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        <title>Denksteine und Wegweiser: ELTeC Ausgabe</title>
        <author ref="viaf:34816990 wikidata:Q55133094">Dössekel, Eduard (1810-1890)</author>
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        <p><date>2021-12-14</date></p>
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            <name>UB Basel</name>
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            <resp>Scan</resp>
            <name>UB Basel</name>
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          <title>Denksteine und Wegweiser</title>
          <author>Dössekel, Eduard</author>
          <publisher>Kommissions-Verlag von J.J. Christen</publisher>
          <pubPlace>Aarau</pubPlace>
          <date>1875</date>
          <!-- this title has been retrodigitised as part of the project “High Mountains Low Arousal? Distant Reading Topographies of Sentiment in German Swiss Novels in the early 20th Century”  -->
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      <p>The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the 1875
        edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan from UB Basel,
        which is based on the 1875 edition.</p>
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        <p>#31, GAD Katalog <pb/> Voywork a </p>
        <p>„ So weit ih zurüddenkfe, waren mir Bücher bie beiten Freunde, jie waren mir Trojt im
          Un:glü und SGejelljchaft in der Cinfamfkeit, erfebten mir in der Dürftigkeit den
          Reichthum, in der Verbannung das Vaterland, bewahrten mir in:mitten politijdher Stürme die
          Heiterfeit des Ge:müths, Weder Vermögen, noch Macht, noch Rang mürde id taufcdhen für den
          Genuß, den mir meine Bücher dadır$ gewähren, daß fie mir den Uınz gang jidhern mit den
          qrößten Genien entjhwunz dener Jahrhunderte, mir leuchten auf der Bahn zum Wahren und
          Schönen und mir daz Vorrecht geben, zu verkehren mit dem Fernen und Unficht-baren, mit dem
          Vergangenen und Zufünftigen.“</p>
        <p>Dieje Worte des englijchen Seldhichtjhreiber8 Macauleny habe ih vor vielen Xahren in
          meine <pb/>Auszüge eingetragen, weil fie eine Anerkennung au8jprehen, die au th von je
          tief empfunden habe. "8 freut un8 doppelt, wenn ein berühmter Mann, mit dem mir uns in
          feiner Weije ver:gleichen dürfen, einen Gedanken ausfpricht, Der fi in unfjerm eignen
          Innern ebenfallzZ erzeugt hat, denn diejer AuzZfjpruch erhält dadurch Die Weihe der
          Autorität. Die Annahme wird wohl auch Feine verfehlte fein, daß Der angeführten Stelle
          noch Viele auZ eigener Erfahrung von Her:zen beiftimmen.</p>
        <p>Diefen finnvermandten Bücherfreunden biete id meinen Gruß indem ich Ihnen eine
          Blüthenlefe meiner vieljährigen Lectüre darbringe.</p>
        <p>Eine vormiegend contemplative Natur, genährt von einer Kugend, in der mich Keinerlei
          Sunft anläcelte, gequält von einem Sehnen und Ringen,das ih mit den äußern Verhältniffen
          nie in Ein AMang zu bringen vermochte, führte mid zu jenen Freunden, deren Zuverläffigfeit
          unvergänglich if.XS ergab mich der Lectüre, ohne Midhtung auf SelehHrtheit; e&amp; war mir
          darum zu hun, das mir von der Natur BVerliehene auszuweiten, meinen VBerftand aufzuklären,
          meine Urtheilsfraft zu Iben,meine Empfindungen und Gefühle zu reinigen, den <pb/>Bulsihlag
          meines Herzenz warm zu Halten und den Dlik nah dem Höhern nie verdunkeln zu fajfen. Traf
          ich bei meiner jeweiligen Lectüre auf Stellen, bie einen befondern Eindruck auf mid
          machten, fo jtridh ih diejelben an, trug fie in mein Heft ein und fo entftand im Lauf der
          Yahre all-mülig eine größere Sammlung, ganz ohne äußern Bed, ledigliH nur mir felbit
          Denkiteine des in:nern Lebens zu feben. Die ausgezogenen Stellen jiteben alle meijt in
          Beziehung zu meinen perjön-(figen Zujtänden. Bald fand ich einen Gedanken in Klarheit
          ausgefprocdhen, der in meinem Kopfe wohl werdeluftig vorhanden, aber noch nicht
          heran-gereift mar, bald {Höpfte ich in gedrücter Stim:mung Troft und Aufrihtung, und
          SiegeSgefühl,bald trat eine Stelle mit gehobenem Hinger war-nend vor mich, und wieder fanı
          gerade zur rechten Stunde ein Bud mir in die Hand, mir an irgend einem Scheidberveg den
          richtigen Weg zu weijen ber freilid nicht immer eingejöÖlagen wurde. So hat fidj bet mir
          ein ganz eigenthümlidher Glaube gebildet, daß eine liebende, marnende, Itrafende
          VBorfehung audy in der Zuführung der Bücher walte; mir fam e8 zuweilen vor, als fönnte id
          die aus den Wolfen Hängende Schrift mit Teiblichen <pb/>Mugen lejen, als JHölle der Ruf
          der Borfehung vernehmlih an mein irdijhes Dhr. So hat diefe Sammlung allerdingS das
          nächite Interejfe nur für den Herausgeber, aber e8 darf angenom-men werden, e&amp; werde
          eine Berlenfhnur fhöner Stellen von bevorzugten Geijtern aud Andern willfommen fein.</p>
        <p>Man kann freilig und nicht ohne Grund gegen folde Sammlungen einwenden, daß fie nur Zerz
          ftückeltes geben, doch dürften. fie au einen Vor:zug Haben, Man Ht nicht immer hei Zeit
          und Stimmung, ein ganzes Buch zu lefen und den geiftigen Erirag Daraus einzuheimfen; Doch
          einen guten Auzfjpruch voll innerer Wahrheit und Schön:heit begrüßt man jeder Zeit. Sin
          folder Uu8-fpruch Kann feinen Segen auf den ganzen Zag,auf die ganze Woche eines Menjchen
          legen, ja zuweilen für da3 ganze Leben von durchflagender Wirkung fein. S3 fet hier alS
          Beleg eine Stelle aus S. H. Lewes, dem. berühmten enalijchen Bio-graphen Goethes
          angeführt: „Sin Studium kann fehr unjyftematijh und doch fehr fruchtbringend fein, eine
          einzige Wendung kann befruchten, wenn fie auf den rechten Boden fällt, Gemwiz Hat jeder e8
          an fih felber erlebt, daß ein Gedanke, der ihm <pb/>vereinzelt ganz zufällig aufgeftoßen,
          den dauerndften Sinffuß auf feinen Geiit gelbt Hat, Für mich perfönlich ijt die zufällige
          Anführung eines Satzes aus Spinoza ein Ereigniß gewefjen und bis auf den heutigen Tag
          erinnere ih) mich der Stelle, wo ih Hn a8 und der förmlihen Revolution, die er in meinen
          Gedanken heroorbrachte.“ € genüge diefes Citat, der Herausgabe diefer Sammlung das Wort zu
          reden. IH Habe mich. gefragt, ob nicht eine Dislokation der nach und nach entitanz denen
          Eintragungen vorzunehmen und diefelbe in gewiffe Kathegorien, 3. B. Religiöles,
          Cthijhes,Üithetijches, VPäbagogijches u. |. mw. einzutheilen jet;aber ih bin davon
          abgegangen, weil id davon feinen befondern Gewinn für den Lefer erjehen fonnte, und ih von
          der Reihenfolge der Eintra-gungen nicht abgehen mochte,</p>
        <p>@&amp;8 hat übrigen3 diefe Herausgabe zunächft zum 3wed, den bekannten Freunden eine Gabe
          des Dankes für treue Anhänglichteit darzureidhen, den unbekannten Freunden aber ein Signal
          des Das jeinS zu entfenden. Den unbekannten Freunden ?Wer find die? SE begegnet nicht
          felten Menfchen,weldhe ihre Fühler fuchend und tajtend nach Jfinnz vermandten NMaturen
          ausrecden, daß fie in einer <pb/>Ungebung eben müffen, die dem nicht entjpricht,welfen ihr
          bedürftige Gemüth verlangt, daß fie,was daz innere Leben betrifft, Diefer Umgebung jo zu
          fagen fremd bleiben, mährend in der großen Weite. der Welt Biele Iebhen, die auf gleiche
          Weile da3 Kdeal ihres Herzenz juchen, ES genügte eine Stunde Zufammentreffen8, um, ohne
          zurücgelegte gemeinjame Vergangenheit, ohne Proben und Brüfungen, mit ihnen einen
          unverbrüchlichen Freundfhaftsbund zu {hHließen, meil Die gegen:jeitige Nebereinftimmung
          auf einem Naturgefeß beruht, meil ein gemeinjames Ziel alle Uusfirah-Tungen des SGeijtes
          und Gemüths in einen Brenn-punkt zufanunenzieht und einigt. Sin langes Leben fann
          Sahinfließen, wir bekommen Dieje finwvers wandten Naturen nie zu SGejicht, wir haben nidt
          einmal eine Mbnung von ihrer Erijtenz. AYoer gleichwohl bilden diefe GeifteSgenoffen eine
          unjicht-bare Gemeinde. Ein fhöner Gedanke, eine edle That, ein rührendes Schicffal berührt
          telegraphitd ihre Seelen bis über den fernften Dcean. Die Senoffen diefer unfidhtbaren
          Gemeinde find .e3, die gemeint jind, wenn ih von unbekannten Freunden Ipredhe.</p>
        <p>Sb diefe Sammlung von einem alınftiagen <pb/>Winde getragen in. die Gärten folcher
          Freunde gelange, muß ih höherer Hührung anheinıftellen,</p>
        <p>3 Anhang habe ich mir dann erlaubt, einen Nachtrag von Sedanken und Betrachtungen aus dem
          Eigenen anzureihen.</p>
        <p>Seon, im Xuli 1875,</p>
        <p>&amp;d. Dößekel. <pb/> Das Tängere Leben bringt überhaupt dahin, das Himmelreich
          Feinesweg3 in einer einzelnen Handlung,ginem Befehlufje, einem Ereignijfje zu Juchen;
          fondern e8 mo nit nach dem Tode zu erwarten, e8 doch in diefer Beitlichfeit au3 gar vielen
          VBerhältnifjen, Zwe:den, Thätigkeiten u. f. w. zufammenzufeben und aufs
          suerbauen.1.Daumer.</p>
        <p>Immer hat die tiefer liegende Wahrheit das Wort gewebe gegen fih; e8 {ft der Inftinkk des
          Buchfta:ben, die Vernunft unter fihH zu bringen.SJakoßi.</p>
        <p>Wahrhaft über fi felbjt erhebt den MenfdhHen nur fein Herz, welches das eigentlide
          Vermögen der dee, der nicht leeren, ift,<pb n="19"/>Lieben Fann man einen in der erften
          Stunde;aber eine8 Freund werden, das ift eine andere Sache,Da muß MenfhH mit Menfch in
          dringenden Ange:fegenheiten oft und lang verwidelt werden, der Eine am Andern vielfältig
          fi erproben, Denkungsart und Handlungsweife zu einem unauflöslidgen Semwebe fich in
          einander fhlingen, und jene Anhänglichkeit an den ganzen Menfchen entftehen, die nach
          nichts mehr fragt, und von fid nicht weiß, mweber woher noch wohin Liebe, die fih nicht
          ewig weiß und ewig erwiedert, das ift Keine Liebe, das ift blos Ergöbung,Blumenfreude,
          Tanz und Spiel. -</p>
        <p>Wir nennen eine Seele fhön und jHöner, wenn fie Veit und Leiter durch die Hülle dringt,
          überall Seele offenbar macht; fo empfangen wir von dem beffern Menfhen, ohne zu wijjen
          wie, den Saamen feiner Nehnlichkeit; er ftrahlt ung fein Bild ins SemüthH und wir lernen,
          wie man fig felbft im AUnfdhauen eines Andern verliert, lernen Freund:ihaft, Neligion,
          Patriotizmus, jede Tugend, alle Wahrheit.“</p>
        <p>Wenige Menfchen wifjen, was daz für eine Stille und Stetigkeit in die Seele bringt, wenn
          man vor allen andern die eigentliden Gefühle des Herzens zu Ihärfen und fie empor zu
          bringen weiß: wie fehr <pb/>1,bass alles fchon Heitert, wenn Fräftigere Megungen den
          Meutereien der Eitelkeit ein Ende madhen und man nur anfängt in fig einen Mittelpunkt zu
          finz den, bei weldem Stand zu halten ift.Jaßobi.</p>
        <p>Das Eine erkannte ih, daß fo lange meine Seele dh mit höhern Gedanken befhäftigte, fie fo
          lange wenigften3 jene niedern Neigungen gar nicht auf:fommen ließ, jondern ernftlih uur an
          dem neuen Bebensplane hing, und gerade bie gereichte mir zu großem Trofte, Denn id erjah
          daraus, daß jene Uebel doch nicht fo befhaffen feien,. daß. fein Mittel dagegen wäre. Und
          obgleid anfangs diefe Hellen 3wifjdgenräume felten waren und nur Kurze Zeit dauerten, fo
          Famen fie doch, fo wie iQ das wahre Sut mehr und mehr Fennen lernte, Häufiger und hielten
          länger an, befonders feit ih einfah, daß der Erwerb des Geldes, daz Streben nad finnlidher
          nit und die Chrbegierde fo Tange fhädlih feien, als man bie Objekte nicht als Mittel,
          -fondern als Zwed behandle.Sy'no20.<pb/>Auf die Frage, mwelde Staataverfaflung er für die
          Hefte Halte, ermiderte Sarillus: Diejenige, in weldjer die meiften mit einander als Bürger
          in der Tugend wetteifern, ohne Barteifucht, -</p>
        <p>Wir Haben im Parzival und Triftan unfere da:malige Kunft auf ihrer Höchften Höhe gefehen.
          Die Nation und ihre Digtung ft aus dem Zuftande des GSemeingefühl8 und der Unbewußtheit
          hHerausgetreten,dies febte an die Stelle des Charakter des alten Volksepos einen geradezu
          entgegenftehenden. Statt daß früher die Menfchen ihre moralifhen Sefinnun:gen wie ihre
          poetifhen Productionen ohne Befragung des Berftandes nach dem bloßen. Triebe der Natur
          heaten und pflegten, fo lernen fie fih jebt erfennen und vergleihen und fhaffen fi
          SGrundläße und Regeln. Allein bei dem erften Verlafjen der Natur und dem Uebergange zur
          Bildung, bei der Kluft der frühern Stärke des Inftinkts und dem Auffuchen von Brincipien
          geräth der Men immer auf Wbmwege,traut auf die Eingebungen des einfeitig, erft tHätig
          werdenden Verftandes und verläßt die Einfachheit der natürligen Empfindung, bis erft
          almälig und fpät fi@ die neu aufgehende Erfenntniß fo ausbildet und <pb/>x erweitert, daß
          fie fi mit der urfprüngliden Natur und Einfalt wieder ausgleicht oder zu ihr
          zurückfehrt.OGerviuus.</p>
        <p>Uebermaaß des Senuffes umpft ab, und was fanın ber Weltling, der nie Begriffe von wahrer
          Sreundfhaft und Häuslidem Glück, vom Vergnügen der Zurücgezogenheit in die Stile der Natur
          und den Sefhäften des Aıntes für fein Vaterland, oder unter Büchern, und am allerwenigften
          Begriffe von der Hohen Wohlluft, feine Begriffe zu berichtigen haben fann, mwa8 Kann er
          anders empfinden als Rangeweile.Weder Democrit.</p>
        <p>Che der DidHter c&amp; unternimmt, die Vortrefflihen ju rühren, foll er e8 zu feinem
          erften und wichfigften SefHäft machen, feine Individualität felbft zur rein:ten und
          vortrefflihften Menfchheit Hinaufzuläutern.</p>
        <p>Schiller.</p>
        <p>Die Wahrheit offenbart fiH nidgt im Sturm 100 Teuer, nod) Erdbeben, fondern ein fanftes
          Säufeln ift ihre Stimme,</p>
        <p>Hamann.<pb/>x Wüßte ih docH ein Mittel, Shnen ein recht wah-ve Bild von mir zu geben!
          Weil ich fajt immer mit Affert Handle und rede, fo Handle und rede ich darum nit immer aus
          Affekt. Die Menge tiefer Leiden hat mein Inneres zu einer eigenen Art von Unterthänigkeit
          zeıfniriht. . Nicht daß iQ mir Ge:fühle geben und nehmen, fie nach eigener Willführ
          [Hmwächen oder verftärfen Konnte, fondern mir it mur eine Fähigkeit und Fertigkeit
          geworden, gewifjermaßen feine Notiz von ihnen zu nehmen, und ihnen zuzu:fehen, al8 wenn
          fie nit zu mir gehörten. Was für fonderbare Contrafte diefes ermorbene Phlegma (wovon au
          fon der Keim in einem angegebenen Tieffinne lag) mit meinem Feuer, wovon ich nodh nicht
          das mindefte verloren Habe, machen muß, und ihr gegenfeitiges. Spiel mit einander, fönnen
          fie un:gefähr fi vorftellen. Mit lauten, braufenden, un:ruhigen Menfhen mit auffahrenden
          (eS jet in Begierde oder Ab{hHeu, Liebe oder Haß) fann iM ohne Neberwindung nit umgehen.
          Verfhlofjene Menidhen fanın ih nicht Lieben, weil ih felbft im Hödhften Srade offenherzig
          bin. Unter allen Affekten bin id zur Rachfucht am mwenigjten und zum Unwilen am mehrften
          geneigt. Aber geneigt ift nidht das rechte Wort, fondern Unwille und Eeel Ht das3, was id
          <pb/>A7 am ftärfiten, und Nacdhlucht, was ih am IHwächften empfinde. Uebrigen3 bin ih
          durdhHanus fo befchaffen,daß id von dem Schönen und Guten weit mehr als von dem Häßlidhen
          und Böjen gerührt werde, folg-li aud jenes mehr fuche al8 diefem aus dem Wege gehe. Doch
          fange‘ ih an, von diefer Seite einige Veränderung zu fpüren, die id dem Herannahenden
          Alter zufhreibe. Indeß ift mir alles Calcul in et:wa3 wichtigen Dingen, noch ‚immer ebenfo
          zuwider und wird e8 mahrfheinlidh bis an das Ende meines Lebdenz hleiben. So viel für
          diefes mal, von mei:nem natürlidgen Menfdhen.SZacobi an Hamanı.</p>
        <p>Zumweilen, wenn er von feinen Freunden und von Hreundfhaft, Liebe oder irgend einer
          andern edlern Empfindung des HerzenZ fprach, Fonnten feine Aus:drücke Zweifel über feine
          Grundfäge und den Edel:finn feines Gemüths erregen. Das Gefühl des Augenblids gab ihm die
          Worte ein, und dazıı kam noch, daß er gern. die Molle des Sonderling3 zu:weilen aud) wohl
          noch eine fHlimmere vorzüglich gegen diejenigen jpielte, die er in Verdacht Hatte,daß fie
          e8 darauf anlegten, Entdefungen über feinen wahren Charakter zu maden; aber nur
          untergeord-9)<pb/>iQ nete Seelen und oberflächlide Beobachter Fonnten fich in feiner
          Beurtheilung täufhen. Man mußte noth:wendig feine Handlungen beobachten, um den
          Wider:iprudy zwifgen ihnen und feinen Worten zu bemerken;man mußte Zeuge gemwiffer
          Augenblide bei ihm fein,in melden ihn eine unvorhergefehene und unwillfür:lie Aufwallung
          nöthigte, fi ganz feinen Gefühlen hinzugeben; und wer ihr da ins Auge faßte, über:zeugte
          fiG von dem Schabe reicher Empfindung nnd inniger Herzensgüte, die in feiner großen Seele
          lag,Bemerkungen einer Fran über Yuron,</p>
        <p>Ein edler Sinn für Gerechtigkeit, ein freier und offener Charakter verpflichtet, dreift
          diejenigen zurüd-zumeifen, melche übertriebene Forderungen machen.</p>
        <p>Ein heilig Feuer, das in div, ruht,Schlag aus in lidhte hohe Sluth,Doch daß das Leben,
          das dich treibt,Immer bei Holden Kräften bleibt;Hab ih deinem innern Wefen Nahrung und
          Balfam auserlefen,Daß deine Seel fei wonnereich </p>
        <p>Einer. Knofpe im Thaue aleich.<pb n="19"/>Da zeigt fie ihm Hinter feinem Haus Heimlich
          zur Hinterthür hinaus,In dem engumzäunten Sarten Ein hHoldes Mägdlein fikend warten Am
          Bächlein beim Holunderftraudh;Mit abgefenkten Haupt und Aug,Sigt unter einem Apfelbaum.Und
          fpürt die Welt ringsum fiH kaum,Hat Rofen in ihren Schooß gepflückt Und bindet ein
          Kränzlein fehr gefdhickt,Mit Hellen Knofpen und Blättern drein:Für wen mag wohl das
          Kränzel fein?So fibt fie in fi@ felbft geneigt,In Hoffnungsfülle ihr Bufen fteigt,Ihr
          Wefen ift fo aHnevoll,Weiß nicht was fie fi® wünfghen fol,Und unter vieler Grillen Lauf
          Steigt wohl einmal ein Seufzer auf.Warum ift deine Stirn fo trüb!Das was dich dränget,
          füße Lieb,Iit volle Wonn und Seligkeit ,Die dir in Einem ift bereit,Der mandes Schicfal
          wirrevoll In deinem Auge fih lindern fol,<pb/>x8 Der durg mand wonnigliden Kuß </p>
        <p>Wiedergeboren werden muß,</p>
        <p>Wie er den IHlanken Leib umfaßt,</p>
        <p>Bon aller Mühe findet Raft,</p>
        <p>Wie er in8 Hiebe Ärmlein finkt,</p>
        <p>Neue LebenStag und Kräfte trinkt,</p>
        <p>Und dir Kehrt neues Lebenzglück,</p>
        <p>Deine Schalkheit Fehret dir zurüg.</p>
        <p>Mit Keen und mandhen Schelmereien </p>
        <p>Wirft ihn bald nagen, bald erfreuen,</p>
        <p>So wird die Liebe nimmer alt </p>
