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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 4</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/101222548">Stettenheim, Julius</persName><country>Deutschland</country><birth>1831.0</birth><death>1916.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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    sämmtliche Berichte.</i></h2><h3>Herausgegeben</h3><h4>von</h4><h3 class="author">Julius Stettenheim.</h3><h3>Band IV.</h3><p> </p></div><hr class="short"/><div class="toc"><h3>Inhalt.</h3><table class="toc" summary=""><tr><td>       </td><td><a href="#page001">Die Karolinen</a><p class="left"><a href="#page008">Der orientalische Frieden</a></p><p class="left"><a href="#page029">Sansibar</a></p><p class="left"><a href="#page036">Die Zusammenkunft der drei Kaiser</a></p><p class="left"><a href="#page044">Die Kongo-Konferenz</a></p><p class="left"><a href="#page071">Die Hussiten vor Bernau</a></p><p class="left"><a href="#page079">An der afghanischen Grenze</a></p><p class="left"><a href="#page090">Der französisch-chinesische Krieg</a></p><p class="left"><a href="#page116">Die griechisch-türkische Krisis</a></p><p class="left"><a href="#page122">Der Kriegsminister Boulanger</a></p><p class="left"><a href="#page128">Das bulgarische Attentat</a></p></td></tr></table><p> </p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap001"><h3><a name="page001"/><a class="pageref">1</a> Die Karolinen.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir kommen soeben in Besitz Ihrer freundlichen Zuschrift, in welcher Sie einige Fragen an uns richten, nach deren Beantwortung Sie sich sofort an einen erschöpfenden Bericht machen wollen. Indem wir uns beeilen, Ihrem Wunsche zu entsprechen, ersuchen wir Sie zugleich, von der Absicht, uns einen Bericht von den Karolinen zu schicken, vorläufig abzusehen, dagegen uns einen solchen aus der spanischen Hauptstadt zu senden. Vorläufig interessirt sich das deutsche Publikum doch mehr für die Ereignisse in Madrid, als für das Schicksal der genannten Inselgruppe, an deren Besitz, wenigstens vorläufig, Deutschland noch wenig gelegen scheint. Das Treiben der <a name="page002"/><a class="pageref">2</a> Madrider dagegen ist ein sehr lustiges und wird Ihnen einen dankbaren Stoff darbieten.</big></p><p><big>Ihre Fragen sind rasch beantwortet.</big></p><p><big>1. Die Karolinen sind Inseln. Wir nehmen Ihre Frage für ernst, weil Sie fortwährend von den Damen sprechen, welche Fürst Bismarck den Spaniern abspenstig zu machen suche. Das wäre jedenfalls eine höchst komische politische Aktion.</big></p><p><big>2. Die Nachricht, Spanien habe die Durchbohrung der Pyrenäen begonnen, um seine Armee hindurchzuführen und Deutschland anzugreifen, hat Ihnen unbedingt Jemand zum Scherz aufgebunden. Deutschland grenzt bekanntlich nicht an Spanien, und der Bau eines Tunnels würde viele Jahre dauern.</big></p><p><big>3. Don Quixote ist ein Phantasiegebilde, und sein Dichter hat auch nicht erzählt, daß der Herr Ritter einen preußischen Orden besessen hat. Sie können also unmöglich erzählen, daß Don Quixote einen Orden an Preußen zurückschickte.</big></p><p><big>4. Das Nachtlager von Granada ist bekanntlich der Titel einer Oper, und Sie können <a name="page003"/><a class="pageref">3</a> dasselbe also nicht als Bivouak einer spanischen Heeresabtheilung auffassen wollen.</big></p><p><big>In Erwartung Ihres Berichts grüßt Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 24. September 1885.</p><p>Recht sehr bedaure ich, daß Sie keinen Bericht von den Karolinen haben wollen, besonders jetzt, wo ich weiß, daß sie keine Damen, sondern Inseln sind. Ich ahnte dergleichen schon, als ich las, daß unsere Schiffe an eine der Karolinen herangefahren waren und eine drohende Haltung angenommen hatten. Da ging mir sofort eine Lunte auf. Wie gesagt, es thut mir in der tiefsten Feder leid, denn von diesen fernen Inseln aus, welche diesen Augenblick als ebensoviele Zankäpfel nördlich vom Aequator aus dem Meere tauchten, konnte ich schreiben, was mir die Zügel, die ich meiner Phantasie überließ, eingaben. Wer konnte mich eines X zeihen, welches ich dem Leser für ein U vorgemacht haben würde, wer konnte mir eine Ente auf den Kopf zusagen, oder den Fingern, aus denen ich mir was gesogen, hinter die Schliche kommen? Irgend ein anderer Berichterstatter gewiß nicht, denn eine Krähe schneidet der anderen die Augen nicht aus, das ist eine <a name="page004"/><a class="pageref">4</a> oft bewährte Wahrheit, und das Publikum weiß meines Wissens von den Karolinen nicht mehr, als der Hund auf einem hohlen Zahn davonträgt. Weder die Deutschen, noch die Spanier ließen sich um die Karolinen ein graues Härchen krümmen, kaum wußte Jemand, wo diese Eiländchen lagen, und Mancher mußte erst dem Atlas in die Karten kucken, um das Meer festzustellen, dessen Wellen diese allgemein unbekannte Inselgruppe umrauschten. Das spanische Volk konnte nicht einmal sagen, wer denn eigentlich die <tt>Beati</tt> waren, welche auf das <tt>Possidentes</tt> der Karolinen einen Anspruch erheben durften. Erst als das Tapet, auf welches diese Inseln gebracht waren, in die Oeffentlichkeit drang, da behaupteten sie plötzlich, Bismarck habe den rothen Hahn gespannt, um ihnen das Dach in Brand zu schießen, und sanken vor Schreck von einer Gänsehaut in die andere, ohne zu bedenken, daß sie sich den Wagehals brechen konnten. Von den Karolinen also durfte mir das Blaue vom Himmel einfallen, Niemand hätte es gemerkt. Anders ist es mit Madrid. Madrid ist uns durch hundert Drähte nahgerückt, täglich speit das Dampfroß tausende von Briefen in unser Publikum, und schon am Abend wird die am Morgen verbreitete falsche Nachricht von dem Widerruf eingeholt, da nach einem bekannten Spruch Enten kurze Beine haben. Wirklich glaubwürdige Nachrichten lassen sich also nur mit Hängen und Würgen aus dem Aermel schütteln. Kurz, ein Brief aus Madrid ist – verzeihen Sie das harte Wort – kein Spaß.</p><p><a name="page005"/><a class="pageref">5</a> Doch sende ich Ihnen einen solchen, weil Sie in Verlegenheit sind. Aber die <tt>Noblesse oblige</tt> verlangt, Ihnen mit derselben Offenheit zu gestehen, daß ich gleichfalls, wenn auch nicht in tausend, so doch in fünfhundert – in Ziffern: 500 – Aengsten bin. Soll ich höchstens in 200 Aengsten sein, so senden Sie mir einen Vorschuß von 50 Mark. Jedes Markstück bedeutet nach meiner Berechnung 6 Aengste.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Madrid</i>, den 25. September 1885.</p><p><tt>W.</tt> Wie hat sich das schöne gemüthliche Madrid verändert! Seine Bewohner, die so tapfer die Castagnetten zu schlagen verstehen, bilden sich plötzlich ein, daß sie auch die deutschen Armeen schlagen können. Welch ein Lärm in den sonst so belebten Straßen! Die ältesten Militärs, welche seit ihrer frühesten Jugend sich keines Feindes erinnern, den sie in wilde Flucht auflösten, reißen die ihnen dafür aus Deutschland verliehenen Orden von der gepreßten Brust und senden sie unfrankirt zurück. In gewissen Stadttheilen verlangt das Volk nach Waffen und schwört, wenn man sie ihm nähme, bis zum letzten Zahn beißen oder mit den Hinterbeinen stoßen zu wollen. Umsonst sieht man sich nach den schönen Tagen selbst in dem reizenden Aranjuez (sprich: Aranjuez) um. Sogar die reizenden Damen sind Torquemädchen geworden und schleppen die deutschen Consulatsschilder und Fahnen auf die Autodafés, zünden dieselben an und übergeben sie dem <a name="page006"/><a class="pageref">6</a> Aschentode. Unaufhörlich hört man die Wacht am Manzanares ertönen. Aus den Provinzialstädten treffen die bedenklichsten Nachrichten ein: eben verlautet aus Sevilla, der dortige bekannte Barbier habe erklärt, nicht um Millionen Pesos den deutschen Hofraseurtitel annehmen zu wollen. Aus Zalamea meldet man, der dort amtirende Richter wolle sich pensioniren lassen, wenn der König nicht seine preußische Ulanenuniform in eine spanische umarbeiten lasse. Und Preciosa zigeunert in den Dörfern umher und sammelt mit ihrem Tambourin Beiträge für ein Panzerschiff, während Don Pedro ein Donnerwetter über den anderen Parapluie flucht und dadurch die dumme Landbevölkerung zu Ausschreitungen der schlimmsten Art aufreizt.</p><p>Schlaflos erwachte ich diesen Morgen. Während der ganzen Nacht schien Madrid kein Stündchen Morpheus gesucht zu haben, fortwährend zogen Volksmassen mit Guitarren, Zithern und Zagen durch die Straßen und schwuren Rache. Vor den Häusern der Generäle, welche ihre preußischen Orden zurückgeschickt hatten, machten sie Halt oder ähnlichen Lärm und sangen das Lied Leporello's: »Keine Ruh' bei Tag und Nacht«, oder das Ständchen Don Juan's: »Horch auf den Klang der Zither und öffne mir das Gitter«! Dann zogen sie weiter, wie der Hirsch nach Berlin schreiend. Und wahrlich nicht nur der Pöbel. Auch die Dons aus den besten Familien streckten alle <tt>quatre épingles</tt> von sich und betheiligten sich an dem wüsten Halloh. Erst als die Hähne die Kuppeln <a name="page007"/><a class="pageref">7</a> des Escurial mit goldenen Strahlen übergossen, entstand eine kurze Pause. Um 9 Uhr aber zogen wieder Haufen von spanischen Pfeffer-, Reiter-, Wände-, Rohr-, Fliegen- und Bittern-Händlern durch die Gassen und verlangten, in den Krieg gegen Deutschland geführt zu werden. Fragt man sie aber, wo Deutschland liegt, so wissen sie es nicht und zucken mit den ignoranten Achseln.</p><p>Gestern Abend fand im Hoftheater eine große Demonstration statt. Man gab den Egmont, und als dieser zu Klärchen die Worte sagte: »Ich versprach Dir einmal spanisch vorzukommen«, da brach das Haus in donnernde Appläuse aus, die Stierfechter schwenkten ihre rothen Mäntel, die Donnen schlugen mit ihren Castagnetten um sich, Egmont mußte seine Worte wohl zehnmal oder noch seltener wiederholen, und das Orchester stimmte die neue National-Hymne an:</p><p class="vers">»Sie sollen sie nicht haben,<br/>
      Die Karolinen, nein,<br/>
      Ob sie wie gier'ge Raben<br/>
      Sich heiser danach schrein.«</p><p>Man sieht, das Volk befindet sich halb im Delirium, halb im Tremens. Ich bin aber überzeugt, daß dieser Zustand nicht lange dauert. Der Charakter der Spanier ist wie das Aprilwetter, der <tt>Phoebus</tt> folgt der <tt>Post nubila</tt> auf dem Fuße, oder umgekehrt.</p><p>Nächstens nichtsdestoweniger mehr.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap002"><h3><a name="page008"/><a class="pageref">8</a> Der orientalische Frieden.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr zweiter Bericht aus Madrid zeigt nur zu deutlich, daß der Stoff völlig erschöpft ist. Der öffentliche Lärm hat ruhiger Ueberlegung weichen müssen, und alle Ihre Bemühungen, Interessantes zu melden, scheitern an der vorhandenen Thatsache, an dem alten Erfahrungssatz, daß nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht auf den Tisch kommt. Wir würden nun trotzdem Ihren Bericht als ein sehr kurzweiliges Stimmungsbild zum Abdruck gebracht haben, wenn Sie in dasselbe nicht so bestimmte Nachrichten über die Vermittelungsversuche des Papstes hineingeflochten hätten. Lösten wir diese als unmöglich wieder heraus, so blieb von dem Bericht blutwenig übrig. Aber unmöglich waren diese Nachrichten aus dem Vatikan, sie machten den Eindruck, als bildeten <a name="page009"/><a class="pageref">9</a> Sie sich ein, der Papst werde Ihre Entscheidung treffen. Es frägt sich indessen, ob abgesehen von jedem anderen Bedenken der Papst überhaupt seine Vorschläge wird anbringen können, nachdem die direkten Verhandlungen zwischen Deutschland und Spanien fast bis zum Abschluß fertig geführt worden sind.</big></p><p><big>Aller Augen sind augenblicklich auf den Orient gerichtet. Hier bietet sich Ihnen ein ergiebiges Feld, ein Feld, auf dem Sie vor 8½ Jahren Ihre Thätigkeit begonnen haben. Lassen Sie uns von dorther bald von sich hören.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 22 October 1885.</p><p>Sie scheinen zu glauben, daß die Eier des Columbus dutzendweise auf der Straße liegen, man brauche sie nur aufzuheben. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, und wenn ich in meinem jüngsten Bericht die Entscheidung des Papstes in Sachen der brennenden Karolinen bei den eigens zu diesem Zweck erfundenen Haaren herbeiführte, so können Sie daraus ersehen, daß ich in dieser Woche an Stoffen so arm war, <a name="page010"/><a class="pageref">10</a> daß keine Kirchenmaus Lust gehabt hätte, in meiner Haut zu stecken. Das ist im Leben eines Correspondenten nun einmal nicht anders. Gestern flogen ihm die gebratenen sieben fetten Kühe in den Mund, heute gehen sie ihm aus der Nase, und morgen hat er nur noch mageres Rindvieh im Auge. Er muß also – verzeihen Sie das harte Wort! – zugreifen, und wenn sich ihm das kleinste <tt>Rhodus</tt> bietet, sofort mit seinem <tt>Salta</tt> bei der Hand sein. Wenn der Muse Klio viel passirt, wenn ihre Tafel sich unter der Last der Ereignisse beugt, dann braucht sich der Correspondent, selbst wenn er Kahlkopf ist, keine grauen Haare wachsen zu lassen; die Kunst besteht darin, daß er in stillen Zeiten, wenn weit und breit kein Wölkchen die herrschende Ruhe unterbricht, einen Stoff für einen interessanten Bericht wie einen <tt>lupus ex machina</tt> hervorzaubert. Als Nero auf einem Thurm deklamirte und dies gräßliche Schauspiel mit dem brennenden Rom beleuchtete, da war es wahrlich leicht, mehrere Spalten damit zu füllen, ich glaube aber, daß ein richtiger Correspondent anderen Aufgaben wie kein Kraut gegen den Tod gewachsen sein, kurz, wie ich, auch in ruhigen Zeiten stets mit einem sensationellen Bericht aufwarten muß. Darum sandte ich Ihnen die Entscheidung des Papstes, welche Sie natürlich in den Papierkorb ablehnten.</p><p>Warum thaten Sie das? Wer konnte wissen, daß das Dokument nicht aus dem Vatikan stammte, sondern vom Schnabel bis zum Schwanz eine Ente war? Es mußte doch <a name="page011"/><a class="pageref">11</a> erst in das Italienische übersetzt und dann dementirt werden. Bis dahin aber war mein Dokument bereits in allen Zeitungen wie ein Lauffeuer nachgedruckt, hatte viel Staub auf- und abgewirbelt und der Zweck war erreicht. Das ist nun alles zu dem geworden, was Pindar irrthümlich als das Beste erklärt, zu Wasser und lediglich dadurch, daß ich Ihnen den Papierkorb nicht höher hängen kann. So habe ich denn wieder einmal meinen Caviar vergeblich für das Volk geschrieben. Ich fühle, daß dies unhöflich klingt. Doch ich kann nicht anders. Was ein Bückling werden will, krümmt sich bei Zeiten, ich aber habe von meinen Ammenbeinen an stets die Offenheit geliebt und stets den Stier bei den Hörnern und das Kind beim rechten Namen genannt.</p><p>Heute sammele ich wieder einmal feurige Kastanien auf Ihrem Haupte und sende Ihnen darüberstehend das, was Sie wünschen. Wie Sie sehen, denke ich nicht daran, den orientalischen Krieg von Neuem herauf zu beschreiben, hoffe vielmehr, daß Mars ein Einsehen haben und nicht ausbrechen wird. Also vor 8½ Jahren war es, als ich für Sie den orientalischen Krieg begann! Wie der Lauf der Zeit verschwindet! Ich möchte in meinem Album eine Erinnerung an diese Jahre errichten und bitte Sie daher um einen Vorschuß von neun neuen Fünfmarkscheinen, welche genau eine Seite füllen würden.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page012"/><a class="pageref">12</a><i> Konstantinopel</i>, den 20. October 1885.</p><p><tt>W.</tt> So bin ich denn wieder in der Hauptstadt der unterschlagenen Beine, der betäubenden Nargilehs und der krummen Säbel. Gestern ankommend, stieg ich diesmal im kranken Mannhof ab, da ich die übrigen Hôtels, Gasthöfe, Absteigequartiere, Garnis und Ausspänne von Botschaftern in Beschlag genommen vorfand. Dieselben sind sämmtlich auf einen sich hinziehenden Aufenthalt gefaßt. Keiner nimmt an, daß sich der vorhandene gordische Knoten so bald in einen gebildeten Salonmenschen verwandeln wird. Die orientalische Frage – das ist ja gar keine mehr – hat sich verwickelter gestaltet, und ich möchte sie ein Verwickelkind der europäischen Diplomatie nennen. Wenn die Türkei jetzt noch ihre Nase vor der Lunte, die ihr Europa bereiten will, verschließt, so ist die Arme allerdings verloren und ihr nicht mehr unter dieselben zu greifen. Ich möchte das Verhältniß der europäischen Staaten zum türkischen Reich mit dem der Theaterdirektoren zu dem Bühnendichter vergleichen: jeder will ein Stück von ihm haben. Werden die Türken diesem Ansturm wieder und immer widerstehen? Das ist die eigentliche orientalische Frage.</p><p>Um so ausfallender ist die Sorglosigkeit des Sultans. Gestern Abend flanirte ich durch die Stadt. Plötzlich weckten mich Unwohlgerüche aus meinen Träumen, ich war nasenscheinlich nach Pera gelangt. Da kam der Sultan dahergefahren, gefolgt von schlechtgerechneten 70 Frauen, mit <a name="page013"/><a class="pageref">13</a> denen er in das Theater fuhr, wo »die Bastonnade« gegeben wurde. Auf jedem Kutschbock saß ein Eunuche, bereit, Jeden über den Haufen zu verhaften, der es wagen würde, eine der besseren Viertel des Sultans mit einem Selam oder einem ähnlichen zärtlichen Thier zu belästigen. Der Sultan, lang wie eine Winternacht, sah sehr wohl und vergnügt aus und machte den Eindruck, als lebe er wie Allah in Frankreich und sein Staatsschatz sei voll Moses und Mahomeds. Er steckt förmlich seinen Straußenkopf in den Sand, glaubend, nun könne er denselben und seinen Kragen nicht verlieren.</p><p>Die Botschafter versammeln sich täglich. Sechs Sitzungen sind damit ausgefüllt worden, daß sie festzustellen suchten, ob sie eine Konferenz, eine Reunion, ein Kränzchen, einen Kongreß, eine Besprechung, ein Stelldichein, oder nur einen einfachen Stammtisch bilden sollten. Endlich entschieden sie sich für eine Reunion.</p><p>Aus diesen Sitzungen sind etliche Anekdoten zu melden.</p><p>Der deutsche Botschafter wollte eben neben dem Spanier Platz nehmen, als dieser anfing, von den Karolinen zu sprechen. »Nun«, sagte der Deutsche, »beruhigen Sie sich, wir werden uns <i>auseinandersetzen</i>.« Sprach's und setzte sich an die andere Seite des Hufeisens.