbergen, wir müssen sehen, wie wir es anstellen, daß wir auch zu
          etwas kommen, es gieng bisher noch immer den Schneckengang, ich werde oft fast wild, wenn
          ich daran denke.“</p>
        <p>Das Anneli, das seinen Mann wohl kannte und wohl merkte, wo solche Reden hinaus wollten,
          hielt es für seine Pflicht, den Jakob zur Zufriedenheit zu ermahnen. Es sei ihm auch nie
          wohl bei seiner Sache, er sei nie zufrieden,wenn es wieder gehe; sofort strebe sein Sinn
          wieder weiter hinaus und wolle er etwas Neues beginnen, das sei nicht gut, bemerkte es
          ihn. Eben das sei gut, meinte aber der Jakob, so müsse ein strebsamer Mann sein; wenn alle
          Leute mit dem Bestehenden wollten sich zufrieden geben, so gäbe es keine Fortschritte in
          der Welt und wir hätten noch Kleider von Feigenblättern und wohnten unter irgend einem </p>
        <pb n="117"/>
        <p>Gebüsche wie weiland Adam und Eva. Man müsse sich aber regen in der Welt und Jeder sei
          selber seines Glückes Schmied, wie er ihm schon oft gesagt. Daß man rührig und thätig sei
          und vorwärts zu kommen strebe, so weit es Einem beschieden sei, entgegnete das Anneli,
          damit sei es ja einverstanden; aber unzufrieden zu sein und zu murren,wenn es nicht gehe,
          wie man gerne wollte, das sei doch gewiß eine Sünde, und es fürchte, er komme wieder in
          einen solchen Mißmuth hinein, wie es auch schon geschehen sei. „In einen Mißmuth, ja, wenn
          Einem Alles wider die Hand ist, was man beginnen will und wenn du noch selber dazu hilfst.
          Eben um den Mißmuth zu verscheuchen,muß jetzt etwas Rechtes angefangen sein, daß es läuft,
          und du darfst mich nicht daran hindern. Wir stellen die Stühle in die obere Stube und
          ziehen hinauf und richten unten einen Kramladen ein; das muß gehen und ist ein
          Goldgrüblein, und der andere Verdienst geht gleichwohl daneben in Einem fort. Es ist mir
          das Alles klar geworden, als ich im Sternen meinen Freund Grubenmann angetroffen habe, der
          auch solch ein Lädelein hält und nun schon ein reicher Mann geworden ist.“ </p>
        <p>So packte endlich der Jakob aus und das Anneli hörte erstaunt ihn an. Es wollte allerlei
          Einwendungen dagegen machen, es hielt ihm vor, daß man nicht gut könne zwei </p>
        <pb n="118"/>
        <p>Herren dienen, daß es gewagt sei, etwas anzufangen, das man nicht verstehe, daß gut sei
          verkaufen, aber schwer sich bezahlt zu machen, und was es sonst noch vorzubringen wußte;
          aber es schlug nicht durch, der Jakob blieb fest auf A Miethleute mußten das Haus räumen,
          die untere Stube wurde zu einem Kramladen mit Schränken und Fächern eingerichtet,Waaren
          wurden eingekauft, und bald prangten an Jakobs Fenstern, das Publikum einladend, ein
          schöner, weißer Schnupftabaktopf und Rauchtabakpäckchen, Schwefelschnitten,Ellenwaaren und
          andere Herrlichkeiten mehr, und unser Jakob war nun auf einmal auch ein glücklicher
          Handelsmann. </p>
        <p>IX.</p>
        <p>Da neu errichtete Geschäft gieng auch gar nicht übel;schon die Neugierde zog dem Jakob
          viele Kunden zu und er hatte sich's auch zum Grundsatze gemacht, an seinen Waaren nicht zu
          viel Profit zu nehmen und lieber viele Kunden zu gewinnen und zu erhalten, denn „viele
          Tröpflein <pb n="145"/> machen den See,“ so dachte er bei sich selbst. Besonders an einem
          Sonntage hatte er den Laden voll Leute und er und seine Frau, beide der neuen
          Beschäftigung noch nicht gewohnt, hatten vollauf zu thun. Da floß Geld, daß es den Jakob
          freute, und die Leute konnten nicht genug sich darüber verwundern, was der Glücksschmied
          für ein glücklicher Mann sei, dem einmal Alles müsse gelingen. Selbst der Müllerklaushans,
          wenn der Jakob am Abend in's Wirthshaus kam und mit ihm zusammentraf, mochte nicht mehr
          ihn hänseln wie einst.</p>
        <p>Die Sache recht besehen, hätte freilich sein Geschäft noch mancher besseren Ordnung und
          Einrichtung bedurft. Der Jakob zahlte zuerst richtig baar alle eingekaufteu Waaren,und das
          war gut und verschaffte ihm bei den Großhändlern Credit. Als sie ihm aber in der Folge
          wirklich Credit schenkten, machte er auch Gebrauch davon und ließ die Rechnungen höher
          auflaufen als manchmal nöthig war. Daheim verkauften bald er, bald die Frau, bald sogar
          eines der älteren Kinder, wie man gerade Zeit fand, und das erlöste Geld wurde getrost in
          die Schieblade gewischt, aus welcher,wenn man des Geldes bedürftig war, je und je auch die
          Hauskasse gespeist wurde. Ein genaues Buch wurde nicht geführt, man nahm sich dazu keine
          Zeit und der Jakob hielt es auch nicht für so nöthig; ob man's aufschreibe oder nicht,<pb n="120"/> was man eingekauft habe, müsse man halt bezahlen, und dafür mache man sich aus
          dem Verkauften bezahlt, und was man dabei gewinne, das habe man im Sacke. Da er nun aber
          doch nicht anders konnte, als er mußte manchmal den Leuten auch etwas auf „Borgs“ geben,
          was undeutlich genug nur auf einem Täafelein angemerkt wurde, so brachte doch das schon
          manche kleine Verwirrung in sein Geschäft;und weil er auch nicht im Sinne behielt, welche
          Einkäufe er noch nicht alle bezahlt und keinen Ueberblick darüber hatte, während täglich
          im Kleinen Geld zufloß, so kam es,daß er sich für reicher hielt, als er in Wirklichkeit
          war und manche Ausgabe sich erlaubte, die er bei genauerer Einsicht in die Sachlage
          vielleicht sich nicht erlaubt hätte. Und daran dachte er gar nicht, in seiner Haushaltung
          und in seinem Geschäfte sich immerhin so einzurichten, daß er im Stande war, auch
          allfällige Einbußen zu ertragen, ohne daß sie ihn über den Haufen werfen konnten. Genug,
          sein Geschäft war eine urgemüthliche Krämerei, die auch seinen Kindern wohlgefiel, die nun
          immer etwas Gutes in den Mund zu stoßen fanden und bisweilen sogar auch etwas Geld wußten
          zu gewinnen. So gieng es längere Zeit, wie der Jakob meinte und wohl auch rühmte,
          prächtig; es kam ihn leichter an, den Zins, den er zu bezahlen hatte, zu entrichten, und
          wenn er auch nicht,<pb n="121"/> wie er gehofft hatte, ein Bedeutendes schon im ersten
          Jahre erübrigen und dadurch seine Schuld leichter machen konnte,so tröstete er sich damit,
          daß aller Anfang schwer und Rom auch nicht an Einem Tage erbaut worden sei. </p>
        <p>Aber während er so sicher und getrost einhergieng und den Himmel voll Baßgeigen meinte
          hangen zu sehen, zogen drohende, schwere Wetter sich über seinem Haupte zusammen.Traf ihn
          nicht an einem schönen Morgen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Nachricht, des
          Hansjoggijakobs Hansjakob, woran kein Mensch gedacht hatte, habe sich als zahlungsunfähig
          erklärt? „Das kann nicht sein und das ist nicht möglich,“ sagte sich der Jakob, weil man
          gerne sich ausredet, was man nicht gerne glaubt; denn er war ja dem Hansjakob Bürge und
          der Hansjakob ihm auch. Es war aber nur zu wahr. Als jener Freund die Handschrift machen
          ließ, wobei er den Jakob zum Bürgen wußte zu gewinnen,pfiff er schon aus dem letzten Loche
          und der Jakob hatte die Unklugheit begangen, sich nicht. vorerst über dessen Stand genauer
          zu erkundigen; jetzt konnte er die sechshundert Franken, wofür er gut gestanden hatte, aus
          seinem eigenen Sacke bezahlen. O, wie ihn das wurmte, wie er nun wieder verdüstert wurde
          in seinem Gemüthe! „Muß denn das Wetter mir auch in Alles einschlagen, muß denn mit Gewalt
          mir auch Alles zum Kukuk gehn! Es ist eine ver<pb n="122"/> maledeite Geschichte und“ wir
          wollen nicht hinschreiben,was er Alles in seinem Sorne sprach.</p>
        <p>Er hatte genug zu thun, bis er die sechshundert Franken beisammen hatte, und wer die
          Verwünschungen gehört hätte,die daran klebten, der hätte sich ihres Besitzes nie
          gefreut.Aber es war an dem für unsern armen Jakob noch nicht genug. Der Hansjakob war auch
          ihm Bürge gewesen, wie wir wissen, und konnte als solcher nun nicht mehr gelten,weil an
          ihm nun nichts mehr zu suchen war. „Jakob,“sagte darum der Präasident, fein Creditor, zu
          ihm, als sie nach der amtlichen Versteigerung von Hansjakobs Liegenschaften noch in „der
          Sonne“ beisammen saßen und ein Schöpplein tranken, „es ist mir leid, du dauerst mich, daß
          es dir so ergangen ist, aber ich muß dir doch sagen: du mußt dich nach einem andern und
          recht soliden Bürgen umsehen,sonst könnte ich nicht anders, ich müßte dir das Kapital
          künden; weißt du nicht, wen du finden könntest, wäre dein Schwäher nicht bereit? Der wäre
          mir schon gut, aber weißt du, mit so Einem, wie du da gehabt hast, ist mir nicht gedient,
          das wirst du begreifen. Ich meine dich ja gut und will dich nicht drängen, aber zu meiner
          Sache muß ich doch auch sehen. Mache, daß es vorwärts geht!“</p>
        <p>Der Präsident hatte das Alles theils aus Schonung für den Jakob, theils im eigenen
          Interesse nur leise gesprochen,<pb n="123"/> und, wie sie denn einander gegenüber saßen,
          sich über den Tisch gelehnt und es dem Jakob in das Ohr geraunt. Aber der Müllerklaushans,
          der auch zugegen war und nahe beim Präsidenten saß, so grobgliederig er sonst war, hatte
          doch feine Ohren, wenn er gerne etwas hören wollte, und diesmal hatte er sie ganz
          besonders gespitzt. Während der Präsident und der Jakob, ohne ihn zu beachten, jedoch mit
          Vorsicht sich unterhielten, war der verschmitzte Bauer ganz Auge und Ohr, schnappte Alles
          auf, was verhandelt wurde und machte seine stillen Betrachtungen dazu. Dann aber, als der
          Präsident und der Jakob ihre stille Unterredung beendiget hatten, und über allerlei
          Gleichgültiges lauter anfiengen mit einander zu sprechen, mischte er sich auch in das
          Gespräch. „Jä,“ sagte er, „den Hansjakob hat's geputzt,warum will man mehr sein, als man
          ist und man kann?Der könnte noch lange bei seinem Sächlein sein, wenn er hätte nachsehen
          wollen. Was wollen doch die armen Schlucker,bei Gott! die da meinen die rechten Bauern
          können hinunterzuthun, wenn sie einander helfen, wo doch Keiner was hat. Da heißt es dann,
          wie man es heute sieht und noch oft sehen wird:</p>
        <p>„Der Lali isch mer schuldig Und ig im Lali au;</p>
        <p>Der Lali sett mi zahle Und i der Lali au.“ </p>
        <pb n="124"/>
        <p>Hatte der schwere Schlag, den er erlitten, und die Mittheilung des Präsidenten dazu den
          Jakob recht hinabgestimmt, so reizte der Hohn, der in diesen Worten des stolzen Bauers
          lag, ihn fast zur Wuth, zumal da auch der Präsident auf den Stockzähnen lächelnd bemerkte:
          „So geht es, wer den Schaden hat, braucht nicht für die Schande zu sorgen.“ Er trank
          hastig seinen Wein und entfernte sich, weil er nicht dafür hätte gutstehen können, daß
          nicht bei längerem Verweilen es noch tüchtig Händel abgesetzt hätte. Auf dem Heimwege aber
          machte er laut seiner Stimmung Luft.„Muß denn mir das Wetter auch Alles zerschlagen, muß
          denn mit des Teufels Gewalt mir Alles zu Grunde gehen?Und du, Präsidentli, konntest mir
          immer reden wie ein Engel, und es steckt am Ende doch auch dir der Böse im Leib.“ So
          sprach er vor sich hin, und er war recht im Zuge nicht nur die ganze Welt anzuklagen,
          sondern auch zu hadern mit Gott, der ihm nichts wolle lassen gelingen. </p>
        <p>Das Anneli und die Kinder hatten um ihn einen bösen Stand, er war so verstört und so
          unleidlich, daß sie nicht wußten, wie sie sollten thun und ihnen das Leben recht sauer
          wurde. So laßt Mancher arme Unschuldige es entgelten, was ein Anderer oder was vielleicht
          er selber verschuldet hat und macht das Uebel und seine Schuld dadurch nur um so größer.
