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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 5</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/101222548">Stettenheim, Julius</persName><country>Deutschland</country><birth>1831.0</birth><death>1916.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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    sämmtliche Berichte.</i></h2><h3>Herausgegeben</h3><h4>von</h4><h3 class="author">Julius Stettenheim.</h3><h3>Band V.</h3><p> </p></div><hr class="short"/><div class="toc"><h3>Inhalt.</h3><table class="toc" summary=""><tr><td>       </td><td><a href="#page001">Achmed Moukhtar Pascha</a><p class="left"><a href="#page007">Der Bibelübersetzer Achmed Tewfik</a></p><p class="left"><a href="#page013">Der russisch-chinesische Krieg</a></p><p class="left"><a href="#page026">Die Berliner Botschafter-Conferenz</a></p><p class="left"><a href="#page038">Ein Stündchen in St. Petersburg</a></p><p class="left"><a href="#page045">Die Flotten-Demonstration</a></p><p class="left"><a href="#page056">Die Uebergabe Dulcigno's</a></p><p class="left"><a href="#page061">Die ägyptischen Ereignisse</a></p><p class="left"><a href="#page096">Arabi vor Gericht</a></p><p class="left"><a href="#page102">Der falsche Prophet</a></p><p class="left"><a href="#page108">Der Feldzug im Ostsudan</a></p><p class="left"><a href="#page115">Chartum</a></p><p class="left"><a href="#page121">Die ägyptische Conferenz</a></p><p class="left"><a href="#page141">Die Italiener in Aegypten</a></p><p class="left"><a href="#page148">General Kaulbars</a></p></td></tr></table><p> </p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap001"><h3><a name="page001"/><a class="pageref">1</a> Achmed Moukhtar Pascha.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit aufrichtigem Bedauern vermissen wir seit einiger Zeit Ihre Berichte, obschon ja noch immer verschiedene Kriegstheater existiren, von denen direkte Nachrichten zu empfangen unsere Leser gewöhnt sind. Sie ließen unsere Briefe unbeantwortet, wodurch wir ernstlich beleidigt sein könnten, wenn wir nicht glaubten, Sie selbst seien böse darüber, daß wir Ihre letzte Arbeit unter dem Titel »<i>Ich und der Minhocao</i>« nicht zum Abdruck brachten. Wie konnten wir derlei veröffentlichen! Mit Benutzung des von dem in Brasilien lebenden Zoologen <i>Fritz Müller</i> publicirten Berichts über das fabelhafte Thier schilderten Sie den Kampf, den Sie mit dem <a name="page002"/><a class="pageref">2</a> genannten Riesenwurm bestanden, und die Art, wie Sie denselben endlich tödteten. Abgesehen davon, daß ja die Existenz des Minhocao bestritten wird (noch neulich geschah dies seitens des Herrn <i>Julius Stinde</i> im »Deutschen Montags-Blatt« sehr energisch), so benutzten Sie für Ihre Beschreibung fast wörtlich <i>Schiller's</i> »Kampf mit dem Drachen«, was jeder Schulknabe bei der Lektüre sofort gemerkt und uns mit Recht den Spott der ganzen Leserwelt zugezogen hätte.</big></p><p><big>Indem wir Sie nunmehr bitten, nicht länger zu schmollen, ersuchen wir Sie um die Fortsetzung Ihrer Mitarbeiterschaft</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 4. December 1879.</p><p>Ich müßte wahrlich an einer verhärteten Gehirnerweichung leiden, wollte ich in jeder Ihrer Ablehnungen den <tt>Casus</tt> zu einem <tt>Belli</tt> finden. Man gewöhnt sich schließlich an Alles wie das Dienstmädchen, welches dem Aal die lebendige Haut vom Leibe zieht. Glauben Sie also nicht, daß ich, weil Sie meinem Kampf mit dem <a name="page003"/><a class="pageref">3</a> Minhocao einen so jähen Papierkorb bereiteten, Ihr Busenfeind geworden bin. Ich will auch nicht versuchen, Ihnen das Unweise Ihrer Handlungsweise klar zu machen, da Sie nicht einzusehen scheinen, daß es ein gutes Werk ist, ein solches Mißgeheuer ebenso Knall als Fall aus der Welt zu räumen. Ich that es vor allen Dingen, weil ich es für das Heldenstück keines Octavio halte, eine Seeschlange zum Abdruck zu bringen. Dazu braucht man kein Tausend-, nicht einmal ein Fünfhundertkünstler zu sein. Aber die Seeschlange, wie ich es that, in Grund und Boden zu verfolgen, und ihr den Kopf und Kragen zu spalten, das ist doch etwas. Ich lobe mir unter allen Umständen die That. Alle anderen Kinker sind – verzeihen Sie das harte Wort! – Litzchen.</p><p>Um Ihnen aber den Beweis zu geben, daß ich nicht mit Ihnen schmollwinkle, sende ich Ihnen einliegend den heute todten und morgen rothen <i>Achmed Moukhtar Pascha</i>. Drucken Sie die beiden Berichte in zwei aufeinander folgenden Nummern ab. Damit Sie sie nicht verwechseln, setze ich auf den einen ein lateinisches Alpha, auf den andern ein lateinisches Beta. Sonst geschieht es, daß Sie schon heute den morgen erst ermordeten General in's Leben dementiren.</p><p>Zu meiner Freude höre ich, daß im Berliner Hoftheater »Die Königin von Saba« sehr gefallen hat. Senden Sie mir daher einen Vorschuß von <i>50 Goldmark</i> in Noten.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="center"><a name="page004"/><a class="pageref">4</a> A.</p><p class="right"><i>Berane</i>, den 26. November 1879.</p><p><tt>W.</tt> Ein Mord! Thränen ersticken meine Feder. Nur nach und nach finde ich die nöthige Dinte, das Schändliche zu schildern.</p><p>Ich komme aus dem Hinterhalt, in welchem die That geschehen ist.</p><p>Sie wissen, daß <i>Moukhtar Pascha</i>, genannt <i>Ghazi</i> (der Siegreiche), beauftragt war, die Albanesen, wenn Gewalt fruchtlos, mit gütlicher Ueberredung zu bewegen, sich in die Abtretung der Bezirke <i>Gusinje</i> und <i>Plava</i> zu fügen. Heute, als kaum die Sonne graute, kam er mit seinen Truppen an. Aber die Albanesen erklärten, sie wollten lieber sterben, als sich todt den Montenegrinern unterwerfen. <i>Moukhtar</i> stutzte, ließ sich aber, um zu zeigen, daß er bereit sei, den Albanesen entgegenzukommen, in einen Hinterhalt locken. Was hier geschah, ist rasch berichtet. <i>Moukhtar</i> und seine Begleiter, die ohne die mindeste Mutter der Weisheit eingetreten waren, wurden überfallen und für zeitlebens getödtet.</p><p>Ich entging mit knapper Noth dem Meuchelbade, Ihnen jetzt zu melden, was vielleicht den Südosten Europas abermals in eine blutige Bellona verwickeln wird.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="center"><a name="page005"/><a class="pageref">5</a> B.</p><p class="right"><i>Cettinje</i>, den 27. November 1879.</p><p><tt>W.</tt> Gewissenlose, vor keiner Ente zurückschreckende Correspondenten haben die Fama verbreitet, <i>Achmed Moukhtar Pascha</i>, derselbe, dem der Sultan eigenhändig den Titel <i>Ghazi</i> in's Knopfloch steckte, sei von den Albanesen ermordet worden, und da ich fürchte, daß die Leiche den Weg auch in Ihre werthen Spalten gefunden hat, so erkläre ich hiermit die Nachricht für vollständig aus der Luft gesogen. <i>Achmed Moukhtar Pascha</i> lebt und ist in Prizrend eingetroffen, also noch gar nicht in der Gegend, wo die leichtsinnigen Berichterstatter den Hiob auf die Post gegeben haben.</p><p>Hier stehen wir denn einmal wieder vor einem Krebs, welcher dem Schaden der Berichterstattung unverbesserlich anhaftet. Lediglich der Sensation wegen wird ein bisher völlig unermordeter General in die Grube gefahren, läßt man ihn das Opfer eines gänsehautsträubenden Bubenstyx werden, stempelt man ein ganzes Volk zu Genossen des von <i>Schiller</i> als des Fanatismus rauhen Henkersknecht bezeichneten <i>Alba</i>, indem man von Albanesen spricht! Freilich, nicht jedes Mitglied dieses Volkes ist ein Thunichtschlecht <a name="page006"/><a class="pageref">6</a> oder ein Taugeviel, aber es ist auch nicht jedes ein Lasterspiegel, und es sollte sich daher keine Zeitung dazu hergeben, eine ganze Bevölkerung als Messerheros zu verdächtigen.</p><p>Hoffentlich gelingt es mir, den infamösen Verbreiter der Meuchel-Ente zu entdecken. Er soll dann meinem gerechten Pranger nicht entgehen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap002"><h3><a name="page007"/><a class="pageref">7</a> Der Bibelübersetzer Achmed Tewfik.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Sie haben zu unserem Bedauern seit den ersten Tagen des December vorigen Jahres nichts Wesentliches von sich hören lassen, und es ist somit in Ihrer geschätzten Berichterstattung eine lange Pause eingetreten, welche wir Sie nunmehr zu beenden bitten. Wir haben seit jener Zeit von Ihnen nur einen Brief erhalten, in welchem Sie uns mittheilen, daß Sie sich bei dem Glatteis am 28. December durch einen unglücklichen Fall Ihre Garderobe »verstaucht« haben und deshalb eines größeren Vorschusses bedürften, den wir Ihnen auch schickten. Dann empfingen wir am 1. Januar Ihr »donnerndes Prost-Neujahrzehnt«, für das wir Ihnen herzlichst danken, und ferner einen <a name="page008"/><a class="pageref">8</a> Vorschlag, auf den wir leider nicht eingehen können. Wie Sie uns nämlich schreiben, haben Sie die Absicht, zum Besten der oberschlesischen Nothleidenden einen Krieg zwischen Deutschland und den Südsee-Inseln, wie Sie schon früher beabsichtigten, ausbrechen zu lassen, Ihren ersten Bericht unserm Blatte beizulegen und denselben in allen Buchhandlungen, Zeitungsexpeditionen und »auf allen fliegenden Bahnhöfen« verkaufen zu lassen. Preis des Exemplars: ein altes Kleidungsstück. Diese Idee, so originell sie sein mag, ist natürlich unausführbar, speciell wegen des Krieges gegen die Südsee-Inseln. Derselbe scheint eine Ihrer Lieblingsideen zu sein, damit aber ist er doch noch nicht ausgebrochen oder auch nur möglich.</big></p><p><big>Nochmals: Beenden Sie die lange unfruchtbare Pause und erfreuen Sie uns umgehend durch einen interessanten Artikel.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page009"/><a class="pageref">9</a><i> Bernau</i>, den 15. Januar 1880.</p><p>O diese ewige und alte Einerleier! Das Jahr 1879 verlief sich im Sande der Kronos-Uhr, das neue Jahr stieg aus dem Zahn der Zeit empor, Sie aber sehe ich nicht, um mit Schiller zu singen, mit Ihrem Palmenzweige an des Jahrzehnts Neige stehen. Nach wie vor höre ich Sie mit mir nur in Misantropen reden, nach wie vor sind Ihnen meine neuen Ideen ab und zuwider, nach wie vor wollen Sie mir nichts als ein Dutzfeind, mir auch im neuen Jahre ungewogen sein! Vergebens rufe ich wie ein Ertrinkender nach einem Samiel, verzweifelt möchte ich Dalberg fragen, ob er da sei.</p><p>Wollen Sie auch im neuen Jahr auf jedes meiner Manuskripte wie ein hungriger <tt>lupus a non lucendo</tt> losstürzen und es zerfleischen? Dann möchte ich jetzt wie Karl Moor das brüderliche Tischtuch zerreißen und lieber von meinen eigenen Füßen in den Mund leben, als abermals ein ganzes Jahr lang zu Ihrem bösen Spiel meine guten Minen springen zu lassen. Denn aus Ihrer Pfeife, nach der ich tanzen soll, rauchen Sie mir denn doch einen etwas zu starken Tabak. Ich bin – verzeihen Sie das harte Wort! – kein Kind mehr, der einst helle Haufen meiner Haare wird immer heller, und ich kann meine literarische Laufbahn nur nach derjenigen Reiseroute zurücklegen, die ich mir selber aufbinde.</p><p><a name="page010"/><a class="pageref">10</a> Soll ich nichts gegen den oberschlesischen Nothstand thun, so wird es mir doch wohl gestattet sein, meinen eigenen nach Kräften zu beseitigen. Nur schleunige Hülfe kann auch hier helfen. An alten Kleidern, Saatkartoffeln und Chausseen fehlt es mir nicht. Dagegen brauche ich baaren Vorschuß, und ich bitte Sie daher, an vier Postschaltern je 10 Mark (zusammen 40) für mich einzuzahlen, und zwar rasch, was Sie nach dem alten Sprichwort veranlassen wird, das Doppelte zu schicken.</p><p>Der einliegende Bericht wird Ihnen gefallen, er lehnt sich an Goethe's Faust an.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Konstantinopel</i>, den 11. Januar 1880.</p><p><tt>W.</tt> Die Gefahr, gestern noch im Verzuge, heute ist sie vorüber. Als ich noch gestern bis über die Ohren in <tt>mora</tt> war, wollte ich Ihnen nicht schreiben, um das Gefühl der Leser zu schonen. Denn wenn man bedenkt, daß nach dem letzten Kriege, der im Namen der Kultur das goldene Horn röthete, ein noch nicht bestrafter Türke wegen einer Bibelübersetzung vom Leben zu Mahomeds Paradies gebracht werden sollte, dann hat man wohl das Recht, zu fragen: Was hat es nun genützt, daß Gortschakoff von Bismarcks Hund gebissen worden ist? Lassen Sie sich erzählen.</p><p>Achmed Tewfik ist ein Mollah. Er wird wissen, was das ist. Vor längerer Zeit nun saß dieser Mollah, von einem <a name="page011"/><a class="pageref">11</a> Spaziergang mit einem zugelaufenen schwarzen Pudel heimgekehrt, in seiner engen Zelle. Wieder brannte die Lampe freundlich, und es drängte ihn, den Grundtext der Bibel aufzuschlagen und mit redlichem Gefühl das heilige Original in sein geliebtes Türkisch zu übertragen. Kaum aber hatte er einige Kapitel fertig, als der Pudel zu bellen und zu heulen anfing und, als ihm der Mollah dies untersagte, derart anschwoll, daß er schon wie ein Nilschimmel aussah. Der Mollah war außer sich, und mit zu Berge stehender Glatze griff er zu Salomonis Schlüssel, welcher für solche halbe Höllenbrut gut sein soll. Der Schlüssel that seine Wirkung, indem er das Räthsel löste. In dem Pudel hatte nämlich ein Spion gesteckt, der nur dahinter kommen sollte, ob der Mollah wirklich sich der Bibelübersetzung schuldig mache. Das war nun nicht mehr zu leugnen.</p><p>Der Mollah war auf frischem Flagranti ertappt und wurde in die nächste Nummer Sicher geschleppt, wo der Arme bei Wein und Brot (nur der freie Türke trinkt keinen Wein) sein Urtheil erwartete.</p><p>Dasselbe lautete auf Tod, Hinrichtung und Verlust des Lebens. Es war ihm bewiesen worden, daß er die Bibel vorsätzlich und mit kalter Ueberlegung übersetzt hatte und daß er bei Begehung der Uebersetzung zurechnungsfähig gewesen sei.</p><p>Das hörte der englische Botschafter Sir <i>Henry Layard</i>, und sofort drohte er dem Sultan mit seinen Pässen, wenn dem Mollah der Kopf gekrümmt würde. Der Sultan traute <a name="page012"/><a class="pageref">12</a> anfangs seinem Trommelfell nicht. Als er aber sah, daß der Botschafter weder türkisch noch englisch mit sich reden ließ, befand er sich in wenigstens 500 Aengsten, zog von zwei Uebeln den Kürzeren und ließ den Verurtheilten vom Tode zum Leben führen. Achmed Tewfik wird nach der Insel Chios geschickt, und ich will hoffen, daß unterwegs kein Selbstmord an ihm begangen wird.</p><p>Wenn aber der Sultan nicht nachgegeben und dann England sein Schwert auf die Goldwage gelegt hätte? Ein entsetzlicher Gedanke, von dem ich mich dadurch befreie, daß ich wünsche, alle Türken, welche fortan die Bibel übersetzen wollen, möchten dies im Interesse des europäischen Gleichgewichts nicht in ihrer Heimath thun, sondern z. B. in Wittenberg.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap003"><h3><a name="page013"/><a class="pageref">13</a> Der russisch-chinesische Krieg.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit großem Bedauern war es uns längere Zeit unmöglich, Berichte aus Ihrer Feder zu veröffentlichen, so dankbar wir Ihnen sind, daß Sie es nicht an Versuchen fehlen ließen, Ihre geschätzte Berichterstattung fortzusetzen. Leider konnte uns die Wahl Ihrer Stoffe nicht zusagen. Ihr Zugreifen erschien uns denn doch zu kühn und munter, da Sie u. A. den Conflikt zwischen Preußen und Hamburg wegen der Vorstadt St. Pauli in einen Krieg ausarten ließen, derart, daß Sie an den Ufern der Elbe und Alster »<tt>à Berlin!</tt>« rufen hörten und in dem Senator Versmann den Ueberbringer der Kriegserklärung sahen. Derlei ist absolut unmöglich. Wir <a name="page014"/><a class="pageref">14</a> bewunderten nur Ihre Ruhe, mit der Sie einen Bürgerkrieg in Aussicht stellten. Nicht minder gewagt erschien uns Ihr Bericht aus der Südsee mit der Schilderung eines Aufstandes der Samoaner, welche den deutschen Generalconsul <i>Zembsch</i> für die Rede Bambergers im deutschen Reichstag verantwortlich machen! Aber Herr <i>Wippchen!</i> Dagegen gefällt uns Ihre Absicht, den Krieg zwischen Rußland und China zu eröffnen, ganz besonders. Hier haben Sie wegen des uns sehr fern liegenden Schauplatzes die beste Gelegenheit, Tüchtiges zu leisten. Es dauert ja in jedem Falle sehr lange, bis authentische Nachrichten aus Asien eintreffen und falsche Mittheilungen widerrufen werden. Beginnen Sie also. Ihr Verlangen, daß wir Ihnen ein Paar ganz enger Schuhe und einen langen Zopf schicken sollen, ist wohl nur in der Uebereilung gestellt worden.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page015"/><a class="pageref">15</a><i> Bernau</i>, den 13. Mai 1880.</p><p>Sie können sich leicht denken, daß ich über Ihre Antwort sehr erfreut war. Denn, da Sie in jedem Damoklesschwert ein Haar zu finden pflegen, so war ich natürlich überzeugt, daß mein Vorschlag Alles in Ihren Augen finden würde, nur keine Gnade. Denn Sie sind eben eine kritische Natur, jeder Ihrer Momente ist ein kritischer, und wenn Ihnen, wie Pharao, sieben fette Josephs im Traume erschienen, so würden Sie ausrufen: Gott wie mager! Ohne die Achseln sorgfältig zu prüfen, zucken Sie sie, und oft kommt es mir vor, als hätten Sie Ihre Schulter nur empfangen, um meine Vorschläge über dieselbe anzusehen. Das lähmt meinen Eifer und verwandelt mich – verzeihen Sie das harte Wort! – in einen Ikaros, dessen wächserne Flügel, Ihrer werthen Nase zu nahe kommend, unter deren Rümpfen zusammenschmelzen. Um so mehr freute es mich, daß Sie, als ich Ihnen meinen neuesten Plan vorlegte, wie ein Blitz ans heiterer Höhe einschlugen.</p><p>Ja, ich entfessele die Marsfurie zwischen Rußland und China! Worauf soll ich noch warten? Ueber kurz oder gut muß es ja dahin kommen. Rußland braucht einen Krieg, um seine Völker zu beschäftigen. In einem Krieg lenkt Rußland das Kraut und die Rüben seiner inneren Verhältnisse nach außen, durch einen Krieg umgiebt der Koloß seine Füße mit neuem Thon. Die Gelegenheit ist <a name="page016"/><a class="pageref">16</a> günstig. China, das Reich der goldenen Mitte, reicht ihm den <tt>casus</tt>, und Rußland nimmt sich den ganzen <tt>belli</tt>. Der Kuldscha-Vertrag ist der Zaun, von dem Rußland die Bellona bricht. China hat es Rußland gegenüber an der nöthigen Vorsicht fehlen lassen, und das ist nach einem alten Volksmund bekanntlich die Mutter der Dummheit: ich möchte, – wenn dies <tt>sit venia</tt> erlaubt ist – die Chinesen Chikanesen nennen. Sie spielten mit der Keule des nordischen Bären, sie glaubten, der Tiger schliefe, weil sein böser Leumund nicht brüllte, und irrten sich, denn plötzlich schlägt er, nach Schiller, mit dem Schweif einen furchtbaren Reif in der Frühlingsnacht, und – da liegt der Würfel begraben!</p><p>Ich fluchte, was vom Himmel herunter konnte, als ich las, daß Sie mein Verlangen nach engen Schuhen und einem Zopf ein übereiltes nennen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Beides ein <tt>Vademecum sine qua non</tt> der Chinesen ist. Dagegen bitte ich Sie um einige Buch Reispapier, ein Paar Nankingbeinkleider und, denn aller guten Grazien sind drei, eine chinesische Grammatik, da ich, unter uns gestanden, ein schreckliches Kauderchinesich spreche. Außer Thee, Tusch, Pagode und Mauer kenne ich kaum ein chinesisches Wort. Ich weiß nicht einmal, wie Vorschuß in chinesischer Zunge verlangt wird. Wird Sie das abhalten, mir 50 Mark (etwa 25 Taels) zu senden? Dieselben brauchen indeß kein viereckiges Loch zum Aufreihen zu haben, da in China nur die Kupfermünzen auf einer Schnur getragen werden.</p><p><a name="page017"/><a class="pageref">17</a> Hier meine neue Adresse:</p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s017.png" width="50%"/></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Peking</i>, den 15. April 1880.</p><p><tt>W.</tt> Nach einer unbeschreiblich beschwerlichen Reise bin ich gestern schachmüde hier angekommen und im Hôtel »Zum grünen Dschingiskhan« abgestiegen. Der Eindruck, den Peking auf jeden Nichtchinesen macht, ist überwältigend. Diese Riesenstadt mit ihren Millionen Einwohnern, dieses Klingeln der Pagoden, dieses Tanzen mit erhobenen Zeigefingern, dieses Verkrüppeln der Füße, dieses Abrasiren des Schädels bilden das Kaleidoskopste, was man sich denken kann, und es war schwer, an die Arbeit zu gehen, die mich hierherführte.</p><p>Nach einem frugalen Elfenbeinstäbchenfrühstück (der Chinese hat bekanntlich keine Gabel) ging ich aus, um mich <a name="page018"/><a class="pageref">18</a> zu informiren. Ueberall fand ich Vorbereitungen zum Losschlagen, und es muß sich nun zeigen, was die Chinesen seit dem letzten Krieg gegen Frankreich gelernt haben. Die Stadt ist überfüllt mit Soldaten, welche aus Hongkong, Shangai, Nanking und Bucksking herbeieilten. Große Anleihen und neue Steuern sind ausgeschrieben worden, so daß das »Opiumchen des armen Mannes« bald sehr vertheuert sein wird. Ueberall hört man die Wacht am Amur, mehrere Reiswurstfabriken sind eröffnet, ein feierlicher Confuciusdienst ist angeordnet worden und die Stiftung einer eisernen, hier als höchste Auszeichnung geltenden Pfauenfeder 1. und 2. Classe für Tapferkeit vor dem ehemaligen Freunde zu erwarten. Der Handel ruht fast gänzlich, die Karavanen sind geschlossen.</p><p>Sie sehen, es wird Ernst. Nun frägt es sich, ob den Chinesen im Mars Fortuna lächeln wird.</p><p>Verzeihen Sie, wenn ich diesen Brief nicht frankire. Die von der Cultur beleckte Briefmarke scheint bis hierher noch nicht gedrungen zu sein.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap004"><h3><a name="page019"/><a class="pageref">19</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Seit der Berliner Botschafter-Conferenz sind wir nicht in die Lage gekommen, einen Bericht aus Ihrer werthen Feder zu veröffentlichen. Hoffentlich aber erblicken Sie in der Vorsicht, mit welcher wir Ihre einzelnen Berichte prüfen und, wenn nöthig, zurücklegen, Nichts weiter, als die Furcht, durch eine kritiklose Aufnahme jedes Ihrer Artikel Ihrem Ruf Schaden zufügen zu können.</big></p><p><big>Darum haben wir auch Ihren Bericht über das Fasten des Herrn Dr. Tanner nicht zum Abdruck gebracht. Nicht allein, weil unsere Journale täglich die überflüssigsten Mittheilungen von dem Hungersport des genannten Sonderlings bringen, sondern weil Ihre Darstellung denn doch eine zu wenig glaubwürdige war. Tagtäglich <a name="page020"/><a class="pageref">20</a> wollen Sie bei Tanner gewesen sein, und er soll Ihnen bei Tisch (!) erzählt haben, wie er den ganzen Vormittag gefastet habe, ebenso Abends, wo er Ihr Gast zu sein und Ihnen die Speisen zu nennen pflege, welche er Nachmittags nicht genossen. Wie wenig Glauben auch die Möglichkeit eines 40tägigen Fastens im Publikum finden möge, nach Ihrer Darstellung ist Tanner ein ungeheurer Fresser, der unbedingt an einem verdorbenen Magen zu Grunde gehen muß. Wenigstens befleißigen Sie sich, ihn fastend zu schildern, während er bei den gängereichsten Mahlzeiten sitzt.