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Es hatte sich eine Gruppe aus den Botschaftern Serbiens, Griechenlands, Rumäniens und Bulgariens gebildet, es fehlte weder Tutti noch Quanti. Sie pourparlerten sehr eifrig, <a name="page014"/><a class="pageref">14</a> als der türkische Botschafter an sie herantrat und sagte: »Meine Herren, was Sie auch von der Türkei haben wollen, ich bitte um Gerechtigkeit.« Und die Herren antworteten wie aus Einer Lippe: »Selbstverständlich, jedem <tt>Suum</tt> Ihr <tt>Cuique</tt>!« Der Türke zog seinen Roßschweif ein und entfernte sich nachdenklich.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Vor einigen Tagen war Ball im »Goldenen Horn.« Der Sultan tanzte mit nur 87 seiner Frauen den ersten Walzer, da sich etwa 45 mit Migräne hatten entschuldigen lassen. Als eine der Frauen des Sultans dem österreichischen Botschafter besonders gefiel und er ihr sehr auffallend den Hof raspelte, trat der Beherrscher des osmanischen Reiches auf ihn zu und schenkte ihm nach orientalischer Sitte diese Dame. Man denke sich die Verlegenheit des Beschenkten, der verheirathet ist! Es blieb ihm nichts weiter übrig, als sie beim Fortgehen dem Diener, der ihn aus der hohen Pforte herausließ, als Trinkgeld zu geben, er nahm sich aber vor, nie mehr eine der Frauen des Sultans schön zu finden.</p><p>Der Ball verlief sehr glänzend. Die Türken tanzten in prachtvoll gestickten Pantoffeln. Der Saal war mit 155 Rosenöllampen sehr wohlriechend erleuchtet, und es wurde auf echten türkischen Teppichen getanzt. Als der Sultan dem französischen Botschafter nach Tisch einen Roßschweif verlieh, lehnte dieser mit den Worten ab: »<tt>Merci</tt>, mein Pferd hat schon einen.« Tableau.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page015"/><a class="pageref">15</a> In der Frühstückspause der gestrigen Berathung wurde darüber gesprochen, daß man an Stelle Konstantinopels besser eine Stadt in einem neutralen Lande für die Reunion der Botschafter gewählt hätte. »Ja«, sagte der Vertreter Deutschlands, »der Fürst Bismarck wollte Schaffhausen vorschlagen, aber mit Rücksicht auf die kleinen Balkanstaaten unterließ er es.«</p><p>»Und weshalb?« fragten alle Botschafter.</p><p>»Nun«, antwortete der Deutsche, »er glaubte, der Rheinfall wäre ihnen fatal.«</p><p>Alle lachten herzlich, denn Keiner hatte den Scherz verstanden.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Man sieht, daß die politische Ausbeute, wenn auch nicht gleich Null, so doch fast gleich ½ ist. Ich muß mich mit beiden Händen in Geduld fassen. In den nächsten Tagen wird aber die Geschichte in den bekannten Fluß kommen, und es wird sich entscheiden, ob die blutigen Würfel fallen oder steigen werden. Hoffen wollen wir, daß Europa nicht abermals in einen unabsehbaren Mars hineingezogen wird.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap003"><h3>II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir würdigen die Schwierigkeit, wie Sie sie uns schildern. Indem die Konferenz in Konstantinopel nicht von der Stelle rückt, sind Ihnen die Hände gebunden und können Sie mit dem besten Willen nichts machen. Trotzdem bitten wir Sie, uns einen Bericht zu senden, er sei, wie er sei. Der Leser will eine Fortsetzung. Zu einer solchen empfehlen wir Ihnen die Mittheilung weiterer Anekdoten, wie Sie deren einige in Ihrem ersten Bericht erzählt haben.</big></p><p><big>Im Voraus Dank.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 5. November 1885.</p><p>Sie sehen es also ein, und das freut mich baß, den ich ja sonst nicht zu singen pflege. Die Geschichte steht still, ein Vertreter der Großmächte legt dem andern die Hände in den Schooß, oder besser: die Krisis kommt über die <tt>ante portas</tt> nicht hinaus, und ich möchte die Balkan- eine Hannibalkanfrage nennen. Der einst so lustig murmelnde Sumpf <a name="page017"/><a class="pageref">17</a> – verzeihen Sie das harte Wort! – stagnirt. Ich komme mir dieser Thatsache gegenüber mit der Feder in der Hand wie der sprichwörtliche Kaiser vor, der da herrscht, wo nichts ist. Ich sehe mich nach Stoff um, aber es ist, so weit das Wasser reicht, kein Strohhalm zu entdecken. Daß die orientalische Krisis einen Haderlaß nöthig hat, das ist gar keine Frage, aber die Großmächte haben doch nicht den Muth, oder auch nicht den Willen, eine orientalische <tt>tabula rasa</tt> herzustellen. Nach der Sachlage zu urtheilen, sind die Großmächte nicht mit dreitausend Pferden in den Augiasstall zu bringen, um in demselben einmal gründlich aufzuräumen. Es fehlt eben an dem nöthigen Herkules, der hartherzig genug ist und der Hydra trotz ihrer flehentlichen Bitten etwas abschlägt und mit ihren hundert Köpfen durch die Wand geht.</p><p>Ich will daher Ihren Wunsch erfüllen und noch einige Anekdoten erzählen, und es soll mich freuen, wenn Sie bei dieser oder jener Ihr Zwerchfell vor Lachen halten.</p><p>Darf ich schließlich Ihnen und Ihrem Expeditionschef eine Anekdote unter sechs Augen erzählen? So hören Sie. Es mochte wohl heute Morgen gewesen sein, als meine Wirthin im tiefsten Nachtgewand bei mir eintrat, mir die Rechnung brachte und mich um die <tt>nervus</tt> Mark <tt>rerum</tt> Pfennig bat, die ich ihr schuldig sei. Da aber mein Portemonnaie nur Porte war, so sagte ich, indem ich einen Achselzucker in meinen Kaffee warf, sie habe die Rechnung <a name="page018"/><a class="pageref">18</a> ohne den Wirth gemacht. »Natürlich«, sagte die Frau, »ich bin ja Wittwe.« Wir lachten, und ich beschloß, Sie um einen Vorschuß von 60 Mark zu bitten, damit ich den Witz morgen nicht wiederholen müßte. Denn ich hasse die Wiederholungen.</p><p>Nun zu unserem Thema.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Konstantinopel</i>, den 4. November 1885.</p><p><tt>W.</tt> Obschon ich in meinem ersten Bericht hoffte, der kranke Mann werde in Fluß kommen, so sehe ich den Leser doch getäuscht. Ich bemerke wohl den Fleck, aber nicht, daß die Geschichte von demselben kommt. Auch heute ist noch Alles beim Alten, und dieser wird, wie ich fürchte, immer älter. Wenn die Großmächte der orientalischen Frage das Garaus geschworen haben, so denken sie noch nicht daran, die zwei Finger, mit denen sie den Eid leisteten, an das Schwert zu legen.</p><p>Diese Pause will ich bis zum Rande damit ausfüllen, daß ich Ihnen noch etliche Konferenzanekdoten erzähle.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der Botschafter des Papstes meinte neulich, man sollte den Papst bitten, wie die Karolinen auch die orientalische Frage zu schlichten. »Das geht nicht«, rief der Deutsche Botschafter, »dann wäre er ja <tt>Hellespontifex maximus</tt>.«</p><p><a name="page019"/><a class="pageref">19</a> Der Päpstliche Botschafter wollte etwas in seinen Bart murmeln, aber er hatte keinen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Vor drei Tagen wurde der Geburtstag des Sultans gefeiert. Alle Botschafter waren eingeladen. Auch die Minister des Großherrn waren erschienen und machten, wie sie mit ihren unterschlagenen goldstrotzenden Beinen den Sultan umgaben, einen glänzenden Eindruck. Die Frauen des Serails überreichten dem Herrscher ein zehnbändiges Album mit ihren 2100 Porträts, während die Eunuchen, mit der Stirn den Boden berührend, das <tt>Salem alek</tt> (Freut euch des Lebens) anstimmten. Den Botschaftern wurde gestattet, in den Albums zu blättern und ihr Urtheil über die Schönheit der Photographirten abzugeben. Leider waren die sämmtlichen Damen verschleiert, weil die Landessitte verbietet, daß ein sterbliches Auge auf ihnen ruht, und da der Photograph wie alle Menschen staubgeboren ist, so mußten sie unter dem Schleier das bekannte freundliche Gesicht machen, als sie photographirt wurden.</p><p>»Nun, wie gefallen sie Ihnen?« fragte der Sultan, die Hand am Schwert, die Botschafter, bereit, jeden über den Charon zu stoßen, der etwa ein Aber, ein <tt>But</tt>, oder ein <tt>Mais</tt> wagen würde.</p><p>Die Botschafter fanden alle berückend schön und retteten so ihr Leben, froh, mit nacktem blauem Auge davonzukommen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page020"/><a class="pageref">20</a> Der Russische Botschafter hatte gestern eine Audienz bei dem Sultan, und bei dieser Gelegenheit fand ein höchst peinliches Gespräch statt.</p><p>Durchlaucht, sagte der Beherrscher der Gläubigen, sagen Sie Mir doch, weshalb sind Sie so ein Talleyrand und machen aus Ihrer Sprache eine Mördergrube? Ich will um jeden Preis im Hellen tappen! Weshalb schenken Sie Mir keinen reinen Wein ein?</p><p>Nun, ich dachte, gab der Botschafter zurück, die Türken dürften keinen Wein trinken.</p><p>Der Sultan biß sich auf die allerhöchsten Lippen. Am liebsten hätte er den Botschafter des Zaren auf tausend und eine Nacht in's Gefängniß werfen lassen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Die beiden Botschafter von Dänemark und Schweden flanirten gestern Abend an einem Harem vorbei, als aus demselben ein Selam gerade zwischen die Beiden fiel. Alsbald entspann sich zwischen ihnen ein Erisapfel, welcher in Thätlichkeiten auszuarten drohte. Endlich einigten sie sich dahin, daß der Selam als für den Vertreter des größeren der beiden Länder gelten solle, und somit folgte der Schwedische Botschafter hochbeglückt der reizenden Einladung. Aber schon zwei Stunden später flog er aus der Thür des Harems auf die Straße, nachdem ihm im Kümmelblättchen alles Geld abgenommen worden war.</p><p><a name="page021"/><a class="pageref">21</a> Als er sich deshalb bei dem dicken Reis-Efendi beklagte, schwur dieser bei Allem, was im Koran stehe, es sei ihm dies auch schon passirt, man müsse sich sehr in Acht nehmen, einen Selam aufzuheben, da man gewöhnlich einem Giaurenfänger in die Hände falle.</p><p>Man denke sich das Gelächter des Dänischen Botschafters, als ihm der Schwede alles berichtete.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der Schweizer Botschafter, ein Mann in den besten Wittwerjahren, wohnte bei einem Großvezier a. D. und verliebte sich in dessen Tochter Scheherezade, die ihm reizend aus der Luft gegriffene Märchen erzählte und ihn dadurch gefangen nahm. Der Großvezier segnete den Bund, und gestern wurde das Paar in einer Moschee getraut. Als aber der junge Ehemann mit seiner Gattin in das Hotel kam, in welchem er mehrere Zimmer gemiethet hatte, um in Ruhe seine Honigtage zu verleben, fand er daselbst nicht weniger als zehn Schwiegermütter vor, welche erklärten, bei ihm bleiben und ihm die Wirthschaft führen zu wollen. Scheherezade erklärte gleichfalls, sich nicht von den Gattinnen ihres Vaters trennen zu wollen, und erzählte ihrem Gatten ein Märchen, in welchem Jemand, der seine Gattin von ihren Müttern getrennt hatte, zur Strafe in ein Kameel mit drei Roßschweifen verwandelt wurde. Dem armen Botschafter war es, als <a name="page022"/><a class="pageref">22</a> hörte er alle Houris in Mohammeds Paradiese pfeifen, aber was sollte er machen?</p><p>Heute sah ich ihn mit seinen elf Frauen am goldenen Horn spazieren gehen.</p><p>Dies zur Warnung.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap004"><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihre uns durch eine Correspondenzkarte zugehende Mittheilung, daß Sie die Conferenz in Konstantinopel fallen lassen und sich einem anderen politischen Ereignisse zuwenden wollen, hat uns wenig angenehm berührt. Wir bitten Sie daher, nicht eigensinnig zu sein, und den Gegenstand nicht zu verlassen. Wenigstens nicht sobald, wie Sie dies beabsichtigen. Wir wüßten auch nicht, wohin Sie sich augenblicklich wenden wollten, da nichts anderes vorliegt, was Sie nach unserer Meinung zur Berichterstattung reizen könnte.</big></p><p><big>Denn wenn Sie uns ferner mittheilen, daß Sie Birma im Auge hätten und beabsichtigten, <a name="page023"/><a class="pageref">23</a> ausführlich zu beschreiben, wie Sie auf Befehl des Königs Thibo niedergemetzelt worden seien, so können wir dies doch nur als einen verwegenen Scherz auffassen. Wie wollen Sie denn als Niedergemetzelter einen Bericht abfassen? Das Zeitungspublikum scheint uns doch nicht ausschließlich dazu da zu sein, die Münchhauseniaden sensationslustiger Correspondenten zu verdauen!</big></p><p><big>In Erwartung also eines dritten Berichts aus Konstantinopel grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 19. November 1885.</p><p>Sie scheinen gestern – <tt>sub entre nous soit dit</tt> – aus dem linken Bett zuerst aufgestanden zu sein. Denn außersicher habe ich Sie noch nicht gesehen als durch meine Postkarte. Allerdings wollte ich nach Mandalay, um mich gleich nach dem Ausbruch des Krieges zwischen England und Birma auf Befehl Sr. Majestät des Massenmörders Thibo in eine Blutlache verwandeln zu lassen. Natürlich hätte ich Ihnen, nachdem ich meinen letzten Athemzug gesegnet, im <a name="page024"/><a class="pageref">24</a> Namen einer meiner Collegen geschrieben, welcher Ihren Lesern klein wie ein Haar meinen Untergang geschildert haben würde. Ein interessanter Bericht! Man hätte mir ein bedauerndes Kopfschütteln nachgeweint, weil ich in der Blüthe meiner grauen Haare in's Jenseits beißen gemußt. Aber nach kaum acht Tagen wäre ich plötzlich wieder aufgetaucht, um meinen Nekrolog in Abrede zu stellen. Abermals ein interessanter Bericht, den Ihr Leserkreis mit solcher Rührung begrüßt hätte, daß man weit und breit ein thränenleeres Auge wie eine Stecknadel gesucht haben würde. Dieses <tt>desiderium</tt> scheint Ihnen denn doch zu <tt>pium</tt> gewesen zu sein, denn wider Erwarten haben Sie es mir – verzeihen Sie das harte Wort! – nicht gewährt. Meine Achseln können nichts thun, als mitleidig zucken.</p><p>Dem sei nun, wie Sie wollen, aber aus Konstantinopel und der Conferenz schreibe ich Ihnen kein Sterbensberichtchen mehr. Dort passirt nichts. Die Botschafter stehen da wie die Herkulesse zwischen zwei Scheidewegen oder besser: wie die Zündhölzchen zwischen Thür und Angel, weil sie das Bewußtsein haben, daß sie jeden Augenblick auf dem Vulkan, auf dem sie berathen, zu tanzen anfangen können, wenn sie nicht mit der peinlichsten Mutter der Weisheit zu Werke gehen. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß der entscheidende Funken bereits mit Einem Fuß im Pulverfaß steht und daß im nächsten Moment das Faß fühlen kann, wie der Boden unter ihm in's Wanken geräth. So scheuen sie denn vor <a name="page025"/><a class="pageref">25</a> jeder Wand zurück aus Furcht, mit dem Kopf hindurch zu rennen, und wenn sie keine Glacéhandschuhe haben, um etwas mit ihnen anzufassen, so lassen sie eben alles stehen und liegen, wie es geht. Mit einem Wort: sie schlagen lieber zehnmal ein Rad der Zeit, als sie sich entschließen möchten, in die Speichen desselben zu greifen. Dies mag für den europäischen Frieden von Nutzen sein, der sich dadurch genöthigt sieht, ungestört fortzudauern, aber der Berichterstatter kann seine Mühle nur beklagen, da ihr die Conferenz nicht das Wasser reicht, und umsonst sieht er sich selbst nach einem Elephanten um, den er aus einer Mücke machen könnte. Aus diesem kühlen Grunde habe ich beschlossen, Konstantinopel nicht länger rechts liegen zu lassen, sondern mich anderen politischen Ereignissen zuzukehren.</p><p>Aber welchen?</p><p>Hierüber will ich nach und nachdenken, hoffend, irgendwo eine ausgegangene Friedenspfeife, einen gefallenen Würfel zu entdecken, um mich sofort darüber herzumachen. Bis dahin will ich dem Leser keine Ente in die Augen streuen, vielmehr mein Pulver, um es nicht nutzlos zu verschießen, in die Sparflinte thun. Geduld also.</p><p>So sehr die Tafeln der Klio nun auch stillstehen mögen, die fortlaufenden Ausgaben ruhen sich nicht aus. Zu meinen liebsten Ausgaben gehören die fünf Pfennig, die ich für die Posteinzahlungskarte zu bezahlen habe, welche mir der Briefbote mit dem baaren Gelde bringt. Schonen Sie mich also <a name="page026"/><a class="pageref">26</a> nicht, wenn ich Sie hiermit um einen Vorschuß von 50 Mark ersuche. Fast hätte ich gesagt: 40.</p><p><tt>Nachscriptum</tt>. Lupus in Serbien! Bellona aus der Maschine! Eben höre ich, daß Serbien Bulgarien den rothen Hahn auf's Dach erklärt hat. Ich schreibe Ihnen also noch flink aus Sofia oder Nisch.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Sofia</i>, den 18. November 1885.</p><p><tt>W.</tt> Wie eine Lauffama durchflog den Balkan die Nachricht, daß der König Milan das kecke Bulgarien und den Fürsten Alexander mit dem Fehdehandschuh überziehen wolle. Der erste Eindruck war ein schrecklicher. Denn man weiß nur zu gut, daß, zumal im Orient, mit jedem schwarzen Punkt am Horizont eine Lawine aus dem Boden aufsteigen kann, welche dann ganz Europa in Flammen setzt.</p><p>Gestern kam ich hier an und fand im »Seligen Lieutenant«, einer Art Ausspann, ein Unterkommen. Alle besseren Hotels waren überfüllt, Alles war herbeigeeilt, um zu den äußersten Waffen zu greifen und den Nacken der Serben unter den Fuß zu setzen. Die Bulgaren sind – und das ist das Traurige – sehr kampflustig, und so ist wenig Aussicht vorhanden, daß sich das Kriegsbeil wird ohne Weiteres schlichten lassen.</p><p>Der Grund der Kriegserklärung ist bekannt. Die serbischen Truppen hatten keinen Kriegsfuß auf bulgarischen Boden <a name="page027"/><a class="pageref">27</a> gesetzt, und nun verfügte die bulgarische Regierung, die serbischen Soldaten sollten als Räuber behandelt werden. Alsbald spottete die Aufregung in Nisch jeder Beschreibung, da die Serben sich sagten, daß bei den Bulgaren überhaupt nichts zu stehlen sei, die Serben also wie ehrliche Leute behandelt werden müßten. Als Räuber! Das war entsetzlich. Räuber werden entweder zu langwierigem Wasser und Brod verurtheilt, oder um einen Strick kürzer gemacht, höchstens zu lebenslänglichem Pulver und Blei begnadigt. Ich erinnere nur an Fra Diavolo, der, obwohl ein talentvoller Tenorist, doch der Nemesis in die Musketen lief, von Karl Moor zu schweigen, der selbst durch einen Tagelöhner mit elf Kindern nicht zu retten war. Ich habe nichts dagegen, daß man einen wirklichen Räuber auf den nächsten grünen Zweig bringt, aber falsch ist und bleibt es, die Soldaten einer friedlichen Armee, welche nichts als Aufstellung oder eine Position genommen haben, als Räuber zu behandeln. Das ist eine Injurie, die Niemand auf sich sitzen läßt und die selbst ein Kameel abwerfen wird, und ich kann es den Serben nicht verdenken, wenn sie die aufgebrummten Räuber mit scheelen Ohren angehört haben und nun Revanche schnauben.