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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Der Strandvogt von Jasmund - Vierter Band</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/111248167">Galen, Philipp</persName><country>Deutschland</country><birth>1813.0</birth><death>1899.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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      <a id="page4" name="page4" title="wedi/JohannN"/> Stille, die sie nun umgab, Beruhigung und Trost für ihren gerechten Schmerz zu suchen.</p><p>Unten im Zimmer des Kastellans war die ganze Familie Ahlström versammelt, einer vor dem andern erschreckend, wenn das tränenschwere Auge auf die in diesen Räumen lange nicht erblickten Trauerkleider fiel. Alle hatten sich in ein kleines Häufchen um den hohen Sorgenstuhl zusammengedrängt, auf dem der alte Diener des gräflichen Hauses saß und seine stillen Zähren mit dem lauten Schluchzen seiner Frau und Töchter vermischte. Auch sämtliche Diener hatten sich hier eingefunden und standen in den Ecken und schauten die weinende Familie an, von der allein sie Trost in diesen schweren Tagen zu hören erwarteten, aber keine Silbe kam über die Lippen des heimgesuchten Hausvaters, denn er selbst war innerlich zerschmettert und die Worte, wenn er welche hätte sprechen wollen, wären ihm im Munde erstickt.</p><p>Gylfe Torstenson, die ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen, seitdem Major Caillard so übereilt aus demselben entwichen war, um mit Magnus den tödlichen Streit zu Ende zu führen, hatte noch niemanden gesehen und wollte auch niemanden sehen, da sie wohl fühlen mochte, daß kein freundliches Gesicht ihr begegnen würde; selbst Gysela, die in dumpfem Schweigen, mit geschwollenen Augen und zeitweilig lebhaft ausbrechendem Schluchzen, die gewöhnlichen Dienste bei ihr verrichtet, hatte keine Silbe über ihre Lippen schlüpfen lassen, die irgend eine Andeutung der im Schlosse stattfindenden Vorgänge enthielt, und so hütete sie in schauerlicher Einsamkeit ihr Zimmer, in dem sie nirgends und in nichts einen Anreiz zum Troste fand, und seufzte bald laut, bald starrte sie in gedankenloser Versunkenheit vor sich nieder oder in die öde Winterlandschaft hinaus.</p><p>Auch Waldemar Granzow hatte sich, sobald die Trauerfeierlichkeit beendet war, in die Einsamkeit des obersten Turmzimmers zurückgezogen, welches sein Freund durch den letzten Aufenthalt darin in seinen Augen für ewig geweiht hatte. Von hier aus schaute er über das vor ihm liegende Land bis weit auf das Meer hinaus, welches beides, so weit sein Auge reichte, von demselben starren Leichentuche bedeckt war, das nun auch seinen besten Freund auf dieser Erde einhüllte. O, wie er so dasaß und seine Gedanken und Blicke über die unabsehbare Ferne schweifen ließ, in der auch Magnus mit seinen Wünschen und Hoffnungen so gern geweilt, da trat ihm noch einmal in seiner ganzen ursprünglichen Milde und Weichherzigkeit der Mann vor Augen, der schon als Knabe an seiner Seite gestanden und mit dem er die frohe Jünglingszeit auf 
      <a id="page5" name="page5" title="Wunibald/JohannN"/> jener blauen See durchlebt hatte, die fern von ihm gegen die wogenden Eisschollen tobte und brauste, welche die ganze Küste von Rügen wie mit einem schützenden Gürtel gegen die tobende Brandung umschlossen. Dieser Knabe, dieser Jüngling, dieser Mann war ihm mehr als ein Freund, er war ihm fast ein Bruder gewesen. Dieselbe väterliche Hand hätte für beider Erziehung so weise und liebreich sich aufgetan, beide mit gleicher Liebe umfaßt und beiden ohne irgend eine Parteilichkeit, die doch so natürlich gewesen wäre, ihre fernere Lebensbahn zu ebnen gesucht, indem sie den einen wie den andern mit gleichen Mitteln ausrüstete, den Kampf des Lebens siegreich zu bestehen. Nun war der, um dessenwillen diese Liebesquelle so reichlich geflossen, dahin, für immer; der alte biedere Vater war kinderlos zurückgeblieben und hatte also mit seinem Erben auch alle an ihn geknüpften Hoffnungen verloren. Die vielen zerstreut liegenden Güter waren nun ihres einstigen Herrn beraubt, die zahlreichen schönen Besitztümer aller Art vergebens gesammelt, die reichliche Saat für die Zukunft umsonst ausgesäet, denn niemand war da, der hätte sagen können: das alles wird einst mir gehören und ich werde weiter bauen, was mein Vater gebaut, ich werde vollenden, was er in seiner Güte und Menschenfreundlichkeit begonnen hat.</p><p>So lange Magnus lebte, war auch Waldemar eine bestimmte und lohnende Lebensbahn vorgezeichnet gewesen, sein Schiff hatte einen Hafen, in dem es rasten, seine Hoffnung einen Anker besessen, an dem sie haften konnte, denn was der eine tat, tat auch der andere. Nun aber war diese Lebensbahn plötzlich abgerissen, der Hafen war versandet, der Anker hielt nicht mehr, Waldemar war auf sich selbst, auf seine Kräfte allein angewiesen, und zum erstenmal auf eigenen Füßen stehend, mußte er ein neues Leben beginnen, erkämpfen, da ihm das alte an der Seite seines Freundes verschlossen war. Darüber nun trauerte und klagte er nicht, wie er überhaupt nie klagte, denn dazu war er zu stark, zu willenskräftig, zu gottergeben, wie der Mann es sein soll, dem der Schöpfer in seiner Güte so viele Fähigkeiten verliehen; auch hoffte er sich allein das Leben untertänig machen zu können und einen Hafen zu finden, in dem er sein Schiff ruhig vor Anker legte, wenn der stürmende Abend käme; nein, er trauerte vielmehr darüber, daß Magnus Brahe der Boden unter den Füßen so rasch weggezogen war, daß das schöne Leben so früh für ihn geendet, daß nicht die Freude, nur der Schmerz sein letzter Begleiter auf Erden gewesen, und daß nun durch seinen plötzlichen Hintritt eine Lücke in seinem eigenen Leben entstanden 
      <a id="page6" name="page6" title="Ruktz/JohannN"/> war, die kein anderer Mensch jemals wieder würde ausfüllen können.</p><p>»Ja, ja,« sagte er, nachdem er dies alles im stillen bedacht, nun im leisen Selbstgespräch, »Magnus hatte Recht, jetzt erkenne auch ich es, aber leider zu spät: sein Stern ist ganz erloschen, nicht allein in seiner Brust, auch auf Erden, ich sehe nicht den geringsten Schimmer mehr von ihm, und niemals mehr wird er jemanden auf Erden leuchten. Wie wunderbar ist es, daß er von jeher die Ahnung seines frühen Todes gehabt und die düstren Gestalten seines Schicksals vor seinen Augen hat schweben sehen! Oft genug und selbst mitten im Rausch der jugendlichsten Freude hat er mir seine Gedanken darüber mitgeteilt. Wie sind doch manche Menschen auserlesen, im Geheimen und tief im Innern zu fühlen, was in der Zukunft verborgen liegt, und gewissermaßen mit einem Fuß auf dieser Erde und mit dem andern in jener unbekannten Welt zu stehen. In welcher geheimnisvollen Verbindung steht ihr Geist mit dem großen Weltgeiste, aus welchem Stoffe sind die Kettenglieder gewebt, die zwischen beiden herüber und hinüber laufen, auf welche Weise die rätselhafte Sympathie entstanden, die beide miteinander verbindet und den Menschen das mit Geist und Gefühl begabte Atom des allmächtigen Schöpfers sein läßt. Wer das sehen oder nur begreifen könnte! Warum sind die Wolken nicht durchdringbar, die zwischen der Erde und dem Himmel fliegen, warum trennt ein endloser Raum die düsteren Schatten der Erde von dem göttlichen Lichte der alles verklärenden Himmelssonne? O, ich kann es nicht begreifen, meine Augen sehen nur das Sichtbare, und meine Ohren hören nur das Hörbare, den Schwung und die Richtung des sausenden Rades aber, welches der Weltgeist durch das All rollen läßt und an das der Menschen Schicksal mit unsichtbaren und doch unzerreißbaren Fäden gebunden ist, kann ich nicht vernehmen und erkennen, wie sie Magnus so oft vernommen und erkannt hat. Der gute Magnus! Ob er wohl glücklicher dadurch war? Ich glaube es nicht, im Gegenteil sogar; aber eben weil er dadurch unglücklicher war als ich, darum liebe ich ihn so, denn ich fühlte immer, was ich von ihm voraus hatte, und es schmerzte mich, daß ich noch in einem Punkte glücklicher war als er. Ob ich ihn wohl so liebte, wie er es verdient hat? O welchen Menschen liebt man, wie er es verdient, wir müßten sonst unsere Eltern, alle die, die uns Gutes tun, auf den Händen tragen, und das tun die Menschen so selten! Und dennoch kann ich von mir sagen, daß ich ihn sehr geliebt habe. Ich kannte niemand, der mir teurer war, 
      <a id="page7" name="page7" title="Ruktz/Willy123"/> mir näher am Herzen stand, und wenn ich einen Bruder gehabt, er hätte wohl mein Bruder heißen, aber nicht mehr geliebt sein können als er. Und nun liegt er kalt, leblos unter dieser eisigen Hülle, welche der Himmel auf die Erde gesandt hat, um seinen heißen Schmerz bald zu kühlen, nun sieht er nicht mehr die blauen Wellen, die so fröhlich tanzen und springen, und die goldene Sonne, die so lieblich wärmt und so herrliche Strahlen wirft. Nein, o nein, er hört auch nicht mehr das stolze Wehen und Brausen des Windes, nicht mehr das süße Wort der liebevollen Menschen, seine Hand drückt nicht mehr die Hand des Braven, Getreuen und Guten, deren Begrüßung einem empfindenden Herzen so wohl tut. O, das alles ist nun vorbei und wird ihm nicht wieder geboten! – Wunderbar, wie mir jetzt alles vor die Seele tritt, was er mir so oft gesagt! Das Eine klingt mir vor allem in die Ohren, als hörte ich noch den Ton, womit er sprach: Glaube mir, sagte er, so lange ich bei dir bin, wirst auch du nicht froh und heiter werden, nur dann erst, wenn du mich aufgegeben, mich verlassen hast, wirst du glücklich sein und das Ziel deines Daseins erreichen, denn ich bin der Hemmschuh, der das Rad deines Lebens aufhält. – Was hat er damit gemeint? Liegt auch dieser Vorhersagung eine bestimmte Ahnung zu grunde? Woher soll nur das Glück kommen, wenn mir das an seiner Seite nicht mehr erblühen soll? Ich weiß es nicht – o was wüßte ich jetzt, denn es summt mir noch immer sein letztes Röcheln in den Ohren, und sein ersterbender Blick dringt noch immer in meine umflorte Seele. Ich vermache dir meine Rache, sagte er sterbend, ich kann ihn nicht mehr strafen, strafe du ihn! Wie soll ich ihn, den er meinte, strafen, wie ihn nur erreichen? O, die Pfade der Menschen führen weit auseinander, und selten treffen die wieder zusammen, die sich einmal freundlich oder feindlich begegnet sind. Das wäre also das Hauptvermächtnis meines Freundes – die Rache! Ach, das ist kein angenehmes Geschenk für mich, dessen Hand nicht dazu geschaffen ist, an dem Leben eines Menschen zu rütteln; ich liebe die Menschen und leihe nur ungern meine Kraft, das Geschöpf zu zerstören, welches Gott in seiner Liebe und Güte erschaffen und unter so vielen Mühen hat wachsen und gedeihen lassen.</p><p>Außer diesem traurigen Geschenk aber hat er mir noch ein anderes Vermächtnis hinterlassen – die Papiere, die er im Gefängnis zu Bergen mit seinen Gedanken gefüllt, vor meinen Augen versiegelt und mir erst vor wenigen Tagen übergeben hat. Da liegen sie vor mir und ich vermag kaum meine Augen davon abzuwenden, so teuer, so wertvoll sind 
      <a id="page8" name="page8" title="Ruktz/gary"/> sie mir. Sende sie meinem Vater, sagte er mir mit gewichtiger Miene, und halte nicht für gering und bedeutungslos, was ich dir sage. Es ist mein Wunsch, daß er sie gerade durch dich erhält, damit er sieht, wie du bis zum letzten Augenblick an meiner Seite gestanden und damit den Schwur gelöst hast, den du in seine Hand legtest, als er uns beide ins Leben sandte. – Ich werde sie also dem armen alten Vater senden, dem ich gern dies bittere Herzeleid erspart hätte, aber ich muß es ihm verursachen, ich kann nicht anders. Doch was soll ich ihm sagen, wie sein einziger Sohn und Erbe geendet, wodurch er den Todesstoß empfangen hat? Niemand hat es gesehen, niemand gehört als Gott, denn dieser Franzose ist auf schnellem Rosse davongejagt, und keiner konnte ihn einholen. An Verfolgung war nicht zu denken, er hatte eine stählerne Mauer um sich und sein Name: Franzose! schützt ihn vor den Angriffen jedes Gesetzes. Denn wir sind schwach und bedürfen der Hilfe jenem Volke gegenüber, das groß und gewaltig ist zur Zeit und andern die Faust auf das Herz legen und befehlen kann, daß es zu schlagen aufhöre. Welche Schmach, welche Erniedrigung für den Mann, der Kraft in seinen Sehnen und festen Willen in seinem Geiste hat! Doch es ist nicht anders, und wir müssen es tragen, was andere einmal verschuldet haben. Aber für die Franzosen werden einst auch bittere Tage kommen, dann werden die Stärkeren über 
      <i>ihnen</i> stehen, und Gott selbst wird die Vergeltung in seine Hand nehmen, die die Menschen jetzt nicht ausführen können.</p><p>Doch ich muß mich immer wieder fragen, wie waren die Vorfälle hier im Hause, die Magnus' Tod zur Folge hatten? Starb er im ehrlichen Kampfe, oder sank er unter dem Streiche eines Meuchelmörders hin? Wer weiß es, wer sah es? Beinahe glaube ich das erstere, denn auch der Flüchtige schien verwundet, er blutete an Kopf und Brust und Magnus' Hand hatte ein Pistol abgefeuert, mit dem er sein Ziel stets zu finden wußte, wenn er es suchte. Doch darüber schwebt ein Dunkel, das uns niemals gelöst werden wird, und so will ich es der Wahrheit gemäß dem Vater berichten. Hätten wir doch den Mann ergriffen, der die Tat verübt und lieber die Schätze eingebüßt, die er räuberischen Sinnes auf den Wagen geladen und nun mit seinem eigenen Gepäck in unseren Händen gelassen hat. Doch was hätte es geholfen? Wir hatten keine Zeugen, und wenn wir sie gehabt, so gibt es doch jetzt dem Mächtigen gegenüber kein Recht.« –</p><p>In solch trauriges Sinnen verloren, was bei dem so überaus heiter kräftigen und lebensmutigen Mann etwas 
      <a id="page9" name="page9" title="Ruktz/Wunibald"/> ganz Ungewöhnliches war und seinem charakteristischen Gesicht einen eigentümlich rührenden Ausdruck verlieh, stand er in dieser einsamen Stunde mit untergeschlagenen Armen am Fenster und schaute immer noch in die vor ihm liegende Ferne hinaus. Plötzlich flog ein Reiher mit gewaltigem Gekrächz aus dem schneebedeckten Gebüsch des Parks von Norden nach Süden hin, und augenblicklich folgten ihm Waldemars Augen, denen so leicht nichts entging, was im Bereich der Natur vor ihnen geschah.</p><p>»Ein verspäteter Gast!« sagte er, dem raschen Fluge des großen Vogels folgend. »Er verläßt seine nordische Heimat und fliegt südlicheren Gegenden zu. Ha! Er erinnert mich an mich selber, und auch ich werde mich bald auf die Wanderung begeben, um meine alte Heimat aufzusuchen, denn hier habe ich am längsten geweilt, und mich fesselt nun nichts mehr an das alte Schloß, als die dankbare Gesinnung für meinen edlen Wohltäter und die Erinnerung an die schönen Jugendtage, die ich hier mit seinem Sohn verlebt habe. So will ich denn gehen, heut nicht mehr, aber morgen früh, und meine alten Eltern aufsuchen und ihnen sagen: hier habt Ihr Euren Sohn ganz wieder, nun stützet Euch auf ihn, er ist stark genug dazu. Ha! Ja, das ist auch eine Aufgabe für mich, und sie sagt mir zu. Aber ehe ich diesen Gang antrete, steht mir noch ein schwerer Abschied bevor, ich muß mich von dem alten Ahlström und seiner Familie trennen, und erst mit mir werden sie ihren guten jungen Herrn ganz verloren haben, und darum wird ihnen mein Weggehen wehe tun, ich sehe es ein.</p><p>Und noch einen schwereren Gang habe ich hier zu tun, den ich so bald wie möglich unternehmen will, damit er getan ist. Dieses Unglücksweib muß ich noch einmal sprechen, das an allem Kummer in diesem Hause schuld ist, und ich bin neugierig, welche Miene sie jetzt annehmen wird. Freilich, wenn ich es recht bedenke, habe ich keine Verpflichtung gegen sie, ich könnte gehen, ohne sie noch einmal zu sehen und ihr dadurch meine Verachtung beweisen, aber sie war einst die Geliebte meines Magnus', und so will ich in der Erinnerung daran ihr Lebewohl sagen. Und das soll sogleich geschehen, dann liegt das ganze bisherige Leben hinter mir und das neue vor mir.«</p><p>Er verschloß alle Gegenstände, die früher Magnus im Gebrauch gehabt, und die er, um sein Herz daran zu weiden, vor sich auf den Tisch ausgebreitet hatte, sorgfältig, vor allen aber den Brief, der an Graf Brahe gerichtet war, stieß einen Seufzer aus, als er den Schlüssel aus dem Wandschrank zog, und stieg bekümmerten Herzens die Treppe hinab, denn er 
      <a id="page10" name="page10" title="Ruktz/Wunibald"/> wußte vorher, daß er bei dem Kastellan keinen trostreichen Anblick haben werde.</p><p>Als er bei dem Alten eintrat, fand er die ganze Familie noch beisammen; sie hatten aufgehört zu weinen, als sie aber Waldemars ansichtig wurden, brach ihr Kummer wieder hervor, und aller Augen flossen von neuem über.</p><p>Da fühlte der starke Mann sich selbst zum Tröster berufen, und mit warmen und lebhaften Worten sprach er seine Meinung aus, daß auch der Schmerz sein Ende haben müsse, wie die Freude es habe, und daß es Pflicht sei, sich in Gottes Willen zu fügen, da man als Mensch nicht immer die Erfüllung aller Wünsche beanspruchen dürfe.</p><p>Alle traten bei diesen Worten an ihn heran, ergriffen seine Hände, als wären sie ein Teil von dem Hingegangenen, und weinten in seiner Nähe sich noch einmal von Herzen aus, bis sie endlich gefaßter wurden und ein ruhiges Gespräch über die vorliegenden Verhältnisse führen konnten, wonach Waldemar zuletzt seinen Entschluß aussprach, schon am folgenden Tage Spyker verlassen und sich zu seinen Eltern nach Sassnitz begeben zu wollen.</p><p>»Ich kann dir das nicht verdenken, Waldemar,« sagte der alte Ahlström. »Spyker ist in solchen Zeiten und noch dazu im Winter kein behaglicher Aufenthaltsort. Hier wird nichts als das Weh zurückbleiben, und ich habe eine wahre Angst, wenn ich daran denke, daß wir nun mit der Dame oben wieder allein sein werden. Was sollen wir mit ihr beginnen, wenn sie immer nur nach ihrem Buhlen seufzt, der in unsern Augen nichts als der Mörder unsers lieben Herrn ist?«</p><p>»Sie wird Euch nicht lange lästig fallen, denke ich,« erwiderte Waldemar. »Ihr selbst muß Spyker kein angenehmes Obdach mehr bieten. Sobald man das Stift in Bergen wieder für seine Bestimmung hergestellt hat, wird sie Euch verlassen und unter ihren Damen ihre Wohnung aufschlagen, wenn sie nicht nach Frankreich geht.«</p><p>»Gott weiß es, was sie tut, aber ich sähe sie lieber heute als morgen scheiden.«</p><p>»Da wir gerade von ihr sprechen, Gysela,« fuhr Waldemar fort, »so geh' einmal zu ihr hinauf und frage sie, ob ich sie sprechen kann. Ich möchte nicht den Vorwurf auf mich laden, der Pflegetochter meines Pflegevaters auf ewig den Rücken gekehrt, ohne ihr ein Lebewohl geboten zu haben. Am Ende kann sie nicht für ihre Gefühle, und man muß in Beurteilung solcher Dinge billig sein.«</p><p>Gysela entfernte sich und kam bald darauf mit der Meldung zurück, Gylfe wollte ihn weder sehen noch sprechen, sie 
      <a id="page11" name="page11" title="lac/gary"/> habe nichts mehr mit ihm zu teilen und wünsche ihm so viel Glück im Leben, wie sie selber in diesem Augenblick genieße.</p><p>Als Gysela diese Bestellung mit aller Ruhe ausrichtete, schoß dem Freunde Magnus Brahes das Blut ins Gesicht. Sein männlicher Stolz war verletzt, und in dieser Beziehung war selbst der einfache und ruhige Waldemar empfindlich. »Wie,« rief er verwundert aus, »sie 
      <i>will</i> mich nicht sehen? Hat diese Dame auch in Bezug auf mich einen so festen Willen? Nun, wohlan denn, der meinige ist noch fester, und so werde ich gegen ihren Willen vor ihr Auge treten und wenn sie mich reizt, soll sie meine ganze Meinung erfahren.«</p><p>Nach diesen Worten verließ er rasch das Zimmer des Kastellans, und gleich darauf krachten unter seinem wuchtigen Tritt die Stufen, die nach dem oberen Stockwerk führten, dieselben Stufen, die noch vor wenigen Tagen das Blut des edlen Grafen gerötet hatte.</p><p>Ohne irgend eine Rücksicht zu nehmen und auf dem Gesicht noch die Spuren der Erregung tragend, in die ihn soeben die unerwartete Abweisung seines Besuches versetzt, klopfte er mit fester Hand an die ihm wohlbekannte Tür, hinter der das Mädchen verborgen war, das seinem Freunde die Welt zum Paradiese hätte umgestalten können. Als er aber vergeblich eine Zeitlang auf einen Hereinruf gewartet hatte, der ihm wahrscheinlich gar nicht zuteil geworden wäre, trat er ohne Bedenken ein und hatte sogleich einen Anblick vor Augen, der sein Blut noch mehr reizte, als die schnöde Antwort vorher, jedoch beherrschte er sich mächtig, trat an die Bewohnerin des Zimmers heran und sagte einfach: »Guten Abend!«</p><p>Gylfe saß am Kamin auf einem Sessel, so weit wie möglich vom Fenster abgewandt, dessen Vorhänge herabgelassen waren, da es draußen bereits zu dunkeln begann; vor ihr stand ein Tisch, auf dem einige Kerzen brannten. Sie saß, die gefalteten Hände im Schoße, sinnend und grübelnd da, in einem dunklen Trauergewande, aber dennoch wie eine Braut mit allen ihren Kostbarkeiten geschmückt, denn ihre Hände funkelten von Ringen, und ihre Handgelenke wie ihr Busen waren mit Armbändern und blitzendem Geschmeide überladen, was auf Waldemar stets einen unangenehmen Eindruck gemacht, da er in diesem Putze bei Gylfe eine Schaustellung gewahrte, die ebensowohl das Auge eines Fremden bestechen, wie die eigene angeborene Eitelkeit des leichtsinnigen Mädchens befriedigen sollte.</p><p>Aber nicht das war es, was Waldemars Auge an diesem Abend so unheimlich entgegenblitzte und es am meisten verletzte, 
      <a id="page12" name="page12" title="lac/gary"/> es war vielmehr die Haltung der ganzen Gestalt und der Ausdruck, der auf dem noch so jugendlichen Gesichte der Jugendgespielin lag. Denn sie hatte ihre etwas magere Gestalt mit einem gewissen Trotze in den Sessel zurückgelehnt und in jeder ihrer Bewegungen sprach sich ein Stolz, eine vornehme Nachlässigkeit und eine erzwungene Würde aus, die ihr nicht eigentümlich und jetzt am wenigsten am Platze war, da man annehmen mußte, ihr Trotz wäre durch die äußeren Ereignisse herabgespannt und ihr anmaßender Stolz müsse tiefer denn je gedemütigt sein.</p><p>Mit dieser Haltung stimmte vollkommen der Ausdruck ihres Gesichts überein. Es war allerdings ungewöhnlich blaß, aber mehr spitz und eckig, als rund und jugendlich, so daß die Lieblichkeit, die ihr früher zu eigen gewesen, zurückgetreten war und den schrofferen Zügen Platz gemacht hatte, die in den geheimnisvollen Winkeln und Falten dieses Gesichts gleichsam unter der Oberfläche verborgen lagen. In ihren dunklen Augen sprühte ein unheimliches, dämonisches Feuer, als sie den Mann erkannte, der ihrem Gebote zuwider die Ruhe unterbrach, in die sie sich zurückgezogen, und sie schaute ihn damit verwundert und kalt vom Kopfe bis zu den Fußen an, anstatt bescheiden vor ihm das Auge zu senken, wie es wohl den Umständen und ihrer eigentümlichen Lage angemessen gewesen wäre.</p><p>Da sie auf des Eintretenden Anrede nichts erwiderte, sondern fortfuhr, ihn scharf und fast kritisierend anzuschauen, so wiederholte Waldemar seinen Gruß und fügte ihren Namen hinzu, was er seit vielen Jahren nicht getan, aber womit er jetzt unzweifelhaft die lange in ihr erloschene Vergangenheit aus ihrem Schlummer wecken wollte.</p><p>»Guten Abend, Gylfe Torstenson,« sagte er. »Sie kennen mich doch? Ich bin Waldemar Granzow, der einzige Freund Magnus Brahes, des Erben dieses Hauses, den wir soeben zur Ruhe bestattet haben, und ich komme von der Gruft zurück, um Ihnen zu sagen, daß die traurige Zeremonie beendet ist –«</p><p>Gylfe hob gebieterisch die Hand, als wolle sie dem Redenden Schweigen auferlegen. »Was wollen Sie bei mir,« sagte sie mit einem erzwungenen kalten und trockenen Tone, der dennoch die Bewegung verriet, die ihr ganzes Wesen durchflutete. »Warum stören Sie meine Ruhe? Kommen Sie hierher, um mich zu tadeln oder zu beschimpfen?«</p><p>Waldemar erhob sich in seiner ganzen Höhe und hatte sich kaum so weit in der Gewalt, daß nicht ein gewisser Groll aus seinen Augen gesprüht hätte, der jedoch nicht in die 
      <a id="page13" name="page13" title="lac/gary"/> Stimme überging, als er zwar milde aber unendlich ernst sagte: »Von der Beschimpfung, um mich Ihres eigenen Wortes zu bedienen, erlauben Sie mir wohl gänzlich Abstand zu nehmen, wenn aber in den Tatsachen, die hier vorgefallen sind, Grund zum Tadel für Sie verborgen liegt, so kann ich nichts dafür, ich wenigstens übernehme hier die Rolle nicht, die Sie mir zumuten, denn ich trete nicht als das Organ Ihres Gewissens, sondern als mein eigener Anwalt auf. Ich habe Ihnen bereits gesagt, was mich hierhergeführt hat, und füge hinzu, daß ich gekommen bin, von Ihnen Abschied zu nehmen, da ich, so weit meine Wünsche reichen, diesen Ort nie wieder betreten werde.«</p><p>»So gehen Sie, ohne viele Worte zu machen, ich bin fertig mit Ihnen, und Sie, hoffe ich, sind auch fertig mit mir.«</p><p>Waldemars heißes Blut wallte aus dem Herzen herauf nach seinem Gesicht; die schnöde Kälte, mit der er ganz schuldlos behandelt wurde und die dennoch eine gewisse Furcht durchblicken ließ, er werde aus dem Berichterstatter ein Ankläger und Richter werden und als solcher die Sache seines Freundes führen, empörte ihn, zumal er sich bewußt war, daß er am wenigsten diese übereilte Abfertigung von seiten einer Person verdiente, die nicht frei von traurigen Schwächen und schuldiger als irgend ein anderer an den vorliegenden Verhältnissen war. Dennoch bezwang er sich noch immer und sagte nur mit gedämpftem Tone und einem verächtlichen Zucken der Schulter, das ihm eigentümlich war, wenn er, von außen gereizt, sich dennoch bemühte, so milde Worte wie möglich hervorzubringen:</p><p>»Sie springen gewaltsam mit Ihren ehemaligen Freunden um; den einen, den das Grab deckt, bedauern Sie nicht; und den andern schicken Sie fort, sobald er den Mund auftut, um eine Erinnerung mindestens des Wohlwollens an jenen hervorzulocken.«</p><p>»Wer sagt Ihnen, daß ich den, den das Grab deckt, nicht bedaure? Für 
      <i>mich</i> ist er nicht in den Tod gegangen und meinetwegen hätte er noch lange leben können. Aber er ist glücklich, denn das rauhe Leben war kein zuträgliches Element für sein weiches Gemüt, und so hat Gott ihm wohlgetan, indem er ihn aus diesem Leben abrief.«</p><p>Kaum hielt Waldemar das bittere Lächeln zurück, das bei diesen Worten über seine ausdrucksvollen Züge flog. Sein Ton nahm etwas Schneidendes an, was durch die Schärfe dessen, den Gylfe hören ließ, von Minute zu Minute gesteigert würde. »Wenn Sie damit sagen wollen, daß Magnus Brahe 
      <a id="page14" name="page14" title="lac/gary"/> ein weiches Gemüt hatte, so haben Sie recht. Die Natur hatte ihm das gegeben, was sie Ihnen versagt, und wäre ein Austausch zwischen Ihnen und ihm in dieser Beziehung möglich gewesen, so würden Sie beide Vorteil davon gehabt haben.«</p><p>Gylfe hob stolz den Kopf in die Höhe und sah mit ihren blitzenden Augen den gereizten Mann durchbohrend an, der aber nicht die geringste Wirkung davon in Haltung und Miene spüren ließ. »Warum sehen Sie mich so seltsam an,« sagte er sogar lächelnd, »glauben Sie mich mit diesem Blick einzuschüchtern oder der Wahrheit, die aus mir spricht, den Mund zu stopfen? Gylfe Torstenson, Sie kennen den Mann nicht, der vor Ihnen steht, ebenso wenig wie Sie 
      <i>den</i> gekannt haben, der nicht mehr vor Ihnen stehen kann. Doch Sie haben ihn einen Weichling genannt, und damit haben Sie mir die Bahn eröffnet, die ich vor Ihnen verfolgen muß, um in Ihrem Herzen den Fleck zu berühren, wo hoffentlich noch ein Rest von Empfindung zurückgeblieben ist. Ja, staunen Sie über meine Dreistigkeit, zu Ihnen, dem Weibe, mit so bitteren Worten zu sprechen, allein es gibt Weiber, bei denen die Waffen der Milde und Bitte ebensowohl angebracht sind, wie bei Tigern und Wölfen eine seidene Schnur, um sie friedlich und sanft daran zu leiten. Magnus ist – um es Ihnen ganz klar auseinanderzusetzen – kein Weichling gewesen, wenn er ein Mann war und Männern gegenüberstand, sondern nur wenn er den Verführungen eines Weibes unterlag. Sie haben ihn nicht gesehen in der Schlacht, wenn Flammen und Blitze um ihn sprühten und er dem Feinde die drohende Stirn zukehrte. Hätten Sie ihn als solchen gesehen, Sie hätten nie Ihr Auge auf den Fremdling gerichtet, der nur ein Mann war, wenn er einem Weibe gegenüber stand, und aus diesem einen Vergleiche können Sie auf den Wert beider schließen, wenn Sie überhaupt den Willen dazu und das Verständnis dafür haben.«</p><p>Gylfe sprang von dem Stuhle auf, auf dem sie unruhig saß, und trat mit drohender Geberde auf den warm gewordenen Verteidiger seines Freundes zu, als wolle sie ihn mit ihren Blicken niederschmettern. Aber Waldemar war immer ein Mann, dem Feinde und einem Weibe gegenüber, wie das war, welches er in diesem Augenblick vor sich hatte. Als Gylfe diese Bemerkung machte und ihren Irrtum erkannte, erinnerte sie sich, daß sie eine Künstlerin war, das heißt, daß sie es verstand, wie eine bühnenkundige Person aus einer Stimmung und Situation in die andere überzugehen, ohne die Brücke wahrnehmen zu lassen, auf der sie das 
      <a id="page15" name="page15" title="Tobbe/gary"/> Kunststück vollführte. Sie sank plötzlich in sich zusammen, nahm eine ergriffene Miene an und die Stirn in die linke Hand legend, streckte sie die Rechte nach Waldemars Schulter aus und ließ sie eine Weile darauf ruhen.</p><p>»Waldemar Granzow,« sagte sie mit bebender Stimme, die aber zu kalt war, um eindringlich, und zu klanglos, um überzeugend sein zu können, »lassen Sie es genug sein des Kampfes zwischen uns. Die Herren der Erde haben den Krieg beendet, und so wollen auch wir Frieden schließen und uns ein freundliches Lebewohl sagen. Ach, ich weiß, ich fühle, welchen Verlust Sie erlitten haben, und ein Teil desselben drückt auch mein Herz zu Boden. Aber Magnus ist nicht von aller Schuld freizusprechen, ach nein! Er war seiner Sache zu gewiß in Bezug auf meine Neigung und glaubte, ich müsse sie ihm bewahren, weil ich seinem Vater Dank schuldig war. Das war ein Irrtum, der schwere und unerwartete Folgen gehabt hat. Die Frauen lieben nicht immer, wo man ihre Liebe verlangt, sondern leider am häufigsten da, wo man sie geringschätzt. Ach ja, ich habe darin traurige Erfahrungen gemacht und vielleicht noch zu machen. Wäre Ihr Freund weniger stürmisch gegen mich zu Werke gegangen, wer weiß, ob mein Herz sich dennoch nicht wieder zu ihm gewandt und ihn geliebt hätte.«</p><p>»Aus Barmherzigkeit vielleicht und weil kein anderer Ihre Liebe begehrte! O nein, darüber war Magnus weit hinweg, daß kann ich Ihnen versichern. Es ist überhaupt leicht, dem edlen Verstorbenen Vorwürfe über sein Verhalten zu machen. Er hört sie nicht mehr und kann nicht wieder gut machen, was er versäumt. Das wissen Sie sehr wohl, und dennoch tun Sie es, vielleicht in dem Glauben, den einfachen Seemann, Waldemar Granzow mit Namen, der stets sein Herz auf der Zunge und seine Seele im Auge hatte, damit zu berücken, ihn, der nicht die schönen Worte im Munde hat, mit denen befähigtere Männer vor Ihnen zu prunken verstanden. Ach nein, Sie berücken mich durchaus nicht, und ich sage Ihnen offen, daß Sie sich vergeblich damit bemühen. Was ich im übrigen von Ihnen glaube und denke, ist meine Sache und kann Ihnen einerlei sein. Aber damit will ich Ihnen keinen Vorwurf machen – diese Mühe wird das Schicksal übernehmen, an das mein Freund so bestimmt glaubte, wie einst an Ihre Liebe. Sie werden – und das sei mein letztes an Sie gerichtetes Wort – genug Zeit zur Reue haben, denn Sie sind noch jung, und eine Vergeltung gibt es schon hier auf Erden. Was mich betrifft, so habe ich hier meine letzte Schuldigkeit getan – ich habe meinen Freund begraben und 
      <a id="page16" name="page16" title="lac/gary"/> seinen Anwalt vor Ihnen gemacht, da er nicht selbst mehr mit Ihnen in die Schranken treten konnte. Jetzt gehe ich von hier fort und lasse dies Schloß zu Ihrer Verfügung. Vergnügen Sie sich mit dem Geiste des Abgeschiedenen und mit der Erinnerung an den Feind Ihres Vaterlandes, der Sie – ja Sie – und das Haus Ihres Wohltäters zugleich, seiner einzigen Stütze beraubt hat. Dies Bewußtsein begleite Sie durch Ihr ganzes Leben. Leben Sie wohl und suchen Sie auch mich zu vergessen, wie ich Ihrer vergessen haben werde, sobald die Schwelle dieses Zimmers hinter mir liegt.«</p><p>Er verbeugte sich tief vor ihr und einen einzigen Blick noch in ihre Augen werfend, der bis in das Innerste ihrer Seele drang, kehrte er sich rasch um und ging mit schallenden Schritten aus dem Zimmer und die Treppe hinab.</p><p>Kaum aber war die Tür hinter ihm zugefallen, so brach die leidenschaftliche Wut des unholden Weibes aus, dem die Natur nur das Äußere eines solchen, aber nicht seine innere Zierde gegeben hatte. Kreischend, schreiend, Waldemar, Magnus, sich selbst verwünschend, lief sie wie eine Rasende im Zimmer auf und ab, rief zehnmal in einem Atem ihren Freund Caillard herbei, auch diesen Menschen zu töten, wie er den andern getötet, der mit ihm fast nur eine Seele war. Den ganzen Abend tobte sie so mit sich selber, da sie gegen niemand sonst toben konnte, und erst als dieser Paroxysmus vorübergerauscht, trat die Reaktion ein und sie schmolz in Tränen hin, die sie erst gegen Morgen zur Ruhe kommen ließen, gegen Morgen, der der Anfang eines neuen Gottestages war, der strahlend am Himmel aufstieg und seine göttliche Liebe über Erde und Meer goß, um Schmerzen wenigstens zu lindern, die er so rasch nicht ganz verlöschen konnte.</p><p>Waldemar dagegen trat ruhig bei der trauernden Familie Ahlströms ein, und nach einer Viertelstunde traulicher Unterhaltung war der Sturm aus seinem Herzen gewichen, der es soeben aufgewühlt, und er war wieder der ruhige, gleichmütige Mensch, der er immer gewesen und jetzt noch mehr sein konnte, da er fühlte, daß er seinem Freunde hier die letzte Pflicht erwiesen, die, über ihn ein mildes Urteil zu sprechen, denn außer Gylfe Torstenson gab es unter seinen Bekannten wohl niemanden auf der Welt, der dem Verstorbenen nicht herzlich ergeben gewesen wäre und ihm von ganzer Seele die Schwächen verziehen hätte, die jeder Mensch auf Erden mit sich als irdischen Ballast herumträgt.</p><p>Am nächsten Morgen aber hatte die Scheidestunde geschlagen. Der alte Ahlström machte Waldemar den Vorschlag, ihn nach Sassnitz fahren zu lassen, aber dieser wies lächelnd 
      <a id="page17" name="page17" title="lac/gary"/> auf seine gesunden Beine und sagte: »Nein, Alter, ich bin noch ein guter Fußgänger und freue mich auf den bevorstehenden Spaziergang an diesem schönen Wintertage. Ich habe vieles in mir zu ordnen und zurechtzulegen, und das tue ich am liebsten und es gelingt mir am besten, wenn ich in Gottes freier Natur mich selbsttätig bewege und meine Schritte richten kann, wohin ich will. Sehet, nichts, als was ich in meinem Herzen trage, nehme ich aus dem reichen Spyker in mein armes Vaterhaus mit hinweg, und doch dünke ich mich nicht mehr arm zu sein. Ich habe viel gelernt in diesem Raume und im Schoße dieser Familie, und die Quelle der Dankbarkeit wird in meinem Herz nie versiegen. So lebet denn wohl, die Erinnerung an die schönen Tage, die ich hier bei Euch verlebt, wird mir die herrlichste Mitgift für mein Leben sein, und auch Euch gebührt mein Dank für Eure Neigung und Euer Wohlwollen. Lebet wohl und sende Euch Gott die Belohnung für Eure Treue und Liebe gegen Euern Herrn!«</p><p>Mit quellenden Augen wandte er sich darauf von der Familie ab und suchte rasch die Tür zu gewinnen. Aber laut aufschreiend stürzten alle ihm nach und hingen sich an seinen Hals, an seine Arme, als wollten sie ihn nicht von sich lassen, der ihnen so teuer, so lieb geworden war. Endlich aber beschwichtigte er sie und sie ließen ihn frei von ihren umschlingenden Armen. Noch einmal: »Lebet wohl!« rufend und mit der Hand winkend, trat er zur Tür hinaus, von keinem auch nur einen Schritt begleitet, denn so hatte er es sich schon am Abend vorher ausbedungen.</p><p>Zwei Minuten später war er aus dem Hofe getreten und unter den schneebedeckten Bäumen den Augen der liebevoll Nachschauenden entschwunden. Als er aber so weit vom Schlosse entfernt war, daß er sich unbemerkt glauben konnte, drehte er sich noch einmal herum, breitete die Arme aus und sagte mit überfließenden Augen: »Lebe wohl, altes Spyker! Du hast mir viel Gutes getan, aber ich habe dafür meine halbe Seele in dir zurückgelassen, denn einen Magnus Brahe gibt es für mich nicht mehr auf der Welt. Und nun vorwärts in diese Welt – und zuerst in mein Vaterhaus! Auch da gibt es liebende Herzen, die mich mit Freuden erwarten, und teure Wesen, die mich mit geöffneten Armen empfangen werden – o wie ist die Welt so reich an Liebe, wenn man sie nur zu finden und zu schätzen weiß!« 
      <a id="page18" name="page18" title="wolfeh/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap002"><h3>Zweites Kapitel.</h3><h4>Im Kiekhause.</h4><p>Waldemar wählte auf dem Gange nach dem Kiekhause diesmal nicht den nächsten Weg; er fühlte das Bedürfnis, seinen Körper in tüchtige Bewegung zu setzen, und da er zugleich seinen Geist aufheitern und sein Auge an schönen Fernsichten laben, vor allen Dingen aber das hohe Meer sehen wollte, so beschloß er, längs des Klippenufers von Jasmund nach dem Süden zu wandern, auf jenem hochgelegenen Waldpfade, den noch heutzutage die Reisenden allen übrigen vorziehen, wenn sie zu ihrem Vergnügen die herrlichsten Punkte des Rügenschen Hochlandes besuchen.</p><p>So schlug er denn in der Richtung nach Nordosten den Landweg über Quoltitz, Nipmerow und Ranzow ein, wo der eigentliche Hochwald der Stubnitz beginnt und von wo man in einer kleinen halben Stunde nach Stubbenkammer, also auf den schönsten Punkt in ganz Rügen gelangt.</p><p>Es war, wie gesagt, ein prächtiger Wintertag; einige Grad Kälte machten die Luft frisch, doch nicht rauh, und da der Wind unbedeutend wehte und mehr aus Süden als aus Osten kam, so erschwerte er dem Wanderer das Gehen nicht, belebte vielmehr mit seinem stillen Lispeln, womit er, den Schnee von den Bäumen streifte, das anmutige stille Landschaftsbild, welches ihm an diesem Tage sein geliebtes Vaterland bot. Es war zehn Uhr morgens gewesen, als er den Hofraum von Spyker verlassen hatte, und so stand die Sonne, als er aus dem Walde der Besitzung auf das freie Feld hinaustrat, schon hoch über dem Meere und vergoldete See und Land mit ihren purpurnen Strahlen, die bei unbedecktem Himmel und durchsichtig klarer Luft in ihrer ganzen Pracht herniederfielen.</p><p><a id="page19" name="page19" title="wolfeh/gary"/> Menschen begegneten auf diesem Gange dem einsamen Wanderer nur wenige, die Tiere des Feldes und Waldes aber kamen häufig aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um sich den Wohnungen jener zu nähern und in ihren Gärten Nahrung zu suchen, die unter dem hochliegenden Schnee im Freien nur sparsam zu finden war. Namentlich aber trieben sich große Waldvögel in dichten Scharen in der Luft umher, ihr Ächzen und Kollern begleitete ihn den ganzen Tag und oft, wenn er in düstere Gedanken versunken war, genügte ein solcher rauher Ton der Wirklichkeit, ihn immer wieder aus den Träumen über Vergangenheit und Zukunft zu wecken und auf die Erde und zur Gegenwart zurückzuführen.</p><p>In der Nähe von Quoltitz aber erwartete ihn ein lieblicherer und sein ganzes Gemüt stundenlang wahrhaft erhellender Gedanke. Als er mit ringsum schweifenden Blicken langsam über das wüste Totenfeld schritt, dessen zahllose Gräber, Steine und Hügel jetzt eine blendende Schneehülle ebnete, bemerkte er schon von weitem den sogenannten Totenkranz, in dem er in jener Nacht mit Hille Vangerow verweilt hatte, als sie ihn dahin bestellt, um ihn vor äußeren Gefährlichkeiten zu warnen, ihm die Kümmernis seiner Eltern zu Gemüte zu führen und schließlich den Rat zu geben, sich mit seinem Freunde auf Pulitz in Sicherheit zu bringen. So konnte er es sich denn nicht versagen, einige hundert Schritte durch den tiefen Schnee zu waten, um in den dunklen Kreis der Wachholdergebüsche zu treten, die jenen Kranz bilden, und auf demselben Steine einige Minuten Platz zu nehmen, den damals das schöne Mädchen von Sassnitz mit ihm geteilt hatte. Die Erinnerung an jene nächtliche Stunde riß ihn eine Zeitlang aus seinem traurigen Gedankengange und begleitete ihn bis über Stubbenkammer hinaus. O wie wunderbar lieblich erschien ihm da mit einem Male die Welt, selbst in dieser öden Gegend, auf der noch dazu der schaurige Winter lagerte, als er dachte, daß auch außer seiner Brust Freundschaft und Wohlwollen darin walte und daß es noch andere Menschen als Gylfe Torstenson gäbe, Menschen, die warm fühlten und edel handelten, nicht aus Egoismus und Selbstsucht, sondern aus ursprünglichem Wohlwollen und allgemeiner Menschenliebe. O wie labend war es für seine schmerzerfüllte Seele, daß dieser Gedanke ihm gerade auf diesem Wege gekommen war, wie fühlte er sich plötzlich gehoben aus seiner tiefen Niedergeschlagenheit, wie war ihm das Leben wieder wünschenswert erschienen, da es noch Wesen gab, die die Leere auszufüllen vermochten, die durch Magnus' frühen unerwarteten Tod darin entstanden war. Von jeher 
      <a id="page20" name="page20" title="wolfeh/gary"/> gewohnt, jemanden zu lieben, für jemand zu sorgen und sich vielleicht selbst dabei zu opfern, glaubte er schon, durch Magnus' Tod sei ihm jede Möglichkeit genommen, dasselbe Gefühl noch einmal zu empfinden und dieselben Wünsche noch einmal zu hegen. Und nun trat die schöne Gestalt Hille Vangerows plötzlich vor seine wankende Seele; wie aus der klaren Himmelsluft herangeweht, trat sie ihm in dem blauen Äther entgegen, der ihn rings umgab, und alles einzelne, was er früher an ihr bewundert, ohne es sich selbst gestanden oder in. seine wesentlichen Bestandteile zerlegt zu haben, leuchtete ihm. von einem durchsichtigen Lichte vergoldet, gewissermaßen wie eine neue Erdensonne herunter. Da war es nicht allein ihre herrliche Gestalt, die sich in seinem Geiste noch einmal vertraulich und unschuldsvoll an seiner Seite niederließ, er fühlte fast mit noch süßerem Schauer den Druck ihrer Hand wieder und ihr klares blaues Auge schaute mit dem ihr eigentümlichen Seelenblick tief in seine eigens Seele hinein.</p><p>»Hille!« sagte er leise und fühlte sein Herz dabei in lauteren Pulsen schlagen, »da bist du, o ja, ich sehe dich, wie ich dich immer gesehen, nur noch schöner und stattlicher fast erscheinst du mir in der Einbildung als im wirklichen Leben. Glaubst du, ich habe dich vergessen in der Trübsal und Pein, die mein Herz in den letzten Tagen zerrissen hat? Ach nein, ich habe sogar oft an dich gedacht, aber immer nur im Fluge, wenn mir die eine oder andere von deinen schönen Eigenschaften vor die Seele trat. Auch bin ich dir zu tausendfachem Danke verpflichtet, denn du hast mir oft Hilfe geleistet und Rat erteilt, wo kein anderer Mensch in meiner Nähe war, der mich hätte damit beglücken und aufrichten können. Aber wie soll ich dir diesen Dank abtragen? Ach, auf gewöhnliche Weise geht das nicht, denn du bist mir unterdes weit entrückt, oder ich bin weit von dir zurückgetreten. Damals war ich noch der Bruder Magnus Brahes, sein Vater war mein Vater und für meine Zukunft war gesorgt. Jetzt aber bin ich arm und verlassen, habe nichts, was ich noch mein eigen nenne, als diese Hände, und kenne den Hafen noch nicht, in welchen ich, wie ich Adam Sturleson sagte, einst mein Schiff einführen und ruhen wollte von der Last der Erdenschmerzen. Du aber, du bist seit der Zeit aus einer armen Waise, die damals für mich paßte, die Erbin von Bakewitz geworden, du hast Land und Gut und ragst an Vermögen und Besitz weit über meine Kräfte hinaus. Das ist übel, das ist demütigend, für mich wenigstens, denn ich bin nicht der Mann, der mit leeren Händen zu einem Weibe tritt und sagt: Gib mir, was dein ist, ich will mich Dir selber geben. Ach nein, ach nein, das 
      <a id="page21" name="page21" title="wolfeh/gary"/> brächte ich nicht zustande und darum – darum liegt wieder eine große Kluft zwischen dir und mir und ich muß erst von neuem ringen und wagen, ob ich nicht etwas erschaffe und erraffe, was diese Kluft ausfüllt und meinen Mut so hoch erhebt, daß ich ohne Erröten zu dir ausblicken kann, wie man zu dem aufblickt, was dem Menschen erhaben, schön und wünschenswert erscheint! – Also vorwärts, vorwärts, Waldemar, auch dieser süße Kelch hat für dich einen bitteren Bodensatz, und du mußt weiter denken und wandern, um das Ziel deines Lebens zu erreichen, welches jetzt noch weit von dir entfernt ist.«</p><p>Er stand auf und bewegte sich träumerisch auf dem eingeschlagenen Wege fort; wie sehr auch die klare Einsicht in seine gegenwärtige hilflose Lage dazu angetan war, ihn in einige Unruhe zu versetzen, der einmal geweckte Gedanke an Hille hatte ihn dennoch erhoben und getröstet, denn er hatte ihm das Gegengewicht verliehen, das seinem Herzenskummer die Wage hielt. So schritt er, ohne weiter zu rasten, den etwa eine Meile betragenden Weg über Nipmerow nach Ranzow fort und erst hier, wo er gegen Mittag eintraf; hielt er sich eine halbe Stunde im Kruge auf, um ein einfaches Mahl zu genießen. Als er aber nun wieder aufbrach und schon von weitem die schneeweißen Wälder der Stubnitz vor sich liegen sah, schlug ihm das Herz höher und höher vor patriotischer Wonne, denn er betrat den hehren Waldtempel, der jedes wackeren Rügianers Blut lebhafter kreisen läßt, wenn er seinen naturkräftigen Duft einatmet.</p><p>»Ha,« sagte Waldemar wieder zu sich, »da ist unser Wald, da sind unsere Berge, Felsen und Klippen, und dahinter taucht unser Strand hervor, den die Wogen unseres Meeres bespülen! O wie sieht das alles ganz anders aus, als damals, wo man nur mit Zagen jeden Schritt vorwärts tun mußte! Kein Feind lauert mehr hinter jedem Baume, aus keinem Gebüsch streckt sich jetzt das blinkende Bajonett hervor, um die todbringende Kugel zu versenden, die der Mensch in seinem Wahn für seine Mitmenschen erdacht und geformt hat. O wie friedlich, wie still ragen die alten Bäume gegen den zufrieden lächelnden Himmel empor, wie säuselt der Wind so traulich durch die schneebelasteten Gebüsche und flüstert mir Hoffnung, Mut und Freude entgegen! O – aber wird es schon immer so bleiben? Ist das Ungewitter, welches mein Vaterland zu zerstören gedroht, schon ganz vorübergezogen? Sind keine Wolken mehr an jenem Himmel, die neuen Sturm und Wogendrang verkünden? Gott gebe es, daß keine da. sind, aber ich glaube es kaum, denn noch ist der Titane nicht 
      <a id="page22" name="page22" title="Wolli/lac"/> bezwungen, der seinen stählernen Arm über die schlummernde Menschheit streckt, um auch das letzte noch an sich zu reißen, so lange nicht sein ist, was er in seinem Dünkel für sich allein erschaffen wähnt. Es ist jetzt bloß eine Pause in dem Kriegsgetümmel eingetreten, die Trompeten schweigen und die Trommeln ruhen, aber wie lange wird es dauern, bis die Furie wieder entfesselt ist und toll und wütend daherrast über Länder und Meere, um ihren letzten Reigen zu tanzen, der die Welt in seinem Strudel mit fortreißt und eine ganze Generation vernichtet, um die Ruhmsucht eines einzelnen zu nähren und seinen Blutdurst zu sättigen! O Herr des Himmels, sende uns bald deinen Friedensboten, wir bedürfen seiner sehr, denn alle Völker sind ermattet und möchten sich ruhen von der jahrelangen Hast und Qual, die du in deiner Weisheit über sie verhängt hast, vielleicht weil sie ihnen nötig war, um sie zu belehren, daß der Mensch nicht träge und schlaff nur dem Leibe leben und dabei den Geist vergessen soll, der in seinem ewigen Fortschritt allein die Welt regiert und erhält und ohne dessen Erkenntnis weder ein Fürst noch ein Volk seiner Pflicht genügen kann.«</p><p>Mit diesen Gedanken schritt er durch die Waldung fort, und bald hatte er die Mündung der Kluft erreicht, zu der er vor sieben Monaten in der Nacht heraufgeklettert war, um sich vor den Feinden zu retten, die schon von Deutschland aus auf seiner Ferse waren und ihn auch am Strande der Heimat erwarteten. Er trat hinaus unter die hochwipflige Buche auf dem Königsstuhl, die einzige, welche die schänderische Hand der Feinde daselbst verschont, und schaute hinaus über das weite Meer, das mit seiner blauen Spiegelfläche sich heute leise an das stille Ufer schmiegte, da kein Wind es dagegen aufbäumte. Ach, es war leer von Schiffen, denn um diese Zeit, wo das Eis in schweren Massen einhertrieb und die Häfen verschloß, waren die kühnen Menschen noch nicht gekommen, die sich so gern auf seinen klaren Wogen tummeln: noch hüteten sie den heimatlichen Herd, der in kalter Winterszeit am wohltuendsten und einladendsten ist.</p><p>Aber wie groß und hehr war dennoch der Anblick, den man von dieser Höhe aus genoß! In unabsehbarer Ferne mischte sich das Wasser mit dem Ätherblau des Himmels und verschloß durch die scheinbar undurchdringliche Nebelmauer den Horizont der Erde, wie die verschleierte Zukunft den Horizont der Gegenwart verschließt. Ruhig brandete die spielende Woge an dem mit Eis belegten Gestade, nur bisweilen atmete eine oder die andere höher auf und fuhr prasselnd über die kleinen Steine hin, die den Strand bedecken, 