          Freilich war es für den Jakob bei dem </p>
        <pb n="125"/>
        <p>Stande seiner Sachen kein Leichtes, sich von dem doppelten Schlage zu erholen und
          besonders wußte er lange nicht den Bürgen zu finden, den er bald stellen mußte, wenn ihm
          nicht sein Kapital gekündet werden sollte. Und dann, als ob der Wind die Kunde von seinen
          Mißgeschicken weitergetragen hätte, erhielt er auch bald von seinen Lieferanten Briefe,die
          ihn freundlich zur Bezahlung seiner Rechnungen mahnten.Er kam fast nicht zu sich selber,
          so hatte er zu sinnen und zu rathen, wie er dem Allem begegnen sollte, und er versuchte
          manche Kunst, die er in seinem bisherigen Geschäftsleben noch wenig geübt hatte. So wurde
          es z. B. nun sein Brauch, daß er an einem Orte eine Schuld abtrug, um dort den Credit zu
          behalten und dafür an einem andern Orte, um jene bezahlen zu können, eine neue und zwar
          immer ein wenig größere contrahierte. Er wußte sich zwar wieder zu helfen und zu halten,
          aber die Leute munkelten,es müsse beim Glücksschmied doch nicht Alles richtig sein,er
          fange an, seine Sache von einem Nägelein an das andere zu hängen, das sei die rechte Art. </p>
        <p>Nach und nach wuchs aber dem Jakob trotz dem Allem wieder der Muth; er sann auf neue
          Mittel sein Geschäft auszudehnen und sein Einkommen zu mehren, damit er desto schneller
          sich von seinen Schlappen erhole und zum gewünschten Ziele gelange, und er setzte jetzt
          in's Werk,<pb n="126"/> was ihm schon lange im Kopfe gesteckt hatte. Ein Wirthschäftli, o,
          ein Wirthschäftli, in Verbindung mit seinem Kramladen, war das nicht etwas Prächtiges und
          war sein Haus nicht wie dazu gemacht? Seine untere Stube war für den Laden nur zu groß,
          der hatte gut im Nebenzimmer Platz, die Stube selber aber gab ein prächtiges
          Wirthslokal.Wenn er guten Wein halte, und die Leute freundlich bediene,so könne er immer
          auf Gäste rechnen, und Mancher, der nur in den Kramladen gekommen wäre, nehme bei der
          Gelegenheit Schanden halber ein Schöpplein mit. Und das Alles koste ihn weder mehr Zeit
          noch mehr Geld, und was er dabei verdiene, sei so viel wie gefundenes Geld.Es habe es in
          der Welt doch Niemand besser als die Wirthe, drum werden sie auch alle so fett. Ja, ein
          Wirthschäftli, o, ein Wirthschäftli, das wäre sein Glück und das müsse unbedingt ihm noch
          sein, am Neujahr schon müsse es aufgethan werden.</p>
        <p>Das Anneli, dem er diese Gedanken mittheilte und das er mit aller Kunst seiner
          Beredtsamkeit zu überzeugen und zu gewinnen suchte, wollte zwar nichts davon wissen. Dazu
          gebe es nie und nimmer seine Zustimmung, erklärte es fest,und eher laufe es daraus, als
          daß es das leiden wollte.Er solle nur bedenken, wie viel Unruhe man habe in einer
          Wirthschaft, wo man einem einzigen Gaste oft bis gegen </p>
        <pb n="127"/>
        <p>Mitternacht abwarten müsse, und was die Kinder da Gutes würden lernen, und es wollte ihm
          noch etwas vorhalten, unterdrückte es aber wieder. Aber der Jakob war eben der Jakob; wenn
          er etwas im Kopfe hatte, so reizte ihn jeder Widerspruch und jeder auch noch so
          wohlgemeinte Widerstand. Er war oft recht unartig und kränkte beständig seine Frau mit
          giftigen Bemerkungen, bis sie endlich maßleidig ihm sagte: „He, so mache doch, was du
          willst!“ Und der Jakob machte, was er wollte. Der Zimmerfried, mit dem er sich wieder
          ausgesöhnt hatte, verfertigte ihm eilends ein paar Tische und Banke nebst einem einfachen
          Büffet, auf welchem um einen Schwenkkessel herum das Glasgeschirr prangen sollte, und der
          Weinhändler Schwank versorgte seinen Keller mit Wein; das Patent wurde gelössst und alles
          Uebrige in's Reine gebracht. In die stille kalte Winternacht hinaus tönten vom Kirchthurme
          herab die Schläge der letzten Stunde des Jahres und von Neuem begann ihren Kreislauf die
          wandelbare Zeit. Todtenstille lag auf den schneebedeckten Wiesen und Feldern und auf dem
          dunklen Wald, aber im Dorfe schimmerte da und dort durch ein Fenster noch ein Licht, und
          auf der Gasse ward hie und da eine Stimme laut. Es feierten die Menschen in verschiedener
          Weise den Uebergang aus dem alten in das neue Jahr. Im stillen Kämmerlein <pb/>ot 19 5 saß
          wohl noch ob seiner Bibel und seinem Gesangbuche ein betagter, ernster Mann, ein frommes
          Mütterlein; und als sähen sie den Strom der Zeiten dahinfahren, war es ihnen, wenn sie
          sangen:„Abermal ein Jahr verflossen Näher zu der Ewigkeit!</p>
        <p>Wie ein Pfeil wird abgeschossen,So vergehet unsre Zeit,“aber auch, als hätten sie schon
          sie gefunden, die ewig bleibende Ruhestatt, wandelte es sie an, wenn sie lasen: „Herr
          Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge geworden und die Erde und
          die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ In der trauten
          warmen Wohnstube war etwa auch eine friedliche Familie bei bescheidenem Mahle um den Tisch
          versammelt und ließ in vertraulichem Gespräche die Vergangenheit mit ihren Freuden und mit
          ihren Leiden an der Erinnerung vorüberziehen. Aber bei Wein und Brandiwein saßen an
          anderen Orten in später Stunde noch alte Spießgesellen,im wilden Rausche der Lust die
          ernsten Mahnungen der Ewigkeit zu überhören und zu betäuben ihres Innern bitteres Weh. </p>
        <p>Jakobs Wohnstube, nun zur Wirthsstube eingerichtet, war helle erleuchtet; mit dem letzten
          Schlage der Glocke öffnete <pb n="129"/> sich seine Hausthüre. Frohe, lärmende Gäste zogen
          ein und füllten bald den bescheidenen Raum, der nun zu seiner künftigen Bestimmung
          eingeweiht werden sollte. Aus dem großen, steinernen Kruge, den der Jakob im Keller je und
          je wieder füllte, wurde der Wein ausgeschenkt, laut klirrten die Gläser, rauh ertönten die
          Stimmen beim lauten Gespräche und beim wenig melodischen Gesang. Bis der Morgen graute,
          wurde gezecht und gelärmt und steckte vergnügt der Jakob die erlösten Batzen ein, wiewohl
          er auch nicht unterließ,bei dem Anlasse seinen Gästen ein paar Maaß zum Besten zu geben.
          Die Neujahrsmorgenstunden wiedmete man endlich der Rhhe, um am Nachmittag und bis in die
          Nacht mit erneuter Kraft die begonnene Arbeit fortzusetzen, wobei es auch schließlich, um
          recht der Sache den Bogen zu geben,an tüchtigen Händeln nicht fehlte. </p>
        <p>So war nun der Jakob auch ein Pintenwirth und mochte vergnügt über gute Losung rühmen.
          Nicht so vergnügt sah seine Frau dieser Wendung der Dinge zu, da ohnedieß ihr das Wirthen
          ein Aergerniß war. Es konnte sie auch nur mit Besorgniß erfüllen, wenn sie sah, wie der
          Jakob oft mehr drunten war bei den Gästen, als oben an seinem Stuhl und wie er gar oft
          auch ein Schöppchen sich holte,um einem Gaste Gesellschaft zu leisten und ihm eins
          Bescheid zu thun. Man müsse das machen, uicine er, sonst <pb n="130"/>verscheuche man die
          Leute. Auch wollte er es nicht unterlassen, ofter den anderen beiden Wirthen einen Besuch
          zu machen, um gute Freundschaft zu erhalten und zu bewirken,daß sie auch ihn wieder
          beehrten mit ihrem Besuche. Ein lustiges Leben, ein leichter Verdienst ward ihm nun, wie
          er gewünscht hatte, zu Theil. Was kümmerte es ihn, daß sein hochbetagter Vater und sein
          Schwäher sich immer mehr von ihm zurückzogen; „ich muß mir doch selber helfen,“so brüstete
          er sich, ,‚und ich kann und werde es auch thun!“ </p>
        <p>Doch, in den ungestörten Gang des Lebens brechen oft unerwartete Ereignisse herein und
          halten die muthigen Schritte auf. Als feindliche Mächte verwünschen sie die Einen, die
          Anderen, aber wie Wenige oft, nehmen sie als warnende und mahnende Boten des Friedens auf.
          Eine Zeitlang gieng dem Jakob Alles nach Wunsch, und mit Wohlgefallen blickte er oft auf
          seine Kinder mit dem stolzen Gefühle, daß er es sei, der mit seiner Mühe und Arbeit ihnen
          eine glückliche Zukunft erringe, und mit der stillen Hoffnung, daß nun bald sie selber
          auch könnten mitbauen helfen an seinem zeitlichen Glücke. Die Gedanken, daß weit mehr als
          der betrügerische und vergängliche Reichthum, den er ihnen einst hinterlassen wollte, für
          die Seinen werth seien die bleibenden und gesegneten Eindrücke einer frommen Erziehung,
          die er bei seinem Jagen nach irdischem Gute <pb n="131"/> fast ganz versäumte, wurden bei
          ihm immer seltener. Die Kinder müßten gelehrt und zum Guten angehalten und recht
          unterwiesen werden, das sei auch sein Grundsatz, so äußerte er sich gelegentlich; aber das
          sei die Sache des Pfarrers und des Schulmeisters, die seien dafür bezahlt; ein Mann aber,
          wie zum Exempel er einer sei, der könne damit sich nicht befassen, der müsse eben denken
          an sein Geschäft und demselben obliegen. ¶</p>
        <p>Da wurde sein Erstgeborener, der Jakobli, krank, er bekam die Blattern, welche Krankheit
          damals sehr bösartig auftrat im Dorfe. Der Knabe war immer des Vaters Augapfel gewesen und
          auch mit besonderer Liebe stets an ihm gehangen. Der Alte brauchte nur mit den Augen zu
          winken, so verstand ihn das Söhnlein schon und lief in einem Feuer zu thun, was jener
          wollte. Er konnte wirklich schon mancherlei helfen und that es mit Lust. „Das ist ein
          Tausendskerl,“ rühmte der Jakob oft mit stolzem Bewußtsein; „der versteht's, wenn man nur
          winkt, und weiß Alles schon anzuschicken, das hat er eben von mir.“ </p>
        <p>Er war auch zuerst ganz unbesorgt, als der Knabe erkrankte. Wenn das Anneli ängstlich war
          und im Stillen weinte ob dem Gedanken, es könnte möglicherweise das Kind verlieren, so
          konnte er sagen: „Ach, was kannst du dich auch aufhalten und thun, als wäre Alles
          verloren!</p>
        <pb n="132"/>
        <p>Es haben viele Tausende die Blattern schon gehabt und leben noch, und der Knabe ist stark
          und gesund um's Herz,der überhaut es schon.“ Aber nach wenigen Tagen schon wurde seine
          Zuversicht gewaltig erschüttert, denn die Krankheit erreichte den höchsten Grad, der Knabe
          lag beständig im Fieber und der Arzt zuckte bedenklich die Achseln, wenn man ihn fragte,
          was er meine. Da giengeun dem Jakob erst die Augen auf und die Angst ergriff auch sein
          Herz.O, wie oft stand er am Bette und rief seinem holden Knaben: „Jakobli, lieber Jakobli,
          kennst du mich denn nicht mehr, willst du zu deinem Vater nichts sagen?“ Aber das Kind gab
          ihm keine klare Antwort; nur etwa: „Siehst du die bösen Mannen? o, wie thun sie so wüst!