</p><p>Den Fürsten Alexander traf, wie man mir erzählt, die Kriegserklärung, als er gerade mit seinen Ministern <tt>Va banque</tt> spielte, ein Spiel, das im Orient sehr viel hazardirt wird und bei dem die Spieler häufig keinen Kopf und keinen <a name="page028"/><a class="pageref">28</a> Kragen in der Tasche behalten. Der Fürst sei, so wird weiter erzählt, aufgesprungen und habe ausgerufen: »Wenn ich nicht Alexander wäre, so möchte ich wohl Diogenes sein!« Gefragt, was er damit sagen wolle, antwortete er: »Dann würde ich den König Milan mit der Laterne suchen und ihn an dieselbe hängen!« Die Minister verbeugten sich starr, sie sahen ein, daß der Mars zwischen Bulgarien und Serbien in's Rollen kam. Und so siegesgewiß ist der Fürst, daß er ausrief: »Auf nach Nisch!« Man warf ein, daß der Zar ihm dies verbieten könnte. Da lachte er: »Wo Nisch ist, hat der Kaiser sein Recht verloren!«</p><p>Die Sofiaten sind nicht zu halten, und schon in den nächsten Tagen kann der Balkan in hellsten Flammen stehen. Wer wird verhindern, daß die Asche den ganzen Osten ergreift?</p><p>Hoffen wir es.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap005"><h3><a name="page029"/><a class="pageref">29</a> Sansibar.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir haben Sie bereits heute Morgen unter dem Vermerk »Brief folgt« gebeten, die Arbeit nicht auszuführen, von der Sie uns (wie unvorsichtig!) per Correspondenzkarte meldeten. Ihre Idee mißfällt uns nicht nur, sie ist auch eine ziemlich ungeheuerliche: <i>Die Fünfundzwanzig-Minister-Zusammenkunft!</i> Das ist ja geradezu fabelhaft. Wenn Sie beabsichtigen, uns unsterblich zu blamiren, so konnten Sie keinen unpassenderen Plan entwerfen. Sprechen wir nicht weiter davon.</big></p><p><big>Dagegen bitten wir Sie, sich angesichts dieser Zeilen an einen Bericht aus Sansibar zu machen. Die Sansibar-Frage war wochenlang eine brennende und interessirte alle Kreise auf das Lebhafteste. Seien Sie so freundlich, uns den Bericht <a name="page030"/><a class="pageref">30</a> umgehend zu senden, aber bitte! lassen Sie jedes Bombardement und jede Seeschlacht bei Seite. Für derlei Zuthaten ist der Bericht deshalb nicht angethan, weil mittlerweile die präcisesten Nachrichten eintrafen, nach welchen irgend welche Ereignisse wie die angedeuteten völlig ausgeschlossen sind.</big></p><p><big>Um prompte Erledigung unseres Auftrages bitten wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 27. August 1885.</p><p>Wie der Hase, der, gleichsam überglücklich, einen Purzelbaum schießt, wenn ihm die Jagdflinte mitten ins Herz dringt und er schon mit drei Füßen im Grabe steht, so lachte ich laut auf, als ich mit meinen eigenen Augen las, daß Sie von einer Riesen-Minister-Zusammenkunft nichts wissen wollten. Natürlich! Wenn ich Ihnen hätte <i>drei</i> Minister zusammenkünften lassen, dann würden Sie zugegriffen und die Haare auf Ihren Zähnen würden sich nicht gesträubt haben. Nur nichts Ungewöhnliches und nichts Originelles, das ist Ihr Feld- und Wiesengeschrei, und wenn ich, wie ich <a name="page031"/><a class="pageref">31</a> nicht anders kann, das Eisen, so lange es heiß ist, beim Schopf fasse, dann gerathen Sie in den ersten besten Harnisch, hängen meinen sauersten Arbeiten den Papierkorb niedriger und sind gegen das laute Verlangen des Publikums nach Sensationellem von einer Kurzhörigkeit, für welche ich – verzeihen Sie das harte Wort! – keinen Ausdruck finde.</p><p>Es wäre ja nichts leichter gewesen, als über eine Dreiminister-Entrevue zu berichten. Wer könnte das nicht! Drei Minister kommen so häufig zusammen wie die Grazien, aller guten Dinge, Lenaus Zigeuner, die Parzen, Schillers Worte, die Füße der Pythia, oder die Zacken des Neptun. Aber fünf und zwanzig Minister hatte außer mir noch kein Berichterstatter auf dem Tapet zusammenkommen lassen. Es wäre ein förmlicher Ministerauflauf geworden, ein durchlauchtiger Haufen, der gar nicht heller hätte gedacht werden können. Und wieviele Gerüchte konnte man in den bekannten Umlauf setzen, wie manches Thor, wie manche Thür den gewagtesten Combinationen öffnen! Das ist nun Alles nicht mehr möglich. Wahrlich, mit solcher Handlungsweise gegen meine Berichte treffen Sie den Nagel auf dem Sarge, dem ich vor Aerger gar nicht entgehen kann, wenn Sie in dieser Weise fortfahren. Ich bin nun einmal kein Berichterstatter, der sich mit Gewöhnlichem begnügt, geben Sie mir einen Archimedes, und ich hebe den Erdball aus seinen Angeln und Netzen, das Neue und Staunenerweckende ist eben mein Element. Es wäre mir lieb, wenn Sie fortan gegen diese <a name="page032"/><a class="pageref">32</a> meine Worte sich nicht mehr so stock- und steintaub stellten wie bisher, mit einem Wort: Unarten Sie nicht aus!</p><p>Trotz alledem will ich Ihnen beweisen, daß ich mich nicht wie Shylock auf ein Pfund Fleisch stelle. Einliegend sende ich Ihnen Sansibar, obschon ich leider keine Ahnung von den Differenzen habe, welche aus Sansibar eine brennende Frage machten. Ich glaube aber, mit diesem Bericht unseren Lesern geleistet zu haben, was ich ihnen an den Augen abschreiben konnte. Ohne Zweifel habe ich einen befriedigenden Abschluß herbeigeführt, jedenfalls gefällt er mir besser, als er von anderen Zeitungen gemeldet wird. Ich hoffe deshalb, daß Ihr werther Rothstift das unveränderte <tt>verbotenus</tt> nicht stören wird.</p><p>Ich bin in der übelsten Laune, ich sehne mich nach einem Bauch, den ich vor Lachen halten muß, nach einem vollen Halse, aus dem ich lachen kann. Umsonst! Doch halt! man sagt, baar Geld lache. Senden Sie mir, vielleicht hilft es etwas, einen Vorschuß von 60 Mark, ich werde den Sechser für die Einzahlungskarte mit Vergnügen opfern.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Küste von Sansibar</i>, den 11. August1885.</p><p><tt>W.</tt><i>An Bord des Störsch</i>. Die Fahrt durch den indischen Ocean war herrlich. Unabsehbar zog der schwarze schmale Aequator an unseren Blicken vorüber, während er ununterbrochen die Erdkugel in zwei gleiche Hälften theilte. Ich lag <a name="page033"/><a class="pageref">33</a> tagüber auf dem Verdeck ausgestreckt, da mich die Seekrankheit um keinen Preis kriegen sollte und mich denn auch wirklich nicht bekommen hat. So verbrachte ich eine geraume Zeit der Fahrt und ließ mir den Zenith in den Hals scheinen. Wir hatten prächtiges Wetter, nur dann und wann schüttelten die Cyklonen unsere Fregatte, und dann fiel uns allerdings das Herz in die Wasserhosen, die über Bord dahin brausten. Die Nächte waren von furchtbar schöner Romantik. Das Geheul der Seehunde klang schaudervoll zu uns herüber, während Schwärme von fliegenden Fischen die kühle Luft durchschnitten und die Walrosse wieherten. Und über uns blickten Millionen Sterne durch die Nacht und drehte sich der Steinbock im ewigen Wendekreis um seine eigene Achse.</p><p>An Bord war Alles voll Kampfeslust. Jeder war überzeugt, daß <i>Said Bargasch</i> (sprich: Said Bargasch) – so heißt der Sultan von Sansibar – weniger an den Ernst als an den Spaß der Situation glauben würde und nicht daran denken würde, klein, wie wir ihn sonst kriegen mußten, beizugeben. Denn man wußte sehr wohl, daß er sich niemals die Hinterbeine in den Kopf gesetzt hätte, wenn er nicht glauben dürfte, von England unterstützt zu werden. Da hatte nun allerdings der schwarze Herrscher den Sand, den ihm England in die Augen gestreut, dazu benutzt, um darauf zu bauen, und bald sollte er denn auch zu seinem Schaden einsehen, daß er an dem Stich, in welchem er gelassen war, zu Grunde gehen mußte.</p><p><a name="page034"/><a class="pageref">34</a> Pünktlich trafen wir bei dem ostafrikanischen Geschwader ein und legten uns vor Anker. Durch unsere Nah- und Fernrohre konnten wir die langgestreckte Küste von Sansibar überschauen. Wir bemerkten einen lebhaften Sklavenhandel und viele Elephanten, ohne deren Zähne die Sansibariten nichts zu beißen hätten. An der Küste lag auch, hinter Rosen und Gewürznelken versteckt, der prächtige Palast des Sultans.</p><p>Am nächsten Morgen – Helios hatte eben den ersten Hahnenschrei vernehmen lassen – wurden alle Drehthürme scharf geladen. Die Kanonen gähnten, als hätten sie nicht ausgeschlafen, in die Küste hinein, die Mannschaften spannten die Zündnadel, bereit, jeden Augenblick den Angriff zu beginnen. Vom Ufer herüber hörten wir Rache, Hülfe <tt>et cetera</tt> Mordio schreien, während unsere Schiffsmannschaft die Wacht am Aequator anstimmte. »Nach Berlin!« vernahmen wir die wahnsinnigen Eingeborenen drüben rufen, und wir antworteten mit einem Gelächter, welches nicht auszulöschen war.</p><p>Plötzlich erschien an der Pforte seines Palastes der Sultan im vollen Waffenschmuck, sonst aber nackt, wie ihn der Storch geschaffen hatte. Er war umgeben von seinem Generalstab, gleichfalls in Paradenacktheit, und so bewegte sich der Zug zum Ufer, wo unser Geschwader ankerte.</p><p>Hier wehte der Sultan mit dem einzigen Kleidungsstück, welches er trug: mit dem Taschentuch, dann zog er die <a name="page035"/><a class="pageref">35</a> Krone und rief: »Deutsche! Ergebt Euch! Es ist kein Entrinnen möglich!«</p><p>»Feuer!« rief da unser Kommodore Paschen und zündete sich, als das Feuer gebracht wurde, eine Cigarre an.</p><p>Da geschah das Unerwartete. Der Sultan und seine Suite sprangen in ein bereit liegendes Boot, und nach etlichen Minuten bestiegen sie unser Schiff und streckten die Lanzen.</p><p>Wir standen einen historischen Moment wie betäubt. Dann eilte der Sultan von Sansibar auf einen kleinen Tisch zu und setzte seinen Namen unter den daliegenden Friedensvertrag. »Nur nicht nach Wilhelmshöhe!« bat er nur noch.</p><p>Dies wurde ihm gewährt, während unsere Schiffsmannschaft in ein Hurrah! ausbrach, daß die Wellen erdröhnten.</p><p>In der That, eine rasche und befriedigende Lösung!</p><p>Morgen verlassen wir die Gewässer von Sansibar und jubeln heimwärts.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap006"><h3><a name="page036"/><a class="pageref">36</a> Die Zusammenkunft der drei Kaiser.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit Bedauern haben wir bis jetzt vergeblich auf Ihre sensationellen Mittheilungen aus Skierniewice, auf Anekdoten, Indiscretionen, Vermuthungen, Gerüchte und ähnliche Kleinigkeiten aus den Tagen der Kaiserbegegnung gewartet. Den einzigen Bericht, den Sie uns sandten, haben wir aus dem einfachen Grund nicht zum Abdruck gebracht, weil Sie sich darauf beschränkten, die Gespräche mitzutheilen, welche die drei Kaiser unter sechs Augen mit einander führten. Derlei liest sich, als seien Sie dabei gewesen und als hätten die hohen Herren kein Geheimniß vor Ihnen gehabt. Selbstverständlich kommen Ihnen dabei die merkwürdigsten politischen Enthüllungen in die Feder, Enthüllungen z. B. über beabsichtigte <a name="page037"/><a class="pageref">37</a> Kriege und Veränderungen der Landkarte, die geradezu fabelhaft sind: Krieg gegen Amerika, Theilung Englands und der Schweiz und ähnliche Phantasiegebilde. Unmöglich! Das ist doch zu sensationell.</big></p><p><big>Senden Sie uns die gewünschten Anekdoten und seien Sie gegrüßt</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 1. October 1884.</p><p>Mein schöner Bericht! Sie behandeln mich wirklich, als wäre mir ein <i>gelber</i> Schnabel gewachsen und als neigte sich meine Berichterstatter-Laufbahn ihrem Anfang. Es fällt Ihnen nicht ein, daß keiner meiner sämmtlichen Collegen, welche in Skierniewice waren, so wenig wie ich, Ihre ergebene Wenigkeit, einen Platz in der Mitte der drei Kaiser hatte, als dieselben sich unterhielten. Und nun lesen Sie ihre Berichte in den Zeitungen, angefüllt mit Enten, die sich gegenseitig auf die Hacken treten! Meine Collegen konnten natürlich nur vermuthen, denn über das, was beschlossen wurde, haben die Kaiser und Minister selbstredend geschwiegen. So waren sie Alle denn darauf angewiesen, die Köpfe <a name="page038"/><a class="pageref">38</a> zusammenzustecken und sie sich zu zerbrechen, und sie hatten alle Hände voll zu thun, um aus den Fingern derselben das nöthige <tt>on dit</tt> zu saugen. Wie konnte es auch anders sein? Sie konnten nur das Schweigen der Minister beobachten, denn Graf Kalnoky hielt den Mund des Herrn von Giers, und Fürst Bismarck drehte erst jedes Wort dreimal im Munde herum, bevor er es nicht laut werden ließ. Die Diplomaten haben eben, wie Talleyrand sagt, die Sprache bekommen, um ihre Gedanken zu verbergen, und es fragt sich jetzt, welchen Gedanken Talleyrand mit diesen Worten verborgen hat. Kurz, es hat den Berichterstattern nichts genützt, daß sie ihre Ohren spitzten, dieselben blieben stumpf, und Alles, was sie veröffentlichten, war – verzeihen Sie das harte Wort! – Combination.</p><p>Anstatt aber meiner Gerechtigkeit in diesen und ähnlichen Sätteln zu vertrauen, scheinen Sie zu glauben, ich sei vom Scheitel bis zum Wirbel ein Aufschneidergeselle, ein Mißgethüm, ein Journalist, welcher jeden Tag in denselben hineinschreibt, ein Männchen, welcher nur solche macht. Das ist aber ein <tt>Errare</tt>, der schon nicht mehr <tt>humanum</tt> ist, und ich muß, so leid es Ihnen thut, gegen solche Meinung protestiren. Ich kann den Staar, in welchem Sie befangen sind, nur bedauern, daß ich Ihnen denselben stechen mußte. Er mag sich bei Ihnen bedanken!</p><p>Einliegend sende ich Ihnen eine Anzahl Anekdoten, damit Sie sehen, daß ich Ihnen selbst das Schwerste nicht <a name="page039"/><a class="pageref">39</a> nachtrage. Wollen auch Sie den ganzen Zwischenfall mit Schweigen übergehen, so senden Sie mir, da Schweigen Gold ist, höchstens 3, sagen wir: 4 Zwanzigmarkstücke als Vorschuß, dann weiß ich, daß zwischen uns der <tt>Status quo</tt> wieder <tt>ante</tt> ist.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Skierniewice</i>, den 26. September 1884.</p><p><tt>W.</tt> Skierniewice (sprich: Skierniewice) gehört der Klio an. Nun ist das Städtchen wieder still geworden, so daß man kaum hören kann, daß es 5000 Einwohner zählt und etwas mehr als eine Dampfroßstunde von dem geräuschvollen Warschau entfernt liegt. Das Schloß, in welchem sich die drei Souveräne die Hände geschüttelt haben und dessen Mauern sich unter der Last der an ihnen hängenden Augäpfel der ganzen Welt beugten, ist in das Grün des prächtigen Parkes zurückgesunken, und seine Teppiche dämpfen keine Sohle der Staatsmänner mehr, die auf ihnen dahinschritten. Nun ist – und diese Ansicht ist allgemein verbreitet – Skierniewice wieder Skierniewice.</p><p>Heute will ich einige Erinnerungen aus den glänzenden jüngsten Tagen in kurzen Anekdoten, die in Aller Mund sind, aus demselben befreien und allgemein bekannt machen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Als der Zar eintraf, fragte ihn der ihn begleitende Graf Rostoptschin, ob er die Volksmassen, welche ihn erwarteten, vertilgen solle.</p><p><a name="page040"/><a class="pageref">40</a> O nein, erwiederte milde der Zar, es ist uns im Gegentheil sehr angenehm, wenn es so voll ist, daß keine Bombe zur Erde fallen kann.</p><p>Und die Luft erbebte von den brausenden Viväterchen der Volksmenge.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Sehr interessant war die erste Begegnung der drei Minister. Wenn auch Rußland mit uns auf einem leidlich thönernen Fuß steht, wenn Deutschland auch das Vertrauen verdient, welches man ihm vorenthält, und wenn Oesterreich sich auch dem neuen Bund nur mit Vordergedanken anschließt, so näherten sich die Minister doch noch mit jener Mutter, welche die Weisheit unter ihrem Herzen getragen hat. Als also die erste Begegnung stattfand, sagte Fürst Bismarck Nichts. Ihm antwortete Graf Kalnoky mit einem haustiefen Schweigen, das von v. Giers nur dadurch unterbrochen wurde, daß er kein Wort verlor.</p><p>In dieser Weise unterhielten sie sich längere Zeit sehr lebhaft.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Fürst Bismarck war in der besten Laune. Nach der Parade über die beiden Bataillone trat er auf den Führer derselben zu, drückte ihm die Hand an den Czako und sagte: Gurko, Sie sind der beste Salat.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page041"/><a class="pageref">41</a> In sehr liebenswürdiger Weise hatten sich mehrere Könige bereit erklärt, sich schleunigst als Kaiser krönen zu lassen, falls die drei Kaiser wünschen sollten, in größerer Gesellschaft zu sein. Das Anerbieten wurde indeß in höflicher Form abgelehnt. Auch der Prinz Napoleon wollte sich unter dem Titel Napoleon V. auf eigene Kosten die Kaiserkrone aufsetzen und nach Skierniewice kommen. Man sagte aber, daß sein Brief wegen ungenügender Frankatur gar nicht angenommen worden ist.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Auf der Jagd am 16. September kam es zu einem interessanten Etikettenstreit. Es zeigte sich plötzlich ein prachtvoller etwa Sechszehnender. Welche der drei Großmächte sollte ihn erlegen? In einem Ministerrath wurde nun beschlossen, daß die drei Minister gleichzeitig schießen sollten. Gesagt, geknallt, und da lag der Sechszehnender mit einem von drei Kugeln herbeigeführten Ende mehr. Eine so hohe Ehre war bis dahin wohl noch keinem Hirsch bereitet worden.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Die drei Minister beriethen über die Abrüstung: von Giers war dagegen, Fürst Bismarck wollte nicht, und Graf Kalnoky hielt die Sache für verfrüht. Nun sollten die Würfel entscheiden. Sie wurden in einem goldenen Becher gebracht. Jeder Minister warf 18, worauf die drei Herren ein Stündchen zur Tagesordnung übergingen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page042"/><a class="pageref">42</a> Als der Zar an einem der zwei Dreikaisertage eine Ausfahrt machte, warf sich ihm Yelva, eine russische Waise, zu Füßen und bat um Gnade für ihren Vater, der zu lebenslänglichem Sibirien verurtheilt war. Derlei Bitten waren zwar streng verboten, doch sagte der Zar, sie solle ihr Anliegen schriftlich einreichen. Da Yelva nicht schreiben kann, so befahl der Zar, sie solle es lernen und schenkte ihr das Geld zu Feder und Dinte. Dann fuhr er davon, indem er mit seinem herrlichen Bariton sein Lied sang: »O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!