      <a id="page23" name="page23" title="wolfeh/lac"/> als wollte sie wenigstens ein schwaches Zeichen ihrer schlummernden Kraft von sich geben und damit warnen, daß man sie nicht für immer entschlafen wähne.</p><p>Schön, unendlich schön war das Meer auch in dieser starren und leblosen Winterszeit, schön wie das Bewußtsein eines reinen Gewissens in der spiegelglatten Brust des strebenden Menschen, und mit neuem Mute erfüllt trat Waldemar endlich wieder zurück, um seinen Weg weiter fortzusetzen.</p><p>Aber da begegneten ihm auf jedem Schritte die traurigen Spuren der verwüstenden Hand der jetzt fernen Franzosen. Gelichtet war überall der stolze Forst, umgestürzt lagen die herrlichsten Bäume, und hier und da ragte eine zerfallene Bretterwand hervor, die sie als Wachthütte auf der von den Engländern gefährdeten Küste, wie sie meinten, aufgebaut hatten. Wehmütig über die sichtbare Zerstörung schritt Waldemar auf dem Klippenwege weiter den Hochstrand hinab und ließ einen Felsen nach dem andern zurück, die alle heimatliche Grüße zu spenden schienen, als wollten sie ihm sagen, daß auch sie wieder frei von dem Feinde seien, der überall die Länder verwüstet und ihn anklagende Trümmer seines zerstörenden Erdenganges hinter sich gelassen hatte.</p><p>So durchschritt er die ganze Stubnitz an ihrem östlichsten Rande, einen Hunk nach dem andern, ließ er hinter sich, eine Lithe nach der andern überklomm er, und überall lachte sein Auge, und sein Herz in stummem Entzücken auf, wenn er dachte, wie schön es sein müsse, wenn erst der Sommer wieder ins Land käme, statt des Schnees die Bäume grüne Blätter auf den Zweigen trügen und statt des starren Eises das rieselnde Wasser in den moosbedeckten Schluchten und Lithen voller Leben sprudelte. Endlich hatte er den Lenscherbach überschritten und näherte sich nun, die ihn von seiner Heimat trennenden Berge schnell überwindend, dem Uscaner Ort, womit der erste der fünf Hunke beginnt, die wir schon früher einmal beschrieben haben. Von hier aus konnte er bis nach dem Kiekhause hinabblicken, und als er dessen zwischen den Bäumen hervorspringenden Giebel wahrnahm, über dem der Rauch aus dem Schornstein in die klare Winterluft emporwirbelte, da faßte ihn eine neue wehmütige Rührung, und er blieb eine Weile stehen, um sein Auge daran zu laben, und sein noch immer kindliches Herz die Wollust empfinden zu lassen, die es ergriff, als er nach langer Abwesenheit in trübe verlebten Zeiten die Stätte seiner Heimat wieder vor sich liegen sah.</p><p><a id="page24" name="page24" title="wolfeh/lac"/> »Das ist das Kiekhaus,« sagte er und blickte mit weit geöffneten Augen hinüber, »da liegt die schneebedeckte Warte zwischen den alten Bäumen, da ist das alte Storchnest, auch mit einem Schneeturme versehen, und da, da steigt der Rauch von dem Feuer des Nachmittagskaffees, auf, den die gute Mutter dem Alten bereitet, der noch auf seinem Sorgenstuhle, unter seinen Pfeifen, seinem Fernglas und Sprachrohr sitzt und das unvermeidliche Mittagsschläfchen hält. O, wie lieblich und friedlich ist das alles! Ja, dort werde ich wieder ganz gesunden, ich fühle es schon jetzt, drauf los also und mache ihnen und dir die Freude, sie an das dankbare Herz zu drücken.«</p><p>Mit eilenden Schritten, aber möglichst hinter den Bäumen hinschlüpfend, damit man ihn so leicht nicht wahrnehmen könne, näherte er sich dem freundlichen Landhause, öffnete behutsam die unverschlossene Stackettür und trat in den Garten ein, dessen fruchtbarer Boden unter der schützenden Schneedecke ruhte. Von da war er bald in das Haus gesprungen, und zuerst in die Küche eilend, traf er Mutter Ilske, die eben die alte Trude antrieb, sich mit dem Kaffees zu beeilen, da der Strandvogt sogleich erwachen und nach seinem Labsal verlangen werde.</p><p>Als Mutter Ilske aber die hohe Gestalt ihres Sohnes unter der Küchentür erscheinen sah, stieß sie einen lauten Freudenschrei aus, der aus Trudens Munde sein Echo fand und damit den Strandvogt aus dem Schlummer aufscheuchte, der nun selbst aus der Wohnstube trat, um zu sehen, was sich ereignet habe. Da war denn die Freude groß, als er sah, was es gab, und die Begrüßungen von allen Seiten wollten kein Ende nehmen, bis Trude das Kaffeegeschirr hereinbrachte und damit den Umarmungen und liebevollem Händeschütteln eine Grenze setzte.</p><p>Da saßen sie denn alle drei wieder beisammen in dem traulichen Wohnzimmer des Strandvogts, das kein Fremdling mehr mit rohen Flüchen und zweideutigen Scherzen entweihte. Es war von neuem weiß getüncht und hatte auch eine breitere Efeuborte unter der Decke erhalten, seitdem die Franzosen das Haus verlassen, denn der alte Vogt konnte sich nicht entschließen, in einem Zimmer zu wohnen, das ihn noch mit widerwärtigen Spuren an Gäste erinnerte, die ihm zur Strafe ins Haus gelegt worden waren. Die Möbel aber standen alle wieder auf dem alten Flecke, nur noch ein bequemer Stuhl, der früher nicht darin gestanden, nahm seinen Platz dem Stuhle der Mutter gegenüber am Fenster ein, war aber jetzt unbesetzt, denn die freundliche Eigentümerin desselben, 
      <a id="page25" name="page25" title="wolfeh/lac"/> Hille Vangerow, weilte diesen Augenblick nicht mehr im Kiekhause, da sie vor wenigen Tagen erst nach Bakewitz gefahren war, um eine Zeitlang auf ihrem eigenen Grund und Boden zu leben und das Treiben zu beobachten, das der neue Pächter begann, seitdem auch aus seiner Nähe die bösen Feinde geschieden waren.</p><p>Trotzdem der Strandvogt eine außerordentliche Freude empfand, seinen Sohn allen Gefahren entronnen zu wissen und ihn wieder im Hause zu haben, so konnte er es doch nicht länger als etwa eine Stunde darin aushalten, denn es drängte ihn, nach Sassnitz hinabzusteigen und allen Freunden und Bekannten die Nachricht mitzuteilen, daß sein Waldemar gesund an Geist und Leib wieder bei ihm eingetroffen sei und nun eine Zeitlang das Kiekhaus mit ihm teilen werde. Nachdem er daher noch eine Viertelstunde mit Waldemar über den unerwarteten Hintritt des jungen Grafen Brahe gesprochen und sein tiefes Beileid geäußert, stopfte er seine Pfeife, drückte dem Sohne die Hand, küßte wie gewöhnlich Mutter Ilske auf die Stirn und eilte schmunzelnd nach Sassnitz hinab, um jung und alt das neueste Ereignis selbst zu verkünden.</p><p>Als er aber das Haus verlassen hatte, setzte sich Mutter Ilske an das Fenster und nötigte ihren Sohn, den Stuhl einzunehmen, den wir vorher als den neu hinzugekommenen bezeichnet haben. »So,« sagte sie, »nun ist der unruhige Alte fort und jetzt, mein Sohn, können wir ein vernünftiges Wort miteinander sprechen. Sage mir« –</p><p>»Erlaube, liebe Mutter,« unterbrach sie der glückliche Waldemar und legte seine Hand sanft auf die ihrige, »zwei Fragen möchte ich beantwortet haben, ehe ich dir auf die deinigen über mein Hierbleiben und meine ferneren Entschließungen Auskunft gebe – wann und durch wen habt Ihr zuerst den Tod Magnus Brahes erfahren??«</p><p>»Es war noch am Tage seines Todes selbst,« berichtete Mutter Ilske, »als Doktor Piper aus Sagard, den Ihr hattet nach Spyker rufen lassen, spät bei uns vorsprach. Er kam so eilig geritten, daß wir gleich die Vermutung von einem ernsten Ereignis hatten, und Hille erschrak so sehr« –</p><p>»Wie? War Hille denn an dem Tage noch hier?«</p><p>»Jawohl, mein Sohn. Erst vorgestern ist sie abgereist.«</p><p>»Aber warum das?« fragte Waldemar, nicht ohne einige Verlegenheit zu verraten.</p><p>Die Mutter lächelte, wie eine Mutter nur hoffnungsvoll lächeln kann, wenn sie ihren einzigen Sohn lebhaft nach einem Mädchen fragen hört, das ihr selbst ins Herz gewachsen 
      <a id="page26" name="page26" title="wolfeh/gary"/> ist. »Warum?« fragte sie. »Ei, das solltest du sie einmal selbst fragen, denn ich weiß es so genau nicht. Aber ich denke mir, sie wollte einmal zusehen, wie es in Bakewitz steht, und da dein Vater vorgestern sagte: nun, da der Graf Brahe tot sei, werdest du wohl einmal aus längere Zeit nach Hause kommen, da sprach sie schon am Abend den Entschluß aus, abzureisen, und führte ihn auch am nächsten Morgen aus, denn das Mädchen tut, was es will und einmal für das beste erkannt hat.«</p><p>»So, so!« sagte Waldemar nachdenklich und schaute etwas unbefriedigt zum Fenster hinaus.</p><p>»Hofstest du sie noch hier zu treffen?« fragte die Mutter, mit neugieriger Teilnahme ihr immer noch lebhaftes Auge auf den geliebten Sohn richtend.</p><p>»Ja, Mutter, ja; warum soll ich dir das verschweigen? Ich freute mich sogar darauf, sie hier zu treffen, um endlich einmal den Dank von meinem Herzen zu lösen, den ich ihr so tausendfach schuldig bin.«</p><p>»O, Dank sind wir ihr alle schuldig, mein Sohn, denn sie hat sich in der schweren Zeit nicht allein wie eine wirkliche Tochter, sondern als hilfreicher Engel gegen uns erwiesen. Aber mit dem Danke wird sie es nicht so eilig haben, und willst du sie durchaus sprechen, ehe sie wieder nach dem Kiekhause kommt, so kannst du ja leicht nach Mönchgut gehen und ihr einen Besuch abstatten.«</p><p>Waldemar erwiderte nichts auf diesen mütterlichen Vorschlag und hämmerte zerstreut mit den Fingern auf die Fensterbank. Endlich jedoch sagte er, zwar laut, aber doch wie in Gedanken zu sich selbst sprechend: »Nach Bakewitz? Nein, das kann ich nicht.«</p><p>»Warum nicht?« fragte die Mutter mit ernstem Gesichtsausdruck.</p><p>»Das will ich dir ein andermal sagen, Mutter, – doch du kannst es auch gleich hören, wenn du willst. Wenn Magnus am Leben geblieben wäre und auch der alte Lachmann noch lebte und Hille auf Bakewitz wohnte, dann wäre ich, wie auch schon damals, gleich morgen nach Mönchgut gegangen und hätte ihr einen guten Tag geboten. Nun aber ist Magnus tot, ich bin nur noch der Sohn des armen Strandvogts Granzow und Hille –«</p><p>»Nun, Hille, was denn, Waldemar?«</p><p>»Hille hat unterdes eine große Erbschaft gemacht und ist ein – ein reiches Mädchen geworden.«</p><p>Die aufmerksame und verständige Mutter, die die Festigkeit des Charakters und das uneigennützige Herz ihres 
      <a id="page27" name="page27" title="wolfeh/lac"/> Sohnes kannte, stieß einen langgezogenen Seufzer aus. Sie wußte, was Waldemar von einem Besuche bei Hille abhielt und ebenso, daß er keinen Schritt tun würde, der bei jener den Gedanken erregen könnte, er käme aus einem anderen Grunde, als um sie einmal wiederzusehen und ihr seinen schuldigen Dank zu sagen. So hoffte sie denn, daß Hille aus alter Freundschaft von selbst nach Sassnitz kommen werde, und dann, meinte sie, würde sich die Sache schon finden. Unter dieser Sache aber verstand sie in ihrem mütterlichen Sinne nichts anderes, als eine nähere Verbindung zwischen den beiden jungen Leuten, die sie für einander geschaffen hielt, und von der sie sich so viel Glück und Segen versprach, wie sie selbst in ihrer Ehe mit den braven Strandvogt gefunden hatte.</p><p>Ach ja, wir finden diesen Gedanken bei der alten Matrone sehr natürlich, aber daß er sich so schnell verwirklichen werde, wie sie selbst hoffte, glauben wir nicht, denn Waldemar war kein gewöhnlicher junger Mann, der sich schnell zu einem solchen Schritte entschloß, und die Zeit, in der er lebte, schien ihm nicht geeignet zu sein, den Gefühlen des Herzens freien Lauf zu lassen und das Geschick eines so schönen und edlen Mädchens mit dem seinigen zu verbinden, da er selbst nicht wissen konnte, welche Schwierigkeiten ihm die Vorsehung in den Weg legen würde, und bevor diese nicht alle und für immer, nach Menschengedanken, aus dem Wege geräumt wären, war Waldemar nicht in der Stimmung, einen Schritt zu tun, der für ein Weib wie für einen Mann von gleich großer Bedeutung ist.</p><p>+++</p><p>Nachdem Waldemar am nächsten Morgen einen kurzen Besuch in Sassnitz abgestattet hatte, um seine alten Freunde vorläufig zu begrüßen und ihnen für die folgenden Tage längere Besuche zu verheißen, schrieb er fleißig an dem Bericht für den alten Grafen Brahe, in dem er alle mit Magnus seit ihrer letzten Trennung erlebten Vorfälle auseinandersetzte und mit Schonung der dabei Beteiligten, zuletzt des unerwartet frühen Endes gedachte, welches der Erbe von Spyker in seiner Heimat gefunden hatte. Als er diesen langen Bericht zu Papier gebracht und dabei seinerseits alles getan zu haben glaubte, um den alten Vater zu trösten, siegelte er seinen Brief mit Magnus' Paket zusammen und legte das Ganze an einen sicheren Ort, um es jeden Augenblick zur Hand zu haben, sobald eine gute Gelegenheit sich bieten würde, es nach Stockholm zu befördern. Aber er 
      <a id="page28" name="page28" title="wolfeh/gary"/> mußte etwas lange auf diese Gelegenheit warten, denn die Schiffahrt nach Schweden war durch den harten und anhaltenden Winter unterbrochen und erst im April wurden die regelmäßigen Postfahrten von der Buge aus, wie vor Jahren, wiederhergestellt. Allein auch da sollte das Paket noch lange nicht in die Hände des Grafen Brahe gelangen; derselbe befand sich zur Zeit auf wichtigen Reisen in Rußland und später in England, die mit der politischen Lage seines Vaterlandes in Beziehung standen, und als er endlich im Jahre 1814 nach Schweden zurückkehrte, fühlte er sich infolge einer längeren Krankheit und unter der Bürde seines großen Herzenkummers außerstande, sobald eine Antwort an Waldemar gelangen zu lassen, wie wir seinerzeit noch genauer erfahren werden.</p><p>Als nun aber Waldemar diese seine erste Pflicht erfüllt hatte, gab er sich den Beschäftigungen und Arbeiten seiner Nachbarn in Sassnitz hin und brachte den größten Teil des Tages in dem kleinen Dorfe zu, wo er den Lotsen und Fischern half, teils die Boote auszubessern, die sie vor den Franzosen verborgen gehalten, teils neue zu bauen, da viele derselben beim alltäglichen Gebrauch und in den Händen des Feindes zugrunde gegangen oder von ihnen ausgeführt worden waren. Diese Beschäftigung nahm nicht allein einen großen Teil seiner Zeit fort, sondern half ihm auch den Kummer beschwichtigen, der noch immer sein Herz erfüllte und zuweilen seinen Geist in bittere Gedanken versenkte, die er allen Bekannten, namentlich aber den Eltern zu verbergen trachtete. Nur die Mutter vermochte sein erkünstelter Gleichmut nicht zu täuschen, sie schaute tiefer als alle anderen in sein Herz und glaubte auch die Quelle zu kennen, die ihm diesen Kummer verursachte, denn daß er nicht allein um den verstorbenen Freund trauerte, dem er ein so treues Andenken bewahrte, daß auch nicht allein die zweifelhafte Lage seines Vaterlandes und die abermals in Anspruch genommen Leistungsfähigkeit der Rügianer, wovon wir sehr bald zu sprechen haben werden, seine stillen Seufzer veranlaßte, das glaubte die gute Frau sehr bald erkundet zu haben, obgleich sie niemals ein Wort zu unrechter Zeit darüber fallen ließ.</p><p>Als aber das Ende des März heranrückte, der unternommene Bau der Boote im besten Gange war und Waldemar, nachdem er weite und einsame Spaziergänge am Strande oder in dem aus dem Winterschlafe erwachenden Walde unternommen, stets später und später nach Hause kam und auch da noch nichts geschehen war, was mit ihren eigenen Wünschen und Erwartungen übereinstimmte, da glaubte sie 
      <a id="page29" name="page29" title="wolfeh/lac"/> die Zeit gekommen, um mit ihrem Sohne ein ernstliches Wort zu reden; nur hinderte sie noch immer der Strandvogt daran, der sie zur Geduld mahnte und sich allein von einer zufälligen Begegnung mit Hille den besten Erfolg versprach.</p><p>Eines Abends aber, als Waldemar ungewöhnlich spät nach Hause kam und mit schweigsamem Ernst sein Abendbrot verzehrte, ohne in das ihn beobachtende Auge der liebevollen Mutter zu blicken, führte das Gespräch sie zur Sache selbst und diesmal war es gerade der Strandvogt, der sie veranlaßte, einen Schritt vorwärts zu tun, den sie schon lange heimlich beabsichtigt hatte.</p><p>Doch bevor wir diesen Schritt und seine Veranlassung mitteilen, müssen wir erwähnen, daß Hille noch immer nichts von sich hatte hören lassen. Von Woche zu Woche, zuletzt von Tage zu Tage, hatte man ihre Rückkehr nach Sassnitz erwartet, aber sie war weder gekommen, noch hatte sie Botschaft gesendet, die ihre Freunde über ihr Ausbleiben beruhigt hätte. Endlich nahmen die beiden Alten an, daß irgend eine Absicht hinter diesem Schweigen stecke, und nun hüteten sie sich erst recht, in Waldemars Gegenwart davon zu reden, was diesem gewiß sehr peinlich gewesen wäre, da er für seine Person nur zu geneigt war, anzunehmen, daß allein seine Anwesenheit im Kiekhause das gute Mädchen verscheuche, da sie sonst nie so lange davon entfernt geblieben war, selbst nicht zur Zeit der Krankheit des alten Lachmann.</p><p>Als Waldemar an dem erwähnten Abend später denn je nach Hause kam, fand er seine Mutter vor dem gedeckten Tische sitzend und ihn mit einiger Ungeduld erwartend. Der Strandvogt hatte schon gespeist und saß, etwas mürrisch seine Pfeife rauchend, auf dem Sorgenstuhle hinter dem Ofen, denn das unheimliche und unklare Wesen im Hause behagte dem guten Manne nicht, der gewohnt war, selbst in trüben Zeiten, alles, was ihn bekümmerte, klar vor sich zu sehen und den seit einigen Tagen eine gewisse Unruhe gepackt hatte, als ob die Befürchtung Mutter Ilskes wahr sein könne und Hille aus einem anderen Grunde als aus reinen Geschäftsrücksichten abgehalten werde, sich ihrer Pflegeeltern in Sassnitz zu erinnern.</p><p>Waldemar trat in das Zimmer seiner Eltern und begrüßte sie freundlich, aber mit jenem schweigsamen Wesen, das ihm jetzt zur zweiten Natur geworden war. Mutter Ilske holte sogleich das Essen herbei und setzte es auf den Tisch, in der Erwartung, ihr Liebling werde eifrig zulangen, da er nach langer Arbeit wohl Appetit haben müsse.</p><p>Allein Waldemar zeigte sich sehr wenig geneigt, den Erwartungen 
      <a id="page30" name="page30" title="wolfeh/gary"/> der Mutter zu entsprechen, und nachdem er nur einige Bissen genossen, legte er Messer und Gabel nieder und setzte sich schweigsam auf Hilles Stuhl, den seine Mutter schon eine Weile vorher an den Tisch gerückt hatte.</p><p>Der Alte tat einige gewaltige Züge aus der holländischen Pfeife und räusperte sich auf eine ungewöhnlich laute Weise, was Mutter Ilske die Vorboten zu einem heftigen Ausfall zu sein schienen. Daher und um jeden Wortwechsel zu vermeiden, warf sie ihrem Manne einen beschwichtigenden Blick zu, der aber diesmal nicht die erwünschte Wirkung, vielmehr einen brummenden Ton zur Folge hatte, der mit einem gefahrdrohenden Blick vergesellschaftet war.</p><p>»Es ist doch eine seltsame Zeit jetzt,« begann er endlich mit einer gewissen Vorsicht zu reden.</p><p>»Wieso Vater?« fragte Mutter Ilske.</p><p>»He, wieso? Welche Frage! Siehst du es denn nicht? Alles ist aus den Kopf gestellt, seitdem die verdammten Franzosen hier gewirtschaftet haben, und anstatt in ruhiger Weise leben zu können, wie man hoffte, nachdem sie das Land verlassen, hat man alle Tage neuen Ärger.«</p><p>Waldemar hob verwundert den Kopf in die Höhe und sah den verstimmten Vater fragend an. »Was gibt es denn,« fragte er nach einer Weile, »ist etwas neues vorgefallen?«</p><p>»Ach nein,« fuhr der Alte noch grimmig fort, »immer nur das alte. Sag' mir mal, Junge, welcher Wind bläst denn eigentlich jetzt in dein Segel, denn, du mußt es mir nicht übel nehmen, ich sehe an dir keine einzige Bewegung, die mir kund täte, wohin du steuerst?«</p><p>Jetzt erst bemerkte der Angeredete, daß der Ausfall auf ihn gemünzt sei, und er zeigte sich sofort geneigt, den guten Vater aus seiner Unruhe zu reißen. »Kann ich dir irgend womit dienen, mein Vater,« sagte er, »so sag' es und du sollst mich zu allem bereit finden.«</p><p>»Das wird am besten die Zukunft lehren, wenn ich deinen guten Willen die Probe bestehen sehe, denke ich mir. Sage mir zuerst, wo du deinen gesunden Appetit gelassen hast, das übrige wird sich schon finden. Denn wenn ein kräftiger Mensch von deinen Jahren, der sich bei Tage müde und matt gearbeitet hat, abends nicht ißt und trinkt und immer wie eine stumme Pagode dasitzt, so ist es entweder im Oberstübchen oder in der Herzkammer nicht richtig, und ich möchte es gern wissen, wo es bei dir sitzt.«</p><p>Waldemar errötete lebhaft bei dieser unverhüllten Anspielung und sah bald den Vater und bald die Mutter an, die ihm einen Wink nach dem andern zuwarf, von denen er 
      <a id="page31" name="page31" title="wolfeh/lac"/> aber beim besten Willen keinen einzigen zu enträtseln imstande war. Endlich wandte er sich zum Vater und sagte mit der ihm eigentümlichen Milde:</p><p>»Mein Vater, du irrst, wenn du denkst, daß ich müde und matt bin. Im Gegenteil, ich könnte gleich jetzt wieder dasselbe arbeiten, was ich den ganzen Tag gearbeitet habe, und du würdest keinen Nachlaß in meinem Fleiße verspüren. Daß ich schon seit einigen Tagen keinen Appetit habe, ist wahr, aber ich weiß nicht, woher es kommt, und dafür werde ich ein andermal umsomehr essen, hoffe ich.«</p><p>»Bist du bis jetzt bei Piesing gewesen?« fragte in sanfterem Tone der Alte, dessen Mut die ruhige Entgegnung des Sohnes bedeutend herabgestimmt hatte.</p><p>»Nein, mein Vater, ich habe nur bis fünf Uhr bei ihm gesessen und ihm seine neue Takelage in Ordnung bringen helfen.«</p><p>»So, und wo bist du seit fünf Uhr gewesen, da du erst nach acht ins Haus getreten bist?«</p><p>Waldemar mußte bei diesem Examen unwillkürlich lächeln. Es erinnerte ihn lebhaft an seine Knabenzeit, wo er auch oft über die gebotene Stunde ausgeblieben war und dann jedesmal einen ähnlichen Verweis erhalten hatte. »Ich war im Walde bei Werder, Vater,« sagte er dann, »und habe mich an dem Erwachen der Natur erfreut, die allmählich aus ihrem Schlummer hervortritt. Auch hoffe ich, daß wir bald Schiffe hier sehen werden, und dann wird wieder das alte Leben im Kiekhause herrschen, denn du bist doch wohl nur unzufrieden, weil du keine Schiffe beobachten kannst.«</p><p>»Oha! Davon sprechen wir nicht, Junge; ich bin nicht gewohnt, daß man mir ausweicht, wenn ich entern will. Aber ich meine, wenn du drei Stunden lang im Walde bei Werder umherschweifst, um das Erwachen der Natur zu belauschen, so könntest du ebensogut einmal deine Schritte wo andershin lenken, als gerade dahin.«</p><p>»Vater!« rief die gute Mutter, die ihren Liebling nicht gern in Verlegenheit setzen sah, und daß er bereits darin war, bezeugte sein ehrliches Gesicht, das sich mit glühender Röte bedeckt hatte.</p><p>»Wohin soll ich gehen, Vater? Hast du einen Auftrag für mich?«</p><p>»Ich dächte doch, du hättest mir das schon lange angemerkt. Siehst du nicht, daß mir etwas hier im Hause fehlt? Etwas, woran ich seit Jahren gewöhnt bin?«</p><p>»Was wäre das, mein Vater?«</p><p>»Aha! Ich merke es, du willst meine Flagge vom Hauptmast 
      <a id="page32" name="page32" title="wolfeh/gary"/> flattern sehen. Wohlan denn, so will ich sie dir zeigen: mir fehlt hier ein freundliches Gesicht, das ist das ganze.«</p><p>»Granzow!« rief die vorsorgliche Mutter und winkte beschwichtigend mit der Hand.</p><p>Waldemars Röte verlor sich, denn er bezog das fehlende freundliche Gesicht auf sich selber, während doch der Vater ein ganz anderes meinte. Er wurde sogar etwas blaß, als er bescheiden sagte: »Es tut mir leid, Vater, daß dir mein Gesicht nicht gefällt. Aber verzeihe mir, du weißt ja, ich habe Kummer, und so leicht vergißt man nicht, was man so lieb gehabt, wie ich Magnus Brahe hatte.«</p><p>»Aha! Das brauchst du mir nicht zu sagen, das weiß ich, allein und darin habe ich dir nicht den geringsten Vorwurf zu machen. Gott behüte mich! Ich meinte aber gar nicht 
      <i>dein</i> Gesicht, Junge, sondern ein anderes, schöneres, noch frischer und offener als deines.«</p><p>Jetzt konnte Waldemar sich nicht länger beherrschen, oder sein schlagendes Herz vielmehr trieb ihn aus der bisher behaupteten Ruhe. Er stand rasch vom Stuhle auf und trat zum Fenster, um die Bewegung nicht blicken zu lassen, die sich auf seinem Gesicht notwendig aussprechen mußte, denn die Worte des Vaters hatten einen wunden Fleck in ihm berührt, der ihn auch schon lange, und mehr als man glaubte, schmerzte. Hinter seinem Rücken aber gab es ein heftiges Pantomimenspiel, das von Mutter Ilske ausging und den alten Strandvogt abhalten sollte, das Gespräch in der angebahnten Richtung weiter fortzusetzen, aber der Alte war zu eifrig und auf sein Ziel zu erpicht, um sich dadurch einen Zügel anlegen zu lassen.</p><p>»Was sollen die Grimassen,« rief er endlich lebhaft seiner Frau zu, »laß mich sprechen, wovon das Herz voll ist. Ich habe recht mit dem, was ich sage. So gut er drei Stunden im Walde herumläuft, kann er auch fünfe oder sechse laufen und einmal nach Mönchgut gehen, um zu sehen, was die Hille macht, die mir hier fehlt wie der Frühling, der das Eis auftaut und die Blätter grün macht. Zum Teufel, ich ertrage das Gegrinse nicht länger, denn ich bin überzeugt, wie 
      <i>der</i> hier grinst, grinst 
      <i>die</i> dort – und das ist ein unnützes Stück Arbeit, denn sie könnten beide fröhlich und glücklich sein.«</p><p>So offen hatte noch niemand das Verhältnis berührt, welches zwischen Waldemar und Hille bestand oder wenigstens in Zukunft bestehen konnte, aber der handgreifliche Ausfall war nicht auf den milden Charakter und das im stillen strebende Herz des Jünglings berechnet, daher verfehlte er 
      <a id="page33" name="page33" title="wolfeh/lac"/> ganz und gar seine Wirkung. Rasch wie im Fluge durchforschte er sein Herz und ging mit sich zu Rate und ebenso rasch hatte er einen Entschluß gefaßt, den er sogleich auszusprechen den Mut besaß. Er drehte sich bedächtig nach dem Vater herum, trat dicht an den Tisch, hinter dem dieser, furchtbare Rauchwolken ausstoßend, saß, und sagte mit weichem und warmem Tone:</p><p>»Was willst du von Hille wissen, mein Vater?«</p><p>»Na, das heiße ich vernünftig gesprochen, mein Junge. So liebe ich es. Was ich von ihr wissen will? Wie es ihr geht? Ob sie gesund ist? Was sie so eifrig in Bakewitz zu tun hat und warum sie nicht ins Kiekhaus kommt, wo sie von sechs offenen Armen empfangen wird?«</p><p>»Ich verstehe dich,« fuhr Waldemar mit gleicher Ruhe und Wärme, aber auch mit unbeugsamer Festigkeit und Bestimmtheit fort. »Ich möchte auch wissen, wie es ihr geht und warum sie nicht – zu Euch kommt. Aber ich, mein Vater, ich – kann nicht zu ihr gehen und werde nicht zu ihr gehen« –</p><p>»Und warum nicht? Soll sie dir etwa eine Kutsche schicken?«</p><p>»Nein, das nicht, Vater, aber es widerstrebt meinen Gefühlen, sie jetzt zu besuchen – bitte, quäle mich nicht – ich kann nicht nach Bakewitz gehen.« Und nach diesen mit innerer Anstrengung und in Absätzen gesprochenen Worten verließ er das Zimmer und ließ sich den ganzen Abend vor beiden Eltern nicht mehr blicken.</p><p>»Nun, das heiße ich klar gesprochen!« fuhr der Alte auf und warf seine Pfeife in die Ecke. »Es widerstrebt seinen Gefühlen, sagt er, hast du's gehört, Ilske? Bei Gott, jetzt verstehe ich's! Paß auf, Ilske, paß auf, was ich dir sage. Die haben sich gebissen, irgendwo, irgendwarum, oder ich heiße nicht Daniel Granzow und bin nicht Strandvogt im Sassnitzer Bezirk.«</p><p>»Nun, dann werde ich dir wohl einen andern Namen geben müssen und den Herrn Gouverneur bitten, daß er dir auch ein anderes Amt gibt, denn daß deine Vorstellungen von unserm Sohne falsch sind, grundfalsch wie die von Hille, ist mir so klar, wie das Bewußtsein, daß ich ein Weib bin. – Alter, höre mich an. Ich begreife Hille und ich begreife auch Waldemar. Sie kommt nicht, weil Waldemar hier ist, denn sie denkt, daß ein Mann ein Mädchen aufsuchen muß, wenn er ihm danken und seine Freude über ihre beiderseitige Wiedervereinigung an den Tag legen will, – und er denkt, er könne nicht zu ihr gehen, damit sie nicht glaube, er käme 
      <a id="page34" name="page34" title="wolfeh/gary"/> aus eigennützigen Absichten zu ihr, da sie jetzt das Gut Bakewitz geerbt hat. So ist es, und das allein hält sie auseinander.«</p><p>Der Strandvogt riß beide Augen so weit auf, als sie sich öffnen ließen, und sein Mund half seinen Augen brüderlich dabei. »Na, das muß ich sagen,« rief er mit komischem Pathos. »Das ist mir eine sehr feine Arbeit, die ich mit meinen groben Händen nicht mehr beschaffen kann. O, wie haben sich doch die Zeiten geändert! Und das alles verdanken wir den verfluchten Franzosen, denn vor ihnen hat noch niemand an solche Finessen gedacht. Ja, ja doch, Ilske, ich glaube es ja, mach' nur nicht gleich solch altkluges Gesicht. Begreifen kann ich's, so gut wie du. Aber wie kommen wir denn weiter darin? Ich will nun einmal die Hille hier haben, trotz dem Jungen und seinem feinen Gefühl, oder – oder ich setze meinen Kopf daran.«</p><p>»Ereifere dich nicht, Alter, das ist ja sehr einfach. Geh du doch morgen selber 'mal nach Bakewitz und sieh, wie die Sachen stehen, du bist ja so eine Ewigkeit nicht dagewesen.«</p><p>»Ich – nach Bakewitz? Warum nicht gar! Ich würde' ein schönes Gepolter hören lassen, denn ich fiele gewiß mit beiden Torflügeln in das Haus. Geh du doch selber, wenn du was Gescheites ausgerichtet haben willst – die Frauen verstehen es ja vortrefflich, solch feines Gemüse appetitlich zuzurichten.«</p><p>»Das werde ich auch, Alter, und nun ist es beschlossen. Morgen bei Tagesanbruch gehe ich nach Crampas und borge mir des Müllers Wagen. So soll es sein!«</p><p>»Nun, nun, nur nicht so eilig. Warum nicht gar um Mitternacht darum aufstehen! Fahren kannst du, meinetwegen, und auch einen Tag ausbleiben –«</p><p>»So – erlaubst du es? Ich danke dir, Alter, komm her und gib mir einen Kuß – so! Das war ein schwerer Abend, Mann, nicht wahr? Nun gottlob, jetzt ist er ja vorüber! –«</p><p>+++</p><p>Mutter Ilske war in der Tat am nächsten Morgen schon sehr früh mit ihrer Toilette zustande gekommen und mit einem gewissen triumphierenden Blick hatte sie vom Strandvogt, mit herzlichem Händedruck von Waldemar Abschied genommen, der ihr noch zuletzt, nachdem er sie bis Crampas geleitet und bis der Wagen in Bereitschaft gesetzt war, wiederholt die freundlichsten Grüße an Hille austrug und die Versicherung für sie hinzufügte, er sei noch derselbe Waldemar, der er früher gewesen, und Hille solle sich durch seine Anwesenheit 
      <a id="page35" name="page35" title="wolfeh/lac"/> im Kiekhause von demselben nicht zurückschrecken lassen, sondern kommen, um den Eltern die Tage angenehm zu machen, wie früher; er selbst wollte sie nicht im geringsten stören, und sie solle ihn nur morgens, mittags und abends auf kurze Zeit sehen.</p><p>Die Mutter lächelte innerlich, als sie diese Worte hörte und darin eine ganz andere Bedeutung las, als sie nach Waldemars Meinung haben sollten. Sie verabschiedeten sich sodann von ihrem Sohne, versprach alles wortgetreu auszurichten und fuhr im schönsten Märzwetter auf dem kleinen Wagen des Müllers dem Süden zu.</p><p>Diesen und den nächsten Tag nun verlebten der Strandvogt und sein Sohn anscheinend in der größten Ruhe, obgleich beide die Spannung und Erwartung, die sie erfüllte, aus ihren Mienen nicht ganz verbannen konnten. Nur bei Tische und abends spät sprachen sie sich, in der übrigen Zeit ging jeder seiner gewohnten Beschäftigung nach. Als aber Mutter Ilske auch am zweiten Tage, ja selbst am dritten nicht wiederkam, wurden beide etwas besorgt, und Waldemar ging ihr sogar, obwohl vergebens, wiederholt bis Crampas entgegen, wo ihm der Kutscher, der sie gefahren, versicherte, sie sei ganz munter nach Bakewitz gekommen und mit großer Freude empfangen worden, für die Rückfahrt aber habe die Besitzerin des Gutes zu sorgen versprochen und gleich von vornherein nichts von einem nur zweitägigen Besuch hören wollen.</p><p>Nach dieser etwas spät eintreffenden Meldung war denn die längere Abwesenheit der guten Mutter Ilske erklärt und beide Männer schickten sich in das Unabänderliche, obgleich mit noch größerer Spannung den Dingen entgegensehend, die da kommen sollten. Denn wie der Vater hoffte, Hille werde zugleich mit seiner Frau in das Kiekhaus zurückkehren, so war der Sohn begierig zu erfahren, wie sie seine Botschaft aufgenommen und was sie darauf erwidert habe.</p><p>Endlichem Abend des vierten Tages kehrte Mutter Ilske und zwar allein zurück; aber nach ihrem seelenvergnügten Aussehen zu schließen, war sie im innersten Herzen befriedigt, und ebenso brachte sie die günstigsten Nachrichten mit heim. Allein, wenn die Männer geglaubt hatten, sie werde, noch auf der Schwelle stehend, gleich alles haarklein erzählen, was auf Bakewitz vorgefallen war und was Hille gesprochen, so irrten sie sich, denn Mutter Ilske war nie so schweigsam gewesen wie diesmal, und nie hatte sie ihren Mann so lange auf die Befriedigung seiner Neugierde inbetreff des Ausfalls ihrer Reise warten lassen.</p><p>Der Strandvogt, von etwas unruhigem Temperament, 
      <a id="page36" name="page36" title="wolfeh/gary"/> merkte sofort, daß eine gewisse Absicht diesem Schweigen zugrunde liege, und er zwang sich geraume Zeit zur musterhaften Geduld. Als sie nun aber sämtlich nach dem Abendbrot um den Tisch saßen, der Strandvogt unmäßig aus seiner Pfeife dampfte und Waldemar still forschend in das heitere Antlitz der Mutter blickte, glaubte ersterer, es sei nun endlich die passende Zeit gekommen, wo man seine übermäßig gezügelte Neugierde befriedigen müsse. »Na, Alte,« sagte er etwas dringlich, »nun lege endlich dein Gepäck ab und schütte das Wasser aus deinem Topfe, ich sehe, er ist zum Überlaufen voll. Du hast gewiß einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitgebracht!«</p><p>»Daß ich nicht wüßte,« lächelte Mutter Ilske still vor sich hin. »Wenn du aber alle Neuigkeiten, die du erwartest, auf einen Strich hättest erfahren wollen, so wäre es klug von dir gewesen, allein nach Mönchgut zu gehen, statt mich zu schicken, womit ich indes für meine Person ganz zufrieden bin.«</p><p>»So, so; ja, ja! Nun, wir haben Geduld, Alte, ruhe dich in Gottes Namen aus. Ich rauche meine Pfeife mit Gleichmut und der Junge da hat Zeit zu warten, er ist jung genug dazu. – Daß dich der Satan!« brummte er in Gedanken vor sich hin und qualmte so heftig, daß seine Frau die Rauchwolken mit beiden Händen aus ihrer Nähe verjagen mußte.</p><p>»Was macht Hille?« fragte jetzt Waldemar ernst und bedächtig, aber nicht ohne einige innere Besorgnis.</p><p>»Das war eine vernünftige Frage, mein Sohn, und nun will ich erzählen, was ich erzählen kann. Hille ist ganz gesund, Kinder, und wohnt ganz allerliebst in ihrem neu aufgeputzten Zimmer, wozu sie die Maurer und Maler aus Bergen hat kommen lassen. Auch gefällt es ihr ganz gut auf Bakewitz, denn sie liebt nun einmal die grüne Saat, den duftigen Wald und die rauschende See.«</p><p>»Nun ja,« polterte der Alte heraus, »das wissen wir und das lieben wir auch, aber wir können das alles auch hier haben, wie überall auf Rügen.«</p><p>»Nicht so wie dort, Daniel. Bakewitz ist wirklich ein kleines Paradies und es wird diesen Sommer sehr hübsch dort unter den Nußbäumen am Wasser sein. Natürlich, wenn erst der Schaden überwunden ist, den ihr zuguterletzt die Franzosen zugefügt haben, denn sie will es nicht leiden, daß der Pächter allein die Kosten trägt, der sie doch dem Rechte und dem Kontrakte nach tragen müßte.«</p><p>»Hm! Es ist ein Wettermädel, ich sag's ja. Weiter!« 
      <a id="page37" name="page37" title="wolfeh/lac"/></p><p>»Was denn weiter? Hast du noch nicht genug daran?«</p><p>»Nein, du hast noch gar nichts gesagt, wenigstens von der Hauptsache nichts.«</p><p>»Ach, ja so, die Hauptsache! Da habt Ihr sie. Ich habe Hille sehr verändert gefunden.«</p><p>»Wieso?« fragte der Alte mit dem Munde und Waldemar mit den Augen.</p><p>»Sie war sehr ernst gestimmt und viel nachdenklicher als gewöhnlich. Aber daran waren vielleicht ihre erlittenen Verluste und der Tod des Grafen Brahe schuld.«</p><p>»Ha!« rief Waldemar. »Ging ihr der zu Herzen?«</p><p>»So tief wie dir, mein Sohn, das kannst du glauben, und sie hat sogar geweint, als wir davon sprachen, daß deine Aussichten und Hoffnungen dadurch so sehr gelitten haben. Wie du aber weißt, weint Hille sehr selten und nur dann, wenn ihr etwas bis in das Herz geht.«</p><p>Waldemar wurde auffallend bleich und von neuem bekümmert: im stillen aber dankte er Hillen noch inniger, als er es je in Worten getan. Daß sie auch darin mit ihm sympathisierte, war ihm der süßeste Trost, der ihm bisher noch über den unersetzlichen Verlust zuteil geworden war.</p><p>»Hat sie vielleicht noch einen anderen Grund, um traurig zu sein?« fragte der Strandvogt mit schlauer Zurückhaltung.</p><p>»Ich wüßte keinen, aber man muß Geduld damit haben. Ich bin in meinem Leben auch oft traurig gewesen und nachher sind immer wieder heitere Tage gekommen.«</p><p>Nach diesen mit Bedeutung gesprochenen Worten erzählte Mutter Ilske, wie sie die vier Tage im allgemeinen auf Bakewitz verlebt und wie sie nur mit Mühe ihre Rückkehr schon so bald habe durchsetzen können. Endlich aber gab sie vor, ermüdet zu sein, und das hielt Waldemar für ein Zeichen, daß er die Eltern verlassen solle, was er auch bald darauf tat.</p><p>Kaum aber hatte er die Tür hinter sich geschlossen, so fuhr der Alte von seinem Stuhle in die Höhe und stellte sich dicht vor seine Frau hin. »Na,« sagte er, »da werde einer klug draus! Was bist du so rückhaltig und sparsam mit deinen Worten, Ilske? War das etwa die Hauptsache, die du uns aufgetischt hast?«</p><p>»Daniel! Wie sprichst du so voreilig! Wie konnte ich die Hauptsache in Waldemars Gegenwart erwähnen? Natürlich sollst du sie jetzt hören. Ich fragte Hille, warum sie nicht zu uns käme, und da gestand sie mir ein, was ich schon lange vermutet und dir bereits gesagt habe. Waldemar ist daran schuld, daß sie nicht kommt, und ich gebe ihr vollkommen recht darin. Sie hat den Jungen lieb, unbeschreiblich lieb 
      <a id="page38" name="page38" title="wolfeh/gary"/> und ihm schon hundert Beweise davon gegeben. Eben darum will sie nicht kommen. Er muß zu ihr, so ist es Sitte bei wohlerzogenen Leuten.«</p><p>»Hm! Dachte ich es mir doch. Also sie hat ihn lieb! Nun, das verdenke ich ihr nicht, ich habe ihn auch lieb, denn er ist ein braver und schmucker Kerl. Wenn er nun aber nicht hin will zu ihr, aus demselben Grunde oder vielmehr, weil es gegen seine einfältige Ansicht ist, um ein Mädchen zu freien, das reicher ist als er selbst?«</p><p>»Das habe ich mit ihr alles besprochen und ihr keinen Gedanken unseres Sohnes verhehlt. Sie sieht es auch ein! und liebt ihn nur um so mehr darum. Aber gut Ding will Weile haben, sie ist noch nicht neunzehn und er noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt. Habe also Geduld, Alter, die Bäume werden auch nicht an einem Tage grün. Hille hat Geduld und sie wartet die Zeit ab, bis eine günstige Gelegenheit Waldemar nach Bakewitz führen wird. Sobald er das Kiekhaus auf längere Zeit verläßt, etwa um wieder in Dienst zu gehen, wie er neulich sagte, so kommt sie wieder zu uns, und das wird dem Jungen wohl endlich die Augen und auch den Mund öffnen.«</p><p>»Ja, ja doch, aber es dauert ein bißchen lange. Na, so viel Zeit habe ich nicht gebraucht, dir mein Herz auszuschütten; nicht wahr, Ilske?«</p><p>»Das waren andere Zeiten, Daniel, und andere Verhältnisse. Ich werde morgen selbst noch ein Wort mit Waldemar sprechen und das wird vielleicht entscheidend sein. Gott gebe es! Na, nun aber bin ich wirklich müde und sehne mich aus den steifen Sonntagskleidern heraus.«</p><p>»So lege sie ab, Alte, das ist bald getan. Ja, du hast recht, wir wollen zu Bett gehen, und überlege dir's vorm Einschlafen, wie du es dem Jungen recht klar eintränkst.« –</p><p>Am nächsten Morgen aber, sobald die Mutter mit dem arbeitsamen Sohn einen Augenblick allein war, wiederholte sie ihm die herzlichsten Grüße von Hille und fragte ihn dann nebenbei, ob er denn gar keine Neigung spüre, ihr einen recht baldigen Besuch abzustatten?</p><p>»Ach, Mutter,« erwiderte Waldemar und seine Augen flammten dabei lebhaft auf, »wie gern ginge ich zu ihr, denn ich habe ihr so viel zu sagen, was ich nur ihr allein sagen kann. Aber sieh, die Zeit ist nicht gut dazu angetan, wir haben noch keinen ordentlichen. Frieden und wie man hört, soll der Krieg in Deutschland von neuem beginnen. Da werden auch wir nicht in ungestörter Ruhe sitzen bleiben. So verlangt die ernste Zeit Taten, nicht aber Gefühle und Worte. 
      <a id="page39" name="page39" title="wolfeh/gary"/> Auch ist, du weißt es ja, mein Herz zerrissen von Schmerz und da empfinde ich die Freude nicht ganz, die ich empfinden möchte, wenn ich zu Hille gehe. Laß also den Orkan kommen, der über Länder und Menschen fährt, und er wird mich gerüstet finden; wenn er aber vorüber ist und wir innen und außen den Frieden haben, dann, dann, Mutter, will ich nach Bakewitz gehen und mein Herz zu bezwingen suchen, daß es meinem Munde Worte verleiht. Bist du damit einverstanden, meine gute Mutter?«</p><p>»Ja, mein Sohn, und Gott gebe den Frieden, dann wird alles gut werden, unter den Königen und den anderen Menschen, und auch du wirst deine Ruhe finden.« 
      <a id="page40" name="page40" title="wolfeh/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap003"><h3>Drittes Kapitel.</h3><h4>Die Vorboten des Orkans.</h4><p>Waldemar hatte nicht unrecht gehabt, als er vom nahenden Orkan gesprochen, denn er sollte in der Tat bald von neuem über das kleine Land hereinbrechen. Vor ihm aber liefen verschiedene Vorboten her, die, wenn man sie im rechten Lichte sah und im bedächtigen Geiste erwog, schon schließen ließen, was für ein Dämon in ihrem Gefolge sein werde, und Waldemar Granzow war bei weitem nicht der einzige Mann auf Rügen, der die Anzeichen des Unwetters aus der Ferne erkannte.</p><p>Die im vorigen Kapitel beschriebenen Vorfälle fanden in den letzten Tagen des März 1810 statt. Auf den ersten April war das allgemeine öffentliche Dankfest im Lande angesagt, welches die Regierung von Schweden für den mit Frankreich abgeschlossenen Frieden zu veranstalten für gut fand. Alle kleinen Kirchen auf der Insel waren, nachdem man sie ihrer heiligen Bestimmung zurückgegeben, von Menschen überfüllt, die ihrem Schöpfer aufrichtig für den Frieden dankten und ihn zugleich baten, das grollende Ungewitter, das sich schon wieder in der Ferne hören ließ, von den Ufern der heimatlichen Insel abzuhalten.</p><p>Auch auf der Halbinsel Jasmund feierte man diesen Tag mit inbrünstigem Herzen, und die ganze Bewohnerschaft des südlichen Teils derselben war nach Sagard geströmt, um den verehrten Geistlichen daselbst zu hören, der, wie immer, auch diesmal wunderbar ermutigende Worte sprach und alle Zuhörer mit neuen Hoffnungen erfüllte. Auch der Strandvogt nahm mit seiner Frau und seinem Sohne an dieser Predigt teil, und als er gegen Mittag wieder nach dem Kiekhause zurückkehrte, glaubt? er so fest an einen ewigen Frieden 
      <a id="page41" name="page41" title="hella/lac"/> Schwedens mit ganz Europa, daß Waldemar es schwer gefunden haben würde, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.</p><p>Sechs Tage später fand eine neue Feierlichkeit innerhalb der Grenzen des schwedischen Reiches, also auch auf Rügen statt. Man feierte die Huldigung des neuen Königs Karl XIII., wozu Deputierte von allen Städten nach Stockholm abgeordnet waren, um bei ihrer Rückkehr in die Heimat die Beschreibung des großen Aktes in alle Richtungen des Reiches zu tragen. Allein schon diese Deputierten, als sie eine Woche später wieder in Deutschland anlangten, brachten die wunderbare Meldung mit heim, daß der neue König, in seinen hohen Jahren sich zu schwach fühlend, um die Regierungsgeschäfte in so verhängnisvollen Zeiten allein zu leiten, dem Entschlusse nahe stehe, noch bei seinen Lebzeiten einen jüngeren und kräftigeren Thronfolger zu wählen, da er selbst leider kinderlos war. Dieses schnell in die Runde laufende Gerücht bestätigte sich früher, als man es für möglich gehalten, und zufolge der einstimmigen Wahl des Königs und der Stände ward Herzog Christian August von Schleswig-Holstein-Augustenburg zu seinem Nachfolger und Helfer erlesen. Als aber dieser sehr bald darauf eines noch nicht hinreichend erklärten Todes starb, wählten König und Stände im August 1810 den bekannten General Bonapartes, Bernadotte, zum Kronprinzen des schwedischen Reiches.</p><p>So kam wider Vermuten ein französischer General aus der Schule des Länderverwüsters Napoleon auf den nordischen Thron, und obgleich nicht alle Schweden mit seiner Wahl einverstanden waren, da er nur der Sohn eines einfachen Rechtsgelehrten in Pau war, so fiel sie doch später nicht zu Ungunsten des Vaterlandes aus.</p><p>Während der Zeit nun, daß Karl XIII. die Regierung führte, erfreute sich Pommern und Rügen zwar des im April gefeierten Friedens; da aber infolge dieses Friedensschlusses alle Häfen geschlossen, jeglicher Handel mit England den Einwohnern untersagt war und überhaupt die Stipulationen des Napoleonischen Kontinentalsystems strenge durchgeführt werden sollten, so konnte das arme Land die Wunden des Krieges nicht so leicht verschmerzen, zumal auch noch bald wieder neue Steuern und Abgaben behufs einer abermaligen Kriegsrüstung erhoben wurden.</p><p>Diese Kriegsrüstung fand gegen England statt, zu der der Schwedenkönig von Napoleon gedrängt worden war, um auch dadurch seinem unüberwindlichen Hasse gegen die stolzen Briten, die ihm trotzdem mit ihrer Macht und ihrem Gleichmut imponierten, Luft zu machen.</p><p><a id="page42" name="page42" title="DagmarThess/gary"/> Schon im Mai verbreitete sich aus Rügen das Gerücht, es würden Schiffe von Schweden kommen, um die auf der Insel ansässigen Seemänner, die Lust hätten, sich am Kriege zu beteiligen, an Bord zu nehmen und nach Schweden zu führen, um ihnen auf verschiedenen Kriegsschiffen ihren Kenntnissen entsprechende Stellungen anzuweisen. Bald nach dem Gerüchte gingen Landboten hin und her und verkündeten laut, daß am 15. Mai die Schiffe teils in Stralsund, teils auf der südlichen Spitze der Buge in Wittow, teils auf Groß-Zicker in Mönchgut anlegen würden, wohin sich bis zum 20. Mai alle diejenigen begeben sollten, die Kriegsdienste zu nehmen gesonnen wären.</p><p>Als diese Nachricht nach Sassnitz kam, erregte sie im Hause des Strandvogts einen namenlosen Jammer, denn die alten Leute konnten den Gedanken kaum ertragen, ihren einzigen Sohn schon wieder dem ungewissen Kriegstreiben preisgegeben zu sehen, und doch wußten sie, daß Waldemar sich durch ihre Bitten nicht würde abhalten lassen, unter die Flagge seines Vaterlandes zu eilen. Dennoch aber hegte dieser ein ernstes Bedenken, dem Rufe ohne weiteres Folge zu leisten. Wäre der Krieg gegen Frankreich gerichtet gewesen, keiner hätte freudiger die Waffen ergriffen als er; aber gegen England zu kämpfen, auf dessen Seite er in der glorreichen Schlacht bei Trafalgar siegreich gegen Napoleon gefochten, sagte seinen Gefühlen und politischen Ansichten sehr wenig zu. Von dem Schwanken jedoch, in welches er demnach geraten war, befreite ihn endlich das sich wiederum rasch verbreitende Gerücht: der Krieg gegen England sei gar nicht ernstlich gemeint, Schweden begünstige sogar unter der Hand den Verkehr mit den Engländern und es warte nur eine günstige Gelegenheit ab, sich mit Großbritannien gegen Frankreich selbst zu verbünden, und nur für diesen Fall wolle es seine Flotte instand setzen, und dazu bedürfe es der kräftigsten und seekundigsten Männer.</p><p>Dieses Gerücht, an dem manches wahr sein mochte, drängte Waldemar zu einem plötzlichen Entschluß, und so trat er am 18. Mai vor seine Eltern und teilte ihnen mit, daß er am folgenden Tage nach Wittow wandern werde, um sich auf dem an der Buge ankernden Schiffe einschreiben zu lassen.</p><p>Vergebens flossen nun die Tränen der herzlich bekümmerten Mutter, vergebens sank der Vater in ein trübes Schweigen, Waldemar tröstete sie, so gut er es vermochte, und wies mit schlagenden Worten auf seine Vorhersagung hin, die sich nun schneller als man gedacht, bewahrheitet hatte. 