</big></p><p><big>Wir begreifen auch nicht, weshalb Sie so gerne von Ihrer eigentlichen Kriegsberichterstattung abweichen. Kehren Sie, bitte, zum russisch-chinesischen Kriege zurück und lassen Sie uns bald von sich hören.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page021"/><a class="pageref">21</a><i> Bernau</i>, den 29. Juli 1880.</p><p>Es ist nicht nur ein Unglück, sondern auch ein Malheur, daß Sie immer glauben, Ihr Geschmack wäre auch der des Publikums. Wie Alpen glühe ich vor Zorn bei diesem Gedanken. Immer nur halten Sie Ihre eigene Ansicht für die allein richtige, statt zu bedenken, daß hinter den Bergen auch Ochsen stehen. Das Publikum ist ein vielköpfiges Pfeifchen, das ich besser als Sie zu rauchen verstehe. Diesen Augenblick interessirt es sich für den Mann, der vierzig Tage lang sich den Bauch leerschlagen will. Er beabsichtigt, seinen Hunger nur mit Wasser zu stillen, seinen Durst gar nicht. Man fragt sich, wie es möglich sei, daß ein Mensch, der seine fünf Schrauben beisammen hat, im Stande ist, vierzig Tage, also kaum zwei Monate lang, nichts als, um mit <i>Pindar</i> zu reden, das Hydorste, was es giebt, zu genießen, ohne in's Gras, von dem er ja auch nicht leben könnte, zu beißen. Es wäre – <tt>sans frass!</tt> ein Wunder. Wenn dieser Herr Mister <i>Tanner</i> vierzig Tage lang regelmäßig dinnerte und sopperte, das wäre doch wahrlich nicht interessant, und es würde Keinem einfallen, sich darüber die Haare grau zu färben. Da hätte man viel zu färben. Hier liegt aber ein Fall vor, der, wie der des Niagara, einzig in seiner Art ist, die Entscheidung der Frage: Ist Hunger der beste, oder – verzeihen Sie das harte Wort!– der schlechteste Koch?</p><p><a name="page022"/><a class="pageref">22</a> Hiermit klappe ich meine Leviten zu, rathe Ihnen aber, künftig weniger Bedenken walten zu lassen. Die Nemesis würde sich bald rächen und zwar zu Ihrem werthen Schaden.</p><p>Wie immer, so ziehe ich auch heute den Kürzeren vor und sende Ihnen einliegend eine Fortsetzung des in meinem ergebenen Bericht aus Peking vom 15. April eröffneten russisch-chinesischen Krieges. Sie werden eine der blutigsten Schlachten finden, die ich jemals geschrieben habe. Wo noch nicht ein einziger Mann gefallen ist, da bedecke ich das Schlachtfeld mit Tausenden. Es geschieht dies, weil ich für etliche Wochen Ruhe haben und in irgend einer idyllischen Bärenhaut meine Nerven stärken will. Mein Koffer ist gesattelt. Die Idee, nach Heiligendamm zu gehen, habe ich wieder aufgegeben. Daselbst wird immer noch dem Taubenschießen gehuldigt. Schrecklich! Ja, wenn ich selber schwerhörig wäre! Nun schwanke ich wie der Koloß von Rhodus zwischen Heringsdorf und Nizza.</p><p>Längere Zeit schwankte ich auch zwischen 80 und 100 Mark Vorschuß und habe mich nun für einen solchen von 120 entschieden. Ich bitte darum. Wenn Sie aber nicht bei Casse sind, so senden Sie mir gefälligst Banknoten.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page023"/><a class="pageref">23</a><i> Am Meerbusen von Petschili</i>, den 12. Juli 1880.</p><p><tt>W. Rubicon est jacta!</tt> In einer ungeheuren Schlacht haben drei Tage lang die beiden Riesenreiche mit einander gerungen, ohne daß die Schultern des einen oder anderen den Boden der Mutter Erde geküßt hätten. Ich brauche nicht zu sagen, daß damit ein Krieg eröffnet worden ist, der über Lebensgröße zu werden verspricht. Jedes der beiden Heere ist ein Xerxes, auf beiden Seiten stehen Millionen bis an den Oberkiefer bewaffneter Männer, welche sich wie die Besen des Zauberlehrlings lieber in Stücke hauen lassen. als daß sie sich entschließen, von ihrem Fersenreichthum auch nur eine winzige Summe zu geben. Ihr Princip ist: Jeder kehre vor seiner Thür den Rücken.</p><p>Allerdings ist China durch seine Mauer eine zwar einzuseifende, aber nicht zu rasirende Festung. Ich möchte diese Mauer die Chinarinde nennen, welche das Kriegsfieber der Russen wohl zu vertreiben im Stande sein wird. Sie wurde von den chinesischen Herrschern stets sehr gepflegt, durfte nicht verunreinigt und nicht mit Plakaten beklebt werden. Dagegen ist sie mit zahlreichen Schieß- und Hiebscharten versehen, durch welche die Kanonen bequem speien können. Einen Sturm, ja auch nur einen Wind gegen diese Mauern mit Erfolg auszuführen, erscheint ganz unmöglich. Die Russen wissen ein Lied davon zu singen, z. B. »Ach, wie ist's möglich dann.« Sie sehen schon heute ein, daß <a name="page024"/><a class="pageref">24</a> ihnen die gebratenen Kastanien nicht in den Mund fliegen werden.</p><p>Am 9. hatte Helios in seinem goldenen Wagen noch nicht gekräht, als auf der russischen Seite der erste Schuß und zwar so unglücklich fiel, daß er einen Chinesen auf der Stelle tödtete. Das war das Signal. Schon eine halbe Stunde später konnte Mars vor Kanonendonner sein eigenes Flintengeknatter nicht hören. Mit dem Gesang der »Wacht am Jang-tsy-kjang« stürzten sich die Chinesen zopfüber in den Krampf und faßten trotz der Tapferkeit der Russen festen, wenn auch bekanntlich verstümmelten Fuß. Auf beiden Linien wurde erbittert gekämpft und regnete es Beweise von Tapferkeit. So weit das Auge reichte, kein Hasenpanier, welches ergriffen, kein Korn, in welches eine Flinte geworfen werden, keine Hosen, in welches ein Herz hätte fallen, kein Weites, welches hätte gesucht werden, kein Reißaus, welches hätte genommen werden können.</p><p>So wogte der Kampf drei Tage lang wie eine Lawine auf und nieder. Auch Nachts erdröhnte der Boden von dem Gähnen der Geschütze. Es war mir nicht möglich, ein Auge zu schließen, meine ganze Ruhe bestand in einem Halbmorpheus, aus dem mich jeden Augenblick ein Geschoß weckte, das in seinem Bleimantel über mich fortflog. Unsere Nahrung bestand aus Thee, den die Chinesen in der Feldflasche hatten, und den wir mit dem Rum mischten, welchen wir bei den russischen Todten fanden. Dazu gab es etwas kalten <a name="page025"/><a class="pageref">25</a> Pfau oder Papagei und hin und wieder eine Portion Pökelnashornbrust. Wie Sie sehen, ein Frugalladiner.</p><p>Morgen kehre ich nach Peking zurück, dort die weiteren Ereignisse abzuwarten. Die feindlichen Heere begraben ihre Verluste und bedürfen der Ruhe. Diese Zeit benutze ich dazu, mir die chinesische Zunge beizubringen, die unerträglich schwer ist. So z. B. besteht das chinesische Alphabet aus 90,000 Wörtern.</p><p>Hoffen will ich noch, daß der Mars localisirt bleibt. Es wäre schrecklich, wenn die Göttin der Zwieträchtigkeit ihren <tt>Ultima ratio</tt>-Apfel zwischen andere Nationen schleuderte.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap005"><h3><a name="page026"/><a class="pageref">26</a> Die Berliner Botschafter-Conferenz.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Was wir Ihnen zu sagen nicht gewagt hatten, gestehen Sie zu unserer Freude nun selbst ein: Sie haben den russisch-chinesischen Krieg zu frühzeitig begonnen. Wir sind natürlich ganz damit einverstanden, daß Sie ihn vorläufig nicht fortsetzen, um ihn zu einer gelegeneren Zeit wieder aufzunehmen.</big></p><p><big>Nicht minder dankbar sind wir Ihnen für den Vorschlag, über die Berliner Botschafter-Conferenz zu berichten und uns täglich, obschon Sie wie keiner Ihrer bereits eingetroffenen Collegen irgend etwas aus den Verhandlungen erfahren können, einen mindestens acht Seiten langen Bericht zu senden. Beginnen Sie sofort.</big></p><p><a name="page027"/><a class="pageref">27</a><big> Sie nehmen es uns hoffentlich nicht übel, wenn wir Ihr einleitendes Feuilleton, »Hellas« betitelt, nicht zum Abdruck bringen. Ihren Zweck, den Lesern unseres Blattes Näheres über die Sitten der heutigen Griechen mitzutheilen, erreichen Sie dadurch nicht. Denn Sie erzählen z. B., um den Hof des jetzigen Königs von Griechenland zu schildern, genau den Inhalt der Offenbachschen schönen Helena, wodurch das Publikum denn doch allzu leichtfertig irregeführt wird.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 17. Juni 1880.</p><p>Es thut mir natürlich leid, daß es Ihnen beliebte, mein Feuilleton über Hellas zu unterschlagen, wie der Türke seine Beine. Denn Sie werden mir doch zugestehen, daß die schöne Helena ein sehr reizendes Libretto ist und daß das Publikum nur das vom grauen Griechenland weiß, was ihm Offenbach mit Hülfe seines Violinschlüssels erschlossen hat. So hätten sich denn die Leser gewiß sehr gefreut, wenn sie sich bei der Lectüre meines Artikels hätten sagen <a name="page028"/><a class="pageref">28</a> können, daß sie doch eigentlich sehr unterrichtet seien. Und das schmeichelt natürlich jedem Durchschnitts-<tt>Sapiens</tt>, dem der Homer denn doch ein Dichter mit sieben Siegeln ist und bleiben wird.</p><p>Indeß will ich meine Galle zähmen, da ich ja doch weiß, daß ich meine Worte in die Windsbraut spreche, aber traurig ist es doch, daß Sie mich immer zwingen, wie ein rechtes Abscheusal zu erscheinen, indem ich Sie fast in jedem Brief meines Bessern belehren und Ihnen reinen Wein in die Augen streuen muß. Sie können sich aber darauf verlassen, daß Sie nur wie Shylock in Ihr eigenes Pfund Fleisch schneiden, wenn Sie sich meinem richtigen Instinkt mit Nasenrümpfen entgegenstemmen. Ich kann Ihnen nur sagen: Gehen Sie meiner Wege und Sie werden es niemals – verzeihen Sie das harte Wort! – bereuen. Andernfalls werde ich eines Tages denn doch dieser Sklaverei müde sein, wie Friedrich der große Fritz, nachdem er mit seinen Feinden das siebenjährige Hühnchen gepflückt hatte.</p><p>Nun an die Arbeit der Botschafter-Conferenz. Ich freue mich sehr, daß sich die Mitglieder derselben verpflichtet haben, einander den Mund zu halten und von ihren Verhandlungen nichts in die Fama gelangen zu lassen. Es erinnert mich an die schöne Zeit des 78er Berliner Congresses. Denn jetzt wie damals wird keiner meiner Collegilitonen irgend etwas erfahren, und so hat meine Phantasie ganz freies Spiel und kann Alles auf Eine <a name="page029"/><a class="pageref">29</a> Karte setzen. Und Manches erfährt man im Nothfall ja doch, denn es gilt wie damals auch heute das ewig wahre Wort: Keine <tt>sub rosa</tt> ohne Dornen!</p><p>Indeß glaube ich mich doch gegen alle Bestechungsversuche irgend einer Großmacht panzern zu müssen, indem ich Sie um einen Vorschuß von vier Zwanzigmarkstücken bitte. Und, daß ich es nicht vergesse, noch eins: macht also fünf.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Berlin</i>, den 16. Juni 1880.</p><p><tt>W.</tt> Von einem durchbläuten Himmel begünstigt, wohnte ich heute Nachmittag 2 Uhr der Auffahrt der Botschafter bei. Der Wilhelmsplatz. wo das Ministerium des Auswärtigen steht, war brechend leer, und es war keine leichte Aufgabe, sich durch die Menschenmassen hindurch zu winden, da solche nicht vorhanden waren. Selbst mehrere Schutzleute waren nicht im Stande, einen Zusammenlauf von Neugierigen herbeizuführen. Nach zehn Minuten war es schon ganz unmöglich, keinen Platz zu finden.</p><p>Zuerst erschien der italienische Botschafter, Graf Launay, im offenen Zufuß, dann fuhren der Geh. Legationsrath <i>Busch</i>, – nicht zu verwechseln mit dem Dichter des »Max und seine Leute«, – und Graf Mony vor. Hinter ihnen kam Lord Russel in lebhaftem Selbstgespräch, die Rolle, die er zu spielen haben wird, tragend. Ihm folgten der Leiter <a name="page030"/><a class="pageref">30</a> der Conferenz, Fürst Hohenlohe, und der französische Botschafter, der heilige Vallier, von denen jeder eine mächtige Karte in der Hand hatte, in die er aber den andern nicht blicken ließ. Dann erschien Herr von Saburoff in einer eleganten Kibitke, und den Schluß machte der österreichische Botschafter, Graf Szechenyi. Jeder, der ihn sah, mußte sich sagen, daß sich Graf Andrassy in den letzten zwei Jahren sehr verändert hatte. Alle Herren erschienen in schwarzem Frack und weißen Binden und Bandagen.</p><p>Ein Tiras, wie im Jahre 1878, fand nicht statt: nicht ein einziger Botschafter wurde gebissen, wie denn überhaupt Alles weniger feierlich zugeht. Gegen Abend ist Tafel im Palast des Reichskanzlers, wo die Botschafter einige Eröffnungen des Fürsten Bismarck diniren werden.</p><p>Im Conferenzsaal bildeten die Diplomaten bunte Reihen, indem sich zwischen zwei Kahlköpfe immer einer setzte, welcher noch Haare hatte. Als auf diese Weise der türkische neben den griechischen Gesandten zu sitzen kam, erklärte Fürst Hohenlohe, daß dies nicht ginge und die beiden Herren sich auseinandersetzen sollten, denn dies sei der specielle Zweck der Conferenz</p><p>Die eigentlichen Verhandlungen sollen morgen beginnen, heute sind die Botschafter nur eröffnet worden. Wie ich heute von einem derselben, der mich hoffentlich nicht namhaft machen wird, höre, handelt es sich darum, <i>Janina</i> von der Türkei ab- und Griechenland anzutrennen. Griechenland wird <i>Ja!</i><a name="page031"/><a class="pageref">31</a> die Türkei <i>Nie!</i> und der Fürst Hohenlohe <i>Na!</i> sagen, und dann wird das Hauptgeschäft der Conferenz beendet sein.</p><p>Rhangabé, der griechische Gesandte, scheint mit diesem Ausgleich sehr einverstanden zu sein. Heute begrüßte ich ihn, er sieht mit Toga, Sandalen und kurzem Schwert überaus interessant aus. In Hexametern versprach er sich den besten Erfolg Ich mußte ihm aber mein Wort geben, wegen der ihm zur Pflicht gemachten Discretion keinen Gebrauch von dieser Aeußerung zu machen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap006"><h3><a name="page032"/><a class="pageref">32</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr jüngster Brief verwirklichte eine Ihrer originellsten Ideen, und wie diese selbst, so war die Ausführung eine vortreffliche. Schon die Ueberschrift Ihres absolut interessanten Artikels:</big></p><p class="center"><big>»<b>Wippchen, vom Fürsten Hohenlohe interviewt</b>«</big></p><p class="leftjust"><big>war ganz dazu angethan, Sensation hervorzurufen. Aber wir fürchteten, dieselbe würde sehr rasch einer dem Ernst Ihrer Arbeiten zuwiderlaufenden Heiterkeit Platz machen, sobald die erste Ueberraschung vorüber gewesen wäre, und so unterließen wir denn die Veröffentlichung. Es thut uns herzlich leid, aber es ging doch nicht anders. Ohne Zweifel gab Ihnen die Unterredung, welche der Berichterstatter der »Neuen Freien Presse«, Herr <i>Goldbaum</i>, mit dem Fürsten Hohenlohe <a name="page033"/><a class="pageref">33</a> hatte, den Stoff zu Ihrer tüchtigen Arbeit, indem Sie es nun vermieden, den Fürsten ebenfalls zu interviewen und nicht mehr als der genannte Berichterstatter zu erfahren, sondern es vorzogen, den Fürsten in wichtigen Fragen zu unterrichten. Sie werden wohl jetzt selbst einsehen, daß wir nicht anders beschließen konnten.</big></p><p><big>Einem anderen Bericht entgegensehend, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 24. Juni 1880.</p><p>Ich rede mir nicht ein, die Erbminerva der Engländer zu besitzen, habe auch nicht, wie gewisse Collegen, hochtrabende Rosinen im Sack, und es fällt mir daher auch nicht ein, weil Sie des Fürsten Hohenlohe Unterredung mit mir bei Seite gelegt haben, Sie über die Achsel anzurümpfen. Ich glaube jetzt selbst, daß Sie das Richtige thaten, besonders, nachdem Sie daraus hingewiesen haben, daß das Publikum sich vielleicht vor Lachen die Seiten meines Manuscripts gehalten hätte. Das fürchte ich am meisten! Der Leser mag sich ausschütten, wovor es ihm <a name="page034"/><a class="pageref">34</a> beliebt, nur nicht vor Lachen. Als Berichterstatter Heiterkeit zu wecken, ist ebenso gefährlich wie den Leu. Ich unterschätze wahrlich den Werth des Gelächters nicht und liebe es, wenn in fröhlicher Gesellschaft der Bauch gehalten wird. Reißt Jemand einen guten Einfall, so fahre ich am allerwenigsten aus dem Zwerchfell. Heißt es ja doch, daß sogar der alte Homer zuweilen gelacht habe. Wenn ich aber ahnte, daß einer meiner Berichte heiter wirkte, so würde ich ihn wie Ritter Bayard <tt>sans peur et sans façon</tt> vernichten. Nie ließe ich eine Zeile das Licht der Druckerschwärze erblicken, wenn ich wüßte, daß bei der Lectüre sich einer meiner <tt>Amici</tt> eines <tt>Risum teneatis</tt> nicht erwehren könnte. Ich bin ein ernster Mensch, und Alles, was ich schreibe, soll, wenn auch gerade kein sardonisches Weinen, so doch eine ernste Stimmung – verzeihen Sie das harte Wort! – aus dem Ofen locken.</p><p>Immerhin möchte ich aber doch nicht hinter der »Neuen Freien Presse« zurückbleiben, und daher sende ich Ihnen einliegend meine Unterredung mit <i>sämmtlichen</i> Mitgliedern der Conferenz: <i>ich will sie alle, von Alpha bis Omega, interviewt haben!</i> Das Publikum hat diese Unterredungen mit einzelnen hervorragenden Löwen und Tigern des Tages satt, da mußte ich einmal mit einer neuen Aera dreinschlagen. Setzen Sie nur meinen <tt>Principiis</tt> keinen <tt>Obsta</tt> entgegen, dann ist Ihr Blatt das erste auf diesem Gebiete.</p><p>Um wieder auf das obige Gelächter zurückzukommen, so <a name="page035"/><a class="pageref">35</a> höre ich, daß baar Geld lacht. Da bin ich doch neugierig. Bitte, senden Sie mir einen Vorschuß von 50 Mark, damit ich wenigstens ein halbes Hundert Lacher auf meiner Seite habe.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Berlin</i>, den 23. Juni 1880.</p><p><tt>W.</tt> Ich komme von einer Unterredung mit der Conferenz, und nachdem ich, um einen wahren Brühhunger zu stillen, mir sechs Eier in die Pfanne habe hauen lassen, sende ich Ihnen meinen Bericht.</p><p>Die kostbare Uhr des Fürsten Hohenlohe schlug 11 Uhr, als ich die Conferenz betrat. Der Saal ist höchst elegant, kein Trübsal, wie so mancher Raum, in welchem über das Wohl und Unwohl der Völker berathen wird. Er ist nach allen vier Dimensionen hin von gleicher Ausdehnung, so daß er fast ein Quadrat bildet. Ueberall bemerkte ich so viele Karten, daß man damit dem Janus einen Tempel hätte legen können. Als ich eingetreten war, erhoben sich die Botschafter von ihren Stehplätzen und setzten sich.</p><p>Der Zungen der Botschafter kundig, war es mir ein Leichtes, von jedem Einzelnen das Wichtigste zu erfahren. Allerdings schweigen die Botschafter noch immer derart, daß man ihr eigenes Wort nicht hört, indeß kommt es auf die Art der Frage an. Man muß sie eben nicht das fragen, was sie wissen. Forscht man aber nach Dörfern, die ihnen <a name="page036"/><a class="pageref">36</a> selbst böhmische sind, so erfährt man mehr, als ihnen lieb ist.</p><p>Ich fragte die Conferenz nach den Ländertheilen, welche Griechenland haben wolle. Sie antwortete: Ich gebe ihm alle, welche es wünscht. Die Türkei ist groß genug, sie fängt westlich bei Oesterreich an und geht östlich bis in die Puppen. Da kann es auf einige Meilen Landes mehr oder weniger nicht ankommen.</p><p>Ich gab dies zu, aber, fragte ich, wie wird Griechenland in den Besitz der in diesem glorreichen Frieden eroberten Provinzen kommen?</p><p>Das ist Griechenlands Sache, antwortete die Conferenz. Genug, ich sage: Nimm! Wenn es nun nicht nehmen kann, dann – Bei diesen Worten machte die Conferenz eine Bewegung, als wolle sie sagen: <tt>Ultra posse</tt> kämpfen Götter selbst vergebens!</p><p>Wird aber Rußland nicht wieder vom Juchten ziehen? warf ich ein.</p><p>Die Conferenz schwieg. Sie war also unterrichtet.</p><p>Jedenfalls muß etwas für Griechenland geschehen, hub ich wieder an. Ich habe in meiner Schulzeit häufig die Oberquarta besucht und weiß, wie unregelmäßig es im Griechischen zugeht. Briganten durchziehen das Land, fangen die Reisenden ein und schneiden ihnen gegen schweres Lösegeld die Nase ab. Jeder Kranich weiß, daß selbst Sänger – ich erinnere nur an Ibykus – erschlagen und beraubt <a name="page037"/><a class="pageref">37</a> werden. »<tt>La bourse</tt> oder die Börse!« ist die Parole. Mit Sicherheit können Aus- und Einheimische auf die schlimmste Unsicherheit rechnen. Da muß etwas geschehen, vor Allem müssen die Grenzen festgestellt werden.</p><p>Sobald Sie fort sind, versicherte die Conferenz, soll an's Werk gegangen werden.</p><p>Ich verneigte mich und ging. Der Vertreter der jüngsten Großmacht, der italienische Botschafter, dessen Nase wie ein Paroli gebogen ist, begleitete mich mit seinen dunkelschwarzen Augen bis zur Thür.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap007"><h3><a name="page038"/><a class="pageref">38</a> Ein Stündchen in St. Petersburg.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sagen Ihnen unsern herzlichsten Dank für die Mühe, welche Sie sich geben, uns mit sensationellen Berichten in einer Zeit zu versehen, in welcher Sie so wenig Gelegenheit finden, sich auf Ihrem eigentlichen Gebiet zu beschäftigen. Leider sind Sie auf anderen Gebieten in der Wahl Ihrer Stoffe unvorsichtiger, als erfindungsreich, und so waren wir genöthigt, anstatt Ihrer die nöthige Vorsicht zu üben, indem wir manche Ihrer Beiträge bei Seite legten.</big></p><p><big>Dies schien uns um so mehr geboten, als wir bereits, und leider nicht selten, in der großen europäischen Presse Andeutungen finden, welche vermuthen lassen, daß man Ihnen scharf auf die <a name="page039"/><a class="pageref">39</a> Finger sieht. So schließt die Kölnische Zeitung vom 11. Februar die vernichtende Besprechung der Broschüre: »Der Feldzug Deutschlands gegen Rußland und Frankreich in den Jahren 1880 und 1881«, welche im Commissionsverlag von Hugo Steinitz in Berlin erschienen ist, mit den Worten: »Wir würden dem Verfasser den Rath ertheilen, sich mit Herrn Wippchen von den Berliner Wespen behufs gemeinsamer Arbeit in Verbindung zu setzen; es würde dann der Reiz, welcher der Sache durchaus fehlt, vielleicht durch die Form ersetzt werden.« Wir wollen gerne zugeben, daß in diesen Zeilen vielleicht der Aerger der Kölnischen Zeitung, Sie nicht zu ihren Mitarbeitern zählen zu dürfen, laut wird, immerhin aber scheint es uns doch geboten, angesichts solcher Aeußerungen, so liebenswürdig sie scheinbar sind, mehr auf der Hut zu sein.</big></p><p><big>So erklärt es sich, daß wir auch Ihren letzten Artikel, auf den Sie so großen Werth zu legen schienen, nicht zum Abdruck brachten. Derselbe hatte den Titel: »Ein angebliches Schreiben Wippchen's über die allgemeine Heeresreduktion, gerichtet an den Professor <i>Hansen</i>« und war <a name="page040"/><a class="pageref">40</a> nichts als eine Bearbeitung des Briefes, den eben die »<tt>Gazetta d'Italia</tt>« mit der Bemerkung veröffentlichte, er sei an den Professor <i>Pietro Sbarbaro</i> in Neapel »von einem der größten Staatsmänner des Jahrhunderts« gerichtet. Glauben Sie wirklich, daß es die Welt zu erfahren interessirt, was Sie von einer allgemeinen Heeresreduktion denken und was Sie darüber an den Magnetiseur Hansen schreiben?</big></p><p><big>Alles das geben wir Ihnen zu bedenken, indem wir Sie bitten, uns mit anderen Beiträgen zu erfreuen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 26. Februar 1880.