« Dem Wagen folgte ein betäubendes Hurrahgeschrei seiner Unterthanen, die in Massen herbeigeströmt waren, unter ihnen viele Finnen und Lappen, die stundenlang, von zahlreichen Kalmücken belästigt, dastanden, um vor ihrem Landesväterchen in den Staub zu jubeln.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Die drei Minister trafen sich bei dem Photographen, der sie fragte, wie sie mit der Aufnahme in Skierniewice zufrieden seien. »Das werden wir wissen, wenn die Bilder fertig sind,« antworteten die Lenker der drei Geschicke Europas. Als dann der Photograph zu dem Grafen Kalnoky sagte, er möge ein freundliches Gesicht machen, sah dieser den Fürsten Bismarck an, und sofort machte er eins. Eine neue Garantie für das gute Einvernehmen beider Völker.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page043"/><a class="pageref">43</a> Der Zar scheint sehr philosophisch gebildet zu sein. Einmal äußerte er: »Wir sind Wir, sagt Fichte.«</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Das Theater ist klein, es haben etwa 200 Personen Platz. Ich war einer der Wenigen, die bezahlt hatten. Das Publikum war das edelste der Welt. Da war Niemand, der nicht mehrere hundert Ahnen hinter sich hatte. Das Ganze war ein Urwald von Stammbäumen. Dargestellt wurde ein russisches, in's Deutsche übersetztes Ballet. In einer Loge sah ich den Prinzen Demetrius, der mehreren Hofdamen das Süßholz schnitt. Die Massen von Diamanten, mit welchen die echten, in Rußland gefangenen Zobelpelze bedeckt waren, füllten die colossalste Augenweide, die ich je gesehen habe.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap007"><h3><a name="page044"/><a class="pageref">44</a> Die Kongo-Konferenz.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Besten Dank! Sie denken eben an Alles. Wir halten es für eine gute Idee von Ihnen, die Kongo-Konferenz-Berichte zu schreiben. Allerdings hatten wir beschlossen, uns mit der Scheere zu helfen, speciell in der Erwägung, daß die Presse von den Berathungen der Diplomaten ausgeschlossen sein und sich deshalb gezwungen sehen würde, sich auf Gerüchte, Muthmaßungen, Combinationen und Erdichtungen zu beschränken. Sie können sich indeß leicht denken, mit welchem Vergnügen und welcher Bereitwilligkeit wir Ihre Originalberichte vorziehen. Seien Sie nur so freundlich, recht bald mit denselben zu beginnen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page045"/><a class="pageref">45</a><i> Bernau</i>, 6. November 1884.</p><p>Ich würde mich vor Lachen mit dem Bade ausgeschüttet haben, wenn Sie mein Anerbieten zurückgewiesen hätten. Und ich habe es, aufrichtig geschrieben, erwartet. Denn wo Sie in letzter Zeit einen Streich auftreiben konnten, da haben Sie ihn mir gespielt und mich so behandelt, daß ich mir wie das Stiefbrödel Ihres geschätzten Blattes vorkam. So haben Sie z. B. meinem Preußisch-Braunschweigischen Bruderkrieg einen jähen Papierkorb bereitet, obschon ich nicht einen einzigen Tropfen Blutes in Strömen fließen oder einen Schuß zwischen den beiden Bundesländern auch nur andeutungsweise fallen ließ. Hatte ich Ihnen etwa ein Scharmützel geliefert? Hatte ich Ihnen gemeldet, daß man in Braunschweig »Nach Berlin!« schrie? Nichts von alledem! Ich hatte nur mit der Gewissenhaftigkeit einer journalistischen Schildwache auf und ab geschildert, wie die Verhältnisse zwischen Preußen und Braunschweig lagen, wie sich dort unter den Füßen der Tänzer ein Vulkan bildete und wie an dem vorhandenen Pulverfaß schon Lunte gerochen wurde. Das war doch wahrlich nicht so gewagt, daß Sie es wie Tropfen auf einem heißen Stein stillschweigend verschwinden lassen mußten. Der Herzog von Cumberland schickte sich an, den Purpur zu besteigen, als ihm, wenigstens nach seiner Auffassung, von Seiten Preußens der Handschuh vor der Nase zugeworfen wurde. Er fühlte, daß er ein Hin- und <a name="page046"/><a class="pageref">46</a> Herzog geworden war, er hatte sich statt auf den Thron zwischen zwei Stühle gesetzt, sein Gesandter, Herr von Grote, war zwar nach Berlin gekommen, aber unverrichteter Audienz wieder abgezogen. Sein Patent war im kaiserlichen Vorzimmer niedergelegt, und des Herzogs Herrschertraum war entschwunden: ein Landesvater <tt>morgana</tt>. Er mußte sich sagen: Du hast den Thron abwärts bestiegen, und konnte nichts thun, als sein Gmunden halten. Aber konnte er nicht auch anders sprechen und handeln?</p><p>Ohne Zweifel! Er konnte sich entschließen, seine Hinterbeine nicht in den Schooß zu legen, sondern wie Shylock zu sagen: Ich stehe hier auf meinem Pfund Fleisch! Er konnte seinen getreuen Rathgeber Windthorst, diese auf Alles gefaßte Perle, um sich versammeln und Preußen zurufen: Ich will Dir zeigen, was ein <tt>Quos ego</tt> ist. Und dann standen plötzlich die <tt>Lupusse</tt>, die Welfen, wieder <tt>in fabula</tt>, und die Ruhe des Reiches war – verzeihen Sie das harte Wort! – in Frage gestellt. Denn daß das Ausland stets nur auf der Suche nach einem Bein sich befindet, um uns ein solches zu stellen, das ist doch keine Frage, und die herzogliche Hand, welche sich vergeblich nach der Krone Braunschweigs ausstreckte, war ein solches Bein. Wollen Sie mir dies Bein etwa in Abrede stellen?</p><p>Dies erwägend, schrieb ich meinen Bericht, den Sie mit der denkbar <tt>brevisten manu</tt> in den Papierkorb warfen! Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll und schweige daher. <a name="page047"/><a class="pageref">47</a> Dem Gekränkten ist Schweigen Bedürfniß, und da Schweigen Gold ist, so bitte ich Sie um einen Vorschuß von sechs Kronen. Hoffentlich mit mehr Erfolg als der Exzog von Cumberland.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Berlin</i>, den 7. November 1884.</p><p><tt>W.</tt> Seit das Wasser des Riesenstromes Kongo im Munde aller europäischen Völker zusammenläuft, ist es auch das Bestreben derselben gewesen, an den Küstenstrecken einen Fuß zu fassen, dessen Festigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Von der Küste bis in das 7200 Kilometer entfernt schlagende Herz von Afrika hinein, – so rechnet bekanntlich Stanley, – ist das Land reich mit Produkten und ähnlichen Erzeugnissen gesegnet, und jede Großmacht will voll ausgehen. Das Elephantenmaul bietet alljährlich eine üppige Elfenbeinerndte, der Ackerbauer braucht die wogenden Zähne des Dickhäuters nur einzuheimsen. Kupfer und Eisen, Gewürze, Wachs und Gummi sind in einer Masse vorhanden, von der der Volksmund sagt, sie müsse es bringen. Ist es zu verwundern, daß nach einem solchen Wunderland Jeder die Augen ausstreckt?</p><p>Hier nun war zu befürchten, daß eines Tages die Haare, in welche sich die Großmächte gerathen könnten, Europa über den Kopf wachsen würden, und in weiser Vorsicht lud daher der deutsche Reichskanzler die Vertreter aller Staaten nach Berlin ein, um in einer Konferenz jede Schlange, welche im Grase lauern könnte, in Berathung zu <a name="page048"/><a class="pageref">48</a> ziehen und jeder Eris den Apfel rücksichtslos zu entwinden. Hoffentlich gelingt es.</p><p>Während ich dieses schreibe, naht das Konferenzmitglied von allen Seiten. Alle Staaten sind vertreten. Jeder will etwas von Afrika haben. Selbst der Vertreter von Monaco ist angekommen. Monaco verlangt nur soviel Land, um einen Tisch für seine bekannten beiden Tanten aufstellen zu können. Auch eine Anekdote wird schon von dem Herrn <tt>d'Ecarté</tt> – so heißt der Vertreter von Monaco – erzählt. Als er nämlich seine Karte im Reichskanzlerpalais abgegeben hatte, stellte es sich heraus, daß es Coeurbube war.</p><p>Die blendend schwarzen Vertreter des Kongogebiets sind gleichfalls eingetroffen, meist nackt gekleidet, so daß im Reichskanzlerpalais eine Garderobe eingerichtet werden mußte, in welcher sie angezogen werden. Alles, was sie auf der Straße sehen, setzt sie in Erstaunen. »Komischer Elephant!« sagte der Vertreter von Kamerun, als er ein Reitpferd sah. Und als der Gesandte von Klein-Popo in dem Glauben, auch hier treibe man noch Tauschhandel, in einem Magazin unter den Linden ein Kistchen Cigarren mit einem Tigerfell bezahlen wollte und ihm dies der Berliner nicht wechseln konnte, gerieth er in solche Außersicherheit, daß er selbst von einem Schutzmann kaum wieder zu beruhigen war.</p><p>Ich komme nun zu den Verhandlungen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap008"><h3><a name="page049"/><a class="pageref">49</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir begreifen wirklich den Eifer nicht, welchen Sie in der Aufstellung von immer neuen Erben des Braunschweigischen Thrones entwickeln. Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie diesen Gegenstand verließen und dafür die Berichte über die Kongo-Konferenz fortsetzten. Weshalb machen Sie sich so viele Sorge wegen einer sich jedenfalls sehr natürlich entwickelnden Frage? In Briefen und auf Correspondenzkarten überschütten Sie uns mit Nachfolgern des seligen Herzogs, so daß wir deren schon 35 zählen, und Sie lassen es auch nicht an Vorschlägen fehlen, wie das Land anderweitig an den Mann zu bringen sei, und schlagen u. A. vor, Braunschweig demjenigen Fürsten zu überlassen, »welcher die wenigsten Steuern bietet.« Das ist ein <a name="page050"/><a class="pageref">50</a> unfruchtbares Suchen. Nochmals: Wenden Sie sich wieder der Kongo-Konferenz zu, die doch den Vorzug hat, die Leser zu interessiren.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 20. November 1884.</p><p>Sie haben mich in Ihrem jüngstgeschätzten Schreiben wieder derart auf den Fuß getreten, daß ich froh sein mußte, mit blauem Hühnerauge davongekommen zu sein. Sie stellen mein Licht, mit dem ich einen Braunschweigischen mehr oder weniger Großherzog suche, geradezu über den Scheffel und ziehen es in das beliebte Lächerliche. Mit Unrecht. Ich sehe einen Thronsessel ungemein leer stehen und suche ihn zu füllen. Das ist des Berichterstatters erste Pflicht, und Sie werden auch keine Zeitungsspalte öffnen, ohne daß Ihnen ein neuer Thronfolger wie ein <tt>Grand-Duc ex machina</tt> daraus entgegenspringt. Kann es denn anders sein? Die Braunschweiger haben den Landesvater verloren, es sind Waisen, die nicht einmal etwas geerbt haben. Und von der Suppe, die ihnen der Herzog da eingebrockt hat, können sie doch nicht leben. Wahrlich, Sie scheinen nicht zu wissen, was es heißt, Bürger eines Landes zu sein, das <a name="page051"/><a class="pageref">51</a> keinen Vater hat, der für das tägliche Scepter sorgt und ihre Blöße mit dem Purpur bedeckt. Ein solcher Zustand ist beklagenswerth und unhaltbar, wenigstens – verzeihen Sie das harte Wort! – auf die Dauer. Da hat es Eile, ihnen einen neuen Landesvater oder, wenn nicht einen solchen, so doch wenigstens einen Landesjunggesellen zu geben. Ein Landescurator, wie Braunschweig ihn jetzt in dem Regentschaftsrath besitzt, ist doch nur ein vielköpfiger Nothnagel, an den sich ein Volk unmöglich hängen kann.</p><p>Nach meinem Dafür- und Dawiderhalten ist aber ein leer stehender Thron auch etwas recht Gefährliches, denn er erweckt in Jedem, dem der Storch an der Wiege den Landesvater vorgesungen hat und der in Folge dessen auf einen grünen Herrscherzweig zu kommen sucht, das Begehren, ihn zu besteigen. Ich kann es Keinem übelnehmen. Denn es muß herrlich sein, Morgens gleich nach dem ersten Frühstück die Zügel der Regierung zu ergreifen, während des größten Theils des Tages das Staatsschiff durch directes und indirectes Steuern an den Klippen der Zeitströmung vorüberzulenken und Abends, wenn man den Schlafpurpur anzieht und die Stiefel vor die Thür des Thronsaals stellt, sein Haupt wie der Graf Eberhard im Bart in alle Schichten der Bevölkerung legen zu können. Und die Macht als solche hat doch auch etwas Verlockendes. Wie stolz muß der Gedanke machen, daß man Jedem, der uns Gesichter schneiden will, die Scheere confisciren, Jeden, der uns an den Kragen <a name="page052"/><a class="pageref">52</a> des Hermelins will, zwingen lassen kann, die Faust im Sack und in der Asche zu ballen. Diese Macht zu erlangen, werden sich immer Fürsten finden, welche kalt stehen und sich für einen vakanten Thron erwärmen und die es sich in den Kopf setzen, diesen mit einer Krone zu schmücken. Die Folgen sind nicht abzusehen, und eher, als man glaubt, steht der Bürgermars vor der Thür des weitgeöffneten Janustempels.</p><p>Unter solchen Betrachtungen habe ich wie der griechische Tonnendenker in allen Ecken und Winkeln nach einem Manne gesucht, welcher mir geeignet erschien, Braunschweigs Thron auf seine Schultern zu nehmen. Und Sie warfen mir die passendsten Prätendenten massenhaft in den Papierkorb!</p><p>Nun wende ich mich allerdings wieder zur Kongo-Konferenz, die ich übrigens, beiläufig bemerkt, bald zu schließen gedenke. Ich habe mir von derselben zwar viel Interessantes versprochen, aber ich glaube, sie hält mein Versprechen nicht.</p><p>Und wie viel Vorschuß ich wünsche? Sie nehmen mir das Wort vom Munde. Senden Sie mir gefälligst 40 Mark, bescheidener können Sie doch wohl nicht sein.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Berlin</i>, den 19. November 1884.</p><p><tt>W.</tt> Als ich in der Stunde der Eröffnung der Kongo-Konferenz in der Wilhelmstraße und zwar im Gehrock – so hatte der Fürst Bismarck auch für die im Wagen Erscheinenden verfügt – erschien, war die Straße – meine <a name="page053"/><a class="pageref">53</a> Uhr schlug 2 Uhr Nachmittags – gedrängt leer. Nur vor dem Reichskanzlerpalais hatten viele Neugierige derart einen Posto gefaßt, daß sie ihn trotz der kalten Witterung nicht losließen. Allmälig rollten die Vertreter der beiden Halbkugeln heran. Keine Uniform wurde laut, nur die Orden kündeten aus voller Brust an, daß sich hier die Großen und Auserlesenen in Hufeisenform zusammenfanden.</p><p>Die Herren begaben sich in den historischen Saal, in welchem im Jahre 1878 der Kongreß abgehalten wurde, einen dauernden Frieden zwischen Rußland und der Türkei herzustellen.</p><p>Noch vor dem Beginn der Sitzung zeigte sich der Fürst Reichskanzler als der Staatsmann, dem unter den Diplomaten dieses Planeten der erste Platz gebührt. »Meine Herren«, sagte er klingelnd, »setzen Sie sich nach dem französischen Alphabet«. Und nun rief er: »<tt>Abyssinie! Achanties! Afghanistan! Afrique! Albanie! Alger!</tt>« und kein »Hier!« ertönte, denn diese Länder waren einfach nicht eingeladen. Nun rief er weiter nach dem Alphabet: »<tt>Allemagne!</tt>« und setzte mit seinem Lächeln hinzu: »<tt>Me voilà!</tt>« und so war er denn der Erste. Und Ausrufe der Bewunderung entrangen sich der Brust aller Anwesenden, und die sonst so stolzen Männer ließen kein Knie ungebeugt.</p><p>Nun setzte man sich. Da gab es denn allerlei zu ordnen. England wollte neben Deutschland sitzen, indem Sir <i>Malet</i> behauptete, er vertrete <tt>Angleterre</tt>, müsse also zwischen <tt>Allemagne</tt> und <tt>Autriche-Hongrie</tt> Platz nehmen. <a name="page054"/><a class="pageref">54</a> Aber der deutsche Reichskanzler befahl, er vertrete <tt>Grande Bretagne</tt> und sitze somit zwischen den zwei Stühlen <tt>France</tt> und <tt>Italie</tt>. Ein reizender Einfall. Rußland wollte keiner der Letzten sein und nicht als <tt>Russie</tt> zwischen <tt>Portugal</tt> und <tt>Suède</tt> sitzen, und Graf <i>Kapnist</i> rief: »Ich vertrete den <tt>Colosse</tt> und zwar den mit thönernen Füßen, also muß ich zwischen <tt>Belguique</tt> und <tt>Danemark</tt> placirt werden!« Aber der Fürst wollte nur groß beigeben und zeigte mit stummem Finger, gegen den es bekanntlich kein Löken giebt, auf den Sessel zwischen Portugal und Schweden, worauf der Russe sich fügte. Selbst Amerika hatte ein Aber, Mr. <i>Kasson</i> wollte sich als <tt>Amérique</tt> neben <tt>Allemagne</tt> setzen. Der Reichskanzler ergriff indeß das englische Wort und sagte: »Sie vertreten die <tt>Etats-unis</tt> und haben Ihren Stuhl also zwischen <tt>Espagne</tt> und <tt>France</tt>.« Der Gesandte verstummte, schwieg und setzte sich, ohne ein Wort zu reden, sprachlos auf den angewiesenen Platz.</p><p>So war denn jedes Einzelnen Wunsch voll und ganz befriedigt, und so wird es hoffentlich auch bis zum Schluß des Kongresses bleiben. In diesem Sinne eröffnete jetzt der Reichskanzler die erste Sitzung mit einer bedeutsamen Rede, die er mit den Worten schloß: »Und nun, meine Herren, eine Bitte betreffs unserer Verhandlungen. Wer von Ihnen einen reinen Mund hat, der halte ihn. Wer Schweigen besitzt, der breche es nicht. Wer sich eines Herzens erfreut, der trage es nicht auf der Zunge!«</p><p><a name="page055"/><a class="pageref">55</a> Es trat dann eine Frühstückspause ein. Neben dem Sitzungssaal befindet sich eine kalte Küche, in welcher die Kongreßmitglieder von den herrlichsten Leckerbissen bedroht waren. Der Fürst Reichskanzler war der liebenswürdigste Wirth, den man sich denken kann. Zu dem englischen Botschafter sagte er: »Greifen Sie zu, Excellenz, die Engländer sind ja bekanntlich große Kongourmands.« Dem Angeredeten blieb vor Lachen fast die Gabel im Putenbraten stecken. Dann reichte der Reichskanzler dem österreichischen Botschafter, Sr. Excellenz dem Grafen <i>Széchényi</i>, eine Schüssel mit den fröhlichen Worten: »Nehmen Sie, <tt>Autriche</tt>, ich weiß ja, <tt>Hongrie</tt> thut weh.« Hierauf schenkte sich der Fürst ein Glas Burgunder ein und sagte zu dem französischen Botschafter, Baron <i>de Courcel:</i> »Wenn der Wein auch sehr stark ist, ich werde das Glas <tt>mores</tt> leeren.« Und er that es, nachdem er mit dem Angeredeten angestoßen hatte.</p><p>Ueber den Fortgang der Verhandlungen in meinen folgenden Berichten.