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                <title>Reisebilder aus dem deutschen Norden: ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:299780457 wikidata:Q61993424">Brenner-Kron, Emma
                    (1823-1875)</author>
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                <p><date>2021-12-14</date></p>
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                        <name>UB Basel</name>
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                    <title>Reisebilder aus dem deutschen Norden</title>
                    <author>Brenner-Kron, Emma</author>
                    <publisher>Felix Schneider</publisher>
                    <pubPlace>Basel</pubPlace>
                    <date>1873</date>
                    <!-- this title has been retrodigitised as part of the project “High Mountains Low Arousal? Distant Reading Topographies of Sentiment in German Swiss Novels in the early 20th Century”  -->
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            <p>The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the
                1873 edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan
                from UB Basel, which is based on the 1873 edition.</p>
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        <body>
            <div type="chapter">
                <p>Das rege Interesse, das den Erzählungen über meinen Aufenthalt im deutschen
                    Norden im engern Kreise der Heimath zu Theil ward, ermuthigte mich, meine
                    Eindrücke auch einem weitern Kreise mitzutheilen. So hatte ich denn diese
                    Reisebilder einem geschätzten Schweizerblatte zugedacht. Im Gedanken an die
                    Lieben im Vaterlande, die sie lesen würden, und in dankbarer Erinnerung an den
                    mir lieb gewordenen Norden, schrieb ich sie nieder. Und die Bilder von
                    Carlsburg, von Stralsund, von Usedom, von Swinemünde traten alle wieder frisch
                    vor meine Seele hin. Ich sah den Strand, die Küste, sah das Meer: „Die blaue
                    Fluth wogt' ruhig, sanft im Winde.“ Und das war in den Tagen bom 13. und 14.
                    November! vielleicht zur Stunde, wo dies Meer,ein tobendes Ungeheuer, Land und
                    Leute erbarmungslos verschlang.</p>
                <p>Da erscholl der Hülferuf von der Ostseeküste, und über die deutschen Ebenen drang
                    er auch bis nach den fernen Schweizerbergen. Die Ostseeküste, die deutschen
                    Ebenen eine weite, schauerliche Wasserfläche: das Meer hatte sie
                    überfluthet!<pb/> 4 Da wußte ich denn auch, daß meine Reisebilder, diesem Norden
                    entnommen, diesem Norden angehörten. Möchten sie, niedergelegt auf den Altar der
                    Menschenliebe, ein Scherflein werden, der Hülfe sich anzureihen, die, wie es
                    gebührt, daß in den Tagen der Noth ein Volk sie dem andern, ein Mensch dem
                    andern sie leiste,den Unglücklichen bereits auch geworden und noch werden
                    kann.</p>
                <p>
                    <pb/>àa </p>
                <p>Was auch die eig'ne Seele mag bewegen </p>
                <p>An leisen Sorgen und an stillem Weh,</p>
                <p>Trag' es hinaus! Auf sonnbestrahlten Wegen Hinaus in Gottes weite Schöpfung
                    geh'l!</p>
                <p>Und lerne hier im großen All empfinden,Lern', was es heißt: ein Theil des Ganzen
                    sein!Dann wird das eig'ne kleine Ich verschwinden Und Friede kehrt in Deine
                    Seele ein.Es war im August dieses Jahres, als ich meine Reise nach dem deutschen
                    Norden antrat; das Ziel derselben war NeuVorPommern, wo treue Freundschaft
                    meiner harrte. Die Gegend von Basel nach Frankfurt war mir bekannt und wußte
                    ich,daß nachdem ich dem badischen Lande ein Lebewohl gesagt und der Stadt am
                    Main einen letzten Gruß zugesandt, ich nun auch Abschied genommen von den
                    saftig-grünen Wiesen, den waldigen AnDDDDD00 so ernst und doch so traut mich
                    anschauten, als wollten sie mir sagen: „Du Kind Helvetiens, wie wird dir zu
                    Muthe sein, wenn dein Auge, umsonst nach uns spähend, weit und breit nur die
                    endlose Ebene erblickt? Wie wird dir da sein?“</p>
                <p>Die Reise von Frankfurt nach Berlin bietet wenig Interessantes für uns Schweizer.
                    Da wo am fernen Horizonte noch immer die blauen Linien der Berge sichtbar, und
                    wenn sie entschwinden waldige Hügel eine theils grüne, theils mit Getreide
                    bewachsene Ebene anmuthig überragen; wo auf dem noch <pb/> 6 stark bevölkerten
                    Reichstheile Städte mit Dörfern, Kirchen mit Kastellen und andern sehenswerthen
                    Bauwerken wechselnd, der ganzen Landschaft den Ausdruck muntern Lebens
                    verleihen: da fühlen wir uns noch heimisch.</p>
                <p>Je näher wir Berlin aber kommen, je öder erscheinen uns die Gefilde. Ich sah sie
                    zur späten Abendzeit, jene Gegend, und die weiten Strecken hellen Sandes, der
                    bald hügelig sich erhob,von niederm Strauchwerk bewachsen, bald flach und kahl
                    vor meinen Blicken sich dehnte, schimmerten weiß im blassen Lichte des Vollmonds
                    und hatten für mich etwas schier Grauenhaftes: es erfaßte mich das Gefühl
                    unsäglicher Vereinsamung. Da aber schimmerten von Weitem, blinkend in die Wette
                    mit den Lichtern des Himmels, schimmerten, wie ein Kranz funkelnder Sterne,die
                    tausend und tausend Lichter der Kaiserstadt, und das immer lauter werdende
                    Getöse, das Sausen und Brausen, das Klirren und Schwirren, das Lärmen und
                    Schwärmen die Nähe der Menschen weckte mich aus meinen Träumen: es war Berlin,in
                    das wir eingezogen. Ein Strom von Leben, ein Ocean von Beweglichkeit umtobte
                    mich jetzt von allen Seiten.</p>
                <p>Meines Bleibens war jedoch nicht in der Weltstadt; der folgende Tag schon führte
                    früh mich mit eilendem Dampfrosse je mehr und mehr. dem Norden zu.</p>
                <p>Wie ist sie schön, diese Stettiner-Bahn, die bis hinauf nach dem Seehafen
                    Stralsund führt, mit ihren noch neu aussehenden Bahnhöfen, diesen festen,
                    schmucken Backsteinbauten, die durch ihren rothen Stein hier grell abstechen vom
                    dunkeln Hintergrunde des sie umgebenden Kiefernwaldes, dort, wie die Kornblumen
                    zu ihren Füßen, fröhlichen Farbenwechsel bringen in das weithin sie
                    umschwankende Weizenfeld.</p>
                <p>Doch, nicht die Bahnhöfe waren es und nicht der fröhliche Farbenwechsel, was in
                    dem Augenblick meine Aufmerksamkeit auf fich zog: das Kleine verschwand vor dem
                    einen Großen, vor dem Anblick der mich umgebenden Landschaft, einer weiten
                    endlosen Ebene. O, ihr Flächenbewohner, verzeiht, wenn ich hier <pb n="7"/>
                    bekenne, daß ein unbeschreiblich Heimweh mich da ergriff, daß eine Thräne den
                    Blick trübte, der, zum ersten Mal auf dieser euch so theuren Heimat ruhend, sich
                    verlor in solcher Unendlichkeit!Und ihr werdet mir verzeihen, wenn ich euch
                    sage, daß, einmal damit vertraut, eure Ebenen mir schön erschienen, schön in
                    ihrer Art, ich meine: großartig, wie alles Unendliche, und ich sie lieb gewann
                    nach und nach auch darum, weil es eure Ebenen.</p>
                <p>Die Gegend von Berlin hinauf nach dem Norden wird jedoch, ihr werdet es zugeben,
                    immer öder, immer kahler: Kornfelder und Sandhügel, und Sandhügel und
                    Kornfelder, dann wieder weite Strecken dunkeln Waldes. Zur Linken, sieh! jetzt
                    aber ein stiller blauer See, still wie die menschenleere Landschaft ringsumher.
                    Ueber seinem blauen Spiegel kreisen die Wasservögel im Morgensonnengolde,
                    silbern schimmern ihre langen Flügel.Und der Windhauch bewegt das Schilfrohr am
                    Ufer und kräuselt die Gewässer des Sees. Doch vorbei, vorbei! schnell treibt das
                    Dampfroß weiter.</p>
                <p>Und hier, in der Gegend zerstreut, die Windmühlen, deren für uns so ungewohnter
                    Anblick diese fremdartige Landschaft noch fremdartiger erscheinen läßt! Und
                    jetzt noch dazu die Kanäle kleine Segelbote führen auf ihrem dunkeln Gewässer
                    die Waaren von den entfernt liegenden Strömen dem Innern des Landes zu ernste,
                    schwarze Streifen, welche die Ebäne durchkreuzen und ihr einen noch ernsteren
                    Ausdruck verleihen. Aber auch da: vorhei, vorbei!Es war Mittag geworden. Ich
                    wußte, daß der Ort meiner Bestimmung nicht mehr ferne; begierig, ihn zu
                    entdecken, blickt'ich in die Gegend hinaus: Carlsburg, das seit Alters her in
                    Pommern bekannte Schloß Carlsburg das Stammgut der Grafen von Bohlen und
                    nunmehriges Besitzthum des Grafen von Bismark-Bohlen wo mocht es denn liegen und
                    wie paßte es in diese öde Landschaft ? Ich suchte nach Wald, nach dem zu dem
                    Bilde meiner Phantasie so unentbehrlichen Forste: ich sah nur Feld und Acker,
                    ohne Baum, ohne Strauch. Da zeichneten <pb n="8"/>aber sich dunkle Umrisse gen
                    Norden ein schwarzer Streifen auf dem gelben Plan die Waldungen von Carlsburg;
                    denn die letzte Station, die ich zu erreichen hatte, war endlich Züssow, die
                    nächste bei Carlsburg.</p>
                <p>Wie pochte mir das Herz, da sollte mich ja Die begrüßen,um deretwillen ich so
                    weit her gereist kam, meine Freundin und Anverwandte. Leichte Wolken hatten
                    indeß den Himmel umzogen; ein feiner Regenschauer benetzte die trockene
                    Erde.„Züssow“, erschallt jetzt die Stimme des Eisenbahnangestellten.Der Wagen
                    hält. Ich steige aus. Ein scharfer Windhauch blies mir da in's Geficht und
                    kühlte die heiße Stirn mir. Ist das dein Bote, du frostiger Norden, und heißest
                    du so mich willkommen, oder willst du mich zurück treiben dahin, von wannen ich
                    ausgieng? Ich konnte nicht lange rathen, denn sie nahm mich jetzt in Empfang,
                    allen nordischen Boten zu lieb oder zu leide, meine gute, treue Louise.</p>
                <p>Die gräflichen Pferde lenkten feldeinwärts und brachten, leicht über die Ebene
                    dahin gleitend, uns Carlsburg je mehr und mehr nahe. Hoch und dunkel ragten
                    jetzt die Wipfel seiner Bäume empor über den gelben Feldern, und durch das
                    schattige Grün schimmerten bald auch die weißen Mauern des Hofes und die runden
                    Säulen beim Eingange in denselben uns entgegen.</p>
                <p>Carlsburg nicht ohne Rührung betrat ich die Stätte, welche im Laufe der Jahre
                    derjenigen eine zweite Heimath geworden, die vor Zeiten, ein Kind schier noch,
                    allein, auf Gottes Schutz und auf eigene Kraft angewiesen, in die Fremde zog, um
                    gleich so vielen wackern Mädchen auch unseres Landes, fich dort durch Fleiß und
                    Treue Gönner und Freunde zu erwerben: in wie weit dies meiner Anverwandten
                    gelungen, mag die Reihe von Jahren bezeugen, die sie in Carlsburg schon
                    weilt.</p>
                <p>Der langgehegte Wunsch, mich in ihrer deutschen Heimath zu begrüßen, war nun
                    erfüllt: Carlsburgs gastliche Pforten hatten sich mir geöffnet; freudig führte
                    Louise, die getreue Wirthschafterin. des Schlosses, mich ein in die mir
                    bestimmten <pb n="9"/>Räume, mich daselbst der Ruhe überlassend, der ich in
                    diesem Augenblick so sehr bedurfte.</p>
                <p>II.</p>
                <p>O segensreiche Erntezeit!</p>
                <p>O Sommermorgen, klar und rein!Wie wird bei deinem Sonnenschein Das enge Herz so
                    groß, so weit!Das war das Gefühl meines ersten Erwachens in
                    Carlsburg.Neugestärkt durch den erquickenden Schlummer in des Schlosses weiten
                    Räumen, athmete ich sie ein, die nordische Frühluft. Sie war leicht und kühl
                    diesen Morgen, wie sie es im Allgemeinen dort ist: ihr Säuseln weht uns den
                    Hauch des nicht mehr fernen Meeres entgegen, den feuchten, salzigen Hauch, der
                    es verwehrt,daß die Hitze des Tages zu drückend wird. Ich öffnete diesem Säuseln
                    meine Fenster, und der Blick ruhte jetzt auf dem vor mir liegenden Park.</p>
                <p>Dieser Park nie werde ich Carlsburgs gedenken, ohne daß sein Bild vor mich
                    hintritt. Dieser Park mit seinen herrlichen Bäumen, wie oft erzählte er mir alte
                    Geschichten! Er erzählte mir auch die Geschichte vom Schlosse Carlsburg. Doch
                    nicht gleich am ersten Morgen meines dortigen Erwachens; so rasch geht das
                    nicht: der Park ist ernst und verschlossen wie seine pommer'schen Landeskinder;
                    er will erst wissen, womit er es zu thun hat. Und so ein heller Sommermorgen ist
                    auch nicht die geeignete Zeit zum Erzählen alter Geschichten; es kommen noch
                    passendere Stunden.</p>
                <p>Jetzt machte ich Bekanntschaft mit seinen einzelnen Bäumen und vorerst mit der
                    Riesentanne, die, meinen Fenstern gegenüber, durch ihre zierlichen Formen und
                    ihr dunkles Grün meine Bewunderung erregte. O, wie viele Blicke hafteten auf
                    ihr, lange <pb n="10"/>vor den meinen; Blicke lieber Augen, die längst das Grab
                    nun deckt! Denn die Tanne ist ganz dazu geschaffen, ein Lieblingsbaum zu sein.
                    Und ich wie oft sah ich nach ihr! Hoch oben in ihrem Wipfel sang der Häufling
                    sein Lied laut und fröhlich hinaus in die Lüfte; an ihrem Stamme ab und auf
                    kletterten die Eichkätzchen, sich im Spiele neckend, indeß auf bemooster Wurzel
                    die ewigbewegliche Bachstelze ihre Insektenjagd eifrig fortsetzte,unbeirrt die
                    Schaar junger Truthühner der Puten des Hofes die, den Hennen folgend, unter den
                    lang herabhängenden Aesten des Baumes behaglich auf trockenem Grunde sich
                    ergiengen;ihre piependen Laute drangen zu mir herauf. Und dort der stattliche
                    Ahorn! Und hier die Edeleschen mit ihrem prächtig gezackten Laube! Und die Ulmen
                    und Birken, die Akazien und Erlen,die Pappeln und Weiden mit den silbernen
                    Blättern, neben der dunkeln Blutbuche; zierliche Gruppierungen, die durch ihren
                    reichen Formen- und Farbenwechsel das Auge fesseln, bis es, von ihnen hinweg
                    weiter und weiter hinaus spähend, über den grünen Rasenteppich hin, den sie
                    umkränzen, nach dem entfernteren Teiche schweift, der, ein glänzender
                    Wasserstreifen, als Grenzlinie des Parks, durch den Ausschnitt der Bäume
                    schimmert. Jenseits seiner Fallbrücke dieses Störefrieds der kreisenden Schwäne
                    liegen grüne Wiesen; sie bilden mit dem Himmel, der über ihnen blaut, und dem an
                    sie stoßenden Forste, den Hintergrund zu diesem lieblich-ernsten Bilde. Durch
                    die hohen Stämme des Forstes führt die breite Fahrstraße nach der zwei Meilen
                    entfernten Stadt Anklam eine weiße Linie in's dunkle Grün des Waldes hinein.</p>
                <p>Dies Bild war die Aussicht, die nach Osten von den Fenstern meines Schlafgemachs
                    aus den Blicken sich wies; der nebenangrenzende Salon, dies kleine, hübsche
                    Gelaß, bot aus seinem Fenster die Aussicht nach Norden auf einen andern Theil
                    des Parks; immer die hohen, herrlichen Bäume, zwischen denen hier Blumenbeete
                    lieblich dufteten bunt glänzten ihre Farben durch das grüne Laub. Den
                    Hintergrund bildete das weithin wogende Aehrenfeld, begrenzt vom dunkeln Forste.
                    Dort schwankte, wie <pb/> 1141 ich ankam, noch als reife Saat das üppige Korn,
                    der Reichthum des Landes, harrend der fällenden Sichel. Bald sah ich von Fern
                    Garbe an Garbe sich reihen. O segensreiche Erntezeit!Und als ich Abschied nahm
                    von Carlsburg, und an jenem Sonntag der Blick zum letzten Mal aus diesem Fenster
                    schweifte wehte der Herbstwind über die Stoppeln. Sie aber, die da an meiner
                    Seite stand, und der diese Zimmer zu eigen, mag wissen,wie werth mir die Räume
                    geworden. Und wenn sie nun hinaus blickt aus diesem Fenster, und der Nordwind
                    weht eisig kalt ihr entgegen vom starrenden Schneefeld, ihr kühlend die
                    jugendfrische Wange: dann möge sie denken, daß, so frostig sein Hauch, so warm
                    meine Erinnerung.</p>
                <p>Die innern Räume des Schlosses waren eben so sehr geeignet,stundenlang den Blick
                    zu fesseln und tausend Gedanken wach zu rufen, als der sie umsäuselnde Park. Die
                    vielen ineinandergehenden Zimmer, verbunden durch die weiten Gallerien mit ihren
                    lebensgroßen Ahnenbildern, ihren plastischen Figuren, beleuchtet vom Strahle des
                    durch die hohen Bogenfenster hereinbrechenden Lichtes was erzählten sie nicht
                    alles der lauschenden Seele!Ist es der Flügelschlag einer vergangenen Zeit, was
                    da uns umrauschet so seltsam? Kühl weht es uns an wie ein Hauch aus dem Reich
                    längst entschwundener Tage.</p>
                <p>III.</p>
                <p>Und draußen die Welt!„Es geht durch sie ein frisch-erschaffend Wehen „In
                    ungehemmtem Lauf,</p>
                <p>„Und mit des Frühlings neuen Knospen gehen „Auch neue, große Herzen auf.“Ein
                    warmer Erntetag glänzte über Wald und Feld! Die Mittagssonne spiegelte sich in
                    den Fenstern des Schlosses, die, auf <pb/>IDd den Hof hinaus blickend, das
                    alterthümliche Gebäude von dieser Seite her erleuchten.</p>
                <p>Schloß Carlsburg zeichnet sich durch keinen schloßartigen Baustyl aus; es zieren
                    dasselbe nicht Thürme, nicht Zinnen.Das ungewöhnlich hohe, gewölbte Dach der
                    Seitengebände, der lange Mittelbau mit eben diesen beiden, denselben
                    überragenden Seitenflügelñ, verleihen ihm einen eigenthümlichen, nicht aber
                    schloßartigen Charakter. Ich habe es oft betrachtet, das Schloß,von seinem
                    weiten Hofe, von dem großen, kahlen Rafenplatze inmitten desselben aus, und es
                    gab mir viel zu denken, warum der Baumeister es gerade so gebaut. Aber stumm
                    blicken den Beschauer die zwei bronzenen Hunde unten an den Stufen der großen
                    Eingangspforte an, und still und verschlossen strahlen, hoch oben unter dem
                    gewölbten Dache,“ die runden Fensterscheiben durch ihr verwittertes Glas das
                    Sonnenlicht zurück: sie bleiben die Antwort ihm schuldig. Da wendet er sich um,
                    und von rechts winken die rothen Backsteinhäuser, die Wohnhäuser der
                    Oekonomiegebäude,ihm freundlich entgegen, von links die zierlichen Pferdeställe,
                    wo,der Stolz des Hofes, über 60 Pferde sorgsam gehegt und gepflegt werden. Und
                    dort die mächtigen, hohen Bäume, die Linden und wilden Kastanien, welche die
                    drei breiten Eingangsstraßen in den Hof zu beiden Seiten in Reihe und Glied, wie
                    alte, treue Wächter, umstehen! Und jenseits ihrer Schattengänge die übrigen
                    herrlichen Stallungen und Höfe, und die Gärten und Gewächsehäuser, wo unterm
                    schützenden Glase die Rebe grünt und blüht, und des Gärtners Kunst und Pflege
                    dem kalten Norden abringt, was der Gestrenge gutwillig zu schenken
                    verweigert.</p>
                <p>Und weiter und immer weiter hinaus trieb es auch mich zur Stunde. Der Weg führte
                    jetzt, nachdem der Hof zurückgelassen,vorbei an den Teichen, in deren Naß
                    sämmtliche Thiere des Hofes ihren Durst stillen breite Wasserflächen, auf deren
                    ruhigem Spiegel die Enten herumschwimmen, sich Kühlung schaffend bei der Hitze
                    des Mittags. Still ist's ringsum. Der einförmige Laut der in entfernter Scheune
                    arbeitenden Dreschmaschine <pb n="13"/>dringt, melancholischsingend, zu mir
                    herüber. Vor den leeren Schafställen zwitschern Schaaren von Sperlingen und
                    suchen in dem herumliegenden Stroh nach Futterkörnern; die ungeheuren Heerden
                    weiden draußen im Felde. So nahe ich mich denn dem Dorfe Carlsburg.</p>
                <p>Das Dorf hier bedarf es einer Erläuterung für den, dem die Verhältnisse dieses
                    Landes fremd. Gewöhnt an die, das Gleichgewicht einigermaßen unterhaltende
                    Zerstückelung des Bodens seiner Heimath, dieses in so viele Theile zerfallenden
                    Grundbesitzes, hat er keinen Begriff von solchen Groß-Gütern, deren Boden oft,
                    so weit das Auge reicht, mit Schloß und Dorf, mit Feld und Wald, mit Acker und
                    Wiese, dem einen Herrn als Eigenthum angehört.</p>
                <p>Solch ein Dorf besteht denn aber auch uur aus mehr oder weniger, theils einzeln
                    stehenden, theils aneinander sich reihenden Häusern; alle einstöckig, ziemlich
                    gleichförmig aus Backstein erbaut.Die Dächer meist mit dem hier so beliebten
                    Röhricht bedeckt, was der Landschaft einen noch einförmigeren Charakter
                    verleiht; einförmig, besonders für uns, die wir gewöhnt sind an das Weiß und
                    Grüne unserer Häuser und Häuschen mit den grellen Ziegeldächern, der Rebe oder
                    dem Birnbaum um's Fenster, und den vom hellen Gesimse herabhängenden Nelken und
                    Geranien.</p>
                <p>Solch ein Haus im Norden wird „Kathen“ genannt und ist,also als Eigenthum des
                    Gutsbesitzers, die Wohnung der auf dem Gute beschäftigten Arbeiterfamilien. So
                    ein Haus ist meist für zwei, oft auch für vier Familien eingerichtet. Jede
                    Familie hat für ihren Bedarf 660 Quadratfuß Bodenfläche um den Hausboden herum,
                    außerdem Stallung für Kuh, Schweine, Gänse und Hühner. Die Kuh wird mit den
                    Kühen des Hofes auf die zu dem Gute gehörenden Weiden getrieben. Das Einkommen
                    einer Arbeiterfamilie beträgt ungefähr 340 Reichsthaler, theils in baarem Gelde,
                    theils in Naturalien und in Beneficien. Die selbe hat dagegen je zwei Arbeiter
                    zu stellen, einen Mann und eine Frau. Solche Familien fallen dann aber, nachdem
                    das <pb/> 14 Haupt derselben drei Jahre dem Gutsbesitzer gedient, mit allen
                    Lasten diesem Gutsbesitzer anheim: er hat für die Kranken zu sorgen, die
                    Arbeitsunfähigen zu erhalten; seiner Obhut bleiben auch die Greise und alten
                    Mütterchen anvertraut, die unter seinem Dache den Rest ihres Lebens fristen, bis
                    sie in seiner Erde auf dem stillen Friedhofe des Gutes die endliche Ruhe
                    finden.Denn solche Familien bleiben oft da von Geschlecht zu Geschlecht.Andere
                    freilich, vom Gedanken erfaßt, daß hier Nichts ihr Eigenthum: nicht der Grund,
                    der sie ernährt, nicht der Herd, der sie erwärmt, nicht die Spanne Erde zum
                    letzten, langen Schlaf wandern aus nach Amerika. Denn mit der zwar erst im Jahre
                    1812 auch in Pommern erfolgten Aufhebung der Leibeigenschaft steht, wie dem
                    Herrn, so auch dem Arbeiter das Recht zu, zu künden.</p>
                <p>Es war stille und leblos um diese Tageszeit in den Wohnungen der Arbeiter: sie
                    waren draußen auf dem Felde; die Ernte erfordert jede rüstige Hand. Hier nur
                    liegt vor dem Häuschen im Korbe das Wiegenkind, das Urahne hütet. Dort spielt
                    das blinde Schwesterchen im Sande mit dem Kätzchen; der Bruder bringt ihm
                    Brombeeren heim aus dem Walde; und da auf der Bank sitzt der Junge mit den
                    Krücken, den die Krankheit um das Bein gebracht. Im Schulhause drinnen aber
                    erschallen muntere Kinderstimmen; sie haben eben Singstunde. Und durch die
                    Fensterscheiben sieht man blonde Köpfe jetzt ungeduldig hin und her gaffen: die
                    Zeit der Erlösung aus ihrer Haft hat eben geschlagen.</p>
                <p>Im Kornfelde, das von den Häusern des Dorfes Carlsburg bis hinüber zu denen
                    Zarnekow's sich dehnt, ist reges Leben. Die reichbeladenen Wagen mit den schönen
                    Garben und dem stattlichen Viergespann, wie es hier allgemein, zeigen, daß man
                    nicht müßig gewesen. Einen Kranz möchte ich winden, blau und roth, denn die
                    Kornnelken und Rosen blühen am Wege, die goldenen Garben zu schmücken. Aber von
                    Zarnekow's Kirchthurm her ertönt jetzt ein Klingen; ich zähle die Zeit zur
                    Mittagtafel im Schlosse kann nicht fern mehr sein.<pb/> 15 Horch! horch! was
                    erschallt denn von dort her, vom Schlosse?Welch fremdartiger Klang durchdringt
                    die Luft? Es ist der übliche Ruf des, Tam Tam“, der, ertönt er zum ersten Mal,
                    den Bewohnern kund thut, daß ihnen noch die nöthige Zeit gegeben zum Vollziehen
                    ihres Anzugs; ertönt er zum zweiten Mal, ihnen sagt, daß die Tafel bereit. Tam
                    Tam! Du Kind der heißen Zone! Du wunderliches Instrument, wie kommst du von
                    Indiens lachenden Gestaden nach dem ernsten Norden hinauf? Je nun: es kam, und
                    es ist da, und so lachend seine Heimath, so ernst ist sein Schall, so sehr paßt
                    es zum Norden.</p>
                <p>V.</p>
                <p>„O, stilles Leben im Walde!„O, grüne Einsamkeit!“Zum Besitzthum Carlsburg gehören
                    aber noch zwei Höfe:Jasedow und Stainfurth. Ich sollte dieselben auch kennen
                    lernen,meinte die verehrte Frau, heute wieder, wie immer, bereit, Andere zu
                    erfreuen. Und so gieng es denn mit eilenden Pferden dem Forste zu.Carlsburg's
                    herrliche Waldungen erstrecken sich meilenweit in der Landschaft; breite,
                    wohlunterhaltene Wege, hohe, schattige Hallen, führen Wagen und Reitpferde nach
                    allen Richtungen in denselben umher. In eiligem Trabe geht's hinaus und hinüber,
                    und nur das Knistern der unterm Rade berstenden Aeste unterbricht die tiefe
                    Stille des Waldes.</p>
                <p>Vorbei an den traulichen Ruheplätzchen unter den Wunderbäumen, den riesigen
                    Buchen und Föhren, gieng's immer tiefer in den Forst hinein. Bald erweckte eine
                    zierliche Umzäunung die Bewunderung: die Pflanzschule jungen Eichenschlags, bald
                    der Buchwald, bald das Kiefernholz. Dann hielt der Wagen am Saume <pb/> 16 einer
                    Waldwiese, die, rings von hohen Stämmen umkränzt, saftiggrün sich dehnt inmitten
                    des Forstes; eine Heerde Rehe weidet da im Sonnengold ruhig schauen sie herüber
                    nach den ruhenden Pferden, und erst als der Wagen sich wieder in Bewegung
                    setzte, setzten auch sie in's Undurchdringliche hinein.</p>
                <p>Und dort auf einem dieser breiten Waldwege was steht da plötzlich so lebensgroß,
                    und blickt aus nächster Ferne uns an mit den braunen Augen, den klugen? Ein
                    Hirsch ist's, ein zierlichgroßer! und jetzt noch ein zweiter, ihm folgend!