      <a id="page43" name="page43" title="wolfeh/lac"/> Durch diesen Krieg aber, sagte er, werde der künftige wirkliche Friede eingeleitet werden, und somit sollten die Eltern nicht trostlos sein, er werde glücklich vom Felde der Ehre heimkehren, das sage ihm ein inneres Bewußtsein, und dann werde nur Freude und Glück unter ihnen herrschen, die ja doch aus ihrem Gemüt verbannt sein würden, wenn er zu Hause bliebe und nicht an den ruhmreichen Taten seiner Landsleute teilnehmen wollte.</p><p>Durch solcherlei Reden wurden die Eltern zur Billigung seiner Absichten bewogen, und wieder war die. Zeit gekommen, wo Mutter Ilske dem teuren Sohne das Bündel schnürte, wo der Vater ihm seine besten Waffen übergab und ihn mit dem väterlichen Segen aus dem stillen Hause entließ.</p><p>Als Waldemar Abschied von den Eltern genommen und, das Ränzel schon auf dem Rücken, vor ihnen stand und beider Hände hielt, da sie nicht von ihm lassen wollten, trat endlich auf einen Wink der Mutter der Strandvogt beiseite und verließ sogar bald darauf das Zimmer.</p><p>»Waldemar,« sagte Mutter Ilske, indem sie mit ihrer schneeweißen Schürze die hellen Tränen zu trocknen bemüht war, die aber immer wieder von neuem aus ihren alten Augen hervorquollen, »welches Schiff wirst du aufsuchen, das in Zicker, oder das, welches vor Wittow liegt?«.</p><p>»Ich werde nach Wittow gehen, Mutter, dort bin ich gleich näher an meinem Bestimmungsort.«</p><p>»Ich dachte,« sagte die Mutter mit leiser und doch verstandener Betonung, »du würdest lieber das in Mönchgut wählen, um – um noch einmal –«</p><p>»Mutter,« unterbrach sie der ernste Sohn mit von innerer Glut strahlendem Gesicht, »nenne ihren Namen nicht. Ach, jetzt beim Scheiden sage ich dir, daß er mir so teuer ist wie der deine, aber – sehen, noch einmal sehen und dann gleich verlassen, kann ich sie nicht. Ich habe ihr einst auf ihre Frage, wann ich zurückkehren würde, gesagt: wenn wir Frieden hätten oder Sieger wären, und das halte ich noch heute fest. Jetzt haben wir keinen Frieden, aber Sieger werden wir künftig sein, das sagt mir mein Herz, dem ich darin vertrauen kann. Gehe du selbst aber zu ihr und grüße sie von mir – ja, grüße sie herzlich und sage ihr, daß ich ihrer gedenken werde in Not und Gefahr, wie in Freude und Glück. Mehr kann ich jetzt nicht sagen.«</p><p>Fünf Minuten darauf war er dem Auge der Mutter entschwunden und zwei Tage später schon war er ein Bewohner des königlichen Schiffes, das ihn nach Schweden trug, wo er, nach abgehaltener Prüfung als dritter Leutnant auf 
      <a id="page44" name="page44" title="wolfeh/gary"/> die Fregatte Ingiald versetzt wurde, die nach ihrer Ausrüstung im Monat darauf zum Kreuzen in der Ost- und Nordsee bestimmt ward. Denn bald darauf war der Krieg gegen England erklärt worden, der aber ebensowenig ernstlich gemeint war, wie der Friede, den Napoleon mit Schweden geschlossen hatte, wie die folgenden Ereignisse sehr bald genügend dartun werden.</p><p>+++</p><p>In Hoffen und Bangen verstrich den Bewohnern des Kiekhauses rasch die Zeit; der Sommer war dem Frühlinge, der Herbst dem Sommer gefolgt und nun ging man schon wieder dem Winter entgegen. Während dieses Winters hatte das einsame Elternpaar die Freude, öftere Briefsendungen von dem abwesenden Sohne zu erhalten, der ihnen meldete, daß er gesund und wohl und bereits infolge einiger Auszeichnungen bei verschiedenen Gelegenheiten zum zweiten Leutnant auf dem Ingiald avanciert sei.</p><p>Diese Briefe, die jeden Abend wieder herbeigeholt und laut vorgelesen wurden, bildeten das Hauptgespräch im Kiekhause und trügen viel dazu bei, den alten Leuten die Zeit zu vertreiben, die auch für sie wieder im Frühling des Jahres 1811 eine ernste und sorgenvolle werden solle. Zugleich hatten sie dabei Gelegenheit, einzusehen, daß Waldemars Entschluß zur guten Stunde gekommen und er noch beizeiten seinem Berufe gefolgt war, da er, wenn er jetzt noch auf der Insel verweilt hätte, zu einem anderen, ihm wahrscheinlich weniger zusagenden Dienste gezwungen worden wäre.«</p><p>Denn am 30. März 1811 erließ das General-Gouvernement zu Stralsund einen Befehl, der die Errichtung eines allgemeinen Landsturmes aus den Männern vom achtzehnten bis zum dreißigsten Jahr betraf, von welchen alle waffenfähige Mannschaft unter die Fahnen gestellt werden und nur Sieche und Krüppel ausgenommen sein sollten. Man gab vor, daß dieser Landsturm zusammentreten solle, um eine etwaige Landung der Engländer in Pommern und Rügen abzuwehren, im Grunde aber wollte man Truppen bei der Hand haben, die gegen jeglichen Feind, wer er auch sei, verwandt werden könnten.</p><p>Hiermit aber glaubte man noch nicht genug getan zu haben, um gegen alle Ereignisse gerüstet zu sein, denn der französische Kaiser erhob neue Forderungen an Schweden und runzelte die Stirn, daß man dem Handel der Engländer, der sich überall einzuschmuggeln drohte, nicht mit aller Strenge entgegentrete. So erschien denn am 25.+April 1811 eine 
      <a id="page45" name="page45" title="wolfeh/lac"/> weitere Verordnung, wonach aus dem ausgehobenen Landsturm die beiden pommerschen Regimenter, das Engelbrechtensche und das Königin-Leibregiment, ersteres um 800 und letzteres um 300 Mann vermehrt werden sollten, die jedoch wieder nach Hause zu entlassen wären, sobald mit England Friede geschlossen sei, wozu alle Aussichten vorhanden waren.</p><p>Aber auch damit war das Ende der für des kleine Land so bedeutenden Rüstungen noch nicht gekommen, denn am 11.+Mai 1811 folgte die Verordnung, daß alle waffenfähigen Männer der Insel bis zum zurückgelegten dreißigsten Jahre aus dem aufgezeichneten Landsturm jene beiden Regimenter bis zu 1200 Mann Stärke zu ergänzen hätten, wozu zwei Wochen später noch der letzte Erlaß kam, daß die wohlhabenderen Bewohner aus ihrer Mitte noch 88 Berittene stellen sollten, die ihre Pferde selbst hielten und zu jederlei Dienst, namentlich aber zu Ordonnanzen innerhalb des Landes zu verwenden wären.</p><p>Man kann sich vorstellen, daß alle diese Befehle, die in überstürzender Eile aufeinander folgten, die ganze Insel in Bewegung setzten und endlich dem Blindesten und Ungläubigsten die Augen öffneten, daß ein ernstlicher Zusammenstoß unvermeidlich sei, sowie daß man allein gegen Frankreich mit solchen Zurüstungen vorgehe, da England dem schwedischen Lande sich eher freundlich als feindselig erwies und alle Konflikte zur See vermied, die ihm bei seiner damals ungeheuer großen Flotte so leicht geworden wären.</p><p>Die Hauptlasten aber hatte das Land selbst und seine mehr arme als reiche Bevölkerung zu tragen, denn es war natürlich, daß alle diese von oben herab befohlenen Einrichtungen sehr kostspielig waren und große Summen erforderten, die durch Ausschreibung namhafter Kopfsteuern und andere außerordentliche Auflagen zusammengebracht werden mußten.</p><p>Mit ahnungsvoller Verwunderung und nicht immer ohne Murren wurden alle diese Neuigkeiten von den Städtern und Landbewohnern aufgenommen, wozu sehr viel die Unklarheit der ganzen Lage beitrug. Hätte man von vornherein gewußt, daß alle diese Rüstungen und Steuern wegen des verhaßten Kaisers Napoleon unternommen und auferlegt wurden, so würde man freudig das Letzte geopfert haben, um endlich die langentbehrte Ruhe zu erkämpfen, und Männer wie Jünglinge wären singend und fröhlich herbeigeeilt, um Spaten und Ruder mit Säbel und Bajonett zu vertauschen. So aber hatte man immer noch einen Krieg mit dem heimlich befreundeten England in Aussicht, und diese war nicht dazu 
      <a id="page46" name="page46" title="wolfeh/lac"/> angetan, den Mut zu spornen und die Leistungsfähigkeit bis auf den letzten Nerv anzuregen.</p><p>Darum gab jeder nur mit innerem Widerstreben, was er hatte und nicht hatte, denn man sah leicht voraus, daß die gebrachten Opfer wenig Anerkennung finden würden, da sie kein wünschenswertes Ziel betrafen, freilich verließen die jüngeren Männer ihre Höfe und Häuser und stellten sich ihren Exerziermeistern in den dazu angewiesenen Ortschaften, aber ein freudiger Wille tat sich nirgends unter ihnen kund, und ebenso mußte man viele Mühe aufwenden, die sparsam vorhandenen Mittel zusammenzubringen, da namentlich die weniger wohlhabenden Leute noch von der letzten Okkupation der Franzosen her unter der Schuldenlast seufzten, die ein großer Teil von ihnen noch nicht hatte abtragen können.</p><p>Einer der vielen, die schwer unter allen diesen Sorgen zu leiden hatten, war der Strandvogt im Kiekhause zu Sassnitz. Seine kärglichen Mittel waren schon seit dem Jahre 1809 erschöpft und er besaß nur gerade so viel, um sich bei seinem geringen Gehalte, der durch keinen Nebenverdienst während der Okkupation unterstützt wurde, von einem Tage zum andern durchzuhelfen, obgleich er bei weitem noch nicht der Ärmste unter allen seinen Nachbarn war.</p><p>Da aber kam ihm eine Hilfe, auf die er diesmal um so weniger rechnen konnte, als sie ihm schon früher so nachhaltig zur Seite gestanden hatte.</p><p>Hille war nämlich, sobald Waldemar nach Schweden abgesegelt war, nach dem Kiekhause gekommen und hatte erklärt, ihren Wohnsitz daselbst wieder auf längere Zeit aufschlagen zu wollen. Ein erwünschterer Trost konnte den beiden alten Leuten nicht zuteil werden. Mit offenen Armen empfingen sie den geliebten Gast und nun gab es doch wieder einige Freude in der einsamen Strandwohnung, die unverändert Sommer und Winter wechseln sah und deren Dach die Störche aus dem Süden so gut im Kriege ihre gastliche Ruhestätte betrachteten.</p><p>Als nun aber Hille bei der wachsende Not und Anspannung des verehrten Pflegevaters mit ihrer natürlichen Freundlichkeit zu ihm trat und bat, er möge sich nicht so ganz und gar der Sorge um das Materielle hingeben, vielmehr vertrauensvoll auf seine begüterten Freunde blicken, da erkannte er erst vollkommen, welchen Segen der gütige Gott mit diesem seltenen Mädchen ihm ins Haus gesandt habe. Nicht allein brachte Hille eine Kuh, zwei kleine Schweine und einen ganzen Wagen voll notwendiger Nahrungsmittel von Bakewitz mit, sondern sie öffnete auch sogleich ihre Absicht, 
      <a id="page47" name="page47" title="wolfeh/gary"/> dem Strandvogt die baren Gelder vorzustrecken, die demselben als Steuern von den Behörden auferlegt waren.</p><p>Staunen auf seiten des Mannes sowohl wie der Frau folgte diesem liebevollen Anerbieten, und von nun an war Hille die Lebenssonne der Alten geworden, um die sich alle ihre Hoffnungen drehten, zumal sie mit einer Entschiedenheit ohne gleichen fortfuhr, ihre Worte zu Taten zu machen und nicht allein dem von ferne drohenden Mangel abzuhelfen, sondern auch einen gewissen Wohlstand in das Kiekhaus zurückzuführen, der das Leben daselbst erträglich und zuzeiten sogar behaglich machte. So fügte sich denn der Strandvogt in alles, was Hille anordnete und unternahm, und wenn er auch nicht wußte, wie er ihr einst ihre Liebe vergelten sollte, so war er doch überzeugt, daß dieselbe keinen eigennützigen Grund habe, vielmehr der Ausfluß reiner Menschenfreundlichkeit und persönlicher Teilnahme sei, die sie auch geübt haben würde, wenn er keinen Sohn gehabt hätte, dem sie von ganzem Herzen ergeben gewesen wäre.</p><p>Von diesem Sohne nun wurde in Hilles Gegenwart wie von einem Menschen gesprochen, von dessen Erhaltung die ganze künftige Existenz der Familie abhinge, nie aber wurde eine Anspielung laut, die sein Verhältnis mit dem schönen Mädchen von Sassnitz betraf, denn daß eine solche dasselbe verletzte und ihr im Herzen wehe tat, hatte der alte derbe Strandvogt mehrere Male zur Genüge erfahren. So lebten sie denn ruhig, hoffnungsvoll und in ihr Schicksal ergeben fort, ein Tag nach dem andern schwand, ein Monat folgte dem andern und es näherte sich allmählich die verhängnisvolle Zeit, die Waldemar mit dem nahenden Orkan verglichen hatte, – ein Vergleich, der für Rügen wenigstens leider gar zu treffend war, was sich schon im Anfange des nächsten Jahres dartun sollte, wie der Leser sogleich erfahren wird..</p><p>Aber nicht allein für Rügen, Pommern und Schweden, nicht allein für die ganze seufzende europäische Welt, die von Napoleon mit Füßen getreten wurde, sollte die heranschreitende Zeit ein Orkan werden – Gott hatte in seiner allmächtigen Weisheit gewollt, daß dieser Orkan auch über Frankreich sich ergießen und endlich, nachdem das Maß seiner Langmut erschöpft war, den Titanen selbst zu Falle bringen sollte, der den schwer atmenden Völkern so lange die eisernen Zügel seiner Willkürherrschaft auferlegt hatte.</p><p>Wie dieser Orkan in den Eisfeldern Rußlands gegen ihn heranbrauste und wie er sich zerstörend und vernichtend von da nach Süden wälzte, Rußland, Deutschland befreite und endlich das hochthronende Frankreich in den Abgrund riß, 
      <a id="page48" name="page48" title="wolfeh/lac"/> das weiß der Leser zur Genüge, denn er hat es aus hundert Erzählungen und Berichten erfahren; wie aber dieser Orkan auch über Rügen dahinzog und diese kleine Insel mit in das Räderwerk verflocht, welches das große Triebrad in Paris in Bewegung setzte, das weiß er vielleicht nicht und im Verlaufe unserer Erzählung wird diese Darstellung ihm daher willkommen sein, zumal der Ausgang derselben im vollkommensten Zusammenhange mit dem Schicksale der Personen steht, denen er bis jetzt seine Aufmerksamkeit und vielleicht seine Neigung geschenkt hat. 
      <a id="page49" name="page49" title="wolfeh/lac"/></p></div><div class="chapter" id="chap004"><h3>Viertes Kapitel.</h3><h4>Der Orkan 1812 auf Rügen.</h4><p>Das verhängnisvolle Jahr 1812 war angebrochen. Ganz Europa atmete schwer und bang, jedes Land hatte seine Lasten zu tragen, und keine Nation war frei von Befürchtungen allerlei Art, die sich wie haushohe Wogen über ein niedriges Ufer ohne Damm und Schutz daherwalzten. Aber nicht die Fürsten allein waren von dem Kaiser der Franzosen über alles Maß gedemütigt und gepeinigt, auch die Geduld und Ergebung der Völker hatte er bis zur Grenze des Möglichen angespannt, so daß endlich der furchtbare Löwe aus dem Schlummer erwacht war, der im Schoße einer jeden Nation, so lange gefesselt liegt, bis sie zum Äußersten gezwungen und zur Tatkraft angespornt wird, die Sieg oder Untergang im Gefolge hat.</p><p>Auf Rügen war man später als im übrigen geschlossenen Europa zur Einsicht der politischen Vorgänge gelangt und dennoch sollte gerade dies kleine Eiland das erste Ländchen in Europa sein, auf dessen Marken die Franzosen, die jetzt mit ihren Völkerwogen auch Rußland zu überschwemmen drohten, ihren ersten Trumpf ausspielten.</p><p>Kein Mensch auf der abgelegenen Insel ahnte, was ihm bevorstand. Schweden lebte mit aller Welt in Frieden, nur mit England walteten scheinbare Verwicklungen ob, die aber niemand für ernstlich und zum wirklichen Krieg führend hielt. Mit Frankreich hatte es sogar vor zwei Jahren einen Frieden geschlossen, dessen Bedingungen, so weit wie möglich, gehalten waren, denn ohne Handel und Wandel nach außen hin kann kein Volk bestehen; und da Napoleon wußte, daß Schweden England zu seinem Unterhalt gebrauchen würde, so wußte er auch, daß er die Gelegenheit in Händen behielt, Schweden 
      <a id="page50" name="page50" title="wolfeh/gary"/> jeden Augenblick des Treubruchs anzuklagen und es vom neuem mit Krieg zu überziehen. Die Zeit dieses Krieges schien ihm aber gekommen, als er seine Entwürfe gegen Rußland für vollendet hielt, um den großen Schlag zu wagen, an dem er schon so lange Jahre gearbeitet und der allein noch übrig war, um ihn zum Herrn des ganzen Festlandes von Europa zu machen.</p><p>Alle Welt auf Rügen also hatte sich bei Ablauf des Jahres 1811 in das Unvermeidliche gefunden und trug ihr Geschick mit Ergebung und Hoffnung auf einstiges Besserwerden. Man hielt die eiserne Strenge dieses Geschicks für erschöpft und glaubte den bitteren Kelch des allgemeinen Völkerwehs bis auf die Neige geleert zu haben. Da fiel wie ein Blitz aus heiterer Himmelsbläue die beinahe unglaubliche Nachricht ins Land, ein ansehnliches französisches Truppenkorps unter dem Befehle des Divisionsgeneral Friant nähere sich den Grenzen Pommerns, und kaum hatte diese erschreckende Nachricht die Runde gemacht, so bestätigte sie sich, und General Friant rückte wirklich in Stralsund und den anderen Hauptstädten der Provinz ein.</p><p>Was das bedeutete, wußte kein Mensch, und jedes Herz schlug in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der französische Herr General aber ließ nicht lange auf die Erklärung warten. Er kam jedoch diesmal mit lächelnder Miene und versicherte in einer öffentlichen Bekanntmachung, sein Einmarsch sei nur der Besuch eines Freundes, den der Kaiser Napoleon auf Grund seiner herzlichen Eintracht mit dem König von Schweden sende, um die brüderlichen Verträge in Ausführung zu bringen, die man 1810 abgeschlossen habe. Diese Verträge bezögen sich hauptsächlich auf das feindselige Verhalten der Engländer gegen Pommern und Rügen; gegen diese wolle er das Land schützen, und man müsse daher das Seinige tun, um den edelmütigen Freund recht warm zu halten, vor allen Dingen also sorgen, daß die französischen« Truppen während ihres Aufenthalts von dem beschützten Lande selbst wohl verpflegt und unterhalten würden.</p><p>Diese Erklärung goß denn allerdings keinen wohltuenden Balsam in die noch frisch blutende Wunde der im Herzen tief verletzten Bewohner der überströmten Provinz. Daß Frankreich eine Landung der Engländer verhindern und den Handel mit ihnen wehren wolle, war nur ein sehr matter Vorwand, da Pommern und Rügen gar keinen Handel mit England trieb und dieses nicht die geringste Miene gemacht hatte, ein feindliches Korps daselbst landen zu lassen.</p><p>Daß also hinter der geheuchelten Freundschaft der Franzosen 
      <a id="page51" name="page51" title="wedi/lac"/> etwas anderes versteckt war, sah auch der einfachste Landmann ein, und in dieser Meinung wurde jeder bestärkt, als er das weitere Verhalten der liebevollen Schutzmacht mit kritischen Blicken betrachtete. Vom Generalkommando in Stralsund wurden ohne weiteres bedeutende Ausschreibungen behufs Lieferungen von Kriegsvorräten, Geldsummen und Pferden erlassen. Damit sich die erstaunten Inselbewohner nicht etwa mit ihren Waffen selbst verwundeten, verlangte man die Auslieferung aller spitzen und scharfen Instrumente. Was aber dem ganzen die Krone aufsetzte, war die planmäßig schon entworfene Einsetzung einer öffentlichen und geheimen Polizei, die sich alle Mühe gab, die genauesten Erkundigungen über die persönlichen Verhältnisse verschiedener Familien einzuholen und diejenigen Männer ans Licht zu ziehen, die etwa in früheren Jahren auf der schwarzen Liste der Franzosen gestanden und in irgend einer Weise gegen Wunsch und Willen des französischen Imperators gesprochen und gehandelt hatten. Man zog daher längst vergessene Dinge aus dem Staube der Vergangenheit hervor, suchte und forschte nach diesem und jenem Parteigänger und erklärte laut, daß man nur dann Ruhe und Zufriedenheit im Lande haben werde, wenn alle diese Unruhstifter für immer zum Schweigen gebracht seien.</p><p>Hiermit aber glaubte man noch nicht genug getan zu haben. Um den Handel und Wandel nach außen gänzlich abzuschneiden, gebot man, daß alle in Pommerschen und Rügianischen Häfen liegenden Schiffe entmastet werden und selbst kein kleines Boot den Strand verlassen sollte, wodurch denn die armen Schiffer und Fischer gänzlich um ihren dürftigen Broterwerb kamen. Außerdem streifte man in wahrhaft räuberischen Zügen durch die ganze Insel, forderte überall, wo es beliebt ward, Einlaß oder erzwang ihn, wenn nicht gleich die Tür geöffnet wurde, indem man vorgab, die Bewohner hätten heimlich englische Kontrebande versteckt. So nahm man fort, was Kontrebande und keine war, und um die Wiedereinfuhr einer solchen zu verhindern, zog man eine starke Douanenlinie längs der ganzen Seeküste im Norden und Osten, so daß also Rügen wie mit einer eisernen Mauer französischer Bajonette umgeben war.</p><p>Dieser freundschaftliche Einzug der Franzosen sollte aber bald klarer in seiner wahren Gestalt hervortreten, und dazu gab die kriegerische Miene Veranlassung, die der Kaiser von Rußland gegen Napoleon annahm, dessen Langmut endlich erschöpft war und der es für zeitgemäß hielt, dem Umsichgreifen 
      <a id="page52" name="page52" title="wedi/gary"/> des französischen Eroberers und seiner wachsenden Macht in Deutschland einen festen Damm entgegenzusetzen.</p><p>Um diesen nordischen Riesen nun zu zertrümmern und auf ewige Zeiten in die sibirischen Eisfelder zurückzujagen, beschloß Napoleon, verblendet von seinem bisherigen Glück und unersättlich in Befriedigung seines Ehrgeizes, ihn in seinem eigenen Lande anzugreifen, und er bot daher seine ganze Heeresmacht und alle seine Hilfsvölker auf, um diesen verhängnisvollen Plan siegreich auszuführen. Zu diesen Hilfsvölkern rechnete er auch die Schweden und forderte sie deshalb auf, ihm mit ihren Truppen nach Rußland zu folgen.</p><p>Der König von Schweden aber weigerte sich rechtschaffen, den abenteuerlichen Zug mitzumachen, da er nicht abermals mit Rußland den Streit beginnen wollte, der erst vor kurzem mit dem Verluste Finnlands für Schweden geendet hatte; er zog es vielmehr vor, in einer beschaulichen und abwartenden Neutralität zu verharren. Durch diesen sehr weisen Entschluß aber hatte er ein- für allemal mit Napoleon gebrochen, und dieser, in der Meinung, als Rächer und Bestrafer aller Handlungen auf Erden, die gegen ihn selbst gerichtet waren und die er ein unkluges Anstreben gegen den Strom der Welt nannte, berufen zu sein, beschloß nun, ihn dafür zu züchtigen und seine bisherige scheinbare Freundschaft in fühlbare Feindschaft zu verwandeln. So warfen denn zunächst die in Pommern und Rügen stehenden Franzosen die Maske ab und zeigten sich in ihrer wahren Gestalt. Bisher hatten die beiden pommerschen Regimenter, die in Stralsund und Greifswald in Garnison lagen, noch ihre Waffen behalten und mit den Franzosen gemeinschaftlich den Dienst verrichtet. Am 3. Juli 1812 aber zwangen die Franzosen plötzlich die schwedischen Trommelschläger, den Generalmarsch zu schlagen, während sie selbst schon in weit überlegener Anzahl unter dem Gewehr standen. Bevor nun die pommerschen Bataillone, ahnungslos, was sie bedrohte, sich versammelt hatten, waren schon die Hauptwachen entwaffnet, und starke französische Patrouillen ergriffen in den Straßen die einzelnen pommerschen Offiziere und Soldaten, die, dem Rufe der Trommeln folgend, ihren Sammelplätzen zueilten.</p><p>Als dies zum Schrecken der Einwohner und zum maßlosen Staunen der schwedischen Krieger geschehen war, wurden beide Regimenter, nachdem sie entwaffnet waren, für französische Kriegsgefangene erklärt und einige Tage später wirklich nach Frankreich abgeführt.</p><p>Diese Gewalttat rief einen Weheschrei hervor, der durch das ganze Land dröhnte und selbst bis nach Schweden hinüber 
      <a id="page53" name="page53" title="wedi/lac"/> drang. Um sein schutzloses Land von den umherziehenden französischen Marodeurbanden und Streifkolonnen, die überall nach Kolonialwaren suchten und unter diesem Vorwande Dörfer, Höfe und einzelne am Strande liegende Häuser beraubten und brandschatzten, wenigstens einigermaßen zu schützen, ließ der König von Schweden einigen stark bemannten Kriegsfahrzeugen den Befehl erteilen, in unmittelbarer Nähe von Rügen zu kreuzen, ebenfalls als Parteigänger aufzutreten und, wo ihre ans Land gesetzte Mannschaft es durchführen konnte, ihre Landsleute in Schutz zu nehmen, namentlich aber sie vor übereilter Bezahlung der geforderten Kontributionen zu warnen, da ein Umschwung der Dinge nicht ganz unmöglich sei, eine weise Zögerung darin also von großem Nutzen sein könne.</p><p>Die schwedischen Schiffsführer, beglückt, nun auch endlich einmal gegen die Franzosen in Tätigkeit gesetzt zu werden, gehorchten und segelten von Schweden heran, und zum ersten Male war es den trostlosen Rügianern vergönnt, ihre Nationalflagge wieder auf offenem Meere flattern zu sehen, obgleich sie nicht ahnten, was das Erscheinen derselben zu so bedrängter Zeit zu bedeuten habe.</p><p>Unterdes aber hatte Napoleon seinen Marsch nach Rußland angetreten, und von den drei großen französischen Kolonnen zog die auf dem linken Flügel durch Norddeutschland ihrem Ziele zu, wodurch es denn kam, daß in Pommern immer ein Regiment dem andern auf dem Fuße folgte und so die armen ausgesogenen Bewohner immer härter bedrückt wurden.</p><p>So waren denn die Franzosen wieder in faktischem Besitz von Pommern und Rügen, weshalb auch auf ihren Befehl am 15. August die ganze Provinz den Geburtstag Napoleons durch Illumination und andere Festlichkeiten feiern mußte, wobei die Drohung verkündigt ward, daß diejenigen Häuser bemerkt und ihre Bewohner zur Bestrafung gezogen werden sollten, welche diesem Befehle zuwiderhandeln würden.</p><p>Am 14. September 1812 war die französische Armee, wie es allgemein hieß, vollkommen siegreich bis Moskau vorgedrungen. Auch diese Errungenschaft mußte auf Befehl des französischen Gouverneurs Morand in Stralsund am 4. Oktober festlich begangen werden, und es ward also ein öffentliches Dankfest in den Kirchen gehalten und am Abend eine noch glänzendere Illumination, als die im August veranstaltete, angesagt.</p><p>Bis zu diesem Punkte wollen wir einstweilen dem Laufe der Geschichte folgen und nun zu unserer Erzählung auf 
      <a id="page54" name="page54" title="wedi/gary"/> Rügen selbst zurückkehren, das damals mehr denn je unter der Zuchtrute seines gewalttätigen Eroberers litt, jedoch müssen wir vorher noch einige Worte über die Truppen sagen, die zu dieser Zeit auf Rügen selbst standen und ihre Spionier- und Raubzüge bis an die äußersten Punkte der Insel ausdehnten, so lange ihre Macht durch den Abzug einer größeren Truppenzahl nach Rußland noch nicht geschwächt und die schwedischen Seemänner noch nicht gelandet waren, um den feindlichen Unternehmungen jener mehr oder minder offen entgegen zu arbeiten.</p><p>Unter General Morand, der seine Residenz in Stralsund aufgeschlagen, kommandierte einen Teil der Truppen auf Rügen von seinem Hauptquartier in Bergen aus unser ehemaliger Bekannter Monsieur de Caillard, der unterdes den Lohn für seine Tapferkeit erhalten hatte und zum Kolonel eines reitenden Jägerregiments avanciert war. Man hatte absichtlich diesen Herrn auf die Insel postiert, weil er die Verhältnisse derselben genügend aus eigener Anschauung kannte und mit der Art und Weise wie mit den Vermögensumständen der Personen besser vertraut war als irgend ein anderer und also am besten ihre Steuer- oder vielmehr Kontributionsfähigkeit beurteilen – das heißt, sie bis auf den Grund aussaugen konnte. Mr. de Caillard war der passendste Mann dazu, diesen Befehlen buchstäblich Folge zu leisten, und wenn er schon früher vielen Furcht eingeflößt, so machte er sich jetzt durch die herzlose Handhabung der ihm aufgetragenen Pflichten noch mehr verhaßt.</p><p>Eine Zeitlang hatte er sich in Bergen, bis auf die Organisation und Durchführung der schon erwähnten Spionierzüge, ziemlich ruhig verhalten und vor der Hand nur haarscharfe Erkundigungen über alle diejenigen Personen eingezogen, mit denen er früher in freundlicher oder feindlicher Weise in Berührung gekommen war. So hatte er auch erfahren, daß Graf Brahe infolge jenes Zweikampfs, für den er sein Zusammentreffen mit ihm selbst ausgegeben, gestorben und Waldemar Granzow auf einem schwedischen Schiffe abwesend sei. Von diesen beiden Personen also hatte er ebensowenig zu befürchten, wie er sie mit seinem durch die Zeit gesteigerten Grimme weiter verfolgen konnte. An Gylfe Torstenson hatte er kurz nach seinem Einzuge in Bergen einen zärtlichen Brief geschrieben und ihr darin gesagt, daß der Aufbau seines ihr verheißenen Paradieses immer näher rücke, daß er sich deshalb bemüht habe, wieder in ihre Nähe zu kommen, und daß er sie besuchen werde, sobald es seine Zeit gestattete, um seine Verlobung mit ihr zu feiern und sie nach 
      <a id="page55" name="page55" title="rudi49/lac"/> dem siegreichen Feldzuge in Rußland nach Frankreich zu führen, – denn nach diesem Feldzuge, der der ganzen Welt Frieden geben werde, könne er mit Ehren seinen Abschied nehmen, um ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihr sein ganzes ferneres Leben zu widmen.</p><p>Ob dieses Vorgeben sein Ernst war, müssen wir dahingestellt sein lassen, wenigstens hat Gylfe Torstenson in späteren Jahren oft genug erzählt und sogar vor ihren Gefährtinnen beschworen, daß ihre Verbindung mit dem Kolonel Caillard bereits festgesetzt gewesen sei, woran zu zweifeln uns kein handgreiflicher Grund vorliegt. Daß er aber nicht so eilig in der Betreibung seiner Verlobung war, wie er es mit der Verheiratung werden zu wollen versprach, wissen wir bestimmt, denn er blieb mehrere Monate in Bergen, ohne den sogenannten Brautzug nach Spyker zu unternehmen. Wahrscheinlich wollte er erst eine ausführliche Nachricht von seiner Angebeteten abwarten und aus ihrem eigenen Munde hören, wie es auf Spyker stand, um nach dem Ausfall derselben seinen Entschluß zu gelegener Zeit auszuführen oder ganz fahren zu lassen.</p><p>Diese Nachricht aber ließ etwas lange auf sich warten, denn Gylfe, die seit seiner fluchtartigen Abreise von Spyker keine Zeile von ihm erhalten hatte, trotzdem er sie ihr mit heiligen Eiden verheißen, war beinahe zwei Jahre lang in einen furienartigen Grimm über diese Vergeßlichkeit verfallen und hatte durch ihr herrisches Wesen und ihre stete galligte Laune allen Bewohnern von Spyker das Leben daselbst zur Hölle gemacht. So beschloß sie jetzt, ihren saumseligen Anbeter eine Weile schmachten zu lassen, und erst als sie zu fürchten begann, sein Regiment könne wie viele andere in aller Stille nach Rußland geschickt werden, ließ sie sich zu einer Antwort herbei, worin sie kurz sagte: Herr von Caillard möge kommen und sie besuchen, das Übrige werde sich finden.</p><p>Diese Antwort schien dem eitlen Kolonel allerdings sehr kurz und bündig, aber weniger zärtlich und liebevoll zu sein, und nach ihr zu schließen, konnte er bei der Schreiberin keine große Sehnsucht nach seiner herrlichen Person voraussetzen. Bevor er sich daher zu einem Besuch auf Spyker rüstete, zu dem ihn noch ein anderer Beweggrund trieb, schrieb er noch einmal und erkundigte sich sehr sorgfältig nach allen übrigen daselbst bestehenden Verhältnissen.</p><p>Auf diese Anfrage erfolgte eine sehr eilige und viel freundlichere Antwort, als die erste gewesen war, und es hieß darin: die Verhältnisse auf dem Schlosse seien die alten, 
      <a id="page56" name="page56" title="Snoopy64/lac"/> sowohl was die Personen als Dinge beträfe, er möge bald kommen, denn man erwarte ihn mit Ungeduld.</p><p>Jetzt beschloß der Kolonel nicht länger zu zögern, um seinem Glücke in die Arme zu eilen. Aber bevor er selbst ging, schickte er ein kleines Truppenkorps voraus, welches das Terrain zu rekognoszieren und den oben erwähnten zweiten Beweggrund vorläufig in nähere Betrachtung ziehen sollte.</p><p>Dieser Beweggrund bestand in nichts anderem, als in der Behauptung, man habe ihm bei seinem vor zwei Jahren erfolgten Abzüge aus Spyker seine Effekten vorenthalten. Er habe sie auf einen Wagen laden lassen, und man habe verfehlt, sie ihm nach Bergen nachzusenden. Er werde jetzt kommen, den Tatbestand untersuchen und den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen, jedenfalls hoffe er, sein Eigentum unversehrt vorzufinden.</p><p>Mit diesem vorläufigen Auftrage nun trafen seine Abgesandten in Spyker ein, siedelten sich fest im Schlosse an und begannen dasselbe herrliche Leben zu führen, was ihre Vorgänger im Jahre 1809 geführt hatten, nur daß man in Anbetracht der günstigeren Sachlage gesteigerte Anforderungen machte und sich als ein zwiefach gekränkter und mißhandelter Feind geberdete.</p><p>Gegen andere Personen hatte der Kolonel bis jetzt seiner oberherrlichen Gewalt noch nicht die Zügel schießen lassen, seine Absicht war vor der Hand auf Spyker und dessen Reichtümer gerichtet, die er sich diesmal nicht wieder wollte entschlüpfen lassen. So hatte er es auch nicht für ratsam gefunden, gegen den Vater des schurkischen Granzow besonders feindselig aufzutreten, einmal, weil er wußte, daß derselbe genügend durch frühere Einquartierung gezüchtigt war und auch jetzt wieder ansehnliche Kontributionen hatte zahlen müssen, sodann aber weil er nicht beabsichtigte, den Groll der schon genug gereizten Leute noch lebhafter gegen seine Person zu stacheln, da er einen unbezwinglichen und mit einiger Besorgnis gepaarten Widerwillen gegen den jungen Mann hegte, der ihn schon einmal so arglistig getäuscht hatte und ohne Zweifel geneigt sein mußte, wegen seines gemordeten besten Freundes, des Grafen Brahe, an ihm Rache zu nehmen.</p><p>Sein ferneres Verfahren im Spykerschen Schlosse interessiert uns für jetzt nicht; wir können indessen annehmen, daß er, als er bald darauf selbst dort eintraf, alle Maßregeln ergriff, um zu seinem ihm angeblich vorenthaltenen Eigentum zu gelangen, sowie daß es ihm glückte, den Zorn der gekränkten Gylfe zu beschwichtigen, die in ihrem leichtsinnigen 
      <a id="page57" name="page57" title="Snoopy64/gary"/> Herzen sehr bald die zwei Jahre vergaß, die sie einsam vertrauert hatte, und sich nur allzubald den heuchlerischen Galanterien wieder ergab, die der kaiserliche Offizier so freigebig in ihre Ohren träufelte. Kehren wir dafür lieber in das stille Kiekhaus zurück und sehen wir, was sich daselbst an dem Tage zutrug, als zu der amtlichen festgesetzten Stunde am 4. Oktober 1812 auch dort die Einnahme von Moskau durch die befohlene Illumination gefeiert werden mußte.</p><p>+++</p><p>Im Hause des Strandvogts war es in diesen letzten Zeiten mitunter sehr trübselig hergegangen; und nicht sowohl waren es die materiellen Verluste, die man am Ende noch verschmerzen konnte, als vielmehr das Bewußtsein des allgemeinen über das Land und seine Bewohner hereingebrochenen Elends, welches das Herz der alten Leute so tief erschütterte.</p><p>Natürlich hatten die Franzosen gleich anfangs, sobald sie die Insel von neuem in Besitz genommen und ihre Douanenlinie längs des Strandes aufgestellt, ihr Augenmerk hauptsächlich auf Jasmund und alle Stranddörfer gerichtet, da diese nach ihrer Meinung dem Schmuggelhandel mit den Engländern überaus günstig gelegen und ihm also ohne allen Zweifel leidenschaftlich ergeben waren, was indessen nur in höchst seltenen Ausnahmen der Fall sein mochte. So hatten sie denn eine starke Besatzung auch nach Saßnitz gelegt, indem sie einige Fischerfamilien gänzlich aus ihren Häusern vertrieben und selbst darin Platz nahmen; das auf der anmutigen Höhe belegene Kiekhaus aber hatte sich ein Offizier zur Sommerwohnung auserlesen und darin nach Wohlgefallen gehaust, als wäre er der alleinige Besitzer desselben, und die darin Angesessenen seine Diener und Leibeigenen.</p><p>Als man sich aber überzeugt hatte, daß wenigstens in diesem Hause keine Kolonialwaren versteckt waren, ärgerte man sich über den Fehlgriff und fing nun seine Wut an verschiedenen Gegenständen daselbst auszulassen an. Vor allen Dingen zerstörte man die neugebauten Boote des Strandvogts oder brachte sie an Orte, wo man sie zu eigenen Zwecken brauchen konnte, vorgeblich, um den Bewohnern jede Möglichkeit des Verkehrs mit den Engländern zu nehmen. Sodann aber, als man sah, daß auch dadurch der Gleichmut der stillen Insulaner nicht erschüttert wurde, ging man zu anderweitigen Quälereien über, tobte und schimpfte auf das schlechte Essen, die vielen Fische, den mangelnden Wein und drohte das Haus in Brand zu stecken, wenn es nicht bald 
      <a id="page58" name="page58" title="Snoopy64/lac"/> anders würde. Als es nun aber nicht anders wurde, berichtete der Offizier nach Bergen, daß der Strandvogt Granzow ein sehr hartnäckiger Querkopf sei, und daß er ohne Zweifel sein Geld vergraben habe, um es nicht zum Nutzen seiner Gäste zu verwenden, indem aus seiner Einrichtung, Kleidung und seinem ganzen Gehaben klar hervorgehe, daß er ein bemittelter Mann sei, man ihn also zwingen müsse, seine Einquartierung anständiger zu bewirten.</p><p>Infolge dieser Anzeige schritt man denn zu den schon vorher beschlossenen Kontributionen, und Daniel Granzow gehörte mit zu denen, deren Vermögen man um das Zehnfache zu hoch anschlug und demgemäß besteuerte. Beschwerden seitens des Überbürdeten wurden von niemandem angehört, noch weniger berücksichtigt, und so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als Hilles edelmütiges Anerbieten anzunehmen und mit ihrem Gelde die auferlegten Summen zu bezahlen.</p><p>Nachdem nun fast das ganze Hab und Gut der Familie verschlungen und auch Hille vorläufig mit ihren baren Mitteln zu Ende gekommen war, trat eine vergleichsweise viel glücklichere Zeit für sie ein. Das Bataillon Infanterie, zu dem die in Saßnitz liegenden Truppen gehörten, bekam wie viele andere der in Pommern stehenden Regimenter geheime Marschorder nach Rußland und zog eines schönen Morgens ab, ohne daß man wußte, warum und wohin es sich in Bewegung setze. Die Zurückbleibenden aber erhielten den Befehl, im Dorfe unmittelbar am Strande Quartier zu nehmen, da sie von der entfernteren Höhe aus das Treiben der Fischer nicht so gut überwachen könnten. So wurde denn das Kiekhaus wieder frei, und blieb es auch, da nach und nach immer mehr Truppen von der Insel fortgezogen und anderweitig verwandt wurden, nur die leidigen Abgaben hörten nicht auf, und da man sie endlich faktisch nicht mehr zahlen konnte, blieben sie auf dem Papiere stehen und sammelten sich daselbst allmählich bis zu einer Höhe an, die man heute nicht mehr glaubhaft finden würde, wenn man sie läse.</p><p>Durch alle diese äußeren Bedrückungen war endlich der zähe Strandvogt mürbe geworden: wie zerschmettert wankte er im Hause hin und her und freute sich weder über die blauen Meereswellen, noch über den pfeifenden Wind, der sonst doch seine Lieblingsmusik gewesen war. Ja, er hatte schon lange das Rauchen vergessen; er ließ keinen echt seemännischen Fluch mehr hören, der doch immer zu der Lebensnotdurft dieser natürlich sich darstellenden Kernmenschen gehört, und schon in den schlaffen Zügen seines Gesichts sprach 
      <a id="page59" name="page59" title="Snoopy64/gary"/> sich die Ermattung aus, von der sein Geist und Gemüt ergriffen war.</p><p>Wenn dann einmal die liebliche Hille an ihn herantrat, ihre süße Stimme ertönen ließ und ihn mit der Zukunft und dem einstigen Besserwerden trösten wollte, dann schüttelte er schwermütig den schneeweiß gewordenen Köpf, klopfte ihr leise auf die blühende Wange und sagte wehmütig: »Du hast gut reden, mein Kind, du bist noch jung und hast eine Zukunft vor dir, für uns alte Leute aber gibt es keine künftige Zeit auf Erden, die heutigen Tage sind unser alles, und die sind, Du weißt es wohl, nicht gerade segensreich. Doch du meinst es gut, und ich danke dir. Ich werde es dem Waldemar sagen, wenn er wiederkommt, was du für uns geopfert hast und gewesen bist, und der, ach ja, nur der wird es dir danken und lohnen.«</p><p>»Du irrst, lieber Ohm,« hatte dann wohl Hille geantwortet; »dafür will ich von ihm weder Dank noch Lohn, denn was der Mensch dem Menschen aus freien Stücken und mit warmem Herzen tut, bedarf beides nicht, und Waldemar kann seine Mühe auf wichtigere Dinge richten.«</p><p>»Nun,« sagte dann die Mutter, mit ihren immer noch strahlenden Augen lächelnd, »er wird schon wissen, was er zu tun hat, und wir wollen uns alle drei darin finden, denn am Ende wird er es doch gut machen, ich kenne meinen Sohn.«</p><p>Mit diesen oder ähnlichen Worten hatte sie stets nicht allein den Alten beruhigt, sondern auch Hillen unendlich wohlgetan, denn diese hörte Waldemar gar zu gern selbst von seinen Eltern loben. Sie ging dann gewöhnlich auf die Mutter zu, umfaßte sie mit ihren schönen Armen und küßte sie herzlich und wiederholt auf beide Wangen, da sie ja nichts anderes hatte, was sie mit ganzer Inbrunst küssen und an ihren Busen drücken konnte.</p><p>So war auch im Kiekhause der 4. Oktober des Jahres 1812 herangekommen und auch hier war die Illumination angesagt und die allgemeine Strafdrohung hinzugefügt, für den Fall, daß man dem Befehle nicht gebührlich nachkommen werde. Schon am frühen Morgen war deshalb die alte Trude nach Sagard gesandt, um von einigen zurückgelegten Ersparnissen Hilles, die nur zu den notwendigsten Bedürfnissen verwandt werden sollten, bei einem Krämer die paar Pfunde Lichte zu kaufen, die man zu der befohlenen Freudenerleuchtung gebrauchte.</p><p>Es war ein windstiller und sonnenklarer Tag, so lieblich, so milde und doch so erfrischend, wie man sie häufig in 
      <a id="page60" name="page60" title="Snoopy64/lac"/> dieser Jahreszeit auf Rügen findet. Ein sanfter mattblauer Duft lag über dem leise atmenden Meere, das fast dieselbe herrliche Farbe zeigte, wie das darüber strahlende Azur des Äthers. Unten am Strande murmelte die Brandung wie gewöhnlich an solchen Tagen mit jener süßen Musik, die für ein empfängliches Ohr eine ungemein besänftigende, beinahe einschläfernde Gewalt hat, und die Seeschwalben flogen mit den weißen Möwen um die Wette weit auf die See hinaus, spielend und sich jagend, wie die Kinder es tun, wenn sie recht glücklich und seelenvergnügt sind.</p><p>Aber noch durch eine neue und aufregendere Erscheinung sollte sich dieser wichtige Tag in unserer Geschichte auszeichnen und diese gehörte zu den in dieser Zeit nicht alltäglichen, ja fast ganz vergessenen. Schon am Morgen hatten sich nämlich im Norden, etwa zwei oder drei Seemeilen von Arcona entfernt, einige Segel gezeigt, die bei dem ruhigen Wasser und dem kaum merkbaren Luftzuge langsam und bedächtig auf der blauen Spiegelfläche daherfluteten, und alle in Sassnitz mit dem Wasser und den Vorgängen darauf vertrauten Augen hatten neugierig stundenlang ausgeblickt, um sich klar zu machen, welche Ursache diese jetzt so seltenen Gäste in das stille Gewässer führte und was sie daselbst in der Nähe des Landes wohl bezwecken möchten.</p><p>So auch im Kiekhause. Aber so sehr sich der Strandvogt mit seinem Glase und Hille mit ihren Falkenaugen auch bemüht hatten, die Flaggen an dem Topp oder der Gaffel der Schiffe zu entdecken und darauf auf ihre Absicht zu schließen, sie hatten bisher noch keine wahrnehmen können und waren also noch immer im unklaren geblieben, was man von ihnen zu hoffen oder zu fürchten habe. Endlich war der Strandvogt des langen Ausschauens müde geworden. Unwillig schob er das Glas zusammen und drehte dem Wasser den Rücken, um mit Hille, die heute unermüdlich an seiner Seite ausgehalten, in das Haus zu Mutter Ilske zurückzukehren.</p><p>»Hol' sie der Henker!« sagte er auf diesem Gange unwillig, »ich habe das Ding satt! Gegen Abend werden sie schon näherkommen, und dann will ich an ihrer Takelage bald ihr Vaterland erkennen. Mir gleich, ob es nun Schweden oder Franzosen sind, uns können sie doch nichts mehr nehmen.«</p><p>»Aber geben, Ohm;« sagte Hille sanft und legte ihren schönen runden Arm in den seinigen, »und gleichgültig ist es dir doch nicht, ob es Schweden oder Franzosen sind.«</p><p>»Du irrst, Kind. Wenn es Franzosen sind, so wollen sie ihre Landsleute nach Rußland oder Preußen holen, denn 
      <a id="page61" name="page61" title="Snoopy64/gary"/> Rußland verzehrt Menschen, und Frankreich nimmt alles mit, was es aufraffen kann; man munkelt schon lange davon, daß mehr Menschenkinder da oben in einem Tage draufgehen, als in Jahren geboren werden. Nun ja, und wenn es Schweden sind, was dann?«</p><p>Hille hätte wohl eine Antwort auf diese Frage gehabt, aber sie ließ sie nicht über ihre Lippen dringen. Leise senkte sie den anmutigen Kopf auf die Brust, um das Erröten zu verbergen, das beim Anblick dieser Schiffe an diesem Tage schon oft ihre Wangen überflutet hatte. Sodann aber ging sie Mutter Ilske zur Hand, um ihr zu helfen, die Lichter an den rechten Ort zu stellen und alles so einzurichten, daß jeder Späher der erbitterten Feinde, falls er irgendwo heimlich verborgen wäre, mit der Ausführung der gegebenen Befehle zufrieden sein konnte.</p><p>Der Abend mit seinen Schatten war gekommen, und es nahte die Zeit, wo man die festlichen Lichter anzünden mußte. Mutter Ilske und Hille besorgten die Arbeit, und der Strandvogt ging sehr übelgelaunt mit gesenktem Kopfe im Zimmer auf und ab. Es war nun komisch mit anzusehen, wie in diesem wie in allen übrigen Häusern auf Rügen alle meistenteils alten Leute – denn die jüngeren waren ja von den Franzosen außer Landes geführt – vor den Fenstern ihrer Zimmer saßen und die Lichter in Brand setzten, um damit eine Freude an den Tag zu legen, die kein Einziger von ihnen empfand. Überall gab es die nämlichen mürrischen Gesichter, dieselben vor Wut zusammengebissenen Zähne und dieselben hochverräterischen Wünsche, daß diese offiziell anbefohlene Festlichkeit die letzte sein möge, die man erzwungenerweise zur Schau stellen müsse.</p><p>»Nun, Alter, sieh, da brennen sie,« rief Mutter Ilske, von einem Fenster zum andern trippelnd und endlich zu ihrem Mann zurückkehrend, der die düster aufflackernden Lichter keines Blicks würdigend, still vor sich her brummend auf und nieder schritt.</p><p>»Laß sie brennen, ins Teufels Namen!« lautete die barsche Antwort. »Ich wünschte, sie steckten die ganze Welt in Brand.«</p><p>»Das wünschest du nicht, Ohm,« schmeichelte Hille, nahe an ihn herantretend und seine Schulter mit ihrer Hand berührend, »ohnedies brennt sie hell genug.«</p><p>»Und doch wünsche ich es, aber nicht unsre Welt will ich in Flammen aufgehen sehen, sondern dessen, der uns die 
      <a id="page62" name="page62" title="Snoopy64/lac"/> unsrige zur Hölle gemacht hat. Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde ihm noch eine ganz andere Fackel anzünden, um ihm hinauszuleuchten, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«</p><p>»Alter! warum so brummig? Das hilft ja zu nichts. Und laß es ihn ja nicht hören, daß du so unehrerbietig von ihm sprichst, denn der Herr hat lange Hände und kann weit damit reichen.«</p><p>»Aber keine so langen Ohren, daß er meine Worte hören könnte.«</p><p>»Nein,« sagte Mütter Ilske lächelnd, »in Moskau hört er es freilich nicht. Ach, daß auch die alte Zarenstadt den Jammer hat erleben müssen!«</p><p>»Moskau!« fuhr der Alte empört auf. »Was geht mich Moskau an! Zarenstadt! Was ist Zar? Um die Herren kümmere ich mich nicht, die sind selbst daran schuld, daß der Teufel sich losgerissen hat und mit seinen Hörnern unter sie gefahren ist, nur um die Menschen ist mir's zu tun. Zar hin, Zar her! Er hätte sich auch besser halten können hinter seinen Festungen und mit seinen Millionen Rubeln! Nun hat er's davon, nun saugen die Franzosen an ihm wie an uns! Ha, er wird auch bluten müssen! Ob er wohl auch Kontributionen bezahlen muß?«</p><p>»Gewiß,« erwiderte Hille, »und noch viel größere als wir.«</p><p>»Das ist ihm auch recht. Er hat auch viel mehr Geld als wir!«</p><p>»Wo die Franzosen nur das viele Geld lassen,« bemerkte Mutter Ilske, »ich möchte es wohl mal zusammen auf einem Haufen sehen, was sie der ganzen Welt abgenommen haben.«</p><p>»Da hättest du auch was rechtes davon! Ich möchte es lieber den armen Leuten zurückgegeben wissen, denen sie es gestohlen haben.«</p><p>»Nun ja, das wäre auch mein Wunsch, aber es ist ein vergeblicher, denn was ein Wolf erst in seinem Rachen hat, das gibt er nicht wieder heraus, und diese Napoleonischen Franzosen sind Wölfe von der raubgierigsten Art. Aber wozu das Gewäsch, das uns doch keinen Heller wiederbringt! Alter, weißt du was? Rauche eine Pfeife, das ist viel gemütlicher als dein Brummen, und vertreibt dir die Grillen.«</p><p>»Grillen? Wo sollten die noch herkommen? Ich wüßte nicht, um was ich noch Grillen fangen sollte, denn ich habe nichts mehr auf der Welt.«</p><p>»Doch, Ohm, du hast deine gute Mutter Ilske und mich,« 
      <a id="page63" name="page63" title="Snoopy64/gary"/> sagte Hille mit ihren sanftesten Schmeicheltönen und umschlang mit dem Arm wieder den steifen Nacken des alten Seemanns.</p><p>»Und Waldemar!« rief bedeutungsvoll die Mutter, dicht an die beiden herantretend.</p><p>»Ja, Euch habe ich,« sagte der Alte, schon etwas besänftigt, »und sogar hier in der Stube. Waldemar habe ich auch, aber wo? Auf dem Wasser! Nun ja, Gott im Himmel, das ist nicht anders, denn das ist sein Element, und das wird ihn nicht untergehen lassen. Heda! Nun wird mir wieder wohler, da ich sehe, daß ich noch so viel habe. Soll ich wirklich einmal rauchen, Kinder, he? Na, da gib nur mal die Pfeife, Mädchen – so! Ei! Sie ist ja schon gestopft, das ist hübsch von dir!«</p><p>Mit diesen Worten trat er an den Tisch und nahm Hille die lächelnd dargereichte holländische Pfeife ab, aus der er am liebsten rauchte. Als das in Rügen eingeschmuggelte Kraut in Brand gesetzt war und kräftig duftende Dampfwolken die kleine Stube erfüllten, nahm sein leutseliges Gesicht wieder das alte behagliche Schmunzeln an, und er trat alsbald an das Fenster und schaute scharf in die mondhelle Nacht hinaus, die lieblich, wie der Tag gewesen war, aber noch unendlich viel ruhiger und süßer auf dem leise wogenden Meere lag. Sogleich war Hille an seiner Seite, und wie er schaute sie rechts und links sich um, als wisse sie schon, was der alte Strandvogt daselbst suche, und wolle ihn dabei unterstützen.</p><p>»Siehst du noch die Schiffe?« fragte er sie nach einiger Zeit, während welcher er den ganzen vor ihm liegenden Horizont gemustert hatte.</p><p>»Ja, Ohm, eins wenigstens, dort, etwas südlich von hier liegt es. Es hat aber beigedreht – der Wind ist tot und die Segel hängen schlaff von den Spieren herab. Sie sind gewiß vor Anker gegangen.«</p><p>»Vor Anker? Mit hängenden Segeln? Gott bewahre mich, dann würden sie sie doch erst beschlagen haben, so ist es wenigstens Brauch bei den Seeleuten. Na, warte nur – deine Zeit kommt auch noch – du wirst noch viel zu lernen haben von dem Seebrauch, wenn du erst« –</p><p>»Alter!« warnte Mutter Ilske und stieß ihn heftig von der Seite mit dem Ellbogen an.</p><p>»Was denn? Was habe ich denn Übles gesagt? Sie wird noch viel zu lernen haben vom Seebrauch, sagte ich, denn der Mensch muß viel lernen in der Welt, und Hille lebt in der Welt und wird künftig noch mehr darin leben.«</p><p>Hille machte sich während dieses mit neckischer Miene 
      <a id="page64" name="page64" title="Snoopy64/lac"/> vorgebrachten Gesprächs bei den Lichtern zu schaffen und putzte sie, wobei sie eins auslöschte, da sie ihre Ohren vielleicht mehr bei den Worten der alten Leute als ihre Augen bei der erwähnten Arbeit hatte. Als sie aber damit zustande gekommen war und das erbärmliche Talglicht wieder brannte, trat sie zu dem Strandvogt heran, klopfte ihm auf die Schulter und sagte:</p><p>»Du hast recht, Ohm, ich bin jung und werde noch viel zu lernen haben, und das will ich von ganzem Herzen gern, wenn mir die Gelegenheit dazu wird. Aber sieh, es ist heute ein so schöner Abend, der Mond scheint prächtig, und die Luft ist so warm wie im lieblichsten Sommer. Wollen wir vielleicht ein wenig hinausgehen und uns auf die Bank unter den Bäumen am Klippenrande setzen?«</p><p>»Hoho, Ilske, merkst du den Braten? Ich sag's ja! Ha, Kind, deine Liebhaberei für die See tut sich in allen deinen Wünschen kund. Ich wette, du willst doch nur hinaus ins Freie, um nach dem Schiffe zu sehen, das du schon lange für ein schwedisches hältst, und ich vielleicht auch. Na, ich bin dabei. Aber wer wird im Zimmer bleiben und die verfluchten Lichter bewachen und Putzen, daß sie uns nicht noch die Gardinen verbrennen und die ganze Stube verstänkern, he? Hol' der Teufel die ganze Illumination um die Affäre bei Moskau! Wer sieht sie hier in dem abgelegenen Hause? Und wir, denen das Herz vor Wut berstet, müssen für unsern letzten Groschen Geld noch die Dinger kaufen, anstecken und obendrein noch den Nachtwächter dabei spielen. Nein, das wird mir denn doch zu arg!«</p><p>»Lieber Ohm,« beschwichtigte ihn Hille und holte schon den warmen Rock des Alten herbei und den schwarzen Mantel der Mutter mit der Kapuze, »das ist nun nicht anders, und alles Lärmen darüber hilft nichts. Übrigens werde ich der Trude sagen, daß sie auf die Lichter acht gibt, während wir draußen sind und ein Stündchen frische Luft schöpfen.«</p><p>»Dann bin ich zufrieden,« rief der Alte. »Hallo, Mutter, rasch, tummle dich; das Mädchen hat uns einen guten Vorschlag gemacht.« 
      <a id="page65" name="page65" title="Snoopy64/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap005"><h3>Fünftes Kapitel.</h3><h4>Der Orkan besänftigt sich.</h4><p>So traten sie denn aus der Hinterpforte des Hauses ins Freie und setzten sich auf die mehrerwähnte Bank zwischen den beiden Buchen, von wo aus sie das ganze schöne Schauspiel dicht vor Augen hatten, welches ihnen die milde Oktobernacht darbot. Der im vollen Glanze am Himmel langsam dahinsegelnde Mond, weder von Wolken noch Dünsten verhüllt, warf seinen flimmernden Riesenstrahl ungehindert in das klare Meer, auf dessen Oberfläche er sich wie ein flüssiger Silberstreifen spiegelte, der, unabsehbar an Länge, bis an den fernsten Horizont streifte, wo er allmählich blasser wurde und zuletzt sich in lauter kleine Lichtpünktchen auflöste. Das Meer selbst aber ließ jenes leise majestätische Rauschen vernehmen, das nur die Stille der Nacht durchdringt, dann aber um so feierlicher die Seele stimmt, deren Ohr geübt ist, die Stimmen der Natur selbst im leisesten Wehen wahrzunehmen.</p><p>Die drei Menschen, die wir auf ihren Schauplatz begleitet haben, hatten alle offene Sinne für diese ihnen entgegentretenden Erscheinungen, und sie sogen mit Wollust den lieblichen Anblick und die erhabenen Töne ein, die sich vor ihnen entwickelten. Aber nachdem sie eine Weile gelauscht und geschaut hatten, richteten sich unwillkürlich und wie infolge einer geheimen Verabredung ihre Blicke nach Südosten hinüber, wo sie bald auf einem Gegenstand haften blieben, der ihnen unter den Umständen, wie er diesmal erschienen war, von großer Bedeutung sein mußte. In der angeblichen Richtung nämlich lag unbeweglich, wie auf den schlafenden Wogen ruhend, ein großes Schiff, das ohne Zweifel ein Kriegsschiff war, denn dafür sprach eben seine Größe und die vollkommene Takelung, deren Zierlichkeit und Regelmäßigkeit man fast mit 
      <a id="page66" name="page66" title="Snoopy64/lac"/> bloßen Augen erkennen konnte. Mit Hilfe eines Fernglases aber vermochte man deutlich die zwanzig dunklen Punkte wahrzunehmen, die in zwei Reihen übereinander auf der dem Lande zugekehrten Steuerbordseite an dem Rumpfe hafteten und nichts anderes als eben so viele Kanonenluken waren, aus denen die Tod bringenden Röhren schauten, die um diese Zeit eine so traurige wie bedeutungsvolle Rolle in der Geschichte der Völker spielten. Das Schiff war also eine Fregatte von vierzig Kanonen, die zu irgend einem Zweck in diese Gewässer gesandt war und sich nur aus dem Grunde der Küste so nahe wie möglich gelegt hatte, um sie mit Muße und Behaglichkeit beobachten zu können.</p><p>Ein Zeichen, woran man die Nationalität des Fahrzeuges hätte erkennen können, war nirgends vorhanden, denn die Farbe des langen vom Hauptmast wehenden Wimpels war nicht zu unterscheiden, und die Besahnrute zeigte keine Flagge, wahrscheinlich in der Absicht, um keinen der am Lande das Schiff beobachtenden Bewohner den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit erraten zu lassen.</p><p>Nachdem der alte Strandvogt eine lange Zeit damit hingebracht hatte, das ganze Schiff von der Gallion bis zum Spiegel und vom Großtop bis zum Wasserspiegel zu mustern, setzte er das Glas vom Auge ab und sagte ruhig: »Ich weiß nicht, was es für ein Landsmann ist, doch scheint er uns nichts Übles zu verkünden. Ich möchte aber wetten, daß er ein Schwede ist oder höchstens ein Engländer, denn die Herren Franzosen lieben ein höheres Stangenwerk und verstehen nie eine so herrliche Symmetrie in der Takelage hervorzubringen, wie dieses schöne Fahrzeug sie zeigt.«</p><p>»Könnte es nicht auch ein Däne sein?« fragte Mutter Ilske, nachdem sie in aller Ruhe eine Weile nachgedacht hatte.</p><p>»Bei Gott, Ilske, ja, du hast recht,« rief der Strandvogt. »Ja, ein Däne kann es auch sein, denn die verstehen sich auf gute Schiffe, das muß man ihnen lassen.«</p><p>»Es ist ein Schwede,« sagte Hille mit einer instinktartigen Gewißheit, die manche Frauen auch in Angelegenheiten besitzen, die eigentlich nicht zu ihrem Wirkungskreise gehören. »Ich glaube es wenigstens.«</p><p>»Ich auch,« rief der Alte beistimmend, »und wir beide bilden die Majorität, Mädchen. Aber was will der nur hier – das ist die Frage. Ha, seht Ihr die Lichter an seinem Bord? Wahrhaftig, sie gehen mit Laternen auf und nieder. Na, ist den Herren der Mondschein noch nicht hell genug? Wollen sie den Fischen eine Illumination bereiten? – Ha, 
      <a id="page67" name="page67" title="Snoopy64/lac"/> am Ende sind es doch Franzosen, die die Einnahme von Moskau mit uns zugleich feiern.«</p><p>»Nein, nein,« sagte Hille bestimmt, »das ist keine Illumination, Ohm, Sie setzen vielleicht ein Boot aus und dabei brauchen sie Licht.«</p><p>»Mädchen, was du klug bist! Hallo, ich sehe es durch mein Glas. Wahrhaftig, sie lassen ein großes Boot in See – sie bemannen es – Kinder, was hat das zu bedeuten?«</p><p>Der alte Mann, auf das höchste gespannt, war von der Bank aufgesprungen und hatte sich dem Bergabhange so nahe wie möglich aufgestellt, um dem kommenden Schauspiele seine ganze Sehkraft zuwenden zu können. Neben ihm auf der einen Seite stand seine Frau und auf der andern Hille, deren lautes Atmen, als würde ihre Brust von einer ungewöhnlichen Spannung gehoben, sich in der Stille der Nacht deutlich vernehmen ließ.</p><p>»Sie kommen!« sagte der Alte, nachdem wieder einige Zeit in stiller Betrachtung vergangen war. »Ich sehe es, sie sind schon am Rudern. Horch! Hört Ihr es? Sie streichen prächtig, die Jungen, und haben ihr Handwerk aus dem Grunde gelernt.«</p><p>Er hatte recht, eine ziemlich große Barke näherte sich dem Lande, und je näher sie kam, um so deutlicher vernahm man den regelmäßigen und wohllautenden Schlag, den nur die mit genauester Pünktlichkeit geführten Riemen eines Kriegsbootes bei stillem Wasser und namentlich in geräuschloser Nacht hören lassen.</p><p>»Bei Gott!« rief der Alte mit jauchzender Stimme, »sie kommen auf Saßnitz los und wollen landen. Soll ich einmal hinunterlaufen und sehen, was es gibt?«</p><p>»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« sagte Mutter Ilske und hielt ihren Mann am Arme fest, als wollte sie ihn dadurch an sich fesseln; »es könnten immerhin trotz deiner Wissenschaft und Hilles Glauben Franzosen sein, die aufs Land kämen, um die Illumination von Saßnitz aus der Nähe zu betrachten.«</p><p>»Du hast recht, Alte, Donnerwetter! Das ist wahr. Kommt, Kinder, setzt Euch nieder, da bleibt uns denn nichts anderes übrig, als in aller Ruhe abzuwarten, was daraus wird.«</p><p>Er ging mit seiner Frau nach der Bank zurück, nur Hille blieb wie an den Boden gewurzelt auf der Klippe stehen und schaute mit wogender Brust nach dem Meere hinab, welches das Boot mit ziemlicher Schnelle durchschnitt, bis es endlich an der gewöhnlichen Landungsstelle anlangte und, 