          jetzt nehmen sie unsern Wein halte sie! sie tragen Alles fort die Mannen, die Mannen!“ so
          sprach es etwa in seinen Fieberträumen, in denen sich Manches abspiegelte, was es in der
          letzten Zeit gesehen. Und dann konnte der Knabe etwa wieder rufen: „Ich will heim, o, laßt
          mich doch, ich will heim, heim!“ </p>
        <p>„O, er will heim,“ seufzte das Anneli dann, „a heim,wo keine bosen Mannen mehr sind; ach,
          Gott und Herr,wir müssen das Kind verlieren!“ Und was es als Befürchtung aussprach,
          geschah; wie ein loderndes Feuer verzehrte die Krankheit auch die letzte Kraft des sonst
          so starken </p>
        <pb n="133"/>
        <p>Knaben, wie ein Lichtlein löschte er aus und hingewelkt, eine blaße, kalte Leiche, lag
          fie da, dieser Eltern erste Freude und die schönste Hoffnung ihres Lebens, auf die sie so
          viel gebaut.“</p>
        <p>Das Anneli trug das herbe Leid mit stillem Schmerz,es hatte, mehr als der Jakob ahnte,
          dulden gelernt; aber der Jakob kannte sich nicht.“ Wie ein plötzlich losbrechender wilder
          Sturm über eine Gegend fährt und alles Bewegliche mit sich fortreißt, daß grausig
          durcheinander in den Lüften es wirbelt, und wie er auch an dem Festesten rüttelt, als
          sollte Alles aus den Fugen gehoben sein, so wühlte das,was er jetzt erleben mußte, Jakobs
          Innerstes auf und es war ihm nicht möglich, sich selbst zu beherrschen. Jetzt machte er
          sich die bittersten Vorwürfe, daß er nur an Geld und Gut gedacht und das schönste Gut, das
          ihm Gott geschenkt, seine Kinder, und vor Allem den Jakobli nicht lieb genug gehabt und um
          des Erwerbes willen so oft ihn versäumt habe; und wie die Stimme eines guten Geistes klang
          es in ihm: „Nun, so wende jetzt deine Liebe, deine Sorgfalt und Treue deinem Weib und den
          andern Kindern zu!Laß willig fahren, was Gott von dir fordert, und freue dich in Glauben
          und Hoffnung eines freudigen Wiedersehns droben bei dem Herrn.“ Aber wie schwarze Geister
          aus dem Abgrunde tauchten dann wieder arge Gedanken in ihm <pb n="134"/> auf, voll
          Verbitterung, Grimm und Zorn. „Was ist doch dieß Leben; wofür ist man auch da? Da lebet,
          webet und strebt man; aus dunkeln Anfängen tritt Einem näher und näher ein bestimmtes und
          gewisses Ziel; man verfolgt es,man arbeitet, man ringt und kämpft um es zu erreichen,und
          da kommt solch ein Schlag, und Alles, Alles ist dahin, und wieder umsonst ist Alles, was
          man gethan und gelitten hat. </p>
        <p>Sein Vater kam, seine Verwandten kamen, aller Feindschaft vergessend, den Jakob in seinem
          Leide zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen, es beherrschte ihn ein wahrer
          Eigensinn, gegen alle Trostgründe beharrlich sein Herz zu verschließen. „Und der Jakobli
          ist hin, meine einzige Freude und Hoffnung, die ich noch hatte; er ist hin und ich habe an
          nichts mehr Freude und zu nichts mehr Lust. Warum mußte er sterben? Wenn es einen
          gerechten Gott giebt, warum ließ er das geschehen? Ich kann bald an nichts mehr glauben,
          nein!“ So äußerte sich Jakob in seinem verzweifelten Schmerze! „Aber Jakob, Jakob“
          antwortete ihm der Vater und erhob warnend den Finger, „Jakob, Jakob, wie bist du? Redest
          du auch wie ein vernünftiger Mann und warst doch einst so fest und so stolz? Jakob, nimm
          dich in Acht, ich bitte dich,versündige dich nicht!“ Finster und verschlossen hörte der </p>
        <pb n="105"/>
        <p>Jakob schweigend ihn an und schloß verblendet und verfinstert sein Herz den Stimmen der
          Wahrheit zu. 5 </p>
        <p>X.</p>
        <p>Vrufungen nennen wir die Mißgeschicke, Leiden und Trübsale, die in unserem Pilgerlaufe
          uns treffen, und gäbe es wohl für dieselben ein bezeichnenderes Wort als dieses?Ja wohl,
          Prüfungen sind sie, die wie sonst nichts an das Licht hervorbringen, was im tiefsten
          Grunde des Herzens verborgen war, Prüfungen, die unerbittlich alle Spreu des Dünkels und
          eitlen Wahnes scheiden von dem Golde einer reinen Gesinnung und eines aufrichtigen Wandels
          vor Gott.Sie sind darum jederzeit auch Entscheidungen, die oft mit gewaltigem Anstoße den
          Lebensschicksalen eine neue Wendung und dem ganzen Lebenslauf eine andere Richtung geben.
          Da kommt es darauf an, ob Glaube, Hoffnung und Liebe dem Anläufen Stand zu halten vermögen
          oder nicht; ob aus dem Dunkel, das sie umfängt, die Seele gottergeben und gottvertrauend
          sich wieder hindurchringt zum <pb/>ILo </p>
        <p>Licht, oder ob sie glaubens- und hoffnungslos hinabsinkt in immer tiefere Nacht.Der Jakob
          schien auf dem letzteren schlimmeren Wege zu sein, ohne es an sich selber zu merken. Der
          Schmerz über den Verlust seines Kindes bohrte sich inmer tiefer in sein Herz hinein, ohne
          daß er dagegen sich männlich wehrte; seine Wehmuth verwandelte sich oft in bittern Hohn.
          So, als sein Vater ihn noch einmal trösten wollte, als er ihm von den Zeiten der
          Erquickung sprach, die auf die Leidensstunden etwa wieder folgen, da entgegnete ihm bitter
          der Sohn: „Ja wohl, schöne Erquickungszeiten, Ihr habt lange gut reden;bei mir geht's
          immer, je länger, je schlimmer, ich lasse am Ende Alles gehen, wie es geht.
          Erquickungszeiten? pa;wenn man abgeschunden, abgehärmt, zusammengeschrumpft und verdumpft
          ist, dann wollen sie vielleicht kommen, aber nicht, wenn man sie nöthig hätte in dieser
          verkehrten Welt.Laßt mich gehen und verschont mich mit derartigen Vorstellungen; sie
          nützen mir nichts.“</p>
        <p>Ein so großer an Verzweiflung grenzender Mißmuth hatte sich der Seele Jakobs bemächtigt,
          und doch hätte gerade jetzt er sollen gegen neue Gefahren gewappnet und gerüstet sein.
          Denn ein Unglück kommt ja gewöhnlich nie allein;als wären alle feindlichen Mächte
          miteinander im Bunde,so greifen Unglück und Mißgeschick oft von allen Seiten </p>
        <p><pb n="137"/> einen Menschen an; und der klarsten Geistesgegenwart, des festesten Muthes
          bedarf es alsdann, ihnen ritterlich zu begegnen. Ein dumpfes Brüten, eine trotzige
          Resignation führen darum oft weit, weit ab vom Ziel. </p>
        <p>Die mancherlei ökonomischen Verlegenheiten, in denen der Jakob sich öfters befand, hatte
          er immer wieder zu verkleistern gewußt, zu heilen hatte er sie freilich noch nicht
          vermocht, obgleich er schon mehrmals, was wir bisher noch nicht erwähnt haben, zu
          freiwilligen Versteigerungen, bald von Liegenschaften, bald von beweglichem Gute seine
          Zuflucht genommen hatte, was ihm ein bewährtes Mittel zu sein schien. Da wurde ihm aber
          nicht lange nach dem Tode seines Knaben in Folge eines Todesfalles das Kapital gekündet,
          das er auf sein bestes Land aufgenommen hatte.Er hoffte mit leichter Mühe an einem andern
          Orte das Geld wieder bekommen zu können; aber weder der Herr Silberbringer noch der Herr
          Präsident waren dieses Mal geneigt, sich herbeizulassen; unter allerlei Vorwänden und
          Entschuldigungen schlugen sie es ihm ab. Nicht besser ergieng es ihm an mehreren anderen
          Orten, wohin er sich auch gewendet hatte. Das Land nämlich, das er seiner Zeit sehr theuer
          gekauft hatte, war bisher, wie überhaupt alles Land in Schönenwyl, im Werthe sehr
          gesunken, was freilich auch kein gutes Zeichen für die Gemeinde selber war, und es <pb n="138"/> war nicht mehr möglich, darauf so viel zu erhalten wie ehedem. Es hatten in
          jenen Zeiten, da Jakob anfieng, auch andere Bürger seiner Gemeinde zu viel gewagt, hatten
          in einen zu großen Eifer sich jagen lassen und einander selbst überboten; jetzt trat ein
          unvermeidlicher Rüͤckschlag ein,der Manchen in Verlegenheit setzte. Es half nichts, daß
          DDD schimpfte: „Der Acker ist doch so und so viel werth, denn das und noch mehr hat er
          mich einst gekostet; ist es nicht ein Druck und ein Wucher, daß man Einem nichts mehr
          darauf geben will?“ Die Sachen standen nun einmal so. Aber an dem war es noch nicht genug.
          Eine andere und zwar ziemlich bedeutende Zahlung hätte nothwendig auch noch gemacht werden
          sollen, und der Jakob, der Alles miteinander verbinden und um so viel mehr, als diese
          Zahlung betrug,auf sein Land aufnehmen zu können gehofft hatte, war nun in doppelter
          Verlegenheit.</p>
        <p>Endlich ließ sich doch der Herr Silberbringer herbei, wenn Jakobs Frau als
          Mitschuldnerinn in dem Sinne sich unterzeichne, daß sie in dem zu errichtenden Titel zu
          Gunsten des Creditors, falls es nöthig sein sollte, auf ihr zu erwartendes Erbtheil
          verzichte, so wolle er dem Jakob entsprechen,wiewohl, er thue es nicht gerne. Dem Jakob
          war das zwar eine harte Nuß, zumal da er hatte reich werden wollen <pb/>E </p>
        <p>0 ohne Hülfe seiner Frau, aber Noth bricht Eisen und er nahm sich vor, auch diese harte
          Nuß, weil es sein mußte,zu knacken.</p>
        <p>Er wußte zwar nicht recht, wie er das Geschäft einleiten sollte; lange gieng er um die
          Sache herum wie die Katze um den heißen Brei, und rückte nur allmälig mit seiner
          Angelegenheit heraus. Das Anneli, wiewohl es von den Künsten seines Mannes wenig verstand
          und sich auch jetzt blaue Dünste mußte vormachen lassen: die Sache habe eigentlich nichts
          auf sich, es sei bloß der Form wegen, weil der Herr Silberbringer es nun einmal so wolle,
          merkte doch,daß es sich um etwas Wichtiges handle und bat sich Bedenkzeit aus. In dieser
          Zeit aber berieth es heimlich seine Eltern und theilte ihnen mit, so viel es von der Sache
          wußte und verstand. „Daß du aber das nie und nimmer thust und gehe es jetzt, wie es
          wolle,“ so verdeutete ihm sein Vater. „Weißt du, was das bedeuten soll? Daß du dein
          Sächlein auch noch hergeben solltest, nachdem dein Mann euer Sächlein den Klauen
          geldgieriger Wucherer überliefert hat. Das und nichts anderes hat dieß zu bedeuten.
          Unterstehe dich nicht und mache einen solchen dummen Streich,oder du brauchst nachher,
          wenn du im Elend bist, dich nicht mehr bei uns zu melden.“ </p>
        <p>O welch eine Zeit der Noth und der Drangsal gieng jetzt <pb n="140"/> für das Anneli an.
