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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Heitere Erinnerungen</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/101222548">Stettenheim, Julius</persName><country>Deutschland</country><birth>1831.0</birth><death>1916.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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Fischer, Verlag</span>.<br/><small>1896.</small></p><hr class="short"/><p class="centerbig">Dem Andenken<br/><span class="wide">seiner geliebten Eltern</span></p><hr class="short"/><p> </p></div><div class="chapter" id="chap001"><h3><a class="pageref" name="page007">7</a> I.</h3><p class="initial">Heitere Erinnerungen, nichts weiter. Plaudereien oder dergleichen, nicht etwa Memoiren, keine Bekenntnisse in stimmungsvoller Stunde, oder gar eine Biographie. Ich halte mein Dasein nicht für wichtig genug, um es in Kapitel zu gießen und im Feuilleton auszustellen. Wenn ich die Biographie eines Menschen in die Hand bekomme, der nicht als Dreher am Rad der Zeit mitangestellt war, oder der nicht einen Korb bekam, als er der Kunst oder Wissenschaft Arm und Geleit zur Höhe antrug, so ist es mir immer, als müßte ich sagen: »Ich danke, ich schneide selber auf.« Wer eine Biographie schreibt, muß ein biographisches Leben gelebt, muß es darauf angelegt gehabt haben, Interessantes und Wichtiges mitzumachen. Das ist eine Riesenarbeit. Er muß sich an die Wiege historischer Ereignisse herangedrängt, muß Briefe aufgehäuft haben, welche über Gestorbene Licht <a class="pageref" name="page008">8</a> verbreiten und Lebende compromittiren, oder mit Männern liirt gewesen sein, von denen so viel Unwahres geglaubt wird, wie die Leserwelt glaubt, und das ist allerdings eine schöne Menge. Viele Biographien gleichen denn auch gewissen Statuen, von denen der Fremdenführer auf die Frage: »Weshalb hat denn der Mann ein Monument bekommen?« dem Fremden mittheilt: »Nun, weil er noch keins hatte.« Sehr viele Biographien sind Eigenstatuen oder Selbstbüsten, mit denen sich der Autor schmeichelt, die aber ganz anders aussähen und viel ähnlicher wären, wenn sie ein Unbefangener modellirt hätte. Es ist gar zu leicht, interessante Memoiren zu schreiben, wenn man etwas Phantasie hat. Und wer hätte nicht wenigstens <i>etwas</i> Phantasie!</p><p>Aus diesem Grunde sind besonders die Künstlerbiographien so sehr unterhaltend. Der dramatische Künstler ist immer durch ein höchst merkwürdiges Wunder auf die Bühne gerathen. Man sieht förmlich, wie sich die Wunder vor der ungläubigen Welt in die Künstlerbiographie gerettet haben. Da passiren gewöhnlich die erstaunlichsten Zufälle, da ist noch der einzige Ort, an welchem wir dem Gott in dem Augenblick begegnen, wo er mittelst der Maschine erscheint, da ist jeder Tag tausend und eine Nacht, da gehört das Tischleindeckdich zu den allereinfachsten Möbeln. Die ganze Laufbahn besonders der darstellenden und <a class="pageref" name="page009">9</a> singenden Künstler pflegt ein Panorama von überraschenden, wie auf ein Stichwort ineinandergreifenden Ereignissen zu bilden. Fast jedes Auftreten wird durch eine Kette interessanter Un- und Zwischenfälle kunsthistorisch bezeichnet. Solche besonders sensationellen, pikanten und folgenschweren Vorgänge werden in allen Künstlerbiographien wiederholt. Nächst den Bühnenmitgliedern sind es die in Weinen und anderen nützlichen Verbrauchsartikeln reisenden Herren, denen fortwährend Abenteuer zustoßen. Liebesglück und Eisenbahnmalheur wechseln mit einander ab. Wenn man diese Herren erzählen hört, so begreift man kaum, wie sie noch am Leben sein können, gar so unbeschreiblich viel Glück und Unglück passirt ihnen fast täglich. Doch ist anzuerkennen, daß sie das Memoirenschreiben noch nicht so emsig ausüben, wie dies von den Bühnenkünstlern geschieht.</p><p>Freilich erlebt jeder Mensch viel oder wenig, und nicht nur der Schriftsteller weiß Mancherlei zu erzählen, was sich ganz kurzweilig vortragen und anhören läßt. Aber zu einer Biographie langt es doch selten, wenn man sich strikt an die Wahrheit hält und nicht zu der industriellen Corporation der Elephantenmacher gehört. Dann sieht man bald, daß die Erlebnisse, die man zu schildern hat, doch eigentlich nur ein persönliches oder ein engbegrenztes Interesse haben, wovon man sich sofort überzeugen <a class="pageref" name="page010">10</a> kann, wenn man das Erlebniß ernst oder heiter schriftlich dargestellt hat, dann die Darstellung bei Licht besieht, sich hierauf in den Leser versetzt und sich schließlich auf den Kopf zusagen muß, daß die ganze Geschichte den fremden Herrn durchaus nichts angeht. Eine Eitelkeit – das Wort Dummheit scheint mir etwas grob – ist es jedenfalls, anzunehmen, daß irgend einen zweiten Menschen das, was wir erlebt haben, ebenso interessiren könnte, wie uns selbst, wenn wir nicht etwas überraschend Neues oder allgemein Wichtiges zu erzählen haben. Und überdies ist das kluge und blasirte Geschlecht der Akiba viel zahlreicher, als die Mehrzahl der Memoirenschreiber augenscheinlich anzunehmen pflegt.</p><p>Besonders Künstler und Schriftsteller wissen wortreich Erstaunliches darüber mitzutheilen, wie sie von der unsichtbaren Hand des Schicksals in ihren Beruf eingeführt worden seien. Was hat sich da nicht alles begeben, wie wunderbar wurde vorgeahnt, wie merkwürdig fügte sich alles! Schon am Tage der Geburt ereignete sich etwas Bedeutsames, schon die Amme sah alles voraus, ein Onkel weissagte, und in der Schule, während des Alphabetunterrichts, entpuppte sich was. Ich habe von mir nichts dergleichen zu melden. Ich erinnere mich nur, daß ich in einer der untersten Klassen der israelitischen Freischule in Hamburg für meine ersten Journalgründungen <a class="pageref" name="page011">11</a> Prügel bekam, oder, was persönlich weniger schmerzhaft war, in's Carcer mußte. Wenn ich überhaupt bestraft wurde, so hatte ich das meinen journalistischen Bestrebungen zu verdanken, weil die mit vollem Recht gestrengen Herren Lehrer bald dahinter gekommen waren, daß ich die wichtigsten Schularbeiten vernachlässigte, um meinen redaktionellen Pflichten nachkommen zu können. Auf dem Katheder der Klasse lag ein Strafbuch, in das der erzürnte Lehrer die Verurtheilungen zu Hieben oder Carcer für die verbrecherische Schülernummer – ich hieß 797 – notirte. Das Urtheil, gegen das es keine Appellation gab, wurde nach der letzten Schulstunde vollstreckt. Dann erschien der Kustos Wiener, ein guter bartloser Mann mit milden Gesichtszügen, schritt auf das Katheder zu, warf einen Blick in das Strafbuch und rief den Delinquenten vor, entweder um ihm, indem er ihn am linken Arm faßte, mit dem kurzen ledernen und leider recht abgenutzten Kantschu die dictirten Hiebe auszuzahlen, oder ihn in's Carcer abzuführen. In dem Bodenraum der Schule standen einige hohe schmale Kisten, nicht breiter als wir selber waren, und in einer solchen von keinem Lichtstrahl erhellten Kiste, die eine verschließbare Thür hatte, habe ich oft genug für meine erste journalistische Thätigkeit gebüßt, hatte ich oft genug Zeit, fern von meinem lieben Elternhaus darüber nachzudenken, weshalb man <a class="pageref" name="page012">12</a> mich für eine so eminent wichtige Thätigkeit, wie es die Herausgabe einer mühsam geschriebenen Zeitung war, wie für ein Vergehen bestrafte. Wie manche Abendstunde hatte ich an der Herstellung des Blattes gearbeitet, und wie viel Neuem und Belehrendem hatte ich auf den vier vollgeschriebenen Quartseiten eine Verbreitung unter den Mitschülern verschafft, denen ich das Blatt zu lesen gab, ohne jemals einen anderen Lohn zu erwarten, als den, welchen eine gute That in sich selbst trägt! Und wie oft war ich mit meinem Blatt an einen Mitschüler herangetreten, der für geistige Ausbildung nicht empfänglich war, und wie oft habe ich es erleben müssen, daß so ein Barbar sofort davonlief, weil er, wie er sagte, etwas Besseres zu thun hätte! Etwas Besseres als das Lesen meines so sauber zusammengestellten und sogar illustrirten Blattes! Wenn ich in meiner Kiste an alles das dachte, dann weinte ich und so laut, daß irgend ein Mitgefangener, gleichfalls eine lebendige Mumie, in seiner Kiste mir zurief, ich sollte mich doch schämen, wegen einer Stunde Carcer solch einen lächerlichen Lärm zu machen. Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, daß ich in meiner Eigenschaft als Journalist weinte. Erstens kannte ich das Wort Journalist gar nicht, und zweitens hätte er mich absolut nicht begriffen. Ich weiß aber, daß mir dann in meiner Kiste das Bewußtsein, verkannt zu werden, einen schweren Kummer bereitete, und daß <a class="pageref" name="page013">13</a> mich der Gedanke, Märtyrer einer guten Sache zu sein, durchaus nicht aufrichtete. Als ich vor einigen Jahren von dem Schneider Herrn Zeitung las, daß er in der Kiste, in der verpackt er sich nach Paris spediren ließ, Höllenqualen ausgestanden habe, da dachte ich, nicht allein durch den Namen Zeitung geleitet, an meinen Aufenthalt in der Carcerkiste der israelitischen Freischule am Zeughausmarkt in Hamburg.</p><p>Es wäre mir nun ein Leichtes, nach Biographenart mein Carcer zur Wiege meiner journalistischen Thätigkeit zu erheben, zu schildern, wie ich aus den Leiden dieser Gefangenschaft die Kraft schöpfte, die Feder festzuhalten, mit der ich mir diesen Kerker zugezogen hatte, und wie ich mir in der hölzernen Dunkelheit geschworen, unentwegt den Kampf für Freiheit und Licht zu kämpfen. Das klänge ja vielleicht ganz hübsch, wäre aber nicht wahr. Ich wollte nur mittheilen, daß ich schon in beängstigend früher Jugend, als Elementarschüler, Journalist und Redakteur spielte, vielleicht noch eher, als ich Zeitungen gelesen, ganz gewiß, bevor ich auch nur eine Ahnung von dem Wesen der – wie man es heute nennt – Schriftleitung hatte. Ich denke mir, daß man als Journalist geboren werden kann, und daß man dann immer Journalist bleibt, man mag mit sich anfangen, was man wolle. Auf jedem Weg, den man einschlägt, in jedem Beruf, den man wählt, ist man <a class="pageref" name="page014">14</a> Journalist, und immer wird man wieder zu dieser Hexe zurückkehren, wenn man sie einmal verlassen haben sollte. Wer ihr angehört hat und ihr dann dauernd den Rücken kehrt, der ist eben kein geborener Journalist.</p><p>Seit ich als Junge, der kaum schreiben konnte, die ersten Zeitungen – aber fragt mich nur nicht wie – für meine Mitschüler, die meist nicht begriffen, was ich denn eigentlich wollte, herausgegeben habe, bin ich Journalist. Das ist nun mehr als fünfzig Jahre her. Wie beneide ich mich heute um die Freude, die mir damals die Spielerei mit der Feder machte! Wer als reifer Mann in die Journalistik eintritt, lernt den Zauber nicht kennen, den sie auszuüben vermag, sie, die von dem Mann so viel Ernst, so viel Muth, Enttäuschungen zu ertragen, so viel Kraft und Ausdauer, Kämpfe zu bestehen, fordert. Wer als Mann Journalist wird, ist wie ein Hagestolz, der mit der Journalistik eine Vernunftheirath schließt. Ich habe mit der Journalistik alle Stadien der Liebe durchgemacht, von der blonden Jugendeselei aufwärts. Erröthend folgte ich ihren Spuren und war von ihrem Gruß beglückt, und als die Leidenschaft geflohen war, blieb die Liebe zu der Angebeteten in mir zurück, und ich werde ihr diese Liebe bis zur letzten Zeile treu bewahren.</p><p>Wie man aus dem Rausch der ersten <a class="pageref" name="page015">15</a> Herzensneigung keine Erinnerung in das reife Alter hinübernimmt, wenigstens keine andere als die, daß dieser Rausch sehr schön gewesen sei, so erinnere ich mich aus der Zeit, als ich in die Journalistik knabenhaft verschossen war, keiner Einzelheiten mehr. Ich weiß nur, daß mich die Strafen und Ermahnungen nicht genirten, was gewiß sehr bedauerlich ist, und daß ich mich über die in der Mitte der vierziger Jahre gefeierte silberne Hochzeit meiner geliebten Eltern nicht so freute, als darüber, daß ich von meinem ältesten nun längst verstorbenen Bruder Martin die Mittel erhielt, um zu dieser Feier ein Festblatt drucken lassen zu können. Ich sollte etwas drucken lassen! Unbeschreiblich ist der Zauber, der mich beherrschte, kaum schlief und aß ich noch, ich schrieb, und als ich nun gar mit dem fertigen Manuscript in die Druckerei kam, da vermochte ich vor Aufregung nicht zu sagen, was mich dahingeführt hatte. Wie ich den Muth fand, diesen Gang anzutreten, das ist mir auch heute noch unbegreiflich. Ich war niemals vorher in einer Druckerei gewesen, ich hatte keine Ahnung von den Aufgaben, die nun an mich herantraten. Mit züchtigen, verschämten Wangen sah mich der Faktor der Druckerei vor sich stehen, als ich ihm meine ungelenke Prosa und Poesie in sauberster Abschrift überreichte und ihm sagte, was damit geschehen solle. Mit aufrichtiger Ehrfurcht sah ich zu ihm hinauf, er war ja <a class="pageref" name="page016">16</a> der Mann, der das Geschriebene in Gedrucktes verwandelte, und mit demselben Gefühl blickte ich zu den Maschinen hinüber und staunte ich die Setzer an, welche da blitzschnell in die Kästen griffen und die Bleilettern hervorholten, um dieselben in Reih und Glied zu stellen. Ich befand mich in einer neuen Welt, die ich bisher nur geahnt hatte. Der Faktor sah in mir nur einen Jungen, der mit einem Auftrag an ihn geschickt war und der sich dieses Auftrages ziemlich ungeschickt entledigte. Er wurde ungeduldig und sagte: »Bestell' Deinem Vater, er soll selber kommen!« Nun erst wurde ich deutlicher und machte den kurzangebundenen Zauberer darauf aufmerksam, daß das Blatt ja für den Vater eine Ueberraschung sein solle. »Aha,« sagte er, »also schick' mir den Mann, der das Blatt geschrieben hat.« Ich gestand nun dem strengen Inquirenten alles offen ein und war nicht wenig stolz auf mich, als er ein paarmal mit beleidigender Schärfe fragte, ob das auch wirklich wahr sei. Es scheint aber doch, daß er mir endlich geglaubt hat, denn als ich fortging, sagte er: »Also kommen Sie morgen Mittag wieder.« Bis vor etlichen Minuten hatte er mich geduzt.</p><p>Ich habe schon mitgetheilt, daß ich allerlei journalistischen Unfug beging, ohne mit Journalen nähere Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich brachte Blätter hervor wie ein Baum, der meines Wissens <a class="pageref" name="page017">17</a> auch nicht weiß, wie er sie hervorbringt. Etwas mehr als ein solcher wußte ich allerdings davon, ich hatte wohl eines der damals in Hamburg erscheinenden wenigen Blätter gesehen, und nachdem ich die Kunst des Schreibens erlernt und die ersten deutschen Aufsätze gemacht hatte, war es mir wohl ein Leichtes, mich in mehr oder weniger schadhafter Prosa schriftlich zu äußern. Aber wie kam ich zu Versen? Ich hatte kaum Verse gelesen und verbrach solche, ohne eine Ahnung von der Metrik zu haben, um deren Gesetzbücher ich mich auch später niemals bekümmert habe. Ich will ja gern zugeben, daß ich auch heute noch keine Verse machen kann, nachdem ich viele Tausende publicirt und der Leserwelt dadurch Gelegenheit gegeben habe, sich von der Wahrheit meiner Vermuthung zu überzeugen. Immerhin bleiben mir meine ersten gereimten Strophen ein Räthsel.</p><p>Mein Silberhochzeitblatt erschien pünktlich am Festtag meiner lieben Eltern und zwar in einem so großen Format, wie ich es später niemals wieder an einem Festblatt gesehen habe. Ich war nicht wenig stolz und durchaus nicht beleidigt, als ich sah, daß mehrere Gäste das Blatt dazu benutzten, allerlei von der Festtafel für die Kinder einzuwickeln und nach Hause zu transportiren. Das war doch Verbreitung in den weitesten Schichten der Bevölkerung, es war die Colportage, ich kam mir wie der Redakteur eines <a class="pageref" name="page018">18</a> Weltblattes vor. Nun war ich unheilbar Journalist. Freilich fehlte mir noch die Tapferkeit eines solchen, ich mußte noch den besseren Theil derselben, die Vorsicht, üben, wovon ich noch erzählen werde. Ich sandte in aller Heimlichkeit an erreichbare Blätter kleine humoristische Arbeiten, die auch willig gedruckt wurden. Wo mögen sie sein? Ich würde sie wohl auch nicht wieder erkennen, wenn sie mir jetzt vor Augen kämen. Doch wie viel Vergnügen machten sie mir, als sie entstanden, mit wie viel Sehnsucht erwartete ich regelmäßig den Abdruck, mit wie viel Furcht durchspähte ich jedesmal die Zeilen des Briefkastens nach irgend einer redaktionellen Mittheilung!</p><p>Da kam das Jahr 1848. Ich war eben sechszehn Jahr alt geworden. Die Flucht Louis Philipps bezeichnete den Beginn der neuen Zeit, deren erste Gabe die Preßfreiheit war. Alles, was jung war, griff zur Feder, um heilige Rechte zu erkämpfen, Tyrannen zu stürzen, Nationen zu befreien, verlassene Bruderstämme zu retten. Man glaubte, dies mit der Feder zu können. Voran die Jugend, welche am allerwenigsten unter dem vormärzlichen Druck gelitten hatte. Sie verlangte nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wie das alles klang, wie schön, wie voll, wie erhebend! Es war ein Rausch, der alle Menschen beherrschte, wenn das Wort Beherrschen <a class="pageref" name="page019">19</a> von uns Halbkindern überhaupt noch geduldet wurde. Wir schlossen uns den großen Volkshaufen an, die durch die Straßen zogen und am Hause eines mißliebigen Bürgermeisters die Fenster zertrümmerten. Dazu sangen wir:</p><p class="vers">»Denn ein Frühling ist im Lande,<br/>
      Wie die Welt noch keinen sah,<br/>
      Und es springen alle Bande,<br/>
      Und die Freiheit, sie ist da!«</p><p class="leftjust">Der Völkerfrühling! So lautete das Zauberwort. Man kann sich heute nicht denken, was sich in den Tagen des Völkerfrühlings und wie sich alles begeben hat. Oft kommt's einem vor, als sei alles ein Traum gewesen. Etwas ähnliches war es doch auch. Die Zeit war ja noch jünger als wir, die wir darin gelebt haben. Selbst die Männer wußten nicht recht, was sie mit ihr anfangen sollten, sie waren nicht weniger naiv als die Halbwüchsigen. Eines Abends war das alte Haus des Bürgermeisters wieder hart bedrängt. »Es lebe die Republik!« wurde geschrieen. Das war die Parole, die man von den Ereignissen in Paris an jenem denkwürdigen 24. Februar gelernt hatte. Der Bürgermeister erschien auf dem Balkon und rief in die Menge: »Was wollen Sie denn eigentlich, meine Herren, Hamburg ist ja eine Republik!« Da donnerte es zu dem Sprecher hinaus: »Denn wölt wi noch eene hebben!«</p><p><a class="pageref" name="page020">20</a> Die Preßfreiheit hatte der Journalistik ein frisches, oder überhaupt Leben eingehaucht. Ueberall tauchten neue Blätter auf. Der lang verhaltene Groll machte sich vor Allem in satirischen Blättern Luft, es war für die Schreibseligen eine glänzende Zeit, man druckte viel, alles und ohne viel Kritik und Bedenken. Einen Monat früher als in Berlin die erste Nummer des Kladderadatsch (am 7. Mai) erschien in Hamburg (am 2. April) die erste Nummer des»Mephistopheles« unter der Redaktion von <i>Wilhelm Marr</i> im Verlag der durch ihre demokratischen Bücher berühmt gewordenen Firma <i>Hoffmann</i> und <i>Campe</i>. <i>Wilhelm Marr</i> ist der heute 72 Jahr alte Sohn des bedeutenden klassischen Schauspielers <i>Heinrich Marr</i>. Diesen Künstler, der in der ersten Aufführung des Goethe'schen Faust am Hoftheater zu Braunschweig am 19. Januar 1829 den Mephistopheles gespielt hatte, lernte ich während seiner Wirksamkeit am Thaliatheater in den fünfziger Jahren als einen genialen Charakterdarsteller kennen, der auf der deutschen Bühne heute nicht seinesgleichen hat. Als ich zur Universität nach Berlin ging, führte er mich mit einigen Zeilen bei dem damals so gefürchteten Feuilletonisten <i>Ernst Kossak</i> ein. Als <i>Kossak</i> den Brief gelesen hatte, sagte er zu mir: Der alte Marr ersucht mich, Sie von der Journalistik fortzugraulen, Sie seien so sehr auf sie versessen. Aber ich werde <a class="pageref" name="page021">21</a> mich wohl hüten. Wer einmal ein Dutzend Federn bei der Journalistik ausgeschrieben hat, ist nicht wieder herauszubringen.</p><p>Der Sohn des ersten Darstellers des Mephistopheles, <i>Wilhelm Marr</i>, war also der Redakteur des politisch-satirischen »Mephistopheles« in Hamburg. <i>Wilhelm Marr</i> war im Jahre 1848 einer der populärsten Demokraten der Hansestadt, der mit Gott und allen Königen grollte und eine geistvolle, kecke und sehr witzige Feder führte, die ihn, als sich die Behörden von ihrer März-Ohnmacht erholten, dann und wann in das Hamburgische Staatsgefängniß, den Winserbaum, gebracht hat. Das machte einen Märtyrer aus ihm und vermehrte seine Popularität. Der frische, unerschrockene Ton seines Teufelsblattes sagte mir zu, und bald überfluthete ich dasselbe mit Manuscripten, ohne zu wagen, mich persönlich dem Redakteur vorzustellen, oder ihm meinen Namen zu nennen. Ich war damals sehr schüchtern. Das hat sich später gegeben. Und diese Schüchternheit war auch nicht ganz waschecht, wie ich versichern darf, sie hatte, wie ich oben schon andeutete, einen zwingenden Grund, von dem ich in einem zweiten Kapitel erzählen will.</p></div><div class="chapter" id="chap002"><h3><a class="pageref" name="page022">22</a> II.</h3><p class="initial">Meine Thätigkeit auf dem Gebiete der primitivsten Journalistik, der handschriftlichen Herstellung eines einzigen Exemplars, war mir, wie ich erzählt habe, oft genug übel bekommen, indem ich allmälig einer der treusten Stammgäste der Kerkerkiste geworden war. Die Haft, die ich im Carcer abstand, – ich muß dies Wort für »<i>absaß</i>« wählen, weil der Carcer ja nichts als ein geschlossenes Schilderhaus war, – hat freilich nicht vermocht, mich von der Journalistik zu trennen, aber sie überzeugte mich von der Nothwendigkeit, fortan meine Thätigkeit den Augen der meinem Ideal nicht reifen Welt zu entziehen. Welch eine Aufgabe, ja welch ein Widerspruch, <i>heimlich zu publiciren!</i> Es war ohnedies schon schwer, für mein Elternhaus immer neue Erklärungen meines verspäteten Erscheinens zu erfinden, wenn ich nach überstandener Haft heimkehrte. Besuche bei Schulkameraden, oder Aufenthalt durch Ereignisse, die sich auf der Straße abspielten, wurden kaum noch geglaubt. Ich erinnere mich, daß damals die edle <a class="pageref" name="page023">23</a> Frau Justitia die Rohheit besaß, gewisse Verbrecher öffentlich an den Pranger zu stellen. Dieser widerliche Akt wurde auf dem Großneumarkt vor der Wache vollzogen, wohin der Verurtheilte von grotesk uniformirten Nachtwächtern gebracht wurde, um stundenlang öffentlich ausgestellt zu werden, während auf einem ihm an die Brust gehängten Brett den ihn angaffenden Zuschauern mit großen Lettern angekündigt wurde, wie er zu so großem Ansehen gekommen sei. Das Ganze war ein abscheuliches Ueberbleibsel aus der guten alten Zeit, an welche meine schöne Vaterstadt übrigens durch noch manche andere Ungeheuerlichkeiten erinnerte. Die Schuljugend bildete natürlich einen beträchtlichen Theil des Stammpublikums bei dieser traurigen Strafvollstreckung, und wenn eine solche stattfand, so hatte jeder Schlingel eine vortreffliche Erklärung für sein unpünktliches Nachhausekommen, und dann und wann paßte sie mir außerordentlich gut, wenn ich einmal wieder auf Grund des strengen Schulstrafgesetzbuches verpackt worden war. Aber häufig auch fiel mein Arrest nicht mit einer der geschilderten öffentlichen Executionen zusammen, und dann war es mir nicht leicht, eine Entschuldigung für mein langes Ausbleiben zu finden. Dann war ich in einer höchst peinlichen Lage. Mein Vater durfte nicht erfahren, daß ich mich mit anderen als mit meinen Schularbeiten beschäftigte. Es hätte <a class="pageref" name="page024">24</a> ihm Kummer gemacht, und dieser Kummer würde sich in jedem einzelnen Fall sehr lebhaft und in empfindlicher Weise auf meinen Rücken geäußert haben. So hätte ich denn für meine journalistische Thätigkeit ein Doppelhonorar, in der Schule und im Hause, einkassirt, und das schien mir denn doch ein etwas zu reichliches.</p><p>Die Gefahr wuchs, nachdem ich in der Nummer des »Mephistopheles« vom 6. August 1848 meinen ersten Beitrag gedruckt sah. Das Ding hieß: »Volksdeputationslied«, war nach der Melodie »Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus« versificirt und besang den unglücklichen Verlauf des Empfangs einer Deputation beim Könige von Preußen. Unterzeichnet hatte ich das naive Machwerk mit dem letzten Buchstaben meines Namens, mit –m. Natürlich habe ich es damals, als 16jähriger Anfänger, minder wegwerfend beurtheilt. Ich hielt es selbstverständlich für eine Meisterleistung. Wer hätte seine erste Publikation nicht für eine ganz hervorragende gehalten und angesichts derselben nicht geglaubt, er stehe plötzlich an der Seite der bedeutendsten Schriftsteller, bewundernd angeschaut von seinen Zeitgenossen? In aller Heimlichkeit hatte ich mein Manuscript mit einigen anonymen Zeilen an die Redaktion geschickt, und in aller Heimlichkeit versuchte ich dann, mich an meinen gedruckt vor mir liegenden Strophen satt zu sehen, <a class="pageref" name="page025">25</a> während mein Haupt mit einem unsichtbaren Lorbeerkranz geschmückt war. Ich traute in der ersten Viertelstunde meinen Augen nicht, als ich meine Verse gedruckt sah, erst allmälig gewöhnte ich mich an das entzückende und merkwürdige Schauspiel, und dann wurde ich von einem Stolz beseelt, der die Heimlichkeit, mit der ich ihn vor aller Welt verbergen mußte, nicht wenig gefährdete. Eine junge Mutter kann ihr Erstgeborenes nicht mit mehr Zärtlichkeit anblicken, als ein Autor das erste Kind seiner Muse. Noch indem ich diese Zeilen schreibe und auf meine ersten Verse in der vor mir liegenden vergilbten 43 Jahre alten Nummer des »Mephistopheles« blicke, ist mir gar seltsam um's Herz, wenn auch nicht wie damals, vor 43 Jahren, aber es ergreift mich doch ein Gefühl, für welches ich keinen ganz bezeichnenden Ausdruck finde. Das erste Gedruckte übt eben auf den Anfänger einen unbeschreiblichen Zauber aus, der sich zum Glück für den Producirenden zwar bald verliert und sich niemals wiederholt, der aber unvergeßlich ist und den kaum irgend ein Anderes auf uns auszuüben vermag.</p><p>Ich blieb ein sehr fleißiger Mitarbeiter des »Mephistopheles« bis zu dessen letzter Nummer, die Ende Juni 1852 erschien. Als Honorar erhielt ich wöchentlich einige Freiexemplare. Das war nicht mehr als billig.</p><p><a class="pageref" name="page026">26</a> Mein lieber Vater hat, außer meinem erwähnten Festblatt zu seiner silbernen Hochzeit, niemals eine gedruckte Zeile von mir gelesen. Er war ein vortrefflicher, liebevoller und rastlos fleißiger Mann, der anfangs dieses Jahrhunderts aus seiner Vaterstadt Witzenhausen bei Cassel als Geiger nach Hamburg gekommen war. Meine geliebte Mutter war eine Hamburgerin. Als die Familie größer wurde, wurde es meinem Vater schwerer, sie mit dem Geigenspiel zu ernähren, und er gründete eine Kunsthandlung, die noch vor mehreren Jahren als eine der ältesten deutschen Geschäfte dieser Art in Hamburg existirte. Bald blühte sie, zu einem Verlagsgeschäft ausgedehnt, empor und ward eine weitbekannte und accreditirte. Mein Vater durfte nicht merken, daß ich einen anderen Beruf als den seinen liebte. An solchen Gedanken hätte er sich wohl nie gewöhnen können, am allerwenigsten an den, daß ich mich mit demokratischer Zeitungsschreiberei beschäftigen würde. Nicht nur, weil diese in Hamburg in keinem erfreulichen Ansehen stand. Die große Hitze des Jahres 1848 hatte allerlei schlimme Blätter hervorgetrieben, welche die Preßfreiheit brutal ausnutzten. Neben den großen handelspolitischen Zeitungen, die, alt und vornehm, sich nur platonisch der stürmischen Bewegung anschlossen, tauchten Preßerzeugnisse auf, welche von saftigem Klatsch lebten und die große Errungenschaft des freien <a class="pageref" name="page027">27</a> Worts dadurch in Mißcredit brachten, daß sie nicht, wie es damals hieß, Sklavenketten, sondern den Frieden des Hauses brachen, und sich mehr mit dem Privatleben der Bürger, als mit dem Verfassungsleben des Staats beschäftigten. Man verstand überhaupt nicht, mit der Preßfreiheit umzugehen, sie war so plötzlich gekommen, und man lernte sie erst langsam kennen. Vorläufig wurde sie gemißbraucht. In der Gegenwart der Censur hatte die Presse kaum etwas reden dürfen, nun war die böse Gouvernante nicht mehr da, und die Presse machte sich Luft wie ein unartiges Kind, das, wenn die Gestrenge den Rücken gekehrt hat, noch unartiger sich geberdet und sein Spielzeug oder sonst was ruinirt. So war denn die Presse rasch in Mißcredit gekommen. Aber nicht allein durch ihr Hineinmischen in Privatangelegenheiten. Auch die politisch-demokratische Presse war nicht sonderlich angesehen. Die Bewohner der freien Hansestadt waren kaum dem Namen nach Republikaner, die Verfassung war nur nominell eine republikanische. Die Hamburger waren konservative Leute und seit dem Beginn des »Völkerfrühlings« sehr böse auf diesen, weil er den Handel schädigte, überall die Achtung vor dem Kapital lockerte und den Respekt vor der Heiligkeit des Verfalltags der Wechsel herabminderte. Der Hamburger Kaufmann der damaligen Zeit begriff absolut nicht, weshalb Schleswig-Holstein <a class="pageref" name="page028">28</a> sich von Dänemark losreißen wollte. Was hatte der König von Dänemark den Schleswigern und Holsteinern gethan? Wozu hatten die Schleswig-Holsteiner eine kostspielige Armee aufgestellt, wozu waren eines schönen Tags die preußischen Soldaten durch Hamburg nach Holstein marschirt und hatten bald darauf die friedlichen Dänen angegriffen und besiegt? Nun war der Krieg da. Daran hatte die demokratische Presse Schuld, welche den Schleswig-Holsteinern eingeredet hatte, sie seien sehr unglücklich und müßten sich von dem guten König von Dänemark losreißen. Das konnte kein gutes Ende nehmen, und das nahm ja auch kein gutes Ende.</p><p>Ich hielt mich um so mehr für verpflichtet, mich an dem im demokratischen »Mephistopheles« so sehr beliebten Zerbrechen der Ketten durch wöchentliche Beiträge zu betheiligen. Als ich die preußischen Soldaten über die Lombardsbrücke marschiren sah, gab ich mir das Wort, sie zwar in dem Kampf gegen die Unterdrücker Schleswig-Holsteins durch Prosa und Poesie zu unterstützen, sie aber zugleich mit denselben Waffen als die Schergen der Gewalt (damals ein beliebter Titel) zu vernichten. Wenn mir der Redakteur des »Mephistopheles« nur nicht zu viele dieser Waffen in den Papierkorb geworfen hätte! Das hielt ich nicht etwa für eine gerechte Kritik, sondern für einen höchst traurigen Mangel an redaktionellem <a class="pageref" name="page029">29</a> Muth, und ich bedauerte dann, daß die Befreiung des deutschen Volks sich wieder um etliche Tage verzögerte. Und um so eifriger schrieb ich. Wenn nur mein Vater nichts davon erfuhr, so war mir keine Danaidenarbeit zu mühevoll und nutzlos. Manchmal war ich höchst erstaunt, daß trotz meiner vielen Artikel die Sonne der Freiheit noch immer nicht aufgehen wollte. Ich konnte mir gar nicht erklären, weshalb es noch immer nicht hell wurde, aber ich tröstete mich gleichzeitig, es könne nicht lange mehr dauern, wenn ich nur weder Dinte, noch Papier sparte! Dabei erfüllte es mich mit besonderer Freude, daß alle Tyrannen fortwährend vor mir zitterten, ohne mich persönlich zu kennen.</p><p>So ging es gar Vielen, die am Ende der vierziger Jahre in der demokratischen Presse thätig waren. Es war das denkbar naivste Dichten und Trachten. Man wußte nicht recht, worüber man sich fortwährend beklagte. Man schrieb mit einer fabelhaften Ungenirtheit. Wenn ich heute lese, was ich damals veröffentlichte, und dazu einen Blick in unser heutiges Preßgesetz werfe, so rechne ich eine Gefängnißhaft von etwa hundert Jahren heraus, und doch beklagte ich mich konsequent über die herrschende Unterdrückung, während ich vergnügt und unbelästigt umherstrolchte.</p><p>So wurde darauflos producirt und <a class="pageref" name="page030">30</a> selbstverständlich ohne Gedanken an Honorar. Das hielt ich für sträflich eigennützig. Das Honorar bestand eben im Abdruck. Ich fand, was ich brauchte, im Elternhaus und dachte nicht daran, meine Arbeiten zu verwerthen. Es hätte mir, beiläufig bemerkt, auch nichts genützt. Ich glaube auch nicht, daß es irgend einer Redaktion eingefallen wäre, die Freischärler der Feder für ihre Arbeiten zu bezahlen, es verstand sich ganz von selbst, daß, wer als Mitarbeiter eintrat, die Hoffnung auf Honorar draußen ließ: es herrschte zwischen den Redakteuren und Mitarbeitern ein von keiner Zahlung getrübter idealer Verkehr. Wenn ich mir nach dem Erscheinen des »Mephistopheles« aus der Buchhandlung von Hoffmann und Campe mein Freiexemplar holte und bei dieser Gelegenheit einen Händedruck des ehrwürdig weißhaarigen Campe bekam, so hielt ich mich für reich bezahlt, und stolz verließ ich den glänzenden Laden wieder in dem erquickenden Bewußtsein, allmälig ein Kollege der Unsterblichen zu werden, deren Werke dort gebunden und broschirt die unendlichen Wände und sauberen Tische bedeckten.</p><p>Allerdings ging es mit der Unsterblichkeit sehr langsam, und allmälig fing ich an, mich davon zu überzeugen, daß ich mir dieselbe doch etwas leichter erreichbar vorgestellt hatte, als sie es in Wirklichkeit war. Hiervon erhielt ich eines Tages einen Beweis, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ.</p><p><a class="pageref" name="page031">31</a> Ich war auch Mitarbeiter der »Reform« geworden, welche von <i>J. F. Richter</i> gegründet worden war und auch heute noch existirt. Mein Name mußte natürlich ein Geheimniß bleiben, ich arbeitete hier unter dem Pseudonym »Faust«. Damals fiel es mir nicht ein, daß dies sehr anmaßend sei, weshalb ich heute nachträglich um Verzeihung bitte, wenn auch ganz unnöthigerweise, denn Alles, was ich veröffentlichte und mit dem heiligen Namen zierte, ist längst verschwunden und vergessen. Eines Tages ermunterte mich der Besitzer der »Reform«, einen komischen Kalender herauszugeben, der denn auch unter dem Namen »<i>Herr Meier</i>« erschien. Ich besitze längst kein Exemplar dieses ungemein dürftig ausgestatteten »Buches« mehr, und sein Inhalt war wohl auch derart, daß es nicht der Mühe werth war, ein Exemplar vor dem Makulaturtode zu retten. Und doch war eines diesem Tode entronnen, auf diesem Gebiete ereignen sich ja die merkwürdigsten Wunder. Eines Tages erblickte mein damals noch sehr scharfes Auge auf dem Karren eines Antiquars, der in den Straßen ganz billige Schmöker feilbot, den verschollenen »<i>Herrn Meier</i>«. Da lag er, bedeckt mit den Spuren des Kampfes, den er gegen den bezeichneten Untergang geführt hatte, mitten unter anderen ungebundenen Schicksalsgenossen, von denen die Meisten Stück für Stück zu vier Schillingen (30 Pfennigen in neuer <a class="pageref" name="page032">32</a> Reichsmünze) zu haben waren und auf Käufer warteten, vielleicht zum letzten Mal, bevor sie in den Butterkeller verschwanden. Ich fragte den Händler, der seinen lebensmüden Büchern ähnlich sah, was »Herr Meier« koste. »Ach, mein Liebster«, sagte er, »was soll ich Ihnen für das Dings abnehmen! Kaufen Sie irgend ein anderes Buch, dann kriegen Sie den »Meier« drauf, ganz umsonst, der ist ja nichts werth.«</p><p>Ich war auf das Tiefste erschüttert. Mit einem zärtlichen Blick auf meinen geliebten »Herrn Meier«, der ja an der schweren Kränkung unschuldig war, griff ich nach ihm und dann blindlings nach einem Buch über Viehzucht, – genau wie der Alte in dem Pfeffel'schen Gedicht, der erst nach der Pfeife und dann nach seinem Fuß griff, – bezahlte meine vier Schilling und ging mit den beiden Büchern sehr eilig davon. Mein armer »Meier«! Mein erstes humoristisches »Werk«! Der Trödler wagte nicht, etwas dafür zu fordern, und ahnte nicht, welchen Schmerz er mir hätte ersparen können, wenn er wenigstens einen Schilling forderte.</p><p>Und doch habe ich dem Trödler und meinem »<i>Herrn Meier</i>« für eine herbe, aber gute Lehre zu danken.</p></div><div class="chapter" id="chap003"><h3><a class="pageref" name="page033">33</a> III.</h3><p class="initial">Hamburg war in der Zeit, aus der heraus ich erzähle, für Alle, die der Literatur und Kunst in die Hände fielen, ein gefährlicher Ort. Wie Manchen sah ich verkommen! Das gute Leben war gar nicht gut, denn es brachte Viele um. Es ist erstaunlich, wie viele tüchtige Menschen von den immer vortrefflichen Beefsteaks verschlungen wurden. Das Capua-Beefsteak hat sich in seiner ganzen Tüchtigkeit erhalten, aber die Hamburger haben sich glücklicherweise zu der Künstler Vortheil geändert. Damals aber gab es für Künstler und Literaten in Hamburg nur offene Kneipen und verschlossene Bürgerhäuser. Diese ließen vor Allem keinen Mann der Feder ein. Ein solcher war ihnen ein Gräuel. Wer nicht in irgend einem allgemein begehrten Gewürz machte, oder einige Segelschiffe in See stechen zu lassen pflegte, kannte das Innere der Patrizierhäuser nicht und wurde, nachdem sein Sturm auf dieselben einigemal abgeschlagen war, zum städtischen Zigeuner. Wohl in keiner anderen Stadt der Welt war, wie in Hamburg, das <a class="pageref" name="page034">34</a> Wirthshaus das Heim, an welches sich der Schriftsteller gewöhnte, in welchem er sich einen familienähnlichen Kreis bildete und so gut genährt wurde, daß er es bis an sein selig Ende spürte. Das aber pflegte der Ruin des Schaffenden oder des Schaffens zu sein. Die Auster war damals ein fleischfressendes Thier; wer zwischen ihre Schalen gerieth, war verloren, wenn er nicht zeitig die Flucht ergriff, oder wenn er gar durch die versagende Kreide des Wirthes gezwungen wurde, auf den treuen Begleiter der Auster, den Rheinwein, zu verzichten und zu Getränken herabzusteigen, welche aus bescheideneren Gläsern getrunken werden. »Verbummeln« nennt man's.</p><p>Es ist dies eine Betrachtung, die ich damals nicht anstellte. Mir gefiel das Leben sehr gut. Ich war vom journalistischen Freischärler in das stehende Heer der Mitarbeiter der »Reform« avancirt, exercierte für einen ungemein zierlichen Sold sehr fleißig, redete mir als Rekrut ein, den Marschallstab im Tornister zu tragen, und war entzückt, als ich eines Tages die Redaktionskaserne verließ und das Theater-Restaurant in der Dammthorstraße betrat. Es schlummert in jedem jungen Menschen ein Zigeuner, der einen leichten Schlaf hat und vom Geräusch in der Kneipe rasch geweckt und lebendig wird. Ich habe den damals in mir wohnenden Zigeuner in Verdacht, daß er überhaupt nicht geschlafen, sondern <a class="pageref" name="page035">35</a> nur die Augen geschlossen hatte, denn er war sofort ganz munter und setzte mich mitten in einen Kreis von Kollegen und Schauspielern. Da saß ich nun, trank mehr, als ich vertragen konnte, wurde häufiger, als ich dagegen protestiren konnte, Herr Doktor titulirt, und war ganz berauscht von der so einseitigen und selbstgefälligen Unterhaltung, deren mich die Herren vom Theater würdigten. Man muß jung sein, wie ich es damals war, um diese Unterhaltung nicht so unerträglich zu finden, wie ich sie heute finde, um im Gegentheil halb betäubt und halb verwirrt dem zu lauschen, was der Schauspieler über sich und nur über sich mitzutheilen hatte. Der Eine war verkannt, der Andere verfolgt, der Dritte, der den Schüler im Faust spielte, eigentlich der Lear, der Vierte, der den Masetto sang, bekanntlich der, für den Gustav Freytag den Bolz geschrieben hat. Daß sie mir das alles anvertrauten, das machte mich zum Glücklichsten der damaligen Sterblichen, und mir gefiel diese doch eigentlich unfruchtbare und uninteressante Gesellschaft so gut, daß ich sie allabendlich aufsuchte und zwar mit einer Ausdauer, welche Andere nur erst nach längerer Praxis zu erreichen pflegen. Die Nachtwächter und ich gingen gleichzeitig nach Hause.</p><p>Meine Kollegen waren länger beim Handwerk als ich und spielten das Zigeunerleben bereits vom Blatt. Sie kannten schon längst keinen anderen <a class="pageref" name="page036">36</a> häuslichen Verkehr als den wirthshäuslichen. Es war, als arbeiteten sie nur für diesen, und als hätten sie auch nur das Bestreben, die Kosten desselben zu decken. Diese Kosten waren nicht sehr groß und die Honorare denselben gewachsen. Die Zeitungen bezahlten glänzend schlecht. Es war ein Verhungern mit Hindernissen. Der Besitzer der »Reform«, <i>J. F. Richter</i>, wurde Millionär und ließ sich in dieser angenehmen Beschäftigung nur durch das Zahlen so kleiner Honorare stören, daß das Einkassiren derselben sich schon der Uneigennützigkeit näherte. »Ein Werdender«, sagte Goethe, »wird immer dankbar sein.« Der zum Millionär werdende Zeitungsbesitzer war aber durchaus nicht dankbar, obschon er es gegen »seine Leute« hätte sein müssen, die ihr frisches Talent und ihre eifrige Kraft in seinen Dienst gestellt hatten. Er wußte aber, daß sie genug bekamen, um mit geringen Ansprüchen und etwas Credit ihren Wirthshausbedarf befriedigen zu können, und beunruhigte sich nicht weiter. Und doch – wie schön war die Zeit! Wir waren jung und dachten nicht an den folgenden Tag. Es gab ja auch keinen Solchen, da wir immer erst am folgenden Tag schlafen gingen. Unserer lächerlichen schriftstellerischen Eitelkeit war genügt, wenn wir uns gedruckt sahen, wir waren unglaublich lustig und sahen die Welt auch vom tiefsten Keller aus von oben herab an. Heute, wo <a class="pageref" name="page037">37</a> über die besagte Eitelkeit graues Haar gewachsen ist, denken wir voller Wehmuth an jene vergnügten Tage wie an einen liebenswürdigen Traum.</p><p>Wir? Ich sagte schon, daß das Leben in Hamburg für den Aufstrebenden gefährlich war. Wohin sind sie gerathen, mit denen ich damals gemeinsam fragte, was die Welt koste! In meine »heitere Erinnerungen« fällt bei dieser Frage ein Schatten. Ich erinnere mich eines talentvollen jungen Schriftstellers, <i>Carl Cubasch's</i>, dessen Wohnung wir niemals ermitteln konnten. Die Sage ging, er wohne garnicht. Er schrieb kleine reizende Novellen, die auch gesammelt erschienen sind, und lebte von Kaffee, den er vortrefflich zu kochen verstand. Seinen Unterhalt bestritt er aus dem Verkauf von Büchern, die ihm aus einer Redaktion zum Recensiren gegeben wurden und die zugleich sein Honorar bildeten. Als er eines Tages einem Verleger in Hannover ein Manuscript anbieten wollte und ihm das Geld zur Reise fehlte, machte er sich zu Fuß auf den Weg. Dabei hatte das Schicksal die unverantwortlich grausame Ironie, ihn zu einem Feinschmecker zu machen, als welcher er auch ein sehr tüchtiges Kochbuch verfaßt hat, immer beim Kaffeetrinken. Erst lange, nachdem ich Hamburg verlassen hatte, hörte ich wieder etwas von ihm: es war die Nachricht von seinem Tode.</p><p><a class="pageref" name="page038">38</a> Eine höchst originelle Erscheinung in der Hamburger Schriftstellerwelt war <i>Bernhard Luttermersk</i>, einer der geistvollsten, witzigsten, gelehrtesten und liebenswürdigsten Menschen, die ich je im Leben kennen gelernt habe. Man wird seinen Namen vergeblich in der Literaturgeschichte oder im Conversationslexikon suchen, und doch gebührte ihm in jener und diesem ein ehrenvoller Platz. Er war in Altona geboren, hatte nach Beendigung seiner Studien vier Jahre in Italien gelebt, war dann nach Hamburg gekommen und der fleißigste Redakteur der »Reform« geworden. Wir waren seit dieser Zeit auf das Innigste befreundet. Obschon über die Jünglingsjahre weit hinaus, war <i>Luttermersk</i> ein Kind geblieben, so naiv, so unbeholfen, so unpraktisch. Er hatte ein kindliches Herz trotz seiner erfahrungsreichen Jahre und ein Kindergesicht trotz seines kahlen Schädels und seines spärlichen blonden Schnurrbarts. Er war ein guter Mensch, und es hat mir oft wehgethan, wenn, die ihn sahen und nicht kannten, über ihn spotteten, wenn er mit seiner kleinen gedrungenen Gestalt, seiner lautheiseren Stimme und seiner grotesken und vernachlässigsten Kleidung einen komischen Eindruck machte. Dabei war er durch und durch Journalist, die menschgewordene Journalistik. Er schrieb unausgesetzt und nur für die Zeitung. Zum Tüchtigsten auf vielen Gebieten der Schriftstellerei <a class="pageref" name="page039">39</a> eminent befähigt, producirte er, wenn er die Feder in die Hand nahm, doch immer nur für die Zeitung, in der er wie in lebenslänglicher Haft gefangen saß und der er alles leistete, was für sie zu leisten war. Er war mit dem Schreibtisch förmlich verwachsen, eine journalistische Parodie des Centauren, und eine Trennung erschien ganz undenkbar. Auch wenn er nicht schrieb, war er gebückt wie ein Schreibender, dann dachte er darüber nach, wie er alles, was er sah und hörte, für sein Blatt verwenden könne. Er hatte auch für nichts Interesse als für das Blatt, und doch mußte man ihn lieb haben, und ich hatte ihn sehr lieb, und wir lebten in treuster Freundschaft. Ich werde noch einmal Gelegenheit haben, von ihm zu erzählen.</p><p>Die älteren und namhaften Schriftsteller lebten natürlich nicht in unserem Zigeunerkreis, obschon auch sie wenig oder keine Fühlung mit den Familien, sondern in den besseren Restaurants ihr Hauptquartier hatten. <i>Adolf Glaßbrenner</i>, der Senior des Berliner Witzes, war, Dank seiner demokratischen Gesinnung, aus Mecklenburg-Strelitz ausgewiesen worden und gab nun in Hamburg ein Witzblatt »Ernst Heiter« heraus. Natürlich ohne namhaften Erfolg. Als ich mehrere Jahre später selbst Redakteur eines Witzblattes in Hamburg geworden war und einen Bekannten fragte, warum er nicht auf <a class="pageref" name="page040">40</a> mein Blatt abonnirt sei, ward mir der Bescheid: »Ich kann nur Blätter halten, in denen die Course stehen.« Und diese standen allerdings damals wie heute in gar keinem Witzblatt, auch nicht in dem Glaßbrenner'schen »Ernst Heiter«, und so hatte dieser auch keine nennenswerthe Auflage. Der Ruhm und die Popularität Glaßbrenner's waren aus den unvergessenen Heftchen »Berlin wie es ist und – trinkt« (Berlin und Leipzig, Verlag von <i>Ignaz Jackowitz</i>) hervorgegangen, und für den jungen Anfänger war der vielgenannte Verfasser eine unnahbare Persönlichkeit. Ich wagte es nicht, mich ihm vorzustellen, selbst dann nicht, als ich für sein Blatt einige Kleinigkeiten geliefert und so sehr geehrt ich mich auch durch die Annahme derselben gefühlt hatte. Es gab damals etwas, was heute verschwunden scheint: Respekt vor den Meistern. Wenn man von ihnen sprach, so zog man im Geist den Hut vor ihnen. Was weiß man heute von dergleichen. Derselbe Mann, welcher gelernt hat, vor dem General Front zu machen, kehrt den Generälen der Literatur den Rücken zu, oder lacht ihnen in's Gesicht. Heute erscheint es ja schon als Schonung, wenn Schiller und Goethe von den Posaunenengeln der Literatur zum alten Eisen und nicht einfach zum alten Blech geworfen werden. Wir kannten noch nicht die Parole der neuesten Literatur: Die Jugend soll man ehren, und man ehrte die <a class="pageref" name="page041">41</a> Jugend, wie es jetzt geschieht, noch nicht, wenn sie weiter nichts hatte, als keine Tugend. Jetzt schützt das Alter nicht vor der Thorheit der Jungen, welche groß zu sein glauben, wenn sie sich auf die Trümmer von Denkmälern stellen. Wir achteten Jeden, der etwas geleistet hatte, nicht nur die Klassiker, und wir bildeten uns nicht ein, dadurch Besseres zu leisten, daß wir das von den Alten Geleistete mißachteten.</p><p>Endlich überwand ich meine Scheu, mich dem Vater des Berliner Witzes zu nähern. Ich wurde ihm von meinem Freunde <i>Christian Claudius</i> vorgestellt, welcher Mitredakteur des »Ernst Heiter« war. Claudius, einer der letzten Nachkommen des Wandsbecker Boten, war Jurist, als er, ein geborener Schleswig-Holsteiner, in die Armee seiner Heimath trat, welche gegen Dänemark kämpfte. Nach Auflösung dieser Armee wurde er natürlich in der wieder dänischen Provinz nicht angestellt, und er wandte sich der Journalistik zu. Auch von Claudius schweigt die Literaturgeschichte, und doch war er, der erst 1865 wieder zu seinem Beruf zurückkehren durfte und heute als Landgerichtsrath in Flensburg lebt, einer der ausgezeichnetsten Kritiker, die ich kennen gelernt habe, und ein Stylist, dem alle die Politur, in der jeder Satz schimmerte, absichtslos aus der Feder floß. Alles, was er producirte, bekundete eine gründliche <a class="pageref" name="page042">42</a> Bildung und war von einem feinen Witz bestreut. Er war ein echter Feuilletonist. Heute ist Jeder ein Feuilletonist, über dessen Artikeln sich ein Strich durch die Journalseite zieht, wie sich heute nach dem Diktum eines bekannten Thalermillionärs Jeder Millionär nennt, der eine Million Mark besitzt. Es giebt jetzt sehr viele Schriftsteller, welche sich den Titel Feuilletonist verliehen haben, der aber bei ihnen etwa die Bedeutung des Titels Commissionsrath hat, von dem kein Mensch, am allerwenigsten der von ihm Betroffene, weiß, was er eigentlich bedeute. Seit Claudius bei seinem Eintritt in das Flensburger Landgericht das Zeitliche des Feuilletons gesegnet hat, ruht seine Feder fast ganz, oder er beschränkt sich darauf, in kurzen Kritiken über Flensburger Kunsterscheinungen seine dortigen Mitbürger zu lehren, das, was ihnen Gott beschieden, zu genießen und gern zu entbehren, was sie nicht haben. Ein Theater hat Flensburg nicht mehr. Die Stadt hat, um für das Publikum die größte Sicherheit gegen Feuersgefahr zu schaffen, eines Tages das Theater abgebrochen. Damit war denn auch allerdings jedes Unglück auf das Sorgfältigste verhütet.</p><p><i>Glaßbrenner</i>, über dessen Bedeutung für die humoristische Literatur ich nichts sagen könnte, was nicht Jeder wüßte, der sich mit seinen zahlreichen Schriften und mit der Zeit, aus der er <a class="pageref" name="page043">43</a> hervorgegangen war, beschäftigt hat, war ein überaus liebenswürdiger und heiterer Gesellschafter. Er verkehrte nicht in dem Kreise, den ich als den meinigen geschildert habe, wenn er ihm auch durch seine Beziehungen zum Theater nicht fernstand. In diesem Kreis würde eine Flasche Champagner ein Ereigniß gebildet haben, welches Gerüchte aller Art, vor Allem ein solches von einer reichen Erbschaft, hervorgerufen hätte, während der Champagner bei Glaßbrenner eine allabendliche Erscheinung war. Glaßbrenner schien allen Champagner nachholen zu wollen, den ihm in seiner Werdezeit das Schicksal vorenthalten hatte. Angesichts des Eiskübels, aus dem sich der Silberhals der Wittwe Clicquot hervorreckte, thaute er auf, und dann traten seine lustigen Einfälle reihenweise hervor. Er erzählte prächtig und lachte ansteckend. Damals ein Mann in der Mitte der Vierziger, war er noch sehr lebenslustig, er producirte noch in aller Frische, und er sah noch nicht in den jungen Männern, die in Berlin für den Humor und die Satire neue Formen und mit Erfolg geschaffen hatten, Eindringlinge, welche ihn von seiner Domäne verdrängten und seinem Eckensteher Nante und Rentier Buffey den Raum streitig machten. Die Popularität der drei Männer im feurigen Kladderadatsch, <i>Kalisch</i>, <i>Dohm</i> und <i>Löwenstein</i>, war noch im Aufblühen und störte ihn nicht in seiner Ruhe auf den 48er Lorbeeren, <a class="pageref" name="page044">44</a> wie dies später, wenigstens in seiner Einbildung, geschehen ist. Als ich Glaßbrenner kennen lernte, war er der gelesenste, gesuchteste und bekannteste Humorist des sonst so uneinigen Deutschlands, und es war dies ein wohlerworbener Ruhm. Er hatte noch Freude an den Arbeiten seiner späteren Rivalen, er war noch witzig, ohne bitter zu sein, er hatte noch das Bewußtsein, der Erste und Einzige zu sein, und auf dem Felde des Berliner Witzes war er das auch in der That. Er war und bleibt der Schöpfer des Berliner Witzes, den er in einer Mischung von scharfer Satire und origineller Harmlosigkeit erstehen ließ. Erst 1858 verließ er Hamburg, wo er ohne sonderlichen Erfolg gearbeitet hatte, und kehrte, ein 48jähriger Mann, nach Berlin, seiner Vaterstadt, zurück.