      <a id="page68" name="page68" title="Snoopy64/lac"/> ohne ein Hindernis zu finden – denn es standen jetzt keine Franzosen im Dürfe, was sie zu wissen schienen – seine Bemannung zum größten Teil ans Ufer steigen ließ.</p><p>Jetzt endlich trat Hille zu den Verwandten zurück, wiewohl in einer Haltung und Spannung, die nur darum den beiden Alten entging, weil sie zu sehr mit ihren eigenen Empfindungen beschäftigt waren, um auf die eines andern zu achten; mit den Augen immer noch den Strand verschlingend und ihre Ohren der Richtung zuwendend, in welcher der Fußsteig von Sassnitz auf die Höhe durch die Steinbachschlucht führte, sah sie die beiden Alten weder, noch hörte sie irgend ein Wort, welches sie miteinander sprachen.</p><p>Nach einer Weile aber, als sich im Kiekhause nichts von den unten am Strande bei Sassnitz Gelandeten blicken ließ, hatte der Strandvogt das Warten satt, und da er zugleich einen Appetit verspürte, so forderte er die Seinigen auf, mit ihm in das Haus zurückzukehren und das Abendbrot einzunehmen. Beide Frauen stimmten bei und folgten ihm in das Haus, wo man Trude von ihrem Aufseheramt erlöste und ihr das Abendessen hereinzubringen befahl. Kaum aber hatte sie das Zimmer verlassen, so wandte Hille das Ohr nach der Tür, denn es war ihr, als hätte jemand heftig das Gattertor zugeschlagen, das den Garten vorm Hause einfaßte.</p><p>Sie hatte sich nicht getäuscht. Einen Augenblick später ließen sich männliche Fußtritte auf dem Flur vernehmen und »Es ist Waldemar!« rufend, sprang sie zur Tür, um sie dem Besuchenden zu öffnen, denn daß nur dieser es sein konnte, der in so später Abendstunde vom Strande heraufkam, hatte ihr schon lange eine innere Stimme verraten, ohne daß sie sich eines besonderen Grundes dieser Annahme bewußt gewesen wäre.</p><p>Da gab es denn eine lärmvolle und freudenreiche Szene in dem kleinen Kiekhause, und lange dauerte es, ehe Waldemar dazu kam, die Ursache seines Besuches zu erklären, denn die endlosen Ausrufungen der glücklichen Mutter und das jauchzende Freudengeschrei des Vaters ließen ihn kaum zu Worten kommen, obgleich man ihm ansah, daß er Wichtiges genug zu berichten und nur wenig Zeit dazu übrig habe, da er wiederholt nach der Uhr blickte, die in der Ecke stand und soeben die neunte Stunde angab.</p><p>Endlich hatten die alten Eltern sich in ihren freudigen Ausrufen Genüge getan, und nun traf auch Hille die Reihe der Begrüßung, die ein warmer Händedruck einleitete, der von beiden Seiten etwas ungewöhnlich verlängert und von Blicken begleitet wurde, die so gut Gedanken aussprachen, 
      <a id="page69" name="page69" title="Snoopy64/lac"/> wie nur Worte es gekonnt hätten. Als aber auch diese Begrüßung vorüber war, wandte sich Waldemar zu allen dreien und teilte ihnen Folgendes mit.</p><p>»Ich habe nur eine Stunde für diesmal Zeit,« sagte er, »um Euch einen kurzen Besuch abzustatten, und muß also rasch die Ursache desselben erklären. Vier schwedische Schiffe haben den Befehl, so dicht wie möglich um Rügen herum zu kreuzen und im Fall der Not unsern Landsleuten gegen die Franzosen beizustehen. Die Politik unserer Regierung scheint sich wieder 
      <i>gegen</i> Napoleon gewendet zu haben, und ein gänzlicher Bruch steht nahe in Aussicht. So ist man namentlich der maßlosen Quälereien der Feinde auf der Insel müde und will vor allen Dingen ihren Raubzügen steuern, die sie unter dem Vorwande, verbotene Kolonialwaren zu suchen, an einzeln liegenden Strandhöfen und Häusern ausführen. Wenn nun auch von Euch mehr gefordert werden sollte, als Ihr leisten könnt, oder sobald man Euch auf irgend eine Weise bedrängt, so hißt eine weiße Flagge an irgend einem Orte auf, und Ihr werdet sogleich einige wohlbemannte Boote mit Bewaffneten zu Eurer Hilfe herankommen sehen. An Geld aber zahlt nichts mehr, wie sehr man Euch auch bedrohen oder treiben mag. Die kommandierenden Generäle und Oberoffiziere verhängen diese Kontributionen nur, um ihre eigene Habsucht zu befriedigen, und was Ihr mit Eurem Schweiße erworben oder mit Mühe jahrelang für den Abend Eures Lebens erspart habt, das stecken sie lachend in ihre Taschen und vergeuden es in kürzester Zeit. Aber das will unser König nicht länger geduldig mit ansehen, und darum hat er seine Schiffe hierhergesandt. Leider habe ich meine Station auf der Südostspitze der Insel erhalten, und sobald der Wind aufspringt, werden wir unsere Stelle einnehmen; statt dieses Schiffes aber wird ein anderes kommen, und so gern wie wir auf das geringste Zeichen Euch zu Hilfe eilen.</p><p>»Ja, ja doch, das ist mir schon recht,« unterbrach ihn der ungeduldige Strandvogt, »aber das klingt ja gerade so, als ob Schweden Frankreich wieder den Krieg erklärt hätte, oder es wenigstens bald tun wollte?«</p><p>Waldemar lächelte triumphierend. »So sieht es allerdings aus, mein Vater, und wir alle hoffen und wünschen es, da sich das Verhängnis endlich wider den Allerweltsbedrücker gewandt und seiner Macht vorläufig einen gewaltigen Stoß beigebracht hat.«</p><p>»Wieso denn, mein Sohn, davon wissen wir ja gar nichts.«</p><p><a id="page70" name="page70" title="Snoopy64/lac"/> »Das glaube ich gern, und auch wir haben erst seit gestern eine bestimmte Kunde davon erhalten. Ich wollte sie Euch aber als das kostbarste Geschenk, was ich bringe, zuletzt auftischen. In Rußland, so hieß es beinahe schon seit einer Woche, sei dem Kaiser Napoleon nicht alles nach Wunsch gegangen. Er habe allerdings zuerst einige Siege erfochten, aber dabei so große Verluste erlitten, daß sie Niederlagen gleichkommen. Dabei soll es den Truppen in den wüsten Heidegegenden an Nahrung fehlen und die Kälte so wunderbar früh ausgebrochen sein, daß die ganze Armee große Not leidet. Gestern aber erhielten wir zufällig eine Nachricht, die noch Schlimmeres erzählt und dennoch auf Wahrheit beruht. Wir begegneten nämlich zwei russischen Kurierschiffen, die nach Stockholm und London segelten, und riefen sie an. Da hörten wir denn, daß die Zarenstadt Moskau in Brand geraten und der Kaiser Napoleon dadurch gezwungen sei, mit großen Verlusten dieselbe zu verlassen und seine Armee zurückzuführen, um sie nicht ganz dem Elende des Hungers und der nagenden Kälte preiszugeben. So scheint es denn, als ob eine neue Aera für uns anbrechen sollte, und wenn man der französischen Armee auf ihrem Rückzüge beizeiten die Wege sperrt, und die russische Armee ihre Pflicht erfüllt, so dürfte es bald einen Kaiser und eine halbe Million Menschen – seine glorreiche Armee – weniger auf der Welt geben. Daß Schweden aber gegen ihn operiert, ist so gut wie gewiß, und davon liefert ja auch schon unsere Sendung einen genügenden Beweis. Also Mut, mein Vater, Hoffnung und Gottvertrauen! Wir gehen einer besseren Zeit entgegen, und bald wird der Kummer, den wir so lange getragen haben, von unseren Herzen genommen sein.«</p><p>Sprachlos, mit weit aufgerissenen Augen starrte der Strandvogt den also Redenden an; was er da eben hörte, hatte er nicht im geringsten zu hoffen gewagt. Endlich aber ermannte er sich und, seinen Sohn kräftig am Arm schüttelnd, sagte er: »Junge, was du uns da gesagt hast, klingt wie die lieblichste Musik in meinen Ohren, aber ich glaube es noch nicht recht und muß erst die Bestätigung abwarten.«</p><p>»Die wird nicht lange ausbleiben, in wenigen Tagen wird es England aller Welt verkündigen, und auch von Deutschland her wird das Gerücht durch nähere Berichte beglaubigt werden. Ich möchte wetten, daß die Franzosen in Stralsund und Bergen schon mehr davon wissen, als sie laut werden lassen, doch das wird sich ja bald durch ihre Bewegungen verraten, wie wir ja auch schon in Erfahrung gebracht, daß sie nach und nach die disponiblen Regimenter ganz 
      <a id="page71" name="page71" title="Snoopy64/gary"/> im stillen von hier fortgezogen und nach dem Norden geschickt haben.«</p><p>»Aha! Darum auch! Ja, das mag wahr sein, Junge. Wir haben schon seit ein paar Tagen keine Truppen mehr gesehen, und sie streifen nur noch ganz einzeln hier und da herum, um zu spionieren oder zu stehlen, was eins und dasselbe bei ihnen ist. Hurrah! Das ist eine große Freude heute abend, nun wollen wir die Illumination für uns abbrennen, so haben wir die Lichter doch nicht vergeblich gekauft!« –</p><p>Die kurze Zeit, die Waldemar an diesem Abend im elterlichen Hause verleben konnte, verfloß überaus schnell, und man hatte sich noch nicht zur Hälfte das volle Herz freigesprochen, als die alte Uhr schon die gesetzte Frist für abgelaufen erkennen ließ. So war denn wieder einmal die Trennungsstunde gekommen, und Waldemar schied mit dem Versprechen, so bald wie möglich wiederzukehren, und mit dem Wunsche, daß ein glücklicher Friede nicht allzu lange mehr auf sich warten lassen möge.</p><p>Seelenvergnügt brachten die beiden Alten den Rest dieses Abends zu, denn sie hatten einmal unerwartet ihren Liebling wiedergesehen, Hille dagegen war schweigsam und schien das Glück der Hoffnung auf bessere Zeiten nur innerlich zu fühlen, wenigstens sprach sie es nicht hörbar aus, und auch in den nächsten Tagen lebte sie mehr still für sich, indem sie mit sich zu Rate ging, ob es unter diesen Verhältnissen besser für sie sei, im Kiekhause zu bleiben oder nach Vakewitz zurückzukehren und dort die Entscheidung abzuwarten, die bald jedermann auf der Insel für nahe bevorstehend hielt.</p><p>Diese Entscheidung jedoch sollte noch ziemlich lange auf sich warten lassen, obwohl sie mit entschiedenen Schritten herannahte, was sich alle Tage zweifelloser herausstellte. Acht Tage nach der festlichen Illumination, welche die letzte war, die Napoleon den von ihm besetzten Ländern aufzwang, war es niemanden auf Rügen mehr verborgen, daß der Kaiser in der Tat große Verluste in Rußland erlitten habe, und daß er alles Ernstes bemüht sei, seine gelichtete Armee durch die noch in Deutschland an verschiedenen Orten stehenden Regimenter zu ergänzen. So zog denn auch aus Schwedisch-Pommern eine Abteilung nach der andern fort, und zuletzt blieben nur noch so viel zurück, als zur Besitzerhaltung der mit Beschlag belegten Landesteile durchaus notwendig waren. Rügen behielt nur noch ein halbes Bataillon Infanterie und ein halbes Regiment Kavallerie, über welche Truppen Kolonel Caillard in Bergen den Oberbefehl errang und nun kraft 
      <a id="page72" name="page72" title="Snoopy64/gary"/> der in seine Hand gelegten Macht nach Belieben an allen Orten schalten und walten konnte. Namentlich war er auf das eifrigste beflissen, die rückständigen Kontributionen zusammenzutreiben, die im November und Dezember von neuem ausgeschrieben worden waren und in Anbetracht der großen Summen, die der Kaiser beanspruchte, eine beträchtliche Hohe erreichten. Allein die schlauen Insulaner hatten sich die Winke, die sie von allen Seiten erhalten, zu Herzen genommen und sträubten sich von Tag zu Tag, indem sie Mittellosigkeit vorschützten und wiederholt durch Rede und Schrift dartaten. Die französischen Befehlshaber, durch diese hartnäckige Weigerung aufs höchste erbittert, schrieben immer höhere Summen aus, die wiederum nicht bezahlt wurden, und so zog sich die unerquickliche Fehde durch den ganzen Winter hin, ohne daß man davon hörte, daß irgendwo fernere Gewaltmaßregeln gegen das Eigentum der besitzenden Klasse ergriffen worden wären. So kreuzten denn auch die schwedischen Kriegsschiffe auf und ab, ohne jemals zu einer von ihnen sehnlichst erwarteten Landung bewogen zu werden, allein ihre Anwesenheit schien doch von Einfluß auf die Feinde gewesen zu sein, denn diese ahnten sonder Zweifel, weshalb sie ihre drohenden Mäuler gegen sie aufgesperrt hatten, und hielten sich von allem gewalttätigen Vorgehen weislich zurück.</p><p>Unter diesen Umständen war es Waldemar nicht mehr geglückt, seine Eltern noch einmal zu besuchen; die schwedischen Schiffsführer zogen es vor, jeden Zusammenstoß mit den Franzosen zu vermeiden, so lange es möglich war, und so ließen sie niemanden ans Land, so viele Wünsche dazu auch von Seiten der eingeborenen jungen Männer, die an Bord waren, laut werden mochten.</p><p>Von Woche zu Woche aber langten, zum Teil auf den größten Umwegen, die Nachrichten von den Ereignissen in Rußland an, und wiederum waren es die Engländer, die sich am meisten bemühten, den wahren Sachverhalt der Vorgänge innerhalb der großen französischen Armee den allmählich aufatmenden Bewohnern des Festlandes mitzuteilen. So erfuhr man denn, daß Napoleon am 18. Dezember 1812 in Paris eingetroffen sei und seine Armee hilflos in den Schneefeldern Rußlands zurückgelassen habe, aber zugleich, daß er von neuem ungeheure Anstrengungen mache, den Krieg abermals zu beginnen und es noch einmal mit seinen deutschen und russischen Gegnern zu versuchen.</p><p>Jetzt aber erhob sich das bisher in Fesseln gelegene Volk 
      <a id="page73" name="page73" title="Snoopy64/gary"/> der Deutschen wie auf einen Ruf. Auch die Fürsten erwachten zum Bewußtsein ihrer Pflicht, und so traten die großen antifranzösischen Bewegungen des Jahres 1813 ein, die wir alle kennen und hier also nicht weiter zu verfolgen brauchen.</p><p>Auch auf Rügen war die Stunde der Befreiung von der französischen Willkür und Tyrannei nahe. Bereits am Ende des Februar, bevor noch das teilweise mit Eis belegte Wasser der Ostsee den Schiffen den Eingang gestattete, zeigten sich dann und wann auf offener See englische Kreuzer, die mit der vorrückenden Jahreszeit sich alle vermehrten und um ganz Rügen herum allmählich einen Wald von Segeln emportauchen ließen, wie ihn die erstaunten Inselbewohner lange nicht oder vielleicht noch nie gesehen hatten.</p><p>Da regte es sich denn auch gewaltig im Innern dieser stillen und lange so Schweres duldenden Menschen, und auf allen Stationen wehten die weißen Flaggen, die schwedischen Krieger herbeizurufen, nicht um von ihnen in einer noch etwa drohenden Gefahr Beistand zu erbitten, sondern um sie einzuladen, den alle Tage erwarteten Abzug der Franzosen mit anzusehen, deren Verbleiben auf der Insel allmählich unmöglich geworden war, indem sie befürchten mußten, von ihrer großen Armee gänzlich abgeschnitten und von den heranschwärmenden Deutschen und Engländern gefangen genommen zu werden.</p><p>Waldemar war es in diesen Tagen geglückt, einige Stunden in Sassnitz zu landen und seine Eltern wiederzusehen. Zu seinem Erstaunen fand er sie allein, denn Hille war von ihrem Pächter nach Bakewitz berufen worden, um dort seine Pläne für den kommenden Frühling zu vernehmen und dem sorglichen Manne ihren Rat zu erteilen, der durch die vielen Bedrückungen in seinen Vorsätzen schwankend geworden war und ohne die Zustimmung der Herrin des Gutes nicht gern zu neuen Unternehmungen schreiten wollte.</p><p>Als Waldemar am Abend dieses Tages an Bord des Ingiald zurückkehrte, empfing er von seinem Kommandeur den am wenigsten erwarteten Befehl, mit zehn Marinesoldaten und einer Abteilung waffenfähiger Matrosen auf Rügen zu landen und den Abzug der Franzosen zu beobachten, der, wie man an diesem Tage erfahren, am 8. März stattfinden sollte. Mit dem Ingiald zugleich sandten auch die anderen Schiffe einen Teil ihrer Mannschaften ans Land, die sämtlich den Befehl erhielten, auf den großen Straßen hin und her zu marschieren und darauf zu achten, daß die abziehenden 
      <a id="page74" name="page74" title="Snoopy64/gary"/> Franzosen dieselben nicht mit Raub und Plünderung besudelten.</p><p>Es war am 6. März 1813, als Waldemar mit seiner Abteilung schwedischer Seeleute bei Zicker landete und ohne Aufenthalt nach Bergen aufbrach, um die ihm erteilten Befehle auszuführen. In mäßiger Eile bewegte sich der kleine Schwarm durch Mönchgut auf der Straße nach Putbus hin, wo sich um das fürstliche Schloß her seit drei Jahren die kleine Stadt Putbus aus der Erde erhoben hatte. Um die im Schlosse vorhandenen Schätze zu sichern, sollte man dasselbe umstreifen und von da aus Abstecher nach Bergen, Garz und Sagard machen, denen man auch den vaterländischen Schutz angedeihen lassen wollte.</p><p>In Putbus aber fand Waldemar eine andere sehr zahlreiche Abteilung schwedischer Marine vor, so daß er ohne Aufenthalt seinen Weg fortsetzen konnte, und während er einen Teil seiner Leute nach Garz entsendete, marschierte er selbst nach Bergen, wo sich um diese Zeit alles konzentrierte, was noch von französischer Macht auf der Insel vorhanden war.</p><p>Wie man sich vorstellen kann, war die ganze Insel in diesen Tagen in der heftigsten Bewegung. Die Einwohner jubelten vor Freude, und die Leute geringeren Standes hatten fast sämtlich ihre kleinen Häuser verlassen, um auf die Straßen zu eilen und die aller Orten abziehenden Feinde mit endlosem Geschrei zu begleiten, was denselben allerdings nicht angenehm in die Ohren klingen mochte. Die kleinen Häufchen Reiterei und Fußvolk, die noch hier und da zurückgeblieben waren und gegen die gewaltige Volksgärung nichts ausrichten konnten, waren dadurch in eine üble Lage versetzt worden, denn ein ähnliches Gefühl der Demütigung hatten die stolzen und übermütigen Leute Jahre hindurch nicht empfunden. Voller Angst, daß man in Städten und Dörfern auf sie einschlage, packten sie ihre Habseligkeiten hastig zusammen und eilten Hals über Kopf den allgemeinen Sammelplätzen zu, die ihnen von ihren Befehlshabern waren bezeichnet worden, um von Bergen aus auf dem kürzesten Wege über Stralsund oder die Glewitzer Fähre das Festland zu erreichen, die Hauptstraßen zu gewinnen und so mit ihren abermals von Frankreich wieder heranziehenden Landsleuten zusammenzutreffen. Hinter ihnen aber, wo sie sich auch blicken ließen, liefen Stadt- und Landbewohner her, und selbst Weiber und Kinder, die ihre Züge umgaben, hielten nicht mit bitterem Spott zurück, um so wenigstens mit dem Munde die Schmach zu vergelten, die ihnen die räuberischen Franzosen 
      <a id="page75" name="page75" title="Snoopy64/gary"/> so lange durch die Tat hatten angedeihen lassen. »Heda! Franzmann!« riefen die mit Steinen bewaffneten Fischerbuben, die indes so flüchtig waren, daß kein abziehender Feind, der sich nicht von seiner Truppe trennen wollte, sie einzuholen und zu bestrafen imstande war, »du hast deinen Grütztopf vergessen! Er steht bei meiner Großmutter am Feuer! Soll ich ihn dir bringen?«</p><p>»Lauft, lauft,« schrien die mutig gewordenen Weiber hinter ihnen her, »Eure Frauen erwarten Euch schon zu Hause, und wenn Ihr nicht schnell macht, kommen die Kosacken und bringen Euch nach Sibirien, wo Eure Brüder auf dem Schnee erfroren sind!«</p><p>Schamrot, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, hörten die Franzosen diese Schmähreden an und eilten nun um so mehr, dem brennenden Feuer dieser Geschütze zu entrinnen, gegen daß sie dank ihrer feineren Organisation so empfindlich waren.</p><p>In Bergen selbst herrschte ein Leben auf den Straßen wie nie zuvor. Alle Bewohner hatten ihre Häuser verlassen und lagerten auf den Wegen, um die Vorbereitungen des Abmarsches ihrer Quälgeister aus nächster Nähe mit anzuschauen. Aber hier verhielt man sich am ruhigsten und gemäßigsten, denn hier stand das Hauptquartier der Franzosen, und die reitenden Jäger, die Karabiner auf dem Knie und den Hahn gespannt, saßen unbeweglich auf ihren Gäulen, von denen viele auf Rügen geboren waren und nun mit ihren jetzigen Besitzern das Vaterland für immer verlassen sollten. Worauf warteten sie und warum marschierten sie nicht ab, wie ihre Kameraden, die schon lange auf dem Wege nach dem westlichen und südlichen Strande waren?</p><p>Niemand wußte es. Wir aber wollen es dem Leser mit wenigen Worten erzählen. Sie warteten auf ihren Kommandeur, den Kolonel Caillard, der mit einer Abteilung seiner besten Reiter am frühen Morgen nach dem Norden aufgebrochen war, um irgend ein Geschäft zu vollenden, das er nicht ohne Absicht bis zum letzten Augenblick verschoben hatte. Er wollte gleich nach Tische in Bergen sein, hatte er gesagt, und seine Untergebenen sollten ihn marschfertig auf dem Marktplatz aufgestellt erwarten, um Nachmittag zu guter Stunde in Stralsund einzutreffen, wo das nächste Nachtquartier angesagt war. Aber die guten Leute warteten etwas lange auf ihren Kolonel und mußten sich zuletzt, als gar ein reitender Bote ihnen eine schreckenerregende Meldung gebracht hatte, entschließen, ohne ihn abzureiten, was sie denn auch 
      <a id="page76" name="page76" title="Snoopy64/gary"/> in größter Hast und von einem großen Volkshaufen umdrängt, gegen vier Uhr nachmittags taten.</p><p>Die Meldung aber, die jener Bote dem unter dem Kolonel befehligenden Offizier überbracht, wollen wir dem Leser im nächsten Kapitel mitteilen, nachdem wir ihm die Einzelheiten des Ereignisses erzählt haben, welches dieser Meldung voranging und sie notwendig machte. 
      <a id="page77" name="page77" title="Snoopy64/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap006"><h3>Sechstes Kapitel.</h3><h4>»Halt vor der Prora.«</h4><p>Waldemar Granzow, in voller Uniform vor seinen Seeleuten hermarschierend, war am frühen Morgen in Bergen eingetroffen und hatte ohne Verzug die dortigen Verhältnisse in Augenschein genommen. Auf dem ganzen Wege, den er von Mönchgut aus über Putbus zurückgelegt, hatte er keine Veranlassung gefunden, zur Gewalt seine Zuflucht nehmen zu müssen, denn entweder hatte er die meisten Ortschaften von Franzosen verlassen angetroffen, oder die wenigen, die er hier und da gesehen, waren in solcher Hast auf ihrem Marsche begriffen und schienen von so großer Besorgnis in bezug auf ihr persönliches Wohl erfüllt, daß ihnen die Lust verging, an diesem oder jenem Orte noch irgend eine Beute zu machen oder eine Brutalität auszuüben.</p><p>Nachdem unser Freund ein Stunde bei seinem Bekannten, dem Müller Dalwitz, ausgeruht und dann das Treiben in dem lärmvollen Städtchen betrachtet hatte, befiel ihn ein eigentümliches Wehgefühl. Sein warmes Herz empfand plötzlich eine Art Mitleid mit den Leuten, die Napoleon von Ort zu Ort durch alle Welt herumgeschleppt und die ihrerseits doch eigentlich unschuldig an dem Übermut und den Gelüsten ihres nimmersatten Gebieters waren. Sie hatten so oft ihr Leben in die Schanze geschlagen, um seinem Ruhme ein neues Lorbeerreis beizufügen und, immer des Sieges und Triumphes gewohnt, jetzt aber zum erstenmal in ihrem Kriegerleben von jedem zuverlässigen Führer verlassen, endete ihre lange Ruhmesbahn auf so klägliche Weise, indem sie nicht einmal wußten, ob dieser Spott und Hohn der lange unterdrückten Landbewohner das letzte schwere Stück Arbeit sei, das sie zu überwinden haben, oder ob sie abermals 
      <a id="page78" name="page78" title="Snoopy64/gary"/> einer ungewissen Zukunft und einem vielleicht noch trüberen Schicksal entgegengetrieben wurden.</p><p>Mit einer gewissen inneren Zufriedenheit, daß vierundzwanzig Stunden später kein Franzose mehr auf dem vaterländischen Boden stehen werde, sah Leutnant Granzow die Vorbereitungen zu ihrem Abmarsche an, als ihm einer seiner Leute die Meldung brachte, daß er eben gehört habe, der Kommandeur der in Bergen stationierten Truppen sei am frühen Morgen dieses Tages nach dem Norden geritten, und man erzähle sich, er habe irgendwo eine kostbare Beute versteckt, die er jetzt herbeihole, um sie unter sicherer Eskorte noch an diesem Tage außer Landes zu führen.</p><p>»Wohin ist er geritten?« fragte der Seeoffizier, der nicht die entfernteste Ahnung hatte, daß dieser Beute heranbringende Offizier der Colonel Caillard sein könne, da er soeben erst von seinem Schiffe gekommen war und nicht einmal wußte, daß derselbe in Bergen befehligte.</p><p>Der Matrose, der Waldemar obige Meldung gemacht, wußte nichts genaueres über diesen Beuteritt anzugeben, daher entfernte er sich, um nähere Erkundigungen einzuziehen. Nach einer Stunde aber kam er mit dem Bericht wieder, daß man glaube, der Herr sei nach Jasmund geritten, und daß er also entweder durch die Prora oder auf dem Strandwege längs der schmalen Heide nach Bergen zurückkehren müsse.</p><p>»Nach Jasmund?« fragte Waldemar Granzow in nicht geringer Bestürzung. »Wißt Ihr vielleicht, wie der Kommandant heißt?«</p><p>Der Matrose nannte den erforschten Namen und da war es, als ob ein Blitzstrahl vor dem jungen Seeoffizier niederfiele und Gegenwart und Zukunft vor ihm erleuchte, indem er mit jäher Gewalt die Vergangenheit aus ihrem Schlummer vor seine Erinnerung riß.</p><p>»Mein Gott,« sagte er zu sich, nachdem er in ein abgelegenes Zimmer des Müllers getreten war, um ungestört mit sich zu Rate zu gehen, »ist es denn möglich? Gibt es vielleicht wirklich eine Vergeltung auf Erden, wie ich es mir so oft gedacht, wie ich es sogar gesprochen habe, ohne zu glauben, zu ahnen, daß auch mir der Beweis einst sichtbar vor Augen gerückt werden würde? Mein Gott, mein Gott, welche Bilder steigen plötzlich vor meiner bisher so sorglosen Seele auf und reißen mich wider meinen Willen in die Vergangenheit zurück, die ich längst für überwunden hielt? Magnus, mein Freund! Was will dein blutiger Schatten vor mir? Will er mich mahnen, spornen, stacheln, das Vermächtnis zu vollziehen, das du mir wider meinen Wunsch in 
      <a id="page79" name="page79" title="lac/gary"/> deiner Todesstunde übergeben hast? Caillard! Welche düsteren Erinnerungen weckt dieser schreckliche Name in mir! Jahre sind vergangen, seitdem ich ihn gehört und mich bemüht habe, ihn ganz zu vergessen; auf Gott weiß welchen blutgetränkten Feldern, die er und die Seinigen Felder der Ehre nennen und die wir nur mit dem Gedanken an tausendfach erlittene Schmach und Knechtschaft betrachten, glaubte ich ihn begraben und nun tritt der Mann, der diesen unvergeßlichen Namen führt, noch einmal auf meinem heimatlichen Boden vor mich hin, und noch dazu in dem Augenblick, wo er für immer denselben verlassen und zuletzt noch berauben will? Sollte es wirklich derselbe sein, der meinen Magnus erschlagen? Ha! Welche Leidenschaft packt mich so plötzlich im Herzen und treibt mein ruhiges Blut in wilden Stößen durch meine Adern! Will ich ihn töten, wenn er mir nahe tritt und vor meinen Augen mit seiner Beute zu entfliehen trachtet? Nein, töten will ich ihn nicht, aber fragen, ob er es ist, der meinen edlen Freund meuchlerisch ermordet hat und – wenn er es bejaht, was dann?</p><p>O, denke nicht daran, Waldemar, denke nicht an so Schreckliches! Beruhige dich, Herz, es wird nicht derselbe unselige Mann sein, der schon einmal deinen Pfad gekreuzt hat, nein, nein, es kann und wird ein anderer sein, denn er würde es nicht wagen, noch einmal ein Haus zu betreten, das er mit Blut befleckt, und Menschen in das Gesicht zu blicken, die Zeugen seiner schimpflichen Flucht an jenem Tage gewesen sind.</p><p>Wenn er es aber dennoch wäre und noch einmal wagte, seine Hand nach dem Hab' und Gut anderer auszustrecken, wie dann? Er ritt nach Jasmund, um Beute zu holen, sagen die Leute – ha! das stimmt wunderbar mit seinem Charakter zusammen. Halt! es ist meine Pflicht, ihn in den Weg zu treten, wenn er als Räuber das Land verlassen will, wo er alles in allein, Tyrann, Verführer und zuletzt auch Mörder gewesen ist. Wohlan denn! Mein Entschluß ist gefaßt und die Ausführung soll ihm auf dem Fuße folgen. – Heda, Ihr Leute!« rief er aus dem geöffneten Fenster den Matrosen zu, die auf dem Hofe mit der Reinigung ihrer Waffen beschäftigt waren – »macht Euch fertig! Nehmt Eure Pistolen und Messer und auch eine Portion Mundvorrat mit, wir wollen sogleich einen Streifzug antreten, um hoffentlich einen Fang zu tun.«</p><p>Die kühnen Seeleute, immer und überall zu jedem Wagestück aufgelegt, sprangen in das Hintergebäude, wo sie einquartiert waren, und rüsteten sich im Fluge zu dem 
      <a id="page80" name="page80" title="lac/gary"/> befohlenen Marsche. Waldemar selbst sah nach seinen Pistolen, steckte sie in den Gürtel und schnallte sein dolchartiges Seitengewehr daran fest, das er als Seeoffizier trug. Dann nahm er von dem Müller, mit dem er erst wenige Worte gesprochen, Abschied und sagte ihm, daß er einen Ausflug nach Jasmund unternehmen müsse und daß er ohne Sorge um ihn sein möge, wenn er an diesem Tage nicht nach Bergen zurückkehren sollte.</p><p>Zehn Minuten später befand er sich mit seiner kleinen Abteilung, die durch verschiedene Detachements bis auf zehn Mann zusammengeschmolzen war, auf dem Wege nach Carow, um von da über Lubkow die schmale Heide zu erreichen, durch die Kolonel Caillard zurückkehren mußte, wenn er wirklich den Ritt nach Jasmund unternommen hatte.</p><p>Es war am 8. März 1813, morgens zehn Uhr, als Waldemar Granzow den Marsch an der Spitze seiner kühnen Begleiter antrat, von denen kein einziger die Empfindungen kannte oder gar teilte, die seine, Brust so tief bewegten. An ein Wagnis, welches mit seinem Vorhaben verknüpft sein könnte, dachte er nicht im entferntesten, seine geistige Auflegung war zu groß und sein Gemüt zu stark in Anspruch genommen, um ihn eine mehr oder minder große persönliche Gefahr befürchten zu lassen. Aber das Allgemeinwohl seiner Landsleute war bei diesem Unternehmen so sehr mit seinen persönlichen Gefühlen in Einklang, daß er sich in einer seltsam gehobenen Stimmung befand und es ihm schien, als führe er heute nicht die Befehle eines irdischen Machthabers, sondern vielmehr die eines göttlichen Willens aus.</p><p>Es war ein frischkalter Morgen, der naturgemäß zu einer heftigen körperlichen Bewegung. reizt; die Sonne stand strahlend am Himmel, dessen klare Bläue nur einige kleine flatternde Wolken von Zeit zu Zeit trübten. Ein leichter Ostwind fegte in wechselnder Stärke über das Meer und zog pausend durch die Lüfte, die der nahende Frühling noch nicht mit seiner lieblichen Wärme gemildert hatte.</p><p>Als er so in schweigender Versunkenheit dem kleinen Zuge voranschritt, die leuchtenden Augen immer vorwärts auf den bisweilen sich schlängelnden Weg gerichtet haltend, überkam ihn ein seltsames und in den Zeiten, in denen er lebte, leicht erklärliches, beinahe frohlockendes Gefühl, das nur ab und zu durch einen trüben Rückblick in die überwundene Vergangenheit unterbrochen und gemäßigt wurde. Nie war ihm die Wandelbarkeit aller menschlichen Dinge so nahe vor Augen gerückt, als an diesem verhängnisvollen Morgen. Sein Leben war in eine wichtige, ereignisreiche, erst nächtlich düstere und 
      <a id="page81" name="page81" title="Ruktz/gary"/> nun plötzlich so hell gewordene Zeit gefallen. Der große Mann des Jahrhunderts, ausgezeichnet durch so viele erhabene Eigenschaften, befleckt von so unzähligen niedrigen Leidenschaften, Napoleon, der Bezwinger einer blutgierigen Revolution, aber auch der Unterdrücker – nicht allein der Freiheiten seines eigenen Volkes, sondern auch vieler anderer Völker und Fürsten, die ihm keinen haltbaren Anlaß zum Zorn und zur Entfesselung seines gigantischen Ehrgeizes geboten hatten, er war vom Throne seiner weltbeherrschenden Macht herabgestoßen und sammelte noch einmal seine Völker, um die verlorene Höhe wiederzugewinnen und Völker und Fürsten noch einmal unter sein bluttriefendes Zepter zu beugen. Aber daß ihm das diesmal nicht gelingen würde, flüsterte einem jeden klarblickenden Manne eine sichere innere Stimme zu, denn die Zeit war im geistigen Sturmschritt vorgerückt und das lange unterdrückte Gefühl für Menschenwürde und Menschenfreiheit war aus seinem langen Schlummer erwacht. Erhoben hatte sich bereits die deutsche, englische und russische Nation, von der Stimme ihrer Fürsten gerufen, hatten sie sich zusammengeschart, und nun galt es einen großen Kampf, daß dieser Kampf aber kein vergeblicher sein werde, sagte sich jeder ohne Ruhmredigkeit voraus. Im Vergleich mit diesen großen unleugbaren Tatsachen erschien Waldemar Granzow das Unternehmen, welchem er heute seinen Willen und seine Kraft geliehen, nur ein ganz kleines, erbärmliches, es galt nur, einen einzelnen Menschen zu bezwingen und abzuhalten, seine im kleinen gesammelte Beute dem ungeheuren Raube, den die Großen zusammengetrieben, beizufügen und so einen Tropfen zu dem unermeßlichen Meere zu tragen, das über ganz Europa seine schlammigen Wogen wälzte.</p><p>Zu dieser ihm gering erscheinenden Tat aber stachelte ihn ein persönliches Wehegefühl an. Denn er gedachte in diesem Augenblick seines teuren Freundes Brahe, der nun schon lange nicht mehr auf dieser Erde weilte. O, wenn es auch ihm vergönnt gewesen wäre, den allgemeinen Umschwung in den Verhältnissen der Welt wahrzunehmen und er nun bald als reicher Erbe so schöner Güter, im Besitz seiner angebeteten Geliebten auf Spyker hätte wohnen können, welch genußreiches Leben wäre ihm da aus dem Wust und Trübsal der Vergangenheit ausgeblüht, wie glücklich könnte er nun mit seinen Freunden und wie dankbar dem Schöpfer sein, daß sich mit dem allgemeinen Schicksal auch das seinige so freundlich gestaltet habe! O, wie seltsam hatte das Verhängnis mit ihm gespielt! Gerade durch seine Liebe mußte ihm der Untergang kommen! Durch diesen habsüchtigen, falschen, 
      <a id="page82" name="page82" title="Wunibald/gary"/> gleißnerischen Franzosen mußte ihm die letzte Schranke menschlichen Erdenglücks verschlossen werden!</p><p>Mit solchen Gedanken beschäftigt legte Waldemar Granzow den fünf Viertelmeilen langen Weg bis Lubkow zurück, und nun sich gegen Norden wendend, schritt er bis zu der Stelle vor, wo sich der Weg rechts nach dem Meere wendet und links nach der Prora abzweigt, dem waldigen Engpaß der dortigen Berge, den wir ihn schon einmal betreten sahen, als er sein elterliches Haus verließ und nach Mönchgut eilte, um in Bakewitz das liebliche Mädchen auszusuchen, von dem in diesen Blättern so oft die Rede gewesen ist.</p><p>Der Boden, auf dem man sich bewegte, war vom geschmolzenen Schnee und reichlich danach gefallenen Regen tief aufgeweicht, und nur langsam und mit Mühe schritt man um Mittagszeit weiter. Die Seeleute, um eine Stütze auf dem schlüpfrigen Wege zu haben, hatten sich mit ihren Messern von den trockenen Gebüschen, durch die sie drangen, schwere Stöcke abgeschnitten, und auch Waldemar trug einen in der Rechten, wie er sich so gern eines solchen bei seinen größeren, Wanderungen bediente, zumal es zu damaliger Zeit aus Rügen so Gebrauch war.</p><p>Endlich hatte man die Stelle erreicht, wo man auf die Scheidung des Weges sein Augenmerk richten mußte. Waldemar stand geraume Zeit still und überlegte, welchen Weg er selbst einschlagen solle, um seinen Gegner sicher zu treffen, denn er wollte ihm womöglich persönlich entgegentreten und seinen diesmaligen Weg kreuzen, wie sein eigener von jenem so herbe durchkreuzt worden war.</p><p>Auf welchem Pfade würde der erwartete Beutejäger ihm entgegenziehen? Das war die Frage. Unfehlbar war der Weg durch die Prora der kürzere, verborgenere, der am sandigen, steinigen Strande entlang der weitere, offenere, aber vielleicht doch für seinen Zweck wünschenswerter, da ein ihm in der Prora begegnendes Hindernis seinen Zug ganz aufhalten und unnütz machen konnte.</p><p>Verharren auch wir einen Augenblick in Gedanken und ruhen wir dabei, bevor wir uns zu dem Wege entscheiden, den wir mit unserm Helden zu gehen gesonnen sind. Waldemar stand still und überlegte, ohne einen Blick auf die ihn, umgebenden Leute zu richten, die seinem Entschlüsse nicht vorgreifen wollten und ihre Meinung zurückhielten, bis er die seinige ihnen vorgelegt haben würde. Aber in seinem Innern, obwohl er in ihren Augen ruhig erschien, arbeitete es gewaltig, denn wunderbare Visionen traten vor seinen Geist und 
      <a id="page83" name="page83" title="wolfeh/gary"/> mischten die Vergangenheit mit der Gegenwart innig und bedeutungsvoll.</p><p>Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, wo wir uns gewissermaßen selbst entrückt sind und weniger infolge eines innerlichen Bewußtseins vorwärts gehen, als vielmehr durch den unaufhaltsamen Trieb und Zug eines äußeren Verhängnisses zu irgend einer Tat fortgerissen werden. Wir 
      <i>wollen</i> dann nicht dies oder jenes tun, sondern wir 
      <i>müssen</i> es tun, wir gehen nicht, wir handeln. nicht, nein, es zwingt uns ein unbegreifliches, unsichtbares Etwas dazu. Vor uns, wie in Nebel gehüllt, schwebt dann ein erreichbarer Gegenstand und wir strecken unwillkürlich die Hand danach aus, um ihn an uns heranzuziehen, ja, es ist die Bewegung gegen ihn hin oft so stark, als ob wir nicht allein zu ihm treten, sondern als ob er wie durch einen Sturmwind zu uns herangerissen würde, so daß wir, um nicht gewaltsam mit ihm zusammenzustoßen, unsere Hand erheben und ihn gleichsam von uns abwehren müssen.</p><p>Welche Gewalt, welche Fügung ist es, die uns mit diesem erstrebten Gegenstande zusammenführt, die unsere Kraft an der seinen zerschellen oder die seinige an der unseren in Trümmer gehen läßt? Fürwahr, es ist keine menschliche, irdische Gewalt und Fügung, denn sonst würden wir uns ihr entziehen, ihr aus dem Wege gehen können, vielmehr ist es eine überirdische, eine göttliche oder dämonische, und immer kommen wir dabei wieder auf den Gedanken des Verhängnisses zurück, das wir schon so oft besprochen, aber nie erörtert und bewiesen haben. Aber was wollen wir für eine sicht- oder fühlbare Aufklärung? Alles auf der Welt vorhandene können wir nicht immer sehen, hören und fühlen, wir müssen es glauben, wie wir an Gott glauben, den wir auch nicht mit den Sinnen wahrnehmen und doch von ihm wissen, daß er vorhanden ist, weil er wirkt und segnet und spendet.</p><p>In einem solchen Augenblick befand sich zu jener Zeit auch Waldemar Granzow. Er ging vorwärts, fast willenlos und doch gewaltsam fortgezogen, wie ein mechanisches Uhrwerk; er mußte gehen und die Augen erheben auf das, was an ihn herangewandelt kam, und wenn es mit ihm zusammenstieß, 
      <i>mußte</i> er die Hand erheben, um es von sich abzuwehren, damit die ihm entgegenstrebende Gewalt ihn nicht selbst zerschmettere.</p><p>»Hört,« sagte er zu seinen Leuten, die ihn aufmerksam umstanden, um seine Befehle zu vernehmen, »hier ist der Vereinigungspunkt der beiden Wege, die nach Jasmund führen, einen anderen kann kein Mensch betreten. Hier also muß der 
      <a id="page84" name="page84" title="wolfeh/gary"/> Zug vorüber kommen, den wir erwarten. Diesen Punkt halten wir daher besetzt und nur zwei Mann gehen auswärts am Strande entlang und beobachten die Ferne. Sobald sie ihn sehen, kehren sie hierher zurück und benachrichtigen die übrigen. Ich selbst werde mit zweien von Euch den Hohlweg hinaufsteigen und auskundschaften. Hört Ihr mich eine Pistole abfeuern, so dringt Ihr mir nach, höre ich aber Euch schießen, so kehre ich im Fluge zurück und werde Euch beistehen. Kommt der Zug eher an, als ich bei Euch bin, so haltet Ihr ihn auf, gleichviel wie. Schießt die Pferde nieder, damit sie nicht fortkönnen, und wehren sich die Männer, so zeigt ihnen, daß Ihr brave Jungen seid und so gut mit einigen Jägern zu Pferde fertig werden könnt wie mit dem brausenden Sturme. Wohlan, 
      <i>Ihr</i> beide geht langsam auf dem Strandwege vor, und 
      <i>Ihr</i> beide folgt mir in einiger Entfernung.«</p><p>Der Befehl war gegeben, und schweigend, wie es die strenge Schiffsdisziplin erheischt, ward er vollstreckt. Die bezeichneten zwei Männer setzten allein ihren Weg längs des Strandes fort und zwei folgten ihrem Offizier, während die anderen sechs hinter dem dichten Buschwerk ihre Aufstellung nahmen, welches die Scheidewand zwischen beiden Wegen bildete.</p><p>Waldemar stieg, um nicht außer Atem zu kommen, den im Zickzack laufenden Bergpfad langsam hinauf, der im Jahr 1813 noch in seiner ganzen ursprünglichen Wildheit und romantischen Schauerlichkeit unangetastet lag. Zu beiden Seiten erhoben sich steil ansteigende Berglehnen, die mit dem dichtesten Gebüsch von Eichen, Eschen, Haselnußsträuchern, Espen, Birken, wilden Birnbäumen und Wachholder bewachsen und durch dornige Ranken und die Schlingwurzeln unzähliger anderer Pflanzen an manchen Stellen ganz unzugänglich und verwickelt waren. Selbst in dieser Jahreszeit, wo keine Blätter an den Bäumen und Gebüschen hafteten und die wuchernden Sträucher ihre neuen Ausläufer noch nicht über den Weg senkten, war der bergauf- und bergabführende Pfad so eng, daß man oft nur einen kleinen Flecken blauen Himmels über sich und kaum zwanzig Schritte vor- oder rückwärts sehen konnte. Oben auf der Höhe erst öffnete sich der nach dem Meere liegende Bergrücken und man erblickte stellenweise das flutende Gewässer der Ostsee und sein steinreiches Gestade, über welches die Wellen fast unaufhörlich ihren weißen Schaum wälzten.</p><p>Wegen der Enge des Weges, die an manchen Stellen einem Wagen nur mit knapper Not die Durchfahrt gestattete, 
      <a id="page85" name="page85" title="wolfeh/lac"/> war es gefährlich, denselben zu passieren, denn wenn man einem Gefährt begegnete, dessen Ziel in der Richtung lag, woher man selbst kam, so war ein Ausbiegen unmöglich. Aus diesem Grunde war es Sitte, daß die Fuhrleute, die sich in dieses Wald- und Berglabyrinth wagten, etwas rasch fuhren, laut mit der Peitsche knallten und dazwischen beständig riefen »Halt vor der Prora!« was dennoch nicht immer vor einem unangenehmen Zusammenstoß schützte und dann beide Teile in die größte Verlegenheit brachte.</p><p>Waldemar also, seinen Gefährten einige Schritte voran, bewegte sich langsam den etwa eine Viertelstunde betragenden Hohlweg hinauf und gebrauchte kräftig seinen jungen Eichenstock, indem hier der Weg ungewöhnlich schlüpfrig war. Da die Berge mit ihrem Gestrüpp von beiden Seiten den Wind abhielten, so war die Lust innerhalb des eingeschränkten Raumes ohne aller Bewegung, und an den steilen Bergwänden hallte jedes in der Ferne auftauchende Geräusch wieder, wie in einer engen Röhre der leiseste Ton ungeschwächt bis zum Ende fortrollt. Waldemar war mit dieser Eigentümlichkeit des abgelegenen Ortes vertraut und horchte, von Zeit zu Zeit stillstehend, aufmerksam nach beiden Richtungen hin, aber nicht der leiseste Ton ließ sich weder vor noch hinter ihm vernehmen. Schon glaubte er den Ausgang des schauerlichen Weges erreichen zu können, ohne jemanden zu begegnen, und darum lag es in seiner Absicht, denselben zu Ende zu gehen, dann über die freie vor ihm liegende Heide hinwegzublicken und endlich, wenn er niemanden des Weges daher ziehen sähe, zu seinen Gefährten am südlichen Eingang der Prora zurückzukehren. Eben war er zu diesem Entschlusse gelangt, als sein Ohr von der Landenge her ein dumpfes Geräusch wahrzunehmen glaubte, das schnell näher zu kommen schien, und in der Tat ließ sich sehr bald das Gestampfe galoppierender Pferde und bald darauf das Gerassel von Rädern unterscheiden, die heftig über die am Wege liegenden Steine und Wurzelstöcke fortgerissen wurden.</p><p>Als Waldemar Granzow diesen Ton vernahm, dessen Bedeutung und Ursprung er nicht verkennen konnte, ging eine auffallende Veränderung in seinem ganzen Äußeren vor. Mit einem gewaltigen Atemzuge, als wolle er eine unbesiegliche Widerstandskraft in sich einsaugen, erhob er sich zu seiner ganzen Höhe, bewegte seine mächtigen Schultern hin und her, gleichsam um zu untersuchen, ob sie noch geschmeidig wären, und erhob dann seinen schweren Stock, mit glühenden Augen die kurze Strecke verschlingend, die er mit einem Blick überschauen konnte.</p><p><a id="page86" name="page86" title="wolfeh/lac"/> »Aufgepaßt!« rief er den hinter ihm Hergehenden zu, die auch schon das Geräusch des kommenden Wagens mit den Ohren aufgefangen hatten.</p><p>Aber trotz dieses Warnungsrufes und trotz des besten Willens der drei kräftigen Männer sollte die Absicht, die sie vor Augen hatten, fürs erste noch nicht erreicht werden. Denn als der Wagen immer näher gekommen war und Waldemar sich schon in der Mitte des Weges aufgestellt hatte, um ihm den Paß zu vertreten und die Gäule zum Stehen zu bringen, so ward doch dies kühne Unternehmen dadurch vereitelt, daß der Weg gerade an dieser Stelle sehr eng war und bergab führte, der Lauf der Pferde also überaus heftig war und eine ungleich größere Gewalt dazu gehört hätte, das Wagestück auszuführen, als sie Waldemar zu Gebote stand. Das sah er auch in demselben Augenblick, aber leider zu spät ein, als er das Gefährt erblickte, das mit rasender Schnelligkeit um die nächste vorspringende Ecke vom Berge herabgerollt kam und ihn unfehlbar zerschmettert haben würde, wenn er auf der behaupteten Stelle stehen geblieben wäre. Rasch sich daher besinnend, sprang er wie der Blitz in das Gebüsch zur Seite des Weges auf die steil ansteigende Berglehne, und mit ihm die beiden Gefährten, die jeder seiner Bewegungen mit schnellem Auge gefolgt waren.</p><p>Der Wagen selbst aber war ohne Zweifel der sehnsüchtig erwartete, denn er war hoch bepackt und mit einer Leinwanddecke überspannt, und aus dem Vordersitz saßen zwei Franzosen; während dicht hinterher, einzeln nacheinander reitend, zwei Chasseure folgten, die wahrscheinlich die Schutzwache der in Sicherheit zu bringenden Beute bildeten. Ein Offizier war nicht unter ihnen gewesen, das hatte sowohl Waldemar wie seine Begleitung bemerkt, und ersterer stand, nachdem der Wagen dicht an ihm vorübergerasselt war und ihn über und über mit Kot bespritzt hatte, unschlüssig da, indem er nicht wußte, ob er dem Wagen folgen oder den Hohlweg vollends zu Ende gehen sollte, um auch den Führer des Zuges zu treffen, der jedenfalls noch kommen mußte, da ihm kein anderer Ausweg übrig blieb.</p><p>Die drei Männer eilten sofort auf einander zu, um zu beratschlagen, was unter diesen Umständen zu tun sei; endlich gab Waldemar dahin den Ausschlag, daß er riet, schnell nach dem Eingang der Schlucht umzukehren, um den dort Wache haltenden Matrosen zu Hilfe zu eilen, die jedenfalls sich dem Wagen entgegengeworfen hätten.</p><p>»Herr,« sagte der eine Matrose und faßte respektvoll an seinen Hut, »wir brauchen uns nicht zu übereilen! es sind, 
      <a id="page87" name="page87" title="wolfeh/lac"/> ihrer sechs da vorne, und der Weg ist breit und tief ausgefahren. Dort wird man nicht im Galopp reiten und fahren, und sechs handfeste Schweden werden schon mit diesen vier kleinen Franzosen fertig werden.«</p><p>»Wohlan denn, so geht langsam hinab; ich werde sogleich nachkommen, so bald ich dort oben um die Ecke gelugt habe, von der man etwas weiter in die Schlucht hinab sehen kann.«</p><p>Scheinbar ungern gehorchten die beiden Seeleute, denn es widerstand ihrem Gefühle, ihren kühnen Führer allein vorschreiten zu lassen, da ihrer Meinung nach noch Bewaffnete hinter dem Wagen her kommen konnten. Allein dennoch trennten sie sich von ihm und schritten rasch dem Wagen nach, den sie indessen schon, als sie den Eingang des Hohlweges erreichten, in den Händen ihrer Gefährten fanden, nachdem die beiden reitenden Jäger, sobald sie die Überzahl des Hinterhalts erkannt, davon gesprengt waren und die Beute mit den Wagenführern im Stich gelassen hatten.</p><p>Waldemar dagegen sprang behende den steilen Abhang hinan und lauschte mit wachsender Spannung, ob er nicht etwa den Hufschlag eines Pferdes in die Ferne vernehmen könne. Und in der Tat, kaum waren wenige Minuten verstrichen, so traf seine Erwartung ein und sogar das Schnauben eines trabenden Pferdes glaubte er zu unterscheiden. Da geriet denn des jungen Seemanns Blut wider seinen Willen in ungestüme Wallung und er mußte mit Gewalt die heftige Leidenschaft zurückdrängen, die sich in seinem Geiste Bahn brechen wollte, da er doch jetzt vor allen Dingen der Ruhe und kalten Überlegung bedurfte.</p><p>»Ha!« rief er ingrimmig mit den Zähnen knirschend aus, »jener Wagen mit seinen Reitern war nur der Vortrab des gewissenlosen Räubers, mit der Beute beladen, die er dem Grafen in Spyker abgenommen hat; jetzt aber kommt er selber, der edle Herr, wohlweislich im Nachtrab und vor jedem möglichen Angriff bewahrt, nachdem ihm die gemeinen Leute erst den Weg frei gemacht haben. Allein er hat sich verrechnet, diesmal wird ihm das geraubte Gut nicht gedeihen, hoffentlich wird es schon jetzt in den Händen der Meinigen sein. Wehe nun ihm selber und seinen Absichten! Wir wollen sehen, ob wir auch ihn fassen und fangen können; für Mörder und Diebe haben wir Eisen und Fesseln, um sie für uns und die Unsrigen unschädlich zu machen.</p><p>Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, so zeigte sich ihm in der Ferne schon der erwartete Reiter, der, allzu sicher und keck in seinem soldatischen Trotze, ohne jede 
      <a id="page88" name="page88" title="wolfeh/lac"/> Begleitung in glänzender Uniform auf schweißbedecktem Pferde dahertrabte und die kleine Anhöhe zu gewinnen trachtete, auf der Waldemar wie eine Säule und mit einer Miene stand, als wollte er sagen: »Halt vor der Prora, mein Lieber! Bis hierher und nicht weiter, denn hier ist der Markstein deiner Erdenlaufbahn gekommen!«</p><p>Der Reiter kam näher, und erst jetzt erhob er das düster glimmende Auge und sah den Mann stehen, der ihm mit seinem mächtigen Leibe den schmalen Weg vertrat, welcher allein zum erstrebten Ziele führte, aber er erkannte ihn noch nicht, denn in der schwedischen Uniform, die er heute trug, hatte er ihn noch nie gesehen, und im Laufe der vier Jahre, die seit ihrem ersten Zusammentreffen verflossen, hatte sich vielleicht auch der Eindruck verwischt, den er in seiner Erinnerung von ihm bewahrte.</p><p>»Er ist es,« sagte sich dagegen Waldemar Granzow und nahm eine noch festere Stellung ein. »Ich kenne ihn an seinem Habichtsgesicht und seiner hochmütigen Haltung, mit der er sich brüstet, als wäre er der Kaiser selber, dessen Namen er so oft gemißbraucht hat. Halloh! Dich führt Dein böses Geschick hierher, und ich mache dir nicht Platz; zurück mußt du oder der gemordete Brahe hat mir seine Rache umsonst vermacht!«</p><p>In diesem Augenblick hatte der Reiter ihn erreicht und schaute mit grellem und verwundertem Blick auf den kühnen Mann, der ihm den Engpaß vertrat und sein scheues Pferd schon zum Stehen gebracht hatte.</p><p>»Die Hand vom Zügel und Platz gemacht, im Namen des Kaisers!« rief der französische Kolonel wutschnaubend dem unerkannten Fremden zu.</p><p>»Geduld!« versetzte mit ruhiger Stimme der Seeoffizier, »Geduld, mein Herr! Hier hat Ihr Kaiser nichts mehr zu sagen, und ich stehe auf meinem Grund und Boden im Namen des Königs von Schweden, der mich hierher befehligt hat, um den Räubern die Beute abzunehmen, die sie ungerechterweise sich zu eigen gemacht haben. Begrüßen wir uns aber zuerst persönlich, und so sage ich: Guten Tag, Monsieur de Caillard – kennen Sie mich nicht?«</p><p>Dabei nahm er seine goldverbrämte Mütze mit der Linken ab und zeigte dem Kolonel ein von innerer Wallung dunkel gerötetes Gesicht und ein paar düster drohende Augen mit dem Ausdruck eines Willens und einer Kraftfülle, die dem Franzosen offenbarten, daß er es hier mit einem freien Manne und keinem Knechte zu tun habe.</p><p>»Ha!« schrie er wild und nicht ganz ohne Besorgnis, 
      <a id="page89" name="page89" title="wolfeh/lac"/> »was sehe ich! Den Deserteur, den Geächteten, den Spion! Bube, mach' Platz, oder auch deine Stunde ist endlich gekommen!«</p><p>Waldemar hatte seine Mütze beiseite geworfen und stand jetzt mit sprühenden Augen vor dem französischen Obersten, wobei er schon seinen Arm mit dem schweren Stock erhoben hatte.</p><p>»Geduld, sage ich, mein Herr! Wessen Stunde von uns beiden gekommen ist, steht bei Gott, aber ich weiche Ihnen nicht aus, und sollten mich die Hufe Ihres Pferdes zermalmen. Ziehen Sie also die Zügel an und spornen Sie es nicht auf mich, sonst vergesse ich, daß wir jetzt im Frieden leben und gedenke allein, daß Sie der Mörder eines Mannes sind, der einst mein Freund und Bruder war.«</p><p>Der Kolonel, einsehend, daß er in eine ernste Lage geraten, und daß hier keine Zeit zu verlieren sei, wenn er vorwärts kommen wolle, hatte vorsichtig und leise mit der Rechten in seine Satteltasche gegriffen und den Hahn der darin steckenden Pistole gespannt. Aber er hatte dabei nicht auf das schnelle und haarscharfe Auge seines Gegners gerechnet, das jeder seiner Bewegungen gefolgt war, und dessen Geist instinktartig seine nächste Absicht erriet. Immer noch den Zügel des Pferdes mit der Linken haltend und es Schritt vor Schritt rückwärts den Berg hinabdrängend, gab er allein auf die rechte Hand des Gegners acht, der, den Augenblick für günstig haltend und sein beliebtes: 
      <tt>»En avant!«</tt> rufend, rasch die Pistole hervorzog und abdrücken wollte. Aber in demselben Moment fiel mit dem Rufe: »Rückwärts heißt es jetzt bei uns!« der wuchtige Stock des Seemanns über den Hals des Pferdes her auf seinen Arm. Hart getroffen sank er nieder, und zugleich ging die Pistole los, deren Kugel schadlos in den weichen Erdboden fuhr. Das triefende Pferd aber, unruhig und zum Vorwärtsdrängen geneigt, empfing den heftigen Schlag auf eine empfindliche Stelle, und, kerzengerade in die Höhe steigend, verlor es auf dem abschüssigen Wege das Gleichgewicht, stürzte hintenüber in das blattlose Gesträuch, das hart am Wege stand, und begrub unter seiner Last den Reiter, der, ohne einen Laut von sich zu geben, bewegungslos unter dem Leibe desselben liegen blieb.</p><p>Jetzt sprang Waldemar schnell zu dem Pferde hin und den Zügel ergreifend und daran zerrend, brachte er es schnell auf die Beine, worauf es, nachdem es sich geschüttelt, zitternd stehen blieb und verwundert den Fremdling anschaute, der es samt seinem Herrn zu Falle gebracht. Aber sich nicht mehr um das Pferd bekümmernd, trat Waldemar an den gefallenen 
      <a id="page90" name="page90" title="wolfeh/lac"/> Franzosen heran, und da er ihn still am Kopfe blutend auf der Erde liegen sah, bückte er sich schnell zu ihm nieder.</p><p>Und merkwürdig, gerade da, wohin der Kopf desselben geschleudert war, lag ein scharfgekantetes Felsstück, das ohne Zweifel der Zufall hierhergebracht hatte, das aber dennoch bestimmt gewesen zu sein schien, die Klippe aller ferneren Entwürfe des beutesüchtigen Reiters zu werden.</p><p>»Kolonel!« rief der Sieger dem Besiegten zu. »Hören Sie mich? Sehen Sie mich? – Ah, er röchelt schon – sollte es so rasch mit ihm zu Ende gehen? Deine eigene Schuld, Mann, du hast dich selbst zu Falle gebracht. Aber wir wollen sehen, ob wir nicht noch Hilfe bringen können.«</p><p>Und er bückte sich ganz nieder, faßte den widerstandslosen Körper unter die Arme und zog ihn auf eine höhere Stelle der Berglehne hinauf, wo er ihm eine bequeme Lage gab, sein Auge untersuchte, und als er es noch voll Leben fand, rasch das Pferd bestieg, um nach dem Eingang der Prora zu sprengen, von wo ihm eben einige Leute mit der Kunde entgegenkamen, daß der Wagen erbeutet und die beiden Franzosen gefangen genommen wären.</p><p>»So geht zurück und laßt sie laufen, damit sie zu ihren Landsleuten kommen und ihnen erzählen, daß ihr Oberst bei einem Sturze mit dem Pferde sich tödlich beschädigt hat. Ihr aber kommt bald wieder dort hinauf und helft mir den Verwundeten nach dem Heidekrug bringen, das ist der nächste Ort, wo ihm Hilfe oder ein Grab zuteil werden kann.«</p><p>Die Seeleute beeilten sich, den erhaltenen Befehl auszuführen, und in wenigen Minuten fanden sie sich wieder bei ihrem Führer ein, während einige von ihnen den Wagen bestiegen hatten, um ihn wieder nach Spyker zurückzufahren, woher er mit seiner Beute gekommen war.</p><p>Den Verwundeten aber fand man in derselben Lage vor, wie ihn Waldemar verlassen hatte. Man hob ihn auf das Pferd, unterstützte ihn dabei und führte dasselbe nach dem Heidekrug, wo er indessen schon nach einer halben Stunde verschied, da nicht allein sein Kopf gespalten war, sondern auch die Wucht des Pferdes seine Brust tödlich gequetscht hatte.</p><p>An derselben Stelle aber, wo Kolonel Caillard fiel, sieht man noch heute ein kleines steinernes Kreuz aus dem Heidekraut ragen, obgleich die verschönernde Menschenhand auch diesen Weg geebnet, erweitert und zu einer chaussierten Straße umgestaltet hat. Alte Leute erzählen gern, wenn man sie danach fragt, wie an dieser früher gefährlichsten Stelle der 
      <a id="page91" name="page91" title="wedi/lac"/> Prora ein französischer Offizier, der sich mit großer Beute habe flüchten wollen, von Waldemar Granzow, dem braven Rügianer, ertappt und infolge des Pferdesturzes, wie wir es berichtet, sein Ende gefunden habe.</p><p>Nachdem Waldemar vom Heidekruge aus das Pferd des Kolonels mit einem besonderen Boten nach Bergen, den eroberten Wagen aber mit zweien seiner Leute nach Spyker gesandt und dem Kastellan die herzlichsten Grüße hatte sagen lassen, folgte er seiner Pflicht und kehrte wieder nach Bergen zurück, wo er indes erst am späten Abend eintraf und hörte, daß kein Franzose mehr in Bergen sei, und daß sie sogleich abmarschiert wären, sobald die beiden waffenlosen Soldaten und der Bote mit dem Pferde die Nachricht des Todes ihres Obersten überbracht und die Meldung hinzugefügt hätten, es sei eine ganze Armee Schweden gelandet, und sie drängen schon heran, um den Franzosen den Rückzug nach Stralsund abzuschneiden.</p><p>So war denn Waldemar Granzows Pflicht auch in Bergen erfüllt; er blieb die nächste Nacht daselbst und kehrte erst am frühen Morgen des anderen Tages nach Sassnitz zurück, um seinen Eltern mit ergriffener Seele aber ohne Prunk und Ausschmückung das Erlebte sowie den Tod des kleinen Tyrannen von Spyker mitzuteilen. 