                    Herrliches Rothwild, die beiden! Ein Augenblick nur, und ... sie entschwinden im
                    Dickicht rauschende Blätter fallen unter'm Stoß hres Geweih's; aber der Schlag
                    ihrer Hufe verhallt jetzt schon weit in der Ferne.</p>
                <p>Es lichtet sich der Wald: Jasedow wird sichtbar. Dort draußen liegt es, das
                    Gehöfte, umgeben von der kornbewachsenen Ebene. Seine stattlichen neuen Gebäude
                    stehen da, bestrahlt von der Mittagsonne. Ach, noch kaum über ein Jahr, daß sie
                    niederbrannten mit ihren reichen Vorräthen an Heu und an Getreide und mit ihren
                    vielen Ochsen, welche, vom Schreck erfaßt, die hrennende Stätte nicht verlassen
                    wollten. Sieh! dort grast heute eine zahlreiche Viehheerde, über 70 Stück Kühe,
                    in Jasedow's nächster Umgebung. Vom Hofe her ertönt der Ruf des Hahn's;er steht
                    auf dem niedern Gemäuer golden glänzt sein Gefieder im Somnenstrahl.</p>
                <p>Wir aber lassen das Gehöfte rechts liegen und wenden uns Stainfurth zu. Wieder
                    gieng's in den Forst hinein, wieder weite Strecken durch denselben. Und dort
                    drüben denn, am Saume dieser pommer'schen Wälder, liegt ein einsamer Hof. Der
                    Wegweiser steht auf erhöhtem Grund neben der Fahrstraße; sein Arm zeigt nach den
                    Häusern am Wege: „Stainfurth“ nennt er sie dem Wanderer. Doch wir ziehen vorbei
                    an den Häusern; das kleine Pförtchen der hölzernen Umzäunung öffnet sich, und
                    wir betreten geweihte Erde: einen stillen Friedhof, die Begräbnißstätte der
                    Einwohner Carlsburgs und der dazu gehörenden Höfe.<pb n="17"/>Im Hintergrunde
                    steht, einfach und schmucklos, wie der gothische Baustyl es bedingt, erhaben
                    jedoch eben durch diese Einfachheit, die Kapelle ein Bau der Jetztzeit. Durch
                    die gemalten Fensterscheiben zeigt sich der Altar, ohne Prunk, ohne Tand; es
                    schmücken ihn frische Blumen. In dieser Kapelle ruht der Sarg der entschlafenen
                    Herrin von Carlsburg.</p>
                <p>Und von der Kapelle hinweg schritten wir zwischen Grabhügeln dahin. Sie erhoben
                    sich, zerstreut über dem kleinen Plane,bewachsen von Gras und Strauch, geziert
                    von dem einfachen Steine, der, als letzte irdische Spur Derer, die da schlummern
                    unterm Sande, ihren Namen trägt. Viele Steine mit der Jahres-zahl 1866 sind
                    Erinnerungszeichen an die Tage, wo die Cholera,diese allseits verderbliche
                    Seuche, auch in der pommer'schen Einsamkeit ihre Opfer suchte.</p>
                <p>Wir schritten in's Gebüsche hinein. Dort, zwischen Strauch und Dorn ein Denkmal
                    der Vorzeit steht eine zerfallene Kirche. Auf felsigem Grunde erbaut, wie so
                    viele der ersten christlichen Kirchen im Norden, ragen ihre zertrümmerten
                    Backsteinmauern mit den eingestürzten Bogenfenstern in die Wildniß empor; Epheu
                    umrankt sie, und aus ihren Ritzen grünt Farrenkraut Leben aus Tod. Die
                    zerfallene Kirche nach der Kapelle hinüber blickt sie: ein Gotteshaus hier, ein
                    Gotteshaus dort: der Geist überdauernd die Form.</p>
                <p>Und wieder über Gräber hinweg schritten wir dem Eingangspförtchen zu, um von der
                    heiligen Stätte zu scheiden.</p>
                <p>2 </p>
                <pb n="13"/>
                <p>„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit „Klingt ein Lied mir immerdar.</p>
                <p>„O, wie liegt so weit, o, wie liegt so weit,„Was mein einst war!“Landwirthschaft!
                    Klänge aus der Heimath, aus der Jugendzeit! Wie wachten da alte Erinnerungen in
                    mir auf, wie prägten neue meinem Gedächtnisse sich ein! Pommer'sche
                    Landwirthschaft ist eben wieder ganz andere, als schweizerische
                    Landwirthschaft!Ueber wie Manches bedurfte es der Erklärung, der
                    Berichtigung.Sie ward mir denn auch vollständig, Dank sei es dem mit Allem
                    vertrauten Verwalter von Carlsburg und der trefflichen Wirthschafterin im
                    Bereiche der Oekonomie, der liebenswürdigen Fräulein Hedwig M. Daß doch jeder
                    Hausfrau ein Blick vergönnt wäre in Hedwigs Bereich, ich meine in die
                    Vorrathskammern von Carlsburg, wo sie „Füllet mit Schätzen die duftenden
                    Laden,</p>
                <p>„Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,„Und sammelt im reinlich
                    geglätteten Schrein </p>
                <p>„Die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein.“Diese Vorrathskammern sind
                    wirklich großartig! Da liegt sie denn in tiefen Truhen aufgehäuft, die
                    „schneeichte Leinwand“,auf Carlsburgs Boden entsprossen, auf Carlsburgs Webstuhl
                    verfertigt, liegt neben der „schimmernden Wolle“, der Wolle von Carlsburgs
                    Schafen, aus der die warmen Decken dort, die bunten,gewirkt werden. Und die
                    Betten von den Dunen der Gänse, wie zierlich, wie weich, diese Betten! Dann
                    wieder die Rauchkammern mit all ihren reichlichen Schätzen! Und die Töpfe mit
                    Butter und Honigl Die Säfte und Weine in Flaschen! Und die Vorräthe an gedörrtem
                    und eingekochtem Obst; nicht zu reden von den Kasten voll Mehls, voll all den
                    aus Getreide bereiteten Nahrungsstoffen, wozu <pb n="19"/>„Der Scheunen gefüllte
                    Räume,„Und die Speicher, vom Segen gebogen“,reichen Stoff liefern. Und von den
                    Vorrathskammern zu den Bedientenstuben, zu den Gelassen der Mägde, und in die
                    Backund Waschlokale, in's Milchgewölbe, in's Brauhaus, und bis in die Keller
                    hinab überall hin und her, von oben bis unten in den Häusern, die Eß- und
                    Wohnzimmer nicht zu vergessen mit Küche und Speisegemach: überall Ordnung und
                    Umsicht, denn </p>
                <p>„Sie füget zum Guten den Glanz und den Schimmer </p>
                <p>„Und ruhet nimmer.“Aber es bedarf auch des Fleißes und der Ordnung, wie es großer
                    Vorräthe bedarf: von den 254 Einwohnern Carlsburgs ist täglich eine bedeutende
                    Anzahl den Tischen der sorgenden Hedwig zugetheilt.</p>
                <p>Landwirthschaft! Bilder aus der Heimath! O Abendzeit, wie lieblich bist du
                    allenthalben nach der Hitze des Tages; wie lieblich auch in Carlsburg! Schattig
                    ist's jetzt unter der Veranda vor dem Hause, und gerne schweift der Blick
                    hinüber nach den Höfen,wo so munteres Leben sich regt. Im Pferdestall wiehern
                    die Stuten bei den Füllen; von der Weide kehren die Kühe zurück,die vielen,
                    vielen Kühe. Siehe, dort drüben in dem weiten Raume werden sie gemolken unter
                    freiem Himmel von den Mägden des Hofes! Ihr dumpfes Brüllen, und das Brüllen der
                    Farren, und das Blöcken der Schafe, der dreitausend, die in allen Tonarten auch
                    hre Heimkehr verkünden, und das Geschrei der Hühner und das Quacken der Enten:
                    welch Bild landwirthschaftlichen Lebens führen sie vor uns auf!</p>
                <p>Doch die Zeit verrinnt, und die freundliche Schwester des Verwalters harrt unser
                    dort drüben in den trauten, häuslichen Räumen.Die Verwalterwohnung, diese
                    hübsche, einstöckige Behausung mit den Fenstern nach Sonnenuntergang, war in dem
                    Augenblick beleuchtet von der scheidenden Sonne: grellroth schimmerten die <pb n="20"/>Mauern, und die Fenster glänzten wie brennende Spiegel. Der Tisch
                    wurde in den kleinen Garten vor dem Hause versetzt, denn umduftet von Reseden
                    und Spätrosen, wollten wir unter freiem Himmel unser Mahl genießen. Und er war
                    rein und klar, dieser Himmel, wie er weit, weit sich dehnte über der weiten,
                    weiten Fläche, die vor uns, als ein unabsehbares Stoppelfeld, dalag im letzten
                    Abendglühen. Dort im fernen Westen sank die Sonne,eine feurigrothe Kugel, am
                    gelben Horizonte langsam hinab und malten sich in demselben die Pappeln des uns
                    gegenüber liegenden fernen Nepzin eines anderen Rittergutes roth dessen
                    Häuser,und im Abendwind spielten die langen Arme einer noch fernern
                    Windmühle.</p>
                <p>Ich blickle schweigend hinaus. Meine Seele bewegte der Gedanke an's Meer, das ich
                    noch nie gesehen, dessen blos geahntes Bild beim Anblick dieser Unendlichkeit
                    vor mich hintrat.Der Hauch, der mich umwehte, war er sein Gruß? Nicht weiß
                    ich's, aber ein heißes Verlangen erwachte in mir, da, wo ich nur Himmel und Erde
                    sah, einmal nur Wasser und Himmel zu sehen.</p>
                <p>Jetzt aber zieht eine Staubwolke über das Stoppelfeld und rückt je näher und
                    näher. Bald entwinden sich dieser Wolke kleine, weiße Wesen: mit langem Hals und
                    wackeligem Gang kommt sie angezogen, die Gänseheerde des Dorfes, über tausend
                    Stück an der Zahl; ihr lautes Geschnatter und leises Flügelschlagen unterbricht
                    die Stille ringsum. Wo ist „die Gänsemagd“ mit den langen Zöpfen? Das Grimm'sche
                    Märchen rauscht auf Windesflügeln in diesem Augenblicke an mir vorüber.Zwei
                    muntere Jungen trieben indeß die Gänse dorfeinwärts.</p>
                <p>Bald stieg die Nacht empor über der Landschaft, denn kurz nur währt um diese Zeit
                    die Dämmerung. Auf unserm Tische brannten die Lampen, am Himmel die Sterne, und
                    drüben überm Felde erglühten jetzt mit rothem Scheine die Lichter von Züssow,die
                    Leuchten des Bahnhofes. Das schrille Pfeifen des abwärtstreibenden Zuges drang
                    zu uns herüber; ein leises Heimweh <pb/> 21 ergriff mich. Heimweh ich kehrte
                    nach dem Schlosse zurück,um im hellerleuchteten Saale, im Kreise der Familie,
                    der Unterhaltung und Belehrung zu lauschen, die allein mich vergessen ließ, daß
                    ich so weit von daheim.</p>
                <p>2 </p>
                <p>„O Wanderglück! o Wanderlust!„Dein will ich nun genießen!“Mein Verlangen, das
                    Meer zu sehen, wurde indeß von mehr denn einer Seite herausgefühlt und, als sehr
                    begründet, bald auch werkthätig unterstützt. Ich werde nie der Worte Dessen
                    vergessen,der eines Tages zu mir sagte: „Und Sie, mit Ihrem regen Gemüthe, Sie
                    sollten scheiden vom Norden, ohne der See einen Gruß zugesandt zu haben? Lassen
                    Sie sich diesen hohen Genuß durch Nichts benehmen: sehn Sie das Meer!“ Er, der
                    sonst mit seinem trefflichen Humor über gar Manches zu scherzen pflegte,er sagte
                    dies so ernst, so überzeugend.</p>
                <p>Da theilte ich denn der Gesellschaft den kleinen Reiseplan mit,den der
                    freundliche Verwalter eben entworfen, er, dem es ein wahres Anliegen war als
                    Strandgeborner mich mit der höchsten Schönheit seines Landes bekannt zu machen.
                    Dieser Plan wurde denn auch, als ein wohlausgedachter, theilnehmend begrüßt.Die
                    Seestadt Swinemünde sollte das Ziel des kleinen Ausfluges sein: Usedom jedoch
                    als Raststätte uns dienen.</p>
                <p>Bald leuchtete denn der Morgen des 6. Septembers drei frohen Reisenden zu ihrer
                    muntern Fahrt: dem Verwalter, der netten Hedwig und meiner eigenen Person.
                    Freudigdankbar reichte ich unserm Begleiter die Hand zum Morgen- und Reisegruß,
                    als die Pferde leichthin uns auf breiter Fahrstraße nach dem nahegelegenen
                    Forste brachten. Mit der Frühluft strömte der <pb n="22"/>Geruch des
                    Kiefernholzes uns entgegen; die vom Thau benetzten Halme standen perlend am
                    Wege, und über das dunkle Moos des Waldes schwebte der weiße Schmetterling, noch
                    einmal seines kurzen Lebens sich freuend. Es war eine überaus heitere Fahrt:
                    heiter der Himmel über uns, heiter die schöne Erde um uns herum, und heiter die
                    Stimmung, die uns beseelte.</p>
                <p>Diese stundenlange Fahrt im offenen Wagen, wie sie heutzutage so selten uns noch
                    zu Theil wird, gestattet denn auch einen recht eingehenden Blick in die
                    Landschaft. Die Wege führen dort zu Lande oft meilenweit über's Feld eigentliche
                    Feldwege, wie sie bei uns kaum etwa streckenweis einmal befahren werden.
                    Geräuschlos bewegt sich der Wagen da durch den tiefen, weichen Sand; sein Rollen
                    stört nicht den Redefluß. Lebhaft sprachen wir uns aus über so Manches, was uns
                    eben beschäftigte. Und der Schäfer im braunen Rocke mit dem kurzen Kragen
                    erhielt wie er da, strickend die grobgesponnene Wolle seiner Schafe, im Feld die
                    Heerde weidete so gut ein Wort der Erläuterung, als die Pflanzungen blühender
                    Lupinen, dieses im Norden so beliebten SchafFutters, das mit seiner süßduftenden
                    gelben Blüthe ein Schmuck der Landschaft zu nennen ist.</p>
                <p>Und durch Wald und Feld, durch Anger und Wiese gieng's lustig weiter und weiter,
                    vorbei an Schlössern und Höfen. Wie glänzen die Mauern, wie schimmern die
                    Fenster hier rechts vom schattigen Wege! Denn jenseits des blauen Teichs mit den
                    silberweißen Schwänen, gelehnt an den rasigen Abhang, lacht zu uns herüber das
                    Eine der Schlösser. Aber das Andere dort links, versteckt halb und halb im
                    Schatten der Bäume des etwas verwilderten Parkes ein zierlicher Backsteinbau
                    ist's mit Thürmen und Zinnen blickt ernst über die grüne Umzäunung nach der
                    staubigen Landstraße hinaus. Diese Straße, bald sich hebend, bald sich senkend,
                    bringt uns je näher und näher der Fähre, die über einen Arm des Peene-Stromes
                    uns von Neu-Vor-Pommern hinüber nach der Insel, Usedom bringen soll. Sie ist
                    eine zierlich unterhaltene Straße: das sumpfige Erdreich, das zu beiden Seiten
                    sich <pb n="23"/>dehnt mit seinen Weiden- und Erlenbüschen, erheischte das
                    Pflastern dieses Wegtheils. Hier rasselt der Wagen denn zwischen den beiden
                    Reihen der Ebereschen hindurch.</p>
                <p>Munter zwitschern die Vögel in den Aesten der Bäume, deren rothe Beeren sie
                    schaarenweise herbeilocken, indeß von Stamm zu Stamm die Spinnen ihre Netze
                    ziehen „ihre Wäsche trocknen“,wie Hedwig in der Sprache ihrer nordischen Heimath
                    sagt; silbern glänzen die Fäden im Morgenlicht und begegnen sich schwebend im
                    Winde. Unter diesen hängenden Brücken blüht,zwischen dem Kiese des Weges, in
                    zierlicherer Farbenpracht als ich sie je gesehen, die blaue Wegwarte, deren
                    Wurzel auch hier zu Land, geröstet, dem Volke als Zusatz beim Kochen des
                    Kaffee's dient.</p>
                <p>Die blauen Wasser des Peene-Stromes zeigen jetzt wogend sich links in der Ferne;
                    in nächster Nähe wogt das Rohrschilf,in langen Strecken sich breitend, her und
                    hin. Diese Strecken werfen reichlichen Ertrag ab, und würde wohl keinem
                    Befsitzer solch wässerigen Landtheils einfallen, deren Boden zu trainieren;denn
                    das Röhricht, zur Dachdeckung verwendet, trägt auf diese Weise einen weit
                    höheren Gewinn ein, als der beste Wiesengrund.</p>
                <p>Immer deutlicher erscheint nun aber der Strom, und bald hält der Wagen vor den
                    einzeln stehenden Häusern Wohnungen der Schiffer, Schuppen für Waaren u. s. w.;
                    wir sind bei „Schwemmort“, der Fähre, angelangt. Die Pferde werden
                    zurückgeschickt nach den Stallungen Carlsburgs; wir aber besteigen den Nachen,
                    der an das jenseitige Ufer, nach Usedom, der Insel, uns tragen soll.</p>
                <p>Die Fahrt dauert ungefähr eine Viertelstunde. In leiser Strömung quillen die
                    Wasser dieses einen Armes des großen,breiten Flusses demselben entgegen, der
                    unweit der Fähre sie aufnimmt. Die Farbe dieser ruhigen Gewässer ist grün-gelb:
                    in ihrem nassen Schooße keimen zahllose Algen. Wir betrachteten diese kleinen
                    Körperchen in einer Hand voll Wassers, die wir schöpften. Sie sahen aus für das
                    bloße Auge wie Sonnen<pb n="24"/>stäubchen, erweckten aber als Zeugen von der
                    Manigfaltigkeit der Schöpfung so gut unsere Bewunderung, als der Wald von
                    Schilf, der gegen dem Ufer zu seine schlanken Rohre vor uns neigte. Schaaren von
                    Schwalben bewegten diesen Schilfwald,bald in Schwärmen, die Luft verdunkelnd,
                    drüber hin streifend,bald in seinem Röhricht sich bergend; ihr schrilles
                    Gezwitscher belebte die Lüfte ringsum. Ach, sie beriethen sich über die weite
                    Reise, die ihnen bevorstand! Sie wußten, daß sie über den Strom hin nach dem
                    Meere, und über das Meer hin nach dem Lande,wo warmer Sonnenschein, nun bald die
                    langen Flügel breiten würden! Und wir, wir wußten, daß mit den scheidenden
                    Schwalben nun auch der Sommer von uns schied.</p>
                <p>Der Nachen hielt am jenseitigen Ufer. Ein Wagen mußte von den nahestehenden
                    Häusern herbeigeholt werden. Unser Reisebegleiter besorgte dies Geschäft, wir
                    blieben zurück am Ufer.</p>
                <p>Langsam, schier bewegungslos flossen auch hier die Wasser ihrem Ziele entgegen.