</p><p>Wenn ich einen Bericht verfaßt und an Sie abgeschickt habe, so sehe ich Sie schon im Geiste ein Antlitz schneiden und mitleidig die Nase zucken. Ich habe auch die Hoffnung längst aufgegeben, aus Ihrem Munde ein freundliches Beifallsklatschen zu vernehmen. Früher suchte ich vergebens nach Worten, jetzt ist das anders geworden, jetzt finde ich <a name="page041"/><a class="pageref">41</a> keine Worte, um meinem Bedauern Ausdruck zu geben. Ich habe mich vollständig daran gewöhnt wie etwa Prometheus an den ihm täglich neu wachsenden Geier.</p><p>Aber wissen möchte ich doch, weshalb mein Brief über die Möglichkeit einer allgemeinen Heeresreduktion nicht ebenso gut zum Abdruck gelangen konnte, wie jeder andere über diesen Gegenstand. Gerade jetzt, wo Europa in der Ferne wieder den Donner und Doria neuer Verwickelungen grollen hört, wo Deutschland daran denkt, seine Artilleristen um einige Köpfe zu vergrößern, und wo jeden Augenblick zwischen Frankreich und Rußland eine blutige Allianz ausbrechen kann, gerade jetzt kann man nicht genug Briefe und Postkarten über die Friedenshoffnungen drucken lassen. Das scheint mir – verzeihen Sie das harte Wort! – Menschenpflicht. Wehe dem Frieden, der in solchen Zeiten nicht in Aussicht gestellt. Wehe der Völker-Eintracht, auf die in solchen Zeiten nicht hingewiesen wird! Es ist nicht genug, daß alle Thronreden milden Balsam in das offene Pfeifchen des armen Mannes träufeln, kein Staatsmann, und sei er der berühmteste, soll den Bogen Papier scheuen, um einen Brief mit einer demnächstigen allgemeinen Entwaffnung in die Welt zu schleudern.</p><p>Was die freundlichst citirten Worte der Kölnischen Zeitung über mich betrifft, so stehe ich vollständig über der Omelette, um welche Sie so viel <tt>tant de bruit</tt> schlagen. Sie wissen, daß ich, anders wie die Frau des Lot, weder <a name="page042"/><a class="pageref">42</a> rechts noch links schaue, sondern unentwegt auf die Salzsäule zuschreite. Wie der Dichter singt, lasse ich, von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, mein Charakterbild in der Geschichte schwanken, und pfeife im Uebrigen wie der Vogel auf die Weltblätter.</p><p>Einliegend ein Stündchen in St. Petersburg. Es ist ein Artikel, frisch von der Leber gegriffen, der Sensation machen wird. Um Ihnen aber zu beweisen, daß ich an der Existenz Rußlands nicht verzweifele, bitte ich Sie um einen Nach- wie Vorschuß von 25 Rubeln zum Course von 218,90.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>St. Petersburg</i>, den 8./20. Februar 1880.</p><p><tt>W.</tt> Ich will nicht versuchen, Ihnen den Eindruck zu schildern, welchen ich auf den Wirth des Hotels zum »Einen todten Kosaken« hervorbrachte, als vorgestern Nachmittag gegen 7 Uhr das schaudervolle Ereigniß die Menschheit mit Schande bedeckte. Fast besinnungslos warf ich meinen Kuppelpelz um die Schulter und stürzte auf den Alexander-Newski-Platz vor das Winter-Palais.</p><p>Mit Recht hat der Abgeordnete <i>Bebel</i> im Reichstage erklärt, daß die Nihilisten, denen selbst das Dynamit nicht mehr heilig ist, in den Gesellschaftskreisen des Herrn <i>von Kardorff</i> zu suchen seien. Jedes Kind in Rußland zwitschert es von den Dächern, daß die Nihilisten in den <a name="page043"/><a class="pageref">43</a> ältesten Stammbäumen verborgen sitzen und der Zar die Verbrecher unter den Adligen seiner nächsten Umgebung zu suchen hat, unter den reichsten Würdenträgern, welchen der Zar hunderte Morgen im Abendlande zum Geschenk gemacht hat. Wie wäre es sonst möglich, daß eine solche That im Schlosse selbst verübt werden konnte?</p><p>Der Kaiser ist wie durch ein Wunder gerettet. Dem Fürsten von Bulgarien war auf der Reise von Sofia nach Rustschuck von mehreren seiner getreuen Spitzbuben die Hälfte des Reisegepäcks gestohlen worden, und als er nun, in St. Petersburg angekommen, zum Diner in das Winterpalais gehen wollte, fehlten ihm seine Orden. Es wurde Ersatz gesucht, und so kam es, daß die kaiserliche Familie sich nicht vor der Explosion in den Speisesaal begeben konnte.</p><p>Die bulgarischen Gepäckdiebe werden, wenn man sie erwischt, in den lebenslänglichen Adel transportirt werden.</p><p>Wer aber sind die Nihilisten? Sind sie in den Kardorffschen Kreisen, in noch höheren, oder in den höchsten zu suchen? Wieso findet man nicht den Schatten einer Spur? Ist der an dem Fürsten von Bulgarien begangene Diebstahl wahr? Man wird sagen: Eine Sphinx kann mehr fragen, als zehn Nathans beantworten können. Doch nicht!</p><p>Hier ist die Antwort: Das russische Volk will eine Verfassung, der Zar sträubt sich dagegen mit allem ihm zu Gebote stehenden <i>Gurko</i>, und um nicht gezwungen zu sein, eine Verfassung zu geben, muß das Volk in einer ewigen <a name="page044"/><a class="pageref">44</a> Gänsehaut erhalten bleiben, um so einzusehen, daß es noch nicht reif sei. Zu diesem Zweck mußte auch das furchtbare Verbrechen begangen werden! Wer also ist der Führer der Nihilisten? Der verehrte Leser liefere sich selbst das <tt>Quod erat</tt> zu diesem klar auf der Hand liegenden <tt>Demonstrandum</tt>! Natürlich wagt man hier nicht den Namen zu nennen, aber er schwebt auf der <tt>Vox populi</tt> jedes Denkenden, und eines Tages wird <i>Klio</i> keine Tafel vor den Mund nehmen und den hohen Namen des Einzigen aussprechen, auf dessen Unschuld gewiß jeder Nichtrusse heute Gift wetten würde.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap008"><h3><a name="page045"/><a class="pageref">45</a> Die Flotten-Demonstration.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit aufrichtigem Bedauern ersehen wir aus Ihrem geschätzten jüngsten Schreiben, daß Sie vorläufig den chinesisch-russischen Krieg nicht fortsetzen wollen. Allerdings müssen wir den Grund, den Sie uns für Ihren Entschluß angeben, als einen durchaus triftigen anerkennen: auf die Dauer würden Berichte von einem nicht vorhandenen Kriegsschauplatz das Interesse vollständig verlieren. Wir müssen uns also gedulden und gedulden uns auch im Vertrauen auf den Reichthum Ihrer Phantasie, welche uns wohl bald mit einem Ersatz überraschen wird.</big></p><p><big>Freilich, Ihr jüngster Artikel hat uns diesen Ersatz nicht gebracht. Denn daß Sie in dem Toast der <i>Sarah Bernhardt</i> einen Conflict zwischen Deutschland und Frankreich entstehen <a name="page046"/><a class="pageref">46</a> sehen, ist doch wohl etwas allzu gewagt. Der Trinkspruch ist ja von der französischen und dänischen Presse viel zu ernst besprochen worden, immerhin aber hat er für uns doch nicht mehr Bedeutung, als für Rußland etwa eine Coupletstrophe hätte, welche in irgend einer Lokalposse von irgend einer Soubrette gegen den Thrangenuß oder dergleichen gesungen würde. Sie nun erblicken in <i>Sarah Bernhardt</i> einen Feind wie Napoleon III., und in einer Unterredung, welche Sie mit der genannten Künstlerin gehabt haben wollen, warnen Sie diese vor offenen Feindseligkeiten und drohen ihr damit, daß sie, wenn sie den deutschen Truppen in die Hände fiele, erbarmungslos nach Wilhelmshöhe gebracht werden würde.</big></p><p><big>Alles das grenzt doch zu sehr an den Spaß und setzt Ihre als ernst bekannten Berichte der Gefahr aus, für komische gehalten zu werden.</big></p><p><big>Indem wir anderen Beiträgen entgegensehen, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page047"/><a class="pageref">47</a><i> Bernau</i>, den 16. September 1880.</p><p>Ein alter Volksmund sagt: »Verbranntes Kind ist die Mutter der Weisheit«, und es fällt mir daher im Morpheus nicht ein, mit Ihnen wegen Ihrer Kritik meines letzten politischen Artikels einen Erisapfel anzufangen. Schließlich kann ich Sie ja auch nicht zwingen, meinen Artikel in die Druckerei zu schicken, wenn Sie sich einmal die Hinterbeine in den Kopf gesetzt haben. Wenn Sie aber behaupten, ich setze mich der Gefahr aus, komisch zu werden, so zwingen Sie mich, Ihnen diese Aeußerung zurückzugeben. Merken Sie sich: Im Glashause des Gehenkten soll man nicht mit Stricken werfen.</p><p>Allerdings ist Fräulein <i>Sarah Bernhardt</i> (sprich Bernarr) nur eine Schauheroine und zwar gehört sie, wie Sie wissen, zu den größten Vertreterinnen des Karrens, welcher die Thespis bedeutet. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, zu glauben, daß sie im Stande wäre, mit einem simplen Toast einen <tt>casus</tt> zu einem <tt>belli</tt> zwischen Deutschland und Frankreich zu entfesseln. Ferner glaube ich, daß, wenn Herr <i>Magnus</i> – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Karl dem Großen – den Toast der genannten Künstlerin mit einem homerischen Achselzucken beantwortet hätte, die ganze Geschichte sich längst in dem Hahn, der nicht mehr danach krähte, verlaufen hätte, während nun die Presse aus dem Toast einen Elephanten machte, den sie den Nationen in's Ohr setzte. Ich weiß, daß <i>Moltke</i> nicht daran denkt, <a name="page048"/><a class="pageref">48</a> sich wegen einer Schauspielerin mobil zu machen, um mit ihrem Blute den uns angethanen Toast zu röthen. Auch dem Reichskanzler wird die ganze Angelegenheit nur das Zwerchfell, wenn ihm überhaupt ein solches nicht viel zu klein wäre, erschüttert haben, und er wird gewiß ganz in dem Häuschen sein. Ich weiß das Alles, aber –</p><p>Dieses Aber nun ist das <tt>punctum</tt>, in welchem jedes <tt>saliens</tt> den ersten Sprung macht. Oder etwa nicht? In der Politik muß man mit Allem so vorsichtig umgehen, wie – verzeihen Sie das harte Wort! – mit einem weichen Ei. Da hat das Winzigste die riesenhaftesten Consequenzen und werfen die unscheinbarsten Schatten die wichtigsten Ereignisse hinter sich. Ich habe den berühmtesten Zwerg gesehen, welcher <i>Tom Pouce</i> hieß, und von dem sagte man mir, daß er in der Jugend ganz klein gewesen sei. So sind auch die epochemachendsten Ereignisse aus ganz kleinen Veranlassungen entstanden. Der Untergang Trojas ist das Werk eines hohlen Pferdes, die Entdeckung Amerika's ist einem Ei in die Schuhe zu schieben, und den dreißigjährigen Krieg hat ein offenes Fenster auf dem Gewissen. Solcher Beispiele könnte ich noch viele anführen. Aber Sie werden schon aus den wenigen ersehen, daß es durchaus falsch gewesen wäre, wenn ich in dem Toast der französischen Künstlerin nicht den Drachenzahn, aus welchem sich eine Lawine erheben könnte, gewittert hätte.</p><p>Doch wozu das Alles? Es ist überflüssig, wie das <a name="page049"/><a class="pageref">49</a> dritte Rad am Dampfer. Sie sehen indeß an diesem maritimen Ausdruck, was ich beabsichtige: ich wende mich der Flotten-Demonstration zu, die ich, wie ich glaube, originell auffasse. Einliegend mein Bericht. Habe ich Sie durch meinen Ton verletzt, so sammeln Sie, bitte, 5 feurige Kronen auf mein Haupt, die ich als Vor- wie Nachschuß dringend brauche.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Vor Constantinopel</i>, den 12. Sept. 1880.<br/>
      Am Bord der »<i>Wasserhose</i>.«</p><p><tt>W.</tt> Ich habe mich schwer entschlossen, mich hierher zu begeben. Ich bin kein Freund des Meeres. Wenn mich Jemand einlüde, mit ihm eine Reise um die Erde zu machen, so würde ich antworten: »Nicht um die Welt!« Denn Neptun hat keine Balken, und ich leide schrecklich. Ich bin nicht gerade seekrank, aber doch immer seeunpäßlich, und kann kaum die Feder halten. Dabei herrscht an Bord ein furchtbarer Lärm. Die Matrosen schnarchen, die Offiziere janustempeln, die Seehunde bellen, und Schaaren von fliegenden Fischen und Weilensittichen umkreisen mit heiserem Geschrei den Mastenwald. Hielte mich nicht die Berichterstatterpflicht hier, ich würde heute noch den Meeresschaum von den Schuhen schütteln, mir ein Boot satteln lassen und davongehen. Denn es ist unerträglich für mich, zur Unthätigkeit verdammt zu sein. »Die Flotten-Demonstration«, <a name="page050"/><a class="pageref">50</a> sagte ich eben zum französischen Generalmeermarschall, »<tt>c'est une chose</tt>, in den die Großmächte die Hände legen.« Er lachte bitter.</p><p>Denn der Zweck der Flotten-Demonstration ist nicht etwa der, dem Sultan zwei Heubündel auf die Brust zu setzen und ihn zu zwingen, entweder die Beschlüsse des Berliner Congresses auszuführen, oder auf das zweite <tt>aut</tt> gefaßt zu sein. Die europäischen Mächte haben im Gegentheil ihre Flotten hierhergelegt, um sich selbst im Zaum halten zu lassen, falls sie eines schönen Tages der Türkei ernsthaft zu Leibe wollten. Sie wollen den Frieden um keinen Preis stören und sich im Nothfall mit Gewalt zwingen, ihn aufrecht zu erhalten. Gelingt ihnen dies nicht, so hoffen sie, von ihren eigenen Schiffen <tt>Mores</tt> zu lernen.</p><p>Dieses ist die geheime Geschichte der europäischen Flotten-Demonstration.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap009"><p class="center"><a name="page051"/><a class="pageref">51</a><big> Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr Artikel über die erfolgte Einäscherung Dulcignos durch die Flotte war bereits gesetzt, ja schon umbrochen, als wir uns genöthigt sahen, ihn wieder ablegen zu lassen. Denn im letzten Augenblick brachte der Telegraph wirklich die Nachricht von der Zerstörung des genannten Ortes, und ihr folgte das Dementi auf dem Fuße. Die Nachricht war falsch, und wir glaubten nicht nur im Interesse unseres Blattes, sondern auch in Ihrem Sinne zu handeln, wenn wir Ihren Bericht annullirten. Es schien uns ganz unmöglich, eine detaillirte Schilderung von der Zerstörung einer Stadt an dem Tage zu veröffentlichen, wo die Mittheilung eintraf, die Stadt sei ganz unversehrt.</big></p><p><big>Wir grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 7. October 1880.</p><p>Sie haben meine Zerstörung Dulcignos mir aus der Seele zurückgelegt, und ich danke Ihnen recht sehr. Wo Sie Recht haben, werde ich niemals eigensinnig wie Shylock auf meinem Pfund Fleisch stehen, sondern gerne nachgeben. Sie sehen daraus, daß es mir nicht einfällt, muthwillig den Apfel vom Haupt der Eris zu schießen, und es wäre mir lieb, wenn Sie dies endlich einsehen wollten.</p><p>Wenn ich in dem betreffenden Bericht Dulcigno rücksichtslos in Sack und Asche verwandelte, alle Bewohner über die Bombe springen ließ und Kind und Kegel niedermähte, so war dies wahrlich keine angeborene Grausamkeit. Ich bin im Gegentheil – verzeihen Sie das harte Wort! – milde, ich könnte keine Fliege an der Wand ärgern und selbst der Suppe kein Haar krümmen, wenn ich ein solches in ihr fände, ja, hätte ich tausend Beine, ich würde Keinem eins stellen. Alle Thränen, welche das Schicksal schlägt, möchte ich schließen, alle Seufzer trocknen. Vor Allem bin ich ein Feind von Gewaltthätigkeiten, und das geht so weit, daß ich, der ich gern Reh- und Schmorbraten esse, diese nie wieder genießen würde, wenn ich Reh und Schmor selbst schießen müßte. Bin ich trotzdem mit Dulcigno so hart ins Gericht gegangen, so geschah dies, weil ich es nicht länger mit ansehen konnte, daß die europäische Flotte nicht aus dem Bett des Meeres heraus wollte, sondern die Zeit gleichsam verschlief. Europa, rief <a name="page053"/><a class="pageref">53</a> ich in mir, hat A gesagt, nun durfte es auch das B nicht in der Scheide lassen. Die Kanonen gähnten, wie man nur in einem europäischen Concert gähnen kann, und Admiral <i>Seymour</i> (sprich <i>Seymour</i>) ging in dem Geschwader unruhig auf und ab, hißte Flaggen, warf Anker, legte sich die Seekarten, kurz, wußte vor lauter Ennuyance nicht, was er beginnen sollte. Eben lese ich, er sei auf einer Yacht nach Cettinje. Was das für Thiere sind, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Flotten-Demonstration in's Wasser fallen mußte, wenn Nichts geschah. Und da verheerte ich Dulcigno in einen Schutthaufen.</p><p>Wenn nun aber Seitens meiner Herren Collegen in einer Draht-Ente Dulcigno niedergebrannt worden ist, so freue ich mich, daß mein Bericht gar nicht das Licht der Druckerschwärze erblickt hat. Denn ich möchte um keinen Preis mit jenen leichtfertigen Berichterstattern in Einen Kamm geworfen werden.</p><p>Entschuldigen Sie mich schließlich, wenn mein heutiger Bericht nur kurz ist. Ich bin seit einigen Tagen nicht wohl. Was mir fehlt? Nun, ein Vorschuß von 50 Mark. Ich bitte darum.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Dulcigno</i>, den 4. October 1880.</p><p><tt>W.</tt> Der Arzt hat mir die tiefste Ruhe anempfohlen. Alsbald bestieg ich ein Schiff, und dies Kameel des Meeres <a name="page054"/><a class="pageref">54</a> brachte mich glücklich hierher. Ich bewohne ein Zimmer mit der Aussicht auf die Flotten-Demonstration, – selbst als Geßner kann ich mir nichts Idyllischeres denken. Man könnte eine Magnetnadel fallen hören, so still ist es. Keine Bombe regt sich. Ueberall die erste Bürgerpflicht. Eben schnitt ich mit meinem Ring in die Fensterscheibe ein Ströphchen, welches lautet:</p><p class="center"><b>Ein gleiches.</b></p><table class="poem" summary=""><tr><td>       </td><td>Ueber allen Geschwadern<br/>
        Ist Ruh,<br/>
        In allen Hinterladern<br/>
        Spürest Du<br/>
        Kaum einen Hauch.<br/>
        Regt sich's im Mastenwalde?<br/>
        Warte nur, balde<br/>
        Ruhest Du auch.</td></tr></table><p>Sie sehen, dies <tt>Dulcigno</tt> stimmte mich so poetisch, daß ich den Pegasus schlug.</p><p>Hier lebt sich's sehr lustig. Da dieser Ort einer der wenigen türkischen ist, welche von ihren Busenfeinden nichts zu fürchten haben, so strömen von alten Blättern der Windrose Fremde herbei, um hier den Herbst in Ruhe zu verleben. Darunter viele Damen, welche einige Zeit ihrer stillen Zurückgezogenheit entgegen zu sehen wünschen. Man tanzt bis in die Aurora hinein, kneipt Wein und Wangen <a name="page055"/><a class="pageref">55</a> draller Bauernmädchen und wettet, welches Schiff zuerst nicht bombardiren wird. Ein halbmondfideles Leben!</p><p>Was dasselbe noch munterer macht, ist der Umstand, daß die Flotte augenscheinlich fürchtet, die Stadt mache nächstens eine Demonstration und bombardire die Schiffe, die daher eine große Angst ausstehen.</p><p>Ich lese, die Flotte koste Europa täglich ca. 200,000 Mark. Aber selbst wenn sie weniger kosten sollte, wäre das Vergnügen, daß sie Dulcigno bereitet, ein unbezahlbares.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap010"><h3><a name="page056"/><a class="pageref">56</a> Die Uebergabe Dulcigno's.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir senden Ihnen hiermit Ihren Bericht über das <i>Erdbeben in Bernau</i> zurück. Wir können derlei unserm Publikum nicht bieten, obschon wir gern anerkennen wollen, daß Sie das Bestreben hatten, uns etwas Sensationelles zur Veröffentlichung zu senden. Ein Erdbeben in Bernau! Wir wären einfach ausgelacht worden. Gerne wollen wir Ihnen ja glauben, daß Sie bedenklich geschwankt haben, als Sie am 28. November zu Bette gingen und daß sich der Pendel Ihrer Wanduhr hin und her bewegte; daraus aber können Sie doch unmöglich ein Erdbeben herleiten und nun alle Unebenheiten des dortigen Straßenpflasters, die Risse an alten Planken u. s. w. als die Folgen eines solchen gewaltigen <a name="page057"/><a class="pageref">57</a> Naturereignisses bezeichnen. Hoffentlich sehen Sie ein, daß Sie hier weit über das Ziel hinausgeschossen haben.</big></p><p><big>Angenehmer ist uns Ihre freundliche Mittheilung, daß Sie beabsichtigen, dem Kriege zwischen den Persern und Kurden näher zu treten. Weshalb Sie aber für diesen Zweck die umgehende Zusendung eines persischen Teppichs verlangen, das ist uns absolut unerfindlich.</big></p><p><big>Wir bitten um einen Bericht über die Einnahme Dulcigno's, über welche hier äußerst wenig sichere Nachrichten verbreitet sind.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 2. December 1880.</p><p>Mit meinem ergebenen Erdbeben glaubte ich, Ihrem werthen Blatte eine große Gefälligkeit zu erweisen, und muß es nun erleben, daß Sie es mir zurückschicken, als hätte ich da irgend einen Hokus gepokust oder einen Schnick geschnackt. Und dies in einer Zeit, wo selbst eine Stadt wie Dortmund <a name="page058"/><a class="pageref">58</a> seit dem 27. November sich eines Erdstoßes erfreut und es also doch wahrlich nicht so unglaubwürdig klingt, wenn auch aus meinem <tt>Ultima Bernau</tt> eine ähnliche Nachricht eintrifft. Mit Vergnügen ergreife ich also die Leber, um frei von derselben mit Ihnen zu sprechen.</p><p>Sie scheinen gar nicht einmal zu wissen, was ein Erdbeben ist, etwas, was jedes Kind weiß, welches mit Einem Fuß in der Wiege steht. Sie würden im anderen Fall meinen Bericht nicht für ein Entengewebe gehalten haben. So hören Sie denn. Keine Hemisphäre bebt an einer Stelle allein, der Erdstoß vollendet seinen Kreislauf in gerader Linie, und in allen Städten, welche auf dieser Linie liegen, spürt man ihn. Warum nun soll ich hier nicht der Einzige gewesen sein, der ihn gespürt hat? Ich kam, als der Wächter die zweite Geisterstunde tutete, nach Hause und schwankte wie ein Rohr zwischen zwei Gebündeln Heu. Kaum konnte ich das Schlüsselloch öffnen. In meinem Zimmer angelangt, bewegte sich der Pendel der Wanduhr hin und her. Ich wollte meine Stiefel vom Leder ziehen und war nicht im Stande, mich aufrecht zu halten. Mein armer Canarienhahn krähte ängstlich, als ich ihm eine Cigarre anbot. Ich wollte lesen, aber die Lettern tanzten mir vor den Augen. Meine Taschenuhr, welche sonst so pünktlich stillstand, tickte, als ich sie an's Ohr hielt, und das konnte keine Täuschung sein, denn mein Ohr hat noch nie getickt. Und da stürzte ich plötzlich vom Zimmer in's Bett hinein, daß ich laut aufschnarchte.</p><p><a name="page059"/><a class="pageref">59</a> Kaum also hatte ich am Morgen meinen Häring geschlürft, als ich mich auch niedersetzte und den Artikel über das Bernauer Erdbeben schrieb, den Sie mir nun zurückschicken. Soll ich Ihnen einen Vorwurf machen? Das wäre ein Tropfen auf einen heißen Brei. Sie wollen eben meine Berichte nicht, wie sie sind, und doch gilt von ihnen das alte Wort: <tt>Sint, aut sunt, aut nonsens</tt>. Mir bleibt nichts als die Hoffnung, daß Sie das eines Tages doch einsehen werden, denn: Mit der Zeit pflückt man Regenwürmer, sagte der Hahn.</p><p>Heute schicke ich Ihnen die Uebergabe Dulcigno's. So wäre denn dieser Erispfahl aus dem Fleisch des Berliner Congresses glücklich entfernt. Es freut mich, daß noch nicht viel Authentisches über das Ereigniß verbreitet ist, so daß meine Phantasie die Zügel – verzeihen Sie das harte Wort! – in's Blaue schießen lassen kann.</p><p>Wenn Sie durch meine Zeilen böse gemacht sein sollten, so beschämen Sie mich durch einen Vorschuß von 50 Mark, und Alles wird wieder beim Alten sein.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Dulcigno</i>, den 27. November 1880.<br/>