      <a id="page92" name="page92" title="wedi/lac"/></p></div><div class="chapter" id="chap007"><h3>Siebentes Kapitel.</h3><h4>Friede von außen; Krieg von innen.</h4><p>Rügen war also jetzt von Franzosen frei! zum letztenmal hatte der Fußtritt der Fremden seinen Boden entweiht, wieder lag es in dem alten Frieden und der von aller Welt abgeschiedenen Stille da, und seine Bewohner hatten Muße und Gelegenheit genug, das von den Feinden verwüstete Land mit neuer Sorgfalt zu pflegen und Städte und Dörfer, die so viel gelitten hatten, allmählich wieder in den früheren Zustand zurückzuführen. Aber noch war die vollkommene Ruhe nicht in die Welt, also auch nicht auf Rügen zurückgekehrt, der gewaltige Eroberer in Frankreich war erst gedemütigt – bezwungen und vollends zu Boden geworfen, war er noch lange nicht, und um auch das zu bewerkstelligen, wurden ganz Deutschland, England, Rußland und Schweden in die Schranken gerufen.</p><p>Alle vier Länder waren im Anfang des Jahres 1813, wie bekannt, in eine enge Verbindung getreten, aus der später die sogenannte heilige Alliance hervorging, um den in das Herz Deutschlands wieder vorgedrungenen Feind gänzlich hinauszuwerfen. Zu diesem Zweck landete der Kronprinz von Schweden im März, bald nach Abzug der Franzosen, mit einem schwedischen Armeekorps von 24+000 Mann in Pommern, das sich mit einem preußischen Korps unter Bülow und Tauenzien und einem russischen, englischen und deutschen unter Walmoden vereinigte und so eine 150+000 Mann starke Armee bildete, die unter den Befehlen Bernadottes Norddeutschland gegen alle Angriffe decken sollte.</p><p>Da die beiden pommerschen Regimenter, deren wir früher Erwähnung getan, um diese Zeit noch in französischer Gefangenschaft schmachteten, so befahl die Regierung zu Stralsund 
      <a id="page93" name="page93" title="wedi/lac"/> am 31. März 1813 die schleunige Errichtung einer schwedisch-pommerschen Landwehr, worauf acht Tage später zwei schwedisch-pommersche Legionen gebildet wurden, die größtenteils aus Freiwilligen bestanden, die sich selbst ausrüsteten. Im Laufe des Monats April wurde die Landwehr ausgehoben, und so standen zwei Regimenter wieder schlagfertig da, die der Oberst der Leibgarde, Graf Ritterstolpe, befehligte. Sie, wie jene beiden Legionen schlossen sich den schwedischen Truppen in dem nun folgenden Befreiungskriege an und teilten ihre Siege und ihren Ruhm, der noch heutzutage unter der jüngeren Generation in treuer Erinnerung fortlebt.</p><p>Aber noch einmal sollte Pommern und Rügen in einen unerwarteten Schrecken versetzt werden, als es hieß, die Franzosen rückten unter den schrecklichen Marschällen Davoust und Vandamme mit 14+000 Mann über Mecklenburg gegen Pommern vor, welches damals von befreundeten Truppen entblößt war, da der Kronprinz von Schweden mit seinem ganzen Korps in der Gegend von Berlin operierte.</p><p>Schon waren die wenigen Schweden, die unter General Vegesack zur Deckung Pommerns und Stralsunds in Mecklenburg standen, bei Rostock zurückgedrängt, und flüchtende Familien aus Mecklenburg setzten ganz Pommern in die heftigste Bestürzung. Da aber schreckte die nach Blut und Beute lechzenden französischen Marschälle der bei Großbeeren errungene Sieg nach Hamburg zurück, und Pommern wie Rügen waren somit einer vierten Besitznahme durch die Franzosen glücklich entgangen.</p><p>Wie bekannt, führten nun die rasch aufeinander erfochtenen Siege von Großbeeren, Dennewitz, Culin, Leipzig und die in demselben Jahre in Frankreich selbst errungenen Triumphe im Jahre 1814 den Frieden mit Frankreich herbei, welcher am 30. März in Paris seinen Abschluß erhielt. Erst sechs Wochen später kehrten die 1812 nach Frankreich als Kriegsgefangene abgeführten beiden pommerschen Regimenter nach ihrem Vaterlande zurück.</p><p>Auch mit Dänemark endlich, das bis nach der Schlacht bei Leipzig mit Frankreich alliiert blieb, schloß Bernadotte am 14. Januar 1814 in Kiel Frieden, zufolgedessen Dänemark Norwegen an Schweden abtrat, aber dafür Vorpommern und Rügen erhielt.</p><p>Diesen Tausch hatten die Rügianer am wenigsten erwartet und gewünscht, denn Dänemark waren sie von allen Mächten am wenigsten zugetan. Glücklicherweise für sie wurde das Resultat des Kieler Friedens durch den Wiener 
      <a id="page94" name="page94" title="Snoopy64/gary"/> Kongreß umgestaltet, der vom Oktober 1814 bis zum Juni 1815 dauerte, und auf welchem man sich bemühte, die Territorialangelegenheiten Deutschlands und die politischen Verhältnisse Europas in Anwesenheit aller Fürsten der kriegführenden Mächte zu ordnen und für alle Zukunft zu bestimmen.</p><p>Auf diesem Wiener Kongresse traten die Verhältnisse ein, die noch heute bestehen. Das einstweilen als Entschädigung für Norwegen der Krone Dänemark zugesprochene schwedische Pommern wurde von Dänemark an Preußen abgetreten, und dafür erhielt jenes das an Holstein grenzende Herzogtum Lauenburg.</p><p>So war denn, nachdem auch der letzte Angriff Napoleons nach seiner Rückkehr von Elba im Jahre 1815 bei Belle-Alliance siegreich zurückgeschlagen und der ruhmreiche Kaiser nach St. Helena abgeführt war, der Friede in die hart gedrückte Welt zurückgekehrt, und haben wir nun in flüchtig skizzierter Darstellung das Schicksal der kleinen Insel Rügen von Anfang an bis zu dem Ende verfolgt, wo sie unter die Herrschaft der preußischen Königskrone gelangte. Hoffen wir denn, daß der Friede und Segen, der seit jener Zeit mit Gottes Beistand auf ihr ruht, dauernd sein, daß ihr Wohlstand und ihre Zufriedenheit unter einer einsichtsvollen und gerechten Regierung wachsen und gedeihen und ihre Bevölkerung unter dem Segen der Arbeit, des Fleißes und der frommen väterlichen Sitte in jeder Beziehung sich glücklich fühlen möge, wie es Gott der Herr gewollt hat, indem er sie so fern von der deutschen Muttererde auf ihre kleine Heimat verpflanzte und ihr in seiner Vatergüte ebenso viel Genügsamkeit wie Reichtum an irdischer Schönheit und Herrlichkeit verlieh. Uns bleibt für jetzt nur noch übrig, mit treuer Hingebung die Geschicke derjenigen Personen zu verfolgen, die wir in dem Nahmen dieser Erzählung aufgestellt haben, und dabei zu erfahren, wie ihr Los und ihre Verhältnisse sich gestalteten, nachdem die Kriegstrompete ihre Fanfaren ausgeschmettert und die süße Ruhe zu ihnen zurückgekehrt war, die sie so lange mit blutendem Herzen entbehrt hatten.</p><p>Zu diesem Zwecke betreten wir noch einmal das stille Kiekhaus bei Sassnitz, in dem wir unsere Erzählung begonnen haben, und in das wir die Hauptszenen des Schlusses derselben auch wieder zurückverlegen müssen.</p><p>Waldemar Granzow war erst im Frühsommer des Jahres 1815 zu den Seinigen zurückgekehrt, bis dahin war er auf dem schwedischen Schiffe geblieben und hatte alle Gefahren, denen dasselbe aus seinen Kreuzfahrten gegen Dänemark und 
      <a id="page95" name="page95" title="Snoopy64/gary"/> Frankreich, sowohl zwischen den dänischen Inseln wie später im britischen Kanal an der französischen Küste ausgesetzt gewesen, siegreich bestanden, weshalb er auch zum ersten Leutnant auf demselben avanziert war. Im Jahre 1813 aber, als Schweden seine überzähligen Schiffe demobil machte, sie in die Häfen zog und abtakelte, wurde der größte Teil ihrer Mannschaften entlassen und nur Wenigen freigestellt, in der schwedischen Marine weiterzudienen, falls sie Neigung dazu hätten. Auch Waldemar gehörte zu diesen Wenigen, allein da er sich im Herzen mehr zu Deutschland als Schweden gezogen fühlte, seine alten Eltern auch nicht in ihrem stillen Häuschen allein lassen wollte und von Sehnsucht nach seiner Heimat verzehrt wurde, so zog er es vor, den schwedischen Dienst zu verlassen und einen neuen Wirkungskreis im Vaterlande zu suchen. So kehrte er denn Ende Juni nach Rügen zurück und fand seine Eltern im besten Wohlsein vor, zumal die Freude über den endlich errungenen Frieden und die Hoffnung auf ferner ungetrübtes Glück sie gegen die Stürme des Alters aufrecht erhalten, wozu ihre gesunde Natur unendlich viel beigetragen hatte.</p><p>Dem alten Strandvogt merkte man kaum an, daß er, seitdem wir ihn zum erstenmal sahen, sechs Jahre älter geworden war; zwar hatte sein Haar völlig die Farbe des Schnees angenommen, aber seine leibliche und geistige Kraft war ungebrochen, und sein energisches Gesicht strahlte noch immer die alte Heiterkeit und Lebensfrische aus, die er in allen Stürmen seines Lebens unverwüstlich bewahrt hatte.</p><p>Auch Mutter Ilske zeigte keine äußerliche Spur irgend eines Verfalls; ihr Gang war noch ebenso rasch und leicht, ihre Haltung noch ebenso ungebeugt, und ihr selbst im Alter schönes Gesicht hatte noch immer die angenehmen Merkzeichen eines früheren rosigen Teints und namentlich die Milde und Ruhe des Blicks bewahrt, was man bei schönen nordischen blauen Augen so oft bis ins späteste Alter beobachtet.</p><p>Wenn der Frohsinn der beiden Alten von Zeit zu Zeit verdüstert wurde, so war allein das noch immer unklare Geschick ihres einzigen Sohnes, dessen Wiederkehr sie mit unendlicher Freude begrüßt hatten, daran schuld, denn daß dieser in der Tiefe seines Herzens noch nicht vollständig beruhigt und beglückt war, sahen sie sehr bald, nachdem er die Schwelle ihres Hauses wieder betreten hatte. Mit stiller Wehmut unterhielten sie sich oft abends spät, wenn sie allein oder schon zur Ruhe gegangen waren, von ihm und seinen Absichten, und die Hoffnung wurde immer von neuem in ihnen wach, daß nur eine Verbindung mit Hille ihn ganz dem frohen 
      <a id="page96" name="page96" title="Snoopy64/gary"/> Leben zurückgeben könne, dem er bisher noch immer entzogen war.</p><p>Dieser Verbindung aber stellte sich vor wie nach sein von edler Gesinnung zeugendes Vorurteil entgegen, nicht um ein Mädchen freien zu wollen, das ihm an äußeren Mitteln so weit überlegen war, und dem er in der Lage, in welcher er sich jetzt befand, noch weniger als früher eine heitere Existenz und eine sorgenfreie Zukunft bieten konnte.</p><p>Hille Vangerow selbst hatte einen großen Teil der beiden letzten Jahre im Kiekhause verlebt, mit Geduld und Ergebung die Zeit erwartend, wo der Friede in das Land und die Ruhe in ihr Gemüt zurückkehren werde. So war sie den beiden Verwandten an jedem Tage ein Trost, eine Freude und auch ein Sporn zur Zufriedenheit mehr gewesen, und nur ungern hatte man sie im April des Jahres 1815 wieder von Sassnitz scheiden sehen, wo sie erklärte, sie müsse jetzt nach Bakewitz wandern, um dort ihre eigenen Verhältnisse zu ordnen und zu lichten, da der Pächter des ererbtem Gutes die Absicht verraten habe, die Pacht aufzugeben, die mit dem Jahre 1815 abgelaufen war.</p><p>So finden wir denn die beiden Alten im Kiekhause, als Waldemar dahin zurückkehrte, allein, und mit offenen Armen empfingen sie ihn und hörten fröhlichen Herzens die Erzählungen mit an, die er ihnen von seinen Fahrten und Erlebnissen zuteil werden ließ. Erst mit ihm und dem Friedensfrühling, der ja zugleich mit ihm kam, war Freude und Behagen in das stille Häuschen eingezogen, die selbst die neuen, rasch am Horizont des Lebens vorüberfliegenden Vorgänge in Frankreich nicht trüben konnten. Als man nun aber vernahm, daß Rügen an Preußen gefallen sei, das durch seine großartige Erhebung und seine ruhmvollen Siege in der Meinung Europas wieder zu einer Großmacht herangewachsen war, da fühlte man sich gegen alle ferneren äußeren Stürme geschützt, und nur die kleinen inneren Kämpfe waren noch zu überwinden, die in dem engen Bereich der Familie, gleich drohenden Wölkchen am Horizont des Himmels, bald nach Waldemars Rückkehr auftauchten.</p><p>Nachdem dieser einige Tage im Hause seiner Eltern zugebracht und den Lauf der dortigen Verhältnisse mit zufriedenem Auge betrachtet hatte, fing es plötzlich an in seinem Innern zu gähren und zu treiben, wie wenn eine Schlacke sich in ihm abstoßen und sein im stillen nagender Kummer mit Gewalt seine Fesseln sprengen wolle. Alles um ihn her lachte und glänzte in heiterem Sonnenschein der Behaglichkeit 
      <a id="page97" name="page97" title="Snoopy64/gary"/> und Zufriedenheit, die Eltern waren glücklich, ihn bei sich zu haben, der Vater förderte seine wieder aufgenommene Arbeit auf dem Meere, am Strande, im Kreise seiner Untergebenen und Freunde, die Fischer verrichteten ihr Geschäft auf der See und die großen Schiffe der Engländer, Deutschen und Schweden durchfurchten rastlos die blaue Flut, die sich belebter zeigte, als sie seit Menschengedenken gewesen war. Auch das neu erworbene Vieh tummelte sich auf den so lange öde gelegenen Weiden, und so war alles wieder in das alte, gewohnte Geleise zurückgekehrt, das dem ruhig strebenden Menschen so wohltätig ist, wenn es mit Frieden und Zufriedenheit im Innern gepaart betreten wird.</p><p>Nur Waldemar selbst nahm an allen diesen Vorgängen sehr wenig teil. Er, der früher so gern unter Menschen geweilt, ihre Freuden durch Mitgenuß erhöht und ihr Weh durch ernsten Zuspruch gemildert hatte, floh jetzt, so oft es ging, den Verkehr mit denselben und zog sich in die Einsamkeit und in sich selbst zurück. Den glänzenden Rock seines kurzen schwedischen Kriegerlebens hatte er lange abgelegt und wieder seine gewöhnliche Seemannstracht hervorgeholt, um nicht etwas zu scheinen, was er seiner Meinung nach längst nicht mehr war. In dieser ihm bequemen und aus alter Gewohnheit lieb gewordenen Kleidung sah man ihn oft schon morgens früh das Kiekhaus verlassen und die einsamste Stelle des Waldes aufsuchen, wo er entweder auf einer Felskuppe saß, die hoch über das Meer emporragte und seiner sehnenden Seele einen weiten Spielraum gestattete, oder er begab sich tief in die nie erhellten Schatten der Stubnitz, wo er auf den moosbewachsenen Steinen ruhte, die seine Voreltern vor Jahrhunderten aufgestellt hatten, oder er schwärmte in den Gebüschen umher, die nur der Jäger und das flüchtige Tier des Waldes betrat, um vor den blutdürstigen Menschen, die ihm nur Unheil und Verderben bringen, Schutz zu suchen.</p><p>Wohin schaut er von dieser hohen Strandklippe aus? Nach Norden oder Süden? Denkt er an den lange ruhig schlummernden Freund im Norden oder an das holdselig gestaltete Mädchen im Süden, das ihm so oft seine aufopfernde Liebe bewiesen hat? Wohl möglich, daß er an beide denkt, indem er sich sagt: »Wenn Magnus am Leben geblieben wäre, hätte ich Mittel und Wege gefunden, das Mädchen zu gewinnen, welches der Stern meines Lebens geworden ist und das mich mit seinem blauen Auge verfolgt in den Träumen bei Nacht und in den Gedanken bei Tage! O, wie begreife ich jetzt, was ich bei Magnus nie begreifen konnte, daß ein solches Weib, wenn es mit der Seele des fühlenden Mannes 
      <a id="page98" name="page98" title="Snoopy64/gary"/> einmal verwachsen ist, sein ganzes Wesen erfüllt, jeden seiner Schritte begleitet und allen seinen Handlungen ein eigentümliches Gepräge aufdrückt, einen bestimmten Zweck und eine gewisse Absicht unterlegt. O, aber welch lähmender, demütigender Gedanke, daß nur ein anderer mir den Besitz dieser Hille verschaffen konnte, daß ich nicht selbst Mann genug war, den Platz an ihrer Seite zu gewinnen! Und doch ist es so. Alle meine Hoffnungen, die ich vor Jahren hegte, im Kampfe um das Wohl meines Vaterlandes mir eine Stellung zu erringen, die mir die Mittel böte, ein Haus zu gründen und Hille glücklich zu machen, find wieder vernichtet, seitdem der Friede in die Welt zurückgekehrt ist und alles mit Wonne, Zufriedenheit, Arbeit und Segen erfüllt. Wie gerne wollte ich auch arbeiten, streben, ringen, so weit meine Kräfte reichen, und meine Kräfte sind nicht gering, mit denen anderer Menschen verglichen, aber der Gedanke lähmt vor allen meine Zuversicht, daß es mir schwer werden dürfte, eine Stellung zu erobern, die derjenigen entspräche, die Hille in den Augen der Menschen einnimmt. Denn sie ist wohlhabend, im Besitz schöner Ländereien, von Haus und Hof. Das erobert selbst ein fleißiger und kluger Mann nicht im Sturmschritt, das wächst ihm nur langsam zu nach langer redlicher Arbeit, und bis es mir gelingt, Haus und Hof zu erwerben, sind wir alte Leute geworden, da ich ihr doch nicht zumuten kann, mit dem Erwerbe eines Seemanns zufrieden zu sein, der für geringen Lohn den Tag über im Dienste Fremder arbeitet. Nein, das paßt nicht für mich, ich muß au etwas anderes denken. Hätte ich nur einige Mittel, ich schaffte mir ein eigenes Schiff und führe damit übers Meer, um Schätze zu gewinnen, nicht um sie zu haben und darauf wie auf breiten Polstern zu ruhen, sondern um sie vor Hilles strahlenden Augen auszubreiten und ihr zu sagen: Sieh, schönes Mädchen von Sassnitz, das alles ist mein und du sollst es mit mir teilen, denn für dich allein hab' ich es redlich erworben.</p><p>O daß mein Herz von Jugend auf gewohnt ist der Liebe, die von außen hereinströmt und es erfüllt mit dem köstlichsten Gefühle, welches dem Menschen auf Erden zuteil ward! So lange ich Magnus hatte, entbehrte ich diese Liebe nicht, als er aber tot war und kalt an meiner Seite vor meinen strömenden Augen lag, da ward ich mir der Leere bewußt, die er in meinem Gemüte ließ, und alle meine Gedanken wandten sich auf sie hin, die jetzt der Inbegriff aller meiner Wünsche und Hoffnungen ist. Das ist nun schon beinahe fünf Jahre her. – und fünf Jahre irre ich suchend und hoffend in der Welt von einem Orte zum andern, und noch immer habe ich nicht 
      <a id="page99" name="page99" title="Snoopy64/gary"/> gefunden, was ich suchte, wonach ich spähte. Meine armen Eltern sind auch dabei zu beklagen. Sie sehen durch die Wandung meiner Brust und kennen die bittere Fülle, die mein Herz überquellen macht. Fast schäme ich mich vor ihnen, immer wieder abends an ihre Tür zu klopfen und von ihrem schwer erworbenen Brote zu zehren. Sie geben es mir zwar gern, ich weiß es, sie wünschen mir überhaupt das beste, aber helfen können sie mir ebensowenig, wie ich mir selber, obwohl ich manchmal denke, die Mutter trage ein Geheimnis für mich in sich, das, wenn sie es nur sagen wollte, mir zum Glücke verhelfen könnte. Aber beinahe errate ich, was das für ein Geheimnis ist. Geh hin zu Hille, sagt mir ihr mütterliches Auge, und bekenne ihr deine Neigung und wirb um sie, und Hille wird das Ihrige mit dir teilen, denn sie ist gut und brav und hat ein Gefühl für so treue Zuneigung. Ach ja, das glaube ich wohl, aber ich kann mich nicht zu diesem Entschlusse bezwingen, die Zunge würde mir ihre Dienste versagen, wollte ich sie zu solchem Geständnis nötigen. Und doch wird es Zeit, daß ich einen ernstlichen Schritt tue, oder ich muß mich wieder nach Schweden wenden, um noch einmal den mir angebotenen Dienst zu versuchen. Das wäre am Ende das klügste und soll heute, morgen und übermorgen bedacht werden, denn ich bin achtundzwanzig und Hille ist vierundzwanzig Jahre alt, es wird also Zeit, daß wir unsere Zukunft befestigen, sonst entschlüpft sie mir; geht mir aber auch Hille verloren, so habe ich nichts mehr auf dieser Welt, was mich reizt und spornt, und ich könnte mich ebensogut neben Magnus betten, den auch nichts reizte und spornte, seitdem ihm Gylfe abtrünnig geworden war.</p><p>Also Schweden! Hm! Ja, das muß bedacht werden. Heute will ich noch nicht mit den Eltern darüber reden, auch morgen und übermorgen noch nicht, aber dann werde ich selbst mit mir einig geworden sein und sie sollen mir ihren letzten Rat erteilen.</p><p>Mit solchen Gedanken trieb sich Waldemar eines Tages im Walde der Stubnitz um; er machte absichtlich weite Wege, um sich zu ermüden und des Nachts schlafen zu können, aber diese Gänge erhitzten und regten ihn mehr auf, als sie ihn abkühlten und beruhigten, es war, als ob seine physische Kraft zunehme, je mehr er die geistige in Tätigkeit setzte, und als ob er nicht mehr des wohltuenden Schlafes bedürfe, um sich zur Arbeit des nächsten Tages zu stärken und seine Hoffnungen von neuem aufleben zu lassen.</p><p>Seine Eltern, die, ohne mit ihm darüber zu sprechen, den ganzen Zwiespalt seiner Seele sahen und den innigsten 
      <a id="page100" name="page100" title="Snoopy64/gary"/> Anteil daran nahmen, wußten nicht, wie sie ihm raten und beistehen sollten. Wohl waren sie recht traurig, schüttelten die Köpfe und flüsterten leise untereinander, wenn sie allein waren, aber in seiner Gegenwart sprachen sie nichts, sondern warteten nur geduldig ihre Zeit ab, denn daß diese kommen und ihnen und ihm helfen würde, das wußten sie, da sie ihren Sohn kannten, dessen Tatkraft endlich einmal zum Durchbruch kommen mußte, wenn er lange genug nachgedacht und gegrübelt hatte.</p><p>So standen die Sachen, als Waldemar eines Nachmittags wiederum vom elterlichen Hause entfernt war und einen weiten Spaziergang am Jasmunder Oststrande entlang nach Stubbenkammer unternommen hatte, um eine Viertelstunde nördlich hinaus eine Meierei zu besuchen, die dem Grafen Brahe gehörte und auf der er eine Art Musterwirtschaft hatte einrichten lassen, um den Bewohnern des umliegenden Landes in der Bebauung der Felder und der Züchtung des Viehes mit gutem Beispiele voranzugehen. Waldemar hatte schon in früheren Jahren mit Magnus diesen Ort – Blankenau war sein Name – immer gern besucht und viele süße Erinnerungen seiner glücklichsten Jugendzeit knüpften sich daran, da namentlich dort die innige Freundschaft zwischen beiden jungen Männern sich entwickelt hatte oder zum Ausbruch gekommen war. Er lag hart am Meere auf dem hohen Strande, ungefähr an der Stelle, wo das Kreidefelslager in Lehm- und Sandformation überging, bot eine herrliche Aussicht auf das weite Meer, hatte herrliche Waldungen um sich her und Ackerland, Wiesen und Viehtrift, so schön, wie kaum das beste auf Wittow war. Dicht am hohen Ufer aber erhob sich das gräfliche Wohnhaus, nicht kostbar und reich, aber ungemein wohnlich und bequem eingerichtet, denn der alte Graf hatte es für sich und die Seinigen zum Sommeraufenthalt bestimmt, wenn er einmal längere Zeit auf seinen Gütern in Jasmund zubrachte und, von allem geräuschvollen Verkehr der Welt zurückgezogen, sich und der reizenden Natur leben wollte.</p><p>Kaum hatte Waldemar den Eltern seinen Entschluß ausgesprochen und ihnen Lebewohl gesagt, so sollte etwas im Hause geschehen, was weder er noch jene erwartet hatten, und was von der Vorsehung bestimmt war, einen gewaltigen Umschwung in ihren so trüben Verhältnissen herbeizuführen.</p><p>Der Strandvogt hatte eben sein Mittagsschläfchen begonnen, denn es war ein heißer Tag, und Mutter Ilske saß auf ihrem Stuhle am Fenster, besserte Wäsche aus, blickte zuweilen über die See und seufzte leiser oder lauter, je nachdem 
      <a id="page101" name="page101" title="Snoopy64/gary"/> ihre sorgende Seele bald mehr oder minder um das Wohl ihres Sohnes in Kümmernis verfiel.</p><p>In diesem Augenblick erklang im Garten vor dem Hause eine laute Stimme, welche die alte Trude nach etwas zu fragen schien. Bald daraus ward die Haustür geöffnet und ein schwerer Schritt näherte sich dem Wohnzimmer.</p><p>Mutter Ilske, die an diesem schweren Schritte einen der Lotsen vom Strande zu erkennen glaubte und ihren Mann nicht gern aus seiner gemütlichen Mittagsruhe stören lassen wollte, stand schnell vom Stuhle am Fenster auf und trippelte zur Tür, um den Besuch vom Wohnzimmer abzuwehren. Aber da lag schon eine feste Hand auf dem Drücker und drehte ihn so kräftig um, daß der Schläfer erwachte und erschrocken emporfuhr, Mutter Ilske dagegen erzürnt dem so heftig Eindringenden entgegentrat, um ihm seine Störung zu so ungelegener Zeit, ernstlich zu verweisen. Aber wie betroffen fuhr sie zurück und mit wie großen Augen starrte der Strandvogt diesem Besuche entgegen, als er nun in ganzer Person über die Schwelle trat und dabei seine riesige Gestalt tief beugen mußte, um den kahlen Schädel nicht an den Türpfosten zu stoßen.</p><p>»Adam Sturleson!« riefen die beiden Alten in einem Atem und sprangen dem lieben und so lange nicht gesehenen Verwandten mit freudig bewegtem Herzen entgegen.</p><p>»Ja, Adam Sturleson, der alte Schwede aus Pulitz ist es selber, Base Ilske und Vetter Granzow!« rief der brave alte Pächter und streckte seine Hände dem Ehepaar entgegen. »Grüß Euch Gott, Kinder, da bin ich, mit Haut und Haaren, wie mich der Schöpfer erschaffen hat, und ich komme mit einem Gruß von meiner Alten, um einmal zu sehen, wie es bei Euch steht und geht, nachdem wir den Frieden wieder haben, und anzufragen, ob Euch der lange Krieg auch keine ernstliche Beule geschlagen hat und Ihr guten Mutes und Gott vertrauenden Herzens seid? Heda, alter Knabe Granzow, ich sehe es, Ihr seid ja noch ganz wohl aufgetakelt, und Ihr, Frau Base, habt Euch gewiß mit dem französischen Firlefanz vor dem großen Spiegel da die Wangen bemalt, denn, straf mich Gott, wenn wir beide noch ledig wären, könnte ich mich verlieben in Euch, so jungwangig und strotzig seht Ihr aus!«</p><p>Die beiden Bewohner des Kiekhauses lächelten sich freudig an bei diesem Gruße, denn sie waren es schon gewohnt, den alten Freund so heiter sprechen und scherzen zu hören, und sahen ein, daß er unter allen Gefahren und Beschwerden 
      <a id="page102" name="page102" title="Snoopy64/gary"/> der vergangenen Zeit noch ganz der Alte geblieben war.</p><p>Nachdem nun aber der alte Schwede auf dem bequemsten Sitze im Zimmer Platz genommen und der wieder heimisch gewordene Kaffee in alter Fülle aufgetragen war, goß Mutter Ilske rasch die altmodischen Tassen mit dem dampfenden Getränke voll, und dann saßen sie alle drei beieinander und erzählten sich des breiten und langen, was ihnen die Zeit hindurch begegnet war, seitdem sie sich zum letzten Male gesehen hatten, was vor ungefähr anderthalb Jahren geschehen, als Waldemar noch auf dem Schwedenschiffe diente. Sehr bald war daher Vetter Sturleson mit dem allgemeinen Gange der Dinge im Kiekhause vertraut, und er hörte mit Ruhe zu, bis die gute Base mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war; dann aber sah man ihm an, daß er mit seinen Gedanken vorwärts eilte, da ihm offenbar noch ein andrer Zweck, als der des bloßen verwandtschaftlichen Besuches auf der Seele brannte.</p><p>»Nun ja,« sagte er zum Schluß, »da habt Ihr mich also wieder, nachdem wir mit Gottes Hilfe den Frieden erlangt, nach welchem wir so lange geseufzt, und ich hoffe, nun werden wir uns wieder öfter besuchen, da keiner von uns mehr wie ein Knecht eines unerwünschten Herrn an sein Haus gebunden ist. Ja, Kinder, den großen Kaiser von Frankreich werden wir nun mit seinen Schelmen von Marschällen und Trabanten so wenig wiedersehen, wie ich meinen kleinen Kaiser von Pulitz wiedergesehen habe, denn den ersten haben sie 
      <i>auf</i> eine und den letzten 
      <i>um</i> eine Insel gebracht, die beide vorher nicht im Traume erblickt hatten. Das ist der Humor davon, und so ist nun einmal der Welt Lauf. Ha, ja, was waren das für Zeiten, die nun endlich hinter uns liegen! Wie ist da alles drunter und drüber gegangen, und was haben wir kleinen Leute im Herzen erduldet! Hol' mich der Geier, es stand arg mit der Welt, die Großen haben diesmal auch ihr Teil abgekriegt, und die Erde hing nur noch an einem einzigen Faden im Weltenraume, und wenn der gerissen wäre – gewackelt und gekracht hat er schon – dann wären wir alle im leeren Räume herumgezappelt und hätten mit den Vögeln um die Wette fliegen oder mit den Fischen um die Wette schwimmen können! Na, 
      <i>die</i> Furcht sind wir nun los und noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Meine hohe Pacht habe ich auch nur bis Anno Zwölf bezahlt, da nahm der Schwedenkönig Pulitz wieder in Besitz, und der rotnasige Burgunderkaiser hat nichts wieder von sich hören 
      <a id="page103" name="page103" title="Snoopy64/gary"/> lassen. Gott hab' ihn selig! Er hat mir doch eigentlich mehr Spaß als Verdruß gemacht!«</p><p>»Den Wald von Pulitz abgerechnet!« schaltete der Strandvogt mit bedeutsam aufgehobenem Finger ein.</p><p>»Vetter!« rief der alte Schwede entflammt. »Was war das für ein Wort! Von meinem Walde sprecht mir nicht, sonst krampfen sich meine Eingeweide zusammen, und meine Fäuste ballen sich, als wollten sie alles rings umher in Scherben schlagen. Nein, davon schweigt mir, wenn Ihr mich bei guter Laune erhalten wollt, laßt mich lieber von Euerm Sohne Waldemar hören, dem ich nun auch so lange nicht mehr die Hand geschüttelt habe. Ha, was macht der Junge, nachdem ihm sein Freund, der blasse Graf, abhanden gekommen ist? Ich wundere mich schon lange, daß ich ihn nicht sehe, und doch soll er wieder hier sein, wie man mir gesagt hat.«</p><p>Mutter Ilske stieß einen leisen Seufzer aus, und der Strandvogt kraute sich mit verblüfftem Gesicht hinter den Ohren, als besänne er sich, was er darauf erwidern sollte.</p><p>»Nun,« fing der alte Schwede wieder an, als die beiden Alten verlegen schwiegen und sich fragend anblickten, »Ihr sprecht ja nicht und seht Euch so verdutzt an. Ihm ist doch kein Unglück begegnet? Das sollte mir leid tun, denn ich habe den Jungen so lieb, wie mein eigenes Fleisch, – wie ich es wenigstens haben würde, meine ich, wenn mich Gott damit gesegnet hätte. Nun, wird's bald mit der Antwort?«</p><p>»Ach, Vetter!« erwiderte die Mutter mit trübseligem Gesicht, »mit unserem Waldemar geht es uns beinahe wie Euch mit Eurem Walde – verzeiht, daß ich Euch noch einmal daran erinnere.«</p><p>»Was? Er ist Euch doch nicht gefällt? Das verhüte Gott!«</p><p>»Nein, nein doch!« rief der Alte, mit komischer Grimmgeberde gegen seine Frau hantierend. »Die Alte spricht, glaube ich, vor Freuden unklug, weil sie Euch so unverhofft sieht und Ihr ihr eine so schöne Schmeichelei gesagt habt, die Euch gewiß der Franzose mit der Burgundernase beigebracht. Aber mit meinem Jungen, Sturleson, ist es allerdings nicht richtig, er läuft mit gesenkten Ohren mehr im Walde umher, als die Hasen der Stubnitz, und kann das warme Nest nicht finden, wo er sich gern niederlegen und ruhen möchte von der erlebten Angst und Not.«</p><p>»So – ah! Also so steht die Sache! Und Hille, wo ist denn die?«</p><p>»In Bakewitz, wo sie immer war, wenn sie nicht bei uns lebte,« sagte die Mutter seufzend.</p><p><a id="page104" name="page104" title="Snoopy64/quiltleser"/> »In Bakewitz! So, so! Und der Junge ist noch nicht bei ihr gewesen, wie? Und hat ihr noch nicht sein Herz und seine Hand angetragen, he? Hab' ich recht oder unrecht?«</p><p>»Ihr habt sehr recht, Vetter,« erwiderte Mutter Ilske, »denn er ist noch nicht bei ihr gewesen, und das ist eben unser Kummer, da wir ihn doch nicht mit Gewalt hinschicken können. Ach, hätte er sie erst einmal besucht, so würde er, ich weiß es gewiß, mit freudigem Gesichte wiederkommen, und das Nest wäre gefunden und sein unstätes Umhertreiben würde ein Ende haben, wie der Wind, der sich immer einmal wieder beruhigt, wenn er eine Zeitlang stürmisch genug geweht hat. Aber dahin ist er nicht mit Güte zu bringen. Er hält es in seinem edlen Herzen für eine Schande, um ein Mädchen zu freien, das ein Gut hat und reich ist, wogegen er ihr nichts bieten kann, als seine starke Hand und sein redliches Herz.«</p><p>»Oho! So, so!« sagte der alte Schwede schmunzelnd und durch die Zähne pfeifend. »Bläst der Wind aus der Richtung! Haha, das ist zum Lachen! Nun freilich ist mir alles klar. Also hier ist Krieg, noch immer Krieg, wo rings herum schon Friede ist! Soll das etwa die Feier sein, die das ganze Land begeht, daß es nun endlich zu Deutschland gekommen, wohin es von Gottes und Rechts wegen gehört, und was es so lange gewünscht hat? Halloh, auf Euern Posten, Kinder! ›Old England erwartet, daß jedermann seine Schuldigkeit tue,‹ hat Nelson bei Trafalgar gesagt, und Euer Junge hat wacker mit ihm gefochten und damals auch seine Schuldigkeit getan. So soll er sie jetzt auch tun, dafür laßt den alten Schweden sorgen. Ha! Wie ist mir denn mit einem Male so spaßhaft zu Mute! Der herrlichste Wind bläst mein ganzes Schönfahrsegel auf, und alle Wimpel flattern, daß es eine Lust ist. Juchhei! Donner und Wetter! Was kommt mir da für ein verteufelt hübscher Gedanke!«</p><p>Und er stand auf und ging eine Weile mit langen und dröhnenden Schritten im Zimmer auf und ab, lächelte dazwischen heiter, und dann stieß er plötzlich einen fürchterlichen schwedischen Fluch aus, ergriff den Strandvogt, der ihm zunächst stand, am Arme und sagte mit scherzhaft flüsternder Stimme, als ob die Wände nicht einmal hören sollten, was er sprach:</p><p>»Hört mal, Vetter, ich wollte erst bis morgen oder übermorgen bei Euch bleiben und mir das Herz rein sprechen von allem, was ich für Euch darin gesammelt, und es war ein bißchen viel, denke ich. Nun aber habe ich mich anders besonnen und werde Euch in einer Stunde etwa verlassen. Oder 
      <a id="page105" name="page105" title="Snoopy64/gary"/> denkt Ihr, daß der Junge noch früher von seinem Gange heimkehrt?«</p><p>»O nein, o nein,« erwiderte seufzend der Vater, »der kommt nicht vor sinkender Nacht, denn das ist so seine unglückliche Gewohnheit jetzt.«</p><p>»So, so, ja, ja! Dann habe ich auch noch eine Stunde länger Zeit. Aber hört, sagt ihm heute abend, wenn er kommt, kein Wort, daß ich hier gewesen bin, noch weniger, wovon wir gesprochen haben. Ich will einmal meine Siebenmeilenstiefel anziehen und noch heute nach Mönchgut wandern, um zu sehen, wie in dem warmen Neste da die Sachen stehen.«</p><p>»Nach Mönchgut? Was wollt Ihr denn da machen, Vetter?«</p><p>»Ei, das werdet Ihr schon erfahren, wenn es an der Zeit ist. Ich kam, um es Euch offen zu sagen, nicht um Euch allein hierher, auch Euern Waldemar wollt' ich sprechen und ihm ein Wörtchen ins Ohr flüstern, was ihm vielleicht angenehm geklungen hätte. Aber nun, da ich sehe, wie es in ihm blitzt und donnert, will ich mir einmal einen Spaß mit ihm machen, einen Spaß, Donner und Wetter! wie er gut tut nach so langer Sorge und Not. Ihr werdet es erleben, das wird helfen, und der Sturm in ihm wird sich zur sanftesten Brise legen, sein schönes Schiff wird wieder unter vollem Winde segeln, und er soll Euch eine Freude machen, wie ich mir selber eine machen will. So soll sich der alte Schwede bewahren, wie er sich immer bewährt hat, und Ihr sollt mir nicht sagen, daß ich Euer Haus über das meinige vergessen habe.«</p><p>Die beiden Alten blickten ganz verwundert sich und den Vater Sturleson an, dessen Gesicht einen wahrhaft triumphierenden Ausdruck angenommen hatte und dessen Auge blitzte, wie es ehemals in den nordischen Schlachten mochte geblitzt haben. So viel sie aber auch in ihn drangen und seine Absicht zu erfahren trachteten, er war und blieb undurchdringlich wie eine bombenfeste Mauer, und nachdem er sich noch weidlich an den nahrhaften Speisen erquickt, die man ihm vorgesetzt, zog er, wie er sagte, seine Siebenmeilenstiefel an, das heißt, er schüttelte den beiden Alten die Hände, daß ihre Gelenke krachten, und schritt mit einem heimlichen Lächeln davon, als wüßte er vorher, daß er nur ein leichtes Stück Arbeit vor sich habe.</p><p>Der Strandvogt und Mütter Ilske aber blieben in einer ungewöhnlichen Aufregung zurück, da sie sich auf keine Weise das Vorhaben des alten Freundes erklären konnten, mochten 
      <a id="page106" name="page106" title="Snoopy64/gary"/> sie auch noch so viel darüber hin- und herdenken. Aus diesem Grunde waren sie auch nur wenig geneigt, mit Waldemar heute noch zu reden, als dieser am späten Abend von seinem Ausfluge heimkehrte, schweigsam wie immer sein Abendbrot verzehrte und nach wenigen Worten die guten Alten verließ, um auf seine Kammer zu gehen, die im östlichen Giebelraume lag und die entgegengesetzte Seite des Hauses einnahm,, die sonst Hille bei ihrer Anwesenheit im Kiekhause bewohnt hatte. 
      <a id="page107" name="page107" title="Snoopy64/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap008"><h3>Achtes Kapitel.</h3><h4>Mönchguter Jagd.</h4><p>Waldemar war, wie gesagt, spät am Abend und wortkarger denn je nach Hause gekommen, diesmal aber nicht so wohl, weil er wieder ohne Unterlaß seinen alten Wünschen nachgehangen, sondern weil er überhaupt einen bewegten Tag verlebt hatte, der ihn zuerst in die Erinnerung seiner glücklichsten Jugendzeit zurückgeführt und dann, wie der Gegensatz bei dergleichen Gedanken nie ausbleibt, die ganze Hoffnungslosigkeit seiner Zukunft hatte überschauen lassen. Schon der Spaziergang am hohen Klippenstrande von Jasmund entlang, von Sassnitz bis über Stubbenkammer hinaus, hatte sein für Naturschönheiten so empfängliches Herz in eine ungewöhnliche Wallung versetzt. Das herrliche Wetter der lieblichsten Jahreszeit, die blühende Natur, der über dem blauen Meere golden blinkende Sonnenschein, der hunderte von Segeln beleuchtete, die seine kleine Heimat umschwärmten und nach Weltgegenden steuerten, hatte eine unglaubliche Sehnsucht nach einem auch innerlich so wohltuenden Zustande in ihm erweckt, denn ein denkender und zugleich gefühlvoller Mensch liebt es nicht allein, sondern hegt auch das Bedürfnis, seine Seele stets in harmonischen Einklang mit den Erscheinungen der Außenwelt zu setzen, und gewöhnlich ruft diese, wenn sie schön ist, das Innere zur Freude wach, nicht selten aber auch erweckt der Gegensatz die traurigste Stimmung, wenn das Herz des Menschen von heißen und schwer erreichbaren Wünschen überfüllt ist, wie es das unseres wackeren Freundes war.</p><p>Als er nun aber über Stubbenkammer hinausgekommen war, die düstere Stubnitz hinter sich gelassen und die anmutige nordöstliche Landschaft von Jasmund erreicht hatte, 
      <a id="page108" name="page108" title="Snoopy64/gary"/> auf deren schönstem Punkte die Meierei Blankenau mit ihren belebten Viehhöfen, ihren in regelmäßigen Linien gepflanzten Waldungen und den schon in goldener Frucht stehenden Ackerfeldern lag, als er alles in blühendster Frische und nirgends mehr eine Spur der auf anderen Stellen der Insel so sichtbaren Verwüstung aus den vergangenen Kriegsjahren fand, da tauchte vor seinem rückwärts schauenden Blicken die liebliche Jugendzeit auf, die mit ihren unbezahlbaren Freuden und unvergänglichen Eindrücken, wenn sie uns in geeigneter Zeit vor die Seele treten, wohl dazu angetan ist, ein sanftes und reizbares Gemüt mit linder Wehmut, aber auch mit lebensvollen Wünschen zu füllen.</p><p>Als er nun aber die inneren Räume des behaglichen und stets in Ordnung gehaltenen Wohnhauses betreten und auch hier alles in glänzender Frische gefunden hatte, als wäre es eben erst aus den Händen des Baumeisters hervorgegangen, da war ihm wie nie der ungeheure Unterschied zum Bewußtsein gekommen, der zwischen einem begüterten und einem mittellosen Mann besteht, und der Vorzug, den jener genießt, erschien ihm als ein beneidenswertes Glück, das nur wenigen Menschen auf dieser Erde beschieden ist und von diesen wenigen nicht einmal immer auf die rechte Weise beherzigt und genossen wird.</p><p>Er war durch das ganze Gehöft geschritten, ohne den jungen Verwalter anzutreffen, der als eheloser Mann ein bescheidenes, von dem Herrenhause abgesondertes Häuschen bewohnte, und nach ihm fragend, hatte er die Antwort erhalten, er sei nach dem Strande hinabgestiegen, um die Felssteine malerisch zu ordnen, die der Zufall dort aufgehäuft, und die, wild und wüst durcheinander geworfen, dem mit reicher Vegetation bedeckten Uferabhange ein unholdes Ansehen gaben, das mit der übrigen Symmetrie der Musterwirtschaft nicht recht stimmen wollte.</p><p>So suchte er den fleißigen Mann denn auch hier auf und fand ihn bei einer Arbeit, der er, mehr zur Befriedigung seines eigenen Schönheitssinnes als um den Anforderungen des Gutsherrn zu genügen, alle Tage einige Stunden widmete. Er war damit beschäftigt, eine bequeme Treppenstiege nach dem Außenstrande anzubringen und so das Gut selbst mit dem Meere in unmittelbare Verbindung zu setzen, an den Seiten dieser Stiege aber in gefälligen Gruppen junge Edeltannen zu pflanzen und dazwischen mit Moos bewachsene Steine aufzustellen, die dem ganzen das Ansehen einer planmäßigen Anlage gaben, ohne ihm die wohltuende Physiognomie einer von selbst entstandenen Naturschöpfung zu nehmen. 