</p><p>Gleichzeitig war am Hamburger Stadttheater <i>Theodor Lobe</i> engagirt, mit dem ich rasch bekannt wurde und befreundet geblieben bin. Heute einer der ersten deutschen Charakterdarsteller, war er damals eben über die Anfängerschaft hinaus und spielte noch in doppeltem Sinn keine bedeutende Rolle. Aber er war ein junger Künstler von zielbewußtem Streben und rastlosem Fleiß, der fortwährend an seiner Ausbildung arbeitete. Eines Tages forderte er mich auf, mich zu seinem Benefiz, das bald nachher, am 27. November 1856, stattfinde, mit einem einaktigen <a class="pageref" name="page045">45</a> Stück zu versuchen. »Dazu fehlt mir jedes Talent,« antwortete ich ihm und zwar mit tiefster Ueberzeugung. Lobe gab das aber durchaus nicht zu. »Das verstehst Du nicht,« rief er in seiner tyrannischen Art, einem etwas Angenehmes zu sagen, »ich verlange, daß Du Dich daranmachst und ein Stück schreibst!« Und richtig, eine Stunde später saß ich in seiner engen Wohnung am Gänsemarkt und schrieb – man verzeihe mir den hochtrabenden Ausdruck – ein Stück. Mir fehlte wirklich die dramatische Begabung, man darf es mir glauben, ich habe es auch später noch etliche Male bewiesen. Aber ich schrieb. Lobe saß dabei und versicherte, so oft ich ihn bat, doch an meine Talentlosigkeit zu glauben: »Das verstehst Du nicht, das weiß ich besser, vorwärts!« Und ich schrieb vorwärts. O du glückselige Zeit, in der man keck an eine Arbeit geht, zu der einem Beruf und Talent fehlen! Wer sich diese sorglose Keckheit doch für die Tage conserviren könnte, wo man mit ganzem Können vor eine Aufgabe tritt, aber durch die mit den Jahren sich einschleichende Besonnenheit von der Ausführung zurückgetrieben wird und, scheu geworden, die Arbeit nicht anzufangen wagt!</p><p>Nach einigen Tagen nahm Lobe das Manuscript mit in's Theater, dessen Direktor Herr <i>C. A. Sachse</i> war. Der Einakter hieß »Auf dem Jungfernstieg« und war als Humoreske bezeichnet. Ich hatte nicht <a class="pageref" name="page046">46</a> gewagt, mich als Verfasser zu bekennen, sondern mein Pseudonym Faust beibehalten. An dem oben angegebenen Tage fand die erste Aufführung statt. Ich hatte eine unbeschreibliche Angst. Ich schlich vor dem Theaterzettel an den Straßenecken vorüber, als sei er ein Steckbrief, der mich wegen eines Mordes verfolgte. Ich hätte auch am liebsten Lobe erwürgt, weil er mich zu der Arbeit verleitet hatte, und dann mich selbst umgebracht, weil ich mich hatte verleiten lassen. Nun war es zu spät, das Stück war begangen. Das Verderben ging seinen Gang und ich den meinen. Als der Abend kam und das unglückselige Stück an das Licht der Rampe gezogen werden sollte, ging ich in das Theaterrestaurant, setzte mich an den Zigeunertisch und begann zu trinken. Schon nach einer Viertelstunde hatte ich mir so viel Muth getrunken, daß die Gäste kopfschüttelnd an mir vorübergingen. Aber nach noch einer Viertelstunde bemerkte ich keine Gäste und kein Kopfschütteln mehr, – mein Kopf sank auf den Tisch, und ich schlief ein.</p><p>Gegen halb zehn Uhr wurde ich geweckt. Ich wußte nicht, was man wollte. Man schleifte mich hinüber in's Theater, ich war von meinen Freunden gerufen worden, Lobe packte mich am Arm und zog mich am Hintergrund entlang auf die Bühne, befahl mir mit einem nicht wiederzugebenden Titel eine Verbeugung an, ich verbeugte mich, stolperte, Lobe fing <a class="pageref" name="page047">47</a> mich auf, und der Vorhang war zum Glück wieder gefallen. Erst am anderen Morgen erfuhr ich von den Meinen, was sich begeben hatte.</p><p>Das war mein erstes Erscheinen als Autor auf den weltbedeutenden Brettern. Der Einakter wurde nur ein paar Mal gegeben, das Manuscript ist verschollen, nichts ist übrig geblieben als in meinem Album ein Brief des Direktors <i>Sachse</i>, mit dem dieser die Ehre hat, mir zwei Dukaten als Honorar zu übersenden. Allen meinen Kollegen, die gleichfalls keine dramatischen Dichter sind und dennoch für die Bühne schreiben, wünsche ich einen ähnlichen Erfolg. Er heilt vortrefflich.</p><p>Erst ein Jahr später trennte ich mich von den Fleischtöpfen meiner Vaterstadt, um die Berliner Universität zu besuchen. Keiner dieser Fleischtöpfe ist mir gefolgt. Ein Versuch, aus der Herausgabe einer Sammlung meiner Erstlingsarbeiten einige Mittel zu gewinnen, scheiterte kläglich. Nicht zehn meiner Landsleute waren unvorsichtig genug, auf das Buch zu subscribiren. Enttäuscht und lebenslustig kam ich in Berlin an.</p></div><div class="chapter" id="chap004"><h3><a class="pageref" name="page048">48</a> IV.</h3><p class="initial">Wie ich es mir eigentlich möglich dachte, in Berlin ohne, oder mit geringem Mammon leben zu können, das weiß ich heute nicht mehr. Ich dachte mir, es werde schon gehen. Es ging ja auch, aber fragt mich nur nicht, wie. Mit viel Jugend und etwas Leichtsinn ist man ein Meister in der Kunst zu existiren. Nur dem Alter ist das Entbehren eine Last. Einen Mangel, der in reifen Jahren schmerzlich empfunden wird, nimmt die Jugend mit Humor auf die leichte Achsel und umgiebt ihn sogar mit einem Schimmer von Poesie. Der leichtsinnigen Jugend, oder, wenn man will, dem jugendlichen Leichtsinn wird schließlich das Entbehren zu einer Art Sport, Jugend und Leichtsinn freuen sich, wenn sie der Sorge durch irgend einen Zufall entwischt sind, oder sie sind stolz auf die Tapferkeit und die Verachtung, mit der sie derselben gegenüberstehen. Und wer sich keine Sorge macht, der hat auch keine.</p><p>Ich hatte den größten Theil meines Baarvermögens am Eisenbahnschalter in Hamburg für ein <a class="pageref" name="page049">49</a> Billet dritter Klasse – zu meiner Entschuldigung muß ich anführen, daß es damals noch keine vierte Klasse gab – verthan und nun erleichtert mit dem kleinen Rest und mit dem Auftrag, für das bekannte, gegen Uebermuth schützende Honorar, Humoresken an die »Reform« zu senden, meinen Einzug in Berlin gehalten. In der Schumannstraße fand ich eine Dachkammer bei einem Maschinenbauer, der mit Frau und Tochter die Küche und eine zweite Kammer bewohnte. Die erste Kammer, deren Mitglied ich geworden, war ein enger, mit dem ganzen Comfort der damaligen Dachwohnungen eingerichteter Raum. Das etwas hoch angebrachte Fenster warf das Tageslicht auf einen Tisch, der unter diesem Fenster auf einer Erhöhung stand, damit er von den Sonnenstrahlen gestreift werden konnte. Unter dem schrägen Dach, gegenüber einem unter dem Pseudonym »Sopha« bekannten, hartgesottenen Möbel, stand das Bett, in dessen Unterlage das Stroh nicht gespart war, und vor den Spiegel auf der Kommode, die meiner kompletten Ausstattung Raum bot, hatte mir die Wirthin eine Vase hingestellt, die mir ausdrücklich auf die Seele gebunden war, weil sie, in einer Würfelbude gewonnen, in der Familie meines Wirths als ein theures Andenken galt, das die lustigsten Erinnerungen an einen vergnügt verlebten Nachmittag zu wecken pflegte. Man hatte wohl sechs Mal gewürfelt, bis sie endlich <a class="pageref" name="page050">50</a> gewonnen worden war und unter allerlei Fährlichkeiten nach Hause getragen werden konnte. Diese Vase, die ich nur schwer hätte ersetzen können, machte mir viele Sorge, vielleicht die einzige, die mich damals beschlich, denn das kostbare Porzellangeschirr wackelte, wenn ich in der Kammer auf und ab ging, und leicht hätte es umfallen und mich in seinem Sturz in die peinlichste Geldverlegenheit hineinziehen können. Später habe ich die Vase angebunden und dadurch auch meine eigene Lage bedeutend befestigt. So viel über die Einrichtung meiner Wohnung.</p><p>Wenn ich heute durch die Schumannstraße gehe und zu dem Dachkasten hinaufblicke, mich der Zeit gerne erinnernd, da mich daselbst die Spatzen als nahen Nachbarn freundlich unterhielten, so fällt mir dabei niemals all der unbequeme Mangel ein, der mir damals den Kopf oft recht warm gemacht hat. Das kommt wohl daher, daß es besagtem Mangel doch nicht gelungen ist, einen tiefen Eindruck auf mich zu machen. Es war eine fröhliche Zeit, und diese allein hat sich im Gedächtniß frisch erhalten. Das Alter vergißt des vergangenen Frohen leicht und gedenkt nur der Sorgen, die das Leben gebracht hat, aber das Gedächtniß der Jugend ist geschmackvoller und prägt sich ausschließlich die heiteren Erlebnisse ein. Manchmal gelüstet es mich, die drei Etagen hinauf und, wenn ich ganz oben bin, noch eine <a class="pageref" name="page051">51</a> Treppe höher zu steigen und die Thür des separaten Eingangs anzuschauen, durch die ich ging und kam, Morgens mit der Mappe unter dem Arm und nicht immer in der der Saison angemessenen Garderobe, Nachts mit dem erfreulichen Bewußtsein, den Abend in einem Kreis von Lebenslust und Intelligenz verbracht zu haben, selten kommend oder gehend mit den damals so beliebten guten Groschen. Ich möchte klingeln, um eintreten und mir die Kammer einmal wieder ansehen zu können, in der ich so bedürftig und so sorgenlos gelebt habe, ich mochte versuchen, ob ich heute an diesem Tisch unter dem Fenster arbeiten, in diesem Bett unter dem schrägen Dach schlafen könnte. Aber ich klingele nicht und fürchte mich auch, einzutreten. Ich fände den Wirth nicht mehr, den wackeren Maschinenbauer, dessen Frau mir die Kammer nicht heizen konnte, wenn ich ihr nicht zwei Silbergroschen gab, für die sie etwas Holz und Torf heraufholen konnte, und der neue Wirth würde mich wohl für verrückt (gewiß nicht für einen Baldower) halten, wenn ich ein »Zimmer« besehen wollte, das nicht zu vermiethen ist. Aber der Aufstieg zu dem separaten Eingang bedeutet mir doch etwas, was ich dem Leser nicht weitläufig zu erklären brauche, und ich rathe Allen, denen das Schicksal keine Couponscheere in die Wiege gelegt, sie ihm später aber als ein nützliches Instrument in die Hand gegeben hat, <a class="pageref" name="page052">52</a> von Zeit zu Zeit vor ihre alte Wohnung zu klimmen und sie zu betrachten. Es dauert ja nur einige Minuten, aber die sind inhaltreicher und lohnender als Stunden, die wir heute im Frack und weißer Binde an den Abfütterungstafeln verbringen. Diese Treppen ohne Teppich, diese Wohnungen ohne Telephonnummern, diese kahlen Thüren, an denen die Visitenkarten mit Oblaten festgeklebt sind, sie wissen viel, sehr viel zu sagen, aber ich fürchte, man fragt nicht viel nach dieser Sprache, und man denkt garnicht daran, eine solche Wallfahrt anzutreten. Das ist unklug und undankbar.</p><p>Ich war immatrikulirt und ging mit Eifer in's Colleg, fühlte aber, daß das Seil, an dem ich flatterte, lang, doch unzerreißbar war, das Seil der Journalistik, aber immer kürzer wurde die Zeit, die ich in deren Dienst der Geschichte der Philosophie und der Philosophie der Geschichte widmete. Mein Leben, um weiter den armen Großinquisitor Schillers zu citiren, lag angefangen und beschlossen in der Journalistik heiligen Registern. In den ersten Semestern sträubte ich mich wohl dagegen, aber doch nur anstandshalber und um mein Gewissen zu beruhigen. Ich merkte nun ganz, daß die Journalistik, wenn man ihr einmal den kleinen Finger gereicht hatte, nicht nur die ganze Hand des Menschen, sondern den ganzen Menschen nimmt, daß sie diesen dann nicht wieder <a class="pageref" name="page053">53</a> losläßt und für alles, was nicht journalistisch ist, unfähig macht. Der Gefangene arbeitet dann nur für den Tag, für eine zwölfstündige Unsterblichkeit, und verliert allmälig die Fähigkeit, sich zu einer etwas dauerhafteren Arbeit zu sammeln. Journalisten, welche sich eines Tages aufzuraffen vermögen, um sich, das Joch der Redaktion abschüttelnd, ganz der Schriftstellerei, der Wissenschaft, der Bühne, dem Roman zuzuwenden, können sich eines großen Sieges freuen. Ich beneide Jeden darum, und mein einziger Trost ist, daß ich vielleicht zu nichts Anderem als zur Journalistik einiges Talent habe.</p><p>Ich lernte denn auch auf der Universität vorzugsweise solche Kommilitonen kennen, die aus der Bahn des Brodstudiums entgleisten und sich der Feder zuwendeten. Nicht immer war es der innere Drang, der zur Fahnenflucht verleitete, meist entschied die Aussicht auf das Honorar, das die Schriftstellerei, gewöhnlich allerdings in ganz geringen Dosen, den Mittellosen in Aussicht stellte, während die Fakultäten ihnen das Verhungern mit mehr oder weniger Hindernissen versprachen. Die <tt>Alma mater</tt> beherbergt in ihrem stolzen Gebäude eine große Schaar armer Söhne, die sie mit Aussichten nährt, ohne ihnen sonst etwas Eßbares bieten zu können. Ganz natürlich. Aber ebenso natürlich ist es, daß sich das lernende Proletariat nach einem nahrhafteren Unterkommen <a class="pageref" name="page054">54</a> umsieht, nach einem grünen Zweig, der auch einige Früchte trägt.</p><p>Das wahre Muster eines solchen Unbemittelten war ein Student, der sich gleich an mich anschloß. Der Name thut ja nichts zur Sache. Er hatte derart Nichts, daß man es sich kaum vorstellen kann, und er war ein sehr gebildeter und unverwüstlich heiterer Mensch. »Du bist der siebente Freund, den ich gesucht habe,« sagte er beim zweiten Seidel zu mir, und fuhr fort, als ich ihn fragte, was das zu bedeuten habe: »Ich habe selbstverständlich keine Wohnung, wenigstens keine für die wenigen Nachtstunden. Jede Nacht bringe ich auf dem Sopha eines anderen Freundes zu, und da die Woche leider sieben Nächte hat, so muß ich sieben Freunde haben, wenn ich nicht bei einem mehr als einmal wöchentlich übernachten will, was von den Philistern nicht gerne gesehen wird. Das siebente Sopha fehlt mir seit vierzehn Tagen, und ich erhebe Deines zu dieser Würde.«</p><p>Ich dankte ihm im Namen des Sophas, schilderte ihm dieses aber, um jede Enttäuschung zu verhindern, in seiner ganzen Inhumanität, worauf er sich jede Beleidigung dieses unschuldigen und ehrenwerthen Lotterdivans verbat und versprach, heute noch den ersten Schlaf auf demselben zu vollziehen. »Du mußt aber nicht etwa glauben,« so schloß er, »daß ich ganz vermögenslos bin. Ich bringe meine eigene <a class="pageref" name="page055">55</a> Zahnbürste mit und ferner ein Feuerzeug, falls Du kein solches zu der Cigarre, die Du mir geben wirst, besitzen solltest.« Als wir dann oben in der Schumannstraße lagen und einer dem anderen die Vorzüge des Sophas und des Strohsacks schilderte, wie lustig haben wir uns da in den Schlaf gelacht! Wo mag er geblieben sein, der Siebenschläfer mit dem blonden Lockenkopf! Er ging später in die weite Welt, und wer weiß, ob er jetzt ein Sopha oder so was ähnliches hat!</p><p>Bei <i>Lobe</i>, der mittlerweile nach Berlin gekommen und Mitglied und Regisseur des damaligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters geworden war, fand ich <i>Eduard Jacobson</i>, der eben als Student der Medicin seine ersten witzigen Einakter verfaßt hatte. Er ist bekanntlich ein überaus fruchtbarer Possenautor geworden und hat dadurch nach meiner festen Ueberzeugung den Menschen mehr genützt, als wenn er Arzt geworden wäre. Was er eigentlich in der Medicin gewollt hat, das habe ich ihn vergeblich gefragt. Er war für die Bühnenkomik geschaffen, seine Virtuosität, dem Leben und den Menschen eine komische Seite abzulauschen, war geradezu überraschend, und er ist heute noch in der Auffindung übermüthig lustiger Pointen und verwegen drastischer Situationen ein Meister. Auf sein Bild, das das Datum des 1. September 1860 trägt, schrieb er mir: <a class="pageref" name="page056">56</a> »<tt>Ultra</tt><i>Posse</i><tt>nemo obligatur</tt>.« Das ist bezeichnender für ihn, als irgend etwas anderes, was über ihn gesagt werden konnte.</p><p>Sein Repertoirnachbar war <i>Hermann Salingré</i>, der vielleicht einer der originellsten Erscheinungen war, welche die Bühnenliteratur aufzuweisen hat. Es fehlte ihm alles zu einem Schriftsteller, als er eines Tages ein Stück zu schreiben angefangen hatte, ohne jemals irgend etwas geschrieben zu haben. Er war die unverfälschte Naivetät. Er dachte sich nichts beim Schreiben. Mit beneidenswerther Unbefangenheit griff er zu, und was er dann für komisch hielt, das brachte er zu Papier in der festen Zuversicht, daß das auch dem Publikum komisch erschien. Eine gute Anekdote, die er gehört oder gelesen hatte, verflocht er in sein Manuscript, ohne lange zu überlegen, ob sie dahinein paßte und ob es erlaubt sei, ein Plagiat zu begehen. Das Publikum der Berliner Lokalposse war damals nicht minder naiv als er, und so paßten Beide vortrefflich zu einander. Manche seiner Possen behaupteten sich deshalb sehr lange auf den Repertoiren. Auch heute noch taucht dann und wann eine seiner Possen auf den Bühnen auf, ein unendlich harmloses, in Weißbierkreisen sich abspielendes Stück, das an der Seite mancher der heutigen blödsinnigen und unverständlich zusammengewürfelten Bühnenfabrikate nicht mehr recht munden will. Salingré war ein <a class="pageref" name="page057">57</a> überaus liebenswürdiger und gutmüthiger Mensch, der keinen Feind hatte und durch sein hilfloses und freundliches Wesen selbst die strengste Kritik entwaffnete, die ihn wie ein Kind behandelte, dem sie nicht wehthun dürfe. Er gehörte einem Typus an, der ausgestorben scheint, ich habe unter den Schriftstellern seinesgleichen nie wieder gefunden. Seine Gutmüthigkeit war auch wohl Schuld daran, daß er das kleine Vermögen, welches ihm die Bühne eingebracht hatte, rasch verlor. Dann wurde er krank und starb erblindet im Februar 1879.</p><p>Viele, die zu dem Kreis gehörten, in welchem ich lebte und der sich durch den Hinzutritt ähnlicher Berufsverfehler vergrößerte, sind verschollen: begabte junge Männer, die eines Tages wieder verschwanden und nicht geschrieben haben, ob sie gesund geblieben. Die Wenigsten haben sich der Fakultät erhalten, der sie in den ersten Wochen nach der Inskription einige Anstandsvisiten im Colleg gemacht hatten, um sich dann dort nicht wieder sehen zu lassen. Wenn ich diesen oder jenen später einmal wieder getroffen habe, so befand sich derselbe ganz gewiß in einem anderen Beruf als in dem, für welchen er sich auf der Quästur der Universität entschieden und aus welchem ihn dann entweder der leidende Zustand seines <tt>nervus rerum,</tt> oder die Unfähigkeit, auf ebner und etwas langweiliger Landstraße einem der landesüblichen Ziele zuzustreben, <a class="pageref" name="page058">58</a> gedrängt hatte. Es giebt auch im Berufsleben Bergfexe, die das Wandern im Thal vermeiden und trotz aller Absturzgefahren die unwirthlichsten Gegenden aussuchen, welche nichts als schöne Aussichten versprechen.</p><p>Ich habe allerlei Versuche gemacht, im Thal zu bleiben. Ich sage das wirklich nicht, um mich herauszustreichen. Aber der Journalist in mir litt es nicht lange, daß ich mich abschloß und mich mit Arbeiten beschäftigte, welche das <tt>Stud. phil.</tt> auf meiner Visiten karte rechtfertigten. Der besagte mir innewohnende Journalist war ein Tyrann, er sagte: <span class="tooltip" title="Hier bin ich, hier bleib' ich"><tt>J'y suis, et j'y reste,</tt></span> und ich war zu schwach, ihn zu verdrängen. Unter uns gesagt, ich hatte ihn auch zu lieb, als daß ich ihm hätte den Thron vor die Thür setzen mögen. Er sorgte auch dafür, daß sich dann und wann der Geldbriefträger in meine Sennhütte verstieg, und so ließ ich ihm denn seinen Willen und zwar trotz aller Bewunderung der Charakterstärke Anderer, die sich unter Entbehrungen und Kämpfen zum Examen durchschlugen.</p><p>Wenn es der Zufall wollte, daß wir außer dem Appetit auch Geld hatten, so aßen wir in der »Langsamen Vergiftung«. Dies war ein kleines Restaurant an der Ecke der Französischen und Friedrichstraße. Den Titel hatte es sich in studentischen Kreisen durch seine Kunst zugezogen, mit seinen Speisen die Gäste so langsam zu vergiften, daß diese es kaum spürten <a class="pageref" name="page059">59</a> und reichlich Muße hatten, sich zeitig zurückzuziehen. Es war ein kleines, niedriges und mangelhaft ventilirtes Lokal, in welchen in den Mittagsstunden kein Platz zu haben war. Hinter dem Stuhl des Speisenden stand stets ein neuer Hungriger, welcher den leerwerdenden Platz einnehmen wollte und es nicht duldete, daß derselbe eine Minute länger als nöthig besetzt blieb. Das Tischtuch gewährte am Sonnabend mit deutlichen Spuren einen erschöpfenden Ueberblick über die Leistungen der Küche in der laufenden Woche, weshalb der Sonntag ein besonders beliebter Speisetag war, weil Tischtücher und Servietten erneuert wurden. Der Preis des Couverts war 6½ Silbergroschen, die man mit einer blauen Karte bezahlte, welche 5 Silbergroschen kostete, wenn man sechs solcher Karten für einen Thaler gekauft hatte. Ein Thaler sprach sich aber leichter aus, als er sich für einen Engros-Einkauf von <i>sechs</i> Karten auftreiben ließ. Der Thaler war in unserem Kreis keine alltägliche Münze, und gewöhnlich bedurfte es unter uns eines schwierigen Börsenmanövers, um die Summe flüssig zu machen, welche nöthig war, sechs der Unsrigen mit Karten zu versehen und ihnen die Vortheile zu sichern, welche die »Langsame Vergiftung« den Inhabern gewährte. Wie schwierig es ist, aus den Beiträgen von sechs Menschen, die wenig oder nichts besitzen, einen Thaler zusammenzubringen, das ist <a class="pageref" name="page060">60</a> wohl allgemein bekannt. Wer es nicht wissen sollte, der versuche es nur einmal. Bei uns wurde diese Finanzoperation dadurch erschwert, daß Jeder baare sechs Dreier zurückhielt, welche für einen Seidel unumgänglich nöthig waren. Es kam auch vor, daß auf unerklärliche Weise Gerüchte von unter uns vorhandenen größeren Baarbeträgen verbreitet waren. Die Folge war, daß wir uns mit verhängnißvoller Zuversicht an einem Tisch gruppirten, ohne vorher den Speisethaler zusammengetröpfelt zu haben. Wenn dann bei der Suppe, gewöhnlich einer blinden Bouillon, die Frage laut wurde, wer von uns die sechs Karten kaufen werde, so stellte sich in vielen Fällen eine totale Silber-Ebbe heraus, und es ist dann vorgekommen, daß wir schon nach der Suppe das Diner beenden mußten, wenn der Kellner nicht bei Laune war und uns nicht den nöthigen Kredit bis zum nächsten Mittag eröffnete.</p></div><div class="chapter" id="chap005"><h3><a class="pageref" name="page061">61</a> V.</h3><p class="initial">Eine Treppe hoch in dem Hause, welches den rechten Seitenflügel des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters bildet, wohnte neben <i>Lobe</i> Friedrich Wilhelm <i>Held</i>, der Volkstribun der Berliner Märztage, der große Redner mit der unheilbar heiseren Stimme, einer der populärsten Lokalrevolutionäre der Märztage. Einst ein gefürchteter Agitator, der es meisterlich verstand, große Volksmassen zu enthusiasmiren, war er, während der historische achtzehnte März dem Blick der undankbaren Generation langsam zu entschwinden begann, in die bescheidene Stellung eines Journalisten zurückgetreten, der nun, in der Zeit der Reaktion, überall kleinere Reste von Mißtrauen zu beseitigen fand. Es ging ihm nicht gut, aber er ertrug seine wenig beneidenswerthe Lage mit vielem Humor. Er konnte ungemein heiter sein und war überhaupt ein harmloser Mensch, wenn er nicht die Feder in der Hand hatte. Er war so ganz ein Repräsentant dessen, was man Revolutionär genannt hatte, das Gegentheil dessen, was heute Revolutionär <a class="pageref" name="page062">62</a> heißt. Er sprach und schrieb große Worte, im Uebrigen war er ungefährlich. Es plauderte sich gut mit ihm, und ich war gern mit ihm zusammen. Von seiner Betheiligung an der Berliner Bewegung zu sprechen, vermied er, ja, er wurde sehr ungemüthlich, wenn man ihn darüber in ein Gespräch ziehen wollte. Es hatte sich so eine Art Legende über diese Betheiligung gebildet, in der die Summe, für welche Held das Volk verkauft haben sollte, in einer mehrstelligen Ziffer namhaft gemacht wurde. Diese Legende klang besonders scherzhaft, wenn man wußte, wie kümmerlich Held sich ernährte. »Um etwas zu verkaufen,« sagte er mir einmal, »muß man es doch besitzen, und ich habe das Volk wirklich nicht besessen, weil es 1848 gar kein Volk gegeben hat, und wenn eins existirt und wenn ich es besessen und Lust gehabt hätte, es zu verkaufen, so wäre kein Käufer dagewesen.« Aber eine Legende hat ein zähes Leben wie ein Räderthierchen, welches nach jahrelanger Vertrocknung ein neues Dasein beginnt. Eines Abends saß ich mit Held in »Schäfers Etablissement« in der Albrechtstraße, einem Bierlokal, das jetzt längst verschwunden ist, als ein Student an unseren Tisch herantrat, seinen Stock wüthend schwang und schrie: »Sie sind Held, der Mann, der das arme Volk verrathen und verkauft hat und den deshalb der Fluch der Geschichte trifft!« Dabei ließ er seinen Stock auf den Tisch fallen, daß <a class="pageref" name="page063">63</a> die Seidel herumhüpften. So tobte der junge Bramarbas weiter, bis Held endlich zu Worte kam und sagte: »Wenn Sie genau wissen, daß mich wegen des Verraths der Fluch der Geschichte trifft, so könnten Sie eigentlich ruhiger sein als Sie sind.« Der verblüffte Angreifer ging von dannen, und Held trank lachend sein Bier aus. Er war wohl an solche Scenen gewöhnt, und auch die übrigen Gäste schienen in der brüsken Provokation und in Helds Ablehnen nichts außergewöhnliches zu finden. Man hatte sich kaum nach der Scene umgesehen. Heute hätten sich flink zwei Parteien gebildet, und es wäre ein mächtiger Spektakel entstanden, der erst mit einem Nachspiel vor Gericht seinen Abschluß gefunden haben würde. Berlin kannte damals noch den Radau nicht, der heute den öffentlichen Verkehr oft zu einem ungemüthlichen und unleidlichen macht, indem er, je nach dem Schauplatz, in öde Wortgefechte oder in Messeraffairen ausartet. Berlin war gemüthlicher, friedlicher, unbefangener, noch keine Weltstadt, die Bevölkerung war noch ein Volk, nicht eine ungeheure Menschenmasse, die, nervös und gereizt, zu ihrer Unterhaltung besonders sich in solche Dinge mischt, die sie nichts angehen.</p><p><i>Held</i>, der das Volk verkauft haben sollte, war in ewigen Geldverlegenheiten, aus denen sich zu retten er die merkwürdigsten Versuche anstellte. So kam er einmal auf die halbtolle Idee, ein <a class="pageref" name="page064">64</a> Conversationslexikon herauszugeben, dessen einzelne Seiten zum Einwickeln von Cigarren bestimmt waren. Er schrieb also Makulatur. Was mancher andere Schriftsteller ganz unfreiwillig thut, das that er absichtlich. Er stellte den Cigarrenhändlern vor, wie ihre Kundschaft sich vergrößern und festigen würde, wenn sie zu zwei oder drei Sechsercigarren ein Paar Lexikonseiten gratis bekäme und sich auf diese Weise allmälig ein so ausgezeichnetes, bildendes und seltenes Werk zusammenrauchen könnte. Einige Cigarrenhändler waren denn auch bald für das literarische Makulaturunternehmen gewonnen, das aber kaum bis zur Hälfte des A gediehen ist. Die Raucher konnten sich doch nicht, lediglich zur Erlangung der Fortsetzungen des Lexikons, daran gewöhnen, ihre Cigarren da zu kaufen, wo das gelehrte Einwickelpapier zur Verwendung kam, und <i>Held</i> suchte alsbald etwas anderes zu entdecken, womit er seine ewigen Deficits zu decken vermochte. Erst als er Redakteur der neuen »Staatsbürger-Zeitung« wurde, kam er in halbwegs geregelte Finanzverhältnisse. Nun war er ganz Journalist, kein sehr gewissenhafter und, wenn er den Stoff zu einer Sensation unter der Feder hatte, kein sehr rücksichtsvoller, aber ein äußerst gewandter und fleißiger Zeitungsmensch. Als solcher ist er auch, mitten in seiner aufreibenden Thätigkeit, gestorben, eine der letzten Straßenfiguren der Berliner Märzrevolution.</p><p><a class="pageref" name="page065">65</a> Einen lieben Förderer fand ich in <i>Albert Hofmann</i>, dem Verleger des Kladderadatsch. Ihm verdanke ich sehr viel. Er hatte Vertrauen zu mir, er bildete mir was auf mein Können ein und war der Erste, der meinen Namen druckte und durch seinen blühenden Verlag bekannt machte. <i>Hofmann</i> war ein vortrefflicher Mensch, und Alle, die sein Andenken nicht in Ehren halten wie ich, haben ihn nicht gekannt wie ich. Denen, die er lieb gewann, war er ein treuer, ehrlicher, zuverlässiger Freund. Er war durch seine Intelligenz und seinen unermüdlichen Fleiß ein reicher Mann geworden, und wer sich wie er als Selfmadman einen großen Reichthum erwirbt, erwirbt sich zugleich eine Reihe von Neidern, unleidlichen Kreaturen, die sich mehr über den Thaler, den ein Anderer erwirbt, ärgern, als sie sich über das Goldstück freuen, das sie selbst verdienen. Viele Derjenigen, die durch <i>Hofmann's</i> Hülfe oder durch seine Unternehmungen emporkamen, erachteten es für bequemer, anstatt dies dankbar anzuerkennen, Hofmann als einen kühlen Besitzbold zu verschreien, der nichts that, als wozu er dringend verpflichtet war. Es ärgerte sie, daß er nicht täglich seinen Geldschrank in ihre Taschen leerte, weil sie sich einbildeten, daß sie allein ihm diesen Geldschrank gefüllt hatten. Das ist ja die bekannte und bewährte Art undankbarer Menschen, sich der Pflicht der Dankbarkeit zu entziehen und die <a class="pageref" name="page066">66</a> Quittung über Empfangenes auszustellen. <i>Hofmann</i> kannte diese Menschen und lachte über den Aerger, den er ihnen ohne seinen Willen bereitete, wie er über die Anekdoten lachte, die von ihnen auf seine Kosten in Umlauf gesetzt waren. Diese Anekdoten, welche sich eifrigst bemühten, Hofmann als einen Knauser darzustellen, verbreitete er lachend selbst, und die Liebenswürdigkeit seines Wesens nahm keinem der ihm bekannten Erfinder dieser albernen Späße etwas übel. Hofmann war nicht nur kein Knauser, sondern er gab mit vollen Händen, wo eine Noth zu mildern war. Niemals wandte sich ein Hilfsbedürftiger an ihn, ohne unterstützt zu werden. Dann sprach Hofmann nicht darüber. Einmal hatte ich ihn ersucht, einem Familienvater zu helfen, der mit grausamen Nahrungssorgen kämpfe. Hofmann schickte ihm eine namhafte Summe, indem er zu mir sagte: »Es bleibt aber unter uns. Wenn meine guten Freunde hören, was ich da gethan habe, sagen sie, daß ich alt und schwach werde.« Freilich konnte er auch abweisen, wenn er merkte, daß seine Güte mißbraucht werden sollte. Eines Tages kam ein virtuoser Schuldenmacher mit der Absicht zu ihm, ihn um hundert Thaler zu erleichtern. »Ich gebe es Ihnen in vierzehn Tagen wieder,« versicherte der tüchtige Unternehmer, »und ich wäre auch nicht zu Ihnen gekommen, wenn ein Geldmensch mir nicht für diese kurze <a class="pageref" name="page067">67</a> Zeit fünf Thaler Zinsen abverlangt hätte. Denken Sie sich, lieber Herr Hofmann, fünf Thaler Zinsen auf zwei Wochen für hundert Thaler! Das ist ja ein unerhörter Wucher!« Hofmann war rasch gefaßt. »Hier haben Sie die fünf Thaler,« sagte er, »geben Sie sie dem Wucherer, de ja auch leben will.« Und als er mir die Geschichte erzählte, schloß er ganz vergnügt mit den Worten: »Auf diese Weise habe ich an einem berufsmäßigen Pumper 95 Thaler verdient.« Hofmann's Humor war ein musterhafter, er war nicht leicht zu verderben und kehrte rasch wieder, wenn ihn der Ernst des Lebens und die Sorgen des Verlags vertrieben hatten. Ich habe auch niemals einen so tapferen, geschickten, aufmunternden und umgänglichen Verleger kennen lernen, wie dies Hofmann gewesen ist.</p><p>Eine der liebenswürdigsten Erscheinungen der jungen Schriftstellerwelt in den fünfziger Jahren war <i>Georg Belly</i>, welcher heute nur noch durch einige sehr originelle dramatische Kleinigkeiten, namentlich durch »Monsieur Herkules« bekannt ist. Das Genre Belly existirt nicht mehr, weder das persönliche, noch das schriftstellerische. Belly war eine durch und durch geniale Natur, seine Existenz und seine Arbeiten vermieden fast absichtlich jede Schablone. Er besaß ein kleines Vermögen, das er langsam verzehrte, und er arbeitete nur dann, wenn ihn ein Stoff, der ihm für die Bühne geeignet erschien, <a class="pageref" name="page068">68</a> besonders reizte. Und nur höchst selten reizte ihn ein Stoff. Er war ein Vagabund im besten Holtei'schen Sinn, am glücklichsten fühlte er sich im Kreise von Circusartisten, ohne welche er nicht leben konnte und die ihn wie einen Collegen schätzten. In ihrer Gesellschaft thaute er auf und verbrachte er am liebsten die Abende, die nach dem Schluß der Vorstellungen begannen und bis in den hellen Morgen hineindauerten. Wenn ich ihn suchte, fand ich ihn sicher im Kretschmer'schen Keller gegenüber dem Circus in der Friedrichstraße. Hier saß er, umgeben von Reitern und Trapezkünstlern, ließ sich deren Erlebnisse erzählen und unterhielt seinen Kreis auf das Trefflichste mit Geschichten aus dem Vagabundenleben. Er ging ganz darin auf. Es ist höchst bedauerlich, daß er nur selten zu bewegen war, etwas für die Bühne zu schreiben, auf die ihn Neigung und Beruf hinwiesen. Die Tantièmezeit war noch nicht angebrochen, welche später so viele dramatische Autoren zu großem und oft bedenklichem Fleiß anspornte, aber ich glaube, daß auch sie ihn nicht vermocht hätte, am Schreibtisch seßhaft zu werden. Er meinte, das Theater könne ohne seine Stücke ganz gut existiren, und das war ja auch richtig, aber doch gleichzeitig schlimm, denn allmälig entfernte sich der junge talentvolle Mensch so weit von der Feder, daß er den Weg zu ihr nicht zurückfand. Das Mißlingen <a class="pageref" name="page069">69</a> seines letzten größeren Volksstücks »Die Vagabunden« hatte ihm schließlich die Lust, die Feder wieder aufzusuchen, ganz genommen, und als dann die Briefe mit den fünf Siegeln seltener aus der Heimath und mit immer geringer werdendem Inhalt eintrafen, hatte er nicht mehr die Energie, sich zur Arbeit aufzuraffen. Er verbarg seine Muthlosigkeit hinter der Frage: »Bin ich ein Philister, der für's liebe Brod arbeitet?« Er konnte die Sorgen, die sich einschlichen, nicht lange ertragen, sie und das regellose Junggesellenleben machten ihn krank, und er starb in der Blüthe seiner Jahre.</p><p>Ich habe wenige Menschen im Leben kennen gelernt, die wie Belly allgemein beliebt waren. Als er anfing, Schulden zu machen, wurden seine Gläubiger seine Freunde. Das ist doch wahrlich nichts geringes. Ich glaube, daß es solche Gläubiger heute überhaupt nicht mehr giebt. Als ihm einer derselben untreu wurde und seine Forderung durch den Exekutor eintreiben ließ, ersetzte ihm der Exekutor den Freund. Der Exekutor lieh ihm Geld, statt ihn auszupfänden. Wer hat dergleichen jemals von einem Gerichtsvollzieher gehört? Eines Tages stürzte der Belly'sche Exekutor in die Töpfer'sche Frühstücksstube und bat den Wirth, ihn zu verbergen, er flüchte sich vor Belly. Die Kasse des Exekutors war erschöpft, – man denke sich einen Beamten des <a class="pageref" name="page070">70</a> Pfändungsamts, der, weil er kein Geld hat, vor einem seiner Opfer flieht! Giebt es eine merkwürdigere Kunde aus der verkehrten Welt?</p><p>Es war eine Zeit, in welcher es noch Originale gab. Die letzten allerdings. Das Individuum entwickelte sich nach Gefallen ganz frei. Heute gedeihen die Originale nicht mehr, sie verschwinden allmälig in dem Strom des ernster gewordenen öffentlichen Lebens, in welchem sie auffallen und mißverstanden würden, wenn sie zur Geltung zu kommen suchten. Ein Original war <i>Gustav Rasch</i>. Wer ihn nur aus seinen Schriften kennt, muß ihn für einen ernsten demokratischen Agitator halten, der sein Leben daran gesetzt hat, »verlassene Brüderstämme« zu befreien und zu ihren Vaterstämmen zurückzuführen. Wenn man ihn aber in der Nähe etwas genauer betrachtete, so fand man einen industriösen Schriftsteller, der die damals beginnenden Nationalitätskämpfe feuilletonistisch ausbeutete und mit Sammlungen dieser Feuilletons den Büchermarkt überschwemmte. Er befreite <tt>en gros</tt> und <tt>en détail</tt> die Völker am Schreibtisch und fand immer Zeitungen, die ihm seine Artikel gegen mäßiges Honorar abnahmen. Dabei schrieb er sich in eine höchst grimmige Aufregung hinein und zitterte bei dem Gedanken, daß ihm durch den Sieg eines um seine Selbständigkeit kämpfenden Volks ein schöner Stoff verloren gehen könnte. So schlachtete er <a class="pageref" name="page071">71</a> Italien, Schleswig-Holstein, Montenegro und eine Reihe anderer Länder und Völker aus, immer mit kühn geschwungenen Phrasen gegen die Tyrannen wüthend und das Gewissen der Welt aus dem bleiernen Schlaf schreiend, daß es schier entsetzlich anzuhören war. Wußte er irgendwo eine brennende Frage, so eilte er mit dem Eifer einer rettenden Feuerwehr an den Heerd des Brandes, hielt sich daselbst etliche Tage auf und erzählte dann dem Publikum ein halbes Jahr lang oder länger von dem Elend, das er schaudernd entdeckt, von den Thränen, die er fließen gesehen, von den staatsmännischen Unterredungen, die er gehabt, von den Gewaltthaten der Unterdrücker, die ihm das unglückliche Volk verzweifelnd geschildert hatte. Zu diesem Zwecke war er in irgend einer Stadt dieses zu rettenden Landes gewesen, hatte daselbst ganz behäbig in einem Hôtel gewohnt und sich von zufälligen oder alten Bekannten allerlei erzählen lassen, was sich auf die politische Lage bezog. Jede Einzelnheit schlug er dann mit seiner ihn nie im Stich lassenden Phantasie so breit, daß sie den Raum eines größeren Feuilletons völlig ausfüllte. Das harmloseste Ereigniß, der gleichgültigste Vorfall wurde unter seiner Feder zu erschütternden Ungesetzlichkeiten und Vergewaltigungen, welche das sofortige Eingreifen aller civilisirten Welttheile dringend forderten. Immer war er unerbittlich in seinen Anklagen, <a class="pageref" name="page072">72</a> unerschütterlich in seinen blutigen Forderungen, unbeugsam in seinem Verdammen, einerlei, ob er über Schleswig-Holstein oder über Italien schrieb. Er befreite die Völker ohne Ausnahme, Kosaken und Römer lagen seinem Herzen gleich nahe, jene und diese waren Bruderstamm, sobald aus ihnen eine Reihe von Feuilletons herauszuschlagen war, wenigstens genug, daß sich nachher noch bequem ein Buch mit sensationellem Titel daraus machen ließ. Es genirte Rasch auch durchaus nicht, daß er nicht ernst genommen wurde, obschon er es im Interesse des Absatzes seiner Artikel gern sah, wenn er dann und wann mit dem Preßgesetz in Conflikt gerieth. War dies geschehen, so theilte er es seinen vielen Freunden und Bekannten, denen ein Journal zur Verfügung stand, sofort brieflich mit, damit diese mit einer Notiz für eine nützliche Reklame sorgten. Ich besitze ein starkes Packet Briefe von ihm, deren jeder irgend eine Mittheilung enthält, die für das Publikum überaus interessant war und deshalb die weiteste Verbreitung verdiente. Rasch war ein überaus praktischer Mann. Vor Allem hielt er es für vortheilhaft, als Demokrat zu gelten. Immer und überall betonte er seine innere Guillotine. »Nieder mit den Tyrannen!« rief er, statt friedlich Guten Tag oder Adieu zu sagen. »Frei bis zur Adria und frei bis zur Königsau!« schrieb er am 1. October 1861 in <a class="pageref" name="page073">73</a> mein Album. Ein Buch unter den Titel »Vom schwarzen Berge« widmete er: »Seiner Hoheit dem Fürsten des freien Montenegro und der Brda, Nicolaus dem Ersten Petrowitsch-Niegosch, dem Erleuchter seines Stammes, dem ersten Ritter des schwarzen Berges, dem Repräsentanten eines fünfhundertjährigen immer siegreichen Kampfes gegen die asiatischen Barbaren in Europa.« Das Jahr 1866 wollte er um keinen Preis anerkennen. Briefe an mich, während ich in der Koniggrätzerstraße wohnte, adressirte er daher stets nach der Hirschelstraße, – so war der einstige Name jener Straße. <i>Gustav Rasch</i> war komisch auch in der Erscheinung dadurch, daß er einen verblüffend hohen, sehr schmal geränderten Hut trug, von dem erzählt wurde, er sei vor vierzig Jahren Mode gewesen und sei die Gefängnißarbeit eines ergrauten Verbrechers. Befreite Rasch aber zufällig keinen Bruderstamm, – er war selten in solcher Lage, – so konnte er übrigens sehr unterhaltend sein, und es war dann leicht, ihn in irgend einen übermüthigen Spaß zu verwickeln. Aber auch dann bewahrte er eine gewisse Haltung, wie sie sich für einen unbeugsamen Bruderstammbefreier und Tyrannenstürzer besonders eignet.</p></div><div class="chapter" id="chap006"><h3><a class="pageref" name="page074">74</a> VI.</h3><p class="initial">Die junge literarische Welt schaarte sich um <i>Julius Rodenberg</i>, der eben den Staub des juristischen Studiums und Examens von den Schuhen geschüttelt und mit seinen ersten belletristischen Werken die freundlichste Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. In seiner Gesellschaft fanden wir, was wir brauchten: einen anregenden und heiteren Kreis, in welchem er selbst der Anregendste und Heiterste war, während er uns zum Arbeiten ermunterte und als ein geistvoller, rüstig schaffender und vorwärtsstrebender Schriftsteller durch sein Beispiel fördernd wirkte. Und das geschah nicht etwa in lehrhafter, sondern in liebenswürdigst munterer Weise, wie es im Wesen Rodenbergs liegt, das, wie auch heute noch, der anmuthigste Humor ist. Bei ihm lernten wir auch den feingeistigen <i>Karl Frenzel</i> kennen, vor dessen reifem Urtheil und großen Kenntnissen wir einen gewaltigen Respekt hatten, und der uns durch seine Reife und Ruhe – ich spreche von dem kaum dreißigjährigen Frenzel – imponirte. Frenzel hat <a class="pageref" name="page075">75</a> sich nicht verändert, trotzdem er nun ein Sechsziger ist, er ist dieselbe vornehme Erscheinung in der Literatur und im Leben geblieben, vornehm auch im Ton seiner Kritik. Es ist nicht erfreulich, daß Frenzel als Kritiker keine Schule gemacht hat. Welch ein wüster Lärm schallt heute aus den Kritikräumen der Zeitungen hervor! Es herrscht da auch wirklich Mord und Todschlag. Die Autoren werden nicht beurtheilt, sondern mißhandelt, ihre Stücke nicht kritisirt, sondern zerschlagen. Manche Kritik hat heute nicht mehr das Bestreben, im Interesse der Kunst die Produktion zu fördern, sondern scheint es als ihre Aufgabe zu betrachten, die dramatischen Autoren persönlich zu kränken und jeder neuen Erscheinung das Leben zu erschweren. Unter dieser Freude am Zerstören leiden Theater und Produktion. Als Frenzel in die Kritik eintrat, war die Kritik etwas anderes, als was heute unter diesem Pseudonym gehauen und gestochen wird. Sie war scharf, aber nicht verletzend, sie suchte zu belehren, anstatt, wie es jetzt geschieht, sich einzubilden, Durchbläuen sei Belehrung, sie wurde von Fachmännern ausgeübt, die durch ernstes Studium befähigt waren, anstatt dem Zufall, daß eine Redaktion Recensionen braucht und dieselben von irgend einem sich Meldenden liefern läßt, preisgegeben zu sein. Die Kritik stand oft genug dem Urtheil des Publikums schroff gegenüber, heute bietet sie dem Publikum, um es gut <a class="pageref" name="page076">76</a> zu unterhalten, auf Kosten der Autoren die ihm zusagende pikante Kost persönlicher Malice und rücksichtsloser Verhöhnung. Die meisten Kritiker gehen nach der Vorstellung in die Druckerei, um daselbst in nächtlicher Stunde über ein neues Werk herzufallen und es mehr oder weniger arg zuzurichten, – am anderen Morgen findet das Publikum regelmäßig eine lebensgefährlich verwundete oder getödtete Novität unter dem Feuilletonstrich seines Leibblatts.</p><p>Aber nicht nur der Ton der Kritik war früher ein besserer und würdigerer, auch der Verkehr innerhalb der literarischen Welt kannte die Gehässigkeit, das Parteitreiben, das Cliquenwesen, den Mangel an Kollegialität, kurz, all die traurigen Erscheinungen nicht, die heute den literarischen Verkehr bis zur Unerträglichkeit erschweren. Man lebte noch kameradschaftlich.</p><p>Der hundertste Geburtstag Schillers, am 10. November 1859, wurde in unserem Kreise sehr lustig, aber darum nicht minder würdig gefeiert. Man kannte die unverständliche Solennität, mit welcher heute ein solcher Gedenktag unter erschwerenden Umständen in Scene gesetzt zu werden pflegt, noch nicht. Alles war einfacher, ich möchte sagen: genialer und darum gemüthlicher. Kein vielköpfiges Comité war, wie dies heute geschieht, nach schwierigen Debatten eingesetzt und das Portemonnaie der Theilnehmer <a class="pageref" name="page077">77</a> durchaus nicht beunruhigt worden. Ein Commers vereinigte uns, welcher die etwas schwerfällige Würde der Ehrenpräsidentschaft nicht kannte und für sehr gehaltvolle und bekanntlich noch mehr störende Festreden keinen Raum bot. Der Frack war ausgeschlossen, weil er in unserem Kreis nicht existirte. Er wurde auch nicht vermißt, der liebe Frack, ja, es hatte Niemand an ihn gedacht, weil man ihn nicht brauchte, wenn man einen großen Namen feiern wollte. Wir – Damen und Herren – fanden uns in Schmelzer's Hôtel in der Französischen Straße, das eine berühmte Künstlerherberge war, zusammen, und verlebten einen übermüthig lustigen Abend, welcher andauerte, bis die Hähne die erste Mahnung an den Heimweg laut werden ließen.</p><p>Man muß aber nicht glauben, daß es unserm Commers an Feierlichkeit fehlte. Es wurde dieser nur nicht gestattet, sich ungebührlich breit zu machen, wie dies zum Verderben sogenannter Festtafeln zu geschehen pflegt. Das vor mir liegende Programm, welches das Motto: <tt>»Vivis voco! Absentes plango! Bouteilles frango! (non franco!)«</tt> trägt, erinnert mich daran, daß Fräulein <i>Albertine Meyer</i> die Schubert'sche Composition des Schiller'schen Gedichts »Des Mädchens Klage«, und ein Student, Namens <i>Kaempffer</i>, Schiller's »An's Vaterland, an's theure, schließ' Dich an« sang, »für diesen Abend <a class="pageref" name="page078">78</a> componirt von <i>Alexis Hollaender</i>,« der, noch Student, unserm Kreise angehörte, sich bereits der Musik gewidmet hatte und heute der geschätzte Leiter des Berliner Cäcilienvereins ist. Für den Schluß der »Tafel« aber hatte <i>Rodenberg</i> eine besonders freudige Ueberraschung aufgespart: er verlas einen »Festgruß aus London« von <i>Freiligrath</i>, den der geliebte Dichter für unseren Commers gedichtet hatte. Welche Begeisterung entfesselte der Name <i>Freiligrath!</i> Was derselbe für die damalige Jugend, namentlich für Studenten, bedeutete, läßt sich heute kaum noch schildern, heute, wo ja die Mehrzahl der Studenten die traurigste Streberpolitik treibt und in <i>Freiligrath</i> den für die Freiheit erglühenden Dichter als vaterlandsfeindlich denuncirt.</p><p>Das Programm kündigte für die zweite Abtheilung die Aufführung von: »Schiller im rothen Ochsen. Gelegenheits-Humoreske in einem Act« an, von mir verfaßt. In dem Personenverzeichniß stand: »<i>Friedrich Schiller</i>, Regiments-Medicus . . Herr Helmerding.« Eine größere Naivetät ist kaum denkbar. Ich hatte die Rolle des <i>Schiller</i> für den damals auf der Höhe seiner Popularität angelangten und in seiner Komik nie wieder erreichten <i>Helmerding</i> bestimmt, weil derselbe gleichfalls unserem Kreise angehörte und mir kein anderer Darsteller zur Verfügung stand! Man sieht, daß ich dann und wann <a class="pageref" name="page079">79</a> immer noch das Bedürfniß hatte, klar darzuthun, daß ich für die Bühne nichts leisten konnte. <i>Helmerding</i>, als der Klügere, hatte nachgegeben und die Rolle übernommen. Im entscheidenden Momente aber war er der Klügste und erklärte in der liebenswürdigsten Form, um keinen Preis den Schiller spielen und das Andenken unseres Dichterheros trüben zu wollen. Die Art, in der er dies der Gesellschaft auseinandersetzte, entschädigte diese reichlich für den Ausfall des dramatischen Genusses. Man lachte und verzichtete freudig auf mein Festspiel, von dem mir auch nichts als dieser freudige Verzicht im Gedächtniß geblieben ist. Das Manuscript ist längst in den Fidibus verschollen und nur das Personenverzeichniß aus dem Festprogramm erhalten, auch wohl nur in diesem einzigen Exemplar.</p><p>Ein sehr unstätes Mitglied unseres Kreises war <i>Hans Wachenhusen</i>. Sein Wandertrieb duldete ihn niemals lange an einem Ort. Wenn man ihn traf, so hatte er eben eine weite Reise zurückgelegt, oder er war reisefertig, weil irgendwo ein Krieg ausgebrochen, oder ihm ein Punkt der Erdkugel eingefallen war, den er noch nicht kannte. Er war in der Fremde zu Hause. Hatte er sich eine Woche lang in Berlin aufgehalten, so jammerte er, er roste ein. Eine kleinere Reise betrachtete er wie den Gang in eine benachbarte Straße. Seine Wohnung glich mehr einem Zelt. Da ging er ruhelos auf und ab, <a class="pageref" name="page080">80</a> einen Fez auf seinem energischen, nach morgenländischem Muster zugeschnittenen Gesicht, das sein ewiges Wandern so umgewandelt hatte. Seine gesammte schriftstellerische Thätigkeit war das Verarbeiten dessen, was er auf seinen Reisen gesehen und in seinem enormen Gedächtniß aufgespeichert hatte. Auch seine vielen Romane sind erreist. Strapazen der Reise kannte er nicht, nur das Bleiben an einem Ort war ihm eine Strapaze. Es ist mir immer merkwürdig gewesen, daß er, ein Mensch, der die zweibeinige Ruhelosigkeit darstellte, eines Tages sich ein Haus bauen konnte, um sich darin niederzulassen. Dieses Wunder geschah in Wiesbaden. Freilich hat ihn auch hier jeder Krieg vom Schreibtisch fortgelockt. Er war das Muster eines Kriegscorrespondenten. Als solcher konnte er schreiben, wo er nur halbwegs kugelsicher war, unter den erschwerendsten Umständen. Wenn es nicht anders ging, war ihm auch die Trommel ein ganz bequemes Pult, wenn er nur Papier und Bleistift hatte. Als ich ihn in Berlin kennen lernte, wußte er schon in der Wüste, in der Krim und in der Türkei besser Bescheid, als im Berliner Thiergarten. Prächtig wußte er zu erzählen, kurzweilig und heiter, den unbequemsten, gefährlichsten Situationen, in denen er sich befunden, eine komische Seite abgewinnend. Er sprach vom Krimkriege, dem er als Correspondent beigewohnt hatte, wie von einer amüsanten Landpartie.</p><p><a class="pageref" name="page081">81</a> Eines schönen Sommertages fand in Berlin eine Ballonfahrt statt. Natürlich war <i>Wachenhusen</i> der einzige Passagier. Eine Luftreise hatte er noch nicht gemacht. Ich sah das gefährliche Fahrzeug aufsteigen, das sich rasch erhob. Als es hoch oben schwamm, hatte sich <i>Wachenhusen</i> in der Gondel aufgestellt, und nun schwenkte er, muthig grüßend, eine Fahne. »Er winkt, er will wieder runter!« rief eine Stimme aus der Zuschauermenge, die damals wie heute recht respektwidrig sein konnte, wenn sich die Gelegenheit zu einem schlechten Spaß bot. Am Abend verbreitete sich das Gerücht, der Ballon habe seine ganz glückliche Fahrt mit einer höchst unglücklichen Landung beendet. <i>Wachenhusen</i> war bei dieser Gelegenheit arg geschunden worden und lag nun in seiner Wohnung krank darnieder. Ich ging zu ihm und fand ihn in der besten Laune, als habe er die angenehmste Reise hinter sich und schwelge nun in Erinnerungen. Er schilderte mir die Reize einer Luftfahrt, daß es mich eiskalt überlief, und ich beschloß, niemals eine solche zu unternehmen. Er aber hätte der Fahrt gewiß keine angenehme Seite abgewinnen können, wenn sie glatt verlaufen wäre. Vergnügungstouren waren und sind wohl auch noch heute nicht <i>Wachenhusens</i> Liebhaberei. Ich glaube, daß er eine Eisenbahnfahrt, die ohne Entgleisung abläuft, für eine Art Eisenbahnunfall hält.</p><p><a class="pageref" name="page082">82</a><i> Kalisch</i>, <i>Pohl</i> und <i>Weirauch</i> versorgten damals die Bühnen mit Berliner Gesangspossen, welche ein großes Publikum hatten und ein Genre bildeten, das heute absolut unmöglich ist. Diese dramatischen Werke schilderten ein Volk, das nicht existirte. Unmögliche Figuren traten auf, waren mehr oder weniger witzig, sangen politische Couplets und bildeten ein Stück, das Tantièmen brachte. Das war alles. Die Autoren hatten nicht den Ehrgeiz, Aristophanesse zu sein, sondern waren praktische Männer, welche für Komiker und Soubretten Rollen schrieben, und das überaus anspruchs- und harmlose Publikum war ganz befriedigt, wenn die vor ihm auftretenden Hausknechte, Pantoffelhelden, Hausbesitzer, Maschinenbauer und Köchinnen die deutsche Uneinigkeit und die Regierungen mit Refrains bombardirten. Auf Menschen von Fleisch und Blut und wirklichem Leben verzichtete es, wenn nur dann und wann ein guter Kalauer oder eine ansprechende Melodie hörbar wurde. Solchen geringen Ansprüchen gegenüber hielten sich die Autoren auch für zu vornehm, sich mit der niedrigen Arbeit des Erfindens zu befassen. Sie nahmen Pariser und Wiener Stücke, übersetzten sie in's Berlinische, gaben ihnen mit großer Sicherheit den Namen Lokalposse und ließen sie dann laufen.