        <p>Und wird der Diyter nimmer Kalt,Auf Hans Sadis aus ©öfhe.</p>
        <p>Denn jeder Menfch hat angeborne Schwäden,Die Gnade nur, nicht Kraft kann
          überwinden.Shakespeare.</p>
        <p>Nie fann der Menfch, wie viel er auch vollende,Wie Kühn er fei, fih zeigen al8 ein Ganzes
          Und was er ausführt, gleicht e&amp; nicht am Ende Berftreuten Blumen eines großen
            Kranzes,Xfaten.<pb n="74"/>Der Menidh vermag Manches durch zwedmößigen Sebrauch
          einzelner Kräfte, Außerordentliches durch Verbindung mehrerer Fähigkeiten, das Einzige und
          Unermartete dur Vereinigung fämmtlicher Cigen-Ichaften.Soefhe.</p>
        <p>Diefer fHöne Begriff von Macht und Schranken,von Willkühr und Sefeb, von Treiheit und
          Maß,von beweglidjer Ordnung, Vorzug und Mangel, er-Freue dich hoch: die Heilige Mufe
          bringt Harmonifch ihıt dir, mit fanftem Zwange belehrend.</p>
        <p>Keinen Höhern Begriff erringt der fittlige Den-ver, feinen ber thätige Mann, der
          dichtende Künftlerz der Herricher, der verdient e8 zu fein; erfreut nur durch ihn fih der
          Krone. Freu? dich, hHöcdhftes Se:Iöpf der Natur, du fühleft dich fühig, ihr den höchiten
          Gedanken, zu dem’ fie fhaffend fi aufs idwang, nachzudenken.Soefhe.</p>
        <p>Diefe Begierde, die Pyramide meines Dafeins,deren Bafis mir angegeben und gegründet ift,
          fo hoch als möglich in die Luft zu fpiken, überwiegt alles andere und läßt Kaum
          augenbliclihes BVergeffen zu.</p>
        <p>Goethe.<pb/>DD Die Natur treibt im Menfhen die verfhiedenen Zweige. feiner Entwicklung in
          pertobifcher Folge; fie (äßt Religion, Kunft, die praktifchen Thätigkeiten aller Art und
          die Philofophie nad einander wachfen.Sie will aber nicht, daß ein Zweig um den andern
          abdürre. Wenn fie den einen jemweilen begünftigt, fo grünt der andere weiter und e8 wird
          dem ganzen Baume des Lebens daz SGedeihlichfte fein, wenn neben dem von der Vahreszeit
          geförderten Schoffe die zu-rücßgedrängten weder unzeitig wetteifernd nachtreiben,noch auch
          der Saft ihnen ganz entzogen wird.</p>
        <p>OGervinus.Mühfam und wirklich oft wider allen Dank muß ich eine Laune, eine dichterifche
          Stimmung hervor:arbeiten, die mich in zehn Minuten bei einem gut denkenden Freunde felbjt
          anwmandelt, oft auch bei zinem vortreffligen Buche, oder cinem offnen Him-mel. € Igheint,
          Gedanken laffen fi nur durch Se:danken Locfen und unfere Seiftesfraft miüfje. wie die
          Saiten eines Inftrument8 durch Seifter- gefpielt wer:den. Wie groß muß aljo das
          Original-Genie fein,das weder in feinem HimmelsftriH und Erdreich,noch in feinem
          gefellfehaftlidhen Kreis Aufmunterung findet und auZ der Barbarei felbft
          hHervorfpringt.</p>
        <p>Schiller in Mannheim.<pb/>Fi.Dem Slükligen kann e&amp; an nichts gebrechen,</p>
        <p>Der dies SGefhenk mit ftiller Seele nimmt;</p>
        <p>Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit </p>
        <p>Der Didgtung Schleier auS der Hand der Wahrheit.Goethe.</p>
        <p>Wir wifjen alle, daß unfern Zeiten. mit Recht der Borwmurf gemacht wird, daß nicht wie in
          den alten und ältejten Zeiten unfere Weisheit im Leben ausgedrückt wird und von Sitten
          ausgehend auf die Sitten zurüdfehrt. Sie wohnt bei unz mehr im Kopf als im Herzen und Hat
          meijtenz mehr unfer Sedächtniß bereichert al unfere Denkart und Sin:neSart gebildet. - Die
          unermeßlihe‘ Lururie in den Wiflenfhaften, ihre faft unabfehbare Vermehrung hat un8 zu
          Sclaven des Wiffens gemacht, oft ohne alle Selbitbildbung; mie mande Iugendfeele ging im
          rl:gerifchen Ocean der Vielwijjenheit, der ANgelehrfam:leit, an einer Sceylla, bei einer
          Carybde oder auf glatter Woge unter. Herder.</p>
        <p>Nicht das Was allein, fondern audH das Wie entidheidet über den Werth der Handlungen; der
          Han:delnde Menfch Hängt wie der Arzt und der Neuerer von Umftänden und nicht blos von fi
          fTelbit ab;<pb/>DA wie die Bolitik fo ift au die Moral eine Materie,die fo fehr in
          Verhältnifle, Lebensbedingungen und Beweggründe verwickelt ift, daß €S unmöglich wird,fie
          in allentfheidende Srundfäße zu bringen und daß in den manigfaltigen Collifionen der
          Pflihten das Abmwägen zwifhen Menfh und Menfch, zwijghen Sf:fentlidjer und Privatpfliht,
          zwifgen FJall und Fall unumgänglich wird.Gerpinus.</p>
        <p>Aufmand des Seift8 in [HmählidHer Berfhwendung ift Quft in Thatz und eh fie That geworden
          ijt Luft meineidig , treulo3, voll Verblendung mild, blutig, wüft und roh, bereit zum
          Morden.Senofjen kaum, wird fie verfmäht fogleich finnlo8 erftrebt, und wieder, kaum
          gehafht,finnlos gehaßt; dem tückifjhen Köder gleich,Der den toll madhen fol, der ihn
          benafcht,Toll in Begehren, im Befigß zumal;ihr Seftern wüft, ihr Morgen und ihr Heute,im
          Koften Wonne, und gefoftet Qual,im Ausgang Trug, nur in der Ausfiht Freude.</p>
        <p>AM dieß weiß alle Welt; dohH Keiner meidet </p>
        <p>Den Himmel, der zu diefer Hölle leitet.Shakespeare.<pb/>)R Ich thät e8 gern, doch ift
          fein eigner Feind Der edle Mann, dem Ieder edel {heint.Shakespeare Timon.</p>
        <p>Und weiter fommt bei SGroßmuth nichts heraus,Wer Geld nicht hüten kann, der Hüte
          8'Haus.Derfelbe.</p>
        <p>Rohe Schulen,Nachjingt der Staar, was nur er Hört,Doch wie zufammen e8 gehört,</p>
        <p>Hat er noch nicht begriffen.</p>
        <p>Und durcheinander freuz und quer </p>
        <p>Wird alles nadhgepfiffen.</p>
        <p>Aus vielen Weifen bringt er her </p>
        <p>Die lieblihiten der Stellen,</p>
        <p>Und mitten drin beginnet er </p>
        <p>Zu grunzen und zu hellen.3 rößlich.</p>
        <p>Das Studiren, was man nidHt liebt, Heißt mit dem Erfel, der Langeweile und dem Ueberdruß
          käm:pfen, um ein Gut zu erhalten, das man nicht be:ehrt; das Heißt, die Kräfte, die fiH zu
          etwas anz <pb/>If derm gefhaffen fühlen, umfonft an eine Sache ver:jhwenden, wo man nicht
          weit kommt und fie den Sachen ‚entziehen, in denen man Fortgang machen würde. AWber eben
          dadurch verdienft du dir Brod. Dies ift der elende Einwurf, der dagegen gemacht werden
          kann. IH wüßte Feine Sache in der Welt,durch die man fiG nicht Brod erwerben Könnte. Auch
          weiß ich nicht, ob id in dem mein Brod erwerben werde, wozu id Feine Kräfte fühle, Feine
          Luft em pfinde und in weldem ich alfo unmöglich Fortgänge machen fann, oder in dem, in
          mweldem mein Ver:gnügen mid anfpornt, meine Kräfte mir forthelfen.Dean Yanl.</p>
        <p>Ohne Anfang fein’ Bollbringen;Ohne Mühe kein Semwinnuft,Ohne Sorgfalt fein Selingen;Ohne
          Segen Fein Verdienft.So wie Mofes, kaum geboren,</p>
        <p>Semiffem Tode beftimmt,</p>
        <p>Wunderbar ward gerettet |</p>
        <p>So mander, IHon Halb verloren,</p>
        <p>Da der Feind eindrang, ergrimmt,</p>
        <p>Ward wieder froh und glücklich gebettet.Siröhlid.<pb/>a </p>
        <p>Sie wundern fihH, daß eine Licbe zur DBelHäfti-zung mit Empfindungen, eine Milde und
          Zartheit in denfelben, ein Eingehen in fremde Gemüthsftim:mungen, mir unter vielen und
          abziehenden Sejhäften geblieben ift. Das kommt doch nur daher, daß jenes eigentlig die
          natürlidhe Befdhaffenheit meines Se:müth8 ift, und daß eS mir immer eigen gewefen
          ift,gegen das. innere eigentlide Sein, die Se{häfte nur mie eine Art Nebenfadhe zu
          behandeln, immer ihrer mächtig zu bleiben, ftatt mich von ihnen beherrfhen zu lafjen. Man
          macht fie darum und auf diefe Weile nur defto beffer. Und das was den MenfhH als Menfgh
          berührt, die Gefühle, die ihn erfüllen, die fi in ihm drängen und ftoßen, Haben inımer
          einen Hauptfädhlihen Reiz für mid gehabt. IH Habe zuerft damit angefangen, mid felbft zu
          Ffennen und mid jelbft zu beherrfhen und Fein Menfdh Fann fih Harer durchichauen , ‚Feiner
          fig mehr in feiner Semwalt haz ben als ih. Ich Habe dabei immer nach zwei Dingen geftrebt;
          mid empfänglid zu Halten für jede Freude des Leben3, und dennohH durchaus in allem, was
          ich mir nicht felbft geben Kann, unabhängig zu bleiben,niemandes zu bedürfen, au nicht der
          Begünftigungen des Schiefjal, fondern auf mir allein zu ftehen und mein Glücg in mir und
          durgH mid zu bauen. Beides <pb/>IQ gabe ih in hohem Grade erreicht. Über Feine Freude und
          feinen Genuß. deg Lebens bir ih hinweg, wie e8 die Leute nennen, die einfachfte Sache,
          wenn fie nur, etwas Anmüthiges oder Höheres an fidh trägt,oder wenn fie mir durch irgend
          etwas befonder3 zu:jagt, gewährt mir reine Freude, Daher Niemand fo dankbar ift al ih,
          weil wirklihH au wenig MenfHen fo viel Grund zur Dankbarkeit Haben,Theil8 begegnet ihHnen
          vielleicht weniger Erfreuliches,theil8 aber finden fie auch in dem, was ihnen bes geguet,
          Das Erfreulidhe nicht fo Heraus und genießen e8 nicht wie fie fönnten. Über fein Menfch
          ift auch jo wenig bedürftig als ih und darauf beruht ein großer Theil. meines Glücks, denn
          jedes Bedürfnik ift, wie e8 befriedigt wird, nur eigentlig Stilung eines Schmerzes und
          alles, mas darauf. verwendet wird, geht dem reinen, ruhigen, ftillen Genuß ab.38, D.
          Sumboldt an eine Freundin.</p>
        <p>Das Slük vergeht und läßt in der Seele kaum eine flade Spur zurück, und ijt oft gar Fein
          Olüd zu nennen, da man dauernd dadurch nicht. gewinnt.Das Unglück vergeht au (und das ift
          ein aroßer <pb/>I Troft), läßt aber tiefe Spuren Zzurüg, und wenn man e8 wohl zu benußen
          weiß, Heiljame und ift oft zin fehr Hohes Glück, da e8 Vänutert und frärkt.Dann {ft e8
          eine eigene Sadhe im Leben, daß, wenn man gar nicht an Glück oder Unglück denkt, fondern
          nur an firenge, fi nicht fHonende Pflichterfüllung.das Stüc fig von felbit, au bei
          entbehrender,mühevoller Lebensweife einftellt.Derfelbe.</p>
        <p>3e mehr id die Umgebungen Ffennen lerne, in denen Sie aufwuchfen, je mehr io Sie mir
          darin denfe, Defto manigfaltiger bewegt {Hweben mir die Züge vor, an die meine
          Einbildungskraft immer gern und FieblidH geheftet ift. Solden Genuß der Phantafie rechne
          iQ zu den Hödhften, die den Menfjhen gegeben find, und in vieler Hinfiht ziehe 9) ihn der
          Wirklichkeit vor. In diefe fann im:mer leicht etwas jtörend eintreten, aber jene nähert id
          den Ideen, und das Größte und Schönfte,das Menjchen zu erfennen im Stande find, bleiben
          Joch die reinen, nur mit dem innern Bli erfenn:baren Ideen. In ihnen zu leben ift
          eigentlidH der <pb/>IC mahre "Senuß, daz Glück, was man ohne DBeimi:{dung irgend einer
          Trübheit in fig aufnimmt. Nur haben wenig Menidhen eigentlig Sinn dafır. Denn e8 gehört
          dazu eine Neigung der Befhauung, die in Menfhen unmöglich ift, bei denen Sinnlidfeit und
          innere moralifche Empfindung in Verlangen zur MWirk-lichkeit und zum Genuß übergehen. I
          bin von diefem Verlangen mein ganzes Leben hindurch fehr frei gewefen und Habe‘ daher mehr
          dur den Anblie am Innern und Neußern genofjen, und in beiden RNücfidhten mehr die Wahrheit
          der Dinge erkannt,ohne mid Täufhungen Hinzugeben.Derfelbe.</p>
        <p>8 giebt unleugbar Perfonen, welchen mehr Wi:derwärtiges alz Slüclihes begegnet, und auch
          die jehr Stüclidhen Haben Küirzere oder längere Perioden,wo ber Verlauf der Umftände ihnen
          nicht zufagt,und fie gegen den Strom zu fHwimmen genöthigt find. Das Kegt aber, auch ob e8
          gar nicht eigene Schuld, oder Folge unridhtig beredneter Berfahrungs:mweife ift, in der
          natürlidhen VBerkettung der Umftände,mo das allgemein Nothwendige oder unvermeidliche den:
          Interejfe des Einzelnen widerfpridht. Sehr oft,<pb n="34"/>und dies ijt mir bei weitem
          wahrfheinliher, kann :8 aud Fügung der mit mweifer und immer wohl:tätiger Strenge heilfam
          züchtigenden und prüfenden Vorfehung fein; denn die ZüdHtigung überirdifher und
          übermenfchlidher Weisheit fekt nicht gerade immer Zhuld voraus, E€8 kann in den Wegen und
          Pfaden der über ale menfhlide Bernunft hinaus reidenden Finfiht liegen, au ohne
          Berfhulden, zur bloßen heiljamen Zurücführung au den ganz Schuldlofen zu züchtigen. Auch
          {ft der Beite, wenn er. nur die Selbitorüfung mit gehöriger Strenge anftellt, nidt vom
          Flecden rein, und eS Fönnen in feine bewußtlojen Empfindungen foldje liegen, die ihn zur
          Schuld füh-ren mürden, wo aber der Schuld durch die Heilfam augebradhte Züchtigung
          vorgebeugt wird. Der Menich je(bit ift zu Kurzfichtig und fein Bli zu trübe, dies
          inzufehen; allein die in der Höhe waltende Macht durch haut e8 und weiß e3S zu lenken und
          zum Beften nt Fehren. Alles dies pflege ih mir zu fagen, oft ahne äußere Veranlafiung,
          allein aud) befonders da,mo, wie’3 aud) mir gefhieht, das Schiefal den BWünfhen
          entgegenwirkt- und eine Periode der Wider:wärtigfeit oder des wahren Unglücks- eintritt,
          IH merde dann vorfihtiger als fonft im Handeln und hie mich im gerinaften beugen oder
          betrüben zu <pb/>4)laffen, fuhe ih durchzufteuern, fo gut es gehen will,Wenn ih fage ohne
          mid zu betrüben, fo meine ich damit nicht, daß mich die einzelnen Fälle nicht be:trüben
          follten (ma8 unvermeidlich ift), fondern nur,daß ih ihr Eintreten überhaupt, die Wendung
          von Stüg zum Segentheil nicht als etwas TFeindjeliges,fondern als etwas Natlürlidhes mit
          dem Weltgang und der men/dhliden Natur eng Verbundenes oft fo:gar Heilbringendes
          nehme.Derfelbe.</p>
        <p>Der Propyläen drittes und lebtes Stück wird bei zrichwerter Fortfekung aufgegeben. Wie
          fich bis:artige Menfhen diefem Unternehmen entgegengeftellt,Fol wohl zum Trofte unferer
          Enkel, denen e8 nidjt befier gehen wird, gelegentlid näher bezeichnet werden.</p>
        <p>Goethe.</p>
        <p>Die ganze VBeredlung des Wefens, die möglidhfte Erhebung der Sefinnung, die größte
          Erweiterung der innern DBeftrebungen ift ebenfowohl die Aufgabe,die her Menfch zu köfen
          Hat, als die Reinheit feiner Handlungen. Es gibt au im Sittliden Dinge,die fih nit blos
          unter den Maakftab des Pflidt-mäßigen und Pflichtwidrigen bringen lafjen, Tondern
          <pb/>:inen Höhern. fordern. E83 gibt eine fittlide Sdhön:heit, die, fowie die Körperliche
          der Sefichtszüge, eine Berfmelzung aller Sefinnungen und Gefühle, einen freiwilligen
          Zufammenhang derfelben zu geiftiger Ein:heit erheifht, die fihtbar zeigt, daß alles
          Einzelne darin aus Sinem au8 der innerften Natur ftam:menden Streben nach himmlifdHer
          Bolendung quillt und daß der Seele ein Bild unendliHer Größe,Süte und Schönheit
          vorfdhwebt, daz fie zwar nie:mals erreiden fanır, aber von da immer zur Nach ziferung
          begeiftert zum Nebergang in höheres Dafein würdig wird. Auch die Entwicfelung der
          intellek=tnellen Fähigkeiten bis zu einem gewiffen Grade ge:hört zu der allgemeinen
          Veredlung. Aber ih bin ganz Ihrer Meinung, daß dazu nicht gerade vieles Wifien und
          Bücherbildung gehört. Das aber ift wirklich Pflicht und it au dem natürlichen Streben
          jedes nicht blos an der irdijchen Welt, ihrem Gewirre und Land hängenden Menfchen, eigen,
          in den Kreis von Begriffen, den er befibt, Klarheit, Beftimmtheit und Deutlichkeit zu
          bringen und nichts darin zu ulden, mas nit auf diefe Weife begründet {ft Das kann man wohl
          das Denken im Menidhen nenz nen. Dazu ift da3 Wiffen nur das Material. Es pat Feinen
          abfoluten Werth in fih, fondern nur einen 3 <pb/>A relativen in Beziehung auf das Denken.
          Der Menid jollte nit ander8 lernen als um fein Denken zu zrweitern und zu üben und Denken
          und Wiffen foll-ten immer gleiden Schritt Halten. Das Wiffen Bleibt fonft todt und
          unfrudhtbar.Sumboldt.</p>
        <p>Wenn behauptet wird, e&amp; gehe jebt von mandhen Seiten Strafungs = oder
          Berdammungswürdiges vor,fo ift dabei doch die Frage, ob darum die Sefinnung der Menfchen
          jet fOlimmer und unmoralifdher {ft Ih möchte es bezweifeln. €8 fheint mir weit mehr eine
          Verkehrtheit der Meinungen, eine Verdrehung der Begriffe zu fein. Chemals war mehr und
          weiter verbreitete Frivolität, Die fdheint jebt doch weniger und feltener. Gerade die
          Frivolität aber untergräbt alle Moralität und Käßt Keinen tiefen Gedanken und fein reines
          und tiefes Gefühl auffonmen. E83 Fönnen fig damit natürliH gutmüthige und fanfte
          Empfin:dungen verbinden, aber es&amp; kann in foldher Seelen:Himmung nit aus Grundfägen
          hervorgehen, und an Selojtüberwindung und Aufopferung ift nicht zu denken. IFebt Herrfht
          doch der Ernit, der zum Nach:<pb/>}</p>
        <p>%denfen führt, und der auf das Semüth zurücmirkend,ziner Anerkennung des Willens fähig
          ift, und auch wirffanı Bleibt, wo der Entfchluß Neberwindung foitet.Aumboldt.</p>
        <p>Das Wachfein des Seiftes, feine Fruchtbarkeit an Borftellungen, die er bald au der äußern
          Beobadh-hing der Dinge und MenfjhHen, bald aus Jeinem Innern [Höpft, oder das fejte
          Fortrücen in längft begonnenen, vielleiHt durd einen Theil des Lebens
          gindurcdhgefchlungenen Ideenreihyen, ft das wahre dem menfhlidhen Dafjein erft Werth
          verleihende Glück 5e8 Lebens, und zwar nicht blo8 für intellektueller organifirte, Höher
          gebildete, mehr dem Denken erge:dene MenjhHen, fondern für AWe. Denn jeder Hat zinen
          innern Kreis von Ideen und Sefühlen, Wahr:heiten und Borurtheilen, Phantafien und
          Träumen,in dem er wach und regfam bleiben und den er al8 innere BefHäftigung weiter
          ausfpinnen will,</p>
        <p>Derlelbe.</p>
        <p>Sache der Seele ift e8, die innere Heiterkeit 10 fange und immer in dem Srade zu
          erhalten, al8 es <pb/>möglich ift. Wer fih heiter zu erhalten fucht, der forgt nicht bloß
          für fein Glück, fondern er Übt wirk:li eine Tugend. Denn die Heiterkeit, felbjt die
          mwehmüthige macht zu allem Guten aufgelegter und gibt dem SGemüthe Kraft, fh felbft mehr
          aufzu-erlegen und mehr für Andere zu Teiften., Die Er:Haltung der Heiterkeit, felbjt unter
          weniger günftigen Umftänden, zeugt au von einem genügfamen an:fpruchlofen SGemüth, das
          nicht felbftfüchtig immer fid vor Augen hat und was ihm begegnet, für größer und
          merfwürbdiger Hält, al3 mas Andern zufiößt.3 ift überhaupt ein fHöner, erfreuklicher Sinn,
          der die Einigkeit mit feinem Sefdhide fo weit als es möglich ift, erhält, die Freuden
          Heraushebt, die Jedem 6leiben, und fie zu fammeln und zu genießen ver:fteht. € bewährt
          fihH auch hier, daß das moralijd Schönfte und Cdelfte auch das am meijften SGlüc bringende
          ift und am fiherften das GemüthH in ruhi:ger und befonnener Thätigkeit erhält.