      Bis Cattaro durch Courier.</p><p><tt>W.</tt> Die letzten Tage waren in banger Erwartung verflossen. Man wußte, daß bei der strengen Kälte die Türken im Anzuge waren, die Albanesen schienen <a name="page060"/><a class="pageref">60</a> entschlossen, mit den Würfeln in der Hand zu fallen, die Montenegriner dachten nicht daran, sich auch nur ein einziges Ei aus dem Felsennest nehmen zu lassen. Es bedurfte nur eines Tropfens, und das volle Pulverfaß lief über. Man fragte sich: Wenn es zur Entscheidung zwischen diesen Dreien kommt, wem von ihnen wird Mars den Apfel reichen?</p><p>So rückte der gestrige Mittagstisch heran. Die Montenegriner nahten unter dem Commando von <i>Gjurovich</i>. Die Albanesen erwarteten sie. Zwischen ihnen standen die Türken, deren Commandeur <i>Derwisch Pascha</i> erklärte: »Nun will ich doch einmal sehen, wer zuerst anfängt!« Das war eine großartige Friedenslist, denn nun wollten ihm weder die Monte-, noch die Albanegriner den Gefallen thun, zuerst anzufangen, so daß der Türke, den Beide hassen, bis auf die Haut blamirt war. Unter ostensiblem Gewehrschweigen zogen sich die Einen zurück, während die Anderen, dem Hahn die langersehnte Ruhe gönnend, ihren Einzug hielten. Erst eine spätere Klio wird entscheiden können, wer zuerst nicht angefangen hat.</p><p>Schon gestern Abend befand sich die Stadt <tt>in dulcigno jubilo</tt>. Man trank in allen Häusern, und das Tanzbein ruhte nicht eher, bis man es schwang. In diesem Trubel wurde mir der montenegrinische Gouverneur vorgestellt. Er heißt <i>Popovich</i>, und erröthend drückte ich ihm die Hand. Möge damit der blutige Berliner Congreß sein Ende erreicht haben!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap011"><h3><a name="page061"/><a class="pageref">61</a> Die egyptischen Ereignisse.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Auf die Gefahr hin, Sie in Ihrer Sommerruhe zu stören, bitten wir Sie, sich für das Ereigniß des Tages, den egyptischen Conflict, zu interessiren und uns baldthunlichst mit möglichst sensationellen Nachrichten zu versehen. Allerdings schrieben Sie uns neulich, daß Sie sich ein Paar Alpenschuhe kaufen wollten, um eine Reise mit der Gotthardbahn zu machen und, wie Sie sich ausdrückten, Mars Bellona sein zu lassen. Wir gönnten Ihnen gewiß die gewünschte Erholung, indeß geben wir Ihnen zu bedenken, daß Ihnen dieselbe ja nicht entgeht, indem Sie sie etwas später aufsuchen. Bereiten Sie uns also keine <a name="page062"/><a class="pageref">62</a> Verlegenheit und erfreuen Sie uns bald mit einem ersten Bericht.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 8. Juni 1882.</p><p>Ihr geschätzter Brief hat mir einen Schreck verursacht, der mir durch Mark und Pfennig ging. Ich war wie vom Donner und Doria gerührt. Mir träumte schon, wie ich, von Bergketten gefesselt, unter dem ewigen Schnee des heiligen Sanct Gotthard, auf einem Eckplatz des Dampfrosses, vorüber an schläfrig gähnenden Felsschluchten dahinbrauste, umtobt von einer Lawine, welche wie das Mädchen aus der Fremde in einem Thal bei armen Hirten die Hütten zertrümmerte. Wie selig machte mich der Gedanke, einmal den Süden in vollen Zügen zu durchreisen! Ich kenne von der Schweiz bisher nur den Käse, – jetzt wollte ich die Stätte aufsuchen, wo die drei Männer im feurigen Rütli den Eid leisteten, wo Tell den unsterblichen Apfel erzielte, wo die tyrannische Uhr Geßler's so schlimm ablief. Wenn die Zeit es gestattete, wollte ich auch – verzeihen Sie das harte Wort! – nach Küßnacht. Von dort wäre ich nach Venedig geeilt, wo der Mohr leider von dem scheußlichen Mord nicht weiß zu waschen ist und Shylock mit dem Pfunde Antonios <a name="page063"/><a class="pageref">63</a> so schrecklich wucherte. Dann wollte ich Italien bis nach Neapel durchstreifen, – ach, immer klingt in mir das alte Wort: <tt>Vedi Napoli e pur si muove!</tt> Wie sehnte ich mich nach dem ewig lachenden Vesuv! Da kommt Ihr geschätztes Schreiben, und dahin sind alle meine Träume! Nun kann ich dieselben vertagen, bis der griechische Kalender schwarz wird, nun muß ich hier bleiben, in Bernaus schwüler Luft an der Panke, welche wahrlich kein <tt>Odeur Cologne</tt> merken läßt. Mit Schiller's Andromache können Sie mich ansingen: »Müßig liegt Dein Felleisen in der Halle!«</p><p>So werde ich denn also nicht reisen, sondern die Ehre (<tt>perennius</tt>?) haben, Ihre Leser mit den egyptischen Ereignissen auf dem Laufenden zu erhalten. Da ich aber weder Lust noch Zeit zu einem langen Kriege habe, so werde ich denselben auf die kurze Bank schieben und vorläufig an Stelle der Kriegsfurie den Friedensengel die Fackel schwingen lassen. Es wäre ja dinte- und federleicht, eine Landung der englischen und französischen Schiffe zu bewerkstelligen und damit ein neues orientalisches Blutbad zu veranstalten. Dann aber säßen wir wieder im Herbst auf dem Trockenen.</p><p>Einliegend mein erster Bericht. Sie werden finden, daß ich den Conflict auf die schwere Achsel nahm, während ihn andere Berichterstatter, die mir in den goldenen Boden pfuschen, auf die leichte nehmen. Ich behandle ihn einfach als den Conflict zwischen Pharao und Moses, der überall bekannt und daher allgemein verständlich ist. Denn wer weiß, um <a name="page064"/><a class="pageref">64</a> was eigentlich der Sultan, der Khedive und Arabi Bey, diese drei Gorgonen, sich augenblicklich in den Schlangenhaaren liegen?</p><p>Und nun noch eins. Ich lese, daß es so schwer sei, die neuen 50-Markscheine auszugeben. Ich wette nun mit Ihnen um 10 Mark, daß ich einen solchen loswerde. Senden Sie mir in Summa 60 Mark, denn Sie werden die Wette verlieren.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Kairo</i>, den 6. Juni 1882.</p><p><tt>W.</tt> Bevor ich die Feder eintauche, will ich bemerken: Das ai in Kairo wird nicht wie in Aida, oder in Lais, sondern wie in Maier ausgesprochen.</p><p>Als ich vorgestern hier angekommen und im »Hotel zu den vier Dardanellen« abgestiegen war, suchte ich sofort einen alten Priester Namens Sarastro auf, um mich von ihm direkt in die <tt>medias res</tt> der Dinge einweihen zu lassen. Als er mich erblickte, berührte er sofort mit der Stirn den Erdboden und bot mir eine bequeme Steinplatte zum Sitzen an. Dann sagte er: »Die Sachen liegen sehr ernst. Wenn der Khedive nicht nachgiebt, so hilft ihm kein Isis und kein Osiris.« Als ich ihn fragte, worin der Khedive nachgeben solle, antwortete er: »Das weiß ich nicht, das weiß kein geborener Egypter, aber daß er nachgeben muß, darauf kann er uns verlassen. Der Weg zum Widerstand geht nur über unsere Mumien. <a name="page065"/><a class="pageref">65</a> Wie der Türke, so haben auch wir unser Kismetchen, welches uns zuruft, daß wir siegen werden, wenn »der wilde, eiserne Knobelcomment« beginnt. Eine Einmischung Frankreichs und Englands dulden wir nicht, das sind <tt>Quos-Egoisten</tt> der schlimmsten Sorte!« Er hatte dies in seiner schlichten Hieroglyphensprache gesagt und den Eindruck der starrsten Entschlossenheit auf mich gemacht. Die Zeit scheint mir allerdings vorüber, wo man in diesen heiligen Hallen die Rache nicht kannte, und, wenn den Egyptern ein Khedive nicht gefallen wollte, durch Liebe ihn zur Pflicht führte.</p><p>Gestern nun ging Arabi Bey in das Schloß und redete Tewfik mit den Worten an: »Vice, gieb nach!« Dieser fragte: »Was soll ich denn nachgeben?« Arabi Bey antwortete: »Das weiß ich nicht, Vice, aber so Du nicht nachgiebst, wirst Du mit Plagen aller Art heimgesucht werden.«</p><p>Im höchsten Zorn zog Tewfik sein Scepter und wollte nach Arabi Bey schlagen, zum Zeichen, daß die Audienz zu Ende sei, worauf der Bedrohte davonging.</p><p>Aber gegen Abend kehrte Arabi Bey mit seinem Stabe zurück und wiederholte seine Forderung. Abermals rief er: »Gieb nach, Vice!« und abermals vermochte er aus dem Ofen des Khedive nur die Worte zu locken: »Nachgeben? Was denn?« So plagen sie ihn unausgesetzt, aber mir scheint Arabi doch nicht der Finger zu sein, um den sich der Khedive wickeln läßt.</p><p>Heute Morgen fand die dritte Audienz statt. Dieselbe <a name="page066"/><a class="pageref">66</a> verlief sehr stürmisch. Da wieder Keiner wußte, worin nachgegeben werden sollte, zeigte der Khedive dem Arabi mit einem heftigen <tt>Salem alek!</tt> die Thür.</p><p>Die Stadt ist heute seit dem ersten Ton der Memnonssäule auf den Beinen der Bewohner. Es herrscht die tollste Aufregung. Als ich gegen Mittag an einem Harem vorüberging, fiel mir aus einem Fenster desselben ein Selam zu Füßen. Ein reizendes Thierchen.</p><p>Eben fährt der Khedive mit seinen sämmtlichen Frauen in 300 Wagen durch die Stadt. Auch die Damen scheinen nicht zu wissen, worin ihr hoher Gebieter nachgeben soll.</p><p>Sobald ich etwas Näheres erfahre, depeschire ich.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap012"><h3><a name="page067"/><a class="pageref">67</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir haben uns bis diesen Augenblick noch nicht zu entschließen vermocht, Ihren Bericht, in welchem Sie Ihre Flucht aus Egypten in so grellen Farben schildern, zum Abdruck zu bringen. Denn wir sagten uns, daß, sobald dieser erfolgt wäre, wir nothwendigerweise die Fortsetzung Ihrer Berichte unterbrechen müßten. Das Publikum, welches mit großem Interesse die Darstellung Ihrer Erlebnisse und erschütternden Abenteuer gelesen hätte, würde gleichzeitig bedauern, auf Ihre weiteren Mittheilungen aus Egypten verzichten zu müssen, da Sie doch unmöglich nach Ihrer glücklich bewerkstelligten Flucht ferner aus Kairo oder Alexandrien schreiben könnten.</big></p><p><big>Damit ist aber noch nicht gesagt, daß Ihr <a name="page068"/><a class="pageref">68</a> Bericht für immer zurückgelegt sein soll. Wenn Ihnen eines Tages die egyptischen Ereignisse keinen Stoff mehr bieten, dann wird es wohl einen Moment geben, den Sie für Ihre Flucht für geeignet halten, indem Sie irgendwo einen Aufstand gegen die Europäer ins Werk setzen. Bis dahin hoffen wir noch viele interessante Berichte von Ihnen veröffentlichen zu können.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 6. Juli 1882.</p><p>Es thut mir leid, daß ich gewissermaßen in Ihren Papierkorb geflohen bin. Denn ich schreibe nicht eine einzige Zeile gerne der Vergessenheit anheim, ich bin der bleierne Midas, dem sich jedes Manuskript sofort in Lettern verwandeln muß, wenn ich Lust behalten soll, meine Feder ferner in die Spalten zu tauchen. Nichtsdestomehr bin ich aber diesmal mit Ihnen einverstanden. Ich sehe ein, daß ich mein Fersengeld sparen muß, wenn ich die Leser Ihres werthen Blattes auch ferner von Egypten aus gut unterrichten soll. Sie sehen, daß ich kein Unmensch bin und nicht wie Brennus im entscheidenden Moment meinen <tt>Victis</tt> ziehe und denselben in die Wagschale <a name="page069"/><a class="pageref">69</a> werfe. Das würde ja den Verkehr zwischen uns nur erschweren und zerstörte – verzeihen Sie das harte Wort! – die Harmonie.</p><p>Auch aus anderen Gründen ist es mir recht lieb, daß Sie meine Flucht verhinderten. In meinem Manuskript befinden sich etliche Sätze, welche einer gründlichen <tt>Mutatis mutandis</tt> dringend bedürfen, und die ich mit der Eile der Minerva, in der sie entstanden, zu entschuldigen bitte. Es wäre Folgendes zu ändern oder ganz zu streichen:</p><p>1. erzähle ich, daß ich zur Flucht ein feuriges Nilpferd, oder gar einen Nilschimmel bestieg. Das könnte mißverstanden werden, da das Nilpferd überhaupt nicht geritten wird;</p><p>2. theile ich mit, daß ich eine Strecke mit der Krokodiligence zurücklegte. Eine solche Eilpost giebt es, wie ich höre, gar nicht, das Kroko muß also fort, obschon es um die Lokalfarbe Schade ist;</p><p>3. gelange ich auf der Flucht in das beliebte Delta und beschreibe dessen Lage, indem ich sage: »Das Delta liegt zwischen Gamma und Epsilon.« Das ist zwar richtig, kann aber wegfallen, weil es wohl jedem Quartaner, der die Tertia drückt, bekannt sein dürfte;</p><p>4. schildere ich, wie ich in der Wüste nahe daran war, vor Hunger in den Sand zu beißen, wenn nicht plötzlich ein Mannaregen eingetreten wäre und mich bis auf die Haut durchsättigt hätte. Bei dieser Gelegenheit spreche ich von <a name="page070"/><a class="pageref">70</a> einem Mannapol, welches den Bewohnern der Wüste so viel Geld einbringe. Dies muß geändert werden, da es in Bismarck'schen Kreisen vielleicht ironisch klingen könnte;</p><p>5. findet sich in meinem Bericht die Mittheilung, daß ich auf der Flucht einem hellen Haufen dunkler Fellachen in die Hände gefallen und von ihnen gezwungen worden sei, den Ibis götzlich zu verehren und dann zur Ibiskirche überzutreten. Das muß sofort gestrichen werden. Ich habe die Ibisse im Brehm nachgeschlagen und finde, daß sie mit den Löffelreihern die vierte Familie der Stelzvögel bilden, ein solches höchstes Wesen paßt mir nicht. Ist es der Fama erst allgemein bekannt, daß ich einen Stelzvogel als Schöpfer anerkenne, so habe ich mir die Folgen selbst zuzuschreiben. Komme ich in einen zoologischen Garten oder in eine Menagerie, so wird man mich auffordern, einmal einen Ibis anzubeten, und wenn ich die nächste Zählkarte ausfülle, so müßte ich mich als Ibisraelit oder einfach als Stelzvogelgläubiger eintragen. Ja, ich müßte darauf gefaßt sein, daß meine grimmigsten Freunde, um mein religiöses Gefühl nicht zu verletzen, statt Adieu zu mir sagten: »Aibis!« ferner »Ibis bewahre!« oder: »O mein Ibis, wie lange habe ich Sie nicht gesehen!« und dergleichen. Das Alles wäre mir unangenehm;</p><p>6. endlich lasse ich mich trockenen Fußes derart durch das rothe Meer gehen, daß am jenseitigen Ufer meine Stiefel noch knarrten. Dies erscheint wohl übertrieben.</p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s071.png" width="33%"/></p><p><a name="page071"/><a class="pageref">71</a> Ich reiße Ihnen hoffentlich nicht die Geduld, wenn ich Ihnen hiermit eine Zeichnung vorlege, nach welcher ich mich hauen zu lassen gedenke. Als Sphinx, die schon Manchem einen schwer zu knackenden Oedipus aufgab, werde ich mir als eine schöne Erinnerung an meine egyptische Thätigkeit erscheinen. Ich liege mir nur noch wegen des Materials in den Haaren. Der Marmor ist der Stein der Weisen, Könige und Feldherren, und ich bin weder die Einen, noch die Anderen. Bronze erscheint bald grün, und dazu bin ich doch nicht mehr jung genug. Elfenbein wäre mir bei den theuren Preisen der Elephantengebisse zu kostspielig, Oceanschaum schmutzt leicht. So bleibt mir nur der Sandstein übrig, der mir schon deshalb an's Herz gewachsen ist, weil seine erste Silbe den Namen meiner großen französischen Collegin trägt.</p><p>Noch eine andere Ueberraschung habe ich in meinem <a name="page072"/><a class="pageref">72</a> unerschöpflichen <tt>Petto</tt> für Sie. Ich wollte Sie um einen Vorschuß von 100 Mark bitten, verlange aber nur die Hälfte, d. h. aus Liebe zum weiblichen Geschlecht die bessere Hälfte, also 60 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Alexandrien</i>, den 4. Juli 1882.</p><p><tt>W.</tt> »Niemand kann zween Fliegen mit Einer Klappe dienen,« – durch dieses alte Wort ist die Situation, in der sich Arabi Bey augenblicklich befindet, vollständig gekennzeichnet. Von Morgens in der Frühe an, wenn Phöbus den mit dem Hauspropheten bespannten goldenen Wagen aus der Remise des Oceans zieht, bis zum Abend, wenn Luna durch die Mondscheibe auf die Erde niederschaut, befinden sich die diplomatischen Vertreter Englands und Frankreichs bei dem allmächtigen Arabi. Jener will ihn stürzen, Dieser ihn halten. So ist er denn ein Tändstickor zwischen zwei schwedischen Schachteln. Die Herren bedrängen ihn derart, daß es dem Sultan kaum möglich war, ihm vor einigen Tagen das Knopfloch mit dem Medschidje-Orden und etlichen Pferdeschweifen zu füllen. Die englische Flotte droht, die Stadt in einen Schutthaufen, die französische, den Schutthaufen in die Stadt zu verwandeln. So liegen die Panzergeschwäder müßig im Hafen. Deutschland will den Frieden, wenn nöthig mit Waffengewalt, dasselbe will Italien. Das letztere Königreich verlangt ferner, die Türkei solle eine Armee nach <a name="page073"/><a class="pageref">73</a> Egypten schicken, wogegen Arabi erklärt, der Weg ginge nur über seine Mumie. Arabi zögert noch, die Reise nach Konstantinopel anzutreten, also in die Höhle der Scheere zu gehen, welche schon so manchem Sultan die Parze durchschnitten hat Die Großmächte erklären aber, andernfalls die Europäer nicht schützen zu können, welche sämmtlich Egypten verlassen haben, so daß sich die ältesten Paschas nicht erinnern, seit dem Auszug der Kinder und Erwachsenen Israels eine solche Flucht erlebt zu haben. Füge ich noch hinzu, daß die Botschafter-Konferenz kein Resultat nach dem andern erzielt, so haben Sie in wenigen Worten die Lage der Dinge.</p><p>Sie ersehen daraus, daß wir entweder vor einem tiefen Frieden, oder vor einem noch tieferen Krieg stehen. Vielleicht schon morgen erscheint die Kriegstaube mit dem Degenstichblatt, vielleicht schon morgen wird Egypten mit Frieden überzogen. Was wird werden?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap013"><h3><a name="page074"/><a class="pageref">74</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir danken Ihnen sehr für das Manuskript, welches Sie uns unter dem Titel »<i>Aus dem Tagebuche zweier Damen</i>« geschickt haben und zwar mit dem Bemerken, die Kölnische Zeitung veröffentliche jetzt Artikel: »Aus dem Tagebuche <i>einer</i> Dame,« und Sie wollten um jeden Preis das genannte Blatt überbieten.</big></p><p><big>Nun sehen wir aber die Nothwendigkeit nicht ein, mit der Kölnischen Zeitung zu concurriren. Damit soll nicht gesagt sein, daß Ihr Damen-Tagebuch nicht doch noch zum Abdruck gelangen soll, nur möchten wir diesen Augenblick nicht damit kommen. Es findet sich wohl in ruhigeren Tagen Raum dafür. Jetzt scheint es uns doch wichtiger, den Begebenheiten dichter auf den Hacken zu bleiben, während Ihr Tagebuch sich immer noch <a name="page075"/><a class="pageref">75</a> mit den Ereignissen <i>vor</i> dem Bombardement beschäftigt. Ferner haben wir zu bemerken, daß Sie den Ton eines Damen-Tagebuchs nicht völlig getroffen haben. Nur zu häufig vergessen Sie, daß Sie zwei Damen sind: Sie schwören bei Ihrem Bart, stecken den Revolver in die Hosentasche, schildern ein Liebesabenteuer mit den Bewohnerinnen eines Harems und sprechen von Ihren Vatermördern, Cylinderhüten und anderen männlichen Attributen. Das müßte jedenfalls geändert werden.</big></p><p><big>Lassen Sie sich schließlich noch recht sehr ersuchen, nicht wieder in Ihre Berichte Hieroglyphen hineinzubringen. Ihren Auslassungen einen derartigen Stempel des Echtegyptischen aufzudrücken, das scheint uns doch gänzlich überflüssig, abgesehen davon, daß Ihnen Niemand dergleichen glaubt. Oder meinen Sie im Ernst, daß man eine Ente, welche Sie hinter eine falsche politische Nachricht setzen, ein Paar Socken, mit denen Sie die Flucht Arabi's andeuten wollen, einen Kater, um die Stimmung der Bewohner Alexandriens zu schildern, und ähnliche Illustrationen für Hieroglyphen halten wird?</big></p><p><a name="page076"/><a class="pageref">76</a><big> Indem wir Ihnen die Beantwortung dieser Frage überlassen, grüßen wir Sie in Erwartung eines baldigen Berichts</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 27. Juli 1882.</p><p>Vor Wuth hätte ich fast in Abrahams Schooß gebissen, als ich Ihren freundlichen Brief las und erfuhr, daß Sie mein »Tagebuch zweier Damen« den Orkus alles Fleisches haben gehen lassen. Witzig wie eine Treppe, geben Sie einen Grund an, den ich nicht gelten lasse, und wenn ich so alt werde, daß ich in's Grab <i>getragen</i> werden muß. Ich begreife es absolut nicht, wie Sie einen Artikel zurücklegen konnten, nach welchem augenblicklich jede andere Redaktion die Kußhand ausgestreckt hätte. Das vergällt mir jede Lust, Neues zu erfinden, und so habe ich denn eine größere Arbeit, welche ich »<i>Zwei</i>tausend und eine Nacht« betitelte und in welcher ich die schönsten Märchen von Gebrüder Grimm in's Orientalische bearbeitet hatte, augenblicklich unterbrochen. Wenn ich eines Tages nicht mehr als jetzt sein werde, dann wird man das Fragment als posthumes Werk veröffentlichen – als antehumes soll es nicht erscheinen. Vergeblich frage <a name="page077"/><a class="pageref">77</a> ich mich: Was hat Ihnen das Tischtuch zwischen uns gethan, daß Sie es mit kaltem Messer zerschneiden? Soll ich die Absicht merken und wie ein altes Clavier verstimmt eine andere Stellung suchen? Wünschen Sie, daß ich Sie verlasse, daß ich ein <i>Bonmot</i> von Dienstag den 25. Juli sein soll? Wie ein Franzose, der ein Verbrechen begangen hat, frage ich: »<tt>Ou est l'infame?</tt>« Ich bitte Sie – verzeihen Sie das harte Wort! – um Offenheit! Ich würde in dem Blatt, welches Sie nicht vor den Mund nehmen, nichts Beleidigendes erblicken, wohl aber wäre mir der Berg, hinter welchem Sie hielten, einer der schlimmsten Alpen auf der Brust, und darum rufe ich Ihnen zu: Heraus mit der Zunge!</p><p>Wenn ich nicht Lust hatte, Ihnen einen Bericht über das Bombardement Alexandriens zu schicken, so liegt dies daran, daß ich nicht in das Getöse der englischen Kanonen einstimmen wollte. Ich will die Massensacres der Egypter gewiß nicht rechtfertigen, finde es aber barbarisch, daß die Briten die schöne alte Stadt haarklein vom Erdboden rasirten, keine Straße auf der anderen ließen und die Häuser derart in Trümmer verwandelten, daß kein Marius sich auf denselben niederzusetzen vermag. Auch kein Jeremias. Die Stadt selbst war unschuldig, das hätte Admiral <i>Seymour</i> (sprich <i>Seymour</i>) bedenken sollen, als er seine Kanonen feierlich laden und die ersten Hexenschüsse auf Alexandrien abgeben ließ. Der Schuldige war Arabi Bey. Diesen hätte England umzingeln, ihm eins in den Anklagezustand versetzen und ihn <a name="page078"/><a class="pageref">78</a> meinetwegen zu lebenslänglichem Galgen verurtheilen sollen. Arabi Bey mußte die ganze Schwere der englischen Harke fühlen, denn er war es, der die spartanische Blutsuppe eingebrockt hatte, und also hatte er sie auch bis auf die letzte Neige auszulöffeln. Er hatte auf keine Warnung gehört, sondern sich im Gegentheil die Ohren mit Schießbaumwolle verstopft. Was konnte die Stadt dafür? Weshalb hat man sie mit den schwersten Schiffs-Ultima-Ratios beschossen und sie dann der Plünderung überlassen, so daß die Beduinen Alles fortschleppten, was nicht Alfenide- und nagelfest war? Die Stadt, einst ein Paradies, ist heute eine Zweiöde, – Einöde wäre zu wenig gesagt. Wenn man heute fragt: Wo liegt Alexandrien? so muß man sagen: Auf der Erde. Ist das gerecht?</p><p>Trotzdem liefere ich Ihnen ein Bild der Stadt. Einliegend der Trümmerhaufen, über welchen Alexandrien gerannt worden ist. Ich habe dasselbe hoffentlich zu Ihrer Zufriedenheit zerstört, denn ich malte grau in grau wie einen Esel. Nichts habe ich verschont, kein Haus ließ ich entkommen. Ich erinnere mich nicht, jemals so rücksichtslos gewüthet zu haben.</p><p>Kein Wunder! Denn ich brauchte nur mich anzusehen, um Alexandrien als abgebrannt zu schildern. Ich muß Ihnen daher gestehen, daß ich mich ohne Vorschuß in der Lage des Phönix befinde, der sich nicht aus der Asche erheben kann. Ich bitte Sie daher, da ein einziger Kassenschein genügt, um 50 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page079"/><a class="pageref">79</a><i> Alexandrien</i>, den 25. Juli 1882.