</p><p><i>David Kalisch</i> war der Originellste und Geistreichste. Er hatte dem Kladderadatsch Leben, Gestalt <a class="pageref" name="page083">83</a> und Namen gegeben und das, was wir uns unter diesem politischen Witzblatt denken, wenn wir es citiren, ist es durch Kalisch's Beiträge geworden. Auf dem Felde der politischen Satire und der Travestie der gesellschaftlichen Unsitte arbeitete Kalisch mit scharfem, unerschöpflichem Witz. Das war seine Domäne, sein eigentliches Jagdrevier. Hier hatte er seine besten Einfälle, hier fand er für dieselben den graziösesten Ausdruck. Er war trotzdem ein stiller, bescheidener, ängstlicher Mann, der seine Einfälle mit einer Sorgfalt niederschrieb, als hinge die Unsterblichkeit von deren Wortlaut ab. Wenn ich ihn in seinem Arbeitszimmer aufsuchte, so war es mir immer, als befände ich mich in der Werkstatt eines Gelehrten, der ein weltbewegendes wissenschaftliches Werk ausbrütete. Die Wände des großen Raumes waren mit Büchern in allen Formen bedeckt, die hier ein ganz ungestörtes Dasein verbrachten und eine Dekoration bildeten, deren Harmonie niemals dadurch beunruhigt wurde, daß der Besitzer eines der Bücher herausnahm. Obschon Kalisch wenig schrieb, – seine Mittel erlaubten ihm das, und er erlaubte es seinen Mitteln niemals, sich durch eine Extraarbeit zu vermehren, – fand man ihn doch immer thätig. Er baute auf einer Pointe einige Zeilen auf, und dann nahm er ein anderes Stück Papier und verbesserte das Bauwerkchen und immer <a class="pageref" name="page084">84</a> wieder auf's Neue, bis es ganz rund und glatt dastand. Alle diese Zettel und Zettelchen wurden dann aufbewahrt. Sie füllten mit Zeitungsausschnitten und anderen papierenen Fragmenten einen nicht kleinen Schrank. Als ich eine lange Reihe Jahre später von der Familie des 1871 Verstorbenen aufgefordert wurde, dessen literarischen Nachlaß zu ordnen und mich beeilte, der ehrenvollen Einladung in der Hoffnung, mindestens einen Band mit bisher ungedruckten lustigen Funden füllen zu können, Folge zu leisten, fand ich nichts als jene mit den zierlichen Schriftzügen Kalisch's bedeckten Oktavblättchen und sehr viele Zeitungsausschnitte, welche längst für sein Blatt und seine Stücke verwendet worden waren. Alles, was er seit 1848 geschrieben hatte, selbst die Variationen der kleinsten Artikel für seinen Kladderadatsch und der Dialoge und Coupletverse seiner Possen lagen da sauber geordnet, – sein populär gewordenes Soubrettenlied »Röschen hatte einen Piepmatz« war in mindestens zehn Lesarten conservirt. Viel Papier und keine Ausbeute. Der ganze literarische Nachlaß bildete ein charakteristisches Bild der Art, wie <i>Kalisch</i> producirt hatte.</p><p><i>August Weirauch</i>, zugleich Komiker, lebte wie Kalisch zurückgezogen. Er schrieb einen gemüthlichen Humor und war in der Unterhaltung wenig kurzweilig. Das Wenige, was ihm einfiel, brauchte er <a class="pageref" name="page085">85</a> für seine sogenannten Volksstücke. Die Briefe, die ich von ihm habe, lassen nichts von seinem Fach merken. Er war ein fleißiger Mensch und etwas mehr als ein halber Philister. Er war wie eine Figur aus einem seiner Stücke.</p><p><i>Emil Pohl</i> war jünger, als seine beiden Possenkollegen, lebte mehr und wußte ungemein lustig zu plaudern. Ich habe viele heitere Stunden mit ihm verlebt, und seine von seiner anmuthigen Gattin Doris geleitete Häuslichkeit übte eine große Anziehungskraft auf uns aus. <i>Pohl</i> hat sich später mit Erfolg von der Possenschablone losgemacht und manche selbständige Arbeit geliefert, welche bezeugt, daß er auch ein achtbares Lustspieltalent besaß. Dann ergriff ihn die Lust, Theaterdirektor zu werden, und er ließ nichts mehr von sich hören. Nur hervorragend begabte und produktive Schriftsteller, wie L'Arronge, Wilbrandt und Blumenthal, haben es vermocht, als Bühnenleiter ihrer schaffenden Feder treu zu bleiben.</p></div><div class="chapter" id="chap007"><h3><a class="pageref" name="page086">86</a> VII.</h3><p class="initial">Von <i>Kossak</i> habe ich bereits gesprochen. Er war damals der Alleinherrscher des Feuilletons. Die geistvolle Schärfe, welche er seinen Theaterkritiken anzuschleifen verstand, bildete den Schrecken der Bühnenangehörigen und eine Delikatesse für das Publikum. Aber seine Schärfe entstand aus dem Interesse für die Kunst, er wollte durch sie die Gebrechen kuriren, an denen das Theater litt, nicht etwa seinen Lesern eine kleine Schadenfreude bereiten. Seine »Montagspost« war daher eine Lieblingslektüre Berlins, einzig in ihrer Art. Das Publikum hatte damals sein eigenes Urtheil und las die Kritik nur, um dasselbe bestätigt zu sehen, oder es nach dem eines bewährten Kunstkenners reguliren zu können, dann aber auch, um zu lesen, was ein Kritiker mit Kenntniß, Geist und Geschmack zu sagen wußte. Heut liest das Publikum Kritiken, um zu erfahren, ob es sich gestern im Theater unterhalten oder gelangweilt habe, oder um sich an der Niedermetzelung des Stücks <a class="pageref" name="page087">87</a> und der Darstellung unbarmherzig zu weiden. Als <i>Kossak</i> schrieb, hatte die Kritik noch einen wirklichen Einfluß auf das Kunstleben, den sie heute schon wegen des Dampfbetriebs, mit der sie arbeitet, nicht haben kann. Die Tagesblätter beeilten sich noch nicht so wie heute, die Kritik kannte die Nachtarbeit noch nicht, und sie galt noch nicht für eine leichte Aufgabe, die sich zwischen dem Schluß der Vorstellung und dem Abendessen in aller Eile erledigen ließ. <i>Kossak</i> war auch ein vortrefflicher Menschenschilderer. In wenigen Zeilen zeichnete er eine ganze Figur, und so scharf wußte er zu charakterisiren, daß der Leser sie lebendig vor sich sah. Er war ein stiller, aber überaus geistvoller Gesellschafter und wegen seiner Welt- und Menschenkenntniß geschätzt. Wenn man sein Urtheil herausforderte, war er von rücksichtsloser Offenheit. Ich hatte eine Parodie in drei Gesängen »Lohengrin« verfaßt, die bei <i>Hofmann</i> erschienen war, und an <i>Kossak</i> war ein Exemplar mit der bekannten Bitte um freundliche Beachtung gelangt. Als ich ihn dann bald darauf bei <i>Wilhelm Scholz</i> traf, sagte er zu mir: »Ich habe Ihre Humoreske erhalten und danke Ihnen herzlich. Aber seien Sie unbesorgt, junger Mann, ich schreibe nichts darüber.« Angenehm nachsichtige Kritik! Und ich hatte geglaubt, etwas Beachtenswerthes verfaßt zu haben. Erst später sah ich ein, daß ich allen Grund hatte, <i>Kossak</i> dankbar zu sein.</p><p><a class="pageref" name="page088">88</a> Daß meine Freunde und ich einen Verein gründeten, ist wohl selbstverständlich. Wann hätten sich jemals etliche junge Männer zusammengefunden, ohne daß eines Tages die Legion von bereits vorhandenen Vereinen um einen unter irgend einem unpassenden Namen vermehrt worden wäre? Zumal junge Männer, die, wie wir, einem gleichen Beruf angehörten und sich mit derselben Mühe und gleichem Humor durch den Tag schlugen. Unser Verein hieß: Die Wüste. Ich muß uns zu unserer Ehre nachsagen, daß bei der Gründung nicht einmal der Gedanke an eine Vereinskasse und an einen Geldbeitrag auftauchte. Wer davon gesprochen hätte, wäre für wahnsinnig gehalten worden. Weshalb wir den Verein »die Wüste« nannten, ist niemals festgestellt worden, es hat sich auch keiner die Mühe gegeben, darüber nachzudenken. Wir kamen Abends in irgend einem Bierhaus, in welchem uns ein Zimmer eingeräumt war, zusammen, improvisirten einen Commers, rauchten feindselige Cigarren, sangen Lieder, welche wir nach bekannten und nicht leicht zu ruinirenden Melodien selbst verfaßt hatten, und lasen uns unsere neueste Prosa und Poesie vor. Das war lauter originelles Zeug, übermüthige Parodie, idealer Spaß. Unter den damaligen jungen Männern kannte man den Pessimismus der heutigen so wenig wie die Sucht, durch angeschminkte Weltverachtung zu einem Namen und zu einem <a class="pageref" name="page089">89</a> Honorar zu kommen. Wir verleugneten die Jugend nicht. Der Ibsenismus war noch nicht erfunden. Wir freuten uns des Lebens, auch wenn das Lämpchen nicht glühte. Wir alle hatten unser schweres Päckchen Sorge zu tragen, aber Abends legten wir es unter Absingung von Schelmenliedern ab, johlten und tranken uns neuen Muth zu und hatten weder Lust, noch den Ehrgeiz, die Gesellschaftsordnung erst umzustürzen und dann von Grund auf neu zu errichten, wie die Phrase der heutigen Jugend lautet. Wir gossen ja auch unsere Satire über die Gebrechen der Zeit, aber die Gesellschaftsordnung besteht heute noch, und wir bildeten uns auch nicht ein, daß wir berufen waren, sie vom Erdboden zu rasiren. Dazu waren wir trotz unseres Leichtsinns zu vernünftig und zu bescheiden. Wohin unsere prosaischen und poetischen Manuskripte gerathen sind, das kann ich nicht sagen. Wir bildeten uns nämlich auch nicht ein, daß das Niedergeschriebene in einem Archiv aufbewahrt zu werden verdiente. Und doch haben wir später wohl nichts Besseres zu Stande gebracht, nichts, was so ursprünglich erdacht und niedergeschrieben worden ist. Es ist eigentlich bedauerlich, daß man mit dem in jungen Jahren Verfaßten so unverantwortlich gleichgültig verfährt, eben weil alles das nicht das Resultat angestrengten Producirens, sondern vom Moment eingegeben, genial hingeworfen und <a class="pageref" name="page090">90</a> darum unmittelbar und frisch, nichts Conventionelles ist.</p><p>Einem der vielen Lieder, die ich für unsern Kreis verfaßte und von denen sich nur zwei oder drei wie durch ein Wunder erhalten haben, verdanke ich eine ganz lustige Scene, die ich nach vielen Jahren erlebt habe. Sie ist ein Beweis dafür, wie leicht uns die Autorschaft in den Verdacht bringt, anstatt des Autors ein Plagiator zu sein, wenn man in die Jahre kommt und schon frühzeitig allerlei producirte, was sich damals in einigen guten Gedächtnissen festgesetzt hat.</p><p>Wir tranken einen Freund und prächtigen Kerl, einen Gerichtsassessor, von Berlin fort. Es war eine schwere Sitzung. Wir hatten den Scheidenden sehr lieb, und als wir längst schon zu viel getrunken hatten, fand sich immer noch eine neue Flasche, von welcher ganz bestimmt behauptet wurde, daß sie auf das Wohl des Freundes zu leeren sei. Wir tranken und sangen. Da stimmte ein Anwesender das Lied an, von dem ich eben gesprochen habe. Es war ein unverantwortlich keckes, das nur zu einer letzten Flasche von Männern gesungen werden konnte. Ich erschrak fast, denn ich hatte es längst vergessen, und wünschte, daß es auch von Andern vergessen sei. Aber als es unter lautem Gelächter zu Ende gesungen war, wies der Sänger, vielleicht um jede Verantwortung von sich <a class="pageref" name="page091">91</a> abzuwälzen, auf mich als den Autor hin. Ich konnte die Autorschaft nicht bestreiten, sondern nahm das Hurrah der Zechgenossen dankbar entgegen. Kaum war ich so eitel auf meine Paternität gewesen, der nachzuforschen auch speciell bei nicht zu veröffentlichenden Liedern verboten sein sollte, als ein grauköpfiger Major in Civil, der neben mir saß, mir in's Ohr sagte: »Das müssen Sie nicht thun!« Er sah dabei überaus väterlich streng aus.</p><p>»Was muß ich nicht thun?« fragte ich ihn neugierig.</p><p>»Das werden Sie doch wohl selber wissen«, antwortete er etwas strenger.</p><p>»Aber wenn ich es nicht selber weiß?« sagte ich ein wenig gelangweilt.</p><p>»Nun denn, mein Freund, das müssen Sie nicht thun, Sie dürfen nicht sagen, daß das Lied, welches wir eben gesungen haben, von Ihnen sei.«</p><p>»Es ist aber von mir. Ich thue mir nichts darauf zu gut, im Gegentheil, aber wenn mir die Verfasserschaft auf den Kopf zugesagt wird, dann muß ich sie doch der Wahrheit gemäß eingestehen.«</p><p>»Das Lied soll von Ihnen sein? Ich kenne es ja schon ein Vierteljahrhundert, und Sie sehen mir gar nicht so alt aus, daß Sie es verfaßt haben könnten. Das müssen Sie nicht thun!«</p><p><a class="pageref" name="page092">92</a> »Ich danke Ihnen für das Compliment, Herr Major, aber Sie kennen das Lied keinenfalls länger, als seit seiner Entstehung, die es leider mir zu verdanken hat.«</p><p>Aber mein edler Warner war nicht zu beruhigen. Er sagte: »Bedenken Sie, was Ihnen passiren kann, wenn zufälligerweise der richtige Verfasser entdeckt würde, oder gar bei einer Gelegenheit wie der heutigen anwesend wäre!«</p><p>Dabei lächelte er etwas verletzend mitleidig und trank. Dann sagte er wieder: »Das müssen Sie nicht thun!« Und das wiederholte er im Laufe der Nacht noch etliche Male in Worten und Blicken, und als wir uns endlich trennten, bat er mich nochmals, es nicht wieder zu thun. Er ist, und wenn er noch lebt, bis auf den heutigen Tag fest davon überzeugt geblieben, daß ich ein kecker Plagiator sei.</p><p>Manchmal, wie ich versichern kann, wurde mir vor meiner Nichtsähnlichkeit bange. Dann verurtheilte ich mich zum Stubenarrest, beugte mich über Kant und Hegel und zwang mich, in dieser Stellung zu verbleiben und meine Ohren den Lockungen der Feder zu verschließen, die an das Produciren gewohnt war. Oder ich ging in's Colleg, Trendelenburg, Michelet, Ranke und Andere zu hören, die mir auch auf meinem Bogen das bekannte Zeugniß fleißigsten Besuchs ausgestellt haben. Nach Unverdienst, denn ich hatte mich <a class="pageref" name="page093">93</a> nur selten sehen lassen. Ich habe dies oft redlich bedauert, sogar, wenn dies auch etwas sentimental klingen mag, unter Thränen. Aber das alles half nichts, ich hielt doch das Produciren für mehr, als alle Weisheit dieser Welt, und griff wieder zur Feder. Das wird nur der mit vorwurfsvollem Kopfschütteln hören, der die Kraft der Feder, dieser metallenen Sirene, nicht kennt, oder nicht an sich hat erproben gefühlt. Sie hatte auch leichtes Spiel, sie brauchte mich nicht etwa mit großen Honoraren und glänzenden Aussichten zu bestechen. Was sie mir brachte, reichte kaum hin, die bescheidenen Ansprüche meiner Dachstube und der »Langsamen Vergiftung« zu befriedigen, aber ich glaube, daß ich ihr auch treu geblieben wäre, wenn mir das edlere, stolzere und schönere Weib, meine Fakultät, ein Riesengebirge von goldenen Bergen versprochen hätte. Gegen die Feder giebt es keinen Widerstand.</p><p>Vielleicht überschätzte ich damals und überschätze ich noch heute die Macht der Feder, und es ist nur meine Schwäche für sie, welche ihr den Sieg leicht gemacht. Aber wenn ich mich auch zur Wehre setzen wollte, dann brauchte mir nur eine Idee, welche ich für originell oder für besonders lustig hielt, durch's Gehirn zu streichen, und alsbald war ich entwaffnet, ich saß wieder am Schreibtisch und ließ alle Philosophen und Philologen gute Männer sein. Gerieth ich nun <a class="pageref" name="page094">94</a> gar in die Gesellschaft eines vielgenannten Schriftstellers, so sah ich in dessen Berühmtheit nichts anderes als ein Werk seiner Feder, nicht etwa zugleich auch die Arbeit des ernstesten Studiums, welches vorangegangen war. Und mit um so größerem Eifer wandte ich mich der Feder zu. Auf dem Kampfplatz zwischen Büchern und Dintefaß zog ich mich nach kurzem, oft nur scheinbarem Widerstand stets auf das letztere zurück.</p><p>»Bei dem Einen ist es die Natur, bei dem Andern die Kunst«, sagte mir an einem heißen Sommernachmittage in Kroll's Garten <i>Fritz Reuter</i>, damit in charakteristisch kurzer und prägnanter Form meine Klage gegen die Unwider- oder Unausstehlichkeit der Feder von der Tagesordnung unserer Unterhaltung streichend. <i>Fritz Reuter</i> war nach Berlin gekommen, um der Aufführung seines satirischen Lustspiels »Die drei Langhänse« beizuwohnen. Auf der Bühne fremd, hatte er zur Mitarbeit an dem Bau des Stückes <i>Eduard Jacobson</i> veranlaßt, der mich dem Dichter vorstellte, dessen »Reis nach Belligen« eben erschienen war und ihm einen vornehmen Platz in der deutschen Literatur gesichert hatte. <i>Reuter's</i> Erscheinung war die breite, ruhige Behaglichkeit eines zufriedenen Bürgers, der sich aus dem Lärm der großen Stadt wieder zu seinen Freunden in der stillen Heimath fortsehnte. Man sah ihm an, daß die <a class="pageref" name="page0950">950</a> Menschen, bei denen er sich wohlfühlte, die er liebte, und mit denen er aufgewachsen war, Dorfmenschen und Kleinstädter waren. Wer ihn nicht kannte, war gewiß erstaunt, wenn er erfuhr, das sei der große Volksdichter, einer der wenigen echten Humoristen, welche Deutschland hervorgebracht. Wer aber so glücklich war, <i>Reuter</i> kennen zu lernen. hatte einen ganzen Menschen gewonnen und verehrte bald in ihm einen originellen Charakter, wie auch seine Erscheinung originell war. <i>Reuter</i> war ein Typus, gewissermaßen die Verkörperung seiner Muse, und wenn man ihm eine Weile zugehört hatte, so begriff man, wie er in jeder seiner zahlreichen Figuren einen Typus schaffen konnte. Dabei war er ein ungemein bescheidener Mensch und meinte, Jeder, der sich mit offenen Augen umsehe, müsse wie er schaffen können.</p><p>Als ich <i>Reuter</i> gegenübersaß, wurde ihm vom Kellner ein Glas Wasser gebracht, und als er bemerkte, daß mich diese farblose Mäßigkeit überraschte, lachte er und sagte: »Beruhigen Sie sich, es ist kalter Punsch von Arak ohne Löffel. Es sieht so unschuldiger aus, nicht wahr, obschon es ja keinen was angeht.« Mindestens sechs Mal rasch hintereinander hat er in dieser Weise Alle, die es nichts anging, getäuscht. Das schien ihm ein großes Vergnügen zu machen.</p><p><a class="pageref" name="page096">96</a> In Einem glich ich dem großen Humoristen: ich hatte mit keinem Versuch, die Bühne zu erobern, Glück. So oft ich mich hinaufwagte, purzelte ich wieder herunter und fand unten die Kritik, welche mitleidig den Kopf schüttelte. Einmal begehrte sogar das Publikum in einem Einakter, den ich für <i>Anton Ascher's</i> Benefiz im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater geschrieben hatte, nach dem Vorhang, obschon derselbe kaum zehn Minuten lang seinen Blicken entzogen gewesen war. Das war nicht sonderlich ermunternd. Nur ein einziges Mal gelang mir eine dramatische Kleinigkeit, ein Liederspiel, welches »Die letzte Fahrt« hieß und die Bearbeitung eines Stückes von <i>Grün</i>, einem Wiener Autor, war. Die erste Aufführung fand am 3. März 1860 im Wallner-Theater statt, und den Erfolg verdanke ich <i>Helmerding</i>, der einen verseschmiedenden Executor überaus originell darstellte. Das Stückchen, welches auch jetzt noch dann und wann gegeben wird, endet sehr ernst: mit dem Tod eines alten Postillons, nachdem dieser seine letzte Fahrt auf das Gut eines Grafen gemacht und diesem erzählt hat, daß er einst dessen Kind aus den Flammen gerettet habe. <i>Theodor Reusche</i>, mein Landsmann, spielte diese Rolle. Es schien ihm nun sehr bedenklich, sie, wie sie es verlangte, mit einer Sterbescene abzuschließen, die nach seiner Meinung nicht für sein Fach – er war bekanntlich <a class="pageref" name="page097">97</a> ein vortrefflicher Charakterkomiker – paßte. Endlich entschloß er sich, die Rolle zu spielen. Als er aber am ersten Abend, umgeben von seiner schluchzend Abschied nehmenden knieenden Familie, im Lehnstuhl seinen letzten Athemzug gethan hatte, und als unter dem stimmungsvollen Geläute der Abendglocken der Vorhang sich senkte, da – ich sehe das Unerhörte noch vor mir – da wurde plötzlich sein Fach in ihm lebendig, und er erhob sich aus dem ewigen Schlaf und begrüßte seine höchst überraschten Lieben auf das Herzlichste. Das that er auch noch in lebendigster Weise, als der Vorhang sich wieder hob. Das Liederspiel hatte wirklich sehr gefallen, und das Publikum schien ganz damit zufrieden zu sein, daß der alte Postillon schließlich den Seinen erhalten geblieben war. Erst bei einer späteren Wiederholung entschloß sich <i>Reusche</i> auf meine dringende Bitte, am Schluß des kleinen Stückes seinen Komikergeist aufzugeben, und nun hatte er einen wirklichen Erfolg, wie jeder andere Schauspieler, der nach ihm diese Rolle dargestellt hat. Während heute die Vertreter der heiteren Bühne eifrig nach Aufgaben greifen, in denen sie auch ihr ernsteres Können zu zeigen vermögen, war damals der Komiker kaum zu bewegen, die Schablone auch nur versuchsweise zu verlassen.</p><p>Zu meinen heiteren Erinnerungen gehört auch mein Aufenthalt in der Klinik des großen <a class="pageref" name="page098">98</a> Augenarztes, Professors <i>Albrecht von Graefe</i>. Ich wachte eines schlimmen Morgens mit einer sehr schmerzhaften Augenentzündung auf. Alsbald suchte ich Hülfe, wo alle augenkranke Welt sie damals suchte, und das war mein Glück, denn ein mir befreundeter Student der Medicin war am selben Vormittag zu mir gekommen und schickte sich schon an, seine Kunst an mir auszulassen. Er hätte mich entschieden blind kurirt, und mich rettend flüchtete ich in die Graefe'sche Klinik. Im Wartesaal derselben, in Gesellschaft der vielen seufzenden Augenkranken, saß ich stundenlang, bis ich von <i>Graefe</i> untersucht wurde. <i>Graefe</i> war eine bezaubernde Erscheinung, hoch, schlank, männlich schön, ein Messias für den Leidenden, den sein mildes Wesen mit heilendem Vertrauen erfüllte. Er sagte, ich möchte gleich in seiner Klinik bleiben, da ich in Gefahr schwebte, mein Auge zu verlieren, und als ich ihm sagte, daß mir die Mittel fehlten, solche gewiß kostspielige Kur durchzumachen, schickte er mich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, in ein Zimmer, das er einem Leidensgefährten eingeräumt hatte, der gleichfalls Student war. Mit verbundenen Augen, als ging's zum Blindekuhspiel, wurde ich in ein stockfinsteres Zimmer geführt, in welchem ich nun mit dem Studien- und Leidensgenossen, ohne denselben zu sehen, bis zu meiner völligen Wiederherstellung verbrachte. Ein originelles Zusammenleben, <a class="pageref" name="page099">99</a> das wir uns, in der Dunkelheit umhertappend, trotz unserer nicht geringen Schmerzen, durch lustiges Geplauder und Singen freundlich zu gestalten vermochten. Wir hatten wohl allerlei Unbequemes zu ertragen, und besonders feindselig waren wir gegen die nöthige Diät der Klinik gestimmt, deren mehr bekannte als beliebte Lazarethpflaume den unerbittlichsten Vegetarianer zum Abfall zu bewegen vermag. Aber mir fehlte das arge Talent, mir Sorge zu machen, und dadurch überwand ich jeden Schmerz und jedes Ungemach sehr leicht. Ich war aus meiner allerhöchsten Wohnung fortgegangen, ohne sie verschließen zu müssen, alles, was ich nicht besaß, vertrauensvoll der Obhut meiner wackeren Wirthsleute überlassend, denen ich eine Mittheilung über mein Verbleiben geschickt hatte.</p><p>Am zweiten Tag erschien <i>Graefe</i> an der Seite eines seiner gelehrten Kollegen, dem er mein von Blutegeln umrahmtes Auge zeigte. »Ein prächtiges Auge!« sagte er dabei zu seinem Begleiter.</p><p>»Verzeihen Sie mir die schüchterne Bemerkung, Herr Professor«, wagte ich zu bemerken, »mit diesem prächtigen Auge kann ich aber absolut nichts sehen.«</p><p>»Das ist es eben«, antwortete er mir ganz ernst. »Wenn Sie mit dem Auge wieder sehen können, dann ist es kein prächtiges und hat gar kein Interesse mehr. Das wird bald der Fall sein«, setzte er tröstend hinzu.</p><p><a class="pageref" name="page100">100</a> So war es auch. Ohne prächtiges Auge und erfüllt von einem unauslöschlichen Dankgefühl verließ ich bald die Klinik dieses ausgezeichneten Mannes, der, viel zu früh für die leidende Menschheit, am 20. August 1870, mitten im Brausen des großen Krieges, gestorben ist. Bevor ich die Klinik verließ, schrieb ich in das Album einer Pflegerin, der ich für ihre liebenswürdige Sorgfalt zu Dank verpflichtet blieb, einige Graefe gewidmete Verse, welche schlossen:</p><p class="vers">»Ueber Alle wacht <i>ein</i> Auge,<br/>
      Ueber alle Augen Einer.«</p><p>Wo mag diese Pflegerin, wo mag mein Krankenstubenkamerad jetzt sein? Ich würde mich sehr freuen, von ihnen zu hören.</p></div><div class="chapter" id="chap008"><h3><a class="pageref" name="page101">101</a> VIII.</h3><p class="initial">Von den tausend Masten, mit denen der Jüngling in den Ocean geschifft war, fehlte eine erkleckliche Anzahl, und das gerettete Boot war auch ein schon ziemlich mangelhaftes, als ich nach Hamburg zurückkehrte. Ungern hatte ich mich von Berlin losgelöst. Das ungebundene Leben, das ich daselbst führte, gefiel mir leider außerordentlich, aber ich fühlte auch, daß ich nicht mehr jung genug war, um länger jeden Gedanken an das, was werden würde, wenn ich so weiter lebte, zurückweisen zu dürfen. Es weiß wohl Jeder aus eigener Erfahrung, daß mit einer gewissen Jahresziffer der Bacillus des – nun, sagen wir – Philisterthums sich in uns regt, und man fühlt, daß man elend zu Grunde gehen würde, wenn man dieses höchst widerwärtige Stäbchen, mit dem wir für den Genuß der Freiheit gezüchtigt werden, noch länger gänzlich unbeachtet ließe. Selbst die leichtsinnigsten Studenten stimmen das schöne Lied: »Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren?« etwas <a class="pageref" name="page102">102</a> kleinlauter an, wenn sie über gewisse Jahre hinaus sind, und wenn sie an die Verse kommen, in welchen in diesem schönen Liede die Worte den Alten citirt werden, welche prophetisch lauten: »Malz und Hopfen sind an Euch verloren!« und die Sänger der Alten wünschen, sie möchten sie bei dem lieben Bier sehen, so klingt doch das Valleralla nicht mehr so überzeugend wie in jungen Jahren. Das erquickt ja recht wenig, und wir werden, wenn uns solche graumelirte Gedanken kommen, mit um so größerer Freude an die Zeit zurückdenken, da wir uns, wenn wir das Lied sangen, wirklich einbildeten, daß sich ganz Europa nicht wenig wunderte, welch ein neues Reich da mit Hülfe unseres scharfen Biertrinkens entstanden, daß, wer am meisten trinken könne, König, wer die meisten Mädchen küsse, Bischof sei, und daß wir ganz sicher einst im Olymp Hebe etwas unsanft anhallelujahn würden, wenn sie uns ganz bescheiden Ambrosia statt ewig bayrisch Bier anböte. Ich erinnere mich wirklich mit großem Vergnügen jener schönen Zeit, und es thut mir leid, daß ihr eine andere mit ehrbarem Ernst und steifleinenen Bedenken wie eine Strafe dem lieblichen Verbrechen, jene halbwegs munter todtgeschlagen zu haben, auf dem Fuße folgte. Aber diese andere Zeit bleibt nun einmal nicht aus, wir leben eben in der besten der Welten.</p><p>Noch ein lustiger Abend in unserer »Wüste«, und <a class="pageref" name="page103">103</a> dann nahm ich mit der eingelösten Uhr, die mir drei Jahre lang mit dem nöthigen Prolongiren des Pfandscheins so viele Arbeit gemacht hatte, Abschied.</p><p>Als ganzer journalistischer Handwerker kam ich in meine schöne Vaterstadt zurück und fand auch in verschiedenen Werkstätten Beschäftigung. Zuerst in der»Reform«, in welcher für mich ein humoristischer Theil unter dem Titel »Falstaff« eingerichtet wurde. Die Honorare fand ich weniger vergrößert als das Vermögen des Herausgebers. Genau wie heute vertheilten damals die Zeitungsbesitzer nur einen ganz kleinen Theil ihres Ueberschusses unter Diejenigen, die ihnen diesen Ueberschuß erarbeiteten. Der Journalist muß auch heute noch meist die Ehre, einen Zeitungsunternehmer zum reichen Mann machen zu helfen, für baare Münze nehmen, und die Journalisten müssen diese Ehre sehr hoch berechnen, um von einer nur einigermaßen nennenswerthen Stellung sprechen zu können. Das macht sie allmälig mürbe, und den Meisten fehlt bald die Energie, sich zusammenzuthun, zu einer Zeitungsrevolution aufzuraffen, den Besitzer zu entthronen und, nach dem berühmten Muster der Wiener Neuen Freien Presse, aus dem Blatt, welches sie »machen«, auch ihren eigenen Herd zu gestalten. Statt dessen arbeiten sie nur als die Steinträger am Bau der Verlegerpaläste. Heute genau so wie damals. Es giebt in der Welt keine Genossenschaft, in welcher <a class="pageref" name="page104">104</a> das Mißverhältniß zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitern so schlimm hervortritt, als in der der Presse. Hier erscheint ein allgemeiner Strike als die einzige Rettung gegen die herrschende Kümmerlichkeit in den Verhältnissen der Meisten. Mit Ausnahme einiger gut honorirten Redakteure erschwingen die Journalisten mit ihrer aufreibenden und ununterbrochenen Thätigkeit kaum so viel, sich und ihre Familie zu ernähren, und während sich die Arbeiter und Handwerker allmälig bessere Lohne und eine zum menschenwürdigen Dasein nöthige beschränkte Arbeitszeit erkämpfen, vergrößert sich die Arbeitslast der Zeitungsschreiber von Quartal zu Quartal, ohne daß sich die Honorarverhältnisse bessern. Dabei nimmt die journalistische Thätigkeit den ganzen Mann derart in Anspruch, daß ihm kaum Zeit und Kraft zu einer anderen schriftstellerischen Arbeit übrig bleiben. Die Preßvereine – es bestehen deren nur in den großen Städten – können durch Unterstützungs-, Kranken- und Altersversorgungskassen nur wenig helfen, selbst wenn diesen dann und wann ein Zuschuß aus den zugeknöpften Taschen der Rotationsmaschinenjunker und der Ritter vom unendlichen Papier gewährt würde, wie dies nicht der Fall ist. Ein allgemeiner Journalisten-Strike würde auf diese Zustände heilsam wirken. Wie aber und von wem soll ein solcher in Scene gesetzt werden? Das wäre der größte Zauberer aus <a class="pageref" name="page105">105</a> Abrakadabrien, der die Journalisten unter Einen Hut brächte! Unmöglich! Das deutsche Volk ward einig, das Zeitungsvolk wird es nie. Und die Zeitungsbesitzer lachen sich in's Fäustchen.</p><p>In Hamburg spielte die Journalistik noch immer keine Rolle, das Honorar eine kaum größere. Der Journalist, der das Hungern allmälig satt bekam, mußte viel schreiben, um wenigstens dann und wann sein Leben zu fristen. Ich blieb der humoristischen Produktion, die mir an's Herz gewachsen war, treu, trieb mich aber auch auf manchen anderen schriftstellerischen Gebieten herum. Ich drang in das Feuilleton, machte mich im Dichterwald des kecksten Forstfrevels schuldig, verdingte mich an die Lokalchronik, beging allerlei Kritik und wilderte auf der Bühne des Thaliatheaters. Für diese Bühne, welche damals über ganz ausgezeichnete Kräfte verfügte, war ich dauernd thätig. Die Possen, welche von Berlin herüberkamen, wurden in meiner Werkstatt für den Geschmack des freistädtischen Publikums bearbeitet, indem ich neue Lieder und Couplets einfügte und die alten aufbügelte. Diese Arbeit war eine ganz heitere und bildete dadurch das schroffste Gegenüber des Honorars, welches unendlich traurig war. Die Liebenswürdigkeit, mit welcher die Presse das Thaliatheater behandelte, schien das Thaliatheater dankbar zu verpflichten, die Presse nicht durch gute Honorare zu <a class="pageref" name="page106">106</a> beschämen. Eine Anzahl dieser Lieder und Couplets habe ich unter dem Titel »Thalia-Album« herausgegeben. Das Titelblatt trug die Portraits des Fräulein <i>Amalie Kraft</i> und der Herren <i>Heinrich Triebler</i>, <i>Anton Reichenbach</i> und <i>Karl Baum</i>, denen ich diese Verse »auf den Leib geschrieben« hatte. Die Genannten waren Meister des komischen Fachs, Künstler von glänzender, origineller Begabung. Sie sind nun längst nicht mehr, und kaum weiß das Publikum noch, daß sie ihm einst jahrelang unzählige fröhliche Stunden bereitet haben.</p><p>Ich denke oft dankbar an die Zeit, die ich im Verkehr mit den Mitgliedern der »Thalia« verbracht habe, welche um das Ende der fünfziger Jahre unter der Leitung des Direktors <i>Maurice</i> ein Mustertheater war. Ich war Stammgast hinter den Coulissen. Diese Gegend der dramatischen Kunst übt besonders auf die jugendliche Phantasie eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, obschon man annehmen sollte, daß sie gerade durch die bei Lichte besehen so ruppig erscheinende Unechtheit des Blendenden, durch die Lüge der Schminke, durch das Blech, welches sich für Gold, und die Watte, welche sich für Fülle ausgiebt, abstoßend wirken müßte. Alles, was den Zuschauer im Theater gefangen nimmt und in eine andere Welt versetzt, verschwindet vor dem nüchternen Blick, den wir hinter die Coulissen werfen, und doch <a class="pageref" name="page107">107</a> hält man sich so gern dort auf, wo jede Illusion grausam zerstört wird. Inmitten der in Hemdsärmeln schaffenden Arbeiter, die mit Bohrern und Holzlatten den schönen Wald so hoch da droben ausbauen, und inmitten der Darsteller und Darstellerinnen, die, bevor sie auf die Bühne gehen, rasch noch einmal ihre Rolle durchlesen, oder ihre bedenklichen Anekdoten zum Besten geben, erscheint es unmöglich, daß wir, von dort in den Zuschauerraum gehend, noch mit Interesse der Aufführung beiwohnen können. Dennoch ist dies der Fall. Man verfolgt die Darstellung mit ganzer Seele, man wird gefesselt, gleichsam mitbetheiligt, und rasch hat man die Kehrseite der Medaille vergessen. So mächtig ist das Theater.</p><p>Der Direktor <i>Maurice</i>, heute ein rascher Neunziger, ist einer der originellsten Würdenträger der Bühne. Er hat sein 50jähriges Direktionsjubiläum gefeiert und war während dieser langen Zeit allabendlich auf der Bühne, das Oberkommando führend und der Vorstellung bis zum Schluß folgend. Das erhält ihn frisch. Er kennt keine Liebhaberei als das Theater, er besucht keine Gesellschaft und empfängt auch keine. Ich bin seit vielen Jahren mit ihm befreundet und war nie in seinem Hause. Von französischer Herkunft, hat er bis auf den heutigen Tag nicht den französischen Accent abgelegt, er spricht mit Anstrengung deutsch. Seine in Hamburg geborene <a class="pageref" name="page108">108</a> Tochter wurde, als sie längst verheirathet war, von einer Dame nach irgend einer Straße gefragt und gab derselben zur Antwort: »Bedaure, ich bin hier selbst fremd.« Der von einem Franzosen stammende Direktor eines der vortrefflichsten deutschen Theater und seine Familie, seit fast einem Jahrhundert in Hamburg, haben sich nie ganz eingebürgert, obschon sie mit keiner Faser mehr zu Frankreich gehören.</p><p>In der Redaktion des »Freischütz«, eines althamburgischen, nun längst eingegangenen Blattes, arbeitete ich mit <i>Karl Töpfer</i> zusammen. Die Gegenwart kennt ihn noch als Verfasser der Lustspiele: »Rosenmüller und Finke«, »Der beste Ton«, »Des Königs Befehl«. Als ich ihn kennen lernte, schrieb er nicht mehr für die Bühne, sondern war als Kritiker an dem genannten Blatt angestellt. Er war sehr schwerhörig geworden, aber das störte ihn nicht, ausführlich über Schauspiel und Oper zu referiren. Er wohnte eines Morgens der Generalprobe eines militärischen Dramas im Stadttheater bei, und in einem Moment, wo hinter den Coulissen nach Herzenslust geschossen wurde, eilte er auf die Bühne, um dem Direktor <i>Wollheim da Fonseca</i> zuzurufen: »Wenn jetzt hier ein Schuß fiele, das wäre sehr effektvoll!« Und dabei genirte uns alle der von der Bühne in das Auditorium dringende Pulvergeruch ganz abscheulich. <i>Töpfer</i> kritisirte <a class="pageref" name="page109">109</a> ruhig weiter, man schätzte in ihm mit Recht den verdienstvollen Schriftsteller, dessen Name dem Blatt von Nutzen war und dem man deshalb den Posten nicht nehmen mochte. Man dachte über dergleichen damals anders als heute.</p><p>Noch immer war Hamburg, trotzdem der Glanz der Sonne Lessing auf ihm ruhte, ein steriler Boden für Literatur und Kunst. Dem Theater ging es noch leidlich, wenn es die Menge belustigte, aber im Stadttheater traten viele Jahre lang Gläubiger, Exekutoren und Wucherer auf, die es von Zeit zu Zeit langsam, aber sicher zum Bankerott leiteten. Den Schriftstellern ging es schlecht. Es fehlte nicht an genialen, originellen und fleißigen Männern, denen aber die Fühlung mit dem Publikum und die mit der Welt fehlte, gegen deren geistige Bewegung Hamburg sich wie mit einer chinesischen Mauer abschloß, während sein Handel es mit allen Welttheilen verband. Die Bücher der Handelsherren waren die von ihren Angestellten geführten. Die Schriftsteller verkamen rettungslos in dieser üppiglebenden Hansestadt. Das ist ein trostloses Kapitel. Ich sehe den armen <i>Hermann Schiff</i> noch vor mir, einen <i>Grabbe</i> der Novelle, den <i>Heinrich Heine</i> mit Auszeichnung genannt hat. Seine Novellen sind kleine Meisterwerke. Er endete elend im Armenhaus, nachdem er im Schnaps gleichfalls nicht gefunden hatte, was er in seiner Arbeit <a class="pageref" name="page110">110</a> umsonst gesucht. Wer kennt, wer nennt ihn noch, als höchstens der Catalog eines Antiquars? Heute wäre er ein Mann, der in den Quartalsanzeigen der Zeitungen mit der fettesten Schrift angepriesen würde. Nicht Allen, die damals am Schriftstellern darniederlagen, ging es so trostlos, aber nur Wenige entgingen der Nahrungssorge und dem Vergessen. Auch die plattdeutsche Literatur wollte nicht gedeihen, zu deren Pflege die Hamburger doch verpflichtet waren. Die dramatischen Arbeiten <i>David's</i>, <i>Bärmann's</i> und Anderer wurden zwar aufgeführt, aber nicht nach Gebühr geschätzt und verkommen jetzt im Staub der Thaliatheater-Bibliothek. Hier nenne ich noch einen gewissen <i>Heinrich Schacht</i>, der so eine Art Hans Sachs gewesen ist. Er war Schmied und schilderte das Volksleben in Vers und Prosa mit der prächtigsten Naivetät. Er konnte sich schließlich nicht das liebe Brod erschreiben. Als ich ihn zuletzt sah, spielte er in einem Weihnachts-Bazar des Apollosaales eine traurige Rolle, um sich einige Schilling zu erwerben. Man hatte ihn in ein altdeutsches Gewand gesteckt, und so saß er in einer Bude und las seine lustigsten Schilderungen des Hamburger Volkslebens vor. Theilnahmlos hörte die Menge ihm zu. Es war unbeschreiblich traurig.</p><p>Wer es aber verstand, meine lieben Landsleute bei ihrer schwachen Seite zu fassen, wie dies <i>Robert</i><a class="pageref" name="page111">111</a><i> Heller</i> verstand, der lebte bald wie ein Gott in Frankreich, obschon ich mir gar nicht denken kann, daß selbst ein Gott in Frankreich so gut wie in Hamburg zu leben vermag. Hamburg lebte und lebt mit Ueberzeugung gut, es war und ist auch heute noch als Lebestadt kein Dilettant. Was in anderen Städten im Hungerstillen und Durstlöschen als Außerordentliches geleistet wurde, war in Hamburg das Ordentliche. Wilken's Keller nahm die Stellung eines Tempels ein, und da verrichtete der Hamburger sein inbrünstiges Frühstück, und auch heute noch ist Pforte's Restaurant ein Wallfahrtsort für feinschmeckende Reisende, die ein blaues Wunder genießen wollen. Die Auster, bei Coelln am Brodschrangen servirt, mundet in ihrer sauberen bartlosen Erscheinung besser als anderswo, und sie gehört doch derselben Muschelfamilie an und hat doch auch auf derselben Bank geruht wie die, welcher wir in anderen Städten eine Rheinweinthräne nachsenden. Dieses Gutleben ist wahrlich keine kleine Tugend einer Stadt, und wer darüber mit Mißachtung oder Ironie spricht, hat gar keine Idee von der vortrefflichen Wirkung einer edlen Verpflegung auf den Geist und das Gemüth. Hamburg war, ist und bleibt die Hauptstadt der Gourmandise, und wer daselbst die nöthigen Mittel besitzt und schlecht lebt, muß ein Virtuose in der Kunst des Schlechtlebens sein. Freilich, wer durch das Unzureichende seines <a class="pageref" name="page112">112</a> Portemonnaies gezwungen ist, auf diese Vorzüge Hamburgs zu verzichten, der fühlt in Hamburg das Schlimme seiner Lage doppelt schmerzlich.</p><p><i>Robert Heller</i> war 1851 nach Hamburg gekommen und Redakteur des Feuilletons der »Hamburger Nachrichten« geworden. In den vierziger Jahren einer der populärsten literarischen Könige von Leipzig, war er nun auf einen hervorragenden Posten in der Literatur und Kunst gestellt. Diese Stellung wußte er als vortrefflicher Schriftsteller, dem die Literatur einige interessante, vielgelesene Romane verdankt, zu befestigen, und er eroberte sich auch einen Platz in der Gesellschaft, weil er gern gut aß, besser trank und am besten plauderte. Er erzählte prächtig, wenn er die Feder in der Hand hatte, aber wenn er ein Glas Wein in der Hand hielt, wußte er noch prächtiger zu erzählen. Mir waren, wie ich schon früher berichtete und näher erklärte, die Häuser der Patrizier verschlossen, aber wenn ich mit <i>Heller</i> in der klassischen Weinstube Franz Meyer's saß, dann habe ich ihn stets als einen meisterhaften Plauderer bewundert. Er hatte viel vom Conrad Bolz, und ich glaube, daß er als Modell gedient hat. In der literarischen und Theater-Kritik galt sein Urtheil als das eines obersten Gerichtshofs, aber da, wo er als kundiger Tischthebaner die Tafel seiner reichen Freunde zierte, lauschte man mit noch größerer Aengstlichkeit auf sein Votum, <a class="pageref" name="page113">113</a> und man war glücklich, wenn er ein mildes Wort über die Leistungen irgend einer Suppe sprach, oder in Verzweiflung, wenn er mit der Auffassung der Rolle, welche eine Sauce zu spielen hatte, nicht zufrieden war. So übte er eine gewaltige, aber immer liebenswürdige Herrschaft über die Hamburgische Gesellschaft aus.</p><p><i>Heller</i> lebte, von seiner Frau getrennt, einsam im Hotel Belvedere. Seine Einsamkeit theilte – sein Kanarienvogel, den er zu einem geschickten Gesellschafter abgerichtet hatte. Von dem sprach er immer als von seinem besten Freund. »Fisch« nannte er ihn. »Fisch« saß, wenn <i>Heller</i> arbeitete, still in dessen Hausrocktasche, »Fisch« unterhielt durch allerlei Mätzchen seinen Herrn, wenn dieser mit seiner Arbeit fertig war. Eines Tages geschah ein großes Unglück. »Fisch« saß auf dem Fußboden, als Heller, sich rasirend, einen Schritt zurücktrat, – »Fisch« war zu Tode getroffen. Heller hat, so merkwürdig dies klingen mag, dieses Schicksal seines kleinen Freundes nie verwunden, und wenn er davon sprach, so trat ihm eine Thräne in's Auge. Er starb am 7. Mai 1871 ganz plötzlich. Das Feuilleton verlor in ihm einen seiner geistreichsten, amüsantesten und geschmackvollsten Vertreter. <i>Heinrich Laube</i> hat 1874 Heller's »Nachgelassene Erzählungen« in 6 Bänden herausgegeben.</p><p>Endlich war ich der journalistischen Sachsengängerei <a class="pageref" name="page114">114</a> müde. Dieses Umherschreiben zersplittert jede Kraft und ist nichts als aufreibendes Tagelöhnern. So faßte ich denn den sehr kühnen und mich ganz erfüllenden unabänderlichen Beschluß, ein Witzblatt zu gründen. Ich dachte mir das ganz leicht. Daß man Geld dazu brauchte, fiel mir erst ein, als mir eines Tages zwei Freunde, denen ich meine halsbrecherische Idee mitgetheilt hatte, vierhundert Thaler anboten, damit die liebe Seele Ruhe habe. Wer mich damals im Besitz dieses hochherzigen Anerbietens gesehen hat, genoß ohne Zweifel des Anblicks eines Menschen, dem ein großer Theil von Europa gehörte. Ich selbst sah in mir einen Mann, der auf dem besten Wege zu einer großen literarischen Macht war. Daß dieser beste Weg ein Holzweg war, das konnte sich Jeder denken. Nur ich allein nicht. Blindlings ging ich an's Werk, und ich will nun erzählen, wie im Oktober 1862 die Wespen entstanden sind.</p></div><div class="chapter" id="chap009"><h3><a class="pageref" name="page115">115</a> IX.</h3><p class="initial">Wenn jetzt von der Gründung eines Blattes die Rede ist, so hört man gleichzeitig von den Kapitalien, welche von der Munificenz oder der Unternehmungslust einer Anzahl Nabobs für das einem längstgefühlten Bedürfniß abhelfende Unternehmen zur Verfügung gestellt worden sind. Die Gerüchte melden von einer halben, gentile Berichterstatter berichten von einer ganzen Million. Die Erzählungen klingen dramatisch: Alles sieht mit Spannung dem neuen Blatte entgegen, im Hintergrund stehen noch etliche Millionäre, welche bereit sind, im Nothfall mit noch mehreren Unsummen einzuspringen, die hervorragendsten Journalisten sind für das Unternehmen gewonnen, es entsteht ein Weltblatt, und für eine eigene Druckerei ist schon ein Riesengrundstück in Aussicht genommen. Gewöhnlich kommt das Blatt gar nicht zu Stande, oder es erblickt das Licht des Abonnements in einer so schwachen Beschaffenheit, daß Kenner, die es näher <a class="pageref" name="page116">116</a> untersuchen, an seinem Aufkommen zweifeln, während die vertrauensseligen Millionäre schon das Wasser, in welches sie ihre Baareinzahlungen werfen, näher und näher rauschen hören. Namentlich in Berlin spielen solche Journalgründungsdramen jährlich mehrmals und stets mit derselben traurigen Schlußscene.</p><p>Bei der Gründung der Wespen ging es bedeutend einfacher her.</p><p>Als ich endlich, wie ich schon erwähnt habe, zu der Einsicht gekommen war, daß mein Handwerk nicht einmal einen hölzernen Boden hatte und von einem goldenen auch nicht andeutungsweise gesprochen werden konnte, und daß es kaum etwas mehr als die Kosten für die Schreibmaterialien, ganz abgesehen von der Abnutzung der Gehirnmaschine, aufbrachte, da entschloß ich mich in einem höchst leichtsinnigen Moment, mich selbständig zu machen und ein Witzblatt zu gründen. Daß das Widersprüche waren, sah ich erst später ein. Ein Verleger, der das hatte, was ich besaß, und der gleichzeitig auch das hatte, was ich nicht besaß, nämlich Muth und Geld, fand sich nicht, Jeder, dem ich meinen Plan vorlegte, überschüttete mich mit Complimenten und Aufmunterung, war aber »leider in diesem Augenblick derart mit Unternehmungen belastet, daß er mit unendlichem Bedauern verzichten mußte.« Darüber war ich nicht etwa trostlos, denn das hätte mein <a class="pageref" name="page117">117</a> Temperament unter keiner Bedingung gestattet, aber ich war außer mir darüber, daß es menschenähnliche Geschöpfe gab, denen ich von meinem Plan sagte und die von der Großartigkeit und dem glänzenden Gelingen nicht sofort mindestens annähernd so vollkommen wie ich überzeugt waren. Mein Unternehmen krachte schon in allen Fugen, als mir in der letzten Krachstunde zwei liebenswürdige reiche Freunde, die wohl meine völlige Hilflosigkeit jammerte, unverhofft 400 Thaler als erste Hypothek auf mein Luftschloß zur Verfügung stellten. Wer über eine reiche Phantasie gebietet, kann sich das glänzende, farbenprächtige Bild vorstellen, das mir nunmehr vorschwebte. Mein in die Zukunft gerichteter Blick war geblendet. Kaum vermochte ich die Schaar der herbeiströmenden Abonnenten zu übersehen. Die endlose Front abzuschreiten, war unmöglich. Und dabei betäubte mich der Lärm der Maschine, welche sich die erdenklichste Mühe gab, mit Hülfe der raffinirtesten Technik die Auflage des neuen Witzblattes herzustellen.</p><p>Endlich kam ich zu mir. Es war die höchste Zeit. Denn der Sommer ging zu Ende, und am 1. Oktober sollte die erste Nummer meines Blattes erscheinen. Mir fehlten Mitarbeiter, und ich eilte nach Berlin, sie dort zu gewinnen. Die Gewonnenen fragten aber in so unheimlichem Ton nach <a class="pageref" name="page118">118</a> den Honoraren, daß ich plötzlich das Unzulängliche der mir anvertrauten Summe Ereigniß werden sah und mir sagte, was ich mir eigentlich hätte <i>vor</i> der Entdeckungsfahrt sagen können: ich mußte mein Blatt selbst schreiben. Noch schwieriger war es, Zeichner zu finden. Keines Ansprüche waren so klein, daß ihnen mein Kapital gewachsen gewesen wäre. Nur Einer, mein Freund <i>Julius Raymond de Baux</i>, der Dichter und Maler zugleich war, nahm sich meines abenteuerlichen Unternehmens an und zeichnete mir den Titel des Blattes.</p><p>Bevor ich mich für den nicht sonderlich originellen Titel Wespen entschieden hatte, suchte ich <i>David Kalisch</i> auf, der uns Jüngeren als der unerreichte Witzmeister galt. Ich theilte ihm mit, was ich beabsichtigte, und bat ihn um seine Unterstützung, und er unterstützte mich auch sofort durch sein tiefgefühltes Mitleid. Dies that er halb aufrichtig, denn er kannte ja aus eigener Erfahrung die Vatersorgen, die ein neues Witzblatt bereitet, und halb ärgerlich, denn jede Concurrenz war ihm unbequem, und als ich ihm dann sagte, ich suchte noch nach einem passenden Titel für mein Blatt, nach einem recht populären, und ihn ersuchte, mir solchen vorzuschlagen, da schlug er mir einen vor, den ich nicht gebrauchen konnte. O, rief er, einen recht populären Titel suchen Sie? Da kann ich helfen! <a class="pageref" name="page119">119</a> Dann ging er im Zimmer auf und ab, als überlegte er noch, ob es nicht unvorsichtig sei, mir den werthvollen Titel zu überlassen. Dann sagte er: Die Eimerfrau.</p><p>Das war allerdings ein überaus populärer Titel. Damals wenigstens. Mit der Einführung der Canalisation hat er freilich seine Popularität gänzlich verloren.</p><p>Ich hatte endlich den schon genannten Verleger der »Reform«, J. F. Richter, zu bewegen gewußt, den Commissionsverlag der Wespen zu übernehmen. Da er nichts riskirte, so faßte er Muth, nachdem ich ihm den Gründungsschatz ausgeliefert hatte. Die Wespen erschienen achtseitig in einem handlichen Oktavformat, und ich hatte nun meine liebe Noth mit ihnen. Das Kapital war mit unglaublicher Geschwindigkeit von dem, was der Verleger Agitation nennt, aufgezehrt. Von solcher Agitation kann man sagen, was Mephistopheles von der Kirche sagt. Als die Probenummern, welche von den Colporteuren gewöhnlich als saubere Makulatur Verwendung finden, gedruckt waren, und einige Inserate, durch welche das neue Blatt sich ankündigte, in der Menge der anderen Inserate unbeachtet sich verkrochen hatten, verwies mich der Verleger auf den Ertrag meines Blattes, der eben hinreichte, die Herstellungskosten zu decken. Das aber verminderte meinen <a class="pageref" name="page120">120</a> Eifer durchaus nicht, ich schrieb mein Blatt mit einer Begeisterung, die es allein erklärlich machte, daß ich nicht bei jeder Nummer den Muth verlor. Es fehlte mir jede Aufmunterung, jede Aussicht auf Erfolg. Die Bewohner meiner schönen Vaterstadt waren entweder zu theilnahmlos, oder zu vornehm, das demokratische Witzblatt ihres Landsmanns zu beachten. Ich fand dies zwar begreiflich, da ihnen eine gegen die Hamburgische Regierung gerichtete Satire unbequem war, – sie nannten sie naseweis, – und weil sie sich um die außerhamburgischen politischen Fragen wenig bekümmerten, aber ermüdend war doch dieses fortwährende Arbeiten ohne eigentliche Fühlung mit dem Publikum, dieses sich allwöchentlich erneuernde Produciren für einen so ungemein niedlich kleinen Kreis von Lesern, abgesehen von der Trostlosigkeit einer brechend leeren Kasse, die mir immer die Thatsache entgegengähnte, daß ich lediglich für den Drucker und den Papierlieferanten arbeitete. Meinen geringen Lebensetat deckten die Honorare, die mir meine an andere Blätter gelieferten Beiträge brachten. Ich hatte mein Blatt lieb wie ein Vater sein krankes Kind, ich hätte ihm jedes Opfer gebracht. Damals habe ich es gewiß nicht gefühlt, daß ich ihm überhaupt Opfer brachte, daß ich meine Kraft in einer Sisyphosarbeit zersplitterte und aufrieb. Im Gegentheil, ich schien <a class="pageref" name="page121">121</a> diese unerquickliche Beschäftigung für einen höchst amüsanten und nützlichen Zeitvertreib zu halten. Ich veröffentlichte sogar in der dritten Nummer die folgende, mit einer den Hut höflich ziehenden Wespe geschmückte unverschämt prahlerische Anrede an das verehrte Publikum: »Die Redaction der Wespen sagt den Freunden und Gönnern derselben den herzlichsten Dank für die <i>gegen Erwarten außerordentlich lebhafte Theilnahme</i>, welche ihr Unternehmen als gesichert betrachten läßt. Das Gerücht indeß, als könnten keine Abonnenten mehr eintreten, ist in allen Theilen unbegründet. Die Wespen bitten den Leser deshalb, sich durchaus keinen Zwang anzuthun.