          .Derlelbe.</p>
        <p>Wer mit den Augen winket fhmiedet Böfes; und wer ihn Fennt Hält fi fern von ihm. Vor
          Deinen Augen verfüßt er feine Rede und bewundert deine <pb/>I Worte; Hinterher aber
          verkehrt er deine Mede und legt dir durch deine Worte Fallen. BViele8 hHafle ich,ıber
          nichts vergleide id ihn, au der Herr hHaffet ‚On.Sirad) XXVIL 25.</p>
        <p>€ wäre mir leid, 5i8 heut gelebt zu Haben,ohne daß die Erfahrung mich gelehrt Hätte, daß
          der Zwet des Lebens nicht auf die Gewöhnung an diefe oder jene LebenZweife Hinausläuft;
          fondern daß das Betentlidhe immer Lleibt, durch fo viele neue Ber:Jältnifje, in melde mir
          geworfen werden, immer mieder von einer andern Seite auf un8 zurückgehen zu müffen, uns
          felbft immer näher und inniger fennen zu lernen uns8 in diefer Kenntnik felbft im:mer
          humaner und volllommener zu werden. Freilich meiß id nicht, wo e8 mit dem MeuifhHen Hinaus
          mil allein, wenn au) mit Diefenn Leben alle8 ge:det fein folltez fo ift doch nur Eins in
          der Welt,508 glüclidh, das Heißt zufrieden maden ann; daß id nämlidh immer mid felbit
          adten fönne.Sorffer.<pb/>Ye Fin MenfH nimmt aus der Welt mehr oder minder Licht,Die Form
          au8 feinem Stand und aus fi fein Sewicht.Nüdert.</p>
        <p>Das Eifen, wenn fiH ihn des Feuer? Kraft vereint,</p>
        <p>Roth glüht c8, daß e8 wie cin Cheljtein erfdheint.</p>
        <p>Der roth von Jelber ift, der feurige Rubin </p>
        <p>Erfcheint dagegen blaß, glüht man im Feuer ihn.</p>
        <p>So hat des Menjhen Sinn, von LeidenfHaft beraufcht </p>
        <p>Sein Eigne8, auf den Schein, um Fremdes ausge:taufcht,Doch, wenn erkaltet, wird das Eifen
          wieder dunkel Und mieder hell, wie er gewefen, der Karfunkel.Yüßerf.</p>
        <p>Hüte dih, daß du nicht betrogen und nicht un:alüclich mwerdeft durch deinen
          Frohjfinn.</p>
        <p>Dränge dihH nicht zu, damit du nicht zurücge:ftoßen und fiche nicht zu fern, damit du
          Nicht ver;gefjen werdeft.Gef. Sirad.<pb/>a4 Dem ift ein fHöner Tag genug Den Morgen Bein
          und Sram begleiten.Miliam QWordsworfh 1770.</p>
        <p>Die Sffentlide Meinung hat dies mit der Chemie gemein, Daß fie, mwofern ihre Gährung
          nicht Künft-fi gehemmt wird, das Wefjen der Dinge von ihren Zufälligfeiten, das gebiegene
          Metall von feinen Schladen, den Gebrauch von dem Mißbrauch fHeidet,und wenn Ddiefe
          Scheidung genauer beachtet würde,jo fönnte man gewaltjamen Veränderungen begegnen.Denn fo
          ift einmal der Dinge Fluß. Mag ihr Ur-prung noch fo qut fein, bald mifhen fig mit dem
          urjprünglidhen Clement die Einffüfje der Ufer. Doch reinigt c8 fich mieder im OYccan, in
          weldhen e8 zus (lebt itrömt.Mefenberg.</p>
        <p>Diele Schönheit, die Schönheit des reifen Alters ift die Höchfte der men!hlidhen
          Erfheinung; die For men find fatt, daß Gefäß ijft ganz ausgefüllt; fie haben jebt erft den
          Ausdrud des SGemwollten, des Figenthums8 und Ddienftwilligen Draanz, worin <pb/>(4 fi der
          Seift eingewohnt; diefer ijft ebenfalls erfüllt in8 Leben Hineingewachfen; die erwartete
          Unendlich:feit hat fih befgränkfen müffen;z allein nur in der Befhränkung wird das Höchfte
          erreicht. Die Ibee als Berfönlichfeit ift nun erft wirklich reif, ganz Gegenwart. Auf der
          Hochebene diejer dauerhaften Rebenftufe folgt allmälig das Sreijenalter.Dildier,
          YWefthetik.</p>
        <p>€ wird fünftig noch bemwiefen werden, daß die menjhlidhe Seele auch in diefem Leben in
          einer un:auflö8lidh gefnüpften Gemeinfhaft mit allen imma:teriellen Naturen der
          SGeifte8welt ftehen, daß fie wechtelmeije in diefe mwirke und von ihnen Eindrücke
          zmpfange. Abgefchiedene Seifter können zwar nie:mals unfern äußern Sinnen gegenwärtig
          fein, aber wohl auf den SGeift des Menfchen wirken, mit dem fe zu einer großen Mepublif
          gehören, fo daß die Vorftellungen, melde fie erwecen, id nad dem Ge:jeße feiner Fantafie
          in vermandte Bilder Heiden und die Apparenz der ihnen gemäßen Segenjtände als außer ihnen
            erregen.Kant.<pb n="4"/>Will der weife Mann Zur Buße Härten diefen zarten Körper, .So
          fömmt mir’8 vor, als wollt’ er mit der Schneide Des Lotosblattes Holz zum Opfer
          fällen.Nicht Toll man unbedachtjam Nıben fordern Bon dem, was fchön zu fein allein
          beftimmt.Sakßuntala.</p>
        <p>Das fHlechtejte Rad am Wagen macht den mei:iten Lärm.</p>
        <p>Dem du gibjt, der [Hreibt’S auf Sand; dem du nimmit, auf Stahl.</p>
        <p>Man empfängt Jeden nah feiner Kleidung und zntläßt ihn nad feinem VBeritande.</p>
        <p>Das erjte ift immer, daß wir unZ rechtfertigen dor un8 felbit. DanadH fer un Liebe und
          Achtung der ÜUndern milliommen. Gern opfern wir ihren Schwächen, ihren Vorurtheilen den
          zwanglofen Ges nuß unjerer natürlichen Freiheitz nur müffen fie nicht fordern, daß wir um
          der conventionellen For:met willen, womit fie jidhH belaftet haben, auf das <pb/>wahre
          Slücg des Lebens verzichten, welches fo felten angetroffen wird, daß wir € mit
          BDorbeigehung der Falten GemoHnheitsverhHältniffe nicht zu fheuer erkau-fen; e8 ift fein
          erfreuliches Bild der Menfehheit,weldhe8 fie in diefer Abhängigkeit von felbftgemadhten
          und den frohen, reinen Lebenzgenuß tödtenden Po:panzen fchildert; wer kann ihr Helfen,
          wenn fie fid felbft beftiehlt, um reider zu fein! Kinder, fucht glücklich zu fein, fo daß
          ihr e8 immer bleibt, das ift, behaltet eure ganze Empfänglichtfeit unter Auf:fiht der
          Vernunft, die nur immer die Naturgemäß:heit eurer Gefühle prüfe. Iatur des MenjdHen {ft
          zug) ja uur euer SGanzeS, euer fo reich organijirtes,mit fo vielen göttliden Kräften zum
          SIüg ausge:rüftetes Ganze. Laßt e8 immer in fih felbft har:monijdh bleiben und bleibt euch
          felbft immer übrig;dann fönnt ihr wohl Andere, die fich felbjt verloren haben, bedauern,
          daß ihre Zahl fo groß ift, aber fiher Tein, den Zweck eures Dafeins volllommen zu
          erreichen.Siorfer.</p>
        <p>Feder MenthH muß in das Sroße und Ganze wirfen; nur was dies Große und Sanze genannt
          wird, darin liegt meinem Sefühle nach noch fo viel <pb/>Täufhung. Mir Heißt in das Sroße
          und Ganze mwirfen, auf den Charakter der Menfchheit wirken,und darauf wirkt Jeder, fobald
          er auf fi und blos auf fih wirkt.3S, Humboldt.</p>
        <p>Für mic ift der Kreis, in dem ih jebt Lebe, der angenehmfte; e8 ift der, den id am
          Dbeften auszu-füllen vermag, und Jollte e8 nicht wichtiger fein feinen Kreis wie groß oder
          Hein auszufüllen al8 gerade diefen oder jenen zu Haben? Zühle ich ja mehr Kräfte, als
          diejer Kreis fordert, nun fo Ändet fihH vielleicht auch ein größerer. Allein {Hıyer-li
          wird daz je der Fall feinz je mehr man hut,defto mehr ficht man zu thıum noch vor fig. Die
          intenfive Größe ift gerade diejenige, melde man nie erfhöpft und dennoch, wie jonderbar,
          fuchen die Menfchen immer die extenfive, als wären fie mit jener {on fertig. Statt zu
          fragen, mie viel an dem Zweck, an dem fie find, noch zu thun ift, eilen fie ihon nad einem
          andern Hin. Wenn dies, wie es mir fcheint, den Geift nothwendig zerftreut, fo muß er bei
          jenem Verweilen an Tiefe und Stärke ae:<pb/>iA winnen und ih geftehe Ihnen gern, daß ih
          für diefen Seminn allein Sinn habe.WB, Sumboldt.</p>
        <p>8 feben Edle Höher ftet8 ihr Biel.</p>
        <p>So ftößt der MenfhH mit Füßen oft fein SGlüc,</p>
        <p>Weil Finfternif die Seele ihm umfhwebt.</p>
        <p>Der Blinde fhüttelt ab vom Haupt den Kranz </p>
        <p>Des Glücks, den ihm ein Wahn als Schlange malte.Sakßunfala.</p>
        <p>Bei Scherern, den ich geftern fprach, ft mir eine Bemerkung wieder eingefallen, die Sie
          mir voriges Sahı über ihn machten. E83 ift eine. ganz gemüth:lofe Natur, und fo glatt, daß
          man fie nirgends fajfien fann. Bei folden Natürellen it e8 recht Hihlbar, daß das Gemüth
          eigentlich die MenfgHheit in dem Menidhen macht, denn man fann fi folchen Seuten gegenüber
          nur an Sachen erinnern, und das Menfchlide in einem felbft ganz und gar nirgends
          Hinthun.Schiller an Goethe Bd. 4. S. 266.<pb/>In des Herzen8 heilig ftile Räume .Mußt du
          fliehen auZ des Lebens Drang,Hreiheit {ft nur in dem Reich der Träume Und das Schöne blüht
          nur im Gefang.Schiller.</p>
        <p>Wenn Zimmermann in feinem Buch über die Sinlamfeit von einer Dame fpricht, die er mit
          Plus tarchs Lebensbefhreibungen von HyjterijhHen Zuftänden furirt und dem Hauswejfen und
          der Küche wieder gewonnen Habe, fo läßt fig in gleidher Weife auch von den Schriften von
          Bigius jagen, daß fie un8 nicht nur mie reine Bergluft und Herrlide Natur mit erhöhter
          Lebens: und Strebeluft erfüllen; fondern daß fie un8 wichtige Impulie fürs Leben geben,
          daß mir von ihrer Lectüre weg nicht blos mit Luft an jebe Arbeit gehen Können, mas immer
          ein Kennzeichen gefunder Bücher iftz fondern daß wir auch, von ihnen angeregt gleichfam
          neue Fittide fühlen, unfer Leben mit frijdem Sinn neu zu ordnen und zu geftalten,mit dem
          Pfunde zu wuchern, das Vedem, dem Klein-ten wie dem SGrößten anvertraut ift, und die
          manig=jaden Kräfte in un8 zu entwideln, deren Nebung <pb/>(6 und Entfaltung zu möglichjter
          Bollfommenheit wir al8 unfere Höchfte Beftimmung erkennen müflen,Dr. Manuel.</p>
        <p>Die Poefie {Heint in ihren Verbindungen eben fo eigenfinnig mie die Sffentlidge Meinung.
          Sie vermält fih eben fo oft mit der Heiterkeit wie mit dem Trübfinn. Wenn wir an das
          Schiekfal und den Charakter ihrer Angehörigen denken, fo fcheint es unmöglidh , daß ein fo
          eigenthümlidHes Wefjen mit fo entgegengefebten Nidtungen des SGeiftes und Zügen des
          Semüths verträglich fein Könne. Oleich den geheimnißvollen Verbindungen des Lichts, weldes
          der Cypreffe einen grünliden Schatten und der Wolke einen rofigen Hau verleiht, indem e8
          durch eine teudtende Ausftrömung unzählige Tinten hervor:Sringt, fo affimilirt fi der
          SGeift der Poefie mit jeder Spielart des menfHlihen Semüths, von den tief ften Schatten
          des MenfhHenhHaffe3 bis zu den frifdeften Blüthen des Entzückens.Bhomas Ioore.</p>
        <pb n="17"/>
        <p>Die deutfhe Sprache ift auf einen fo Hohen Srad der Ausbildung gelangt, daß einem Keden
          gegeben ift, fowohl in‘ Profa als in NRhytmen und Reimen, fiO dem Segenftand, wie der
          Empfindung gemäß, nach feinem Vermögen glücliH auszudrücken.Hieraus folgt nun, daß Feder,
          welcher durH Hören und Lefen fi auf einen gewiffen Srad gebildet hat, wo er fih felbft
          einigermaßen Deutlich wird,Äc alsbald gedrängt fühlt, jeine Gedanken und Urtheile, fein
          Erfennen und Fühlen mit einer ge:mwifjen Leichtigkeit mitzutheilen. Schwer, vielleicht
          unmöglih, wird e8 aber dem Jüngern einzufehen,daß Hierdurg im Höhern Sinne nodh wenig
          gethan it. Viele, die auf demfelben Wege gehen, werden Rh zufammen gefeXen und eine
          freudige Wanderung zujammen antreten, ohne fi zu prüfen, ob nicht ihr Biel allzufern im
          Blauen liege. Denn leider Hat ein mwohlmollender Beobachter gar bald zu bemerken, Ddaß ein
          inneres jugendlihes Be:Gagen auf einmal abnimmt, daß Trauer Über ver:idwundene Freuden,
          Shmachten nah dem VBerlornen,Sehnfucht nad dem Unbekannten, Unerreihbaren,MißmnuthH, Neid
          und Verfolgung die Mare Quelle irübt, und fo fehen wir die Heitere SGefellfhaft {ich
          vereinzeln und fich zerftreuen in mifantropifhe Cre:<pb/>An miten. Wie fhwer {ft c8 daher,
          dem Talent jeder Art und jedes Grades begreiflih zu machen: daß bie Mufe daz Leben zwar
          gern begleitet, aber eS Feines:weg8 zu leiten verfteht. Wenn wir beim Eintritt in das
          thätige und Fräftige, mitunter unerfreuliche Leben, wo wir un8 alle, wie wir find, al8
          ab:hHängig von einem großen Sanzen empfinden müflen,alle frühern Wünfhe, Träume,
          Hoffnungen und die Behaglichkeiten früherer Märchen zurücfordern, da entfernt fig die Mufe
          und fucht die SGefellichaft des heiter Entjagenden, fih leicht Wicderherftellenden auf,der
          jeder VahreSzeit etwas abzugewinnen weiß, der Eisbahu wie dem Rofengarten. Der junge
          Dichter fprecdhe nur aus, wa8 Lebt und fortwirkt, unter wel:Dherlei Seftalt es au fein
          möge; ev befeitige ftreng allen Widergeift, alles Migwollen, Mißreden und was nur vereinen
          fannz denn dabei kommt nichts Heraus.Poeti]jdher Schalt ift Gehalt des eigenen Lebens, den
          fann uns Niemand geben, vielleicht verdüftern aber nicht verfümmern. Alles mas Eitelfeit
          d. h. Selbft:gefälliges, ohne Fundament .ift, wird [Olimmer als jemals behandelt werden.
          Man Halte fih ans fort:jreitende Leben und prüfe fih bei Gelegenheiten; denn da beweist
          fihs im Augenblif, ob wir lebendig find,und bei fpäterer Betrachtung ob wir Lebendig
            waren,Soethe.<pb n="1"/>Die ew’ge Welt, an die der Glänb’ge glaubt,Ift jenes Haus auf
          fteilem Felfenhaupt;</p>
        <p>Und diefe wechjelreidhe, flücht’ge Welt </p>
        <p>Boll Luft wie Leiden, ift das Dornenfeld.</p>
        <p>Sie zählt die Athemzüge, die du thuft,</p>
        <p>Ob früh, ob fpäter du im Grabe ruhft.</p>
        <p>Um Ende wird ein Erdftoß fich erheben,Dann Laffen feufzend wir all unfer Streben Und
          Müh'n auf diefem Dornenfeld zurück </p>
        <p>Und ridhten auf das fejte Haus den Blic,</p>
        <p>Sin Andrer Foftet unfrer Mühen Frucht,</p>
        <p>Doch er auch zieht vorbei in rafher Flucht;So wars von je, fo wirds für immerdar </p>
        <p>8 fein, und diefer Spruch bleibt ewig wahr:Vollbrachten wir der guten Thaten viel,</p>
        <p>So wird un8 Ruhm an unferm Reifeziel;Doch waren wir verderbt, fo kommt die Kunde Davon zu
          Tag in unfrer lebten Stunde,</p>
        <p>Ob unfer Schloß au hoch den Scheitel trug Bis zum Saturn nicht8 als das Leidhentuch Wird
          unz zulebt; der Kühnfte wird erfhreckt Wenn Bruft und Haupt ihm fHmarzer Staub
          bedeckt,Zirdufi.<pb/>()Preis fei dem Herrn, der. alle Dinge {Huf Xhm, der das Große wie
          Seringe IOHuf.</p>
        <p>Das Sein fo wie daz Nichts verneigt fih ihm,Er ift der Einz’ge, Nichts verneigt ih
          ihm.Zum Zweiten werde der Prophet gepriefen,Und alle melde fiH ihHm treu bewiefen.</p>
        <p>Da jene Edlen von der Welt gefHwunden,</p>
        <p>So rechne nicht auf Dauer deiner Stunden.Wo kam der Thron des größten Königs hin?Wo find
          die Großen al von Heldenfinn ?</p>
        <p>Wo find die Weifen all und die Gelehrten?Die raftlos ihren Seift mit Wiffen nährten ?Wo
          find mit ihrer Stimme Janftem Ton </p>
        <p>Und ihrem Reiz die Schönen Hingefloh’n?</p>
        <p>Wo die Bedrängten, die in Bergesfihlucdhten Stend und ruhHmlos eine Zuflucht fuchten
          ?</p>
        <p>Und jene, die den wilden Lömen jagten?</p>
        <p>Sie wurden allgefammt des Todes RKeute.</p>
        <p>Heil dem, der nur die Saat des Suten freute!Bon Erde find, zu Erde werden wir,</p>
        <p>Voll Angft und Kummer find auf Erden wir.Du gehft von Hinnen, doch c&amp; währt die
          Welt,Und Feiner Hat ihr RNäthfel aufgehellt.</p>
        <p>Voll weifer Lehren ift für unz ihr Lauf,Warum denn addten wir fo wenig drauf?Sirduli.<pb n="31"/>VBerläumdung,</p>
        <p>Sie {Oneidet [Härfer als das Schwert; ihr Mund Bergiftet mehr als alles Nilgewürm,Ir Wort
          fährt auf dem Sturmwind und belügt Jedweden Erdfirih: Kaifer, Königinnen,Sürften,
          Matronen, Iungfraun, ja in Grabes Seheimniß wühlt das Natterngift VBerläumdung:</p>
        <p>Cymbelin Bd. 12. S. 296.</p>
        <p>Was find wir für SGejdHöpfe, wenn wir unfern zignen Wea gehen.SHARESPLALE.</p>
        <p>Kür alle muß in Freuden </p>
        <p>Mein treues Herze glüh'n.</p>
        <p>Hür alle muß id leiden,</p>
        <p>Zür alle muß iO blüh'n,</p>
        <p>Und wenn die Blüthen Früchte Haben,Da Haben fie mich längft begraben.„Hichendorf.<pb n="39"/>Ein Künftler der nicht mehr [Heinen will als er wirklich ift, der in feinem
          Schaffen fi nicht ab-ängftigt, mehr zu werden, als er nah Sottes Sabe zu werden vermag;
          der nicht über fih hinaus will,der feine Werke, nidHt feine Perfon in den VBorber-grund
          ftellt, ein Mann, der überall zu brauden if und darum gerade nirgends recht ankommt, ein
          nicht 6lo8 perfönlih, fondern auch äfthetifch befchetdenes Talent. Diefe Heut zu Tage fo
          feltene Erfchei:nung war Lortfing.Riehl „Mufikal. Charakterköpfe.”</p>
        <p>Die Wahrheit ift freilid wie der Verfaffer im 83. KYahre, nad fehSzigjährigem Studium,
          immer deutlicher einficht, nicht immer erreichbar, wenn von objectiver Wahrheit die Rede
          ift;z allein die jubjective Wahrheit, d. H. die Vermeidung alles defjen, was nicht den
          Schriftfteller durch und durch befeelt, fon:dern nur für das Publikum, deffen Bedürfniß
          oder Vorurtheil man berücfichtigt, gelten fann, ift aller dingS erreichbar. In diefer
          Nückficht gerade ift das Studium der Alten, weldhes. jeßt fo fehr vernadh-fäffigt wird, fo
          ungemein wichtig, weil Ddiefe weder <pb n="533"/>Recenfenten, noch Studenten, noch Weiber,
          noch die Sefer von Iournalen Gerücfichtigten. Das ift e8,wa8 der VBerfaffer nicht für das
          große Publikum,Tondern für die Wenigen, denen Wahrheit zınd Recht,und Tugend aufrichtig.
          am Herzen Regen, hier vor:auSzufchicden nöthig findet.3. SG. Schloffer.</p>
        <p>Die medhanifden Künfte Haben fih länger ge:halten, weil die Urt des Fleißes, welche Kein
          Nach:denken erfordert, fondern das Werk der Nebung und Sewöhnung ift, pflegmatifden
          Völkern zur andern Natur werden kann. Ihre Eyiftenz ift in diefer, wie in jeder RückfihHt
          mafhinenmäßiger als die Eryiftenz ber lebhaften, geiftreichern Menjdhen, deren unftätes
          Welen mehr von eigenen Antrieben abhängt und daher Sfters die Erfheinung des Mürjfigangs
          bewirkt,</p>
        <p>©. Siorfler.Mus d. Anfichten vo. Niederrbein.</p>
        <p>Die Nüglichkeit ift nicht das einzige Bedürfniß unferer Natur, fie ft nicht der einzige
          SGefichtspunkt,uf welden alle Thätigkfeit unferer Intelligenz fie <pb/>zurückführen läßt.
          Zum RKRuhme unferer Natur murzeln noch andere Bedürfniffe in ihr, die einer hHöhern
          Ordnung angehören, die, fo zu Tagen, im Segenfabe zu dem bloß Nüglidhen fih geltend machen
          € gibt eine ideale Hierarchie der Eryiftenzen, welche,murzelnd in der Erdentiefe, in der
          SeifteSswelt aus:gipfelt. Die Idee des Wahren und Schönen ift dem Menfdhengeifte nicht
          weniger angeboren, al8 die des Niüglidjen; welde von beiden ihn aber am meiften adelt, und
          feinem Ur]prunge, wie feiner endlichen Beftimmung am meiften entfpricht, welde von beiden
          dienen, welche Herrchen foll, diefe Frage Kann, fo follte man glauben, im Ernite faum
          aufgeworfen werden,Auguffl Reichen perger.</p>
        <p>Die Kunft, diefe Hödhfte und allgemeinfte Sprache,ift, mie überhaupt alle Sprade ein in
          die Sichtbar-feit tretendes Geiftesleben, ein Ausftrahlen des Seiftes, weldhes je nach dem
          Standpunkte, welchen feine Träger einnehmen, belebend und veredelnd, oder aber vermirrend
          und umnebelnd auf Ddiefelbe zurüd:Jällt,Derfelbe.<pb/>SR 8 ift doch in der Welt alles
          eitel und Täufdhung,Jowohl was man genießen, al8 was man thun fanın,nur das Häusliche
          Leben nidt, Was man auf diefem ftillen Wege gute8 wirkt, das bleibt: für die wenigen
          Seelen kann man wirklich etwas fein und etwas bedeutendes leiften.Schleiermadher.</p>
        <p>Was aber den Schein betrift, fo habe ih darüber meine eigenen ©rundfäge; id glaube, daß
          e8 meinem Stande geradezu obliegt, ihn zu verachten; ich meine nit aus Leidigem UebermuthH
          Dinge zu thun, die man fonft nit thun mürde, nur um zu zeigen, daß man fi aus der gemeinen
          Meinung nichts macht,jondern das, daß, To oft e&amp; HineinreiHende Gründe gibt etwas zu
          thun, man nad) dem Schein dabei nichts fragen müffe. Das ift wie mir fheint, fehr nöthig
          und ganz eigentligd Pfliht.... € Kiegt fehr tief im meiner Natur, daß ih mid immer genauer
          an Frauen anfehließen werde, al8 an Männer; denn 28 {ft vieles in meinem SGemüthH was
          diefe felten verftehn.... In der Gemeine (Herrnhut) wird der Menfch gebildet durgd
          Einfamkeit und ftilles Nach:<pb/>SG denken; in der Welt fann e8 aber nur werden durch die
          manigfaltigfte und zufanımengefebtefte Thätigkeit.8 find zwei verjchiedene Wege, aber
          beide find gut und jeder Menfch Hat nur darauf zu Jehen, daß er den einfhlage, der feiner
          Natur am angemeffenften ift und daß er fi denn auch Hübfeh dahin ftelle, wo er diefen
          befolgen Fan.Schleiermacher.</p>
        <p>Wahılih, man hat, mas daz innere Leben der Kinder betrifft, nichts zu thım als
          abzuhalten, daß fie nicht geftört werden; und dann wiederum fie zu:jehen zu Xlaffen dem
          Wirken der Kiebe und der Regierung des Verftandes im Leben um fie her,Was fo nidht gut
          wird, dem ift gewiß auf keinem andern Wege was Sute8 anzuerziehen und etwas Böfe8
          auszutreiben. Das bejfjere Sefühl, was man auf diefem Wege gewinnt von dem Leben mit den
          jungen Geiftern ift wohl reichlich die Teeren Einbil-dungen mwerth, welde alles Gute in
          dem Menfchen für das Werk der Erziehung Halten. Einbildungen,die eigentlid dem Srundjage
          nad, der in iYnen liegt, jedes Höhere Bewußtfein zerftören.</p>
        <p>Schleiermacher,<pb/>"</p>
        <p>IH meines Cheil8 Halte wenig auf das nübliche.Wenn man das Leben nur für das nimmt, was
          der Menfh in der großen Maße auf fie wirkt, fo ift e8 in Der That nicht der Mühe werth. IS
          nehme aber bie menfHlihe Natur al8 eine noth:mwendige Stufe des geiftigen Lebens, die eben
          da fein muß, und von diefer Seite betrachtet {ft Fein Menfh unbedeutend, der etwas
          eigenthümlidhes hat, der die menfdlidhe Natur von einer eigenen Seite darftellt,Indeß ft
          e8 mit dem Nuben auch eine mißliche Sache. . Du fiehft ja, wie die Menfdhen fiH gegen mid)
          vermahren oder Alles von fih ftoßen, was id thue. Das macht mid wie du weißt nicht irre