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap009"><h3><a name="page056"/><a class="pageref">56</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihre Konferenzberichte haben, so weit wir dies beurtheilen können, in unserem großen Leserkreis eine sehr freundliche Aufnahme gefunden, da dieselben sehr ausführlich waren und den Eindruck machten, daß Sie persönlich betheiligt waren oder aus bester Quelle schöpften. Es erschien uns daher nicht richtig, daß Sie plötzlich abbrachen und uns einen Artikel schickten, den Sie »<i>Die Spree-Konferenz am Kongo</i>« betitelten und den wir unmöglich abdrucken konnten. Was sollte denn diese merkwürdige Abschweifung eigentlich bedeuten? Sie erzählen dem Publikum von einer Spree-Konferenz, zu welcher die Vertreter der Negerfürsten Afrikas zusammengetreten sind, um über die Maßregeln zu berathen, welche wegen der Kongo-Konferenz zu ergreifen sein werden. Sie machen eine Anzahl schwarzer Staatsmänner namhaft, (»im <a name="page057"/><a class="pageref">57</a> Gehfeigenblatt«, wie Sie sich ausdrücken, um den Gegensatz zum Gehrock festzustellen,) welche in Kamerun »im Reichshäuptlingszelt in Hufeisenform« auf der platten Erde sitzen und höchst ernsthaft darüber debattiren, wie Afrika sich den europäischen Mächten und Amerika gegenüber zu verhalten habe. An die Wahrheit dieser Darstellung auch nur entfernt zu glauben, sind die Leser denn doch nicht naiv genug, das werden Sie bei ruhiger Ueberlegung wohl einsehen.</big></p><p><big>Seien Sie darum so freundlich, sich an das Gegebene zu halten, indem Sie sich ausschließlich mit der Kongo-Konferenz befassen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 4. Dezember 1884.</p><p>Des lieblichen Knaben willen, der am ruhigen Bach gelagert liegt, gebe ich Ihnen Recht. Greifen Sie zu, ich gebe es Ihnen gerne. Wozu auch das Tischtuch zwischen uns, das ja genau genommen nichts verschuldet hat, zerschneiden? Ich will nicht eigensinnig sein, um so weniger, <a name="page058"/><a class="pageref">58</a> als ich überhaupt friedlicher Natur bin, keiner Tänzerin ein Bein krümme, und im Vergleich mit Shylock stets ein Vegetarianer war. So sehr liebe ich meine Mienen denn doch nicht, daß ich auch nur eine einzige verziehe, wenn mir, wie in dem vorliegenden Fall, mit einiger Berechtigung ein Tadel ertheilt wird. Ich sehe ein, daß die von mir am Kongo eröffnete Spree-Konferenz wenig Glauben verdiente. Mit großem Unrecht. Nachdem die nackten Afrikaner die Europäer angezogen haben, kann es ihnen doch Niemand krumm, so muß es ihnen im Gegentheil Jedermann gerade nehmen, wenn sie sich jetzt zusammenthun und empfindliche Rathschläge austheilen. Nichts wäre natürlicher als dies. Von allen Seiten eilte man nach Afrika und schnitt sich ein Stück ab. Portu- und Nachtigal waren die Ersten. Ist Afrika deshalb vogelfrei, weil der deutsche Generalconsul Nachtigal heißt? Jupiter hatte diesmal die Nachtigalmaske gewählt, um die Afrika zu entführen, wie er sich einst der Larve eines Stiers bedient hatte, um Europa zu besitzen und so seiner Lust an Liaisons die Hörner aufzusetzen. Nachtigal kam mit einer Kiste voll Flaggen an, die er überall einpflanzte. Diesen flagranten Besitzergreifungen folgten solche aller anderen Reiche, und eines schönen Tages sah sich ein großer Theil des schwarzen Welttheils von den Fremden auf das Tiefste ergriffen.</p><p>Da lag nichts näher als eine Konferenz, und sofort setzte ich eine solche aus den Vertretern aller Küsten und Kasten Afrikas zusammen und eröffnete sie flugs, damit <a name="page059"/><a class="pageref">59</a> keiner meiner Collegen mir meinen wohlerworbenen Rang ablaufen konnte. Mein wenn nicht blinder, so doch kurzsichtiger Eifer sah aber natürlich wieder einmal nicht, daß Sie schon bereit standen, mir den bekannten Strich, auf dem Sie meine außergewöhnlichen Ideen haben, durch die Rechnung zu machen. Und so habe ich denn einen ganzen Abend damit zugebracht, in den Tag hinein zu schreiben. Also keine Spree-Konferenz am Kongo, sondern nur eine Kongo-Konferenz an der Spree. So sei es denn, aber gerecht ist es gewiß nicht. Das nenne ich eine Göttin der Gerechtigkeit, welche einen zu viel hinter ihre Binde gegossen hat, so daß sie die Sachen nicht mehr nüchtern betrachtet. Ich werde niemals zugeben, daß es Recht ist, für einen Strom eine Konferenz stattfinden zu lassen, sie aber einem andern nicht zu gewähren. Die armen Afrikaner können nun auf gleiches Recht warten, bis sie – verzeihen Sie das harte Wort! – weiß werden!</p><p>Der Winter ist gekommen, das Eis steht in voller Blüthe, überall wogende Schneefelder, und die Zweige beugen sich unter der Last der reifen Flocken. Lustige Krähenlieder wecken das Echo in den Wäldern, und das Murmeln der Schlittenglocken belebt das stille Thal. Unter den glühenden Strahlen des Ofens blicke ich in die Holz- und Kohlenrechnung und träume von dem kommenden Vorschuß, um den ich Sie bitte. Verwirklichen Sie diesen schönen Traum durch Zusendung von 50 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page060"/><a class="pageref">60</a><i> Berlin</i>, den 3. Dezember 1884.</p><p><tt>W.</tt> Ich habe Mancherlei nachzutragen.</p><p>Die dritte Sitzung fand am Sonnabend statt und war sehr stürmisch. Portugal ist unersättlich. Sein Appetit wächst der Konferenz über den Kopf, und wie der Löwe, welcher Blut geleckt hat, nun auf jeder Giraffe, welche sich an der Lagune blicken läßt, einen Ritt machen möchte, bis nichts mehr von ihr übrig ist, so verlangt Portugal täglich mehr. Der Marquis <i>de Penafiel</i> behauptete, die Portugiesen seien zuerst in Afrika gewesen, und sie müßten daher das größte Stück bekommen. Die übrigen Konferenzmitglieder murrten, und der Fürst Reichskanzler klingelte, daß er seine eigene Glocke nicht hören konnte. Endlich schaffte er Ruhe und sagte, Portugal käme Allen spanisch vor, es müsse doch wissen, daß Afrika nicht zerstückelt werden, sondern zusammenbleiben und Allen gemeinsam gehören solle. Nun erbat sich der Gesandte das Wort zu einer persönlichen Bemerkung und sagte: »Ich –«. Doch der Reichskanzler unterbrach ihn. »Das ist nicht persönlich,« meinte er, und so war die Tagesordnung erschöpft.</p><p>Nach Schluß der Sitzung begaben sich sämmtliche Mitglieder zu einem ihnen zu Ehren stattfindenden Festmahl, bei welchem Mr. <i>Stanley</i> eine Rede halten wird.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a name="page061"/><a class="pageref">61</a> Am Montag fand keine Sitzung, sondern nur ein Festmahl statt, bei welchem Mr. <i>Stanley</i> sprach.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>In der Versammlung am Montag wurde ein Schreiben des Herzogs von Cumberland verlesen, in welchem derselbe sich darüber beschwerte, daß er bei der Einladung übergangen worden sei, und bitte er daher, ihm als <tt>Gmunden</tt> nachträglich einen Stuhl zwischen <tt>Grande Bretagne</tt> und <tt>Italie</tt> einzuräumen. Darüber lachte Schweden so, daß es beinahe an das neben ihm sitzende Rußland gefallen wäre, und ebenso schüttelte sich <tt>Danemark</tt> derartig vor Gelächter, daß ihm <tt>Espagne</tt>, galant wie immer, den Bauch hielt.</p><p>Nach Schluß der Sitzung fuhren sämmtliche Länder zu einem ihnen zu Ehren stattfindenden Festmahl, bei welchem Mr. <i>Stanley</i> das Wort ergriff.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>In der Dienstagssitzung drehte sich die Debatte um das Nigergebiet, welches Frankreich und England so <tt>beati</tt> sind, als <tt>possidentes</tt> schon längere Zeit zu besitzen. Natürlich sehen sie in jedem auf der Konferenz vertretenen Reich einen Eindringling, obschon sie ja selber Zweidringlinge sind. Hier könnte also möglicherweise ein Rhodus liegen, wo der Tanz losgeht, besonders für die Franzosen, die ja jedem Knotenschürzen nachlaufen, und auch die Engländer scheinen gewillt, <a name="page062"/><a class="pageref">62</a> der Shylockung nicht zu widerstehen, indem sie nicht mit sich reden lassen. Ohne Zweifel wird es aber doch der Klugheit des Fürsten Bismarck gelingen, den Ariadnefaden, der allerdings jetzt noch zu einem gordischen Knoten verwirrt ist, zu finden und mit demselben, ein zweiter Theseus, den Minotaurus des Conflikts zu knebeln. Die Schwierigkeit verkennt er allerdings nicht. Einmal zeigte er auf die Landkarte von Afrika und sagte: »<tt>Hic Niger est!</tt>«</p><p>Dann wurde die Sitzung geschlossen, und die Mitglieder begaben sich in einem glänzenden <tt>corpore</tt> zu einem ihnen zu Ehren arrangirten Festmahl. Als ich dasselbe verließ, sprach Mr. <i>Stanley</i> noch.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap010"><h3><a name="page063"/><a class="pageref">63</a> IV.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr jüngster Bericht hat einen großen Erfolg erzielt. Freilich nicht in der von Ihnen erwarteten Form des Abdrucks, – wir haben ihn, wie Sie wissen, zurückgelegt, – sondern durch den Vortrag am runden Tisch unserer Stammbierhalle. Dahin hatte ihn unser Chefredakteur mitgenommen, dort las er ihn vor und zwar, wie gesagt, unter großer Heiterkeit. Dem Vortrag schloß sich sogar ein Salamander an, den wir Ihrem unerschöpflichen Erfindungstalent gerieben haben. Und allerdings war Ihr Bericht von der Gründung einer Afrikanischen Gesellschaft, an deren Spitze Sie getreten sind, ein höchst burlesker, und es ist recht Schade, daß wir ihn nicht veröffentlichen konnten. Freilich gehört die Gründung einer Afrikanischen Gesellschaft jetzt zu den Lieblingsbeschäftigungen <a name="page064"/><a class="pageref">64</a> sämmtlicher Kolonialpolitiker, wer aber vermöchte zu glauben, daß die von Ihnen in's Leben gerufene ernst gemeint und nicht eine Satire sei? Daß Sie und die Mitglieder Ihrer Gesellschaft mit geschwärzten Gesichtern und Händen antreten, auf Kameelsätteln anstatt auf Stühlen sitzen und aus hohlen Elephantenzähnen trinken, kann doch unmöglich etwas Anderes als eine Parodie sein. Jedenfalls stellen Sie sich die Afrikanischen Gesellschaften sehr merkwürdig vor, obschon dieselben ernste Vereinigungen bilden und die Kolonisirung und die Ausnutzung der Afrikanischen Westküste erzielen.</big></p><p><big>Indem wir Sie ersuchen, uns wieder einen Konferenzbericht zu senden, verbleiben wir</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><i>Bernau</i>, den 23. Dezember 1884.</p><p>Mein Herz ist milde von H bis Z, und ich sage Ihnen daher, daß ich Ihnen das, was Sie thaten, nicht übel deute. Die Zügel thun mir leid, die ich meiner Phantasie schießen ließ, und ich bedaure nicht, daß meine Afrikanische Gesellschaft als todtgeborenes Kind das Licht der Welt <a name="page065"/><a class="pageref">65</a> erblickt hat. Es existiren genug Gesellschaften dieser Art, und es ist ja bekannt, daß jeder Ueberfluß ins Wasser fällt. Nur Eines in Ihrem Benehmen setzt mich – verzeihen Sie das harte Wort! – in Erstaunen: daß Sie meine Afrikanische Gesellschaft komisch fanden. Wenn Sie nach dem bekannten Satz: <tt>Ex ungue leonem</tt> am Clown den Cirkus erkennen, so muß ich Sie doch bitten, in mir keinen solchen zu erblicken, und überhaupt das <tt>dictum compositum</tt> nicht auf mich anzuwenden. Ich bin kein Komiker, der jeden Augenblick einen kitzlichen Punkt macht und dann wartet, bis das Fell des lesenden Zwerchs erschüttert ist. Ich schreibe nicht, um arme Grillen rücksichtslos zu verjagen, ich arbeite nicht, um Trübsalbläsern die Instrumente wegzunehmen. Eine <tt>ultra Posse</tt> zu reißen, bin ich nicht verpflichtet, ich könnte auch mit dem besten Willen keine solche schreiben. Ich war daher wie vom Donner auf das Tiefste gerührt, als Sie mir mittheilten, Sie hätten meinen Bericht in einer lustigen Gesellschaft zum Allerbesten gegeben, die derart ausgelassen wurde, daß sie sogar einen unschuldigen Salamander so lange rieb, bis er in das allgemeine Gelächter einstimmte. Nun, das ist ja recht heiter, aber ich bitte Sie allen Ernstes, mich nicht wieder in dieser Weise bloßzustellen. Ich bin keine Venus. Lassen Sie sich dies nicht zweimal sagen.</p><p>Doch wir wollen uns über derlei Kleinigkeiten keine grauen Haare wachsen lassen, um uns in denselben zu liegen. Schließlich höhlt ja doch der Wermuthstropfen keinen <a name="page066"/><a class="pageref">66</a> Stein, den Sie mir in den Weg legen. Ich sende Ihnen den gewünschten Konferenzbericht und führe damit das Ende der Kongo-Konferenz herbei, weil ich das Weihnachtsfest in Ruhe zu genießen gedenke. Mein Wunschzettel, den ich dem Briefträger gab, ist nur klein: ich wünsche mir ein Zwanzigmarkstück vom Jahre 1876, eines vom Jahre 1881 und vier Fünfmarkscheine. Zahlen Sie getrost diesen Vorschuß in beliebigen Münzen auf der Post ein, der Festbriefbote weiß ja Bescheid und bringt mir zeitig die sechs Gegenstände, welche ich dann an mein Tannenbäumchen hänge. Können Sie sich ein hübscheres Spielzeug für einen reifen Mann denken? O, wie beneide ich Sie um das Glück, einem solchen Manne Strahlen der Freude zu entlocken!</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Berlin</i>, den 24. Dezember 1884.</p><p><tt>W.</tt> Die Kongo-Konferenz muß dem Publikum wie das verschleierte Bild mit sieben Siegeln vorkommen. Die <tt>Sub rosa</tt>, welche über Allem schwebt, scheint undurchdringlich, und oft genug muß der gewissenhafte Berichterstatter glauben, man habe ihm das Trommelfell über die Ohren gezogen, wenn er lauschend keinen Ton aus dem Reichskanzlerpalais laut werden hört. Es ist, als tagten die Diplomaten in einem Schloß, das sie vor dem Munde haben. Ich bin gewiß kein Freund vielen Schwatzens, ja, ich möchte ein Blatt <a name="page067"/><a class="pageref">67</a> »Das Maul« herausgeben, denn ich wünsche, daß dies Jeder hält. Mir ist der freie Lauf schrecklich, den man der Zunge so gerne läßt, und jeder Tag, in den hineingesprochen wird, ist mir verdorben. Aber das Schweigen, welches ich in der Kongo-Konferenz beobachte, ist mir zu tief, das Volk müßte doch den Diplomaten in die Landkarten gucken können und erfahren, wie sie sie verändern. Ist dies wie in diesem Fall nicht möglich, so wird ihm jeden Augenblick eine andere Fama in's Ohr gesetzt, und man sieht weder eine Thür noch ein Thor, welche den falschen Gerüchten nicht geöffnet sind. Und von Allem, was man <tt>haeret</tt>, bleibt schließlich ein <tt>Semper</tt> hängen. Gestern hieß es, die Tage der Kongo-Konferenz seien gezählt, und es hätte sich alsbald bei dieser Gelegenheit ein Bruch ergeben, der dadurch entstanden sei, daß England keinen Schritt zurück oder vorwärts weichen wollte. Heute sagt man, Frankreich lege der Konferenz einen Erisapfel in's Nest, weil es sich bei den Abmachungen für untervortheilt halte. Und morgen wird wohl wieder ein Lauffeuer dem andern die Versicherung zutragen, daß für irgend welche Besorgnisse kein Grund und Boden vorhanden sei und kein Staatsmann dem anderen ein Haar krumm nehme. Das kommt von der Geheimnißkrämerei, die fortwährend den Kußfinger auf den Mund legt.</p><p>Zwar ist ein Blaubuch erschienen, aber ein solches Werk kann weder die Glüh-, noch die Bogendunkelheit verscheuchen. Denn das Blaubuch ist in keiner Leihbibliothek zu haben, und <a name="page068"/><a class="pageref">68</a> die Staatsmänner borgen principiell keine Blaubücher fort. So erfährt denn das Volk über die Verhandlungen nur das, woraus Gott die Welt geschaffen. Das ist doch zu wenig.</p><p>Ich darf Ihnen schmeicheln, gut unterrichtet zu sein, denn mir stehen einige zuverlässige Diplomaten offen, welche mir manchen Wink zu hören geben und bei deren Mittheilungen es mir nicht schwer ist, zwischen den Zähnen zu lesen. So traf ich gestern mit mehreren Mitgliedern der Konferenz zusammen, die ich fragte, wie es ihnen gehe. <i>Danke</i>, antworteten sie wie aus Einem Talleyrand, <i>der Fürst ist sehr munter</i>. Damit deuteten die Herren an, daß unser Reichskanzler Alles durch und durchsetze, was er erreichen wolle, während sie nur groß beigeben und froh sein können, wenn das Auge, mit dem sie davonkommen, zufällig ein blaues ist.</p><p><i>Nachschrift</i> am 24. Dezember. Die Kongo-Konferenz ist geschlossen. Die letzte Sitzung war kurz, aber bedeutsam. Der Reichskanzler eröffnete dieselbe, indem er, wie Goethe, des Blaubuchs zweiten Theil vorlegte. Das Werk wurde von den Gesandten förmlich durchblättert. Unter den Aktenstücken sind in möglichster <tt>Extenso</tt> zu erwähnen:</p><p>1. ein Irade der Pforte, in welchem die Türkei sich bereit erklärt, statt einer afrikanischen Provinz baares Geld zu nehmen.</p><p>2. Ein Ukas Rußlands, durch welches dieser thönerne Coloß ganz Westafrika beansprucht, weil Sibirien überfüllt <a name="page069"/><a class="pageref">69</a> sei und er für seine Verbannten ein Terrain zum Elephantenfang brauche.</p><p>3. Eine Note Portugals, welches Land noch immer behauptet, sich schon vor Jahrhunderten den Kongo gewünscht zu haben, es bitte also darum. (Antwort wird frankirt erbeten.)</p><p>4. Eine Erklärung Englands des Inhalts, daß Afrika den Briten gehöre. Es wird gedroht, daß der Konferenz ein Küstenstrich durch die Rechnung gemacht würde, wenn dem Engländer auch nur ein kleiner Theil der Wüste im Sande verliefe.</p><p>Aber das letzte Aktenstück wirkte wie ein Zieten aus heiterem Busch. Es war ein Schreiben des Reichskanzlers mit der Adresse:</p><table border="2" cellpadding="7" class="true" frame="box" rules="none" summary=""><tr><td align="center" colspan="3"><i>Anbei 3 Kisten mit Flaggen</i></td></tr><tr><td align="center" colspan="3"><i>Herrn <big>Dr. Gustav Nachtigal</big></i></td></tr><tr><td width="20%"><i>frei.</i></td><td/><td align="right" width="35%"><big><i>Afrika W.</i></big></td></tr></table><p>Die Gesandten waren starr. Sie blickten sich ganz perplex an und machten ein Fäustchen, in das sich unser Reichskanzler zu lachen schien, obschon er ganz ernst blieb. Sie sahen ein wenig wie Hühner aus, denen man auf die Augen getreten, und man konnte es ihnen an der Nase <a name="page070"/><a class="pageref">70</a> anmerken, daß ihnen Afrika aus derselben gegangen war. Sprachlos saßen sie da, und diesen Moment benutzte der Reichskanzler, indem er klingelte und sagte: »Da Niemand mehr das Wort verlangt, so schließe ich die Kongoferenz.« Alle verneigten sich und schieden mit einem Hoch auf den Fürsten.</p><p>Der Pluvius fiel in Strömen. Die Staatsmänner rollten mit den Equipagen davon. Die Wilhelmstraße versank wieder in den Gott der Glücklichen. So endete diese historische Thatsache, von der unsere Enkel noch auf den Knieen erzählen werden.