«</p><p>Aber sie thaten sich Zwang an, und die aufmunternde Dementirung des von mir erdachten Gerüchts rief durchaus keinen Abonnenteneintritt hervor, trotzdem der Preis des Blattes ein so geringer war, daß mir dabei die Worte des Direktors des Harmonietheaters in St. Pauli einfallen, der an Sonntagnachmittagen im Rittercostüm vor seiner primitiven Kunstbude stand, uns gaffenden Jungens die zu erwartende Vorstellung laut schreiend anpries und also schloß: »Erster Platz: zwei, zweiter Platz, fast schäme ich mich, es zu sagen: einen Schilling!« Und ein Exemplar der von <i>Christian Förster</i> illustrirten Wespen kostete einen Schilling. Ein <a class="pageref" name="page122">122</a> Schilling war ein burleskes Geldstück, von dem vierzig auf einen preußischen Thaler gingen. Es hatte außer seinem geringen Werth allerlei Untugenden, es war schmutzig, es heuchelte Silber, es war so abgegriffen, daß man seine Schrift nicht lesen konnte, und es sah einer verbogenen Karpfenschuppe ähnlicher als einer Münze. Das heutige Zehnpfennigstück ist ein wahrer Aristokrat im Vergleich mit jenem verkommenen Subjekt, das man Schilling nannte. Und einen solchen Schilling hatten nur Wenige für ein Exemplar meines Blattes, welches nach meiner unumstößlichen Meinung so überaus lesenswerth war und selbst mit dem zehnfachen Preis nicht zu theuer bezahlt gewesen wäre. Die Presse Hamburgs nahm von der Existenz der Wespen noch weniger Notiz. Das fehlte noch, daß sie durch freundliche oder feindselige Erwähnung für ein neues Blatt Reklame machte und ihm gar einen Abonnenten zuführte, den sie besser brauchen konnte! Und Gelegenheit, sich mit meinem Blatte zu beschäftigen, gab ich der Presse oft genug. Im wunderschönen Monat Mai 1863 fand ich die erste Beachtung seitens der hochlöblichen Polizei, die mich durch eine Einladung zum Besuch des Criminal-Actuariats auszeichnete. Mit von stolzen Gefühlen beflügelten Schritten betrat ich das gefürchtete Stadthaus auf dem Neuenwall. Als ich den Fuß auf die erste Stufe der steinernen Treppe im Innern des <a class="pageref" name="page123">123</a> Gebäudes setzte, meinte ich, den Aufstieg zum höchsten Gipfel der journalistischen Macht zu beginnen. Der Untersuchungsrichter hatte keine Ahnung davon, daß ich ihn am liebsten dankbar umarmt hätte, während er mich sehr strenge ansah und ausforschte. Herr von Bismarck, der preußische Ministerpräsident, hatte aus Hamburg einen Brief, den die Berliner Blätter einen Schmäh- und Drohbrief nannten, erhalten, dem der natürlich anonyme Absender zwei Nummern meines Blattes beigelegt hatte. Nun sollte ich sagen, was ich von diesem respektlosen Attentat wüßte. Ich wußte nichts davon. Wirklich nichts. Das wurde nun zu Protokoll genommen, und das Protokoll mußte ich unterschreiben. Ich habe niemals wieder meinen Namen mit mehr Selbstbewußtsein geschrieben. Mir war, als vollzog ich meinen Eintritt in den großen Kampf der Zeit. Bismarck war seit einem halben Jahr Minister und ich also wohl der erste Journalist, den er mit einer preßpolizeilichen Maßregel beehrte. Der große Staatsmann hat ja später noch dann und wann etlichen demokratischen und liberalen Journalisten Gelegenheit gegeben, den Staatsanwalt persönlich kennen zu lernen, keinem aber hat er damit eine so große Freude wie damals mir bereitet. Ich bin ihm dankbar dafür. Als ich das Stadthaus verließ, hätte ich wie der Zwerg, dem man, während er badete, die Kleider enger genäht hatte, ausrufen <a class="pageref" name="page124">124</a> mögen: »Seht, seht, wie ich gewachsen bin!« Gedacht habe ich es mir ganz gewiß. Nun war ich etwas, oder ich bildete mir doch wenigstens ein, etwas zu bedeuten.</p><p>Ich habe später noch oft, häufiger, als mir lieb war, vor Gericht gestanden, aber niemals wieder mit so großem Vergnügen, wie dieses erste Mal.</p><p>Preßprozesse waren nicht zu vermeiden, auch nicht durch die größte Vorsicht, deren ich mich allerdings auch nicht befleißigt habe. Und Hamburg genirte ein oppositionelles Blatt nicht im geringsten, wenn es sich vorzugsweise mit außerhamburgischen Angelegenheiten beschäftigte. Da gab es denn im Anfang der sechsziger Jahre allerdings ein unermeßliches Feld für die Sense der Satire. Die Regierungen gaben fortwährend Arbeit, sie waren unpopulär und hatten auch nicht das Bestreben, liberal wenigstens zu scheinen. Preußen allen voran, das noch damit beschäftigt war, die Spuren des 1848er März auszumerzen. Dies änderte sich erst später, nach dem Krieg gegen Dänemark. Hamburg selbst war antipreußisch, und die Behörden kümmerten sich absolut nicht um das, was gegen die preußische Politik und deren Vertreter geschrieben wurde, sie hatten im Gegentheil ihre Freude daran. Heute weiß man kaum noch in wenigen Worten zu erklären, was damals Opposition hieß. Man schlug tapfer drein und wurde auch durch die <a class="pageref" name="page125">125</a> kleinlichsten Regierungsmaßregeln, durch das philisterhafteste Vorgehen in sämmtlichen deutschen Vaterländern gegen alles, was liberal war, dazu gereizt. Es war das goldene Zeitalter des Witzblattes, dem der Stoff von allen Seiten zuströmte.</p><p>Unter diesem Stoff befand sich freilich aus irgend einem entfernten Weltwinkel mancher, der heute kaum zu einer Notiz ausreicht, damals aber die öffentliche Meinung in die größte Aufregung versetzte. In deutschen Landen gab es noch keine großen Staatsaktionen, oder diese spielten sich lediglich in den offiziellen Kreisen ab, von denen das Volk ferngehalten wurde, das sich deshalb um so lebhafter mit den Kleinigkeiten abgab. In Eckernförde war ein Knabe auf Befehl des dänischen Bürgermeisters gezüchtigt worden, und mit dem Knaben schrie die gesammte Presse steinerweichend, und wenn sich in einem bis dahin in stiller Zurückgezogenheit existirenden Landstädtchen ein Polizeidiener einen Uebergriff erlaubt hatte, so trat gegen den unglückseligen Beamten ein Heer von Tages- und Wochenblättern auf, wie heute etwa gegen den Volksschulgesetzentwurf. Dazwischen bildeten der Bundestag und der Kaiser Napoleon unerschütterliche Zielscheiben für die Geschosse der Satire, und ihnen gegenüber bestand das ganze deutsche Volk aus mehr oder weniger unverbesserlichen Nörglern. Erst, als in Preußen der Kampf zwischen Regierung <a class="pageref" name="page126">126</a> und Volksvertretung entbrannte und sich im Reiche die ersten Wehen der großen Wiedergeburt Deutschlands einstellten, da vertiefte sich die Opposition, das mächtige Streben der Parteien nach der Herrschaft trat lärmend hervor, und die Spielerei des Nörgelns wurde von dem Ernst einer gewaltigen Agitation verdrängt.</p><p>Die Staatsanwälte waren rabiat. Sie verstanden keinen Spaß. Die Witzblätter wurden verwarnt, confiscirt und angeklagt. Zum 26. September 1863 lud mich das Königliche Kreisgericht in Perleberg ein. Da man mich in Hamburg nicht zwingen konnte, der Einladung Folge zu leisten, so lehnte ich höflich, aber unstatthaft lustig ab. In einem offenen Brief an das Königliche Kreisgericht, abgedruckt in den Wespen vom 11. September, heißt es u. A.: »<i>Wir kommen nicht</i> – dahinter, was wir in Perleberg machen sollen . . . . <i>Daher erscheinen wir nicht</i> – undankbar, wenn wir uns entschließen, lieber in Hamburg zu bleiben.« In diesem ungeziemenden Ton ging es weiter. Ich wurde verurtheilt. Andere Vorladungen trafen ein, denen ich ebensowenig, denen aber die Verurtheilung folgte, und so hatte ich mir bald fünf Monate Gefängniß gespart. Es war ein billiger Muth, mit dem ich die Urtheile empfing, die von Preußen nicht vollstreckt werden konnten und von Hamburg nicht vollstreckt wurden. Segen der deutschen Uneinigkeit!</p><p><a class="pageref" name="page127">127</a> Die Herren <i>Flaminius</i>, <i>Beyrich</i> und <i>Baehr</i>, welche die erste Perleberger Vorladung unterzeichnet haben, bitte ich nachträglich um Vergebung, wenn ich ihr Dokument so wenig ernst nahm. Es sind nun fast 30 Jahre seitdem verflossen, und die drei Herren haben mir gewiß längst verziehen, wie ich ihnen heute längst verziehen hätte, wenn ich fünf Monate – wahrscheinlich, ohne mich zu bessern – im Gefängniß zugebracht haben würde. Ein ganz kleines Sträfchen habe ich allerdings vier Jahre später als Folge der Perleberger Verurtheilungen einkassirt. Als ich, durch die 1866er Amnestie längst entlastet, im Dezember 1867 nach Berlin übersiedelte, trat gleich nach meiner Ankunft ein kolossaler Schutzmann bei mir ein, der mir zwar sehr freundlich einen guten Morgen wünschte, aber gleich hinzufügte, daß er komme, mich zu verhaften. »Sie haben fünf Monate abzumachen«, sagte er mit trockenem Amtston. »Aber ich bin doch amnestirt«, entgegnete ich. »Wo ist Ihr Amnestiedekret?« fragte er. Das hatte ich nicht mitgebracht. »Also sputen Sie sich«, ermunterte mich der Schutzmann. Während ich mich sputete, bot ich dem Abgeordneten des Molkenmarkts eine Cigarre an, die er mit der Bemerkung ablehnte, das sei ein Bestechungsversuch, woran ich sah, daß er meine Cigarre überschätzte, denn dieselbe hatte wirklich nichts Bestechendes.</p><p><a class="pageref" name="page128">128</a> Nun fuhren wir nach der Bastille auf dem Molkenmarkt. Unterwegs berechnete ich, wie viel von den fünf Monaten ich wohl absitzen würde, bis das Amnestiedekret aus Hamburg eingetroffen sein könne. Aber ich hatte meine Rechnung ohne den liebenswürdigen Polizeirichter gemacht, der mich nach etwa zweistündigem Warten zwischen den Passagieren des grünen Wagens mit der Frage empfing: »Was wollen denn Sie hier?« Ich erzählte ihm, wie ich nach dem Molkenmarkt gekommen sei. »Aber Sie müssen ja amnestirt sein« rief er, »machen Sie, daß Sie fortkommen.« Ich empfahl mich und verschwand, ganz befriedigt von dem »Tropfen Fegefeuer«. Dann ließ ich mir schleunigst das Amnestiedekret kommen. Man konnte doch nicht wissen.</p><p>Die verschiedenen Plackereien, welche mir mein Blatt einbrachte, waren nicht im Stande, mich zu entmuthigen. Sie entschädigten mich im Gegentheil für so viel erfolgloses Arbeiten und machten mich auch weit über Hamburg hinaus bekannt, obschon das meinem Blatt nicht viel nützte, da es fast überall wegen seiner demokratischen Haltung verboten war. Dadurch war jedes Flüggewerden der Wespen unmöglich geworden. Was aber jeden Andern wahrscheinlich zur Verzweiflung gebracht hätte, konnte meinem unzerstörbaren Optimismus nicht beikommen, und anstatt dem Rath wohlmeinender Freunde, das <a class="pageref" name="page129">129</a> aussichtslose Weiterarbeiten aufzugeben, zu folgen, vergrößerte ich mein Blatt, indem ich es, auf den größeren Theil seines ohnehin so kargen Ertrages verzichtend, vom Juli 1862 an zum Quartformat erweiterte und ihm noch eine Beilage anfügte. Das war Heroismus und Leichtsinn zugleich, nur meinen Berufsgenossen erklärlich, welche wissen, mit welcher Liebe und Zähigkeit der Journalist an einem Blatte hängt, das er geschaffen hat, oder schaffen half, an dessen Zukunft er glaubt und für das er schon aus diesem Grund jedes Opfer zu bringen und jede Entbehrung zu tragen freudig entschlossen ist. Was ein Journalist für ein literarisches Unternehmen zu thun vermag, das wird selbst der reichste Verleger nicht für ein solches thun. Diese Unverzagtheit, dieses Festhalten, dieses muthvolle Vorwärtsstreben und diese Anspruchslosigkeit könnten den Arbeitern aus allen Schaffensgebieten ein Vorbild ein. Aber wer kümmert sich um die Arbeit und die Lage des »Zeitungsschreibers«? Das Publikum weiß nichts davon und glaubt schon sehr viel zu thun, wenn es dann und wann ein Blatt kauft, oder es sich vom Kellner bringen läßt. Und er ist gegen »sein« Blatt ungemein anspruchsvoll und streng. Es soll ihm aus der Seele sprechen und ihm das Wort vom Munde nehmen, andernfalls taugt das Blatt nicht viel. Namentlich hat ein Witzblatt keine dankbare Aufgabe <a class="pageref" name="page130">130</a> zu lösen. Es will in einer gewissen Stimmung gelesen sein, und ist im Leser diese Stimmung zufällig nicht vorhanden, so macht der Leser es für das Fehlen dieser Stimmung verantwortlich. Dann heißt es, das Witzblatt sei matt und schon seit längerer Zeit nicht mehr das, was es gewesen. Zu dem Vorwurf, langweilig zu sein, kommt ein Witzblatt, es weiß nicht, wie. Der geehrte Leser ist ein Tyrann.</p><p>Als ich mit meinen fünf Jahre alten Wespen Hamburg verließ, hatte ich es auf ein wöchentliches Honorar von acht Thalern gebracht, für welches ich das Manuscript des Blattes zu liefern und auch die Redactionskosten zu bestreiten hatte.</p><p>Und ich war seit einiger Zeit glücklicher Gatte und Vater.</p><p>Aus Hamburg habe ich noch Manches zu erzählen.</p></div><div class="chapter" id="chap010"><h3><a class="pageref" name="page131">131</a> X.</h3><p class="initial">Wer die schwere Last der sechzig Jahre mit sich herumträgt, muß sich oft genug von liebenswürdigen und höflichen Menschen geduldig auf den grauen Kopf zusagen lassen, man sehe durchaus nicht so alt aus, man sei »bekanntlich« nicht älter als man sich fühle, man sei ja noch so jugendlich frisch und genußfähig, man könne ganz zufrieden sein, und – das versichern namentlich die Frauen – der Mann werde überhaupt nicht alt. Mit solchen trostreichen Versicherungen wird der Sechzig- und Mehrjährige fortwährend regalirt, und die freundlichen Rednerinnen und Redner versprechen sich von solchen Gesprächsbonbons stets eine außerordentlich wohlthuende Wirkung auf den resignirt hinnehmenden Alten, der mit unterdrücktem Seufzen zuhört. Er weiß nur zu gut, daß die Brutalität der Ziffer durch nichts gemildert werden kann, und wenn er nicht ungeduldig protestirt, so liegt das daran, daß er weiß, wie gänzlich nutzlos ein solcher Protest ist.</p><p><a class="pageref" name="page132">132</a> Sollte aber ein Graugewordener einmal bemerken, daß er in Gefahr schwebe, den einlullenden Versicherungen der Altershöflinge Glauben zu schenken und sich dadurch mehr oder weniger lächerlich zu machen, so schließe er nur schleunig sein Archiv auf, krame unter den alten Papieren, werfe einen Blick in halb- oder drittelhundertjährige Briefe und durchfliege andere vergilbte Dokumente, die er nicht vernichtet hat, weil er anfangs zu ordnungsliebend und später nicht klug oder nicht beherzt genug gewesen ist. Da merkt man, wie unrettbar alt man geworden, da erkennt man das Nichts der freundlichen Redensarten, da schmeckt man die Wahrheit in ihrer ganzen Bitterkeit.</p><p>Dann und wann blicke ich in die Schränke und Kästen, die ich im Laufe der Jahre mit unzähligen Briefen, Drucksachen und ähnlichen Hobelspänen einer langen Thätigkeit vollgepackt habe. Oft habe ich unter diesen aufgeräumt, aber große, kaum mehr zu ordnende Massen sind geblieben. Da liegt im unentwirrbaren Durcheinander Geschriebenes und Gedrucktes, das ich einst verfaßt habe und das mir längst völlig fremd geworden, und von Freunden und Kollegen an mich gerichtete Briefe, deren Inhalt mir nicht mehr ganz verständlich ist. Ich stoße auf Namen, die ich vergessen hatte, auf Manuscripte, deren Schriftzüge mich allein daran erinnern, daß ich deren Verfasser <a class="pageref" name="page133">133</a> sei, auf Zeitungsausschnitte, bei denen mir nicht einfallen will, weshalb sie da aufbewahrt liegen, auf Verse und Prosa, die meinen Namen tragen, an dem allein ich erkenne, daß sie von mir herrühren. Alle diese Briefe habe ich einst mit Interesse gelesen und hoffentlich auch beantwortet, heute bieten sie mir eine fast neue Lektüre; alle diese gedruckten und ungedruckten Kleinigkeiten habe ich einst mit Eifer geschrieben, heute lese ich sie, als seien sie von einem mir Unbekannten verfaßt. Ich finde einen Beitrag mit meinem Namen in einer Zeitung, die schon vor mehreren Jahrzehnten spurlos verschwunden ist, und wenn ich den Artikel lese, so kostet es mich Mühe, das Interesse zu begreifen, das mir einst der darin verarbeitete, längst absolut gleichgültig gewordene Stoff eingeflößt hat. Das Ganze ein unerschöpflich scheinendes Material zum Feueranmachen für mehrere lange Winter. Und jeder einzelne Brief, jedes Quartblatt Manuscript und jeder Fetzen aus einer Zeitung sagt uns laut und vernehmlich, daß wir den Lebensabend erreicht haben, und gegen diese eindringliche Stimme kann keine freundliche Phrase von bewahrter Frische und vom Nichtaltwerden aufkommen.</p><p>Da fällt mir ein Briefchen von <i>Eduard Maria Oettinger</i> in die Hand. Er war damals eine Berühmtheit, die die heutige Generation kaum noch kennt. Auch seine Art des Witzes kennt man nicht <a class="pageref" name="page134">134</a> mehr. Er hat eine Anzahl humoristischer Blätter herausgegeben und wieder eingehen lassen, unter denen der»Charivari« sehr verbreitet war, er schrieb eine lange Reihe von Romanen, Novellen und Lustspielen, er besaß eine beängstigende Fähigkeit, bibliographische Werke zu schaffen, kurz, er war einer der fruchtbarsten Schriftsteller, welche die Literaturgeschichte zu nennen weiß. Man kann sich denken, als welche Auszeichnung ich es betrachtete, als er mich in sein Hôtel einlud. Zwei Jahre vor meiner Geburt, im Jahre 1829, hatte er in Berlin den humoristisch-satirischen »Eulenspiegel« herausgegeben, ich verehrte also in ihm den Nestor der heiteren Journalistik und war wie betäubt von seinem Verlangen, mich kennen zu lernen. Er empfing mich sehr gnädig und trieb seine Herablassung so weit, daß er sich in meiner Gegenwart nicht nur entkleidete, sondern mich auch bei dieser Gelegenheit die dünnsten Beine sehen ließ, welche ich bisher gesehen hatte. Kaum begriff ich, wie er denselben zumuthen konnte, seinen Körper, den eines 55jährigen Mannes, zu tragen. Sie bewiesen, daß der Humor die Corpulenz nicht aufkommen ließ. Er stellte mir eine merkwürdige Aufgabe, die zu erfüllen ich für eine ehrenvolle Pflicht hielt. Ich sollte in meinem Blatte einen offenen Brief an ihn richten, in welchem ich ihn um Alles in der Welt bat, sein Schweigen endlich zu brechen und wieder von sich <a class="pageref" name="page135">135</a> hören zu lassen, ihm Vorwürfe machend, daß er, der noch so geistesfrische Führer der humoristischen Literatur in Deutschland, auf seinen Lorbeeren ausruhe. Zum Dank wollte er dem ungestümen Drängen nachgeben und mit einem Artikel in den »Wespen« wieder auf der Bildfläche erscheinen. Die nächste Nummer meines Blattes brachte denn auch meinen »Literarischen Brandbrief an den Veteranen des Humors und der Satire Eduard Maria Oettinger«, den ich mit unbeschreiblichem Stolz verfaßt hatte. Dann reiste Oettinger ab, und ich habe niemals wieder ein Sterbenswörtchen von ihm gehört. Ich erinnerte ihn höflich an sein Versprechen. Keine Antwort. Ich bat ihn dringend. Keine Antwort. Neun Jahre später starb er in Blasewitz, und ich habe nie erfahren, was er von mir gewollt hat.</p><p>Etwas früher, im December 1862, war der unter dem Namen Graf von und zu Dattenberg bekannt gewordene Champagnerfabrikant Boom nach Hamburg gekommen, einer der originellsten Käuze, die ich unter den originellen Käuzen gefunden habe. Dann und wann hat er als Prinz Carneval den Kölner Carneval regiert, hat aber eigentlich an keinem Tag seines langen Lebens diese Würde abgelegt, und jedenfalls gebührt ihm ein Blatt in der Geschichte des Grotesk-Komischen. Er hatte sich den Titel eines Grafen von und zu Dattenberg verliehen und war auch in weiten Kreisen <a class="pageref" name="page136">136</a> nur unter diesem Namen bekannt. Diese Grafenrolle führte er mit großer Virtuosität und großen Kosten durch. Er schien durch seine Erscheinung und Haltung für sie geschaffen und opferte ihr Zeit und Geld. Er war ein Münchhausen, aber ein glaubwürdiger, und bei allem Ernst, mit dem er als ein gewissenhafter Geschäftsmann wirthschaftete, ein Schalk ohne Gleichen, vielleicht der Letzte dieser Gilde, seit die ernsthaft gewordene Welt keinen Raum mehr für die Originale hat. Damals kam eine Erscheinung wie Boom zu voller Geltung, man störte sie nicht, man glaubte an sie, man unterstützte sie in ihren harmlosen Extravaganzen, und man amüsirte sich mit ihr. Der falsche Graf war nicht nur in der rheinischen Residenz des Prinzen Carneval populär, halb Europa kannte ihn und seine tollen Späße, welche, und das muß ihnen zum Lobe nachgesagt werden, niemals irgend Jemand kränkten oder schädigten, denn sie wurden immer mit einer gewissen Würde ausgeführt, die jede Ausschreitung sorgfältig zu vermeiden wußte.</p><p>Boom war also im December 1862 nach Hamburg gekommen und im Hôtel de l'Europe abgestiegen. Gleich nach seiner Ankunft verbreitete sich das Gerücht, der Vicekönig von Aegypten sei eingetroffen. Wie von Boom ein sensationelles Gerücht dieser Art verbreitet wurde, das war sein Geheimniß. Das <a class="pageref" name="page137">137</a> Gerücht tauchte so auf, daß es von Jedem geglaubt wurde. Dann und wann war auf dem Balkon des genannten Hôtels ein würdiger, ernster Mann erschienen, dessen Fez die Augen der Vorübergehenden auf sich zog. Der würdige, ernste Mann ging mehrmals sinnend auf und ab und verschwand dann wieder in das Innere des Salons. Aber während des ganzen Tags wichen die Neugierigen nicht von dem Hôtel an der Alster, und als nun der frühe Abend erschien und in dem hellerleuchteten Balkonzimmer in der ersten Etage mehrere den Fez tragende Herren sichtbar wurden, da war die Straße bald überfüllt und nicht mehr zu passiren. Der Wagenverkehr wurde gänzlich unterbrochen, und als nun gar ein Trompetercorps erschien und dem hohen Gast ein Ständchen brachte, wurde der Aufenthalt in der immer dichter werdenden Menge geradezu lebensgefährlich. Kaum war nun der letzte Ständchenton verhallt, als sich die Thür des Balkons öffnete und der würdige, ernste Gast erschien und mit der Hand ein Zeichen gab, daß er sprechen wolle. Ein donnerndes Hurrah hatte die Luft erschüttert, dann trat tiefe Stille ein, und nun sprach der hohe Herr den Hamburgern seinen Dank aus für den seinem Herzen wohlthuenden schönen Empfang. Er versicherte die Bürger der geliebten Hansestadt seiner unveränderlichen Sympathie und bat nur noch um einen Augenblick Ruhe, da er ein <a class="pageref" name="page138">138</a> Gebet um das Wohl der Stadt Hamburg an den Propheten richten wolle. Es war ein feierlicher Moment, als nun der Herrscher sich gen Osten wendete und, die gekreuzten Arme an die Brust drückend und sich tief verneigend, etwas murmelte, was Niemand verstand, am allerwenigsten der Sprecher. Dann noch eine Verbeugung vor dem Publikum, das in ein brausendes Hurrah ausbrach, und hochaufgerichtet trat der Vicekönig in das Zimmer zurück, jubelnd von einigen mit dem Fez bedeckten Freunden, welche seinen Hof bildeten, empfangen. Lange noch stand die Menge vor dem Hôtel, bis sie von der schärfer werdenden Decemberkälte vertrieben wurde. Die Zeitungen meldeten (man hatte es noch nicht so eilig wie heute) zwei Tage später, welch einen hohen exotischen Gast die freie Stadt beherberge, und ich wartete die Abreise Boom's ab, um in einem in Nr. 12 der »Wespen« veröffentlichten Liede den Spaß zu verrathen, den sich der »Vicekönig« erlaubt hatte.</p><p>Allmälig wurde mir Hamburg doch etwas zu eng, denn Preußen, dem ich, wie ich erzählt habe, mehrere Monat Gefängniß schuldig geworden war, wuchs immer dichter an meine Vaterstadt heran. Schleswig-Holstein und Hannover waren preußisch geworden, und so trennten mich von meinem mächtigen Gläubiger nur einerseits die Vorstadt St. Pauli und anderseits die Elbe. Ich durfte die Stadt nicht <a class="pageref" name="page139">139</a> verlassen, wenn ich nicht auf dem direktesten Wege in eine lange Haft geschoben werden wollte. Ich wußte, daß die Polizei, was nicht hübsch, aber ihres Amtes war, auf irgend eine von mir begangene Unvorsichtigkeit wartete, um mich zu erwischen. Zum Glück hatte ich Freunde, welche mich täglich warnten, eine Dummheit zu begehen. Zu einer solchen fehlte es nicht an allerlei lockenden Aufforderungen, die mich zu verführen suchten, nach Altona oder Harburg zu fahren, ich wäre unzweifelhaft in die Arme liebenswürdiger Beamten gelaufen, die mich entführt und obenein ausgelacht hätten. Es war aber gar nicht leicht, keine Unvorsichtigkeit zu begehen, denn die Versuche, mich zu einer Spritzfahrt auf preußisches Gebiet zu veranlassen, traten dann und wann in so unverdächtiger Form an mich heran, daß es wirklich schwer war, ihnen zu widerstehen. Natürlich erschien mir auch manche freundliche Einladung, deren Absender nicht wußte, daß ich Hamburg nicht verlassen durfte, ganz ohne jeden Grund als eine hinterlistige, und ich verletzte durch meine mit irgend einer versteckten Malice gespickte Ablehnung nicht Wenige, die mich in Folge dessen für verrückt hielten. So antwortete ich einmal auf eine Einladung nach Altona zu einem Plauderstündchen mit der Versicherung, ich hätte zu einem Plauderstündchen von fünf Monaten Dauer keine Zeit, und der harmlose Gastgeber erkundigte sich ganz <a class="pageref" name="page140">140</a> erschrocken bei meinen Freunden nach meinem Gesundheitszustand, der ihm sehr bedenklich erschien.</p><p>So lebte ich in einem offenen Gefängniß, aus dem ich nur entschlüpfen konnte, um in eine Falle zu gerathen. Das war keine angenehme Situation, und diese Situation hatte noch die diabolische Eigenschaft, mich zu reizen, sie durch einen abenteuerlichen Bannbruch zu verschlimmern. Ich hatte immer das Begehren, die Grenze zu überschreiten und mich unter den Augen derer, die mit einem Haftbefehl auf mich lauerten, aufzuhalten und diesen Herren dann, wenn ich wieder in Sicherheit war, durch mein Blatt mitzutheilen, wie es mir in ihrer Nähe gefallen habe. Es fand sich dann, wie gesagt, immer ein vernünftiger Freund, der mich auf die Verrücktheit meiner Absicht aufmerksam machte und mir in der überzeugendsten Weise vorstellte, um wie viel stärker als ich die Großmacht Preußen sei. Nach einigem Nachdenken sah ich das auch ein, und ich habe mich nicht entschlossen, mich mit dem damals gerade seine ganze Kraft entwickelnden preußischen Staat auf einen Zweikampf einzulassen. Glücklicherweise erschien dann die Amnestie von 1866 und damit war jede Gefahr, mich muthwillig ins Märtyrerthum zu stürzen, beseitigt. In einem lustigen Leitgedicht lud ich das Perleberger Gericht, um mich für dessen nun drei Jahre alte Einladung zu revanchiren, zu einer Flasche Sekt in das <a class="pageref" name="page141">141</a> Redaktionsbureau der »Wespen«. Das war in der Nummer vom 29. September 1866. Mit der Amnestie gewann ich die freie Bewegung wieder, verlor aber gleichzeitig die Würde eines in Preußen Verurtheilten. Das war damals in Hamburg keine Kleinigkeit. Preußen und das Bismarck'sche Regiment hatten in Hamburg keinen Freund. Regierung, Presse und Bevölkerung bildeten eine dreieinige Opposition. Hamburg, stolz auf seine Größe und Unabhängigkeit, war durch das überwältigende Anwachsen der preußischen Herrschaft in die größte Unruhe versetzt und fürchtete, deren Appetit zu erregen, oder schon erregt zu haben. Heute ist das anders geworden. Hamburg verehrt in Preußen den Schöpfer Deutschlands und in Bismarck einen Heiligen. Die Zeiten ändern sich.</p><p>Als ich im December 1867 Hamburg verließ, galt mein letzter Besuch meinem Verleger und lieben Freund <i>Otto Meißner</i>, dessen Verlag dem Fortschritt und der Demokratie große Dienste geleistet hat. »Also Sie wollen nun, wie ich höre, in die Höhle des Löwen gehen?« fragte mich ein im Laden anwesender Großkaufmann, indem er mich mit strengen Blicken maß.</p><p>»In die Höhle des Löwen nicht«, antwortete ich berichtigend, »aber ich will nach Berlin.«</p><p>»Na, meinetwegen«, rief er mir wüthend entgegen, »aber Sie können in Berlin bestellen, uns kriegen sie nur als Trümmerhaufen!«</p><p><a class="pageref" name="page142">142</a> Dann verließ er den Laden. In welcher Weise ich die Bestellung ausrichten sollte, hat er mir nicht gesagt. Als aber eines Tages Kaiser Wilhelm I. Hamburg besuchte, wurde er von unbeschreiblichem Jubel begrüßt, und die reiche Stadt hatte in ihrer angeborenen Noblesse ein Festgewand angelegt, das unvergleichlich glänzend war. So sah der Trümmerhaufen aus, und ohne Zweifel hat der energische Herr, der diesen Trümmerhaufen in Aussicht gestellt hatte, sein Haus zu Ehren der Anwesenheit des Kaisers so illuminirt, wie es ihm seine gutkaiserliche Gesinnung geboten hat und seine reichen Mittel gestatteten.</p><p>Auch einer und zwar einzigen Reise, die ich, längere Zeit bevor ich für immer von Hamburg Abschied nahm, »gethan« habe, möchte ich noch gedenken. Es war eigentlich gar keine Reise, sondern ein Ausflug, aber vor dreißig Jahren war das Reisen nicht so wie heute allgemein, nicht so eingerissen, nicht Modesache, und was heute überhaupt nicht als Reise, sondern als Ausflug und Spritzfahrt gilt, wurde damals Reise genannt. Ich reiste nach Lübeck, <i>Emanuel Geibel</i> zu besuchen. <i>Geibel</i> zeichnete mich durch seine Freundschaft aus, es war mein sehnlichster Wunsch, ihn wiederzusehen, und endlich hatte ich so viel Zeit und überflüssiges Geld, die Wallfahrt anzutreten. Das war ein glücklicher Julitag. <i>Geibel</i> wurde von Allen, die ihn kannten, geliebt, <a class="pageref" name="page143">143</a> angebetet. Heute freilich hört die Jugend dieses Geständniß mit mitleidigem Achselzucken an, sie ist ja, wie sie meint, über <i>Geibel</i> hinweggeschritten zu größeren, weil realistischen Poeten. Ich fand den Dichter in seinem Arbeitszimmer, einer echten Dichterwerkstatt, in der es sich bequem unsterblich sein ließ. Das Ganze schien von einem geschickten Regisseur in Scene gesetzt, und doch sah man den Einzelheiten an, daß hier nichts mit Absicht genial arrangirt war, daß in diesem Zimmer sehr fleißig gearbeitet wurde und die Bücher und Mappen wenig Ruhe hatten. Von der Wand blickten das freundlich-ernste, von <i>Kaulbach</i> gemalte Portrait und die Marmorbüste auf das nun etwas über 50 Jahre alte Original nieder, und auf dem Schreibtisch herrschte die scheinbar unentwirrbare Unordnung, wie sie auf den Schreibtischen fleißiger Menschen gefunden zu werden pflegt, eine Unordnung, in der sie alles so rasch zu finden wissen, wenn die Hausfrau nicht eben die unglückselige Idee, aufzuräumen, zur Ausführung gebracht hat. <i>Geibel</i> empfing mich mit berückender Herzlichkeit. Freilich war er damals ganz von den politischen Tagesfragen erfüllt, und man merkte seiner Unterhaltung nicht den Poeten an, welcher der Süßen so hinreißend zusingen konnte: »Ich habe dich lieb und grüße dich tausend, tausendmal!« Töne, welche die Mädchenherzen in großen Schwärmen angelockt <a class="pageref" name="page144">144</a> hatten. Von den Ereignissen, die sich zur Errichtung der deutschen Einheit vorbereiteten, war er, der sein Vaterland und die Freiheit über Alles liebte, ganz erfüllt, und er erholte sich gewissermaßen von seiner »Wacht am still von Liebe glühenden Herzen«, indem er seinen Pegasus in eine politische Richtung lenkte. Er wußte mir viel hierüber zu sagen und gab mir auch eines seiner politischen Gedichte für meine »Wespen«, was mich derart beglückte, daß ich etliche Minuten brauchte, um zu mir zu kommen und ihm meinen Dank abzustatten. Ein Gedicht in den »Wespen« mit der Unterschrift »<i>Emanuel Geibel</i>«! Das erschien mir als ein so außerordentliches Ereigniß, daß ich dem Manuskript nicht traute, welches ich in der Hand hielt. Abends saßen wir dann bis spät in die Nacht im Lübecker Rathskeller am Störtebeckertisch und tranken wacker. <i>Geibel</i> war ein trinkbarer Mann, obschon ihm der Genuß durch sein schmerzhaftes Leiden verbittert wurde. Wenn er an die Folgen des Trinkens dachte, das er doch nicht missen wollte, so holte er irgend eine Medicin hervor, mit der er diese Folgen zu mildern hoffte, und trank das schlechtschmeckende Zeugs, ohne welches er auf Befehl des Arztes nicht hinter der Flasche sitzen durfte, zwischen einem Glas und dem andern. Dabei klagte er dann sehr, und einmal sagte er zu mir: »Wenn ich nur wüßte, was ich dem lieben Gott gethan habe, <a class="pageref" name="page145">145</a> daß er mir dieses Leiden geschickt hat und nicht daran zu denken scheint, mich zu begnadigen!« Und dann tranken wir lustig weiter, er dachte nicht mehr an die Medicin, und in seiner schnell wiederhergestellten guten Laune schien er mehr der heitere Sänger, welcher vom lustigen Musikanten, der am Nil marschirte, zu singen gewußt hatte, als der ernste Poet zu sein, der so wunderbar rührte und begeisterte. Es waren anregende Stunden, die ich am Störtebeckertisch im Lübecker Rathskeller verbrachte, und als wir uns endlich erhoben, war ich doppelt selig, denn außer dem Wein im Kopf hatte ich das Gedicht <i>Geibels</i> in der Tasche.</p><p>Am anderen Tage machte ich einen Abstecher nach Travemünde. In diesem kleinen Seebade wurde noch gespielt, und zwar schoß daselbst eine kleine schäbige Roulettehexe mit ihrer Kugel, genau wie eine große in den Weltbädern, den Gästen das Geld aus der Tasche. Und als ich nun einem Freunde die Verse zeigte, die mir aus dem Geibel'schen Schatz für mein Blatt zugeflossen waren, da behauptete der, das Glück lächle mir, und ich müsse das nun als einen Wink des Schicksals, es zu versuchen, betrachten und spielen. Dies leuchtete mir ein, ich spielte und verlor Alles, was ich in der Tasche hatte. Es war nicht viel, aber, wie gesagt, Alles. Und als ich dann nach Lübeck zurückkehrte, da wurde mir <a class="pageref" name="page146">146</a> der Orakelspruch in seiner ganzen Zweizüngigkeit klar. Denn im Hotel fand ich einen Brief <i>Geibel's</i>, welcher in den bekannten großen und klaren Schriftzügen lautete: »Lieber Stettenheim! Soeben erhalte ich Nachrichten aus München, die mich dringend wünschen lassen, daß das Ihnen gestern mitgetheilte Gedicht diesen Augenblick nicht abgedruckt werde. Sie verzeihen daher, wenn ich um freundliche Rücksendung bitte; ich werde meine Treulosigkeit bei nächster Gelegenheit gut zu machen suchen. Herzlich grüßend der Ihrige <i>Geibel</i>. Breite Straße 801, d. 8. Jul. 66.«</p><p><i>Geibel</i> hat das, was er seine Treulosigkeit nannte, dadurch gut gemacht, daß er mir ein Exemplar seiner Gedichte und seiner Brunhild dedicirte, fünf Bände, welche einen der Schätze meiner Bibliothek bilden.</p><p>Noch anderthalb Jahre blieb ich in Hamburg, ohne nennenswerthen Erfolg fleißig arbeitend. Allmälig freilich verlor ich die Geduld, obschon ich, sie festzuhalten, eine so große Praxis hatte. Da, im richtigen Moment, im December 1867, erschien ein Berliner Brief von den Herren <i>Bernhard Brigl</i> und <i>Albert Hofmann</i>, den Verlegern, welche die »Tribüne« gekauft hatten und beabsichtigten, derselben die »Wespen« als Gratisbeilage anzufügen. Ich war rasch entschlossen, so schwer mir die Trennung von meiner Vaterstadt wurde, an der ich mit ganzer <a class="pageref" name="page147">147</a> Seele hing. Ich rede mir nicht ein, ein Prophet zu sein, obschon ich in meiner Heimath niemals etwas gegolten habe, aber als es mit dem Abschied Ernst wurde, als ich mein Köfferchen gepackt hatte und nun von den Freunden mich entfernte, welche sich zu einem tüchtigen Lebewohltrunk um mich versammelt hatten, da war mir doch unendlich weh um's Herz. Ich weinte wie ein Knabe und war doch Gatte und Vater, – der Heimath sind wir Kinder und bleiben wir es auch, so alt wir werden.</p><p>Am nächsten Tage fuhr ich nach Berlin, von den Herren <i>Brigl</i> und <i>Hofmann</i> mit großer Liebenswürdigkeit empfangen. <i>Hofmann</i> hatte mir mit seiner unvergleichlich aufmunternden Laune geschrieben: »Ich verspreche Ihnen keine Schwefelhölzer von Jacarandaholz, aber ein gutes Honorar und den verlangten Vorschuß.« Letzteren brauchte ich dringend. Wer niemals einen Vorschuß brauchte und erhalten hat, kann den Segen eines solchen nicht würdigen, die Melodie des Wortes nicht entzückend finden, wie ich. Ich bin überzeugt, daß das Getriebe der Welt außer durch Hunger und durch Liebe namentlich durch Vorschuß zusammengehalten wird. Vorschuß ist Vertrauen, Förderung, Nächstenliebe, Rettung, ihm verdankt die Menschheit große Entdeckungen, segensreiche Erfindungen, Erhaltung vieler Menschen und Kräfte. Ich habe meinen <i>Wippchen</i>, von dem ich noch <a class="pageref" name="page148">148</a> sprechen werde, mit der Sehnsucht nach dem Vorschuß erfüllt, nicht allein, um ihm Gelegenheit zu geben, seine Phantasie zur Auffindung immer neuer Motive in Bewegung zu setzen, sondern um ihm etwas Unschätzbares auf seine journalistische Laufbahn mitzugeben.</p><p>In Herrn <i>Bernhard Brigl</i> lernte ich den intelligentesten und tapfersten Zeitungsgründer und Verleger kennen, den nach meiner Ueberzeugung die deutsche Zeitungswelt aufzuweisen hat.</p><p>So war ich denn in Berlin. Ich fand gleich viel zu thun. Ich hatte in der zweiten Hälfte des December drei Witzblätter zu schreiben: die letzten Nummern der »Wespen« für Hamburg und den »Pipifax«, der bei der »Tribüne« erschien, sowie die erste Nummer der neuen »Wespen«, deren erste Nummer am 5. Januar 1868 an die Stelle des »Pipifax« treten sollte. Ich merkte gleich, daß ich nicht um auszuruhen nach Berlin gekommen war, und habe auch niemals Gelegenheit gefunden, mir Ruhe zu gönnen. Niemals habe ich das Faulenzen kennen gelernt. Das erhält frisch.</p></div><div class="chapter" id="chap011"><h3><a class="pageref" name="page149">149</a> XI.</h3><p class="initial">Berlin vor 25 Jahren war ein anderes Berlin. Die heutige Großstadt, die Millionen- und Weltstadt, war noch nicht geboren. Das damalige Berlin war nicht nur im Vergleich mit dem heutigen, sondern auch gegenüber anderen Hauptstädten eine zwar sich weit ausdehnende, aber doch kleine Stadt, die man die Stadt der Intelligenz und Spree-Athen nannte, um ihrer geistigen Bedeutung gerecht zu werden, aber ohne sie als eine große Stadt bezeichnen zu wollen. Es war das Berlin der Berliner, eine gemüthliche, lustige, harmlose Stadt, der man kaum noch die 1848er Märztage zutraute, aber am allerwenigsten das, was aus ihr werden sollte. Die Bevölkerung hatte auch garnicht das Begehren, Berlin wachsen zu sehen, sie fühlte sich heimisch, begnügte sich mit dem Ruhm, daß Berlin immerhin eine der größten Städte des Continents war, und freute sich, ihren Witz an dem Unschönen und Morschgewordenen, zwischen dem sie lebte, auslassen zu können. Es war <a class="pageref" name="page150">150</a> das Berlin Glaßbrenners. Das Weißbier schäumte noch unbesiegt, und in den Kannegießereien der Geheimrathskneipen arbeiteten die Redemaschinen unausgesetzt. Das Philisterthum verbrachte nach einer mäßig verlebten Jugend ein behäbiges Alter und merkte die heranstürmende Umwälzung nicht, welche heute für die irdischen Ueberreste ihrer Opfer nichts als die wenigen Worte des Nachrufes in den Zeitungen hat: »Wieder hat der Bauwuth ein Stück Alt-Berlin weichen müssen.« Nur wer dieses Alt-Berlin gekannt hat, wird heute Mancherlei vermissen und keinen vollen Ersatz in der Ueberzeugung finden, daß, wenn es heißt, die Bewohner Berlins seien wieder durch ein neues sensationelles Ereigniß, durch einen neuen Beweis der Unsicherheit u. s. w. überrascht oder erschreckt worden, mehr als anderthalb Millionen damit bezeichnet seien.</p><p>Die Hamburger Presse weinte mir die liebenswürdigsten Notizen nach, als ich das Zeitliche meiner Thätigkeit in der Vaterstadt segnete. Meine Landsleute erfuhren auf diese Weise, daß sie einen Verlust erlitten, wodurch manche in ein großes Erstaunen versetzt wurden. In schluchzender Prosa und in Beileidsgedichten wurde dieser Verlust sogar als ein unersetzlicher bezeichnet, was zum Glück keine allgemeine Bestürzung hervorrief, denn man empfand garnicht das Bedürfniß, mich ersetzt zu sehen. Auch die <a class="pageref" name="page151">151</a> Presse tröstete sich leicht, indem sie mir eine freundliche Zukunft prophezeite und diese Prophezeiung als Balsam auf die offene Lücke träufelte, welche meine Uebersiedelung angeblich verursacht hatte. Das ist in der Presse immer so, wenn einer der Ihren mit dem nächsten Eisenbahn- oder mit dem letzten Athemzug davongeht. Man braucht nur eine dieser beiden Gelegenheiten zu benutzen, beim Scheiden wird man immer ein schmerzlicher Verlust und eine fühlbare Lücke genannt. Es ist doch etwas. Ich aber hatte bis dahin von der Presse meiner Vaterstadt keinen einzigen Beweis dafür empfangen, daß sie mich für fähig hielt, ihr einst einen Verlust und eine Lücke verursachen zu können. Von dieser conventionellen Trauer, in welche sich meine Collegen stürzten, war ich derart gerührt, daß ich mich in der kalten Decembernacht auf dem kurzen Wege von dem Abschiedscommers nach meinem Hause nicht auf den Beinen halten konnte und, ein geborener Hamburger, der diesen Weg seit 36 Jahren kannte, verirrte.</p><p>Ein kleiner Kater war Alles, was ich auf die Reise nach Berlin mitnahm. Weib und Kind ließ ich noch für einige Wochen in Hamburg zurück und nahm Abschied von meinem zweifenstrigen trauten Idyll an der Dammthorterrasse, wo ich so angestrengt gearbeitet hatte und so glücklich gewesen war, daß ich mir eigentlich nichts Besseres gewünscht hatte. Es <a class="pageref" name="page152">152</a> war kein fröhliches Scheiden, denn es war doch zugleich ein Trennen von der Vaterstadt und von dem, was ich mir mit großer Mühe aufgebaut hatte, wenn der Bau auch kein stolzer genannt werden konnte. Ich empfand so recht die Wahrheit des Dichterwortes: »Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen.« Wohl eröffnete sich mir eine pecuniär bessere Stellung, aber indem sich mir nun die lang gewünschte bot, dachte ich auch daran, daß sie viel mehr von mir fordern würde, und daß ich, wenn ich ihr Schuldner bliebe, einen Schritt gethan hatte, den ich bereuen mußte.</p><p>Kopfüber stürzte ich mich in die Arbeit. Ich habe schon erwähnt, daß ich drei Witzblätter zu redigiren fand. Die erste Wespennummer war natürlich weder nach meinem, noch nach der Leser Geschmack. Probenummern taugen bekanntlich niemals etwas. Meine Collegen werden mir das bestätigen. Wenn der Journalist ein Musterblatt herstellen soll, dann leistet er in vollkommenster Weise das Gegentheil. Er kann nur eine vollgültige Probe seines Könnens liefern, wenn er beim Arbeiten nicht daran denkt, daß er etwas Außerordentliches leisten soll. Es ist mir in meiner langen Praxis noch niemals die Probenummer einer neuen Zeitung vor Augen gekommen, welche auch nur annähernd gelungen war und dem Leser genau zeigte, was die Redaction beabsichtige. Jedenfalls ist ihr dies dann später im Eifer <a class="pageref" name="page153">153</a> der regelmäßigen Arbeit mit mehr Erfolg geglückt. Der Journalist ist kein Gastspieler, er leistet das Beste nur dann, wenn er kein Meisterstück liefern soll.</p><p>Die Befangenheit des Debütanten vor einem großen, neuen und namentlich durch den »Kladderadatsch« anspruchsvoll gewordenen Publikum war anfangs nicht gleich loszuwerden, und statt in dem Ton fortzufahren, den ich in der Schreiberkehle hatte und der zwar »klein, aber mein« war, strengte ich mich an, suchte ich Noten zu fingen, bis zu welchen meine Stimme nicht reichte. Das ist nicht blos für den Sänger ein dummer Fehler. Bald aber fand ich mich zurecht, und ich sang, wie mir der Schnabel gewachsen war. Nun ging's. Die Wespen wurden rasch populär. Die politische Satire erfreute sich noch der allgemeinen Gunst, welche ihr auch bis zu dem Moment treu blieb, wo nach dem deutsch-französischen Kriege die Loyalität hereinfluthete, unter der Bismarck'schen Herrschaft keine selbständige Meinung zum Ausdruck zu gelangen vermochte und jede freimüthige Kritik der Regierungshandlungen für Vaterlandsverrath, oder doch als der Versuch galt, das geeinigte Reich vor dem Auslande herabzusetzen und es in dem Bestreben, sich fest zu verankern, schadenfroh zu stören. Ein politisch-satirisches Blatt kann nur gedeihen, wenn die Majorität des Volkes aus Unzufriedenen besteht und die Regierung diese nicht <a class="pageref" name="page154">154</a> zu gewinnen sucht. Ich meine nicht etwa die Unzufriedenen, die den Dynamitunfug treiben oder von der Regierung die sofortige Gründung des Idealstaates und der Dynastie Liebknecht verlangen, sondern die vernünftig Unzufriedenen, welche eine liberale Luft athmen wollen. An dieser Luft fehlte es bekanntlich, und deshalb stand die politische Satire in großer Gunst. Dann und wann belebte die Polizei auch noch das Interesse durch eine Confiscation, wenn sie während der Lectüre des eingereichten Pflichtexemplars auf oder zwischen den Zeilen etwas Bedenkliches entdeckte. Das Bedenkliche brauchte durchaus nicht sehr bedenklich zu sein. Wenn der Herr Polizeipräsident nicht bei guter Laune war, so war leicht etwas bedenklich, sogar das Harmloseste. Dann wurde die ganze Auflage, jung und morgenschön daliegend, von Schutzmännern nach dem Molkenmarkt abgeholt und auf dem Transport so lieblos behandelt, daß sie dort in einem fragwürdigen Zustand eintraf, als hätte sie eine weite Reise zurückgelegt, und während des Lagerns in den heiligen Hallen der Behörde pflegte sie sich gewöhnlich nicht sonderlich zu erholen. Jedenfalls war sie Makulatur geworden, wenn sie nicht sofort wieder freigegeben wurde, was ich auch niemals erlebt habe. Ich hatte eine neue Nummer herzustellen, aus der ich das als bedenklich Bezeichnete durch etwas Harmloses ersetzte, und wartete dann ziemlich <a class="pageref" name="page155">155</a> unruhig den Preßproceß ab, oder die Auflage wurde wieder freigegeben, und dann hatte der Herr Verleger für einige Zeit Ueberfluß an Makulatur zum Einpacken: ein dürftiger Trost für die Kosten, welche die Herstellung der zweiten Auflage verursacht hatte.</p><p>Ich lebte mich rasch wieder ein. Wer sich in Berlin nicht schnell heimisch zu fühlen vermag, wird sich auch nicht langsam mit dieser Stadt befreunden und ist entweder ganz Kleinstädter, oder in seine eigene Vaterstadt so verliebt, daß er sich überhaupt niemals an einen anderen Aufenthalt gewöhnen wird. Ich kenne keine Stadt, welche wie das damalige Berlin unter allerlei unheilbaren Vorurtheilen zu leiden hatte. Auch heute noch – heute freilich mit stolzer Gleichgültigkeit – muß Berlin die seltsamste Kritik über sich ergehen lassen. Ich hatte selbst vor einiger Zeit das Vergnügen, mit eigenen Ohren eine solche Kritik von einem alten Bekannten zu vernehmen, den ich in Berlin herumführte. Er war aus einem Städtchen gekommen, dessen Pflaster wie eine große Menge von versteinerten Maulwurfshügeln aussieht und, wenn Mondschein im Kalender steht, verfassungsmäßig am Petroleum spart, bis zu welchem die Straßenbeleuchtung sich endlich aufgeschwungen hat. Dieser Mann ging mit mir um 11 Uhr Abends durch die Leipziger Straße und stand plötzlich still, um mir, sich mißvergnügt umschauend, mit einem <a class="pageref" name="page156">156</a> Ausdruck des aufrichtigsten Mitleids zu sagen: Ich finde Eure Straßen dunkel.</p><p>Berlin rüstete sich nach den glorreichen Ereignissen des Jahres 1866, um in die Stellung einzurücken, die ihm zugedacht war, aber die Entwickelung ging in langsamem Tempo vor sich. Die Presse folgte bedächtig nach. Ihr Verein, der heute eine Macht ist, war noch klein und ohne Einfluß. Man kannte und nannte ihn kaum. Seine Sitzungen waren eigentlich nichts als Vereinigungen zum Biertrinken, zu welchem man über ziemlich unerhebliche Vereinsangelegenheiten harmlos und langweilig debattirte. Der Verein wurde von keiner ernsten Frage beunruhigt, und tauchte einmal eine solche auf, so wurde sie von dem Präsidenten, <i>Alexis Schmidt</i>, dem wackeren Leiter der Spener'schen Zeitung, der seine Ruhe über alles liebte, mit sanften Worten aus dem Wege geräumt, und dann ließen sich die Mitglieder sehr befriedigt wieder die Seidel füllen. Man amüsirte sich in guter Collegialität, die Politik und die literarische Clique spielten keine Rolle, wie heute, wo dieselben aus den Männern von der Feder die feindlichen Brüder gemacht haben, die kaum noch Brüder genannt werden können, sondern sich mit zweischneidigen Worten befehden, welche am allerwenigsten zu den ehrlichen Waffen gehören. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zerfleischten sich die <a class="pageref" name="page157">157</a> Journalisten noch nicht in politischen Scharmützeln und verbrauchten die Schriftsteller noch nicht ihre Kraft in dem Jagen nach dem »Modernen«. Jeder leistete ungestört in seinem Fach, was er leisten konnte, der Distanzritt zwischen einer Sensation und der andern, welcher nichts als eine rücksichtslose Pegasusschinderei ist, existirte noch nicht, und noch wurde nicht jeder redlich errungene Erfolg von allen Seiten angefochten, verkleinert oder gar gänzlich in einen Mißerfolg umkritisirt.</p><p>Klein war die Zahl der Tagesblätter wie der Theater, und sie befriedigte die Ansprüche des Publikums vollkommen. Niemand verlangte nach einer Vermehrung, und so gedieh das, was vorhanden war. Die Blätter waren nicht zu außerordentlichen Kraftanstrengungen genöthigt, um, wie heute, einer marktschreierischen und preisdrückenden Concurrenz gegenüber etwas Athem zu behalten, und die Theater hatten nicht nach unkünstlerischen Mitteln zu suchen, um sich vor dem Krach zu schützen. Der Krach war noch kein geflügeltes Wort, noch kein leicht zu prophezeiendes Ereigniß. In der Presse genügte noch nicht der große Mund, um eine Stimme zu haben, und es existirte daher noch keine Zeitschrift, welche kein anderes Programm hatte als die Verunglimpfung, die wöchentlich an drei oder vier ehrenwerthen Persönlichkeiten zu vollstrecken war, wenn ein vom <a class="pageref" name="page158">158</a> Skandal entzücktes Lesepublikum zum Kaufen animirt werden sollte. Noch fanden junge Leute, welche wenig mehr als die Mache der Boulevardpresse gelernt hatten, keine Verleger, denen das Brod schmeckte, das ihnen das Ehrabschneiden ihrer Radauredakteure in die Zeitungsbuden schaffte.</p><p>Ich habe in der ersten Zeit meines Berliner Aufenthalts wie Jeder, der in einen neuen Wirkungskreis tritt und nicht zu den Weltkundigen und Schlauen gehört, Lehrgeld zahlen müssen, darunter manche Summe, die ganz nutzlos vergeudet war, die schmerzlichste, als ich mich trotz aller unerfreulichen Erfahrungen wieder in das Theater wagte. Dahin zog es mich merkwürdiger Weise mit unwiderstehlicher Gewalt, obschon ich längst hätte belehrt sein müssen, daß ich alles aufbieten mußte, um mich gegen diese Gewalt zu wehren. Nicht zehn Pferde hätten mich zu einer Arbeit für die Bühne heranziehen sollen, und es genügte ein Wink zweier reinlicher Männer. Reinlich, weil sie mit allen Wassern gewaschen waren.</p><p>Ein Herr <i>Dorn</i> trug »Die Eselshaut«, eine französische Feerie, zu Markte nach Berlin, um sie im Victoriatheater zur Aufführung bringen zu lassen. Mich zeichnete er im Namen des Herrn <i>Cerf</i>, des Direktors der genannten Bühne, durch den Auftrag aus, das Stück zu bearbeiten. Ich wußte diese Ehre leider zu überschätzen und machte mich an die Arbeit, die <a class="pageref" name="page159">159</a> ja weder eine angenehme, noch einen etwaigen Ehrgeiz befriedigende sein kann. Auf den Proben, denen ich beiwohnte, freute sich Herr <i>Cerf</i> immer ungemein, daß er den Herrn <i>Dorn</i> auf mich aufmerksam gemacht, und war Herr <i>Dorn</i> ebenso oft glücklich, daß er mich im Auftrag des Herrn <i>Cerf</i> mit der beschwerlichen Arbeit betraut hatte. Zwischen einem erfreuten und einem glücklichen Menschen zu stehen, das gewährte mir allerdings eine gewisse Genugthuung, aber bald hätte mir diese Situation eine bedeutend größere gewährt, wenn dies zufriedene Menschenpaar auch einen wenigstens etwas ausgebildeten Sinn für Tantièmen- oder Honorarzahlung gehabt hätte. Aber dieser schöne und nützliche Sinn war den Beiden von der Natur leider versagt. Als ich mich längere Zeit nach der ersten Aufführung, die am 22. Februar 1868 stattgefunden hatte, an Herrn <i>Cerf</i> mit der bescheidenen Frage wandte, wann er mir die redlich verdiente Tantième senden würde, gab er mir die Auskunft, daß ich mir die Antwort von Herrn <i>Dorn</i> holen solle, der mir doch den Auftrag ertheilt habe, und als ich nun Herrn <i>Dorn</i> dieselbe Frage vorlegte, wies dieser mich an Herrn <i>Cerf</i>, in dessen Namen er zu mir gekommen sei. Und nachdem ich dann eine Zeit lang zwischen Pontius und Pilatus hin und her gependelt worden war, gab ich das Rennen auf, und niemals habe ich einen Groschen für meine <a class="pageref" name="page160">160</a> Arbeit zu sehen bekommen, und ich gewöhnte mich allmählig daran, mich mit dem Vergnügen, während einer langen Reihe von Wiederholungen der Feerie täglich meinen Namen auf dem Zettel des Victoriatheaters an den Litfaßsäulen zu lesen, bezahlt zu machen, ein mäßiges Vergnügen für einen Mann, der seinen Namen auch ohne Hilfe der Herren <i>Cerf</i> und <i>Dorn</i> häufig genug gedruckt sah.