          und verbittert mir das Leben, nicht, aber e8 fann do) au nicht Helfen, daß ih auf meinen
          Nuben ein aroßes Scewicht leae.Derfelbe.</p>
        <p>DO trunknes Schietfal! mweldhes Saufkelfpiel </p>
        <p>Treibfit du mit uns! Du weißt der Künfte viel!</p>
        <p>Mit Sturm und WolfenbruH Hinweg uns raffft du,</p>
        <p>Mit DoldH und Schwert uns aus Ö Leben Ihaffft u,</p>
        <p>Den Ehlen tödtejt du durd SchurkenhHände,</p>
        <p>Nach Laune nur vertheilft du deine Spende,<pb/>&gt;Bald Krone, Thron. und Schäbe fhenkft
          du uns,</p>
        <p>Xn Kerker bald und Sram verfenffit dır uns </p>
        <p>Der Weife münfdht, ev wäre nie geboren,</p>
        <p>Kon Hätte nie im Erbenfroft gefroren </p>
        <p>Und niemal8 ihn die SGiuthH der Welt verfengt;</p>
        <p>Unheil nur wird durch die Geburt verhängt,ur Wechfel Herricht und Trübfal hier auf
          Erden,</p>
        <p>Drum ift e8 befjer, nit gezeugt zu werden.Firdulfi.</p>
        <p>Sei dennoch unverzagt! Sib dennoch unverloren!</p>
        <p>Weich feinem Slücke nicht! Steh Höher als der Neid!</p>
        <p>Vergnlüge dihH an dir, und acht es für kein Leid,</p>
        <p>Hat fich gleich wider diH Glück, Ort und Beit ver:{Hmworen ,</p>
        <p>Was dich betrübt und Iabt, Halt alles für erkoren.</p>
        <p>Nimm dein Verhängniß an. Laß alles unbereut;</p>
        <p>Thu, mas gethan muß fein, und eh man dies gebeut,</p>
        <p>Was dır noch hoffen fannjt, das wird noch ftet ge boren. .</p>
        <p>Was FMagt, mas lebt man doch! Sein Unglück und fein Glüce </p>
        <p>If fh ein Feder felbft, Shan alle Sachen an,</p>
        <p>Dies AUile8 ft in dir! Laß deinen eitlen Wahn.<pb/>Und eh’ du fürder gehft, fo geh in diH
          zurüce!Wer fein felbft Meifter ift und fihH beherrihen Kann Dem ift die-weite Welt und
          Alles unterthan.</p>
        <p>Xaul Silemming.</p>
        <p>Einzelne MenfhHen und felbjt ganze Bölfer denken menig daran, daß, indem fie, ein jedes
          nach feinem Sinne und einer oft wider den andern, ihre eigene Abficht verfolgen, fie
          unbemerkt an der Naturabjidht,die ihnen felbft unbekannt ift, al8 an einem Leitfaden
          fortgehen, und an derfelben Beförderung arbeiten, an welcher felbft wenn fie ihnen Gekanut
          mürde, ihnen doch wenig gelegen fein würde.Kauf.</p>
        <p>Eine geiftige Athmofphäre, wie die Äußere, um:giebt die Welt und jeden ihrer heile,
          umgiebt das Jahrhundert und den Zag. In fie verbreiten fich alle Lebendigen Wirkungen des
          einzelnen, zu einem Ganzen; aus ihr wirken fie, ihm unbewußt, auf den Einzelnen zurüd;
          Gedanken, Empfindungen, Bor-jteNungSweifen fhmeben ungefehn in der Athmojphäre,wir athmen
          fie ein, aflimiliren fie und heilen fie <pb/>mit, ohne ung diefer Vorgänge deutlich bewußt
          zu fein. Mann Könnte fie die äußere Seele der Welt nennen: der Geift der Zeit ift ihr
          Refler und das merfmürdige Phänomen der Mode eine Fata-Morgana diefes Luftfreifes. €E€3
          umgiebt auch die einzelnen Heinern Kreife der SGefjfelljchaft, und wie eine zarte
          Contagion Töfen fi Sedanken in ihm auf, und influenziven auf diejenigen, die wir unfere
          eigenften mwähnen. SIft er glei das natur-nothmendige Er-gebniß der organifhen Wirkungen
          eines Ganzen, fo bemerkt der genaue Beobachter doch bald wie vor:zug3mweife Die
          LebenzZenergie eines Einzelnen ihn be:ftimmt, ihn zum Träger feiner Denkweije und diefe
          dadurch zu dem feiner Umgebung macht.v. Sieunctersfeben,</p>
        <p>Pfalm 1,Das3Z Loos des Frommen und des Sottlofen.Heil dem, der nicht mit SGottvergeffenen
          einig geht,Der nit an Weg der Sünder fteht,NochH fiet im Kreis der Syötter:Sondern feine
          Luft hat an Jehovas Lehre Und über defjen SGefeb finnt Tag und Nacht!<pb n="51"/>Wie ein
          Baum ft er, gepflanzt an Wafferbächen ,Der feine Frucht darbringt zu feiner Zeit </p>
        <p>Und deffien Laub nicht welt; i </p>
        <p>Und alles ma8 er [Hafft gelingt ihm wohl.Nicht fo die Sottvergefjenen.Sondern wie Spreu,
          die der Wind verweht.Darum beftehen die Sottlofen nicht im Seridht,Und die Sünder nicht in
          der Gemeinde der Gerechten Denn Jehova achtet wohl auf den Weg der SGerechten,Über den
          Frevker lenkt er inz Verderben.</p>
        <p>Durch Reif und Froft.</p>
        <p>Durch Reif und Froft im falben Hage Schreit id dahin bet rauhem Wehn,So fühl ih add durch
          meine Tage Mit leifer Klage </p>
        <p>Des HerbiteS KKihle Schauer gehn.Wo bift du reiche Iugendwonne,</p>
        <p>Du trunkner Glanz mir im Semüth,Ach, bleih und läffig hängt die Sonne Im Nebel, die fo
          IHön gealüht.<pb/>Die Freuden brechen auf und“ wandern Buguögelfhmwärme , fern hinab Und
          eine Hoffnung nad) der andern Vällt welt vom Bann des Lebens ab.Nur du gedämpfte
          LiedeSweife,</p>
        <p>Du meiner Sehnfucdht tröftlig Wort,Du bleihft mir treu und raufcheft Leife Auch unterm
          Eife </p>
        <p>Wie eine Heiße Quelle fort.„Sm, Geibel.</p>
        <p>Nicht durch SGelübde oder weibifche Gebete. erlangt man die Hülfe der Götter,
          Wachfamkeit, Chätigkeit,Klugheit fichern in allen Dingen den Erfolg; wenn dır di der
          Trägheit und Feigheit ergiebft, rufft du vergebens die Götter an; erzürnt und feindfelig
          wen:den fie ih ab.Seneca.</p>
        <p>IH freue mid mit einer {trebenden und in den Mefultaten noch nit gefangenen Kugend von
          Neuem <pb/>En zu fireben; aber auch al8 älterer Freund Hefonnen und ernft ihr die Heiligen
          Ziele der Menfhen und der Chriften zu zeigen, ohne melde au das Kultur:(eben volirte
          Barbarei und das Studium iInteller-tncller Schwindel wird. Unfer Ziel ift nicht das
          Willen, fondern edle Menfehlichkeit; unfer Ziel ift über ung allen, hoch über der arınen
          Sterblichkeit,Bott der Lebendige.Dr. Ybheod. Keim, „Akadem. Antrittsrede,“</p>
        <p>Der größte SGegenftand in der Welt, fagt ein großer Pbhikofoph, it ein redhtihaffener
          Mann, der mit Widermärtiakeiten fämpft.Mlpenrofen 1566.</p>
        <p>Wie die Pflanze die Kräfte ihrer NMeproduktion an Light und Luft nicht nur übt, fondern
          in diefem Prozeffe zugleich ihre Nahrung einfaugt: fo muß der Stoff, an dem fih der
          Berftand und das Vermögen der Seele überhaupt entwielt und übt, zugleich eine Nahrung
          fein.Hegel.</p>
        <pb n="24"/>
        <p>Uns gegeben </p>
        <p>Bum Troft ift holder Wahn, und wo entrathen </p>
        <p>Muß foldhen edlen Sporns ein trübes Leben,</p>
        <p>Muß rühmliches Bemühen.</p>
        <p>In träge Ruh’ fi wenden und verglühn.Oiacomo Leopardi.</p>
        <p>Doch mil ih gleichwohl, weil ih noch Hier trage diefes Leibes Joch,Auch nicht gar ftille
          [mweigen.Mein Herze fol fidh fort und fort An diefem und. an allem Ort Bu deinem Lobe
          neigen.Hilf nur und fegne meinen Seift Mit Segen, der. vom Himmel feußt.Daß id dir ftetig
          blühe.Sib, daß der Sommer deiner Snad In meiner Secle früh und fpat Viel Slaubensfrucht
          erziehe.Mach in mir deinem SGeifte Raum,Daß ih dir werd ein guter Baum,Und laß mid wohl
          bekleiden;Verleihe, daß zu deinem Ruhm,IM deines SGartenz {Höne Blum Und Pflanze möge
          bleiben.us Yanl Gerfard’s ‚„„Sommergefang.“<pb/>AR Wie ein Vater feinem Kinde Niemals ganz
          fein Herz entzeucht,Ob e8 glei bisweilen Sünde EThut und au3 der Bahne weicht,Alfo Hält au
          mein Verbrechen Mir mein frommer Gott zu gut,Wil mein Fehlen mit der Ruth’Und nidt mit dem
          Schwerte rächen;Seine Straffen, feine Schläge,Ob fie mir glei bitter feynd!Dennoch, wenn
          ich’8 recht erwege,Synd es Beiden, daß mein Freund,Der mich liebet, mein gedenke,Und mid
          von der fHnöden Welt,Die un8 Hart gefangen Hält,DurghH das Kreuse zu ihm lenke.Alles Ding
          währt feine Zeit,Sottes Lieb in Ewigkeit.</p>
        <p>Aus dem Lobgefang von S, Gerhard.</p>
        <p>Feigee Gedanken Bänglihes Schwanken,Weibilches Zagen,Nenaftlidhes Klagen <pb/>fr Wendet
          Fein Elend,Macht diH nicht frei.Allen SGewalten </p>
        <p>Zum Troß fih erhalten,Nimmer fih beugen,Kräftig fi zeigen,Rufet die Arme </p>
        <p>Der Götter herbei.Soefhe.</p>
        <p>Indem fo der Menfjch den göttlidHen Seift in {id wohnend Hat, wird er vom Seifte
          getrieben.“. „Die der Seift Gottes trübet, die find Kinder Gottes.“ Der Böfe geht gegen
          feine innerfte Natur, dagegen wird ihm das Sute zur (andern) Natur. Auf diefer hHöchften
          Stufe des fittlidHen Lebens vollzieht fi dann die fittlidhHe Forderung, wie eine
          Naturforderung, die Tugend -erfheint als das Kampflofe Herausfeken des in der
          MenfchHenfeele Kiegenden göttliHen Schalts,der Menfch fiegt über das Böfe durch fein
          Herz,nicht feinem Herzen zu Trog, und alles Handeln geht aus Dem unmittelbaren: Drang der
          ganzen,Sotterfüllten Menfhennatur Hervor, ohne daß man jeden Augenblit ängftlihH fragen
          müßte: wa8 ver:<pb/>A jangt jeßt die Moral von mir. Welche von beiden Seiten des
          fittlidhen Lebenz, der Kampf um das Xdeal, oder die ruhige Harmonie des Natürlihen und
          Sittligen das vorherrfchende bei einem Menfchen fei;z das Hängt von feiner NMaturanlage
          und geiftigen Organifation ab, und e8 ift einer der folgenjHwerften Frrthümer der.
          altkircdhliden Anfhanung, von weldhem die ganze Geftalt der orthodoren Dogmatik bedingt
          ift, alle Menfchen in einen Tiegel der SündhHaftigkeit zu merfen, und daher von allen die
          gleide Form und den gleihen Weg der fittlidhen Wiedergeburt zu verlangen: S. Sang.</p>
        <p>Wäre e8 möglich die Stimmung, aus weldher bie Fanft: Dihtung Hervorgegangen ift, mit
          einem einzigen Wort zu bezeichnen, Io wäre e8 jenes Wort,auf weldhes Göthe die Denkweije
          Hamans zurücführt.“Alles mas der MenfdhH zu Teiften unternimmt, es werde nun durch hat
          oder Wort oder Jonft hervor:gebradt, muß aus fämmtlidhen vereinigten Kräften zntfpringen ;
          alles vereinzelte ift verwerflich.</p>
        <p>5. Setiner.<pb/>6?Wer darf ihn nennen </p>
        <p>Und mer bekennen </p>
        <p>Sch glaub’ ihn.</p>
        <p>Wer empfinden </p>
        <p>Und fig unterwminden </p>
        <p>Zu Jagen : ih glaub ihn nicht?</p>
        <p>Der Allumfafjer ,</p>
        <p>Der Allerhakter,</p>
        <p>Faßt und erhält er nicht </p>
        <p>DihH, mich, fih felbft?</p>
        <p>Wölbt fih der Himmel nicht da droben?Liegt die Erde nicht hier unten feft?Und fteigen
          freundlich blidend </p>
        <p>Ewige Sterne nicht herauf ?</p>
        <p>Schau id nit Aug in Auge dir </p>
        <p>Und drängt nicht alles </p>
        <p>Nah Haupt und Herzen dir?</p>
        <p>Srfüll’ davon dein Herz, fo groß eS fei Und wenn du ganz in dem Sefühle felig bift Nenn’
          e8 dann wie du willft,</p>
        <p>Nenn’s Glück, Herz! Liebe! Gott!Ich habe feinen Namen </p>
        <p>Dafür. Gefühl ift alles,</p>
        <p>Name {ft Schall und Rau,Umnebelnd Himmelsaluth. Goethe.<pb/>AQ VBergänglichkeit,Wer jung
          ins Grab fih bettet, den beweine nicht,Und daß das Leben ein Gewinn, das meine nicht.Dir
          faugt der Geier Schmerz an deinem frifgen Blut,Doch quält er der Verftorbenen Gebeine
          nicht.Sie ruh’n: fein Schrei der Sehnfucht gellt fie aus dem Schlaf!Beneidenzwerthes Loos!
          E8 ift das deine nicht.Du fibeft fröhliH nimmer an des Lebenz Mal,Freujt dih an feinem
          golddurhaglühten Weine nidgt,Denn bitt’re Tropfen [Ywimmen drin: wen trifft e8 bald?Der
          Tod fhreckt auch vor fröhligHem Vereine nit,Und (Häumt des Lchenz Fülle durch die Säfte au
          Dein fhon geprüftes Herz, e8 traut dem Scheine nicht.Und folürfelt du des Augenblids
          Vergeffenheit,Sri fhrichft du auf: die Freude war die deine nicht,Drum wein’ um deines
          Lebens wechfelvolle Noth,Doch für die Todten unterm Leihenfteine niGt! </p>
        <p>In unfer8 Bufens Reine wogt ein Streben,Sid einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus
          Dankbarkeit freimillig hinzugeben <pb n="3"/>(Enträthfelnd fih dem ewig Ungenannten,</p>
        <p>Wir heißen: fromm fein! Soldjer feligen Höhe </p>
        <p>Hihl ih mid theilhaft, wenn id vor ihr ftehe. -OGoefhe.</p>
        <p>Wenn der Gott der Willführ und der Wunder für mi auffört, glaubwürdig zu fein, Toll 1 aud
          an den night glauben, der fi mir offenbart in den Sefeben und Ordnungen der Welt, der vor
          meinen Augen täglig fein Weltgeridht übt in den Sefdhicfen der Völfer, der in meinem
          SGemwifjen mit mir redet al8 der Heilige und Serechte, verfolgend jede Ueber:tretung
          ‚Jeiner Gefebe mit feiner unerbittlichen Strafe,der, fobald ich wieder einlenke in die
          Geleife des Suten, fi mir zu fühlen gibt al8 der Gnäbige, der daz reuige Kind mit feurigen
          Armen an fein Herz zieht, ihm zuruftz Friede fei mit dir! Das Alte ift vergangen, e8 Joll
          Alles neu mwerden;“ und die Seele füllet mit Freud und Wonne. Diefen Gott der religiöfen
          Erfahrung folte ich nicht glauben fönnen? glauben müßen? Wer darf fagen: ich glaub Shn
          nicht in dem wir doch keben, weben und find.</p>
        <p>Heinz. Sang.<pb/>OD wir tragen Unfraut,Wenn [Harfer Wind un8 IHont, und wer un8
          tadelt,Der n»flüct uns um.Shakespeare. (Antonins.)</p>
        <p>Und erfenn e8 far Wie alles [Hmwankfend und gefahrvoll ift Im Menfdhenleben. Slück und
          Mißgefchiek.Wer frei von Schmerz ift, blide hin auf’3 Leid Und wer im O©lück lebt, der fei
          vor Allem Auf feiner Hut vor undbenerftem Sturz.Sophokles. (Philoktet.)</p>
        <p>Timotheus wurde durch einen Beldhluß der Cpho-ren au3 Sparta verbannt, weil er der Lyra
          noch drei Saiten zugegeben.</p>
        <p>DBefenntnifje des Heil. Auguftin: Und es gehen die Menfdhen hin und bewundern Hohe Berge
          und weite Meeresfluthen und mächtig dahin raufdhende Ströme und den Ocean und den Lauf der
          SGeftirne und verlaffen fi felbit barob.<pb/>+4)Wenn man diefe Sonette und Canzonen und
          bazwifhen die wunderfamen Bruchftücke des Tage:6uchs feiner Iugend aufmerfjam lie8t, fo
          er] eint 28 al8 ob daz ganze Mittelalter hindurch alle Didter fi felbft gemieden. Er
          (Dante) zuerft fi felbit aufgefucht habe,DBaurkard.</p>
        <p>Der Roman Pamela, der im Jahr 1740, Ger au3 fam, Hatte Nihardfons Ruf auf den Höchften
          Sipfel erhoben. Diefes Buch, meldhes Stellen enhält,bie un8 Heut fehr unfohiclidh
          erfheinen würden, wurde damals fogar von der Kanzel Herab anempfohlen.</p>
        <p>Unter den edlen Männern, die mit Muth und Einfiot unferer Zeit den Spiegel beffen, was
          fie war und Deffen was fie werden foll vorzuhalten wagten, verdient Schloffer die erfte
          Erwähnung,Waz unz in feinen Schriften zunächft mwohlthätig berührt, ift die völlige
          Rückfichtslofigkeit, mit der er die Wahrheit und zwar die ganze volle Wahrheit nad) allen
          Seiten hin aus]pricht. Weder die Scheu <pb n="73"/>vor einem Verftoß gegen irgend eine
          äußere Autorität,no der Eindruck der allgemeinern Stimmung hat je auf ihn gewirkt. In dem
          ftolzen Gefühle feines Werth3 und der Unfträflichkeit feines Gemwifjens ftand or allein.
          Er verwifdht Feine Thatfacdhen, er mildert Feine Schwäche,3. Schmidt.</p>
        <p>€ ijft nicht3 leichter, al8 aus dem Bilde einer urfprünglidgen Natur alle Größe
          wegzumwifchen, man barf nur fein Leben in die einzelnen Tage zerlegen und den verbindenden
          Faden fallen Kaffen.Der Obige.</p>
        <p>Du prahHiit fo laut mit deinem Glück «nd ladeft dadurch das Unalück in dein Haus.</p>
        <p>Reich ift an eigner Tugend, wer die fremde ‚rt.<pb/>Bu Sclaven macht uns unbejhränkfte
          Freiheit,</p>
        <p>Ein Herz, das wohl mir. will, fhäß ich nod mehr al3 meines Bruders Blut.X, Syrus (griech.
          Dichter).</p>
        <p>Toute casse Tout se casse Tout passe.Benny Lind,</p>
        <p>Was die Didhter der neuern Schule vor unfern ältern Uyrifern unter[heidet, ift, daß fie
          niemals bei der Sache find. Die Kunft Hat die Aufgabe,den Segenftand in finnlicher
          Klarheit zu zeigen, nidt verwirrt durch anderweitige Borftellungen. E83 ij in der Malerei
          ebenfo. Der Künftler Kann die glän:zendften Farben und Linien anmenden, fie werden feinen
          Eindruck machen, wenn fie nicht der Sache angemefjen find und wenn fie die Einheit der
          Stim:mung {tören. Faft in feinem Zweige der Kunit wird <pb/>7m die Übweichung von diefen
          Sefeß fo inz Große ge:trieben, wie in der Lyrik. Man gebraucht den Gegen-ftand faft
          Lediglich dazı, eine Meihe glänzender Sil-der, Meflerionen, Gefühle daran zu nlpfen, ohne
          fi darum zu Ffümmern, ob fie in irgend einem Verhältniß zum SGegenftande ftehen. Daher die
          Styllofigkeit der Form, das breite cogette Verweilen bei NMebenfadhen und dıe
          leichtfertige Haft in der Darftellung der Hauptfadhe, endlihH Unklarheit und
          NRathlofigkeit in der fittlidhen Färbung. Der wirkliche Dichter ft immer objektiv, d. hH.
          er wählt immer die realen Charaktere und Ereignifje fo wie er fie für Tein Ideal braucht
          und wendet diejenigen Farben und Striche an, die dazu geeignet find, Ddiefem Ideal Leben
          zu verleihen. Wir Haben immer das Gefühl der innern NothHwendigkeit, weldhes der
          mwefentliche Prüfftein für den Werth eines Sedichtes ift. Heut zu Tage ift e8 unfern
          Didhtern unmöglihH, fih auf längere Zeit in einen Segenftand mit Andacht zu vertiefen; fie
          nüffen bei diefer Gelegenheit ihre An:fidten über Sott und Welt, ihre Kenntniffje über die
          Naturmifienihaft und den Contrapunkt, ihre metas phyfifgen SGrundläge und die
          NMeminiscenzen aus dem Salongefhwäß anbringen. .</p>
        <p>3. Schmidf.<pb/>"Ce Nachdem das Volk die Sebichte Virgils gehört hatte, erhob es fih in
          Mafle und erwies dem zu:fällig anmefenden Dichter ebenfo wie dem Auguitus feine Chre.</p>
        <p>Man Iaffe jeden nicht nur nach feiner Facon jelig werden, fondern au fhon auf Erden
          möglichft nach) feiner Facon glüclih fein.- Niel.</p>
        <p>Ueber Grab und Srabkult haben die eilenden VahHrhHunderte und alle Neuerungen, die fie
          mit fih führen, nur geringe Macht. Ihre Symbolik in den älteiten Anfdauungen unferes
          Sefhlechts wurzelnd,reicht. unverändert, menn auch zulekt nicht mehr ver:jtanden, hinab in
          die Zeiten des finkenden Chriften:thums und über diefe hinauZ in das neue Weltjahr,das
          Chrifti Menfdhwerdung eröffnet hat. Späte und frühere SGefcdledhter treten in unmittelbare
          Berührung und mit der Bedenutungskofigkeit zeitliher Trennung verbindet ih diejenige
          volfliHer Berfhiedenheit und räumlicher Entfernung. Liefert für jene dasz Ei:<pb/>ymbol
          ein Höchft merkmürdiges Beifpiel, fo Fritt die (ebtere in dem feilfledhtenden Denus, den
          Yegypten,Mfien, Griechenland und Italien in gleicher Weife fennt, nicht weniger
          überrafhend hervor. Die große Bedeutung, weldhe die alte Gräbermelt gerade durch diefen
          Charakter der Stetigkeit und Unwandelbarkeit gewinnt, wird durch den Einbli, den fie uns
          in die ihönfte Seite des antiken Geiftes eröffnet, noch er:pöht. Vermögen andere Theile
          der Alterthumswifjen-haft unfern Verftand zu fefjeln, fo gewinnt die Be:irachtung der
          Nekropolen unfer Herz und vermag nicht nur unfer Wiffen zu bereichern, fondern auch
          tiefern Bedürfnifjen - Nahrung zu gewähren. IH habe, wo fig Gelegenheit dazır bot, nicht
          unterlafjen auch diefer Seite meine Betrachtung zuzumwenden und jo viel an mir lag, jene
          Gedanken wieder zum Be:mußtfein zu bringen gefucht, deren Füke und Hoheit an der Stähte
          des Todes nur das Symbol, nicht die Sprache, darzulegen vermag. Dadurch bin ih vor allem
          einem Bedürfniß meiner eigenen Natur gerecht geworden, vielleicht aber au dem Höchften
          Biele aller Alterthumsforfhung, die Ibeen früherer Befdhlechter einer Zeit, die der
          Erfrifhung gar fehr bedarf, in ihrer Hohen Schönheit zu erfchließen, näher zefommen al8 e8
          an einer der. Form und der Ober:<pb n="7"/>ffäcde der Dinge Haftenden Betrachtung
          erringbar ift. Die ridhtige Verknüpfung des Befondern und des Agemeinen ift das Scheimnif,
          worin alles BVerftändnif ruht. Ift diefes für fih mwerthlos, fo bilden fie dagegen durch
          ihren Verein ein Sanzes, das beiden Seiten de3 menfHlidHen Seiftes, feinem Be:dürfnik nach
          Manigfaktigkeit und feinem Streben nad Einheit, gleidhermweife genügt.3. 3... Bachofen
          über SGräberfymbolik der Alten.</p>
        <p>Magft dur den Feind mit Liebe aud behandeln,Du wirft ihn nie zum wahren Freund
          verwandeln.Sirduß.</p>
        <p>Der Menfch fällt nur gar zu Leicht in den SFrrtyum,dasjenige für groß, für mächtig zu
          Halten, was mit itarfen Eindrücken auf feine Sinne wirkt und Teicht gibt er fi Der
          Täufgung hin, daß dasjenige aud unbedeutend fei, was unbemerkt und geräufhlos,aber ftetiqa
          im Stillen wirkt.Schleiden.<pb/>”Q </p>
        <p>Des Herren Auge dürtgt das Land.</p>
        <p>Der griechifhe Künftler Dinokrates, oder wie ihn ındere nennen Nafikrates, der Erbauer
          Alerandriens,irat einft vor Alerander den Sroßen hin und tadelte die Künftler, welde den
          gewaltigen Welteroberer bis:ger in Farben, Erz und Marmor Herzuftellen verfucht,da doch
          foldhe Bildchen, die gekauft, geftohlen und ingefHmolzen werden Könnten, nicht® weniger
          als nürdige Denkmäler feiner Größe feien. Ih dagegen jJabe mir vorgenommen, {prad) er, in
          einem unver:gänglidhen und lebendigen, ewig fejtwurzelnden Stoffe in Abbild unbewegbar und
          unerfHüttert für die Swigkeit hHinzuftellen. Der thrakijde Berg Athos,da wo er am Hödhften
          und fihtbarften über dem Meere auffteigt, fol durch meine Kunft zu einem Standbilde
          umgewandelt merden, das Alexander mwürz dig, mit den Füßen daz Meer, mit dem Haupte die
          Wolfen berührt; in der rechten Hand eine volfreiche Stadt tiragend, mit der linken aber
          einen immer Tießenden Bergftrom auZ einer Opferfhaale in das Meer ausgießend.<pb/>ACC Wo
          du deine Zeitgenofjen findeft, umgieb fie mit edeln, mit großen, mit geiftreiden Formen,
          fHlicke fie ving8 um mit den Symbolen des VBortrefflichen ein, bis der Schein die.