          Schon die Auslegung, die sein Vater zu Jakobs Begehren gemacht hatte, wäre genug gewesen,
          es tief in Kummer zu setzen. Aber das war noch nicht das Geringste; weit schrecklicher war
          der Kampf, den es nun zu bestehen hatte mit seinem Manne, wo es schwankend zwischen dem
          Drange der Liebe und der Pflicht besonnener Selbsterhaltung stand. Und dieser Kampf war um
          so schwerer, als ihm gewiß war, durch beharrliche Weigerung auch seinem Manne für die
          Zukunft noch etwas zu erhalten, das ihm sonst müßte verloren gehen. Als nach der
          ausbedungenen Bedenkzeit der Jakob wieder in seine Frau drang,erklärte sie ihm bestimmt,
          daß sie sich nicht unterschreiben werde; der Jakob mochte wohl merken, woher es kam.Er
          fieng aber jeden Tag, ja fast jede Stunde, wieder davon an und legte sich zuerst auf
          demüthiges, inständiges Bitten.„Aber Anneli,“ sagte er, „und du kannst so sein gegen
          mich,kannst zugeben, daß ich soll in Verlegenheit und Schande kommen? War ich denn
          schlecht gegen dich; habe ich gelumpet und muthwillig dich um dein Sächlein gebracht,sage,
          habe ich das um dich verdient?“ So und auf ähnliche Weise bestürmte er seine Frau, oft mit
          Thränen in den Augen, und das arme Anneli konnte ihm fast nicht widerstehen. Schon hatte
          es einmal halb seine Bereitwilligkeit <pb n="141"/> erklärt, aber seine Leute versäumten
          nun auch nichts, es ja recht im beharrlichen Widerstande zu bestärken.</p>
        <p>Als Alles nichts half und doch die Angelegenheit drängte und keinen Verzug mehr erlitt,
          da verwandelte sich, wie das schon oftmals geschehen, das Bitten in Fordern und die Demuth
          in Trotz. Der Jakob wurde zudringlicher,und als das Bitten nichts nützte, fieng er barsch
          an von seiner Frau zu verlangen, was er begehrte; er sei ihr Mann und sie habe ihm und
          nicht ihren Leuten zu folgen, so sagte er ihr eines Abends, als es sich wieder um das
          Unterschreiben handelte. Da regte sich aber auch im Anneli, das DD„Und ich will sehen, ob
          du mich zwingen kannst und mit mir machen, was du willst,“ so gab es ihm zurück. Und ein
          Wort gab das andere, und es kam zu einem Ehestreit,wie Jakobs Haus bisher noch keinen
          gesehen. Sprang nicht der Jakob auf und hielt wüthend seiner Frau die Faust vor das
          Gesicht. „Ja, schlage mich nur, schlage nur zu,das fehlte noch!“ rief sie ihn an, und die
          Kinder, schüchtern und verstört in eine Ecke sich duckend, fiengen laut an zu weinen. „Und
          du unterschreibst nicht?“ rief er zornentvrannt. „Nein, ich unterschreibe nicht, nein,“
          war die Antwort. Da kannte der Jakob sich nicht mehr; zwar zog er die schon erhobene Hand
          zurück und schlug nicht, aber heftig faßte <pb n="142"/> er seine Frau, die er vor Zeiten
          liebkosend in seinen Armen gewiegt hatte, an, schüttelte sie unbarmherzig und stieß sie
          endlich zur Thüre hinaus. „Da lauf zu deinen Leuten,du Hexe, und halte es mit ihnen und
          laß deinen Mann im Stich!“ so rief er ihr nach und schlug gewaltig die Thüre zu. </p>
        <p>Je inniger, zarter und heiliger die Bande sind, die Menschen mit Menschen verknüpfen,
          desto schlimmer, desto schwerer zu heilen ist jeglicher Riß, der in dieselben gemacht
          wird;und je längere Zeit vergeht, ehe sich das Getrennte wieder nähert, desto weniger fügt
          es sich mehr recht zusammen.Liegt darin nicht eine wesentliche Ursache so manches
          unheilvoll aufgelössten Ehebunds?</p>
        <p>Dem Anneli zersprengte es fast das Herz. Weinend und schluchzend schlich es in die obere
          Stube, wo die zwei Kleinsten schon schliefen, während der Jakob fortgieng, an einem
          anderen Orte auf seinen Zorn eins zu trinken. Es empfahl die zwei älteren Kinder, das
          Bethli und den Friedli, der Obhut der Magd, die mit ihm weinte, hüllte die Kleineren in
          ihr Bett und zog wie eine Verstoßene zu den Seinigen,den Schutz bei ihnen zu suchen, den
          es im eigenen Hause nicht fand. „Wo ist sie, die Alte?“ fragte der Jakob beim
          Nachhausekommen die Magd, und als er den Bescheid erhielt, sie sei heimgegangen, sagte er
          höhnisch, „o,<pb n="143"/> so soll sie doch laufen in den Winkel hinauf, wenn es ihr dort
          besser gefällt, ich hole sie nicht!“</p>
        <p>Im Grunde war es ihm doch nicht so sehr Ernst, wie er den Schein haben wollte, es wäre
          ihm lieber gewesen,es wäre so weit nicht gekommen; aber sein Stolz litt es nicht, daß er
          zu seiner Frau gieng und Abbitte that und,wenn sie kommen wollte, sie liebreich wieder
          heimholte in sein Haus. Das Anneli seinerseits konnte es auch fast nicht ausstehen, so von
          seinen Kindern getrennt zu sein; hatte es doch kaum mit seinen Kleineren im väterlichen
          Hause Platz und mußte ohnedies sein Bett auf dem Boden sich zurecht machen; aber, so, wie
          es war zum Hause hinausgestoßen worden, wollte. es nicht wieder zurückkehren, bevor sein
          Mann es wieder heiße kommen; das Bethli und der Friedli kamen jeweilen während des Tages
          nach der Schule zu ihm und konnten ihm etwa auch berichten, was daheim vorgieng und wie es
          stand.</p>
        <p>Der Jakob wußte nun zwar, wir wissen nicht wie?endlich auch ohne Annelis Unterschrift
          sich wieder zu helfen und rühmte es gewissen Leuten, so daß es seiner Frau zu Ohren kommen
          mußte; aber in seinem Hause sah es kraus aus und überall fehlte die liebevoll ordnende
          Hand der Frau.Das verbitterte aber den Jakob nur um so mehr und er faßte einen wahren
          Groll in sein Herz gegen die, die ihn <pb n="144"/> so treulos verlassen habe, nicht
          bedenkend, daß er sie fortgeschickt, ja fortgejagt hatte. Je inniger er fie einst geliebt
          hatte, je bitterer war er jetzt gegen sie gestimmt; und Alles,was sie ihm im Leben je in
          den Weg gelegt, Alles, was ihm nicht ganz recht geschienen hatte an ihr, wurde jetzt von
          ihm als eine längst in ihr gehegte Feindschaft gegen ihn ausgelegt,der es doch sonst so
          gut mit ihr gemeint, so viel ihr zu Gefallen gethan habe. Daneben merkte er wohl, daß es
          in seiner Posamenterei, in seinem Geschäfte, in seiner Wirthschaft, in seiner Haushaltung
          hümpelte; aber wer war wiederum nach seiner Meinung an dem Allem schuld, wer anders als
          seine Frau, zu deren Gunsten er so viel unternommen habe? O, er wußte sich manchmal nicht
          zu helfen vor Betrübniß und Aerger und glaubte dann nichts Besseres thun zu können, als
          sich eine Flasche im Keller zu holen und im Glase den Kummer seines Herzens zu ersäufen;
          zum Insichgehen und Beten war er gar nicht mehr aufgelegt.Dazu kam, daß es Leute gab,
          welche eine Frende daran hatten, das in Jakobs Hause ausgebrochene Feuer zu schüren, statt
          es zu dämpfen, besonders da sie sahen, daß es dem Manne gar wohl that, wenn sie ihm
          halfen, und er sogar Dem und Jenem noch einen Extratrunk zum Besten gab, der ihm recht
          nach seinem Sinne zu reden verstand.</p>
        <pb n="145"/>
        <p>Und besser verstande das Niemand als das:„Busiliese,“eine junge Wittwe von angenehmem
          Aeußeren, und ein listiges, schlimmes Weib. Als sie eines Abends kam, um Kaffee und
          Anderes einzukaufen, erkundigte sien sich mit der gewinnendsten Freundlichkeit über Jakobs
          Befinden? und ob seine Frau jetzt wieder bei ihm sei. Der Jakob klagte ihr seine Noth und
          klagte; wie seine Frau es ihm mache. „Aber nein,“ sagte die Liese mit erheuchelter
          Entrüstung, „aber nein, das hätte ich vom Anneli nicht gedacht; ist das auch eine Axt von
          einer Frau, einen so ordentlichen und braven Mann so zu behandeln, wie Ihr Einer seid,
          nein, das hätte ich nicht gedacht, Ihr dauert mich in der Seele!“</p>
        <p>Das war dem Jakob Wasser auf seine Mühle, er faßte ein ganzes Vertrauen zu der Liese und
          hieß sie, als ste heims gehen wollte, noch eins Bescheid mite ihm thun (denn er hatte sich
          gerade wieder ein Schöpplein geholt) wasfie nach einigem Sträuben auch that und wobeier
          ihr noch weiter sein Herz ausschüttete und vonder Liese so Agetröstet ward, daß es ihm
          war, noch kein Mensch. habe es je so gut mit ihm gemeint. Er-hieß die Frau wieder etwa
          einmal zusprechen und sie versprach es ihm auch. Sie hatte auch wirklich fast jeden Abend
          etwas zu holen, bald eine Kerze, bald Oel, bald Seife, bald Faden oder wieder Kaffee,und
          es gab noch mehr Gelegenheit Riteinandene zu! reden <pb n="14"/> und eins Bescheid zu thun
          und es bahnte sich zwischen ihr und dem Jakob eine Vertraulichkeit an, die nicht geeignet
          war, die Kluft auszufüllen, die zwischen seinem und dem Herzen seiner Frau bestand </p>
        <p>Dem Anneli ward es in seiner Abgeschiedenheit und bei seiner Trennung von Mann und
          Kindern je länger, je bänger. Es wußte nicht warum, aber es kam ihm vor,als zöge eine
          unsichtbare Macht an allen Haaren es heim in sein Haus, zu seinem Manne und den
          zurückgebliebenen Kindern und als müßte es eilen, ein großes Unglück zu oerhüten. Es hielt
          es nicht mehr aus und hatte fest sich entschlossen, auch unaufgefordert und ungeholt heim
          zu gehen.Da mußte es hören, daß die Leute allerlei munkelten und geheimnißvoll Dinge
          ausstreuten über seinen Mann, an die es nie und nimmer glauben konnte. Doch wurde dadurch
          seine Rückkehr um etwas verzögert. Am Abend aber schlich es bei eingebrochener Nacht, es
          konnte nicht anders, zu seinem Hause und wollte zunächst nur durch die Lücken der
          Jalusieläden hineinblicken, um zu sehen, wie es auch gehe.Und was mußte es sehen? Am
          Wirthstische saß bei seiner Flasche der Jakob allein, doch nein, er saß nicht allein;neben
          ihm saß die Liese. Das Anneli sah, wie sie mit einander redeten und tranken, wie sie
          gegeneinander liebüugelten und wie sein Mann- märrisch that und o es <pb n="147"/> konnte
          nicht weiter zuschauen, ein Stich gieng ihm durch's Herz, einen lauten, wehklagenden
          Schrei stieß es aus, es konnte sich nicht halten, und eilte wie eine Wahnsinnige wieder
          zurück </p>
        <p>Den Jakob und die Liese hatte der durchdringende Schrei aus dem Taumel aufgeschreckt. Sie
          horchten und hörten nichts weiter; sie traten vor die Thüre, die Liese um heimzugehen, der
          Jakob, um nachzusehen, was das möchte gewesen sein. Er fand nichts. Rabenschwarze Nacht
          lag auf der Erde, unheimlich heulte in den Zweigen der Bäume der Wind, und wie schwarze
          Gespenster schwankten die nahestehenden Pappeln in der Nacht. Sah es wohl anders aus in
          Jakobs verstörtem Gemüthez“Pp Wenn vom hohen Gebirge das Felsgestein, das von der Urzeit
          her dort oben fest angewachsen war, endlich sich löst,siehe, so beschleuniget es, je
          tiefer hinab es kommt, um so mehr seine Flucht, bis es jählings stürzt zu Thal. Geht es
          anders den Schicksalen der Menschen, wenn se ven den ewig <pb n="148"/> festen Ordnungen
          Gottes sich lösen? Hinwiederum sagt ein Sprüchlein: „wo es den Krebsgang gehen soll, da
          muß eben Alles dazu helfen.“</p>
        <p>Noch war dem Jakob bisher, ohne daß er es wollte erkennen, ein schützender Engel zur
          Seite gestanden; aber nun war es, als hätte ihn Alles verlassen, als müßte ohne Rettung
          nun Alles verloren gehen. Schon am andern Tage nach der erwähnten Nacht kam mit ernster
          Miene sein Schwager Friedli zu ihm, der es immer noch gut mit ihm gemeint hatte, derfelbe,
          der an der Hochzeit ihm einst Glück gewünscht hatte. Er erklärte ihm fest, das Anneli,
          seine Schwester und Jakobs Frau, sei fest entschlossen gewesen, zu ihm zurückzukehren, wie
          wüst er es ihr auch gemacht und wie wenig er sich herbeigelassen habe, eine Versöhnung
          wieder anzubahnen. Aber nach dem, was sie gestern Abend gesehen,könne sie nicht wieder
          kommen. Sie verlange nun, daß er ihr ihr Bett, ihren Kasten und ihre Kleider zurückgebe,
          weiter wolle sie nichts von ihm, als freilich noch das, daß auch der Friedli und das
          Bethli zu ihr kommen und bei ihr bleiben sollen; der liebe Gott werde auch wissen für sie
          zu sorgen.</p>
        <p>Der Jakob stand verblüfft da, er wollte allerlei Einwendungen machen, er fieng an zu
          klagen über seine Lage und über seine Frau; das Alles könne Einen treiben, daß man komme,