</p><p>Diese unbeantwortete Lohnfrage mag für Manchen nicht das Recht in Anspruch nehmen dürfen, in einer Reihe heiterer Erinnerungen aufgezeichnet zu werden. Aber bei näherer Betrachtung wird man ihr doch eine heitere Seite abgewinnen. Es ist ja nicht heiter, wenn man gezwungen wird, umsonst zu arbeiten und mit einer höchst gerechten Forderung schnöde abgewiesen zu werden, aber die Thatsache, daß zwei Menschen in der gemüthlichsten Weise einem Dritten, der ihrem Wort zu vertrauen unvorsichtig genug war, das Honorar für eine ziemlich mühevolle Arbeit aberkennen, hat doch gewiß für Alle, die sich ein solches Wort schriftlich geben zu lassen pflegen, etwas Heiteres. Nur in diesem Sinne habe ich sie hier auch mitgetheilt. Ich übe augenscheinlich auf Leute, welche das Honorarzahlen lediglich als eine unverschuldete Kränkung ihrer Kasse betrachten, eine große Anziehungskraft aus, ich habe durch diese die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht, leider ohne sie mir als Warnung <a class="pageref" name="page161">161</a> nutzbar zu machen. Immer wieder stellte sich irgend ein industriöser Herr ein, veranlaßte mich zu einer Arbeit und ließ mir dann das Nachsehen. Ich habe mir in diesem Nachsehen eine nicht unbedeutende Praxis verschafft und brauche heute dazu keine Augengläser, während ich solcher beim Lesen und Schreiben leider nicht mehr entbehren kann. Wer nicht leicht den Humor verliert, wird ihn sich auch nicht von solchen Erlebnissen verderben lassen, und ich halte fest und treu die Wacht an meiner guten Laune und lasse sie mir nicht stehlen, weil ich meine, daß man sich von den Einbrechern nur das baare Geld entreißen lassen darf. Humor verloren, Alles verloren.</p><p>In anderer Weise nutzlos war eine Arbeit, welche ich in demselben Jahr, das mich mit der Eselshaut zudeckte, für das Theater lieferte. Ich übersetzte und bearbeitete für die Musikverlagsfirma <i>Fürstner</i>, welche heute eine der bedeutendsten Deutschlands geworden ist, das Textbuch der Operette von <i>Hervé: <tt>L'oeil crevé</tt></i>. Das leidlich verrückte Buch war von dem ausgezeichneten Componisten mit einem großen Reichthum an ungemein reizvollen, originellen Melodien ausgestattet worden, die ihm – er ist im Herbst 1892 gestorben – bekanntlich in Hülle und Fülle zuflossen, wie nur noch den Operettenmeistern <i>Offenbach</i>, <i>Lecocq</i> und <i>Strauß</i>. Die Arbeit interessirte mich, namentlich weil ich hoffte, <a class="pageref" name="page162">162</a> durch die Bearbeitung das Unsinnigste aus dem Libretto entfernen zu können. Die Soubrette des Originals lief nämlich im dritten, dem letzten, Akte mit einem Pfeil im Auge umher, den der bekannte Scharfschütze Amor auf sie abgeschossen hatte. Dieses Schauspiel war für Berlin unmöglich, obwohl es den Parisern sehr gefallen hatte. Ich brachte es durch sorgfältige Bearbeitung heraus und ersetzte es durch einen natürlichen Vorgang. Dann wurde die Operette unter dem neuen Titel: <tt>Fleur de Noblesse</tt>, dem Namen der von Fräulein <i>Lina Mayr</i> dargestellten Hauptrolle, im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater einstudirt, dessen Direktor <i>Deichmann</i> war, der, ein ehemaliger Holzhändler, sich wohl aus diesem Grunde auch für die Bretter, die die Welt bedeuten, besonders befähigt hielt. Dieser traute dem Original aber mehr Wirkung als der Bearbeitung zu und theilte mir auf der letzten Probe mit, daß er den Pfeil im Auge der Soubrette wieder hergestellt habe und sich denselben habe aus Paris kommen lassen. Dies goldene lange Geschoß Amors brachte den Eindruck, als sei es in das Auge des jungen Mädchens gedrungen, dadurch hervor, daß es in einem Ring steckte, den die liebevoll verletzte Dame um die Stirn befestigte. Das sah abgeschmackt aus und mußte die Zuschauer nervös machen. Ich freute mich sehr, als ich diese Scene geändert und damit alle Gefahr für die reizvolle <a class="pageref" name="page163">163</a> Partitur beseitigt hatte oder beseitigt zu haben glaubte. Aber, wie gesagt, der Herr Direktor hatte den Unsinn des Originals für eine Sicherung des Erfolges gehalten und ihn im letzten Augenblick wieder in seine pariser Rechte eingesetzt. Die erste Aufführung am 22. Mai 1868 hatte denn auch ein bejammernswerthes Schicksal. Als im letzten Akt Fräulein <i>Lina Mayr</i> mit dem Pfeil im Auge auf der Scene erschien, erhob sich im Publikum ein unerhörter Spektakel, und <tt><i>l'oeil crevé</i></tt> schloß sich für immer. Die graziöse Musik aber verklang im Staube des <i>Fürstner</i>'schen Etablissements; und der Herr Direktor <i>Deichmann</i> rief mir im vorwurfsvollen Tone zu: »Habe ick Ihnen nich jleich jesagt, det der ruppige Pfeil raus muß?«</p><p>Nein!</p></div><div class="chapter" id="chap012"><h3><a class="pageref" name="page164">164</a> XII.</h3><p class="initial">Der Zeichner der Wespen von der ersten Nummer derselben an war <i>Gustav Heil</i>, und er ist ihr einziger bis vor einigen Jahren, bis zu seiner bedauerlichen Erkrankung, geblieben. Da mußte er zu meinem und aller Freunde seines eminenten Talentes innigen Bedauern seine geniale, unermüdliche, originelle und von keinem seiner Fachgenossen auch nur annähernd erreichte Thätigkeit einstellen, und das tückische Leiden, das ihn überfiel, wird ihn leider verhindern, trotz der sorgsamsten Pflege, mit der ihn seine vortreffliche Gattin umgiebt, jemals wieder die Arbeit aufzunehmen, der er sich mit seinem sieghaften Witz und glänzenden Können gewidmet hatte.</p><p><i>Gustav Heil</i> ist geborener Berliner. Wir waren schon in den fünfziger Jahren, also lange vor meiner Uebersiedelung, gute Bekannte gewesen, wir wurden gute Freunde, als wir uns für die Wespen vereinigten. Er war nach eifrigen Vorstudien Genremaler geworden, wandte sich aber allmälig dem <a class="pageref" name="page165">165</a> Karikaturenzeichnen zu, für welche Kunst er durch seine unverwüstliche Laune, seine Begabung, Allem eine komische Seite abzugewinnen, seinen sprudelnden Witz und seinen Schatz von komischen Einfällen prädestinirt erschien. Es war mir stets ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten. Allwöchentlich kamen wir an einem bestimmten Tage in seiner Wohnung in der Ritterstraße zusammen und besprachen die Illustrationen für die nächste Wespennummer. Das war rasch geschehen. Ich machte ihn auf die politischen Ereignisse aufmerksam, welche ein allgemeines Interesse in Anspruch nahmen, oder zu nehmen schienen, und er fand dann flink die parodirende oder travestirende Gestaltung derselben auf, die er auch sofort – er legte während unserer Unterhaltung den Faberstift nicht aus der Hand – skizzirte. Der redaktionellen Pflicht war, wie gesagt, rasch genügt, und dann plauderten wir wenigstens noch eine Stunde. Während dieser Zeit wußte er so viel Komisches zu erzählen und dieses mit so graziöser und unerschöpflicher Laune vorzutragen, daß ich mich gewaltsam losreißen mußte, damit nur nicht der ganze Vormittag für die Arbeit verloren ging. <i>Heil</i> zeichnete mit einer geradezu erstaunlichen Raschheit, wie ich solche bei keinem seiner Kollegen wiedergefunden habe, und die seiner Sicherheit keinen Abbruch that. Er fertigte eine flüchtige Skizze an, und dann zeichnete er das Bild mit <a class="pageref" name="page166">166</a> verblüffender Fixigkeit auf die Holzplatte, die für den Xylographen bestimmt war. Und das ging in gleich flotter Frische bis über das Jahr 1886 hinaus, und dann wurde das Uhrwerk seines sonst so solide eingerichteten Daseins schadhaft, und der geistvolle und fröhliche Künstler wurde zur Unthätigkeit verurtheilt. Seit dieser Zeit weiß ich, daß seine Kraft eine unersetzliche ist. Ich brauchte <i>Heil</i> nur anzudeuten, was ich mir als Illustration dachte, und alsbald gestaltete er die Idee, und meist inhaltreicher, als sie mir vorgeschwebt hatte. Als ich ihm eines Tages mittheilte, daß ich für die Wespen den Kriegscorrespondenten <i>Wippchen</i> schriebe, und ihn bat, die Figur eines solchen, der über den russisch-türkischen Krieg, fern vom Schauplatz desselben, berichtete, zu zeichnen, war nach kaum zehn Minuten die Type geschaffen, welche seitdem so populär geworden ist, garnicht mehr anders gedacht werden kann und uns Beide überleben wird.</p><p><i>Heil</i> war auch ein origineller Schriftsteller, wie er ein origineller Zeichner war. Seine später zu einem Bande vereinigten Kritiken der Kunstausstellungen waren bei aller Sachkenntniß das Witzigste, das auf diesem Gebiet existirte. Niemals auch hat der Verein Berliner Künstler lustigere Feste veranstaltet als diejenigen, für welche <i>Heil</i> die Festspiele verfaßte. In diesen griff Heil mit überwältigender Komik ins <a class="pageref" name="page167">167</a> volle Kunstleben hinein, geißelte mit geistvoller Schärfe die in demselben herrschenden Mängel und riß auch die sich getroffen fühlenden Künstler zu dankbarem Jubel hin. Sein von Künstlern dargestelltes Festspiel »Die schöne Melusine« war ein Meisterwerk des Humors. Es ist mir unvergeßlich, und wenn mir heute seine drolligen Einzelheiten einfallen, so muß ich lachen. Ein Kunstmäcen hatte einen figurenreichen Makart erstanden, der eine Wand seines Salons füllte, in dem er eine Gesellschaft versammelt hatte, um von dieser dies Riesengemälde bewundern zu lassen. Da schlägt es zwölf, und die halb- und ganznackten Figuren des Bildes werden lebendig, verlassen den goldenen Rahmen und suchen sich nach langem Ruhen ein wenig zu zerstreuen. Nun finden sie auf einem Tisch des Salons das Prachtwerk: »Schwind's schöne Melusine«, und sie beschließen lustig, dieses Märchendrama darzustellen. War schon die Idee, dieses keusche Märchen von lebenslustigen Makartschen Figuren verkörpern zu lassen, höchst originell, so bot die Aufführung den übermüthigen <i>Heil</i>'schen Einfällen ein unbegrenztes Feld, und die Darstellung wurde denn auch von einem ununterbrochenen Gelächter begleitet. Mit <i>Heils</i> Festspielen ist die eigentliche Fröhlichkeit von den Festen des Vereins Berliner Künstler gewichen, die dann eine große Pracht in Aufzügen und Costümen entfalteten, aber nie wieder <a class="pageref" name="page168">168</a> so lustig gewesen sind, wie unter den erheiternden Lichtstrahlen des <i>Heil</i>'schen Humors.</p><p>Schon nach dem ersten Jahre unserer gemeinsamen Thätigkeit hatten wir uns so im Arbeiten ineinander gefunden und ergänzte und beschränkte derart einer den andern, daß wir eigentlich eine einzige Redaktionskraft bildeten. Wir brauchten bald kaum noch viel zu reden, um festzustellen, was wir für die nächste Nummer des Blattes brauchten. Wir bildeten in unserer Weise die siamesischen Zwillinge, und als wir eines Tages in einem photographischen Atelier waren, wurden wir auch als solche genau nach den damals in Berlin anwesenden, im Circus Renz sich zeigenden Wundergreisen dargestellt, nachdem Heil aus einem Exemplar der Wespen den jene Zwillinge verbindenden Strang nachgebildet und uns mit demselben geschickt verzwillingt hatte. Nun ist leider dieses Band zerrissen, und mit Wehmuth und Freude zugleich denke ich an die schöne Zeit einer Zweieinigkeit zurück, wie sie in den Werkstätten der geistigen Arbeit so selten gefunden wird.</p><p>Fast gleichzeitig mit mir war der Direktor des Zoologischen Gartens in Hamburg, Dr. <i>Alfred Brehm</i>, nach Berlin gekommen, berufen, hier das Aquarium zu gründen. <i>Brehm</i> war ein ausgezeichneter Zoologe, ein Gelehrter ohne eine Spur von Pedanterie, ein unbändiger Freigeist und <a class="pageref" name="page169">169</a> Demokrat, von dem ich nicht begreifen kann, wie der Kronprinz Rudolf von Oesterreich, den er als dessen Beirath bekanntlich auf einer großen Reise begleitete, mit ihm auskam, und ein ungemein liebenswürdiger Gesellschafter und bezaubernder Erzähler. <i>Brehms</i> Aussehen war das eines flotten Burschen, so eifrig das in seinem mächtigen Bart langsam auftauchende Grau gegen dies Aussehen zu protestiren geneigt schien. Trotzdem <i>Brehm</i> ungemein fleißig an seinen Büchern arbeitete, seinen Posten gewissenhaft versah und eine Reihe vielgelesener Wochenschriften mit populären Beiträgen versorgte, verbrachte er doch manche Abendstunde im heiteren Kreis, in dem er ganz gewiß nicht der Mindesttrinker war, und war fröhlich mit den Fröhlichen. Nur durfte weder ein politischer, noch kirchlicher Rückschrittler in seine Nähe kommen. Dann konnte er sehr unangenehm werden, da er nie in seinem Leben ein Blatt vor den Mund nahm und stets die Gelegenheit suchte, Farbe zu bekennen. Er sagte mir einmal: »Du weißt, daß ich ein passionirter Jäger bin, und wie unangenehm es mir ist, wenn mir auf dem Wege hinaus ein altes Weib begegnet, denn dann habe ich Pech. Wenn ich unterwegs aber einem Pfaffen oder einem Reaktionär begegne, dann kehre ich gewiß um.« Er übertrieb da, um seinem Widerwillen Luft zu machen, aber wirklich behandelte er Jeden, der seine freisinnigen kirchlichen und <a class="pageref" name="page170">170</a> politischen Anschauungen nicht theilte, als seinen persönlichen Gegner. Diese von aller seiner Herzensgüte nicht zu verdeckende Schroffheit seines Wesens, der ihm innewohnende Trieb nach Unabhängigkeit und eine unbezwingliche Wanderlust erklären es, daß er es nirgends, auch nicht in ehrenvollen und pekuniär glänzenden Stellungen, lange aushielt. Ich möchte sagen, daß er mehr Charakter hatte, als nöthig ist. Er verließ Berlin bald, unternahm große Reisen, hielt in aller Welt Vorlesungen und legte sich am 11. November 1884 zur Ruhe, zu früh für die Wissenschaft und seine vielen Freunde.</p><p>Bald nach meinem Eintreffen in Berlin hatte ich das Glück, <i>Karl Gutzkow</i> und <i>Berthold Auerbach</i> kennen zu lernen und dann durch ihre Freundschaft ausgezeichnet zu werden, und so sehr ich sie als Schriftsteller verehre, so bin ich dem Geschick dankbar dafür, daß es mich in die Nähe dieser hervorragenden Männer geführt hat. Sie standen noch in voller Kraft an der Spitze der deutschen Litteratur, – heute haben wir eine andere Litteratur, und also hat diese auch eine andere Spitze, – Beide durch große Erfolge belohnt, nach Verdienst anerkannt, aus derselben Zeit heraus und für dieselbe schaffend und doch in ihrem Wesen von einander geschieden: <i>Gutzkow</i> in sich gekehrt, düster, unzufrieden, pessimistisch niedergedrückt trotz der glücklichen Lage, in <a class="pageref" name="page171">171</a> der er sich befand, trotz der Verehrung, die ihn umgab, <i>Auerbach</i> heiter, lebenslustig, optimistisch in die Welt lächelnd, ganz befriedigt von seiner Popularität, trotzdem ihn der Mangel an Verständniß für seine Dichternatur, der ihm aus seiner Umgebung entgegenstarrte, kränken mußte. <i>Gutzkow</i> war verbittert, satirisch, schwer zugänglich, <i>Auerbach</i> zu Scherzen aufgelegt, wohlwollend, gesellig. In kleinen Zügen offenbart sich das Wesen eines Menschen oft überraschend klarer, als dem Studium des Beobachters es zu ergründen gelingt. So Gutzkows in der folgenden Anekdote. Ich befand mich eines Tages mit meiner Frau in einer Gesellschaft, in welcher sich auch <i>Gutzkow</i> mit seiner Gattin befand. <i>Gutzkow</i> führte meine Frau zu Tisch, ich saß ihm gegenüber neben der seinen, einer geistvollen Dame von großer Liebenswürdigkeit und Anmuth, die nicht minder als ihr berühmter Gatte durch ihr Gespräch zu fesseln wußte. Der Diener servirte den Braten, der in ziemlich gleiche Theile zerlegt war, und näherte sich mit seiner appetitlichen Last <i>Gutzkow</i>, der meiner Frau, als diese sich bediente, zuraunte: »Ich hatte ein besonders gutes Stück im Auge, und das hat natürlich Ihr Nachbar zur Linken genommen. So geht es mir aber immer im Leben.« Obschon er der litterarischen deutschen Welt mit Recht als Führer galt, so hielt er sich doch für zurückgesetzt und um die ihm <a class="pageref" name="page172">172</a> gebührende Anerkennung empfindlich gekürzt. Viel von dieser Stimmung verschuldete auch wohl manche Unfreundlichkeit, an der es die Kritik nicht fehlen ließ, die aber dem Glanz seines Namens keinen Schaden zufügen konnte. So schrieb er mir aus Wieblingen bei Heidelberg am 16. Mai 1874 zu dem 2. Bande seiner gesammelten Werke: »Die ganze Ausgabe wird vom Journalismus ignorirt. Die günstige Gelegenheit habe ich nicht, mir bei <i>Julian Schmidt</i> einen Essay für die Allgemeine Zeitung zu bestellen. Daß ich krank war und noch weit mehr bin, wissen Sie, das Erste von meiner Frau, die in Ihrem Hause dankenswerthe, angeregte Stunden verlebte, das Letzte vielleicht aus den Zeitungen. Manchmal scheint mir (und ich habe das schon Manchem meiner Bekannten und Freunde geschrieben) eine zu schwache Dosis Strychnin gegeben worden zu sein, vielleicht von einem oder einer, die der Rutenberg'schen Aufforderung, »Gift für mich in der Apotheke zu kaufen«, gefolgt sind. Nie habe ich die Berliner geistlos genannt, wie konnte mir das beikommen, da sie dessen manchmal nur zu viel haben! Nur diejenigen Leserinnen der Bibliotheken, die von einem Roman des Fräulein Rutenberg entzückt sind, nannte ich so oder ähnlich. Dafür wird man jetzt in Berlin, ohne Dazwischenkunft des Staatsanwalts, zum Todtgeschlagenwerden empfohlen, weiß auch Volksküchenpersonal und höhere <a class="pageref" name="page173">173</a> Nähschulen dafür zu interessiren! Ich gestehe Ihnen, daß mir manchmal Berlin nicht spanisch, sondern amerikanisch vorkommt.«</p><p>Rasch reißt er sich dann aus dieser trüben Stimmung und schreibt: »Wenn Sie eine Erholungsreise in die Schweiz machen, so nehmen Sie Relais in Heidelberg und übernachten in Wieblingen. Unser Park, der mir allein gehört (miethsweise), ist sehenswerth. Vor einer Pfälzer, speziell Wieblinger Cigarre sollen Sie beim Durchwandern sicher sein. Aber ich lebe mitten in unserer nationalen Tabakcultur, alle Dächer um mein Haus herum sind zum Trocknen des narkotischen Krauts bestimmt.« Auch seine späteren Briefe an mich sind zugleich liebenswürdig und scharf. In einem solchen vom Oktober 1877 aus Sachsenhausen nennt er Heidelberg eine unausstehliche Professorenstadt im Gegensatz zu dem »urwüchsigen Aepfelweinstädtchen« und fragt: »<i>Wehrenpfennig</i> werden Sie sich doch nicht entgehen lassen?« (W. war eben in das Handelsministerium berufen worden.) »Einen eklatanteren Beweis für das Streberthum der Nationalliberalen kann es nicht geben. Ein Skandal für Deutschland!«</p><p>Aber so tief verstimmt <i>Gutzkow</i> oft gewesen, so bezaubernd wirkte sein Humor, wenn sich diesem sein mächtiger Geist, wie um vom Denken und Grübeln über große schriftstellerische Pläne auszuruhen, <a class="pageref" name="page174">174</a> zuwandte. So erinnere ich mich des Abschiedsabends, den der Verein Berliner Presse dem scheidenden Freunde <i>Guido Weiß</i>, der nach Frankfurt a. M. übersiedelte, veranstaltet hat. <i>Gutzkow</i> hielt, während er dann und wann einen Blick in die vor ihm liegende Rede des Polonius warf, an den Scheidenden eine Ansprache, die eine Parodie der Worte, die Polonius seinem Sohne mit auf die Reise giebt, bildete: weise Lehren für den Schriftsteller im Verkehr mit dem Verleger. Der bitterste Ernst, aus eigenen Erfahrungen gesammelt, wurde dabei in den pointirtesten humoristischen Tönen laut, und die wuchtigste Polemik sprach aus scheinbar harmlosem Witz. Ich habe <i>Gutzkow</i> nie wirksamer als bei dieser Gelegenheit reden gehört.</p><p><i>Auerbach</i> war sich seines Werthes bewußt und freute sich seiner großen Popularität. Er sagte mir einmal: Gutzkow betrachte allen literarischen Ruhm als ein für ihn allein aufgelegtes Fäßchen, aus dem sich kein Anderer das Glas füllen dürfe. Das gefiel ihm nicht, jeder sollte seinen Durst löschen. Und das that er denn auch mit der ganzen Naivetät seiner dichterischen Natur. Ich sah ihn einmal in einem Kreise junger Damen, denen er eine ganz besonders große Auszeichnung zugedacht hatte: er holte mehrere Zehnpfennigstücke hervor, kratzte auf dieselben seinen Namen, so gut es ging, und verteilte sie. Man <a class="pageref" name="page175">175</a> kann sich nichts Naiveres denken. Als <i>Schneegans</i>, der nach dem großen Kriege vielgenannte elsässische Publizist, Abschied von seinen Berliner Freunden nahm, um in Straßburg die Leitung des Elsässer Journals zu übernehmen, erhob sich <i>Auerbach</i> an der Abschiedstafel, um einen Toast auf den Scheidenden zu sprechen. Da geriet dieses Toastes Ernst in nicht geringe Gefahr, als <i>Auerbach</i> plötzlich zu einer musikalischen Illustration griff, indem er das alte Lied: »O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt!« zu singen begann. Wir sahen uns ganz bestürzt an. <i>Auerbach's</i> Stimme gehörte zu denjenigen, die <i>Seume</i> nicht gemeint haben konnte, als er ein ruhiges Niederlassen da, wo man singet, dringend empfahl, sie schien mehr dazu angethan, Straßburg in seinen Grundvesten zu erschüttern, als die Wunderschönheit dieser Stadt zu preisen. Aber <i>Auerbach</i> hätte das niemals zugegeben, er war sich »zugleich ein Sänger und ein Held«, und als er geendet hatte, schien er überzeugt, nicht nur wirklich schön gesprochen, sondern uns auch einen üppigen Ohrenschmaus bereitet zu haben.</p><p>Aelter als diese beiden Großen, der letzte Zeuge der klassischen Zeit, von der er viel zu singen und zu sagen wußte, und doch fröhlich und lebensfreudig in der Neuzeit angekommen, war <i>Karl von Holtei</i>. Er war ein Mann von mehr als siebzig Jahren, <a class="pageref" name="page176">176</a> als ich ihn kennen lernte, aber man sah sie ihm nicht an, seine hohe Gestalt war ungebeugt, und sein weißgewordener mächtiger Schädel schien, wenn man in den Glanz seiner guten milden Augen sah, der durch irgend einen Zufall entfärbte eines Jünglings zu sein. <i>Holtei</i> hatte für die Jugend geschrieben und war selbst im Innern jung geblieben. Sein ruheloses Wanderleben hatte ihn nicht müde gemacht, man sah ihm den Verfasser der »Vagabunden« und des »Christian Lammfell« an. Ich hatte mir, als ich seine »Vierzig Jahre« las und für den Dichter schwärmte, der so viel erlebt hatte und davon so fesselnd zu plaudern wußte, <i>Holtei</i> ganz anders vorgestellt, als ich ihn dann gefunden habe. Ich dachte mir einen Mann, der in die Gegenwart nicht mehr hineinpaßte, bereit war, eine ihm fremd gewordene Welt zu verlassen, oder nur noch widerwillig in ihr lebte, und sah nun einen mit großer Freude und starker Zähigkeit ihr Angehörenden, der nur nicht mehr schrieb, weil er meinte, daß er alles gesagt habe, was er zu sagen wußte. Er sagte einmal zu mir: »Was ich noch schreiben könnte, ist nicht viel, das kann ich Ihnen alles mündlich erzählen.« Und doch wußte er mündlich noch sehr viel und dies mit dem berühmten sonoren Organ mitzutheilen. Er sprach von den Weimarer Goethetagen, und das klang mir wie aus einer Märchenzeit heraus, dann aber kehrte <a class="pageref" name="page177">177</a> er sich plötzlich und mit demselben lebhaften Interesse der Gegenwart und deren Leistungen und Erscheinungen zu und freute sich, daß man ihn noch kannte, las und daß man noch seine Stücke aufführte. Und das geschah alles mit einer Bescheidenheit, die wahrlich keine künstliche war, es war die eines Dichters, der in der großen Zeit der Litteratur gelebt und damals sich daran gewöhnt hatte, in zweiter oder dritter Reihe zu stehen. Mit großem Vergnügen lese ich dann und wann die Briefe wieder, die er mir geschrieben hat. Es spricht aus denselben die größte Liebenswürdigkeit und Lustigkeit, selbst noch aus dem letzten vom 2. Oktober 1871, der mit den Worten schließt: »Ihre Aufforderung: mich noch einmal, vor der allerletzten Reise, auf die Reise gen Berlin zu wagen, erklingt tauben Ohren . . . . . Kein Tag ohne Schmerzen, keine Nacht ohne Opium. <i>Lindau</i> verspottete mich neulich durch die elegante Feder seines Sekretärs wegen meiner <i>eingebildeten</i> Leiden, denen meine Lebhaftigkeit im geselligen Verkehr widerspräche. Dazu zwinge ich mich. Soll ich Andere entgelten lassen, was ich im Stillen erdulde?« Dieser Brief ist unterzeichnet: »Der Alte von den drei Bergen.«</p></div><div class="chapter" id="chap013"><h3><a class="pageref" name="page178">178</a> XIII.</h3><p class="initial">Wie in Deutschland alle Korporationen – vielleicht mit alleiniger Ausnahme der der Nachtwächter – ihren »Tag« haben, so auch die Journalisten. Der Journalistentag war immer eine sehr vergnügliche Einrichtung. In jedem Sommer wurde er nach irgend einer Stadt berufen, deren Zeitungsredaktionen dann die Wirthe machten, indem sie für die aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs ankommenden Mitglieder des Journalistentages allerlei Unterhaltungen vorbereiteten, wie es Pflicht und Aufgabe guter Wirthe ist. Es waren Diners, Theatervorstellungen und Ausflüge arrangirt, und die damals noch nicht verstaatlichten Eisenbahnen erleichterten durch gentile Fahrpreisermäßigungen den Besuch, zu welchem sich der Journalist, von Herzen froh, der redaktionellen Zwangsarbeit auf einige Tage unter dem Vorgeben enthoben zu sein, etwas für die Interessen des Standes zu thun, gerne entschloß. Man nannte das: die Fahne hochhalten, und dieses Hochhalten <a class="pageref" name="page179">179</a> bestand darin, daß in einigen Vormittagssitzungen Reden gehalten und Beschlüsse gefaßt wurden, die auszuführen wir keine Macht hatten, was dann regelmäßig an der sich an die Sitzung anschließenden, meist sehr lustigen, von Liedern, Toasten und Wein triefenden Tafel aufrichtig bedauert wurde. Trost spendete gleichzeitig die erfreuliche Thatsache, daß wir uns wenigstens einige Tage Ferien gemacht und uns ganz vortrefflich unterhalten hatten. Etliche Kollegen hatten sich auch für diese wenigen Tage nicht von ihren Damen trennen können, oder diese waren zu liebevoll, um den Gatten oder Bruder den Gefahren einer Vergnügungstour rücksichtslos preiszugeben, und so erfreute sich denn der Journalistentag stets einer bunten Reihe. Zugleich bildeten die Damen, welche den Sitzungen nicht beiwohnten, eine Kraft, welche die Debatten indirekt abkürzte, ohne ihnen eigentlich zu schaden, denn unsere Verhandlungen, so ernsthaft parlamentarisch sie thaten, bestanden aus resultatlos verhallenden Reden zu gar nicht so ernst gemeinten Anträgen und Vorlagen. Die Beschlüsse wurden sorgfältig protokollirt, und damit waren sie auch erledigt, oder ein Beschluß war nicht zu Stande zu bringen, dann wurde, was mit Vorliebe geschah, der Gegenstand der Tagesordnung mit Begeisterung dem nächsten Journalistentage opferfreudig überlassen. Die Gerechtigkeit <a class="pageref" name="page180">180</a> fordert, den Debatten das ehrende Zeugniß auszustellen, daß sie dem eigentlichen Zweck der Journalistentage, der Unterhaltung, in keiner Weise hinderlich gewesen sind.</p><p>Im Juli 1870 fand in Frankfurt a. M der Journalistentag statt. Er erfreute sich dort seitens der Stadt und unserer Kollegen einer liebenswürdigen Aufnahme; sein Präsident war <i>Leopold Sonnemann</i>, bekanntlich ein geschulter Parlamentarier, dessen Blatt, die »Frankfurter Zeitung«, sich damals zu der einflußreichen Stellung eines Weltblatts erhob, und dessen Geschicklichkeit und gesellschaftliches Talent dem Verlauf unserer Debatten und Zerstreuungen äußerst förderlich waren. Wir theilten denn auch unsere Zeit sehr weise ein, indem wir etwa zwei Stunden des Tages den Debatten und die übrigen den Zerstreuungen widmeten. Da fuhr zwischen uns, ein Blitz aus heiterer Julihöhe, die erste Nachricht von dem Beginn der großen Ereignisse, welche Europa umgestalten sollten. Am 6. Juli waren in der Pariser Deputirtenkammer von den Ministern Ollivier und Gramont die verhängnißvollen Reden gegen die spanische Thronkandidatur des Erbprinzen von Hohenzollern gehalten worden.</p><p>So harmlos diese Nachricht im ersten Moment aussehen mochte, die Journalisten sahen in ihr doch mehr und damit die Aufforderung, schleunigst ihre <a class="pageref" name="page181">181</a> Redaktionen aufzusuchen. Sie hatten das richtige Gefühl für die Bedeutung dessen, was da begann, so wenig sie wie die ganze Welt ahnen konnten, daß sich aus dem unbedeutenden politischen Vorgang Welterschütterndes, eine neue Geschichte des deutschen Reichs entwickeln würde. Der Journalist sieht es jeder ihm zukommenden Nachricht, ohne lange an ihr herumzustudiren, sofort an, ob sie wichtig oder unwichtig ist, er weiß auf den ersten Blick, ob sie ihm was zu arbeiten bringt oder nicht. Schon die erste Nachricht aus Paris – wir waren gerade im besten Rheinweintrinken – veranlaßte ihn, ohne Aufenthalt seine Siebensachen in den Koffer zu werfen und abzureisen. Er war sofort, um das damalige <i>Leboeuf</i>sche Wort anzuwenden, <tt>archiprêt</tt>, und man kann sagen, daß seit jenen Tagen eine sich stetig vermehrende Zeitungsarbeit begann, ja, daß damals in Deutschland das eigentliche Leben in die Journalistik kam, das seitdem fortwährend gewachsen ist.</p><p><i>Friedrich Stoltze</i> hatte mich auf den Bahnhof begleitet. Man kennt ihn als Redakteur der »Frankfurter Latern« und als einen Poeten, dessen Dialektdichtungen in ganz Deutschland geschätzt werden. Echt wie sein Talent war auch seine demokratische Gesinnung, welcher er bis an sein Lebensende treu blieb. Die Annexion Frankfurts hat er nie verwunden, und sie machte ihn zu einem unerbittlichen <a class="pageref" name="page182">182</a> Gegner Preußens, und er blieb dies auch, als Preußen an die Spitze Deutschlands getreten war. Er war durch und durch Lokalpatriot, ein Typus, wie ihn nur Deutschland kennt. Erst kam Frankfurt, dann die Welt. In die bekannt gewordene Strophe in seinem Gedicht »Frankfurt«:</p><p class="vers">Es is kää Stadt uff der weite Welt,<br/>
      Die so merr wie mei Frankfort gefällt,<br/>
      Un es will merr net in mein Kopp enei:<br/>
      Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!</p><p class="leftjust">war seine ganze Liebe ergossen. Gewiß träumte er manchmal einen Globus von Frankfurt, und oft genug hat er mir gesagt, daß es ganz ernst wäre, was er in heiterm Tone von seinem Frankfurt gesungen. Das war kein eigensinniger Partikularismus, sondern der Patriotismus des guten Herzens, und ich habe den wackeren Kollegen auch wegen dieser schönen Begeisterung lieb gehabt.</p><p>Berlin war ernst und still. Kein Wort wurde laut, welches sich wie Chauvinismus anhörte oder kriegslustig klang. Viele glaubten noch nicht an den Krieg, keiner fürchtete ihn, Niemand wünschte ihn herbei, Jeder hoffte noch auf ein Vorüberziehen der drohenden Wolken. Gerade in dem Moment, als der Krieg so nahe war, zeigte es sich, daß Deutschland den Frieden liebte und, so furchtbar gerüstet es auch dastand, und wie furchtlos es auch dem <a class="pageref" name="page183">183</a> stärksten Angreifer entgegensah, ein Feind des Krieges war. Als dann aber der König am 15. Juli aus Ems nach Berlin zurückkehrte und sich die Nachricht, er habe auf dem Bahnhof zu Brandenburg die Mobilmachungsordre unterzeichnet, wie ein Lauffeuer durch die Hauptstadt verbreitet hatte, und als nun alle Hoffnungen und Befürchtungen von der dröhnenden Thatsache verdrängt wurde, da fügte sich Alles schnell in das Unvermeidliche, dachte nur an die Ehre des Vaterlandes und sah entschlossen und opferfreudig in die kommenden Tage.</p><p>Mit dem König zogen der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke, die ihm bis Brandenburg entgegengefahren waren, in Berlin ein. Es war, als habe sich die ganze Einwohnerschaft unter den Linden zum Empfang eingefunden. Hier hörte ich zum ersten Mal die Wacht am Rhein, welches Lied die Massen ahnungsvoll anstimmten. Der König und seine Begleiter, von donnernden Hurrahs empfangen, grüßten ernst und auf das Tiefste ergriffen. Keinen Augenblick ruhten die stürmischen Kundgebungen der vor dem Palais versammelten Menge, bis ein Adjutant des Königs erschien und das Publikum aufforderte, sich zu entfernen, der König habe zu arbeiten. Nach einigen Minuten war der Platz vor dem Palais still und menschenleer, und in dem königlichen Hause beriethen der Monarch und seine bewährten <a class="pageref" name="page184">184</a> Freunde, was zu geschehen habe. Das Publikum konnte sich ruhig entfernen, es wußte, daß Alles, was beschlossen wurde, dem Schutz und der Ehre des Vaterlandes galt.</p><p>Wer in diese große Zeit mit patriotischem Herzen und offenem Auge hineingeblickt hat, wird die Eindrücke, die er empfangen, unverändert in sich bewahren. Wir haben ernste und erschütternde historische Ereignisse fern von uns und in unserer Nähe sich gestalten sehen, die uns, wie nie vorher geschehen, erhoben und uns mit bis dahin unbekannten Gefühlen des Stolzes erfüllt haben, da sich schöne Träume verwirklichten, die längst verschollen schienen. Es fehlte aber auch mitten in diesen gewaltigen geschichtlichen Begebenheiten an heiteren Episoden nicht.</p><p>Als der Krieg losbrach, befanden sich viele Berliner Familien bereits in der Sommerfrische. Da wurde denn der Rückzug in die Hauptstadt allgemein, ohne daß er rasch und bequem ausgeführt werden konnte. Es gab Aengstliche, die früher als die Franzosen in Berlin sein wollten, und namentlich Frauen, welche mit den Kindern, aber ohne Gatten in die Fremde gezogen waren, bestürmten den in Berlin zurückgebliebenen Strohwittwer mit telegraphischen und brieflichen Vorwürfen, daß sie nicht zeitiger zum Aufbruch ermahnt worden seien, um mit dem Gatten und Vater vereint den häuslichen Heerd vertheidigen <a class="pageref" name="page185">185</a> zu können. Jetzt war die Hauptstadt nicht zu erreichen, da die Eisenbahnen nur Militärzüge beförderten. Erst allmälig trat die alte Ordnung an die Stelle des unvermeidlichen Wirrsals, und die Eintreffenden waren nicht wenig überrascht, als sie Berlin ruhiger fanden, als die kleinen Ortschaften der Sommerfrische gewesen waren. Berlin hatte sich rasch wieder zurecht gefunden, der Volkswitz war sogar noch schneller wieder zu Wort gekommen. Er nannte den Sohn Napoleons einen Kegeljungen, als der unglückliche Vater über ihn berichtet hatte, er habe bei Saarbrücken einige Kugeln mit tapferer Hand aufgehoben. Als die Nummer der »Wespen« vom 15. Juli das Bild brachten, aus welchem der Mobile auf die französischen Kriegsschreier wies und die Worte sprach: »Jetzt weiß ich endlich, was dem geehrten Nachbar fehlt: ihm hat lange die Nase nicht geblutet!« ein Bild, das mir die Pariser Presse sehr übel nahm und lange nicht verziehen hat, erhielt ich eine Visitenkarte des alten <i>Wrangel</i>, auf welche der populäre Kriegsmann mit Bleistift geschrieben hatte: »Meinen Glück Wunsch zu den treffenden Witz in Nr. 29. <i>Gr. Wrangel</i>, Feldmarschall.« Die eintreffenden Siegesdepeschen wurden, bevor sie an den Litfaßsäulen erschienen und jedesmal einen Volksauflauf verursachten, in den Wirtshäusern unter weithinschallenden Ovationen verlesen. Das gab <a class="pageref" name="page186">186</a> denn regelmäßig überall eine mächtig feuchte Festlichkeit. Und als ich dann meinen Muckenich einen Brief an die Kriegshelden veröffentlichen ließ, der ihnen die Drohworte seiner Frau übermittelte: »Dir siejen sie ooch noch das Dellirjum tremens an den Hals!« und sie daher bat, nicht mehr als zwei Siege täglich melden zu lassen, da nahmen einige Blätter außerhalb Berlins diesen Brief ganz ernst, indem sie meldeten, der Kronprinz habe wirklich ein solches Schreiben erhalten und seinen Offizieren mitgetheilt, und es ist denn auch später in einem Werk über den Volkshumor abgedruckt worden. Viel zu lachen gab auch die tolle Absicht eines Fräulein <i>Minna Hänsel</i>, ein Amazonencorps zu bilden und gegen den Feind zu führen. Sie beweist, daß es auch auf unserer Seite nicht an allerlei burlesken Einfällen fehlte, nur mit dem Unterschiede, daß die diesseitigen nicht aus der Angst oder der Wuth entstanden, wie in Paris, wo der Vorschlag, die wilden Thiere des Zoologischen Gartens auf den sich nähernden Feind zu hetzen, genau so parodistisch klang, wie die Manifeste Victor Hugo's sich wie Parodien lasen. Als die ersten Siegesnachrichten aus Frankreich eintrafen, verschwanden hier auch die harmlosesten Symptome der großen Hitze, welche einige Köpfe ergriffen hatte, und selbst die »unter der Uniform tragbaren und auf Kernschußweite <a class="pageref" name="page187">187</a> undurchdringlichen Panzerhemden« suchte man bald vergeblich unter den Inseraten. Als charakteristisch für die Ruhe, mit welcher das Volk von Berlin bald trotz der inneren Erregung den Ereignissen gegenüberstand, sei das Folgende mitgetheilt. An einem schönen Augusttage war die Ankunft der ersten gefangenen Turkos und Zuaven gemeldet worden. Die merkwürdigen fremden Soldaten, über welche immer viel Fabelhaftes verbreitet worden war und denen eine Hauptrolle in dem sich abspielenden Kriegsdrama zugedacht schien, interessirten die Berliner auf das Lebhafteste, und in hellen Haufen strömten die Neugierigen nach dem Askanischen Platz, auf welchem damals noch die Schienen der Verbindungsbahn lagen. Ich hatte mir eine Droschke genommen, die mich an die Ecke der Anhaltischen Straße brachte, an welcher der Zug vorüberfahren mußte. Bald erschien derselbe. In offenen Güterwagen saßen und standen, bewacht von preußischen Soldaten, deren Waffen und Helme bekränzt waren, die armen Gefangenen in ihren bunten, fast theatralischen Kostümen, weniger betrübt, als man erwartet hatte, in die staunende Menge blickend, welcher sie aber gar nicht imponierten, so martialisch die mit dem rothen Fez bedeckten Köpfe aussehen mochten. Mein Droschkenkutscher zeichnete diesen Eindruck durch vier kurze Worte, indem er sich zu mir umdrehte und <a class="pageref" name="page188">188</a> ganz ernst sagte: »<i>Die dhun uns nischt!</i>« Man kann sich kein vernichtenderes Urtheil über diese Soldaten denken, von denen der französische Chauvinismus so viel Abenteuerliches und Romantisches verbreitet und so viel unwiderstehliches Heldenthum für den begonnenen Krieg angekündigt hatte.</p><p>Wie Berlin den Sedantag feierte, das ist oft beschrieben worden. Wer ihn erlebt hat, wird sagen müssen, daß keine dieser Schilderungen auch nur ein annähernd ähnliches Bild dieses großen Tages herstellt. Von der Stimmung, in welche Berlin von der überraschenden Depesche des Königs versetzt worden ist, kann man mit Recht sagen, was so oft und unzutreffend bei anderen Gelegenheiten zum bequemen Ausweichen gesagt und gedruckt wird: sie spottet jeder Beschreibung. Berlin war berauscht. Da man selbst mitberauscht war, so merkte man gar nicht, wie mächtig der Rausch war, von dem man umtaumelt wurde. Man darf nicht vergessen, daß es sich nicht allein um die Freude über die Gefangennahme Napoleons handelte. Napoleon war eigentlich schon bei Wärth entthront, er war ein kranker, abgethaner Mann, welcher sich aus dem Strudel heraussehnte, der das Kaiserreich ergriffen hatte und in die Tiefe zog. Was dem Tage die Bedeutung gab und ihn zu einem Nationalfesttag erhob, das war die Ueberzeugung, oder doch die <a class="pageref" name="page189">189</a> Hoffnung der Menschen, daß er den Krieg beendigen würde. Die Hoffnung, wie man weiß, erfüllte sich nicht, aber an jenem Tage war sie in Jedem lebendig, und sie führte den Rausch herbei. Als ich Vormittags, von brausendem Jubel ans Fenster gelockt, in die Straße hinunterfragte, was denn los sei, wurde heraufgerufen: »Er kraucht nicht mehr im Busch herum!« Da wußte ich Bescheid, und als ich hinunterkam, umarmte mich mein Hauswirth, der mich einige Wochen vorher gesteigert hatte und den ich also als meinen Feind betrachtete. Es hat mir nie ein besonderes Vergnügen gemacht, von Männern umarmt zu werden, aber an diesem Tage war man ganz willenlos. Man wurde auf der Straße umarmt, ohne zu wissen, von wem, manchmal so, daß es einem weh that oder unangenehm war. Aber das störte nicht weiter. In den Straßen Jubel, nichts als Jubel. Die Läden waren offen, aber man dachte nicht an Geschäft. Und wo es einen guten Tropfen gab, da wurde getrunken, getoastet und wieder getrunken. Die Kinder zogen, die Wacht am Rhein singend, durch die Stadt, darunter Kleine, die garnicht wußten, um was es sich handelte, und Hurrah schrieen. Das von forschen Jungens erstiegene Denkmal Friedrichs des Großen bot einen höchst sonderbaren Anblick, aber es fiel nicht auf, denn an diesem Tage fiel überhaupt nichts <a class="pageref" name="page190">190</a> auf. Selbst der Gedanke an die großen Opfer, welche dieser Tag gekostet hatte, vermochte die herrschende Freude nicht zu trüben. Niemand hatte Sorgen. Ein Vergnügter sagte zu mir: »Wenn mir heute nicht glücklicherweise noch rechtzeitig eingefallen wäre, daß ich schon verheirathet bin, so hätte ich mich wahrhaftig mit einer sehr reizenden Wittwe verlobt. Wir waren aber auch über Sedan zu glücklich!« Ueberall wurden Feste improvisirt und herrschten Tanz und Jubel bis in die späte Nacht, und in diesen Tanz und Jubel mischten sich Unbekannte, die man duldete und nicht fragte, wie sie denn da hinein gekommen. Das war der Rausch von Berlin.</p></div><div class="chapter" id="chap014"><h3><a class="pageref" name="page191">191</a> XIV.</h3><p class="initial">Während des Krieges gab es für den Journalisten viel zu thun und war es für ihn keine kleine Aufgabe, mit den Ereignissen Schritt zu halten. An die politische Presse wurden große Anforderungen gestellt, denen sie oft selbst mit der größten Fixigkeit nicht zu genügen vermochte. Denn die Ereignisse drängten sich bekanntlich und zwar derart, daß nicht selten in dem Augenblick, wo die Zeitung in die Presse ging, irgend eine Nachricht vom Kriegsschauplatz eintraf, welche das eben abgeschlossene Abend- oder Morgenblatt als veraltet erscheinen ließ, ja, ganz entwerthete und die Redaktion nöthigte, demselben ein Extrablatt nachzusenden, um das Publikum halbwegs zu befriedigen. Aber auch an das Witzblatt traten Aufgaben heran, denen es nicht gewachsen war, man verlangte Unmögliches von ihm. Was die ernste politische Zeitung nicht vollbringen konnte, das sollte dem politischen Witzblatt ein Leichtes sein, weil man sich <a class="pageref" name="page192">192</a> von dessen Ton eine größere Wirkung versprach. Die Belagerung von Paris dauerte vielen ungeduldigen Patrioten viel zu lange, und unzählige Briefe verlangten von den »Wespen«, sie sollten mit allen satirischen Mitteln darauf dringen, daß das Bombardement endlich beginne. Wie ich das mit Erfolg anstellen sollte, das wurde mir nicht gesagt, und <i>Moltke</i> hat sich denn auch von den besten Einfällen meines Blattes nicht bestimmen lassen, etwas zu thun, was er nicht für gut hielt.</p><p>Selbst vom Kriegsschauplatz trafen dringende Aufforderungen ein, die »Wespen« sollten doch dafür sorgen, daß das Bombardement recht bald beginne. So schloß der tiefste Ernst der Zeit nicht die Komik gänzlich aus. In der letzten Nummer des Jahrgangs 1870 theilte ich aus dem satirischen Gedicht eines »Artilleristen M. vor Paris« eine Strophe mit, welche lautet: »Daß die Kanonen <i>schweigen</i>, sollt' Keiner ihnen wehren, sie wollen alle zeigen, daß sie den <i>Moltke</i> ehren!«</p><p>Auch den Klagen über die ewige Erbswurst, welche in Briefen und auf Karten der Feldpost an mich gelangten, konnte ich kein befriedigendes Ende machen. Die Klagen waren in die drolligsten Formen gesunden Soldatenhumors gekleidet, und ich habe einen originellen Schatz von solchen gesammelt, in welchem sich auch die lustigsten Ausbrüche des Zorns <a class="pageref" name="page193">193</a> über die berüchtigte Liebesgabencigarre befinden, welche bekanntlich ein Rauchzeug war, das nicht zwischen die Lippen eines wackeren Soldaten, sondern in die Schreckenskammer des Panoptikums gehörte. Und nicht nur unzählige Klagen trafen bei mir ein, sondern diese sogenannten Cigarren selbst, so z. B. von Soldaten des 46. Infanterie-Regiments aus La Celle St. Cloud. Es waren zwei erbärmlich aussehende Cigarren, deren Form und Inhalt sie dieses Namens unwürdig machten, geschweige denn der Bezeichnung als Liebesgabe. Wer diese Hassesgabe hergestellt und gespendet hat, kann unmöglich geglaubt haben, daß unsere Soldaten, so sehr sie mit allen Schrecken des Krieges vertraut waren, solche Mißgeburten der Cigarrenfabrikation für rauchbar hielten und auch nur versuchsweise anzündeten. Man konnte eher annehmen, daß sie unseren Soldaten zur Vertheilung unter die Feinde geschickt waren, welche Bestimmung aber eine Grausamkeit voraussetzte, welche unseren Soldaten sicher fremd gewesen ist.</p><p>Die schönen Tage kamen, welche die Proklamation des deutschen Kaiserreichs, den Frieden, den Einzug der Truppen in Berlin brachten. Als <i>Bismarck</i> nach dem Friedensschluß von Frankfurt a. M. zurückkam und im Reichstag erwartet wurde, der nun von ihm vernehmen sollte, unter welchen Bedingungen der Frieden geschlossen war, befand ich mich auf der <a class="pageref" name="page194">194</a> Journalistentribüne des Parlaments. Bismarck trat ein, und die Mitglieder des Reichstags erhoben sich. Es war ein feierlicher Moment, der aber einen am Rednerpult stehenden Reichsboten nicht hinderte, in einer ziemlich ermüdenden Auseinandersetzung fortzufahren, während der Reichstag mit großer Ungeduld nach dem Bericht des Reichskanzlers verlangte. Das störte den zähen Redner nicht, auf den selbst der stets würdevolle Präsident Simson etwas ungeduldig niederblickte. Auch als <i>Delbrück</i> sich an den Präsidentensitz begab, um den Reichskanzler zum Wort zu melden, hielt der wackere Redner aus, ohne Zweifel überzeugt, daß das, was er den ihm gar nicht zuhörenden Reichstagsmitgliedern zu sagen habe, viel wichtiger sei, als die Eröffnungen, welche der Reichskanzler über seine historische Sendung zu verkünden hatte und auf welche nicht nur das deutsche Reich, sondern die ganze Welt gespannt war. Endlich erbarmte sich der dauerhafte Redner des deutschen Reichs und der ganzen Welt und verschwand auf seinen Platz. Und <i>Bismarck</i> erhob sich. Welcher Staatsmann mit etwas Talent für das Posieren hätte wohl in dieser Situation der Versuchung widerstanden, eine gewisse feierliche, wenn nicht gar eine dramatische Haltung anzunehmen. <i>Bismarck</i> stand da, als sei eigentlich nichts vorgefallen, als wolle er mit einer belanglosen <a class="pageref" name="page195">195</a> Bemerkung in eine landläufige parlamentarische Diskussion eingreifen. Er hatte eine große Papierscheere ergriffen, und während er diese auf und zuklappte, begann er ohne irgend eine seriöse Einleitung vorzutragen, was er zu sagen hatte. Er meldete, daß Deutschland das Elsaß mit Metz behalte, daß Frankreich fünf Milliarden zahle und andere Einzelheiten des Friedensvertrages mit ziemlich eintöniger Genauigkeit, als erzähle er das Allergewöhnlichste. Dann und wann blickte er auf die Nägel der linken Hand, wie um sein Gedächtniß auf einen bestimmten Punkt zu concentriren, da er sehr viele Städte und Städtchen Lothringens namhaft zu machen hatte, um die Linie zu bezeichnen, bis zu welcher das Machtgebiet Deutschlands sich erweiterte. Wer von Bismarck diese Rede hörte, hat ihn in seiner großen Einfachheit, in seiner einfachen Größe gesehen, charakterisirt durch Eigenschaften, die unvergleichlich sind.</p><p>Wenn die große Zeit, welche durch die Gründung der deutschen Einheit ewig denkwürdig bleibt, so plötzlich auftauchte, daß man von ihr nicht sagen konnte, sie habe ihren Schatten vorausgeworfen, so ist es doch gewiß, daß ihr Schatten ihr folgte: die Zeit der maßlosen Spekulation und der ihr folgende unvermeidliche Krach. Ich verstehe zu wenig von dem, was man beschönigend den wirthschaftlichen <a class="pageref" name="page196">196</a> Aufschwung nannte, als daß ich mich mit jener Bewegung beschäftigen könnte, welche so sehr viele Millionen aus einer Tasche in die andere, welche letztere meist die falsche war, fließen machte, am allerwenigsten wäre eine solche Untersuchung etwas heiteres, und sie gehörte also nicht hierher. Aber dieses plötzlich beginnende Rennen nach Reichthum, diese erschreckend tumultuarisch dahinbrausende Jagd nach dem Glück hatte für den Zuschauer viele heitere Episoden aufzuweisen, so selten solche auch einen erfreulichen Verlauf nahmen. Man sah kein gewöhnliches Rennen nach Reichthum, keine alltägliche Jagd nach dem Glück, der Tanz um das goldene Kalb war in jene Tanzwuth ausgeartet, von welcher uns aus dem Mittelalter als von einer mörderischen Krankheit gemeldet wird. Aber neben dieser Ausartung gab es komische Erscheinungen in Menge: kundige Gründungs-Thebaner, gestern mittellos, oder doch bescheiden und eingeschränkt existirend, heute sich in eine kecke Unternehmung stürzend, morgen plötzlich reich und nicht wissend, wie mit dem Geld vernünftig umzugehen. Der Umgang mit Geld ist so schwer wie der mit Menschen. Wer reich geboren oder allmälig reich geworden ist, weiß mit dem Geld anständig zu verkehren; wem es aber plötzlich aus heiteren Gründungswolken auf den Kopf fällt, der wird betäubt und verliert den Verstand, als fiele <a class="pageref" name="page197">197</a> ihm eine Dachpfanne auf den Schädel. Ich habe viele solcher Unglücklichen gesehen, denen die bimetallenen Dachpfannen auf den Kopf gefallen und die in das unheilbare Protzenthum gestolpert waren. Der Protz ist namentlich für den eine heitere Figur, der nicht persönlich mit ihm verkehrt, ihm drei Schritt vom eisernen Schrank bleibt und ihn im andern Fall mit größter Vorsicht genießt. Ich habe diese Midasse die lustigsten Dummheiten begehen sehen, indem sie sich nicht vor dem Gold zu retten wußten. Nicht allein wurde alles, was sie berührten, Gold, sondern alles, womit sie sich für dies Gold umgaben, wurde komisch. Ich sah aus den kostbarsten Einzelheiten, die, mit Geschmack vertheilt, den Eindruck des Vornehmen gemacht hätten, das drolligste Ensemble schaffen, das dem Beschauer das Gelächter förmlich abzwang. Es lag den Reichgewordenen daran, daß Jedermann erfuhr, was aus den kleinen Handelsleuten geworden war, die noch vor Kurzem sich nicht rühren konnten, und damit man es erfuhr, umgaben sie sich mit schreienden Farben und eindringlich schwatzendem Luxus. Der plötzliche Reichthum scheint nur Vergnügen zu machen, wenn Jeder, den er nichts angeht, von ihm erfährt. Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als plötzlicher Reichthum, von dem Niemand nichts weiß. So wurde denn bei offenen Thüren viel Geld verthan, ohne Geschmack und ohne anderen <a class="pageref" name="page198">198</a> Zweck, als um es der Welt zu zeigen, die den Kopf schüttelte oder unbarmherzig spottete. Der rasche Gewinn ist bekanntlich wenigen treu geblieben, er war mit dem Fluch geboren, wieder zu zerrinnen. Nur wenige Vorsichtige brachten ihr Schiffchen ins Trockne, den Meisten versank es elend in die Wogen der Spekulation zurück, auf denen es eine Weile so lustig getanzt hatte.