                    Auf ihrer stillen Fläche trieben todte Fische dahin. Die Schuppen, losgetrennt
                    vom leblosen Körper, bildeten lange Streifen auf der grün-gelben Fluth wie
                    Regenbogenfarben schimmerten diese Streifen im Sonnenglanz. Und das Schilfrohr
                    seufzte jetzt klagend im Winde zu dem Klirren der Ketten des am Strande
                    festgebundenen Kahns. Durch unsere Seele zog, inmitten des Sonnenglanzes, ein
                    leises Weh. War es der Eindruck dieses Strandbildes auf unser Gemüth? War es das
                    Vorgefühl des herannnahenden Winters, an den die Schwalben uns erinnert, an
                    dieses Absterben der ganzen Schöpfung?Oder war's der Nachhall eines ernsten,
                    erst gepflogenen Gesprächs?Ich weiß es nicht; aber ein Ton, wie aus Lenau's
                    Schilfliedern,klang zu uns her aus dem Schilfe, und erst als der Wagen auf der
                    breiten, schönen Straße dahinrollte, zwischen den Kornfeldern und Wiesen der
                    Insel Usedom, konnten wir den vorigen heitern Ton wieder finden.</p>
                <p>Noch breiter und sichtbarer werden jetzt die Wasser des PeeneStromes. Auf ihren
                    Wogen ziehen die Schiffe daher und dahin;<pb n="25"/>lustig bläßt der Wind in
                    die Segel und bläht sie hoch auf. Vom jenseitigen Ufer blicken waldbewachsene
                    Anhöhen; ja, und aus noch weiterer Ferne, sogar Berge zu uns herüber und
                    verleihen der Landschaft einen lieblichen, malerischen Anblick.</p>
                <p>Die Insel Usedom ist ein fruchtbarer Erdstrich von 8 bis 10 Quadratmeilen Landes
                    (im Durchmesser). Zerrissen durch die Meerfluth, wird der Boden von deren
                    salzigem Hauche genährt und getränkt, so daß Korn, Gras und Wald herrlich
                    gedeihen.Usedom ist aber, gleich all diesen nordischen Landtheilen, wenig
                    bevölkert. Und einen Grundzug zum ernsten Charakter dieser Gegenden bildet eben
                    dieses Wenigbevölkertsein. Meilenweit läßt sich da wandern, ohne daß weder Stadt
                    noch Dorf der einförmigen Landschaft Leben und Abwechslung verleihe. Und wenn
                    auch hie und da ein einzelner Hof mit den dazu gehörenden „Kathen“ am Wege oder
                    im naheliegenden Felde steht, so tönt nur das Blöcken der Schafe, das Gackern
                    der Hühner und das Bellen der Hunde dem Wanderer entgegen, sonst Alles still und
                    stumm. Im offenen Wagen fährt etwa der Gutsbesitzer oder sein Jäger oder sein
                    Förster in Geschäften oder auch nach etwas mehr Zerstreuung verlangend an ihm
                    vorüber, der fernliegenden Stadt zu; oder es begegnen ihm die Weiber des Hofes
                    auf dem Rückweg von jener entlegenen Kirche, deren spitzer Thurm in die weite
                    Ebene hinaus blickt.Wir kamen jetzt Usedom näher, Usedom, der kleinen Stadt mit
                    den 2000 Einwohnern. Ihre Thürme und Mauern winkten grüßend uns zu. Denn in
                    Usedom sollten wir also rasten bis zum morgenden Tage, der dann nach Swinemünde
                    uns bringen wird. Es ist aber Mittag geworden derweil. Wir fahren ein zu dem
                    alten Thore, ein in die nordische Stadt. Wie anders diese Städte, als die Städte
                    Süddeutschlands und als unsere Landstädte! Von grauem Sandstein oder aus
                    Backsteinen erbaut, sind die meisten der Häuser blos einstöckig. Andere auch
                    sind da, wo über dem Erdgeschoße noch ein Stockwerk sich erhebt; alle aber in
                    die Breite sich dehnend, nicht in die Höhe erbaut, viele von vier <pb n="26"/>Seiten frei stehend. Inmitten der beiden Häuserreihen führt die breite
                    Landstraße von dem einen Ende der Stadt zum andern,oder es führt eine andere
                    breite Fahrstraße nach anderer Richtung; auch sie umstehn dieselben zwei Reihen
                    niederer, aber reinlicher und durchaus nicht ärmlich aussehender Häuser. Hier
                    blinkt ein deutscher, dort ein ssavischer Name uns entgegen mit Angabe des
                    Berufs oder Gewerbes dessen, der diese Mauern bewohnt.</p>
                <p>Warm brannte die Mittagssonne von wolkenlosem Himmel auf uns herab, und nicht
                    wenig erwünscht war es uns, als endlich der Wagen vor einem freundlichen Hause
                    hielt. Aus der Thür trat dessen gastliche Wirthin, die Tochter unseres
                    Reisebegleiters,Frau Doctor R., mit dem Herrn Gemahl und den netten zwei
                    Kinderchen, und hieß uns willkommen.</p>
                <p>Des Hauses kühle Räume boten Frische den erhitzten Reisenden; die Herzlichkeit
                    aber, die ihnen inne wohnt, erwärmte bald auch das Gemüth derer, die als ein
                    Fremdling hier eintrat. Ein munteres Gespräch würzte das treffliche Mittagsmahl,
                    an dem die Weitgereisten sich zwanglos erlabten. Rasch flogen die Stunden dahin.
                    Und als der schöne Tag, in Nacht sich verwandelnd, im freundlichen Schlafgemach
                    mit der Aussicht auf den Baumgarten und, über diesen hinweg, nach dem Strome mit
                    den segelnden Schiffen den Müden die Augen schloß, trat auch der Schlaf hinzu
                    und goß Stärkung über die Ruhenden aus. Die Nacht unter'm Dache des Arztes hatte
                    heilsame Wirkung:wir erhoben uns vom Lager, frisch und froh, wie der lachende
                    Tag, der in seiner ganzen Pracht uns weckte.<pb/></p>
                <p>27 </p>
                <p>AJ.</p>
                <p>**</p>
                <p>Und morgenfrisch und heiter,Als kaum die Nacht entschwand,Gieng's weiter jetzt
                    und weiter,Die Sonne zum Begleiter,Hinaus in's liebe deutsche Land.O, diese
                    reizende Fahrt im offenen Wagen! Wie schön die Welt überall! Leb wohl, Usedom,
                    mit den Thürmen und Mauern dort hinten, mit den klappernden Windmühlen,
                    getrieben vom Hauch,der da links über den Strom einhersaust, mit dem zierlichen
                    Friedhofe auf der Anhöhe dort rechts, wo von der kleinen Kapelle aus im Schatten
                    der Bäume, der Blick hinüber schweift nach dem herrlichen Haff, dem großen, das
                    seine blauen Wogen, dem Peenestrom zum Trotze noch höher treibt und weiter dehnt
                    als dieser, den es aufnimmt, ihn nach der salzigen Meerfluth zu tragen! Uns
                    nimmt jetzt der Wald auf ein weiter, herrlicher Kiefernwald,in den es bald tief
                    hinein geht auf der breiten Fahrstraße. Mit dem Duft seiner Moose und
                    Wachholdersträuche trägt jetzt der Wind einen seltsamen Geruch uns entgegen,
                    einen Geruch, wie von nicht ferner Brandstätte. Und wirklich wie uns eben
                    erzählt wird stand vor wenigen Tagen dieser Forst in Flammen:ein schrecklicher
                    Waldbrand setzte ganz Usedom in Bewegung und konnte nur mit ausdauernder Mühe
                    und Arbeit gelöscht werden.Noch glühte die Asche im Sonnenstrahl, und zu uns
                    herüber drang der Geruch des verkohlten Holzes.</p>
                <p>Lange gieng's fort durch den riesigen Wald, gieng's Swinemünde entgegen. Und
                    jetzt wechselt Feld und Acker mit grünen Wiesen und Hecken, Nadelgehölze mit
                    zierlichem Buchenschlag, und am Weg rieseln rauschende Quellen: der Weg ist
                    nicht mehr die staubige Landstraße, er ist ein lieblicher Feldweg geworden, der
                    bald zu dem in jener Gegend so bekannten und beliebten „Golm“(Golmberg) führt.
                    Auf der ganzen rechten Seite erheben sich <pb/> 28 höhere oder tiefere
                    waldbewachsene Anhöhen. Der Wagen bleibt jetzt am Waldessaume zurück, und wir
                    steigen den schattigen,etwas steilen, Pfad hinan. Wie versinkt da der Fuß im
                    Sande,in dem tiefen, weißen Sand! Das ist ein seltsames Steigen für den
                    Bergbewohner! Nicht die glatte, glänzende Sohle macht den Fuß hier unsicher, wie
                    auf den felsigen Höhen, den breiten Weiden der Heimath, und doch ist er
                    unsicher, der Fuß, und rückwärts stets gleitet der Körper. Endlich sind wir
                    oben. Der Golm trägt auf seiner waldigen Höhe eine freundliche
                    Gartenwirthschaft: Tische und Bänke zwischen den Bäumen für die Zuhörer und auch
                    das Erforderliche für ein Orchester. Wie schön muß Musik erklingen hier in
                    dieser Waldeinsamkeit! Dort das geschloßne Wirthschaftshäuschen zeigt an, daß es
                    erst Morgen,und um diese Zeit herrscht Stille auf dem Golm.Aber auf seinem
                    Gipfel, da, wo der Wald sich lichtet und wo von hölzerner Erhöhung aus das Auge
                    in die Ferne schweift, welch ein Anblick da auf dem Golm!</p>
                <p>Unten im Thal die weite Ebene, durch welche die breite Fahrstraße, eine gerade
                    weiße Linie, nach der uns gegenüber liegenden Seestadt, Swinemünde, führt. Die
                    Ebene, das königliche Moor ist's, diese unerschöpfliche Torfgrube, die Jahr
                    aus,Jahr ein, seit langer, langer Zeit, ihren unterirdischen Reichthum den
                    Menschenkindern über der Erde beut. Wie ernst sie da unten liegen, die zahllosen
                    Torfwände, zwischen deren schwarzem Braun schmale helle Wasserstreifen glänzen:
                    die Gräben, bestimmt, das Naß des sumpfigen Grundes abzuleiten; aber vom
                    schwärzesten Braun bis in's Gelbe und Graue hinauf zeigt sich die Farbe der
                    Soden, je nach der höhern oder tiefern Lage und je nach den Bestandtheilen des
                    Torfs. Es ist ein wundersamer Anblick, dies königliche Moor; bis nahe vor
                    Swinemünde erstreckt sich das ernste Gefilde. Die Seestadt jedoch liegt da im
                    Morgenduft.Ein lichter Nebel hüllt, wie ein Schleier, sie ein; ich soll sie
                    nicht sehen aus der Ferne: undeutlich nur zeigen sich durch sein Gewebe ihre
                    Mauern, unklar ihre Wälle, und ganz verhüllt ist <pb n="29"/>der herrliche
                    Leuchtthurm, der, ein Stern der Weisen, in dunkler Nacht die Schiffe leitet zum
                    Heil. Und dort, über Swinemünde hinaus, jener lichtblaue Streifen am Himmel, mir
                    erscheint er wie ferne Berge, die im Lichtblau des Aethers verschwimmen: es ist
                    mein erster Anblick des Meeres! Aber laß Swinemünde und seine unendliche See
                    dort drüben, vom Dufte umwoben, mein Blick, und wende dich hier gegenüber und
                    sieh, was du lannst erschaun! Sieh dort den bläulichen langen Streifen, auf dem
                    je mehr und mehr der grüne Wald sich jetzt zeichnet: es ist die Insel Wollin.
                    Sie ist es, die mit Usedom das Haff von der Ostsee trennte, wenn nicht die
                    Flüsse dort, sieh! die Swine, die Peene, die Divenow, drei Ausflüsse der Oder,
                    das Haff mit dem Meere wieder verbänden. Wie schön, wie herrlich ist die
                    Aussicht hier auf dem Golm! Bis weit hinab nach Stettin verliert sich der Blick
                    in die Ferne, und was er nicht zu schauen vermag, das ahnt er: die Stadt an der
                    Oder, Stettin, mit dem Schloß und dem Park, mit ihren Brücken und Thürmen und
                    mit den Gebäuden all, die der Kunst und der Wissenschaft geweiht.</p>
                <p>Noch weilt der Blick dort unten im Süden und der Gedanke bei mehr als Einem
                    werthen Bekannten, deß' Vaterstadt die schöne, rege, blühende Stadt an der Oder.
                    Da weist unser Reisebegleiter nach Osten hin und erzählt mir die Geschichte
                    einer nicht eben so schönen, regen, blühenden Stadt, die Geschichte Vineta's,
                    der Stadt auf dem Meeresgrund, der versunkenen Stadt. Im fünften Jahrhundert war
                    Vineta die größte Veste des europäischen Nordens. Wenden, Vandalen, Sachsen und
                    Griechen und viele fremde Kaufleute fristeten dort ein glückliches Dasein; denn
                    Handel und Betriebsamkeit gedieh in Vineta. Und wie der Ruf ihres Wohlstandes,
                    so scholl auch der Ruf der Sittlichkeit und Gastfreundschaft ihrer Bewohner bis
                    weit in die Welt.Doch wo Menschen ihre Häuser bauen, da ziehen auch menschliche
                    Begierden mit ein: die verschiedenen Völkerstämme stritten sich über den Vorrang
                    im bürgerlichen Leben. Harald, der Schwedenkönig, und Hemming, der Dänenfürst,
                    wurden von den Vandalen <pb n="30"/>zu Hilfe gerufen. Die Helfer kamen und
                    zerstörten die Stadt 796). Im Anfang des elften Jahrhunderts jedoch stand sie
                    wieder da an den Ufern der Ostsee, größer und mãchtiger denn zuvor. Da aber kam
                    ein anderer Feind, gewaltiger noch im Zerstören als Könige und Fürsten: der
                    Sturm. In seiner ganzen Macht brach er los. Himmelauf thürmten sich die Wasser,
                    und hrausten laut und brausten hohl. Schwarze Nacht senkte sich über den
                    Erdrund. Und, als der Morgen strahlte, als die Sonne aufstieg über den Wassern,
                    da war Vineta untergegangen in der Meeresfluth, verschwunden vom Erdboden,
                    spurlos dahin.</p>
                <p>Führt heute dich der Weg am Strackelberg vorbei, hinab zur See, o Wanderer, dann
                    sieh hinein in ihren blauen Spiegel,hinunter auf den tiefen Grund! Siehst du die
                    Thürme dort, die Mauern und die Zinnen? Das ist Vineta, die versunkene Stadt. Ob
                    du sie sehen wirst, weiß ich nicht; aber gestanden hat sie am Meeresstrand, das
                    ist gewiß.</p>
                <p>Aber die Zeit enteilt, und drüben in Swinemünde harrt man unser. Auf der weißen
                    Straße durch's dunkle Moor fuhren wir ein in die Seestadt, diesen weitbekannten
                    Hafen, wo Schiffe, so verschiedenen Weltgegenden zutreibend, hinausfahren in die
                    offene See. Hier sah ich sie denn, diese mächtigen Dreimaster, diese Riesen der
                    Meere, geschaffen, eine Riesenmacht zu bewältigen. Es ist ein ergreifender
                    Anblick solch ein Schiff. Ruhig lagen sie zwar da vor Anker, mit eingezogenen
                    Segeln, an diesem Tage,und nur ahnen ließ ihr Bau, was erst sie sein möchten,
                    wenn in ihrer vollständig enthüllten Pracht sie trieben auf den Wogen der See.
                    Ich konnte sie sattsam betrachten, denn sie lagen da vor den Fenstern des
                    Hauses, das sein gastliches Dach über uns schätzten Rectorfamilie von
                    Swinemünde; sie lagen da in den Wassern des Flusses, die sie hinaustragen
                    sollten nach der unendlichen See.Auch uns trugen die Wasser der Swine hinaus
                    nach der See. Es war im Laufe des Nachmittags, als wir, eine kleine,<pb n="31"/>
                    muntere Gesellschaft, den Nachen bestiegen. Wer Swinemünde nicht kennt, dem
                    bietet die kleine Seestadt, 8000 Einwohner, einen großartigen Anblick von der
                    Seite des Hafens aus. Stark befestigt, zieht sie an beiden Ufern der breiten,
                    tiefen Swine sich hin. Roth schimmern ihre Mauern, ihre Festungs- und
                    Lootsenthürme mit den Zinnen und runden Fenstern hinab nach der blauen Fluth und
                    hinaus nach den grünen Gestaden, wo Schanzen und Wälle sich dehnen bis weiter
                    und weiter hinaus nach dem Meere. Und wenn wir sie betrachten, die Stadt, wie so
                    kühn und o trotzig sie daliegt vor unsern Blicken, dann dürfen wir denken und
                    hoffen, daß Swinemünde so leicht wohl nicht einzunehmen sei. Und die
                    Kriegsschiffe dort draußen im Hafen, wo die jungen Seesoldaten gebildet werden,
                    sagen sie uns nicht eben so beredt,wie diese Festungswerke, daß an der See man
                    allzeit sich bereite,um jedem Sturme zu begegnen allzeit! Und der Leuchtthurm
                    hier rechts! Wie ragt er empor mit seinem schlanken Baue,empor über allen
                    Thürmen und Häusern und über dem grauen Gesteine der Molen! Die Molen aber! Zwei
                    Riesendämme!Sieh, wie sie zu beiden Seiten der immer breiter werdenden Swine
                    sich erheben über dem Wasserspiegel und weit hinaus sich erstrecken! Zwei
                    felsenfeste Mauern in der tobenden Fluth! Ihr Ausgang, ihr breiter, führt in die
                    offene See!</p>
                <p>Anders fühlt jetzt sich das Schwanken des Kahnes: das leichte, unbestimmte
                    Schaukeln wird zum festen, gleichmäßigen Wiegen, ein Auf- und Niedergleiten; in
                    der Bewegung liegt schon der Ernst des Elementes, das jetzt den Nachen trägt, er
                    treibt auf offener See!</p>
                <p>Die offene See! Blick hinaus, so weit-das Auge reicht:Wasser und Wasser! Blick
                    hinüber bis nach dem fernsten Horizonte: die unendliche Meeresfluth! Blick
                    zurück: die entschwindenden Dämme, die in den Fluthen verschwimmende Stadt!</p>
                <p>Die offene See! O Meeresfluth, o du endlose Fluth! Wer vermag dich zu malen? wer
                    dich zu schildern? wer in Worte ihn zu fassen, den Zauber, den du ausübst auf
                    jedes Gemüth? Immer <pb/> 32 bewegt, wie du bist, wirst du immer bewegen die
                    Seele! Ja,wenn wir dich tausend Mal sehen, wird es tausend Mal uns ergreifen,
                    und doch ui e mehr, wie zur Stunde, wo das Auge zum ersten Mal dich
                    erblickt.</p>
                <p>Zu dieser Stunde konnte nicht ich sagen: „das Meer erglänzte weit hinaus“; dunkle
                    Wolken hatten den Himmel umzogen; es donnerte in der Ferne; es donnerte bald
                    näher, bald ferner, und das Meer gab das Bild des Gewitterhimmels zurück:
                    schwarzgrau lag sie da vor unsern Blicken, die endlose Wasserfläche. Und die
                    Wogen, die von fern her immer näher und näher sich wälzten, um am Ufer zu
                    zerschellen, sie waren weiß beschäumt, weiß wie die Flügel der Möven, die mit
                    lautem Geschrei unruhig hin und her flogen, bald in den nassen Lüften die langen
                    Schwingen badend, bald untertauchend in die salzige Fluth. Denn die Wasser des
                    Himmels mischten sich jetzt mit den Wassern der See: in Strömen goß der Regen
                    herab.</p>
                <p>Am ünken Ufer prangte aber der zierliche Bau von Wilhelmsbad, dieses
                    neuerrichteten Seebades. Seine Räume sollten uns Schutz bieten gegen das
                    Unwetter. Der Nachen trieb dem Lande zu. Man stieg aus. Ich aber, o, wie gerne
                    wäre ich zurückgekehrt mit dem einsamen Schiffer, zurück in die wogende See! Der
                    Zauber ihrer ernsten, wilden Schönheit hielt mich umstrickt; wie mit Riesenarmen
                    zog es mich zu ihr hin, unaufhaltsam, unwiderstehlich. Die kleine Gesellschaft
                    war inzwischen in den schützenden Mauern des Baues geborgen. Da bat mich der
                    besorgte Verwalter, der allein bei mir zurückgeblieben am Strande, bat mich,
                    Gott nicht zu versuchen und ihm zu folgen an's Ufer. Er aber wußte, wie mir zu
                    Muthe war in diesem Augenblick: nicht zum ersten Mal sah er den Eindruck der See
                    auf ein empfänglich Gemüth; er hatte Aehnliches schon bei Andern erfahren. Und
                    ihm, dem ich diesen Eindruck zunächst verdankte, folgte ich denn, wenn auch
                    ungern, nach.</p>
                <p>Aber aus den Fenstern von Wilhelmsbad sah ich noch lange,lange hinaus auf die
                    See, sah in weiter Ferne die Schiffe <pb n="33"/>schwanken auf der schäumenden
                    Fluth, sah sehnsüchtig dem Nachen nach, der, jetzt auf und nieder gleitend, bald
                    nur noch wie ein winziger dunkler Punkt auf den weißen Wellen erschien. Und das
                    Brechen der Wogen am Strande, dieses gleichmäßig tosende Branden, schlug den
                    ernsten Takt zu der ernsten Weise, die da meine Seele durchzog.</p>
                <p>Das Gewitter hatte ausgetobt und ein reiner Abendhimmel glänzte über unserm
                    Heimwege nach Swinemünde. Wir legten zu Fuß die nicht weite Strecke zurück. Der
                    herrliche Park von Wilhelmsbad führt bis dicht an die schöne, breite Straße der
                    Stadt,wo eine Menge großer und kleiner Häuser mit Gärten und blumenumrankten
                    Veranden, die alle die Inschrift: „zu vermiethen“ tragen, Swinemünde als viel
                    besuchten Badeort zu erkennen geben.</p>
                <p>Durch den tiefen Sand auf dem großen Platze dicht am Hafen an, wo die stattlichen
                    Gasthöfe stehen, arbeiteten wir uns durch bis zu der freundlichen Wohnung des
                    Rektors. Und wir können mit Recht sagen, daß wir „den Fuß nicht an einen Stein
                    gestoßen; Engel haben uns zwar nicht auf den Händen getragen“,wohl aber uns
                    begleitet im Gewande der Herzlichkeit und ächt deutscher Gemüthlichkeit, die uns
                    umgab.</p>
                <p>Ein genußreicher Abend in geistanregender Gesellschaft, welcher die liebliche
                    Rektorsfrau, als Gastgeberin, in sinnigster Weise vorstand, krönte diesen
                    schönen Tag.</p>
                <p>8 <pb n="3"/>3</p>
                <p>1 </p>
                <p/>
                <p>r </p>
                <p>Ein ernstes Volk, ernst wie die tiefen Wälder Der Heimath; fest und unentwegt,
                    dem Fels Im Sturme gleich am meerumbrausten Strand Der nord'schen Küste, ist
                    dies Volk des Nordens.Nicht leicht entglüht's in jener leichten Gluth,Die nur
                    des Wesens äußern Theil ergreift;Fällt aber von des ächten Feuers Schein,</p>
                <p>Des göttlichen, ein Strahl in's Herz hinein,Wird nordisch Blut dies heil'ge Feuer
                    wahren,Und mit dem Herzen nur die Gluth erstarren.</p>
                <p>Der folgende Tag golden strahlte die Sonne herab auf die Thürme von Swinemünde.