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap011"><h3><a name="page071"/><a class="pageref">71</a> Die Hussiten vor Bernau.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sagen Ihnen unsern herzlichsten Dank für Ihren Vorschlag, uns einen Artikel über die Hussiten vor Bernau schreiben zu wollen. Dadurch befreien Sie uns von einer großen Sorge. Vergeblich suchten wir im Conversations-Lexikon erst unter Hussiten, dann unter Koska, zuletzt unter Bernau. Unter Hussiten fanden wir keine Silbe über deren Erscheinen vor Bernau, Koska und Bernau waren überhaupt nicht zu finden, und auch im großen Weber suchten wir vergeblich. Nun hieß es aber in mehreren Blättern, nicht nur Bernau, sondern durch Bernau sei auch Berlin vor nunmehr 450 Jahren einer schrecklichen Gefahr entronnen, indem die Bernauer die Hussiten auf's <a name="page072"/><a class="pageref">72</a> Haupt schlugen, so daß diese Barbaren nicht mehr die Zeit fanden, Berlin dem Erdboden gleich zu machen. Wir mußten uns also beeilen, dies historisch darzustellen; aber wie wir das machen sollten, das wußten wir nicht. Da kommt Ihr werther Brief. Nochmals herzlichen Dank. Senden Sie uns recht bald den versprochenen Artikel.</big></p><p><big>Mit Bezug auf Ihr Verlangen, Ihnen aus dem Aquarium eine Feldschlange zu schicken, da Sie mit derselben sich am Festzuge der Bernauer Bürger betheiligen möchten, machen wir Sie darauf aufmerksam, daß die im Aquarium angekommenen Feldschlangen keine mittelalterlichen Kanonen sind, wie Sie zu glauben scheinen, sondern wirkliche Schlangen, furchtbare Bestien, welche sich im Festzuge wohl nicht gut verwenden ließen.</big></p><p><big>Mit bestem Gruß</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page073"/><a class="pageref">73</a><i> Bernau</i>, den 11. Mai 1882.</p><p>Ich konnte es mir nicht versagen, Ihren werthen letzten Umschlag mit einer gewissen Bangigkeit zu öffnen, weil ich fürchtete, durch Ihre Antwort in einen rasenden Ariost verwandelt zu werden. Denn ich mußte nach früheren Erfahrungen annehmen, daß ich abermals einen Vorschlag in's Wasser gethan und also vergeblich mich bemüht hätte. Noch mehr fürchtete ich, daß Sie meine Idee mit einer Miene acceptiren würden, als wollten Sie sagen: Ein blindes Huhn legt auch einmal ein Ei. Umsomehr freut es mich, daß Sie eingestehen, ich käme Ihnen mal <tt>bon à propos</tt>, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie nachträglich von meinem Artikel sagen werden: Eine Schwalbe macht den Kohl nicht fett.</p><p>Meine Lippen umspielte ein mitleidiges Achselzucken, als ich las, daß Sie sowohl den Brockhaus, als auch den großen Weber bis zur Neige durchblättert hatten, ohne etwas über die Niederlage der Hussiten vor Bernau zu finden. Als sei es eine Kunst, den Heißhunger des Publikums mit abgeschriebenen Spalten zu kühlen! Für mich aber haben Beschreibungen von historischen Ereignissen, über welche sämmtliche gut eingerichteten Brockhäuser nichts enthalten, gerade einen – verzeihen Sie das harte Wort! – großen Reiz. Kein Handbuch leistet mir einen Dienst, wie mein wahrhaft schweinslederner Finger, aus dem ich mir Alles sauge; ja, wenn Leute Ihrer Art Bücherwürmer sind, so bin ich ein</p><p>–^ ^ –^</p><p><a name="page074"/><a class="pageref">74</a> Fingerwurm und werde es bleiben bis an mein Grabesende. So liefere ich Ihnen denn eingeschlossen eine Darstellung der Bernauer Ereignisse im Jahre 1432, wie sie kein Blatt authentischer bringen wird.</p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s075.jpg" width="33%"/></p><p>Gleichzeitig überreiche ich Ihnen mein Portrait als 1432jähriger Bernauer Bürger. Die eiserne Rüstung ist von echter alter Pappe, Kenner werden mich kaum von einem Pappenheimer unterscheiden können. Als ich in diesem Bernauer Frühlings-Anzug des tausend und fünften Jahrhunderts bei dem Photographen eintrat, lief derselbe mit jähem Spornstreich davon, woran ich sah, daß er mich für einen Vorfahren hielt, und erst, als ich ihm nachrief, daß ich die Bilder baar bezahlen wollte, kehrte er zurück, um mich, wie Sie sehen, sprechend zu photographiren. Hoffentlich ist Ihnen das Bild willkommen, obschon ich auf demselben wie ein Eisenspeiser aussehe, aber es ging eben nicht anders. Wenn ich statt des Panzers einen Frack angezogen und für die Lanze einen Regenschirm in der Hand hätte, so würde mich Niemand für einen Mann halten, der am 24. April 1432 die Hussiten derart in die Flucht schlug, daß kein Gras auf ihnen wuchs. Aber darum handelt es sich ja gerade.</p><p>Die Bernauer bedecken sich allmälig mit Fahnen und Guirlanden, denn sie sind mit Recht stolz auf ein Fest, durch welches sie nicht nur sich, sondern auch die Berliner vor dem Untergang bewahrt haben. Die alte Festung sieht wie festlich rasirt aus. Eben kommen jubelnd die drei Tonnen Bier <a name="page076"/><a class="pageref">76</a> von <i>Danziger</i>, <i>F. W. Richter</i> und <i>O. Schür</i> an, ein Trunk, welcher den Wahlspruch der damaligen tapferen Bernauer »<i>Siechen</i> oder <i>sterben!</i>« an der Stirn trägt. Alles deutet darauf hin, daß sich am 15. die ältesten Leute nicht werden erinnern können, einem schöneren Tag beigewohnt zu haben.</p><p>Damit es auch mir an diesem Tage nicht an Charakteristischem fehle, bitte ich Sie um einen Vorschuß von sechs der ältesten Zehnmarkstücke, welche Sie auftreiben können. Auch einige antike Thaler wären mir sehr willkommen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 10. Mai 1882.</p><p><tt>W.</tt> Vor mir liegt eine alte Chronik dieser Stadt aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Von der Straße herauf tönen die Ehrenpforten, welche vom Empfang der Gäste erbaut sind, – und so studire ich gewissermaßen in festlicher Stimmung die Geschichte, welche in einigen Tagen gefeiert werden soll. Man höre.</p><p><i>6. April 1432</i>. Bernau (Biernau?) ist in großer Erregung. Die Hussiten, geführt von dem Kinderfreund <i>Procop</i> dem Großen oder dem Kahlen, zogen von der Naumburger Vogelwiese ab und nähern sich unserer Gegend. Man fürchtet, daß sie auf dem Zug nach Berlin unsere Stadt stürmen werden. Alles bewaffnet sich. Die Kettenpanzer werden zum <a name="page077"/><a class="pageref">77</a> Kostenpreis nach der Elle verkauft. Selbst alte Mädchen kommen unter die Sturmhaube.</p><p><i>8. April</i>. Eben bringt die Post den Fehdebrief der Hussiten an den Bürgermeister <i>Bernhard Altstetter</i>. Der Brief ist unfrankirt und voll Grobheiten, die sich nicht wiedergeben lassen. Alles gerieth in Harnisch und Spieß. Von Männern gezogene Kanonen werden auf die Wälle gebracht. Leider fehlt es an Putzpulver für die Panzer. Aber überall hört man nur das Eine Losungswort: Berlin muß gerettet werden!</p><p><i>12. April</i>. Eine höchst originelle Idee Seitens eines Stadtverordneten und bedeutenden Lebensmittelfälschers stand in der gestrigen Stadtverordneten-Versammlung auf der Tagesordnung. Die Hussiten sollen mit Bier betrunken gemacht und dann mit der Geschwindigkeit ihrer eigenen Affen vernichtet werden. Heute wurden schon 25 Tonnen Bier gefälscht. Ueberall ertönt aus dem Munde begeisterter Hellebarden »die Wacht an der Panke«.</p><p><i>15. April</i>. Die Hussiten sind da. Soweit das Auge reicht, hört man ihre wilden Kriegslieder. Auch in Bernau wird aus voller Armbrust ein Schelmenlied gesungen, welches mit den Worten beginnt:</p><p class="vers">»Du bist verrückt, Hussit,<br/>
      Du mußt nach Berlin«.</p><p>Der Biereifer wächst.</p><p><i>18. April</i>. Die Hussiten sind noch immer da. Die Bernauer sind parat. Alles geht in eisernen Tricots einher, <a name="page078"/><a class="pageref">78</a> Damen in Panzertaillen. Heute wurde an einem Ochsen eine Bierprobe gemacht: nach zehn Seideln und einem Schnitt lag er unter dem Tisch.</p><p><i>22. April</i>. Eben wurde das Bier in's Lager geschickt. Die Hussiten haben den Transport abgefangen. Auf Befehl ihres Führers <i>Koska</i> soll am 24. ein großer Commers auf dem rothen Feld stattfinden. Das kann hübsch werden.</p><p><i>24. April</i>. Der Commers fand statt. Kaum aber hatten die Hussiten zehn Seidel hinter das Visir gegossen, als sie auch schon die schreckliche Wirkung spürten. Da fielen die Bernauer über sie her, und es entstand ein so furchtbares Blutbad, daß die Bernauer sich die eisernen Beinschienen aufkrempeln mußten. Das Schlachtfeld war mit den Blechschädeln der Hussiten bedeckt. Viele Hussiten flohen, indem sie riefen: »Alles gerettet!« Es wird Victoria geschossen.</p><p><i>25. April</i>. Vor Bernau nichts Neues. Kein Hussit zu sehen. Die Bernauer sind auf Leiterwagen nach dem herrlichen Schloßpark von Lanke gefahren, den der Graf <i>von Redern</i>, der Besitzer desselben, für die Siegesfeier den mit Festkarten versehenen Befreiern Berlins zur Verfügung gestellt hat.</p><p>Damit endet in der Chronik die Geschichte von den Hussiten vor Bernau, mit der ich den Leser bekannt machen wollte.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap012"><h3><a name="page079"/><a class="pageref">79</a> Am der afghanischen Grenze.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Die Fixigkeit, in der Sie vielen Ihrer Collegen über sind, hat Ihnen in Ihrem jüngsten Bericht einen Streich gespielt. Wir geben ja zu, daß die Störung des guten Einvernehmens zwischen Deutschland und England ernst genug aussah, doch dieselbe war nur von ganz kurzer Dauer: die Sendung des Grafen <i>Herbert v. Bismarck</i> nach London genügte, um alle Besorgnisse zu beseitigen. Von einer Krisis, einem Zerwürfniß oder dergleichen ist nicht mehr die Rede, Alles ist ausgeglichen. Sie aber sehen in dem genannten Staatsmanne nur den Ueberbringer einer Kriegserklärung Deutschlands an <a name="page080"/><a class="pageref">80</a> Lord <i>Granville</i>, Sie hören in London »Nach Berlin!« schreien und sprechen von dem Ausbruch der Feindseligkeiten wie von einer Thatsache. Das geht denn doch zu weit, derlei Abstecher in das phantastische Gebiet können wir unmöglich mitmachen.</big></p><p><big>Auch Ihre »Erklärung« wollen wir lieber nicht veröffentlichen. Allerdings hat die Norddeutsche Allgemeine Zeitung auf die Mittheilung des Berliner Tageblatts, Graf v. Bismarck habe auch den Auftrag gehabt, einen Ausgleich zwischen England und Rußland in der afghanischen Frage herbeizuführen, offiziös bemerkt: »<i>Fast will es uns scheinen, als ob unsere Kollegin das Opfer eines Korrespondenten in Bernau geworden sei.</i>« Aber diese Bemerkung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung macht Ihnen und Ihrer Phantasie ein Kompliment und kehrt sich gegen den Korrespondenten des Berliner Tageblatts, der sich, wie angenommen wird, düpiren ließ und in Folge dessen eine unglaubliche Nachricht verbreitet hat. Wenn Sie nun allen Ernstes erklären wollen, der bezeichnete Korrespondent sei nicht Ihr Opfer <a name="page081"/><a class="pageref">81</a> geworden, so lenken Sie unnöthigerweise die Aufmerksamkeit auf sich, während doch ein Anderer in Bernau gemeint sein könnte, und ferner verrathen Sie Ihren Aufenthalt, der ja für die Leser ein Geheimniß sein und bleiben soll.</big></p><p><big>Wir haben eben von der afghanischen Frage gesprochen. Wie wäre es, wenn Sie dieselbe zum Gegenstande eines Berichtes machten?</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 19. März 1885.</p><p>Zu meinem Leidwesen muß ich eingestehen, daß ich die eisernen Würfel über das Knie gebrochen und sie zu früh zwischen Deutschland und England habe fallen lassen. Wie konnte ich ahnen, daß sich die schwarzen Punkte am politischen Horizont so bald wieder glätten würden. Ich hatte ganz sicher geglaubt, daß sich die Krisis zu einem Erisapfel zuspitzen würde. Nun, ich habe mich geirrt. Kein <tt>Humanum</tt> ohne <tt>Errare</tt>. Uns Alten ist die Zukunft ein Sais mit sieben Schleiern, und selbst, wenn wir unseren Dreifuß auf ellenhohe Socken setzen, wir bleiben doch immer, was wir sind: keine Pythias. Sie aber haben nichts Eiligeres zu thun, <a name="page082"/><a class="pageref">82</a> als mich in Ihren Augen herabzusetzen und mir den Holzweg nachzutragen, auf dem ich mich befinde. Weil ich den Handschuh aufnahm, der sich zwischen Deutschland und England drängte, nennen Sie mich einen Abstecher in das phantastische Gebiet, – ist dies schon Tollheit, hat es doch – verzeihen Sie das harte Wort! – Methode, und eben diese Methode ist es, die mir die Haare in die Wangen sträubt. Der Friede Europa's hing an dem einen Haar, welches Fürst Bismarck in der Rede Lord Granville's gefunden hatte, und jeden Augenblick konnten die Schwerter der beiden mächtigen Reiche aus der Haut fahren. Ich hatte mir, aufrichtig gesagt, schon für eine große Reihe blutiger Ereignisse das Papier zurechtgelegt. Freuen wir uns, daß es anders kam, daß es der Weisheit und Energie des Deutschen Reichskanzlers gelang, der Kriegshydra die Köpfe zu verdrehen und dem Janus die schon halbgeöffnete Thür des Tempels vor der Nase des Doppelgesichts zuzuwerfen. Mit vollem Recht schrieb ich daher heute in mein Tagebuch:</p><p class="vers">Gefahrvoll war, was nun vorüber ist,<br/>
      Aufathmen wieder können Nord und Süden:<br/><i>Herb</i> über Alles ist der Völkerzwist,<br/>
      Doch <i>Herbert</i> ist der europäische Frieden.</p><p>Einliegend sende ich Ihnen den englisch-russischen Conflict an der afghanischen Grenze. Ich habe denselben möglichst ernst gestaltet. Denn ich freue mich, England einmal <a name="page083"/><a class="pageref">83</a> veranlassen zu können, dem nordischen Koloß auf die thönernen Hühneraugen zu treten.</p><p>Und nun eine Bitte. Wie überall, so sind auch hier gefälschte Fünfzigmarkscheine in Umlauf gesetzt. Ich denke, daß ich mich am Besten gegen Schaden schütze, wenn ich einen echten Schein besitze, mit dem ich einen etwa vorkommenden vergleichen kann. Sein Sie daher so freundlich, mir einen Fünfzigmarkschein als Vorschuß zu senden.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Herat</i>, den 10. März 1885.</p><p><tt>W.</tt> Die Saison war im besten Zuge. Täglich tanzte man in allen Cirkeln bis in die anbrechende Aurora hinein. Kein <tt>nulla dies</tt> ohne <tt>sine linea</tt>, wie Apelles zu sagen pflegte. Der aristokratische Kreis veranstaltete glänzende Feste, und auf den untersten Steuerstufen des Volks war das Kaffeekränzchen beliebt, in denen Terpcichorie das Scepter schwang. Selbst Costümbälle fanden statt, die natürlich hier, wo die Menschen sonst nur wenig Costüm tragen, eine große Seltenheit bilden. Bei den Gastmählern floß die Cocosnuß in Strömen. Die Theater waren bis auf den letzten Apfel gefüllt. In den rauschenden Zerstreuungen schlug Einer dem Andern die Sorgen aus dem Kopf, und so wurde auch die längste Weile immer kürzer. Da verbreitete sich wie ein Lauffeuer aus heiterer Höhe die Nachricht: Die Russen kommen! Und sie hatten uns nicht getäuscht, sie standen an der Grenze.</p><p><a name="page084"/><a class="pageref">84</a> Alles eilte bis an die Zähne zu den Waffen. Außer der Werbetrommel hörte man keine Musik mehr. Der Emir <i>Abdurrhaman</i> erklärte, nur über seine Asche führe der Weg nach Herat, und stellte sich an die Spitze der Truppen.</p><p>Die russische Armee hatte mittlerweile die Waffen nicht in den Schooß gelegt. Sie begann, siegestrunken bis zur Besinnungslosigkeit, den Vormarsch, als sich ihr die afghanischen Heeressäulen entgegenstellten. Vorgestern Morgen – der Hahn des Helios hatte noch nicht gekräht – griff die emirliche Garde die Russen muthvoll an. Der eine russische Todte vermehrte sich zu einem kolossalen Haufen, über den immer mehr Regimenter geworfen wurden. Der Emir, dem schon ein Kameelhöcker unter dem Leibe verwundet worden war, stürzte sich in das dichteste Getümmel, seine Truppen unablässig ermunternd, die Russen anzufeuern. Endlich kehrten die Afghanen den Russen den Rücken mit eisernem Besen. Die anfangs zahme Flucht verwandelte sich bald in eine wilde, und gegen Mittag waren die Russen wieder jenseits der Grenze. So nahmen sie statt Herat Reißaus.</p><p>Die Freude ist natürlich eine allgemeine. Die Stadt ist mit den Köpfen der Gefangenen festlich geschmückt. Der Emir hat befohlen, Alles, was er im Leihhaus verpfändet hat, unentgeltlich auszuliefern. Möge kein neuer russischer Angriff diese Freude stören!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap013"><h3><a name="page085"/><a class="pageref">85</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Sie senden uns einen mächtigen Artikel, überschrieben: »<i>Der europäische Krieg</i>«. Welch einen Wirrwarr richteten Sie an! Wir waren bei der Lektüre selbst einen Augenblick ganz bestürzt und konnten uns kaum von unserem Schreck erholen. Ueberall lassen Sie rüsten und marschiren. Nachdem Sie den zwischen England und Rußland ausbrechenden Krieg als einen vernichtenden geschildert haben, verwickeln Sie alle übrigen Nationen, keine einzige verschonend, in den furchtbaren Kampf, oder constatiren Sie doch wenigstens deren Marschbereitschaft. Wir geben gern zu, daß die Lage an der afghanischen Grenze eine sehr bedenkliche war, aber nun ist ja doch jede Gefahr beseitigt, und am allerwenigsten war die Situation eine solche, daß ganz Europa in Ihrer bekannten energischen <a name="page086"/><a class="pageref">86</a> Weise in Flammen gesetzt werden mußte. Und wenn dies wirklich erwartet werden konnte, wie wollten Sie den Leser überzeugen, daß ein europäischer Krieg begonnen habe?</big></p><p><big>Indem wir Ihnen Ihren Bericht wieder überreichen, bitten wir Sie, sich an das Gegebene zu halten, und grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 23. April 1885.</p><p>Der Neid ist eine der sieben Todsünden, welche mir fernliegt. Ich gönne Jedem das Weiße im Auge, zufrieden mit dem Zug, den mich Fortuna aus ihrem Horn thun läßt. Aber um etwas beneide ich Sie doch und zwar – verzeihen Sie das harte Wort! – um Ihre Vertrauensseligkeit. Wenn der Erisapfel etwas weit vom Stamm in den Saal des Peleus fällt, so sehen Sie in demselben keinen dem Frieden hingeworfenen Handschuh, sondern im Gegentheil Nichts, was irgendwie bedenklich wäre. Wenn die Wand, an der Sie schlafen, nicht glüht, dann bekümmern Sie sich nicht eher um die Asche, in welche das Nebenhaus gelegt wird, bis Ihnen das Feuer auf den Nägeln brennt. Ich <a name="page087"/><a class="pageref">87</a> bin aber nicht aus dem Holz, aus welchem der Strauß geschnitzt ist, der, anstatt zu sehen, was um ihn her vorgeht, den Kopf derart verliert, daß er denselben in den Busch steckt. Das ist der kleine Unterschied zwischen uns Beiden, ich werde von einer argen Mißtrauensseligkeit beherrscht.