</p><p>Ich gerieth bei einem der Herrendiners, die damals häufiger als heute und sehr opulent und langweilig waren, neben einen Mann, der mich als einen Landsmann und Bekannten begrüßte und dessen ich mich nicht gleich erinnerte. Erst nach einigen Fragen und Antworten fiel mir ein, daß ich ihn im Hause meiner Eltern gesehen hatte, in das er als junger Mensch dann und wann gekommen war, um für seine Mutter, die sich und ihn durch den Verkauf von allerlei Küchen- und Wirthschaftssachen ernährte, irgend etwas abzuliefern, was bei ihr bestellt war. Er war Lehrling in irgend einem Bankgeschäft und mußte in seinen Mußestunden seiner Mutter an die Hand gehen, um ihr den kümmerlichen Handel zu erleichtern, mit dessen Ertrag kein besonderer Bote bezahlt werden konnte. Wie konnte ich in dem befrackten und mit allerlei kostbaren Knöpfen und Nadeln verzierten Tischnachbarn den armen Jungen von damals wiedererkennen! Vor <a class="pageref" name="page199">199</a> einiger Zeit war er nach Berlin gekommen, hatte glücklich spekulirt, war dadurch mit reichen Berufsgenossen bekannt geworden und hatte seine Armseligkeit gänzlich aus dem Gedächtniß verloren, so tief sie sich demselben durch häufigen Genuß von Kartoffeln ohne Braten eingeprägt haben mußte. Er hatte nun an dem reichen Menu, zu dem wir eingeladen waren, fortwährend etwas auszusetzen. Entweder war ihm die Pute nicht regelrecht getrüffelt und die Fischsauce nicht pikant genug, oder der Rothwein zu kalt und der Champagner um einige Minuten zu früh aus dem Eis gehoben. Ich sah ihn lachend an, und er machte dann ein Gesicht, in dem ich lesen konnte, daß er mich mißverstand. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Als einige Wochen später der Krach hereinbrach, verließ er, wie ich hörte, mit reichlichen Nahrungssorgen und einem spärlichen Rest seines in einigen Haussemonaten auf der Straße gefundenen Geldes Berlin und ist dann in Amerika verschollen.</p><p>Eine der merkwürdigsten und zweifellos interessantesten Typen der Spekulation war <i>Strousberg</i>. Ich habe denselben aber erst persönlich kennen lernen, als er längst nicht mehr <i>Strousberg</i> war, ein von allen goldenen Blättern entlaubter Stamm, der sich in der Journalistik kümmerlich aufrecht erhielt. Bis dahin hatte ich den Mann nicht einmal gesehen, von dessen halsbrecherischen Trapezkunststücken im Circus <a class="pageref" name="page200">200</a> der Spekulation man überall erzählte und in dessen Haus in der Wilhelmstraße, in welchem seine Gattin, ein Muster der Einfachheit und Wirthschaftlichkeit, waltete, die Vertreter der ersten Gesellschaft und die bedenklichsten der Geschäftswelt aus- und eingingen. <i>Strousberg</i> war heute ein Millionär, morgen verschuldet, übermorgen wieder reich, er ward mir als ein bedürfnißloser und, was mich ganz besonders in Erstaunen setzte, als ein Mann geschildert, den nicht zu bewältigende Geldsorgen ruhig schlafen ließen. Sein Stern war längst untergegangen, als eines Tages eine Reihe von Redakteuren wegen irgend eines Artikels auf der Anklagebank erschien. In dieser Reihe auch ich, die »Wespen« hatten über den Inhalt dieses Artikels eine respektwidrige Aeußerung gethan. Neben mir stand ein etwas reducirt, aber durchaus nicht bekümmert aussehender ziemlich korpulenter Mann, der, als mein Namen ausgerufen worden war, sich mir vorstellte. Ich bin <i>Strousberg</i>, sagte er, mir die Hand reichend, wie kommt es, daß wir uns erst heute kennen lernen? Zufall, antwortete ich. Der Zufall spielte in seinem Leben wohl eine verhängnißvolle Rolle, das Wort schien den Gestürzten unangenehm zu berühren, und er blickte nachdenklich auf seine Hände, die gefaltet auf der Rampe der Anklagebank lagen. Als die Gerichtsverhandlung zu Ende war, – wir wurden alle <a class="pageref" name="page201">201</a> verurtheilt, – sagte er zu mir: Wenn ich wieder emporkomme, dann mache ich Ihnen einen Vorschlag zur Gründung eines großen Blattes. Er dachte daran, sich wieder erheben zu können, und ist mir nie wieder begegnet. Er, der einstige Eigenthümer und Bewohner des Palastes, in welchem sich heute die englische Botschaft befindet, starb verlassen als Miether einer bescheidenen Chambregarnie.</p><p>Eine Größe, die gefallen war, die ich in ihrem höchsten Glanz gesehen hatte und die sich von ihrem Fall wieder zu Schönheit und Reichthum erhoben, Paris, sah ich bald. Der Triumphbogen hatte seine Holzhülle noch nicht wieder abgelegt, die ihn gegen die Geschosse der Deutschen und der Commune hatten schützen sollen, und sah nicht wie ein Triumphbogen, sondern wie ein Denkmal der Niederlage aus. Der Schutt der Tuilerien war noch nicht fortgeräumt, die Vendômesäule noch nicht wieder aufgerichtet, der Rumpf sah wie ein Leichenstein auf dem Grabe der Napoleonischen Herrschaft aus. Das einst so schöne St. Cloud war durch die Trümmer des Schlosses verunstaltet, an den Mauern war noch das ohnmächtige »Tod den Deutschen!« zu lesen. Paris machte mit seinen auffallend lang conservirten Resten der Zerstörung einen trübseligen Eindruck, nur an dem Paris der Fremden, den Boulevards, schienen die Belagerung und die brutale Commune-Episode <a class="pageref" name="page202">202</a> ohne schädliche Wirkung vorübergegangen zu sein. Natürlich war es sehr gefährlich, deutsch zu sprechen, und wer dies dennoch that, erschien entweder sehr unvorsichtig, oder kam in den Verdacht, einen Konflikt provociren zu wollen, der einen höchst bedenklichen Verlauf nehmen konnte. Ich gerieth nun gleich in eine Gesellschaft, welche sich unter keiner Bedingung zwingen lassen wollte, auf das Deutschsprechen zu verzichten. Allen voran der geniale <i>Offenbach</i>, der sich in seiner ganzen Länge vom Tisch im <i><tt>Café riche</tt></i> erhob und rief: Dazu bin ich zu erwachsen! <i>Albert Wolff</i>, der Redakteur des »Figaro«, hatte mich mit ihm bekannt gemacht, und er und der gleichfalls anwesende Direktor <i>Franz Wallner</i> gaben dem berühmten Operetten-Componisten Recht: man dürfe gerade jetzt den Parisern nicht zeigen, daß man sich einschüchtern lasse. Daß es unsinnig war, muthwillig die Pariser zu reizen, welche nur auf eine Gelegenheit warteten, um ihrem damals noch ganz frisch blühenden und durchaus erklärlichen Deutschenhaß Luft machen zu können, das wollten meine drei Herren nicht einsehen, am allerwenigsten der gemüthliche <i>Wallner</i>, der sich darauf berief, daß er, wenn auch Berliner Theaterdirektor, doch geborener Oesterreicher sei und als solcher in Paris keinen Feind habe. Obschon ich ihm nun zu erwägen gab, daß, da die Pariser jeden Deutschredenden unerbittlich verfolgten, <a class="pageref" name="page203">203</a> es ihm doch einerlei sein könne, ob er als Berliner Theaterdirektor oder als geborener Oesterreicher mißhandelt werde, so war er doch nicht zu überzeugen, daß es höchst überflüssig sei, einen Spektakel herbeizuführen. Wir haben denn auch sehr bald das traulich elegante <i><tt>Café riche</tt></i> mitten im appetitlichsten Souper räumen müssen, es der Vornehmheit des Lokals dankend, daß sich die anwesenden Franzosen darauf beschränkten, mit etlichen spitzen Redensarten Revanche zu üben, anstatt sich mit größerer Deutlichkeit patriotisch zu bethätigen. Aber als ich später, nachdem wir uns getrennt hatten, allein mit <i>Albert Wolff</i> über den Boulevard des Capucines ging und unachtsam laut deutsch plauderte, wurden wir doch von zwei Offizieren ziemlich brüsk gestört, und da <i>Albert Wolff</i> sich zu entschließen Lust hatte, ebenso unangenehm zu werden, so zog ich ihn rasch ins Grand-Hôtel, wo ich abgestiegen war. Hier sah er endlich ein, daß, wenn eine etwas laute Auseinandersetzung einen Haufen Menschen um uns versammelt hätte, wir in diesem Augenblick wahrscheinlich schon als Märtyrer und Opfer der Volkswuth in der Behandlung eines benachbarten Chirurgen wären.</p><p><i>Offenbach</i> war eine höchst interessante Erscheinung. Seine Persönlichkeit ließ nicht auf den originellen Künstler schließen, dessen parodistisch-musikalisches Genie alle Welt ergötzte und ihn zum populärsten <a class="pageref" name="page204">204</a> Componisten Europas gemacht hatte. Aber in der Unterhaltung war er das, was sein Namen repräsentirte. Er faßte seine heitere Kunst, in der ihn Keiner erreicht hat, sehr ernst auf, doch geschah das in der witzigsten Weise, weil er wohl sonst fürchtete, man könne annehmen, daß er absichtlich als ein Anderer erscheinen wolle. Wer von der Leichtfertigkeit seiner Musik, die man mit den sich ihm darbietenden Texten zu identificiren pflegt, auf seinen Charakter schloß, sah sich getäuscht. <i>Offenbach</i> war ein vortrefflicher Familienvater, ein aufrichtiger Freund, ein gewissenhafter Arbeiter. Seine Töchter – so erzählte man mir – haben es niemals durchsetzen können, daß er ihnen erlaubte, sein Theater, die <i><tt>Bouffes parisiens</tt></i>, zu besuchen.</p><p>Mit <i>Albert Wolff</i> war ich so befreundet, wie man mit ihm befreundet sein konnte. Er liebte die Menschen nicht sehr und war schwer zugänglich, weil er, wie er selbst wahrheitsgemäß behauptete, sehr häßlich war und daher sich so viel Mühe geben mußte, sich die Herzen geneigt zu machen. Er war ein geistvoller Mensch von imponirendem Fleiß, durch den er es möglich gemacht hat, daß er, ein geborener Kölner, einer der ersten Pariser Feuilletonisten geworden ist. Er sprach und schrieb französisch wie seine Muttersprache. »Ich warne Sie vor mir,« schrieb er mir einmal, »ich bin <i>doppelzüngig</i>.« In <a class="pageref" name="page205">205</a> seiner eleganten Junggesellenwohnung in Paris lebte er ziemlich unzugänglich. Man hat ihn sehr ungerecht verdächtigt, daß er die deutschfeindlichen Artikel des »Figaro« mitverfaßt habe, und da man böswillig diesen Verdacht oft wiederholte, so war er endlich für seine Landsleute kaum noch zu treffen. Die Weiber liebte er aus dem oben angeführten Grunde nicht. Wein, Wandern, Würfelspiel, sagte er zu mir, das ist mir Weh genug.</p></div><div class="chapter" id="chap015"><h3><a class="pageref" name="page206">206</a> XV.</h3><p class="initial">Als Berlin Reichshauptstadt geworden war, dehnte es sich nach allen Seiten aus und schwoll an, wie ein sich füllender Ballon. Man spricht ironisch vom Graswachsenhören, der in Berlin Lebende hörte wirklich die Stadt wachsen. Alles nahm größere Dimensionen an und ging in die Breite und in die Höhe. Das große Berlin wurde von dem größeren verdrängt, man wohnte wie in einer neuen Stadt, dessen mächtiges und unaufhaltsames Werden über die bedächtig philisterhafte Langsamkeit der alten Stadt zu spotten schien. Als ein Denkmal dieser Langsamkeit, das eigentlich ein Plätzchen im Märkischen Museum verdient hätte, stand auf dem Gendarmenmarkt ein hölzernes Gitter, das den Grundstein des Schillerdenkmals schützend umgab und jahrelang ein Aergerniß war und viele schlechte Witze ertragen und verantworten mußte. Es war ein letztes der Restchen aus dem alten Berlin, welche <a class="pageref" name="page207">207</a> nun rasch beseitigt wurden, als das neue aufzuräumen anfing. Die Enthüllung des Schillerdenkmals gab gewissermaßen das Zeichen zum Beginn einer ungeahnt großartigen Verjüngung der Stadt, wie mit den Worten dieses Dichters: »Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.« Daß dieses Stürzen und dieses Aendern die Ruhe und Gemüthlichkeit, an die sich das alte Berlin so ziemlich gewöhnt hatte, völlig beseitigten, mag von Vielen bedauert worden sein, doch blühte aus den Ruinen auch das interessantere, alles Schaffen ermunternde und alle Thätigkeit fordernde Leben in die neue Stadt hinein und versöhnte allmälig mit dem Lärm, mit welchem die friedliche Umwälzung sich vollzog.</p><p>Das Parlament führte der sich mächtig ausbreitenden Gesellschaft die anregendsten Persönlichkeiten zu, und da das tolle Parteitreiben, welches heute den Verkehr vergiftet, damals noch fast gänzlich unbekannt war und sich nicht einmal vorahnen ließ, so entwickelte sich bald ein freundliches Durcheinander, in welchem die Ueberzeugung jedes Einzelnen sich geltend machen konnte, ohne dadurch, wie das jetzt der Fall ist, das Signal zum Beginn einer wilden Hetze zu geben. Man war nicht verbittert, nicht gehässig, man achtete in dem politischen Gegner noch den Mann und Freund, und Niemand redete <a class="pageref" name="page208">208</a> sich ein, den Stein der Weisen in seinem Parteiprogamm gefunden zu haben. Heute giebt es solcher Steine so viele, wie es Parlamentarier und Agitatoren giebt, man könnte damit einen erklecklich großen Marktplatz pflastern.</p><p>Wohin ist der Kreis, den <i>Braun-Wiesbaden</i> in seinem gastlichen Hause um sich versammelte! Wie manchen Abend habe ich dort in ungetrübter Fröhlichkeit zugebracht, während der Nachbar zur Rechten irgend eine politische Richtung repräsentirte, welche weder die des Nachbars zur Linken, noch die meine war! Es fiel keinem von uns ein, daß wir außerhalb dieses Hauses Gegner waren. Man wäre ausgelacht worden. Und in diesem Kreise verkehrten <i>Windthorst</i> und <i>Forckenbeck</i>, man kann sich kaum zwei Männer denken, die sich in der Oeffentlichkeit schroffer gegenüberstanden als diese beiden. Und zwischen ihnen fanden sich die Vertreter anderer Parteien friedlich ein, welche im Sitzungssaal des Parlaments weder mit <i>Windthorst</i>, noch mit <i>Forckenbeck</i> einen ewigen Bund geflochten hatten. <i>Braun's</i> Kunst, einen solchen Kreis zu leiten, war in ihrer Unbefangenheit geradezu musterhaft. Es war ganz unmöglich, in dieser Gesellschaft ein politisches Gespräch auf das persönliche Gebiet abzuleiten. Wollte Jemand in einem unbewachten Augenblick sich einer solchen Gebietsverletzung schuldig <a class="pageref" name="page209">209</a> machen, so trat unser <i>Braun</i> mit dem vollen Glas dazwischen, als Wacht am Hausfrieden mit einer sieghaften Waffe. Ich habe auch wenige Erzähler gefunden, die so gut und so viel wie Braun vorzutragen wußten. Auf seine Weinkennerschaft that er sich mit Recht etwas zu gut, er war ein gelehrter Trinker, besaß einen gutwattirten Keller, und es machte ihm Freude, wenn's seinen Gästen so gut schmeckte wie ihm selbst. Beneidet habe ich ihn oft um sein Talent, sich nicht zu ärgern. Es mußte schon sehr der Mühe werth sein, wenn er die Geduld verlieren sollte. Die gewöhnlichen Angriffe der Presse, von denen er unablässig verfolgt wurde, ließen ihn ganz kalt, besonders hinterlistige und grobe las er mit großem Vergnügen vor. Sehr häufig machte er mich auf Stellen in irgend einer seiner Reichs- oder Landtagsreden aufmerksam, um mir zugleich anzudeuten, wie sie in dem Parlamentsfeuilleton der »Wespen« zu parodiren seien.</p><p><i>Windthorst</i> glich ihm in diesem Drüberstehen, und er war doch immer einer der Bestgehaßten. Aber bei <i>Windthorst</i> war Klugheit, was bei <i>Braun</i> wirkliche Gleichgültigkeit war. <i>Windthorst</i> unterließ es nie, wenn wir uns trafen, mir zu sagen, daß er gelesen habe, was die »Wespen« gegen ihn gebracht hatten, aber selten ersparte er mir den Vorwurf, daß ich mir irgend etwas hatte entgehen <a class="pageref" name="page210">210</a> lassen, womit ich ihn hätte empfindlicher treffen können, und dann fiel ihm wohl auch ein guter Scherz ein, der mir hätte einfallen sollen. Ich habe überhaupt gefunden, daß die damaligen Centrumsmänner den jetzigen an weltmännischer Liebenswürdigkeit bedeutend überlegen waren, und nenne neben <i>Windthorst</i> nur die beiden <i>Reichensperger</i>, <i>Majunke</i> und <i>Schorlemer-Alst</i>, die dem politischen Witzblatt nie etwas übelnahmen, am allerwenigsten dann, wenn sie dessen Redakteur gesellschaftlich begegneten, und mit denen sich also ganz prächtig verkehrte.</p><p>Mit <i>Lasker</i> bin ich oft im Hause <i>Braun's</i> und anderswo zusammengetroffen. Er war mir interessant durch seine Weltfremdheit. Er machte stets den Eindruck auf mich, als sei er inmitten der großen Stadt ein Einsiedler. Eines Tages traf ich ihn auf der Straße, und er begleitete mich nach Hause. Der Unfug des Antisemitismus war einige Monate alt, und ich fragte <i>Lasker</i>, was er von dieser Erscheinung halte. Ganz erstaunt sah er mich an und sagte dann: »Existirt das denn noch immer?« Diese Frage war eine ganz ehrliche, <i>Lasker</i> wollte nicht etwa einer ungerechten und häßlichen Bewegung gegenüber den Gleichgültigen spielen. Er lebte seinen Arbeiten, widmete sich den parlamentarischen Fragen, verkehrte wenig, und was nicht auf seinem Wege lag, oder sich ihm nicht aufdrängte, das sah er nicht.</p><p><a class="pageref" name="page211">211</a> In jeder Beziehung ein Anderer war sein einstiger Fraktionsgenosse <i>Ludwig Bamberger</i>, ein Weltmann auch am Rednerpult, ein geistvoller Plauderer im Salon, ein Politiker mit eleganten Formen. Wenn ich mit ihm zusammentreffe und immer wieder merke, wie ihn alles abstößt, was auch nur im Ausdruck einen Mangel an guter Erziehung und Bildung verräth, so denke ich mir, daß ihn das heutige Partei- und Agitationstreiben anwidern muß, und dann und wann hört man dies auch aus seinen Bemerkungen heraus. Er ist ein Aristokrat im besten Sinne. Wie sein Gespräch, so ist auch alles, was er schreibt, voll Feinheit, seine Publikationen, wie seine Privatbriefe. Ich kann mir denken, daß <i>Bismarck</i>, so lange dieser mit ihm freundschaftlich verkehrte, mehr als einen guten Gesellschafter in ihm schätzte. Ohne Zweifel standen beide Männer gut miteinander. Einmal erzählte mir <i>Bamberger</i>, als er von einem Diner bei <i>Bismarck</i> kam, dieser habe etwas auf sich warten lassen, da er durch einen Vortrag im kaiserlichen Palais abgehalten worden war. Es hatte sich wohl um eine schwierige Auseinandersetzung gehandelt, denn <i>Bismarck</i> war ziemlich verstimmt, als er endlich bei seinem Gast erschien, die Mappe, die er trug, ärgerlich auf einen Sessel warf und dabei mit komischem Ernst ausrief: »Ich kann nicht Fürstendiener sein!« Der <a class="pageref" name="page212">212</a> Reichskanzler als Marquis Posa! Das übrigens auch <i>Bamberger</i> nicht Fürstendiener sein konnte, bewies seine Haltung, als Fürst Bismarck sich von den Nationalliberalen, die so lange treu zu ihm gehalten, losgesagt hatte.</p><p>So ähnlich ihm im Wesentlichen Freiherr <i>Schenk v. Stauffenberg</i> ist, dieser ist ihm doch mit seinem unverwüstlichen Humor überlegen, und dies ist um so höher zu schätzen, als <i>Stauffenberg</i> viel von körperlichen Leiden gepeinigt wird. Die Gicht mag ja bei jedem Menschen an den Unrechten kommen, aber sie bekam mit der Zeit noch Jeden unter, indem sie aus dem Ueberfallenen einen Griesgram machte. Aber den wackeren <i>Stauffenberg</i> hat die hinterlistige Furie nicht übermocht. Sie hat ihm nichts von seinem liebenswürdigen Geist, von seinem köstlichen Witz und Humor genommen. Es kam mir vor, als leuchteten diese seine Schätze um so heller, je toller seine Schmerzen sich bemühten, ihm die Laune zu stehlen. So traf ich ihn in Karlsbad einmal, als ihn diese tückischen Schmerzen mit besonderer Rücksichtslosigkeit überfallen und schließlich, da sie ihm nicht mehr das Gehen erlaubten, an ein Krankenwägelchen gefesselt hatten. So ließ er sich, um frische Luft zu schöpfen, an unseren Tisch vor dem Pupp'schen Cafésalon heranrollen und machte uns bald durch seine ununterbrochen heitere <a class="pageref" name="page213">213</a> Unterhaltung, in der auch sein eminentes Wissen zur Geltung kam, vergessen, daß wir in ihm eigentlich einen arg gezausten Leidenden zu bedauern hatten. <i>Stauffenberg</i> war ein Held der Schmerzen, wie ich keinen zweiten gefunden. Andern Tags besuchte ich ihn in seiner Wohnung, die zu verlassen sein Leiden ihm nicht erlauben wollte. Ich fand ihn in der heitersten Stimmung, und er zwang mich durch seine Unterhaltung, ebenfalls so zu lachen, daß ich mich fast schämte, mich so in einem Krankenzimmer zu benehmen. »Glauben Sie doch nicht«, sagte er, als ich mich entschuldigte, »glauben Sie doch nicht, daß Klagen und Seufzen etwas besser oder erträglicher machen.« Wie wenige Kranke gleichen ihm darin, wie viele machen sich so Jedem unleidlich, der in ihre Nähe kommt, und verschlimmern dadurch nur ihren Zustand! Freilich haben die Wenigsten so viel echten Humor, wie dazu gehört, um siegreich den Dämon der Schmerzen zu überwinden und in die Flucht zu treiben. Aber die Wenigsten geben sich auch die Mühe, diesen Kampf aufzunehmen, nicht wissend, daß der Humor eine starke Heilkraft ist und oft mehr nützt, als alle Medizin. Er hält auch unseren <i>Stauffenberg</i> aufrecht und wird ihn, den Sechzigjährigen, hoffentlich stärken, sein Leiden ganz zu besiegen.</p><p>Eine nicht weniger sympathische Persönlichkeit des parlamentarischen und gesellschaftlichen Lebens der <a class="pageref" name="page214">214</a> Hauptstadt war von <i>Forckenbeck</i>. Er war viele Jahre in hervorragenden Stellungen thätig gewesen, die ihn mit unzähligen Großen und Kleinen in Verbindung gebracht hatten, er wußte von diesen und seinen vielen wichtigen und interessanten Erlebnissen ungemein fesselnd zu erzählen, und seiner fast trockenen Art des Vortrags merkte man es sofort an, daß er, wie es in dem Zeugeneide heißt, nichts hinzusetzte und nichts verschwieg. Die Wirkung wurde durch eine gewisse Naivetät der Darstellung erhöht, welche keinen Zweifel an der Wahrheit des Mitgetheilten aufkommen ließ. Die Naivetät in bester Bedeutung gab überhaupt dem Wesen <i>Forckenbecks</i> einen liebenswürdigen Zug, wie ich ihn selten bei Männern in hohen Aemtern bemerkt habe. Eines Tages traf ich <i>Forckenbeck</i> in der Potsdamer Straße, und wir plauderten eine Weile, als eine junge Frau auf uns zutrat und uns nach dem Weg zur Bülowstraße fragte. <i>Forckenbeck</i> gab ihr Auskunft. Als sie sich entfernt hatte, sagte ich zu ihm: »Das ist doch großartig, daß eine fremde Dame, die in Berlin nicht Bescheid weiß, sich direkt an den Oberbürgermeister um Auskunft wendet.« Da fragte mich <i>Forckenbeck</i>: »Glauben Sie, daß die Dame mich erkannt hat?« Ich wagte garnicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ich mir nur eine scherzhafte Bemerkung erlaubt hatte.</p><p><a class="pageref" name="page215">215</a> Auch mit <i>Ludwig Loewe</i> zu verkehren, war mir eine Freude. Er war, was man einen Selfmademan nennt, von großer Thatkraft und Intelligenz, zielbewußt, wohlwollend und ein durch und durch ehrlicher Parteimann. Was mir besonders an ihm gefiel, das war sein Talent, wie ich es auch Braun-Wiesbaden nachrühmte, in der Wahl seiner Freunde sich nicht von der politischen Ueberzeugung des Mannes beeinflussen zu lassen. Ein Abend bei ihm in seinem Kreise war interessant und merkwürdig zugleich: man sah sich neben Männern, mit denen man eigentlich befeindet war, wie es die leidige Parteisache so mit sich brachte. Aber man vertrug sich vortrefflich, man sah, daß es durchaus nicht nöthig sei, sich auch außerhalb der Arena zu bekämpfen, sondern daß man sehr gut mit einander fertig zu werden vermochte, wenn man den Menschen von dem Programm, auf das er eingeschworen war, trennte, etwas gesellschaftliches Talent hatte und kein Parteiphilister war. <i>Windthorst</i> wußte sehr lustig auf <i>Loewe</i> zu toasten und <i>Loewe</i> ihm nicht weniger erheiternd zu antworten, und es störte weder die Redner, noch die Hörer, daß es dabei nicht an Seitenhieben fehlte. Zu dieser Tafelrunde gehörte regelmäßig der chinesische oder japanische Gesandte und dessen Begleitung, die nicht wenig erstaunt waren, daß sich die politisch weit auseinandergehenden anderen Gäste so gut vertragen haben.</p><p><a class="pageref" name="page216">216</a> Das ist später auch nicht so geblieben. Die Gegensätze verschärften sich; nicht nur die politischen Programme, auch deren Repräsentanten stehen sich jetzt feindlich gegenüber, die Gereiztheit der parlamentarischen Debatten hat sich auf den persönlichen Verkehr ausgedehnt, und wie die Fraktionen im Sitzungssaal getrennt sind, so sind sie es jetzt auch gesellschaftlich.</p><p>Genau so trennten sich die Vertreter der Presse. Sie verkehrten einst kameradschaftlich, so lebhaft sie sich mit der Feder bekämpften. Aber die Kämpfe wurden immer erbitterter, die politische Feindschaft wurde zur persönlichen, und heute weicht ein Journalist dem andern aus, wenn dessen Redaktion einer anderen politischen oder sozialen Richtung angehört. Selbst in dem »Verein der Presse«, der doch, lediglich die Interessen der Berufsgenossen verfolgend, ein absolut unpolitischer ist, macht sich diese bedauerliche Scheidung geltend.</p><p>Indem ich dies aufrichtig bedaure, denke ich mit Vergnügen an die Zeit, wo es anders gewesen. Eine ganze Reihe verdrossener und verbissener Journalisten, welche heute mit einer wahren Freude an verdächtigender und beleidigender Hetzarbeit bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihrer Feder einige Schmähzeilen abquälen, die irgend einen »Kollegen« vernichten sollen, – beiläufig bemerkt, <a class="pageref" name="page217">217</a> ist das Vernichten durch seine Häufigkeit ganz wirkungslos geworden, – wird es sich gewiß nicht denken können, daß wir Ritter vom verfehlten Beruf einst sehr friedlich neben einander hergingen und es uns gar nicht einfiel, uns zum Gaudium der verehrten Leser und Abonnenten mit der Feder zu beschädigen. Es gab etwas, was man heute kaum noch dem Namen nach kennt: Gute Kameradschaft. Die zeigte sich in bester Art, wo sich ein Anlaß dazu bot. Als z. B. <i>Kayßler</i>, der als Vertreter der Berliner Presse auf den französischen Kriegsschauplatz gesandt und dort in Gefangenschaft gerathen war, nach Berlin zurückkehrte, vereinigten sich die Vertreter der Blätter aller und sämmtlicher Schattirungen auf einem Bankett zu fröhlicher und einträchtiger Begrüßung, und wir sangen, ohne daß irgend eine Disharmonie störend wirkte, das Lied: »<i><tt>Our own correspondent</tt></i>« das ich dem Wiedergekehrten gewidmet hatte. Heute wäre ein kollegialisches Zusammensitzen und Zusammensingen nicht zu Stande zu bringen, heute, wo einer dem andern in der Boxerstellung gegenübersteht und einer den andern anfaucht.</p><p>Hier mag ein ganz vortrefflicher Witz meines freundlichen Gegners <i>Pindter</i> Platz finden, wenn auch viele meiner Kollegen sehr erstaunt sein werden, daß ich es nicht vorziehe, von dem Redakteur der <a class="pageref" name="page218">218</a> Norddeutschen Allgemeinen Zeitung etwas zu melden, was ihn in den Augen des Lesers herabsetzt. Wir waren auf einer Soirée im Bleichroeder'schen Hause. Nach Tisch, als »das junge Volk der Schnitter zum Tanz geflogen« war, fanden sich die älteren Herren in einem abseits gelegenen Salon zum Bier und Rauchen zusammen, und ich erzählte, – ich weiß nicht mehr, wie ich dazu kam, – was mir vor einigen Tagen auf dem Ball der Presse im Wintergarten des Centralhôtels passirt war. Die Mitglieder des Festcomités, zu dem ich gehörte, waren mit allerlei Dienstleistungen bei den Arrangements im Saale und bei dem Empfang der Gäste an den Eingängen betraut, wo den Damen ein Bouquet und den Herren eine Tanzkarte und irgend ein Programm überreicht wurde. Ich hatte den ehrenvollen Auftrag, an einer Thür die eintretenden Herren mit Tanzkarte und Programm zu versehen, und das ist denn auch, wie ich wahrheitsgetreu dem Kreise, in welchem <i>Pindter</i> sich befand, berichtete, eine Weile ganz gut gegangen, indem die Eintretenden das ihnen von mir Angebotene nahmen und dankend in den Saal gingen. Plötzlich erschien ein Gast, der nicht in der Nehmerlaune war. Nach seiner unmaßgeblichen Meinung war er wohl schon in der Garderobe und am Haupteingang genugsam belästigt worden, oder er fürchtete, daß ich ihn in neue Kosten stürzen <a class="pageref" name="page219">219</a> wolle, kurz, er gab, ohne mich eines Blicks zu würdigen, meine Gaben mit einer Handbewegung ablehnend, nach einem »Ach was!« seiner Dame den Arm und ging an mir wie an einem aufdringlichen Lohndiener vorüber. Da lächelte <i>Pindter</i>, der aufmerksam zugehört hatte, mit arger List und sagte, die Hand auf meine Schulter legend: »Sehen Sie, mein Lieber, da sind Sie auch einmal <i>freiwillig gouvernemental</i> gewesen!«</p></div><div class="chapter" id="chap016"><h3><a class="pageref" name="page220">220</a> XVI.</h3><p class="initial">Ich habe im Leben keinen besseren Freund gefunden, als <i>Paul Lindau</i>, keinen treueren Kameraden, keinen Kollegen, dem ich mehr Anregung verdanke, keinen, der mehr Schriftsteller und Journalist ist, als er. Und er besitzt eine Eigenschaft, die in unserem Stande so selten geworden: die Freude am Erfolge des Kollegen, an dessen Vorwärtskommen. Er ist eine wahrhaft vornehme Natur, und er hat mehr Geist und Kenntnisse als alle, die es als eine Art Sport betreiben, über seine Leistungen von oben herab zu urtheilen. Keiner in diesem gestrengen weisen Danielkollegium könnte den Platz, den <i>Paul Lindau</i> in der Literatur einnimmt, wie er ausfüllen, Allen fehlt seine Vielseitigkeit, seine Gründlichkeit, die Tiefe seiner Beobachtung und sein Humor. Zu den heitersten Stunden meines Lebens rechne ich die, welche mich mit <i>Lindau</i> zusammenführen. Das Eigenartige und die Dauerbarkeit seiner guten Laune sind ohne Gleichen, wie sein Talent, allen Situationen <a class="pageref" name="page221">221</a> und Erscheinungen, die nicht ganz echt sind, die Komik abzugewinnen. Aber auch in den Stunden, denen der Ernst des Lebens und des Berufs jede Fröhlichkeit nahm, habe ich <i>Lindau</i> stets bewährt gefunden, hier zeigte sein Wesen jene Innigkeit, welche der Satiriker unwillkürlich verbirgt und welche, frei von jeder Phrase, mitfühlt und aufrichtet.</p><p>Wir haben miteinander viel Heiteres erlebt. Wir kannten uns, bevor er (1871) nach Berlin kam, und seit dieser Zeit sind wir gute Freunde. Nun, da er sich auf seine gastfreundliche Villa in Strehlen bei Dresden zurückgezogen hat, fehlt mir viel, und es kommt mir oft so vor, als fehle auch dem literarischen Leben Berlins etwas wie ein Mittelpunkt, jedenfalls die Persönlichkeit, welche das schriftstellerische Berlin repräsentirte. Es ist eine Lücke vorhanden. Die Reichshauptstadt hat einen großen Kreis namhafter und berühmter Schriftsteller aufzuweisen, von denen aber keiner die Prägnanz der literarischen Individualität <i>Lindaus</i> aufweist.</p><p>Viele meiner heiteren Erinnerungen sind mit dem Namen <i>Lindau's</i> eng verknüpft. Wenn ich sie aufzeichnen wollte, so wüßte ich nicht, wo ich anfangen und aufhören sollte, und ich bin auch überzeugt, daß der Leser dieser Zeilen, wenn ich ihm erzählte, was uns häufig in die heiterste Stimmung versetzte, gar nicht begreifen würde, wie uns <a class="pageref" name="page222">222</a> dergleichen amüsieren konnte, und er würde überzeugt sein, daß wir ungemein bescheiden in unseren Ansprüchen waren. Es käme aber darauf an, dem Leser zu erklären, wie wir die Thorheiten der Menschen und unsere eigenen ansahen und noch ansehen, und das ist recht schwer zu erklären. Wie eine Frau nur so schön ist, wie sie den Augen des Beschauers erscheint, so sind Menschen, Begegnungen und Erscheinungen nur so komisch, wie sie von des Betrachtenden Temperament und Auffassung als komisch erkannt werden, und wir erfahren täglich, daß wir für burlesk halten, was Andere ganz ernst nehmen oder gar absolut gleichgültig betrachten. Der Sinn für das Komische ist angeboren. Daß er auch dem ganz ernsten Geist und Charakter gegeben ist und sich mit einer strengen Auffassung des Lebens wohl verträgt, wird nicht bestritten werden können.</p><p>Und wie kannte <i>Lindau</i> namentlich seine lieben Kollegen, und wie genau sah er, was bei ihnen Pose, was wirklich echt war! Das wußten sie, und das brachte ihm Freunde und Feinde, mehr als der Schriftsteller für's Haus braucht. Die Freunde fanden in ihm einen treuen Genossen, die Feinde ärgerten ihn viel weniger als sie wünschten. Besonders Diejenigen waren seine Feinde, die sein Wesen nicht kannten und dies deshalb falsch beurtheilten, oder ihn um einen Erfolg, um seine Popularität beneideten. <a class="pageref" name="page223">223</a> Das ist unter den Schriftstellern genau so, wie unter den Komödianten, nur mit dem Unterschiede, daß die Schriftsteller in diesem Fach größere Komödianten sind.</p><p>So lange <i>Lindau</i> in Berlin wohnte, war sein Haus eines der gastlichsten der häuserreichen Stadt, in welchem sich ein großer Theil der politischen, literarischen und Kunstwelt zusammenfand. Die Ungebundenheit des Verkehrs war meisterhaft, der Wirth selbst schien einer seiner Gäste, und der hervorragendste Gast stand nicht außerhalb des Rahmens der Geselligkeit. Man war wie im eigenen Heim. Ich erinnere mich eines solchen Abends, den <i>Lindau</i> in aller Eile für den Herzog von Meiningen und dessen Familie arrangirt hatte. Der kunstsinnige Fürst war nach Berlin zu einem Familienfest am kaiserlichen Hof gekommen und hatte sich, die Gemahlin und Prinzen bei <i>Lindau</i> eines Tages zum Abend angemeldet, zugleich den Wunsch äußernd, eine Reihe von Künstlern und Schriftstellern, die er namhaft machte, kennen zu lernen. Diese lud nun <i>Lindau</i>, da der Herzog, der mit den Seinen von einem kaiserlichen Souper kam, ausdrücklich ersucht hatte, keine Umstände zu machen, zu einem Glas Bier ein. Dergleichen ist in Berlin nicht leicht, aber mit Hülfe von Boten, der Rohrpost und des Telegraphen zusammengerufen, war die ziemlich zahlreiche <a class="pageref" name="page224">224</a> Gesellschaft nach zehn Uhr Abends beisammen. Die Unterhaltung war bald allgemein, wir plauderten, tranken und lachten, nicht einen Augenblick übte die Anwesenheit der fürstlichen Gäste irgend einen Zwang aus, der Herzog vertiefte sich in Gespräche mit den anwesenden dramatischen Autoren über sein Lieblingsthema, das Theater, dessen ausgezeichneter Kenner er bekanntlich ist, und als wir nach Tisch die Cigarre angebrannt hatten, bot das Ganze ein so in jeder Weise gesellschaftliches Bild, als sei es aus zwanglosen, natürlich sich bildenden Gruppen von der bühnenkundigen Hand des Herzogs für ein heiteres Salonstück inscenirt. Als dann die herzogliche Familie sich entfernt hatte und wir noch sehr lange in gleich lebhafter Unterhaltung zusammenblieben, da zeigte eben diese unveränderte Stimmung, daß das Lindau'sche Haus sich nicht von der Anwesenheit fürstlicher Gäste, sondern daß diese sich unwillkürlich von dem in diesen Räumen herrschenden Geist der Geselligkeit leiten ließen. Solcher aber läßt sich nicht künstlich schaffen und ist daher so ungemein selten. Wer die Berliner Gesellschaft aus Gesellschaften kennt, weiß das.</p><p class="centerbig">*</p><p>Ich habe schon erzählt, wie hoch <i>Berthold Auerbach</i> mich durch seine Freundschaft ehrte und wie lieb ich ihn hatte. In seinem Hause verkehrte <a class="pageref" name="page225">225</a> ich viel, sein Kreis war, wie man weiß, ein hervorragend interessanter. Eines Abends war derselbe besonders zahlreich, und <i>Auerbach</i> forderte mich auf, eine kleine, freundliche alte Dame zu Tisch zu führen, der er mich vorstellte. Frau Doktor <i>Johanna Veit</i> hatte er sie genannt. Ihre schönen, freundlichen Augen fielen mir auf, und über diese Augen vergaß man ganz, daß ihr Haar schneeweiß war. Nachdem ich eine Weile mit ihr geplaudert hatte, sprach mir der uns gegenübersitzende <i>Hans Hopfen</i> von Weimar, wo wir vor einigen Tagen gewesen waren. Dann fragte mich meine Nachbarin: Sie waren in Weimar, in meinem lieben Weimar?</p><p>Ich bejahte. Sie kennen Weimar?</p><p>Ich? rief sie lebhaft. Ja, wissen Sie denn nicht, daß Weimar meine Vaterstadt ist und daß ich eine geborene Elkan bin, dieselbe, von der <i>Zelter</i> an <i>Goethe</i> schreibt: »Die kleine artige Elkan aus Weimar will gerne etwas für Dich mitnehmen . . .«</p><p>Ich kann nicht sagen, wie mich diese Worte ergriffen. Das ist wohl der unbeschreibliche Zauber, der aus dem Namen <i>Goethe</i> wirkt. Wenn wir Jemand, der Goethe gesehen hat, erzählen hören, so ist es uns, als beneideten wir ihn um seine Augen, und als müßten wir mehr hören, so viel, daß wir <i>Goethe</i> selbst vor uns sehen können, und immer wieder möchten wir nach tausend Kleinigkeiten fragen, <a class="pageref" name="page226">226</a> um mit ihrer Hülfe das Bild des Dichters zu vervollständigen, das wir in uns tragen. Diese Empfindung hatte ich, als mir einst <i>F. Ch. B. Avé-Lallement</i> erzählte, er sei als Student von Jena nach Weimar gewandert, um <i>Goethe</i> zu sehen, und er habe ihn auch gesehen, ihn und den Großherzog, beide zu Pferde. Daß mir <i>Holtei</i> von seinem Verkehr mit <i>Goethe</i> erzählt hatte, habe ich bereits erwähnt.</p><p>Meine kleine weißhaarige Dame war von der Wirkung, die ihre wenigen Worte auf mich ausgeübt hatten, durchaus nicht überrascht. Sie war ihr gewiß nichts Neues. Ich küßte ihre Hand, und auch hierüber wunderte sie sich nicht, sie wußte wohl, welche Ehren ihr gebührten, ihr, die <i>Goethe</i> gesehen und gehört hatte, die in seinem Hause gewesen war, die ihm einen Brief gebracht und mit artigem Knix überreicht. Wenn ich sie umarmt hätte, sie würde gewiß nichts anderes darin erblickt haben, als eine Huldigung, dargebracht der Sonne, in die sie mit jugendlichen Augen geblickt hatte. Und doch war die kleine Frau so liebenswürdig bescheiden, von so edlem Anstand, – eine echte Tochter der Stadt <i>Goethes</i>. Sie war auch eine von den jungen Weimaranerinnen, welche zuweilen im Goethe'schen Kreise lebende Bilder stellten, an denen der Altmeister seine Freude hatte.</p><p>Im <i>Goethe-Zelter</i>'schen Briefwechsel findet sich denn auch ein Brief von <i>Zelter</i> an <i>Goethe</i>, in <a class="pageref" name="page227">227</a> welchem es heißt: »Die kleine artige Elkan aus Weimar will gerne etwas für Dich mitnehmen,« und der geschätzte Goethephilologe Professor <i>Geiger</i> hat in einem Aufsatz »Goethe und die Juden« mitgetheilt, was ihm die glückliche Briefbotin über ihren Besuch bei <i>Goethe</i> erzählt hat, daß sie viel von Berlin berichten mußte und durch <i>Goethes</i> Fragen und Aufforderungen zu immer weiteren zutraulichen Berichten ermuntert wurde. Die kleine artige Elkan saß nun als eine alte Dame neben mir, eine der interessantesten Tischnachbarinnen meines tischnachbarinnenreichen Lebens. Ich habe sie zu meinem großen Leidwesen nicht wiedergesehen, nachdem sie fast heimlich sich aus der Gesellschaft entfernt hatte. Vor mehreren Jahren ist sie gestorben.</p><p class="centerbig">*</p><p>Jahrelang, an allen Donnerstag-Abenden nach gethaner Redaktion, bildeten die Gelehrten des Kladderadatsch und ich einen Kreis, in dem der Abend bei guten Tropfen und Gesprächen munter in die Nacht hinein verlief. <i>Dohm</i>, <i>Löwenstein</i>, <i>Trojan</i> und der Zeichner <i>Wilhelm Scholz</i> waren mir befreundet, noch bevor ich Redakteur der Berliner Wespen geworden war, und es störte unsere Freundschaft nicht, daß dann unsere Blätter gegen einander konkurrirten. Unserem persönlichen Verkehr blieben <a class="pageref" name="page228">228</a> unsere Blätter ganz fern, als ob sie gar nicht existirten, er war rein musterhaft, freilich, wie ich bedauernd hinzufügen muß, ohne als Muster zu dienen. Ich kenne wenigstens keinen literarischen Kreis, in dem nicht der Beruf eine große Rolle spielte und mit seinen kleinlichen Rivalitäten und Privatinteressen die Vertraulichkeit entfernte. Unser Kreis übte daher auf Kollegen und auch auf solche Männer, die der Journalistik, namentlich der unsrigen, nicht angehörten, ja selbst nicht einmal unseren politischen Standpunkt theilten, eine gewisse Anziehungskraft aus. Die Abgeordneten <i>Bamberger</i> und <i>Oppenheim</i>, der Direktor des Zoologischen Gartens <i>Bodinus</i>, <i>Paul Lindau</i>, <i>Ludwig Pietsch</i>, Professor <i>Scheibler</i>, <i>Rudolph Genée</i>, <i>Albert Traeger</i> und Andere fanden sich bei uns ein, und so gestalteten sich Abende, die Anregung und Unterhaltung in Menge boten und um so schneller hingingen, je weniger sie mit schweren politischen und wissenschaftlichen Fragen belastet wurden. Ich kenne, wie gesagt, keinen Kreis, der dem unsrigen ähnlich sähe, heute ist alles mit Politik und Partei verzwickt. Jeder ist nach seiner Façon unselig geworden und so ungeheuer thätig in der Werkstatt der Weltverbesserung! Und das bringt jede Geselligkeit um. In die Rubrik des oben angehängten »und Andere« gehörte der Schriftsteller <i>Moritz Busch</i>, allgemein bekannt geworden <a class="pageref" name="page229">229</a> durch sein Buch: »Bismarck und seine Leute«, das er in seiner Stellung als Privatsekretär des Reichskanzlers während des französischen Krieges aus zahllosen Aeußerungen seines Herrn und der Leute desselben mit dem Fleiß und der Gewissenhaftigkeit eines Eckermann zusammennotirt hatte. <i>Busch</i> wußte viel und fesselnd von Bismarck zu erzählen, auch solche Details, die er aus gewissen Rücksichten nicht in sein Buch aufgenommen hatte. Aber so interessant auch alles war, was er vorbrachte, es bekam einen komischen Anstrich durch seinen sächsischen Dialekt, den er, ein geborener Dresdener, mit unerschütterlicher Virtuosität vorbrachte. Er sprach das Sächsische gewissermaßen vom Faß, zum Gaudium nicht nur für Bismarck, auf den dieser Tonfall als Gegensatz zu dem aus der Ferne ernst dröhnenden Kanonendonner einen um so komischeren Eindruck gemacht haben muß, sondern für Jeden, der ihn vernahm. Eines Abends erzählte er uns eine Geschichte, der wir mit größter Spannung lauschten, und er erzählte sie, wie er nicht anders konnte, sächselnd. Da er aber einen seiner Landsleute redend vorzuführen hatte, so unterbrach er sich plötzlich mit den Worten: »Nee, die Geschichte muß ich Ihnen sächsisch erzählen!« und er begann sie von neuem, natürlich im Ton absolut unverändert. Das machte einen unbeschreiblich drolligen Eindruck.</p><p><a class="pageref" name="page230">230</a> Wie viele meiner Kollegen war ich stets bis zu dem Moment, wo mein Blatt in die Presse ging, in der Druckerei, und wie wenige meiner Kollegen mit einer gewissen Passion. Ich war immer ein gewissenhafter Korrekturleser, habe es nie begreifen können, wie ein Autor auch nur eine Zeile in die Oeffentlichkeit gelangen lassen mag, ohne sie bis an die Schwelle desselben zu begleiten, und kann versichern, daß mir das Erscheinen einer nach meiner Ueberzeugung gelungenen Arbeit nie so viel Vergnügen gemacht, als es mir Aerger bereitet hat, wenn ich zu spät bemerken mußte, daß ich bei der Korrektur irgend eine Ungeschicklichkeit oder einen Druckfehler übersehen hatte. Auch bot mir das Leben und Treiben in der Druckerei, ja selbst der Lärm der Maschinen eine gute Unterhaltung, vielleicht als Gegensatz zu dem gesellschaftlichen Trubel, in welchem der Schriftsteller und der Journalist trotz aller ihnen geschenkten Aufmerksamkeit niemals die Geltung erlangen können, die sie sich in der Druckerei zu verschaffen vermögen, wenn sie in deren Personal Mitarbeiter schätzen, die durch ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß anspruchslos dem Autor die Aufgaben seines Berufs erleichtern. Wenn ich also meine Kollegen über ihre Pflicht, in der Druckerei redigiren, korrigiren und revidiren zu müssen, seufzen und schelten höre, so glaube ich ihnen ihre Seufzer und <a class="pageref" name="page231">231</a> ihr Schelten nicht immer, was sie, beiläufig bemerkt, bei der Menge dessen, was man ihnen nicht glaubt, nicht sonderlich erschüttern wird. Es ist das nach meiner Meinung mehr ein Seufzen, das gewissermaßen zum Beruf gehört und zur Gewohnheit geworden ist. Kein Autor wird gern auf den Aufenthalt in der Druckerei verzichten, in der er die letzte Hand an seine Arbeit legt, bevor diese dem gestrengen Richter, dem Publikum, vorgeführt wird.</p><p>Zum Dank für viele schönen Stunden, die mir in den Druckereien durch die Intelligenz und den guten Willen ihrer »Leute« bereitet worden sind, schildere ich eine von vielen kleinen heiteren Episoden, deren ich mich erinnere.</p><p>Viele Jahre hindurch hatte ich regelmäßig einmal wöchentlich in der Druckerei von <i>Gensch</i> meine Redaktion zu besorgen. Ging das Blatt in die Presse, so fand ich an derselben den alten Maschinenmeister <i>Lanzenberger</i>, einen bescheidenen, überaus tüchtigen und braven Arbeiter, aus dessen Hand ich den Revisionsbogen empfing und der dann mit großer Geduld und freundlichem Entgegenkommen Alles ertrug, was ich betreffs der noch in dem Blatt nöthig erscheinenden kleinen Aenderungen mit oft überflüssigem Eifer anzuordnen hatte. Ich hatte den Alten gern, er war nicht nur ein höchst intelligenter Arbeiter, <a class="pageref" name="page232">232</a> sondern auch ein guter Vater tüchtiger Söhne, die mit ihm in der Druckerei arbeiteten. Am 24. Juni 1878 sollte er sein 50ähriges Buchdruckerjubiläum feiern, und ich betheiligte mich freudig an dem Fest, welches für diesen Tag arrangirt wurde. Ich machte die Verse zu einer Begrüßungsadresse, die in der Druckerei mit großer Letternpracht hergestellt wurde, und ließ bei <i>Vollgold</i>, dem berühmten Meister des Kunsthandwerks, eine silberne Cigarrentasche anfertigen und dieser eine Widmung eingraviren, welche meiner Dankbarkeit den passendsten Ausdruck gab. Eine Cigarrentasche schien mir ganz besonders geeignet. Denn seit Jahren hatte ich regelmäßig während der Arbeitsstunden am Donnerstag dem wackeren Maschinenmeister etliche Cigarren gegeben, die er auch gerne annahm. Wenn er sie nicht anzündete, sondern in die Seitentasche seines Rockes steckte, so fiel mir das nicht auf: er rauchte wohl erst, wenn Feierabend war. Der Ehrentag kam. Am Sonntag Vormittag versammelten wir uns um den »Jubelgreis« und feierten ihn, wie sich's gebührte, durch Reden, herzhaftes Trinken und Ueberreichen der Adresse und anderen Festgaben. Ich drückte ihm die Hand, dankte ihm für seine treue Mitarbeit und wünschte ihm, er möge noch viele, viele Jahre die Cigarrentasche, für deren Füllung ich immer sorgen wolle, gesund und fröhlich in Gebrauch haben.</p><p><a class="pageref" name="page233">233</a> Es freut mich, sagte ich, daß Ihnen meine Cigarre schmeckt.</p><p>Ach, antwortete er, ich habe noch nie geraucht, ich –</p><p>Erschrocken rief ich: Aber, lieber Lanzenberger, seit Jahren gebe ich Ihnen Cigarren, und ich dachte, Sie seien ein passionirter Raucher!</p><p>Nein, versicherte er, aber meine Söhne rauchen, und für diese habe ich die Cigarren immer eingesteckt.</p><p>Ich war außer mir. In der Meinung, ihm das passendste Festgeschenk ausgewählt zu haben, hatte ich das allerunpassendste gefunden.</p><p>Vor etlichen Jahren ist der liebe Maschinenmeister <i>Lanzenberger</i> gestorben, und ich habe ihn betrauert, wie man den Heimgang eines guten Freundes betrauert.</p></div><div class="chapter" id="chap017"><h3><a class="pageref" name="page234">234</a> XVII.</h3><p class="initial">»Man spricht selten von der Tugend, die man hat,« läßt Lessing seine Franciska sagen. Dies ermuntert mich, einmal – und dies ist doch selten genug – von meinem <i>Wippchen</i> zu sprechen. Denn wenn ich auch gar nicht daran denke, mir die Erfindung dieser Figur als eine Tugend anzurechnen, so hat man ihr doch so häufig einige Originellität und Popularität zugestanden, daß ich es wohl wagen zu dürfen glaube, von ihr zu erzählen, besonders wenn ich es vermeide, mich ihrer zu rühmen. Und ich könnte dies vielleicht, wenn ich etwas Talent für das bekanntlich nicht geruchlose Selbstloben hätte. Denn – und dies ist doch wahrlich kein geringer Vorzug meines <i>Wippchen</i> – niemals hat man in dieser Zeit der Plagiatentdeckungen ernsthaft und mit Erfolg sich bemühen können, mein volles geistiges Eigenthum an dieser Figur in Zweifel zu ziehen. Daß Bohrungen nach Wippchenquellen vorgenommen wurden, versteht sich von selbst, aber dies war doch <a class="pageref" name="page235">235</a> schließlich nur das, was es naturgemäß sein konnte: Der Liebe Müh' umsonst. Unter den Versuchen, mir die Erfindung des <i>Wippchen</i> abzuerkennen, ist als der geistvollste und gelehrteste der im Feuilleton der »Frankfurter Zeitung« vom 18. August 1880 zu bezeichnen. In dieser vortrefflich geschriebenen Studie führt der Autor, <i>Monachus</i>, die Leser in das zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung, bis in die Aera der römischen Antonien, zurück, um sie mit den Schlachtfeldern bekannt zu machen, auf denen die Römer und Griechen ihre Weltreiche zu vertheidigen gezwungen waren. »Es gab noch keine Zeitungen, die sich die Aufgabe gestellt hätten, die Neugier täglich oder wöchentlich zu befriedigen, aber die Neugier war trotzdem, vielleicht gerade darum, nicht minder lebhaft und hungrig, wie sie es in unseren Tagen ist« Und nun schildert der Verfasser nach Lucian von Pamosata, den Aristophanes als den bedeutendsten Satiriker Griechenlands bezeichnet, die Kriegsberichterstatter und Historiker, welche die Neugier des Volkes zu befriedigen suchten. »Zu Lucian's Zeiten, unter den Kaisern Marcus Aurelius und Lucius Verus, hatten die Römer und also auch die Schriftsteller es mit den Parteien unter dem König Vologeses zu thun. Zahlreiche Federn waren in Bewegung, die gewaltigen Waffenthaten der Römer gegen die Barbaren aufzuzeichnen, und so wie <a class="pageref" name="page236">236</a><i> Wippchen</i>, wenn er den orientalischen Krieg schildert, in Bernau sitzt, so saßen diese griechischen Kriegsweisen ruhig daheim, in Korinth, Athen oder sonstwo. Lucius erzählt von Einem, der nie aus Korinth herausgekommen war, aber trotzdem seine Geschichte des Parthischen Krieges mit den Worten beginnt: »Die Ohren sind nicht so glaubwürdig, wie die Augen; ich schreibe also, was ich gesehen, nicht, was ich gehört habe.« Und nun folgen sehr amüsante Auszüge aus derlei Berichten, deren phantastischer Inhalt meinen <i>Wippchen</i> beschämen könnte, wenn er für dergleichen Konzessionen zu haben wäre, aber der Autor der kurzweiligen Studie verlangt dies auch nicht, sondern er giebt zu, daß die klassischen Kriegsberichterstatter es genau wie <i>Wippchen</i> treiben, indem er fragt: »Macht <i>Wippchen</i> nicht ähnliche Kunststücke?« oder erklärt: »So, Zug für Zug, finden wir in <i>Wippchen</i> die vortrefflichen Eigenschaften der griechischen Kriegsberichterstatter der Zeiten Lucians. Hätten die Herren damals auf Bestellung und für griechische oder römische Zeitungseigenthümer oder Redaktionen geschrieben, so würde auch wohl – vorausgesetzt natürlich, daß diese letzteren den modernen deutschen ähnlich gewesen wären – die regelmäßige Betonung eines Vorschußbedürfnisses nicht gefehlt haben.«</p><p>Trotz dieser interessanten Enthüllungen aus der <a class="pageref" name="page237">237</a> publicistischen Thätigkeit verschollener Ahnen <i>Wippchens</i>, an deren Verbreitung ich mich mit Vergnügen beteilige, – von weniger feinen oder höchst plumpen Denunciationen nehme ich hier nicht Notiz, – erhebe ich doch den Anspruch auf das vielleicht geringe Verdienst, den <i>Wippchen</i> ohne irgend eine Anlehnung an berühmte Muster erfunden zu haben. Auch der Verfasser der Feuilletons: »Die Urbilder Wippchens«, will mir dieses Verdienst nicht schmälern. Er sagt am Schluß äußerst liebenswürdig: »Ehe wir wagten, auf Herrn Stettenheim's <i>Wippchen</i> auch nur den Schatten des Verdachts zu werfen, als sei er nicht ganz und ohne fremde Beihülfe im Haupte seines Vaters entstanden und aus demselben wie Pallas Athene aus dem des Zeus hervorgegangen, würden wir lieber einen körperlichen Eid dahin leisten, Herr Stettenheim habe den alten Lucian niemals gelesen.« Der geschätzte Autor darf diesen körperlichen Eid mit gutem Gewissen ablegen und hinzufügen: »So wahr mir Gott helfe!« Ich habe den alten Lucian auch heute noch nicht gelesen. Mehr als das Vertrauen, welches der Autor der »Urbilder« in die Lücken meiner Belesenheit setzt, mich ehrt, freut mich seine Versicherung, daß er mir meine »Erfindung«, die mir nun einmal patentirt ist, nicht schmälert.