          man wisse nicht, wohin. Aber das half Alles <pb n="49"/> nichts. Es lag gegenüber von
          Jakobs Unruhe und Hast in Friedli's ganzem Wesen ein solcher gemessener Ernst, getragen
          vom Bewußtsein des Rechtes, daß der Jakob nicht anders konnte, als daß er endlich
          willenlos Alles herausgab. Wer weiß es? Noch wäre bei diesem Anlaße vielleicht ein wenn
          auch schwerer Weg zur Aussöhnung möglich gewesen, noch hätte dem Jakob sein sinkender
          Stern wieder aufgehen können; der Friedli sah wenigstens darnach aus und benahm sich so,
          daß der Jakob zunächst mit ihm hätte anbinden können z aber, war es Schwachheit, war es
          Trotz? Er erkannte die Zeit seiner Heimsuchung nicht.</p>
        <p>Von dieser Zeit an gieng es schnell, ja zum Erstaunen schnell mit Jakobs Herrlichkeit
          bergab. Er schaltete allein in seinem Hause mit seiner Magd. Zwar war er, der ohnedies
          umgängliche Mann, jetzt fast aufgeweckter und lustiger als je, was ihm nicht nur am
          Sonntage, sondern sogar am Werktage viele Gäste zuzog; und es gab nicht wenig Leute,die
          daraus schließen wollten, er sei beim Anneli unglücklich gewesen, es habe ihn nicht
          verstanden und nicht zu behandeln gewußt, es sei Schade für den Mann. Aber diese
          äußerliche dustigkeit war ein trauriger Ersatz für die Leere seines Innern und für die
          Verödung seines Gemüths. Wer in sein Herz hätte schauen können, hätte ihn nicht so
          glücklich gepriesen, wie Mancher that. ee </p>
        <pb n="160"/>
        <p>Auch die Liese ließ es nicht daran fehlen, ihn zu besuchen und ihn in ihrer Art treulich
          zu trösten, wie sie denn auch in mancher Verlegenheit, die ihn traf, als eine
          vortreffliche Rathgeberinn, die listiger noch als er Alles zu schlichten wußte, sich
          erwies. Der Jakob scheute sich nicht mehr, wie er zuerst doch noch gethan hatte,
          öffentlich vertraulich mit ihr zu sein. „Ah pah, was scheren mich die Leute“, so
          beschwichtigte er etwa sich selbst, „was scheren mich die Leute,hin ist hin und meine Frau
          ist fort!“ </p>
        <p>Aber das Alles half nichts seinen Ruin aufzuhalten. Merkwürdigerweise wollten jetzt auf
          einmal alle seine Gläubiger bezahlt sein, und die vielen zum Theil kleinen Rechnungen
          aller derer, die ihm für sein Krämergeschäft Credit geschenkt hatten, machten zusammen
          eine unerwartet große Summe aus. Er trug ab, er bezahlte, was er konnte; er stellte Diesen
          zufrieden, er suchte Jenen mit gewissen Zusicherungen zu trösten, er war alle Tage auf den
          Beinen; und bald in der Stadt, bald am Bezirksorte, bald in dem, bald in jenem Dorfe war
          er zu finden. Er hatte beim Herrn Silberbringer zu thun, er hatte mit dem Herrn
          Präsidenten ein Wort zu reden, er hatte dieses und jenes Geschäft zu besorgen und
          unterdessen mußte seine Magd posamenten, krämern und wirthen. Jetzt kam der
          Gerichtsweibel, er kam alle Tage. Der </p>
        <pb n="161"/>
        <p>Jakob verbarg sich, er ließ vorgeben, er sei nicht zu Hause,er wußte ihn aufzuhalten
          Wochen lang; aber der Gerichtsweibel kam und kam nicht mehr vom Flecke. Der Jakob gieng
          aus und lief und kam wieder heim und gieng wieder, bis endlich im Amtsblatte Jedermann
          lesen konnte,schwarz auf weiß, daß der Jakob Schmied amtlich ausgekündet sei. Schon
          vorher, als das Wetter bereits im Anzuge war,und besonders jetzt, ermahnte ihn die Liese:
          „Jetzt, Schmied,machet auf die Seite, daß Ihr noch was habet, Ihr werdet doch nicht wollen
          so einfältig sein? Sehet, bei mir hat noch Manches Platz, man muß es nur anzuschicken
          wissen;und Vertrauen schenken werdet Ihr mir ja wohl, es geht ja“ und dabei blinzte ste
          ihn mit schelmisch liebäugelnden Augen an „es geht ja, denke ich, zuletzt doch in einen
          Sack.“ In Jakob regte sich zwar noch ein Gefühl der Ehrlichkeit, in der er wirklich
          anfänglich sein Glück zu schaffen gesucht hatte, aber verwirrt und gefangen gegeben in die
          Netze dieses Weibes und bethört von der Vorstellung,daß er nur thue, was eigentlich Brauch
          sei und was jeder Andere in seiner Lage auch thue, gab er seine Zustimmung dazu und half
          er am Ende selber noch mit. *</p>
        <p>Die Gerichtsbehörden kamen, Jakobs Sachen wurden aufgeschrieben, der Kramladen wurde
          zugeschlossen, seine Fässer <pb n="152"/> im Keller wurden versiegelt mit dem
          Gemeindestempel, die Sache gieng ihren rechtlichen Gang; aber als die Gerichtsbehörden und
          Gemeindebeamteten dann miteinander durch das Dorf zogen, um nach gethaner Arbeit sich zu
          erholen und zu erquicken, wer machte höhnisch triumphierend hinter dem Fenster eines
          kleinen Häuschens ihnen eine lange Nase? Es war das Büsiliese, das lange vor ihnen schon
          den Rahm von der Milch geholt. </p>
        <p>Der Tag der amtlichen Steigerung kam heran. Noch Tages zuvor, es war mitten im Sommer und
          glühend heiß,begab sich der Jakob an den Bezirksort zu den Behörden,an denen seine Sache
          lag. Er hatte nämlich noch eine schwache Hoffnung, sein Vermögen, seine Ehre und Alles
          retten zu können und er wollte nicht versäumen noch sein Letztes zu thun. Aber es war
          nichts mehrzzu machen, seine ohnedies schwachen Hoffnungen waren umsonst. </p>
        <p>Er kehrte auf einem einsamen Feldwege, der näher aber beschwerlicher als die Straße war,
          in seine Heimat zurück.Durch Felder und Wälder, über Hügel und höhere Berge führte der
          Pfad und war recht dazu angelegt, einen Wanderer zu stillem Sinnen zu locken. Was gieng
          nicht auf diesem Heimwege Alles durch Jakobs Seele! Wie von der Höhe aus,die er bald
          erstiegen hatte, er die ganze blühende Landschaft überschaute, so lag auch sein ganzes
          bisheriges Leben vor den </p>
        <pb n="153"/>
        <p>Augen seines Geistes; er sah in der Ferne seine wonnigen Träume der Jugend, er sah sein
          Ringen und sein inniges Glück; er sah seine Verirrungen, er sah die seine Hoffnungen
          niederschmetternden Schläge, er sah, was er gewesen und nicht mehr war. Eine unnennbare
          Wehmuth ergriff sein Herz. „Alles, Alles, o auch nur Alles ist dahin! Mein Hoffen und mein
          Sehnen, mein Wollen und mein Ringen,mein Stolz und meine Freude nein, nein, nicht nur
          das:mein häusliches Glück, meine Unschuld, meine rüstige Kraft,meine Lebenslust und Freude
          ist dahin auf immer; Alles,Alles ist dahin!“ So seufzte er oft auf dem Wege. O, wer ihn
          gesehen hätte und hätte ihn hören können in seinem laut werdenden Gram und Schmerz, er
          hätte das innigste Erbarmen mit ihm haben müssen! Aber kein Mensch erkannte seinen
          Schmerz, auch der Himmel schien sich nicht seiner zu erbarmen.Er wollte beten, wie er es
          in der Kindheit oft so gerne, von frommem Munde geleitet, gethan hatte, er wollte beten um
          Licht und Gnade und Trost, aber auch Gottes Herz schien ihm verschlossen zu sein. Nein,
          kein Licht wollte in die Seele ihm leuchten, nur schwarze, dunkle Wolken thürmten am
          westlichen Himmel sich auf. Sie kamen näher und näher und verdunkelten bald der Sonne
          hellen Scheiiein.</p>
        <p>So wandelte der Jakob weiter, und was in der Natur vorgieng, war so recht ein Abbild des
          Zustandes, in dem <pb n="164"/> sein Gemüth sich befand. Jetzt dachte ern an sein
          Anneli,sein Anneli, das nicht mehr sein war; er wollte sich's nicht gestehen, und mußte es
          doch sich bekennen: durch eigene Schuld. Dann dachte er an seine fröhlichen, unschuldigen
          Kindlein, an den Jakobli zumal, der einst seines Herzens Wonne und Freude gewesen und
          dessen fröhliches Angesicht ihm hienieden nicht mehr lachte, dessen allzeit zum harmlosen
          Scherze bereiter Mund ihn nicht mehr erheiterte wie einst. Er dachte an alle die
          verflossene schöne und glückliche Zeit, die tausendmal glücklicher für ihn gewesen wäre,
          wenn er dankbar aus Gottes Hand hätte nehmen können, was ihm Hohes beschieden war, und
          wenn er nicht selber durch eitle Träume sich unglücklich gemacht hätte. Und dann kam ihm
          wieder vor, wie er habe müssen so sein, wie die reinste Absicht, für die Seinen zu sorgen,
          ihn zuerst geleitet und dann doch ihn irre geführt habe und er sah den Abgrund, den tiefen
          Abgrund, an welchem er nun stand. „O,wäre ich hin, wäre ich hin, wie Alles hin ist, was
          ich erhofft und erstrebt!“ So seufzte er still vor sich hin Da fieng der Donner an zu
          grollen durch die Lüfte, und näher, immer näher kam ein schweres Gewitter. Von der Höhe
          konnte der Jakob es sehen, wie die dunkeln Wolken gleich mächtigen Heeresmassen heranzogen
          und mit Knall und Schall ihre Blitze entluden. Schon fielen große Tropfen <pb n="4168"/>
          aus den dunkeln Wolken herab, die gleichsam wie Vorposten des kommenden Wetters ausgesandt
          waren; und ehe man sich's versah, entlud sich das heftigste Gewitter über der Gegend. </p>
        <p>Der Jakob wußte zwar wohl, daß es gefährlich sei, während eines Wetters unter einem
          großen Baume zu stehen. Gleichwohl nahm er seine Zuflucht unter einem dichtbelaubten
          Nußbaume, dem ein eben so gewaltiger Kirschbaum gegenüber stand. Der Regen floß in
          Strömen, die Blitze fuhren hin und wieder, ein furchtbarer Blitzschlag folgte dem
          andern.Der Jakob stand fast wie stumpffinnig da und lehnte sich an den Stamm und schaute
          in das Werk der wüthenden Elemente hinaus. „Und wenn auch,“ sagte er dumpf, „und wenn auch
          der Blitz mich erschlüge, mich schlüge in den Boden hinein, was hätte es auf sich, was
          gienge verloren, wer würde mir nachweinen? Es ist' ja Alles gleich, es ist doch Alles hin;
          meine schönsten Hoffnungen sind dahin, mein Lebensglück, mein Hab und Gut, meine Unschuld
          und mein Friede, Alles, Alles ist hin!“ Was thue ich weiter auf der Welt?“ Da! ein
          blendendes Meer des Lichts, und mit einem Male ein furchtbarer Schlag und Krach; und den
          Athem angehalten und alle Sinne verwirrt,so sinkt unser Jakob auf den Boden. Hat ihn der
          Blitz wohl erschlagen? Doch nein; das ewige Erbarmen dessen, der <pb n="156"/> auch den
          Wolken gebietet, ließ ihn nicht fahren und nicht also untergehen, wie in seiner
          Verblendung er selber gewünscht hatte. Ein kühlender Lufthauch- erfrischte und weckte ihn
          wieder, und was mußte er sehen? Von der Krone bis zum Grunde war der mächtige Baum
          gespalten, unter dem er gestanden hatte, und links und rechts lagen am Boden die
          gewaltigen Aeste. Ein augenscheinliches Wunder der Bewahrung war es, daß er mitten in
          dieser Verwüstung,die die empörten Elemente angerichtet hatten, noch lebendig und
          unversehrt dastand. Er zitterte an Leib und Seele,seine Beine schlotterten, seine Kniee
          wankten, schwankenden Schrittes wandelte er seiner Heimat zu; die Wetter der Ewigkeit
          hatten in sein irdisches Leben hineingeblitzt und mit grellem Lichte sein finsteres Innere
          ihm plötzlich erleuchtet J </p>
        <p>Der Abend war bereits angebrochen, als er seinem Dorfe sich nahte, der Regen hatte
          aufgehört, lichte Wolken glänzten wieder am fernen Abendhimmel. Lange blieb der Jakob auf
          der Anhöhe, von der der Weg hinabführte, stehen, sein kummerschweres Haupt auf seinen
          Stock gestützt und in tiefes Nachdenken versunken. Und es war nicht nur ein Nachdenken,
          nein, er kämpfte in seiner Seele einen furchtbaren Kampf, und wer ihn beobachtet hätte,
          der hätte können ihn weinen sehen wie ein Kind. Endlich raffte er sich auf und <pb n="157"/>wohin wandte er zuerst seine Schritte? Wenn auch zögernd,doch festen Trittes lenkte er
          in den Fußpfad ein, der zum Hause seiner Schwiegereltern führte; er sah in der Dämmerung
          das Anneli, seine Frau, mit dem Kleinsten auf dem Arme vor dem Hause stehen, und einen
          schweren Seufzer ausstoßend aus gepreßter Brust, Thränen in den Augen,wollte er sich ihm
          nahen, indem er unwillkürlich bittend seine Hand ausstreckte, es war die Hand, die um
          Vergebung bat, noch ehe der Mund ein Wort hervorbringen konnte.Aber kaum hatte die Frau
          ihn erblickt, als ihre sonst so sanften Züge sich furchtbar entstellten; unheimlich
          glühten ihre Augen,ihre, Mienen waren wie die einer Rasenden und mit einem Rufe des
          Abscheus eilte sie, so schnell sie vermochte, in das Haus und schlug die Thüre zu.