                    Es war Sonntag, und wie ein ächter Feiertag, lag er da, still und heilig, über
                    der Seestadt, der frühe SonntagMorgen. In seinem frischen Hauche flatterten die
                    Wimpel der Schiffe im Hafen, und über der blauen Fluth rauschte es dahin, wie
                    ein Säuseln, und verklang im Winde: „Das ist der Tag des Herrn!Sechs Tage sollst
                    du arbeiten, am siebenten aber“ .. Geschlossen waren die Kaufladen am Strande,
                    geschlossen die Schulen und die Häuser alle, wo Fleiß und Pflichttreue die Woche
                    über die Menschenkinder an's Tagewerk fesselt; geöffnet aber die Gotteshäuser,
                    die kleinen in der Stadt, erbaut von Menschenhand, und das große draußen vor der
                    Stadt, erbaut von Gotteshand.</p>
                <p>Wir fuhren hinaus in die weite, herrliche Schöpfung. Und daß unserer Freude
                    nichts fehle, hatten sich zu uns gesellt all die, die wir am heutigen Tage nur
                    ungern vermißt hätten. Das war eine prächtige Fahrt! Unsere Wagen glitten längs
                    dem Strande leicht und geräuschlos dahin; ja, längs dem Meeresstrand, im tiefen,
                    weichen Sande, fuhren wir dicht an der See,dem Ziel unserer Reise, dem reizenden
                    Seebade Heringsdorf, zu.</p>
                <pb n="50"/>
                <p>*</p>
                <p>Das Meer! heute war es blau, tiefblau, wie der Himmel über uns. Weiße Schäumchen
                    aber umrandeten, wie silberne Bänder, seine Wellen, die so lieblich daher
                    rollten, daß man nur ungern der Lust widerstand, auf ihrem zierlichen Naß sich
                    zu wiegen. Ueber Muscheln und Seetang fuhren wir weg.</p>
                <p>Da, o des wundersamen Anblicks! Was ist's, das da schwimmt auf dem Wasser? Wie
                    ein ausgespanntes Netzchen von feinster Gaze sieht es aus, so nebelhaft-duftig,
                    so zart;bläulich-weiß von Farbe und in seiner Mitte ein blutrother Stern, der
                    sich regt und bewegt voll Lebens. Ich konnte einen Ausbruch der Verwunderung
                    nicht unterdrücken, und eh ich mich's versah, zitterten diese kleinen Wunder als
                    eine durchsichtige, weiße Masse (eine Gallerte) in meiner Hand: es waren die so
                    viel beschriebenen Quallen, mit denen ich Bekanntschaft machte, eine
                    Bekanntschaft, die ich Dem stets verdanken werde dem jüngsten Bruder des Rektors
                    der, mir selbst da noch unbekannt, mit den Reiterstiefeln in die See stieg und
                    mir die Quallen vorstellte, ehe er mir noch vorgestellt worden.</p>
                <p>Von ferne schimmerten jetzt mit ihren bewimpelten Brücken am sonnigen Strande die
                    Badehäuser des auf waldiger Anhöhe liegenden Heringsdorf, das, noch verborgen im
                    Schatten seiner Bäume, nur hie und da als einzelnes Haus aus dem Dickicht
                    guckte, als wollt es den Wanderer necken, geizend mit dem Liebreiz seiner
                    völligen Enthüllung.</p>
                <p>Aber durch den schattigen Buchenwald gieng's nun bergan,und da, bald in dessen
                    Dunkel verstreut, bald auf sonniger Anhöhe glänzend, zeigten sich die stolzen
                    Villen und die niedlichen Landhäuser und -Häuschen dieses so beliebten und
                    eleganten Badeortes der Ostsee.</p>
                <p>Wir erfrischten uns unter den laubumrankten Säulen eines der zierlichen
                    Gasthäuser, das von seiner Veranda aus, durch die hohen Bäume der Parkanlagen
                    hindurch, einen Blick auf die See gewährt. Und nie hab ich wohl in meinem Leben
                    zwischen einem frischeren Grün ein schöneres Blau je schimmern seh'n, als das
                    Blau <pb n="24"/>der Ostsee durch die Buchen von Heringsdorf an diesem klaren
                    Septembermorgen.</p>
                <p>Und heiter, wie Himmel und Meer, war auch unsere Stimmung. Unter munterm Scherzen
                    gieng's nun zu Fuß noch weiter bergan, hinauf durch den herrlichen Buchenwald,
                    in dessen Schatten,wie das Allerheiligste in einem Riesendome, die hübsche,
                    kleine Kirche verborgen liegt; ihre bunten Fenster strahlten das Bild der
                    lispelnden Bäume zurück. Es gieng hinauf nach dem Höhepunkt des Berges, dem
                    sogenannten Kulm, wo von einer dort angebrachten Estrade aus der Blick die weite
                    See beherrscht.</p>
                <p>So sollt ich denn heute sie einmal noch sehen die See, und zwar in ihrem
                    schönsten Glanze; sie sehen mit den vielen Fahrzeugen, die, nah und fern, auf
                    ihrer endlosen Fläche trieben. Die blaue Fluth wogt ruhig, sanft im Winde, der,
                    ein sanfter Hauch,uns auf des Berges Höhe die heiße Stirne kühlt. Wir lassen ihn
                    spielen mit den Halmen zu unsern Füßen und blicken hinaus und hinab. Tief unten
                    am sandbedeckten, weißen Uferrand stößt ein niedliches Seegelboot lustig vom
                    Strande, Musik erschallt zu uns herauf: eine muntere Gesellschaft hält
                    Sonntagsfeier auf der See. Und hier ein Kahn und dort ein Nachen: ein emsiger
                    Fischer breitet die Netze aus; für ihn ist nicht Feiertag: die Fische treiben
                    vorbei, heute wie gestern; ihm blüht das Glück im Fange. Aber dort drüben,
                    inmitten der blauen Fluth, dort zieht hinaus in die endlose Ferne, stolz wie der
                    Held zum Kampf, ein stolzer Dreimaster. Sieh, wie er eilet! Weithin trägt ihn
                    die Fluth auf dem Rücken, als wär er ein Spielzeug, und wiegt ihn so lieblich
                    und fein, als gieng's zum heitersten Tanze. Glück zu!Glück zu, du herrliches
                    Fahrzeug! und möge sie nie anders dich schaukeln als heute, die herrliche,
                    mächtige See! Aber dort, wo der Himmel sich ihm vereint, dem Meere, wo sie
                    verfließen in Eins, die beiden endlosen. Größen, was ist's, das so spitz dort
                    empor ragt auf der letzten äußersten Grenze? Sind es Bäume,die so schlank und so
                    fein sich zeichnen am Horizonte? und ist Land dort drüben vielleicht? Es ist
                    kein Land, es sind keine <pb/> 37 Bäume dort drüben: die Masten sind es der
                    Schiffe, die, dem Dreimaster gleich, dort hinausgesegelt in's Unendliche. Ein
                    Augenblick noch, und sie sind entschwunden! weit und weiter fort zwischen Wasser
                    und Himmel! Oder sieh dort: sie kommen näher und näher, Schiffe, die Swinemünde
                    zutreiben, Swinemünde, dessen Leuchtthurm dort unten im Westen ihnen winkt,
                    dessen Molen den Einzug ihnen ebnen. Jetzt rauscht ein stattlicher Dampfer
                    daher;er nimmt jenes müde Fahrzeug in's Schlepptau, und leicht und lustig wird
                    bald der Hafen erreicht sein. „Land“, aber, „Land“,grüßt da manch ein dankbar
                    Gemüth.</p>
                <p>O Meer! und ich habe bloß dich begrüßt, so muß ich scheiden von Dir, wer weiß auf
                    wie lange! Die Stunde war da, die nicht nur vom Meere, sondern auch von den
                    werthen Reisegefährten uns trennen sollte: sie kehrten nach Swinemünde zurück,
                    wir nach Carlsburg. Noch ein Mal sahen wir hinaus nach der See:die blaue Fluth
                    wogt ruhig, sanft im Winde; noch einmal hinab nach der Stadt: dort unten liegt
                    sie im Mittagsonnenschein, weit,weit dort unten liegt Swinemünde: aber der
                    Leuchtthurm glänzt,wie ein brennender Stern, zu uns herauf. Und drüben die Insel
                    Wollin mit Misdroy, dem freundlichen Badeort! Und ferne, im Aether
                    verschwimmend, nach Norden die Umrisse von Rügen. Und Berg und Wald, und Feld
                    und Flur, sie grünten und blauten so heiter! Freude lachte überall und bot ihren
                    Trank uns zur Labe. Aber in den Labetrank fiel ein Tropfen Wermuth, eine
                    Scheidethräne. Ach, wer ist des Wiedersehens jemals gewiß!</p>
                <p>Weniger Stunden bedarf es oft, um Menschen einander zu verbinden, indeß Jahre des
                    Verkehrs andere einander fremd lassen.Jene Stunden werden, um mit dem
                    geschätzten Manne zu reden,der die Worte aussprach „als grüner, duftender Strauß
                    in der Erinnerung ewig fortleben.“</p>
                <p>Als das Rollen des Wagens, das die Befreundeten davon trug, verschallt war,
                    fühlten wir uns etwas vereinsamt unter der Schaar von Fremden, die den Badeort
                    zu dieser schönen Herbstzeit noch belebten. Doch bald fesselte die nächste
                    Umgebung un<pb n="38"/>sere Aufmerksamkeit: es war die Bude des Händlers, der
                    die feinen Bernsteinwaaren dort zur Schau und zum Kaufe bot. Im Schatten der
                    Buchen steht das kleine Haus, und von seinem erhöhten Plane schweift der Blick
                    nach dem in nicht weiter Entfernung brandenden Meer.</p>
                <p>Das Tosen der See verschmolz mit dem Anblick der gelben,glänzenden Waare, und
                    eine Sprache entstand, der das Ohr an dieser Stätte willig lauschte. Sie
                    erzählte uns von den dunkeln Wäldern, den tiefen, die vor langer, langer Frist
                    mit ihren Nadelholzbäumen untergegangen im Strömen der ewig schaffenden und ewig
                    zerstörenden Kraft, untergegangen wie so Manches vor ihnen und wie so Manches
                    nach ihnen noch untergehen wird, nach ewig wandellosen Gesetzen. Sind sie tief
                    unten auf dem Meeresgrunde,diese versunkenen Wälder? Wer vermag es zu sagen!
                    Aber die See, gepeitscht von den tobenden Stürmen, wirft aus den BernD000 mit
                    Muscheln und Seetang; dieser Stein liegt da in verschiedenen Formen, in
                    rundlichen, abgestumpften Stücken, bald größer, bald kleiner; liegt da auch,
                    fern von der Küste, als thonige Sandschicht gestaltet, oder auch im Herzen des
                    Sandsteins verborgen.</p>
                <p>Die kleine Mücke dort aber im Steine der künstlich verfertigten Nadel, die könnt'
                    uns erzählen von dem Tage, wo sie lebend und munter, sich freuend im
                    Sonnenglanz, von der harzigen Fluth überrascht und davon getragen, plötzlich
                    erstarrte. Und wie die Fluth selber erstarrt, das Harz zu Stein geworden! Wie
                    der Baum davongetragen und der Wald, und wie dieser spurlos versind darüber hin!
                    Prange fort in deiner Bernsteingruft, du niedlich kleines Wesen! Tausend und,
                    tausend Jahre werden wieder vergehen, und dort, wo die See braust und das
                    versteinerte Harz der versunkenen Wälder an ihren Strand spühlt: was wird dann
                    sich weisen dort drüben?</p>
                <p>Und am Strande wandelten wir noch auf und nieder, suchten nach Bernstein, fanden
                    aber nur Muscheln, die wir indeß auch <pb/> 39 als werthe Erinnerung mitnahmen.
                    Die“ Küste bei Heringsdorf ist bis weit an's Land hinauf mit jenem tiefen,
                    weißen Sande bedeckt, der im Sonnenschein wie ein Schneefeld schimmert. Der Sand
                    am Meer, unzählbar wie die Sterne des Himmels, und ... und unbeschreiblich
                    schön!</p>
                <p>Es fiel uns schwer, das Meer und den Sand am Meere zu verlassen.</p>
                <p>Wir hatten aber noch einen weiten Heimweg vor uns. Es galt, an diesem einen Tage
                    über 9 Meilen zurückzulegen, was nur in diesen endlosen Ebenen und nur mit den
                    Rossen möglich;immer in eilendem Trabe geht's fort und fort, oft auf schier
                    ungebahnten Wegen, oft schier grausig, wenn man ängstlich wäre.</p>
                <p>Bei dieser Rückfahrt sah ich noch ein Mal das Meer, Dank unserm Reisebegleiter.
                    Wir waren auf einer Anhöhe; er bat mich zurückzusehen. Welch ein Anblick! Die
                    See, jetzt ein schwarzblauer Streifen, verschwimmend im schwarzblauen Luftmeer,
                    das war der ernste letzte Grund auf diesem wundervollen Bilde; zwischen dem
                    Ocean und uns weite Kornfelder, Stoppelfelder, über die der Wind dahin zog und
                    in unserer nächsten Nähe die Mühlen trieb, deren dunkle Arme im Abendsonnengold
                    sich langsam bewegten. Von links herüber schimmerten hell die Dünen, der
                    Strandhafer allein bewächst ihren losen Grund; aber über den weißen Hügeln
                    ragten dunkel die Kiefern empor. Und über den Kiefern und Dünen glänzte schmuck
                    von seiner Anhöhe herab noch einmal das zierliche Heringsdorf mit seinen Villen
                    und Gärten,mit seinem grünen, herrlichen Park. Ein Blick noch, und Meer und
                    Dünen, und Dorf und Park lagen hinter dem Hügel verborgen und vor uns erstreckte
                    sich die Ebene, die vor nicht sehr langer Zeit noch ein weiter, weiter See, ein
                    sumpfiger, trauriger Erdstrich, jetzt meilenweit grünt und gelbt, als Wiesen und
                    Felder,bis nach dem fernen Usedom hinüber, ein frohes, gesegnetes Land heut.In
                    Usedom ward nochmals gerastet, dies Mal freilich nur kurze Zeit, denn wir
                    wollten vor Mitternacht zurück sein in Carls<pb/> 40 burg. Wohlverwahrt gegen
                    die Frische der Herbstluft, von ärztlicher Hand selbst eingehüllt in die warme
                    Bedeckung, gieng's nun hinaus in die Stille des Abends, und bald hinaus in die
                    Kühle der Nacht.</p>
                <p>Diese nächtliche Fahrt, nie werd ich sie vergessen. Wie ernst,wie düster sogar,
                    scheint hier die Landschaft zur Nachtzeit! Gluthroth gieng wieder die Sonne
                    unter, ein feuriger Ball, dort im Westen; gluthroth schimmerten die Wasser des
                    Stromes, ein blutiges Meer, uns zur Rechten. Je mehr und mehr verschwammen jetzt
                    Wiesen und Felder. Und wenn durch dünne, flüchtige Wolken des Mondes Scheibe,
                    groß und voll, sich Bahn brach,bestrahlte das blasse Licht auch wieder die
                    langen Arme der Windmühlen. Und fort gieng's in eilendem Trabe, fort durch die
                    schweigsame Nacht.</p>
                <p>Ist es ein Wunder, daß das nordische Volk so ernst, oft auch so geneigt zum
                    Aberglauben? Huscht der Wind über die Haide,so rauschen die dürren Halme; braust
                    er durch den Wald, so knistern die welken Blätter, und scheint das Mondlicht
                    über die Triften, wirft lange Schatten jeder Baum, jeder Strauch. Und Schatten
                    und Knistern und Rauschen das Geisterreich, welch duftig, neblicht Reich! Und
                    das Unerhörte, das Unmögliche, welchen Reiz hat es nicht allenthalben für ein
                    menschlich Gemüth.</p>
                <pb n="41"/>
                <p>8 </p>
                <p>Horch! was will der Wind mir sagen,Wenn er durch die Wipfel zieht?Singt er mir
                    von alten Tagen,Singt er mir ein altes Lied?</p>
                <p>Ich will hören, ich will lauschen!Laß mich still und einsam hier!</p>
                <p>Und was mir erzählt sein Rauschen,Will ich dann erzählen Dir!</p>
                <p>Hat es der Wind mir erzählt? hat es der Park mir gesagt?Eine Geschichte hab ich
                    vernommen aus alter, grauer Zeit: die Geschichte vom Schlosse Carlsburg.</p>
                <p>Still war's und ruhig in seinen Hallen: über seinem Dache,wie über den weiten
                    Gefilden, lag die Nacht, die große Ruhespenderin. In ihrem schwarzen Mantel
                    birgt sie den Labetrank,den Schlaf, und gießt ihn aus über alle Müden: gießt ihn
                    aus über den von der Arbeit erschöpften Tagelöhner, gießt ihn aus über den
                    Denker, den Mann der Wissenschaft; ja, auch an's Lager des Leidenden tritt sie
                    hin und schenkt ihm doch wenigstens eine Stunde der Erquickung, indeß, bei der
                    einsam brennenden Leuchte,treue Liebe sorgend wacht über dem Schlummernden.</p>
                <p>Schwarz war sie, die Nacht, und ernst wie das Grab; kein Sternlein am Himmel,
                    nicht eines, zu sagen, daß über der Leuchte irdischer Nachtwache die ewige,
                    himmmiische Liebe wacht.Doch wer wollt' es bezweifeln, auch wenn Nacht und
                    Grauen ihre leuchtenden Sterne umhüllen?</p>
                <p>Still war's und ruhig. Da pocht es an's Fenster. Horch!horch! · Ich öffne: „Komm
                    mit! komm mit!“ lockt's herüber zu mir aus den Zweigen. Es ist der Ruf des
                    Käutzchens, dieses allnächtlichen Gastes im Parke. Mein Licht hatte das kleine
                    Thier angezogen; sein Flügelschlag mich an's Fenster gelockt. Nun aber stand ich
                    da und schaute hinaus in die Nacht.<pb/>Wie es rauscht in den Wipfeln der Bäume!
                    Sagt an, ihr hohen Häupter wir kennten uns doch, meine ich, nun lange genug
                    schon! Hebt an, mir zu erzählen! Sagt, habt ihr immer wie heute dagestanden und
                    hinüber geschaut nach diesen Fenstern?Ich seh, wie sie sich bewegen, die
                    Häupter, seh auch durch's Dunkel der Nacht, sie winken: „Nein!“ Und ein Säuseln
                    beginnt jetzt und ein Flüstern, erst leise, ja kaum vernehmbar, nun lauter und
                    deutlicher aber, und ich höre genau ihre Sprache, höre, was sie mir erzählen,
                    die Bäume des Parks:</p>
                <p>„Vor langer, langer Zeit stand da, wo wir jetzt grünen, ein tiefer, schwarzer
                    Wald. Und in dem Walde drinnen stand, alt und grau, ein Schloß. Dies Schloß aber
                    hieß Gnatzkow,was ein slavischer Name und in unserer Sprache will sagen „Ort der
                    Nacht“. Es war eben Nacht um das Schloß herum und in ihm drinnen. Dies finstere
                    Haus nun aber kam im Laufe der Jahre, wie die Menschenkinder zu rechnen pflegen,
                    in Mitte des 16. Jahrhunderts, als Besitzthum an die Herren von Normann.Und in
                    den schwarzen Wäldern von Gnatzkow blühte jetzt eine weiße Rose: Maria Lucretia,
                    des Hauses liebliche Tochter. Eines Tages aber zog des Weges daher ein edler
                    Recke: Herr Christoph Olaf von Bohlen. Er sah die Rose. Und nicht zu schwarz
                    erschienen ihm die Wälder von Gnatzkow; die Rose verbreitete solch hellen Glanz:
                    er blieb dort haften. Die Rose wurde sein Ehgemahl. Und Gnatzkow gehörte von nun
                    an den Reichsgrafen von Bohlen.</p>
                <p>„Aber die Zeit gieng darüber hin. Die schwarzen Wälder von Gnatzkow lichteten
                    sich allmählig, wie noch Manches sich zu lichten begann. Es grünte die Saat, es
                    grünte das Gras herum um den „Ort der Nacht!“ Es grünten auch Hügel dazwischen:
                    ein jung Geschlecht legte Kränze auf die Gräber der Ahnen. Aber auf den Feldern
                    reifte die Saat; der Ackerbau blühte empor mit dem jungen Geschlechte und von
                    Jahr zu Jahr füllte reicherer Segen die Scheunen. Da es war am 24. August des
                    Jahres 1732 “<pb/> 43 Doch, was ist denn mit den Bäumen des Parks? Wie tief sie
                    das Haupt jetzt neigen, als weinten sie, wie Menschen weinen!Und es seufzen die
                    Pappeln und Weiden, und klagend rauscht's über die Flur. Horch! horch! sie
                    erzählen jetzt weiter, die Bäume:</p>
                <p>„Die Sturmglocke hallt im Schlosse! Feuer! Feuer! in Gnatzkow! Der ganze Hof
                    steht in Flammen! Das Schloß, eine flammende Säule, ragte blutroth zum Himmel
                    empor! Der Wind facht die Gluth an, Korn und Heu nährt sie! Wer soll hier
                    retten, wer helfen? Es war am 24. August 1732, am 25. wehte der Wind über Schutt
                    und Asche: Gnatzkow war niedergebrannt bis auf den Grund.</p>
                <p>Aber die Zeit, die zerstört, baut auch wieder auf, oder vielmehr: Graf Carl
                    Berend von Bohlen ließ das Schloß wieder aufbauen. Und im Jahre 1739 stand es
                    da, wie es heutzutage noch dafteht. Nur da, wo wir jetzt grünen, da prangte ein
                    zierlicher Blumenflor: des Morgenlands stolze Tulpen, seine Kaiserkronen und
                    Hyazinthen, wie Italiens wohlriechende Nelken, wie seine Rosen und seine Lilien,
                    alles blühte und duftete hier im nordischen Garten, ein ächt französischer
                    Schmuck.</p>
                <p>„Und der Name „Ort der Nacht“ wollte je länger je weniger mehr passen für das
                    Schloß.</p>
                <p>Wer aber ist der fremde Rittersmann, der an jenem Abend,es war im Jahre 1771, um
                    Einlaß bittet im Schlosse? Carl Julius von Bohlen, der gastliche Besitzer des
                    Hauses, bewirthet ihn auf's Beste. Der jugendliche Fremde, hier will er rasten
                    die Nacht, die er ste auf schwedischem Boden wieder, denn pommer'sche Erde war
                    dazumal schwedisches Land. Er kommt von weit her gezogen, ein lauter Ruf treibt
                    ihn zurück nach der Heimath: der Ruf seines Volkes, das ihn zum Könige ernannt.