</p><p><tt>W.</tt> Mir fehlt die Dinte, Ihnen die Zustände zu schildern, welche hier herrschen. Noch brennt die Stadt an allen vier Ecken, mehr Ecken existiren überhaupt nicht mehr. Ueberall Verwüstung und Zerstörung. Die Bewohner haben das Weiteste gesucht, kaum das nackte Leben mit dem Nöthigsten bedeckend. Noch immer finden Explosionen statt. Als ich heute Morgen, um zu sehen, wie spät es sei, zu einem Pulverthurm hinausblickte, flog derselbe plötzlich in die Luft. Wo gestern ein glänzendes Schloß gestanden hat, steht heute nichts weiter als eine englische Schildwache, welche den leeren Platz vor den räuberischen Händen der Plünderer bewacht. Die Eingeborenen und Eingeboreninnen sehen sich nicht mehr ähnlich. Araber, welche vor dem Bombardement auf den Hinterbeinen standen, schlagen heute einander in großer Wuth die Augen zu Boden. Auf den Straßen liegen Verwundete, welche sich nach Hilfe umsehen, aber nichts als aufgerissenes Pflaster erblicken. Araber, nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Pferden, verkaufen in den Straßen die geraubten Gegenstände zu Hohn- und Spottpreisen, wobei sie aber dadurch ein gutes Geschäft machen, daß sie, wenn sie irgend etwas für zehn Mark verkaufen und man ihnen einen Hundertmarkschein zum Wechseln giebt, diesen ganz behalten und den Käufer, wenn er deshalb Lärm oder den Räuber schlägt, todtschießen oder derart niederstechen, daß sie an seinem <a name="page080"/><a class="pageref">80</a> Aufkommen zweifeln. Ueberall sieht man Blutlachen, wenn ich mich dieses humoristischen Wortes für eine so traurige Sache bedienen darf. Die Verheerungen durch die Kugeln waren so groß, daß acht Häuser, welche ich eben sah, Sieben glichen, derart waren sie durchlöchert. Der Palast des Khedive ist selbst für Denjenigen, der ihn nie gesehen hat, nicht mehr zu erkennen. In den Höfen platzen die Geschosse, welche der »<tt>Inflexible</tt>« (sprich <tt>Inflexible</tt>) hineinschleuderte, so daß sie völlig zerstört wurden. In den prächtigen Gemächern liegen die englischen Marinesoldaten mit ihren Theeruniformen auf den zerrissenen Divans, rauchen ihren Kautabak und wechseln Süßholz mit den Haremdamen, welche aus den zerschossenen Fenstern zu ihnen hineinlugen. Wo Arabi steckt, das weiß kein Mensch, auch ich nicht. Man meint allgemein, daß er irgendwo sei, die Telegraphenstangen durchschneide und die Cisternen mit Sand fülle. Das wäre schrecklich, denn dann hätten wir in zehn Tagen kein Wasser mehr, ohne welches unser Cognac ungenießbar ist. Arabi's Wahlspruch ist: <tt>Khedivide et impera</tt>. Man erwartet aber stündlich, daß der Khedive ihn für einen Rebellen erklären wird. Dann ist Alles gut, dann ist er frei wie ein Vogel, und Jeder, der ihn trifft, kann ihm den Kopf vor die Füße oder wohin es ihm sonst gefällt, legen.</p><p>Gestatten Sie mir schließlich, wie die »Times« England wiederholt zu beschwören, rasch Truppensendungen zu veranstalten. In Ramleh, Port-Said und anderen Städten <a name="page081"/><a class="pageref">81</a> können jeden Augenblick die fanatischen Araber, Beduinen und wie diese Bande der Ordnung heißen mag, neue Schandunthaten begehen, den hier noch anwesenden Europäern Alles nehmen und ihnen nichts geben als den kargen Rest. Ich schließe mit dem wohlgemeinten Wunsch: Gott erhalte mich!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap014"><h3><a name="page082"/><a class="pageref">82</a> IV.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Obschon Sie, wie Sie speciell bemerken, auf den Abdruck Ihrer Unterredung mit Herrn von Lesseps einen großen Werth legen, haben wir doch allerlei Bedenken gehabt, Ihren Wunsch zu erfüllen, und sind endlich zu dem Entschluß gekommen, den Abdruck ganz zu unterlassen. Sie haben ohne Zweifel niemals ein Portrait des Herrn von Lesseps gesehen, sonst würden Sie ihn wenigstens annähernd ähnlich schildern, dann haben Sie von dem Suezkanal eine höchst originelle Vorstellung, indem Sie annehmen, daß dieser Kanal von Herrn von Lesseps angelegt und dessen Eigenthum ist, weshalb Sie auch eine genaue Beschreibung des Schlüssels geben, mit dem der Kanal Abends geschlossen wird.</big></p><p><big>Auch Ihre Schilderung von dem in Egypten <a name="page083"/><a class="pageref">83</a> herrschenden Wassermangel kann unmöglich ernst genommen werden. Daß Ihnen in Kairo Morgens anstatt des Waschwassers eine Kanne Porter und Ale auf's Zimmer gebracht wird, klingt schon unglaublich. Daß aber dort eine Flasche Wasser zu den größten Kostbarkeiten gehört und auf den Tafeln hoher Herrschaften als <tt>Clicq'eau vive</tt> in Sektgläsern kredenzt wird, das glaubt Ihnen der Leser nicht. Derselbe erwartet von Ihnen etwas Anderes: ernstes Kriegsgetümmel, große Entscheidungsschlachten. Lassen Sie ihn nicht zu lange warten.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 31. August 1882.</p><p>Wohl selten ist eine Feder so ergriffen gewesen wie in diesem Augenblick die meinige, nachdem ich habe den Vorwurf lesen müssen, daß ich bei der Schilderung des in Egypten herrschenden Wassermangels meiner Phantasie einen Bock, oder, was dasselbe ist, die Zügel habe schießen lassen. Wie ist das möglich? Kann man Wassermangel zu schrecklich schildern? Unmöglich! Wenn Hungersnoth schon furchtbar ist, um so <a name="page084"/><a class="pageref">84</a> furchtbarer ist die Durstesnoth. Und die Egypter nagen diesen Augenblick am Dursttuch, und es kann morgen der Dursttyphus ausbrechen, denn sie sehen sich bereits vergeblich nach einem Bissen Wasser um. Freilich Sie können es sich nicht denken, daß der Mensch kaum ein vaderes Mecum hat als das Wasser. Sie würden nur durch Bier- oder Weinmangel außer Ihrem werthen Sich gerathen. Sie halten Pindar für einen Wasserdichter, weil er das Lied, Wasser sei das erste Beste, seitwärts in die Saiten schlug. Und doch hat er Recht, und an dieser Thatsache werden Sie – verzeihen Sie das harte Wort! – nichts ändern.</p><p>Wassermangel! Welch ein Elend! Arabi hat wohl gewußt, was er that, als er seinen Feinden den Wasserkorb höher hing und sie dadurch zwang, wie Tantalos den ihm auf den Nägeln brennenden Durst zu empfinden. Er packte eben den Stier bei den Achillesfersen. Es kann ja sein, daß ich mit zu grellen Wasserfarben malte, und ich will zugeben, daß die Zustände heute noch nicht so schlimm sind, wie ich sie schilderte. Der Hirsch schreit hier noch nicht vergeblich nach Wasser, die Verbrecher werden noch nicht zu Gefängniß bei Rothwein und Brod verurtheilt, der Krug kann noch immer so lange zu Wasser gehen, bis er bricht, und wenn die Engländer ein Wässerchen trüben wollen, so ist noch immer eines oder das andere vorhanden. Aber das Schlimmste kann jeden Tag eintreten, jeden Augenblick kann das Wasser ganz ausbleiben, und dann steht es den <a name="page085"/><a class="pageref">85</a> Engländern bis an den Hals. Wann das geschieht? Darauf kann ich nur mit dem Dichter antworten: Frage die Cisterne!</p><p>Ich würde über meinen Bericht, an dem Sie nun Ihren kleinen Muth gekühlt haben, keine Silbe verlieren oder finden, wenn der Umstand, daß er nicht gelesen wird, nicht die üble Folge hätte, daß Ihre werthen Leser jetzt meinen, die Engländer hätten alle Taschen voll Wasser, während sie thatsächlich die Durstpfoten saugen. Dies muß auf den Gang des englisch-egyptischen Mars von bestimmendem Einfluß sein, und wenn nun eines Tages die Engländer gezwungen sind, trotz des Sprüchworts: »Durst ist der beste Bacchus,« das Hasenpanier anzutreten, so wissen Ihre Leser nicht, welche Triebfeder denn eigentlich dies Schicksal niedergeschrieben hat. Hierauf mache ich Sie aufmerksam.</p><p>Zu Mehrerem habe ich heute keine Zeit. Sie wissen, was das heißt. Keine Zeit ist kein Geld. Ich bitte Sie daher um einen Vorschuß von 3 Pfund zum Kurse von 20,40. Ich würde einige Pfund mehr fordern, aber ich fürchte, der Brief wird zu schwer.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Ismailia</i>, den 26. August 1882.</p><p><tt>W.</tt> Als ich heute, an eine Nadel der Kleopatra gelehnt, meine Blicke über das, was mich umgab, schweifen ließ, bemerkte ich, daß mich die vorüberwandelnden Frauen und Mädchen entweder vom Scheitel bis zur Sohle gar nicht <a name="page086"/><a class="pageref">86</a> ansahen, oder mich keines Blickes würdigten. Und es waren schöne Weiber! Hier schritt eine Päschin, auf deren Haupt ich meine Augen wie feurige Kohlen sammelte, dort schwebten mehrere Efendinnen vorüber, von denen ich nicht wußte, welcher ich eine der in der Nähe wachsenden Palmen reichen sollte. Dann wieder lustflanirte eine Beyfrau daher, eine wahre Beauté von Milos, und ich beneidete den von einem Beduinten gefolgten Nabob, der ihr einen guten Salemalek wünschen durfte, einen Gruß, den sie, indem sie ihm die wundervollsten Zähne zeigte, freundlich erwiderte. Dazwischen ging gravitätisch ein mehrfach geschweifter Osmann, seine zahlreichen besseren Haremshälften am Arm führend, wunderschöne Favoritinnen, denen man es ansah, daß das Herz ihres Gatten ihnen allein gehörte und daß er nur diese eine Vielweiberei trieb. Aber, wie gesagt, keine dieser herrlichen Frauen hat auch nur einen freundlichen Selam für den Giaur, den sie für einen Feind halten, weil er ihr Land verwüstet, alle diese Frauen, die doch sonst der Argushut ihrer verschnitztesten Eunuchen so manchen kleinen Schnipp zu schlagen wissen, deuten jedem Fremden, der sich ihnen zu nähern wagt, an, daß er sich auf dem Süßholzwege befinde. Und dies verführt zu einem Vergleich der heutigen Zeit mit der klassischen.</p><p>Ach, wie anders war es in den vierziger Jahren vor der neuen Zeitrechnung, da Cäsar in's Land fiel und sofort von Kleopatra aufgenommen wurde, mit der er dann einen so innigen Feindschaftsbund schloß. Sein Wahlspruch war: <a name="page087"/><a class="pageref">87</a><tt> Ubi bene, ibi Kleopatria</tt>. Und als dieser antike Tannhäuser schließlich seine egyptische Venus verlassen hatte, um nach Rom zu gehen, da erschien Antonius mit seiner Armee, und auch er wurde das Schooßkind der schönen Frau, bis sie sich von der eilenden Schlange in's Gras beißen ließ. Das waren schöne Zeiten! Heute aber halten sich die Frauen fern, und es giebt nur Schlangen, keine Kleopatra zieht eine »Theerjacke« an. Welch ein Unterschied zwischen damals und heute nach etwa über 1900 Jahren! Wenn der Heerführer heute sich mit einer egyptischen Königstochter die Zeit vertreiben will, so muß er sich mit <i>Ebers</i> begnügen. Die <tt>Tempora mutantur</tt> haben sich bedenklich verändert: in Egypten kämpft heute eine Armee von Einsiedlern, und kein Strahl aus Amor's Köcher erhellt den pulvergeschwärzten Himmel dieses Wunderlandes, dessen uns ihren prachtvollen Rücken kehrenden Weibern gegenüber wir unser Herz wie sauren Gambrinus ausbieten.</p><p>Und nun, um den verschanzten Feind in die beliebte Irre zu führen, habe ich über folgende Operation zu berichten:</p><p>Heute ließ der General Issimus von allen Thürmen den Zapfenstreich blasen, und kaum zehn Minuten später war die Armee auf den Beinen. Alsbald fand die Vertheilung der blauen Brillen statt. Das war eine schwierige Arbeit. Nicht jede Nase paßte für jede Brille. Da mußte denn eine andere Nase gefunden werden. Hier war ein farbenblinder Indier, der durch die blaue Brille Alles roth sah, dort ein <a name="page088"/><a class="pageref">88</a> Schotte, der von Haus aus eine blaue Brille trug und um keinen Preis zwei Brillen tragen wollte. Es dauerte lange, bis die ganze Armee eine völlig brillante genannt werden konnte. Dann hielt der General folgende Anrede:</p><p>»Soldaten! Durch Eure Tapferkeit ist es mir gelungen, den Feind, der in der frechsten Weise in sein Land eingefallen ist, von Niederlage zu Niederlage zu führen. Nachdem wir nach Egypten gekommen waren, um Arabi zu nöthigen, sich uns zu widersetzen, zwangen wir ihn, eine seiner schönsten Städte zu plündern und in Sack und Asche zu verwandeln. Das gelang uns durch Vorder- und Hinterlist. Soldaten! Heute haben wir die Absicht, Kairo dadurch zu entblößen, daß wir in die Wüste marschiren, um dort den Feind aufzusuchen. Zwar wird er dort trotz der blauen Brille nicht zu finden sein, aber die Armee Arabi's wird sofort Kairo mit Mann und Kameel verlassen, um uns in der Sahara von dem früheren Meeresboden zu vertilgen. Sobald dies unternommen wird, erhalte ich die Meldung von unseren Schaftern, welche mir Alles kund machen, und dann werfen wir uns auf Kairo mit stürmendem <tt>Tambour-battant</tt> und halten mit klingendem Ernst unseren Einzug in die Hauptstadt des Feindes. Soldaten! Viertausend Pyramiden betrachten Euch! Thut Eure Pflicht!«</p><p>Ein Hurrah, welches die blauen Brillen erzittern machte, beantwortete die kraftvolle Rede des Hin- und Heerführers. Hierauf erfolgte der Einmarsch in die Wüste. Meinen nächsten Bericht werde ich in einem Quartier Kairo's schreiben.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap015"><h3><a name="page089"/><a class="pageref">89</a> V.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihre werthe Antwort auf unsere ergebene Anfrage, wann Sie uns einen Bericht über das Ende des englischen Feldzuges senden werden, hat uns nicht sonderlich erbaut. Sie seien, so schreiben Sie uns, mit der Erfindung eines neuen und überraschenden Krieges beschäftigt und könnten sich darum auch augenblicklich nicht mit einem beendeten befassen. Das begreifen wir absolut nicht. Wir dürfen doch unsere Leser nicht mit einer einfachen Depesche von der Einnahme Kairos abspeisen, besonders da dieselben wissen, daß wir uns eines eigenen Berichterstatters auf dem Kriegsschauplatz erfreuen, eines Mannes, der bisher so gewissenhaft zu Werke gegangen ist. Gerade über die letzte Waffenthat der Engländer und die letzten Zuckungen des egyptischen Aufstandes wünscht das <a name="page090"/><a class="pageref">90</a> Publikum etwas Ausführliches zu hören, und wir bitten Sie daher, die Wünsche der Leser wie die unserigen schleunigst zu erfüllen, anstatt sich schon jetzt den Kopf mit einem neuen Krieg (mit welchem eigentlich?) zu zerbrechen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 21. September 1882.</p><p>Als ich Ihnen mittheilte, daß ich damit beschäftigt sei, eine neue Kriegsfurie zu entfesseln, that ich dies nicht etwa, um meine Pflicht der Berichterstattung an den <tt>Procul negotiis</tt> zu hängen und mein Dintenfaß in den Schooß zu legen. Sie wissen am Besten, daß ich gern arbeite, daß ich geradezu ein Fleißpelz und daß ich weder ein Tage-, noch ein Nachtdieb bin. Das süße Nichtsthun ist mir stets sauer geworden. Und dennoch scheinen Sie zu glauben, daß ich den egyptischen Krieg halb vollendet ließ, weil ich Lust hatte, mich der Bärenhaut in die Arme zu werfen und mir Helios' goldenen Wagen in den Hals scheinen zu lassen. Sie irren sich. Ich bin kein Spieß, der sich immer am Heerd dreht, und der, wenn er aufsteht, Feiermorgen macht. Das würde ich selbst dann nicht thun, wenn ich so reich wäre, daß ich <a name="page091"/><a class="pageref">91</a> mir alle Häuser der Milchstraße kaufen könnte. Sie sehen also wohl ein, daß Sie etwas voreilig waren und die Katze mit dem heißen Brei verschütteten, als Sie mich – verzeihen Sie das harte Wort! – wie ein <tt>enfant chérible</tt> der Journalistik behandelten.</p><p>Ich habe einfach die letzte Schlacht der Engländer links schlagen lassen, weil mit dieser Schlacht Alles vorbei war. Der Herunterkömmling Arabi Bey hatte sich aus dem Staube der Wüste gemacht, nachdem sein Unstern aufgegangen war. Arabi <tt>fuitsch</tt>! konnte man mit dem Lateiner sagen. Wie eine Armee aus heiteren Wolken waren die Engländer auf die Egypter niedergefahren, deren Mumien alsbald das Schlachtfeld bedeckten. Wolseley ist in Kairo eingezogen, wo auch Arabi eingezogen worden ist und dem Urtheilsspruch des Kriegsgerichts entgegensitzt. Die englische Reiterei jagt den fliehenden Feind in die Wüste und rennt ihn hier über den Sandhaufen. Auf jeden egyptischen Nacken ist ein englischer Fuß gesetzt, das ganze Land ist in die Hände des Britischen Löwen gefallen, in erster Linie der Vorhang: das Stück ist aus.</p><p>Was sollte ich also noch berichten? Sollte ich ungelegte Eier dreschen? Die telegraphische Fama ist bereits in Aller Hände gelangt, und ich glaubte daher, dem Publikum nunmehr die Drachenzähne zeigen zu sollen, welche aus der von England ausgestreuten Siegessaat hervorgehen müßten, wie der <tt>Phoebus</tt> aus der <tt>Nubila</tt>. Daher sann ich über den <a name="page092"/><a class="pageref">92</a> nächstfolgenden Krieg nach, anstatt in den Fehler zu verfallen, Eulen wiederzukäuen.</p><p>Um Ihnen indeß zu beweisen, daß ich weder Bär, noch beißig bin, sende ich Ihnen einliegend die Gefangennahme Arabi's. Ich habe mich genau an Sedan gehalten, welches ja auch in den September fiel, und meine, so einen Bericht geschaffen zu haben, den ich als ein Kleinod bezeichnen darf. Ja, ich glaube, bisher kein kleineres Od geschrieben zu haben.</p><p>Nun aber reiche ich Ihnen wieder die Hand, und damit dies nicht nutzlos geschieht, ist sie bereit, einen Vorschuß zu nehmen. Ich bitte Sie um 3 Sovereigns zum Course von 20,39. Ist Ihnen dies zu viel, so sagen wir: 20,37.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Kairo</i>, den 18. September 1882.</p><p><tt>W.</tt> Das war ein Schlag! Der Britische Löwe des Tages breitete seine Flügel aus, und in einem bewunderungswürdigen Siegesfluge schritt er vom Lessepskanal nach Tel-el-Kebir, trieb hier den Feind zu Tausenden von Paaren, und eilte dann hierher, um die letzte Oelung in das Feuer des Aufstandes zu gießen. Das letzte Bollwerk Arabi's ist nun ein Johnbullwerk, Arabi's Heer ist hin, er selbst in das Wasser und Brod der Engländer gefallen. Der Telegraph hat Ihnen bereits das Wichtigste in Kürze gemeldet. Erst <a name="page093"/><a class="pageref">93</a> jetzt finde ich Zeit, Ihnen die Details der Ereignisse mit der nöthigen Haarkleinheit zu berichten.</p><p>Es war am 15. Mit dem ersten Schimmer des Hauspropheten hatte sich der Höchstkommandirende erhoben und der Armee den Befehl gegeben, dem Arabi einen <tt>Good Bey</tt> zuzurufen. Die englischen Soldaten brannten vor Kampfbegierde fast durch. Es war tiefes Schweigen anbefohlen, und lautlos marschirten die Colonnen davon: Wolseley setzte gewissermaßen dem Feinde die Fußspitze des Degens auf die Brust. Die egyptische Armee schlief noch, sie sollte den Garaus nicht merken, der ihr gemacht wurde. <tt>Car Tel el notre Kebir!</tt> sagte Wolseley leise. Man hätte eine Nadel der Kleopatra fallen hören können. So waren die Engländer bis auf 500 Meter an die feindlichen Schanzen herangekommen. Nun schossen sie. Die Egypter, sonst nicht sehr gescheidt, waren plötzlich geweckt und antworteten mit einem barschen Gewehrfeuer. Der Sturm begann. Ich möchte ihn als militärische Windhose bezeichnen, so unwiderstehlich war er. Dazwischen ertönte die schrille Melodie der Dudelbeutelpfeifer der Hochländer. Von der anderen Seite stürmten die Iren. Der Feind suchte das Weite und fand es auch, – Tel-el-Kebir war englisch.</p><p>Nun wälzte sich die Armee nach Kairo. Der Weg dahin ist 50 egyptische Meilen lang, wir ritten ihn in 50 Stunden ab und hätten ihn, wenn unsere Pferde die Eisenbahn hätten benutzen können, in noch kürzerer Zeit zurückgelegt. Bald <a name="page094"/><a class="pageref">94</a> gähnten die englischen Kanoniere auf die eingeschlossene Stadt und spieen Tod und Verderben auf ihre Mauern. Auch an Breschen ließen sie es nicht fehlen. Da sahen wir plötzlich ein weißes Hasenpanier von der Citadelle wehen. Unser Feuer verlosch, und alsbald erschien ein Pascha zu Pferde mit drei Roßschweifen, näherte sich dem General Wolseley und übergab demselben einen Papyrus, auf welchen Arabi mit zitternder Dinte etliche Hieroglyphen gezeichnet hatte, die in der Uebersetzung lauteten: »Da es Ihnen nicht möglich war, mich in der Mitte meiner Soldaten zu tödten, so bleibt Ihnen nichts übrig, als mein Fersengeld anzunehmen.« Wolseley antwortete ihm, daß er bereit sei, ihn mit offenen Gefängnißthüren in Wolseleyshöhe zu empfangen, und ließ <tt>Queen Victoria</tt> schießen.</p><p>Während sich dies im englischen Lager zutrug, spielten sich in der belagerten Stadt die aufregendsten Scenen ab. Als die Anhänger Arabi's hörten, daß ihr Führer von zwei Dolchen, die er im Gürtel trug, den Kürzeren gezogen hatte und kühn seine Gänsehaut zu Markte trug, schwuren sie, ihm bis zum letzten Blutstropfen untreu zu sein. Freunde, welche gestern ihren Mund noch voll genommen hatten, nahmen ihn heute völlig leer. Die Soldaten wollten einen letzten Versuch machen, die englische Armee zur Verfolgung zu zwingen, und verlangten stürmisch, mit dem Rücken vor den Feind geführt zu werden. Keiner wollte den unglücklichen Arabi auf der Flucht verlassen.</p><p><a name="page095"/><a class="pageref">95</a> Die englische Armee hielt, an den reinen Thoren von weißgekleideten Favoritinnen empfangen, ihren Einzug in Kairo.</p><p>Damit hat der englisch-egyptische Mars sein Ende erreicht.</p><p>Morgen schnüre ich mein Kameel und kehre in die Heimath zurück.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap016"><h3><a name="page096"/><a class="pageref">96</a> Arabi vor Gericht.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Sie haben so lange nichts von sich hören lassen, daß wir uns wohl endlich entschließen müssen, Sie um den Grund dieses ganz ungewöhnlichen Stillschweigens zu befragen. Dasselbe überrascht uns geradezu. Wir wissen allerdings, daß diesen Augenblick kein Krieg vorliegt, und daß sich aus diesem Umstand Ihre Zurückhaltung hinreichend erklärt. Indeß erinnern wir uns, daß Ihnen in ähnlichen Zeitläuften stets irgend etwas einfiel, womit Sie die bedauerlichen Lücken auszufüllen wußten. Wir bitten Sie darum, zu dieser löblichen Gewohnheit zurückzukehren und sich Ihren zahlreichen Lesern nicht länger zu entziehen. Wir meinen damit nicht, daß Ihnen um jeden <a name="page097"/><a class="pageref">97</a> Preis ein Krieg einfallen soll, der sich ja auch künstlich nicht so leicht herstellen läßt, aber etwas dem Verwandtes könnten Sie immerhin bewerkstelligen. Hoffend, daß Sie dazu ebenso gern bereit sein werden, wie wir uns zur Zahlung der inzwischen gewünschten Vorschüsse bereit finden ließen, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 30. November 1882.