          Vergeblich rief der Jakob mehrmals sanft ihren Namen und klopfte an die Thüre; es war
          umsonst, sie blieb ihm verschlossen.Er gieng von da in seiner Eltern Haus. Aber auch da
          wurde er, der so lange sich von seinen Eltern zurückgezogen hatte und eigene böse Wege
          gegangen war, von der Mutter unfreundlich empfangen. Der Vater sei nicht daheim, sagte
          sie, und wenn er auch da wäre, so würde ihn Jakobs Besuch wenig freuen, er habe schon oft
          gesagt: der Jakob, der ihm's so gemacht habe, solle sich nur nicht mehr bei ihm melden.Er
          solle jetzt gehen und sein eigener Herr sein, nachdem er <pb n="158"/> so schön
          gehaushaltet und so sich aufgeführt habe, daß die ganze Familie sich schämen müsse für
          ihn.</p>
        <p>Traurig kehrte der Jakob in sein Haus zurück, das nur noch heute sein Haus sein sollte,
          setzte sich müde auf einen Stuhl und fieng wieder an zu sinnen. Nach einer Weile BD
          Lächeln empfieng. Aber der Jakob mochte jetzt nicht lächeln und nicht scherzen. „Die
          Sachen, die aus meinem Hause hier sind, müssen heute Nacht noch alle zurück in mein
          Haus,“so sagte er ernst. „Es wird doch nicht sein?“ fragte die Liese, die immer noch im
          Wahne stand, sein Ernst sei nur verstellter Scherz; „oder habt Ihr's etwa wieder
          rückgängig machen können?“ „Nein,“ sagte der Jakob, „nichts rückgängig, aber die Sachen
          müssen zurück!“ Die Liese sah ihn mit großen Augen und langem Gesichte an: „Ihr werdet
          doch nicht so dumm sein wollen und unterlassen, was alle Anderen zu ihrem Vortheile auch
          thun?“ bemerkte sie ihm. „Und die Sachen müssen zurück bis zum letzten Rappen und bis zum
          letzten Stäublein Mehl, sage ich,“ war wieder seine kurze und feste Antwort. „Ihr seid,
          glaube ich,ein Narr,“ sagte die Liese, die allmälig eiferig wurde. „Narr hin, Narr her,“
          erklärte aber der Jakob, „die Sachen müssen herausgegeben werden; auch nicht das Mindeste
          darf unterschlagen sein oder ich gehe und mache selber die Anzeige,<pb/>L </p>
        <p>44 wo sie sind, das ist jetzt meine Meinung und mein Entschluß.“ Mit Spott und Hohn
          überschüttete ihn nun die Liese, mit Poltern und Schelten gab sie das Verborgene heraus,
          und der Jakob trug es in selber Nacht in sein Haus zurück 5Wie viel er in jener Nacht mag
          geschlafen haben, das können wir uns denken. Schon am frühen Morgen war er auf den Beinen
          und war sonntäglich angezogen, seine gewöhnlichen Werktagskleider hatte er in ein:
          Schnupftuch gebunden. Er weckte die Magd und seine beiden älteren Kinder, die noch bei ihm
          waren, indem er die Letzteren mit einer Zärtlichkeit küßte, die ihnen auffiel. Dann hieß
          er die Magd mit ihm in die Stube hinabgehen. „Bäbeli,“sagte er dort, als sie allein waren,
          „es ist mir schlimm gegangen und ich bin in das Unglück gekommen, aber ich will nicht, daß
          du zu Schaden kommen sollest, du hast uns treu gedient. Siehe, da hast du deinen Lohn!
          Diese Freiheit RRDDD was ich habe, außer dem, was ich auf dem Leibe trage.Ich muß dich nun
          aus dem Dienste entlassen, du hast ja,so viel ich weiß, schon einen Platz, Lebe wohl!“ Das
          Bäbeli war zu Thränen gerührt und gab dem Meister zum Abschiede die Hand. „Geh, und packe
          nun deine Sachen zusammen, ehe die Leute kommen und etwa auch noch dein </p>
        <pb n="160"/>
        <p>Eigenthum angreifen möchten,“ fuhr er fort, „und mache dich zum Fortgehen bereit, ich muß
          diesen Morgen auch noch ausgehen, da möchte ich gerne das Haus schließen und den Schlüssel
          dem Präsidenten schicken, damit sie sehen, daß Alles in Ordnung gehe, du könntest ihn
          nachher zum Prasidenten tragen ····</p>
        <p>Während die Magd seinem Befehle folgte, kleidete der Jakob die Kinder festtäglich an und
          band ihnen die Werktagskleider in ein Tüchlein; dann reichte er ihnen und der unterdessen
          auch reisefertig gewordenen Magd das Frühstück,das er selber während des Ankleidens der
          Kinder bereitet hatte, und sagte dann zu den Kleinen, indem er ihnen die Bündelchen in die
          Hände gab: „Gehet jetzt zur Mutter, ihr dürfet heute bei ihr bleiben, denn es werden gar
          viele Leute in unser Haus kommen und ihr wäret nur im Wege. Saget auch der Mutter, ich
          lasse sie und Großvaters viel tausendmal grüßen und die anderen Großeltern und die Vettern
          und Basen auch, und euere Geschwisterchen.“ Die Kleinen sahen ihn verwundert an, folgten
          aber seinem Worte, und nachdem er beide schluchzend an seine Brust gedrückt und sie geküßt
          hatte, entließ er sie mit einem wiederholten: „Lebet wohl, o lebet wohl!!/ </p>
        <p>Der Präsident war nicht wenig erstaunt, als am frühen Morgen schon Jakobs Magd zu ihm kam
          mit dem Bemerken,<pb n="164"/> der Meister lasse ihn grüßen und schicke ihm da den
          Hausschlüssel; er habe zugeschlossen, weil sie jetzt fortgehe, und er auch habe ausgehen
          müssen und wohl noch nicht zurück gekehrt sein werde, wenn das Haus sollte geöffnet
          werden.Er witterte Unrath, und nachdem die Magd abgezogen war,gieng er selber in Begleit
          eines Gemeinderaths in Jakobs Haus, um zu sehen, wie die Sachen dort stehen. Es war Alles
          in Ordnung und Jakobs Habe war unangetastet alle noch da, selbst ein Sümmchen Geld lag
          noch im Schranke.Er schüttelte den Kopf und wußte nicht, was er dazu sollte sagen; der
          Jakob selber war nirgends zu finden, nur ein alter Mann wollte wissen, er habe ihn heute
          früh „gesunntiget“ ausgehen sehen. </p>
        <p>Was sollen wir den traurigen Akt der amtlichen Steigerung beschreiben? Nur so viel sei
          bemerkt, daß Jakobs und Annelis Verwandte zusammenhielten, vom Hausrathe so viel als
          möglich den nun Verarmten zurückzukaufen und daß die Leute mitleidig wenig oder nichts
          boten, damit sie es um so billiger erhielten. Sie hätten gerne selbst auch das Haus und
          das Land wieder an sich gebracht, aber der Herr Silberbringer und der Präsident, die sich
          bezahlt machen wollten, trieben mit ihren Angeboten den Preis so Hoch hinauf, daß Jene von
          ihrem Vorhaben abstehen mußten </p>
        <p>L <pb n="164"/> und die Liegenschaften und das Haus nun Eigenthum der Gläubiger
          wurden.</p>
        <p>Den Jakob selber vermißte man nicht gerade, man fand es bei seinem Charakter begreiflich,
          daß er bei diesem Anlaße nicht habe daheim bleiben und zusehen können. Als er aber am
          Abend nicht zurückkehrte, am andern und an den folgenden Tagen auch nicht, da gab es ein
          großes Gerede und alle möglichen Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt.Die Einen meinten, der
          Mann habe sich ein Leids angethan, man werde es sehen, sein Stolz habe es ihm nicht
          zugegeben, diesen Schlag zu überleben; man habe ihn nach dem Walde gehen sehen, man werde
          wohl bald etwas Neues hören. Die Anderen aber wollten wissen: o nein, davon sei keine
          Rede, da sei etwas Anderes im Spiel; der schlaue Mann habe sich eine hübsche Summe
          zusammengelegt und mit derselben sich nun aus dem Staube gemacht. Der Vogel sei am Ende
          jetzt schon auf dem Meere und segle nach Amerika, wahrscheinlich werde man eines schönen
          Morgens hören, daß die Liese auch auf und davon gegangen und ihm nachgezogen sei. </p>
        <p>Wahrscheinlich hatten weder die Einen noch die Anderen Recht. Aber so viel war gewiß, daß
          der Jakob auch nach Wochen und Monaten nicht zurückkehrte und keine Spur von ihm zu finden
          war; und ebenso gewiß war es, daß <pb n="163"/> die Liese nicht nach Amerika gieng,
          sondern bleiben mußte,wo sie war. In Annelis Herzen hatte sich die Eifersucht gelegt und
          war einer unendlichen Wehmuth gewichen; beständig sah es jetzt in seinem Geiste seinen
          Mann, wie er in jener Abendstunde so de- und wehmüthig es angeschaut und bittend die Hand
          nach ihm ausgestreckt und wie es ihm zornig den Rücken gekehrt und die Thüre zugeschlagen
          und verschlossen hatte. „O,„ ich hätte nicht so handeln sollen;ich weiß es jetzt, er war
          bekehrt und wir hätten, wenn auch arm, vielleicht glücklicher als je mit einander leben
          können.O, daß ich auch mußte so verblendet sein! O, wenn ich ihn nur auch einmal noch
          sehen könnte! Wo mag er auch sein, ach, was ist auch aus ihm geworden!“ So hörte man die
          Frau fast täglich klagen, und ähnlich äußerten sich auch Jakobs Leute. Es scheint, daß der
          Gram heimlich noch mehr an dem Herzen der Letzteren nagte, als sie es zeigten,denn nicht
          lange nach diesen Ereignissen starben bald nacheinander Jakobs Vater und Mutter. Dem
          Anneli oder vielmehr seinen Kindern fiel dadurch so viel Erbtheil zu,daß sie wenigstens
          vor dem größten Mangel geschützt waren.</p>
        <p>Jahre vergiengen und man hörte nichts mehr vom Jakob,nur in den Herzen der Seinigen lebte
          er in treuem Andenken fort, wie Einer, der gestorben ist, und an dessen Verirrungen und
          Sünden man nicht mehr denkt, 8 guten <pb n="164"/>Seiten und seiner Tugenden aber sich mit
          Liebe erinnert;aber konnte er dieß wissen, wenn er wirklich noch lebte?Einige merkwürdige
          Vorfälle ließen es vermuthen, daß er noch am Leben sei und noch an die Seinigen denke, man
          wußte sie sich wenigstens nicht wohl anders zu erklären, so räthselhaft sie dann doch
          wieder waren.</p>
        <p>So kam einmal ein großes Paket unter Anneli's Adresse an; es enthielt eine Balle Tuch,
          aber keinen Brief, nichts als ein von unbekannter Hand geschriebenes Zeddelchen mit den
          Worten: „der Frau und den Kindern des unglücklichen Jakob Schmied in Schönenwyl.“ Später
          einmal brachte der Pfarrer dem Anneli einen Brief, wieder von einer unbekannten Hand
          geschrieben, in welchem er ersucht wurde,den Inhalt, es war ein Wechsel von zweihundert
          Franken,der Frau Anna Schmied zuzustellen, der Versender hätte gerne mehr geschickt, wenn
          er mehr vermocht hätte. Da der Pfarrer herausfand, daß der Brief in Mülhausen auf die Post
          gethan worden sei, da auch einmal ein Weinhändler,der im Elsaß Wein geholt hatte, hatte
          verlauten lassen, er habe in Mülhausen den Glücksschmied gesehen, er wolle Hunderte gegen
          Eines wetten, er sei es gewesen; beim Ausgraben eines Kellers habe er mitgeholfen und
          seinen Karren gestoßen, der habe aber abgenommen, man kenne ihn fast nicht mehr, das „den
          Herrn spielen“ sei ihm vergangen, so <pb n="165"/> glaubten die guten Leute nun auf der
          rechten Fährte zu sein.Der Friedli, Jakobs Schwager, reiste selber nach Mülhausen, um ihn
          auszukundschaften und ihm die Versicherung zu bringen, daß daheim nun Alles mit ihm
          zufrieden sei und daß er doch nur wieder zurückkehren solle; aber seine Nachforschungen
          halfen nichts, von dem Jakob fand sich keine Spur. Und ebenso wenig führten auf dieselbe
          auch späterhin noch zwei oder dreimal anlangende ähnliche Sendungen.Wie eine Wittwe
          trauerte das Anneli um seinen Mann.</p>
        <p>XII.</p>
        <p>Es war ein wunderlieblicher Sonntag um die heilige Osterzeit. Die Erde im Schmucke des
          anbrechenden Frühlings hatte gleichsam auch das Festgewand angezogen und alle Geschöpfe
          hatten sich aufgemacht, um tausendstimmig mit den Menschen den zu loben, der durch Tod und
          Grab hindurchgedrungen ist und das Leben und unvergängliches Wesen an das Licht gebracht
          hat. Feierlich schallten wieder die <pb n="4659"/>Glocken von Schönenwyl und luden am
          stillen Tage des Herrn die Gemeinde zur heiligen Feier ein.Stille wandelten die Bewohner
          des Ortes hinauf zum heiligen Orte, der so recht veranschaulichte das schöne Wort des
          Propheten: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden
          verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die da sagen zu Zion: Dein Gott ist
          König!“Die Kirche füllte sich allmälig mit Besuchern jedes Alters und Geschlechts, die da
          still an ihrem Platze saßen oder auch lispelnd mit einander redeten, bis der Pfarrer
          kam.Der Geistliche, ein noch jüngerer Mann, trat ein (der alte Pfarrer war längst zu den