      <a id="page109" name="page109" title="Snoopy64/gary"/> Waldemar war von diesem Unternehmen wahrhaft entzückt und mit innerer Genugtuung bemühte er sich, auf die Ideen des geschickten Mannes einzugehen und ihn zur Ausführung seiner weiteren Pläne auf jede Weise zu ermuntern. Ach, wenn er in diesem Augenblick seinen lieben Magnus zur Seite gehabt hätte, für den der gütige Vater alle diese Neuerungen ins Leben gerufen, wie glücklich würde er sich dann gefühlt haben und wie würde dann auch der andere Kummer leichter zu ertragen gewesen sein, der außerdem noch auf seinen Schultern lastete!</p><p>Mit solchen ihn durch und durch erschütternden Gedanken nahm er am Abend Abschied von dem Verwalter, das Versprechen hinterlassend, in den nächsten Tagen wiederzukehren und auch die Verbesserungen auf den Feldern und in den Wäldern in Augenschein zu nehmen, die er seit der Anwesenheit der Franzosen eingeführt, die zwar auch hier zeitweise ihr Unwesen getrieben, aber infolge einer guten Bewirtung keine übertriebenen Anforderungen geltend gemacht hatten. Auf dein ganzen Heimwege schwebte ihm nun das an diesem Tage Erlebte und Genossene vor und selbst zu Hause noch, als er schon lange wieder unter den Eindrücken des engen Haushalts seiner Eltern sich befand, tauchten wie mit linder Schmeichelei die reizenden Gebilde von Blankenau vor ihm auf. –</p><p>Der nächste Tag kam und wieder war es ein klarer windstiller Sommertag, wie sie auf Rügen nur selten in anhaltender Reihe wahrgenommen werden. Am Morgen war Waldemar am Sassnitzer Strande gewesen, um an dem Boote mit arbeiten zu helfen, welches er von einigen Schiffern, die das Handwerk eines Schiffszimmermeisters aus dem Grunde verstanden, für sich selbst herstellen ließ. Nach Tisch war er etwas länger im Hause geblieben und hatte seinen Eltern von der Meierei des Grafen erzählt und ihnen das allgemeine und einzelne mit treuen Zügen vor Augen geführt. So anhaltend wie diesmal hatten ihn die guten Alten lange nicht sprechen gehört, und als er sich endlich zu einem weiteren Ausfluge anschickte und mit herzlichem Gruße das Kiekhaus verließ, sagte Mutter Ilseke zum Strandvogt: »Na, Daniel, er fängt ja an, wieder Anteil an den Sorgen und Freuden der Leute zu nehmen, er ist also auf gutem Wege. Hoffen wir denn auch das beste und reden wir ihm freundlich zu, es wird am Ende noch Alles besser geraten, als wir so oft schon gefürchtet haben.«</p><p>»Na, nur nicht zu früh frohlockt!« mahnte der ernstere Strandvogt, »es kann auch eine Laune sein, die ihn einmal 
      <a id="page110" name="page110" title="Snoopy64/gary"/> zufällig angelächelt hat. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber der Spaß den der alte Schwede vorhat und den ich nicht ergründen kann, wie sehr ich mir auch darüber den Kopf zerbreche, hilft am Ende mehr als alles übrige. Gib mir doch meinen Hut dort herunter, Ilske, ich will einmal den Strand beschreiten und nach dem Rechten sehen. Die gute Jahreszeit muß man nutzen, damit die schlechte uns gerüstet findet.«</p><p>Mutter Ilske langte den Hut und reichte ihn dem biederen Mann dar, wie sie es seit vielen Jahren zu tun gewohnt war, wenn er einen Ausgang beabsichtigte. Bald darauf hatte er das Kiekhaus verlassen und wanderte am Strande auf und ab, mit diesem und jenem der Bewohner von Sassnitz redend, wie er ihm nun durch Zufall in den Weg geführt ward.</p><p>Mutter Ilske aber blieb allein bei ihrer häuslichen Arbeit zurück, die sie auf ihrem gewöhnlichen Platze am Fenster verrichtete und hegte dabei schon wieder neue Hoffnung, wie sie das leicht bewegliche Frauenherz glücklicherweise so oft überströmt. Da ward sie aus ihren Gedanken durch lautes Klopfen an die Haustür gerissen, und als Trude, die im Garten auf der Strandseite arbeitete, nicht gleich herbeieilte, um den Kommenden einzulassen, stand Mutter Ilske selbst von ihrem Stuhle auf, um nachzusehen, wer da sei.</p><p>Zu ihrer Verwunderung sah sie den Landpostboten vor sich stehen, der ihr einen ziemlich großen Brief überreichte und dafür die kleine Münze in Empfang nahm, die er zu beanspruchen hatte. Mutter Ilske goß ein Glas Milch ein und gab sie dem Boten zu trinken, denn es war heiß, und der Mann war von dem weiten Gange erhitzt. Als er das Gebotene mit Dank genossen, und wieder fortgegangen war, trat die alte Hausfrau in ihr Zimmer zurück und setzte sich nach alter Gewohnheit auf ihren Stuhl, immer noch den Brief in der Hand haltend, den sie von allen Seiten betrachtete und dessen Aufschrift sie wohl zehnmal las.</p><p>»Was mag wohl in diesem Briefe stehen,« sagte sie mit jener verzeihlichen Neugier, die schon Millionen Menschen mit ihr empfunden haben, »er ist an Waldemar Granzow gerichtet und kommt aus Stockholm. Aus Stockholm! Das ist weit her, und er ist gewiß von einem alten Kameraden zur See an meinen Sohn geschrieben. Doch halt – nein, was seh' ich denn da – da hab' ich ja beinahe die Hauptsache außer Acht gelassen –« und sie drehte ihn herum und blickte auf das rote Siegel hin, das mit einem schönen Wappen bedruckt war. »Bei Gott,« fuhr sie erregt fort, »seh' ich recht? Ist das nicht das Brahesche Wappen? Ha, der Brief 
      <a id="page111" name="page111" title="Snoopy64/woldemar"/> ist gewiß von dem Grafen selber! Nun, dann bringt er nur etwas Gutes, das kann man sich denken, und Waldemar wird sich unendlich freuen, endlich einmal von dem alten Herrn etwas zu vernehmen, der so lange nichts hat von sich hören lassen. Ha! da fällt mir ein, morgen ist Sonntag, und ich wollte zur Kirche nach Sagard gehen. An einem solchen Tage kann man sich nicht genug freuen, und ich werde den Brief erst morgen früh beim Kaffeetrinken auf Waldemars Platz legen. Da findet er ihn, und wenn was Gutes darin ist, wie ich hoffe, so freut er sich den ganzen Tag. Ja, ja, so soll es sein, und dem Alten sage ich auch nichts davon. Dem Jungen nun schon gar nicht. Denn wenn er wie gewöhnlich spät nach Hause kommt, ist er ermüdet und geht gern gleich auf seine Kammer. Was nun auch darin enthalten ist, Gutes oder Schlimmes, er könnte nicht davor schlafen, und junge Leute bedürfen ebenso gut der Nachtruhe, wie wir Alten. Ja! So ist es abgemacht – weg damit in die Kommode – nun liegt er darin, und keiner soll mir erraten, was für eine Überraschung ich auf morgen habe.«</p><p>Wie sie sagte, so tat sie es, und bald war der Brief in der Kommode unter Hauben und Kragen versteckt, und sie saß wieder am Fenster, diesmal ein Geheimnis mehr auf ihrer Seele als früher, und hoffentlich ein recht angenehmes, wie sie sich immer mehr einredete.</p><p>+++</p><p>Waldemar kam diesen Abend noch später als gewöhnlich nach Hause und erzählte den Eltern, die schon lange ihr Abendbrot verzehrt, daß er auf der Försterei Werder in der Stubnitz gewesen sei und der Ausgrabung eines Hünengrabes beigewohnt habe, was man schon lange beabsichtigt, aber wegen der Anwesenheit der räuberischen Franzosen immer hinausgeschoben hatte. Man war diesmal sehr glücklich gewesen und hatte eine Menge wohlerhaltener Waffen gefunden, die man der Sammlung des Grafen Brahe einverleiben wollte, da sie auf seinem Grund und Boden ausgescharrt worden waren. Der Strandvogt, der ebensowenig wie sein Sohn dergleichen Umwühlungen des vaterländischen Bodens liebte, brummte etwas Unverständliches vor sich hin und gab seinen Wunsch zu erkennen, zur Ruhe zu gehen, da er den Tag über viel in der freien Luft gewesen war und sich ermüdet fühlte. Mutter Ilske stimmte ihm bei, und so zog sich das alte Paar in sein Schlafgemach zurück, das von Waldemars Wohnung ziemlich entfernt und auf der entgegengesetzten Seite des Hauses lag. Auch dieser verließ bald darauf 
      <a id="page112" name="page112" title="Snoopy64/gary"/> das Wohnzimmer und bestieg sein Giebelstübchen, fühlte aber durchaus noch keine Neigung zum Schlafen und legte sich daher in sein kleines Fenster, um den Lauf der Gestirne zu beobachten, die an diesem windstillen Abend wunderbar klar am Himmel glänzten und mit lieblichem Wiederschein sich in der ruhig wallenden See spiegelten.</p><p>Je mehr Waldemar sich in den Anblick dieses herrlichen Nachtbildes vertiefte und mit stillem Behagen dem rauschenden Pulsschlage der Brandung lauschte, um so sanfter ward seine Stimmung und um so empfänglicher sein Sinn für die unnennbar süße Melodie, die das kosende Wellenspiel in so friedlicher Nacht hören läßt, und jedes Menschen Herz mit linder Wehmut und schwellender Sehnsucht füllt. Ach, und sein Herz war in dieser Zeit für dergleichen Empfindungen nur zu weit geöffnet, es war leicht zugänglich für alle menschlichen Gefühle und nahm mit ganzer Hingabe alle von außen andringenden Regungen auf.</p><p>Was er in diesem Augenblick fühlte und dachte, wir brauchen es nicht mehr zu erörtern, denn wir kennen seine Wünsche und Hoffnungen! – wie es aber kam, daß er sich jetzt weniger unglücklich als an den Abenden zuvor fühlte, das wissen wir ebensowenig, wie er selbst es wußte, denn wer begreift, wer errät, wer entziffert die Ursache des Ebbens und Flutens der menschlichen Seele, die heute wie ein ruhiger Bach sanft dahinfließt und morgen wie ein jähzorniger Strom voll heftiger Leidenschaft über alle Schranken und Hindernisse fortstürzt?</p><p>Es mochte etwa elf Uhr sein, und die alten Leute waren schon lange in den festesten Schlaf gesunken, als Waldemar endlich das Fenster verließ, um sein Lager aufzusuchen. Eben hatte er jenes geschlossen und dies geöffnet, als er zu hören glaubte, daß jemand das Gattertor des Gärtchens in Bewegung setze und in den grünen Raum eintrete, der rings das Kiekhaus umgab.</p><p>Im Begriff, sich zu entkleiden, hielt er inne und neigte sein Ohr dem Fenster zu. Da erschrak er, denn ein hoch erhobener Stab pochte leise an dieses Fenster, als wolle man ihn dadurch bewegen, dasselbe zu öffnen. Waldemar zog den Rock wieder an, den er schon abgeworfen hatte, und trat an das Fenster, um in den Garten hinunter zu blicken, allein im ersten Augenblick sah er niemanden. Als er es jedoch geöffnet hatte und sich hinausbeugte, nahm er in der sternenklaren Nacht die Gestalt eines großen Mannes wahr, der dicht unter dem Fenster stand und infolge seiner Länge und mit Hilfe seines Stockes bis zu ihm empor hatte reichen können.</p><p><a id="page113" name="page113" title="Snoopy64/gary"/> Waldemar war über diesen seltsamen Besuch nicht wenig verwundert und, um alles Geräusch zu vermeiden, fragte er mit leiser Stimme hinunter: »Wer ist da, und was wollt Ihr?«</p><p>Da antwortete eine tiefe und nur mit Mühe ihre natürliche Kraft dämpfende Stimme von unten her: »Ich bin es, Waldemar Granzow, kennst du mich nicht?«</p><p>»Wie!« rief der Angeredete, in der Tat erschrocken, denn die Stimme kam ihm bekannt vor und weckte ein lange nicht vernommenes Echo in seiner Brust. »Wer seid Ihr, ich sehe es nicht genau und kenne Euch nicht recht.«</p><p>»So will ich es denn sagen, wer ich bin, wenn du mich nicht kennst. Ich bin deines Vaters und deiner Mutter Vetter, Adam Sturleson mit Namen, und wohne auf Pulitz; im gewöhnlichen Leben aber nennt man mich den alten Schweden, was mich nicht im geringsten verdrießt, denn alt bin ich fürwahr und ein ehrlicher Schwede auch!«</p><p>Waldemar zitterte vor Freude, und kaum hatte er so viel Geduld, den alten Freund aussprechen zu lassen, der seltsamerweise heute in einem wunderbar gemessenen und förmlichen Pathos sprach. »Sturleson!« rief er etwas lauter als zuvor, »teurer Ohm, wie, du bist es? O, wie freue ich mich, dich hier zu sehen. Aber warum kommst du so spät? Warte einen Augenblicks ich will dir sogleich das Haus öffnen, damit du eintreten kannst.«</p><p>»Halt, junger Mann, es ist meine Absicht nicht, so spät in deines Vaters Haus zu treten, denn ich will niemanden stören und nur dich allein sprechen, da ich einen Gruß und eine Bestellung an dich auszurichten habe.«</p><p>»Mich allein willst du sprechen? Und einen Gruß und eine Bestellung hast du an mich? Wie soll ich das verstehen?« rief Waldemar hinab, und seine Stimme zitterte unwillkürlich, als er dies sagte.</p><p>»Ja,« erwiderte der alte Schwede im tiefsten Baß und nickte sichtbar mit seinem weißen Kopfe.</p><p>»So sprich, was führt dich hierher, alter und teurer Freund?«</p><p>»Ich komme aus Mönchgut, von Bakewitz her, und Hille Vangerow ist es, die mich schickt, denn sie ist meiner Frau Talke Nichte, und ich bin also auch ihr Ohm, wie ich der deinige bin.«</p><p>Waldemar glaubte seine Sinne schwinden zu fühlen, als er dies hörte. Das Firmament mit allen Sternen tanzte wie im Wirbelgewoge vor ihm hin und her, und es dauerte eine 
      <a id="page114" name="page114" title="Snoopy64/gary"/> geraume Zeit, ehe er sich so weit fassen konnte, daß er weiter zu reden vermochte.</p><p>»Von Hille Vangerow kommst du? Es ist wohl nicht möglich! Aber was bringst du zu so ungewöhnlicher Zeit, und was will sie von mir?«</p><p>»Die Zeit, in der ich komme, ist die rechte, und was ich bringe, sollst du sogleich hören. Hille ist ein echtes Mönchguter Kind und achtet die Rechte und Sitten, die ihre Väter seit undenklichen Zeiten ihr überliefert haben. So macht sie denn Gebrauch von dem, was ihr zusteht, und sie hat mich zu ihrem vertrauten Sendboten erwählt, den sie an dich, ihren Liebling, schickt.«</p><p>»Gott im Himmel, Sturleson!« brachte Waldemar stammelnd hervor – »was will sie von mir?«</p><p>»Sie begehrt dich zum Manne, Waldemar Granzow, und trägt dir Herz und Hand, Haus und Hof zum Besitz Zeit Lebens an. Du allein sollst ihr Herr, und sie will dein treues Eheweib sein, wie es Gott angenehm und den Menschen eine Notwendigkeit ist, und keiner soll zwischen Euch treten, wenn Ihr beide einig seid, und sie will glücklich mit dir leben und dich auch glücklich mit ihrer Person machen, wenn du ihren Antrag annimmst.«</p><p>Waldemar hatte keine Worte mehr. Er rang die Hände wie in Verzweiflung, und doch war er nie glücklicher gewesen als in diesem Augenblick.</p><p>»Sturleson, Ohm,« rief er endlich hinab – »sprichst du wahr? Täuschest du mich nicht?«</p><p>Der alte Schwede würgte einen unverständlichen Fluch hinab, schüttelte den Kopf und legte die rechte Hand auf sein Herz. »Wenn ich es dir sage, Junge,« sagte er mit natürlicher Stimme, »so kannst du es schon glauben. Hast du mich je eine verdammte Lüge sprechen hören?«</p><p>Waldemar war überzeugt; o, wer wäre es nicht an seiner Stelle gewesen, da ihm hier nur aus freien Stücken angeboten wurde, was er schon seit langer Zeit mit allen Wünschen seiner Seele erstrebt und doch nie zu fordern gewagt hatte.</p><p>»Komm herein, Ohm, ich bitte dich darum,« bat er mit weicher Stimme. »O, ich habe so viel mit dir zu reden und nach hundert verschiedenen Dingen zu fragen.«</p><p>»Das glaube ich wohl, aber ich will verdammt sein, wenn ich heute einen Fuß in deines Vaters Haus setze, denn das ist nicht Brauch bei der Freiwerbung der Mönchguter Mädchen, und sobald ich meine Pflicht erfüllt habe und du mir deine Zustimmung gegeben, so kehre ich noch in dieser Nacht 
      <a id="page115" name="page115" title="wolfeh/gary"/> nach Pulitz zurück, und da kannst du mich nach den hundert verschiedenen Dingen an einem anderen Tage fragen, wenn es dir vielleicht später noch belieben sollte. Nun habe ich aber lange genug hier unter der Traufe deiner gottseligen Augen gestanden – gib Antwort – nimmst du den Antrag der Hille Vangerow an?«</p><p>»Gott im Himmel, ja! – nicht einmal, zweimal, zehnmal, – ja zehntausendmal!«</p><p>»Das tut mir leid, zehntausendmal kannst du sie nicht freien, nur einmal, so viel ich weiß. Sprich also deutlich und dann leg' dich in deine Koje und träume von den Sternen am Himmel oder – von was du sonst willst, mir ist es einerlei.«</p><p>»So will ich sie nur einmal nehmen, wenn du es nicht anders willst, ja, ja, ja und im Namen des allmächtigen Gottes will ich ihr sein, was du deiner guten Talke bist, ein ehrlicher, rechtschaffener Mann und eine Hilfe in aller Not.</p><p>»So bin ich zufrieden!« sagte der alte Schwede, und wenn Waldemar Ohren dafür gehabt, hätte er hören können, wie er aus tiefer Brust laut aufseufzte und damit ein eigentümliches Gurgeln verband, als bemühe er sich, die Freudigkeit seines Herzens damit zu ersticken. »Aber du mußt dann morgen spätestens elf Uhr in Bakewitz sein und ihr selbst dein Jawort überbringen, sie wartet auf dich, und wenn du nicht zu der bestimmten Zeit bei ihr bist, so nimmt sie es für eine abschlägige Antwort und sagt ihre kleine Hand und ihren großen Besitz einem andern Mann zu, der sie schon lange begehrt hat.«</p><p>»Gott verhüte es, Sturleson – teurer Ohm, wollt' ich sagen. Aber verzeih', ich weiß nicht recht, was ich spreche, denn die Freude erstickt meine Gedanken, und meine Zunge sprudelt wie eine Sturzsee alle Wellen auf einmal heraus. Gewiß werde ich zur rechten Zeit da sein – also um elf Uhr hast du gesagt?«</p><p>»Ja, um elf und das vergiß nicht.«</p><p>»Ei, wie werde ich! Willst du wirklich gehen?«</p><p>»Auf der Stelle. Nun gute Nacht, mein Junge. Da, ich kann dir die Hand nicht reichen, aber fasse den Stock hier an, den ich halte, und schüttele ihn, und wenn ich es fühle, so werde ich denken, du bist es selber, – he – willst du nicht?«</p><p>Waldemar hatte schon das Ende des hinaufgereichten Stockes erfaßt und bewegte ihn heftig hin und her.</p><p>»Na, laß es gut sein, Knabe, reiße ihn mir nicht aus der Hand – ich verstehe dich – gute Nacht! Aber eins 
      <a id="page116" name="page116" title="wolfeh/gary"/> noch – sage nicht den Alten, was zwischen uns vorgefallen ist, sondern überrasche sie lieber damit, wenn du aus Bakewitz zurückkommst, sie werden sich dann um so mehr freuen.«</p><p>»Das will ich, bei, Gott, und nun lebe wohl – habe tausend Dank für deine Mühe und Güte.«</p><p>»Stille, mein Herz, mit 
      <i>einem</i> bin ich auch zufrieden, und was die Mühe anbelangt, so haben bloß meine Beine sie gehabt mein Herz aber hat um so mehr Freude dabei empfunden.«</p><p>Mit diesen Worten trat er vom Hause fort, und bald war er in den Schatten der Nacht verschwunden. Waldemar aber taumelte vom Fenster in das Zimmer zurück wie ein Betrunkener, er faßte sich mit beiden Händen nach der Stirn, fühlte den warmen Schweiß darauf, der aus allen Poren drang, und dann fiel er auf die Kniee und dankte Gott aus vollem Herzen für die Gnade, die er ihm in dieser Stunde gegen alle Erwartung hatte widerfahren lassen.</p><p>+++</p><p>Um dem Leser, der mit den Sitten der Mönchguter nicht vertraut ist, eine Erklärung der eben geschilderten Szene zu geben, die er vielleicht nicht für natur- und wahrheitsgemäß halten möchte, so wollen wir ihm in kurzen Worten mitteilen, daß die Mönchguter Frauen nach der Landessitte das Recht haben, den Mann 
      <i>anzusprechen</i>, das heißt zu wählen, der ihnen am besten gefällt. Die Anwerbung geschieht durch einen sogenannten Freiwerber, der in der Regel ein Pate oder ein Verwandter ist, aber gewöhnlich ist eine solche Anwerbung nur eine Förmlichkeit, von der man sich nicht gern lossagt, da die beiden Personen oft schon vorher wissen, wie nahe sie sich in Neigung stehen, und was also das Resultat dieser Werbung sein wird. Diese Sitte hat ihren Grund 
      <u>Grümbke.</u> in Lokal- und Personalverhältnissen, indem teils Witwen und Mädchen nach dem Tode ihrer Ehemänner und Eltern die Wirtschaft als Erbinnen fortsetzen müssen, teils auch der Herrschaft die Erhaltung der bestimmten Anzahl von Wirtschaften, besonders der Bauerngehöfte, obliegt. Die Herrschaft sorgt daher mit der Mönchguterin, die sich zum Heiraten bei ihr meldet, daß ein guter Wirt und Hausvater in die erledigte oder ledige Stelle eintrete und baldigst einziehe, damit das Hauswesen nicht darunter leide. Aber weiter untersucht sie nicht, ob der Begehrte den Antrag annehmen werde oder nicht, nimmt überhaupt auch keinen 
      <a id="page117" name="page117" title="wolfeh/gary"/> unmittelbaren Anteil an der Heiratsunterhandlung und erfährt daher, weil solche oft insgeheim betrieben wird, gewöhnlich erst nach glücklicher Beendigung derselben, wer der Erkorene ist, der dann in dem Bauernwesen bestätigt wird.</p><p>Wird die gedachte Ansprache für ein Frauenzimmer durch einen Freiwerber gemacht, so ist der eigentlich übliche und gewöhnliche Ausdruck dieser: se stellt na N.+N. ut (sie stellt nach N.+N. aus). Ein Abschlag ist indessen keineswegs beleidigend und entehrend, oder von anderer nachteiliger Wirkung, nur pflegt man, wenn der Heiratsantrag von mehreren Männern zurückgewiesen, wohl spottweise zu sagen: die macht auch lange Jagd, oder sie 
      <i>jagt</i> das ganze Land durch, und hieraus ist das Freiwerben der Weiber auf Mönchgut von Fremden mit dem Worte 
      <i>Jagd</i> überhaupt bezeichnet worden. Übrigens ist noch zu bemerken, daß junge Erbinnen eines Bauerngehöfts oder eines Fischerkathens seltener Körbe davontragen, als Witwen, zumal wenn sie Kinder haben. Die heiratslustigen Mädchen wählen auch meistenteils nur solche junge Burschen, die ihnen schon längst gefielen oder ihnen Beweise der Zuneigung haben. Man hat aber auch Beispiele, daß selbst nach zwei- oder dreimaliger Erteilung eines Korbes entschlossene und beredte Freiwerber dennoch den spröden Mönchguter durch neue Angriffe, in Verbindung mit Bestürmungen der nächsten Verwandten, erobert haben. Wankelmut der Verlobten ist zwar zuweilen die Folge solcher Überredungen und einseitigen Eheversprechen, ist aber die Ehe förmlich geschlossen und vollzogen, so bleibt sie unauflöslich bis zum Tode und wird oft mit musterhafter Treue und Einigkeit, selbst unter Ehepaaren von ungleichem Alter, geführt. –</p><p>Waldemar waren die Sitten der Mönchguterinnen, zumal seine eigene Mutter eine solche war, so gut wie jedem aus Rügen geborenen Manne bekannt, daß aber Hille, deren Stand und Bildung die gewöhnlichen Verhältnisse ihrer Landsmänninnen so weit überwogen, von dieser Sitte Gebrauch machen werde und könne, hatte er zu allen Zeiten für unmöglich gehalten. Daher war er über die Maßen erstaunt, ja beinahe bestürzt, als er ihre Anwerbung empfing, und es verging eine lange Zeit, ehe er sich von dieser Bestürzung erholen und in das ruhige Geleise besonnener Überlegung zurückfinden konnte.</p><p>Endlich aber, jedoch erst lange nach Mitternacht, hatte er sich gefaßt, und nun erst war er in der Stimmung, über seine sonderbare Lage, sein unverhofftes Glück und die endliche 
      <a id="page118" name="page118" title="wolfeh/gary"/> Erfüllung seiner heißesten Wünsche nachdenken zu können.</p><p>»Gott im Himmel,« sagte er immer wieder, »wer hätte das gedacht, gehofft, wie ist es überhaupt nur möglich gewesen? Wie hat sich Hille zu dieser Werbung entschließen können? O, sie 
      <i>muß</i> gewußt haben, wie teuer sie mir ist, und die Gründe gekannt haben, die mich allein davon abhielten, ihr meine Liebe zu bekennen, sonst würde sie nicht einen Schritt gewagt haben, der weit unter ihren Verhältnissen, ihrem Stande und ihrer Erziehung ist. Ha! Ob etwa der alte Schwede seine Hand dabei im Spiele gehabt hat? Gewiß, denn ihm kann man schon dergleichen zutrauen. Oder vielleicht hat auch meine Mutter ein Wort fallen lassen, und da ich immer schwieg, mich wie ein Träumender geberdete, so hat Hille mir auch diesmal geholfen, mich in bezug auf sie selber glücklich zu machen, wie sie mir schon so oft in anderen Dingen geholfen hat. O, welches Weib, welches Mädchen! Ja, jetzt erkenne ich erst, was sie mir immer war, jetzt ist und ewig sein muß! Ohne sie hätte ich nie glücklich sein können, und mit ihr erst ist mein ganzes Leben umgewandelt worden, ich werde so glücklich sein, wie es mein guter Magnus auch mit Gylfe hätte werden können – doch nein, mit Gylfe nicht, denn Gylfe und Hille lassen sich auf keine Weise miteinander vergleichen.</p><p>Aber was werde ich ihr nur sagen, mit welchem Gesichte zu ihr treten, wenn ich sie nun vor mir sehe? O, ich werde ihr sagen, wie es mir jahrelang ums Herz gewesen ist, seitdem ich sie in Bakewitz, auf dem Quoltitzer Totenfelde, in jener Nacht auf dem Boote im Jasmunder Bodden und in Bergen bei meiner Flucht gesehen habe, ich werde ihr sagen, wie ich ihrer schon liebevoll auf dem Rugard gedacht, in jener unheilvollen Nacht, als ich Magnus daselbst erwartete, und er verwundet in Stralsund lag. Ja, das will ich ihr sagen, und sie wird wissen, ob es Liebe oder etwas anderes war, was mich von ihr ferngehalten, und daß nur die Scheu, aus Eigennutz ihr Werber zu erscheinen, mich von dem bedeutungsvollen Schritte abgemahnt hat, den sie nun selbst getan. O, o, bräche doch erst der neue Morgen an – es ist jetzt erst ein Uhr, und ich habe noch drei bis vier lange Stunden vor mir, bevor ich die Sonne wiedersehe und das Meer wieder rauschen höre, das mich mit den Flügeln des Windes zu ihr tragen soll.«</p><p>So plauderte Waldemar noch lange vor sich hin, als er schon im Bette, lag, bis ihn endlich ein süßer Schlummer umfing und zu dem Unternehmen stärkte, welches er vor sich 
      <a id="page119" name="page119" title="wolfeh/gary"/> hatte. Endlich aber brach dieser Morgen an, die neue Sonne stieg strahlend über dem Meeresrande auf und goß ihren Lichtglanz auch in sein kleines Stübchen aus. Waldemar fuhr empor aus wonnigen Träumen, und als er die rosigen Wölkchen über dem Wasser heraufziehen sah, die ihm den ersehnten Tag verkündeten, da sprang er mit Entzücken vom Lager, kleidete sich mit Sorgfalt an und stieg rasch in das Unterhaus hinab, zu einer Zeit, wo ihn die früh tätige Mutter noch nicht in ihrer Stube zu sehen gewohnt war.</p><p>Sie hatte eben ihre Morgentoilette beendet und dem Strandvogt, der auch schon auf den Beinen war, ihren Morgengruß geboten, als Waldemar in Feierkleidung mit strahlendem Gesicht und leuchtenden Augen bei ihr eintrat und beide Eltern mit warmer Herzlichkeit und fast überfließenden Worten begrüßte. Beide erhoben erstaunt ihre Augen und schauten erst ihn und dann sich höchst verwundert an. Denn so, in dieser Stimmung, mit diesem glücklichen Gesichte hatten sie ihren Sohn lange nicht gesehen, und sie konnten natürlich nicht begreifen, welches Ereignis sein ganzes Wesen so plötzlich umgewandelt hatte. Fast glaubten sie, die früheren Jahre der glücklichsten Jugendzeit seien durch ein Wunder zurückgekehrt, und Waldemar habe alles Trübselige vergessen, was ihm in den letzten Zeiten begegnet war. So lautete denn auch die Anrede, die Mutter Ilske an ihn richtete, ihrer Verwunderung entsprechend, während der Strandvogt mäuschenstill daneben stand und vor Erstaunen kein Wort hervorbringen konnte.</p><p>»Aber mein Gott, Waldemar, was ist dir denn begegnet?« fragte die Mutter, als der Sohn sie stürmisch in die Arme schloß und dann dem Vater mit an Heftigkeit grenzender Wärme beide Hände schüttelte. »Und du bist schon in deinen besten Kleidern? Was soll denn das bedeuten, und was beabsichtigst du, daß du zwei Stunden früher als gewöhnlich in unsre Mitte trittst?«</p><p>»Mutter, Mutter,« rief der beglückte Sohn, »frage mich nicht, denn ich kann es Euch doch nicht sagen. Es hat sich allerdings etwas begeben, was mich außerordentlich glücklich stimmt. Und was ich zu tun beabsichtige? O, ich will eine kleine Reise unternehmen und bitte Euch, nicht in Sorge zu geraten, wenn ich einen oder ein paar Tage ausbleibe, denn so lange halten mich meine Geschäfte vielleicht vom Hause fern.«</p><p>Da blitzte in dem alten Strandvogt ein Gedanke auf, der der Wahrheit sehr nahe kam, aber sie dennoch nicht vollständig erreichte, denn er glaubte, der Sohn habe sich besonnen 
      <a id="page120" name="page120" title="wolfeh/gary"/> und endlich den Entschluß gefaßt, sein Herz der Geliebten zu offenbaren und ihr seine Hand anzutragen. Als er dies im Fluge bedacht, gab er Mutter Ilske einen verständlichen Wink, nicht weiter in den Glücklichen zu dringen, und bat dann, schnell das Frühstück zu besorgen, damit Waldemar bald auf den Weg und zu seinen Geschäften käme.</p><p>Mutter Ilske beeilte sich natürlich aus vollen Kräften und vergaß darüber den Brief aus Schweden, den sie dem Sohne am Kaffeetisch hatte überreichen wollen.</p><p>Endlich um sechs Uhr morgens war das Frühstück bereit und wurde dampfend von der alten Trude in die Stube gebracht. Waldemar aß und trank wie ein Mensch, der mit seinen Gedanken nicht bei der Speise ist, und war daher viel schneller fertig, als die bedächtiger genießenden Eltern. Als er diesen aber dann Lebewohl gesagt, nahm er seinen Hut und verließ das Kiekhaus, mit einer Eile, als brenne der Boden unter seinen Füßen, und mit flüchtigem Schritte stieg er die Schlucht des Steinbachs hinab, um so rasch wie möglich an den Strand zu gelangen.</p><p>Als er die Stube verlassen, blickte der Alte ihm mit offenem Munde nach und richtete dann die verwunderten Augen auf seine Frau, die der unerwartete Vorgang in eine heftige Gemütsbewegung versetzt hatte. »Na, Ilske,« sagte er, »was ist denn nun mit einem Male los, wirst du etwa klüger daraus als ich?«</p><p>»Weiß es Gott, ich nicht, Alter! Aber wenn dem in dieser Nacht kein guter Geist erschienen ist, so soll mich jedermann für dumm schelten.«</p><p>»Donner und Wetter, Ilske, ich glaube, ich kenne den guten Geist, der ihm die Leviten gelesen. Ich wette darauf, er segelt nach Mönchgut und trägt seine hübsche Person einer noch hübscheren zur Sonntagsmorgengabe an.«</p><p>»Alter, du kannst diesmal wohl recht haben, das glaube auch ich. Nun, dann seien alle guten Geister gesegnet, denn, ein besserer konnte ihm so leicht Wohl nicht begegnen. Nach Mönchgut! Zu Hille Vangerow, unserm Liebling! Na, da werden wir bald etwas. Herrliches erleben und nun wird es im Kickhause nicht mehr so trübe sein, wie es die langen Jahre her gewesen ist.«</p><p>»Es war auch Zeit dazu, Mutter. Bis jetzt habe ich darüber geschwiegen, aber nun ist meine Geduld zu Ende und ich hätte es nicht lange mehr so ausgehalten.«</p><p>»Das ist setzt bald gesagt, Vater, du hättest nur früher, sprechen sollen – ah! aber der Brief!« Und plötzlich fiel ihr derselbe ein und sie trippelte an ihre Kommode und holte ihn 
      <a id="page121" name="page121" title="wedi/gary"/> hervor. »Ich habe ihn ganz und gar über die Freude vergessen und nun ist ihm doch nicht der Kaffee damit versüßt.«</p><p>Der Strandvogt nahm den Brief in die Hand und betrachtete ihn mit großer Aufmerksamkeit. Plötzlich wurde ihm der Atem etwas kurz. »Ilske,« sagte er vorwurfsvoll, »ich glaube, deine Vergeßlichkeit hat dem Jungen einen argen Streich gespielt, denn in diesem Briefe kann leicht etwas enthalten sein, was unserm Sohne seinen heutigen Weg um ein Bedeutendes erleichtert hätte.«</p><p>»Wer weiß es, Alter! Nur heute nicht gebrummt! Es kann auch Unangenehmes darin stehen, und wir hätten ihm dann nur seine Reise verbittert.«</p><p>»Das ist freilich auch möglich. Nun, vielleicht war es Gottes Wille so, und jedenfalls erhält er ihn noch zeitig genug, wenn er morgen oder übermorgen zurückkehrt. Ist er soviele Jahre ausgeblieben, so wird es auch nichts schaden, wenn er noch zwei Tage länger im Kasten liegt.«</p><p>»So denke ich auch und Gott lenke alles zum Guten!«</p><p>+++</p><p>Es war gegen sieben Uhr morgens, als Waldemar Granzow aus der Lithe des Steinbachs hervortrat und den Strand von Sassnitz erreichte. Ein lieblicher frischwarmer Morgen lag auf Land und Meer und eine sanfte Ostbrise kräuselte die Oberfläche des letzteren und versetzte sie in jene sichtbare, doch gemäßigte Bewegung, die ein Ostseeschiffer so gern sieht, wenn er eine anmutige Spazierfahrt vor Augen hat und die Wichtigkeit seines Geschäfts keinen stärkeren Luftstrom verlangt. Waldemar wußte sehr wohl, daß er sich nicht zu übereilen brauchte, denn von sieben bis elf Uhr – der ihm bezeichneten Stunde – hatte er Zeit genug, von Sassnitz bis Bakewitz zu gelangen, selbst wenn die Brise noch etwas schwächer werden sollte.</p><p>Als er den Strand erreicht und sich nach der Stelle gewandt hatte, wo damals die Boote der Lotsen und Fischer lagen, stand er still und ließ sein Auge über den glänzenden blauen Himmel und das im Sonnenschein blitzende Meer schweifen, als begrüße er beides mit echtem Seemannsauge, wie er es in seiner geistigen Versunkenheit lange nicht getan hatte. Lächelnd betrachtete er dann den Strand, sah mit Vergnügen die Möwen hin und her fliegen und die Schwalben mit pfeilschnellem Fluge dazwischen hindurchschießen, und begann nun unter den Booten eins zu wählen, wie es ihm für seine heutige Fahrt am angemessensten erschien.</p><p><a id="page122" name="page122" title="wolfeh/gary"/> In diesem Augenblick nahte dem Strande von der Südseite her die riesige Gestalt des älteren Piesing, der an diesem Tage den Lotsendienst hatte und immer bereit sein mußte, in See zu stechen, sobald von irgend einem Schiffe seine Hilfe verlangt werden sollte. Waldemar hatte sich gerade dieses ihm befreundeten Mannes Privatboot auserlesen, da es nicht zu groß, schlank und doch fest gebaut und dabei ganz neu getakelt und mit, schneeweißen Segeln versehen war, was auf Rügen zu damaliger Zeit nur selten gefunden wurde, da man sich meistens der dunkel geteerten Leinwand zu Segeln bediente.</p><p>»Hallo!« rief der gute Lotse schon von weitem Waldemar an, »ich grüße Euch, Herr Granzow. Ha! Ihr seid ja ganz neu getakelt, als wolltet Ihr dem Quarterdeck eines Admirals Eure Aufwartung machen. Wollt Ihr wieder nach Schweden, wie damals, o – Ihr wißt doch, als Ihr in die Patsche auf Bakewitz gerietet?«</p><p>»Gewiß weiß ich das, mein lieber Piesing,« erwiderte Waldemar leicht errötend, als er den oben genannten Namen aussprechen hörte, »und ich biete Euch einen herzlichen guten Morgen. Ich will aber heute nach Süden segeln und bei dem leichten Winde möchte ich auch ein leichtes Boot haben, da die meines Vaters mir zu schwer sind und einem Menschen zu viel Arbeit machen, wenn er es nicht gerade nötig hat. Und da dachte ich, Ihr würdet mir Euern neuen Pelikan hier leihen, der so schmuck aussieht, als wäre er zu einer Brautfahrt gerüstet.«</p><p>»Wer weiß, wozu er heute dienen soll!« dachte der alte schlaue Lotse, aber er ließ nichts darüber laut werden, denn er nahm sich nie heraus, mit dem gewöhnlich so ernsten Sohne seines Vorgesetzten zu scherzen. »Gern,« sagte er gleich darauf, nehmt es und fahrt damit wohin Ihr wollt; aber Ihr werdet doch einen Mann mitnehmen wollen, der Euch die Segel stellt, wenn Ihr am Steuer sitzet? Ihr seid ja heute nicht auf der Flucht wie damals, wo der verwetterte Däne von der Oie her hinter Euch her war – Ihr wißt es doch noch?«</p><p>»Ich weiß alles, Piesing; ach ja, das waren trübe Zeiten. Aber heute ist es anders, Freund, und Ihr möchtet recht haben mit dem Vormann, wenn ich nicht gerade Lust hätte, allein zu segeln, da ich nicht viel reden und lieber meinen Gedanken nachhängen mag.«</p><p>»Oho, wenn es weiter nichts ist, da kann ich schon helfen. Ich will Euch meinen schweigsamen Bruder mitgeben, der jetzt bei mir wohnt, der hat bloß Augen und Ohren vom lieben Gott empfangen, aber die Zunge ist ihm angenagelt, wie der 
      <a id="page123" name="page123" title="wolfeh/gary"/> Wimpel am, Notmast. Ihr wißt ja, daß er sich zehnmal besinnt, ehe er einmal spricht, der wird Euch also in Evern Gedanken nicht stören und Ihr habt doch jemanden, der Euch die grobe Arbeit aus der Hand nimmt.«</p><p>»Wenn das ist, so mag er mich begleiten und Ihr tut mir obendrein einen Gefallen damit, wenn Ihr es erlaubt.«</p><p>Der Lotse nickte beifällig, drehte sich nach dem Lande um, steckte zwei Finger in seinen walfischartigen Mund und ließ einen schrillen Pfiff hören, der mit dreifachem Echo an den vorspringenden Wänden des Hochstrandes entlang fuhr und alsbald einen Mann aus einem der Häuser rief, der ein solches Zeichen und seine Bedeutung ohne Zweifel kannte.</p><p>»Da kommt er schon,« sagte Piesing! »seht Ihr, Ohren hat er und auf seine Augen und Hände könnt Ihr Euch auch verlassen.«</p><p>In wenigen Minuten war der jüngere Piesing, derselbe, der jene verunglückte Reise nach Schweden mitgemacht und mit Magnus und Waldemar auf Bakewitz von den Franzosen gefangen worden war, von dem Wunsche des jungen Granzow unterrichtet, und wie zu erwarten stand, stimmte er sogleich ein und machte das Boot zurecht, das ihn wider Vermuten noch einmal nach Bakewitz tragen sollte. So konnte Waldemar denn bald seinen gewöhnlichen Platz an der Pinne einnehmen, und er tat es mit einem Freudengefühl, das wie ein wetterleuchtender Strahl sein ganzes Gesicht erhellte, was dem älteren Piesing nicht entging.</p><p>»Geht mit Gott,« rief er dem Sohne des Strandvogts zu, »ich sehe, Ihr habt etwas Angenehmes vor und der Tag ist wie geschaffen dazu; die Brise wird anhalten, so sicher wie die Sonne bis zum Abend am Himmel bleibt.«</p><p>»Ich danke Euch, Piesing, lebt Wohl! heute abend habt Ihr Euer Boot wieder.«</p><p>»'S hat keine Eile damit!« rief der Lotse ihm nach, in dem er mit seinen gewaltigen Armen dem Boote einen Stoß gab, der es zehn Ellen weit vom Strande brachte, wo der Wind das leichte Segel faßte und es nun auf seinen Fittigen dahin schweben ließ.</p><p>Waldemar hatte kein Auge mehr für das rückwärts Liegende, nur auf das Vorwärts war es gerichtet. Nie in seinem Leben, so weit seine Erinnerung reichte, hatte er eine anmutigere Fahrt vor sich gehabt, nie aber auch hatte die Außenwelt so harmonisch mit den Gefühlen seines Innern überein? gestimmt, denn Sonnenschein war außer ihm und in ihm und ein gleich glücklicher Wind blies sein Segel wie seine Hoffnung auf, so daß er voller Frohlocken war und kaum 
      <a id="page124" name="page124" title="wolfeh/gary"/> seine Freude in der übervollen Brust verschließen konnte, wovon jedoch der schweigsame Mann im Buge keine Ahnung hatte, da ihm, das tiefstehende Ewersegel den Anblick des Steuernden entzog.</p><p>Nie war ihm seine nordische Heimat so schön vorgekommen wie an diesem Tage, als er, in Sehweite der ihm zur Rechten liegenden grünen Küste Rügens unter leichtem Ostwinde langsam seine Fahrt nach dem Süden der Insel fortsetzte, und schön war der Anblick in der Tat, der sich ihm unter dem goldstrahlenden Himmel, auf der blau schimmernden gekräuselten Flut darbot, wenn er das Auge nach dem Lande wandte und den stolzen Rücken des hügelreichen Jasmunds allmählich in das Meer abfallen und in den schmalen graugelben Sandstreifen der schmalen Heide übergehen sah, die nur an wenigen Orten mit dem Boote zugänglich ist, da die einförmigen, höchstens mit kargem Rietgras bedeckten Dünen, oder schwere ins Meer gewälzte Steine dem Kiele keinen Zufluchtsort darbieten. Aber auch seewärts lächelte ihn heute die Ferne an, denn niemals, selbst in früheren ruhigeren Jahren nicht, hatte er das Meer so belebt von Schiffen aller Nationen gesehen. Unter ihren schneeigen Schönfahrsegeln, friedlich daher schwimmend, tauchten stolz die dunkeln Rumpfe auf, beladen mit allerlei Gut, das jetzt von nah und fern nach, Deutschland und Rußland strömte, und wenn schon das Auge des Laien an solchem Schauspiel den vollsten Anteil nimmt, wie muß erst das weiter dringende Auge des Seemanns sich daran werden, der jedes Schiffes Bau von weitem erkennt und an der bloßen Stellung, der Segel, dem Laufen der Taue, die wie schöne architektonische Linien auf dem mattgoldenen Hintergrunde des hellen Lufthimmels hervortreten, die Nation errät, die diesen majestätischen Bau geschaffen und diese kühnen Linien von einem Maste zum andern gezogen hat.</p><p>Der Anblick dieser landwärts und seewärts in so ganz entgegengesetzter Weise sich darstellenden schönen Szenerie war von so mächtiger und überwältigender Wirkung auf Waldemar an dem sonnigen Sommertage, daß er ihn beinahe von dem stürmischen Gefühle abgezogen hätte, das in seinem Innern brauste, immer wieder aber kehrte er von dem Ausfluge ins weite zu der schwellenden Seligkeit dieses Innern zurück und dann war er nahe daran, zu bezweifeln, es nicht begreifen zu können, wie er dazu komme, so auserwählt zu einem Glücke zu sein, wie früher niemals eins für ihn auf Erden gelächelt hatte. War aber der Gedanke an dieses Glück auf der ersten Hälfte seiner Tagesfahrt vorherrschend in ihm, so machte, je näher er dem Ende derselben kam, eine gewisse 
      <a id="page125" name="page125" title="wolfeh/gary"/> Ängstlichkeit sich in ihm geltend, als wäre er noch nicht am Ziele, das ihm bisher so glänzend und unvermeidlich vor Augen gestanden hatte, und als könne noch immer ein unerwartetes Hindernis zwischen ihn und dieses Ziel treten. Namentlich von dem Augenblick an, wo die düstere Waldung der Granitz am Lande auftauchte und der weit ins Meer vorspringende Granitzer Ort ihn gewissermaßen in den näheren Bereich des Landes und der darauf wohnenden Menschen zog, ergriff ihn eine Art Beklemmung, die er nicht imstande war von sich abzuschütteln und endlich nur durch ein Gespräch zu unterdrücken glaubte, das er mit dem im Buge sitzenden Lotsen anzuknüpfen versuchte. Allein da war er auch auf keine gründliche Abhilfe geraten, Piesing des Jüngeren Zunge war in Wahrheit wie angenagelt und nur wenige Silben kamen über seine Lippen, da er gewöhnlich auf Waldemars Fragen mit »Ja, ja, Herr!« antwortete und dann alsbald in sein voriges Schweigen zurückfiel.</p><p>Als der Pelikan aber am Quitzlaser Ort sanft vorbeigestrichen war und gerade vor seinem Buge jetzt die hohe Vormauer des Göhrenschen Höwts aufragte, hinter dessen steilem Rücken das Ziel des Tages, das liebliche Bakewitz lag, da fing Waldemars Herz noch stärker an zu klopfen, denn von nun an, glaubte er, könne jeden Augenblick die schöne Gestalt des holden Wesens aus den Bäumen des Ufers hervortreten, die ihn ohne Zweifel mit Sehnsucht an irgend einer Stelle des Strandes erwartete.</p><p>Allein diese Hoffnung wies sich für jetzt wie auch nachher als eine irrige aus; niemand ließ sich weder auf Peerd noch weiter südlich blicken, denn die meisten Strandbewohner mochte die Kirche nach dem Innern des Landes gelockt haben, die ja um diese Stunde – es war etwa zehn Uhr – der, allgemeine Sammelplatz am Sonntage ist.</p><p>Nur einmal und zwar dicht am Lande vor Bakewitz regte sich Piesings schwere Zunge, wozu ihm die seltsame Steuerung des kleinen Bootes Veranlassung gab, die er nicht begreifen konnte, trotzdem sie ein so erfahrener Seemann in Händen hatte. Als nämlich Waldemar dem Lande näher gekommen war, welches schon zu Bakewitz gehörte, hinderten ihn die Segel, nach dem Ufer hinüberzublicken und er hielt daher den Schnabel des Schiffs vom Lande abgewandt, um ungehindert die Gebüsche am Strande bestreichen zu können, hinter denen er nun endlich die geliebte Gestalt zu erblicken glaubte.</p><p>»Herr!« rief ihm Piesing von vorn zu. »Ihr fahrt ja an der Landestelle vorbei. Die Baaken liegen mehr rechts 
      <a id="page126" name="page126" title="wolfeh/gary"/> hin. Oder wollt Ihr vielleicht nach Lobberort hinüber, der da drüben mit seiner grauen Landspitze vorspringt?«</p><p>»Nein, Piesing,« erwiderte Waldemar lächelnd und gewissermaßen vor sich selber errötend, da ihm sein sehnsüchtiges Herz diesen Vorwurf zugezogen hatte, »ich will an dem gewöhnlichen Landeplatze von Bakewitz anlegen, und seht, jetzt gebe ich dem Pelikan die rechte Wendung – so, nun richtet Eure Segel und Ihr werdet sehen, daß wir noch leicht genug, herum kommen.«</p><p>»Ich weiß es doch nicht,« dachte Piesing im stillen, »und ich verstehe ihn heute nicht so recht; man wählt doch sonst nicht den weitesten Weg, um das Ziel zu erreichen, und diesmal hat er sich und mir unnötige Mühe mit dem Wenden gemacht. Na, ich habe Zeit und er hat sich vielleicht einen Spaß machen oder eine kleine Übung anstellen wollen.«</p><p>Jetzt war man dem Lande näher gekommen und der Pelikan rauschte mit leichtem Schwünge durch das vorspringende Schilf, nachdem er die beiden Baaken schon lange hinter sich gelassen hatte. Da lag Bakewitz, dicht vor den Augen des Verlangenden, die Nußbäume vor der kleinen Laube über der Bank, die die Aussicht nach dem Meere bot, grünten im vollsten Blätterschmuck, und der kleine Garten, den Hille alle Jahre zu ihrem Vergnügen selbst bestellte, duftete von Levkojen und anderen Blumen und war so zierlich und von allem Unkraut frei gehalten, daß es eine Freude war, ihn anzuschauen. Aber die Bewohnerin und Erhalterin dieser abgelegenen Zierde war nirgends sichtbar, wie das ganze Ufer überhaupt leer von Menschen war.</p><p>Das Boot fuhr an den halb im Wasser und halb auf dem Lande liegenden Balken an und Piesing machte dem Steuernden Platz, daß er bequem aussteigen konnte.</p><p>»Wollt Ihr vielleicht mit hereinkommen, Piesing,« fragte Waldemar mit unsicherer Stimme, »und Euch erfrischen nach dem langen Fasten, so will ich für einen guten Imbiß Sorge tragen; wir werden heute willkommener sein als vor fünf Jahren, da wir in den Hinterhalt der Franzosen fielen.«</p><p>»Ja, ja, ich weiß es noch recht gut, aber hinein will ich heute nicht, denn ich möchte noch nach Lobbe hinüber, wo ich bei meiner Schwester, die dort verheiratet ist, essen will, bevor ich nach Sassnitz zurücksegle.«</p><p>»So danke ich Euch vorläufig und wünsche eine gute Nachhausekunft.«</p><p>Er reichte ihm die Hand und stieß nun selbst wieder das Boot in die See zurück, denn er sah es diesmal nicht 
      <a id="page127" name="page127" title="wolfeh/gary"/> ungern, wenn keiner seiner Bekannten dem Zusammentreffen mit Hille Vangerow beiwohnte.</p><p>Aber auch diesmal hatte er umsonst gesorgt; denn nachdem er den Pelikan eine Weile mit den Augen durch das Schilf verfolgt und sich dann nach dem Plätzchen unter den. Nußbäumen gewandt hatte, kam ihm ein Bewohner von Bakewitz entgegen, und auf seine Frage, wo die Besitzerin des Gutes weile, sagte der Mann, sie sei nach Middelhagen zur Kirche gegangen und könne vor einer Stunde nicht gut zurück sein.</p><p>Waldemar schien etwas betroffen und, sich eine Weile auf der Bank ausruhend, überlegte er, ob er hier warten, oder Hille nach Middelhagen entgegen gehen solle, was etwa eine kleine halbe Stunde von Bakewitz entfernt zwischen Reddewitz und Philippshagen lag. Endlich entschied er sich für den Gang, denn er glaubte durch eine körperliche Bewegung das Klopfen loszuwerden, das sich allmählich in seiner Brust zu regen begonnen hatte und von Minute zu Minute heftiger ward.</p><p>»Mit welchen Worten wird sie mich nur zuerst empfangen?« dachte er. »Wird sie eine Entschuldigung vorbringen, daß sie mich hierher gerufen oder wird sie mir unbefangen wie immer entgegentreten? Was soll aber ich ihr sagen, wie ihr danken, daß sie mir das größte Glück des Lebens bereitet? Ach! der Schritt, den ich heute tue, erscheint mir schwerer als je einer, den ich bisher getan, und wie ist es so sonderbar, daß ein Mann, der so oft Todesgefahren entgegengegangen wie ich, sich scheut, in die lichtvollen Augen eines Mädchens zu schauen, die nur Wohlwollen und Liebestrahlen! Sonderbares Ding das, ich hatte mir nicht gedacht, daß ich je in eine so seltsame und peinliche Lage geraten, könnte!«</p><p>Solches denkend schritt er langsam durch den Garten, an dem Gehöft vorbei und wandte sich dann nach Westen, zuerst die kleine Birken- und Buchenwaldung erstrebend, die zu den Bakewitzschen Ländereien gehörte und an das freie Feld grenzte, durch welches der Weg über Wiesen und Ackerland, Torf- und Moorstriche nach dem Dorfe Middelhagen führte, wo die Filialkirche von Groß-Zicker lag. Jene kleine Waldung galt für einen der lieblichsten Plätze auf ganz Mönchgut; die Bäume waren geradlinig gepflanzt, von mäßiger Stärke und sämtlich reich bewipfelt und voll belaubt. Der Boden zwischen ihnen aber stieg wellenförmig auf und ab und war mit einem dichten Moosteppich bedeckt, der jetzt, da die. Strahlen der nahenden Mittagssonne darauf fielen, in 
      <a id="page128" name="page128" title="wolfeh/gary"/> smaragdgrüner Farbe leuchtete und, wo er hier und dort zerstreut liegende Steine und Baumstämme überzog, manchen angenehmen Sitzplatz im Schatten der saftigsten Laubkronen darbot.</p><p>Als Waldemar durch diesen Wald schritt und eine lautlose Stille ihn umgab, die um diese Zeit nicht einmal der Gesang eines Vogels unterbrach, kam eine sanfte und ruhige Stimmung über ihn, wie er sie den ganzen Morgen noch nicht gehabt, und er sprach wiederholt im stillen den Wunsch aus, daß es ihm vergönnt sein möge, an diesem Orte das Mädchen zu treffen, welches ihn in so wichtiger Angelegenheit zu sich beschieden hatte. »Wenn sie doch hier käme,« sagte er leise, »hier hätte ich den Mut, den Strauß mit ihr zu beginnen, denn hier sieht und hört mich niemand, der mich stören und beunruhigen könnte, wenn ich ihr in die großen blauen Augen sehe, die immer so wunderbar blicken, als wollten sie mir bis auf den Grund meiner Seele schauen!«</p><p>Aber er hatte das Ende der Waldung erreicht, ohne der Gesuchten zu begegnen, wie ihm überhaupt hier noch kein Mensch zu Gesicht gekommen war. So schritt er denn ein Stück auf das Feld hinaus, bis er von weitem das Dorf Middelhagen liegen sah, in dem heute der Gottesdienst abgehalten wurde, was einen Sonntag um den andern abwechselnd mit Zicker geschah. Als er auf diese Weise einige hundert Schritte fortgewandert war, blieb er auf dem freien Felde stehen; ihn fesselte das Schmettern der Lerchen, die hoch über ihm in der reinen Sonnenlust wirbelten und auch ihren Gottesdienst wie die Menschen, aber wie immer, die freieste Gemeinde der Welt, auf freiem Felde abhielten.</p><p>Da aber drang noch ein anderer feierlicher Ton vom Dorfe über die Felder herüber, denn eben fingen die Glocken an zu läuten, die das Ende der Predigt und den Schluß des Gottesdienstes verkündeten. »Ha!« sagte Waldemar und hielt wieder auf seinem Gang inne, »nun ist die Feierlichkeit vorbei und die Menschen werden bald nach allen Richtungen in ihre Heimat strömen. Auch Hille wird unter ihnen sein, nachdem sie noch einmal mit Gott geredet und ihn um seinen Segen in Betreff ihres heutigen Vorhabens gebeten hat. Wenn sie doch allein daher käme! Denn wenn sie andere Begleitung hätte, so würde ich es nicht wagen, ihr vor das Angesicht zu treten.«</p><p>Kaum hatte er dies gedacht, so sah sein scharfes Auge von weitem einige Männer und Frauen, die Kinder an der Hand hielten, über die Felder schreiten, aber noch kam ihm 