                    Denn der fremde Rittersmann ist Gustav, der Sohn Adolf Friedrichs, und
                    nunmehriger König von Schweden, Gustav III.</p>
                <p>„Und sie sitzen beisammen, die Männer, bis tief in die Nacht.Gustav ist ein
                    geistreicher, liebenswürdiger Gesellschafter. Und sie <pb n="44"/>reden und
                    reden von so Manchem. Und der hohe Gast bittet den Herrn des Hauses, einen
                    Wunsch auszusprechen, dessen Gewährung ihm eine frohe Erinnerung wäre an diese
                    freudig verlebte Nacht.Da wäünscht denn Carl Julius von Bohlen, daß der künftige
                    Schwedenkönig seinem Hause einen frohmüthigern Namen gebe zum Andenken an diese
                    frohe Stunde, vielleicht seinen eigenen Namen.Gustav aber, in feiner
                    Rittersitte, nennt Gnatzkow, den Ort der Nacht: Carlsburg, nach dem Namen seines
                    edeln Wirths und Besitzers des Schlosses.“</p>
                <p>Und unter Carlsburgs Dache schloß der künftige König von Schweden die Augen. Sohn
                    Adolfs, ruhe sanft in den gastlichen Hallen des Schlosses, bevor der Hermelin
                    noch Deine Schultern beschwert und die Krone Deine junge Stirn' drückt! Gustav
                    von Schweden! hat kein fröstelnder Hauch, wie eine Ahnung ferner Tage, in jener
                    Nacht Dich umsäuselt? Und ist der Name Ankarström, der Name Deines Mörders,
                    Deinem Ohr nicht erklungen im Traume mit den Klängen einer rauschenden
                    Tanzmusik?</p>
                <p>Gewiß nicht! Sanft schläft sich's unter Carlsburgs Dache.</p>
                <p>Auch ich schlief ein. Denn: leiser und leiser flüsterten jetzt die Bäume, und
                    ferner und ferner erschien mir ihr Lispeln; ein Säuseln nur noch umrauschte
                    mich, ein Wehen. War es die Erinnerung an Gustav III., den unglücklichen König
                    der Schweden? Nicht weiß ich's. Aber als ich erwachte, wußt ich die Geschichte
                    von Carlsburg und daß das Schloß durch die Vermählung der Gräfin Caroline von
                    Bohlen seit 1828 das Besitzthum der Grafen von Bismark-Bohlen nun ist.</p>
                <pb n="45"/>
                <p>X.</p>
                <p>O Meer!Wer nie dich sah, mag wünschen dich zu seh'n;Doch, wer dich sah, der möge
                    nimmer wähnen,Gestillt zu haben seines Wünschens Drang!Denn, wie ein
                    Liebekranker, sehnsuchtsbang,Wird er, nachdem er ein Mal, hochbeglückt,Dir tief
                    in's tiefe blaue Aug' geblickt,Nach dir zurück, o Meer, sich ewig sehnen.</p>
                <p>So ergieng es auch mir: seit meiner Reise nach dem Meere war ich seekrank, das
                    heißt: krank von Sehnsucht nach der See,und meine Krankheit fand so viel
                    Theilnahme, daß bald ein zweiter Reiseplan entworfen wurde. Dies Mal aber war
                    das Ziel Rügen, Räügen, das Land der Sagen, der Träume, das allseits besungene
                    Land, Rügen mit seiner Küste, der Stubbenkammer.</p>
                <p>.Und wenn Sie ein Sonntagskind sfind, werden Sie sie seh'n,wie sie im Mondschein
                    das blutige Tuch wascht in der Meerfluth,die wundersame Frau, „an Schönheit
                    sondergleichen,““ sagte der Mann zu mir, der durch sein tiefes, gründliches
                    Wissen ein verehrter Lehrer längst mir geworden, der über die gegenwärtigen
                    Zustände seines Landes, wie über die der Vergangenheit, über die Beschaffenheit
                    von dessen Boden, wie überhaupt über Alles, was in's Bereich der
                    Naturwissenschaften oder der Geschichte einschlug,mich so freundlich
                    unterrichtete; Er, dem in den Schreckenstagen des letzten Krieges sogar der
                    erbitterte Feind die Anerkennung seines hohen Menschenwerthes nicht versagen
                    konnte. In dankbarer Erinnerung werde ich stets dieser Belehrung gedenken, wie
                    auch der Sorgfalt, womit er den kleinen Reiseplan entworfen, mit welchem
                    ausgerüstet ich tgetrost und wohlgemuth nach dem Lande meiner Sehnsucht ziehen
                    konnte. Freundliche Wünsche begleiteten mich.</p>
                <p>Dies Mal gieng es mit der Eisenbahn nach Stralsund,<pb/> 46 das von Züssow aus in
                    Zeit einer Stunde zu erreichen ist. (Stralsund zählt heut 30,000 Einwohner).
                    Leider war der erst noch so wolkenlose Himmel jetzt trüb und grau, und in seinem
                    düsteren Lichte erschien sie ernst, wie ihre große, ernste Vergangenheit, die
                    alte, deutsche Stadt mit ihren hohen Häusern, deren Giebel und spitze Thürme ihr
                    einen so imposanten Charakter verleihn. Von Carlsburg aus sorgsam empfohlen an
                    werthe Bekannte in Stralsund, fühlte ich mich auch da nicht ganz fremd.</p>
                <p>Die Fenster meiner Zimmer boten die Aussicht auf den großen Platz vor dem
                    Rathhause, den sogenannten „alten Markt“;gegenüber denn das Rathshaus. Wie
                    erhaben sein Anblick in jener Nacht! Durch schwarze, zerrissene Wolken brach das
                    Mondlicht und beleuchtete die Fenster des alten, grauen Baues. Diese gothischen
                    Thürme, diese zierlich gearbeiteten Fenster, die magische Mondbeleuchtung: das
                    Rathhaus von Stralsund erschien dem Beschauer wie ein großes, herrliches
                    Lichtbild, mit dessen Abbild er gerne in der Heimath seine eigenen Fenster
                    geziert hätte. Aber dieser Anblick und die ernste Stille der Nacht, von Zeit zu
                    Zeit nur unterbrochen vom Wirbeln der Trommeln der in der Festung weilenden
                    Besatzung, beschworen noch andere Bilder aus ihren Gräbern herauf: ein ganzes
                    Stück alter Geschichte entrollte sich dem geistigen Blick Stralsund's große
                    Vergangenheit.</p>
                <p>Aus dem Nebel der Tage von 1209 steigt sie empor, die Stadt, zur Zeit, wo Jaromar
                    J. noch Fürst war auf Rügen;Stralow hieß sie bei ihrem Entstehen man nimmt an,
                    nach der alten Insel Strela (später Dänholm). Aber der wendische Name wandelte
                    sich bald in den deutschen Stralsund (Sund: Meerbusen oder Meerenge). Begünstigt
                    durch die Rügen'schen Fürsten,durch ihre Lage und manch andere glückliche
                    Verumständung, blühte sie rasch empor, die junge Stadt, und bald stand sie da,
                    als eine der bedeutendsten Handelsstädte der nordischen Küste. Doch wer hat
                    jemals die Gunst des Glückes genossen, ohne Neid zu erwecken? Es war Lübeck,
                    die, den Glanz der Rivalin beneidend,im Jahre 1249, ermuthigt durch ihre Erfolge
                    gegen die Dänen.<pb/> 47 Stralsund den Untergang schwur. Verderbenbringend
                    rückte die feindliche Flotte heran, und Stralsund, kaum seines jungen Lebens
                    sich freuend, wurde vernichtet, um jedoch größer und zierlicher denn zuvor nach
                    kurzer Frist von Neuem aufgebaut zu werden. 1256 stand die Stadt wieder da und
                    blickte heiter nach den Fluthen hinab, die das pommerische Land von Rügen
                    trennen (Meerenge Gellen). Doch im Jahre 1271 nahte sich ihm ein anderer
                    Feind:eine schreckliche Feuersbrunst brach aus. Erbarmungslos wütheten die
                    Flammen, und bald war die meist aus Holz erbaute Stadt niedergebrannt ganz und
                    gar. Aber fester und blühender erhob sie sich, ein Phönix aus der Asche, auch
                    dies Mal wieder und strebte jetzt bis in die Wolken empor: himmelwärts ragten
                    die Spitzen ihrer zierlichen Kirchen, der Nicolai-, der Jacobi und der
                    Marienkirche.</p>
                <p>Von jetzt an begann Stralsund zu gedeihen, je mehr und mehr. Allen Anfechtungen
                    trotzend, den Kriegen mit Dänemark,den Fehden mit den Fürsten von Rügen, wie dem
                    Zwiespalt im eigenen Innern, bewahrte es seine rühmliche Selbstständigkeit ein
                    und ein halbes Jahrhundert hindurch und wurde mit den Hansestädten eine Macht,
                    deren Arm, wirkend und bestimmend, in Vieles hineingriff.</p>
                <p>Aber die Sonne des Glücks stand für Stralsund jetzt im Zenith; sie begann zu
                    sinken, bevor noch das 15. Jahrhundert zu Ende. Fortwährende Kriege nach Außen
                    und leider auch öftere Wirren im Innern nagten am Marke des Wohlstandes der
                    Stadt,wie an ihrer Geltung nach Außen. Und der Verfall der Hansa zog auch den
                    Verfall von Stralsunds Bedeutung nach sich.</p>
                <p>Und nun zieht noch ein neues Gewitter über dem Haupte der Stadt zusammen:
                    Wallenstein mit seiner gefürchteten Macht naht ihren Thoren: „Und wäre sie mit
                    Ketten an den Himmel geschmiedet, ich nehme die Stadt,“ hatte der Held
                    geschworen. Noch ein Mal loderte die alte Tapferkeit der Bürger von Stralsund
                    wieder empor, und, wie ein Stern in dunkler Nacht, glänzte ihr Muth und ihre
                    Hingebung, die, verbunden mit Schwedens Hülfe,<pb/> 48 den stolzen Friedländer
                    besiegten. Alljährlich noch wird am 24. Juli die Aufhebung der Belagerung von
                    Stralsund durch ein großes Vollksfest gefeiert. Und im „Hainholz“, eine
                    Viertelstunde von der Stadt, vor dem Kriegerthore standen vor wenigen Jahren
                    noch Tisch und Bank, wo, wie man erzählt, Wallenstein der Becher vom Munde soll
                    weggeschossen worden sein.</p>
                <p>Im Jahre 1648 fiel Stralsund im Westphälischen Frieden den Schweden zu. Und nun
                    begannen neue Drangsale durch die schwedischen Kriege. Die Jahre 1678 und 1715
                    waren Schreckenszeiten für die unglückliche Veste, der beide Mal gänzliche
                    Zerstörung drohte und die erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von all ihren
                    Leiden sich zu erholen begann.</p>
                <p>Der große Kaiser aber, dessen Fährte Rauch und dessen Fußstapfen Blut, brachte
                    auch den Festungswerken Stralsunds Vernichtung (18007). Wer kennt sie nicht, die
                    Napoleonische Schreckenszeit ? I </p>
                <p>Diese Bilder alle zogen, eines nach dem andern, an mir vorüber. Wieder ertönte
                    jetzt Trommelschlag in den Straßen, und von den Giebelhäusern der einen
                    schweiften die Blicke nach der andern Straße hinüber und die Gedanken nach der
                    Vergangenheit zurück: Ferdinand Schill! ist es Dein Sterberöcheln, das mit dem
                    Wirbeln der Trommel zu mir herüberdringt? Dort unten die Erde Dein edles Blut
                    trank und das Deiner Kampfgenossen.(1809). Ein Denkstein steht da, wo Du für
                    Deutschlands Freiheit den Opfertod starbst, ein Denkstein in jedem deutschen
                    Herzen und auf ihm der Name Ferdinand Schill. Ich aber will nach Stralsunds
                    Friedhof hinauspilgern und mir ein ewig grünes Tannenreis brechen an jenem
                    Grabe, das eben diesen Namen trägt.zur ewig grünen Erinnerung an Ferdinand
                    Schill.</p>
                <pb n="49"/>
                <p>XI </p>
                <p>„Der Schimmel trabt, die Peitsche schwirrt,„Laut schmettert Posthornton.“Wie
                    schön ist der Hafen von Stralsund mit seinen unzählbaren Schiffen, den großen
                    und den kleinen, mit seinen Teichen und Brücken, diesen Prachtwerken der
                    Baukunst, welche die Stadt,rings von Wasser umgeben, mit dem Festlande
                    verbinden. Wie schön ist die Stadt selbst, wenn sie im Morgendufte
                    zurückbleibt,indeß wir mit dem kleinen Dampfer hinüber steuern nach der „Alten
                    Fähre“, dem nächsten Landungspunkte auf Rügen. Golden flimmern im Sonnenstrahl
                    die Spitzen der Kirchthürme. Aber rings auf den Wassern liegt Nebel, wie auf den
                    Bauten der Stadt.Und so scheint sie, halb verborgen, halb sichtbar, aufzutauchen
                    aus den Fluthen, und, wie erschreckend ob ihrer eigenen Schöne,sich einzuhüllen
                    in den Mantel, den, aus Wolken gewoben, der Himmel ihr reicht. Aber Hiddensee
                    und Ummanz und Zingst und Darß, die Inseln im Norden, und Dänholm, die Insel,
                    die befestigte, nach Süden als lichtblaue Streifen winken sie ihr über die Fluth
                    herüber, die wogend sie trennt. Und Rügen, das erst noch, gleich jenen, ein
                    lichtblauer Streifen, wird sichtbar je mehr und mehr. Die kurze Fahrt über die
                    Meerenge (Gellen) ist bald zurückgelegt. Noch wenige Minuten, und die
                    weißschäumenden Wogen bespülen ein braunes Küstenland: das Gestade von Rügen
                    ˖</p>
                <p>Die breite Fahrstraße führt vom Strande nach den Häusern von „Alte Fähre“ hinauf.
                    Dort steht denn auch der Postwagen bereit, die Reisenden nach dem Innern der
                    Insel, der größten der deuschen Inseln, zu bringen. (Rügen, der nördlichste
                    Streifen des deutschen Nordens, mißt 28 Quadratmeilen Flächenraumes und zählt
                    45,000 Einwohner). Am freundlichen Posthause werden die Karten verabfolgt, und
                    lustig geht's jetzt mit klingelnden Rossen, mit „schwirrender Peitsche“ und
                    „schmetterndem Horn“<pb n="50"/>die leichte Anhöhe hinan, vorbei an Häusern und
                    Gäarten, geht's mmer weiter und weiter, vorbei an den Dörfern Rambin und
                    Samtens, auf ebener Straße durch Rügens weite Kornfelder,der Kreis und
                    Hauptstadt Bergen zu.</p>
                <p>Meilenweit fährt sich's von dieser Seite aber dahin, ohne daß irgend etwas
                    Beachtenswerthes die Einförmigkeit der Landschaft unterbräche. Wohl
                    durchschneidet das glänzende Eisen des Pfluges, vor den die zierlichen vier
                    Pferde gespannt, die braune Erde; wohl steigt der Dampf des Locomobils, der dort
                    im Feld die Dreschmaschine treibt, schwarzgrau in die Lüfte, und über die
                    Stoppeln fliegen Schwärme von Krähen, welche mit lautem Geschrei nach
                    ergiebigeren Futterstätten ausziehn: aber die kahlen Flächen, auf deren
                    gesegneten Kornfeldern der Reichthum des dandes emporsprießt, ermüden darum
                    nicht minder das Auge, und der Geist, durch nichts Wesentliches an die Gegenwart
                    gefesselt,VVD0 langsame Drehen der Windmühlen im Felde, noch das gleichmäßige
                    Schaukeln des Postwagens zu zerstreuen vermag. Und wenn nicht der Pferdewechsel
                    bei der saubern Schenke am Wege und der muntere Ton des Posthorns ihn jetzt
                    aufweckten, so verfiele der Leib bald in jenen Zustand, wo der Uebergang von
                    Träumerei in wirklichen Traum ein so unbemerklicher, daß, ehe man sich's
                    versieht, das ermüdete Auge sich schließt und kein Bild mehr von Außen her,sich
                    darin abspiegelnd, nach der Seele zurück strahlt, dort bleibend zu haften.</p>
                <p>Erndlich, endlich wechselte das ewige Gelb der Stoppelfelder:über den Sümpfen
                    rechts am Wege erhoben sich Hügel und über den Hügeln blauten ferne Berge über
                    fernen Wasserfluthen. Aber der Wagen lenkte jetzt ein in den Wald, und als
                    dieser zurück blieb, grünten Busch und Wiese, und in nicht weiter Ferne zeigte
                    sich von ihrer Anhöhe aus die Kirche von Bergen, deren Thurm auf ganz Rügen, ja
                    sogar von den dänischen Inseln aus, sichtbar sein soll; roth schimmerten die
                    Häuser der Stadt, die von der Ebene her nach der Anhöhe hinauf sich ziehend, den
                    Namen <pb n="51"/>„Bergen“ wohl begründen. Leider goß jetzt „unendlicher Regen
                    herab“, so daß an einen Spaziergang nach dem Raddas, dem hübschen Gehölze, der
                    Parkanlage in nächster Nähe der Stadt, nicht zu denken war, noch weniger an
                    einen dem Berge Rugard längst zugedachten Besuch, obschon dieser nur eine
                    Viertelstunde von derselben entfernt liegt.</p>
                <p>Und doch, wie gern hhätte ich von seiner Höhe aus der so Fuß über dem Meere) der
                    letzte Ueberrest des einst so stark befestigten Schlosses der alten
                    Rügen-Fürsten, er hätte mir erzählt von Jaromar L.,erzählt von den Tagen, wo
                    1190 die Festungswerke, durch diesen Fürsten angelegt, stolz und kühn in die
                    Lande hinausschauten und bis 1631 allen Stürmen trotzten. Heute grünt Strauch
                    und Busch auf dem Rugard und wuchert so üppig aus seiner Erde empor, daß die
                    Fernsicht nur in vereinzelten Bildern sich dem Blicke entrollt. Diese Bilder
                    aber, wie herrlich ein jedes!Bis nach dem fernsten Norden, bis nach Arkona
                    hinauf, reicht das Auge, und wieder hinab, bis wo fern im Süden die Thürme von
                    Stralsund sich erheben. Und was alles dazwischen, all' die Buchten und Seen, die
                    Inseln, die Halbinseln und Landzungen,deren das vielfach vom Wasser zerrissene
                    Land so viele aufzuweisen hat! Und die Wälder und Felsen, die Schlösser und
                    Kirchen! Dies Alles zeigt sich auf dem Rugard dem Auge,und glücklich wer des
                    Anblicks genießen kann!</p>
                <p>In Bergen selbst mocht ich nicht weilen; was sollte in Bergen mich fesseln? Ein
                    schönes Altarblatt im Innern der Kirche, die Glasmalerei eines Fensters,
                    Erinnerungen an das einstige Nonnenkloster, z. B. das Grab der Prinzessin
                    Elisabeth von Pommern,der Schwester Bogislaw X., die im 15. Jahrhundert
                    Aebtissin des Klosters zu Bergen war, oder das jetzige adelige Jungfrauenstift
                    vielleicht gar auch in der Kirche die verdorrte Hand, hervorgewachsen aus dem
                    Grabe eines Vatermörders! Das ist freilich des Beschauens werth für den, dem ein
                    längerer Aufenthalt in Bergen gestattet. Doch nimmer scheide der Wanderer <pb n="52"/>von dem Hauptorte der Insel Rügen, ohne eine Stätte aufgesucht zu
                    haben: den „Wendenfriedhof“ bei Krakow, am Wege nach Casnewitz.</p>
                <p>Das ist eine weite Grabstätte, ein Friedhof, wie selten einer,denn er mißt nach
                    Morgen Landes, deren mehrere zu seinem Bereiche zählen. Diese Hünengräber sanft
                    wölbt sich der Hügel über der Erde, unter welcher sie ruhen, die Gebeine Derer,
                    die hier wandelten vor Zeiten; oder es erheben sich riesige Steine über den
                    „Steinbetten“, wo sie schlafen den Schlaf, den kein Traum je mehr stört. Diese
                    Hünengräber zahlreicher sind sie auf Rügen als sonst irgendwo im Norden; an 200
                    reicht ihre HZahl. Welcher Zeit gehören sie an, diese Grabstätten? Trafen die
                    Wenden sie schon, als sie in's Land kamen, und reichen sie hinauf bis in die
                    graue Zeit des Alt-Germanischen Stammes?Laßt Streitaxt erzählen und Messer, und
                    Pfeilspitze und Aschenkrug! Laßt Spangen berichten, und Ketten und Ringe, wie
                    sie liegen bei den Gebeinen im schweigenden Hünengrab: dem Forscher wird Manches
                    kund. Doch, ob wendisch, ob germanisch ihre Herkunft: sie gehörten, wie die
                    Gerippe, die Schädel, bei denen sie ruhen, einem Geschlecht an, das da gewünscht
                    und begehrt, geliebt und gehaßt, gelitten und gestritten, das da gekämpft den
                    Kampf des Lebens und das abgetreten vom Schauplatz, um einem andern die Stätte
                    einzuräumen zu eben demselben Kampfe, wenn auch unter anderer Form.</p>
                <p>Bergen bleibt zurück, und mit dem Postwagen geht es jetzt Sagard entgegen,
                    Sagard, dem Marktflecken und Hauptorte der Halbinsel Jasmund. Die Halbinsel
                    Jasmund aber ist der von der Natur so zierlich ausgestattete Landstreifen, denn
                    auf seinem östlichen Theile trägt er die herrliche Küste, die vom Meere bespülte
                    Stubbenkammer mit ihren Kreidefelsen und die Buchwaldungen der Stubbnitz.