          Vätern versammelt worden), und in dem stillen Gotteshause erklang nun der kunstlose aber
          herzandringende Gemeindegesang, indem die weiblichen Stimmen genau der Weise des Liedes
          folgten, die Männer aber frei und ungezwungen, wenn sie nicht die tiefere Oktave sangen,
          die möglichst wohlklingende Baßbegleitung versuchten.Die Natürlichkeit und Herzenslust,
          mit der gefungen wurde,ersetzte manchen Mangel an Kunst.</p>
        <p>Der Geistliche bestieg langsamen Trittes die Kanzel, die Gemeinde erhob sich und er las
          das Gebet mit der Salbung und Würde, wie es der Sache angemessen war, er las nicht nur,
          sondern was er las, war Gebet. Dann schlug er die Bibel auf, und was er aus derselben der
          Gemeinde <pb n="167"/> verkündigen wollte, das war das kurze Wort: „Gott hat uns nicht
          gesetzet zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christum.“
          Wir wollen und können hier nicht die ganze Predigt wiedergeben, die er über diese Worte
          hielt; nur so viel wollen wir verrathen:</p>
        <p>Nachdem er mit einfachen und schlichten Worten daran erinnert hatte, weßen die
          Christenheit allezeit, besonders aber in dieser alljährlich wiederkehrenden Festzeit,
          eingedenk zu sein habe und mit welchem Sinne sie die Verkündigung vom Leiden und Tod und
          der Auferstehung unsers Herrn aufnehmen solle, legte er kurz und bündig die Grundgedanken
          des vorgelesenen Textes auseinander, denen seine Betrachtung folgen sollte. Und dann hob
          er feierlicher an und schilderte in beredter Sprache, an was der Apostel anknüpfe,welchen
          Meinungen, Gefühlen und Gedanken er entgegentrete,wenn er behaupte: Gott habe uns nicht
          gesetzet zum Zorn.Lebendig und anschaulich schilderte er das Menschenleben mit seinen
          wechselvollen Schicksalen, mit seinen Drangsalen und Nöthen, mit seinem tausendfältigen
          Jammer und Weh,nicht ohne die Schilderung so einzurichten, daß mehr als Einer der Zuhörer
          meinen konnte, er wolle ihm sagen, wie es bei ihm in seinem Leben, seinem Hause und Herzen
          stehe.Er zeigte, wie das Menschenherz ein trotziges und verzagtes Ding ist und wie wir
          Menschen, so übermüthig im flüch<pb n="168"/> tigen Glücke, niedergeschlagen seien, sobald
          uns Mißgeschick und Unglück treffe und meinen nur zum Unglück geboren zu sein. Dann drang
          er aber tiefer auf den Grund und fragte hindeutend darauf, wie die Menschen an allen Orten
          die Schuld ihres Elends suchen, nur nie in ihnen selbst, was denn eigentlich unser
          Unglück, was der Grund unserer größten Leiden, ja, wenn wir nicht errettet würden, unseres
          Verderbens sei, und erinnerte dann an die Verirrungen, an die Sünden und Vergehen aller
          Art, deren wir Alle ohne Unterschied, ob auch der Eine mehr, der Andere weniger, der Eine
          auf feinere, der Andere auf gröbere Weise, uns schuldig machen und wodurch schon unser
          äußeres Leben überall vergiftet und seine Wohlfahrt zerstört, vor Allem aber unser inneres
          Leben, als losgerissen von Gott, der Quelle alles Heils und Lebens, vereinsamt, verödet,
          ja einer ewigen Verderbniß Preis gegeben werde. Schonend, aber ernst, wies er dann auch
          hin auf den gewaltigen Kampf, den vielleicht Mancher ernstlich mit der Sünde kämpfe, auf
          das Ringen mancher besseren Seele, standhaft dem Bösen zu widerstehen in eigener Kraft.
          Wenn aber am Ende ein solcher Mensch doch unterliege, könne das ihn an den Rand der
          Verzweiflung führen und Gedanken in ihm aufkommen lassen wie die, Gott habe uns gesetzet
          zum Zorn, es könne Einer nicht nur äußerem Unglücke, wenn es ihm auferlegt sei, nein, er
          könne auch <pb n="169"/> seiner Selbstverschuldung, er könne seiner Verdammniß nicht
          entrinnen, wenn er dazu verurtheilt sei.</p>
        <p>Dann aber fest und feierlich betheuerte er, „Nein, nein! Gott hat uns nicht gesetzet zum
          Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christum.“ Und
          begeisterungsvoll und mit beredtem Munde pries er die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die
          nicht nur von Anfang an durch den Mund heiliger Männer und Propheten die verirrte und dem
          Verderben zuwandelnde Menschheit je und je habe mahnen und zur Umkehr rufen lassen, und
          immer noch also heilsam mahne und rufe, sondern in der auch Gott, da die Zeit erfüllet
          war,gesandt habe seinen Sohn, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut. Er
          schilderte, was dieser für uns gethan',, gelitten und erstritten hat, und zeigte den
          Einen,denen das Leben noch helle und freundlich lache, denen ihre ãußere Wohlfahrt und ihr
          inneres Glück noch nicht ganz zerfressen sei von dem ewig nagenden Wurm, wie sie durch
          Christum allein das Heil bewahren; und den Anderen,denen hienieden wohl kein Glück mehr
          erblühen, denen kein Heil und kein Friede mehr widerfahren zu können scheine,wie sie jetzt
          schon für ihr Herz und für die Ewigkeit gewiß es finden können in ihm, der unsere Sünden
          getilget und uns versöhnt hat mit Gott. Er schloß mit einer herzlichen,den ganzen Inhalt
          der Predigt zusammenfassenden und die </p>
        <pb n="170"/>
        <p>Herzen für die verkündigte Wahrheit zu gewinnen suchenden Ansprache an Alle. </p>
        <p>Der Gottesdienst war beendigt, die Leute kehrten heim,Einige vielleicht die gesprochenen
          Worte beherzigend, die Anderen wieder an Anderes sinnend, wie es geht. Unter den Ersteren
          war der Doktor Frank, der hie und da sich auch herbeiließ, den Gottesdienst zu besuchen,
          weil er eine Achtung vor dem hatte, was auch sonst der Pfarrer, besonders in
          gemeinnütziger Hinsicht, wirkte und that. Jetzt war er aber von der Predigt gar nicht
          erbaut und keineswegs befriediget. Er konnte seinen Unwillen dem jungen Schullehrer, mit
          dem er den Kirchweg hinabgieng, nicht verbergen.D fragte er; aber ohne die Antwort
          abzuwarten, worüber der Schulmann eigentlich froh war, fuhr er fort: „es ist doch eine
          eigene Sache; wie Einer den Kirchenrock einmal anhat, ist er ein anderer Mann. Ich meinte,
          wir hätten einen aufgeklärten Pfarrer, und er ist sonst auch wirklich ein scharmanter
          Mann, ich kann ihm nicht ungünstig sein, aber ein Pietistlist er nun doch auch,so dick wie
          nur Einer. Was hat er wieder heute für eine Predigt gehalten? Fließen thut's ihm, das muß
          man ihm lassen, er hat Manches gut angebracht und der Mann hätte Geist. Aber eben darum
          ist es zu bedauern, daß er auch in das fatale Fahrwasser kommt. Wenigstens heute ist er
            <pb n="171"/> recht darein gekommen; wenn er so fortfährt, wird er mich nicht mehr viel
          in der Kirche sehen. Was sollte man predigen? Den Leuten sagen sollte man, wie sie recht
          thun und wie in dem und jenem Stücke sie sich verhalten müssen,das sollte man, es gäbe,
          meiner Treu! Stoff genug. Aber da muß immer geprediget sein, daß wir arme elende Suünder
          sind und daß wir Gnade suchen und glauben müssen,wenn wir wollen selig werden; als ob ein
          rechter Mensch in keinen Schuh mehr gut wäre, und der ärgste Strolch,wenn er nur den
          Heiland sucht und lieb hat (man sieht aber manchmal, was das bedeuten will), noch besser
          als Unsereiner. Was meinen Sie, Lehrer, bessert man mit solchem Zeuge das Volk?“ Der
          Lehrer machte eine achtungsvoll verneinende Bewegung und Bemerkung, und damit schieden die
          Beiden von einander. </p>
        <p>Aber wie kann das eine und dasselbe Wort doch verschiedene Wirkung thun! Auf einen andern
          Zuhörer hatte die Predigt einen ganz andern Eindruck gemacht. Auf der Emporkirche, in der
          Ecke der hintersten Bank, saß ein altes fremdes Männchen, das Niemand kannte. Scheu hatte
          er um sich geblickt, als er sich niedersetzte und dann, als gehörte er nicht zu der
          Versammlung, sich niedergeduckt und also der Predigt zugehört. Er schien noch nicht so alt
          zu sein, als er darnach aussah, aber seine anscheinend einst <pb n="172"/>hohe Gestalt war
          gebeugt, sein bleiches Antlitz war von tiefen, ernsten Furchen durchzogen, und gelichtet
          und gebleicht waren die sanft gekräuselten Haare, die einst dieses Haupt geschmückt. Nur
          aus den tief in ihren Höhlen liegenden Augen sprühte noch Feuer und Kraft. Gebückt, den
          Kopf nach vorn gerichtet, den Mund mit den zuckenden Lippen fast beständig geöffnet, saß
          er während der ganzen Predigt da und that kein Auge von dem Pfarrer, es war, als ob er
          jedes Wort aus seinem Munde heißhungerig verschlingen wollte; und doch waren es armselige
          Menschenworte, die der, der sie sprach, nicht einmal in ihrer ganzen und tiefsten
          Bedeutung erfaßte, aber doch gegründet auf das ewig lebendige Gotteswort und durchhaucht
          von ihm. Und je länger der Alte da saß und zuhörte, desto gespannter war seine
          Aufmerksamkeit, helle Thränen glänzten endlich in seinen Augen und verbargen sich, wie er
          sie auch mit dem Finger wegwischte, in den tiefen Furchen seines Angesichts. Es waren von
          jenen Thränen, von denen es heißt, Gott habe sie alle gezählet. </p>
        <p>Denn der Alte, die Leser haben es vielleicht schon errathen,war Niemand anders als Jakob,
          der Glücksschmied. Nach langer Irrfahrt im fremden Lande, wohin er vor der Schande der
          Welt und vor der Erbitterung seiner eigenen Leute einst geflohen war, hatte ein
          unwiderstehliches Ver<pb n="173"/> langen ihn getrieben, sein liebes, stilles Thal und
          Dorf und,wenn es möglich wäre, das Angesicht derer wieder einmal zu sehen, die er einst so
          lieb gehabt. Es läutete gerade das Zeichen, als er den theuren heimatlichen Boden betrat,
          und ungesäumt stieg er auf einem einsamen Fußpfade zur Kirche hinan. O, wie war ihm dabei
          zu Muthe, wie weckten die heimeligen, trauten Klänge, die sein Ohr vernahm, wie weckten
          alle die noch wie einst bestehenden einzelnen Eigenthümlichkeiten der Gegend, die sein
          Auge schaute, alle Erinnerungen seines Lebens in ihm auf! Die tiefste Wehmuth und Reue
          über sein verlorenes Lebensglück und über seinen ganz verfehlten Lebensgang bemächtigten
          sich seiner Seele. So trat er, doch erst, um den Blicken und Fragen der neugierigen Leute
          auszuweichen, als die Glocken verklungen hatten, in die Kirche; so hörte er der Predigt
          zu,und was er hörte und immer begieriger in sein Herz aufnahm, o wie schien es sein Elend
          und sein vergebliches Ringen zu schildern, wie war es dann aber auch wieder eine so
          köstliche Erquickung für seine schmachtende Seele, ein lindernder Balsam für sein wundes
          Herz! Stiller Friede glänzte auf seinem Angesichte, als er, um wieder ungestört,wie er
          gekommen war, aus der Kirche zu gehen, während des letzten Gesanges dieselbe verließ.</p>
        <p>Er gieng in das Hauptwirthshaus, weil er bei seinen </p>
        <pb n="174"/>
        <p>Leuten nicht so zu sagen mit der Thüre in's Haus fallen wollte und doch sein geschwächter
          und durch die Anstrengungen des Morgens sehr exmüdeter Leib ihm es zur Pflicht
          machte,sobald wie möglich etwas zu sich zu nehmen. Er bestellte ein halbes Schöppchen Wein
          und ein warmes Süppchen mit ein wenig Fleisch. Von der Tochter des Hauses, die ihn
          bediente, ward er nicht erkannt. Als er sich aber während seines frugalen Mahles nach der
          Familie des Jakob Schmied erkundigte, nach seinen Geschwistern, nach seiner Frau und
          seinen Kindern und unterdessen auch die alte Frau Wirthinn hereingetreten war, so schaute
          dieselbe lange unverwandt ihn an, sie schien in seinen Zugen etwas lesen zu wollen und
          doch nicht ihrer Sache gewiß zu sein. Endlich redete sie den Jakob an: „Es ist mir, ich
          sollte den Mann kennen,“ sagte sie, „ich habe Euch schon irgendwo gesehen.“ „Es ist wohl
          möglich,“ antwortete ihr der Jakob mit wehmüthigem Lächeln, „ich bin auch schon hier
          gewesen, aber es ist schon etwas lange her,“ und dabei blickte er ihr scharf in die Augen.