</p><p>Der Konflikt zwischen England und Rußland erschien mir als ein Wink mit der Laternenflinte. Europa tanzte auf einem Damoklesschwert. Kein Mensch konnte sagen, ob der Lärm, den die englische Presse schlug, mit Blindheit geschlagen war, ob nicht die Haare, in welchen sich die beiden Großmächte lagen, ganz Europa ergreifen würden. Schlimm genug sah es aus. Es fehlte nur eine Kleinigkeit, und das Karnickel war fertig, es bedurfte nur eines <tt>Casus</tt>, und der <tt>Belli</tt> war allgemein. Der Krieg ist nie so eingekerkert, daß er nicht jeden Augenblick ausbrechen könnte. Das ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin von dem Ausbruch eines europäischen Krieges überzeugt, wie vom Amen in der Kirche. Rußland ist wie Homer, von welchem man zuweilen glaubt, er schliefe, weil er nicht brüllt. Dieses ungeheure Reich verfolgt sein Ziel mit unerbittlichem Haß, und wenn es auch heute die Streitaxt in der Tasche ballt, so bin ich doch überzeugt, daß es morgen irgend ein Wässerchen trübt. Heute <tt>bonne mine</tt>, morgen <tt>mauvais jeu</tt>, das ist Rußlands Prinzip.</p><p>Alle Welt weiß das, nur Sie trauen meinen Ohren nicht. Der Börse z. B. fielen sofort die Papiere in die Hosen, und obschon jetzt die Friedensschalmeier laut werden, <a name="page088"/><a class="pageref">88</a> so sind ihr doch die Course nicht wieder zu Kopf gestiegen. Sie wissen, daß ich der Börse fernstehe und niemals dahin gehe, um wie Jason das goldene Vließ des Kalbes zu holen. Ich habe kein Geld zu gewinnen, mein Grundsatz ist: Mit Speckuliren fängt man Mäuse, und wenn ich die Baisse nur höre, so halte ich mir schon die Ohren zu. So viel aber verstehe ich von der Börse, daß sie eine jener Mimosen ist, welche bekanntlich ein feines Gefühl für Alles haben, was in der Welt vorgeht. Und so überläßt sie sich denn auch trotz aller Friedensversicherungen nicht der Sicherheit wie ein schwedisches Streichhölzchen.</p><p>Uebrigens will ich nicht ungefällig sein, sondern Ihnen hiermit einen europäischen Frieden senden. Möge derselbe erhalten werden, wie ich den Vorschuß zu erhalten hoffe, um den ich Sie hiermit bitte. Ich schlage Ihnen die Summe von 60 Mark vor. Ist es Ihnen zu viel? Mir würde es genügen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Pendjeh</i>, den 19. April 1885.</p><p><tt>W.</tt> Hier bin ich seit einigen Stunden. Seit ich den Storch der Welt erblickte, sah ich noch kein solches Nest wie dieses. Ich wohne, als wäre ich ein glücklich liebend Paar, in der kleinsten Hütte, und habe außer einer Cocosnuß noch nichts geknackt.</p><p>Sie haben wohl schon durch den Telegraphen vernommen, daß der anglo-russische Konflikt als beseitigt zu betrachten ist. Der Frieden ist wieder ausgebrochen. Die <a name="page089"/><a class="pageref">89</a> Russen behalten Pendjeh, das haben die Engländer durch und durchgesetzt, und verzichten auf Herat. Gestern zog General <i>Komaroff</i> hier ein, und seitdem ist es hier von Russen und Engländern so voll, daß kein Schuß zur Erde fallen kann. Die Offiziere beider Armeen dursten Brüderschaft miteinander, denn an Getränk ist nicht zu denken, und hungern Mittags zusammen, trotzdem kommt doch mancher Streit zwischen ihnen vor. Denn die Russen und Engländer sind noch immer nicht einig, wer von ihnen an dem vorgefallenen blutigen Konflikt unschuldig ist. Jeder schiebt sich die Unschuld in die Schuhe, Keiner duldet, daß der Andere die Hände in Unschuld wasche, Niemand will angefangen haben. Der Streit endet gewöhnlich damit, daß ein Afghane herbeigeholt und, so schwarz wie er ist, windelbraun und blau geschlagen wird. Wenn dies indeß geschehen ist, so reichen sich die Engländer und Russen gerührt die Hände, und alles ist vergessen.</p><p>Fortwährend treffen neue Truppen von England und Rußland ein, und so ist Aussicht vorhanden, daß der Frieden glorreich zu Ende geführt wird.</p><p>Wer hätte das vor vierzehn Tagen gedacht? Wer vor drei Wochen? Damals hing der Himmel voller Kriegsdrommeten, während jetzt die Geigen die erste Violine spielen. Möge es so bleiben!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap014"><h3><a name="page090"/><a class="pageref">90</a> Der französisch-chinesische Krieg.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wenn wir auch den Raub, der von den Engländern an dem deutschen Kutter »Diedrich« in der Nordsee begangen wurde, als eine abscheulich barbarische That gebrandmarkt sehen wollen, und wenn wir auch nicht weniger als Sie entrüstet sind, so kann uns doch das Alles nicht veranlassen, Ihnen in der Behandlung dieser Affaire zuzustimmen. Ihr gutes Gedächtniß, um das wir Sie beneiden, verführt Sie, Zampa, den Helden der Herold'schen Oper, als Engländer auferstehen und in der Nordsee seine argen Unthaten erneuern zu lassen. Obschon Sie ihn nicht nennen, so sagt sich der aufmerksame Leser <a name="page091"/><a class="pageref">91</a> doch gleich, daß der Capitain des englischen Schiffes, dessen Mannschaft den Raub vollführt hat, kein anderer ist, als der Titelheld der genannten romantischen Oper. Wie wäre dies auch anders möglich! Sie befinden sich auf einem der deutschen Kutter, hören den englischen Seeräuber das Lied anstimmen: »Wenn ein Mädchen mir gefällt \&amp;amp;c.« und erzählen nun den Roman, der das Libretto der Oper Zampa bildet. Abgesehen davon, daß dies doch im Grunde auch ein Raub ist, – auf literarischem Gebiet ja ein fast allgemeiner Gebrauch, – so ist doch die Umarbeitung eines Operntextes zu einem Kriegsbericht absolut unzulässig.</big></p><p><big>Warten wir also die Folgen der englischen Piraterie ruhig ab. Gleichzeitig machen wir Sie darauf aufmerksam, daß Frankreich gegen China ernste Schritte zu unternehmen scheint und Ihnen also jedenfalls einen besonderen Stoff bietet.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a name="page092"/><a class="pageref">92</a><i> Bernau</i>, den 21. August 1884.</p><p>Längst habe ich mich daran gewöhnt, daß jeder meiner Kriege, welche ich auf die Tagesordnung setze, von Ihnen mit scheeler Loupe betrachtet wird, daß Sie emsig darin nach einem Wort suchen, um dasselbe klauben zu können, und daß Sie froh sind, wenn Sie eine Frage finden, in die der ganze Artikel gestellt werden kann. Mit einem Wort: jeder meiner Berichte hängt gewissermaßen an einem Haar des Damokles. Diesem Schicksal ist leider auch meine englische Piraterie nicht entgangen, indem Sie behaupten, ich hätte mich an den Text der Oper Zampa gelehnt. Wenn ich dergleichen lese, so weiß ich gleich, wohin die Glocke geschlagen hat, nämlich auf meinen Artikel, der Ihnen unbequem ist, und daß ich mich vergeblich nach dem Hahn umsehen kann, der nach besagtem Artikel kräht. Das ist – verzeihen Sie das harte Wort! – wenig erfreulich.</p><p>Ich will also nochmals zum reinen Wein greifen und Ihnen solchen, freilich auf einen heißen Stein, einschenken, um meinen Standpunkt solchen Fragen gegenüber zu präcisiren. Es wird freilich nichts nützen, denn Sie wollen mich, einen Weißen, nun einmal schwarz waschen, und gegen solches Prinzip ist jedes Kraut vergeblich gewachsen.</p><p>Die Engländer stechen blindlings in See, da treffen sie einen wohlhabenden deutschen Kutter. Die See ist eisfrei, und dennoch brechen sie ein. Es sind Flatter-, keine <a name="page093"/><a class="pageref">93</a> Seefahrer, die stehlenden Fußes die Fenster des Kutters eindrücken, hineinsteigen, der Mannschaft das Fell räumen und Alles, was sich auf dem Schiff vorfindet, als gute Prise in die Nase stecken. Hier hängt an einem Enterhaken die Garderobe des Kapitäns, die Neptunichtguts nehmen es, dort ist ein voller Mastkorb, sie schleppen ihn fort. Dabei drohen sie, Jedem das Lebenslicht umzudrehen, der Miene machen würde, sich an den deutschen Bootschafter in London zu wenden. Sie lassen nichts übrig, als die kahlen Segel. So kehren sie noch der deutschen Schiffsmannschaft den Rücken und verlassen dann den Kutter. Das ist Piraterie, Seeraub, eine Gemeinheit! Es wird ja nicht ungestraft bleiben, denn der Krug geht so lange zu Wasser, bis sich die Tugend zu Tisch setzt, doch das gehört ja nicht hierher.</p><p>Was that ich nun? Ich erzählte die Geschichte Zampas und seiner Spießmeister, denn Spieß<i>gesellen</i> sind das nicht mehr, ich las den Engländern gründlich den Operntext. War das falsch? Ich sagte nur unter vier Augen: Zampa war längst da, als er in Herolds Musik gesetzt wurde, er ist ein Pirat, die jüngere Generation kennt weder Zampa, noch die Marmorbraut, also paßt er mir wie kaum eine andere Faust auf mein Auge.</p><p>Hoffentlich habe ich Sie endlich überzeugt, wie oft Sie meine Berichte mit dem Bade verschütten und über das Ziel hinaus fehlschießen. Trotzdem sende ich Ihnen einliegend den ersten Bericht vom Kriege Frankreichs gegen China. Wie <a name="page094"/><a class="pageref">94</a> das Reuter'sche Büreau, so bombardire auch ich die Stadt Kelung, obschon überhaupt nicht bombardirt wurde. Aber es liest sich kurzweiliger.</p><p>Frankreich fordert 80 Millionen. Um <i>Ihnen</i> ein Bild von der Größe dieser Summe zu geben, bitte ich Sie um einen Vorschuß von 80 Francs. Diese immerhin ansehnliche Summe bildet den millionstel Theil des Geforderten!</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Kelung</i>, den 5. August 1884.</p><p><tt>W.</tt> Als die Chinesen bei Langson den Vertrag von Tientsin gebrochen hatten und dann thaten, als seien sie es nicht gewesen, schnürte ich sofort von meinen sieben Sachen diejenigen, die zur Reise nach der Insel Formosa nöthig waren. Denn ich sagte mir, daß Frankreich seine Nase nicht vor dem Geschehenen verschließen und dieses nicht ungerochen lassen würde. Und so war es auch. Frankreich dachte nicht daran, auch nur eines seiner Augen zuzudrücken, sondern verlangte, daß China die Scharte, die es den französischen Waffen beigebracht, auch wieder auswetze. China andererseits sah sich genöthigt, Tusche zu bekennen, und rüstete. Nun war die Entscheidung dem Gähnen der Kanonen überlassen.</p><p>Die Insel Formosa liegt mitten im Wasser unter einem Breitengrade, der auf 22 bis 25 taxirt wird. Sie ist sehr fruchtbar und herrlich gelegen. Echte Goldfasanen <a name="page095"/><a class="pageref">95</a> durchschneiden die Luft, Reis, Zucker, Tabak, Thee, Kaffee, kurz, Alles, was man bei und nach Tisch braucht, wächst in Massen und wird von Tigern, Leoparden und Büffeln zerstampft. Im Gebirge finden die Goldgräber viele Steinkohlen und bei der herrschenden Unsicherheit kommt auch Baumwolle in Massen fort. Kurz, Frankreich hat nicht mit Unrecht den festen Fuß dieser Insel gefaßt.</p><p>Am 1. dieses Monats kam ich hier, in dem Hafenort Kelung, an. Eben hatte die französische Geschwadron des Admiral Lespès Anker geworfen und verlangte 230 Millionen Francs. Die Stadt hatte diese Summe nicht bei sich und bot eine monatliche Abzahlung von 500 Francs, augenscheinlich, um die Franzosen in die Länge zu ziehen. Frankreich blieb aber unbeugsam und ermäßigte die Forderung auf 80 Millionen. Seien diese nicht bis zum nächsten Morgen bezahlt, so würde das Bombardement beginnen. Die Kelunger waren verzweifelt, sie sangen das alte tragische Nationallied von dem Chinesen, dem's zu Herzen ging, daß ihm der Zopf so hinten hing, er wollte es geändert haben, aber wie er auch sich drehte, es half dem Armen nichts, der Zopf hing ihm hinten. Alles lief in den verkrüppelten Schuhen rathlos durcheinander. Da – am andern Morgen mit dem ersten Hahnenschlage – flogen die ersten Bomben in die Stadt. Wo sie hinfielen, da wuchs, wie überall, Gras und die Bewohner bissen dutzendweise in dasselbe. Das dauerte etliche Tage, die Kugeln kamen in solchen Massen, <a name="page096"/><a class="pageref">96</a> daß die Straßen kaum zu passiren waren, und die Stadt athmete förmlich auf, als sie heute Vormittag von den Franzosen besetzt wurde.</p><p>Nun ist die Insel Formosa in französischen Händen. Selbstverständlich glaubt kein Chinese, daß die Franzosen sie behalten werden, sie sagen in ihrer so schwer zu entziffernden Sprache, Frankreich könne ja sonst auch nicht verlangen, daß das Elsaß nicht deutsch bleibe. Etwas Wahres liegt darin. Ich schließe. Was werden die nächsten Tage bringen? Mir ist es, als müßten alle Nichtfranzosen ausrufen: <tt>Ei vae victis!</tt></p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap015"><h3>II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir lassen die Gründe nicht gelten, mit welchen Sie es in Ihrem soeben eintreffenden Brief ablehnen, den chinesischen Krieg fortzusetzen. Sie schreiben, es widerstrebe Ihrem Gefühl, den so barbarisch wüthenden Krieg ferner zu bearbeiten und sich mit den von den Franzosen ins Werk gesetzten Blutbädern weiter zu beschäftigen. Abgesehen davon, daß es doch nicht die Aufgabe des Kriegsberichterstatters sein kann, die Kriege zu untersuchen und entweder die blutigen oder die unblutigen zu wählen, so sind Sie doch jedenfalls in der angenehmen Lage, persönlich gar nicht von Barbareien berührt zu werden, sondern nach Belieben blutig oder unblutig sein zu können. Fahren Sie also getrost fort. Wir schätzen Ihr Zartgefühl, das sich gegen das barbarische Auftreten der sich als civilisirt brüstenden <a name="page098"/><a class="pageref">98</a> Frauzosen empört, bitten Sie aber, zu bedenken, daß Sie sich verpflichteten, indem Sie die Ziffer I. auf Ihren Brief setzten, mindestens einen zweiten folgen zu lassen, und diesen erwarten wir</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 4. September 1884.</p><p>Sie wissen, wie viele Kriege ich seit mehr als sieben Jahren unter der Feder hatte, wie manchen Feind ich auf's Papier warf, wie manche Festung ich zum Gegenstand nahm, und daß ich keine namhafte Kriegsfackel anbrennen ließ. Viele Felder tränkte ich mit Blut, manchen Bogen Papier bedeckte ich mit Leichen, und oft genug habe ich die eisernen Würfel kein Auge schließen lassen. Ich that es gern. Nachdem ich dem Krieg eines Tages eine Seite abzugewinnen gewußt, welche meine schwache wurde, sind wir unzertrennlich wie Alpha und Omega. Seit jener Zeit ist mir kein Krieg zu ausgebrochen, kein Schwert zu gezogen, keine Festung zu angegriffen. Aber der Krieg darf nicht barbarisch geführt werden. Ein <tt>Homo sum</tt>, wie ich nun einmal bin, kann ich mich nie mit etwas Unmenschlichem versöhnen, und selbst im Schlachtgetümmel verlange ich daher, daß die Menschen <a name="page099"/><a class="pageref">99</a> Menschen bleiben und daß der Soldat keine Hyäne im Tornister trage. Kein Heerführer darf vergessen, daß auch der Feind unter dem Herzen getragen worden ist und daß seine Eltern nicht nur ihn, sondern auch sich einst in der Hoffnung wiegten, Freude an ihm zu erleben. Auch der Feind ist – verzeihen Sie das harte Wort! – ein Mensch, und kein Mensch ist vom Baum geschüttelt, sondern derselbe sucht im Gegentheil erst, wenn er reif ist, auf einen grünen Zweig zu kommen.</p><p>Der chinesische Krieg wird aber leider mit einer Grausamkeit geführt, die mir die gesträubten Haare in's Gesicht treibt. Ohne eigentlich erklärt zu sein, ras't Mars dort jeden Roland in den Schatten und vollbringt Wunder der Unmenschlichkeit. Wehrlose Dörfer werden zu oberst gekehrt, Schiffe, welche bereits zu Grund gehen, noch besonders in denselben gebohrt, und selbst Greise, Weiber und Kinder mit dem Blutbade verschüttet. Und Raub und Plünderung sind nicht sicher, begangen zu werden. Admiral Courbet giebt kein Pardon, obschon er es hat, und obenein spotten die Gräuel noch jeder Beschreibung. Dieselben Franzosen, welche in den Jahren 70 und 71 die Deutschen nur Barbaren nannten, obschon dieselben nicht nur alle ihre Festungen, sondern auch jede mögliche Rücksicht nahmen und bewiesen, daß nicht nur die Quarrés der deutschen Soldaten gebildet waren: dieselben Franzosen brechen jetzt in China der Civilisation die Spitze ab, an der sie zu marschiren vorgeben, und wirthschaften gleich tollen Hunnen.</p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s101.jpg" width="33%"/></p><p><a name="page100"/><a class="pageref">100</a> Das hat mich indeß nicht abgehalten, das einliegende Bild anfertigen zu lassen. Ich werde Ihnen als himmlischer Reichsbürger neu sein. Auch der Photograph lachte aus vollem Zwerchfell, als ich bei ihm erschien, er hatte wohl niemals einen lebenden Pagoden gesehen; und erst, als ich ihn ärgerlich bat, endlich doch seinen Bauch zu halten, ging er an's Werk. Hier ist es. Finden Sie es nicht sprechend ähnlich, so nehmen Sie es dem Photographen nicht übel, ich spreche eben nicht Chinesisch.</p><p>Es wird Herbst. Die Blätter fallen ab. Und da dachte ich, auch für mich würden bei Ihnen acht Blätter abfallen, die man im gemeinen Leben Fünfmarkscheine nennt. Entziehen Sie mir dieses Herbstbild nicht, auch dies hat seine Schönheit.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Pic-Aigu</i> (Mündung des Min-Flusses), den 29. August 1884.</p><p><tt>W.</tt> Es geht gleichsam Alles mit Siebenmeilenstiefeln zu. Klio, die Muse der Geschichtstafeln, schreibt so schnell, daß man ihrem ehernen Griffel kaum zu folgen vermag. Seit ich meinen ersten Bericht in den Kasten des Postboots steckte, hat die Flotte Courbet's die chinesische in den Sand gestreckt und die ganze Küste in ein Aschenmeer verwandelt. Alle Tuschfabriken, Theehäuser, Chinasilbergruben, Nankingwerkstätten, Zopfmagazine und Chininhandlungen, kurz, die <a name="page102"/><a class="pageref">102</a> ganze Industrie des Uferlandes ist vernichtet. Die Batterien des Min-Flusses schossen unter der Kanone und sind zum Schweigen gebracht. Die chinesische Flotte hat in's Seegras gebissen. Die berühmte chinesische Mauer widerstand kaum zehn Minuten, die Feuerschlünde der Franzosen gähnten sie in Trümmer. Die fliehenden Bewohner kamen nicht weit, da sie auf ihren verkrüppelten Füßen nicht ordentlich laufen konnten, sie wurden von den französischen Spitzkugeln eingeholt und zu Dutzenden an den Rand des Orkus gebracht. Die Chinesen dauern mich. Sie sind ein gutes Volk. Noch hat Keiner behauptet, die Franzosen hätten ihnen die Pendulen gestohlen, oder Li-Fong-Pao habe sie verrathen. Sie sind auch durchaus nicht muthlos, denn sie wissen, daß die Franzosen keine Armee an's Land setzen können, um ihnen die Friedenspfeife zu dictiren.