          Wirklichkeit und die Kunft die Natur überwindet.Schiller.</p>
        <p>Der Schmerz ift eine Frucht, Gott "yäßt fie nidt gedeihen Am Zweige der zu IHwahH noch
          wäre für die Laft.DT, Hugo.</p>
        <p>Die wahre Tugend ift, daß Ieder jede Frift Das thut, wozu er taugt und tüchtigq ift.</p>
        <p>1523 ftarb ‚auf feiner unbefejtiaten Burg Land:ftubl Franz von Sidingen. Hutten prie8
          feine Schlöffler al8: Herbergen der Gerechtigkeit. Da find die. Männer rechte Männer, da
          wird Gutes und Böles an- feinen gebührenden Drt geftellt, jedes gilt <pb n="4"/>was e8
          werth ift. Da Herrfchen Sottesfurht und Menfchenliebe, die Tugend fteht in Chren; Habfucht
          Ändet Feine Stätte, der Chrgeiz ift verbannt, Treu-(ofigfeit und Bosheit find weit
          entfernt; da find die Männer nicht nur frei, fondern au Hohherzig;man geht dem Rechte nach
          und flieht das Unrecht mit Abiheu; man Hält Verträge, bewahrt die Treue,verehrt das
          Heilige, fhirmt die UnfHuld.</p>
        <p>‚..Die dritte Kategorie hefteht aus einer fpecififchen Ybart der „beiten Männer“, welde
          ihrem Egoismus die Maste der Selehrfamkeit auffebt. Zunfimäßige Nachbeter fHolaftijdher
          Weisheit, zeihnen fie fic dur ihren Dünkel aus, der nur von ihrer, dureh hohles Wiffen
          gepflegten Charakterfofigkeit, überboten wird. Ihnen gilt jener Sas, weißer den
          überflüffiz zen Ballaft und das obligate Rothwelih verjhmäht,um das NMefultat der Forfhung
          in bürgerlicher Rede:weile vorzutragen, für unwiffenfhHaftlich. Diefe Baalspfaffen der
          Wiffen[hHaft, die weder die Logifche Kraft befigen, ihre Ideen felbftftändig zu
          bilden,noch das fprachlide Vermögen, ihren Gedanken ein zigenes Gewand zu IHaffen, Halten
          fiHd für gewiegte A <pb n="39"/>AMeifter, wenn fie die Formeln der Schule breit
          treten.</p>
        <p>Mer daz, was er fagen will, nicht in gemein,verftändlidher Sprache fagen kannt, der
          verfteht fidh felbft nicht; der Hat eine fremde Formel im Kopfe,die vielleicht gefeßmäßig
          gebildet ift, Die er jedoch im Strome des wirkenden LebenZ nicht ffüßig zu machen müßte,
          und deren wahren Werth er nit darzuftellen vermag. Die Denkwijfenfchaft bedarf nidht
          diefes Formenkram8, der ihrem eigenften Wefen zuwider Hr und nur den Mangel an Inhalt
          verdefen Hilft,3. fan.</p>
        <p>Treten Künftler in einem Lande auf, ift die Rraft derfelben fo umfaffend und tief, daß
          ihre Schöpfungen zu einem heile des allgemeinen geifli:gen RNeichthHums werden; dann
          Hietet die Stellung,welche folge Männer einnehmen, Feinen Maßfjtab für die Behandlung
          weniger begabter Naturen. Weder ir hoher Mang (wenn er ihnen eingeräumt wird)no ihre
          Verlafjenheit (menn ihnen diefe zu Theil wird) gibt für Andere ein Präjudiz ab. Solde
          Seifter Haben ihre eigenen unberechenbaren Schicklale.<pb/>=Meijtentheils ft e8 großen
          Dichtern und Künftlern zlend genug ergangen. Daran ift weder die Bosheit der Menfchen,
          noch die fehlerhafte Einrichtung des Staatsorganismus fhuld gemwefen. Der Srund liegt
          darin: daß foldde Männer dem praktijhHen Leben des Tages nicht3 bieten können. Während fie
          an die Kahrhunderte denkend, den Tag vergeffen, rächt fich der Tag und verweigert ihnen
          das, was er denen fo reichlich gewährt, weldhe ohne Sebdanken an nach:her und vorher, der
          Gegenwart mit allen Kräften zu dienen beitrebt find.nermt. Orimm.</p>
        <p>Die Hervorhebung der Eigenthümlichkeiten des Ipantfden Dramas, namentlig feiner
          VBermifdhung des Komifhen und Tragijdhen war e8, welche Leffing auf das wichtige Zhema von
          der NMadHahHmung der Natur durch die Kunft führte.</p>
        <p>In der neuern NWefthetit ift jene Frage dahin zrledigt, daß die Kunft eben die
          Erfheinung, weldje die Natur gefhaffen,. aber im SGedränge des ftörenden Zufallzg
          Trübungen jeder Art ausgefeßt Hat, auf die Reinheit zurücführt und fo gereinigt in einem
          idealen Scheinbilde wiederholt, während fie in der Zurück:<pb/>führung felbjt das Vorbild
          mit der Beftimmtheit feiner Formen und der Wärme feiner Lebendigkeit nacheifernd im Auge
          behält.</p>
        <p>Lefage,. der des Morgen bald nad Sonnenaufs gang aufftund, murde Lebhafter,
          tHeilnehmenbder und Fräftiger, jemehr fi die Sonne dem Meridian näherte;aber fo wie fie
          fid zum Untergange neigte, verän:derten fiG Empfindungsfähigkeit, Klarheit des SGeiftes
          und Fähigkeit der Sinne ganz in demfelbden Maaße al8 er bald nad Sonnenuntergang in eine
          Art von Lethargie verfiel, aus der man ihn nicht einmal zu erwedden vermochte.</p>
        <p>Eine Brantweinfäuferin litt an einer volllomme-nen Lähmung des rechten Aıms. Al ihr eines
          Tages ihr Enkel erzählte; Der Arzt Habe gefagt,daß ihr Saufen wohl die Urfache ihres
          Nebel8, jeden:fall8 aber die angeftellten Heilverfuche vereitle, gerieth fie in heftigen
          Zorn, daß fie dem Knaben eine Fräftige Mauljchelle mit dem gelähmten Arm gab,defien
          Lähmung von Grund au3 gehoben war.</p>
        <p>Dr. $. Wald.<pb n="35"/>Wie! das Bedenken, was man glauben Könne,Sollt Euch ein gutes
          Werk zu thun verhindern?Nein, Handeln wir nur ftet3 nad unfrer Pflicht Und fümmern uns um
          Feine andere Sorge.Yoliere.</p>
        <p>Bernt Tugend unterf[Heiden von dem Schein,</p>
        <p>Seid nie zu {nel zur Hand mit Eurer Addtung,</p>
        <p>Und mo ihr zweifelt mählt den Mittelweg.</p>
        <p>Man fol zu leicht nicht jedem Trug vertrau'n,</p>
        <p>Und doch die feltnen Suten nicht verfennen.</p>
        <p>Und müßt ih mid für ein Eytrem entfhließen ,</p>
        <p>So fehlt ih Keber durch zu viel Vertrau'n.Doliere.</p>
        <p>Dante wußte noch nicht, daß die Erde fih um die Sonne bewege, gleichwohl Hatte er
          bedeutende Renntnifje in der Ajtronomie, und feine NMaturbe:raddtung war nad allen Seiten
          geöffnet. Heute fennt Jedermann den Sang der Erde, aber allge:meine Sfeichgiltigkfeit
          macht den Werth erweiterter Renntniß leblos und fruchtlos.<pb n="26"/>Anftatt dem Himmel
          zu danken, wenn man nicht zu erforjhen braucht, wie und mit welchen Kämpfen ein Dihter das
          Unvergänglide aus feiner Umgebung und au8 feinem armen Leben Heraus ins Sichere bradite,
          Hat man aus feinen Reliquien ( Betrarcas)eine Lebenzgefchihte zufammengeftellt, welche
          einer Anklage ähnlich fieht.Rurkardf.</p>
        <p>Darwin fucht zu beweifen, daß die ganze orga-ni[He Welt in einer unaufhörliden Wandelung
          be:griffen ift, in Folge deren fi die heutigen, wenn auch noch fo Hoch organifirten Thiere
          und Pflanzen au8 einer oder einigen einfachen Urformen entwidelt haben. Da daz Pflanzen:
          und hierreih auf ihren unterften Stufen in einander übergehen, fo ift die Annahme eine8
          einzigen primitiven nach obigen An:deutungen ohne Zuthat eines SchöpferS entjtandenen
          Organismus mahr[heinlicdher, aus welcher fih fpäter zahlreihe Formen in den zwei
          Hauptrihtungen der organijdHen Meiche Herausgebildet Haben.<pb n="3"/>4 Goethe macht die
          Entdetkung, daß auch der Menfch zinen Zwifhenknochen der obern Kinnlade (os
          inter-mascillare) habe. Bis zu diefer Entdekung hatte man angenommen, daß der Knochenbau
          des MenfHen von dem des Thieres felbft auf feiner Höhften Entwicklungs:Rufe, dur den
          Mangel diefes Knochenz fih unter:Igeide. Goethe gelangte zu diefer Entdeckung durch
          Ber:gleiden von Thier= und MenfhenfhHäbeln und durch die Ahnung der durhaechenden Einheit
          der Natur.</p>
        <p>Daz Denken, das den Willen in der Bildung des Charakter3 leitet, Halt in der Sefühlstiefe
          wieder,wird Sefinnung. Die Sefinnung bewegt mächtig die Welt der Triebe und Leidenfhaften
          und Hält fie zugleich zur Cinheit des geiftigen Gefekes zufammen.Mit diefer geiftigen
          Wärme die Welt in fiG und fig in der Welt vernehmend, heißt der Charakter SemüthH und dies
          gibt ihm zur Schneide die Innig-feit. Wenn wir die zufjammengehaltene, im eigenen Bentrum
          unendlich webende und diefes Centrum zum Welteinflange erweiternde Sefühlstiefe des
          Charakters Semüth nennen, fo wende man nicht ein, der große Mann. der eneraiflch
          Entichiedene fei nicht gemüthlidh.<pb/>3Q Gemüthlichfeit, was wir fo nennen ift cS nidht,
          wo:von wir reden; diefe8 Element einer hHalbfinnlichen,wohligen Behaglichkeit bezeichnet
          FeineSwegS jene im Kampfe errungene Umbildung, jene geiftige Liebe,um die e8 fi Hier
          Handelt, vielmehr ftedt gewöhlich nur Das’ ungebildete Herz dahinter, das gutmüthig ift,
          fo lange e&amp;8 nicht boshaft, aufgeräumt fo lange e8 nicht Taunifh ft. Das SGemüth ift
          tief, fejt und treu, denn e8 gründet im Willen. Die ächte Innig-Ffeit ift e&amp;8, durch
          die wir im Anbhlig des Charakters den Eindruck Haben, zu Haufe zu fein, denn er’ ift_feine
          eigene Welt und Hat in diefe feine Welt die Welt aufgenommen und ans Herz gefchloffen, ift
          alfo eine Angel der Welt und der Zufhauer ruht an ihm aus, weil er die Unendlichkeit
          findet. Semüthlichkeit geräth bei der näcften Gelegenheit außer fih, Se:müth bleibt in
          fich.Sir. Difßher (Lefthetid).</p>
        <p>Sut Brutus, du bift edel, doch ich fehe </p>
        <p>Dein Löblidhes Semüth kann feiner Art </p>
        <p>Entfremdet werden. Darum ziemt e8 fidh,</p>
        <p>Daß Eble fi zu Edlen immer Halten,</p>
        <p>Wer ift jo fejt, den nichts verführen kann.Shakespeare.<pb/>:Q Bleib bei un gnädig, reft’
          dein Chr,</p>
        <p>Erhalt dein Wort und Heilfam Lehr.</p>
        <p>Du Haft doch allen Swalt -und Macht,</p>
        <p>Dbgleih die Welt dein nicht viel adht,</p>
        <p>Was iit die Welt, was it ihr Kunft,</p>
        <p>Was ift ihr Phantafei und Dunit!</p>
        <p>Wer dein Wort Hat, derfelb befteht,</p>
        <p>Sunft, Kunft, Stolz, Muth, Troß, OÖmwalt vergeht,N. Seluedker 1530,</p>
        <p>Ö’we was find verfgmwunden allin minin Sahr!Xit mir mein Leben getraumet oder it e&amp;
          wahr?</p>
        <p>Alters-Freude und Abentfhin Mögen wohl gelih einander fin.Sie troeftnet wol und varent
          hin,Als ime regen ein muedin bin.MBMalter von der Bogekweide.</p>
        <p>Saelsfield gab dem Kertbeny auf die Bemerkung,aß er ein urächtes Deutih {chreibe, troßdem
          er in <pb n="90"/>frühefter Jugend dem deutfchen Boden, dem deutfchen Klange entrüct
          worden fei, zur Antwort: Sehı richtig da3 Niterarifhe Deutfdh feit wenigftens zwei
          Kahrhunderten ging aus Iateiniicher Bildung hervor,ahınte des Römifhen oder gar des
          Küchenlateins,dann des Franzöfijhen Beugungen nad. Ih dagegen ging aus dem Englijdhen
          zurücg ins Deutfche. Das Englifhe aber, troß feiner Vermifjhung mit gallifcdhen Worten,
          ift in feinen Grundbau angelfäch fifch, dänijd oder weiß Sott fonft mas, aber jedenfalls
          reiner germanifd erhalten. Ih madte daher nicht8, als ich fhrieb mit deutfhen Worten
          englifch, nach englifdhen Conftruktionsbedingungen , und fiehe da das war denn deutfcher,
          als das Iateinifhe Selehrten:Deut{h.</p>
        <p>Wer die Sefhihte durdhforfcht, muß die Poefie al8 einen der mächtigften Hebel zur
          Erhöhung des Menfhengefhledht3, ja alz wefentligHes Erforderniß für deffen Auffdwung
          anerfennen; denn wenn jedes Bolke8 eigenthümlide Sprache der Stamm ift, an dem alle feine
          innerften Kennzeidhen fi darthun und entfalten, [o geht ihm erft in der Dichtung die
          feines WadhHzthum8 und Sedeihenz auf: Voefie ft das,<pb/>wodurch uns unfere Sprache nit
          nur lieb und Heuer, fondern woran fie un8 auch fein und zart mird, ein fi auf fie
          niederfebßender geiftiger Duft.Fines VBoltes Sprache, weldem Keine Dichler auf:zrjtanden
          find, ftodt und beginnt almälig zu welfen,mie da3 Bolt felbft, dem foldhe Begeifterung
          nicht zu Theil ward, zurück gefebt und odnmächtig erfcheint,gegenüber den andern fih daran
          erfreuenden. Der zinzelne Dichter ift e8 alfo, in dem fihH die volle Natur des Volks,
          weldhem er angehört, ausdrückt,gleichfam einfleifht, al defjen Genius ihn die Nach=welt
          anfdhauen wird, auf den wir Mitlebenden aber ion mit den Fingern zeigen, weil er unfere.
          Herzen gerührt, unfern Gedanken Wärme und Kühlenden Schatten verliehen, einen des Lebeuz
          SGeheimnijfe aufdrehenden Schlüfjel gereicht hat.Zakß. Orimm.</p>
        <p>Am lang verfchleierten Gemälde bleichen </p>
        <p>Die Farben endlich ab, melf wird die Blüthe,</p>
        <p>Die fi umfonft nad Lit und Sonne mühte,</p>
        <p>Die Kraft verfiegt, Kanır fie nicht Muhm erreichen.3. £ingg.<pb/>)°8 ift ein Wunder und
          fehr ärgerliH Ding, daß,nachdem die rechte und reine Lehre des Evangeliums wieder an den
          Tag gefommen ift, die Welt immer ärger geworden ift. Iebermann zieht die AHriftlihe
          Freiheit nur auf fleihlidgen Mutywillen. Darum ijt des Teufel8 und des Papftes. Reich, was
          das äußerlide Megiment anbelangt, am Deften für die Welt, denn hiemit will fie regiert
          fein, mit firengen Sefeben und Rechten und mit AWerglauben. Durdh die Lehre von Sottes
          Gnade wird fie ärger. Ad!Welt bleibt Welt! Hat ihr unjer Herr Iejus night Gelfen Können,
          fo mwerdenz wir au Dabei bleiben (afjen und fie immer hinfahren kajfen, wohin fie ge:Hört:
          zum Teufel!Sufher.</p>
        <p>KXeder arbeite für das Volk, morunter ihn fein Schietfal geworfen und er die. Iugend
          verlebt Hat,juche deffen Herz zu erfhüttern und mit WohNAuft und Entzücen zu fHmwellen,
          fuche deffen Luft und Wohl zu verftärfen und zu veredeln und Helfe ihm weinen,menn e8
          mweinet.Geinfe.<pb/>Das Hauptvergnügen an einem Kunftwert für zinen weifen Beobachter madt
          immer am Ende das Herz und der SGeift des Künftlers8 felbft und nit die voraeftellten
          Sachen.Obiager.</p>
        <p>Schulplan des tHalmudifch=rabbinifhen Unterrichts vom -Kahr 1650.</p>
        <p>Nahe bei der berühmten pradtvollen Synagoge ift das Schulhaus mit fechs Klafflen. In
          jeder Klafie ift ein Lehrer; in der erften lernen die Kinder hebräifh lefen; in der
          zweiten die fünf Bücher Mofes mit dem dabei üblihen Recitativ;z in der Dritten überfeßen
          fie Die fünf Bücher Mofes mit dem Commentar des RMafdhdi, in der vierten lernen ie die
          Hiftorijhen und prophetilHen Hücher der Reihe nad mit dem Recitativ, ein Knabe liest einen
          hebräifhen Vers, überfebt ihn, die Andern Hören au u, ff, in der fünften Kaffe gewöhnt man
          die Knaben den gefeblidhen Theil des Thalmuds (Halacdha)von felbit zu Lefen und zu
          verftehen, hier fprehen fie num in Hebräifher Sprache, die Halaha auszgenom:men, die in
          die Landesvrache Überlebt wird, auch <pb/>Q4 fernen fie hier gründlih Srammatit und
          fäglihH eine Aohandlung auz dem Thalmud (der Semera), beim Herannahen eines Fejtes werden
          die Meblichkeiten diefes Feftes in dem NRitualbuche ftudirt. Von hier Fommen dan die
          Schüler in die fedhste Kaffe, auf die Hohe Schule zum Präfidenten des Nabbinerfolle:gium8,
          hier lernen fie täglich einen Ab{Hnitt in der Srammatik und in den verfhiedenen
          Commentatoren,Halten Disputationen über Mainonides und andere Dogmatiker und Haben eine
          reich verfehene Bibliothek die ihnen zur freien Benugung im Haufe zu Gebothe fteht. Die
          Unterrichtszeit ift für alle Klaffen gleich,Morgenz von 711 und Mittags von 25 Uhr,im
          Winter zur Zeit des Abendgebetes.Spinoza, Bd. 1, S. 25,</p>
        <p>Die SGefchidhte der MenfHheit ftellt unz die Be:wegung des menfdhlidhen Seiftes aus
          feiner Natür-likeit Heraus zum göttliden Seijte dar, fie zeigt un8, mie der Menfch
          anfänglihH in die tieffte Natür-(ichkeit verfunkfen, der Natur, außer ihm unterthan, in
          jeinem Handeln durH die wenn au von Anfang gottbegabte, alfo nit thierijde Natur in
          ihm,<pb/>GR dur) bloße Naturantriebe Geftimmt, allmälig durch Religion, Sitten und Gefege
          die Sinnlichkeit bändigt,die Schranken des Bodens und Mimas bis auf einen gewifjen Grad
          durcdHbricht und aus dem Weben des natürlichen Triebes fiH zum Leben des GSeiftes em:por
          arbeitet. Auf Feinem Punkte diefer Entwicklungs:dahn ift der MenfdH nur der Menfh nur der
          endliche Ichlechte, gottentfrembdete, unvernünftige, das Göttliche it ihm immer
          gegenwärtig, weil die göttlige Chen:6ildlichkeit zu feinem Wefen gehört; daz der
          menfch-lien Natur von Haufe aus einwohnende Göttliche,das in’8 natürlide MenfchenhHerz
          gefhrieben, göttliche Sefeg (Nöm. 2. 14.) beginnt feine Entfaltung mit dem Anfang der
          menfHlihen Entwidlung und ver:Ihafft fi einen Ausdruck in den Religionen, Mytho-logien,
          Poefien, Sefegen, Sitten und übrigen Lebens-Tormen felbft der ungebildetften Voller. Diele
          Entwicelung. des menfhlidhen Geifte8 vom Niedern zum Höhern muß einerfeit8 betrachtet
          werden als die jelbiteigene That des MenfhHen, als feine almälige Entfaltung aus dem Traum
          des natlrlidhen, finnlidhen Lebens, in weldem er anfang8 befangen ift, zur vollen Freiheit
          und Unendlichkeit des SGeifteS; e8 ft die Sefdhichte der fi bildenden und entwidelnden
          Vernunft, deren ThHätigkeit wir au wieder finden,<pb/>2]a wo ihre Produkte unferer jebigen
          Erfenntnif ganz fremd und unvernünftig erfheinen, wie in den Mytho:fogien der alten
          Bölfer, in den Dogmen und Kirdhen:gefhihtlihen Kämpfen des Mittelalters. Nur bei diefer
          Betrachtung erfcheint die Sejdhichte des menjdh-chen SGeiftes nicht bloß als eine
          Gejdhihte der trauig-ten unbegreiflichften Berirrungen, nicht als eine Rum:pelfammer de8
          Unfinn8 und YNoermikes, nicht als ein finnlofes Wirken KHMeinlicher perfönliher Motive und
          äußerer Zufälle, wie der rationaliftijdhe Sefhichtsprag-matigmu8 fie betrachtet Hatte,
          fondern al? eine organijde Bewegung, al8 eine, wenn auch nicht ftetige, dog im Sanzen
          geordnete NMeihe von Entwicfelungen, die im Trieb des SGeiftes begründet find, das ganze
          geiftige und natürlide Univerfum mehr und mehr al8 feine Wirklichkeit, als Spiegel feiner
          felbft zu erkennen, als eine innere. Nothmwendigkeit, die fig in dem trüben Spiel äußerer
          Zufälligkeiten und menfhliher Willfür immer wieder zu behaupten weiß.$% Lang. Sang durdy
          die Hriftf. Welt.<pb/>A“</p>
        <p>Und Schönes {ft ja Götrliches, Teicht verhüllt Durch einen For, den un8 des Denkers
          Weljen erfor]hendes Auge Wftet.Daten.</p>
        <p>Walter Scott macht die Sittlihkeit zur Bafız aller Xunft. Iede unfittliche Anregung Haßt
          er und mit Recht, Aus feinen Werken, die nie und nirgend ud) nur von Ferne das Unedle in
          Schuß nehmen,dürfte fih daS vorausfeben lafjen. Allein e8 Könnte im Stoffe, im Talente des
          Verfafjer8 liegen, daß er Rippen zufällig mied, die fo mandje unferer Schrift:iteller
          aufzufuchen Jheinen. Um fo mehr erfreut uns jet dieje Reinheit feiner Werke, da wir
          finden, daß fie aus begründeter Kunftanfiht hervorgeht. Wäre gier der Ort dazu, eS Kieße
          fih Manches über diefes Thema fagen und thäte noth, daß e8 gejagt würde.68 ift wahr, die
          Theorien Haben viele Winkelzüge aufgefunden, gewiffen Ausfhweifungen in das Gebiet der
          Unjittlichfeit, die fie durch das Vorbild der größe:ten Meifter zu rechtfertigen fuchen,
          al8 ein der Runft angehöriges Recht zu erweifen. Winkelzüge die nicht Keicht und nicht aus
          dem Steareif zu wider <pb/>3?(egen find. Man möchte in diefer Beziehung mandjen
          ScHriftftellern des Heutigen Tages ftatt aller Fritifdhen Sründe, Goethes Wort
          ‘zurufen:</p>
        <p>Wollt ihr erfahren mas ih ziemt,</p>
        <p>So fraget nur bei edlen Frauen an.</p>
        <p>„.. Denn der Sinn für das Schöne hängt ftreng mit dem fittligen Sefihl zufammen; einem
          reinen Semüth verfhmikzt beides in Eins. Wer fi daher am Semeinen in der Kunft erfreut,
          der fet arg:möhnifdh gegen feine Sefinnung in Leben und That...</p>
        <p>Daz große Sejebe, nach dem alle äußern Be:ftimmungen und Formen fih überleben und
          zerfallen müflen, weil der Seift, in emwiger Verjüngung und Fortfchreitung fie auswächst
          und zerfprengt, diefes Sefeb, nad dem fih fogar das Recht ändert, dem fi Könige und
          Völker, ja die Religion felbjt beugen muß, das waltet au in der Kunft, die fih noch feiner
          ewigen Form zu rühmen gehabt hat und nie rühmen wird...‚..£aßt die großen Früchte des
          vorigen IJahr-Yundert8 nicht verdorrend auf dem Speicher liegen.Lefet euch denn leider
          gefhieht e8&amp; wenig! mit Eifer in die großen Kunftanfihten eines Leffing,Herder,
          Goethe, Schiller, Auguft Wilhelm Schlegel,<pb/>JO Jean Bank und Tief Hinein, aber flieht
          mißtrauifch bie feichte Kritit unferer Tage und Tagesblätter, wo unter Haufen Spreu felten
          ein Waizenkorn anzu:treffen it,Sudw. Neflfkaß.</p>
        <p>Hiebei befenne ih, daß mir von je her die große und fo bedeutend FMingende Aufgabe:
          erkenne did Telbft, immer verbächtig vorfam, al8 eine Lift ge:geim verbündeter Priefter,
          die den Menfhen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Thätigfeit "gegen
          die Außenwelt zu einer innern alien Befchaulihkeit verleiten wollten. Der Men fennt nur
          fich felbjt, infofern er die Welt Kennt, die r nur in fig und fi nur in ihr gewahr
          wird.Zeder neue Gegenftand, wohl befhaut, fchließt ein neue8 Organ in un8 auf. Id habe in
          reifern Jahren große Aufmerkffamfeit gehegt, inwiefern andere mich wohl erfennen möchten,
          damit id in und an Onen, wie an fo viel Spiegeln, über mid felbft und über mein Inneres
          deutlidjer werden Könnte. Wider:lacher Fommen nicht in Betracht, denn mein Dafein ift Ynen
          verhaßt, fie vermerfen die Zwede, nad) weldhen <pb n="100"/>mein Thun gerichtet ft und die
          Mittel dazu achten fie für ebenfoviel fallhes Beftreben. Ih weije fie daher ab und
          ignorivre fie, denn fie fönnen mid nicht fördern und das ift’8, worauf im Leben alles
          anfonmt; von Freunden aber lafle ih mid ebenfo gern bedingen al8 in’3 Unendlihe Hinweifen,
          {ftet8 merke id auf fie mit reinem Zutrauen zu mwahrhafter Erbauung.ÖSuoethe.</p>
        <p>X habe mid in den Monologen felbft idealifirt und nun meinen die Guten, ih bin fo.