</p><p>Die Klage, welche Ihr werthes Schreiben vom gestrigen Tage füllt, ist funkelnagelalt. Ich höre sie seit <tt>Anno Olim</tt>. Nicht nur im gedichtetsten Kugelregen soll ich zur Feder greifen, mit dem Sieger vorgehen, mit dem Fliehenden auf dem Laufenden bleiben, keine Schlacht aus den Augen verlieren, mir kein Bombardement aus der Nase gehen lassen und auf allen Schlachtfeldern zu Hause sein. Nein, wenn auch nirgends der leiseste Schanzensturm weht, wenn alle Großmächte die Friedensaxt ausgegraben haben, wenn, wie in diesem Augenblick, Europa in größter Unruhe daran denkt, daß die Ruhe gestört werden und, wie Schiller's Kapuziner sagt, der Herrgott den Kriegsmantel aus den blutigrothen <a name="page098"/><a class="pageref">98</a> schwarzen Punkten am Horizont herunterhängen könnte, soll ich die Thür des Janustempels an den Angeln zappeln lassen und die Köpfe der Friedenspfeife, welche die Völker eben gemüthlich mit Oelblättern stopfen, blutig schlagen. Ueberall herrscht – verzeihen Sie das harte Wort! – tiefster Frieden, und ich, anstatt mich zu freuen, daß ich ausrufen kann: <tt>Toujours sans vedette!</tt> ich sollte einen Krieg, der im weiten Felde ist, in ein nahes rücken und meine Geistesfunken in das Pulver- und Bleifaß schleudern? Ich sollte den Hecht in den Karpfenteich setzen, damit er daselbst das Karnickel spiele, in denselben ruhigen Bach, an welchem der Friede, ein lieblicher Knabe, gelagert liegt? Nimmermehr! Nach dem alten Wort: <tt>Si vis strapacem, para bellum</tt> bin ich zwar gerüstet, jeden Augenblick mich in die Mühen einer neuen Kriegsberichterstattung zu stürzen, dazu bedarf ich aber eines wirklichen und keines Spiegelgefechts.</p><p>Dies schreibe ich Ihnen in aufrichtiger Freude darüber, daß in diesem Moment kein Volk ein anderes in die Kriegsdrommete stößt. Ich bin kein Freund des Kriegs, ich bin ein heiterer Mensch, ein wahrer Fidelio. Kaum also war der orientlos scheinende Krieg zu Ende, und es freute sich auf's Neue der Muselmann im Kreise seines Muselweibes und seiner Muselkinder des wiedergewonnenen Friedens, da stimmte auch ich den Pegasus wieder und spielte auf seinen Flügeln wieder meine Lieder, welche ich bald wie ein Lauffeuer zu veröffentlichen gedenke. Dies soll mich aber nicht abhalten, Ihren <a name="page099"/><a class="pageref">99</a> Wunsch zu erfüllen und Ihnen einen Bericht aus Kairo zu schicken, woselbst ich Arabi vor Gericht gestellt habe. Das ist nur schon allzusehr auf die lange Bank der Angeklagten geschoben worden, der sich durch die Leserkreise ziehende rothe Faden der Geduld droht zu reißen, und so denke ich, daß die Gerichtsverhandlung allgemein befriedigen wird.</p><p>Sie sehen, ich bin trotz alledem auf dem Posten. Schicken Sie mir gefälligst einen solchen von 60 Mark Vorschuß. Wünschen Sie mehr, so legen Sie sich keinen Zwang auf, ich bin ein Feind aller Differenzen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Kairo</i>, den 25. November 1882.</p><p><tt>W.</tt> Ich war heute Morgen noch im tiefsten Nachthemd, als ein Gerichtskawasse bei mir eintrat und, indem er mit seiner Stirn den Staub der Mutter Erde berührte, anhub: »<tt>Salem alek</tt> sei mit Euch, erhabener Giaurling! (<tt>giaur</tt> = fremd). Ich kündige Euch an, daß um 11 Uhr <tt>präcise</tt> (pünktlich) der <tt>Cerberus</tt> (Höllenhund) <i>Arabi</i> vor seinen Richtern stehen wird.« Ich beschenkte ihn reich, und nachdem er nochmals den Fußboden geküßt hatte, ging er wieder fort. Ich trank flink meine Früh-Cocosnuß und zog mich vollends an. Da ich mir ein Maul halte (dieses Wort ist hier der Schimpfname des <tt>Viehs naturel</tt> von Esel und Pferd), so bestieg ich dasselbe und trabte in das Gerichtsgebäude. Von <a name="page100"/><a class="pageref">100</a> allen Seiten strömte das Publikum herbei, <tt>tout Kairo</tt> war erschienen, als handle es sich um eine zum ersten Mal gegebene Premiere. Ueberall begrüßte ich Bekannte, da mich hier bereits jeder bunte Hund kennt; es war, als hätten wir Billets zu einem Fest- und nicht zu einem Trübsal. Der Raum, in welchem die Gerichtsverhandlung stattfand, war so groß, daß es fraglich ist, ob die Nemesis die Schuldigen wird erreichen können.</p><p>Um die festgesetzte Stunde wurde Arabi in den Saal geführt. Er ist im Gefängniß nicht jünger geworden. Ein dichter Bart bedeckt sein glattes Gesicht, dessen Röthe von einer auffallenden Blässe übergossen ist. Er ist ein untersetzter, schlanker Mann, aus dessen sanften Augen die Flammen sprühen, welche Alexandrien verzehrt haben. Als er den Anklagedivan betrat, eröffnete er sofort die Verhandlung. Er ermahnte die Richter, streng bei der Wahrheit zu bleiben, nicht zu rauchen und die Hoffnung auf sein Gerechtigkeitsgefühl nicht sinken zu lassen. Dann fragte er nach ihren Namen, ob sie schon bestraft, oder immer gut davongekommen seien \&amp;amp;c. Hierauf sprach er:</p><p>»Sie sind beschuldigt, mir anstatt dem Sultan gegen besseres Wissen den Brand, die Plünderung, den Mord und den Aufruhr in die Schuhe geschoben und mir dadurch mehrere Monate Gefängniß verursacht zu haben. Sie wußten, daß ich Alles, was ich dem Sultan nur an den Augen absehen konnte, niederbrannte, daß ich ihm die Morde aus dem Munde <a name="page101"/><a class="pageref">101</a> nahm, aus seiner Seele heraus plünderte und ihm das Land gegen den Khedive aufrührte. Sie wußten, daß der Sultan meine Haut zu Markte trug, daß ich seinen eigenen Willen hatte und daß er meine Augen vor dem Abgrund verschloß, an den er mich seine geliebte Nation führen ließ. Und doch! Was haben Sie darauf zu erwidern?«</p><p>Als die Richter das Wort ergreifen wollten, schrie Arabi: »Schweigen Sie!« Dann fuhr er fort: »Sie sind daher angeklagt, sich gegen den Sultan aufgelehnt, gegen dessen Befehl den Khedive auf den Thron gestoßen und mich im Stich, den ich den Engländern beibringen sollte, gelassen zu haben. Nur ein offenes Bekenntniß kann Sie retten! Ich bekenne Sie schuldig, ich bin bereit, offen einzugestehen, daß Sie die mir zur Last gelegten Verbrechen begangen haben. Ich kann Ihrem Tode nur entgehen, wenn Sie reumüthig zugeben, denselben zu verdienen.«</p><p>Hierauf nahm er mit den Richtern ein Halbmondverhör vor. Bei Schluß des Blattes dauert dasselbe fort.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap017"><h3><a name="page102"/><a class="pageref">102</a> Der falsche Prophet.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sind über Ihre Bereitwilligkeit sehr erfreut, den Mahdi, wie Sie sich ausdrücken, in die Hand zu nehmen. Indeß schien es uns bedenklich, Ihren ersten Artikel zu veröffentlichen, in welchem Sie ein feuilletonistisches Bild des genannten Rebellen entwerfen. Die Zeichnung ist eine allzu gewagte. Sie schildern ihn als den alten Schäfer Thomas, welcher regelmäßig Prophezeiungen veröffentlicht, »welche bereits eingetroffen sind,« und Abends Karten legt und Träume deutet. Sie beschreiben mit großer Genauigkeit, wie der Mahdi, wenn er in die Zukunft blicken will, die »Pincenase« aufsetzt, weil er von dem vielen Orakeln kurzsichtig geworden sei, und versichern, daß er häufig, <a name="page103"/><a class="pageref">103</a> wenn die Zukunft, in welche er blickte, eine zu ferne ist, sich eines Opernguckers bediene. Diese und ähnliche Einzelheiten brachten uns zu dem Entschluß, Sie um einen andern Mahdi-Artikel zu bitten, in welchem Sie den sogenannten falschen Propheten etwas ernst nehmen. Einen solchen erwartend, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 14. Februar 1884.</p><p>Was soll ein alter Kriegs-Correspondent wie ich, der von der untersten Pike auf gedient hat und sich manchen Tropfen Dinte hat um die Nase wehen lassen, zu Ihrem geehrten Schreiben sagen? Ich dachte es mir schon, als ich meinen Artikel abschickte, daß Ihnen mein Mahdi ein Dorn, was sage ich? eine ganze Rose im Auge sein würde. Ohne Grund! Alle Propheten sind, was die Aehnlichkeit betrifft, Eier, sie mögen nun Weis- oder Schwarzsager sein. Kein Mensch kann in Wirklichkeit in die Zukunft schauen, über die Schwelle der Zukunft kann kein Staubgeborener seinen Dreifuß setzen, der Mensch ist nun einmal allunwissend. Von den Augurn an, welche durch die Vögel hindurch das Kommende <a name="page104"/><a class="pageref">104</a> anlächelten, bis zu dem so häufig wiederholten Meyerbeer'schen Propheten, vom delphischen Orakel mit seinen Offenbarungen voll Doppelunsinn bis zu dem ungläubigen Schäfer Thomas waren und sind alle Seher durch und durchtriebene Menschen, welche der Welt ein Schnippchen für ein U schlagen. Wo sie ein Licht bemerken, führen sie die Gläubigen hinter dasselbe, wer nur einigermaßen eine Nase hat, dem drehen sie eine solche, und wo es einen Quack zu salbern giebt, da sind sie ganz gewiß dabei. Kurz, wer ihnen in ihre gefährliche Quere kommt, wird über und übervortheilt, davon bin ich – verzeihen Sie das harte Wort! – überzeugt. Und nun erst dieser <i>Mahdi!</i> Schon der Umstand, daß er in seinem Vaterlande etwas gilt, beweist, daß er kein Prophet ist. Sie sehen, ich bin ein Ceterumcenserich, wie er im Cato steht. Der Mahdi ist wie jeder Andere vom Kopf bis zum Scheitel nur ein Mensch, und es wird sich auch an ihm der alte Satz bewahrheiten: Wer das Gras wachsen hören will, muß fühlen.</p><p>Wenn ich den Mahdi also als einen Mann geschildert habe, welcher zwar Feinde, aber auch Karten schlägt, kurz und gut als einen jener gewöhnlichen Propheten, wie sie bei uns stets ihren Horoskopus treiben, so hätten Sie sich doch sagen sollen, daß ich nicht etwa den Weg alles Holzes gegangen war. Dann wäre mein Mahdi heute gedruckt. Daß ich auf seiner richtigen Fährte gewesen bin, dafür lege ich ohne Weiteres Ihre werthe Hand in's Feuer, denn auf dem <a name="page105"/><a class="pageref">105</a> Gebiete der Gewissenhaftigkeit reicht mir Niemand den Schuhriemen.</p><p>Doch – nichts mehr davon. Schließlich bin ich ja daran gewöhnt worden, Ihren Rothstift nicht schwarz zu sehen. Einliegend ein furchtbarer Sieg des falschen Propheten, von dem sich Baker Pascha wohl nicht mehr wird erheben können. Und nun eine Bitte. Da ich so viel von Propheten gesprochen habe, senden Sie mir gefälligst den Moses dazu: einen Vorschuß von 60 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Tokar</i>, den 5. Februar 1884.</p><p><tt>W.</tt> Das Haar meiner Feder sträubt sich, den gestrigen Tag zu beschreiben. Der Leser mache sich auf das Schlimmste gefaßt. Kaum fand ich diese Nacht einen stundenlangen Morpheus, so nahm mich das Erlebte gefangen. Es ist nicht mehr zu bestreiten: Einige Tausend Rebellen haben das von Baker Pascha geführte Heer über den Haufen von Kameelen gerannt, welche dieser bei sich hatte.</p><p>Schon am 3. hatte der falsche Prophet seine Krieger um sich versammelt und dieselben so angeredet:</p><p>»Soldaten! Morgen werden wir uns eine Schlappe holen! Der Feind wird Euch in die Flucht schlagen, in welcher Ihr Euer Heil vergeblich suchen werdet! Und wenn der Muth in Eurer Brust noch so sehr seine Spannkraft übt, Ihr werdet doch nichts machen können, als höchstens Kehrt!«</p><p><a name="page106"/><a class="pageref">106</a> Bei diesen Worten jubelten die Soldaten ein Mahdi il Mahdi über das andere, denn da der falsche Prophet eine Niederlage angekündigt hatte, so war der Sieg unvermeidlich.</p><p>»Der Feind,« so fuhr Se. Mahdistät fort, »wird sich auch nicht Einen blutigen Kopf holen, im Gegentheil wird er mit seinem rechten und linken Flügel von Sieg zu Sieg fliegen und sich mit Ruhm bedecken!«</p><p>Diese falsche Prophezeiung steigerte den Enthusiasmus der Truppen auf das Höchste. Nun wußten sie, daß sie die Palme des Tages abschießen würden, und bis in den anbrechenden Abend hinein dauerte die Illumination.</p><p>Am anderen Morgen mit Sonnenanbruch rückten die Rebellen bis zum Brunnen von Teb den egyptischen Truppen entgegen. Noch einmal hatte der falsche Prophet vorhergesagt, nicht allein er würde mit seinem nackten Leben über seine eigene Klinge springen, sondern auch sein Heer würde derart decimirt werden, daß nicht Gras genug zum Hineinbeißen aufzutreiben sein würde. Da mischte schon Baker Pascha seine Krupp'schen Kanonen in den Jubelruf der siegessicheren Rebellen.</p><p>Der Kampf begann und, richtig! wie der falsche Prophet gesagt hatte, so kam es auch nicht. Er rief noch: Der Feind wird kein Carré bilden! und sofort bildete der Feind ein solches, und die Rebellen stürmten auf dasselbe los, um es zu sprengen. »Das gelingt uns nicht!« wahrsagte der immer falscher werdende Mahdi, und nach zehn Minuten war <a name="page107"/><a class="pageref">107</a> das Carré ein Kreis, ein Oval, ein Parallelogramm, ein Dreieck, kurz Alles, nur kein Carré mehr. Es war wie eine Spielbank gesprengt. Das entstehende Chaos glich einem wüsten Durcheinander. Hier flehten die Aegypter um Gnade, dort bildeten andere Kameele einen unentwirrbaren Knoten. Wer fliehen konnte, nahm keinen Pardon. Die Aegypter wurden von einem Schrecken ergriffen, der ihnen selbst panisch vorkam, sie warfen die Flinte nicht einmal ins Korn, sondern überall hin, wo es ihnen gerade paßte, und ließen alle Kanonen und Munition im unrettbaren Stich. Nach kaum 10 Minuten waren die Truppen Baker Paschas seitwärts in die Büsche geschlagen.</p><p>Während dieser Action hatte der falsche Prophet in seinem Zelte gesessen und die Kriegskarten gelegt, aus denen er fortwährend den Sieg des Feindes herauslas. Das erfüllte seine Soldaten stets mit neuer Zuversicht, bis kein Aegypter mehr zu sehen war. Die Rebellen kehrten dann, mit den abgeschnittenen Köpfen ihrer Feinde bedeckt, das Lied »Mahdi, Mahdi über Alles« singend, nach Tokar zurück.</p><p>Erst Abends erschien General <i>Gordon</i> auf der Bildfläche. Er ritt einen goldenen Esel und war mit Instrumenten zum Bestechen der umwohnenden Stämme reich versehen. Zu spät! Der falsche Prophet, der ihm gern Alles abgenommen haben würde, hatte allerdings wieder richtig prophezeit, daß der englische General rechtzeitig eintreffen würde.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap018"><h3><a name="page108"/><a class="pageref">108</a> Der Feldzug im Ostsudan.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wie Sie uns in Ihrem jüngsten Brief mittheilen, haben Sie die Absicht, Berlin einen Besuch abzustatten. Sie können sich denken, daß und wie wir uns freuen werden, Sie wiederzusehen. Da Sie uns aber ausdrücklich auffordern, Sie am Bahnhof zu empfangen und Ihnen mit einigen passenden Worten Brod und Salz zu überreichen, können wir doch nicht umhin, Sie zu bitten, auf die Gewährung dieser seltsamen Bitte zu verzichten, da es uns selbstverständlich nicht einfällt, auf Ihre Marotte einzugehen. Augenscheinlich haben Sie von dem Empfang Spielhagen's in St. Petersburg gelesen und wollen sich nun einen ähnlichen in Berlin bereiten lassen. Dazu fehlt Ihnen aber leider die ruhmreiche Stellung <a name="page109"/><a class="pageref">109</a> Spielhagen's in der Literatur, ganz abgesehen davon, daß die den Gast begrüßende Ueberreichung von Brod und Salz speciell eine russische Sitte ist, die wir in Deutschland noch nicht eingeführt haben, am allerwenigsten auf den Bahnhöfen. Keinenfalls aber dürfen Sie beanspruchen, daß, wenn sie eingeführt würde, bei Ihnen der Anfang gemacht werden solle. Kommen Sie also, wann es Ihnen beliebt, hierher, fahren Sie vom Bahnhof ins Hôtel und dann ohne Aufenthalt zu uns, wir werden uns, wie gesagt, sehr freuen, Sie zu sehen. Wir laden Sie schon jetzt zum Frühstück, bei welchem Sie Brod und Salz in hinreichender Menge finden werden.</big></p><p><big>Mehr noch würden wir uns allerdings freuen, wenn Sie uns einen beliebigen Kriegsbericht mitbrächten, den wir zum Abdruck bringen könnten. Es ist durchaus nöthig, daß wir dem Publikum wieder eine Nachricht von irgend einem Kriegsschauplatz bieten.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page110"/><a class="pageref">110</a><i> Bernau</i>, den 3. April 1884.</p><p><i>Marotte!</i> Hinter diesem Wort verbergen Sie den Zuruf: »Schuster, bleib' bei Deinen Leistungen, Du hast nichts zu sein als der urkomische Appendix unserer Zeitung!« und damit nehmen Sie mir Salz und Brod vom Munde weg.</p><p><i>Marotte!</i> Will ich denn als ein Spielhagen gelten, wenn ich mir auf dem Bahnhof in Berlin anstatt der Droschkenmarke die genannten Lebensmittel überreichen lassen wollte? O nein, aber wie jeder Schriftsteller sehne ich mich nach Zeichen der Anerkennung, die mir sagen, daß ich nicht etwa das vierte Rad am Velociped bin.</p><p><i>Marotte!</i> Ich habe ja nicht verlangt, daß Sie mir Diamanten und Perlen in's Geld laufen lassen sollen, – der Tanz um das goldene Vließ ist mir stets verhaßt gewesen, – oder daß Sie mir Austern mit Trüffeln oder eine ähnliche kostspielige Lucullation veranstalten. Ich ersuchte Sie nur, mich mit Brod und Salz zu empfangen, sobald ich wie Antäus den Perron berührte. Dabei sollten Sie mich mit einer kurzen Ansprache begrüßen und mir ein Vivat auf die Stirne donnern, in welches die Umstehenden mit weithinschallendem Hüteschwenken eingestimmt hätten. Dann wollte ich, sichtlich gerührt und überrascht, einige Worte ergreifen und mich hierauf, von meinen Segenswünschen begleitet, stracks wie eine Schnur in das Centralhôtel begeben. Sie wollen nicht, und ich – verzeihen Sie das harte Wort! – verzichte.</p><p>Aber einzusehen vermag ich nicht, weshalb nur der <a name="page111"/><a class="pageref">111</a> Romandichter mit Brod und Salz gekrönt werden soll. Auch ich habe mein Steckenpegasuschen, und wenn ich auch, wie Goethe sagt, keine Fensterscheiben male, so zeugen doch meine Berichte von Phantasie. Sie brauchten also wahrlich weder Zeter, noch Mordio zu schreien und nicht mit Augen, welche wie Würmer glühten, meinen bescheidenen Wunsch anzustarren. Jeder Schriftsteller schreibt, wie ihm die Feder gewachsen ist. Der Eine kothurnt am Reck der Bühne, der Andere erquickt den Leser im Novellenbade, der Dritte, ein Lyriker, taucht seine Harfe in die Hippokrene, der Vierte mästet sich ein Ränzlein auf dem Rücken an und beschreibt fremde Länder und Völker, der Fünfte feuilletonistet sich in den Herzen der Freunde federleichter Lectüre ein, der Sechste, zu dem meine Wenigkeit gehört, ist der Tages-Mommsen und berichtet über Alles, woraus sich Klio zusammensetzt, heute <tt>pêle</tt>, morgen <tt>mêle</tt>. Und nur dem Romandichter sollen Brod und Salz blühen? Da scheint mir doch Ihr Irren bedenklich menschlich zu sein.</p><p>Ich sende Ihnen einliegend etwas Feldzug im Ostsudan und zwar das Ende desselben, das mir auf den Nägeln brennt. Ostern naht, und ich sehne mich nach etwas Ruhe. Und damit mir dieselbe nicht durch einen Geldbriefträger gestört wird, bitte ich Sie schon jetzt um einen Vorschuß von – fast hätte ich 50 geschrieben – 60 Mark. Ich bin ein Freund runder Summen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page112"/><a class="pageref">112</a><i> Suakin</i>, den 1. April 1884.</p><p><tt>W.</tt> Die Kriegsfurie neigt sich ihrem Ende entgegen. Glauben Sie nicht, daß ich Sie, weil heute der erste April beginnt, in diesen Monat schicken will, Sie würden mich mit Recht für ungeschickt halten. Wie dürfte ich auch eine derartige Pfeiferei zu schnurren wagen! Nein, die Engländer werden dies Land verlassen, in dem ja die Milch ohnehin nicht wie Honig fleußt, wo aber das längere Verweilen die englische Armee dem Erdboden gleichmachen würde.</p><p>Denn die Hitze hat begonnen. Von dem Augenblicke an, wo Helios mit dem ersten Dämmern der Aurora merken läßt, daß er nicht mit dem linken Rad seines Viergespanns zuerst aus dem Bette des Meeres hervorgerollt ist, sondern am wolkenlosen Horizont lachend dahinstürmt, bis zu der Stunde, in welcher die Lunascheibe am Himmel erscheint, herrscht eine Gluth, welche mit Graden kaum zu bezeichnen ist. Der Laubfrosch sitzt während des ganzen Tages auf der höchsten Sommersprosse seiner Leiter, und dem Quecksilber im Thermometer wird die Glasröhre zu niedrig. Nur der Schweißhund fühlt sich wohl, der Mensch aber, zumal der Europäer, vermag dieser bitteren Hitze nicht zu widerstehen. Die Soldaten gleichen im Umfallen den Fliegen. Angesichts dieser Gluth bekamen die Engländer, wie man im Spiel zu sagen pflegt, kalte Füße und entschlossen sich, dieses Land des Schreckens zu verlassen. Ich selbst leide furchtbar, obschon <a name="page113"/><a class="pageref">113</a> mir ein Sklave, welchen ich neulich in einer englischen Wohlthätigkeitslotterie gewonnen habe, fortwährend Kühlung zufächelt und ich, unter uns gesagt, fast nackend gekleidet bin.</p><p>So sitze und schreibe ich wie Adam, bevor ihm Eva den Erisapfel gepflückt hatte. Rechnet man dazu die höchst mangelhafte Verpflegung, – es giebt nichts als Kameelspeise, zu der man eine Kokosnuß trinkt, – so kann man sich denken, wie sehr man die See herbeisehnt, um in dieselbe zu stechen.</p><p>Gestern Abend kamen mehrere Sheikhs von feindlich gesinnten Stämmen hier an, unterwarfen sich und versprachen, Osman Digma gefangen zu nehmen, wenn sie seiner habhaft würden. General Graham (sprich: Graham) antwortete ihnen, er werde die Meldung, daß der Rebell in ihre Hände gefallen sei, mit Gold aufwiegen. Dann fragten sie den General, ob es ihm nicht angenehmer sei, wenn sie Osman Digma tödteten, worauf der Heerführer antwortete: »Das überlasse ich Eurer besseren Einsicht, ich wäre schon befriedigt, wenn Ihr mir den beglaubigten Kopf bringt.« Die Sheikhs warfen sich nun zur Erde, schwangen sich dann zwischen die beiden Höcker ihrer Trampelthiere und jagten wüstwärts davon.</p><p>Heute höre ich, daß General Gordon als König des Sudan ausgerufen werden soll, es fehlten nur noch die nöthigen Bewohner, welche das Ausrufen besorgen. Sobald solche <a name="page114"/><a class="pageref">114</a> indeß aufgetrieben werden: »<tt>Je nun – Sudan</tt>«, wie man hier zu sagen pflegt.</p><p>Morgen verlasse ich Suakin. Wohin werde ich meine Füße tragen?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap019"><h3><a name="page115"/><a class="pageref">115</a> Chartum.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Die uns von Ihnen zugehende Beschreibung der ersten Sitzung der egyptischen Conferenz ist ein journalistisches Meisterstück, welches nur Einen Fehler hat und zwar den allerdings sehr wesentlichen, daß wir es nicht veröffentlichen können. Alle Welt weiß, daß die egyptische Conferenz das Stadium des Projekts noch nicht verlassen hat, und daß es heute noch sehr fraglich ist, ob sie überhaupt zu Stande kommt. Noch giebt sich England alle Mühe, und Sie lassen die Vertreter der Großmächte zusammentreten und die erste Sitzung abhalten! Unmöglich! Was sollten wir zu unserer Entschuldigung sagen, wenn sofort nach dem Erscheinen Ihres Artikels die gesammte <a name="page116"/><a class="pageref">116</a> Presse uns der absichtlichen Täuschung angeklagt hätte? Wir hätten es uns gefallen lassen müssen, – und das können Sie uns doch wahrlich nicht zumuthen, – daß man uns anklagte, zu einem Börsenmanöver die Hand geboten zu haben. Denn daß Sie den Vertreter Frankreichs mit den Worten aufspringen lassen: »Meine Herren, wenn England nicht binnen 24 Stunden den Pyramiden den Rücken zukehrt, so hat es sich die Folgen selbst in die Schuhe zu schreiben,« sieht doch – abgesehen von der etwas unstaatsmännischen Form dieser Erklärung – ganz so aus, als wollten Sie eine Baisse hervorrufen.