      <a id="page129" name="page129" title="wolfeh/gary"/> niemand entgegen, alle wandten sie sich nach Norden oder Süden hin.</p><p>»Nein,« sagte er, indem ihm das Herz immer ungestümer schlug, »hier auf freiem Felde halte ich es nicht aus, hier sengt mir die Sonne den Scheitel und ich will lieber den Wald und seine Schatten aussuchen, damit ich mich ruhige und sammle. Mein Gott, mein Gott, was ist es für ein seltsames Gefühl, das ich heute empfinde! Ich hätte es mir nicht träumen lassen, daß die sehnsuchtsvolle Liebe im Herzen und der nahe bevorstehende Erguß derselben eine solche Angst und Beklommenheit hervorrufen kann, wie ich es nun an mir selbst erlebe! Bei Gott, eine Werbung ist doch kein so leichtes Ding, wie man es sich gewöhnlich vorzustellen pflegt. Still, still, Herz, was ist es denn weiter, es ist ja nur Hille, der du entgegen siehst, und sie ist ja so schrecklich nicht, daß du eine so bittere Furcht vor ihr zu empfinden brauchst.«</p><p>Dennoch aber schien die seltsame Furcht in seiner Brust etwas groß zu sein, denn er schritt viel, lebhaft und schneller nach dem Walde zurück, als er vorher auf das Feld hinaus getreten war. Endlich aber hatte er ihn erreicht und nun erst fühlte er sich wieder erfrischt und zu jedem Unternehmen aufgelegt. Als er aber ungefähr in die Mitte der Waldung gelangt war, die ein schmaler Fußsteig vom Dorfe her nach Bakewitz durchschnitt, setzte er sich auf einen moosbewachsenen Stein und schaute von hier aus durch den Wald zurück, so weit sein Auge reichte. Beinahe eine Viertelstunde mochte er so gesessen haben, als er in der Ferne mehrere Menschen kommen sah, und als er nach einer Weile genauer hinschaute, erkannte er den Pächter von Bakewitz, der mit seiner ganzen Familie aus der Kirche kam. Hille war nicht dabei, das sah er wohl und so faßte er sich und schritt den Ankommenden langsam entgegen, die ihn auch bald erkannten und auf die gewöhnliche Weise mit Wort und Handschlag begrüßten.</p><p>»Herr Granzow,« sagte der Pächter freudig, »ei, was führt Sie denn einmal hierher?« Und dabei konnte er ein unbestimmtes Lächeln nicht ganz unterdrücken, das schwer auf des Sehnsüchtigen Seele fiel. »Wir haben ja lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen!«</p><p>»Ich will meine Cousine sprechen,« entgegnete Waldemar kurz und mit fliegendem Atem – »kommt sie bald aus der Kirche?«</p><p>»O ja, sie muß bald heran sein; sie wollte nur noch eine arme, kranke Frau im Dorfe besuchen, der sie auf ihrem Kirchgange immer eine kleine Spende bringt.« 
      <a id="page130" name="page130" title="wolfeh/gary"/></p><p>»Wird sie diesen Weg daherkommen?« fragte Waldemar weiter, nur um etwas zu sagen.</p><p>»Ei gewiß, Herr, welchen sollte sie sonst kommen? Es führt kein anderer Weg von Middelhagen nach Bakewitz.«</p><p>»So will ich Euch nicht aufhalten und ihr lieber entgegengehen. Lebt wohl, wir sehen uns nachher wohl noch.«</p><p>Der Pächter verabschiedete sich mit seiner Familie und Waldemar war wieder allein. Er atmete aus, als wäre ihm ein Stein von der Brust gewälzt, und erst, als er die kleine Gesellschaft jenseits des Waldes verschwinden sah, drehte er sich wieder nach dem entgegengesetzten Ende um, und da noch immer niemand auf dem Feldwege erscheinen wollte, schritt er langsam demselben von neuem zu.</p><p>Da, eben als er aus dem Saume des Waldes heraustreten wollte, war es, als ob sein Herz still stehen müßte, und alle seine Gedanken schwammen in ein wüstes Chaos zusammen, so daß er keinen einzigen klar aus seinem Hirn entwickeln konnte.</p><p>Denn in der Ferne, mitten zwischen den wogenden Ähren des Feldes, sah er eine Gestalt sich daher bewegen, wie es keine zweite mehr auf Rügen gab, so viel Weiber und Mädchen auch rings auf der Insel wohnten. Es war Hille, es mußte Hille sein, einen so leicht schwebenden Gang, so anmutig natürliche und doch gleichsam bedachtsam ausgeführte Bewegungen konnte nur sie allein haben.</p><p>Sie kam rasch näher, eben so rasch aber trat Waldemar in den Schatten der nächsten Buche zurück, als wolle er sich verborgen halten, so lange es möglich sei. Von diesem Hinterhalt aus lugte er mit schwimmendem Auge hervor, das sonst die Stärke eines Adlerauges hatte, heute aber wie mit einem Flor bedeckt war. Schon sah er die langen seidenen Bänder, der golddurchwirkten kleinen Kappe, die sich bemühte, die Fülle des braunen Haares auf dem Hinterkopfe zu umfassen, im leicht sie umspielenden Winde flattern. Über den linken Arm hatte sie ihr schwarzes Windtuch geschlagen, ohne welches eine Mönchguterin nie ausgeht, in der Rechten hielt sie einen Strauß Feldblumen, die sie im Korne gepflückt, das zu beiden Seiten des Fußpfades seiner Reife entgegenschwoll.</p><p>Als sie noch ein Stück näher gekommen war, konnte Waldemar schon die Umrisse ihrer schönen und viel voller gewordenen Gestalt wahrnehmen, die jetzt in der reichsten Lebensblüte prangte; er glaubte sogar das Rauschen ihres schweren schwarzen Seidenrocks zu hören, der zwei Hände breit bis unter das Knie herabfiel, in weiten Falten sich reich um ihren Leib bauschte und die zierlichen, mit schneeweißen 
      <a id="page131" name="page131" title="lac/gary"/> Strümpfen bedeckten Füße sich frei bewegen und weithin sichtbar werden ließ.</p><p>Als er alle diese Einzelheiten wahrgenommen, wagte er endlich auch nach ihrem Gesicht zu. blicken, das etwas seitwärts gewendet war, um die Äcker zu überschauen, und dabei heiter ernst wie gewöhnlich und freundlich sinnend auf die Saaten niederblickte. Aber wie schön und voll war der Hals, der bei dieser Wendung sichtbar wurde und dessen matte Weiße lieblich gegen die goldgelben Bernsteinkorallen abstach, deren kostbare Schnur auch heute denselben umgab! Auf dem blauatlassenen Latze ihres Mieders endlich, das die volle Brust eng umspannte, glitzerten im Sonnenstrahl die goldenen Zierarten und ließen bei jeder Bewegung ein leises Klingen ertönen, was der ganzen Erscheinung eine eigentümliche Lebendigkeit verlieh.</p><p>Waldemar hatte genug gesehen, er mußte sich zum Handeln entschließen. Er raffte sich daher zusammen und trat hinter dem Baumstamm hervor, der ihn bisher verborgen hatte. Die Kehle war ihm dabei wie zugeschnürt und alles, was er fühlte und dachte, prägte sich nur in seinem Auge aus, das in einer Art trunkener Starrheit dem schönen Wesen entgegenschaute, das, ahnungslos, was ihm bevorstand, rasch auf ihn zutrat.</p><p>Da erfaßte ihr helles Auge plötzlich die Gestalt des ihr so wohlbekannten Mannes und sie erschrak sichtbar. Denn sie blieb mitten auf dem Wege stehen, drückte den Arm, auf dem sie das Tuch, trug, fest gegen die Brust und hob den dunklen Kopf hoch empor, als wollte sie sich vergewissern, daß es wirklich Waldemar Granzow sei, den sie so unverhofft vor sich sah, wobei ihre Wangen bis hoch zu den Schläfen erröteten und ihr Atem merklich kürzer und schneller wurde.</p><p>Als aber Waldemar ihr mit aufgehobener Rechten entgegentrat, schritt auch sie wieder vorwärts, und als sie in den Schatten der Buche gelangt war, trafen sie sich und ihre Hände fielen zitternd ineinander.</p><p>»Hille!« sagte Waldemar, unvermögend, ein Wort weiter zu sprechen, und »Waldemar!« erwiderte sie, worauf sie rascher gefaßt als er, hinzufügte: »Wie kommst Du hierher? Dich auf Bakewitz zu sehen hätte ich am wenigsten an diesem heiligen Sonntage erwartet.«</p><p>Waldemar stand bei diesen Worten wie versteinert vor ihr, seine Augen suchten in ihren Augen zu lesen, aber er fand keine Spur von 
      <i>dem</i> darin, was er so sehnsüchtig begehrte. Ach, da erleuchtete plötzlich ein trüber Blitz seine Seele und er erkannte die List des trügerischen alten Schweden, 
      <a id="page132" name="page132" title="lac/gary"/> die ihn hierher geschickt, ohne daß Hille eine Ahnung davon, noch viel weniger aber ihn zu einer Anwerbung um seine Hand abgesandt hatte.</p><p>Als Waldemar den unseligen Irrtum erkannte, in dem er seit zwölf wonnigen Stunden befangen gewesen, dunkelte es vor seinen Sinnen und er geriet in eine Aufregung, die er kaum vor Hille bemeistern konnte, die mit ihren tief dringenden Blicken ihn durchforschte und sich ebensowenig sein seltsames Benehmen erklären konnte, zumal sie nicht im Entferntesten ahnte, in welcher peinlichen Lage sich ihr armer Freund befand. Um aber endlich der unheimlichen Pause ein Ende zu machen, die sich zwischen ihnen eingestellt, kam sie ihm mit einer Frage zu Hilfe, und als Waldemar erst ihre sanfte melodische Stimme vernahm, kehrte allmählich seine Fassung zurück, und indem er wiederholt tief Atem schöpfte, wagte er es sogar, in ihr Gesicht zu blicken, das mit ungewöhnlicher Spannung und doch so sanft und klar wie immer ihn mit heimlicher Freude anlächelte.</p><p>»Bist du den weiten Weg zu Fuße gegangen?« fragte sie ihn, um seine und ihre Gedanken auf das Alltägliche zu lenken.</p><p>»Nein, Hille, ich bin in einem Boote gekommen, das ich aber schon wieder zurückgeschickt habe.«</p><p>»Ah, so willst du den Landweg nach Hause einschlagen?«</p><p>»Ja, wenn ich wieder zurückkehre, was, ich weiß noch nicht wann, geschehen wird.«</p><p>Hille schwieg wieder. Die eben vernommene Antwort klang ihr etwas wunderlich und in einer Art unwillkürlicher Hast ausgestoßen, deren Bedeutung und Ursache sie sich unmöglich ganz erklären konnte.</p><p>»Wir haben uns lange nicht gesprochen, Waldemar!« fuhr sie nach einer kleinen Pause wieder fort.</p><p>»Ach, sehr lange nicht, Hille, und ja – du wirst dich wundern, mich nach langer Zeit einmal wieder bei dir zu sehen.«</p><p>»Freilich wohl, aber die Freude ist doch größer als die Verwunderung, da du mir gewiß viel zu erzählen haben wirst, denn du hast mehr erlebt als ich.«</p><p>»Ach ja,« seufzte Waldemar, und indem er an ihrer Seite langsam durch den schattigen Wald schritt, fing er an, sich nach und nach zu sammeln und die Gedanken zu ordnen, die noch immer verworren in seinem Kopfe schwirrten. »Hille,« fuhr er fort, »du kannst nicht ahnen, was mich eigentlich zu dir geführt hat und vielleicht – vielleicht habe ich nachher den Mut, es dir ganz offen zu sagen, da ich einmal so weit 
      <a id="page133" name="page133" title="lac/gary"/> gekommen bin. Aber zuerst muß ich mich meiner Schuld gegen dich entledigen, die seit Jahren zu einem Berge angewachsen ist, der überlästig auf meine Brust und mein Gewissen drückt.«</p><p>»Deiner Schuld? Was willst du damit sagen? Und wie ein Berg drückt sie überlästig auf dein Gewissen?«</p><p>»Ja, Hille, einmal muß es doch gesagt sein und da wir glücklicherweise allein in Gottes freiem Walde sind, so will ich es gleich sagen. Du hast jahrelang meinen Eltern Wohltaten erwiesen und ihnen Opfer gebracht, wie sie nur ein edler und reich begabter Mensch seinen Mitmenschen erweisen und bringen kann.«</p><p>Hille stand still und legte ihre rechte Hand, aus der ihre Linke schon lange die Blumen genommen, auf seinen Arm. »Waldemar,« sagte sie mit bittender Stimme und Miene, »schweig davon, oder du machst mich vor mir selbst erröten. Was ich getan, hättest du hundertmal besser und lieber getan als ich, wenn du an meiner Stelle und ich an der deiner Eltern gewesen wäre, abgesehen davon, daß sie mir unendlich viel Gutes in meiner verwaisten Jugend erwiesen haben.«</p><p>»Nein, Hille, ich kann dir diesmal deine Bitte nicht erfüllen, ich 
      <i>muß</i> davon sprechen. Ach, aber 
      <i>wie</i> soll ich es sagen, was ich darüber fühle? Ich bin so tief und dankbar ergriffen von der Freundschaft und Hingebung, die du an uns alle seit Jahren gewandt hast, daß ich – daß ich unmöglich 
      <i>mit Worten</i> allein es wieder gut machen kann, und Jahre werden vielleicht vergehen, bevor ich die ganze Schuld abzutragen vermag, die du mit seltener Liebe auf uns gehäuft hast.«</p><p>Hille schwieg und senkte das Kinn auf die Brust, die sich allmählich zu heben begann. Auch Waldemar schwieg, in großer Unruhe, denn nun wußte er nicht, was er weiter sagen, wie er fortfahren sollte in dem Gespräch, das sich so glücklich angesponnen hatte. Da aber, als er mit seiner Gefährtin den Ausgang des Waldes erreicht, das in stiller sonntäglicher Feier ruhende Gehöft links liegen blieb und beide unwillkürlich wie auf gegenseitiges Übereinkommen der abgelegenen Laube unter den Nußbäumen am Strande zuschritten, kam ihm ein guter Gedanke, und wie er in seinem ganzen Leben mit jedermann offen und ehrlich zu Werke gegangen war, so beschloß er auch diesmal offen und ehrlich zu sprechen, wie es sein Herz verlangte. Als er nun den blauen Spiegel der See vor sich sah, die der leise Wind noch immer spielend beilegte, schien ihm dieser Wind einen wunderbaren Mut heranzufächeln, und indem er Hilles Hand ergriff, die sie ihm willig ließ, sagte er fest und freudig, wobei er jedoch nicht wagte, 
      <a id="page134" name="page134" title="lac/gary"/> ihr Auge zu suchen, das von Zeit zu Zeit forschend und Aufschluß begehrend seitwärts auf ihn gerichtet ward:</p><p>»Hille, ich befinde mich gegenwärtig vor dir in einer eigentümlichen Lage, so eigentümlich, daß du, wenn du sie einmal erfährst, mir gewiß verzeihen wirst, daß ich mich so seltsam und linkisch benehme. Aber sieh, wir sind Gespielen und Freunde seit unsern Kinderjahren, und ich kann, denke ich, immer noch auf deine Freundschaft rechnen, obgleich ich die meinige nicht in Worten und Taten zu dir habe sprechen lassen, woran indessen die schwierigen Verhältnisse schuld waren, in denen ich mich bewegte. So will ich denn auch jetzt auf deine Freundschaft bauen und du wirst die meine offen erwidern. Sage mir aufrichtig – hast du gestern Besuch gehabt?«</p><p>Hille wandte schnell den Kopf nach ihm herum, in den alles Blut ihres glühenden Herzens geströmt war. Eine Art Ahnung blitzte auch plötzlich in ihrem Geiste auf, doch sie hielt sie noch zurück und beschloß, erst Waldemar weiter reden zu hören. »Ja,« sagte sie, »unser beider Ohm, der alte Schwede von Pulitz war hier.«</p><p>»Was hat er bei dir gewollt?«</p><p>»Er hat sich nach meinen Verhältnissen erkundigt und dabei alles und jedes auf Bakewitz in Augenschein genommen.«</p><p>»So. Das kann ich mir denken. Wovon hat er mit dir gesprochen?«</p><p>»Von allen möglichen Dingen. Vom Leben und Sterben, von Krieg und Frieden, von dem Glück der Häuslichkeit und einem guten Gewissen, was dem Menschen das Leben und Sterben erleichtert und ihn anstacheln sollte, mit allen seinen Nächsten sich auf das herzlichste zu vertragen.«</p><p>»Hm! Sei einmal recht aufrichtig – hat er auch von mir gesprochen?«</p><p>»O ja!« brachte Hille langsam und, mit tief gesenktem Kopfe hervor.</p><p>»Kannst du mir wiederholen, was er von mir gesagt?«</p><p>Hille schwieg. Waldemar wandte sein Gesicht zu ihr und suchte in ihren Augen zu lesen, die sie ihm aber beharrlich entzog.</p><p>»Er hat vielleicht Böses gesagt, daß du es mir nicht wiederholen kannst?«</p><p>Hille lächelte auf eine unendlich liebliche und doch verlegene Weise. »Nein,« sagte sie, mehr durch das Schütteln ihres reizenden Kopfes als mit den still sich bewegenden Lippen.</p><p><a id="page135" name="page135" title="lac/gary"/> »Nun, wenn du es nicht sagen 
      <i>kannst</i>, so will ich dich nicht dazu zwingen, aber ich muß dir sagen, daß er auch bei mir gewesen ist, und zwar gestern Nacht, insgeheim, als meine Eltern schon schliefen, und ich habe ihm das Versprechen geben müssen, gegen niemand von seinem geheimen Besuche reden zu wollen.«</p><p>»Aber du redest ja zu mir davon?«</p><p>»Zu dir muß ich davon reden, denn dich betraf sein nächtlicher Besuch.«</p><p>»Waldemar!« rief Hille laut auf und eine glühende Röte überzog nicht allein ihr Gesicht, sondern auch ihren Hals und verlor sich in das dunkle Mieder hinein, das ihre wundervollen Formen umschloß.</p><p>»Ja, Hille, dich betraf es und mich dabei mit, und wir sind die beiden einzigen, die er hintergangen hat, vielleicht aus Liebe zu uns, aber doch uns beiden eine Verlegenheit bereitend, die ich wenigstens noch nicht überwunden habe.«</p><p>Hille schwieg wieder, aber atmete laut und so heftig, als wollte ihr Herz die Banden sprengen, die es umschlossen.</p><p>»Kannst du dir denken,« fuhr Waldemar fort, »was er von dir sagte? – du schweigst – o sprich, du glaubst nicht, wie ich mich nach deiner Antwort sehne.«</p><p>Mit dem Tone, wie Waldemar jetzt zu Hille sprach, hatte er noch nie zu ihr gesprochen, seine ganze Seele lag darin, und diese Seele war übervoll, darum ging er auch zu Hilles Seele und löste endlich ihre Zunge.</p><p>»War es dir unangenehm, was er dir von mir sagte?« fragte sie endlich flüsternd.</p><p>»Hille! Unangenehm? Wäre ich dann so schnell nach Bakewitz gekommen? Köstlich, köstlich war es für mein Herz, das beinahe vor Sehnsucht nach dir starb.«</p><p>»Waldemar!« schluchzte Hille und lag mit ihrem Kopfe an seiner Schulter.</p><p>»Ja, das ist die Wahrheit, und sie muß endlich gesagt sein. Aber ich bin noch lange, nicht fertig. Meine Sehnsucht nach dir war groß, Hille, aber noch größer war mein Kummer.«</p><p>»Dein Kummer? Warum denn?«</p><p>»Du bist Hille Vangerow, aber das nicht allein – du bist auch Besitzerin von Bakewitz und ich –«</p><p>Jetzt war die Kraft des Widerstandes, die Hille bisher an den Tag gelegt, erschöpft und das Maß ihrer weiblichen Zurückhaltung bis auf den letzten Tropfen gefüllt. Sie vermochte 
      <a id="page136" name="page136" title="lac/gary"/> ihr Herz nicht länger zu bemeistern, es quoll über und strömte gegen den aus, der ihr in diesem Augenblick wie immer der Nächste war. Sich zu dem Geliebten hinneigend, schloß sie mit der Linken, der lange das Tuch und die Blumen entfallen waren, seinen Mund, und bei dieser Bewegung näherte sie sich ihm so sehr, daß ihr warmer Atem seine Wange streifte und ihr Körper sanft den seinigen berührte. Als diese Berührung Waldemar mit elektrischer Wirkung ergriff, erwachte sein ganzer männlicher Mut, und auch er streckte seinen linken Arm aus und umfaßte damit ihren Leib.</p><p>»Waldemar!« rief sie wie in Herzensangst, »sage nichts weiter, gar nichts, oder etwas anderes, womit du mich vielleicht sehr – sehr glücklich machst.«</p><p>Waldemars ganze, übervolle Seele schien in seinen Augen zu fluten, als er sie nach diesem Ausruf auf das schöne Mädchen richtete, das er so lange liebte und jetzt zum ersten Male, eng an seine Brust geschmiegt in den Armen hielt. »Was willst du hören?« fragte er leise, aber um so inniger.</p><p>»War dir Sturlesons Besuch und das, was er dir von mir sagte, unangenehm?« wiederholte sie mit starker Betonung.</p><p>»Nein, Hille, ich dankte sogar Gott dafür, denn ich nahm es für Wahrheit und hatte lange gewünscht, daß es auf die eine oder andere Weise zutage kommen möchte, ohne daß ich den Mut gehabt hätte, den ersten Schritt dazu zu tun.«</p><p>»Dann hat der gute Ohm dir ja wohlgetan, mein Freund?«</p><p>»Unendlich wohl, und ich bin ihm dankbar dafür, trotzdem er mich betrogen hat, denn du – du hast ihn ja nicht zu mir gesandt.«</p><p>Jetzt weinte Hille wirklich, aber kein Schmerz, kein Wehgefühl preßte ihr diese wohltätigen Tropfen aus, sondern das Gefühl einer wunderbaren, nie empfundenen Freude. Als aber Waldemar sie bat, ihm ein Wort zu sagen, das ihn beruhige, ihn belebe, da schluchzte sie: »Nein, ich habe ihn nicht zu dir mit Worten gesandt, mein Herz aber, mein Herz – o das habe ich alle Tage zu dir geschickt, und dies Herz hat er wahrscheinlich verstanden, und so hat er dich hierher beschieden.«</p><p>»Hille! Was muß ich hören! O dann kann ich dir sagen, daß dein Herz nicht zu mir zu schicken brauchte, um mich erst rufen zu lassen, denn das meine war immer bei dir – immer – seit –«</p><p><a id="page137" name="page137" title="enterprise11/gary"/> Er konnte nicht fortfahren; die süße Gestalt, die er liebte, mehr als alles auf der Welt, lag fest an seiner Brust, und ihre Lippen ließen den seinen kein Wort entschlüpfen.</p><p>Der seligste Moment, den Menschen auf Erden nur erleben können, verband die Glücklichen ziemlich lange, denn nichts störte sie, als das Flüstern des Windes und das sanfte Rauschen der im Schilfe sich wiegenden Wellen. Keins von beiden konnte sprechen, keins mochte sprechen. Worte sind es auch nicht, deren der Mensch bedarf, wo Taten reden, und hier redete eine süße Tat mit feurigen Blutwellen, die, getrennten Ursprungs zwar, doch nach einem Ziele wallten und für einander pochten und stürmten.</p><p>»Es hat lange gedauert, bis wir uns in Liebe gefunden haben,« sagte Waldemar endlich.</p><p>»Lange, sehr lange, mein teurer Freund, aber ich wußte, daß die Zeit kommen würde, und darum war ich getrost und geduldete mich.«</p><p>»Auch ich, Hille, wußte das – oder glaubte es wenigstens zu wissen, aber mein Hoffen war mit Bangen gemischt. O warum hat dir der alte Lachmann sein Erbe vermacht, – ohne ihn hätten wir schon lange glücklich sein können!«</p><p>»Wer weiß es! Wir hatten ja Krieg, und es wäre schrecklich für mich gewesen, dich in Gefahr und Not zu wissen und dir nicht helfen zu können.«</p><p>»Du hast mich doch darin gewußt –«</p><p>»Ja, aber nicht als den Meinen! Jetzt aber, jetzt ist Friede, Waldemar, und sieh, wie die Sonne so heiter auf uns hernieder lächelt, und das Meer seine silbernen Wogen so traulich an uns heran murmelt – o, mein Gebet ist erhört, das ich heute zu Gott emporgestammelt. Gib ihn mir, sagte ich an heiliger Stätte mit aller Inbrunst und Sehnsucht, und sieh, als ich aus der Kirche trat und auf die Felder schritt, über denen die Lerchen schwirrten und Gott seine Sonne scheinen ließ, da warest du da –«</p><p>»Um dich wieder zur Kirche zu führen, nicht wahr?«</p><p>»Wie und wann du willst – ich bin die Deine, solange ich lebe auf Erden und Gott uns in seiner Gnade zusammen vereint lassen will!«</p><p>Lange ruhten sie Brust an Brust auf dieser Stelle und genossen das Glück, das der gütige Himmel auch ihnen aufbewahrte Als sie aber endlich in das sonntäglich geschmückte Haus eintraten und allen darin Wohnenden verkündeten, was 
      <a id="page138" name="page138" title="enterprise11/gary"/> da draußen geschehen, da ließ eine Freude ihre heiteren Klänge vernehmen, wie sie noch nie auf dem stillen Gute laut geworden war, denn ihre schöne und geliebte Herrin mit dem Manne ihrer Liebe – den alle kannten – mit Waldemar Granzow vereinigt zu sehen, war der einzige Wunsch gewesen, den sie gehegt hatten, nachdem ihnen Gott den Frieden im Lande gegeben. 
      <a id="page139" name="page139" title="enterprise11/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap009"><h3>Neuntes Kapitel.</h3><h4>Der Strandvogt von Jasmund.</h4><p>Die beiden Brautleute, im Rausche ihres jungen Glücks nicht die anderen vergessend, die daran teilzunehmen die nächste Anwartschaft hatten, waren bei Tische übereingekommen, noch an demselben Tage in den ersten Nachmittagsstunden Bakewitz zu verlassen und, bevor sie sich nach Sassnitz begäben, um den alten Eltern des Bräutigams die frohe Kunde ihrer Vereinigung zu überbringen, erst den alten Schweden auf Pulitz zu besuchen und ihm Rechenschaft von dem Erfolge seiner List abzulegen, die so gute und schnelle Frucht getragen. Waldemar aber hatte sich vorgesetzt, den Scherz des Alten durch einen anderen zu erwidern und ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Hille, alle Wünsche des Geliebten zu den ihrigen machend, stimmte von ganzem Herzen mit ein, fügte aber die Bitte hinzu, sie bei dieser Gelegenheit auf den Rugard zu führen, den sie noch nie bestiegen, und damit ein Versprechen zu erfüllen, welches er ihr einst in einer traulichen Stunde, wie wir wissen, gegeben hatte.</p><p>Zu ihrer Überkunft nach Pulitz hatten sie zunächst den Seeweg bis zur Landungsstelle an der schmalen Heide, dem Heidekrug gegenüber, gewählt; vom Kruge aus wollten sie ein Boot nehmen, um ganz im stillen auf Pulitz zu landen und den alten Schweden womöglich noch zur Zeit seines Mittagsschlafes zu überraschen. Nachdem Hille nun rasch einen kleinen Koffer gepackt und in das Boot des Pächters von Bakewitz gesandt hatte, sagten sie diesem und seiner Familie Lebewohl und begaben sich an den Strand, wo unweit der Nußbäume das zur Überfahrt bestimmte Boot lag. Wohlwollende Hände hatten es in größter Eile in Bereitschaft gesetzt, 
      <a id="page140" name="page140" title="enterprise11/gary"/> und so weit die vorhandenen Mittel reichten, mit bunten Wimpeln und Flaggen geschmückt, wogegen weder Waldemar noch Hille etwas einwenden mochten, da die guten Leute es sich einmal nicht nehmen ließen, auf diese Weise wenigstens ihre Liebe und Freude an den Tag zu legen.</p><p>Da derselbe Wind noch wehte, der Waldemar nach Bakewitz gebracht, ja sogar noch etwas kräftiger geworden war, so ging ihre Fahrt ziemlich rasch von statten, und schon nach zwei Uhr langten sie an der bezeichneten Stelle der schmalen Heide an, wo sie das Boot verließen, um zu Fuß quer über den schmalen Erdgürtel nach dem Heidekruge zu gehen. Bevor sie jedoch von den Leuten, die sie gefahren, Abschied nahmen, bat Waldemar den Steuermann, ihm zu Liebe seine Fahrt bis Sassnitz fortzusetzen, dort im ersten Häuschen am Strande dem Lotsen Piesing Hilles Koffer zur Aufbewahrung mit der Bitte zu übergeben, ihm um Mittagszeit des andern Tages ein Boot an dieselbe Stelle der Heide zu senden, um darauf die Überfahrt nach seiner Heimat zu bewerkstelligen. Dabei aber sprach er den Wunsch aus, noch nichts von den auf Bakewitz vorgefallenen Ereignissen verlauten zu lassen und den Lotsen am Strande zu untersagen, den Strandvogt von seiner Rückkehr mit Hille in Kenntnis zu setzen.</p><p>Der Mann versprach es mit lächelndem Munde und segelte nach Jasmund ab, während Hille an Waldemars Arm die kurze Strecke zum Heidekruge zurücklegte, wo sie in wenigen Minuten ein Ruderboot erhielten, das sie nach Pulitz trug.</p><p>Innigst beglückt im Herzen und Hand in Hand in dem kleinen Boote sitzend, fuhren die Brautleute über den schmalen Wasserstreifen, und erst als sie dem Strande der kleinen Insel nahe kamen, fing Waldemars Herz an zu pochen, da er sich nun auf die Ausführung eines Scherzes vorbereiten mußte, der seinem ernsten Wesen nicht ganz entsprach und dessen Gelingen daher fraglich erschien.</p><p>Nachdem er aber mit Hille die ganze Szene wiederholt verabredet, stieg er mit ihr ans Land, sandte das Boot nach, dem Kruge zurück und schritt nun langsam gegen das Gehöft vor, das, da es Sonntag war, in friedlichster Stille ruhte, zumal die meisten Dienstleute die Insel verlassen hatten, um auf dem nahegelegenen Rügen bei Verwandten und Freunden, ihrem Vergnügen nachzugehen.</p><p>Es war noch nicht drei Uhr nachmittags, als sie geräuschlos durch die Pforte des Hofes schlüpften, wo sie der ersten Magd desselben ansichtig wurden und ihr Stillschweigen geboten. Ohne ein Wort zu reden, näherten sie sich dem 
      <a id="page141" name="page141" title="enterprise11/gary"/> Herrenhause, und während Waldemar in das Wohnzimmer Adam Sturlesons eintrat, blieb Hille mit klopfendem Herzen an der Tür stehen und horchte mit Spannung auf die Entwicklung der Szene, die sogleich ihren Anfang nehmen sollte.</p><p>Der alte Schwede saß in der Nähe des Ofens auf seinem bequemen Sorgenstuhl und schnarchte im glücklichsten Mittagsschlummer. Mutter Talke hatte die eine Ecke des alten Kanapees eingenommen, um in einem Gesangbuche zu lesen, das jedoch ihren Händen entglitten war, weil auch sie ein sanfter Schlaf heimgesucht.</p><p>Unter diese schweigende und friedfertige Gruppe nun, die sich eines solchen Überfalls nicht im geringsten versah, trat plötzlich mit einigem Geräusch Waldemar Granzow, auf seinen Mienen den Ausdruck des größtmöglichen Kummers tragend, der mit einem geschickt erheuchelten Grolle gegen den Urheber des gestrigen Scherzes erkennbar genug gemischt war.</p><p>Kaum hatte Waldemar die Tür hinter sich zugeschlagen, so fuhr zuerst Mutter Talke aus ihrem Schlummer in die Hohe, und ihr lauter Freudenschrei, dem aber sogleich eine lebhafte Besorgnis folgte, als sie das entstellte Wesen des befreundeten jungen Mannes sah, weckte alsbald auch ihren Mann aus dem Schlafe. Der alte Schwede, sich rasch in den Vorgang zurechtfindend, sprang mit heftiger Bewegung vom Stuhle auf, starrte seinen Vetter mit offenem Munde an und konnte anfangs kein Wort finden, um seinem Erstaunen einen Ausdruck zu geben.</p><p>Waldemar, ohne ein Wort der Begrüßung zu sprechen, ließ sich auf das Kanapee fallen, bedeckte sein Gesicht, auf dem er mit Mühe das Lachen beherrschte, mit der Hand und stieß eine ganze Reihe verzweiflungsvoller Seufzer aus.</p><p>»Hölle und Teufel!« brachte endlich der alte Schwede mit schallender Stimme hervor, »was soll das heißen? Junge, ist der Blitz in dich gefahren, oder ist dein Haus abgebrannt, daß du so kläglich wie eine Unke winselst? Heraus mit der Sprache, ich will wissen, was vorgegangen ist.«</p><p>»Ach, Ohm,« jammerte Waldemar, »du wirst es wohl wissen, ohne daß ich es dir sage. Du bist an dem ganzen Unfall schuld, denn du hast mich auf das ärgste belogen, und nun, da ich mit der Tür ins Haus gefallen bin, hat sie mich spöttisch heimgeschickt und gesagt, Mutter Talke hätte vielleicht um mich geworben, ihr aber sei es nicht im Traume eingefallen und es betrübe sie sehr, daß du auf deine alten Tage dich noch zu solchen Narrenstreichen herbeigelassen hättest.«</p><p><a id="page142" name="page142" title="wolfeh/gary"/> Dem alten Schweden verging beinahe der Atem, was bei ihm etwas Seltenes war, da er so leicht nicht aus de Fassung kam. »Was,« rief er mit donnernder Stimme »Narrenstreiche! hat sie gesagt? Ich – auf meine alten Tage? Ei, da soll ja gleich ganz Rügen in das Meer der sinken, und ich will es ihr anstreichen, daß sie mich mit einer Narren vergleicht.«</p><p>Jetzt war auch Mutter Talke zur völligen Besinnung gekommen. Ganz bleich im verschrumpften Gesicht näherte sie sich ihrem Mann, stämmte die beiden Hände in die Seiten und sagte mit weinerlicher (stimme: »Aha! Hab' ich es nicht gesagt? Und nun ist es eingetroffen! Mit solchen Narreteien richtet man nie etwas Gescheites an! Wenn du nichts besseres wußtest, die Jungen zu kopulieren, so hättest du klüger getan, die Hand ganz aus dem Spiele zu lassen. Aber das ist dir schon recht, Alter, nun iß die Suppe aus, die du eingebrockt, und tröste den armen Vetter, den du in die Schlinge geführt wie eine unschuldige Walddrossel.«</p><p>»In die Schlinge geführt!« tobte der alte Schwede weiter. »Nun ja, ich werde die Suppe schon ausessen, die ich eingebrockt, darauf verlaß dich. Aber du, Junge, höre mich einmal an; wenn das alles so ist, wie du sagst, und kaum glaube ich es anders, da du wie ein Verzweifelnder dreinschaust, so gratuliere ich dir mehr als ich dir kondoliere. Ich habe die Hille für ein wackeres Mädchen gehalten bisher und sie an die Spitze gestellt von allen Weibsleuten, die ich kannte, weit und breit. Nun aber, da sie ist, wie jede andere, leicht verletzlich und schnippisch, so will ich auch nichts mehr von ihr wissen – ja, das will ich, so wahr mir Gott helfe! Und da – da, ich will es dir nur sagen: ich wollte, wenn ich einmal sterbe, ihr alles hinterlassen, was ich besitze, denn ich habe außer dir und ihr keine Kinder, nun aber kriegt sie nichts, nicht die blasse Spur und du – du sollst alles allein haben, Geld und Geldeswert. Ha, bist du damit zufrieden, Junge?«</p><p>Waldemar wollte etwas antworte, aber es gelang ihm nicht; seine Kraft, das Lachen zu unterdrücken, war erschöpft, und wäre ihm nicht in diesem Augenblick eine Hilfe zu Teil geworden, so hätte seine Rolle nur kläglich geendet. Gerade zur rechten Zeit aber öffnete sich hinter dem alten Schweden die Tür, und Hille, die jedes Wort gehört, glitt wie, eine Elfe herein, schlang ihre Arme von hinten um den Hals des guten Ohms und rief: »Ja, ja, alter Schwede, damit ist nicht allein er, sondern damit bin auch ich zufrieden, und nun ist das Stück aus, und wir wollen alle recht glücklich sein!«</p><p>Da ging denn eine plötzliche Wandlung bei allen im 
      <a id="page143" name="page143" title="wolfeh/gary"/> Zimmer Versammelten vor. Waldemar ließ seine Verzweiflung fallen und zeigte ein heiter lachendes und glückliches Gesicht, der alte Schwede aber stand wie versteinert mitten zwischen den jungen Leuten und starrte bald die eine, bald den andern an.</p><p>»Hallo!« rief er dann laut, mit seiner Stentorstimme, als er den ihm gespielten losen Streich durchschaut, »spielt Ihr mir so mit für meinen guten Willen? Also, ich bin der Sündenbock für Eure lange Flennerei? Halt, das soll nicht ungestraft hingehen, gleich jetzt fordere ich dafür ein Versprechen, und ich lasse Euch nicht eher aus diesem Zimmer, als bis ich es schwarz auf weiß von Euch beiden in Händen habe.«</p><p>»Auch damit sind wir einverstanden, mein guter Ohm,« rief Waldemar fröhlich, aber Hille ließ es für jetzt noch nicht zu dem Ausspruch der Forderung kommen, denn sie umarmte bald Mutter Talke, bald den Ohm Sturleson, und das hatte eine so gute Wirkung bei beiden, daß Friede und Zufriedenheit im Handumdrehen hergestellt war.</p><p>Einen glücklicheren Tag hatte man sobald nicht auf Pulitz verlebt, und selbst die beiden Alten wurden wieder in der. Erinnerung jung, als sie die beiden schönen Brautleute nun eng verbunden nebeneinander sahen und von ihren Lippen das Geständnis vernahmen, daß sie namenlos glücklich seien und sie dem alten Schweden allein die gute Wendung verdankten, die die ganze Angelegenheit wider aller Vermuten so rasch genommen habe.</p><p>»Nun, das heiße ich mir ehrlich und vernünftig gesprochen!« wiederholte der Alte von ganzem Herzen mehrere Male. »Ha, ich wußte wohl, wie man einen solchen Burschen aus seinem Eigensinn treibt und wider seinen Willen so glücklich macht, wie den lieben Gott im Himmel.«</p><p>»Du irrst, lieber Ohm,« lächelte Hille; »Waldemar war nicht eigensinnig in seinem Schweigen –«</p><p>»Nun ja, daß du jetzt seine Partei gegen mich nimmst, wundert mich gar nicht, aber dafür sage ich dir noch einmal, du Schelm, meine Erbschaft ist dir verloren, denn was ich einmal gesagt, hab' ich für immer gesagt, und 
      <i>der</i> da hat sie, so wahr ich Adam Sturleson heiße, den man den alten Schweden nennt.«</p><p>Hille warf sich in seine Arme und küßte ihn wiederholt. »Damit bin ich ganz zufrieden, mein teurer Ohm,« rief sie fröhlich, »und niemand wird dir zuwidersein. Ich selbst besitze nichts mehr für mich allein, sobald, ich Hille Granzow heiße, und so wird dein Eigentum jedenfalls an den rechten 
      <a id="page144" name="page144" title="wolfeh/gary"/> Mann kommen, wenn du es doch einmal in andere Hände übergehen lassen willst.«</p><p>»Willst? Ich denke nicht daran, aber, Kinder, 
      <i>der</i> da« – und er streckte mit gläubig schimmerndem Gesicht die rechte Hand nach oben aus – »der allein hat einen Willen und ihm beuge ich mich, wenn er ihn ausspricht. Ihm aber wollen wir danken, daß er auch diesen Krieg zu Ende gebracht, und nun werdet Ihr mir wohl das Versprechen geben, was ich schon vorher von Euch fordern wollte.«</p><p>»Welches ist das?« fragten Hille und Waldemar zugleich mit Augen und Lippen.</p><p>»Daß Ihr Eure Hochzeit hier bei mir auf Pulitz feiert, und daß ich das Recht habe, dazu einzuladen, wen ich will.«</p><p>Hille schmiegte sich sanft an Waldemar an und blickte ihm, um seine Meinung fragend, in die großen blauen Augen. »Was sagst du dazu, mein Freund,« sagte sie zärtlich, »darin hast du zu bestimmen.«</p><p>»Nein, du, meine Teure!« erwiderte Waldemar, sie auf die reine Stirn küssend.</p><p>»Pulver und Blei!« rief der alte Schwede mit dröhnender Stimme. »Nun zanken sie sich schon, wer das meiste Recht in solchen Sachen hat. Bah, Ihr jungen Kreaturen, Ihr beide habt kein Recht, und ich allein werde das mit den Alten, abmachen, ich will und muß nun einmal Brautvater sein und damit basta für heute!«</p><p>+++</p><p>Nachdem man am nächsten Morgen gemeinschaftlich das Frühstück eingenommen, erinnerte Hille ihren Geliebten an sein Versprechen in Betreff des Rugard.</p><p>Er war sogleich bereit und eine Viertelstunde später saßen sie schon in einem Boote, um nach Rügen überzusetzen und vom Strande aus auf dem nächsten Wege den schönen heimatlichen Berg zu besteigen. Golden stand auch an diesem Tage die Sonne am Himmel und linde wehte der Wind die Düfte der Wälder und Felder heran, die im vollsten Sommerschmucke prangten. So war denn die Umschau vom höchsten Punkte des Rugard aus, nachdem der kurze Weg bis zu seinem Gipfel bald zurückgelegt war, eine überaus lohnende, und Hille, dicht an Waldemar geschmiegt, gab sich einem Entzücken hin, wie sie es unter solchen Umständen noch nie genossen hatte.</p><p>»Sieh,« sagte Waldemar, nach Südwesten deutend, »da springt die ausgezackte Halbinsel, die du deine Heimat nennst, wie eine riesige Hand mit ihren ausgestreckten Fingern, dem 
      <a id="page145" name="page145" title="wolfeh/gary"/> Redewitzer-, Göhren- und Thiessower Höwt in das blaue Meer vor. Dort hinter jenen grünen Waldungen, der Granitz, dessen höchsten Punkt das fürstliche alte Jagdschloß einnimmt, hast du die vorige Nacht geschlafen, noch nicht im geringsten voraussehend, daß du heute schon auf diesem Gipfel stehen und mit mir in Gemeinschaft die Reize deines Vaterlandes betrachten würdest. Aber so webt das Schicksal die Fäden des Menschenlebens stets im Geheimen, und mit seiner heutigen Arbeit können wir Wohl zufrieden sein. Sieh, dort gerade vor uns taucht das schöne Schloß empor, in dem unser gütiger Fürst, der Herr von Putbus wohnt, um das herum sich seit fünf Jahren eine kleine Stadt aufgebaut hat, die mit schnellen Schritten ihrer Vollendung entgegenreist. Wenn ich nicht irre, wird sie bestimmt sein, einst den leuchtendsten Stern Rügens zu bilden und Gott gebe ihr und ihrem edlen Schöpfer das beste Gedeihen. Jenes breite Wasserbecken aber, welches die Küste von Putbus bespült, ist der Rügianische Bodden; ihm gegenüber vor jenem grauen Streifen, der pommerschen Küste, bildet das Meer, tief in das Land eindringend, den Greifswalder Bodden, in dessen tiefster Bucht dort die Greifswalder Türme ragen. – Hier zur Rechten hinüber, jenseits des schmalen Wassergürtels, erblickst du die Mauern und Wälle der deutschen Feste, das dräuende Stralsund, aus deren Mitte ich damals mit dem blutenden Magnus Brahe dort nordwärts nach jenem schmalen Inselchen, Hiddens-öe genannt, flüchtete und bei Herrn von Bagewitz auf dem Gute Kloster eine gastliche Aufnahme fand, wie jeder andere sie finden wird, den einmal sein Weg in Freud' oder Leid dahin führt. – Sieh nun dort hin über Gingst und Udars hinüber, wo Hunderte von Dörfern, Höfen und Häusern mitten aus den grünen Fluren und Wäldern hervorragen, in jener Wasserenge zwischen Wittow und Rügen fand der Kampf statt, der uns von unsern feindlichen Verfolgern befreite, als wir nach Schweden flüchten wollten, und aus welchem Piefing der ältere mit seinem eisernen Willen und seinem kühnen Mute uns siegreich hervorgehen ließ. Aber jetzt über Wittow fort, fliege mit mir über unsern großen Bodden nach dem schönsten Punkte unseres Vaterlandes, nach Jasmund. Sieh seine ragenden Wälder, seine hochgetürmten Berggipfel und dort ganz vorn seine Weißen Klippen, die jäh in das weite Meer hinabstürzen. Ach, auf diesem grünen Lande habe ich mein Leben begonnen und die herrlichsten Freuden, aber auch die herbsten Leiden erfahren. Beides zusammen aber bindet den Menschen fest an die Scholle und darum kann ich nur mit Wehmut meinen 
      <a id="page146" name="page146" title="wolfeh/gary"/> Blick davon losreißen, der immer wider meinen Willen nach Spyker zurückkehrt, wo das Grab meines Freundes liegt.«</p><p>Hille antwortete ihm nicht, denn sie teilte seine Empfindungen, nur inniger lehnte, sie sich an ihn an und drückte stumm seine Hände, dadurch verratend, daß sie denke und fühle wie er. Wohl eine Stunde blieben sie auf der Höhe stehen und genossen die Aussicht über ihr kleines aber schönes Heimatland, und als sie endlich wieder den Weg nach Buschwitz hinabschritten, waren sie beide befriedigt, denn die Wonne, sich gegenseitig endlich gefunden und so eine Stütze und einen Trost gegen allerlei Not und Gefahr zur Hand zu haben, stimmte sie glücklich und ließ sie die Schmerzen und Leiden vergessen, die sie bisher erfahren und durchlebt hatten.</p><p>Auf dem Wege von Buschwitz nach Pulitz legten sie eine Viertelstunde auf dem kleinen Werder All-Rügen an und Waldemar führte Hille in die geheime Moosgrotte, in der er, während der Anwesenheit des Generals Chambertin mit Magnus verborgen gelebt hatte.</p><p>Als sie in das Innere derselben hinabgestiegen waren und den Sitz auf dem schwellenden Moose eingenommen hatten, war Hille erstaunt, das Ganze so behaglich und lieblich zu finden, und sie sprach ihre Meinung darüber in fröhlichen Worten aus.</p><p>»Ja,« erwiderte Waldemar, »jetzt scheint es dir wohl angenehm und behaglich, einige Minuten aus diesem weichen Lager zu sitzen, aber damals, tagelang hier eingesperrt und von allen Menschen so weit entfernt, war es uns doch peinlich und beschwerlich genug, namentlich für den armen Magnus, der mit seinen Gedanken immer um Spyker flatterte und an seinen bevorstehenden Tod dachte. Sieh, hier, wo du sitzest, hat damals mein armer Freund gesessen und geseufzt, hier hat er noch immer an. die leichtsinnige Gylfe gedacht, die seinen Edelmut ebensowenig wie seine Liebe zu schätzen wußte. Ach, ich sehe ihn hier noch immer stumm und schmerzvoll brüten und mir seine Leiden klagen, die ich doch nicht lindern konnte, und so wird er mir überall und immer vor Augen schweben.«</p><p>Bei diesen Worten, den ersten traurigen, die Waldemar sprach, seitdem er in ihren Besitz gelangt war, umschloß Hille ihn mit beiden Armen und drückte ihn zärtlich an sich. »Mein Freund,« sagte sie, »Magnus allerdings ist nicht mehr hier, aber an seine Stelle bin ich getreten und ich will mich aus alle Weise bemühen, ihn dir in deinem Herzen zu ersetzen.«</p><p><a id="page147" name="page147" title="wolfeh/gary"/> »O Hille, wie schön sprichst du das aus und wie unendlich dankbar bin ich dir dafür. Ja, du, du allein bist mir der einzige Trost, wenn ich an seinen Verlust denke, denn Magnus war mir mehr als ein Freund und Gefährte, er war mir fast ein Bruder! Und wie wunderbar richtig hat er mir vieles vorausgesagt, was schon jetzt vollkommen eingetroffen ist. Erst wenn ich tot sein werde, sagte er mir unter andern, wirst du ganz glücklich sein. Und sieh, Hille; er ist tot, und ich bin, was er mir vorhergesagt – glücklich, wie es ein Mensch nur sein kann, schon allein durch dich.«</p><p>Hille drückte ihn noch fester an sich und dankte ihm mit Küssen, denn Worte hatte sie nicht. Dann aber stiegen sie wieder an die Oberfläche empor, schlossen vorsichtig die Türen der verborgenen Hütte und bestiegen ihr Boot, mit welchem sie bald wieder nach Pulitz gelangten.</p><p>Bei dem Mittagsmahle, das nun in der Behausung des alten Schweden in der gewohnten reichlichen und förmlichen Weise aufgetragen wurde, erfuhren die Brautleute zu ihrer Freude, daß sowohl Adam Sturleson wie Mutter Talke sie nach Sassnitz begleiten wollten, um Zeugen der Freude des Strandvogts und seiner Frau zu sein. So wurde denn heute nicht an den Mittagsschlaf gedacht und sobald die Tafel aufgehoben war, rüstete man sich, die Reise anzutreten, in der Hoffnung, daß der Steuermann aus Bakewitz seinen Auftrag vollzogen, und Piesing ein Boot dem Haidekrug gegenüber in die Prorer Wiek gesandt haben werde.</p><p>Mit raschem Ruderschlage flog das Pulitzer Boot quer durch den kleinen Jasmunder Bodden und es war noch nicht zwei Uhr nachmittags, als man im Haidekrug anlangte und nun zu Fuß über die schmale Heide schritt. Wie erstaunten aber alle vier, als sie den Strand erreichten und an der bezeichneten Landungsstelle statt des gewöhnlichen Überfahrbootes das größte und schönste Lotsenboot von Sassnitz vorfanden, das Piesing selber steuerte und außerdem bei dem schwachen Winde mit acht kräftigen Ruderern bemannt hatte, die sämtlich in ihre Sonntagstracht gekleidet waren. Sodann aber war das ganze Boot vom Ausleger bis zum Bord herab mit unzähligen bunten und lustig flatternden Wimpeln und Flaggen geschmückt, unter denen hinten über der Ruderpinne zum erstenmal die große preußische Flagge sich entfaltete, unter deren Schutz die Rügianischen Schiffer und Lotsen jetzt in See stachen.</p><p>Erstaunt blieben die vier Reisenden stehen, als sie schon von weitem das unerwartete Schauspiel erblickten, und eins neue Freude erhob ihre Herzen, daß man ihrer in der Heimat 
      <a id="page148" name="page148" title="wolfeh/gary"/> so herzlich gedacht und an ihrem Schicksal so innigen Anteil genommen hatte.</p><p>Der Bote aus Bakewitz hatte also gegen Waldemars Wunsch das Geheimnis in Sassnitz verraten und wir wollen ihm das nicht verdenken, denn Leute seines Herkommens und Standes glauben immer recht zu tun, wenn sie andern eine Freude bereiten, selbst wenn sie dabei einem ausdrücklichen Gebote zuwider handeln.</p><p>Da das große Boot nicht dicht am Strande anlegen konnte, so hatte man noch ein kleines im Schlepptau herbeigeführt, das ebenfalls bunt und reich beflaggt war; in dieses nun, nachdem es dicht an das Ufer gerudert, stiegen die Reisenden, um bald darauf von Piesing dem Älteren an Bord des großen begrüßt zu werden, der als Führer des Schiffes seinen Posten nicht verlassen hatte. Mit festem Handschlag und herzlichen Worten empfing er das Brautpaar und als alle auf ihren Plätzen saßen, ließ er ein donnerndes. Hurra ertönen, das an den Bergen von Jasmund widerhallte und weit über die Wogen der Ostsee scholl. Dann aber gab er seinen Ruderern ein Zeichen und auf einen Schlag senkten sie ihre Riemen in das Wasser und wie ein hurtiger Schwan flog das große Boot durch die Fluten dem Ufer von Jasmund zu, noch einmal im funkelnden Sonnenschein die schönen Küsten der Heimat umsegelnd.</p><p>Als man aber bald auf die Höhe von Mucran gelangt war, gab Piesing den Vormännern im Buge ein Zeichen, und als sie dieses empfangen, zogen sie ihre Riemen ein und machten sich mit einem kleinen Böller zu schaffen, den sie bisher mit einer Flagge den Blicken des Brautpaares entzogen hatten. Den entluden sie nun und Schuß auf Schuß fuhr krachend heraus und begrüßte die Höhen Jasmunds, den Bewohnern derselben damit ein Zeichen gebend, daß sie das Paar glücklich heimbrächten, nachdem sie ausgefahren waren.</p><p>Kaum aber war der erste Schuß im donnernden Echo an den Bergvorsprüngen der Halbinsel widerhallt, so belebte sich plötzlich die stille See, denn von Sassnitz und Crampas her ruderten so viel bunt bewimpelte Fahrzeuge heran, als in beiden Dörfern aufzutreiben gewesen waren, und in wenigen Minuten umringten sie alle das große Boot und lauter Jubelruf, bis weit über die Grenzen des langgedehnten Strandes tönend, erfüllte die milde Sommerluft.</p><p>Hille, als sie dieses herzliche Entgegenkommen sah und daraus erkannte, wie lieb man in Sassnitz ihren Waldemar und sie selbst habe, vermochte kein Wort zu reden, nur ihre 
      <a id="page149" name="page149" title="wolfeh/gary"/> Augen blitzten rings umher und streuten überallhin Winke und Grüße aus, während sie im stillen die Freudenperlen trocknete, die Wider Willen ihre blühenden Wangen befeuchteten.. Waldemar aber stand hoch im Boote, schwenkte seinen Seemannshut und begrüßte mit lautem Zuruf alle die biederen Männer, die es mit ihm und seinem braven Vater so herzlich meinten.</p><p>Als man sich aber dem Strande von Sassnitz allmählich näherte, wurden alle durch einen unerwarteten Anblick überrascht. Der ganze Außenstrand war mit hohen und unabsehbar langen Reihen von Fischernetzen umspannt, in denen bunte Bänder und Tücher eingeknüpft waren, deren Wehen und Flattern im Winde einen lieblichen Anblick gewährte. In den von Zeit zu Zeit freigelassenen Zwischenräumen aber hatten sich alle Bewohner von Crampas und Sassnitz aufgestellt, und Männer und Weiber, jung und alt, alle im Sonntagsstaat, bemühten sich um die Wette, mit Freudenruf und Gruß das junge Paar zu empfangen, dem alle von ganzem Herzen so freundlich gewogen waren. Als Waldemar diesen unerwarteten und herzlichen Empfang sah, da wurden auch ihm die Augen feucht, und er vermochte nur noch mit den Armen wiedergrüßend und dankend zu winken, denn Worte hatte er schon lange nicht mehr.</p><p>Endlich war man dem Strande ganz nahe gekommen, und dicht vor dem Eingange von Sassnitz, wo der Steinbach seine Schaumperlen ins Meer ergießt, hatte man schnell aus alten Booten und Brettern eine Landungsbrücke zusammengefügt, die mit Blumen und Blättern bestreut war und hinter der die jauchzenden Fischer mit Weibern und Töchtern in bunten Reihen standen. Kaum aber Hatte Waldemar, Hille an der Hand führend, diese Brücke betreten, so öffneten sich die Haufen, und der Strandvogt selber, Mutter Ilske geleitend, die man erst vor kurzem von dem Vorgehenden in Kenntnis gesetzt, trat den Ankommenden entgegen.</p><p>Als nun die beiden allgemein verehrten Alten, die an diesem kleinen Orte die angesehensten Leute waren, das Brautpaar in ihrer elterlichen Weise begrüßt und willkommen geheißen hatten, mußten Hille und Waldemar die Reihen hinuntergehen und allen und jeden die dargebotenen Hände schütteln, und niemals in ihrem Leben war Hille von so vielen bewundernden Augen beschaut worden, wie an diesem Tage, denn als hätte noch niemand vorher das schöne Mädchen von Sassnitz in der Nähe gesehen, so fand man erst heute so vollkommene Reize an ihr, daß Waldemar, wenn er die Ausrufungen gehört, die allerorten laut wurden, sich mit einer 
      <a id="page150" name="page150" title="wolfeh/gary"/> Prinzessin hätte verbunden wähnen können, was in dem Sinne der einfachen guten Strandbewohner nichts anderes hieß, als im Besitz aller möglichen Schönheiten und Vollkommenheiten zu sein.</p><p>Nachdem nun die Begrüßungen unten am Strande. Wohl eine Stunde hinweggenommen hatten, ordnete der alte Schwede und Piesing, der riesige Lotse, den Zug, der das. Brautpaar durch die Schlucht zur Höhe hinauf nach dem Kiekhause begleiten sollte.</p><p>Voran schritten zwei Fiedler, mit nicht unharmonischen Tönen das Echo der Berglehnen erweckend. Ihnen folgte, immer paarweise gehend, ein Zug der, jüngeren Fischer und Schiffer; dann kam der alte Schwede mit Mutter Ilseke, dann der Strandvogt mit Mutter Talke und dahinter, das Brautpaar, welches man mit grünen Eichengirlanden fast übermäßig beladen hatte. Hinter ihnen aber folgte die lachende und schwatzende Schar der jüngeren Fischermädchen, denen sich endlich die alten Paare, die Lotsen und ganz zuletzt die schreiende und radschlagende junge Welt anschlossen.</p><p>Bis vor das Gartentor des Kiekhauses gab man den Bewohnern desselben das festliche Geleite, und unter Hurraruf und einem endlosen Gejauchze traten sie in die Tür ein, worauf die Dorfbewohner sich zurückzogen, um unten am Strande den althergebrachten Fischertanz aufzuführen und bis zum Abend das Vergnügen fortzusetzen, da der Festtag der einzelnen hier immer ein Festtag für alle war.</p><p>Als nun aber der Strandvogt mit allen Seinigen in das beste Zimmer des Kiekhauses eingetreten war, da begannen noch einmal die Begrüßungen und das Willkommenheißen der beiden Glücklichen, und hier empfing auch nochmals der alte Schwede den Dank der Eltern, den er so redlich verdiente, da er es ja allein war, der den Frieden nun wirklich in das stille Haus eingeführt und alle glücklich gemacht hatte.</p><p>Man war mit den Worten zu Ende gekommen, und Mutter Ilske hatte den schon bereit gehaltenen Kaffee eben hereinbringen lassen, als Waldemars Augen auf den am vorvergangenen Tage eingelaufenen Brief fielen, den seine Mutter, um ihn nicht wieder zu vergessen, in ihr Arbeitskörbchen am Fenster gelegt hatte.</p><p>»Was ist das für ein Brief?« rief er und griff schon danach. »Ha, vom alten Grafen Brahe aus, Stockholm!« stammelte er plötzlich mit gepreßter Stimme, und alles schwieg bei diesen Worten und richtete erwartungsvoll die Augen auf ihn. »Ist der in meiner Abwesenheit gekommen, Mutter?«</p><p>»Nein, mein Sohn, ach nein, jetzt muß ich mich nur 