                    Jasmund ist an die Insel Rügen durch die Lietzower Fähre, dies Werk neuester
                    Zeit, gekettet, die,eine künstlich hergestellte Verbindungsbrücke, Wagen und
                    Fußgänger über den Jasmunder Bodden (Meerbusen) trägt. Von <pb n="53"/>Bergen
                    bis Sagard ist das Land hügelig, das Einerlei der Kornfelder stets unterbrochen
                    durch waldbewachsene Anhöhn, durch an der Fahrstraße liegende Höfe, durch Teiche
                    und kleine Seen, bis zuletzt denn der Jasmunder Bodden je mehr und mehr sichtbar
                    wird und die blaue Kette der Banzelwitzer Berge der Landschaft einen Reiz
                    verleiht, den sie bis dahin entbehrt. Die weite Wasserfläche aber des
                    Meerbusens, die hinauf und hinab sich dehnend,wie ein ruhiges Meer daliegt, das
                    braune Küstenland, das sie umgiebt, und drüber hin ein grauer Himmel, durch
                    dessen Wolkenflor die Sonne hie und da sich Bahn bricht und über den dunkeln
                    Wasserspiegel goldene Streifen zieht: es ist ein düster Bild, das ich nicht
                    weiter ausmalen will. Der Wagen rollt jetzt über die Lietzower Fähre dahin, und
                    bald ist der Strand von Jasmund erreicht. An seine grünen Hügel lehnt sich das ‚
                    Fährhaus“, ein willkommenes Wirthschaftsgebäude für müde Wanderer. Aber der
                    Postwagen fährt rastlos die leichte Anhöhe hinan und durch das Gehölze hindurch,
                    immer eiliger dem nicht mehr fernen Sagard entgegen. Und bald liegt denn auch
                    der saubere Marktflecken vor uns; aus dem Grün seiner Bäume ragt Kirchthurm und
                    Hausfirst hervor. Hier in Sagard endet die Postverbindung. Der trabende Schimmel
                    wird nach dem Stalle geführt; die schwirrende Peitsche und das schmetternde Horn
                    ruhen dort auf dem Tische in dem freundlichen Haus mit der steinernen Treppe vor
                    der Thür:</p>
                <p>„O Zeit des Paßgangs und des Trabs,Des Trinkgelds und des Trunks,Des
                    Pferdestalls“ ......und der muntere Postillon läßt das Bier sich schmecken,
                    indeß der Reisende nach einem Wagen sich umsieht, ihn von Sagard aus weiter.
                    nach dem Ziel seiner Wünsche, zu bringen.</p>
                <p>Hast Du, o Wanderer, gehört von dem Hügel, dem großen runden, der eine kurze
                    Strecke von Sagard entfernt, an der Straße nach Putbus liegt? Es ist der
                    Dubberworth, wohl das größte der Hünengräber auf Rügen. Und willst Du wissen,
                    wie <pb n="54"/>er entstanden, dieser Hügel, frage die Leute in Sagard und auf
                    ganz Jasmund, sie werden Dir die Geschichte erzählen vom Dubberworth, freilich
                    etwas verschieden von dem, was die Jahrbücher darüber berichten, nach welchen
                    eine Riesin darunter begraben liege.Auf Jasmund wird aber erzählt:Es lebt' vor
                    alten Zeiten auf Jasmund's grünen Au'n Ein Riesenweib, gar mächtig, gar trotzig
                    anzuschau'n,</p>
                <p>Und Jasmund's Au'n und Triften, der ganze weite Plan,Fr war mit Land und Leuten
                    dem Weibe unterthan.Wie groß auch ihre Stärke, wie groß auch ihre Macht,So hat
                    noch größ're Stärke in Banden sie gebracht:Die hohe Riesenherrin, sie schleppt,
                    gebunden, schwach,Wie kleine Menschenkinder, der Liebe Ketten nach.Es war ein
                    Fürst auf Rügen, gar herrlich von Gestalt.Die Riesin sieht den Fürsten und
                    sendet alsobald Hinüber ihm den Boten, thut kund ihm ihre Wahl,Trägt sich mit
                    Land und Leuten ihm an als Ehgemahl.Der Fürst von Rügen aber verschmäht der
                    Riesin Hand.</p>
                <p>O Schmach und Hohn! Die Riefin, sie hört es wuthentbrannt,Und ihre Mannen alle
                    ruft sie heran zur Wehr,</p>
                <p>Zu tilgen ihre Schande, zu rächen ihre Ehr'.</p>
                <p>Doch zwischen Jasmund's Triften und zwischen Rügen's Au'n Sah man, gleich einem
                    Gürtel, die tiefe Meerfluth blau'n.Das war für Ross' und Mannen ein unbequemer
                    Weg;</p>
                <p>Wer baut uns da die Brücke, wer zimmert uns den Steg?Und zu der Stubbnitz eilt'
                    sie, wo Erde, Sand und Stein,Die hohe Riesenherrin, und lud sich da allein </p>
                <p>Die ungeheure Schürze voll Erde, Stein und Sand </p>
                <p>Und lief damit behende hinüber nach dem Strand.Die Tiefe aufzufüllen, tritt sie
                    beschwert heran,</p>
                <p>Sieht freudig schon sich dehnen für Mann und Roß die Bahn,Schon sieht den Strand
                    sie schimmern, bald ist sie, bald dabei:Da reißt die Wucht, die schwere, die
                    Schürze ihr entzwei.</p>
                <p>Und von den Steinen allen, von Sand und Erde schnell,Erhebt ein mächt'ger Hügel,
                    ein runder, sich zur Stell'.</p>
                <p>Noch ragt er heut zu Tage empor an selbem Ort,</p>
                <p>Erzählt Dir von der Riesin und heißt der Dubberworth.</p>
                <pb n="55"/>
                <p>Was weiter mit der Riesin und ihrem Groll gescheh'n,Verschollen und verklungen
                    ist's längst im Windesweh'n;Heut aber trägt behende von Jasmund's grünem Strand
                    Dich die Lietzower-Fähre nach Rügen's Küstensand.Wer der Gunst des Himmels sich
                    erfreuend, bei seinem heitern Lichte von Sagard aus, ob zu Wagen, ob zu Fuß,
                    nach Stubbenkammer hinüber oder nach dem Fischerdorfe Saßnitz hinab lenkt, der
                    wird oben auf der Anhöhe einer Fernsicht genießen,deren Schönheit sich seinem
                    Gemüthe tief einprägen mag. Dort oben entfaltet vor dem erstaunten Blicke sich
                    die See; es ist die Bucht des Prorer Wyk (Wyk: Meerbusen), welche die Küste der
                    „schmalen Haide“ bespült. Wie glänzen aber dort rechts die Buchten des großen
                    und kleinen Jasmunder Boddens aus dem Dunkel der Wälder hervor! Dann in
                    weitester Ferne das Jagdschloß und die blaue Küste von Mönchgut, der Insel; in
                    nächster Nähe die Häuser des Dorfes Mucran und die Waldungen von Lanken, dem
                    zierlichen Gute.</p>
                <p>Leider genoß ich dieser Gunst des Himmels nicht; der Regen dauerte fort. Trüb und
                    grau lag jetzt, als der Wagen statt links hin nach Stubbenkammer, nun rechts
                    gegen Saßnitz einbog, vor mir die offene See, trüb und grau, als wäre sie selbst
                    eine endlos sich dehnende Regenwolke! Ach! sollt' ich so dich wieder finden,du
                    Heißersehnte, du einst so Reine, so Blaue? Und willst du mir sagen, daß nicht
                    leicht ein Glück sich Glück, das ungetrübt heiter, e in Mal sich uns bot? Ich
                    gedachte eines Wortes, das ich in Carlsburg vernommen: „Besteht der Zauber der
                    Freude nicht gerade darin, daß sie eben durch ihre kurze Dauer eine lange
                    Sehnsucht im Herzen zurückläßt 2“ Leise bewegte sich die unendliche
                    Wasserfläche; leise Winde zogen schwarze Furchen über dem düstern Plan. In den
                    Bäumen im Felde regte sich kein Blatt; lautlos war's ringsum. Das
                    Herniederträufeln des Regens in den Sand am Wege und der heisere Schrei der
                    Raben, die vom nahen Acker aufflogen, unterbrach allein die öde Stille. Dunkel
                    blickten die Forste der Stubbnitz </p>
                <pb n="0"/>
                <p>* *von links herüber; sie luden nicht ein, in ihre Schatten sich zu vertiefen zur
                    Stunde. So düster auch der Anblick der See, ich zog es vor, in dem an ihrem
                    Strande liegenden Saßnitz eine geeignetere Zeit abzuwarten, um den Kreidefelsen
                    von Stubbenkammer meinen Besuch zu weihen. Bald lenkte der Wagen nach dem
                    Fischerdorfe ein, wo das schirmende Dach des Gasthauses Schutz bot gegen den
                    immer stärker herabströmenden Regen.</p>
                <p>Saßnitz und Crampas, zwei bescheidene Fischerdörfer am Fuße der Stubbnitzer
                    Forste, wie verschieden ist ihr Charakter von dem des zierlichen Heringsdorf!
                    Dort Villen und Parke, Eleganz und Comfort, dort das glänzendere, raffinirtere
                    Badeleben; hier einfache Gasthäuser, bescheidene Wohnungen, ein ungezwungenes,
                    gemüthliches Strandleben, das aber gewiß, je nach den Anforderungen, dem Bedarf
                    manches Badegastes wollständig entspricht und um der Mäßigkeit der Preise willen
                    auch von manchem vorgezogen werden wird. Und so verschieden Wohnungen und
                    Badeleben, so verschieden sind auch die Strandbilder.</p>
                <p>Vergebens sucht das Auge hier nach den breiten Strecken Sandes mit ihren
                    Bretterhütten und Bänken, wie es am Strande von Heringsdorf sie trifft. Hier
                    führt ein schmaler Fußpfad bald dicht dem Meere entlang, oder es stehen
                    Fischerhäuschen am Ufer;die ausgespannten Netze liegen zum Trocknen in der
                    Sonne, und der Wind spielt mit den Astern und Reseden, welche hie und da ein
                    einfaches Gemüsegärtchen zieren. Es ist ein reizender Weg,dieser Strandweg; er
                    führt bis weit hinauf am Fuße der waldigen Stubbnitz. Schattige Bänkchen dienen
                    dem Wanderer als Ruheplätze: rechts die See und links der Buchwald. Aber bevor
                    noch dessen hohe Stämme Grund und Boden finden, um tiefe Wurzeln zu schlagen,
                    grünt am abschüssigen Uferrand der niedrige Buchenschlag, der Haselstrauch und
                    die Weide und neigen die Zweige herab auf das Haidekraut, das mit ihnen dies
                    sandige Erdreich theilt. Und zwischen den Büschen und Reisern, welch zierlicher
                    Strauch steht da oben! Graugrün und dicht sind die schmalen, spitzauslaufenden
                    Blättchen; sie gleichen an Farbe und <pb n="57"/>Gestalt schier den Blättern des
                    Rosmarin. Jetzt aber, vom Winde gehoben, wie schimmert silbern ihre Rückseite:
                    ein feines, seidenes Haar bedeckt sie zum Schutz und zur Zierde. Und sieh!
                    gefährlich schier droht dort am Zweig der schwarzbraune Dorn jetzt. Doch
                    glänzend hell entwächst dem Holze die Beere, die kleine, und bildet,Beere an
                    Beeren sich reihend, die zierliche sattgelbe Traube, die von weit her das Auge
                    des Wanderers entzückt: dieser Strauch ist der Sanddorn (yppophæ rhamnoides). Du
                    hast ihn schon geseh'n, ich denke, bald am Meeresstrand, bald auf einsamer
                    sandiger Trift im Innern des Landes; auch im botanischen Garten gedeiht er. Doch
                    kümmerlich und sparsam entwindet dort die Frucht sich dem Holze; warum? Die Hand
                    des Gärtners, sie hegt ihn und pflegt ihn in üppig genährter Erde: der Kampf um
                    das Dasein hat aufgehört für den Strauch und mit dem Kampf auch die schaffende
                    Kraft.</p>
                <p>J </p>
                <p>„Ich trank in schnellen Zügen „Das Leben und den Tod </p>
                <p>„Beim Königsstuhl auf Rügen „Am Strand im Morgenroth.“O, meine weisen Rathgeber
                    in Carlsburg, was würden Sie sagen, wenn Sie mich hier eingeregnet wüßten in
                    Saßnitz, so nah dem Ziele und doch so fern! Diese unberufene Haft war freilich
                    nicht angemerkt auf dem Programme, dem wohldurchdachten Reiseplan.Da saß ich
                    denn in den wohnlichen Räumen des „Fahrenbergs“, des gemüthlichen Gasthauses,
                    das, erbaut am Waldessaum, von seiner Anhöhe herab den weiten Blick auf das Meer
                    hinaus gewährt; da saß ich und sah dem Regen zu, der ungestüm <pb n="58"/>an's
                    Fenster schlug, und lauschte dem gleichmäßigen Träufeln der Dachrinnen und dem
                    Plätschern der Tropfen auf die Ziegel des über mir sich wölbenden Firstes, nicht
                    eben sonderlich erbaut von den einförmigen Lauten, noch von dem Anblicke des
                    endlosen Graues, in das Himmel und Meer gehüllt war. So viel aber stand fest,
                    daß ich nicht zurück kehren würde nach Carlsburg, ohne die Stätte gesehn zu
                    haben, um deretwillen ich hergereist kam, und von der nur drei Stunden Weges
                    mich trennten.</p>
                <p>Und der Tag war nicht ferne, dessen heiteres Licht mich begleiten sollte nach den
                    ernsten Gefilden, nach der ersehnten Küste hinauf. Er kündigte sich an durch die
                    Mondnacht. Ihr heller Glanz trieb den Schlummer vom Lager der Ruhenden und
                    lockte an's Fenster.</p>
                <p>„Leuchtend strahlte die See von dem Bild des sich spiegelnden Mondes,„Und in der
                    schweigenden Nacht war es so hell wie des Tags;„Und zu den Ohren drang kein
                    Laut, nirgends ein Rauschen,„Außer jenem der Fluth...“</p>
                <p>Zwar kein dicht erblickt' ich von fern, „darin meine Flamme“,und kein Gestade, wo
                    „mein Licht ich ersah“. Aber die lieblich fich kräuselnden Wogen, welche im
                    Mondlicht glänzten, wie langes,gold'nes, gekräuseltes Haar, das auf den Fluthen
                    zu schwimmen schien; die weite Fläche, wo der Blick sich verlor, wie der Gedanke
                    im Reiche der Unendlichkeit; die Ruhe, die dabei die Seele überthaute, daß jedes
                    Sehnen schwieg: ich grüßte sie, wie weiland der troische Schwimmer des Thurmes
                    Leuchte begrüßte, als ein Zeichen naher Erfüllung sehnsüchtig gehegter
                    Wünsche.</p>
                <p>Der kommende Morgen sah uns auf dem Wege nach Stubbenkammer. Ich hatte mich einer
                    kleinen Gesellschaft angeschlossen,die es vorzog, statt im Nachen auf etwas
                    bewegter See den drei Stunden weiten Weg zu Fuß zurück zu legen. Er führte über
                    Feld und Acker allmälig bergan. Bald lag Saßnitz weit unten im Thale. Aber der
                    Blick haftete noch ein Mal auf dem stillen Dorfe, bevor der Fuß in des Waldes
                    Dunkel sich verlor. Höher <pb n="59"/>und tiefer lagen die Häuser auf dem
                    kleinen Plane zerstreut, die einen satt am Strande, die andern weiter davon
                    entfernt. Zwischen ihren friedlichen Dächern erhoben sich grüne Hügel, an denen
                    die Kühe graseten. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf. In die See hinaus
                    stießen Fischerbote zum Heringsfang; sie wogten auf und nieder auf der bewegten
                    Fluth. Ein Blick noch zurück nach dem Thale und hinaus auf die See: jetzt nimmt
                    uns der X führt; erst das Tannengehölze und nun der Buchwald.</p>
                <p>Ist es ein Heiligthum, in das wir hier eintreten, und weht ein Gotteshanch uns an
                    in diesen weiten, ernsten Hallen? Das Wort erstirbt auf den Lippen, und wie ein
                    Gebet entquillt es der Seele. Diese Riesenstämme, einer dem andern gleich, sie
                    stehen da wie mächtige Säulen, fest genug, das Gewölbe des Himmels zu stützen.
                    Weiß schimmert die Rinde und glänzend unterm Dunkel ihres Blätterdaches und
                    kleidet herrlich den hohen zierlichen Baum.</p>
                <p>Still ist's, wie in einem Gotteshause, in dem der Gesang verklungen, dem die
                    Menge entströmt. Der Sommer ist vorbei,die tausend Stimmen in den Zweigen hoch
                    oben und die tausend Stimmchen tief unten im Moose sind verstummt; schon fällt
                    hie und da ein welkes Blatt zur Erde: es naht der Herbst, wo alle Blätter
                    fallen. Aber das Rauschen des Windes in den Wipfeln und das Tosen des brandenden
                    Meeres beleben die heil'ge Stille;es durchzieht sie ein Säuseln, wie der
                    Flügelschlag der ewig erschaffenden und ewig zerstörenden Kraft. Und durch die
                    grünen Aeste schimmert hier die blaue See, indeß dort zur Linken unabsehbar
                    weit, sich Stamm an Stämme reihet und der Blick sich verliert in tiefer
                    Waldesnacht.</p>
                <p>So geht es fort, bald bergan, bald bergab, immer tiefer hinein in diese endlosen
                    Forste; jetzt weiter vom Ufer hinweg: des Meeres Rauschen verhallt in der Ferne;
                    jetzt wieder mehr der Lichtung der Bäume zu: blau schimmert Himmel und Fluth
                    durch das zierliche Grün. Und nun bergab auf schmalem, schlüpfrigem Pfade, hinab
                    in eine tiefe Schlucht! Da rauscht in lautloser <pb n="60"/>Waldeinsamkeit der
                    Bach, der klare, rieselnde Quell, und benetzt mit seinem Schaume die
                    Schachtelhalme, die dem feuchten Grunde entwachsend, ihre schlanken Stängel
                    erheben über den Moosen und Pilzen; der Morgenhauch spielt mit den langen,
                    haarfeinen Blättern und mit den Binsen und Gräsern am Quellenrand. Und ein
                    zweiter Bach vereint sich jetzt lispelnd dem ersten;beide aber, ihre Wasser
                    mischend, zieh'n rauschend über Gestrüpp und Gestein dem Meere zu, um in die
                    große unendliche Fluth das kleine Sein zu ergießen. Und da, wo die Bäche dem
                    Meere sich vereinen, da steht der Wanderer still und wendet rückwärts den Blick.
                    Ein Ausruf des Erstaunens und der Bewunderung entfährt unwillkürlich den Lippen:
                    die Kreidefelsen von Stubbenkammer! Eine mächtige Felswand, kahl und schroff und
                    vielfach zerklüftet, ziehn sie da sich hinauf längs dem Meeresstrand; ihr
                    wundersames Gefüge, blendend weiß und stellenweise durchzogen vom schwarzen
                    Feuerstein, thürmt hoch sich empor über den Fluthen; zwischen den Zerklüftungen
                    und auf den Höhen hoch oben grünt der Buchwald in herrlicher Pracht.</p>
                <p>Aber wir kehren jetzt wieder zurück nach dem Walde, denn das Ziel ist noch nicht
                    erreicht: unser Besuch gilt dem „Kbnigsstuhl“, der höchsten Spitze von,
                    GroßStubbenkammer“. Und „die Pfeiler“, und „die zerklüftete Felswand“, und
                    „KleinStubbenkammer“, und wie sie alle heißen, die schönsten Punkte des
                    Vorgebirgs: sie müssen all' noch aufgesucht und bewundert werden an diesem Tage.
                    Und über rieselnde Bäche und über moosbewachsenes Gestein, wieder bergan und
                    bergab, geht's noch eine Weile fort; warm glühen der Sonne Strahlen. Jetzt aber
                    weht ein frischer Hauch dem Wanderer entgegen; ein Augenblick noch hinauf auf
                    schattigem Pfade und er ist oben auf der waldigen Höhe von KleinStubbenkammer.
                    Weich breitet die Rasenbank ihren grünen Teppich vor ihm aus und ladet ihn ein,
                    die müden Glieder auszuruhn. Und er läßt sich nieder, und er schaut hinaus und
                    umher: vor ihm die See, ihm zur Seite der Wald. Aber wie heißt der Fels hier zur
                    Linken, dieser mächtige Riese der Felsen,<pb/> 61 der in seiner ganzen Schöne
                    den Fluthen des Meeres zu entsteigen scheint? Es ist der Königsstuhl.</p>
                <p>O, Königsstuhl, du wundersamer Fels, du König unter den Felsen auf Rügen! Einsam
                    stehest du da, getrennt von deinen Genossen, die du alle überragest an Pracht
                    und Größe! Weiß glänzt und schimmert deine Gewandung, aber die Scheitel schmückt
                    dir der Kranz von dunkelm Laube. Stolz und kühn ragt dein Haupt empor in die
                    Lüfte, und zu deinen Füßen brauset das Meer, auf das du, wie ein Gebieter,
                    hinabschaust! O Königsstuhl, du einsamer Fels, bist du das Bild eines Tyrannen,
                    den die Genossen fliehn; groß aber schrecklich im Herrschen? Oder bist du einer
                    jener Großen, jener Herrscher im Reiche des Geistes,die, ihre Genossen
                    überragend, unverstanden, unbegriffen, einsam dastehn im Leben; einsam, aber
                    fest wie der Fels im Meere?</p>
                <p>Doch von Klein-Stubbenkammer geht's jetzt, immer auf schattigem Waldweg, hinüber
                    nach Groß-Stubbenkammer und somit nach dem Königsstuhle selbst. Hier oben auf
                    der höchsten Spitze des Vorgebirges (409“ über dem Meer) steht unter schattiger
                    Buche die Bank von Granit. Hier laß uns rasten und ruhen,hier, wo es so heimlich
                    rauscht im Blätterdache der hohen Bäume,wenn tief unter der Felswand die See
                    ihre schäumenden Wellen am Strande bricht; hinter uns die dunkeln Forste der
                    Stubbnitz,die stillen, heiligen Haine; vor uns die glänzende See, die ewig
                    bewegliche Fläche, bis weit in unabsehbare Ferne hinaus. Und das Säuseln des
                    Windes, und das Branden der Wogen zum Schlummerlied wird es, zum süßen: die
                    Wirklichkeit sinkt dabei in Schlaf mit all' ihren Sorgen und Freuden. Und an die
                    Ruhende hin tritt jetzt aus dem Reiche der Träume die Sage.Hier auf dem
                    Königsstuhl, welche Bilder entrollt sie dem Blicke!Bilder aus alter ferner Zeit.
                    Dort unten am Meere der Waschstein! Hast Du gehört die Sage von „der Jungfrau am
                    Wasch-stein bei Stubbenkammer“:</p>
                <pb n="62"/>
                <p>Es geht von Mund zu Munde, es geht von Jahr zu Jahr Von Störtebeck die Kunde und
                    seiner schwarzen Schaar,Von Stöortebeck, dem frechen, dem wilden Räubersmann,Den
                    Jeder noch auf Rügen allnächtlich schauen kann.Am Strand der Stubbenkammer, da
                    stehen, hoch und hehr,Die Felsen, weiß und glänzend, und starren in das Meer,Und
                    tief in ihrem Schooße, tief unter Sand und Kies,diegt eine dunkle Höhle, ein
                    tiefgeheim Verließ.</p>
                <p>Da hausete vor Zeiten ein Räuber weltbekannt,</p>
                <p>Mit seinen Raubgenossen, der Störtebeck genannt;</p>
                <p>Der schloß in diefer Höhle, versteckt von Busch und Stein,Zu den geraubten
                    Schätzen die schönste Jungfrau ein.Es hat der böse Räuber zu langem Herzeleid </p>
                <p>Weit her aus fernem Lande gebracht die holde Maid;Und als er sie verborgen in
                    Höhlennacht und Graus,Da stieß zu neuem Raube er in die See hinaus.</p>
                <p>Von diesem Zuge aber kehrt er nicht mehr zurück;Verlassen hat ihn endlich sein
                    langes Räuberglück:</p>
                <p>In Hamburgs fernen Mauern bereit die Richtstatt war Für Störtebeck, den Räuber,
                    und seine Räuberschaar.Wohl trieb stets Well' um Welle nach Rügens Küst' das
                    Meer:Bringt keine denn zur Stelle den Retter ihr daher,</p>
                <p>Der holden Maid, der Jungfrau, in tiefem Bergesschacht?</p>
                <p>Soll zu des Grabes Dunkel ihr grau'n die Todesnacht? </p>
                <p>Und Jahre sind vergangen, gekommen zu entflieh'n,Entfloh'n und neu gekommen: die
                    Zeit, sie rauscht dahin.Ein Schiffer, nah dem Strande, zieht seine Netze ein;Es
                    glänzen Meer und Lande im hellen Mondenschein.</p>
                <p>Da neigt, so sieht's der Fischer, zur Meerfluth sich am Strand Ein Frauenbild,
                    gar herrlich, wie er noch keines fand,Und taucht mit leisem Weinen tief in die
                    Wasserfluth Ein schneeweiß Tuch, beflecket von dunkelrothem Blut,</p>
                <p>Und wascht, und wascht: der Flecken, er ist und er bleibt roth.</p>
                <p>Der Fischer faßt ein Herz sich, spricht grüßend: „Helf Dir Gott,Du schöne Maid!