</big></p><p><big>Sie um einen anderen Bericht bittend, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 21. Mai 1884.</p><p>Ich und ein Börsenmanöver! Als ich dies las, fiel ich fast aus den Wolken, welche meine Stirn umwölkten. Es giebt auf der ganzen Erde kaum zwei Pole, welche so weit von einander entfernt sind, wie ich und ein Börsenmanöver. <a name="page117"/><a class="pageref">117</a> Ich stehe der Berliner Börse nicht näher als etwa der Goethe im Thiergarten, und füllten mir die Naböbe die Taschen mit Kronend'ors, so würde ich doch meinen Mund nicht aufthun, um eine Baisse hervorzurufen. Niemals habe ich auch nur den Schatten eines Krieges erklärt, um wie Jago Geld in meinen Beutel zu thun. Ich weiß es ja: Die Geldkatze läßt das Mausen nicht. Aber die meinige läßt es. Wie können Sie nur so arg etwas wöhnen! Ich habe Ihnen noch nichts so wie diesen Verdacht verdacht.</p><p>Wahrlich, wenn ich jemals, um mich zu bereichern, geschrieben hätte, was ich dem Merkur an den Augen absehen konnte, so wäre ich heute gewiß ein Mann, der von Geld wie Heu lebt, auf zweispännigem Gummi durch die Straßen kutschirt und seine Zinsen von silbernen Tellern verzehrt. Statt dessen bin ich ein armer Gottseibeiuns, ein Habewenig, der häufig keinen rothen <tt>Nervus rerum</tt> in der Tasche hat, und der im Leben Nichts sparte als keine Mühe, ohne Schulden durch die Welt zu kommen. Oft weiß ich Abends nicht, woher ich am andern Tag die Hand nehmen soll, um von ihr in den Mund zu leben. Wenn mir das goldene Kalb nur ein wenig gelächelt hätte, so würde ich ganz gewiß nicht für Moses und die Propheten schreiben, sondern ich würde Sie im Gegentheil bitten, einen Andern zu suchen, der Lust hat, mein von dem Nöthigsten entblößtes Amt zu bekleiden. Das ist – verzeihen Sie das harte Wort! – keine Redensart. Es hat mich in meinen Grundvesten erschüttert, daß Sie <a name="page118"/><a class="pageref">118</a> annahmen, ich hätte die egyptische Conferenz nur in die Welt geschleudert, um eine Panik hervorzurufen. Ich wollte nur meine Collegen um einige Federlängen schlagen. Denn die Conferenz wird sehr bald eröffnet, dann aber werden Sie um eine Post <tt>festum</tt> kommen, und dies wollte ich verhindern.</p><p>Indem ich Ihnen nun einliegend Chartum sende, erlaube ich mir, Ihnen eine persönliche Angelegenheit vorzutragen. Ich lese, daß auch auf den Geldmünzen Bakterien entdeckt sind, und will nun die Sache untersuchen. Zu diesem Zweck bitte ich Sie, mir drei Zwanzigmarkstücke, welche bereits längere Zeit in Umlauf waren, als Vorschuß zu senden. Ich möchte doch meine Neugierde nicht alt werden lassen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Chartum</i>, den 15. Mai 1884.</p><p><tt>W.</tt> Es war eine unglückliche Idee von mir, dem General Gordon hierher zu folgen. Vorwitz ist der Vater der Dummheit, wie die Weisheit die Vorsicht Mutter nennt. Ich habe über und übereilt gehandelt. Dies wird erklärlich, wenn man weiß, was für ein Mann Gordon ist. Er sucht förmlich nach einem Vorwand, um mit dem Kopf hindurch zu rennen. Nichts scheint ihm in seinem sechsten Eigensinn unmöglich, und er redet sich ein, seine Quere sei so vorzüglich, daß ihm nichts in dieselbe kommen könne. Ein Engländer, wie man sich ihn vollblütiger nicht denken kann. Daß ihn <a name="page119"/><a class="pageref">119</a> für seine Rechnung einmal der Wirth fehlen könnte, das kommt ihm nicht in den Sinn. Er glaubte, mit einem Kameel, das mit mehreren Centnern Sterling beladen war, den Sudan erobern zu können, aber das Kameel ist bis auf die Nagelprobe geleert, und wir sitzen bis an die Ohren gefangen.</p><p>Unsere Situation ist schrecklich. Jeden Augenblick kann der Mahdi kommen, und ebenso kann jeden Augenblick der Engländer nicht kommen. Auch müssen wir darauf gefaßt sein, daß die Chartumer über uns herfallen und uns um einen Kopf kleiner machen, als wir ohnedies schon sind. Wir können uns also kaum öffentlich sehen lassen, ohne zu fürchten, daß irgend ein Anhänger des Mahdi uns hängt. Anhänger ist nämlich wörtlich zu nehmen. Auf unsere Köpfe sind je zweihundert Pfund gesetzt, wieviel auf unsere übrigen Gliedmaßen, das haben wir noch nicht zu erfahren vermocht.</p><p>Selbstverständlich hat Gordon noch immer alle Säcke voll großer Rosinen. Fortwährend will er den Mahdi auf das Standrechtlichste erschießen lassen, und jeder Rebell soll mit dem Tode davonkommen. Keiner, so schreit er, soll mir ungestraft unter Palmen wandeln! Wir suchen diesen Heißsporn dann dadurch abzukühlen, daß wir ihm sagen, ein Gefangener könne doch kein solches Blutbad anrichten. Dann lacht er uns aus, so daß ich einmal leise seinen Landsleuten zuflüsterte: »<tt>Caviare to the general Gordon!</tt>«</p><p>Ich bin recht verzagt. Es ist die Fama zu uns gedrungen, man ginge in England mit dem Plan um, uns <a name="page120"/><a class="pageref">120</a> auf Subscription zu befreien, und die Sammlung fiele auch sehr reichlich aus. Aber wir fragen uns doch: Wird der Mahdi so lange warten, bis die nöthige Summe complet ist? Und dann schütteln wir uns einander die Köpfe.</p><p>Gott erhalte mich!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap020"><h3><a name="page121"/><a class="pageref">121</a> Die ägyptische Conferenz.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir waren nicht wenig überrascht, als wir auf unsere Bitte an Sie, uns Berichte aus der ägyptischen Conferenz zu senden, die Antwort erhielten, dies passe Ihnen augenblicklich nicht, Sie wollten uns aber später höchst interessante Kriegsberichte schicken, an denen wir unsere Freude haben würden, Sie wüßten nur noch nicht, für welchen Krieg Sie sich entscheiden sollten. Wir können Ihnen darauf nur erwidern, daß wir die Conferenzberichte brauchen und unsere Leser, welche deren erwarten, doch unmöglich auf einen Ihrer nächsten Kriege vertrösten können, ganz abgesehen davon, daß wir absolut nicht wissen, was für einen Krieg <a name="page122"/><a class="pageref">122</a> Sie im Auge haben können. Wir sehen nirgends auch nur den Ansatz zu irgend einer ernsten Verwickelung. Wie gesagt, wir brauchen Conferenzberichte. Die ägyptische Conferenz tritt zusammen, – auf was sollen wir denn warten? Wir wiederholen also unsere Aufforderung. Haben Sie keine Zeit oder Lust, ihr Folge zu leisten, so bitten wir um telegraphische Mittheilung.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 3. Juli 1884.</p><p>Sie lesen sich in Ihrem geschätzten Schreiben ganz unnöthig in die Leviten hinein. Ich habe Ihnen vorgeschlagen, auf die ägyptische Conferenz zu verzichten, weil ich mich nach Ruhe sehnte. Wie der Hirsch nach dem Wasser Thalatta schreit, so ich nach irgend einem Flecken, wo ich einige Wochen lang ganz Waldmensch sein kann. Muthwillig und mit ausgelassener Freude möchte ich in den Klee springen, unter den Zweigen alter schattiger Dryaden mich in's Gras strecken, oder mich, klingt dies auch verzagt, wie eine Flinte in's Korn werfen. Ich sehne mich nach den Bergen, um dort den ewigen Schnee einzuathmen und mit keinem anderen <a name="page123"/><a class="pageref">123</a> Weibe als mit der kühlenden Windsbraut zu verkehren. Dem Schlag der Nachtigall und des Gewitters will ich lauschen, sonst trifft mich der der Nerven so sicher wie ein guter Portraitmaler. Ja, nach einem arbeitsvollen Winter, in welchem sich meine Feder ewig am Spieß drehte, bin ich so nervös geworden, daß mich die Fliege an der Wand, der Floh im Ohr, der Wurm am Herzen, die Raupe im Kopf ärgern. Jedes Geschöpf erholt sich nach gethanem Schweiß, selbst das erbärmlichste Droschkenpferd wird Abends abgespannt, der Hund, der nicht auf sich selbst kommen soll, darf nicht ununterbrochen den Hasen nachlaufen, und die Henne, welche nicht dann und wann etwas anderes als die ewigen Eier legt, wird bald alle Zwei von sich strecken. Man muß eben nichts über-, nichts untertreiben. <tt>Est modus in Rebus</tt>, auch im schwersten. Und so wollte ich denn eben den Staub von den Schuhen schütteln und diese einpacken, da kam Ihr Brief, dessen Inhalt alle meine Pläne – verzeihen Sie das harte Wort! – durchkreuzte.</p><p>Ich lehnte also ab, ohne zu schwanken wie ein Charakterbild in der Geschichte. Von der ägyptischen Conferenz wollte ich mir doch keinen Strich durch meinen gepackten Koffer machen lassen. Die Conferenz wird den Sand nicht werth sein, in dem sie verlaufen dürfte. England befindet sich in tausend Aengsten und will Frankreich die Hälfte derselben ehrlich ablassen, den Franzosen wird aber alsbald das Licht aufgehen, hinter welches sie geführt werden sollen, und wenn <a name="page124"/><a class="pageref">124</a> sie erst einsehen, daß sie den Engländern nur die Kastanien aus dem Nil holen sollen und daß dabei weder Kopf noch Kragen zu gewinnen ist, werden sie sich schon seitwärts in einen Vorwand schlagen, um sich anständig aus der Affaire zu ziehen. Das übrige Europa wird ruhig abwarten und sich um das Schicksal der Conferenz keine grauen Haare scheeren.</p><p>So wollte ich denn die ägyptische Conferenz links zusammentreten lassen und versprach Ihnen als Ersatz die interessantesten Kriegsberichte. Ich habe schon mehrere Schlachten halb fertig. Denn daß solche nicht ausbleiben, das steht so fest wie zwei mal zwei. Frankreich tanzt in China auf einem Hephästos, und jeden Augenblick kann zwischen den beiden Mächten der blutige Strauß ein Kukuksei ausbrüten. Die Holländische Thronfolge ist gleichfalls dazu angethan, uns den rothen Hahn über dem Kopf anzuzünden. Und wird die Schweiz lange den Hetzereien der Franzosen gegen Deutschland widerstehen? Die Schweiz ist ein heißblütiges kühnes Land: in jedem Winkel ein Ried. Sie sehen, es wird nicht an Arbeit fehlen.</p><p>Trotzdem will ich Ihrem Verlangen nachkommen, da Sie in Verlegenheit sind. Ich gebe einen meiner <tt>pia</tt>sten <tt>desideria</tt> auf, unterlasse die Sommerfrische und sende Ihnen einliegend den geforderten Congreß, der Ihnen hoffentlich zusagt. Von diesem Congreß aber kann ich nicht sprechen, ohne an die Finanzen zu denken, wegen deren ja doch der <a name="page125"/><a class="pageref">125</a> Congreß in's Leben zusammentritt. Da fallen mir denn auch meine Finanzen ein, und wenn Sie mir nun einen Vorschuß von 3 Pfund Sterling schicken wollten, so würde dem Briefträger dieses Gewicht selbst bei schwüler Witterung gewiß kein zu schweres sein.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>London</i>, den 2. Juli 1884.</p><p><tt>W.</tt> Man darf nicht glauben, daß der ägyptische Congreß, der so eben hier aus dem so in die Länge gezogenen Ei gekrochen ist, in der Physiognomie der Riesenstadt irgend welche Veränderung hervorgebracht hat. Das Häusermeer braust darum nicht ungestümer, <tt>London Bridge</tt> (sprich <tt>London Bridge</tt>) ist darum nicht brechender voll. Alles ist unverändert. Als die Congreßmitglieder eintrafen, empfing sie kein weithinschallender Triumphbogen, kein <tt>Lord Mayor</tt> (sprich <tt>Lord Mayor</tt>) bildete Spalier, kein Fenster war mit wehenden Taschentüchern dicht besetzt. Kurz, es krähte kein Engländer nach ihnen. Sie kamen und fuhren in's Hôtel, das war das Ganze, und wenn sie wieder abreisen, wird London sagen: <tt>Punctum</tt>, streu' <tt>Saliens</tt> drum! Eine Weltstadt hat eben nicht Zeit, jedes Blatt der Weltgeschichte besonders vor den Mund zu nehmen.</p><p>Ich bin im »Goldenen Shakespeare« in der Nähe des <tt>Tower</tt> (sprich <tt>Tower</tt>) abgestiegen. So bin ich in der Nähe <a name="page126"/><a class="pageref">126</a> des Congresses, welcher nunmehr in einem Saal des auswärtigen Amts zu verhindern sucht, daß Aegypten über den Charon fährt und ihm der letzte Orcus auf die Wange gedrückt wird.</p><p>Das arme Aegypten! Welche Citrone ist aus dem einst blühenden Lande geworden! Heute ist es verwüstet und – <tt>Embarras de pauverté</tt> – verschuldet, ein Spielball in der Hand der den Mond anrebellenden Propheten, und England setzt ihm seinen Zinsfuß auf den Nacken. Und nun tritt noch Frankreich als Quackdoctor hinzu, um dem Sterbenden vielleicht eine Ader oder gar das letzte Stündlein zu schlagen. Und umsonst sieht sich das Reich der Pharaonen nach einem Freunde um, welcher ihm Balsam unter die Arme gießt.</p><p>Am Sonntag Nachmittag drei Uhr fand die erste Sitzung statt. Es herrschte ein starker Nebel, ein förmlicher Platznebel, daß man nicht die Brille vor den Augen sehen konnte und die Grillen nicht sicher waren, von sonst ganz vernünftigen Menschen gefangen zu werden. Das ist der <tt>Spleen</tt> (sprich <tt>Spleen</tt>). Man wird Hypochonder, man fühlt den Muth schwer werden, man griest den Gram und denkt daran, sich mit einem Stein um den Hals aufzuhängen. In dieser Stimmung sahen etliche Neugierige die Vertreter Europas anfahren, voran Musurus Pascha, der älteste Doyen des diplomatischen Corps, der einen Sommerfez trug. Ihm folgte der Vertreter Rußlands, Herr v. Staal, dann Waddington und die Grafen Münster und Karolyi. Griechenland ist durch <a name="page127"/><a class="pageref">127</a> Mephistophokles, die Schweiz durch Werner Stauffacher, Dänemark durch Struensee, Schweden durch Ankarström, Holland durch v. Alba und Spanien durch den Marquis von Mondecar vertreten. Von den Uebrigen habe ich noch keinen gesehen. Die Sprache, in welcher die Verhandlungen geführt werden, steht noch nicht fest, da die Meisten das Englische nur gebrochen verstehen. Lord Granville eröffnete die erste Sitzung, in der es indeß zu Auseinandersetzungen noch nicht kam, die Herren saßen im Gegentheil am Schluß der Verhandlungen noch ziemlich eng zusammen.</p><p>Was wird werden?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap021"><h3><a name="page128"/><a class="pageref">128</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit Ihrem Plan, die ägyptische Conferenz schon wieder zu schließen, können wir uns nicht einverstanden erklären, und wir bitten Sie, mit der Berichterstattung fortzufahren. Wir leben inmitten der todten Saison, und es wäre doch leichtsinnig, den willkommenen Stoff bei Seite zu legen. Sollten Ihnen die Berathungen zu wenig interessant sein, so wenden Sie sich gefälligst dem Felde der Anekdote zu, die ja in jeder diplomatischen Staatsaktion eine Rolle spielt und vom Publikum sehr goutirt wird.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page129"/><a class="pageref">129</a><i> Bernau</i>, den 10. Juli 1884.</p><p>Ich glaubte, Ihnen einen Gefallen zu erweisen, als ich mit der ägyptischen Conferenz kurzen <tt>tabula rasa</tt> machte nach dem bekannten Spruch: Kürze ist des Processes Seele. Ich weiß mit dieser Conferenz nichts anzufangen und glaube, daß die Mitglieder derselben selbst nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, den sie sich zerbrechen. Man hört auch absolut nichts, diese Conferenz und eine harmlose Theegesellschaft sehen sich ähnlich wie ein Columbus dem andern. Vergeblich durchstöbere ich das Kreisblatt nach irgend einer telegraphischen Fama, nicht einmal ein <tt>on dit</tt> unterbricht die Stille des Mäuschens. Was soll ich also berichten? Wo Nichts ist, hat, wie Sie wissen, der König Lear den Verstand verloren. Wohl zehnmal griff ich zum Schreibtisch, aber ebenso oft legte ich ihn wieder bei Seite. Nicht die kleinste Ente fiel mir ein. Mir, der ich von Mannesbeinen an ununterbrochen die Feder schwinge, war so etwas noch nicht vorgekommen, und da entschloß ich mich denn, von zwei Gebündeln Heu das kleinste zu wählen und die Conferenz einen guten Mann sein zu lassen. Wer mir derlei an der Pike, von der auf ich der Journalistik diene, vorgesungen hätte, dem würde ich – verzeihen Sie das harte Wort! – höchst verwundert ausgelächelt haben.</p><p>Immerhin aber sehe ich ein, daß Sie durchaus Recht haben. Ihr Blatt soll Ihre werthen Leser stets auf dem möglichst Laufenden halten, nicht das kleinste Detail soll ihnen <a name="page130"/><a class="pageref">130</a> aus der Nase, dagegen Alles in dieselbe hinein gehen, was in der Welt passirt, und deshalb bekümmern Sie sich wenig darum, ob das historische Ereigniß, um das es sich handelt, für den Berichterstatter keinen oder mehrere Deut werth ist. Aus diesem Grunde strecke ich das Gewehr nach der Decke und lasse meine Bedenken fallen.</p><p>Wenn es nur nicht so heiß wäre! Mein Laubfrosch sitzt auf 24 Grad im Schatten, und sehnsuchtsvoll blicke ich in die Wolken nach einem Bruch. Ich kann mit Don Carlos sagen: Schwer liegt der Himmel zu Bernau auf mir, und ich strebe hinaus in die Ferne, wo die Natur ihren Freunden am Gestade der See gleichsam mit den Worten: »Brise gefällig!« eine Dose frischer Luft darreicht. Statt dessen muß ich, ein saurer Traubenfuchs, in meinem Bau bleiben. Hoffentlich nicht mehr lange.</p><p>In meinen jüngsten Brief hat sich ein kleiner Irrthum eingeschlichen, den ich zu verzeihen bitte. Ich bat Sie um einen Vorschuß von drei Sterlingen. Es sollte vier heißen. Seien Sie so freundlich, diese zum Verständniß meines Briefes nöthige Correctur nachträglich vorzunehmen und mir den Posten mit einer der wendenden zuzuschicken.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>London</i>, den 9. Juli 1884.</p><p><tt>W. Festina lente</tt> wie eine Schnecke rückt die Verhandlung vor. Der Fleck, von dem sie nicht kommt, könnte <a name="page131"/><a class="pageref">131</a> einen minder geduldigen Berichterstatter nervös machen. Jeden Augenblick muß irgend ein Conferenzmitglied zum Telegraphiren hinaus, um sich Instruktionen zu holen, und wenn dann der betreffende Monarch nicht zu Hause ist, oder etwas Wichtigeres zu regieren hat, oder gar schläft, so muß die ganze Versammlung warten, bis es dem europäischen Herrscher gefällt, nach Hause zu kommen, oder bis er das Regieren auf einige Augenblicke läßt, oder ausgeschlafen hat. Oft treffen auch recht peinliche Antworten ein, besonders wenn die Königinnen für ihre Gatten etwas bestellen, wobei es, da sie nicht verantwortlich sind, oft zu barschen Worten kommt. So gestern, wo eine Drahtantwort lautete: »Se. Majestät Mein Mann, den Gott noch lange in Gnaden erhalten möge, läßt Ihnen sagen, Sie möchten Ihn nicht wegen jeder Kleinigkeit belästigen. Majestät litten sehr unter der Hitze und möchten das nächste Gewitter abwarten, keinenfalls werde Er sich in der herrschenden Schwüle mit Aegypten beschäftigen. Gedulden auch Sie sich also, bis es regnet.«</p><p>Die Sitzung mußte in Folge dessen geschlossen werden, die Gesandten, welche einen Bart haben, murmelten allerlei in denselben und gingen fürbaß davon.</p><p>Die heutige Sitzung verlief ungestörter, doch, unter uns gesagt, auch sie riß nicht aus Alexanders Scheide das Schwert, welches dem gordischen Knoten am ägyptischen Staatswagen zeigen könnte, was eine Harke ist. Fast möchte man meinen, daß dies auch niemals geschehen und daß eher <a name="page132"/><a class="pageref">132</a> die Quadratur aller Wendekreise gefunden wird, als die Rückantwort auf die ägyptische Frage. Heute stand der Mammon auf der Tagesordnung, dieses Kalb mit dem goldenen Widdervließ, das, obwohl es in allen civilisirten Staaten geschlagen wird, doch nicht auszurotten ist. England will Geld haben, dieses Land ist wie Midas, dem sich bekanntlich Alles, was er in seinen Musikkritiken angriff, in Gold verwandelte. Der Engländer ist ein <tt>Nervus rerum</tt>-Fuchser, bei jeder politischen Action hat er, nicht wie die Morgenstunde, Gold im Auge.</p><p>Nach dieser Richtung hin verlief denn auch die heutige Debatte, aus der ich folgende Einzelheiten mittheile:</p><p><b>Der Aegypter.</b> Meine Herren, die Frage der Geldentschädigung muß ich vorläufig dahin beantworten, daß Aegypten durch den letzten Krieg furchtbar gelitten hat, und daß wir, um Englands Forderungen zu erfüllen, vor Allem Zeit brauchen.</p><p><b>Der Engländer.</b> Zeit heißt <tt>time,. time is money</tt>, und das ist ja gerade das, was <i>wir</i> haben wollen.</p><p><b>Der Italiener.</b> Aegypten ist allerdings in einer unglücklichen Lage, und es kann doch unmöglich den Nil an England abtreten.</p><p><b>Der Engländer.</b> Das wäre auch ein Traum, der uns nicht im Schlafe einfiele. Den Nil verlangen wir auf keinen Fall, insofern <tt>Nil</tt> Nichts heißt und uns mit Nichts nicht gedient wäre.</p><p><a name="page133"/><a class="pageref">133</a><b> Der Oesterreicher.</b> England sollte aber doch bedenken, daß es selbst nach allen Kriegen in Nöthen war.</p><p><b>Der Engländer.</b> Das Wort Kriegen hatte und hat für England stets einen angenehmen Klang. Wir sind nicht geldgierig, unser Grundsatz lautet: Geben ist seliger denn Nehmen, und darum geben wir Ihnen die Versicherung, daß wir nehmen, was zu erlangen ist.</p><p><b>Der Deutsche.</b> Wir werden aber nie dulden, daß England den Rest dessen nimmt, was dem armen Pharaonenland geblieben ist. (Bravo!)</p><p><b>Der Engländer.</b> Daran denken wir auch nicht, wir wollen Aegypten nicht den Rest nehmen, sondern geben.</p><p><b>Der Schwede.</b> Au! (Glocke des Präsidenten.)</p><p><b>Der Deutsche.</b> Und eines vergesse England niemals: <tt>Il y a des juges à Berlin</tt>, es giebt noch Müller in Sanssouci! (Sensation.)</p><p><b>Der Spanier.</b> Ich schließe mich meinem geehrten Vorredner an. Auf die ewigen Geldforderungen Englands wird das Schweigen der Völker antworten.</p><p><b>Der Engländer.</b> Schweigen ist Gold, und das Gold der Völker wollen wir. (Murren. Redner spricht fort.)</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap022"><p class="center"><a name="page134"/><a class="pageref">134</a><big> Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Die ägyptische Conferenz hat ihr Ende erreicht, und wir wiederholen unsere Bitte um Anekdoten, zu denen ja das Zusammensein von Diplomaten stets den Stoff bietet. Deren zu erfinden, wird Ihnen leicht sein, wir vertrauen in dieser Beziehung Ihrer unermüdlichen Phantasie vollkommen. Hiermit wäre denn auch Ihr Vorschlag, uns noch etliche Sitzungen zu liefern, völlig erledigt, denn nachdem die Conferenz auf den Antrag Englands hin auf unbestimmte Zeit vertagt, d. h. definitiv geschlossen worden ist, können Sie doch unmöglich, gewissermaßen zu Ihrem Privatvergnügen, weitere Sitzungen stattfinden lassen. Sie werden dies hoffentlich einsehen.</big></p><p><big>In Erwartung eines Packets Anekdoten grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page135"/><a class="pageref">135</a><i> Bernau</i>, den 7. August 1884.