      <a id="page151" name="page151" title="lesebaer/gary"/> anklagen, und du, hilf mir, daß er mich nicht schilt. Der Brief, Waldemar, kam schon am Sonnabend Abend an, ehe du zu Hause warst, und ich wollte ihn dir am Sonntagmorgen überreichen, um dir einen fröhlichen Tag zu machen. Da kamst du aber so früh herunter und mit so entzücktem Gesicht, daß ich ihn vergaß, zumal du dich gleich darauf in das Boot setztest und nach dem Süden fuhrst. Jetzt aber lies ihn, mein Sohn, wir erlauben es dir alle gern, und wenn etwas Gutes darin steht, wird er noch immer zur rechten Zeit gelesen sein.«</p><p>»Und erst recht, wenn etwas Schlimmes darin steht, denn wir stehen hier alle für einen Mann!« bemerkte der praktische alte Schwede.</p><p>Waldemar wandte den Brief hin und her, als könne er kaum die Zeit erwarten, ihn zu lesen, denn es war dies der erste, den er seit Magnus' Tode, also seit fünf Jahren, vom Grafen erhielt. »Darf ich ihn lesen?« fragte er dann das liebe Mädchen, das, wie alle übrigen, die Augen, voller Spannung auf ihn gerichtet hielt.</p><p>»Ja, Waldemar, du mußt es sogar, und tue es geschwind; wir aber wollen unterdessen ganz still sein und während der Zeit unsern Kaffee trinken.«</p><p>Waldemar hatte sich auf den Stuhl der Mutter an das Fenster gesetzt und den Brief rasch geöffnet. Mit ruhigem Auge überflog er die erste Seite, als er aber immer weiter und weiter las, nahm seine Miene den Ausdruck einer Aufregung an, die von Minute zu Minute sichtbar zunahm, bis er endlich ganz bleich wurde und mehrere Male einen tiefen Seufzer ausstieß.</p><p>Alle im Zimmer Anwesenden verhielten sich vollkommen schweigend und hingen erwartungsvoll an dem Gesichte Waldemars. Auch ihre Aufmerksamkeit wuchs allmählich, bis sie sich alle wie auf einen Wink erhoben und in die Nähe des Lesenden traten, der plötzlich, als er den Brief zu Ende gebracht, mit heftigster Erregung vom Stuhle aufsprang und ausrief:</p><p>»Großer Gott! Womit habe ich das verdient! O, wie belohnt sich die Liebe auf Erden, wenn sie die wahre, echte Liebe ist – und die meine war es, ich kann es vor jedermann, selbst vor Gott behaupten!«</p><p>»Nun, was ist's denn, was gibt's denn?« fragte neugierig der alte Strandvogt und wollte schon mit der Hand nach dem Papiere greifen.</p><p>Waldemar hörte gar nicht, was der Vater zu ihm sagte. Er kämpfte noch immer mit sich selber, strich sich wiederholt, mit der Hand durch das üppige dunkle Haar und trat dann 
      <a id="page152" name="page152" title="lesebaer/gary"/> auf Hille zu, drückte sie fest an sich und sagte: »O Hille, wenn dieser Brief vorgestern in meine Hände gelangt wäre, so hättest du einen anderen Bewerber an mir gehabt und ich hätte ohne Herzklopfen nach Bakewitz eilen und mit offener Stirn an dich herantreten können.«</p><p>»Ich wünsche es mir nicht anders, wie es gewesen ist, denn es war schön, herrlich, unvergeßlich so,« erwiderte Hille leise, aber da alles schwieg, doch verständlich genug.</p><p>»Das glauben wir Euch gern,« nahm der alte Schwede lächelnd das Wort. »Aber dürfen wir nicht erfahren, was in dem Briefe steht, mein Junge? Denn wenn du mit dem Mädchen von Bakewitz fortfährst zu reden, so werden wir es wahrlich noch lange nicht wissen.«</p><p>»Ja,« sagte Waldemar und trat mit feierlicher Miene und gehobener Haltung in die Mitte seiner Lieben, »Ihr dürft nicht allein, sondern Ihr müßt es erfahren, denn dieser Brief verändert Euer und mein Verhältnis wie durch einen Zauberschlag. Hört also, was der gute alte Graf mir schreibt, und dann dankt Gott noch einmal, daß er meinem Vater einst die Gelegenheit gab, den edlen Herrn dem Wellentode zu entreißen, was ja der Anfang unserer näheren Bekanntschaft und des Glücks war, welches jetzt in übermäßiger Fülle auf mich, der es so wenig verdient, herniederströmt.« Darauf nahm er den Brief und las mit klarer Stimme den ganzen Inhalt desselben vor.</p><p> </p><p class="dblmarg">Mein teurer Sohn!« hieß es darin. Ach, ich nenne Dich meinen Sohn, weil ich keinen anderen mehr habe, dem ich diesen Namen beilegen könnte, und Du hast ja stets gegen mich und meinen Magnus gehandelt, als wärest Du mein Sohn und sein Bruder gewesen, das hat er mir in seiner letzten Zuschrift und Willensmeinung zu erkennen gegeben, die Du selbst mir vor fünf Jahren aus Sassnitz übersandt hast.</p><p class="dblmarg">Mein langes Schweigen wird Dich in Verwunderung gesetzt und Dir vielleicht die Meinung eingeflößt haben, als hätte ich Dich vergessen oder gar meine Hand von Dir abgezogen, wie es Wohl in der Welt unter Menschen vorkommen mag, die ein schwaches Gedächtnis für erwiesene Wohltaten und eine starke Neigung haben, nur an sich selbst und das eigene Wohlsein zu denken. Aber nein, mein teurer Waldemar, das ist nicht die Ursache meines langen Schweigens gewesen. Lange Reisen und wichtige Geschäfte im Auslande haben mir Jahre meines Lebens fortgenommen, die ich nicht für mich und die Meinigen, sondern nur für das höhere Wohlsein meines Vaterlandes 
      <a id="page153" name="page153" title="lesebaer/gary"/> verwenden konnte, und als ich endlich in mein heimatliches Haus zurückkehrte, war der Schmerz, meinen Magnus, den einzigen Erben meines Namens, die ganze Freude und Hoffnung meines Lebens, verloren zu haben, so groß, daß ich nicht imstande war, irgend wem von meinen Verhältnissen und Absichten Kunde zu geben. Auch wütete damals der Krieg mit seinen Drangsalen und Kümmernissen in Europa, kein Mann war zu Hause, und meine Zuschriften hätten Dich wahrscheinlich vergeblich in Deiner Heimat gesucht. Jetzt aber, mein guter Waldemar, haben wir Frieden, und mit ihm die Ruhe und Muße erhalten, über uns selbst und andere nachzudenken und für ihre Zukunft zu sorgen. Dieses Nachdenken aber hat mich zuerst auf Dich zurückgeführt und mich gemahnt, Dir zunächst auf Dein liebevolles und trostreiches Schreiben vom Jahre 1810 Antwort zu geben. Ich richte daher diese Zeilen in das Haus Deines guten Vaters, weil ich mir denke, daß Dich das in allen Rügianern lebhaft brennende Heimatsgefühl in die Arme desselben zurückgetrieben haben wird, um in seiner Nähe Dein ferneres Leben Deinen und seinen Wünschen entsprechend zu verbringen.</p><p class="dblmarg">Was ich Dir nun zu sagen habe, ist folgendes, ich bitte Dich aber, damit nicht die ganze Dankbarkeit für erschöpft zu halten, die ich für Dich in anbetracht des vielen Guten empfinde, welches Du mir und den Meinigen erwiesen hast, sondern es nur als die Abtragung eines kleinen Teils der unvertilgbaren Schuld aufzunehmen, die Dein und Deines braven Vaters Verhalten in schweren Stunden mir auf die Seele gelegt hat und die ich daselbst tragen werde, bis auch mein Auge sich schließt, um in den ewigen Osten einzugehen.</p><p class="dblmarg">Aus Magnus' letztem Willen geht hervor, daß Du bis an sein Ende sein treuer Freund und Gefährte auf allen Wegen gewesen bist. Er dankt Dir noch einmal durch mich für alle Deine ihm bewiesene Liebe von ganzer Seele und wiederholt Dir zum letzten Male, daß Du ihm der zuverlässigste, teuerste Freund und sorgsamste Bruder auf Erden gewesen bist. Was er Dir nun nicht selber sagen mochte, sagt er Dir durch mich, und um Dir auch sichtbare Erinnerungen an seine Freundschaft und Neigung zu hinterlassen, setzt er Dich zum Erben aller seiner kleinen Besitztümer ein, die er an Sammlungen, Waffen, Büchern, und sonstigen Dingen im Laufe der Zeit von mir, seiner früh verstorbenen Mutter und seinen übrigen Verwandten 
      <a id="page154" name="page154" title="lesebaer/gary"/> erhalten hat, und ich bestätige das hiermit, indem ich die Bitte hinzufüge, Dich in einigen Tagen nach Spyker zu begeben, um dort das Genannte in Empfang zu nehmen, da ich alles, was noch nicht daselbst ist, morgen dahin absenden werde. Wenn Du es vermeiden kannst, der leichtfertigen Gylfe Torstenson vor Augen zu treten, so erfülle meinen Wunsch, ich mag nicht, daß Deine Erinnerung an Magnus und mich, noch einmal durch den Anblick oder vielleicht gar durch eine zu spät kommende Erörterung mit diesem unglücklichen Mädchen getrübt und aus der stillen Ruhe sanften Vergessens aufgerührt werde. Denke aber nicht, daß ich meine Hand ganz von ihr abgezogen habe, das wäre gegen mein Gewissen und gegen das Versprechen, welches ich ihr gab, als sie als das Kind eines Geächteten und eine von aller Welt verlassene Waise in meine Hand geriet, vielmehr habe ich ihr ein Jahrgeld bestimmt, wovon sie neben ihren Einkünften als Stiftsfräulein in Bergen bequem leben kann, wohin sie, wie ich hoffe, sich begeben wird, sobald das vom Kriege hart mitgenommene Stift wieder in bewohnbaren Zustand versetzt sein wird. Diese Worte sollen die letzten sein, die ich über sie fallen lasse, denn es schmerzt mich, von ihr zu reden, die meinem guten Magnus vielleicht wider Willen so viel Leid und Kummer verursacht hat. Gebe ihr Gott ein recht heiteres Leben und innerliche Zufriedenheit, sie ist noch jung und zum Genusse des menschlichen Daseins geschaffen; sie würde unglücklich sein, wenn sie es einsam verbringen müßte, und doch hat sie die Winke der Vorsehung nicht verstanden, die ihr so oft hilfreich die Hand bot, als sie in bedrängter Lage war.</p><p class="dblmarg">Alles, was ich Dir bis jetzt gesagt, betrifft aber nur den Dank und die Willensmeinung, die Magnus für Dich hinterlassen hat – ich für meine Person bin Dir zu größerem Danke verpflichtet. Um wenigstens einen Teil desselben abzutragen, habe ich hin und her gesonnen, wie ich Dir Deinen ferneren Lebenspfad ebnen und angenehm machen könnte, da mir sowohl Deine Neigungen wie Bestrebungen für eine Deiner würdige Zukunft bekannt sind, und da habe ich mich erinnert, daß ich Dir eine kleine Gabe bieten kann, die Dich und die Deinigen vielleicht erfreuen wird. Nimm also meine seit Jahren mit großer Vorsicht und Liebe gepflegte Musterwirtschaft Blankenau am Jasmunder Strande in der Nähe der Stubnitz zu Deinem Eigentum an. Sie hat ein trauliches und geräumiges neu erbautes 
      <a id="page155" name="page155" title="lesebaer/gary"/> Wohnhaus, hübsche Gärten, eine gute Viehzucht, jagdreiche Waldungen und ist in der Nähe der See gelegen, die Dir ja von Jugend auf ein befreundetes Element war. Dorthin ziehe Dich von den Sorgen des Lebens zurück, nimm ein braves Weib und erziehe Deine Kinder in Gottesfurcht und Menschenliebe, wie Dich Deine wackeren Eltern selbst erzogen haben.</p><p class="dblmarg">Da Du aber noch jung, voll Feuer, Kraft und Lust zur Arbeit bist, also einen Lebensberuf brauchst, der Deinen Fähigkeiten entspricht und Dir eine ehrenvolle Stellung unter Deinen Landsleuten gewährt, so habe ich mit meinem edlen Freunde, dem Fürsten von Putbus, Deinetwegen Rücksprache genommen und er hat meinen Wunsch erfüllt und mit der neuen Regierung verhandelt, die jetzt über Rügen gebietet. So wird Dir denn in den nächsten Wochen Deine Bestallung als Strandvogt der ganzen Halbinsel Jasmund ausgefertigt werden und Du wirst der oberste Beamte dieser Art in Deiner schönen Heimat sein. Das Amt aber, welches Du hiermit übernimmst, wird meiner Überzeugung nach in keinen Händen besser bewahrt sein, als in den Deinen, denn Du besitzest nicht allein die Fähigkeiten, sondern auch den guten Willen dazu, es seinen Erfordernissen und seiner Wichtigkeit gemäß würdig auszufüllen, wie es einem Ehrenmanne geziemt. Wo Du also kannst, widme Dein Leben dem Wohle der Menschen, die in Stunden der Gefahr hilflos an Deine Ufer geworfen werden, übe Barmherzigkeit und wache über alle diejenigen, die mit der Rettung von Menschen und mit der Bergung verunglückter Ladungen betraut sind.</p><p class="dblmarg">Diese Stellung bietet Dir aber auch Gelegenheit, Deiner Liebhaberei, das Meer zu befahren und das Seewesen auf Rügen zu fördern, zu genügen, sodann aber auch, zum Wohle einer großen Menge von Menschen beizutragen, die Deiner Oberleitung untergeben sind.</p><p class="dblmarg">Nun noch das letzte, was Dich vielleicht in nicht geringe Verwunderung setzen wird, aber Dich vielleicht niederschlagen darf. Der künftige Besitzer der Spykerschen Güter, Blankenau ausgenommen, werde nicht länger ich, sondern wird der Fürst von Putbus sein, mit dem ich seit einiger Zeit wegen Verkaufs meiner sämtlichen Besitzungen auf Jasmund, Wittow und Rügen in Unterhandlung stehe. Er ist ein edler Mann, hochbegabt, zu allem Guten geneigt, weise, kunstsinnig und tätig für 
      <a id="page156" name="page156" title="lesebaer/gary"/> das Wohl der Seinigen und aller auf Rügen lebender Menschen, namentlich der dienenden und ärmeren Klasse. Begib Dich nächstens nach Putbus zu ihm und stelle Dich ihm vor, denn Du bist durch den Besitz von Blankenau, sowie durch Deine amtliche Stellung in die Reihe der begüterten und angesehensten Bewohner der Insel getreten. Du wirst mit ihm, und er wird mit Dir zufrieden sein, das sehe ich voraus. Ich selbst konnte nach allen Verlusten und da ich – nach Gottes Willen – keine Familie mehr habe, meine Güter auf Rügen nicht mehr nach Wunsch benutzen, jeder alte Baum, jeder zerbröckelnde Fels würde mich nur an meinen Verlust erinnert und meinen väterlichen Schmerz erneuert haben. Ich scheide ungern von meiner schönen Heimat und dem alten Wohnsitze meiner Väter und ihren großen Besitzungen, aber einem Manne von meinen Jahren, der mit allen Gedanken schon bei seinem Schöpfer im Himmel weilt, wird eine solche Trennung leichter und möglicher, als sie Dir erscheinen mag.</p><p class="dblmarg">Lebe nun auf Deinem reizenden Besitz, am Strande des Ostseespiegels und in der Nähe der mir so teuren Stubnitz mit ihren unvergänglichen Schönheiten in Frieden; genieße das Leben in seinen reichen Gaben, und weiche nie ab von den Grundsätzen und Neigungen, die in Dir stets vorherrschend waren und wegen derer ich Dich so lieb gewonnen habe. Drücke Deinem alten Vater und Deiner guten Mutter in meinem Namen die Hand und erinnere Dich bisweilen mit herzlicher Neigung, wie Du sie mir bisher bewahrtest, des alten Mannes, der kinderlos in die Grube steigt und niemanden um sich hat, dem er weder seinen Namen, noch seinen Besitz hinterlassen kann.</p><p class="dblmarg">Dein dankbarer Pflegevater Graf Brahe.«</p><p class="dblmarg">Stockholm, den 24. Juni 1815.</p><p> </p><p>Als Waldemar mit Lesung des Briefes zu Ende gekommen war, gab sich die freudige Überraschung der Anwesenden nicht durch laute Ausrufe kund, sondern alle, von verschiedenen Gefühlen ergriffen, senkten die Köpfe und schwiegen, so tief war der Eindruck, den das Schreiben des edlen Grafen auf sie hervorgebracht hatte. Hille aber war die erste, die sich ermannte, indem sie auf ihren Bräutigam zutretend, ihn 
      <a id="page157" name="page157" title="lesebaer/gary"/> innig in die Arme schloß und als Besitzer von Blankenau begrüßte, der nun zehnmal reicher und angesehener sei, als sie es je gewesen war.</p><p>Dann aber trat der alte Strandvogt heran und sagte, mit vor Aufregung bleichem Gesicht und doch im Hinterhalt mit seinem natürlichen Humor lächelnd: »So also hängt es zusammen! Nun, Ehre dem, dem Ehre gebührt! Junge, du bist jetzt mein Vorgesetzter, und ich bin der erste, der dir seine Untertänigkeit und seinen Respekt ausspricht«</p><p>»Nichts von Untertänigkeit, nichts von Respekt, mein Vater!« rief Waldemar und schloß auch ihn in die Arme, »alles aber in Liebe wie bisher und in noch größerer Liebe immerdar!« Dann aber eilte er zur Mutter, die laut schluchzte und kein Wort hervorbringen konnte, da sie sich in das große und unverhoffte Glück ihres Sohnes gar nicht zu finden vermochte.</p><p>Der alte Schwede, der mit seinen Glückwünschen sonst immer zuerst bei der Hand war, wo jemanden ein Glücksstern aufging, war aber jetzt noch ganz verblüfft und starrte mit offenem Munde aus dem Fenster auf die See hinaus, bis endlich Mutter Talke, nachdem auch sie ihren herzlichsten Glückwunsch angebracht, ihn am Ärmel zupfte und fragte, ob er denn dem Strandvogt von Jasmund nicht seine Ehrerbietung erweisen wolle.</p><p>»Ja,« schrie er laut auf, »es wird wohl Zeit dazu sein. Ha, wo ist der neue Strandvogt von Jasmund? Ah, da! Junge, komm einmal her, du also bist der neue Herr auf diesem Strande, he? Und vor dir soll ich mich bücken?«</p><p>»Alter!« rief Mutter Talke entrüstet und schüttelte mit kräftigem Rucke einen Arm des Riesen, der diesen aber, da er immer wie eine Eiche stand, nicht im geringsten erschütterte.</p><p>»Schweig!« donnerte der alte Schwede, »ich habe es jetzt mit dem da zu tun. Nein, Junge, ich bücke mich nicht vor dir, denn wer vor einem Kaiser von Pulitz nicht einmal die Knie gebeugt hat, der wird es vor einem Strandvogt von Jasmund, was auch eine ganz neu gebacken Würde ist, noch weniger tun, zumal du der Mann in Würden bist, den ich noch in Pumphosen unter den Gänsen und Hühnern habe herumstolzieren sehen. Aber, Junge, wenn du die Hand eines schlichten Biedermanns nehmen und sein Freund bleiben willst, in Freud' und Leid, zu Wasser und zu Lande – da ist sie, nur muß ich dir sagen, daß es mir fast leid tut, dich so leichten Kaufs nach Bakewitz gesandt zu haben, denn ein Herr, wie Du jetzt einer geworden bist, hätte von Gott und 
      <a id="page158" name="page158" title="lesebaer/gary"/> Rechtswegen kraft seiner eigenen Nase den Weg dahin finden können. Doch nichts für ungut, und es bleibt zwischen uns beim Alten. Deine Hochzeit aber, und das soll meine Rache sein, findet dennoch auf dem kleinen Pulitz statt, und ich werde sie auf eine Weise ausrichten, daß ganz Rügen ein Jahr davon sprechen soll.«</p><p>Darauf näherte er sich Waldemar und drückte ihm so mächtig die Hand mit seiner gewaltigen Rechten, daß selbst er, der starke junge Mann, das Wort fallen ließ, es sei jetzt genug, sonst käme er als Krüppel in sein neues Amt. –</p><p>Der übrige Teil des Tages wurde in einer Stimmung verlebt, wie sie unter den Glücklichen im Kiekhause noch niemals geherrscht hatte, und bis spät in die Nacht hinein blieben sie zusammen, immer wieder die seltsamen Fügungen der Vorsehung besprechend und bewundernd, die, hinter dunklen Schleiern verborgen, doch stets so wohl für alle die Ihrigen sorgt; und dankbar gegen Gott, den Geber alles Guten, gingen sie endlich zur Ruhe, um im köstlichen Schlummer dem nächsten Tage entgegenzugehen, der wieder ein Freudentag für sie sein sollte, wie sie jetzt ihrer viele zu erwarten hatten.</p><p>Am frühen Morgen des folgendes Tages war abermals das große Lotsenboot mit bunten Wimpeln und Flaggen für sie ausgerüstet, um den neuen Strandvogt von Jasmund mit allen Seinigen nach Blankenau zu fahren, wo er ihnen sein schönes Gut zeigen und den Bewohnern desselben sich als den jetzigen Besitzer vorstellen wollte. Als die Strandbewohner nun hörten, welche Ehre und Auszeichnung ihrem alten Herrn und seinem Sohne widerfahren war, da begannen die Begrüßungen und Glückwünsche des vorigen Tages von neuem und wieder hatte sich alt und jung in festlichen Kleidern am Strande versammelt, um die Glücklichen in das große Boot steigen zu sehen und ihnen mit ihren kleinen Fahrzeugen das Geleit bis Stubbenkammer zu geben.</p><p>Diese kurze Meerfahrt ward nun beim herrlichsten Morgensonnenschein in der fröhlichsten Stimmung zurückgelegt, und nie hatten sich den Augen der doppelt Beglückten die phantastischen Formen der im blendendsten Weiß erglänzenden Kreidefelsen mit ihren weichen Linien und dunklen Steinklüften so malerisch dargestellt, nie hatte das frische Grün der sie krönenden Buchenwälder so fröhlich in ihr Auge gelacht; stumm vor Entzücken schauten alle im Boote Sitzenden nach den vorüberfliegenden Höhen hinauf, im Herzen es dankbar erkennend, daß ihnen der gütige Vater im Himmel ein so schönes Vaterland und einem von ihnen einen so herrlichen 
      <a id="page159" name="page159" title="lesebaer/gary"/> Wirkungskreis innerhalb dieser Schönheiten gegeben hatte.</p><p>Als sie nun aber Stubbenkammer hinter sich gelassen, die nackten Kreidefelsen mehr und mehr zurücktraten und dafür die dunkelgrünen Wände der hohen Ufer des nördlichen Jasmunds. ihren vollen Sommerschmuck entfalteten, da deutete ihnen Waldemar an, daß man sich jetzt seiner und Hilles künftiger Heimat nähere, und alle schauten schweigend nach der Höhe empor, die sich allmählich nach dem Meere absenkte, aber in malerischen Gestaltungen mit den Abhängen verschmolz, an deren Fuße das felsige Geröll der unnahbaren Küste lagerte. Endlich hatten sie die Grenze von Blankenau erreicht, und Piesing der Ältere, der jetzt wieder das Steuer führte, lenkte das Boot in die sichere Bucht in der Nähe der Steintreppe, die der emsige Verwalter von Blankenau mit so vieler Mühe wie Umsicht zum Gebrauche des künftigen Besitzers aufgebaut hatte.</p><p>Alle stiegen jetzt aus und kletterten nun langsam die Höhe hinan, und kein einziger befand sich unter ihnen, der nicht bald von allem, was er auf jedem Schritte vorfand, entzückt gewesen wäre. Die ganze Schöpfung des Grafen Brahe, vom Seestrande bis an die fernsten waldigen Grenzen des großen Gutes, stellte sich als ein Meisterstück ländlichen Kunstfleißes dar. Alles war neu, glänzend, wie im Frühlingsschmuck seines Daseins prangend. Als man sich aber nun dem schönen Wohnhause näherte, die bequemen Räume desselben betrachtete und dann die Stallungen mit den herrlichen Pferden, Kühen und sonstigen lebendigen Wesen in Augenschein nahm, da befiel sie alle eine dankbare Rührung, denn keiner von ihnen hatte sich die Gabe des edlen Grafen so reich und vollständig vorgestellte</p><p>»Höre einmal, Junge,« sagte der alte Schwede, Waldemar beiseite ziehend, »du hast wahrhaftig in den Glückstopf gegriffen bis an den Ellbogen, nein, was sage ich, bis an die Schulter. Erst hast du diese Hille gekapert, das schönste und beste Mädchen im ganzen Lande, und nun hast du noch dieses Gut zum Geschenk erhalten, was wahrlich selbst für einen Fürsten nicht zu schlecht wäre. Donnerwetter, ich tausche gleich mit dir und gebe dir meinen ganzen Kram auf Pulitz dafür, samt dem geheimen Entenfang auf All-Rügen, selbst wenn der schöne Wald noch stände, den der schuftige Kerl mit der Burgunder Nase mir abgehauen hat. Aber du wirst dich bedanken, ich merke es schon. Na, ich sehe alles, wie es kommen wird. Bakewitz werdet Ihr bald auf 
      <a id="page160" name="page160" title="gary/Monne3"/> ewige Zeiten verpachten und immer in diesem kleinen Paradiese wohnen. Nicht wahr, mein Junge?«</p><p>»Ja, mein alter Freund, wenn Hille will wie ich, wird es wohl so sein – was meinst du, meine Teure?«</p><p>Hille war während der Worte des alten Schweden an ihn herangetreten und hatte mit wogender Brust, denn ihre wonnigen Gefühle erdrückten sie beinahe, der Rede des wohlmeinenden Freundes zugehört; als aber Waldemar die Frage an sie richtete, schlang sie ihren Arm um ihn und ihre Freudentränen nicht mehr zurückhaltend, erwiderte sie sanft: »Dein Wunsch wird stets auch mein Wunsch sein, mein Waldemar; es wäre undankbar und unchristlich von mir, wenn ich mir noch etwas anderes auf Erden wünschen sollte, denn Gott hat mir mehr gegeben, als um was ich ihn so oft auf meinen Knien gebeten habe.«</p><p>Unterdessen blickten sich die anderen überall wie in einem Feenreiche um, alles kam ihnen so wunderbar und seltsam vor, daß sie ganz verdutzt einander anschauten und kein Wort hervorbringen konnten. Die bisherigen Bewohner von Blankenau aber, als sie das schöne Paar sahen, das von jetzt an ihre Herrschaft sein sollte, was sich bald kund getan, fühlten sich so beglückt und befriedigt, als hätten sie selbst ein großes Geschenk erhalten, und auch hier wie im Kiekhause ward also ein festlicher Tag begangen.</p><p>Im Laufe des Morgens nahm Waldemar den Verwalter Hendrichs beiseite, der ihm lächelnd seinen Glückwunsch abgestattet hatte, und fragte ihn nach allen das Gut betreffenden Einrichtungen. Da stellte es sich denn heraus, daß der gute Mann schon seit einigen Wochen gewußt, daß Blankenau einen neuen Herrn erhalten würde, und daß er sogleich in Waldemar Granzow denselben vermutet habe, als dieser in ganz anderer Absicht vor einigen Tagen dasselbe besucht hatte. Daß er aber alles zu seinem Empfange bereit gefunden, verdanke er allein dem Grafen, denn dieser habe dem Verwalter schreiben lassen, alles im ganzen und einzelnen licht und klar zu machen, da der Herr, dem Blankenau von jetzt an gehöre, bald erscheinen werde und nichts unvollendet und schmucklos finden dürfe.</p><p>»Ich danke Ihnen aufrichtig für alle Ihre Sorgfalt und Mühe,« erwiderte Waldemar und drückte dem Verwalter herzlich die Hand, »aber haben Sie auch an Ihre eigene Person gedacht, da ich nun selbst mein Gut bewirtschaften werde?«</p><p>»Auch dafür hat der gute Herr Graf gesorgt, Herr Strandvogt. Sobald Sie eingezogen sind und von allem 
      <a id="page161" name="page161" title="gary/Monne3"/> Kenntnis genommen haben, begebe ich mich nach Spyker, um die Stelle des alten Kastellans einzunehmen.«</p><p>»Ha, was sagen Sie? Und wo bleibt der gute Ahlström?«</p><p>»Er bleibt auf den Befehl des Herrn Grafen Zeit Lebens in Spyker wohnen, nur soll er keine Mühwaltung mehr haben, und in Ruhe seine Tage beschließen.«</p><p>»So, also das war sein Plan! O, der Plan war gut, und ich freue mich, daß Sie ein so angenehmes Unterkommen gefunden haben. Auch in Spyker werden Sie schaffen und wirken können nach Herzenslust.« Und er lächelte heiter dabei, weil ihm, als er die stattliche Gestalt des neuen Spykerschen Kastellans überflog, ein sehr natürlicher Gedanke einfiel.</p><p>»Warum lächeln Sie, Herr?« fragte der ehrliche Mann, der es bemerkt hatte.</p><p>»Haben Sie schon eine Braut, Hendrichs?«</p><p>Der also Gefragte errötete und verneinte die Frage.</p><p>»Nun, so gratuliere ich im voraus. Ahlström hat zwei hübsche Töchter und ein ganz ansehnliches Vermögen. Vielleicht trifft es sich, daß Sie den Alten und Mutter Heylike doppelt glücklich machen, indem Sie sie zur Ruhe setzen und zugleich mit einem Schwiegersöhne beschenken.«</p><p>»Dazu kann Rat werden, Herr, die kleine runde Gysela hat sich schon lange meines Beifalls zu erfreuen.«</p><p>»Dachte ich mir es doch! Nun dann wollen wir gute Nachbarschaft halten, denn zwei junge Ehemänner und zwei hübsche Frauen vertragen sich in der Regel gut, und keiner braucht auf den andern eifersüchtig zu sein.«</p><p>»Ich danke für die mir zugedachte Ehre im voraus und nehme den Glückwunsch herzlich gern an!« 
      <a id="page162" name="page162" title="gary/Monne3"/></p></div><div class="chapter" id="chap010"><h3>Schlußkapitel.</h3><h4>Abschied von unsern Freunden.</h4><p>Zwei Wochen später war die Bestallung des neuen Strandvogts von Jasmund eingetroffen, und Waldemar hatte die Reise nach Putbus in das fürstliche Schloß angetreten, um sich dem Fürsten, wie ihm Graf Brahe geraten, als denjenigen vorzustellen, dem er seine hohe Protektion geliehen habe, ohne ihn anders als durch die Empfehlung eines edlen Mannes zu kennen. Der Fürst Malte von Putbus nahm den jungen Mann mit seiner gewöhnlichen Leutseligkeit und Herzlichkeit auf und fand an ihm, was Graf Brahe vorhergesagt, einen schönen und dabei zuverlässigen Mann, dem man in allen sein Amt betreffenden Angelegenheiten das größte Vertrauen schenken konnte. Der Fürst bestätigte ihm den Ankauf der Spykerschen Güter mit Ausnahme des Gutes Blankenau und behielt ihn einige Tage in Putbus, um ihm die Anlagen und Pläne behufs des beabsichtigten Bades und anderer Baulichkeiten zu zeigen, ihn auch in manchen Dingen, die seinen Beruf betrafen, um Rat zu fragen. Gegenseitig von einander auf das höchste befriedigt, schieden sie wieder, und Waldemar, mit vielen Freundlichkeiten und den herzlichsten Grüßen an die Jasmunder beladen, kehrte nach Sassnitz zurück, wo er damals noch seine Wohnung hatte.</p><p>Von hier aus aber fuhr er in Begleitung Hilles nach Spyker, um die Hinterlassenschaft Magnus Brahes in Besitz zu nehmen, die nun gesammelt war, wie der alte Ahlström geschrieben hatte. Es war dies ein ernster Tag für Waldemar Granzow, der allein durch Hilles Gegenwart sein trübes Ansehen verlor. Nachdem er die verschiedenen Gegenstände hatte einpacken und auf einen Wagen laden lassen, um sie nach Blankenau zu befördern, wo sie ihre Ausstellung erhalten sollten, hielt er sich noch einen halben Tag bei den guten 
      <a id="page163" name="page163" title="gary/Monne3"/> Leuten auf, die von jeher den innigsten Anteil an seinem Glücke genommen hatten und denselben auch jetzt wieder durch ihre herzliche Freude betätigten. Von Gylfe sah er nichts, obgleich er manches hörte, was ihm kein besonderes Behagen verursachte. Als er aber mit seiner Braut in den Wagen steigen wollte, um nach Sassnitz zurückzukehren, sagte ihm Gysela, daß Gylfe im Fenster liege und ihn und Hille in genauen Augenschein nehme. Das war die ganze Verbindung, in die er schließlich mit ihr trat, und er tat wohl daran, sich nicht weiter um sie zu bemühen, denn die alle Tage böser werdende Dame hätte ihn bitter beleidigt, wenn er ihr nahe gekommen wäre, da sie ihn seit des Kolonel Caillards Tode, den sie allein der Rachsucht des Freundes des jungen Grafen zuschrieb, noch viel mehr haßte als früher, und der Anblick der schönen Hille, die sie übermäßig beneidete, nicht allein weil sie schön war, sondern auch weil sie einen sie anbetenden Geliebten besaß, ihr Blut so in Wallung gebracht hatte, daß Gysela acht Tage darunter leiden mußte.</p><p>Am 30. September des Jahres 1815 fand die Hochzeitsfeierlichkeit des jungen Paares auf Pulitz statt, denn Waldemar sah ebensowenig wie Hille die Notwendigkeit eines Aufschubs ein, da durch die hochherzige Fürsorge des Grafen Brahe, wie sich sehr bald erwies, die ganze Ausstattung des Herrenhauses in Blankenau besorgt worden war, sobald er die Kunde von der Verbindung der beiden jungen Leute erhalten hatte.</p><p>Schon acht Tage vorher hatte der alte Schwede, der eine so seltene Feier in seinem Hause mit Glanz begehen wollte, sechs Hochzeitsbitter auf bunt ausstaffierten Pferden im ganzen Lande umhergesandt und nicht allein diejenigen Gutsbesitzer, die früher mit Magnus Brahe und dem Bräutigam in freundschaftlichem Verkehr gestanden, sondern auch eine große Zahl eingeladen, mit denen er selbst im Laufe der Jahre bekannt geworden war. Es geschah dies in des Festgebers wohlmeinender Absicht, den Besitzer von Blankenau, der jetzt mit vollem Recht in die Reihe der begüterten Herren im Lande getreten war, gleich von vornherein mit allen bedeutenderen Personen auf der Insel in nähere Verbindung zu bringen, wobei vielleicht auch die kleine Eitelkeit mit ins Spiel kam, daß eine Verwandte seiner Frau die Gattin desselben werden sollte.</p><p>Kein einziger der zahlreich Geladenen hatte abgesagt, und so strömten an dem festgesetzten Morgen – der in Bezug der Witterung einer der schönsten Tage des Jahres war – von allen Seiten zu Wagen, zu Roß und zu Wasser die 
      <a id="page164" name="page164" title="lac/gary"/> Gäste herbei und wurden in den zu dem Feste ganz neu hergestellten Herrenzimmern des alten Pachthauses empfangen, wie es die Sitte des Landes erheischte und die Gastfreiheit des Pächters von Pulitz für unerläßlich hielt.</p><p>Kaum faßte das mäßig große Haus die Zahl der wohlwollenden und mit großer Herzlichkeit sich geberdenden Hochzeitsgäste, und da Adam Sturleson nicht allein den Vornehmen des Landes, sondern auch den kleineren Leuten ein Freuden- und Friedensfest bereiten wollte, so hatte er im Freien ein großes Zelt aufschlagen und darin einen Tanzplatz anbringen lassen, um auch diesem Teile der Bewohner Rügens das ihnen nach der Landessitte Zukommende ungeschmälert zu gewähren. Hier im Freien nun entwickelte sich, nachdem die Trauung im Innern des Hauses durch den ehrwürdigen Pastor von Willich aus Sagard vollzogen war, das ganze etwas wilde und laute Getümmel einer Rügianischen Hochzeit ab und es fehlte keine der seltsamen Schaustellungen, die man bei dergleichen Gelegenheiten zu damaliger Zeit aufzuführen für angemessen hielt, die wir aber den Lesern dieser Erzählung zu schildern unterlassen, da in vielen andern Büchern dergleichen altväterische Szenen bereits weitläufig beschrieben sind. Wir begnügen uns damit, zu berichten, daß alle im Laufe der sechs Jahre, die wir unsern Lesern vorgeführt, handelnd aufgetretenen Personen geringeren Standes auf Pulitz versammelt waren und bis gegen Morgen bei Sang und Tanz und Gläserklang beisammen blieben, nachdem sie sich alle Mühe gegeben hatten, die reichlich herbeigeschafften Vorräte des alten Schweden in flüssiger und fester Gestalt in pure Einbildung zu verwandeln.</p><p>Wenn nun hier im Freien das Hochzeitsfest auf eine etwas stürmische Weise verlief, so ging es im Innern des Hauses gerade so zu, wie es überall unter gebildeten und begüterten Leuten herzugehen pflegt, und niemanden störte es, daß die Braut in ihrer bisherigen Tracht bei ihrem Ehrenfeste erschien, denn, teils wußte man, daß sie von Geburt eine Mönchguterin war, teils fand man sie in den kostbaren Stoffen und in der gewählten, dem besseren Geschmacke gemäß modernisierten Landestracht so wunderbar holdselig und schön, daß man keine Zeit zu der Vorstellung übrig behielt, sie würde im Kleide einer Großstädterin vielleicht noch besser ausgesehen haben.</p><p>Was Waldemar Granzow betraf, so erntete auch er den vollen Beifall aller Gäste ein, die seinen Ehrentag durch ihre Gegenwart verherrlichten. Und von nun an blieb er mit allen in Freundschaft und geselligem Verkehr, wie es das 
      <a id="page165" name="page165" title="lac/gary"/> Leben auf jener Insel, die sein Vaterland war, mit sich bringt. Von diesem Tage an hatte er sich nicht allein die Achtung, sondern auch die Liebe aller derer erworben, die ihm bisher noch nicht nahe gestanden, und namentlich die Gutsbesitzer und Pächter Jasmunds freuten sich wahrhaft, gerade ihn in ihre Mitte eintreten zu sehen, zumal er für das Wohl der schönen Halbinsel gerade durch sein Amt so viel des Guten leisten konnte und in Zukunft wirklich leistete.</p><p>Als nun aber der Abend auf Pulitz herabsank und das Fest im Hause seinem Ende entgegenging, beeilte sich Waldemar, mit seiner jungen Frau heimlich ein Boot zu besteigen, das der vorsorgliche Piesing nach geschehener Verabredung an einem bestimmten Orte schon bereit gehalten hatte. Er selbst, sein Bruder und noch zwei ältere Lotsen ruderten das neu verbundene Paar nach Thiessow hinüber, wo ein bequemer Wagen, mit zwei herrlichen Blankenauer Pferden bespannt, sie erwartete, um sie im schnellsten Laufe nach der neuen Heimat zu führen, die von den zurückgebliebenen Dienern auf das freundlichste geschmückt war. Hier auf Blankenau nun war es unserm Helden vom Schicksale gegönnt, an der Seite der schönen Hille Tage des reinsten Menschenglücks auf Erden zu verleben und, gesegnet auch durch äußere Güter, sich den Seinigen, deren Kreis alle Jahre umfangreicher wurde, so dankbar wie liebevoll zu erweisen, was von allen Inselbewohnern anerkannt zu sehen er in seinem langen Leben oft genug die Befriedigung hatte.</p><p>So wollen wir denn hiermit von den beiden Abschied nehmen, nachdem wir sie durch mancherlei Gefahren und Sorgen in einer verhängnisvollen Zeit treulich bis in den Hafen der Ruhe begleitet haben, denn was wir von ihnen etwa noch Genaueres erwähnen könnten, wird sich von selbst ergeben, wenn wir das Schicksal aller derer mit kurzem Blick überfliegen, die wir als Hauptträger mit in den Rahmen, unseres Lebensbildes aufgenommen haben.</p><p>Zu dieser Vollendung unserer Aufgabe gehen wir jetzt über und beginnen zuerst mit der Schilderung des Schicksals einer Person, dessen Entwickelung wir nicht bis in alle Einzelheiten verfolgt haben, da uns ein näheres Eingehen auf dasselbe zu weit abseits geführt haben würde. Wir meinen hiermit das Schicksal der Gylfe Torstenson.</p><p>Nachdem das Fräuleinstift in Bergen, seit der Okkupation durch die Franzosen von diesen und schon einige Zeit vorher von den Schweden als Hospital benutzt, wieder in bewohnbaren Zustand versetzt und seiner uralten Bestimmung zurückgegeben war, kamen die alten und jungen Fräulein der 
      <a id="page166" name="page166" title="gary/JohannN"/> Insel von nah und fern herbei und richteten sich wieder wie früher häuslich in demselben ein. Auch Gylfe Torstenson zog es vor, im Frühjahr 1816 Schloß Spyker mit der lebhafteren Stadt zu vertauschen, da die einsame Waldwohnung, in der sie bis dahin zur Betrübnis des alten Ahlströms und seiner Familie gewohnt hatte, ihren Neigungen in gegenwärtiger Zeit nur wenig entsprach, zumal sie nicht annehmen konnte, daß sie dem neuen Besitzer eine angenehme Beigabe seiner erkauften Herrschaft sein würde, der ja nicht die Teilnahme für sie empfinden konnte, die Graf Brahe ihr seit so langen Jahren durch unzählige menschenfreundliche Handlungen bewiesen hatte. In den ersten Jahren ihres Aufenthalts zu Bergen nach ihrer Übersiedlung spielte sie noch die junge lebenslustige und hoffnungsvolle Dame, die auf eine goldene Zukunft rechnete, mit der Zeit aber, und besonders, da ihre Jugendblüte auffallend rasch verwelkte, erkannte sie immer mehr und mehr, daß sie den Gipfel ihres irdischen Genusses und Vergnügens lange überstiegen habe. Da saß sie nun in dem trüben altväterischen Hause unter älteren und leider auch jüngeren Damen, denen das Schicksal ebensowenig wie ihr selber gelächelt hatte, aber nicht als die so schöne, fröhliche und leichtfertige Gylfe Torstenson, die sie einst gewesen, sondern als alte Jungfer, die des Lebens schimmernden Lenz hinter sich hatte, und verbrachte ihre Zeit mit Seufzen und Stöhnen über die Vergänglichkeit alles Schönen auf Erden und mit Erinnerungen, wie sie wohl nie geglaubt, sie jemals bezwingen zu müssen, als sie jung, reizend und hoffnungsvoll war. Mit ihrem schnell sich verändernden Äußern hatte auch ihr Charakter eine Umwandelung erlitten oder wenigstens mehr und mehr die Form ausgeprägt, die er schon in früheren Jahren im Keime gezeigt. Wie ihr einst so zierlicher Körper, von weißer und rosiger Haut umspannt, in allen Reizen des Jugendlenzes geblüht, so war er jetzt welk, zusammengetrocknet, von einer gelblichen Hülle locker umgeben, auf der keine Spur von der ehemaligen frischen Blüte zurückgeblieben war. Ihr braunes Auge allein hatte noch Glanz und Leben erhalten, aber es lag tief in dunklen Höhlen und blitzte und flammte mehr, als es leuchtete und wärmte, ja bisweilen hatte es sogar etwas peinlich Stechendes, Verwundendes, namentlich wenn sie von dem Glücke anderer sprach oder hören mußte und dabei an das eigene verscherzte Glück zu denken gezwungen ward. Ihr einst so reiches, goldblondes Haar hatte zwar immer noch, wenn die Kunst es auffrischte, einen Schimmer des früheren Lichtglanzes bewahrt, aber es war sparsam, dünn und im ganzen 
      <a id="page167" name="page167" title="lac/gary"/> tot und strohfarben geworden; ihre frühere stolze Haltung war einer zusammengesunkenen Hinfälligkeit gewichen, die ihr vor allem ein gebrechliches und altjüngferliches Ansehen verlieh.</p><p>Dabei verfolgte und peinigte sie eine unaufhörliche Unruhe, so daß sie nicht lange an einer Stelle sitzen und am wenigsten mit Sammlung und Behagen lesen konnte; da die Gedanken zu heftig in ihr stürmten und sie von einem Orte zum andern jagten, um irgendwo, wiewohl vergeblich, die begehrte Ruhe zu gewinnen. Am liebsten ging sie in Gesellschaften, womöglich alle Tage in eine andere, weil das am raschesten die Zeit tötet, die für ihresgleichen wie eine Schnecke dahin schleicht, Gesellschaften, zu denen man sie einlud, um Kaffee oder Tee zu trinken und dabei die Stunden mit Klatschereien zu füllen, denn da hörte sie am häufigsten Dinge erzählen, die den Leumund anderer Personen betrafen, und es machte ihr eine eigene Freude, ein liebloses Urteil über andere zu vernehmen und dann selbst ihrer lockeren Zunge die Zügel schießen zu lassen.</p><p>Nie fand sie eine Frau oder ein Mädchen schön, und die Tugendhaftigkeit aller, auch ihr gänzlich Unbekannter, bezweifelte und begeiferte sie; überall fand sie Mängel, Verfall und Häßlichkeit, wo andere voll Beifall und Sympathie waren. Ganz besonders redselig aber wurde sie, wenn von Frankreich und seinen Bewohnern die Rede war, was auf Rügen natürlich sehr oft geschah, und gar zu gern leitete sie das Gespräch auf die Okkupationszeit, die sie mit stolzem Selbstgefühl die große Zeit ihrer Jugend nannte. Alle Franzosen waren in ihren Augen glorreich, erhaben, klug und geistreich, alle Deutschen und Schweden dagegen kleinstädtisch, stümperhaft gebildet, halb wild und im ganzen erbärmliche Kreaturen. Sie liebte es auch sehr, mit französischen Brocken um sich zu werfen und mit ihrer Kenntnis dieser Sprache und Literatur sich zu brüsten, während sie eingestand, seit Jahren kein deutsches Buch mehr gelesen zu haben, noch ferner lesen zu wollen, da sie alle langweilig, schülermäßig und ohne alle geistige Würze wären.</p><p>Von ihrer Jugendliebe sprach sie mit feuriger Begeisterung, und Kolonel Caillard war der einzige Mann, der ihr als das vollkommenste Muster kavaliermäßiger Größe galt. Er würde sie geheiratet haben, erzählte sie sehr oft, wenn ihn der schändliche Strandvogt von Jasmund – beiläufig ein Mann, den alle Menschen in Bergen auf Händen trugen – nicht meuchlerisch im Hohlweg der Prora überfallen und gemordet 
      <a id="page168" name="page168" title="lac/gary"/> hätte, bloß um seine gemeine Rache zu kühlen und ihn seines wohlerworbenen Besitzes zu berauben.</p><p>Alle Leute, die mit ihr verkehrten, kannten diese französische Spiegelfechterei, dies Buhlen mit eingebildeten Phantomen, und hörten sie schweigend an, wenn sie ihre Erlebnisse zum hundertsten Male auftischte und immer mit neuen Zusätzen ausschmückte. Aber man vermied sie, wo man sie vermeiden konnte, zumal sie stets auf die allgemein geehrte und geliebte Familie Brahe schimpfte, der sie, wie jedermann wußte, alles verdankte, was sie auf Erden besaß und galt, und von der sie dennoch behauptete, sie habe sie schimpflich behandelt, indem sie sie in Lumpen gehen und Hungers sterben lasse.</p><p>In ihren letzten Jahren stand sie fast ganz allein, denn sie vertrug sich mit keinem Menschen und dichtete jedem das Ärgste und Schlimmste an. Jeder Mann war in ihren Augen ein Hahnrei und jede Frau eine Buhlerin. Schönheit gab es auf Erden nicht mehr, seitdem sie jung gewesen war, und alle Tugend war bei den Männern zum Laster geworden. Wenn sie in ihrem verjährten Putze, hochrot geschminkt, mit alten zerdrückten Blumen überladen und mit außer Mode gekommenen Überbleibseln ihrer ehemaligen Toilette sich auf der Straße zeigte, gingen ihr sogar die Kinder aus dem Wege und nannten sie die alte verrückte Schwedin, die nur Französisch spräche und Deutsch schimpfte. Den Namen Spyker durfte niemand vor ihr nennen, denn das beleidigte sie, als ob man sie in das Gesicht schlüge; entfuhr jemanden einmal zufällig das Wort oder irgend eine Andeutung darauf, dann biß sie wie eine Wütende um sich und erklärte die ganze Welt für eine Mördergrube. Zuletzt wurde sie lahm und taub; auf einen alten Regenschirm gestützt, einen Hut auf dem Kopfe tragend, der vor vierzig Jahren Mode gewesen, schlürfte sie wie ein dräuendes Gespenst durch die Gassen, indem sie den Männern lachende Blicke und jungen Mädchen eine höhnische Fratze zuwarf.</p><p>Ihr größtes Labsal war Kaffee, Schnupftabak und – süßer Likör. In letzterem vergeudete sie alles Geld, was sie erübrigen konnte, und endlich kam sie nur nach Spirituosen duftend in die Gesellschaften, wo sie tolles Zeug redete und jedermann Ärgernis bereitete. Als sie endlich, beinahe sechszig Jahre alt, starb, glich sie einer ausgetrockneten Mumie und war so klein und leicht geworden, daß sie ein Knabe hätte zur Gruft tragen können. In ihrer Kommode fand man – wer hätte das geglaubt und wer will es genügend erklären! eine Locke von Magnus Brahes Haar, den 
      <a id="page169" name="page169" title="gary/JohannN"/> Namen desselben auf ein Papier dabei geschrieben, und alle Briefe der Familie vor, welche dieselbe in früheren Zeiten an sie gerichtet hatte, wodurch ihre Undankbarkeit erst recht zu Tage kam und den Glauben veranlassen konnte, sie habe wie mit anderen, so mit sich selbst Komödie gespielt und ihre Liebe sei Haß und ihr zur Schau getragener Haß Liebe gewesen. Die Andenken an Kolonel Caillard aber hatte sie sämtlich in einem lichten Augenblicke verbrannt, angeblich, um die rohe und entmenschte Welt nicht die Kostbarkeiten sehen und erben zu lassen, die sie von dem großen und geliebten Toten bis an ihr Ende bewahrte.</p><p>Wenden wir uns von diesem traurigen Bilde eines verfehlten und durch eigene Schuld verkümmerten Lebens ab und suchen wir andere Personen aus unserer Erzählung auf, deren Geschick uns behaglicher stimmt und mehr unsere Sympathie erregt.</p><p>Da wir soeben Spyker erwähnt, wollen wir zunächst des alten Ahlströms und seiner Familie gedenken. Alle Mitglieder derselben waren auf dem Hochzeitsfeste des Strandvogts von Jasmund gewesen und hatten mit ganzer Hingebung an seinem Glücke teilgenommen. Im darauf folgenden Dezember zog der Verwalter Hendrichs von Blankenau nach Spyker, lernte daselbst Gysela näher kennen und heiratete sie im nächsten Frühjahr, während ihre Schwester Alheid die Frau des fürstlichen Försters auf Werder ward. Der Kastellan selber und seine gute Heylike lebten noch lange in traulicher Ruhe unter ihren Kindern und Kindeskindern, und nicht selten erhielten sie von Blankenau her Besuch, was immer einen Freudentag auf dem alten Spyker hervorrief. Im Jahre 1816 ging das Schloß nebst, allen dazu gehörigen Gütern wirklich in den Besitz des Fürsten von Putbus über, und manches änderte sich seit jener Zeit in seinem Äußern und Innern, aber immer noch steht es im ganzen so da, wie wir es beschrieben haben, und der Leser dürfte es lohnend finden, bei einem Besuche auf Rügen die Gemächer desselben zu betrachten und die alten Schätze zu bewundern, die zum großen Teil schon zurzeit unserer Erzählung an Ort und Stelle waren.</p><p>Mit am meisten von allen Personen aber interessiert uns wohl das alte Ehepaar im Kiekhause bei Sassnitz, dessen Schicksale wir am genauesten entwickelt haben, und so kehren wir noch einmal zum Schluß in dasselbe zurück. Viele Jahre hindurch sah dort alles noch ebenso aus, wie wir es im Jahre 1815 verließen; kein Stück Möbel war von seinem 
      <a id="page170" name="page170" title="lac/gary"/> Platz gerückt, kein Baum abgebrochen, kein Gartenfleck umgeändert. Unter den Buchen erhob sich nach wie vor die alte Warte, und bei Regen und Sturm finden wir daselbst, in seinen Sturmrock gehüllt, das Sprachrohr neben sich und das Fernglas zur Hand, den ehrwürdigen Strandvogt, der nach gefährdeten Schiffen ausschaut und Befehle zu ihrer Rettung von oben herab erteilt. Wenn er dann lange genug draußen gesessen hatte, kam, wie schon früher, auch Mutter Ilske herangetrippelt, rief ihren Alten mit bittenden und, wenn das nicht half, mit drohenden Worten ins Zimmer, wo gewöhnlich der Kaffee, das Mittag- oder Abendbrot bereit stand, nach welchem immer noch die holländische Pfeife gedampft und spät abends die Bibel gelesen wurde.</p><p>Ihre Kinder in Blankenau besuchten sie fast alle Sonntage, denn der Strandvogt von Jasmund versäumte es bei irgend erträglichem Wetter nie, den Eltern einen bequemen Wagen zu senden und sie hin und zurück fahren zu lassen. Aber die Kinder kamen auch oft zu den Alten und dann wurde gar häufig von den früheren Zeiten gesprochen, die so trübe gewesen waren und doch, wie es so oft im Leben ist, so herrliche Tage in ihrem Gefolge gehabt hatten. Die größte Freude aber hatten die beiden Alten an den heranwachsenden Kindern auf Blankenau, mit denen die jungen Leute reichlich gesegnet waren. Der alte Strandvogt sah seine Enkel noch im Boote auf der See das Segeln lernen, und Mutter Ilske lehrte ihren Enkelinnen das Stricken. Als sie endlich hoch betagt starben, gingen sie gern aus dieser Welt, denn sie fühlten sich ermüdet von der langen Arbeit des Lebens und sehnten sich nach der Ruhe im Himmel, die ja für uns alle die herrlichste und lieblichste ist, die wir erhoffen können. Darum war der Schmerz der Überlebenden auch weniger groß, sie gönnten den braven Eltern den Frieden, den sie selbst einst zu erringen hofften, denn beide leben, obwohl betagt, noch heute und freuen sich ihres Daseins im Gedeihen ihrer Kinder und Kindeskinder, die die Bevölkerung von Rügen um eine erkleckliche Zahl vermehrt haben.</p><p>Das Kiekhaus selber verschenkte Waldemar, als die Eltern gestorben waren, an Piesing den Älteren, der ihm so viele Freundschaft im Leben erwiesen, und bis in die letzten Tage seines Lebens gab es keinen Menschen auf Rügen, den der riesige Mann höher geachtet und mehr geliebt hätte, als den Sohn seines ehemaligen Herrn, den Strandvogt von Jasmund auf Blankenau, wie er ihn später nannte.</p><p><a id="page171" name="page171" title="lac/gary"/> Auf Pulitz endlich, denn das müssen wir doch noch einmal betreten, ging es ebenfalls viele Jahre hindurch in althergebrachtem Geleise fort. Der alte Schwede blieb bis zu seinem Lebensende Pächter daselbst und gab sich alle Mühe, den Wald wieder anzupflanzen, den der Kaiser von Pulitz mit der roten Nase in die Tasche gesteckt hatte, was ihm jedoch nicht vollkommen gelingen wollte. Noch heute erkennt man die Spuren der gewaltigen Lichtung, und alte Leute wissen noch immer zu erzählen, welchen Schmerz der ehrliche Schwede empfunden habe, als er seine Riesengarde vom Erdboden verschwinden sah.</p><p>Wenn Adam Sturleson und Mutter Talke nicht auf Pulitz weilten, so konnte man sie entweder im Kiekhause oder in Blankenau suchen, denn an beiden Orten hielten sie sich oft und lange auf, und von beiden trennten sie sich immer schwerer, je älter und hinfälliger sie wurden. »Onkel Schwede« aber, wie ihn die Kinder Hilles nannten, war auf Blankenau ein hoch angesehener Mann. Er schnitzte den Jungen Boote und Segel, lehrte sie reiten, schwimmen und schießen, und abends ritten sie auf ihm selber in den mit Decken belegten Stuben, bis »das große Pferd« müde wurde und durchaus »in den Stall« gebracht werden wollte. Das Fluchen aber konnte er sich nicht mehr abgewöhnen, darum ward es ihm erlaubt, sowohl im Kiekhause, wie in Blankenau, und wenn er einmal recht tobte und wetterte, dann sagte wohl Waldemar lächelnd zu der immer schön und hold bleibenden Hille: »Hörst du, Liebe, es weht ein alter Nordwester! Gib mir meine Sturmkappe her, ich muß an den Strand, sonst bläst er uns alle unsere Boote fort.«</p><p>»Donner und Wetter!« schrie dann der alte Schwede, »bleibt nur hier und hätschelt Euch müde an Eurer Frau, der Nordwester ist schon vorübergezogen, und wir haben wieder Sonnenschein und Windstille.«</p><p>Der Sonnenschein und die Windstille aber zeigten sich dann stets wirklich auf dem Gesichte seiner jungen Freunde, und beide drückten ihm wohlwollend und dankbar die Hand, da sie ihm nie vergessen konnten, was er in schweren Stunden einst für sie getan.</p><p>So haben wir denn das Hauptsächlichste aus dem Leben unserer Lieblinge abgehandelt und können nun selbst von unsern wohlwollenden Lesern Abschied nehmen. Gehet hin und schauet selber, rufen wir ihnen am Ende unsers Buches zu, was Rügen für eine schöne Schöpfung Gottes ist, und falls Ihr keine so große Freude daran empfindet wie wir, 

      <a id="page172" name="page172" title="gary/JohannN"/> wenn Ihr seine blauen Wasser, seine weißen Kreidefelsen, seine Buchenwälder, Gräber und moosbewachsenen Denksteine seht, so verzeiht uns, daß wir Euch bemüht, unsrer Erzählung eine so lange Aufmerksamkeit zu schenken, aber Ihr hättet ja das Buch aus der Hand legen können, ehe Ihr es beendet, und daß Ihr das nicht getan, ist nicht unsere – sondern allein Eure Schuld.</p><p> </p><p class="centerbig">Ende.</p></div></text></TEI>