</p><p>Die Idee zum <i>Wippchen</i> gestaltete sich in sehr <a class="pageref" name="page238">238</a> einfacher Weise. Als der deutsch-französische Krieg ausgebrochen war, eilte, was Hände hatte, sich zum Kriegsberichten einzurichten, und es regte sich geschäftig Jung und Alt auf dem Gebiet der Korrespondenz. Frankreich wimmelte von berufenen und unberufenen Federhelden, die, wie sie irrthümlich versicherten, aus den besten Quellen schöpften und sich rücksichtsvoll gutunterrichtet nannten. Aber auch in Deutschland selbst wurden unzählige Berichte vom Kriegsschauplatz geschrieben, mit denen die Blätter ihr Publikum fesselten und unterhielten. Dem Bürger des journalistischen Staates war das kein Geheimniß. Er wußte, daß der Kriegstheater-Berichterstatter meist das eine beste Quelle nannte, was er, selbst nicht Augenzeuge, fern vom Schuß von irgend einem militärischen Freunde gehört hatte, der ebensowenig Augenzeuge war, aber, um als solcher oder als gutunterrichtet zu gelten, ihm irgend welche Mittheilungen gemacht hatte, die ungefähr als authentisch gelten konnten. Das wurde dann telegraphirt oder mit blühenden Redeblumen ausgeschmückt als neuester Bericht »unseres eigenen Kriegskorrespondenten« veröffentlicht. Daß auch Berichte vom Kriegsschauplatz in den Redaktionen verfaßt wurden, versteht sich von selbst. Eine tüchtige Redaktion weiß sich zu helfen, wenn sie zufällig nicht bei den Ereignissen auf dem Kriegstheater persönlich vertreten ist. Es kommt <a class="pageref" name="page239">239</a> dazu, daß in unseren Hauptquartieren kein besonderer Eifer vorherrscht, gegen die Presse liebenswürdig zuvorkommend zu sein. Die auf den Kriegsschauplatz entsendeten Journalisten werden eben wie uneingeladene Gäste behandelt und ohne eigentliche Schuld der schneidigen militärischen Würdenträger, die, einer alten und üblen Tradition getreu, die Presse und deren Vertreter als etwas Ueberflüssiges zu betrachten gewöhnt worden sind, während sie die unbedingt überflüssigen und störenden fürstlichen und adligen Schlachtenbummler in ihrer Ebenbürtigkeit als die geborenen Besucher des Kriegstheaters betrachten. Die unfreundlich und mißtrauisch behandelten Vertreter der Presse haben daher häufiger, als bei etwas Entgegenkommen seitens der Militärs nöthig wäre, ihre Phantasie arbeiten zu lassen, wenn sie ihre Zeitung mit Nachrichten vom Kriegsschauplatz »bedienen«.</p><p>Diese Berichte werden, ob nun im Hauptquartier oder im Redaktionsbureau, natürlich mit großer Hast zu Papier gebracht, und solche Fabrikation mit Dampfbetrieb schließt die sorgsame Arbeit fast gänzlich aus. Der Schreiber hat weder Zeit, lange zu überlegen, noch zu feilen, weder seine Nachrichten zu prüfen, noch seine Phantasie zu zügeln, wenn ihm der Stoff zu einem ansehnlich langen Bericht fehlt, und so producirt er darauf los, froh, <a class="pageref" name="page240">240</a> Manuskript abschicken zu können. Der Journalist ist ohnehin meist ein Schnellschreiber, der langsam arbeitende, bedächtig überlegende ist heute kaum noch zu gebrauchen. Er mag wollen oder nicht, er ist ein »Concertschreiber«, wie es Concertzeichner und Concertmaler giebt. Und aus der Verbindung dieser eiligen Production mit der nicht allzu seltenen Halbbildung und Flüchtigkeit entstammt ein literarischer Handwerker, dessen Thätigkeit besonders während des deutsch-französischen Krieges sehr viel Heiterkeit hervorrief und zwar meist an falscher Stelle und bei unpassender Gelegenheit. Er forderte förmlich zur Parodie heraus.</p><p>Aber ich nahm damals diese Herausforderung nicht an, weil die zu schaffende Figur am allerwenigsten zu dem Ernst gepaßt hätte, mit dem wir den Ereignissen folgen mußten. Ich wartete einen Krieg ab, der uns fernlag, und solchen, den russisch-türkischen, brachte das Jahr 1877. Die Nummer der »Berliner Wespen« vom 4. Mai enthielt den ersten <i>Wippchen</i>.</p><p>Nicht selten bin ich gefragt worden, ob es wirklich so lustig, wie man erzählte, zugegangen sei, als der <i>Wippchen</i> entstand. Das Erzählte war dann meist sehr merkwürdig und auch sehr lustig, um die Figur hatte sich eine ganz passable Legende gebildet, die mir aber immer ganz unbekannt war. Es begab <a class="pageref" name="page241">241</a> sich gar nichts Merkwürdiges oder Lustiges bei <i>Wippchens</i> »Geburt«, wie ich der Wahrheit gemäß berichten muß. <i>Wippchen</i> entstand, wie jeder andere Zeitungsartikel dieser oder ähnlicher Art, bei welchem Form und Inhalt erst beim Schreiben auf's Papier fließen. Der Journalist arbeitet nicht nach vorher entworfenen Plänen. Wie der Appetit mit dem Essen, so kommt der Inhalt mit dem Schreiben. Ich weiß nicht einmal, wie ich denn eigentlich auf die Namen <i>Wippchen</i> und Bernau kam. Wahrscheinlich ging mir ein Lied »Mach' mir keine Wippchen vor«, das ich in meiner Jugendzeit gehört hatte, durch den Kopf, und ich versetzte <i>Wippchen</i> nach Bernau, weil mir dies Hussitenstädtchen durch einige Besuche, die ich meinem alten dort wohnenden Freunde, dem Chemiker und Schriftsteller <i>Emil Jacobsen</i>, abgestattet hatte, der durch sehr lustige Lieder und dramatische Scherze, die besonders an den Festabenden des »Vereins Berliner Künstler« mit großem Vergnügen vorgetragen wurden, bestens bekannt geworden ist. Ich erinnere mich, daß <i>Jacobsen</i> eines Tages zu einer höchst interessanten Ausgrabung eingeladen hatte. Es handelte sich natürlich nur eine scherzhafte Persifflage dieser damals besonders stark grassirenden Unternehmungen übereifriger Archäologen: Es sollte ein leibhaftiger Hussit an's Licht gefördert werden. Ein auf das Tollste <a class="pageref" name="page242">242</a> gefaßter Kreis, in welchem sich auch der am selben Tage nach Berlin gekommene <i>Julius Stinde</i> befand, umstand einen verdächtig neu aussehenden Hügel, der bald das erwartete »Tollste« enthalten sollte. Denn nach einigen kräftigen Spatenstichen ward eine Tonne sichtbar, aus der uns ein völlig gerüsteter Hussit entgegenkroch und uns einen guten Tag wünschte. Dieses Scherzes und anderer dankbar gedenkend, wählte ich Bernau zum Wohnsitz für <i>Wippchen</i>.</p><p>Um über den Namen <i>Wippchen</i> ganz ausführlich zu sein, muß ich noch anführen, daß derselbe sich neben dem citirten Liedervers auch aus der Lektüre des alten »Till Eulenspiegel« in meinem Gedächtniß erhalten hatte: Die Mutter Tills hieß Anna <i>Wibeken</i>.</p><p><i>Wippchen</i> war kaum vier Wochen alt geworden, als er sich auch schon einer Popularität erfreuen durfte, wie ich sie nicht erhofft hatte. Von allen Seiten gingen mir alte und neue Zeitungen und belletristische Erzeugnisse zu, in welchen die Leser den Styl <i>Wippchens</i> entdeckt hatten, und schon daran war leicht zu erkennen, daß ich den <i>Wippchen</i> nicht aus der Luft gegriffen hatte, sondern daß in ihm eine Satire sich darstellte, welche schon lange reif gewesen und erwartet worden war. Aber nicht nur in solcher Weise interessierten sich die literarischen Kreise und das gebildete Publikum für <i>Wippchen</i> und seine <a class="pageref" name="page243">243</a> parodistische Thätigkeit. Sie befreundeten sich gewissermaßen persönlich auf das engste mit ihm. In der Presse trat das Wort <i>Wippchen</i> als eine ganz bestimmte kurze und deutliche Kritik an die Stelle einer weitschweifigen, und das Publikum brauchte es nur zu lesen, um zu wissen, was es von irgend einem Elaborat zu halten hatte. In unzähligen Nachahmungen erschien <i>Wippchen</i> in Vereins- und Festzeitungen, Witzblätter, welche nicht stolz waren, kopirten ihn, und in der ausländischen Presse erschien er in Uebersetzungen, welche, nebenbei bemerkt, den Uebersetzern nicht geringe Mühe verursacht haben müssen. Sein Name und seine Bitte: »Verzeihen Sie das harte Wort!« haben einen Platz im <i>Büchmann</i> und dann in allen ähnlichen Sammelwerken gefunden, Sprachforscher würdigten ihn in ihren Büchern und Aufsätzen freundlicher Erwähnung, <i>Wilhelm Goldbaum</i> widmete ihm in seinen »Literarischen Physiognomien«, <i>Paul Lindau</i> in der »Gegenwart« ein ausführliches Kapitel, wie auch viele andere Feuilletonisten sich eingehend mit ihm und seinen Berichten beschäftigten. Der berühmte Bildhauer <i>Max Klein</i> stellte ein Wippchendenkmal her, das durch seine Porträtähnlichkeit und phantastische Staffage ein humoristisches Meisterwerkchen und der Schmuck meines Arbeitszimmers geworden ist. Es ist umgeben von Wippchen-Porträts auf <a class="pageref" name="page244">244</a> Porzellan, Glas, Holz und anderem Material, mehrere Freunde <i>Wippchens</i> haben sich, ihn in Costüm und Haltung kopirend, photographiren lassen, und der geniale Zeichner <i>Döpler d. J.</i> hat ihn auf mehreren Tischkarten angebracht. In Berlin bildete sich ein »<i>Verein Wippchen</i>«, und in vielen anderen Vereinen, wie im »Eulenspiegel«, wurden regelmäßig Wippchenvorträge auf das Programm gesetzt. Auf der Bühne ist <i>Wippchen</i> häufig erschienen, so von dem vortrefflichen Komiker <i>Emil Thomas</i> auf der Bühne des Wallnertheaters dargestellt, nachdem er die von mir verfaßte Soloscene »Wippchens Liebesleid«, die alsdann in der Theateragentur von <i>Felix Bloch</i> erschienen ist, auf einem Ballfest des Vereins »Berliner Presse« gespielt hatte, und für Frau <i>Niemann-Seebach</i> schrieb ich auf deren Wunsch eine ähnliche Scene, in der eine Dame die Anträge schilderte, mit denen sie von dem in sie verliebten <i>Wippchen</i> verfolgt werde. Die große Schauspielerin trug den Scherz in einem Wohlthätigkeitsbazar vor. Aber schon auf dem Theaterzettel des Berliner Variététheaters vom 24. September 1877 finde ich ihn als »Herr <i>Wippchen</i> aus Bernau, Zeitungs-Correspondent«, in einer Posse von <i>R. Hahn</i>: »Berliner auf dem Kriegsschauplatz, oder: Vom Kreuzberg bis zum Balkan.« Wie weit und allgemein bekannt <i>Wippchen</i> geworden ist und zugleich, <a class="pageref" name="page245">245</a> daß der Ton, den er angestimmt hatte, nicht allein in Berlin und in Norddeutschland verständlich war, dafür empfing ich später in meinen Vorlesungen, die ich nicht nur im deutschen Reich, sondern auch in der Schweiz, in Böhmen, in Ungarn, in Siebenbürgen, in Galizien u.s.w. hielt, Beweise. Ueberall trug ich <i>Wippchens</i> Prosa und Verse vor, und überall wurden diese nicht nur verstanden, sondern konnte ich auch bemerken, daß <i>Wippchen</i> in der Ferne längst so populär geworden war, wie daheim.</p><p>Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich wohl, daß ich mich der Gefahr aussetze, für eitler gehalten zu werden, als Jedem zu sein erlaubt ist, der von seiner Arbeit spricht. Ich habe mich daher bemüht, mich in den Schranken des Referats zu halten, und ich glaube daher, in meiner Eigenschaft als Berichterstatter die Eigenthümlichkeiten des Herrn <i>Wippchen</i> vermieden zu haben. Aufrichtig, ich spreche gar nicht sehr gern von <i>Wippchen</i>. Ich bin eigentlich ein wenig eifersüchtig auf ihn. Auch ist er mir schon manchmal im Wege gewesen. Eifersüchtig bin ich auf ihn, weil man ihn, wie dies häufig geschieht, für einen Journalisten hält, der zu mir nur in dem Verhältniß eines Mitarbeiters zu seinem Redakteur steht. Man spricht sehr oft mit mir über ihn als von einem Manne, dem ich zu großem Dank verpflichtet sei, weil er mich doch durch <a class="pageref" name="page246">246</a> seine schriftstellerische Thätigkeit sehr bekannt gemacht habe, und man wünscht mir Glück, daß ich ihn gefunden. Ich bin also im Recht, wenn ich behaupte, daß er mir schon oft im Wege gewesen sei, besonders auch dadurch, daß er von Denen, die ganz genau wissen, wie wir mit einander stehen, allem anderen vorgezogen wird, was ich außer seinen Berichten producire und ganz gewiß mit nicht weniger, oft mit mehr Fleiß und Sorgfalt. Man sagt <i>Wippchen</i>, wenn man <i>Julius Stettenheim</i> sagen will. Das ist mir höchst selten angenehm, oder er gilt mehr als andere Figuren, die ich ersonnen habe und die älter sind als er. Wenn ich nach Karlsbad komme, und das ist nun schon ein Dutzend mal geschehen, so kündigen mich die Blätter unheilbar mit den Worten an: »Wippchen ist hier eingetroffen.« Das ist mir auf meinen Vortragsreisen ebenso geschehen. Auch das direkte Gegenteil widerfährt mir zuweilen, indem mir Jemand, dem ich vorgestellt werde, sagt: »O, ich habe Sie sofort an der Aehnlichkeit erkannt.« Es ist, nebenbei bemerkt, gar nicht angenehm, Herrn <i>Wippchen</i> ähnlich zu sehen.</p><p>Einen lustigen Beweis für die Thatsache, daß <i>Wippchen</i> auch heute noch für einen leibhaftigen Menschen gehalten wird, lieferte mir ein Biedermann aus Potsdam, der an der Tafel eines öffentlichen Festes neben mir saß und mich anredete. Man sagte <a class="pageref" name="page247">247</a> ihm, ein uns gegenüber sitzender Herr sei <i>Wippchen</i>, dem er manche heitere Stunde verdanke, er wolle ihm dies sagen, wenn der Herr wirklich der bekannte Kriegskorrespondent sei. Ich bedauerte, ihm keine Auskunft geben zu können, da ich annahm, daß es sich um einen jener Tafelscherze handelte, die einem den Appetit verderben. Aber mein Nachbar war ein sehr ernsthafter Mann, und als solcher erhob er sich, ergriff sein Glas und wandte sich an den uns gegenüber Sitzenden, der sich nun gleichfalls erhob und einige große Liebenswürdigkeiten erst etwas überrascht und dann ganz ruhig anhörte. Das war ein Händeschütteln und Gläserklingen! Dem Einen war es eine zu große Freude, endlich einen seiner Lieblingsschriftsteller persönlich kennen zu lernen, und dem Anderen, dem die Natur in einem Moment der Freigebigkeit eine Wippchennase verliehen hatte, gab die Weinlaune den ganz vernünftigen Gedanken ein, dem dankbaren Zeit- und Tischgenossen eine große Verlegenheit zu ersparen, indem er allen Dank über sich ergehen ließ. Er wollte sich nicht etwa mit einer fremden Feder schmücken, er hatte eine eigene Feder, die ihn auch heute noch schmückt, er wollte nur kein Spaßverderber sein, obschon es sich gar nicht um einen Spaß handelte. Sehr befriedigt setzte sich mein Nachbar endlich wieder nieder, aber von Zeit zu Zeit stieß er unter freundlichstem Kopfnicken mit <a class="pageref" name="page248">248</a> unserem Gegenüber an, bis er ganz voll süßen Weines war.</p><p>Oft ertappe ich mich aber auch selbst, wie ich von <i>Wippchen</i> als von einer Person spreche, mit der ich zufällig in Verbindung stehe; so habe ich mich endlich selbst daran gewöhnt, in ihm, wie es Andere thun, einen fleißig an seinem Schreibtisch in Bernau sitzenden Berichterstatter zu sehen. Ich spreche und schreibe unwillkürlich von ihm als von einem Kollegen, einem Mann, den ich persönlich oder aus seinen Publikationen kenne. Es wird dies begreiflich, wenn man weiß, daß ich jahrelang in Briefen und Gesprächen von Wippchen als von einem lebenden Kriegskorrespondenten lese und höre, – jedenfalls scheint es mir ein Beweis dafür zu sein, daß die Figur eine lebensfähige humoristisch-satirische Gestalt ist, der man unter anderem Namen und journalistisch thätig schon in den Spalten der Journale begegnet ist.</p><p>Gleich nach dem ersten Auftreten <i>Wippchens</i> habe ich alle auf ihn sich beziehenden, eigentlich an ihn gerichteten Briefe, Drucksachen u. s. w. gesammelt, und so entstand eines der lustigsten Archive, welche der journalistische Staat aufzuweisen haben wird. Neben vielen guten und mittelmäßigen Nachahmungen finden sich hier in unzähligen Zeitungs-Ausschnitten die unfreiwilligen »Wippchen«, welche häufig <a class="pageref" name="page249">249</a> drastischer sind als die von mir erfundenen, – es ist erstaunlich, was in allem Ernst geleistet, mit der Hast der Production kaum erklärlich und meist dem armen Druckteufel in die Schuhe geschoben wird! Dann habe ich nicht wenige Briefe aufbewahrt, deren Absender außer sich darüber sind, daß ich Berichte eines so ungebildeten Menschen wie <i>Wippchen</i> abdrucke, der in fast jedem Satze bekunde, daß ihm die Bildung eines Quintaners fehle, ja, daß er nicht einmal im Stande sei, richtig zu citiren, dagegen die landläufigsten Citate in der dümmsten Weise ineinanderschiebe. Solche Briefe gelangen auch heute noch an mich und beweisen, daß <i>Wippchen</i> auch auf den Titel eines verkannten Genies Anspruch hat. Neben solchen Dokumenten liegen die schmeichelhaftesten Briefe seiner Leser und Freunde, auch viele von Damenhand. Als in dem <i>Fechner</i>'schen Atelier die Photographie <i>Wippchens</i> nach einer Zeichnung <i>Gustav Heil's</i>, des Erfinders der die Berichte begleitenden Figur, hergestellt worden war und ich diese Bilder in mit »Feldpost« bezeichneten Briefen, die in Bernau auf die Post gegeben waren, an viele Vertreter der Literatur, Kunst und Regierung mit entsprechenden Widmungen verschickt hatte, – <i>Wippchen</i> sollte sich im Oktober 1877 für die ihm bereitete freundliche Aufnahme persönlich bedanken, – da gingen viele der Adressaten verständnißinnig auf <a class="pageref" name="page250">250</a> den Spaß ein, indem sie sich durch Zusendung ihrer Photographie mit humoristischen Begleitzeilen revanchirten. Um diese Briefe und Porträts darf jeder Autographensammler das Wippchen-Archiv beneiden. Die ernsthaftesten Schriftsteller und Künstler schrieben zu ihrem Bilde ausführlich im Geiste Wippchens, und der Minister Graf <i>Eulenburg</i> machte sich den Scherz, mir sein Porträt mit folgenden Zeilen zu senden: »Vor mehreren Wochen ist mir eine sehr hübsche Photographie des Kriegscorrespondenten der Wespen, Herrn Wippchen, zugegangen. Ich hätte gleich meine bildliche Gegenvisite gemacht, wenn mir Karten zur Disposition gestanden hätten. Da dies aber erst jetzt der Fall ist, kann ich auch erst jetzt meiner Höflichkeitspflicht nachkommen, und ersuche Ew. Wohlgeboren ganz ergebenst, die beiliegende Photographie Herrn Wippchen zukommen zu lassen, dessen derzeitiger Aufenthalt mir unbekannt ist. Ganz ergebenst <i>Eulenburg</i>.«</p><p>Auch in <i>Bismarck's</i> Hause war <i>Wippchen</i> wohlgelitten. Als ich vor Jahren in einer Gesellschaft dem Grafen <i>Herbert Bismarck</i> vorgestellt wurde, sagte er mir, daß, »wenn Vater krank an das Sopha gefesselt sei, ihm die Mutter oder einer der Söhne aus dem Wippchen vorlese, was ihn sehr amüsire.« Und ein anderer Beweis für die Beziehungen <i>Wippchens</i> zu unseren Staatsmännern <a class="pageref" name="page251">251</a> ist, was unser Gesandter in Athen, Herr <i>v. Radowitz</i>, im Januar 1879 an den Geheimen Legationsrath Herrn <i>Rudolph Lindau</i>, der ihm die Berichte <i>Wippchens</i> geschickt hatte, schrieb: »Für Wippchen besten Dank; ich lasse mir natürlich Alles schicken, was dieser Historiker leistet!«</p><p><i>Moltke</i> erkundigte sich – so erfuhr ich aus den Zeitungen im December 1880 – im Generalstabsgebäude bei einem der höheren dort arbeitenden Offiziere, wie es mit einer soeben eingelaufenen, nicht unwichtigen Nachricht aus einem der Donaufürstenthümer stände. Als der Offizier erwiderte, daß die Notiz aus einer gerade nicht sehr lauteren Quelle stamme, fragte der große Stratege lächelnd: »<i>Sie wird doch nicht von Wippchen sein?</i>«</p><p>Des Kaisers Generaladjutant, Graf <i>von Lehndorff</i>, weiß mir in zwei Briefen viel Liebenswürdiges in so humoristisch geistvoller Form über <i>Wippchen</i> zu sagen, daß ich, um meinen Kriegskorrespondenten nicht eitel zu machen, die Briefe nicht veröffentliche.</p><p>Der Berliner Congreß im Jahre 1878 brachte meinem <i>Wippchen</i> zwar viel Arbeit, aber auch viele journalistische Ehren. Nach dem Erscheinen seines Berichts über ein Interview, das er an <i>Andrassy</i> vollstreckt haben wollte, wurde ich diesem von dem Dichter Ministerialrath <i>Doczi</i> vorgestellt, bei welcher <a class="pageref" name="page252">252</a> Gelegenheit mir der österreichisch-ungarische Staatsmann lustig schilderte, wie erfreut er über ein Interview gewesen sei, bei welchem er nicht habe zugegen sein müssen. Dann schilderte er mir eine Soirée auf der englischen Botschaft und wie bei seinem Eintreten die Kleinstaaten über ihn hergefallen seien, um etwas über ihre Zukunft von ihm zu erfahren. Die mit den launigsten Einfällen verzierte Erzählung überzeugte mich, daß <i>Wippchen</i> dann und wann mit seiner Erfindung kaum die Wirklichkeit erreiche.</p><p>Am 1. Juli fand für die Vertreter der ausländischen Presse ein Bankett im großen Saale des Zoologischen Gartens statt, zu welchem sie von den Berliner Kollegen eingeladen waren. Das Fest verlief sehr glänzend. Ich hatte zugesagt, die vom Meister <i>Paul Meyerheim</i> mit sehr witzigen Seitenhieben auf Politik und Presse gewürzte Tischkarte zu erklären, und ich versuchte, mich dieses Geschäfts durch einen Brief von <i>Wippchen</i> zu entledigen. Meine auswärtigen Kollegen, mit Ausnahme der aus Oesterreich erschienenen, verstanden von dessen Inhalt freilich sehr wenig, aber ihre Zurufe bei der Ankündigung des aus Bernau eingetroffenen Schriftstücks bewiesen, daß sie die Parodie kannten, welche den Muth oder den Uebermuth hatte, vor ihnen zu erscheinen. Sie nahmen sie mit beifallsfreudiger <a class="pageref" name="page253">253</a> Duldung auf und stimmten schließlich in den dreisprachigen Toast auf die Berichterstattung: »<tt>One deux</tt> drei! Hurrah!« mit lautem Gelächter ein. Selbst die Pariser Kollegen, die damals noch weniger als heute gute Miene machten, wenn es sich um die Berliner Presse handelte, vergaßen <i>Wippchen</i> gegenüber allen Groll. In der Nummer des »<tt>Temps</tt>« vom 14. Juli fand ich unter dem Titel: »<tt>Le congrès de Berlin</tt>«, datirt: <tt>Berlin, 12. Juillet, minuit</tt>, und mit der Bemerkung: <tt>De notre correspondent spécial et par fil télégraphique particulier</tt> die genaue Uebersetzung eines <i>Wippchen</i>-Berichts aus der Sitzung des Congresses. Der Correspondent des »<tt>Temps</tt>«, Herr <tt>G. de Coutouly</tt>, sandte mir den Abdruck »<tt>avec les compliments de son bien dévoué imitateur.</tt>«</p><p>Nun will es mir scheinen, daß ich zuviel aus dem Archiv plaudere. Vielleicht findet sich einmal eine passendere Gelegenheit, einige der sehr lustigen Gedichte und Briefe mitzutheilen, die an <i>Wippchen</i> gerichtet, einen Blick in die Heerde von Salamandern zu werfen, die auf ihn gerieben und mir telegraphisch angemeldet, die Dokumente zu veröffentlichen, die ihm bei Gelegenheit seiner Ernennung zum Ehrenmitglied heiterer Gesellschaften (u. A einer in Constantinopel) zugestellt worden sind. Mit dem herzlichsten Dank an das Publikum will ich schließen, das dem <a class="pageref" name="page254">254</a><i> Wippchen</i>, der jetzt seinem 18. Geburtstag entgegengeht, die freundlichste Gunst erhalten hat. Diese liebenswürdige Treue hat mich auch ermuntert, eben einem humoristisch-satirischen Blatt den Namen »<i>Wippchen</i>« zu geben.</p></div><div class="chapter" id="chap018"><h3><a class="pageref" name="page255">255</a> XVIII.</h3><p class="initial">Wie ich Vorleser wurde, will ich mittheilen, vorerst aber gegen den Verdacht protestiren, als hielte ich mich für einen Vorleser, einen Kollegen jener berühmten Herren, welche dem Publikum mit ihrem bekannten sonoren Organ und tiefem Verständniß die nationalen Dichter gewissermaßen erst enthüllen, indem sie ihm eines ihrer Gedichte oder eine Szene aus ihren Dramen vorlesen. Das Publikum, das diese Vorlesungen besucht, kennt natürlich jede Zeile, die irgend ein <i>Strakosch</i> mit der Würde des <i>Schöpfers</i> vorträgt, und ist auch längst in den Geist der Dichtung eingedrungen. Ich habe eigentlich niemals begreifen können, aus welchem Grunde man sich eine Szene aus »Faust« oder »Demetrius« vorlesen läßt, die man selbst und ganz gewiß mit demselben Verständniß lesen kann, und habe auch niemals eingesehen, daß selbst der berühmteste Vorleser mehr leisten könne, als ein verständiger, mit vernehmlicher Stimme begabter Schauspieler, der sich <a class="pageref" name="page256">256</a> statt des Souffleurs eines Buches bedient, in das er dann und wann hineinblickt. Etwas anderes oder mehr leistet auch Herr <i>Strakosch</i> nicht, für den <i>Heinrich Laube</i> den munteren Titel »Vortragsmeister« erfunden hat, und bei dem die ausgezeichnetsten Mitglieder des Theaters die Rollen studiren mußten, während diese »Schüler« dem Vortragsmeister Unterricht im Vortrag und in der Darstellungskunst ertheilen konnten. Ich halte die »Kunst« des Vorlesers, oder richtiger des Deklamators für eine sehr untergeordnete, und ich würde derselben auch dann keinen Geschmack abgewinnen können, wenn ich vorlesen oder deklamiren könnte, wie dies von den Virtuosen verstanden wird, die mit einigen Bänden unserer Klassiker herumreisen. Dagegen finde ich es begreiflich, daß ein Verein, welcher die Litteratur oder Kunst fördert oder fördern will, von Zeit zu Zeit Schriftsteller und Künstler zu Gaste bittet, um dieselben persönlich kennen zu lernen und von ihnen vortragen zu hören, was sie geschrieben, oder was sie über ihre Kunst Neues und Altes mitzutheilen haben, und ebenso begreiflich finde ich es, daß solche liebenswürdige Einladung angenommen wird.</p><p>Das heißt: Jetzt finde ich es begreiflich. Jahrelang hatte ich einen heillosen Respekt vor dem öffentlichen Auftreten, und wenn ich aufgefordert wurde, <a class="pageref" name="page257">257</a> einen Vortrag zu halten, war es mir immer, als würde ich eingeladen, mich auf dem Seil zu produziren oder am Trapez zu »arbeiten«, was ich so gar nicht kann, und stets wußte ich irgend einen Grund zu finden, der mich veranlaßte, mit dem herzlichsten Dank und dem tiefsten Bedauern meine Zusage auf das nächste Mal zu vertagen. Das gelang mir auch eine Weile ganz vortrefflich. Aber der freundlichen Energie des bekannten Wiener Schriftstellers <i>Friedr. Gustav Triesch</i> war ich denn doch nicht gewachsen. Als Mitglied des Vorstandes des Wiener »Vereins der Literaturfreunde«, der allwinterlich mehrere deutsche Schriftsteller zu Vorträgen gastfreundlich in seinen Salon im »Goldenen Lamm« einladet, suchte er, so oft er nach Berlin kam, auch mich auf, um mir eindringlich zu sagen, daß es nun die höchste Zeit für mich sei, einen Vortrag in dem einflußreichen und ungemein populären Verein zu halten, der mich 1885 bereits durch eine direkte Einladung ausgezeichnet hatte. So erfreut ich war, <i>Triesch</i> bei mir zu sehen, mit dem es sich vortrefflich plauderte, so entsetzt war ich, wenn er mir von dem Vortrag sprach, denn dann beschlich mich so was wie Coulissenfieber, oder es erschien mir der in Aussicht gestellte Tisch, an dem ich lesend sitzen sollte, wie der Block, auf den ich den Kopf zu legen hatte, um den Todesstreich zu erwarten. Wie ich zu dieser <a class="pageref" name="page258">258</a> Furcht kam, das weiß ich nicht. Jedenfalls erschien sie meinem Freunde <i>Triesch</i> damals schon so kindisch, wie sie mir heute erscheint, und eines Tages machte er kurzen Prozeß und sandte mir ein gedrucktes Programm der im Verein der Literaturfreunde für das Wintersemester 1886 stattfindenden Vorträge, unter denen ich zu meinem Schrecken einen von mir am 20. Januar zu haltenden entdeckte.</p><p>Eine große Angst ergriff mich. Ich dankte meinem Freunde <i>Triesch</i> herzlichst und wünschte ihn zum Teufel. So oft ich auch bisher in befreundeten Kreisen »gesprochen« oder gelesen hatte, immer war ich der Einladung mit einem Gefühl des Unbehagens gefolgt, und immer war ich froh, wenn ich mit meinem Vortrag fertig war, obschon es sich ja stets um eine Leistung vor Freunden und Bekannten handelte, die dankbar zuhörten und dem Redner, wie jeder Einladung beruhigend hinzugefügt zu werden pflegte, keinenfalls den Kopf abrissen. Nun aber sollte ich vor einem mir ganz fremden und sehr verwöhnten Publikum aus meinen Schriften vorlesen, die nicht für den Vortrag entstanden waren, wie beispielsweise die <i>Saphir's</i>, des nicht immer nach Gebühr gewürdigten, namentlich von ganz witzfreien Kritikern so oft mit tapferem Behagen hochnäsig behandelten Humoristen. Dem Gewaltakt <i>Triesch's</i><a class="pageref" name="page259">259</a> gegenüber kamen alle Bedenken zu spät. Ich stellte mir rasch eine Reihe meiner Humoresken zusammen, von denen ich glaubte, daß sie sich anhören ließen, und war präcise an Ort und Stelle, in dem halb komisch feierlichen Ballkostüm, das auch für die Vorlesungen beliebt worden ist, die Mappe unter'm Arm. <i>Chiavacci</i> und <i>Ferdinand Groß</i> hatten mich vom Hotel abgeholt und in den Saal des »Goldenen Lamm« geführt, in dem ich die Feuerprobe bestehen mußte. Zuerst in einen Vorsaal, von dem aus ich einen Blick in den Raum werfen konnte, in welchem die Exekution stattfinden sollte. Der Raum war überfüllt. Ueber der offenen Thür stand nicht der oft citirte Dante'sche Rath, die Hoffnung draußen zu lassen, aber ich las ihn dort. Neben der Tribüne stand, wahrlich nicht zu meiner Beruhigung, der Meister der Deklamation, <i>Lewinsky</i>, vor derselben hatten berühmte Künstler und Schriftsteller, <i>Wilbrandt</i> an der Spitze, Platz genommen. Ich weigerte mich mit bewußter Erfolglosigkeit, hineinzugehen, und eine Minute später stand ich, halb dahin getragen, auf der Tribüne und hörte, wie ich mich bemühte, mein Debut als Vorleser der Nachsicht der Hörer zu empfehlen und meine Befangenheit zu erklären. Aber ich hatte die Rechnung meiner Sorge ohne den Wirth gemacht. Der Wirth war eben Wien, die Liebenswürdigkeit. Mit dem Publikum <a class="pageref" name="page260">260</a> Wiens kann sich kein anderes vergleichen. Jedes andere mag eine vortreffliche Art haben, eine Leistung anzuerkennen, das Wiener Publikum hat neben dieser Anerkennung auch seine Freude daran, fördern und einen Erfolg bereiten zu können. Was ihm gefällt, das vertheidigt es wie sein Eigenthum, und es ist im Stande, wo es sich sympathisch berührt fühlt, kleine Mängel für große Vorzüge zu halten. Das ist die echte Liebenswürdigkeit: Es thut ihr leid, wenn sie irgend eine Leistung nicht unterstützen kann, und es freut sie doppelt, ihr mit warmem Beifall beispringen zu können.</p><p>Während des ganzen etwa zweistündigen Vortrags empfing ich Beweise dieser Liebenswürdigkeit, und selbst die von mir in Berlinischer und plattdeutscher Mundart verfaßten und vorgetragenen Humoresken, die dem Verständniß der Hörer ziemlich fern lagen, wurden mit heiterem Beifall begleitet.</p><p>Nach der Vorlesung, als eben die Mitglieder des Vereins zum Abendessen versammelt waren, folgten Vorträge von den Mitgliedern des Burgtheaters, <i>Lewinsky</i> und <i>Meixner</i>. Dieser las einige Wippchenberichte mit großer Meisterschaft.</p><p>Die Presse behandelte mich mit kollegialischer Freundlichkeit. In dem gastfreien Hause Wien macht sie die Honneurs, und bald fühlt sich der Fremde daheim, wo er fürchtete, als Ein- und Aufdringling <a class="pageref" name="page261">261</a> betrachtet zu werden. Meine Kollegen, denen ich zu vielem Dank verpflichtet wurde, wetteiferten in der Kunst, meine Leistung zu überschätzen, und die Wirkung machte sich schon am folgenden Tage geltend, als Einladungen nach Preßburg, Graz, Prag, Brünn und Breslau eintrafen, denen ich auch nachkam, überall die herzlichste Aufnahme findend.</p><p>Von Preßburg kehrte ich nach Wien zurück, um meine Vorlesung zu wiederholen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich im Hause des Stadtbaumeisters <i>Zifferer</i> den Bildhauer <i>Tilgner</i> kennen. Der Meister saß mir gegenüber an der Tafel, an welcher u. A. <i>Chiavacci</i> einen Monolog seiner klassischen Fratschlerin <i>Sopherl</i> über <i>Wippchen</i> vortrug, und lud mich ein, in sein Atelier zu kommen, da er beabsichtige, meine Büste anzufertigen. Als ich dankend bedauerte, höchstens nur noch einen Tag in Wien bleiben zu können, lachte er mit seinen genialen Augen und sagte in seinem wohlklingenden Wienerisch: »Ah, da ist also noch Zeit genug, das Ding zu machen.« Ich sollte am nächsten Vormittag in sein Atelier kommen. Als ich das Atelier betrat, schleppte der Diener den zur Büste geformten Lehmklumpen herbei, und der Künstler machte sich an die Arbeit. In welcher Weise dieser aus dem gestaltlosen Material die Büste hervorzauberte, das machte mich sprachlos vor bewunderndem Staunen. Indem <a class="pageref" name="page262">262</a><i> Tilgner</i> heiter plauderte, formte er, mich ansehend, mit den Fingern und dem Modellirhölzchen wie spielend die Büste, die eigentlich fertig war, als ich glaubte, nun sollte erst begonnen werden. Als ich nach etwa zwei Stunden das Atelier verließ, war das Werk vollendet, das, als es in der nächsten Ausstellung erschien, durch seine frappante Aehnlichkeit und charakteristische Auffassung allgemeinen Beifall fand.</p><p>Seit meinem ersten Vortrag in Wien habe ich alljährlich im Herbst und Winter Vortragsreisen unternommen, die mir trotz der unvermeidlichen Strapazen außerordentlich viel Unterhaltung brachten. Aber auch solche, welche mir Aerger und Enttäuschung bereiteten, hatten für mich einen amüsanten Reiz, obschon ich überallhin meine redaktionellen Pflichten mitschleppte und oft bis kurz vor Beginn der Vorlesung arbeiten mußte. Es war in mir der Wandertrieb erwacht, der auch heute noch nicht wieder eingeschlummert ist, und der sich nun ungehindert austoben konnte. Die 125 öffentlichen Vorlesungen, welche ich bis jetzt hielt, führten mich durch ganz Deutschland und Oesterreich und in die Schweiz.</p><p>Ich bin gewiß nicht undankbar gegen die vielen Beweise von Sympathie, die ich überall empfing, wenn ich an dieser Stelle weniger von diesen, als von kleinen Widerwärtigkeiten erzählen will, die ich <a class="pageref" name="page263">263</a> allerdings nicht ausschließlich als solche empfand, weil sie stets mit mehr oder weniger Komik verknüpft waren, die herauszufinden ich mir einiges Talent zutrauen darf.</p><p>Ich war nach Görlitz gekommen, woselbst von der Concert-Direktion Hermann Wolff ein Saal im Evangelischen Vereinshaus für meine Vorlesung bestimmt war. Aber die »Görlitzer Nachrichten« waren darüber außer sich. Sie veröffentlichten die Anfrage, wie denn die Verwaltung des evangelischen Vereinshauses dazu käme, den Saal desselben einem Manne einzuräumen, der notorisch die Opposition gegen die von der Regierung Seiner Majestät des Kaisers im Sinne der Allerhöchsten Botschaft vom 17. Novbr. 1881 in Angriff genommene thatkräftige Reformpolitik mit allen Mitteln des Spottes und der schärfsten Satire betreibe und der als Redakteur eines Witzblattes seinen Hohn auch über Dinge auszulassen sich nicht scheue, die jedem Christen heilig seien. Mit dieser albernen Lüge wurde die Polizei angerufen, das genannte Vereinshaus vor einer Entweihung zu schützen. Die Polizei erhörte denn auch das Gezeter, und ich fand den Saal geschlossen. Rasch mußte ein anderes Unterkommen für meine Vorlesung gesucht werden, das schließlich im »Kaisersaal« gefunden wurde. Natürlich wich das Publikum scheu seitab. Wer vielleicht die Absicht gehabt haben <a class="pageref" name="page264">264</a> mochte, meine Vorlesung zu besuchen, fürchtete nun, in den Verdacht der Ketzerei zu kommen, und Mancher gab das bereits genommene Billet wieder zurück, nachdem mein tapferer Kollege mit so viel Mannesmuth in mein Inneres hineingeleuchtet hatte. In dem beruhigenden Gefühl, mir dergleichen Unfug, der mich ziemlich langweilte, selbst auf den Hals geladen zu haben, betrat ich die Buchhandlung, in welcher der – Nichtverkauf der Billets stattfand. Hier begrüßte mich ein Herr, der meinen Namen nennen hörte, und fragte mich: »Werden Sie im Kostüm lesen?« Ich bejahte natürlich, da es, wie ich hinzufügte, wohl nicht schicklich wäre, in Schwimmhosen zu erscheinen. Er war aber sehr enttäuscht und nahm deshalb kein Billet. Abends erfreuten mich die Tapferen, welche, mich zu hören, im Kaisersaal erschienen waren, durch den freundlichsten Beifall, aus dem ich heraushörte, daß ihnen das öde Muckerthum ebenso unsympathisch sei wie mir, und an die zwei reizenden Damen, welche nach dem Schluß der Vorlesung dieser Empfindung in den zierlichsten Worten Ausdruck gaben, denke ich heute noch mit Vergnügen. Aber ich war doch recht froh, als ich am folgenden Morgen frühzeitig davonfuhr.</p><p>In Hirschberg wurde mir ein Hustenanfall derart übelgenommen, daß mir Niemand ein Glas Wasser <a class="pageref" name="page265">265</a> reichte, als ich mich mit der Bitte um Entschuldigung hinter eine spanische Wand – der Saal hatte kein Nebenzimmer – zurückgezogen hatte und daselbst dem Publikum etwa zehn Minuten lang etwas vorhustete, bis ich fortfahren konnte. Ein Hirschberger Weltblatt fiel sehr wüthend über meine Erkältung her.</p><p>Die angenehme Kleinstadtluft sollte ich in Bielefeld in vollen Zügen schlürfen. Den ersten Schluck that ich am Mittagstisch im »Westfälischen Hof« im Kreise der Honoratioren der Stadt, ein Ohrenzeuge der leeren Unterhaltung, deren Humor aus den Witzen bestand, die über ein unglückliches Mitglied der Gesellschaft tagtäglich gerissen wurden. Man begreift die Anspruchslosigkeit derselben nicht. Dann wurde über mich gesprochen. Sie machten gastfreundlich Gebrauch von dem Recht, meine Anwesenheit ignoriren zu dürfen, und vernichteten mich vollständig. Namentlich verziehen sie mir mein Bekenntnis nicht, nachdem einer der angenehmen Gäste die Frage, ob ich Jude sei, aufgeworfen und ich dann, mich vorstellend, diese Frage bejaht hatte. Mein Lachen auf ihre Versicherung, mich nicht haben beleidigen zu wollen, verstanden sie natürlich nicht. Und Abends begleitete meine Vorlesung, die im Saale der Gesellschaft »Eintracht« stattfand, eines der Mitglieder derselben mit lauten antisemitischen Schimpfereien. Meine Leser können sich nicht denken, mit welchem Vergnügen ich <a class="pageref" name="page266">266</a> mich am Schluß mit dem herzlichsten Dank für die freundliche Aufnahme verbeugte.</p><p>Dergleichen Episoden nahmen aber meinen Reisen nichts von dem Reiz, der einer Vagabundenfahrt nun einmal anhaftet. Die meinige gewann besonders durch die Gegensätze in der Art und Weise der Aufnahme und des Interesses, das sich für das, was ich zu bieten hatte, kundgab. Heute las ich vor einem Publikum, das das Lachen und den Beifall nur dem Namen nach zu kennen schien, morgen fand ich Hörer, die mich mit stürmischem Beifall unterbrachen und jeder Pointe das munterste Verständniß entgegenbrachten. In manchen Städten überließ man mich nach der Vorlesung mir selbst, in andern folgte ein Bankett oder sonst ein scharfes Trinken in großer Gesellschaft, daß ich oft genug Mühe hatte, den Anschluß an den Frühzug nicht zu versäumen. Ich fand heute Hörer, welche sich vor ihren Stuhlnachbarn zu fürchten schienen, alles zu verstehen, und morgen ein Auditorium, vor dem ich, durch seine Heiterkeit animirt, meine ganze Mappe leerlesen mußte, um dem freundlichen Verlangen zu genügen. Dem mit literarischen Fabrikaten Reisenden verräth das Publikum einer Stadt oder eines Städtchens im ersten Augenblick seines Erscheinens, ob und wie es sich für Literatur interessirt. Dies geschieht durch die Art des Zuhörens, abgesehen von dem so sehr nöthigen und <a class="pageref" name="page267">267</a> angenehmen »Drängen zu den Billets.« Ich habe alle Sorten Publikum kennen gelernt: Das lebhafte und das scheintodte, das heitere und das ernste, das dankbare und das nicht zu erwärmende. Und auch das ängstliche und prüde. Nicht selten wurde ich aufgefordert, vorher zu erklären, daß in der Vorlesung weder politische, noch kirchliche Fragen berührt werden, und daß die Frauen und Mädchen auch alles hören dürften, und ich habe am Schluß mancher Vorlesung einen Dank dafür über mich ergehen lassen müssen, daß ich nicht geschmack- oder taktlos gewesen war.</p><p>Ein komisch-kritischer Tag erster Ordnung in meinem Vorlesungs-Kalender war der 9. Februar 1893, den ich in Brody verbrachte. Am 7. war ich in Mährisch-Ostrau gewesen, wo ich ein herzliches Entgegenkommen und einen aus den lustigsten und intelligentesten Männern und Frauen bestehenden Kreis gefunden hatte. Ich schwelgte noch in der Erinnerung an diesen, als mich das Schicksal mit seinem schaudervollsten Schneefall und mit dem Befehl des Bezirkshauptmanns, sofort meine Vorlesung zur Prüfung einzureichen, auf dem unwirthlichen Bahnhof in Brody empfing. Mit diesem angenehmen Auftrag bestieg ich unter dem Geschrei der sich um mein Handgepäck balgenden und zankenden schmutzigen Träger den zu einem Transport von Menschen nur sehr <a class="pageref" name="page268">268</a> mangelhaft eingerichteten Schlitten, um die Stadt zu erreichen. Das war Nachmittags, und um 7½ Uhr sollte meine Vorlesung beginnen. Düstereres als das Gebäude, in welchem der Bezirkshauptmann herrschte, ist nicht zu denken, und in einem der unfreundlichen Zimmer mit seinen noch unfreundlicheren Beamten wartete ich nun, abgespannt und hungrig nach langer Fahrt, stundenlang. Einmal bat ich einen der kaum deutsch verstehenden Schreiber um Beschleunigung, der mir antwortete, ich solle nur warten, die Schriftstücke müßten erst gelesen werden, übrigens gehe ihn die Sache nichts an. Nur die Komik, daß anstatt meiner ein nur polnisch lesender Beamter in Brody »las«, schützte mich vor einer gefährlichen Ungeduld. Endlich, etwa eine Stunde vor Beginn der Vorlesung, wurde ich vor den Bezirkshauptmann befohlen, dessen Lektor dahintergekommen war, daß meine Vorlesung ohne Gefahr für die galizische Ruhe abgehalten werden könne. Er setzte mir auseinander, daß meine Manuskripte eigentlich in Lemberg hätten geprüft werden müssen, und so schloß er, oder suchte zu schließen: »Wenn Sie also wieder nach Brody kommen, so –« Schon die Annahme, daß ich wieder nach Brody kommen könnte, erfüllte mich mit derartigem Grauen, daß ich dem Bezirkshauptmann ins Wort fiel: »Seien Sie ganz ruhig, ich komme nicht wieder nach Brody.« Er wiederholte sein: <a class="pageref" name="page269">269</a> »Wenn Sie wieder nach Brody kommen –«, und ich fiel ihm abermals ins Wort mit einem aus dem Tiefsten meiner Seele aufsteigenden: »Unmöglich! Wie kann einer <i>wieder</i> nach Brody kommen!« Ich hielt im Musikvereinssaal meine Vorlesung und schloß dann meinen Koffer, um am andern Morgen um 5½ Uhr »ungefrühstückt« wieder im Schlitten, begleitet von dem noch etwas heftiger gewordenen Schneegestöber, den weiten Weg zum Bahnhof zurückzulegen. Man kann sich nichts Ungemüthlicheres denken, und doch: Wer sich einmal eine harmlose und reine Freude bereiten will, der reise von Brody ab.</p><p>Ich hoffe nicht, undankbar zu erscheinen, wenn ich anstatt des vielen Schönen, das ich auf meinen Vortragsreisen erlebte, nur einiges vom Gegentheil schilderte. Man darf nicht glauben, daß ich mir für dieses den nöthigen Raum in meinem ziemlich weitläufigen Gedächtniß reservirt halte. Das Liebe und Schöne zu schildern, wie es sich für »Heitere Erinnerungen« eignet, fehlt mir der Raum. In Wien und Königsberg, in Budapest und Breslau, in Prag und Triest, in Brünn und München, in Graz und Frankfurt a. M., überall fand ich lustige Gesellschaft, freundliche Aufnahme und kollegialische Unterstützung. Ohne einige mir angeborene Begabung für die Kunst, an allerlei Widerwärtigem vorbeizuhören und <a class="pageref" name="page270">270</a> vorbeizusehen, sind allerdings die Strapazen und unausbleiblichen Enttäuschungen der Vortragsreisen nicht besonders leicht zu ertragen, auch wenn der Wandertrieb ein sehr mächtiger ist.</p></div><div class="chapter" id="chap019"><h3><a class="pageref" name="page271">271</a> XIX.</h3><p class="initial">Seit 1882 bringe ich jährlich vier Sommerwochen in Karlsbad zu, richtiger: begleite ich meine Leber dahin, die ich so sehr verehre und die mir dafür durch allerlei Launen und üble Gewohnheiten mit Undank lohnt. Ich habe indeß trotzdem Karlsbad so liebgewonnen, daß es mich fast mit meiner Leber ausgesöhnt hat, wenigstens bin ich ihr weniger gram, als wenn sie mich zwänge, alljährlich einen langweiligen Badeort aufzusuchen. Ich nehme es darum auch den <i>Eberharts</i>, in deren »Erzherzogin Sophie« ich immer wohne, durchaus nicht übel, wenn sie mir regelmäßig zum neuen Jahr gratuliren und dazu Wunsch und Hoffnung, mich als ihren Gast wiederzusehen, aussprechen. Das heißt ja eigentlich mit anderen Worten: »Der liebe Gott erhalte Ihnen Ihre werthe Leber in dem Zustand, der Sie zwingt, sie mit heißem Wasser zu bändigen!« Aber, wie gesagt, ich lobe dies Karlsbad trotz des eben bezeichneten Getränks und der <a class="pageref" name="page272">272</a> verfassungsmäßigen Diät, und ich glaube, daß ich, wenn meine Leber endlich wieder vernünftig würde und einen körpergefälligen Lebenswandel einschlüge, mir einredete, dies sei Heuchelei und daß ich wiederum mich aufmachte, in der »Erzherzogin« gegenüber der Hlavaczekbrücke abstiege und wieder vier Wochen in dem Wunderkurort bei Wasser und Brod absäße.</p><p>Die Frage, worin denn eigentlich, wenigstens für mich, der Reiz Karlsbads liegt, läßt sich nicht mit einem einzigen Wort beantworten. Weder die landschaftlichen Schönheiten, noch der Aufenthalt und die Unterhaltungen in der Stadt sind so originell, daß man sie nicht auch anderswo finden könnte. Ich habe sie auch schon anderswo gefunden und dennoch mich nicht so mächtig von ihnen angezogen gefühlt, wie gerade von Karlsbad. Auch die Heilkraft der Quellen zieht mich allein nicht an, dazu bin ich nicht genug gewerbsmäßiger Kranker und fehlt mir die Ueberzeugung, daß sich ein wirkliches Leiden mit Wasser wegwaschen ließe. Es gehört auch zum Patientsein ein Talent, das ich nicht besitze, und das manchen Kranken mit der gewiß wohlthätigen Ueberzeugung erfüllt, irgend eines seiner entgleisten Organe werde sicher wieder auf die Schienen kommen. Ich beneide solch' einen Kranken um seine Zuversicht, aber ich halte das fortwährende Sorgen um ein Leiden gleichfalls für eine Krankheit, und ich glaube, <a class="pageref" name="page273">273</a> an einer genug zu haben. Es ist die Gesellschaft, die mir Karlsbad besonders lieb macht, und der intime Verkehr mit derselben, zu welchem das Karlsbader Kurleben die fast unabweisbare Gelegenheit bietet, während es zugleich leicht ist, sich ihr fernzuhalten. Karlsbad kann Salon und Einsiedelei sein, je nach dem Geschmack des Kurgastes, der, besonders wenn er sich von dem Hokuspokus des Arztes unabhängig erklärt hat, welcher nach Mephistopheles zum Wohlgedeihen des Saftes nöthig erscheint, sich in Karlsbad ungemein heimisch fühlen und das Ende der Kur mit Bedauern nahen sehen wird. Wer nicht mit einem sehr ernsthaften Leiden nach Karlsbad kommt, wird sich bald von den Ukasen des Arztes emancipiren, die mehr im Interesse des Honorars als des Kurgastes erlassen werden, und sich dann, wenn er kein Griesgram oder Philister ist, höchst vortrefflich in die Rolle des Wassertrinkers hineinfinden.</p><p>Etliche Quellen Karlsbads sind für dessen ältere Gäste Quellen des Humors, indem sie sich des nach meiner Meinung sehr ungerechtfertigten Ruhmes erfreuen, unfehlbarer als die anderen zu sein. Aber indem sie, die Töchter eines und desselben Vaters, des Sprudels, nun einmal einen berühmteren Namen haben, so thun die Aerzte ihren Patienten den Gefallen, sie an diese Quellen zu verweisen, und hieraus entstehen diese unendlichen und noch unendlicher <a class="pageref" name="page274">274</a> langweiligen und ermüdenden Gänsemärsche zum Mühlbrunnen, zur Felsenquelle u. s. w., während die anderen Brunnen und Quellen, denen aus der gleichen unterirdischen Hexenküche das heiße Wasser gereicht wird, nur von den wenigen Kurgästen aufgesucht werden, die sich überhaupt weder von Vorurtheilen beherrschen, noch von den Aerzten beliebig an irgend einer heißen Quelle kaltstellen lassen. Die Brunnenverwaltung ist so vernünftig, die bestbeleumundeten Quellen ruhig bevorzugen zu lassen, so lange das ohne Störung der Morgenordnung geschehen kann. Werden aber die Reihen der Trinker zu lang, so erhalten die Aerzte den Auftrag, den neu ankommenden Patienten bis auf Weiteres eine der Quellen mit weniger berühmtem Namen als ganz besonders zum Wunderheilen geeignet zu verschreiben, und plötzlich belebt sich dann der Platz um diese Wasserstätten, die bis dahin nur von wenigen unabhängigen Kurgästen aufgesucht worden waren.</p><p>Die aus allen Weltgegenden in Karlsbad zusammenströmende Gesellschaft giebt mehr als jede andere den ergiebigsten Stoff zu heiteren Beobachtungen. Die mit zweifellos gesundheitsstörendem Eifer dreimal täglich die Toilette wechselnden Damen, die armen Patienten, die dem Schicksal durch ermüdendes und schädliches Rennen und Steigen die Heilung förmlich abtrotzen wollen, die folgsamen Kurgäste, <a class="pageref" name="page275">275</a> die sich durch eine grausam kasteiende Diät mehr schadeten als nützten, wenn diese glücklicherweise nicht durch die Leichtfertigkeit der Restaurationen unwirksam gemacht würde, die Abenteuerjäger, die Colporteure alter Anekdoten, die den Kampf um's Dasein mitmachenden Schlachtenbummler, die sich nur amüsiren wollen und Jeden, der in ihre Nähe kommt, langweilen: das sind überaus lustige Figuren in dem Karlsbader Lustspiel.</p><p>Dem Kreise, in welchem ich in Karlsbad zu verkehren pflege, verdanke ich die freundlichsten Stunden und somit ganz gewiß einen beträchtlichen Theil des Wohlbefindens, mit welchem ich alljährlich heimzukehren pflege. Ich habe mich an diesen Kreis so gewöhnt, daß ich mir Karlsbad ohne ihn nicht denken kann oder mag. Fehlte mir der Wiener Schriftsteller <i>Karlweis</i>, so würde mir der aus der heißen Bernhardsquelle gefüllte Becher gewiß nicht den Nutzen bringen, den ich mit so viel Vertrauen von ihm erwarte. <i>Karlweis</i> ist ein Vertreter des heiteren, gemüthstiefen und enthusiastischen Wien. Wer ihn aus seinen Romanen und dramatischen Werken kennt, in denen er mit so viel Liebe das Leben seines Volks schildert, wird ihn als Schriftsteller schätzen, mir ist der allzeit anregende treue Kamerad nicht minder sympathisch. In Karlsbad ist er mein wackerer Stubennachbar, wir öffnen die Thür und bewohnen <a class="pageref" name="page276">276</a> nun zusammen einen »Salon«. Hier giebt es immer mehr zu lachen, als den angrenzenden Hausbewohnern, die auch am Tag schlafen wollen, angenehm zu sein pflegt. Uns aber stören wir dadurch selbst beim Arbeiten nicht, das im Gegentheil dadurch gefördert wird. <i>Karlweis</i> ist der Fleißigste, er hat entweder ein Romankapitel, oder ein Scenarium zu schaffen, ich habe selten einen Schriftsteller kennen gelernt, der, wie er, immer, auch beim Spazierengehen, mit seiner Arbeit beschäftigt ist und dabei in der muntersten und witzigsten Weise zu plaudern weiß. Hierbei kommt ihm wie allen Wiener Humoristen – ich habe dies auch bei <i>Chiavacci</i>, <i>Pötzl</i> und <i>Schlögl</i> gefunden – der jedem Ohr so vertraulich klingende Wiener Dialekt zu Hülfe, der das Komische komischer gestaltet. Dem norddeutschen Humoristen fehlt diese wesentliche Unterstützung.</p><p>Ebenso wie <i>Karlweis</i> finde ich alljährlich eines der Mitglieder der Regierung der »Neuen Freien Presse« in Karlsbad, meinen alten lieben Freund Dr. <i>Bacher</i>, einen Mann, dessen gemüthlicher und behäbiger freundlicher Erscheinung man auf den ersten Blick die bedeutende Stellung nicht anmerkt, die er als Leiter des in der Literatur und Politik einflußreichsten und wichtigsten Blattes einnimmt. Fast absichtlich weicht <i>Bacher</i> allen Prärogativen seiner bedeutenden Stellung aus, und er spricht auch niemals <a class="pageref" name="page277">277</a> von deren Lasten und Pflichten. In Karlsbad ist er keinen Augenblick Chefredakteur, lebt er nur der nöthigen Erholung, immer an der Seite seiner liebenswürdigen Gattin und von seinen Freunden umgeben. Gewiß verfolgen ihn die Redaktionsgeschäfte des großen journalistischen Getriebes auch in das »Steinerne Haus«, in dem er zu wohnen pflegt, aber sie verderben ihm die gute Laune nicht, mit der er aus dem reichen Schatz seiner politischen und schriftstellerischen Erlebnisse das Interessanteste witzig und lebendig mitzutheilen weiß. Dabei ist er einer der dankbarsten Zuhörer, die ich kenne, und hat das seltene Talent, durch sein Lachen die heiterste Stimmung zu wecken. Mir hat dies stets besonders gefallen, da ich weiß, wie unerbittlich ernst er in seinen Leitartikeln sein kann.