</p><p>Ich will mich in der Beantwortung Ihres lieben Schreibens kurz fassen, da mir, mich lang zu fassen, die Lust fehlt. Denn im Sommer liebe ich meinen Rücken nur, weil ich ihn dem Schreibtisch kehren kann, das Schreiben ist mir schrecklich, wenn mir die Sonne auf den Nägeln brennt und meine Stirn mit einem Diadem von Schweißperlen schmückt. Darum will ich auch nicht wie der Tiger in Schiller's Handschuh mit dem Umschweif einen furchtbaren Reif schlagen, sondern Ihnen einfach erklären, daß ich nicht, wie Sie behaupten, zu meinem Privatvergnügen die Conferenz verlängern wollte. Privatvergnügen in solchen Dingen liegt mir überhaupt fern. Zu meinem Privatvergnügen breche ich von Zeit zu Zeit einer Flasche den Hals oder hänge mich an den eines Weibes, nie aber habe ich zu meinem Privatvergnügen einen Congreß oder eine Conferenz in die lange Bank gezogen, oder gar dem Mars das Lebenslicht eingeblasen. Das hätte sich am allerwenigsten für den Nestor <tt>senior</tt> der Kriegskorrespondenten, als welchen ich mich betrachten darf, geschickt. Stets habe ich das Ziel vor Augen und blicke weder rechts, noch – verzeihen Sie das harte Wort! – links. Ich bin bei Leibe kein Philister, ich bin eher ein Spaß-, als ein Ernstvogel. Wenn irgendwo etwas los ist und sei es eine Schraube, so bin ich dabei, und wenn ich einen Sparren zu viel habe, so trete ich ihn gerne Jedem ab, der in meiner Gesellschaft allzu <a name="page136"/><a class="pageref">136</a> untermüthig ist. Trübsal ist ein Instrument, welches ich nicht blase. Wo aber mein Beruf anfängt, da braucht kein Witz zu fürchten, von mir gerissen zu werden.</p><p>Wenn ich also den Congreß noch etwas verlängern wollte, so geschah dies zur Beruhigung der Leser. Die plötzliche Vertagung, sagte ich mir, wird über Europa das Bockshorn ausschütten, alle Welt wird das Scheitern der Conferenz für ein böses Vor-Omen halten und überall die Haare sehen, in denen sich die Großmächte liegen. Dies wollte ich verhindern, aber ich hatte die Rechnung ohne Ihren Strich gemacht, und so mag denn die Conferenz geschlossen bleiben.</p><p>Ich sende Ihnen anbei die gewünschten diplomatischen Anekdoten.</p><p>Hierbei fällt mir eine reizende ernste Anekdote ein, welche mir selbst gestern passirte. Einer meiner Freunde redete mich auf der Straße so freundlich an, daß ich, um ihm gleichfalls einen Beweis meiner Herzlichkeit zu geben, ihn sofort bat, mir bis zum 10. dreißig Mark zu leihen, ich würde sie ihm von dem Vorschuß, den ich bis dahin von Ihnen erhielte, zurückzahlen. Er schlug es mir bereitwilligst ab, freute sich sehr, selbst kein Geld zu haben, und sprach die Hoffnung aus, daß ich wohl den Vorschuß nicht erhalten würde. Wetten Sie, daß ich ihn bekomme? fragte ich. »Ich wette fünf Mark,« rief er, »daß Sie ihn nicht bekommen.« So schieden wir, und ich bitte Sie nun, so leid es mir thut, mir <a name="page137"/><a class="pageref">137</a> umgehend 50 Mark Vorschuß zu senden, damit ich den Freund in das <tt>Absurdum</tt> führen kann, in das er gehört.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>London</i>, den 3. August 1884.</p><p><tt>W.</tt> Gestern schloß England selbst der ägyptischen Conferenz die Augen, stieß Frankreich ihr den letzten Athemzug aus, schlummerte Deutschland sie sanft hinüber, versammelte Rußland sie zu ihren Vätern, segnete ihr Oesterreich das Zeitliche und schlug ihr Italien das letzte Stündlein. Und heute ist nichts mehr von ihr übrig geblieben, als kein Hahn, der nach ihr kräht. Zwar heißt es, die Conferenz sei nur vertagt, aber das ist doch nur Wind, den Europa längst davon bekommen hat, daß die Conferenz für immerdar verschwunden ist. Ein klägliches Ende, wenn man bedenkt, mit welchem Feuer voll Kastanien England die Conferenz in Scene setzte. Hier bewahrheitet sich wieder einmal das alte Sprüchwort: Wer zuerst lacht, lacht am schlechtesten!</p><p>Mir bleibt nichts mehr zu thun übrig, als einige Anekdoten nachzutragen, welche während der Conferenz die in allen Kreisen so beliebte Runde machten.</p><p>In der dritten Sitzung waren die Gesandten in Streit gerathen. Sie konnten ihre eigenen Verbalinjurien nicht hören. Einige vergaßen sich sogar derart, daß sie sich nicht erinnern konnten, jemals solchen Lärm gehört zu haben. Etliche Diplomaten hatten ihre Salondegen gezogen, andere <a name="page138"/><a class="pageref">138</a> warfen mit Portefeuilles, Aktenstücken und Staatssiegeln. Da, in der höchsten Noth, schlich sich der deutsche Gesandte aus dem Saal, öffnete die Thür und schrie hinein: »<i>Bismarck kommt!</i>«</p><p>Dies wirkte. Die Gesellschaft eilte auf die Plätze und that, als sei nichts vorgefallen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Nach den Sitzungen versammelten sich die Gesandten in den drei Hexen, in einem Wirthshaus, welches schon zu Macbeths Zeiten bekannt war. Hier saßen sie traulich beisammen und tranken ein Stehgläschen. Man sprach nicht von Politik, sondern plauderte, rauchte und knobelte das Getränk aus. Bei einer solchen Gelegenheit hatte der spanische Gesandte mit großem Pech gespielt und schrie in übelster Laune den mit ihm spielenden griechischen Collegen an: »Herr, kucken Sie mir nicht in die Würfel!«</p><p>»Herr Graf,« sagte der Grieche. »hier ist meine Karte!« und warf ein Spiel Whistkarten auf den Tisch.</p><p>Man lachte über den gelungenen Spaß, und der Friede war wieder hergestellt.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Es war im Hause eines reichen Lords. Sämmtliche Gesandte waren eingeladen. Plötzlich trat der Vertreter des <a name="page139"/><a class="pageref">139</a> türkischen Divans, Techtel Pascha, auf den Gastgeber zu und fragte ihn: »Wieviel Töchter haben Sie?«</p><p>»Sechs,« antwortete der Lord.</p><p>»Ich bitte darum!« sagte der Türke.</p><p>Die Umstehenden drückten dem Schwiegervater und seinem neuen Schwiegersohn voller Neid eine Gratulation in die Hand.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Die Herren waren nach Windsor zu Mr. Fluth eingeladen und amüsirten sich sehr, da recht viele lustige Weiber unter den Anwesenden waren. Vor Allen erheiterte die Dame des Hauses, eine buchstäbliche Primadonna, mit ihren Bravourarien und Duetten den illustigen Kreis. Der Schweizer Gesandte, welcher die großbritanische Zunge nur unfertig radebrach, wollte wissen, was für eine Geborene Frau Fluth sei, und fragte den Gastgeber: Welch eine Miß-Geburt ist Ihre Gattin?</p><p>Man kann sich denken, wie das Zwerchfell Aller die Wände des Saales erzittern machte.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der türkische Gesandte ritt eines Tages im Hyde-Park (sprich Hyde-Park) spazieren, als sein schwedischer College auf ihn zutrat und ihn einem Kaufmann von Venedig mit dem Zusatz vorstellte: Pascha von drei Roßschweifen.</p><p><a name="page140"/><a class="pageref">140</a> Bitte: von vier, sagte der Türke. Wenn ich zu Pferde bin, sind es vier.</p><p>Stimmt! sagte der schnellrechnende Antonio, überrascht von der Geistesgegenwart des Vormittagländers.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der Vertreter der französischen Republik hatte natürlich einen Dorn im Auge, der dem deutschen Gesandten zum Verwechseln ähnlich sah. Schon in der ersten Sitzung machte er aus seinem gespannten Fuß kein Hehl Er wartete nur auf ein Hühnchen, um es mit dem deutschen Gesandten zu pflücken. Dies fand sich denn auch: aus Versehen machte ihm der Deutsche einen Klecks auf sein Protokoll. »Das kann nur mit Blut abgewaschen werden!« rief der Franzose. Da klingelte Graf Münster und bestellte bei dem eintretenden Diener etwas Blut. Dies goß dann der Graf auf den Klecks und sagte sein: »Sehen Sie, Waddington, der schwarze Klecks, das weiße Papier, das rothe Blut, das sind die Farben des deutschen Kaiserreichs, ich danke Ihnen.« Dabei drückte er Waddington die Hand, und die übrigen Herren waren ganz entzückt von dem Bestreben Deutschlands, den Frieden Europas zu erhalten.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap023"><h3><a name="page141"/><a class="pageref">141</a> Die Italiener in Aegypten.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr Bericht über den Fall Khartums war seit zehn Wochen in unseren Händen, ohne daß wir uns entschließen konnten, denselben zu veröffentlichen. Denn Sie hatten in der Mitte des Januar die Engländer siegreich in die Festung einziehen und dieselbe dem Erdboden gleichmachen lassen, während doch an jedem Tag die Nachricht eintreffen konnte, daß General Wolseley zu spät gekommen sei. Das ist nunmehr geschehen: Khartum ist in den Händen des Mahdi, die Engländer sind wieder abgezogen. Jetzt werden Sie es hoffentlich billigen, daß wir Ihren Bericht <a name="page142"/><a class="pageref">142</a> nicht zum Abdruck brachten. Was hätten wir erklären oder zu unserer Entschuldigung anführen können, wenn wir mit einer Nachricht von dem glücklichen Erfolg der Wolseley'schen Expedition hervorgetreten wären, während die Thatsachen dem geradezu widersprachen?</big></p><p><big>Nun bitten wir um baldigste wahrscheinlicher klingende Berichte, da die Nachrichten aus dem Sudan sich überstürzen und wir nicht nachhinken möchten. Andernfalls würde das Publikum denn doch schließlich dahinterkommen, daß wir keinen Specialkorrespondenten nach dem Sudan geschickt haben.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 19. Februar 1885.</p><p>Indem Sie mich mit den bittersten Leviten überschütten, glauben Sie ohne Zweifel, daß Ihr Auge keinen Balken hat wie etwa das Meer. Das ist aber ein Irrthum. Ich will damit nicht den Satz aufstellen, daß mein eigenes Auge splitternackt sei. Das wäre eine Arroganz, deren Schnattern <a name="page143"/><a class="pageref">143</a> mein Ohr ebenso beleidigen würde, wie das jedes anderen Hörers. Ich wollte nur sagen, daß Sie die Gerechtigkeit auf die lange Anklagebank schieben, wenn Sie mich anstatt sich selbst beschuldigen.</p><p>Seit einem Jahre beugte sich mein Mund unter der Last der an ihm hängenden Ohren. Jeder fragte nach Khartum. Wie wird das <tt>Coronat opus</tt> enden? Wird Wolseley rechtzeitig kommen, oder werden die Rebellen das Prävenire ergreifen, um es zu spielen? Europa lauschte mit gespanntester Folter auf Nachrichten aus der Sackgasse, in welche die Engländer gerathen waren.</p><p>In dieser peinlichen Situation faßte ich einen Entschluß, so rasch derselbe auch war. Ich sagte mir: Die Leser wünschen in jedem Falle, in welcher die Engländer sitzen, eine glückliche Lösung, und so ließ ich Wolseley mit seiner Armee am den und denten Januar Khartum erreichen. Damit fiel Allen ein Alp vom Herzen, und Jeder athmete auf, denn nur so waren den Feindseligkeiten des Mahdi und Gegenmahdi – wahrlich, ein Paar <tt>nobile fratrum</tt>! – ein Ende gemacht. Aber Ihnen wollte das – verzeihen Sie das harte Wort! – nicht einleuchten. Sie machten meine Ankunft Wolseleys rückgängig und ließen die Engländer immer tiefer in die Suppe gerathen, die sie eingebrockt hatten. Das mag klug gewesen sein, human war es nicht.</p><p>Nun freilich ist es zu spät, nun stehen wir vor einer Katastrophe, deren einzelne Verse die Leidensgeschichte der <a name="page144"/><a class="pageref">144</a> Britischen Macht bilden. Niemals haben die Briten mit mehr Recht Engländer geheißen als jetzt, wo sie so in die Enge getrieben sind. Aber jedenfalls werden sie jetzt ihre Nase hüten, daß ihnen Khartum nicht nochmals aus derselben geht, sie werden die Festung nehmen, wo sie sie finden. Dann werden Sie einsehen, daß es falsch war, meinen Fall Khartums unnützerweise von oben herab bei Seite gelegt zu haben.</p><p>Heute sende ich Ihnen einliegend die Italiener in Aegypten. Sie werden mir hoffentlich die Erfolge, die ich denselben bereite, nicht krumm nehmen. Denn ich habe die Italiener wie eben so viele Augäpfel in mein Herz geschlossen, und ich möchte um jeden Preis verhindern, daß Sie in dem abenteuerlichen Unternehmen anstatt der Siegespalme ein Haar finden.</p><p>Mir ist es in diesen Tagen leider nicht gut gegangen. Zu einem Carneball aufgefordert, wählte ich die Maske des Königs King Bell. Zu diesem Zweck hatte ich mir, um als Afrikaner so westlich als irgend möglich zu erscheinen, die Hände schwarz gefärbt. Ich sah geradezu eingeboren aus, obschon ich vollständig bekleidet war. Kaum aber hatte ich einen Walzer getanzt, als meine Dame einen Schrei ausstieß, daß der eben noch so fröhliche Saal ein Trübsal war. Was war geschehen? Die Farbe meiner rechten Hand saß an der Taille der Dame! Rasch rieb ich mit der anderen Hand die Flecken fort und machte dadurch neue. Um nicht aus der <a name="page145"/><a class="pageref">145</a> Königsrolle zu fallen, sagte ich: »Sklavin, Wir sind außer Uns, Wir versichern Dich unserer Huld, bitte Dir ein Gnade aus!« Das wurde für Spott gehalten, und man wies mich aus dem Saal, nachdem ich mich verpflichtet hatte, das Kleid zu bezahlen. Draußen merkte ich, daß mir ein höflicher Dieb den Hut abgenommen hatte, und ich mußte barhaupt nach Hause gehen, wo ich nun erkältet den Schlafrock hüte. Mein Husten wird immer keucher. So sehen Sie sich denn in die unangenehme Lage versetzt, mir einen größeren Vorschuß von 80 Mark zu senden, wogegen ich Ihnen verspreche, niemals wieder als Afrikönig einen öffentlichen Maskenball zu besuchen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Massaua</i>, den 17. Februar 1885.</p><p><tt>W.</tt> Wie die Gouvernante das Kind, so zog mich die Nachricht an, daß die Italiener nach Aegypten gedampft seien, um daselbst das Schwert in die englische Wage zu werfen. Es war ein wunderbarer Tag, als ich dahinfuhr. Helios war glühend aufgegangen und machte das rothe Meer noch röther, und so glitt ich nachdenklich über die Fläche, auf welcher einst Moses den Aegyptern die entscheidende Ebbe lieferte, aus der Keiner entkommen sollte. Gestern Morgen – die Bewohner Massauas lagen noch in Morpheus' <a name="page146"/><a class="pageref">146</a> Posen – stieg ich hier an's Land. Im »Khedivehof« fand ich ein elendes Zimmer, ein wahres Ungemach, oder besser ein Mäuseleum, so unheimlich rascheln die Mäuse über die Steinfliesen dieses Zimmers. Ich frühstückte einige Fleischtöpfe, welche mir ein brünettes Muhamedchen für Alles servirte, und ging aus.</p><p>Auf der Straße ein buntes Treiben: Italiener, Engländer und Aegypter wogten Arm in Arm durcheinander. Hier hörte man das Dante'sche Höllen-Italienisch, dort die Sprache des süßen Schwans von Avon sprechen, dazwischen wälschten die Aegypter ihr schreckliches Kauder. Die Italiener waren sehr heiter, besonders traten die Bersaglieri (sprich Bersaglieri) so siegesgewiß auf, daß die Engländer ihren Rang in Acht nehmen müssen, sonst wird er ihnen abgelaufen. Gestern schon haben die Italiener einen Sieg errungen. Mit dem ersten Ton, den die Memnonssäule hören ließ, griffen sie die Rebellen an, welche das Weichbild der Stadt Massaua verunzieren. Mit dem Liede <tt>Trema, Bisanzio!</tt> stürzten sich die Italiener auf den Feind, welcher bald die Lanze streckte und dann unter großen Verlüsten das Weite wie eine Stecknadel suchte. Den Italienern fielen an 200 Kameele – dieser Nilpferde bedient sich die ägyptische Cavallerie ausschließlich – und viele Zelte in die Hände. Jubelnd zogen sie gegen Mittag in die Stadt zurück.</p><p>Oberst Saletta, der Höchstkommandirende, ist voll Siegeszuversicht. Als ich ihm von der Tapferkeit einzelner <a name="page147"/><a class="pageref">147</a> seiner Soldaten sprach, antwortete er: <tt>Cosi fan tutte!</tt> Ohne Zweifel, Khartum wird nicht lange unrasirt bleiben.</p><p>Heute Abend wird »der Mahdi« von Meyerbeer gegeben. Ich bin auf das Ballet in dieser Oper neugierig, da schon die Straßengarderobe der Damen derart ist, daß der tugendhafte Mensch schwarz sieht.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap024"><h3><a name="page148"/><a class="pageref">148</a> General Kaulbars.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Zu unserem und gewiß auch zu unserer Leser Leidwesen haben Sie uns bisher aus Bulgarien nur einen einzigen Bericht geschickt und alsdann nichts wieder von sich hören lassen. Wir nehmen nicht an, daß Sie die Vorgänge in Bulgarien für unbedeutend oder für gleichgültig halten, und können Ihnen versichern, daß man sich allgemein sehr für dieselben interessirt und begierig ist, direkte Nachrichten aus Sofia zu erhalten. Haben Sie also Zeit, oder werden Sie nicht gar durch Unwohlsein verhindert, so bitten wir Sie, uns baldigst wieder mit bulgarischen Nachrichten zu versorgen.</big></p><p><big>Wir besitzen aus ihrer Feder noch einen <a name="page149"/><a class="pageref">149</a> Artikel, betitelt: »Der Madrider Putsch«, den abzudrucken wir uns aber nicht entschließen konnten. Denn Sie haben denselben doch zu durchsichtig nach Schiller's »Don Carlos« gearbeitet, nur daß Sie an die Stelle des Königs Philipp die regierende Königin setzen und dieselbe als eine Tyrannin ersten Ranges schildern, und nun alle Madrider als ein Posa-Volk hinstellen, welches sich in Haufen vor dem Schloß versammelt, daselbst brüllend Gedankenfreiheit verlangt und mit den Worten vom Balkon herunter: Sonderbare Schwärmer! abgewiesen und dadurch in große Wuth versetzt wird. Das geht doch wirklich nicht.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 14. October 1886.</p><p>Wenn ich einen Bericht für Ihr werthes Blatt in die Post stecke, so sitze ich immer längere Zeit auf Kohlen, und zwar in meiner Eigenschaft als Journalist auf Preßkohlen, denn ich erwarte dann stets einige Zeilen von Ihnen, durch welche mir die Holzwege gewiesen werden, auf denen ich mich befinden soll. Mit einer Wuth, welche eines besseren Berserkers <a name="page150"/><a class="pageref">150</a> würdig wäre, lassen Sie mich dann in einen Eulen- oder in sonst einen Spaßvogelspiegel schauen, damit ich sehe, weß Geistes unreifer Knabe ich einmal wieder gewesen bin.</p><p>Es ist wahrhaft überraschend. Nun kommt Ihnen wieder mein Don Carlos spanisch vor. Ja, weiß denn irgend ein Mensch, was in Madrid eigentlich passirt ist? Wer das wüßte, der wäre unter allen unwahren Jakobs der einzig wahre, ein <tt>avis</tt>, wie er rarer nicht gedacht werden kann, ein Mann von so vielen Graden wie etwa eine tropische Hitze, der nathanste Weise, der auf Erden existirt. Jeder Berichterstatter erfreute sich eines anderen Lichts, in welchem er die Madrider Vorgänge darstellte, und ich allein sollte mich um einen Scheffel bemühen, um mein Licht unter denselben zu stellen? Das können Sie absolut nicht verlangen, und wenn Sie es verlangen, so ist mir dies – verzeihen Sie das harte Wort! – gleich, denn da ich kein Kiekindiepresse, kein Springinsschlachtfeld bin, so muß ich besser als Sie das Geschirr kennen, in das ich zu gehen habe, wenn ich einem politischen Ereignisse nähertrete.</p><p>Mehr als in anderen Ländern herrscht in Spanien fortwährend ein Chari und Vari, ein Tohu und Bohu, der Wirth weiß oft nicht, wer Kellner ist, und umgekehrt, und die Verwirrung ist häufig so groß, daß sie im Thurm zu Babel nicht Platz hätte. Das weiß alle Welt, und nun sagen Sie, daß mein Bericht nicht zu gebrauchen sei, weil ich mich an das Madrid des Schiller'schen Don Carlos lehne! Ich lehne <a name="page151"/><a class="pageref">151</a> mich nicht leichtsinnig an, ich patsche niemals tol, und damit <tt>Dixi</tt>.</p><p>Lediglich nur, um Ihnen zu zeigen, daß ich Niemand einen Zaun, von dem ein Streit gebrochen worden ist, nachtrage, sende ich Ihnen einliegend den <i>General Kaulbars</i>, der ja doch diesen Augenblick die Ohren von ganz Europa zum Spitzen bringt. Ich erlaube mir nur, alle Scherze auf den Fisch so hinunter wie möglich zu schlucken. Sie stimmen alle nicht. Der Fisch ist stumm und schreibt sich seines Wissens mit einem sch am Ende. Ferner sagt <i>Brehm</i>, der Kaulbarsch (auch Kugel-, Steuer-, Gold- und Rotzbarsch, Stuhr, Schroll, Rauhiger, Rotzwolf, Rotzkater und Pfaffenlaus genannt) erreiche eine Länge von 20 bis 25 Centimeter und ein Gewicht von 120 bis 125 Gramm, er habe einen kurzen, gedrungenen Leib, eine stumpfe Schnauze u. s. w., alles das paßt keineswegs auf den General wie die Faust auf's Auge, und würde den Leser verstimmen wie ein Clavier.</p><p>Angesichts der Verwickelungen, in welche immerhin Rußland durch Kaulbars gerathen kann, ist zu befürchten, daß die russische Valuta einen Niederschwung erfährt, und ich glaube ihnen daher gefällig zu sein, wenn ich Ihnen Ihre Rubel abnehme. Ich bitte Sie deshalb um einen Vorschuß von 25, einerlei ob <tt>kreditnü rubl</tt>, <tt>rubl metallitscheski</tt> oder <tt>rubhl szerebrom</tt>, damit sie meinen guten Willen sehen, Ihnen zu helfen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page152"/><a class="pageref">152</a><i> Sofia</i>, den 12. October 1886.</p><p><tt>W.</tt> Soll ich den General <i>Kaulbars</i> weder pro- noch konterfeien, sondern gewissenhaft porträtiren, so muß ich ihn so schildern: er ist ein Mann, der mit dem Kopf durch Dick und Dünn rennt, wenn dies von Väterchen (lies <tt>Batjuschka</tt>) befohlen wird, ein Mann, der für den Zaren durch das Feuer geht, und dem darin Keiner das Wasser reicht, ein Mann, der für den Kaiser freudig seinen Tod hingiebt, ein Mann, der, wenn es nöthig ist, unter seinen Gegnern eine Bartholomäushochzeit anrichten, ein Mann, der seinen eigenen Sohn auf dem Altar des Vaterlandes in den Kerker werfen würde, wenn der Dienst es forderte. Er ist ein Landsknecht, der allmälig ausstirbt, ein Soldat, der dem Grundsatz huldigt: »Wo man <i>sengt</i>, da laß' Dich ruhig nieder.« Ich brauche nicht zu sagen, daß ein solcher Mann ein Mißgriff war, völlig ungeeignet, den Abgrund, der sich aufgethan hatte, mit den Fackeln der Eintracht zu füllen und die Gemüther wieder zu beruhigen.</p><p>Seit Kaulbars hier ist, stellte sich Bulgarien auf die hintersten Beine, auf die sich jemals ein Volk gemacht hat, um seine Unabhängigkeit vor Ueber- und Untergriffen zu schützen, und jemehr der General es reizte, ihm ein Haar zu krümmen, desto sorgfältiger glättete es ihm dasselbe. Denn es wußte längst, daß Rußland fortwährend auf der Lauer lag, und eine solche befand sich an gar vielen Orten.</p><p><a name="page153"/><a class="pageref">153</a> Die Sobranje, so klein sie war, wuchs dem General über den Kopf, so daß er nicht mehr wußte, wo ihm derselbe stand.</p><p>Seit einer Woche befindet sich Kaulbars auf der Reise, um überall, wo er einen Funken findet, ein Pulverfaß herbeizuschaffen, und wo er auf Oel stößt, Feuer hinein zu schütten. Aber es gelang ihm nicht, weder in Rustschuk, noch in Varna, weder in Widdin, noch in Sistowo. Im letzteren Ort forderte er die Offiziere der Garnison auf, zu ihm zu kommen, aber sie weigerten sich derart, daß er selber nicht zu sich kommen konnte.</p><p>Ein seltsamer Ritter des Kaiserthums, in der That! Wo er keine Emeute entdeckt, da stiftet er sie, und wo weit und breit der Krater der Revolution geschlossen ist, da sucht er ihn zu öffnen. Ohne Zweifel wird aber der Zar sehr bald einsehen, daß er den Bock, den er geschossen, zum Gärtner machte, und flugs wird man diesen seinen merkwürdigen Diener vergeblich auf der Bildfläche suchen.</p><p>Und bald wird Kaulbars verschollen sein, und kein Hahn wird sich heiser nach ihm krähen.</p><p> </p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s153.png" width="7%"/></p></div></text></TEI>