          Nämlich ich bin fo, c8 ift meine innerfte Gefinnung, mein wahres Wefen, ja freilidH aber
          das Wefen kommt ja nie rein hHerau8 in die Erfheinung; c8 ift immer getrübt in diefen
          armen Leben und dies SGetrühte fteht nicht in den Monologen.Schletermacher.</p>
        <p>Das {(Hönfte Glück des denkenden Menfdhen ift:das Erforjhlidhe erforfcht zu haben und das
          Uner-forfHliche ruhig zu verehren.%oeffe.<pb/>LO Wer alle überlegt hat, der wird fi nicht
          irre machen laffen durch das banale Gerede einficht8lofer Vhilifter: Wozu unfere Jugend
          mit Lehrgegenftänden quälen, die fie im fünftigen Leben bo nicht mehr brauchen? Zugegeben,
          daß die Mehrzahl im Lchen ihre Claffifer nicht mehr anfieht, fo behält doc der Austpruch
          fein volles Gewicht; Multa discimus in futuram oblivionem. Den Livius, Tacitus,Homer und
          Sophofles lelen das braucht der Jüngling, der fein Abfolutorium in der Talcdhe hat,der
          Theologe, Iurift, Mediziner allerdings nicht;aber diefe Claffifer einmal gelefen zu Haben
          das tut Yın noth und davon behält er die fegensreihen Yolgen fein Leben lang; denn diefe
          Lectüre Hat feinem Seift und SGemüthH und SGejHmak in der Zeit der höditen
          Bildungsfähigkeit eine Richtung und ein Sepräge gegeben, das nie wieder verloren geht; fie
          hat einen Menichen aus ihın gemacht, der er fonit nicht geworden wäre, einen gebildeten,
          Harmonifdh gebildeten Menfjhen, mit fittlih = äfthetijdhem Semwifen, mit Sinn für Edles
          und Großes, einen Menfdhen, der mit dem Heautontimorumenos des Terenz fpricht:</p>
        <p>Homo sum, nihil humani a me alienum Duto.Brofichüre über das babr. Ghmnafialtvefen.<pb n="9"/>Mit. (Hönen Worten prie8 Fichte das Schicffal bes großen Schriftftellers:
          „Unabhängig von der MWandelbarkeit IpridHt fein Buchftabe in allen Zeit:altern an alle
          Menfehen, welche diefen Buchftaben zu beleben vermögen und begeiftert, erhebt und veredelt
          Bi8 an das Ende der Tage.</p>
        <p>Alles wa8 unflern Seift befreit, ohne un die Herrihaft über uns felbit zu geben, ift
          verderbliq.Nur das Gefeß kann uns die Freiheit geben.</p>
        <p>Hefe.</p>
        <p>8 fieht wahrhaftig auf dem deutfhen Parnafie ‚benfo toll au8, als in der europäilden
          Politik.Sott fei bei unz. IH mußte den gefpreißten Mangel perdauen, der damit auftrat,
          befheidentlihH Soethe Thlecht zu madhen und den geipreißten Srabbe,der befcheidentliH
          Shakespeare Ihleht macht und die Bhilofophen, die Schiller zu Ffrivol finden. If Ihnen
          denn dies neuere, hHochfahrende, unerfreuliche Wefen, diefer widermärtige Cynismu8 auch fo
          fatal wie mir? Und find fie mit mir einer Meinung,<pb/>A daß eS die erfte Bedingung zu
          einem Künftler fei,daß er Mefpekt vor dem Großen habe und fich davor beuge, damit das
          Heine Talgliht ein wenig Heller leuchte. Wenn einer das Große nicht fühlt, fo möchte ic
          wiffen, wie er e8&amp; mich fühlen laffen kann und wenn all’ die Leute mit ihrer vornehmen
          Ber:actung endlih felbft nur NadahHmungen diefer oder jener Menßerlichteit Hervorzubringen
          wiffen, ohne Ahnung von jenem freien, frifhen Schaffen, unbe fjorgt um die Leute, um die
          Nefthetit, um die Borz heile, um die ganze andere Welt, ;SS, Mendelsohn-Bartholdi.</p>
        <p>Sewalt’ge Leidenfchaften Hat zuerft un Gott ins Herz gepflanzt.</p>
        <p>Dann fagt er un8: „Ih ftrafe dihH, wenn du fie nicht bemeiftern Fannft.“</p>
        <p>Wir Armen! Spricht ein Vater wohl: „Die Schale Ffehre um mein Kind.“</p>
        <p>Und ftraft fodann das Söhndhen, wenn der Inhalt auf den Boden rinnt?“</p>
        <p>Amer Ehyam. Verf. Dichter.<pb/>A C++Die Bezeichnung des SGegenfaßes zwifhen den Drtodoren
          und Reformern dur „Sefühlsridtung“und „Berftandesrihtung“ {ft al8 einfeitig und
          irre:leitend, abzulehnen. Die Religion ift un auch Sefühl und Semüthsbemwegung, weil ein
          alfeitiger VebenSprozeß. Denn fie Yjt die freie That des Io,die im Denken alz Höchfte
          Wahrheit anerkannte, im Sefühl als tieffter LebenSgehalt empfundene, im Willen als
          reinftes Lebensinterefje aufgenommene Offenbarung des Unendlidhen in ununterbrochener
          DurhHdringung von Denken und Fühlen und Wollen als Lebenzmacht über fih zu feßen. Und die
          Gegner gebrauchen, um den Sehalt ihres reli:giöfen SGefihls zu Begriffen zu geftalten, den
          Verz ftand nicht weniger als wir, nur daß ihr Berftand in den VBorftellungen Überlieferter
          Sagungen be:Fangen ift, während wir den unfrigen von folcher Befangenheit frei zu Halten
          Juchen.</p>
        <p>5. Sana.</p>
        <p>OO meine Freunde, diefe Beharrlichkeit, diefer unerfchütterlide Glaube, diefe durdy, kein
          Mißlingen zu tilgende Bereitmwilligkeit immer wieder das unfriae <pb n="3"/>u thunm zur
          Befferung der Menfchen, ift ja das inzige, wodurch wir un um fie ein Verdienft er:werben
          Können, das in etwas mehr Gefteht, al8 in guten Wünfchen; e8 ift ja das einzige, modurch
          wir tauglidhe Werkzeuge des Herrn werden Können, der,wie er felbft um zu lehren und zu
          Heiligen, menfdH:fie Natur an fig genommen hat, fo auch bei feinen verborgenen Heiligenden
          und Gefeligenden Wirkungen auf die Gemüther der MenfhHen fiH immer menfhli-her Kräfte
          bedient und au der unfrigen fi Scdienen will, wenn gleich wir das, was gefdhiecht,nicht
          aus dem, wa8 wir gethan haben, begreifen fönnen, fondern eS immer nur ihm und feiner
          wun:derbaren göttlidHen Kraft zufhreiben müflen. Ihm jet alfo zu diefemnm Behufe immer
          alles, was in un8 it, geheiligt und Fein lieberes Sejhäft gebe ec8 für un8, al8 feinen
          Winken zu folgen. Dann fönnen wir iger fein, daß Er fih unferer auch bedienen wird hier
          und da um andere zu einem befjern Leben zu aweden und“ fie größere Herrlichfeiten genießen
          zu laflen al8 die, welche fie bald erfhöpft haben mürden.Schleiermacer.<pb/>L </p>
        <p>65 Söethe und Schiller find nicht blos die dihterifchen Befreier der Deutfhen, fondern
          weit mehr noch die fittlichen. Die Nebermindung der Sturm: und Drang-periode war die
          Zügelung der entfeffelten dunklen Semüthsmädte zu freier Selbitbeherrfihung, der Nebergang
          von der Sophiftik zur Sophorfyne, von ber Freigeifterei der Leidenfhaft zur verföhnten in
          fi Bbefriedigten Befonnenheit. Indem die Dichter fi felbft erzogen, haben fie die
          MenfHhHeit erzogen.Und ift vielleicht, mie e8 MenfcdenHickjal ift, die eigene
          Perfönlichteit zuweilen Hinter diefem Höchften Biel zurücdgeblieben, der Begriff des
          reinen und freien Menfdhenthum3 war wieder erobert. Die Natur, weldhe Rouffean und die
          jungen Stürmer und Dränger fo nadhdrüclidh gewollt und erfirebt Hatten ift gerettet, aber
          nicht die rohe, ungeberdig, felbft:Jüchtige, fondern die geläuterte, die mit Freiheit.
          ficdh Jelbft beherridhenbe, die mit den SGeleben und For:berungen der fittliden Vernunft
          Übereinitimmende.Die Einfeitigkeit des BZeitalter8 der Aufflärung und die Einfeitigkeit-
          der Sturm: und Drangperiode find in einer Höhern gemeinfamen Eihheit verföhnt.</p>
        <p>€ mar die, Erhebung des hHöhern deals vollen:deter Bildungsharmonie oder mie die
          Schulfprade lagt, des Ideals vollendeter und reiner Humanität.<pb n="1107"/>Rad
          Jahrhunderte langer Selbftentfremdung Hatte ich der Menfch endlich felbft
          wiedergefunden.5. SGettner.</p>
        <p>Weil’s der Brauch verfügt!Doch wenn fih alles vor Gebräuchen {Hmiegt,Wird nie der Staub
          des Alters abgeftreift,Berghoher Irrthum wird fo aufgehäuft,Daß Wahrheit nie ihn
          überragt.Shakespeare (Coriolan).</p>
        <p>Ruhm ift nur Rauch, gejagt von allen Winden,Dem Rauche aleich, der in die Augen
          beißt.</p>
        <p>Waitwill. MichH däudht, Sie wollen fagen, der Bater müfle Ihnen gar zu viel vergeben und
          weil m das nicht anders als fauer werden könne, fo machten fie fi ein SGewiffen, feine
          Vergebung an unehmen. Wenn Sie daz meinen, fo fagen fie mir <pb n="108"/>doch, ift denn
          nicht das Vergeben für ein gutes Herz ein Vergnügen? IH bin in meinem Leben fo glüd-lich
          nicht gewefen, daß ich diefes Vergnügen oft em:pfunden Hätte. Weber die wenigen Male, die
          ih e8 empfunden Habe, erinnere ih mid) noch immer gern.Ich fühlte fo etwas fanfte8, fo
          etwas beruhigendes, fo etmas himmlifdhes dabei, daß id midh nidht entbrechen Eonute, an
          die große überfhmwenglidhe Seligkeit Gottes zu benfen, defjen ganze Erhaltung der elenden
          Menfchen ein immermährendes Vergeben ift. Ih wünfhe mir alle Augenblie verzeihen zu fönnen
          und fjHCmte mich,daß ih nur foldhe Kleinigkeiten zu verzeihen Hatte.Recht [Hmerzlidhe
          Beleidigungen, recht töbtlidhe Kränk-ungen zu vergeben, fagt’ ih zu mir felbjt, muß eine
          Wolluft fein, in der die ganze Seele zerfließt. Und nun Miß, wollen fie eine fo große
          Woluft ihrem Vater nicht adnnen.Seffina (Miß Sara Sampfon)</p>
        <p>Sind dann au Dinge, die mir nicht anftehen,fo fomme ih darüber gar leicht weg, weil e8
          ein Mrtifel meines Glaubens ift, daß wir durh Stand:haftigfeit und Treue in dem
          gegenmärtigen Zuftande <pb n="109"/>ganz allein der Höhern Stufe eines folgenden werth und
          fie zu betreten fähig merden, e8 fei nun zeitlich hier oder Dort ewig.oeihe.</p>
        <p>Spinoza erflärt in feiner Ethif: daß jeder Menth je nad Anlage feine8 Sehirnz über die
          Außenwelt urtheilt oder daß ihHım vielmehr feine perfönlichen Eindrücke ftatt der Dinge
          gelten. E8 ift daher auch beiläuftg gejagt nicht zu vermwundern, daß fo viele
          Meinungsver]hHiedenheiten unter den Menfdhen hHerr-[den, woraus denn endlid der
          Scepticismus erwadhs jen ift. Denn obwohl die Körper der Menfchen in vielen Punkten
          einander gleichen, in den meiften find fie doch verfchieden und darum fcheint dem einen
          [hleht, was dem andern gut, diejem geordnet, was jenem vermworren, diefem angenehm, was
          dem andern unanaenhem.</p>
        <pb n="10"/>
        <p>Wenn in deines HerzenZ Tiefe nur die Saat der Liebe fprießt,</p>
        <p>Sleich ift’S, ob du in Mojdheen oder Gößen:tempeln fnieft;</p>
        <p>Haft du in das Buch der Liebe deinen Namen eingefHrieben,</p>
        <p>Nicht mehr denkft du dann an Strafe oder an Belohnung drüben.</p>
        <p>Omar Chnam.</p>
        <p>Soethe fuchte den Segenjaß von Slaubeu und Wiffen fo auszugleihHen: Beim Stauden komme
          alles darauf an, daß man glaube; wa3 man glaube, fei völlig gleiGgültig. Der Glaube fet
          ein großes Ge:fühl von Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft und dieje Sicherheit
          entfpringe aus dem Zutrauen auf ein übergroßeS, Übermächtiges, unerfor[H liches Wefen; wie
          man e8 denke, das Hänge von unfern übrigen Fähigkeiten, ja von den Umftänden ab und jei
          ganz gleichgültig. Der Glaube fei ein Heiliges Sefäß, in welches ein Ieder fein Gefühl,
          feinen VBerftand, feine Einbildungskraft fo gut als ‚er ver:möge zu opfern bereit ftehe.
          Mit dem Wijjen fei es <pb/>„4 da8 gerade Segentheil; e8 komme nit darauf an,daß man wifje,
          fondern was man wifje, wie gut und mie viel man wife. Daher könne ınman Über as Wiffen
          ftreiten, weil e8 fi berichtigen, fi er weitern und verengern lafle, aber über den Glauben
          nicht, ;</p>
        <p>© welche lange, lange Zeit nad un3 noch wird die Welt beftehn!</p>
        <p>Im Wind wird jede Spur von un8, wird unfer Name felbit verwehen.</p>
        <p>Bor unferer Seburt behalf die Welt ganz gut fich ohne uns,</p>
        <p>Und Feine Lüce wird entfteh'n, wenn wieder wir von dannen gehn.</p>
        <p>Omar Shnyamt.</p>
        <p>Durch Fehler fagt man find die beften Menfdhen Sebildet, werden meift um fo viel beffer
          Als fie vorher ein wenig fHlimm.</p>
        <p>Shakespeare (Maaß um Maaß).<pb/>{1 </p>
        <p>‘)</p>
        <p>HerrligH und in Freuden! Alfo nicht von jenem heiligen Leiden, durch welde nad) dem
          [Hönen Worte der Schrift Gott diejenigen züchtigt, weldhe er lich hat, die unfere Seele
          Iöfen und das Salz des Geiftes find, Nidt8 von jenem Leid, das durch jede edlere Seele
          zieht über die eigene Unvollfommenbeit, über die Mipklänge des LebenzZ, über die Leerheit
          und Nichtigkeit der DVDinge. Nichtz von jenen füßen Schmerzen, unter welden der nah
          Wahrheit rin-gende Seift fih LoSreißt von Irrthümern und Bor:urtheilen und das nach
          Gerechtigkeit dürftende Herz den Troß der Eigenwünfdhe bricht und dem Odem des göttliden
          Lebenz fih Öffnet! Ift das nicht ein in vollem Sinne des Wortes gottlofes Leben! die
          vollftändige Knechtumg des SGeiftes durch das Sicht:bare? Die ftumpffinnige
          Welttreundfhaft, die zur SotteSfeindihaft geworden if.%. Sana.</p>
        <p>Se TeidenfhHaftlidher und ungeftümer das Iugend-leben Soethes von dem Kampf und
          Widerfprudh zwifdhen dem Überfhmwellenden Unendlichkeitsgefiihl des Heißblütigen Herzen
          und der undurhbrehbaren Enge <pb/>1...</p>
        <p>&lt;q der Wirklichkeit bewegt und durchglüht mar, um fo mehr wurde ihm die zunehmende
          Lebenserfahrung und der Eintritt in bedeutende Weltverhältniffe der Srund ernfter
          Selbjtprüfung und Selbftbeftimmung.Die erfien Jahre in Weimar beginnen diefe Ent:widlung,
          die italienifde Reife bringt fie zum Ab-idluß, der dunkle Drang, den vollen und ganzen
          Menfchen aus fih HYerauszubilden, begrenzte und ver Hefte fih zu einer umfajjenden
          Vielfeitigkeit und Tiefe der Bildung, wie Fein anderer Menich fie jez mal8 erreidt Hat und
          zugleich zu einer fittliden Maßbeldhränkung und innern Harmonie, zu einer Sophrofyne und
          Kalokagathie im fhbnen antiken Sinne des Wortes, die ihn, mwa8 die unverftändige Menge
          auch fagen mag, zu einem der größten und veijejten aller MenfdhHen, zu einem Urbild und
          Vor:yild fHönften reinften MenfhHenthum3 macht. „Bon der Gewalt, die alle Wefen bindet,
          befreit der Menfdh ich, der fihH überwindet,“ Die Fortfebung und Ber:Dhnung des Werther
          ift Taflo und Wilhelm Meifter.Der willensfräftige und Marbewußte Künftler feines Gebens
          wird auf der Heitern und Haren Höhe feines fittliden Ideals der Dichter der modernen
          Bildungs-fämpfe und wie er fi gerne felbjt nennt, der Dichter der Herzensirrungen. OSoethe
          kommt Shakespeare Q <pb/>\ 14 nicht gleidh an fefter Sicherheit und elementarer Kraft bes
          bidterifhen SGeftaltens; aber an Tiefe und Weite bes geiftigen Gehalts, an Hoheit und
          Reinheit des Seelenleben3 überragt er ihn, wie die neue deutfhe PHilofophie die
          Philofophie Bacons überragt.</p>
        <p>Herm. Setiner.</p>
        <p>Die urtiefe Kraft der Organifation fefjelt, troß ziner gemwiffen Freiwilligkeit im
          Enfalten einzelner Theile, alle thierifjhe und vegetabilifhe Seftaltung an fefte, ewig
          wiederkehrende Typen; fie befitimmt in jeder Zone den ihr eingeprägten, eigenthümlihen
          Charakter, d. i. die Phyfiognomik der Natur.Deßhalb gehört e&amp; unter die {Hönften
          Früchte euro:yäifher Bölkerbildung, daß es dem MenichHen möglich geworden, fi faft
          überall, wo ihn fOmerzlide Ent:behrung bedroht, dur Cultur und Oruppirung exotijdjer
          SGewächfe, durch den Zauber der LandjHaft-malerei und durch die Kraft des begeifterten
          Wortes einen Theil des Naturgenuffes zu verfhaffen, den auf fernen, oft gefahHrvoNlen
          Reifen durhH das Innere der Continente die wirklige Anfhauung gewährt.</p>
        <p>X. Sumboldt (Kosmos).<pb n="15"/>Über au in dem jebigen unvollfommenen Zu-Aande Bilblider
          Darfielungen der Landfhaft, die unfere Reifeberidhte als Kupfer begleiten, ja nur zu oft
          verunftalten, Haben fie doch nit wenig zur hylognomifden Kenntnif ferner Zonen, zu dem
          Dange nad) Reifen in der Tropenwelt und zu thätiz gerem Naturftudium beigetragen. Die
          Bervollfomm:nung der LandfHaftmalerei in großen Dimenfionen (als DecorationZmalerei, als
          Panorama, Diorama und Neorama) Hat in neueren Beiten zugleich die Allgemeinheit und die
          Stärke des Eindruckes ver:mehrt. Was BVBitruvins und der Megyptier Kulius Pollur als
          Ländlige Verzierungen der Bühne 19 dern, mas in ber Mitte des fechözehnten Kahrhun:dert8,
          durch Serlio’8 Coufkiffen = Einrichtungen, die Sinnestäufhung vermehrte, fann jebt, feit
          Prevoft’s und Daguerre’8 Meifterwerken, in Parker hen Rund zemälden, die Wanderung durch
          verfhiedene Klimate iaft erfeßen. Die Rundgemälde Keiften mehr als die Bühnentehnik, weil
          der Befhauer, wie in einen magifden Kreis gebannt, und aller ftörenden Nea-tät entzogen,
          fi® von der fremden Natur felbft umgeben mähnt. Sie lafjen Erinnerungen zurück,die nad
          Jahren fihH vor die Seele mit den wirkliH gefehenen NMaturfcenen munderfam vermenaen.
          Bisher <pb/>A </p>
        <p>üG find Banoramen, welche nur wirken, wenn fie einen großen Durdmefjfer Haben, mehr auf
          Anfidten von Städten und bewohnten Segenden als auf foldhe Scenen angewendet morden, in
          denen die Natur in wilder Neppigkeit und Lebenzfülle prangt. Voyfiogno:mifde Studien, an
          den fHroffen Berggehängen des Himalaya und der Cordilleren oder in dem Innern der
          indifjhHen und fübamerikanifjhen Flußwelt ‚ent:worfen, ja durch Lichtbilder berichtigt, in
          denen nicht das Laubdach, aber die Form der Miefenftämme und ber Harafteriftijghen
          VBerzweigung fih unübertrefflich barftellt, würden einen magijhden Effekt
          hervor:bringen.Alle diefe Mittel, deren Aufzählung recht wejent:lid in ein Buch vom Kosmos
          gehört, find vorzüglich geeignet, die Liebe zum Naturftudium zu erhöhen, ja die Kenntniß
          und das Gefühl von der erhabenen Größe der Schöpfung würden Kräftig. vermehrt wer:den,
          wenn man in großen Städten neben den Mufeen,und wie diefe dem Volke frei geöffnet, eine
          Zahl von Rundgebäuden aufführte, ‚melde wedhjelnd Land-[Haften aus verjhiedenen Höhezonen
          darftellten. Der Begriff eines Naturganzen, daz Gefühl der Einheit des Harmonijdhen
          Einkflanges im Kosmos werden um fo lebendiger unter den Menichen, als fihH die <pb/>(14
          Mittel vervielfältigen, die Gelammtheit der Natur:riheinungen zu anfdaulihen Bildern zu
          geftalten.X. Sumboldt.</p>
        <p>In Wahrheit ift die Kunft zu fagen was ich leide nur wenigen und felbft den Meiftern nur
          in jeltenen Augenblifen gegeben. Der Grund ift leicht arfennbar. Nicht allein, daß die
          Forderung den Gehalt 'n fnappe und zutreffende Worte auszuprägen, Hier bes londers fharf
          hHeruortritt, da bei dem geringen Umfange ion ein faljcher oder pulslofer Ausdruck die
          Wirkung des Ganzen zerftören kanırz diefe Worte mülfen au durch die rHytmifdhe Bewegung
          und die Klangfarbe des Berfes gleihtam in Mufik gejeßt und folder Weife wie:der in die
          Empfindungen aufgelöst fein, aus der fie autiprungen find; in feiner Wirkung foll das
          Iyrifche Sedicht den Lejfer man geftatte den Ausdruck zugleid eine Offenbarung und eine
          Erlöfung oder mindejftenS eine SenugthHung gewähren, die ev fih jelbjt nicht Hätte geben
          Fönnen, fei e8 nun, daß es unfere Anfdauung und Empfindung in ungeahnter Weije erweitert
          und in die Tiefe führt, oder was 9alb bewußt in Duft und Dämmer in un8 lag, in <pb/>Arc
          überrafhender Klarheit erfheinen läßt. Bei einem Liede gilt es eine Perle zu finden und
          nur wenige Mıufdheln Haben Perlen. Heine fagt fehr richtig:Sin Lied ift das Kriterium der
          Urfprünglichkeit.DVheodor Storm.</p>
        <p>An die Barzen,Nur Einen Sommer gönnt, ihr SGemwaltigen!Und Einen Herbit zu reifem
          SGefange mir,Daß williger mein Herz, vom füßen </p>
        <p>Spiele gefättigt, danır mir fterbe.Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht </p>
        <p>Nicht ward, fie reift au drunten im Orkus nicht,Doch ift mir einft das Heil’ge, das am </p>
        <p>Herzen mir liegt, das SGebidhHt gelungen.Willlommen denn, o Stille der Schattenwelt!</p>
        <p>Zufrieden bin ih, wenn au mein Saittenfpiel </p>
        <p>Mich nicht Hinabbegleitet; Einmal </p>
        <p>Vebt ih, wie Götter, und mehr bedarf’8 nidHt.Siriedr. Hölderlin.<pb/>4C Bei unferer
          jebigen BefHulungsweife ift es. Kaum möglih, aus dem jungen Menfchen etwas Tüchtiges a
          machen; Die geiftige Selbftftändigkeit und eine zediegene Ausprägung des Charakter8 wird
          faft un:möglih gemacht. Ih Habe fhon die Klage gehört,daß man unter unfern Beamten zwar
          viele tüchtige Arbeiter, aber fehr wenige dur Charaktertüchtigkeit imponirende
          Perfönlichkeiten finde, wie fie zur Leitung der einzelnen SejdhHäftkreife unumgänglich
          nöthig find.Sehr richtig ift e8, was ih einmal, ih weiß nicht mo, gelefen habe, daß unfere
          jebige Schulbildung zinem Profrufte8bette glei fei. Was zu Iang ift,wird abgefhnitten und
          das zu Kurz Scheinende fo lang gedehnt, bis e8 die beliebte Mittelmäßigkeit er-langt hat.