                    Was treibst Du beim blassen Mondenschein Am grausen Meeresstrande um Mitternacht
                    allein ?“</p>
                <pb n="63"/>
                <p>Und nach den Kreidefelsen die Jungfrau schwebt hinauf Und winket mild dem Fischer
                    zu folgen ihrem Lauf:„Weil Du Gott helf gesprochen, so ist gelöst der Bann;Du
                    aber sei zur Stunde ein reichbelohnter Mann!“Und nach dem Höhlendunkel zieht fie
                    ihn mit sich fort,Den Fischer, und mit Schätzen füllt sie den Krug ihm dort;Doch
                    wie er dankend fasset nach ihrer weißen Hand,</p>
                <p>Hört Ruderschlag er tönen vom nahen Meeresstrand:Ein Schiff mit schwarzen
                    Wimpeln, ein schwarzes Todtenschiff,Kommt rauschend hergezogen zum weißen
                    Felsenriff;</p>
                <p>Des Schiffes Mannschaft aber, ein grausig dunkler Schwarm,Trägt, schwarz umhüllt,
                    ein Jeder sein eigen Haupt im Arm;</p>
                <p>Und ohne Wort und Laute allnächtlich zu der Stund'A Denn Störtebeck der Räuber,
                    zu steter Straf' und Plag',Mit seiner Schaar muß zählen bis an den jüngsten
                    Tag.</p>
                <p>Die Jungfrau aber führt jetzt zum Kahne still zurück Den reichbeschenkten
                    Fischer. Und wie sein scheuer Blick Noch einmal nach ihr spähet, sieht er im
                    Mondlicht mild In Glanz und Duft zerfließen ein duftig Nebelbild.</p>
                <p>Stundenlang ließe sich's weilen hier oben auf dem Königsstuhl, und jede Tageszeit
                    böte neuen und verschiedenen Reiz; denn herrlich sind die Beleuchtungen von hier
                    aus betrachtet, und ob im Glanze der Mittagssonne, ob im Abendglühen, ob beim
                    blassen Lichte des Mondes, oder in dämmernder Morgenfrühe, bevor noch die Sonne
                    emporsteigt über den Wassern: schön ist sie immer, die See, schön sind die
                    Kreidefelsen, und ein Hauch weht hier oben durch die ganze Schöpfung, heilig wie
                    ein Gebet, minniglich wie ein Liebeslied, und süßklingend wie ein Gedicht.</p>
                <p>Doch wenn wir so dasteh'n und über die Brüstung hinab seh'n,tief hinab nach dem
                    Meeresufer; wenn die Menschen, die dort unten wandeln, uns erscheinen wie
                    Kinder, und die Granitblöcke im Wasser wie unbedeutende Steine: dann faßt uns
                    ein Verlangen, selbst dort unten zu weilen und hinauf zu schau'n nach den
                    Felsen, auf deren Häuptern wir wandeln. So zog denn auch meine Reise<pb n="64"/>begleitung hinab nach dem Strande. Ich folgte von ferne, denn das niedliche ‚
                    Schweizerhaus“, das Gasthaus auf Stubbenkammer,inmitten seiner dunkeln Bäume,
                    die hübschen Parkanlagen, so ernst und geheimnißvoll mit ihren verborgenen
                    Lauben, ihren schattigen Ruheplätzen, sie fesselten mich länger, und später erst
                    folgte ich nach.</p>
                <p>Ein zierlicher Pfad, theils auf Stufen, theils auf festgetretenem Sand und Kies,
                    führt nach dem Strande hinab. Ich verfehlte ihn aber und gerieth in's Dickicht,
                    in die tiefe Buchwaldung hinein, welche hier auch auf abschüssigem Grunde die
                    hohen Stämme gen Himmel treibt. Unter den Füßen rauschten die dürren Blätter,die
                    den Boden bedeckten, indeß das grüne Laub der Wipfel die Sonnenstrahlen nur
                    spärlich durchließ: es war still und dunkel im Walde und ich allein. Da erklang
                    eine liebliche Stimme und rief mich nach der Quelle hin, die ich jetzt deutlich
                    rauschen hörte,und wo auch der von mir verlassene Pfad. Ich folgte, und vor mir
                    stand eine schöne Frau. Die hohe, schlanke Gestalt, das blonde, zierliche Haar,
                    das, mit weißen Blumen geschmückt, in breiten Zöpfen die weißen Schläfe umfieng,
                    indeß der Locken Fülle wie eitel Gold darüber hinab wallte, der Glanz der blauen
                    Augen,der Schmelz der rosigen Wangen, dazu die Gewandung, die der Formen
                    Reinheit in ihrer ganzen Schöne zeigte: im Land der Sagen und der Dichtung, in
                    Rügens Buchenhainen, am Quellenrande diese Erscheinung ist es ein Wunder, daß
                    ich wähnte,eine jener nordischen Gottheiten zu erblicken, vielleicht Hertha
                    selbst, die Göttin der Erde? Und doch war es ein Menschenkind,das zu mir sich
                    gesellte, aber darum nicht minder eine holde Erscheinung und mein guter Genius
                    zugleich, denn die schöne Frau führte mich zurück auf den richtigen Weg. Am
                    Quellenrand, der Golchaquelle, reichten wir uns die Hand zum Abschied und „auf
                    Wiedersehen“: sie stieg vom Meeresufer nach den Wohnungen hinauf; ich stieg von
                    denselben hinab nach dem Strande.</p>
                <p>Der Strand willst Du ruhen, o Wanderer, an herrlicher Stätte, so wähle den Strand
                    bei Stubbenkammer. Dort setze Dich <pb/> 65 auf einen der Granitsteine, die das
                    schäumende Meerwasser bespult; winde einen Kranz Dir von Seetang, vom Geäste der
                    Meereiche, einen dunkel- und hellbraunen Kranz, ja, auch das rothe Gezweige ist
                    zierlich; betrachte den laubartig ausgebreiteten Stamm mit seinen wundersamen
                    Luftbläschen, und lege den Kranz zu dem ebenso wundersam geformten Kreide- oder
                    Feuerstein, den Du zur Erinnerung Dir mitnimmst; dann aber laß Stein und Seetang
                    und blicke noch einmal hinauf nach den Kreidefelsen, noch einmalkhinaus auf die
                    See! Ruhig wogen dort in der Ferne die mächtigen Segler, die Dreimaster, und
                    thürmen ihr stolzes Gebäude hoch in die Luft; ruhig treiben die Wellen an's Ufer
                    und wieder zurück in die Weite; ruhig zieh'n die schneeweißen Wölkchen über den
                    Wald hin: ruhig Himmel und Erde und auch das oft so stürmisch bewegte
                    Menschengemüth. Jetzt ertönt der schrille Laut eines Seevogels; er fliegt auf
                    dort und taucht unter. Hat er die Beute erhascht? Du grausamer Würger, warum
                    erinnerst du den ruhigen, glücklichen Beschauer daran, daß überall Kampf und
                    Vernichtung!</p>
                <p>Aber von freundlicher Seite wurde ich nun erinnert, daß von den Wallfahrern nach
                    der Stätte der Sagen und der Mythen dem Herthasee und seiner Umgebung noch ein
                    Besuch zugedacht sei. Und die Sonne, immer mehr und mehr dem Westen zuneigend,
                    ließ diese neue Pilgerfahrt freilich nicht länger aufschieben. Wer wollte auch
                    Stubbenkammer besucht haben, ohne den Herthasee, die Herthaburg, die Opfersteine
                    gesehn zu haben,Stätten, an die so wundersame Sagen sich knüpfen? Und wenn auch
                    Tacitus in seiner Germania freilich nur erzählt, daß auf einer Insel der Ostsee
                    in einem heiligen Haine die Göttin Hertha leigentlich Nerthus) von den
                    Germanischen Völkerschaften verehrt werde: wer wollte nicht, und wäre es nur auf
                    Augenblicke, indem er die Stätte besucht, die ihm als die geweihte bezeichnet
                    wird,wer wollte nicht gerne annehmen, daß sie es wirklich sei, und dem Zauber
                    ihres Einflusses auf das Gemüth sich hingeben, da,wo das Traditionelle so schön
                    in den Rahmen der Wullihteit paßt?<pb n="66"/>So gieng es denn wieder
                    strandaufwärts und den Wirthschaftsgebäuden zu. Dort schloß sich der kleinen
                    Gesellschaft auch die schöne Frau von der GolchaQuelle an mit ihrer
                    Begleitung.Und nun zogen wir aus, die Opfersteine aufzusuchen, an denen vorbei
                    der Weg nach dem Herthasee führt, wieder ein zierlicher Pfad durch die weiten,
                    ernsten Forste.</p>
                <p>Und da, im Dunkel des Waldes, liegt der eine dieser steinernen Altäre, wo das
                    rauchende Menschenblut als ein der Gottheit wohlgefälliger Opferrauch galt, und
                    das Sterberöcheln des Geschlachteten, die göttlichen Ohren zu ergötzen, nach den
                    Wipfeln der heiligen Buchen stieg. In diesen Stein ist eine Rinne eingegraben;
                    an seinem Fuß steht eine Schaale, in die das Blut des Opfers floß. Heute
                    schmückt Moos mit seinem grünen Teppich den Stein, und Epheu rankt lebensfrisch
                    an ihm empor. Wenige Schritte von diesem ersten liegt der zweite Stein. Eine
                    größere und eine kleinere Vertiefung sind darin sichtbar: die Abdrücke eines
                    Mädchenfußes und eines Kinderfüßchens. Sinnend stehen wir da an dem Steine und
                    hängen der Sage nach von Wunna, der Herthapriesterin, die das Gelübde gebrochen
                    und irdischer Liebe Raum gab im Herzen, das sie, gezwungen durch des Vaters
                    Willkühr, nur göttlicher Liebe zu weihen gelobt. Und wir sehen im Geist, wie der
                    zürnende Priester, der wohl von? dem Verbrechen wußte, nicht aber den Namen der
                    Schuldigen auskundschaften konnte, alle Herthajungfrauen aus dem Tempel in den
                    Wald hinaus führt, und, die Schuldige zu entdecken, eine Jede nackten Fußes den
                    Opferstein betreten läßt; sehen, wie der Stein aber makellos bleibt, bis Wunna,
                    die jüngste und schönste von Allen,ihn zitternd betritt: von jener Stunde an
                    trägt der Stein diese Fußspuren! Und Wunna, dem Tode geweiht, steht vor uns die
                    blasse Priesterin mit dem dunkeln Blätterkranz im Haare. Wir lauschen, lauschen
                    am Opferftein ... ein klagender Laut zieht durch die alten Buchen. Ist es der
                    Windhauch? Zwei Raben fliegen jetzt krächzend auf aus dem Dickicht und der
                    Lichtung des Waldes zu. Dort liegt der Herthasee; sein stilles, dunkles
                        Gewässer,<pb n="67"/>bestrahlt von der sinkenden Sonne, schimmert bbutxoth
                    durxch die Zweige. J Aber die Herthaburg ladet uns ein zum Besuche, bepor wir
                    den Hain noch verlassen: mitten in dessen heiligen Schatten ein mächtiger
                    Erdwall, der mit seinen Wänden einen runden Platz umschließt, zu dem ein
                    schmaler Eingang führt. Wir wandeln still herum auf den Wällen; ein Tempel, eine
                    Burg scheint uns wirklich dieser weite, stille Raum, dessen Wölbung die hohen
                    Wipfel der alten rauschenden Buchen bilden. Geheimnißvoll, schier grauenhaft
                    aber weht es uns an an dieser einsamen Stätte, und aus dem Dunkel hinaus treten
                    wir jetzt an den See. *</p>
                <p>Ueber seine ruhige Fläche säuselt der Abendwind und bewegt leise das dunkle
                    Gewässer; weiß schimmern, von seinem Hauche berührt, die Blätter der Pappeln und
                    Weiden, die rings den See umkränzen und das schwankende Haupt in den
                    gekräuselten Fluthen jpiegeln. Im Schilfrohr taucht das Wasserhuhn unter,
                    erschreckt vom Fuße des Wanderers, aber nach dem Wipfel der Erlen fliegt
                    kreischend der Reiher auf und wiegt im Abendroth die silbernen Schwingeu.</p>
                <p>Lange Schatten schweben jetzt über den Wassern, und in des Waldes Hallen herrscht
                    dunkle Nacht, die je mehr und mehr über die Gefilde sich verbreitet. Doch sieh!
                    welch' seltsame Flamme dort drüben am andern Gestade des Sees! Erst eine, dann
                    zwei,jetzt drei und viere und noch mehr! Siehl wie sich neckend in toller Jagd,
                    huscht eine der andern nach, bald über den Wassern schwebend, bald wieder längs
                    dem Gestade. Bläulich-weiß ist ihr Schein; er gleicht schier dem Glanze des
                    Mondes: Irrlich ter sind es, „die Seelen Derer, die ohne die christliche Taufe
                    gestorben;sie müssen bis zum jüngsten Tage am Wasser herumirren.“ Ach,wie viele
                    Seelen sind vielleicht hier unten begraben auf des Sees Grund, Seelen Derer, die
                    ohne christliche Taufe aus dem Leben schieden!Arme Sklaven, die ihr genöthigt
                    wart, den Wagen der Göttin der Erde, nachdem sie auf demselben durch's Land
                    gefahren, gezogen von den zwei jungen Kühen, gefolgt von den Priestern, dem Volk
                    zu <pb/> 68 Lust und Friede die ihr genöthigt wart, diesen Götterwagen hier in
                    des Sees Fluthen zu waschen! Ihm entstieg Hertha, die Mutter aller Dinge, zu
                    neuem Leben und Schaffen; euch aber verschlang der See, euch wurde zum Lohne der
                    Tod in seiner bodenlosen Tiefe. Sind es eure Seelen, die am Wasser dort
                    herumirren?</p>
                <p>Und von den irrenden Seelen und von den Wassern hinweg,in die hinein wir im
                    Geiste den Götterwagen begleitet, wandten wir uns ab und suchten die eigenen
                    Wagen auf, die zurück uns nach Saßnitz bringen sollten. Durch Nacht und Grauen,
                    durch des Waldes schwarze Tiefen gieng's nun dahin mit den eilenden Rossetn, oft
                    steil und schaurig bergab auf steiniger, unwegsamer Bahn. Wir waren schweigsam:
                    die Eindrücke des Tages, die Schatten der Nacht stimmten uns ernst,
                    nachdenklich. Oft aber,wenn an Stein und Baumstrunk die Räder zu zerschellen
                    drohten,fühlte ich eine weiche, weiße Hand die meinige erfassen und wie
                    ängstlich drücken: es war die Hand der schönen Frau, die an meiner Seite saß und
                    Namen und Wohnort mir jetzt nannte: wenn denn auch keine nordische Gottheit,
                    doch immerhin ein Kind des Nordens.</p>
                <pb n="69"/>
                <p>XIII.</p>
                <p>Es wechseln mit den Zeiten die Begriffe </p>
                <p>Was gestern einer Welt als Wahrheit galt,Belächelt heute eine Welt als Wahn.</p>
                <p>Der Götter Tempel liegen dort in Trümmern,Und sieh! auf den geborst'nen Stein
                    gebaut,</p>
                <p>Ein Kirchlein nach der blauen Meerfluth schaut.Die Glocken läuten, und nach
                    seinen Hallen </p>
                <p>Die frommen Christenbeter gläubig wallen. Es rauscht die Zeit daher, dahin; ihr
                    Hauch,Wer weiß, wie bald, zerstört dies Kirchlein auch. Doch über Schutt und
                    Moder ewig kreist </p>
                <p>Der ewig wandellose Gottesgeist,</p>
                <p>Und reiner wird aus der Vernichtung Wehen </p>
                <p>Und größer stets sein Tempel auferstehen.</p>
                <p>Wie heißt der Thurm dort am äußersten Ende der deutschen Erde? Leitend und
                    warnend strahlt sein Licht hinaus in die See.Einsam steht er da auf der
                    zerklüfteten Felswand, dem Kreidegestein der nördlichsten Küste Rügens, und
                    blickt herab auf das tobende Meer zu seinen Füßen und hinaus in die Ferne. Kein
                    Baum, kein Strauch stört diesen Blick; kahl und öde ist ringsum der Erdkreis:
                    auf Wittow's sandigem Grund grünt der Wald nicht mehr. Dieser Thurm ist der
                    Leuchttthurm von Arcona,dem Vorgebirge der Halbinsel Wittow, die mit Rügen nur
                    verbunden durch die schmale Landzunge, die Schaabe genannt, ein 2ru/, Stunden
                    langer Erdstrich, gebildet aus Meersand, öd und kahl, wie Wittow selbst. Und
                    doch ist dieser unwohnliche Landstreifen, diese schmucklose Halbinsel, dies Land
                    der Dünen und der Sandflächen, das von dem Pfade dicht am Ufer des Meeres aus
                    hetrachtet, dem einsamen Wanderer wie eine Wüste erscheint, „der Kornboden
                    Rügens“, dessen Waizen berühmt ist.</p>
                <p>Und der Leuchtthurm, du siehst ihn von weit her, siehst ihn von der dänischen
                    Küste drüben, siehst ihn vom fernen Süden der Insel Rügen, wie von Hiddensee
                    aus. Und wie er dem Schiffer <pb n="70"/>als Wegweiser dient auf der pfadlosen
                    Fläche, so winkt er dem Wanderer zu und ladet ihn ein in seiner Nähe zu weilen
                    und sich erzählen zu lassen von Arcona, der alten Heidenveste, die bis gegen
                    Ende des 12. Jahrhunderts eine so bedeutende Rolle gespielt in der Geschichte,
                    deren Einnahme so oft vergebens versucht worden in den blutigen Kämpfen der
                    wendischen Rügianer gegen die sie bekriegenden Danen, bis es endlich der
                    eisernen Willenskraft König Wal demar's J. und seines ebenso ausdauernden
                    Feldherrn,Bischof Absalon von Roes kilde, gelang, diese tapfere Veste zu
                    bezwingen (1168). Die feindlichen Anstrengungen begünstigte eine in der Veste
                    ausgebrochene Feuersbrunst.</p>
                <p>Und der Burgwall, dessen Reste unweit des Leuchtthurms noch sichtbar! such' ihn
                    auf, diesen alten Wall, bevor noch das hier zerstörende, dort aufbauende Meer,
                    bevor Regenguß und Erdsturz seine Spuren gänzlich vertilgt, Spuren, die diesem
                    Wühlen der Elemente Jahrhunderte schon trotzen, wie einst die Veste dem Anprall
                    der feindlichen Menschengewalt fortdauernden Trotz bot.</p>
                <p>Dieser Wall trug mit der Veste Arcona auch den berühmten Tempel des Swantewit
                    (heiliger Streiter), des weithin gefürchteten Gottes der Wenden, des
                    Lichtgottes, von dem alle Seelen ausglengen und zu deu sie durch stufenweises
                    Aufsteigen wieder zurückkehrten. Sein Tempel, inmitten der Veste, war, wie das
                    Bild des Gottes selbst, aus Holz gebaut. Er ruhte auf vier Säulen und hatte sein
                    Allerheiligstes, das eine Vorhalle umgab. Diesen geweihten Raum betrat allein
                    der Hohepriester. Dort stand die riesige Bildsäule des Gottes mit Schwert,
                    Sattel und HZaum:auf vier Halsen saßen vier Köpfe; vier Gesichter blickten nach
                    vier verschiedenen Richtungen hin, die Allgegeuwart und Allwissenheit des Gottes
                    bezeichnend. In der Rechten hielt er ein großes, metallnes Horn; die Linke war
                    gekrümmt gegen die Hüfte gestemmt.Auf einem hohen Thurme neben dem Tempel
                    flatterte die Stanniza,das Banner des Gottes, das bei Kriegszügen dem Heere
                    vorangetragen wurde. Bei wichtigen Entscheidungen diente das dem Gott geweihte
                    heilige weiße Roß als Orakel: vom Hohenpriester ge<pb n="71"/>führt, war, je
                    nachdem es den rechten oder den linken Fuß zuerst vorsetzte, die Bedeutung Glück
                    oder Unglück. Den Glanzpunkt aber des Swantewitcultus bildete das alljährliche
                    Erntefest. Aus weiter Ferne strömte die Menge herbei, um dem Gotte zu
                    huldigen;selbst benachbarte Christenfürsten suchten durch Opfer die Gunst des
                    gefürchteten Heidengottes zu erkaufen.</p>
                <p>Und Gott und Tempel wurden ein Raub der Flammen, als Arcona in der Feinde Hand
                    fiel. Und wie die Rügianer ihren Gott brennen sah'n, von dem sie so
                    zuversichtlich erwartet, daß er fie retten würde, da wankte ihr Glaube und mit
                    ihm ihr Muth;ihre Macht war gebrochen: ohne Widerstand fiel auch die alte und
                    mit ihr zugleich giengen auch die übrigen Götzenbilder zu Grunde. Und die
                    Bewohner von Rügen wurden endlich Christen.</p>
                <p>Sinnend stehst Du da auf den Trümmern des Burgwalls von Arcona, o Wanderer,
                    sinnend zurück nach alter Zeit und hinaus nach kommenden Tagen. Und vom Thurm
                    her schlägt die Uhr, dumpf und tief: die Stimme der scheidenden Minuten,die dem
                    Einen das Leben, dem Andern den Tod bringen in unaufhaltsamem Lauf.</p>
                <p>Auch für uns trieb die Zeit dahin, „unaufhaltsam, unablässig“,und brachte zu den
                    andern Stunden auch meine Scheidestunde.Wohl bot Rügen des Sehenswerthen noch
                    Manches, von Arcona an bis hinab nach Putbus und hinüber nach Mönchguth, der
                    Halbinsel, wo die Sitten so eigen, die Trachten so fremdartig und das Wesen der
                    Einwohner so ernst ach, stets der Willkühr des Elementes ausgesetzt, das sie zu
                    bewältigen haben, Fischer und Lootsen, und abgeschlossen von der übrigen Welt,
                    wie sollte der Sinun da nicht ernst, das Wesen nicht eigenthümlich werden? wohl
                    winkte von seinem Tempelberge“ herab nach Saßnitz hinuber das Ja gdschloß (des
                    Fürsten von Putbus), dieser herrliche Bau mit Thürmen und Wartthum, umgeben von
                    den dunkeln Waäldern der Granitz, mit seiner weitberühmten Fernsicht, seinen
                    kunstvollen Gärten, seinem Wildpark mit allꝰ den zierlichen Ruhe<pb/> 72
                    plätzen, von denen ein Jeder die Landschaft in schönem Bilde vor dem Beschauer,
                    bis in die blauesten Fernen ausgebreitet zeigt, Land und Meer, den ganzen,
                    weiten Plan; wohl lud es ein, zu gemeinsamen Ausflügen, zu Wasser, zu Wagen und
                    zu Fuße. Aber mich trieb es nach bekannteren, mir lieb gewordenen Räumen
                    zurück:alle Jagdschlösser und Schlösser, alle Häuser überhaupt, sind eben nur
                    kalte Steinmassen für den Fremden, die fremd ihn anstarren,wenn er, an ihnen
                    emporblickend, sich vereinsamt fühlt in der weiten Welt. Denn nicht die Räume,
                    aber die Menschen machen das Haus, ob hoch, ob niedrig, duns zur Heimath.</p>
                <p>Wehmüthig nahm ich freilich den Abschiedsstrauß in Empfang,den liebe Hand mir so
                    sinnig gewunden, den Strauß von weißen Rosen, dem dunkeln Laube des Coleus und
                    den silbergrauen Blättern der Centaurea, wie sie in letzter Stunde mir ihn bot,
                    die schöne nordische Frau.</p>
                <p>Allein fuhr ich nun von Saßnitz aus den weiten Weg nach Putbus hinüber. Es war an
                    einem Herbstnachmittage, wo der Sommer noch einmal versuchte, sein Recht geltend
                    zu machen:schwarze Gewitterwolken standen am Himmel, und ferner Donner rollte
                    dumpf und hohl zu dem Rollen des Wagens; im Westen am Horizonte theilten die
                    Blitze, als glühende Schlangen, die Wolken, indeß die Sonne noch mit hellem
                    Schein die nächste Umgebung beleuchtete: die Häuser von. Crampas, die Lankener
                    Waldungen und weiter hin, bei Mucran, dem einsamen Dorfe,die Hünengräber. Jetzt
                    aber zieht eine Wolke an der Sonne vorüber; ein dunkler Schatten fällt über die
                    Grabstätten ein Flor über die Begrabenen.</p>
                <p>Wie öd und traurig wird nun die Landschaft hier drüben!Immer näher dem Meere zu
                    führt die Straße an den Häuseru von NeuMucran vorbei: das kleine Fischerdorf
                    liegt schier hart an der See. Seine wenigen, unscheinbaren Dächer lassen es kaum
                    den Namen eines Dorfes beanspruchen. Und nun weilt der Blick lange, lange auf
                    der See, denn die Straße führt meilenweit der Küste entlang; ihr Branden mischt
                    seinen dumpfen Ton mit dem <pb n="73"/>des fernen Donners. Noch glänzen, vom
                    Sonnenscheine bestrahlt,die grünen Gestade der Granitz, der waldbewachsenen
                    Küste, und der Thurm des Jagdschlosses und die Inseln und Halbinseln bis weit in
                    unabsahbare Ferne. Aber die Wogen der See sind tiefblau, ja schwarz oft, als
                    drohte das grause Element mit nahem Verderben, und der weiße Schaum, der sie
                    umrandet, mildert nicht ihr ernstes Aussehn. Was soll ich noch lange reden von
                    dem drohenden Antlitz des Meeres, von den drohenden Gewitterwolken,von Feld und
                    Acker, die einförmig längs der Küste meilenweit sich hinziehn? Es war eine
                    ernste, freudlose Fahrt.</p>
                <p>Jetzt führt der Weg wieder in den Wald, und jetzt lenkt er ein in die schmale
                    Haide, diese Landzunge, welche die Halbinsel Jasmund mit Rügen verbindet, und,
                    ein schmaler, weißer Gürtel,zwischen dem Prorer Wiek und dem kleinen Jasmunder
                    Bodden sich hinzieht; niederes Strauchwerk, Ginster und Strandhafer entwachsen
                    dem sandigen Grunde.</p>
                <p>Das Gewitter hatte sich indeß verzogen; goldumsäumte Wolken trieben vom Westen
                    her nach dem tiefblauen, dunkelnden Osten hinüber und spiegelten auf ihrer
                    luftigen Fahrt die geisterhaften Formen in den Wassern der kleinen Bucht, die,
                    ein regungsloser See, zur Rechten sich dehnte, indeß zur Linken Well um Well der
                    großen Wasserfläche brandend an's Ufer schlug.</p>
                <p>Aber die schmale Haide läuft aus in die weiten Forste von Putbus, die stundenlang
                    sich erstrecken, bald als stolzer Hochwald,bald als niederes Gestrüppe.