</p><p>Gleichzeitig mit <i>Bacher</i> pflegen auch mehrere Mitglieder seiner Redaktion in Karlsbad zu erscheinen. Unter diesen ist es <i>Hanslick</i>, der berühmte Künstler der Kritik und einer der besten Stylisten des deutschen Feuilletons, mit dem zu verkehren mir eine große Freude bereitet. Er liebt die Abgeschiedenheit, am liebsten ist er in der Gesellschaft seiner Frau, und es ist daher nicht nur schwer, seiner habhaft zu werden, sondern eine ganz aparte Auszeichnung, von ihm aufgesucht zu werden. Der Vorsichtige wartet dies auch ab, und ich bin vorsichtig, besonders bei Vielbegehrten <a class="pageref" name="page278">278</a> wie <i>Hanslick</i>. Regelmäßig nach dessen Eintreffen finde ich aber seine Karte an dem Schlüsselbrett der »Erzherzogin« mit der Bestimmung von Ort und Zeit eines Zusammentreffens, und das ist mir jedesmal die Zusicherung angenehmster Stunden. <i>Hanslick</i> in Civil läßt den Haudegen der Kritik, der in ihm steckt, nicht vermuthen, er ist dann ein Freund harmlosen Spaßes und weiß selbst humoristisch zu erzählen. Wer auch nur einmal ein Stündchen mit ihm verkehrte und sich an der feinen aristokratischen Form, in der er alles, was er vorbringt, zu kleiden weiß, ergötzte, wird die Mißstimmung verstehen, in die ihn Bayreuth versetzte. Der um Wahnfried tobende Lärm der musikalischen Landsknechte macht ihn nervös und ist seiner Wohlerzogenheit unsympathisch, wie etwa dem Schopenhauer das Peitschenknallen. Seinem reinen künstlerischen Geschmack ist aller Spektakel zuwider, und er weicht ihm aus, wie er im Leben allem lauten Gedränge ausweicht. In Karlsbad wohnt er weitab vom Kurlärm, und Morgens steigt er den Weg zum Jägerhaus hinan, um ganz sicher zu sein, ungestört frühstücken und dann seine Cigarre rauchen zu können, immer von seiner Gattin begleitet, die ihm jede Gesellschaft ersetzt und deren Cavalier er ist, trotzdem er im nächsten Jahre sein siebzigstes Jahr vollendet haben wird.</p><p>Ist <i>Hanslick</i> aber besonders gut aufgelegt, so <a class="pageref" name="page279">279</a> steigt er in die Sprudelstadt hinab und speist am Abend mit uns bei Loib hinter dem Theater. Da ist er denn unerschöpflich im Erzählen aus seinem Leben, das ihn mit allen Großen und Kleinen der musikalischen Kunstwelt zusammenführte, und ebenso unerschöpflich ist seine Geduld im Zuhören. Am meisten amüsirt mich seine »völlige Wurschtigkeit« gegenüber den Angriffen seiner Bayreuther Erbfeinde, deren Zorn ich übrigens sehr begreiflich finde. In <i>Hanslick's</i> Gesellschaft lernte ich u. a. den Clavierhelden <i>Sauer</i> kennen, der nicht nur durch seinen so hoch da droben aufgebauten Haarwald, sondern vielmehr dadurch eine originelle Erscheinung ist, daß er niemals von seinem Instrument und seinen Erfolgen, am liebsten aber von seiner Briefmarkensammlung spricht. Ich, der ich die Leidenschaft für entwerthete Postwerthzeichen nicht ganz verstehe, war nicht wenig überrascht, als mich <i>Sauer</i> einmal einlud, ihn in Dresden zu besuchen. »Ich spiele Ihnen ganz gewiß nichts vor,« versicherte er aufmunternd, »aber ich zeige Ihnen mein Markenalbum.«</p><p>Es giebt in der europäischen Presse wohl keine journalistische Werkstatt, welche der der Neuen Freien Presse an die Seite zu stellen ist. Ich kenne keine, in welcher so viele hervorragende, in ihrem Fach originelle Arbeiter thätig sind. Die Individualität und die charakteristischen Züge dieser Männer zu schildern, ist <a class="pageref" name="page280">280</a> nicht die Aufgabe dieser flüchtigen Zeilen, die nur von meinen persönlichen Beziehungen melden sollen. So angenehm es sich mit <i>Hanslick</i> beim Pfiff Rothen sitzt, so schlecht ist, wie die Künstler wissen, das Kirschenessen mit ihm, wenn auch zugegeben werden muß, daß er die Kirschkerne mit großer Eleganz zu schleudern versteht. Aber noch weniger gastlich muß sich das Verspeisen einer auch nur kleinen Portion Kirschen in Gesellschaft <i>Speidels</i> gestalten. Während <i>Hanslick</i> die Kerne so zu werfen sucht, daß sie den Getroffenen nicht verletzen, bekümmert sich <i>Speidel</i> weiter gar nicht um das Ziel seiner Geschosse. Er ist ohne Zweifel der gefürchtetste Kritiker der deutschen Presse, vor dessen Feder kein kernsicherer Panzer aufkommt. Seine Liebenswürdigkeit hört vollständig auf, wo der Kritiker beginnt. Dies scheint besonders da der Fall zu sein, wo der Künstler in direkte Beziehung zu ihm tritt. Ich war einmal in seinem Arbeitszimmer, als sich ihm eine Dame mit der Bitte vorstellte, er möge ihr Gelegenheit geben, ihm etwas vorzuspielen. Ich weiß nicht mehr, ob als Clavier oder als Schauspielerin. Er bedauerte, keine Zeit zu haben. »Vielleicht in der nächsten Woche?« forschte die Dame, die so hübsch war, daß jeder andere Kritiker sich wohl die Mühe gegeben hätte, nach einem freien Stündchen zu suchen. Aber <i>Speidel</i> hatte auch in der ganzen nächsten Woche <a class="pageref" name="page281">281</a> kein solches freies Stündchen. »Nun, dann später, im Lauf des Monats.« Merkwürdig, <i>Speidel</i> konnte in absehbarer Zeit keine Minute finden, welche er frei haben würde, um sie der ganz trostlosen Künstlerin zu widmen.</p><p>Zu meiner Freude hat <i>Hugo Wittmann</i> mehr Zeit, wie in Wien, so in Karlsbad, obschon er dort und hier ungemein beschäftigt ist. Bekanntlich ist er einer unserer vielseitigsten und produktivsten Feuilletonisten und außerhalb des Feuilletons auch noch Lustspiel- und Librettodichter. Dabei findet er stets Muße, seiner Leseleidenschaft zu fröhnen, und mit Hülfe seines erstaunlichen Gedächtnisses trägt er eine Riesenbibliothek mit sich herum, in der er alles, was er sucht, sofort zu finden weiß. In seiner Gesellschaft unterhält man sich ganz vortrefflich, und da er auch ein guter Hörer ist, so vermag man sich leicht zu bester Geltung zu bringen. Seine schöne Frau, die als Fräulein <i>Weinberger</i> eine Zierde des Hamburger Theaters in dessen Glanzzeit war, ist nun die seines Hauses, und am Frühstückstisch im Karlsbader Kaiserpark weiß sie die amüsanteste Vorsitzende zu sein.</p><p><i>Daniel Spitzer</i>, der »Spaziergänger« der Neuen Freien Presse, war, wenn er nicht schrieb, nicht <i>Daniel Spitzer</i>. Wer nicht wußte, wer er war, konnte am allerwenigsten <i>Spitzer</i> in ihm <a class="pageref" name="page282">282</a> vermuthen. Als fürchtete er, es könne irgend eine Pointe, die er für eine seiner wenigen Publikationen brauchte, nutzlos verpuffen, sprach er das Gleichgültigste und auch dies nur mit Oekonomie. Er war dadurch etwas ungesellig. Als er mich in Berlin besuchte, war er nicht zu bewegen, mit mir unter Menschen zu gehen. Stundenlang ging er mit mir im Thiergarten auf einsamen Wegen umher, ziemlich schweigsam, so daß es mir nicht leicht wurde, das Gespräch wach zu halten. Ich habe mich dennoch in seiner Gesellschaft sehr wohl gefühlt, er war ein guter, treuer Mensch, und das Schicksal war sehr ungerecht gegen ihn, als es ihm ein so schmerzhaftes Ende bereitete. In Meran sah ich sein Grab, das still und einsam ist, wie er selbst es war.</p><p><i>Josef Oppenheim's</i> Witz ist ein ganz anderer, wie der Spitzer's. Bei aller Schärfe ist er doch viel fröhlicher und, wenn das nicht zu philiströs klingt, harmloser. <i>Oppenheim</i> kann die Erscheinungen der Zeit mit dem elektrischen Licht seiner Satire sehr scharf beleuchten, ohne die Personen so erbarmungslos in den Schatten zu stellen, wie <i>Spitzer</i> dies mit besonderem Behagen that. Er kann sehr boshaft sein, aber nur gegen die Mängel und Fehler der Menschen, nicht gegen diese. Das fühlt man auch im Verkehr mit ihm, sein ganzes Wesen ist Wohlwollen und geistvolle Milde.</p><p><a class="pageref" name="page283">283</a> Darin gleicht er seinem Kollegen <i>Wilhelm Goldbaum</i>, mit dem mich eine langjährige Freundschaft verbindet. Man braucht nur eine einzige literarische Kritik <i>Goldbaum's</i> zu lesen, und man erkennt sofort, daß <i>Goldbaum</i> Belletrist und Gelehrter zugleich ist, ohne daß seine Gelehrsamkeit seinen Vortrag schwerfällig, sondern diesen im Gegentheil nur um so interessanter gestaltet. Wir haben zusammen viel Fröhliches geplaudert und erlebt, als er in Berlin zur Zeit des Congresses die Neue Freie Presse mit Berichten versah, und später, wo immer wir uns treffen mochten. Sein Haus ist eines der gastfreundlichsten Wiens.</p><p>Neben diesen Großwürdenträgern des Weltblattes waltet gewissermaßen als Vicekönig mein alter Freund <i>Adolph Löwe</i>, dessen Namen den Lesern nicht genannt wird, der ihnen aber viele Theater- und Kunstnachrichten in der gefälligsten Form mittheilt und in seiner einflußreichen Stellung mit unermüdlicher Freundlichkeit Jedem anspruchslos nützlich wird, der eine Verbindung mit der großen Oeffentlichkeit braucht. Es macht ihm Freude, gefällig sein und fördern zu können. Wenn er aus dem betäubenden Trubel der Redaktion nach Karlsbad kommt, weicht er ruhesuchend dem der Kurgesellschaft aus, und wenn ich dann mit ihm auf den einsamen Höhen umherklettere, so weiß er mich, der ich kein passionirter <a class="pageref" name="page284">284</a> Kletterer bin, mit dieser schwierigen Gesundheitsarbeit durch die amüsantesten Erzählungen aus seiner literarischen Thätigkeit zu versöhnen. Leider ist er nicht zu bewegen, sie aufzuschreiben, obschon ihm der Fleiß angeboren ist. Die Bescheidenheit, die bekanntlich in der Literatenwelt abhanden gekommen ist, scheint zu ihm geflohen zu sein.</p><p>Eine der originellsten Erscheinungen des Reiches, in welchem Dinte fließt, ist <i>Julius Bauer</i>. Er ist der Witz auf zwei Beinen, das menschgewordene Epigramm, die personifizirte Pointe. Ihm fällt immer etwas Komisches ein. Da er das Unglück hat, ein kolossales Gedächtniß zu haben, so ist er keinen Augenblick in Verlegenheit, irgend einen lustigen Einfall zu citiren, den er eines Tages in seinem Illustrirten Wiener Extrablatt, oder in irgend einem seiner Operettentexte verwendet hat.</p><p>Man kann <i>Bauer's</i> Witz nicht als Wienerischen bezeichnen, dazu ist er zu zweischneidig, wenn er auch, sich meist an gesellschaftliche Auswüchse heranmachend und mit dem Theater, der Literatur und der Künstlerwelt beschäftigend, durchaus sich von der Politik fernhält. Aber der Wiener Witz ist doch im Großen und Ganzen harmlos und das ist der Bauer'sche Witz durchaus nicht, das will er auch nicht sein, es ist der internationale Witz. Diesem eigenthümlich ist es auch, daß er sich nicht zu einer größeren <a class="pageref" name="page285">285</a> einheitlichen Produktion zusammenfassen kann. Dazu fehlt solchem Geist die Ruhe. Auch ist <i>Bauer</i> hierzu zu sehr Journalist. Das aber ist er ganz und immer, auch wenn er nicht die Feder in der Hand hat, und als Journalist kann er nur ganz und immer witzig sein. Er ist einer der pointenreichsten Menschen, die ich kenne, viele, die gleichfalls für witzig gelten, könnten von den Zinsen seiner Einfälle, Aphorismen, Epigramme und Gedankensplitter sorgenfrei existiren. Dabei ist er ein gefälliger Verbreiter der Pointen Anderer und ein enthusiastischer Verehrer dessen, was ihm an literarischen und künstlerischen Leistungen gefällt. Dies hat mich oft an ihm gefreut, abgesehen davon, daß ich mich in seiner Gesellschaft stets vortrefflich amüsirt habe. Interessant ist auch die Energie, mit der er sich aus Sorgen und Entbehrungen aller Art zu einer ehrenvollen literarischen Stellung herausgearbeitet hat. Aber auch das schildert er ohne den leisesten Anflug von Sentimentalität. Selbst das photographische Atelier, das doch gewiß Jeden ernst stimmt, weil es mit dem zahnärztlichen rangirt, kann <i>Julius Bauer</i> nichts von seiner Heiterkeit kürzen. Als wir eines schönen Tages, denn das geht ja nur an schönen Tagen, in Karlsbad photographirt wurden, hatte der <i>Poetzner</i>'sche Maschinenmeister keine kleine Mühe, den Moment zu erwischen, wo wir im Stande waren, unsere <a class="pageref" name="page286">286</a> Gesichtszüge in einen photographirbaren Zustand zu versetzen.</p><p>Es ist so ziemlich unmöglich, von all den fröhlichen »Kranken« zu sprechen, mit welchen ich in Karlsbad zusammentraf, und das Heitere zu schildern, zu welchem ein vierwöchentlicher Müßiggang, der nicht nur aller Laster, sondern auch der Anfang kurwidriger Unternehmungen ist, gewaltsam verführte, wenn ich ihn auch, täglich von redaktionellen Pflichten einige Stunden lang in Anspruch genommen, nicht immer unverkürzt ausüben konnte. Dazu kommt, daß mancher von meinen Liebsten, an die sich meine heitersten Erinnerungen knüpfen, nun dahingeschieden sind und von denen aus diesen Blättern zu erzählen mir nicht passend erscheinen will. Aber von dem Hervorragendsten dieser Freunde zu sprechen, kann ich nicht unterlassen: von <i>Heinrich Laube</i>. Er ist mir ein unvergeßlicher, war mir ein treuer, wohlwollender Freund. Dies machte ihn mir so werth, wie ich in ihm den vortrefflichen Schriftsteller und Theatergewaltigen verehrte. Besonders zog mich gerade das zu ihm, was Vielen an ihm unbequem erschien: sein halbrauhes Wesen, sein ehrlich rücksichtsloses Urtheil. Und dann seine bis in sein hohes Alter robuste Lebenslust, sein guter Humor! Seine Jahre nannte er seine schlimmste Krankheit, und wenn er besonders heiter gestimmt war, dann <a class="pageref" name="page287">287</a> unterbrach er sich oft, um eine Klage über dieses unheilbare Leiden zu seufzen. Dagegen erhoben seine geistvollen, ungemein lebendigen Augen einen merkwürdigen Protest. Er lebte so gern, und er hatte, wie er mir einmal sagte, noch so viel auf dem Herzen, was er aufzuschreiben gedenke, daß er dem Himmel nur rathen könne, ihn am Leben zu erhalten. Wie schade, daß solche Köpfe, die so wenig Lust zu feiern haben, sich doch eines Tages zur Ruhe legen müssen! Im Juni 1883 traf ich ihn in Karlsbad zuletzt, er war noch so heiter, und im folgenden Jahre starb er. »Sagen Sie nicht: Auf Wiedersehen!« hatte er mir beim Abschied zugerufen, »es wäre ja sehr schön, aber der Mensch soll die Götter nicht versuchen.« Er schätzte am Leben vor Allem das Leben, und er hat der Kunst und den Frauen sein Herz bis in sein Greisenalter frisch erhalten. Eines Tages – es war eben in diesem Juni – hatte ich ihn einer sehr schönen jungen Berlinerin, die mit ihrem Vater, dem Justizrath L., nach Karlsbad gekommen war, vorgestellt. Gleich war er Feuer und Flamme. »Wie können Sie mir das anthun!« sagte er in komischem Ernst. »Ich bin siebenundsiebzig Jahre alt!«</p><p>Am 5. Juli 1883 wurde in Karlsbad unter herrlichem Sonnenschein das <i>Goethe</i>-Denkmal, ein Meisterwerk <i>Donndorfs</i>, enthüllt. <i>Laube</i> hielt die gedankenreiche Festrede. Andächtig lauschten ihr die <a class="pageref" name="page288">288</a> Karlsbader und ihre Gäste, welche dichtgedrängt den Platz um das Denkmal und die angrenzenden Höhen füllten. Es war ein echtes Goethefest, welches die Stadt dem Andenken des Dichters, ihres berühmtesten Kurgastes, widmete. Getrübt wurde es nur dadurch, daß die »letzte Liebe Goethe's«, <i>Ulrike von Levetzow</i>, nun eine Achtzigerin, in der letzten Stunde sich entschließen mußte, die Fahrt von ihrem Stammsitz Triblitz nach Karlsbad zu unterlassen, sie sandte einen Kranz von weißen Rosen, den der Bürgermeister <i>Knoll</i> am Fuße des Denkmals niederlegte. Wir hätten die durch die Liebe Goethe's Unsterbliche so gerne gesehen, die den Dichter zu der wundervollen »Trilogie der Leidenschaft« begeistert hat.</p><p>Der Denkmalsenthüllung folgte ein Festessen im Posthof, zu welchem <i>Nikolaus Dumba</i>, der geschätzte Wiener Förderer der Kunst und Literatur und Freund ihrer Vertreter, eingeladen hatte. Es war eine heitere Tafelrunde. Was schrieb und mimte, war erschienen. Da die Ferien des Burgtheaters begonnen hatten, so nahmen hervorragende Mitglieder desselben an dem Festmahl theil. <i>Laube</i> brachte dem Andenken <i>Goethes</i> ein Glas, und <i>Sonnenthal</i> that den von mir dem Tage gewidmeten, nach dem <i>Goethe'schen <tt>Ergo bibamus</tt></i> verfaßten und dann in der Neuen Freien Presse veröffentlichten Versen die Ehre an, sie vorzutragen. Als ich mit <a class="pageref" name="page289">289</a><i> Laube</i>, nachdem er gesprochen hatte, anstieß und er so vergnügt in das Grün des Posthofgartens hineinlachte, wie konnte ich ahnen, daß ich ihn nicht wiedersehen sollte! Ein paar Stunden nach dem Festmahl befand ich mich auf dem Wege nach Berlin.</p><p>Einen schöneren Karlsbader Tag als diesen hatte ich vorher und habe ich auch später niemals erlebt. Der Zauber, der sich in allem, was uns zu <i>Goethe</i> führt, offenbart, ist allmächtig.</p></div><div class="chapter" id="chap020"><h3><a class="pageref" name="page290">290</a> XX.</h3><p class="initial">Meine Leser wird es vielleicht interessiren, etwas von meinen Verbindungen mit der Diplomatie zu vernehmen, deren eine in Karlsbad angeknüpft und wieder gelöst worden ist.</p><p>Eines Tages fand ich in meinem Zimmer die Karte eines hohen Beamten eines nordischen Staats vor, durch welche ich gebeten wurde, diesen Herrn in einer nicht unwichtigen Angelegenheit aufzusuchen. Er bewohnte mit mir dasselbe Haus. Am andern Morgen suchte ich ihn auf. Er war ein sehr liebenswürdiger Herr, dankte mir herzlich für mein Erscheinen, als hätte ich ihm eine schwere Sorge vom Herzen genommen, und traute mir zu, daß ich wohl recht gut wüßte, in welcher Krisis sich sein Heimathland befinde. Eine Katastrophe sei unvermeidlich. Nur bedauere er, daß die deutsche Presse in dieser Angelegenheit entweder von Vorurtheilen erfüllt, oder überhaupt schlecht oder garnicht über den Grund und den Verlauf der <a class="pageref" name="page291">291</a> bedenklichen Ereignisse unterrichtet sei. Es wäre ihm also sehr erfreulich, daß es durch meine Anwesenheit möglich werde, eine aufklärende Verbindung mit einem deutschen Journalisten anzuknüpfen, und ich würde ihm also einen wichtigen Dienst leisten, wenn er mich seinem Chef, dem Ministerpräsidenten, der eben zur Kur eingetroffen sei, vorstellen dürfe, welcher gleichfalls wünsche, mit der deutschen Presse zur Beseitigung vieler Mißverständnisse in Verbindung zu treten. Natürlich beeilte ich mich, den eifrigen Staatsmann durch das freundlichste Entgegenkommen zu bezaubern. Es sei mir eine große Ehre, seinen und des Ministers Wunsch zu erfüllen, und er möge nur bestimmen, wann die ersehnte Unterredung stattfinden solle. Das werde er, da er den Minister sofort treffe, mir heute noch genau angeben.</p><p>Ich war selbigen Tages ziemlich spät, was man in Karlsbad ziemlich spät zu nennen beliebt, nach Hause gekommen und wollte mich eben ins Bett begeben, als geklopft wurde. Ich öffnete, annehmend, der Hausdiener habe mir irgend was zu bestellen oder zu bringen; ich war im tiefsten Negligée. Da stand mein staatsmännischer Nachbar, in bequemster Haustracht, ein Licht in der Hand, an eine unheimliche Lady-Macbeth-Scene erinnernd, vor mir. Ich entschuldigte mich so eindringlich wie möglich, er that ein Gleiches und trat ein, während ich mich rasch <a class="pageref" name="page292">292</a> verhüllte, um wenigstens äußerlich dem feierlichen Moment halbwegs würdig entgegenzuharren. Wie wichtig mußte sein, was ich noch so spät erfahren sollte! Der nächtliche Besucher theilte mir mit, daß der Minister mich morgen in aller Frühe am Brunnen zu sprechen wünsche. Ich ersuchte ihn, mich bereit erklärend, um die Gefälligkeit, mich am Bernhardsbrunnen aufzusuchen und zu seinem Minister zu führen. Dann schieden wir.</p><p>Nach dem ersten Becher am andern Morgen schritten wir Zwei zu der höchstgelegenen Quelle, an der der Minister den heißen Heiltrank schlürfte. Es regnete natürlich. Wenn man in Karlsbad keinen Schirm hat, dann regnet es. Auch mein Staatsbeamter hatte keinen Schirm. Aber was thut man nicht, wenn es sich darum handelt, in einer großen politischen Frage aufgeklärt zu werden! Indeß war der Minister, dem es plötzlich nicht ebenso wichtig vorzukommen schien, aufzuklären, bereits zum Frühstück gegangen, und wir kehrten unverrichteter Audienz zu unserm Brunnen zurück. Selbstverständlich erklärte ich den Vorfall für höchst unbedeutend, den ziemlich heftigen Regen für ganz angenehm und den unnützen Weg für durchaus wohlthuend. Wenn man sich plötzlich mit der hohen Politik verbunden sieht, dann muß man sich auch möglichst diplomatisch auszudrücken versuchen. Als ich aber am nächsten Morgen <a class="pageref" name="page293">293</a> wieder vor meinem Brunnen stand, drehte mich der staatsmännische Vermittler feierlich herum, und ich befand mich dem Minister gegenüber. Er war eine hohe, würdevolle Erscheinung, von edler Haltung, ganz Staatsmann, dessen schöner angegrauter Bart zu dem Ernst seiner Züge prächtig stimmte. Er bedauerte, daß ich ihn gestern vergeblich gesucht, und fragte mich, wie mir die Kur bekommen, wie oft ich schon in Karlsbad gewesen sei, – was man so fragt, um, wie ich glaubte, ein Gespräch einzuleiten. Ich antwortete ausführlich und fragte ihn gleichfalls, ob er mit der Kur zufrieden sei, erwartend, daß er nunmehr geschickt den Uebergang zu den wichtigen Mittheilungen finden werde, welche die deutsche Presse über die unter seiner Regierung hervorgetretene Krisis aufklären sollte. Statt dessen griff er meine Frage nach dem Erfolge seiner Kur mit großem Eifer auf. Er beantwortete sie mit einer Ausführlichkeit, deren Details sich für die Veröffentlichung nicht eignen. Der Karlsbader Kurgast ist ja an solche intime Ausführlichkeit derart gewöhnt, daß sie selbst dem Frühstück nicht schaden, aber außerhalb Karlsbads sind solche Enthüllungen weder salon-, noch promenadenfähig, auch höchstens für das Ohr des forschenden Arztes von einigem Interesse.</p><p>Ich lauschte den Worten des Ministers zwar mit der Gleichgültigkeit, von welcher man in Karlsbad <a class="pageref" name="page294">294</a> solchen ungemein häufigen und unvermeidlichen Mittheilungen gegenüber beherrscht zu werden pflegt, doch gab ich, wie es die Situation erforderte, meinem Gesicht abwechselnd den Ausdruck der lebhaftesten Theilnahme, des aufrichtigsten Bedauerns oder der trostreichsten Zustimmung. Dies ermunterte den Erzähler, sich immer mehr in Kleinmalerei zu vertiefen, so daß mir auch nicht die unbedeutendste Wirkung des heißen Wassers verborgen blieb. Während sich das vollzog, hatte sich um uns ein Kreis von Kurgästen gebildet, denen die hohe Staatsstellung des Redners bekannt war, die sich aber umsonst bemühten, etwas von den Mittheilungen zu erhaschen, durch die ich ausgezeichnet wurde. Endlich, als ich alles wußte, was in dem Minister im Laufe des Tages vorzugehen pflegte, reichte mir der Staatsmann erleichtert die Hand, und wir schieden mit einer vielsagenden Höflichkeit wie Männer, welche sich gegenseitig mit ihrem Vertrauen beehrten und stillschweigend Verschwiegenheit geloben.</p><p>Mit einer großen Geschicklichkeit, die ich mir nie zugetraut hatte, vermied ich von diesem Augenblick an, wieder mit dem Ministerialbeamten zusammenzutreffen, der mir die Unterredung mit dem Minister so ungemein dringend und als so überaus wünschenswerth zur Förderung der Wahrheit über die Staatskrisis in seinem Vaterlande empfohlen hatte. Ich <a class="pageref" name="page295">295</a> war auf die Mittheilung wichtiger Einzelnheiten und Geheimnisse gefaßt gewesen, und ich will auch zugeben, daß ich allerlei Wichtiges und Geheimnißvolles vernommen hatte, aber das alles hatte doch nichts mit der Lage eines vor eine Katastrophe gerückten Staatswesens zu thun. Ich mußte fürchten, dem Ministerialbeamten wieder zu begegnen und mich zu der Frage verleitet zu sehen, was denn die bekannten Wirkungen der Karlsbader Kur, von denen mir der Minister ausschließlich gesprochen hatte, die deutsche Presse interessiren könnten, falls sie, wie er und der Minister behaupteten, über die politische Lage eines fremden Staates nicht gehörig informirt sei.</p><p>Gleich nach der Unterredung wurde ich von Vielen ersucht, in der vertraulichsten Weise indiskret zu sein, namentlich von Börsenmännern, welche jedenfalls solche Mittheilungen für Baisse- oder Hausse-Spekulationen zu verwerthen bereit waren. Aber ich wies sie mit dem Achselzucken eines Mannes ab, der das Vertrauen eines hochgestellten Diplomaten um jeden Preis zu rechtfertigen willens war. Damit legte ich mir keine kleine Wichtigkeit bei. Als ich aber später einem Frager die Wahrheit sagen wollte, kehrte mir derselbe nach den ersten Worten den Rücken und meinte, ich hätte wohl das Recht, diskret zu sein, aber es sei unpassend, ihn zum Besten zu halten. Und er schmollt heute noch mit mir.</p><p><a class="pageref" name="page296">296</a> Wenn ich so geschickt bei dieser Gelegenheit den Mitwisser eines Staatsgeheimnisses spielte, was mir großes Vergnügen bereitete, während mir nur das Gleichgültigste mitgetheilt worden war, so muß ich eingestehen, daß ich in dieser Kunst schon durch einige Praxis bewandert war. Vor Jahren wurde ich in einer Soirée von dem mir befreundeten Attaché <i>Duplessis</i> dem französischen Botschafter <i>Saint-Vallier</i> vorgestellt, der neben mir Platz nahm und einige Zeit mit mir plauderte. Gleichgültige Dinge, die wirklich nichts mit der französischen Republik und ihrem Verhältniß zum deutschen Reich zu thun hatten. Kaum weiß ich mich der Einzelnheiten zu erinnern. Aber deutlicher als heute trat damals die Spannung zwischen den beiden Reichen hervor, und ganz gewiß gab es damals eine brennende Frage, mit der man sich lebhaft und mit naheliegender Sorge beschäftigte. Eine solche war und ist ja immer vorhanden. Als sich dann der Botschafter entfernt hatte, sollte ich freundlichst sagen, was er geäußert habe. Daß ein Botschafter einem Publizisten weder Wichtiges, noch Geheimes anvertraut, steht ja so fest, daß es komisch ist, das Gegentheil zu vermuthen, und in diesem Sinne erklärte ich denn auch den Fragern, daß es mir unmöglich sei, irgend etwas von den Mittheilungen politischen Inhalts zu verrathen. Es war eine Art Orakelauskunft, ich hatte, wie gesagt, <a class="pageref" name="page297">297</a> nichts zu verrathen, und dies nahm man mir sehr übel.</p><p>Als ich mich in Paris und Rom aufhielt, empfing ich freundliche Einladungen unserer Botschafter, in Paris von dem Fürsten <i>Hohenlohe</i>, dem jetzigen Reichskanzler, und in Rom von Herrn <i>von Keudell</i>. Ich fand eine freundliche Aufnahme und anregende Unterhaltung, aber ich wurde in kein einziges politisches Geheimniß eingeweiht, obschon, das wußte ich, die wichtigsten Geheimnisse zu verrathen gewesen wären. Einige meiner Kollegen, mit denen ich nach diesen Besuchen zusammentraf, waren nicht wenig erstaunt, daß ich mich unter keiner Bedingung entschließen wollte, sensationelle Telegramme an mir nahestehende Blätter abzusenden. Daß ich nichts zu berichten hatte, erschien ihnen ganz nebensächlich und gleichgültig, ein tüchtiger Journalist müsse schon aus irgend einer harmlosen Aeußerung eines Diplomaten eine Haupt- und Staatsaktion heraushören, wenn er seinen Beruf verstehe, und so war ich denn genöthigt, ihnen, um nicht als ganz untüchtig zu gelten, zu erklären, daß mir das tiefste Stillschweigen zur Pflicht gemacht worden sei. Daß ich nun dieses räthselhafte Schweigen nicht brechen wollte, erregte bei meinen Kollegen neues Erstaunen und arge Entrüstung.</p><p>Durch die Bayerische Gesandtschaft in Rom – unsere Botschaft nahm damals noch eine <a class="pageref" name="page298">298</a> Culturkampfstellung gegenüber dem Vatikan ein – war mir Gelegenheit gegeben worden, einem Empfang des Papstes beizuwohnen. Ich fand eine große erwartungsvolle Gesellschaft von Männern und Frauen in einem der klassischen Säle, dessen Wände Raphael geschmückt hat. Ich hörte Sprachen, die ich kannte, und solche, deren Existenz mir völlig unbekannt war, man glaubte sich in einen Saal des Thurms von Babel versetzt, alle entdeckten und unentdeckten Länder schienen durch mindestens ein Menschenpaar vertreten zu sein. Viele hatte wohl die Neugierde hierhergeführt, aber Anderen sah man es an, daß sie von Verehrung und Begeisterung erfüllt waren und mit Ungeduld den Augenblick erwarteten, wo sie das Oberhaupt ihrer Kirche erblicken sollten. Jene mit dem banalen Ausdruck der ein Schauspiel erwartenden Reisenden, die wenig Zeit haben und doch alles sehen wollen, was ihnen zu sehen empfohlen worden ist, Diese erfreut, am Ziel einer frommen Wallfahrt zu sein: man kann sich keine schrofferen Gegensätze denken. Nach ziemlich langem Warten – ein pensionirter preußischer Major hatte schon sehr deutlich auf die Pünktlichkeit seines Königs hingewiesen – wurde die Erwartung Aller befriedigt. Das Erscheinen des von halb militärisch, halb kirchlich feierlichem Pomp umgebenen Papstes machte einen unvergeßlichen Eindruck. Wie Leo XIII. nun durch den Saal auf den Thron <a class="pageref" name="page299">299</a> zuschritt und seine wohlwollend ernsten und geistvollen Blicke die große sich tief verneigende Menge streiften, sah man in ihm nicht den »Gefangenen des Vatikan«, oder den »Entthronten«, sondern nur den einzigen Kirchenfürsten, dessen Macht jede andere überwand. Die Audienz verlief, wie alle solche Empfänge, und ich will sie daher nicht schildern. Indem der Papst, bevor er den Saal wieder verließ, einen Rundgang antrat, hier einen hervorragenden Besucher durch eine kurze Unterhaltung auszeichnend, dort die von einer Dame mitgebrachten Rosenkränze weihend, wurden ihm von einem der ihn begleitenden Beamten die Namen derjenigen genannt, vor denen er angelangt war und einen Augenblick verweilte. Der Beamte nahm zu diesem Zweck die Einladungen, die wir erhalten hatten, und las die Namen ab, die er, beiläufig bemerkt, wenn es nicht italienische waren, meist bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Als er meinen Namen und Berlin nannte, merkte ich, daß Berlin damals im Vatikan nicht besonders gut angeschrieben war. »<tt><i>Ah, de Berlino!</i></tt>« sagte der Papst in einem schwer wiederzugebenden Ton und schritt vorüber.</p><p>Nachdem der Papst sich mit demselben Ceremoniell, mit welchem er eingetreten war, entfernt hatte und nun die ganze Gesellschaft die Treppe des Vatikan hinabstieg, machte es einen komischen Eindruck, daß <a class="pageref" name="page300">300</a> sehr Viele sich währenddeß der weißen Cravatte entledigten und sie durch eine schwarze ersetzten. Es waren das die erwähnten Touristen, welche die Audienz als eine Sehenswürdigkeit wie jede andere aufgesucht hatten, und die nun zu einer anderen eilten, für welche die weiße Cravatte sich nicht eignete. Diese Correktur der Toilette war ganz dazu angethan, viel von dem schönen Eindruck zu verderben, den man eben empfangen hatte.</p></div><div class="chapter" id="chap021"><h3><a class="pageref" name="page301">301</a> XXI.</h3><p class="initial">Meinen Lieblingswunsch, eine humoristische Monatsschrift zu schaffen, die bisher gefehlt hatte, so daß es der humoristischen Litteratur an einem Mittelpunkt fehlte, sah ich im Mai 1885 der Erfüllung näher gerückt. Lange hatte mich der Plan beschäftigt, in den ich endlich ganz verliebt war und von dem ich mich trotz der Schwierigkeiten, die sich seiner Ausführung entgegenstellten, nicht trennen konnte. Ich glaubte, daß kein litterarisches Unternehmen »einem längst gefühlten Bedürfniß« so hervorragend nützlich abhelfen würde, wie die Schaffung eines Stelldicheins der deutschen Humoristen, deren Arbeiten in den Tages- und Wochenblättern zerstreut umherlagen und hier eigentlich mehr Lückenbüßer waren und halb zum Erbarmen Aufnahme gefunden hatten, während ich überzeugt war und dies auch heute noch bin, daß ihnen einer der vornehmsten Plätze gebührte, den sie besser ausfüllen würden, als z. B. die Romane und Novellen, deren Herstellung mit Dampfbetrieb zu einer wahren Landplage geworden ist und die nur noch den Geschmack der mit Leihbibliothekenfutter gemästeten Liebesgeschichtenfresser befriedigen. Ich sah und sehe auch heute noch den Humor in den Ecken der Zeitungen sich herumdrücken, nur geduldet, weil der Platz nicht zufällig für etwas »Besseres« gebraucht wird, halb fremd in dieser Umgebung, kaum beachtet, keinesfalls in diesem Gedränge von Tagesneuigkeiten und Theaterklatsch nach Gebühr behandelt. Das habe ich immer sehr bedauert, wie es Jeder bedauert haben wird, der den Humor liebt.</p><p>In Herrn <i>W. Spemann</i> in Stuttgart fand ich endlich einen Verleger, dem meine Idee, die ich ihm schriftlich vorgelegt hatte, sofort gefiel. Schon einige Tage später suchte er mich in Berlin auf, und alles war rasch besprochen. Es ist für den Schriftsteller ein Vergnügen, mit <i>Spemann</i> zu verhandeln. Er ist ein Mann mit weitschauendem Blick, er scheut kein Opfer, etwas von litterarischer Bedeutung ins Leben zu rufen und zu fördern, und ist ein großer Kenner dessen, was das Publikum als geistige Nahrung braucht und sucht. Obschon er sich hier vor ein Unternehmen gestellt sah, das seinen Verlag sehr stark und nicht minder seine Kasse in Anspruch nahm, so hatte er doch seine Freude daran, und er munterte mich auf, wo ich, vor die Front der Kostenziffern gestellt, etwas ängstlich wurde.</p><p><a class="pageref" name="page303">303</a> Weniger ermunternd waren die Stimmen, welche in der schriftstellerischen Welt laut wurden, als in derselben unser Circular eintraf, welches das Programm des »Humoristischen Deutschland« brachte und zur Mitarbeiterschaft einlud. Allerdings fanden Programm und Einladung auch bei vielen Kollegen die freundlichste Aufnahme, und bald mußte ich schon die Nächte zu Hilfe nehmen, wenigstens einen Theil der eintreffenden Manuskripte zu lesen. Aber zu meiner großen Ueberraschung und mehr noch zu meinem Leidwesen mußte ich mir sagen lassen, daß meiner Idee der eigentliche Baugrund fehlte, ja ich mußte, und zwar von hervorragenden Schriftstellern, das kühlste Wasser in meinen Wein schütten sehen, indem sie versicherten, Deutschland habe keinen Raum für eine humoristische Zeitschrift, weil der Humor nicht auf deutschem Boden gedeihe. Ich wollte von diesem Pessimismus nichts wissen, ich ließ mich nicht beirren und antwortete den kopfschüttelnden Herren mit der Parodie des berühmten <i>Bismarck</i>'schen Wortes: »Setzen wir das Humoristische Deutschland in den Sattel!« Später, dann freilich zu spät, sah ich ein, daß es leicht ist, etwas in den Sattel zu heben, aber schwer, es vorwärts zu bringen, wenn dafür der Boden nicht halbwegs geebnet ist.</p><p><i>Wilhelm Raabe</i> schrieb mir: ». . . Aber leider muß ich Ihnen gestehen, daß ich an den Erfolg Ihres <a class="pageref" name="page304">304</a> Unternehmens, so zu sagen an die Berechtigung eines »Humoristischen Deutschlands« nicht recht glauben kann. Wir armen Narren fallen da immer von Neuem auf die alte Redensart von dem Beruf des deutschen Volks zum Humor hinein! Ich für mein Theil habe während meiner Zeit nur sehr wenig von dieser Auserwählung unserer Nation vor anderen in die Erfahrung bekommen; und in diesem laufenden Jahr, in welchem der Verleger die Auflage meines »Däumlings« zu einer Mark das Exemplar losschlägt, weil er es für einen Thaler nicht los geworden ist, tanze ich nicht mit, um diesem Volke »Spaß« zu machen.</p><p>»Etwas Gleiches habe ich zur Antwort geschrieben, als vor wenigen Jahren (damals wurde eben mein »Abu Telfan« Ihrem auserwählten humoristischen Deutschland billigst mit einem neuen bunten Umschlag zur»Reiselektüre« angeboten) der Herr Kollege <i>Lohmeyer</i> seinen Schalk gründete und – habe Recht behalten.</p><p>»Hochverehrtester Herr, ich wollte wahrlich, es wäre anders, aber es ist nicht anders, und ändern werden wir es für's Erste nicht!«</p><p><i>Theodor Storm</i> wiegelte in anderem Ton ab, indem er mir u. a. schrieb: ». . . Und dann – eine ausschließlich dem Humor gewidmete Zeitschrift trägt nach meiner Ueberzeugung die Vernichtung <tt>a priori</tt><a class="pageref" name="page305">305</a> in sich, so viel Humor ist in ganz Deutschland nicht zu haben.«</p><p><i>Gustav Freytag</i> sagte ähnlich: »Ob unsere treuen Deutschen soviel Humor aufbringen können, um Bände in einer regelmäßigen Folge damit zu füllen, scheint mir unsicher.«</p><p><i>Gottfried Keller</i> entmuthigte mit folgenden Zeilen: ». . . Ich hege fast die Befürchtung, daß eine Zahl von sog. Humoristen, welche von dem allgemeinen Verkehr ausscheiden und in geschlossener Kolonne unter dem Zeichen der bekannten lachenden Thräne einhermarschiren, leicht etwa den Eindruck einer Schaar betrübter Lohgerber hervorrufen könnte, weil das Professionelle resp. Zünftige allen Dingen ihre gute Natur raubt.«</p><p><i>Reuleaux</i> schien über das ganze Unternehmen derart außer sich, daß wenig fehlte, von ihm ein dem Wort »Billig und schlecht« ähnliches zu hören. Er schrieb mir: »Ist es aber richtig, ein »Humoristisches Deutschland« herauszugeben? Ist es richtig, für Humor allein ein Lieferungswerk zu haben? Der Humor besteht doch nicht für sich, er ist nur Kitt, nur Bindemittel, das Schlüpfrige, Feuchte, welches die rauhen Ecken des Geschehenden nicht aufeinander stoßen läßt. Aber Humortröpfchen an Humortröpfchen wirkt nicht, er hat nichts zu verbinden, nichts zu trennen. Er ist der Nähfaden ohne Tuch, der Mörtel ohne Stein, <a class="pageref" name="page306">306</a> der Nagel ohne Brett, was eine sich auf den Humor konzentrirende Zeitschrift liefern will . . .«</p><p>Stellten diese und ähnliche Warnungen aus der Feder unserer Meister meinen Entschluß auf eine harte Probe, so bildete der Protest Anderer gegen die Zumuthung, mir Humoristisches zu liefern, ebenfalls keine sonderlich lebhafte Aufmunterung.</p><p><i>Hieronymus Lorm</i>: »Verlangen Sie wirklich, daß ich Ihnen – Scherz bei Seite! – Humor sende, so müßten Sie mir diejenige meiner Schriften bezeichnen, die Sie zu dem Verlangen anregen konnte.«</p><p><i>Paul Heyse</i>: »Es würde mir eine Freude sein, bei einem von Ihnen geleiteten Unternehmen mitzuwirken, doch habe ich leider wenig Aussicht dazu. Humoresken im eigentlichen Sinne habe ich nie verfaßt.«</p><p><i>Eduard von Hartmann</i>: »Für Ihre freundliche Einladung besten Dank! So sehr ich den Humor liebe, und so oft auch bei meinen Arbeiten Gedanken abfallen mögen, die der humoristischen Verwerthung sich darbieten, so fürchte ich doch, daß es mir nicht gegeben ist, die künstlerische Form für dieselben zu finden.«</p><p><i>Wilhelm Jensen</i>: »Meine humoristische Ader ist leider nicht sehr flüssiger Natur, so daß sie schwer zur Betheiligung an Ihrem neuen Unternehmen gelangen wird.«</p><p><a class="pageref" name="page307">307</a><i> Paul Schlenther</i>: »Wundern Sie sich nicht, daß ich erst jetzt auf Ihre freundliche Einladung, ein tributpflichtiger Mitbürger des Humoristischen Deutschland zu werden, ein Lebenszeichen von mir gebe. Ich habe mehrere Male bei Sr. Majestät dem Sultan Humor angeklopft, aber denken Sie sich, der Schuft hat mir bisher nicht den kleinsten Bettelgroschen hingeworfen.«</p><p><i>Wilhelm Scherer</i>: »Ich soll Ihnen was Humoristisches schreiben? Ja, wie soll ich denn das anfangen? Ich bin mir des Humors so wenig bewußt wie der Meisterschaft, die Sie mir allzu freigebig beilegen. Wenn die Adresse nicht von Ihrer eigenen Hand geschrieben wäre, so würde ich denken, der Brief sei für einen Anderen bestimmt. Ich kann so wenig was Humoristisches schreiben, wie ich Kopf stehen kann. Ich bin aber nicht unempfänglich für die Liebenswürdigkeit Ihrer Voraussetzung, daß ich das auch könnte, was doch so Wenige können. Seien Sie herzlichst dafür bedankt, daß Sie zu gut von mir denken.«</p><p><i>Klaus Groth</i>: »Ich fürchte, Sie irren sich über meinen Humor, so weit er gedruckt werden kann, sonst geht's noch mit selbigem. Aber ich möchte gerade Ihnen nicht gern mit einer trockenen Verneigung antworten. Sagen wir also mit Clas <a class="pageref" name="page308">308</a> Claßen sin Clas: Wann't kumt, so kumt't, un wenn't nich kumt, so is das wul nix west.«</p><p><i>Spielhagen</i>: »Wie kommt Saul unter die Propheten? wie ich zu der Ehre, von Ihnen zu humoristischen Beiträgen aufgefordert zu werden? Ich habe freilich mein bischen Humor, wie jeder ordentliche Mensch; aber es reicht gerade aus, um an den betreffenden Stellen das nöthige Salz auf meine dichterischen Gerichte zu streuen. So taxire ich mich wenigstens.«</p><p><i>Anzengruber</i>: »Ihre Zeilen, welche mich auffordern, humoristisch sein zu sollen, treffen mich in »schärfster« Uebersiedelung und in keineswegs über den Dingen in heiterer Stimmung schwebender Laune, ich habe wohl in einem Auge die erforderliche Thräne, aber sie rührt nicht von Weh-, De-, Schwer- oder irgend einem anderen Muthe her, sondern von dem Staube, der aus den Möbeln, vornehmlich den gepolsterten, dringt. Das Lachen aus dem anderen Auge wäre zu versteckt, auch falls es vorhanden, denn ich halte ein Tuch vor.«</p><p><i>Fanny Lewald-Stahr</i>: »Jedes Ding hat seine Zeit, und für mich ist es nicht mehr recht thunlich, mich mit einer Zusage bei neuen litterarischen Unternehmungen zu betheiligen.«</p><p><i>Gregorovius</i>: »Ich erwidere darauf, daß ich nicht im Stande bin, mich an Ihrem projektirten <a class="pageref" name="page309">309</a> Unternehmen, »Das humoristische Deutschland« zu betheiligen, da in dem ganzen Charakter meiner litterarischen Thätigkeit nichts liegt, was eine solche Betheiligung möglich machen könnte.«</p><p><i>Rudolf Baumbach</i>: »Ob ich dem neuen Unternehmen dienstbar sein kann, erscheint mir fraglich, denn der Humor tröpfelt in der letzten Zeit recht spärlich bei mir.«</p><p>Ich könnte diese Reihe kopfschüttelnder Autographen noch durch viele nicht minder werthvolle verlängern, indeß mag sie als Beweis dafür genügen, daß mein Unternehmen nicht gerade mit allgemeinem Hurrah, auf das mein Ohr vorbereitet gewesen war, begrüßt wurde. Meinen Muth konnten diese Warnungszeichen allerdings nicht verringern, im Gegentheil beschlich mich etwas wie Trotz, und ich sagte: Nun gerade! Ich war wie Jemand, der gutes Wetter angekündigt hatte und, als plötzlich der Himmel sich drohend verfinstert, ohne Schirm spazieren geht. Daß ich dies zu bereuen gezwungen sein und mir das bekannte Wort des erkälteten Knaben: »Das geschieht meinem Vater recht, warum kauft er mir keine baumwollenen Handschuhe!« wenig helfen würde, fiel mir nicht ein. Ich sah auch nicht, daß ich wie ein Gastgeber vor einer langen Tafel in seinem Speisesalon dastand, dem ein Diener in der letzten Stunde ein Packetchen Absagebriefe bringt. So freundlich <a class="pageref" name="page310">310</a> und höflich Absagen verfaßt zu sein pflegen, sie stören doch bedenklich. Daß sie mich indeß nicht störten und daß mir vor dem Humoristischen Deutschland nicht bange wurde, wird nur der begreifen, der sich irgend einer Idee mit ganzer Seele zugewendet hat.</p><p>Ich war in Stuttgart, um das erste Heft in Scene zu setzen, und auch die Lust <i>Spemann's</i> an dem Beginnenden ließ keinerlei Bedenken aufkommen. Wir gingen frisch an's Werk, – frischer als das Publikum. Das erste Heft schon brachte Arbeiten hervorragender Schriftsteller, und die folgenden elf Hefte des ersten Jahrgangs boten eine Fülle von Novellen, Schilderungen, Gedichten und anderen heiteren Werkchen, wie sie noch in keiner humoristischen Sammlung vereinigt worden waren. Als wir aber die Häupter unserer lieben Abonnenten zählten, da fehlte manch theures Haupt, und das Abonnement ist doch nun einmal die Hauptsache. Wir guckten enttäuscht in die Abonnentenliste, wie der Theaterdirektor durch das Loch im Vorhang in den Zuschauerraum, wo er mehr Inhaber von Freibillets als Unbekannte sieht, bei deren Anblick er mit weniger Sorge an die Deckung seines großen Etats denken könnte. Unser Auditorium war halbleer, oder, wenn dies besser klingt, halbvoll.</p><p>Da rief der tapfere Verleger die Illustration herbei. Fast hätte ich gesagt: Die Feuerwehr. Ich <a class="pageref" name="page311">311</a> war Gegner dieses Rettungsversuches und warnte vor ihm, da die Illustration den Etat mit einer bedeutenden Summe belasten und das Unternehmen im Fortschreiten hindern mußte. Das Illustriren ist allmälig zu einem großen Unfug geworden, von dessen Schädlichkeit man sich kaum eine Vorstellung macht. Das Publikum gafft schon jetzt mehr, als es liest. Es giebt heute eine große Anzahl Bilderbücher, die sich als litterarische Erzeugnisse anbieten, aber für die Litteratur viel weniger Nutzen haben, als für die Xylographen und den Buntdruck. Jedenfalls beschäftigen sie mehr Zeichner und Holzschneider als Schriftsteller, und wir sind auf dem besten Wege, den Text ganz von der Illustration verdrängt zu sehen, neben der er nur erscheinen wird, um sie dem verehrten Zuschauerkreis, in den sich der Leserkreis verwandelt, zu erläutern. Schon heute ist namentlich das Familienblatt unter den verschiedensten Titeln nichts als eine Einnahmequelle für Zeichner, Holzschneider und verwandte Künstler, neben denen die Schriftsteller sich mit dem Geringen begnügen müssen, das der Etat des Blattes für sie übrig läßt. Die Bilder eines Blattes sind ein Bild des Elends, das in den Taschen vieler Schriftsteller herrscht.</p><p>Mein armes »Humoristisches Deutschland« hätte davon ein Liedchen zu singen gewußt, wenn ihm die Lust zum Singen nicht längst vergangen gewesen wäre. <a class="pageref" name="page312">312</a> Nach einem Jahre schon war dem Verleger auch die Lust vergangen, noch mehr Geldopfer zu bringen, und ich war obdachlos.</p><p>Eltern hängen an schwachen, kranken Kindern mit größerer Zärtlichkeit, und diese selbe war es, die mich veranlaßte, die Hoffnung nicht aufzugeben, für mein schwaches, krankes Humoristisches doch noch eine Heilung zu finden. Zuvörderst gerieth ich in eine Heilanstalt, in der zwar genügende Geldmittel vorhanden waren, aber Muth und Lust fehlten, sie zur Kur herzugeben: in die Breslauer Verlagshandlung <i>Schottlaender</i>. Ich verlebte eine trübe Zeit, in der meine Verpflichtung, völlig umsonst zu arbeiten, nicht das Trübste war. Dies mag nur angedeutet werden, denn in ein Buch, das heitere Erinnerungen wecken soll, würde es als ein trauriges Kapitel nicht passen. <i>Schottlaender</i> zwängte das »Humoristische Deutschland« in das Prokrustesbette seiner kaufmännisch weisen Sparsamkeit, es wurde überall gewaltsam gekürzt, und bald sah mein armes Unternehmen sehr heruntergekommen aus, bleich und abgezehrt, daß meine Freunde kaum noch wagten, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Jedes Heft war ein weiterer Schritt zur Erlösung von schweren Leiden. Und doch gab ich die Hoffnung auf eine Rettung nicht auf. Der Verleger S. Fischer versuchte sie. Aber auch er hatte nicht den Muth, oder <a class="pageref" name="page313">313</a> konnte ihn nicht haben, eine Operation vorzunehmen, die Illustration zu amputiren. Im Gegentheil versprach er sich von der besonderen Pflege des Uebels die rasche Heilung. Aber er konnte das Versprechen, das er sich gegeben, nicht halten. Nach noch zwei sorgenvollen Jahren ging das mit so viel Hoffnungen und Sorgfalt in die Welt gesetzte Geschöpf seinem Ende entgegen. Einem schlimmen Ende! Es ist in den Händen eines vierten Verlegers, welcher das litterarische Colportagegeschäft betreibt, ein kümmerliches Anekdotenheft geworden, das ich nicht mehr erkannt habe, als ich es vor längerer Zeit einmal sah, und das ich zu meiner aufrichtigen Freude seitdem nicht wieder zu Gesicht bekam. Möge ihm diese meine Freude leicht sein!</p><p>Das ist Alles, wird der Leser sagen, nur keine heitere Erinnerung. Und mit vollem Recht. Dennoch habe ich in der Zeit, während welcher ich mir einbildete, das Publikum für mein Unternehmen erwärmen und mit dessen Unterstützung das schaffen zu können, was ich als die Verwirklichung einer Lieblingsidee bezeichnet habe, viel Heiteres eingeheimst. Schon das Traurige, was mir in unüberwindbaren Manuskripten als Humor zuging, bildet eine kolossale Portion heiteren Materials. Ich verdankte ihm häufig die Wohlthat schnellen Einschlafens, wenn ich mich durch etliche Seiten eines mir von dem Verfasser als <a class="pageref" name="page314">314</a> besonders originell heiter an's Herz gelegten Schriftstücks wand, welches in mir die Vermuthung weckte, daß der Autor ein höchst unglücklicher Mensch sein müsse, welchem es eine Erleichterung bot, wenn er seine ganze Trübsal in Schriftzügen ausblies. Solche Humoristen schienen auch anzunehmen, daß schon der Titel der Humoresken mich hoffen ließ, daß endlich einmal ein unvergleichbarer Meister des Humors erschienen sei, und daß ich mich daher sofort beeilt hatte, von den Massen des Zuströmenden gerade dieses Manuskript prüfend zu lesen. Denn es ist mir geschehen, daß ich schon drei Tage nach dessen Eintreffen ein Telegramm mit bezahlter Rückantwort empfing, welches lautete: »Bin zur Ueberraschung noch ohne Bescheid. Bitte umgehend, sonst zu anderer Verwendung zurück.« Wie froh war ich, solche so ungemein ernst stimmende Humoreske dann mit der Angabe, daß ich augenblicklich nicht im Stande sei, sie zu lesen, wieder aus dem Hause schaffen zu können!</p></div><div class="chapter" id="chap022"><h3><a class="pageref" name="page315">315</a> An meinen Verleger.</h3><p class="leftmarg">Lieber Herr Fischer,</p><p>ich kann den letzten Korrekturbogen der »Heiteren Erinnerungen« nicht an Sie absenden, ohne Ihnen meinen besten Dank für die Geduld zu sagen, die Sie während des langsamen Entstehens dieses Buches als eine der herrlichsten Verlegertugenden geübt haben. Daß ich Sie zu dieser Uebung zwang, welche Ihre Geduld auf eine harte Probe stellte, war ja nicht hübsch von mir, wird aber durch die Arbeit entschuldigt, zu der ich mich in einem unbewachten Augenblick entschlossen hatte. Ich merkte nämlich schon im zweiten oder dritten Kapitel meiner Nichtbiographie, daß der Titel »Heitere Erinnerungen« mich ungemein einschränkte und überall hinderte. Der Titel ist ganz entschieden einer der vielen Fehler dieses Buches. Denn ich sah nur zu bald, daß Vieles, was ich erzählen wollte oder erzählt habe, nicht in das Buch paßte, weil es in seinem Verlauf nicht durchweg heiter darzustellen war, sondern schließlich bedeutend besser in ein Buch unter dem Titel »Trübe Erinnerungen« paßte. Es geht gewiß jedem Menschen so, der in seine Vergangenheit blickt. Da entdeckt er bei schärferem Hinsehen Ereignisse und Episoden, die er als leidlich heitere in seiner Erinnerung bewahrte und die ihm nun plötzlich gar nicht mehr so heiter erscheinen, wie er sie – Dank seinem Temperament – mit sich herumgetragen hat. Es ist das der alte Schaden der Lebensfreude, die nach des Dichters Wort keinem Irdischen ungemischt zu Theil wird. Irgend eine kleine oder große Bitterkeit kommt gewöhnlich hinzu und nimmt der Heiterkeit den angenehmen Geschmack. Dahinter kam ich oft, wenn ich mitten im Erzählen eines heiteren Erlebnisses steckte. Da gewahrte ich plötzlich, daß an irgend einer Stelle mein Gedächtniß vorlaut an einen Zwischenfall mahnte, der einen integrirenden Theil des Erzählten bildete, aber durchaus nicht in den Rahmen paßte, in den ich durch den Titel meines Buches gezwängt war. Ich sah mich also genöthigt, das Kapitel bei Seite zu legen, und so ist manche Stunde Arbeit verloren gegangen, und Sie mußten dann umsonst auf Manuskript warten, was ja schlimmer sein muß, als das Schreiben. Nun ist es ja überstanden, und nun wollen wir auch wieder gute Freunde sein, so weit das zwischen Schriftstellern und Verlegern möglich ist.</p><p>Ihnen und mir mehrere Auflagen der »Heiteren Erinnerungen« wünschend, damit diese auch nach dieser Richtung hin ihrem Namen gerecht werden, grüße ich Sie</p><table class="true" summary="" width="100%"><tr><td width="50%"><small>Berlin, Oktober 1895.</small></td><td align="center" width="50%">freundschaftlich<br/>
         <br/><i>Julius Stettenheim.</i></td></tr></table></div></text></TEI>