          Dabei verkommen die Leute TeiblihH und geijtig. Die alte Schulmethode mag auch ihre Fehler
          gehabt haben, aber fie mar naturhafter, fie madhte zine felbftftändige Entwicklung des
          SGeiftes möglich.X war achtzehn Jahre alt und Konnte fo gut wie Jar nichts, Meine Lehrer
          glaubten au nicht, daß 28 viel mit mir werden mürde, und hat ja doch noch jo gut gethan.
          Wäre ih der jebigen Schulbildung in die Hände gefallen, Jo wäre id leibliH und geiftig zu
          Grunde gegangen.</p>
        <p>Bei unferer geiftigen Kochkunft gilt das Sprich:<pb/>A </p>
        <p>20 wort: SDViele Köche verderben den Brei. Ieder der Herren Lehrer Hat fein beftimmtes
          Jah; in diefem jeden feiner Schüler zu einem Virtuofen Heranzu-bilden, Hält er für feine
          Heiligfte Pflicht. Cr thul dabei, unbefümmert .um die andern ganz fo, ‘al8 ob der Schüler
          nur da fei, um in diejem Segenftand Meifter zu werden. Der fogenannte gute Kopf hält da3
          nun wohl aus, cr pfropft feinen SGeift voll auf Koften feiner Herzens: und
          Charakterbildung. Er wird ftolz und aufgeblafen von feinem BWiffensdurft und meift ganz
          unpraftifigh zum Berufe des Lebens,Der Mittelmäßige wird von alledem fo dumm, als ging ihm
          ein Mühlrad im Kopf herum. Statt Al:ger wird er alle Tag dümmer. Man fönnte diefe Art der
          Bildung, wenn man ein etwas runderes Bild brauchen wollte, mit dem Nudeln (Stopfen) der
          Sänfe vergleichen. Es febt fid) blos Fett an, aber Fein gute8, gefundes Fleifd. An
          WachHsthum ift nicht zu denken. Eine mit fid abgefchloffene Selbftzufrie:denheit, ein
          nafemeifes Aburtheilen über Alles, das find in Folge davon Hauptzüge unferer Iugend. IH
          habe mehrfadh Selegenheit genommen, mit hoch:geftellten und einflußreihen Männern, die auf
          Ab-Hülfe hätten hinmirfen Können, zu fpredhen. Ale waren‘ mit mir .einverftanden; aber
          doch ift zur Wo-<pb/>DA gülfe no nichts gefehen und -.e8 beftätigt fih hier wieder, was
          ich irgendwo gelefen Habe: In Deutfh-(and gehören netto zwei FahrHunderte, um eine
          Dummheit abzufhaffen, nämlich eines, um fie einzu:jehen, das andere aber, um fie zu
          Gefeitigen.</p>
        <p>X. 9. Sumboldf.</p>
        <p>Wenn man bedenkt, wie viele neuere Produkte des Auslandes und Inlandes mit Gier
          verfhlungen werden und hat man fie gelefen, ift man fo arın und leer mie zuvor dann muß
          man doch dem heutigen Sejhlechte zurufen: Lerne die Schwierig feiten und
          Abhfonderlichkeiten Jean Pauls überwinden,und du wirft Feine8 feiner Bücher weglegen, ohne
          zin befjerer Mienfdh geworden zu fein. Mandhes Wort wird dir ins Gemwiffen dringen und
          dihH zur zhrlidgen Selbfterkenntniß erwecden. .</p>
        <p>Über vor allem muß unfer Heutiges Sefchlecht,und zumal die Frauenwelt, mieder Lernen,
          beim Moz mente zu verweilen, nicht immer von Effekt zu Effekt zu hafgen und zu drängen,
          wodurch alle Poefte, oder was man eben fo nennt, zum gröbften und roheften Mechanismus
          wird, fo daß man bei Beendigung der <pb n="99"/>Lectüre eines Didhterwerk3 oder dem
          Anfchauen eines modernen Dramas nicht mehr Hat, al8 bei Auf:Töfung eines fünftliH
          gefhürzten RNäthfels. Iede Iyrifge Ausbreitung in einem Drama, jede tiefere Motivirung in
          einer Erzählung gilt Heute für lang:weilig. Unterhaltung! Zeitvertreib! ift die Parole,Und
          dafür läßt man fig in ernften DidHtungen alle Ungeheuerlihteiten pfychHologifher und
          thatjäch-lider Inconfequenz und in fogenannten Heiteren alle Frivolität und allen Unfinn
          gefallen. „Wir haben ung doch amiüfirt“, Heißt e8 dann. DVieles „doch“ ift eine
          Kundgebung, daß das äfthetifhe Ge:wijjen doch noch nicht ganz wegamufirt ift.Ynerbach.
          Deutfehe Abende,</p>
        <p>Die Natur ift dem MenfhHen, der in ihr lebt,nicht blos nüßliH oder IHäblich, al3
          nährende, hilf reihe Macht oder als feindliche zerftörende Gewalt,fie nimmt ‚nicht blos
          feine werkthätige Kraftanftren-gung oder wiffen[HaftlidhH feinen Scharffinn und
          Er-forfOungStrieb in Anfpruch, au mit feiner dichHteri-Ien Anlage, feinem Schönheitsfinne
          findet er fih auf ihre Schönheit, die milde und die erhabene hin:gewiefen. Er fudht in ihr
          nicht blos SGleichniß,Sinnbild, Farbenfhmuck, fondern, was all diefem </p>
        <pb n="1"/>
        <p>'J ft bie poetifde Weihe giebt, das tiefere Einver:tändnif, vermöge deffen fie für jede
          Megung feines Innern einen Spiegel, eine antwortende Stimme gat. E83 ift nidt
          Selbfttäufhung eines empfind-jamen SZeitalter8, daß LenzeshHauch und Maiengrün,Morgen= und
          Abendroth, Sonnenaufgang, Mond:jhein und Sternenglanz das SGemüth erfrifhen, rüh-ren,
          beruhigen, daß der Anblick des Meeres, daß Sturm und Gewitter den SGeift zum Ernite
          ftimmen.Chen die jugendkräftige Poefie der unverbildeten Bölfer ft von Ddiefen
          Einwirkungen durHdrungen.Sage man immerhin, der Menfch verlege nur feine Stimmung in die
          fühllofe Natur , er kann nichts in die Natur übertragen, wenn fie nicht von ihrer Seite
          auffordernd, felbftthHätig anregend, entgegenfommt.Die wiffenfHaftlide Forfhung hat
          überall den Schein jerftört, der alte Glaube an die götterbefeelte Natur it Yängft
          gebrochen, und deunoc bleibt jene Befreunz dung des GemüthHes mit der Natur eine
          Wahrheit;das Mitgefühl, das in ihr geahnt wurde, rückt nur weiter hinauf, in den Schöpfer,
          der über dem Ganz jen waltend die MenfHenjeele mit der f{Hönen Natur um Einflang verbunden
          hat und damit fih felbft dem empfänglidjen Sinne ftündlidh nahe bringt.Dlland. Abhandlung
          über Volkslieder.<pb/>[</p>
        <p>A Tas aber die Sprachen betrifft, fo ft die Art,wie fie betrieben werden, in den bei
          meitenı aller:meiften Fällen zu einer formalen Bildung des Seijtes au nicht im
          entfernteften geeignet, entweder wird nach den Leiftungen unferer Schulen überhaupt eine
          Bollfommenheit in der Sprache gar nicht erreicht und das Stundennehmen mird bis in die
          erften Jahre des ehelichen Leben ftoßweife fo oft von Neuem wieder:Holt, als eine
          anmefende Franzöfin oder ein franzöfi:[Ges Schaufpiel, oder eine Reife nad) Frankreich und
          England dringende Veranlafjung bieten, oder man hat bei ganz geläufigem Sprechen, doch
          anftatt des Seifte8 der franzöfijhen Sprache, nur den Seift der franzöfilgen Bonne fi
          angeeignet. Nicht zu ge:denken, daß durch dies mühlame und Ängftlihe Stre:den nad) dem
          Erwerb der fremden Sprache, vollends durch frühzeitige Bonnenwirthjhaft, wo das Kind
          zuglei die fremde mit der Mutterfprache erlernt,alle Slarheit und Energie, gefdweige
          Orginalität des ANusdruckes, alfo au des Denkens verloren geht,während eine fleißige und
          grüudlidhe Lectüre der Nationalliteratur fogar die leßtere Leicht begqünftigt,indem ein
          Claffifer vor andern zum Lieblingzautor und unwillfürlih zum Mufter des Ausdruckes
          wird.Yan findet zuweilen Damen, die weder franzöfildh <pb/>f FR och englifd) fpredhen, in
          ihren Briefen aber ohne es zu mwifjen, treu und doch frei ganz im Leffingfhen Stil
          jmreiben, weil er in ihren beften Kahren der Ent:wicklung ihr Lieblingsdichter war.</p>
        <p>„Sazarıts. (Das Leben der Seele.)</p>
        <p>Wollt ihr viele Hülfe haben, fo müßt ihr nur feiner bedürfen.</p>
        <p>Die Poefie fheint in ihren Verbindungen eben fo zigenfinnig mie die Sffentlige Meinung.
          Sie ver mählt fig ebenfalls fo oft mit der Heiterkeit wie mit dem Trübfinn. Wenn wir an
          das Schicfal und den Eharakter ihrer Angehörigen denken, fo fcOeint e8 un8 unmöglich, daß
          ein fo eigenthümlidhes Wefjen mit jo entgegengefeßten Nidhtungen des Seiftes und Zügen des
          SGemüthes verträgligH fein könne. Gleich den geheimnißvollen Verbindungen des Lichtes,
          weldhes der Cypreffe einen grünlidten Schatten und der Wolke zinen rofigen Hau verleiht,
          indem e8 durch eine leuchtende Ausitrömung unzählige Tinten hHervorbringt,<pb/>19ß6 fo
          affimilirt fiH der SGeift der Poefie mit jeder Spielart des menfHliden Semüths von den
          tiefften Schatten des Menfdhenhaffes, bis zu den frifdheften Blüthen des Entzücens.Kenty
          Wheodor Vuckermann.</p>
        <p>A m <pb/>Anhang,</p>
        <p>Aus dem Eigenen. <pb/> YWir werden zu Zeiten ganz von unferer Er:yungenfhaft an Bbefferer
          Einficht zurücg ver[Olagen und verlieren, umdüftert von Trübfinn, Leiden[hHaft oder
          Zerftrenung, das Tängft ar Erfhaute wieder aus den Augen. So gebietet ung die Einfidht in
          die fittlige Weltordunng, fiH in fein Loos zu fügen,8 als Fingerzeig der Gottheit
          anzufehen und doch fommen wir zuweilen von diefer Betradhtungsweife ganz ab. Daher ift es
          nicht müffig, das in Maren Stunden Sedachte und Empfundene niederzu[hHreiben,fünftigen
          Tagen zum Merkzeicdhen.</p>
        <p>Wo e8 au fehlen mag, man Hilft mit Salben dir und MManden,Doch ad) der Seele Schmerz
          bleibt meiftenS unver:ftanden.<pb/>[. 4)</p>
        <p>Ein Werk der Vahre ift die innerfte Kultur,In wenig Monden gibt die Welt dir Politur. </p>
        <p>Die Klugheit nimm zum Schild, die Energie zu Wehr,Wohin du ftreben magft, es führt zu
          Sieg und Chr </p>
        <p>Du mödhteft wiffen wohl wie einer von dir denkt,8 wird dir offenbar, fobald du ihn
          aekränkt.</p>
        <p>Nah WohHltHun brauchjt du Ängitlih nicht zu jagen 8 findet fiH Seleaenheit in allen
          Lagen.</p>
        <p>Streu aus die Saat des Guten und des Schönen,Set e8 in Wort, in That, mit Binfel oder
          Zönen.<pb/>| 3A O banfe Gott für jeden Tag,Der dih verfHont mit StigH und Schlag.</p>
        <p>Dein Glück, dein Schieffal leidet BrudG auf Bruc,So lang du Hegft den innern
          Widerfpruch.</p>
        <p>Ber trägt nach dem was ihHın verfagt Verlangen,Kann nimmermehr zu Fried’ und Ruhy
          gelangen.</p>
        <p>5 bietet Hand und Aım dir die Gelegenheit.Und feindlih ftellt ein Bein dir die
          Berleaenheit.</p>
        <p>Wenn e8 dein Loos ift, daß dich die Ungunft der Welt drücken foll, fo gefhieht dies,
          damit du zum Nachdenken über den Werth der menfHlidhen Dinge and fomit zur Weisheit
          angetrieben werdeft.<pb/>SA a </p>
        <p>Man braucht in der Herrlichften Frühlingsland-[haft nur eine Herdenglode zu Hören und die
          Augen zuzuhalten, fo glaubt man fi® mitten im Herbite,Ein Beweis, daß auf dem Hervorheben
          des Charat:teriftilgHen die Hauptwirkung aller Darftellung XKiegt.</p>
        <p>Reftanation ift die Philofophie des Befiegten.</p>
        <p>It eine Thorheit abgethan So nimmt man eine andere an.</p>
        <p>Warum follte nit aus der unbeftreitbaren Thatfache des Ankündens Sterbender eine neue
          Entdenng im Gebiete der menfhlidhen Seele {id machen Iafien, fo gut als man aus dem
          Leuchten be8 Kriftallfpates auf das Licht und den Kern ge:wifjer Sterne gefOloffen hat und
          zur Entdefung gefommen ift.<pb/>A TWenn der Sturm Iosbricht, Hört man die nächften Slocken
          aus der entgegengefebten Ridtung nit mehr.</p>
        <p>Wenn der Sturm nachläßt, werden die Aefte in hre gewohnte Richtung zurückkehren.</p>
        <p>Meligion ijft eine Angelegenheit des Semüthes;der Menfh von tiefen GemüthH hat immer
          einen Zug nad) dem Söttlidhen, fein Leben ift ein ewiges Suchen darnad) in der Natur, in
          MenfhHen= und Bölferfhichfalen. Er fultivirt aus innerem Drange das religiöje Clement in
          feiner Natur und verabläumt darob die Beobachtung äußerlicher Meligionzübungen,das
          Kirchlidhe, während der Welt und Berufsmenfch nehr an das Lekbtere fih Hält und des
          NMadhdenkens über fo unpraftifjge Angelegenheiten gerne fi ent ‘lägt.</p>
        <p>Im gewöhnlichen Leben ift man nur zu Diel jeneigt, wohl auch gezwungen, mit dem Seifte
          par ;erre zu wohnen.<pb/>AS </p>
        <p>‚A </p>
        <p>Richt deiner Wünfche- ftolzen Fkug Nicht nah dem Wolkenberge,Denn aud das riefige Phantom
          Wird in der Näh’ zum Zwerge.</p>
        <p>Der Dichter Hat nidht die Intelligenz zu ver:treten, fondern die Fülle, Wärme und ewige
          Iugend-(ihfeit der Gefühle, gegenüber dem vernüchternden,engherzigflugen Profaleben.</p>
        <p>Die Seele guter, aber fOmwacher Menfdhen hat viel Nehnlichkeit mit dem Wefen des Rauches,
          der,wenn er feiner natürliHen Richtung folgen Kann,immer aufwärts fteigt, aber von jedem
          Windhauche auf die Seite aetrieben wird.</p>
        <p>Das Sichtbare ift nur ein verförpertes Unfidcht:bares.<pb/>Wie lange brauchte e&amp; bi8
          das Sefeb zur Herr:‘ajt gelangte, melde rohe und wilde Zeiten find Ihn vorausgegangen. In
          der Fülle des Senuffes der gefebliden Sicherheit aber wollen fie das An-ichen desjelben
          wieder unteraraben.</p>
        <p>Entfagung ift dir auferlegt,Halt feflt und bleibe unentwegt.</p>
        <p>Der erfte Eindruk eines Sefichts ift immer von ntfcheidender Bedeutung‘ und wenn man auch
          beim Beginne einer nähern BekanntfhHaft von diefen Ein:drude mandheS zu mobdificiven
          geneigt fein mag, fo vird man am Ende doch wieder finden, daß derfelbe ichtig gewefen fei.
          €E8 ift wunderbar, wie das tief:jerborgene innere Wefen eines Menfchen auf feiner
          Bhyftognomie fich abprägt. Der Harakterifirende und ndividualifirende Ausdruck gines
          Seficht8 Kiegt aber at nur in den feften heilen desfelben, wie Stirne,Rafe, Mund, Kinn,
          fondern eben fo fehr in den einen, unbefchreiblidhen Linien, welde über den veidhern,
          fleifdhigern Theilen fhweben. Dies ge:<pb/>A wahrt man am Beften, wenn man ein Seficht von
          der Seite hefieht. Wie der Geift über den Wafjern,fo Tmwebt und fpielt das allereigentfte
          des Menfchen über diefen Linien und Zügen. Härte oder Weich:heit, Wohlwollen oder
          Scheelfucht, Seradheit oder Bosheit, Geiz oder Leichtfinn, Bornirtheit oder
          Seift,PHilifterhHaftigkeit oder Idealität alle diefe Se:müths = und Seifteseigenheiten
          lagern fi oft in den jeltfamften, [OHeindar nit vereinbaren, Mijdhungen in der Miene ab,
          mworunter man eben den Aus:druck, der über dem beweglidhen Spiel aller Züge idwebt,
          verfteht. Daher Hit e&amp; unmöglich, die Phy-fognomie in fejte Theorie zu bringen, denn
          wer will die ffüchtige Geiftigkeit eines Sefihts Haffificiven,wer will die Luft mıt einem
          Faden zufammenbinden.Diefe nicht erhafhbaren und ungreifbaren SGeifter faffen fi dayer au
          von der Photographie nidt fangen; au8 Ddiefem Grunde können dieje Schatten:bilder, mweldhe
          nur die Maffe aufnehmen, niemals ganz genügen, um Seele und geiftiges Leben eines
          Menicdhenantlikes abzufpiegeln.</p>
        <p>Wie fehr trügen die Worte und mie leicht werden fie ander3 auZgeleat, als e8 dabei
          gemeint mar. IH <pb/>Lo preche nicht von’ jenen Fällen, wo ein abfidhtliher Mißbraud mit
          denfelben getrieben wird und fie dazır dienen follen, über die wahre Sefinnung Sand zu
          treuen. Nein, felbft wenn c8 dem MenihHen aufs richtig darum zu fhun ift, feinen innern
          Vorgängen und Gedanken den richtigen Ausdruck zu geben, ge fingt e8 idm nur fdwer, oft nur
          annähernd, unvoll-fommen. Ia au, wenn er in ruhiger Sammlung Teine Gedanken fOriftlich
          mittheilt, erfordert e8 forgz fie Wahl und Selbitüberwadhung, den Kern deffen,mag
          eigentlich ausgefprocen werden will, fejtzuhalten und ihu genau und faßlihH auszuprägen;
          man läßt cd von einem entgegenfommenden Bilde, von einer auftauchenden Nebenidee
          verleiten, geräth auf Ab-wege und in die Irre und fpridht ganz andere Dinge au8 al8 man
          urfpritnglich beabfichtigte. Wie um fo meniger find die Worte ganz zuverläffig, wenn {id
          die ruhigen Tiefen der Seele zu Fräufeln beginnen,wenn Bewegung, Schwankung und Yufruhr
          ent:iteht, wenn ÜebermuthH, Laune, Sereiztheit, Zorn,Haß mit den Worten zu fpielen
          beginnen. Der Uebermuth wirft die Worte wie Raketen aus, ohne a fragen, wo fie
          nicderfallen und zünden, die Laune mürfelt fie durcheinander und braucht fie nad
          Zufall,die Gereiztheit ihärft fie zu Nadeljpiken, Haß und <pb n="10"/>Born tauchen fie in
          Sift ein und zielen damit auf das Herz des Segners. Aber ein großer Cheil deı alfo
          gebrauchten und mißbrauchten Worte haben kaum für den erften Augenblif eine volle
          SGiltigkeit, Kaum ausgefprodhen und der Luft ausgefebt, verlieren fie ihren fharfen
          Geruch. Biele folder Worte [Hwimmen wie Korfkzapfen Xfofe auf der Oberfläche herum,
          an:dere find nur fhwacdh angewachlen und weniger als man glauben follte, Hört man der
          Ausfprüche, die gleich der Seelilie aus der Tiefe des Seelengrundes heraufgewacdhfen find.