          Da fuhr sie auf und: „um Gotteswillen,“ sagte sie, „Ihr seid der Jakob! man sagte Euch
          sonst nur: der Glücksschmied, nun ja denn auch, Ihr seid's!Gottwillkommen zu uns, nun ja
          denn!“ „Ja,“ entgegnete er bewegt, „der bin ich. Es hat mich nicht mehr gelitten in der
          Fremde, ich hielt es nicht mehr aus, ich mußte <pb n="175"/> heimkommen und meine Heimat
          und meine Frau und meine Kinder wieder einmal sehen meinet Ihr, ich dürfe zu ihr gehen,
          sie trage mir nichts mehr nach?“ „O,“sagte die Wirthinn gerührt, „wäret Ihr nur schon
          lange gekommen! O, wie wird das Anneli eine Freude haben, wenn es Euch wieder sieht, es
          hat wäger genug um Euch geweint die vielen Jahre hindurch. Nun ja, Ihr seid's, ei nun ja
          denn auch!“ Sie konnte nicht Worte genug finden,ihre freudige Verwundernng
          auszudrücken.</p>
        <p>Aber für den guten Jakob war das Alles, was heute schon sein Herz bewegt hatte und was
          bei diesen Andeutungen der Wirthinn wieder Alles durch seine Seele gieng,zu viel; der
          großen, inneren Aufregung, der gewaltigen Bewegung seines Herzens erlag sein sehr
          geschwächter Leib.Er stand auf und wollte seine Leute besuchen; aber da ward es ihm auf
          einmal schwarz vor den Augen, seine Sinne verwirrten sich, er schwankte, sank und fiel in
          eine schwere Ohnmacht. Mit einem Schrei der Bestürzung eilte die Wirthinn auf ihn zu und
          wollte ihn aufrichten, aber sie vermochte es nicht; ihre auf ihren Ruf herbeigeeilten
          Leute trugen ihn hinauf auf ein Bett und suchten mit den gewöhnlichen bekannten Mitteln,
          die man in diesen Fällen anwendet, ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken, es wollten aber <pb n="176"/> dieselben nicht die gewünschte Wirkung thun und man schickte zum Arzte
          aus.Unterdessen war die Kunde von Haus zu Haus gedrungen,der Glücksschmied sei wieder da,
          er sei in der Kirche gewesen, sei dann in das Wirthshaus gegangen, um ein Süpplein zu
          essen, und auf einmal sei er sehr gefährlich erkrankt.Diese Kunde drang auch an Anneli's
          Ohr. Es konnte ihr zuerst keinen Glauben schenken; als aber dasselbe von verschiedenen
          Seiten bestätigt wurde, war es nicht mehr zu halten, es eilte nach dem Wirthshause und
          seine nun fast alle erwachsenen Kinder mit ihm. Schüchtern trat es in das ihm sonst fremde
          Haus. Die Wirthinn aber begegnete ihm freundlich tröstend, indem sie sagte:“Ja gelt auch
          Anneli, was das ist!“ „Ist er wirklich da, wirklich krank?“ fragte die Eingetretene
          hastig. „Ja denke auch,“sagte die Wirthinn, „er kam nach der Kirche und bestellte ein
          halbes Schöpplein und ein Süpplein, er müsse schnell etwas haben, es werde ihm so schwach,
          sagte er. Unsere Jungen erkannten ihn nicht. Man bereitete es ihm schnell,und wie ich in
          die Stube komme, kommt mir der Mann gleich bekannt vor, und wie ich ihm dann in die Augen
          sehe, habe ich ihn sogleich erkannt und gegrüßt. Er erkundigte sich gar theilnehmend nach
          Euch Allen,indem er sagte, er habe es nicht mehr ausgehalten in der <pb n="177"/>Fremde,
          er habe müssen kommen und Euch wieder sehen;und ob er wohl zu dir kommen dürfte, ob du es
          gewiß nicht zürnen würdest, ob du ihm wohl wirklich verzeihen könntest,was einst geschehen
          sei, denke, das hat er mich auch noch gefragt. Und dann hat er wollen aufstehen und gehen,
          und aufstehen/ zwirbeln und niedersinken das war das Werk eines Augenblickes. Der Doktor
          war erst daz das sei nicht nur eine gewöhnliche Ohnmacht, die könnte noch etwas
          Schlimmeres zu bedeuten haben, meinte er; wir wollten eben Euch Bericht machen, jetzt seid
          Ihr aber schon da, der Jakob ist noch immer nicht bei sich selber.“ So sprach die
          Wirthinn, bereitete das Anneli vor und führte es dann in das Zimmer hinauf, wo der Jakob
          auf dem Bette lag; Annelis Kinder folgten still.</p>
        <p>Was war das für ein Wiedersehen! Abgezehrt und bleich lag der Jakob da, fast wie eine
          Leiche, fast unkenntlich, wenn man ihn in der Erinnerung hatte, wie er ausgesehen hatte in
          den Tagen seiner Jugend und seiner vollen Manneskraft.Aber schnell fand Annelis Liebe auch
          in dem entstellten Antlitze die bekannten geliebten Züge wieder, und hingerissen von der
          Gewalt dieses Augenblickes, warf es sich weinend über den so lange verloren gewesenen Mann
          und küßte ihn und netzte sein Haupt mit seinen Thränen: „O, Jakob,lieber, lieber Jakob;
          müssen wir so uns eesabene <pb n="178"/>Kannst du nicht mehr zu dir selber kommen, nicht
          wieder mich erkennen, nicht mehr ein Wort der Versöhnung und des Trostes mir sagen?“. So
          rief es wehklagend. Alle Umstehenden waren tief ergriffen und mußten mit ihm weinen. Nach
          einer Weile bedang sich das Anneli aus,daß es allein bei seinem Manne bleiben und allein
          ihn pflegen wolle. Es hatte ihn gerne heimgenommen, aber es gieng unter den obwaltenden
          Umständen nicht an. Man willfahrte ihm gerne.So saß es nun allein bei seinem Manne, so
          glücklich, ihn nur noch einmal sehen zu dürfen, der wohl sich weit verirrt und doch im
          Grunde seiner Seele es immer gut gemeint hatte, und so unglücklich, wenn es daran dachte,
          wie sie einst beisammen gewesen waren und wie jetzt. Beständig betrachtete es ihn und that
          kein Auge von ihm. Da DD verstandiger Blick leuchtete aus ihnen heraus und verwundert
          schaute er um sich. „Bist du da Anneli?“ sagte er dann mit schwacher Stimme, „Anneli, bist
          du da?“ „Ja, ich bin's,“ sagte sie freudig erregt, „Jakob, lieber Jakob, kennst du mich
          noch?“ Er nickte mit dem Haupte, denn er war im Augenblicke zu schwach, mehr zu reden; er
          raffte sich aber zusammen und konnte fortfahren: „Anneli, du bist da, du bist bei mir?“
          und eine Thräne glänzte in seinen <pb n="179"/>Augen. Das Anneli mußte auch weinen. „O,
          Anneli,gelt, du vergiebst mir?“ fuhr er fort, nachdem er wieder aufgeathmet hatte, „gelt,
          du vergiebst mir? O siehe,ich wollte es einst gut mit Euch meinen und habe es schlecht
          gemeint und bin dann immer tiefer hineingekommen,Gott verzeihe mir's, und er hat mir's
          vergeben. Nicht wahr,du vergiebst mir auch, was geschehen ist?“ „O Jakob, lieber Jakob,
          sage doch nichts mehr von dem, o wir sind ja zufrieden, schon lange zufrieden, sei mir nur
          du nicht mehr böse,“ erwiederte das Anneli und reichte ihm die Hand.Und der Jakob ergriff
          sie; er konnte nicht mehr reden vor Schwachheit, Rührung und Schmerz, er ergriff sie und
          drückte sie fest, und so hielten sie, ohne zu reden, die Hände in einander. Was Jahre
          nicht vermocht hatten,das that dieser Augenblick.</p>
        <p>Mittlerweile waren auch Jakobs Kinder wieder gekommen.Er schaute sie zuerst verwundert
          an, denn sie waren groß geworden und hatten sich verändert. Aber bald erkannte er Jedes,
          nannte sie leise mit Namen und erhob seine Hand,als wollte er sie segnen, aber er mußte
          sie wieder sinken lassen vor Schwachheit, nur leise konnte er stammeln: „Der liebe Gott
          segne und behüte euch!“ Dann sank er wieder in einen scheinbar tiefen Schlummer. </p>
        <p>Der Arzt, der bald wiederkam und ihn untersuchte, zuckte <pb n="180"/> die Achseln. Die
          Ohnmacht, in die der Mann gesunken sei, erklärte er, sei eigentlich keine Ohnmacht,
          sondern ein Schlaganfall gewesen und wenn noch einer komme, so sei es um ihn geschehen.
          Und so war es auch. Kaum war er fort, so fieng der Kranke an so sonderbar zu athmen und zu
          röcheln, immer tiefer und immer tiefer bohrte er in das Kissen sein Haupt und sein Athem
          stand stille, seine Augen wurden starr und er war eine Leiche. Sanft hatte er nach den
          Irrfahrten dieser Zeit sein Leben ausgehaucht;seine Seele aber hatte eine Ruhestatt
          gefunden in den ewigen Hütten des Friedens. 5 </p>
        <p>Annelis und seiner Kinder Wehklage in diesem erschütternden Augenblicke wollen wir nicht
          weiter beschreiben. Es kennt ja Solches ohnedieß nur recht, wer es selbst schon erfahren
          hat. Die ganze Gemeinde nahm Antheil an seinem Unglücke und an Jakobs Schicksal, und ein
          größeres Leichenbegängniß ward in Schönenwyl nicht bald gesehen,als das war, da Jakob, der
          Glücksschmied, zur Erde bestattet ward. „Wie wunderbar! Er hat wieder heimkommen müssen,
          um hier zu sterben;“ sagten die Leute, und ahnten etwas von der Allgewalt Gottes, der die
          Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche. Der Pfarrer predigte über das Wort des
          neununddreißigsten Psalms: „Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien und schweige
          nicht </p>
        <pb n="181"/>
        <p>über meinen Thränen; denn ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie alle meine
          Väter,“ und wandte es auf Jakobs Lebensgang, seine inneren Kämpfe und seine Führungen an. </p>
        <p>Das Grab hat sich auch über diesem Leben geschlossen.Kein Stein bezeichnet den Ort, wo
          Jakobs müde Gebeine ruhen, aber ein wilder Rosenstrauch wuchert üppig auf demselben, als
          wollte er Zeugniß geben von dem Trieb und Drang, der einst dieses Leben bewegt hat. Der
          Strom der Zeit fährt dahin und bringt neue Erscheinungen und fessest mit neuen Dingen die
          Gedanken und Sinne der Menschen und nimmt das Andenken an das Vergangene mit sich fort.
          Auch der Jakob ist bei Vielen bald wieder vergessen. Aber allsonntäglich wandelt ein altes
          Mütterchen nach dem Gottesdienste zu seinem Grabe hin und bleibt dort lange stehen und
          weiht ihm stille Thränen der Erinnerung und der Sehnsucht, bis es in einem besseren Leben
          ihn darf wiedersehen. Es ist das Anneli, das ihn geliebt, das ihn verloren und, freilich
          nicht mehr für diese Zeit, wiedergefunden hat. <pb/>
          <pb/> J .4 F </p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>