                    Unerschrocken grasen hier zwei Rehe am Wegesrand, indeß ein Rudel dort mit
                    flinkem Sprunge über die Koppeln setzt und aus den Büschen ein Schwarm wilder
                    Enten auffliegt;der heisere Ruf des Zugführers dringt zu mir herab aus den
                    Lüften.</p>
                <p>Immer dunkler wurde es auf den Fluren, immer undeutlicher erschienen die
                    Gegenstände, die sie belebten oder schmückten.Eines aber war deutlich und klar:
                    die Straße führte jetzt durch lange Baumalleen, und wenn der Mond durch die
                    Zweige drang,konnte man das zierliche Laubwerk und die schönen Formen der Aeste
                    betrachten. Jetzt aber glänzten die Lichter von Putbus in <pb n="74"/>der Ferne,
                    glänzten auch bald näher und näher, und endlich hielt der Wagen vor dem Hause,
                    das, Dank der freundlichen Worte,die mich dort einführten, mich auf's
                    freundlichste aufnahm.</p>
                <p>Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über Putbus bei meinem Erwachen; ein Morgen
                    stieg empor über der Meerfluth, ganz geeignet, der kleinen Fürstenstadt als
                    Leuchte zu dienen, um ihren Glanz und Schimmer zu enthüllen. Es war alles
                    harmonisch,alles stimmte und paßte, und man wußte nicht, war es der helle
                    Morgenschein, der die Stadt so verklärte, oder war es die glänzende Stadt, die
                    dem Morgen diesen Glanz lieh. Putbus ist schön, ist zierlich. Es ist die
                    Residenz des Fürstenthums Putbus,das seine Besitzthümer auf Rügen weit ausdehnt.
                    Schloß und Park stammen aus alter Zeit her; die Geschichte des Fürstenhauses
                    reicht hinauf bis in's 13. Jahrhundert. Die Stadt aber trat erst im Jahre 1810
                    in's Leben. Sie verdankt ihr Entstehn dem Fürften Malte zu Putbus, der die
                    ersten Häuser für Colonisten erbauen und acht Jahre später auch das Bad daselbst
                    errichten ließ. Die kleine Stadt zählt kaum 2000 Einwohner,zeichnet sich aber
                    durch besondere Zierlichkeit aus: die Häuser sind hoch und breit, in gewähltem
                    Style erbaut, nach Vorschrift alle weiß ausgeputzt; es zieren sie Terrassen und
                    Gärten. Die wenigen breiten Straßen führen alle nach dem großen fürstlichen
                    Parke hinaus, der, ein Schmuck der Stadt und Landschaft, seine dunkeln Kastanien
                    und Lindenalleen weithin erstreckt. Ein reges Leben herrscht zur Sommerszeit in
                    der kleinen Stadt: Putbus ist ein vielbesuchter Badeort und eben so sehr besucht
                    von Reisenden aller Weltgegenden, die von da ausziehn,, die schönsten Punkte der
                    Insel Rügen aufzusuchen.</p>
                <p>Nicht will ich sie alle näher beschreiben, all' die Sehenswürdigkeiten von
                    Putbus; der Besucher wird sie leicht auffinden:das neuerbaute Schloß, das über
                    den Trümmern des im Jahre 1865 niedergebrannten alten Schlosses seinen stolzen
                    Bau erhebt,sein Marstall, seine Orangerie, sein Park mit den langen, schattigen
                    Laubgängen, der Küchengarten mit den Springbrunnen und <pb n="79"/>der Terrasse,
                    deren Fernsicht auf das Meer so wundervoll, der Wildpark und die Fasanerie; dann
                    der Circus mit seinem schönen,runden Platze, den der Obelisk ziert; das
                    Pädagogium, dieser weite, stattliche Bau, das Schauspielhaus, und all' die
                    großen und kleineren Gasthäuser, und wie sie alle heißen die Häuser und Plätze,
                    deren Gesammteindruck Putbus wirklich als zierliche kleine Stadt erscheinen läßt
                    leicht findet der Besucher sie auf. Und hat er sie sattsam beschaut, die Stadt,
                    und ist er lange genug herumgewandelt in den breiten Straßen, den schattigen
                    Gängen, den duftenden Gärten und auf den großen Plätzen, dann wandle oder fahre
                    er, ihr ein letztes Lebewohl zuzuwinken, auf der zierlichen Straße nach
                    Lauterbach, dem Landungsplatze von Putbus,hinab, der eine halbe Stunde von der
                    Stadt entfernt liegt.</p>
                <p>Schon wimmelt es dort unten von Menschen aller Art:Reisende, die des Dampfers
                    harren, der sie hinab tragen soll nach Greifswald, das auf diesem Wege in 3
                    Stunden zu erreichen;Kurgäste, die den linkshin von der Landungsbrücke liegenden
                    Badehäusern zuwandern; Wagen und Pferde, Nachen und Kähne,Kutscher und Schiffer,
                    ein bewegtes Leben am Strande, das Lauterbach als vielbesuchten Landungsplatz
                    bezeichnet. Und zu dem Laufen und Rennen, dem Rasseln der Wagen, dem Klirren der
                    Ketten der Bote, zu dem Rufen der Männer und dem Plaudern der Frauen noch das
                    Tosen des Meeres; denn ziemlich bewegt wogt heute die See.</p>
                <p>Und der Dampfer nimmt sie jetzt alle auf, die Passagiere,die von der großen
                    Landungsbrücke aus seinem Verdecke zueilen,die einen hastig, die andern voll
                    Ruhe, je nach ihrem Wesen. Und Gepäcke und Waaren und Alles, was mit soll, wird
                    hinüber geschafft ein reges Treiben am Strande. Ein Augenblick noch,und es
                    pustet der Dampf,“es dreh'n sich die Räder und theilen mit starken Armen die
                    Fluth, die weißschäumend aufspritzt an die Flanken des Schiffs.</p>
                <p>Schön erscheint Putbus dem Wanderer, wenn er an seinen glänzenden Häusern
                    vorbeizieht; schön aber auch vom Kiele des <pb n="70"/>Schiffes aus betrachtet,
                    wenn von grüner, stolzer Anhöhe herab die den, wenn hinter dem Städtchen der
                    Wald grünt und vor ihm die See blaut, wenn links am Strande seine Badehäuser den
                    zierlichen Bau im Wasser spiegeln, rechts jetzt Sand und Dünen,jetzt Feld und
                    Acker, und Höhen und Ebenen, und Kirchen und Schlösser, das ganze weite
                    Rügen'sche Land, in wechselnden Bildern an dem Beschauer vorüberzieht, bis
                    Putbus, die lachende Stadt auf der Höhe, und hoch oben im Norden die ernste
                    Kreideküste je mehr und mehr in den Fluthen verschwimmen, indeß das grüne Vilm,
                    die Insel mit dem Urwald, und das blaue Mönschguth noch vor ihm sich dehnen, bis
                    zuletzt auch sie entschwinden,und nur noch die unendliche See, vom Winde bewegt,
                    jetzt immer höher und höher treibt, der Blick aber, durch nichts mehr
                    gegefesselt, allein an ihrem Bilde noch haftet. Und welch' ein Bild!</p>
                <p>Erst wenn das Land ganz entschwunden, erst wenn nach allen Seiten hin mnur Wasser
                    und Himmel, oben das unendliche Luftmeer, unten die endlose Wassertiefe, erst
                    dann zeigt das Meer jene Farbe, die so oft gemalt, so kviel besungen und
                    beschrieben, und doch nie wiedergegeben wird, ganz wie sie ist jenes dichte und
                    wieder so lichte Grün, das von seinem glänzendsten Hell bis in's dunkelste Grau,
                    ja, bis in's Schwarze übergeht, womit die weiß beschäumten Wogen gefärbt sind,
                    die jetzt, eine über die andere sich thürmend, als brausende Fluth daher rollen,
                    um da, wo Widerstand ihnen entgegentritt, zu zerschellen. Ich stand an der
                    Spitze des Schiffes und blickte hinaus und hinab auf diese rollenden Hügel; der
                    Wind blies scharf und jagte den einen über den andern hinaus, ein prächtiges
                    Jagen und ein so gewaltiges Sausen, daß man nur mit Müůhe sich festhielt am
                    schützenden Holze. Da zerschellt am Kiel eine Welle;ihr weißer Gischt schlägt,
                    ein Regenguß, auf's Verdeck und benetzt,was darauf ist. Ich nahm ihn heiter
                    entgegen, diesen nassen Gruß des nassen Elementes, und gedachte freudig erregt
                    im Hinblick auf die wogende See, beistimmend der Worte Dessen, der,<pb/> 77
                    seinen Reiseplan mir überreichend, gesagt hatte: „Behalten Sie diese Fahrt auf
                    der See für zuletzt. Das Ende muß immer das Ganze krönen, und ich glaube, Sie
                    können kein schöneres Ende wählen als diese Meerfahrt.“</p>
                <p>Er hatte Recht: sie war das Letzte, aber auch das Schönste dieser Tage; doch, wie
                    alles Schönste,“ von kurzer Dauer nur.Rasch flog die Zeit dahin! Schon stiegen
                    die fernen Umrisse einer Küste aus den Wassern; schon zeichneten sich grüne und
                    weiße Streifen auf ihrem Grunde, Wald und Dünen, und aus dem blauen Duft glänzte
                    golden die Spitze eines Kirchthurms und jetzt noch eines: Greif swald ist's, das
                    dort unten im Süden aus den Fluthen empor taucht; seine Kirchen glänzen im
                    Mittagssonnengold. Noch eine kurze Weile durchschneidet der Kiel die mählig auch
                    farblos. Jetzt nähert das Schiff sich dem Hafen von Greifswald, dem Dorfe Wieck;
                    der alte Wartthurm und die Spitzen der Windmühlen ragen über den rothen Dächern
                    der Häuser empor. Dort drüben aber am andern Ufer des RysckFlussses, der bei
                    Wieck in die See sich ergießt, steht ernst und grau die Ruine im Sonnenschein,
                    die Ruine von El dena, dem einstigen Kloster, wo jetzt die. landwirthschaftliche
                    Hochschule zu Greifswald. Im Jahre 1207 gegründet, war Eldena ein
                    reiches,mächtiges Kloster, dessen Abt Greifswald erst im Jahre 1233 errichten
                    ließ, als Marktplatz für die Erzeugnisse der weiten Besitzungen des Klosters.
                    Die Stadt, nachdem sie sich von der klösterlichen Herrschaft frei gemacht (1250)
                    blühte empor als bedeutende Hanssestadt. Ihre Kirchen wurden gegen Ende des 13.
                    Jahrhunderts erbaut; ihre Universität 1456 gegründet.</p>
                <p>Jetzt fährt das Schiff aber ein in den Hafen, und, den RyckFluß hinab, auf den
                    stillen, tiefen Wassergraben nach der eine Stunde vom Meere entfernten Stadt
                    Greifswald. Und wiederum eine kurze Weile, und der Fuß betritt Pommer'sche
                    Erde.</p>
                <p>Dort, in Greifswald, tritt denn auch wieder Carlsburger Freundlichkeit mir in
                    wohlbekannten Zugen entgegen: Doctor W.<pb n="78"/>nimmt mich daselbst in
                    Empfang. Eine Stunde Eisenbahnfahrt noch, eine halbe in dem auf uns haxrenden
                    Wagen, und Carlsburgs schützendes Dach wölbt sich über dem Wanderer, der, reich
                    an vielfachen Eindrücken und schönen Erinnerungen, zurückkehrt,vergnügt die
                    Herzlichkeit erwiedernd, mit der er allseits begrüßt wird.</p>
                <p>Da gab es viel zu erzählen, viel zu fragen und zu beantworten, Vieles zu
                    schildern. Und wenn es dem Wanderer nicht gelingt, die Schönheit von
                    Stubbenkammer würdig zu zeichnen,so weist er auf ein Blatt hin im Schlosse
                    Carlsburg. Dort ist sie gezeichnet, die Küste ohne Farbenschmuck; schwarz auf
                    weißem Grunde bloß. Aber was dem Beschauer entgegen weht von dem Bilde, von den
                    kahlen Riffen, den dunkeln Buchen, der unendlichen Meerfluth, über die die Möve
                    kreist: es ist der Geist der Landschaft, der große, ernste Geist, wie er den
                    Wanderer ergreift an jener Stätte; wie er auch Die ergriffen haben mag, die dies
                    Bild entwarf, die reichbegabte, künstlerische Frau. Sollte ihm jedoch gelungen
                    sein, Manches richtig zu erzählen und genaun zu berichten, so dankt er es
                    zumächst seinem hochverehrten Lehrer in Carlsburg, der in ffreundlicher Vorsorge
                    ihm aus dem Gebiete des Thatsächlichen und Oertlichen Das an die Hand gab,
                    wessen er bedurfte, um seiner Erinnerung nachzuhelfen. Das Gemüth nimmt die
                    Eindrücke auf, je nach seiner Beschaffenheit, und strahlt,dem Spiegel gleich,
                    ohne Weiteres sie zurück, wie es sie empfangen; das Gedächtniß aber bedarf oft
                    der Nachhülfe, soll dem vom Bemüthe Aufgenommenen der richtige Ausdruck
                    verliehen werden.</p>
                <p>Es sei mir gestattet, hier am Schlusse meiner Reisebilder diese Nachhülfe Ihm zu
                    verdanken, der sie mir in so wohlwollender Weise angedeihen ließ!</p>
                <p>2 </p>
                <p>
                    <pb/>Anszug aus Carlsburger Kriefen.</p>
                <p>November 1872...... „Welche Schreckenstage sind seither hereingebrochen über
                    unser ruhiges, einförmig-glückliches Land! Ach, Graus und Braus tobten, und
                    unsere See Sie lernten nur ihre bewegte Ruhe kennen schleuderte in ihrer
                    Schreckensgestalt Berge von Wasser über sonst so friedliche Fluren und
                    vernichtete das, woran sie selbst unter menschlicher Hülfe Jahrhunderte gebaut.
                    Welche Gefühle würden Sie wohl bewegt haben, wenn Sie am Morgen des 13. auf dem
                    Kulm bei Heringsdorf gestanden und, von Schaum und Gischt bespritzt, ein Stück
                    Ufer nach dem sandern einstürzen und vom wüthenden Elemente hätten verschlingen
                    seh'n!Wie anders das Bild, die Scene als damals: der prachtvolle Park ist
                    größtentheils verwüstet, die Bäume dahingestreckt am Boden, gleich überwundenen,
                    leblosen Riesen; das Ufer zerrissen;zerklüftet die Stätte, wo der schöne Sand,
                    der einstz Ihre Freude war; die harmlosen Fischerdörfer theilweise verschwunden
                    und ach,statt friedlicher Bewohner, händeringende Bettler, Jammergestalten,nackt
                    und blos, die noch wenige Stunden zuvor glückliche Menschen waren; statt ihrer
                    sie ernährenden Werkzeuge, ihrer Bote und Netze, der leere, schaurige Strand, an
                    den das Meer noch immer <pb n="30"/>Trümmer spült, als Zeugen, daß auch in
                    weiterer Ferne das tückische Element seine Lust am Zerstören übte. Und wo noch
                    ein Haus steht, ist eingesunken das Dach, und die Stätte, wo die Bewohner ihr
                    bescheidenes Leben fristeten, ein Trümmerhaufen, wirr durcheinander geworfen und
                    von Meergras bedeckt; statt der Brunnen, verschlammte,sandgefüllte Lachen; und
                    endlich statt der Lieben, die mit ihnen die friedliche Wohnung theilten, blafse,
                    am Strande zerschellte Leichen!Und vor den traurigen Blicken das weite, tobende
                    Meer, und vor den bangenden Seelen der grausige, lange Winter! Zu beschreiben
                    ist das Elend nicht, namentlich nicht auf den Inseln Darß und Zingst mit 4500
                    Bewohnern, deren Land etwa 6 bis 8 Fuß über dem mittleren Seestande, jetzt bis
                    20 Fuß hoch theilweise überfluthet und der Wuth der See, welche die 20 Fuß hohen
                    Dünen durchbrochen, unmittelbar ausgesetzt war. Nichts, gar nichts ist gerettet,
                    als der Ueberbliebenen nacktes Leben! Glücklich Alle, die den Tod fanden! Sie
                    können sich keinen Begriff machen von den Zerstörungen! Güter, die fast eine
                    Meile von der See entfernt liegen, sind von ihr erreicht worden. Große
                    Seeschiffe stehen auf den Höfen und Aeckern; ja, bei Lißnowitz steht eine mit
                    Waizen beladene Barke (ein dreimastiges Schiff von circa 200 Lasten) mitten im
                    Walde! Zu Rambin, nahe der Alten Fähre auf Rügen ist ein Schiff quer über die
                    Landstraße gesegelt und auf einem Bauernhofe zu Anker gegangen! Zu Ladebon (ein
                    Gut bei Greifswalde) sind sämmtliche Schafe, 1050 Stück,und alles Rindvieh
                    ertrunken, ebenso zu Mehlkenhagen, s/. Meile von der See, sämmtliches Vieh, die
                    Gebäude fortgespült, weit und breit die Ernte verwüstet, die Saaten mit Seesand
                    übertrieben,die Aecker auf lange Zeit unfruchtbar gemacht! Bei Greifswald ist
                    der von Stralsund kommende Zug versunken und vom Wasser, sammt dem Bahndamme,
                    fortgerissen worden. Unter höchster Lebensgefahr gelang es da der Hingebung
                    dreier opferwilliger Menschen die 32 unglücklichen Passagiere aus den Wassern zu
                    retten. Und bei Swinemündel Ach, drei Mal durchbrochen ist dort die Moole,
                    dieser gewaltige Damm, dessen Felsen<pb n="81"/>festigkeit Sie so sehr
                    bewundert; die vordere Spitze ist vollständig zerstört! Der Lootsenthurm
                    verschwunden; der Leuchtthurm steht noch da; er hat der Wuth der Elemente
                    getrotzt. In Swinemünde hat das Wasser bis 10 Fuß in einigen Straßen gestanden
                    und die Communication per Boot war unmittelbar auf die zweiten Stockwerke der
                    Häuser angewiesen. Bei Usedom ist die Chaussee durchbrochen und die Insel bei
                    Wohlzow ist jetzt in zwei Theile getheilt.</p>
                <p>Doch ich will inhalten mit Klagen, würden ja ganze Bogen nicht hinreichen, all'
                    das Elend zu schildern, und Zeitungen und sonstige Berichte werden Ihnen besser
                    wie ich bereits davon Kunde gegeben haben. Nach Millionen zählt der Verlust von
                    Hab und Gut, nicht zu reden von all' Dem, was nicht nach Zahlen berechnet werden
                    kann.“ ......</p>
                <p>November 1872..... „„Also brachten Ihre Schweizerblätter Ihnen schon die Kunde
                    von dem furchtbaren Orkan, der auf der Ostsee wüthete,der ihren Wasserstand um
                    20 Fuß erhöhte, und Swinemünde derart unter Wasser setzte, daß, hätte dieser
                    Stand noch fünf Stunden gedauert, unsere liebe Seestadt vielleicht versunken
                    wäre wie einst Vineta. Die Molen wurden durchbrochen;mit den größten Steinen
                    spielten die Wellen. Der Lootsenthurm ist weggerissen. Die Schiffe im Hafen
                    giengen unter; keine menschDV mannschaft 1000 Thaler geboten wurden. Was vermag
                    Menschenwerk und Kraft gegen der Elemente Wuth!„Wehe, wenn sie
                    losgelassen,Wächsend ohne Widerstand!“Der blühende Küstenstrich ist unfruchtbar
                    geworden auf Jahre hinaus; die Aecker und Saaten sind mit Seeschlamm und Sand 6
                    <pb/> 82 überzogen, die Brunnen mit Salzwasser gefüllt. Und wie furchtbar haben
                    erst die einzelnen Ortschaften und Städte Stralsund, Greifswald, Anklam gelitten
                    und die Inseln Darß und Zingst!</p>
                <p>„Auch wir waren Tagelang ohne jede Verbindung: bei Greifswald lag der
                    Stralsunderzug in Flusse Ryck, und nur nach und nach drangen die
                    Unglücksbotschaften zu uns herüber. Selbst hier in dem friedlichen Carlsburg
                    tobte der Sturm fürchterlich, und konnte in jener Nacht kein Mensch die Augen
                    schließen;es war anzuhören wie ferner Donner, mit Heulen und Brausen verbunden.
                    Von den uralten Bäumen des Hofes und des Parks sind viele entwurzelt. Im Forst
                    liegen sie zu Hunderten, die schlanken Kiefern des Nordens, theils entwurzelt,
                    theils geknickt, liegen sie da auf der Erde; ihre Häupter ineinander
                    verschlungen, als suchten sie im letzten Kampfe noch Schutz sich zu verleihen,
                    nach nordischer Weise noch fester zusammen haltend zur Zeit der Gefahr, und treu
                    bis in den Tod.</p>
                <p>„Wir freuen uns, daß Sie einen milden, friedlichen Eindruck mitgenommen aus
                    unserm Norden; aber mitempfinden werden Sie unser Leid um die unglücklichen
                    Brüder. Gott schütze Ihr Heimathland, die schöne Schweiz!““ ...... <pb/>
                </p>
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