          . Daz alles will überleat fein,wenn man über die Worte des Menfchen zu Sericht fißt.</p>
        <p>Der MenfgH ift nach Unten eine Reafumtion aller Erdenbildung, nad Oben ein Anfang der
          SGeifter:welt.</p>
        <p>Sein Talent zum Wohle der MenfHheit anzu:wenden, ift die eigentliche Lebensaufgabe eine8
          eben.Worin diefes Talent beftehe, in melden Wirkungsfreis e5 geftellt fei, das ift ganz
          gleihgültig. In dem großen Ganzen greifen die wirkenden Kräfte alle. in <pb/>L.inander;
          aud) der Mang derfelben it nit nad der außern Erideinung abzumefjen. Die raufhenden zroßen
          Räder find oft nur die Jefundäre Folge einer im Dunkel arbeitenden Kraft. Die Schwingungen
          zineS in der Einfamfteit gefundenen Sedankens, einer in der Stille geübten That, Können in
          die weitefte gerne gehen. Die helltönendfte That erftirbt oft mit ihrem Klange in ewige
          VBerlorenheit,</p>
        <p>FreundfhHaft, Kunft, Natur, WifienfhHaft find die reinften, erhabenften und
          beruhigendften SGenüffe, die un8 diefe Erde bietet. AWber wir dürfen ung dem Wahne nicht
          hHingeben, daz Leben ganz nur. mit diefen Sütern ausfüllen zu wollen. Nein, der
          eigentliche Srundton unferes Daijeins ft: Anftrengung, Hemm=niß, Verwiclung, Kampf,
          ANtäglichkeit, und jene Blüthen ranken fi nur al8 Bierwerk zwifdhen dur. D, daß mir ein
          für allemal an diefer Anfhanung jefthielten, mie mandje Unzufriedenheit würde unters
          drückt, mie mandjem Migverhältnik vorgebeugt werden.<pb/>‘N Die meijten beurtheilen den
          Menfchen nur aus dem Erfolge feines Wirkens. Wenige Haben Tiefblick genug, die innere
          Triebkraft, deren Erzeugnifß der Erfolg ift, noch in ihrer Ifolirtheit zu erfennen. Und
          doch it der Erfolg oft nur Sache des Zufalls der VBerhältnifje. Schiefe Urtheile über eine
          mißverftanz dene Perfönlichtfeit, zumal in deren Iurgendzeit, verz Frünneln zuweilen ein
          ganzes Menfchenleben.</p>
        <p>Was immer und immer bleibt, Jobald ih unfer Wefen von der DurchHeinanderrüttlung der
          Uußenwelt wieder feht, daz t’8, mas die Bafis unjeres Dafeins au8macht, der wir um allen
          Preis treu bleiben müffen.Denn außer Dderfelben fpielen wir nur eine fremde Rerfon, und
          unferm Chun fehlt der inere Antrieb.</p>
        <p>Was am meiften an mahrer Seiftesbildung, an gründlidher Einfiht fördert, it das völlige
          Durdh-ftudiven eines einzelnen Werkes der Vortrefflichkeit und zwar von feiner geiftigen
          SGefammtanlage bis zu feinen Feinften einzelnen Theilen. Hinter dem <pb n="141"/>Finzelnen
          liegt das Äbfolute verftedt, und 10 weit an8 in jenem das Verftändniß aufgegangen ift,
          führt un8 das Gefeß der Gleichheit, oder der Analogie die Sinficht in andere Erfheinungen
          entgegen. Sehen wir dagegen vom Allgemeinen zum Befondern, von Theorie zur Anwendung über,
          fo vermwifht fih ehr leicht unter lauter Eintheilungsfucht das Mare natürz liche YA6bild
          des Lebens. Können wir auf dem angegebenen Wege au nicht zu der umfangreichen Belefenheit
          gelangen , die man 10 oft bewundert, fo idadet dies gar nidht8. Dem ächten Menfchen ift e8
          nicht darum zu hun, über vieles fhmaben zu fönnen, fondern feinen SGeift je mehr und mehr
          an wahrer Erfennntniß zu erweitern, und fih in feinem Rebensfache tücdhtig zu machen.</p>
        <p>Eine Quelle manigfaltigen Nebel ijt bei Phan-tafie-Menfhen die Sucht, au der Imagination
          zu urtheilen, Auz einzelnen Losgeriffenen Erfheinungen,tragen fie fih {nel und willfürlig
          ein Gejammtbilb,zin Phantom zufammen. “Treten fie dann mit dem-jelden in nähere reale
          Beziehungen, fo- kann e$ nicht anders fein, als daß nah und nach dieje Ilufionen <pb/>fo
          IHwinden; das geträumte Ideal fOrumpft dann nicht bloß zur ganz natürliden Wirklichkeit
          herab, fondern jener Dämon der Verfhönerungsfucht tritt nun in veränderter Seftalt auf,
          und miffennt an dem bis:herigen Traumbilde fogar die wirklich vorhandenen Eigenfhaften. So
          fommt diefe Art Menfchen felten in das ruhige Gleichgewicht dauernder Verhältniffe.Daher
          fahren ruhige befonnene RNaturen im Leben beffer; fie meffen zuerft au8 und niht Hinterher
          und ftellen überall auf einen Tolid erfundenen Grund ab, auf dem feine Täufchung
          erwächst.</p>
        <p>Das erfte und Höchfte Biel alles menfhlihen Strebens fol Bildung fein, mworunter ih die
          Er:meiterung des geiftigen SGefichtsfreifes, verbunden mit der Nidhtung unferes Wefens zum
          Schönen und Wahren wverftehe. Um Ddiejem Ziele zu nähern,müffen mir Mittel und Wege
          Kfennen. Die ganze Welt, daz täglidHe Lchen, VBerhältnifje und Umgang und vor Allem Kunft
          und WiffenfhHaften find Bil:dungsquellen. Ih erwähne unter den Lebtern insbefondere: der
          Sefchichte, der Naturkunde und der Boefie. Die Sefchidhte zeigt. un8 das Walten der </p>
        <pb n="1"/>
        <p>N &lt;Gottheit im Gange der menihlighen Schietfale. Die Naturkunde lehrt uns die Sebilde
          der Schöpfung al8 bie Offenbarung der (Haffenden Urkraft erkennen und die Boefie ft, al
          die Pythia unferer reinften und Jeligften Empfindungen, vor allem berufen, das Semüth zu
          veredeln, das Leben dur Weisheit und Shönheitsfinn zu heben. Zur Hörderung des Ein:zelnen
          fomımt e8 aber vorzüglich darauf an, daß Keder erfenne, was ihın gemäß fei, aus welden
          Zuftänden und Wiffenfhaften er den meiften Bildungsitoff für feine befondere Richtung
          fhHöpfe. Denn da wir mu innerhalb unferes individuellen Talents unz entwickeln fönnen, fo
          gemährt Hauptfächlih das wahren Fort:Iritt, was mit diefem Kreife im ZufammenhHang und
          VBerwandtihHaft fteht. ES {ft daher fehr wichtig, daß wir uus hier orientiren und immer an
          dem Mittel:punkt unferer Individualität fefthalten, um von diefem Stamm-Marfe au3 unfere
          Jahresringe zu erweitern.Dazu ijft aber erforderlich, daß unfer Lebensgang von ziner
          gewifjen Planmüäßigkeit regiert werde! daß wir nicht Läflig dem Zufalle anheimftellen,
          wohin er un8 treibe. Nur au8 der befonnenen Vereinigung aller Kräfte zu einem Geftimmten
          Ziele, kann ein nach-haltiges Ergebniß entftehen,<pb n="144"/>Wedung und Verfeinerung des
          Schönheitsfinnes it eine8 der mefentlichften Bildungsmittel der Men:en. Bon ihm Gerührt,
          veredelt fih, mas Leben und Seftalt hat. Der Sinn für das Schöne fteht au mit dem
          Sittlidhguten in naher Beziehung.Denn eine Seele, die von ihm Lbeherrfht wird, ift der
          RoHhHeit und Gemeinheit von felbft enthoben; und boch dürfen mir ung diejem Sinne nicht
          ausfchließlich hingehen. So fehr er unfere Empfindung verfeinert,jo führt er doch nicht
          über die Gefahren der Selbft-fucht hinaus, ja eher Ddenfelben entgegen, wie man mit der
          Lebensgefchichte fo vieler ächter Künftler belegen Fönnte. Das Schöne macht Feine
          Anfprüche an unfere Kraft, e8 feßt fi in Feinen Widerfpruc mit unferm Wollen, e8 Käßt ung
          in einem Yether jeliger Harmonie weilen. YWber damit kommt der Men in den Wechfeln des
          LebenZ nicht aus. Ein anderer Anker muß in Bereitfhaft gefebt werden. 3 ift die Pflege,
          die ernfte Ausbildung des Ethijhen im Menfdhen. Die mweife Befhränkung unteres Be:gehrens
          unter die Gefebe der Vernunft, die Kräftigung der Seele zu den Tugenden der Aufopferung,
          die bem finnligen Behagen nicht entfpreden. Nur auf diefem Wege gelangt der Menfch zur
          eigentlichften Blüthe aller Bildung, zur Humanität; denn daß der <pb/>14h Menfh cdel und
          gut fei, ift do am Ende die Hauptfache, und Alles andere nur Beimert. Am Srabe eines
          Sefchicdenen wird Charakter und Wollen weit über das Wiffen hervorgehoben.</p>
        <p>Wir ftoßen in unfern Bildungsbeftrebungen auf HörderungS: und HinderungsSmittel. Sie
          Wnnen in der Lebenslage, im Umgange mit Perfonen, in Büchern,furz in allem, was auf unfere
          fittlige und geiftige Entwidiung einen Einfluß auszuüben geeignet i{ft,ren Srund
          haben.</p>
        <p>Biel {priht man über die Wahl des Umgangs mit Perfonen; und in der That ift diefe Wahl
          von großer Wichtigkeit. Iede Perfon, die zu uns in be:itimmte Berhältnijje tritt, bt, wenn
          fie nicht ganz One Bedeutung ft, gewiffle Einflüfie auf un8 aus.Wir nehmen von dem einen
          Freunde das, von einem Sreunde oder Genofjen etwas ander8, bewußt oder unbewußt, in un8
          auf. € wäre fehr förderlich,dies in unjerm Lebensgange genau nachgewiefen zu haben, und e8
          überfehen zu fönnen, wie alles, was wir gegenwärtig find, al das Ergebnif des
          Zufam:menftrömens folder Einwirkungen dafteht, In wel:</p>
        <p>10 <pb n="14"/> f her Weife daher Yemand auf unz Einfluß üben werde, bedarf aller
          Beachtung, aber Keider kommen wir Hierin, wenigftenz auf eigenem Wege, ziemlich Ipät zur
          höheren Einfidht,</p>
        <p>Weit weniger wird ein anderer Umgang in Be:tracht gezogen, Deffen Einflüffle und
          Wirkungen viel:Leit noch umfangreider und nachhaltiger find, als die der Perfonen, e8 ift
          derjenige mit Büchern. In unbeadhteter Stille, wo das SemüthH alle Ein:drüce inniger
          aufnimmt, mit dem Anfehen einer gewifjen Autorität fommt das Buch in die Hand des Lefer8,
          nnd theilt im mit der eindringliden Sprache jHöner Darftelung, Ideen, Srundfäße, Anfidhten
          und Sefühle mit, die oft eine völlige Cpodhe im Leben eines Menfhen bilden. Wer die
          geheimen Fäden des Schicfalganges eines Menfdhen verfolgen fönnte, würde oft die Quelle
          verfehlter Richtung,verfehrter Sefinnung und fHlimmer Handlungsweife in irgend einem Buche
          finden, das zur unrechten Stunde in unzeitigem Alter gelefen wurde. Und wer allen
          Wirkungen eines Buches in der Breite der Welt nadhfehen Könnte, mürde wohl oft über ihren
          Umfang und ihre Folgen erftaunen. Und doch läßt man eben Hierin den blinden Zufall am
          unbeforg:teften walten. Bon fo vielen werden hen die Bücher <pb/>AN gelefen, weldje ihnen
          gerade eine einfiHtslofe Ge:legenheit zuführt. So fan e8 dann nur zu Leicht gefehen, daß
          die unbebachte Wahllofigkeit den Ver:berber einführt. Auch ein feinem eigentliden Zwede
          nad) vortrefflides Buch kann, wenn der Lefer nicht die nöthige Bildung, Urtheilsreife,
          Charaktergebie:genheit hinzubringt, (HädlidH wirken, wie um {fo mehr die ganze Fluth fader
          und fHlechter Werke, wie fie in Leihbibliothefen ab- und zufirömt,</p>
        <p>Sanz befonders die Lektüre follte von einer durch:dachten Wahl gelenkt werden, und diefe
          Wahl müßte wie jede andere, von einer richtigen Selbfterkenntniß zusgehen, Der Lejer
          follte fi vor allem fragen,welche Lektüre, feiner hefondern Seiftesanlage und Semüthsart
          gemäß, für ihn die gewinnreichfte fei,welche feine fittlide und geiftige Entwiclung am
          meiften fördere, und vor allem beachten, auf weldjer ihwaden Seite er etwa gegen
          verführerifde ECinz drüde auf der Hut fein müffe. Er follte, bevor er ein Buch zu lefen fi
          entfHließt, Prüfung Halten,ob e8 möglicdherweife feinen Zwedfen entfpredhe, ob es nicht
          etwa in feinen Bildungsgang ftörend eingreife;zr follte, naddem e3 gelefen it,
          überfhlagen, welches das Hauptergebnif des Inhalte fet, und welchen Zufluß für feine
          Bildung er darausS gefhöpft habe,<pb n="145"/>So würde nicht nur das Ernfte, das
          Lehrhafte, fonz dern aud daz Erheiternde, das Eraöblihe feinen Ächern Ertrag abwerfen.</p>
        <p>Die Weltliteratur hat des BVBortrefflihen, des Kaffiigen in Scherz und Ernft einen jo
          reihen Schaß aufzumeifen, und doch wird. der Modetand des Cphemeren fo gerne vorgezogen.
          Möchte der Sinn auf Ddiefes Kiaffijhe fi wenden, das eben dadurdh flalfild it, daß eS zu
          wahrer und ächter Menfchen:bildung einen Beitrag leiftet. Hier am Beften den Seift
          erweitern, das Herz veredeln, den Charakter tärken, einen fihern Halktpunkt der Klarheit
          und Rraft erfafien gegen die Trübungen des täglichen Zeben8, das märe der eigentlide
          Geminn, den uns Bücher bringen follten.</p>
        <p>Und wie die Lektüre nicht mahllos fein darf,jo fol fie aud nit im eitles und.
          genußfüchtiges Viel= und Durcheinanderlefen ausarten. Ein ein:zige8 gutes Buch gründlih,
          mit Nachdenken über feinen Plan, Sang und Endzwek durchlefen, fördert weit mehr Einfiht
          und Bildung, al das flüchtige Aothun einer halben Bibliothek. Diefe Art hin:träumenden
          oder meggaloppirenden Lefenz verwirrt nur ben Kopf, mißleitet das Herz, entführt die
          Vhantafie, hinterläßt den Dünkel Hohler Ab{precherei,<pb/>{ACC und die Vernachläffigung
          der erften und wicHhtigiten Pflichten.</p>
        <p>Sutaeleitete, mwohlverftandene Lektüre dagegen ift zine8 der fHönften Sefchenke des
          Himmels. E83 hat den hHöchften Reiz, zu vernehmen, wie die glüclichften Köpfe, die
          edelften Gemüther gedacht und empfunden haben, Im Umgange mit den TreffliHen aller Zei:ten
          werden wir felbfit allmälig edler, wir nähern un8 unvermertt jener Höchften Bildung, die
          fichH weniger in wohltönenden Reden Kund gibt, als in Handel und Wandel, weldhe der
          unverfälfhte Abdruck un:jerer innerften Sefinnung find.</p>
        <p>Unjer Leben ift ein fortgeleßter Gang zwilden BelhHränkungen. eberall findet unfer
          individuelles Sein, Wüniden und Wollen Widerftand- und Rei:sung. €8 liegt in diefer
          Befchränkung eine Höhere Borforge; denn ohne fie, wie ftände e8 mit der fo nöthigen
          Bezähmung der Leidenfchaften? Ieder Hat jeinen Theil davon, der hHerauSbrechen würde,
          fobald er in einem durchaus freien Elemente fih bewegen fönnte. Das einzufehen, das
          Hemmnif als Fiügung <pb n="190"/>zu betrachten, die Befhränkung in freie Mefignation
          umzugeftalten und freiwillig feinem Individuum fo-weit Abbruch zu fun, al e8 mit der
          Behauptung unferer eigenen Erijtenz verträglich ift: da3 wäre zine glüdlidge ErrungenfHaft
          tieferer Bildung.</p>
        <p>Die umgekehrte LebenZzweife MHarakterifirt den Sgoiften. Ueberall Heftet er fein Selbft
          zum Bole jeiner Umgebung und ift nur glüclih, wenn diefe ihn umfreist. Ans diejem
          Mittelpunkte der Selbft:Iucht fließen alle Strahlen, die den RadiuZ feines Wejens. bilden.
          Er richtet fi nach Niemanden, er it Feiner Aufopferung fähig; er kennt feine Duldung
          Fremder Anfdauungsweifez er adtet nicht fremdes VBerdienft und feßt an die Stelle der
          Anerkennung den Neid. Was Wunder, daß ein foldger Menfch feine Bufenfreunde hat.</p>
        <p>Man follte in unfern Tagen nidt mehr von einem . WiderfpruchH zwifhen Ideal und
          Wirklichkeit iprehen. Was {ft denn die Wirklichkeit anderes als das Ergebniß vielfacher
          zufammenwirkender Urfadhen,a3 ein Iogifdhes Naturprodutt? Sie erzeugt und entwicfelt fiH
          nad) den ewigen Sefegen von Urfache <pb/>al und Wirkung. Die Wirklichkeit ift ehrwürdig,
          denn fie fommt aus der Hand der weltverwaltenden Vor Tehung, Io gut wie der Sturmwind, das
          Wehen des Frühlings, das AÜbfterben des Herbftes, In diefer Wirklichkeit liegt aber au
          eine üppige Fülle idealen Stoffes; diefen Herauszulöjen, geiftig zu verarbeiten,ifn ins
          Lit der Idee zu ftellen, fjei die Aufgabe des Menichen von idealem Streben. Man wird
          un:ferer Zeit die Anerkennung nicht verfagen Können,daß fie diefe Arbeit mit nie
          dagewefenem Eifer an die Hand genommen Hat. Auf allen Lebenzgebieten :in den
          WiffenfHaften, in den großen und Heinen Werkftätten menfchlidher Thätigkeit, ift der
          SGeift des Fort{hritte8 eingedrungen, jenes Fortfchrittes, der au gemwecdtem Denkvermögen,
          aus der Befreiung von übertragenen Anfhauungen, die fih überlebt ha:ben, hervorgeht. So
          Hat in der MechtswiffenfHaft und in der Rechtspflege eine Heilfame Wendung be:gonnen. Die
          RNMechtslehrer des vorigen Jahrhunderts und au noch des jebigen, zogen. eine fharfe Grenze
          zwifgen Recht und Billigkeit, und auf die lebtere Jah man mit Herablafjung. It daz nicht
          anders geworden? Kommt die Billigkeit die Billigkeit,die in der Tiefe des SGemlüthz3 und
          des Mitgefühls mwurzelt nicht mehr und mehr zu Chren? Liegt <pb/>1:</p>
        <p>1 diefem Zuge nicht- die Einführung der ShHwurgerichte,der Ruf nad der Civiljury, nad)
          Handelsgerichten,nach einer freiern Bemweistheorie, zu Grunde? Die Rechtspflege folk dem
          Leben, dem ungetrübten Necht3=finne, der Volksanfiht näher gebracht merden. Sie fol nicht
          Selbftzweck, fondern nur Mittel zum Zweck nämligh zu Nealifirung der hohen Idee der
          Ge:rechtigfeit fein, In den NMaturwiffenfHaften iftet fi dem ernften Forjdhertriebe ein
          Schleier um den andern, wenn auch der leßte, [Hmerfte Vorhang nie aufgerollt merden wird.
          Wie mehren fihH die großartigen Anftalten zu Erleichterung des Verkehrs und des
          Sedankenaustaufhes unter den Menfchen verfdhiedener Länder, ja Welttheile. Wie hat die
          immer fi vervollfommnende Photographie unz die Kunftidhäße der großen Städte zugänglidH
          gemacht!Neue Sildungsanftalten erftehen von Land zu Land:Frobel’IHe Kindergärten,
          HandwerkerfHulen, Sekunz darfhulen, ftaatlidhe Töchterinftitute, Polytedniken,Mufeen
          alüberall das Lebendigfte Beftreben, daz gewonnene Wiffen dem Volke näher zu bringen und
          ijın nußbar zu madhen, die Menfdhen au3 dem dumpfen Dahinleben aufzumecen und ihnen die
          Mit-tel zur Berufstüchtigkeit, zur Bildung und zu einem menfdenwürdigen Dafein an die Hand
          zu aeben.<pb n="15"/>:Und auf dem Höchften, Gebiete menjGliher Intereffen,dem religiöfen,
          da gährt ja gewaltig, unter der Führung tapferer Kämpfer, das Werden einer neuen
          Beitperiode, das Ringen, veraltete Formen und Anz üchten abzufhlütteln, das Streben, ein
          neues Kleid anzuziehen, da3 den ‚durH Wedung des Geiftes gerbeigeführten Veränderungen der
          religiöfen Bedürfz niffe entfpricht. Wie unbegründet {ft im großen Sanzen genommen die fo
          oft vorgebrachte Klage über Abnahme des religibfen Sinnes. Ya, wer den reliz gtöfen Sinn
          nur im fleißigen Kirdgenbefudh, in äußern Andadhtsiübungen fucht, dem mag €8 fo fetz nen.
          BVBielfach werden diefe vernacdhläffigt, hHauptfäch=ih aus dem Grunde, weil der äußere,
          gotteSdienft=liche Kultus nidt die gefuchte religiöfe Nahrung darbietet, weil die
          vorgetragenen Lehren mit den jelbfterrungenen Neberzeugungen des Zuhörer8 nicht im
          Einflang ftehen, weil der Zuhörer fid in eine Zeit zurücdverfeben muß, der er nicht
          angehört, Die 3 hinter fi hat, Wer jedoch den religiöfen Sinn mehr. in die SGefinnung und
          die Handlungsweife :ine8 MenfhHen verlegt, der wird die erwähnte Klage wohl, menn nit
          zurücnehmen, doc zu befhränkfen geneigt fein. Dder weist denn etwa unfere Zeit (Olimmere
          moralifihe Zuftände auf als die früherer <pb n="134"/>Kahrhunderte? Sehr das Segentheil!
          Man durdh-gehe doch die Sittenge[hichte jener Tage, wo die firgligen Uebungen am
          ftrengften beobachtet worden find, mo eigene Behörden den KirdhHenbefuchH auch der
          Ermwachfenen, der Väter und Mütter, überwachten,wo SGefeggebungen diefen Befuch
          vorfchrieben und bie Nebertretungen mit empfindligen Strafen be:drohten wie ftund e8 denn
          damals mit dem fitt-fien Leben des Volkes? Darauf Könnte eine Sta:tiftif der
          Kriminalverbredhen die fMlagenbfte Antwort geben. An fOmweren und fMOeußlidhen Verbrechen,
          an Mord durch Gift und Dolch, an Unzucht jeder Art,an Haarfiräubenden Semaltthätigkfeiten
          überbieten fie unfere Zeit bei weitem, trok der barbarifhen Strenge damaliger Strafgefege.
          Das hHäuslidhe Leben, die Kinderzucht diefer Vorfahren Könnten ebenfowenig als Borbild
          dienen. Wenn nun unfere Zeit, ohne Frage,an Humanität Höher jtebt, wem ift denn diefer
          Fort:jhritt zu verdanken; doch nad dem Sefagten nicht dem Kirchenbefuch, nidt den
          vorgefhriebenen An:vachtsiübungen, fondern den bevorzugten Seiftern. und Kämpfern, mweldhe
          erweiterte Erfenntnig und Höhere Sefinnung unter die Menfchen gebracht haben. Und eben
          diefe erweiterte Erfenntniß beanfprucht mit Necht im religiöfen Leben eine ihr
          entipredhende Reform.<pb/>EA Alfo allüberall vollanf zu thun für Solche, die guten Willenz
          find: die nadj Maßgabe ihrer Kräfte am großen Werke der MenfhHenerziehung und
          Men:jdenbeglücung mitarbeiten mödhten. Die Wirklich:feit frif anzufaffen und fie dem Ideal
          entgegenzus führen, das ift die Aufgabe. Damit ift die Muft zwilchen Wirklihkeit und Ideal
          zugedeckt, an der ein Rouffeau und andere zu Grunde gegangen find.</p>
        <p>Welch’ ein fhöne8 und ergiebiges Arbeitsfeld thut RO auf! Wahrlih,. das läßt Feine Zeit
          zu Klagen über die Verworrenheit diefer Welt, über das Dunkle und Zrübe des
          MenfhHenkoofe8, Keine Zeit zu eitler Selbftbefhauung und weltfhmerzlidhen Sedanken.Wie
          undankbar find aber auch folge Klagen! DO Menfh, fiehlt du denn nicht, wie eine
          allwaltende Süte dihH vor allen Erdengefhöpfen bevorzugt hat?Wie fie deinen Körper fhön
          geformet, dihH mit hHerr-lien Gaben des Seiftes und des Gemüthes aus:geftattet Hat, um
          Deiner SGenußfähigkeit nad allen Seiten ein weiteS Feld zu Sffnen, wie fie die Erde,bein
          Wohnhaus, mit allen Reizen gef mlct Hat.Die Farbenpradht der Blumen ziert Garten,
          BWiefe,Feld und Wald; KiebliHe Düfte durhwehen die Luft.Auf den Bäumen figen die Sänger
          und heben wett:zifernd ihre Lieder an; am Waldhang flötet die <pb/>e Amel; von Hügel zu
          Hügel dehnt fih das wein:und freudenfpendende Rebgelände, der ernfte Wald offenbart dem
          Eintretenden feine dunklen Myfjterien;drüben lächelt der See, e8 gurgeln und fpringen die
          Quellen vom Berghang; rofige Wolfen ziehen wie Vhantafieträume am hohen. Gewölbe dahin;
          Berg:rücden und Firnen [Oüßen das liebliHe hal. Wo nur immer dein Bli fih. Hinwendet,
          überall Schön heit, Fülle, Segen, Vorforge für den MenfhHen und feine Nebengefhöpfe. Nicht
          genug an diefer fidht-baren, wundervollen SGotteswelt, au ein unficht-bares Neid wird dem
          Menfchen aufgethan, nidht weniger wundervoll. Dur eine andere Eingangs:pforte zu Deinem
          Seelenleben, durch das Ohr, geht der Zauber Himmlifcher Töne ein. Was das Wort des Redners
          und Dichters nicht auszufpredhen ver:mag, dem verleiht die Mufik ihre Mangvolle Stimme,Aus
          den tiefften Tiefen menfchliHen Empfindens Holt fie ihre Schöpfungen und im Labyrinth der
          Brujft mwiderhallen ihre Melodien. Bom anmuthenden VBolfksliede an bis Hinauf zur rei: und
          weitange-legten Hang: und fturmdurhmwogten Symphonie, meld’eine unerfOhöpflide Fülle über
          Welt und Leben erhe:benden Senufjes. Und für diefe8 Hehre SGefhentk Tollte der MenfidH
          nicht dankbar fein! Aber noch fo <pb n="157"/>viel Anderes ift geboten: Liebe,
          Freundfhaft, Wiffen:Ichaft, Kunft, geboten Jedem, der fi um bdiefe edlen Güter bemüht.
          Leer geht Feiner aus, der den Kampf mit dem Dafein aufnimmt.</p>
        <p>Kampf? Allerdings! Kampf muß fein, er unter:Hält deine Kräfte, deine Frijhe, Keiner gebe
          diefen Kampf auf, fei er fo Hochgeftellt als er wolle, Haft du über enge, zufOnürende
          Verhältniffe zu Hagen,will dein. beftes Streben nie vet zum Durchbruch fommen, [legt dir.
          Mißgunft einen Verhau in den Weg, wideln dih die Fehler deines Temperamentes in
          Befümmernifie, alle diefe Nebel finden ihre Ver-föhnung in einem edlen feftgehaltenen
          Beftreben,Wirf deine Cheilnahme auf die ganze Sefellfchaft,lebe mit ihren hHöhern
          Interejfen fort, wirke Hinein,wo du Gelegenheit findeft und Kraft fühlft. Und wenn du auch
          nicht groß unter den MenfchHen glän=zen Fannft, edles Streben und gute That jHÖmwingen fi®
          in ungeahnte Ferne fort. Das DBeifpiel, die Wirkung geht auf andere über, von diefen auf
          dritte und vierte und fo fort. Der Geilt einer Ort{dhHaft (äßt fih zuweilen auf einen
          längft dahingegangenen wadern, zu Lebzeiten einflußreidhen Bürger zurücz führen... Bon
          einem Zündhölzhen aus erleuchten fih alle Sasflammen des Drts. Unter den Menichen
          <pb/>©find die aufgewedten Köpfe, die empfänglidhen Ge:müther diefe Gasflammen. Wohlan
          entzünde foldhe,wo dur immer Kfannft.</p>
        <p>So wird in nimmerraftender Thätigkeit die welt:[Hmerzlige Stimmung verdunften. Liebe und
          Dank-barkeit werden früher oder fpäter das Bemühen um Andere Kohnen und deine guten Werke
          folgen dir nach, wenn längft der Srabhiügel die Mefte deines Dafeins deckt,</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>