</p><p>Die Franzosen sind von ihrem Erfolg so berauscht, daß sie sich kaum auf den Beinen halten können. In diesem Zustand reden sie sich ein, daß sie die ganze chinesische Armee in zwei chinesischen Festungen einschließen und den Kaiser am 2. September gefangen nehmen werden. Sie sind wirklich <tt>enfants</tt>, wie sie sich in der ersten Zeile der Marseillaise nennen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap016"><h3><a name="page103"/><a class="pageref">103</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Es war uns sehr willkommen, daß Sie sich ohne Weiteres der Berichterstattung über den französisch-chinesischen Krieg unterzogen, oder, wie Sie sich ausdrücken, sich »kopfüber, kopfunter« in denselben gestürzt haben. Wir zögerten nur mit dem Abdruck Ihres dritten Briefes, weil Sie Lanson doch zu auffällig als ein zweites Sedan behandeln. An die Stelle Napoleons setzen Sie den französischen Oberstkommandirenden Briere de l'Isle, welcher seinen Degen dem Kaiser von China übergiebt und von diesem nach irgend einer chinesischen Höhe geschickt wird. Sie scheinen den Namen des Kaisers von China nicht zu kennen, nehmen einfach den Namen des bekannten gegen Migräne ausgebotenen Mittels und nennen den Ort Pohohöhe. Auch Bismarck behalten Sie in einem chinesischen Minister bei, indem Sie <a name="page104"/><a class="pageref">104</a> von demselben erzählen, er habe »nur drei Zöpfe«. Das ist ja allerdings recht pikant, würde aber unser Blatt dem Gelächter der Leser preisgeben, und dies scheint uns doch nicht die Aufgabe der Kriegsberichte zu sein. Wiederholt haben Sie den Tag von Sedan auf die verschiedensten Schlachtfelder verlegt, und es ist wirklich Zeit, daß Sie sich ein anderes Muster aussuchen.</big></p><p><big>Indem wir Sie um einen anderen Bericht aus China bitten, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 9. April 1885.</p><p>Wenn Sie in meinem Bericht über die Schlacht bei Langson Mancherlei wie eine Rabenmutter ihr Kind auszusetzen haben, so muß ich Ihnen, allerdings nicht ohne bedauerndes <tt>mutatis mutandis</tt>, – verzeihen Sie das harte Wort! – beipflichten. Die Schlacht bei Sedan fällt mir zu häufig ein, besonders da, wo für Frankreich die eisernen Würfel aus der Rolle fallen, welche dieselben bis zum Jahre 1870 bei den Franzosen gespielt haben. Außerdem kenne ich leider keine Schlacht, welche, wenn man Frankreich <a name="page105"/><a class="pageref">105</a> ausnimmt, so allgemein beliebt ist wie die bei Sedan. Sie gab unserer Halbkugel eine andere Gestalt, machte es Frankreich unmöglich, Europa nach Belieben unter Ein Zündhütchen zu bringen, und setzte Deutschland in den so lange geträumten Sattel. Dies mag so manche mit der Schlacht bei Sedan angefüllte schwache Seite meiner Manuscripte entschuldigen. Bei meinem Bericht aus China kommt aber noch etwas hinzu. China ist so weit von Europa entfernt, daß man es ein <tt>UIltima Thule regis</tt> nennen kann, ein Land, welches gewissermaßen unter undurchdringlichen Rosen liegt, ein aus uralter Zopfzeit stammendes Volk, welches uns immer ein fremdes bleiben und sich bei uns stets ausheimisch fühlen wird. Welcher Leser kann also wissen, ob ich bei einem von mir geschilderten Ereigniß der Wahrheit oder der Ente die Ehre gegeben habe, ob ich dem Publikum einen Bären oder eine historische Thatsache aufgebunden habe? Niemand liest bei uns das Hongkonger Tageblatt, den Beobachter am Jang-tsy-kjang, die Pekinger Nachrichten, oder die Theelaube. Ich brauchte also das <tt>Respice finem</tt> nicht lange zu bedenken, sondern konnte mir die grauen Haare, die Andere sich bei solchen Gelegenheiten wachsen lassen, aus dem Kopf schlagen und mich ohne Weiteres an's Werk machen.</p><p>Den Geburtstag des Reichskanzlers beging auch ich am Abend vorher durch einen aus mir bestehenden Fackelzug. Mit Lunawerden zündete ich eine Fackel an und zog in <a name="page106"/><a class="pageref">106</a> meiner Stube, überall mich freudig begrüßend, an dem Portrait des Fürsten vorüber. Die Fackel verlief ungestört auf meinen Rock und ruinirte denselben vollständig, der Qualm schwärzte die ohnedies recht weißen Gardinen, das Publikum sammelte sich auf der Straße, begeistert ein »Da brennt es!« anstimmend, und der mit einem nassen Eimer in meine Stube dringenden Wirthin bot sich ein erschütternder Anblick dar. In einer herzlichen Ansprache berechnete sie den durch meine patriotische Ovation angerichteten Schaden auf 25 Mark, und so muß ich Sie bitten, mir 60 Mark als eine Art Freuden-Vorschuß zu senden, mit dem das Fest einen würdigen Abschluß finden würde.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Peking</i>, den 7. April l885.</p><p><tt>W.</tt> »Was ein Würmchen werden will, krümmt sich bei Zeiten«, das ist ein alter Spruch. China scheint ein Würmchen, das an dem Herzen Frankreichs nagt, werden zu wollen. Wer hätte vor noch kaum tausend Jahren geglaubt, daß die Chinesen, eine unter den Culturvölkern zur Mythe wohnende Nation, eines Tages die Franzosen auf das Haupt in die Flucht schlagen würden! Das ist nun geschehen. Die Franzosen, welche glaubten, sie brauchten sich nur zu zeigen, um den Chinesen den Garaus auszublasen, mußten erfahren, daß sie den Chinesen unter sind, und waren gezwungen, sich aus dem Staube zu machen, <a name="page107"/><a class="pageref">107</a> den die ganze leidige Affaire aufgewirbelt hatte. Kurz, das Unglaubliche ist eingetroffen: die Franzosen haben das Weite gefunden.</p><p>In Langson blieb ich nicht lange. Die Franzosen sprachen nur von ihrem Einzug in Peking, und von Morgens bis in den späten Zapfenstreich hinein ward der Pekinger Einzugsmarsch geblasen. Dabei rissen sie die bekannten <tt>Venividivici</tt> wie im Jahre 1870. Der Chinese sollte nur kommen, hieß es, sie wollten ihm die Harke schon zeigen und dann direkt nach Peking. Ich eilte also nach dieser Hauptstadt, um dem Einzug der Franzosen beizuwohnen.</p><p>Die Medaille ließ hier nicht lange auf ihre Kehrseite warten.</p><p>Peking war ruhig. Nur ganz vereinzelt grassirte ein Großsprecher, der aber bald von einem Magerthuer oder Kleinmaul darauf aufmerksam gemacht wurde, daß es falsch sei, zu früh zu jubeln. Die Bewohner der riesigen Residenz, welche bekanntlich Yuho-Berlin genannt wird, setzten ein unbegrenztes Vertrauen in die Armee, wußten aber sehr wohl, daß derselben auch einmal das bestgezogene Schwert nicht lächeln könnte. In ihren Pagoden beteten sie zu ihren Abgötzen, diese möchten ihnen den Sieg verleihen, das ist Alles, was sie thaten.</p><p>Da kam die Siegesdepesche, und wie von einem Zauberschlag gerührt jubelten die Pekinger auf. Sie zogen singend vor das Schloß des Vicekönigs <i>Li Hung Chang</i>, der im <a name="page108"/><a class="pageref">108</a> Kreise seiner Minister mit unterschlagenen Beinen – die Beamten unterschlagen hier nur ihre Beine – auf dem Balkon saß, die Zunge herausstreckte und mit dem Kopf nickte, wie man dies an den chinesischen Porzellanfiguren so häufig beobachten kann. Ueberall hudelte man das Lob der Armee. Wer verkrüppelte Füße hatte, eilte auf die Straße und umarmte sich. An jedem Bambus flatterte eine Fahne, und Abends waren alle bunten Lampions festlich erleuchtet.</p><p>Die einlaufenden Nachrichten lauten für die Franzosen sehr schlimm. Die Chinesen sitzen ihnen hart auf den Achilleshacken, und wo sich eine neue Schlappe findet, wird sie der <tt>grande nation</tt> beigebracht.</p><p>Morgen verlasse ich Peking, um mir das Pech anzusehen, welches die Franzosen gegeben haben.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap017"><h3><a name="page109"/><a class="pageref">109</a> IV.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir können uns denken, daß Sie wenig Lust haben, sich aus Ihrer Ruhe zu reißen, wir selbst möchten am liebsten in der Sommerfrische von den journalistischen Strapazen ausruhen, welche uns die Redaktion bereitet hat. Indeß ist am allerwenigsten an ein gänzliches Einstellen der Arbeit zu denken, wenn, wie in diesem Augenblick, ein wichtiges Ereigniß die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wir geben Ihnen darin Recht, daß das Publikum im Sommer nicht Lust hat, sich mit aufregender Lektüre zu belasten, es vielmehr vorzieht, sich mit den Rubriken »Vermischtes« und »Aus der Gesellschaft« zu beschäftigen, und wir haben Sie deshalb längere Zeit unbehelligt gelassen. Die Ereignisse in Indo-China aber fordern gebieterisch die Wiederaufnahme der Arbeit, und wir bitten <a name="page110"/><a class="pageref">110</a> Sie daher um einen schleunigen Bericht aus Hué. Wir sind in der größten Verlegenheit. Ihre Sechserkarte: »Ich unterbreche meine Bärenhaut um keinen Preis« wird hoffentlich nicht so ernst gemeint sein.</big></p><p><big>Wir grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 16. Juli 1885.</p><p>Wenn ich nicht vom Gegentheil überzeugt wäre, so würde ich meinen, Sie seien über- oder – verzeihen Sie das harte Wort! – untergeschnappt, wenn ich daran denke, daß Sie in den Tagen der tropischen sauren Gurke einen Bericht von mir verlangen. Jetzt arbeiten zu müssen, das ist ein Nagel zu meinem letzten Sarge. Der goldene Wagen des Helios liegt brütend auf der Landschaft, dem Quecksilber des Barometers wird der Aufenthalt in der geschlossenen Glasröhre zur Pein, Alles eilt, um den Aeolus an den Meeresufern einzuathmen, oder auf den mit ewigen Gemsen bedeckten Bergspitzen in die Thäler hinabzuschaudern. Der Tagespresse fehlen die Leser, welche jetzt in jeder Nachricht <a name="page111"/><a class="pageref">111</a> eine Seeschlange vermuthen, die sie am Busen nähren sollen, und froh sind, wenn sie nichts Neues hören. Daher blätterte auch ich eben in dem Eisenbahnfahrplan und überlegte, wohin ich meinen Handkoffer setzen sollte, da kam, ein Brief aus der Maschine, Ihre Aufforderung, einen Bericht aus Anam zu liefern. Ach, ich wäre so gern den Weg aller Flöten gegangen! Statt dessen blüht mir nun das Dintenfaß auf's Neue, und ich bin so außer mir, daß ich nicht weiß. wie ich wieder in die Haut zurückkomme, aus der ich in Folge Ihres werthen Schreibens gefahren bin.</p><p>Am liebsten hätte ich nun den Franzosen in Hué den Ganz- und Garaus gemacht, um nicht weiter von der mir etwas fernliegenden chinesischen Affaire belästigt zu werden, indeß höre ich, daß sie im Gegentheil den Anamiten gezeigt haben, was eine Harke ist, obschon sie ihnen den Daumen auf's Auge drückten, und daß Frankreich in diesem Augenblick siegestrunken den Clicquot trinkt, wie er von der Wittwe kommt. Da muß ich denn in den sauren Apfel schreiben auf die Gefahr hin, mich im Laufe des schwülen Sommers noch häufig mit dieser leidigen Angelegenheit zu beschäftigen. Denn daß Frankreich sich hier eine Toga eingebrockt hat, in deren Falten nur der Krieg verborgen ist, und die es nun auslöffeln muß, das unterliegt ja gar keinem leisen Zweifel. Und diese Ueberzeugung macht mich derart rabiat, daß ich mich wie Mignon in das Land wünsche, wo der Pfeffer wächst, und wenn Sie mich jetzt fragen, <a name="page112"/><a class="pageref">112</a> an welchem Fluß Frankfurt am Main liegt, so sage ich: An der Oder.</p><p>Einliegend der Sieg der Franzosen über die Anamiten. Ich habe ihn so kolossal gestaltet, daß der Brief doppeltes Porto kostet. Es ist also vielleicht der erste französische Sieg, von dem das deutsche Reich einen, wenn auch kleinen Nutzen hat.</p><p>Mir ist heute nicht wohl. Fragen Sie mich, was mir fehlt, so antworte ich Ihnen, daß ich selbst nicht weiß, wieviel. Darf ich mir was verschreiben, so bitte ich Sie um einen Eßlöffel Vorschuß. Ein solcher wird rund 60 Mark fassen. Es ist wohl das Beste, was man einnehmen kann. Hoffentlich hilft's.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Hué</i>, den 6. Juli 1885.</p><p><tt>W.</tt> Am 2. bin ich hier angekommen und im goldenen Bambusrohr abgestiegen. Hué (sprich: Hué) liegt an einem hier allgemein bekannten Strom, der zwölf Kilometer weiter in's Meer mündet, und besteht aus einer großen Citadelle mit Bastionen. Hier wohnt der König, der aber, erst fünfzehn Jahre alt, das Regieren nicht aus dem bekannten FF versteht. Sein Kopf ist so schwach, daß er die Krone nur ganz oberflächlich trägt. Wenn er eine Stunde geherrscht hat, so ist er so müde, daß er die Verfassung zuklappen muß und sitzenden Fußes auf dem Thron einschläft. Meist <a name="page113"/><a class="pageref">113</a> ist er krank und regiert im Bett, wo er dann tagelang weder Gesetze giebt, noch solche nimmt. Er hat das <tt>lumen mundi</tt> nicht erfunden und scheint seine Nase bekommen zu haben, um sich auf derselben von seinem ersten Minister Nguyen-Van-Tuang (sprich: Nguyen-Van-Tuang) spielen zu lassen. Er ist, um ihn kurz zu fassen, ein Schattenkönig.</p><p>Der genannte Minister ist ein Mörder. Ohne Gewissen, hat er doch wenigstens zwei Königs- und mehrere Prinzenmorde auf demselben. Es giebt hier kaum ein Feld, aus dem er nicht schon einen König geräumt, keine Ecke, um die er nicht einen Prinzen gebracht hat. Er schreckt vor keiner Giftflasche zurück. Das arme Volk ist machtlos. Noch nie ist es von diesem Meuchelminister unter's Ohr gehauen worden, stets wird es von demselben mit Händen und Füßen getreten, und dennoch wagt es nicht, das Handwerk des Ministers zu ergreifen und es ihm zu legen. So verthiert die Knechtschaft.</p><p>General <i>de Courcy</i> langte am 2. mit mir in Hué an. Den Wind, den er von den Plänen Anams, sich von den Franzosen loszureißen, bekommen hatte, ließ er sich nicht zweimal wehen. Er kam also mit 1,200 Mann, um mit Sr. Excellenz dem genannten Mörder zu unterhandeln. Ohne Erfolg. Kaum aber hatte in der Nacht zum 5. Luna ihr Licht durch die Mondscheibe geworfen, da fiel die anamitische Armee, 30 bis 42,000 Mann stark, über die Franzosen her. Wie Lenore fuhren diese um's Morgenroth <a name="page114"/><a class="pageref">114</a> aus schweren Träumen und griffen zu den Waffen. Es entstand ein wilder Kampf. Bald stand die Citadelle an mehreren Stellen in Asche. General Courcy hatte von Morpheus' Armen kein Auge schließen lassen, feuerte nun seine Soldaten zu immer neuer Gloire an und bedeckte sich mit deren Ruhm. Die Anamiten flohen schaarenweise, und weise war dies jedenfalls, denn wer nicht entkam, fiel unter den wohlgezielten Hinterladern der Zuaven, die mit dem alten Schlachtruf »<tt>à Berlin!</tt>« anstürmten. Das Schlachtfeld war nicht sichtbar, so bedeckten es die Leichen der Feinde, und bald war der Verrath derart gerochen, daß es absolut nicht auszuhalten war. Die Anamiten nahmen keinen Pardon, freilich nicht ohne Grund, denn die Franzosen gaben ihnen keinen.</p><p>Der königliche Palast blieb unversehrt. Die Pracht, mit welchem derselbe bei meinem Eintritt ausgestattet war, ist eine enorme. Ich war sprachlos und schwieg, wie mir der Schnabel gewachsen war. Es war wie in einem Märchen aus mindestens zweitausend und einer Nacht. Der Hof ist mit Bernsteinspitzen gepflastert, in den Schlafstuben fand ich nur Straußenfederbetten und Schwefelhölzer von Jacaranda, die Toilette wird aus einer Goldwasserleitung gespeist, und auf dem Nachttisch lagen Goldelse, der Goldmensch, Silberstein, der Bauer als Millionär, der Nabob, Goldbaum und ähnliche Werke. In den Salons dieselbe Opulenz. Massive Goldfische tummelten sich in den Aquarien, <a name="page115"/><a class="pageref">115</a> eine Venus von Milos trug die kostbarsten Kleider, ein Affe suchte und fand auf einem anderen seltene Goldkäfer, und der eiserne Ofen war von Opal. In allen Ecken lagen Silberbarren, und Courcy meinte: »Die Ziffer dieses Betrages wird sich erheblich vermehren, wenn ich auch Goldbarren finde.« Unter den Kunstschätzen nenne ich nur einen von <i>Knaus</i> gemalten <i>Menzel</i>.</p><p>Es ist kein Zweifel mehr darüber, daß Frankreich Anam jetzt annektiren muß. Ob aber damit etwas erreicht sein wird? Das Volk wird immer wieder von den Mandarinen aufgestachelt werden. Man soll den Tag nicht vor dem Vorabend großer Ereignisse loben.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap018"><h3><a name="page116"/><a class="pageref">116</a> Die griechisch-türkische Krisis.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Nachdem wir Ihnen, leider lange vergeblich, eine Reihe von Mahnbriefen geschrieben hatten, um Sie zu veranlassen, nicht ganz zu vergessen, daß wir um Berichte aus Ihrer Feder verlegen sind, erhielten wir endlich von Ihnen die Darstellung des ersten Kampfes zwischen den Griechen und Türken. Aber diese Darstellung ist nichts als eine obenein nicht ganz gründliche Bearbeitung der Heldenscene, welche uns die Geschichte als Schlacht bei Thermopylä überliefert hat, nur daß statt der Perser die Türken die Schaar des Leonidas aufreiben. Dieses historische Kapitel <a name="page117"/><a class="pageref">117</a> scheinen Sie überhaupt zu bevorzugen. Aber, wenn Sie gefälligst bedenken wollen, daß dasselbe jedem Schüler bekannt ist, so dürfen Sie uns nicht zumuthen, es unseren erwachsenen Lesern mit geringen Aenderungen aufzutischen. Wir lassen es daher ungedruckt.</big></p><p><big>Da mittlerweile der erwartete Conflikt zwischen Griechenland und der Türkei ausgebrochen ist, so werden Sie uns hoffentlich umgehend einen Bericht schicken, aus dem wir Sie bitten, die griechischen Wörter fortzulassen, die jeder halbwegs gebildete Leser doch sofort als eine Buchstabenspielerei erkennen wird. Wenn Sie z. B. in dem oben erwähnten Bericht <tt>Alpha-Delta!</tt> statt <i>Ade!</i> statt <i>I geh!</i> einfach <tt>Jota-Gamma!</tt> sagen, wenn Sie ferner erzählen, das Stubenmädchen <tt>Mi-Alpha</tt> (also <i>Emma</i>) habe Ihnen eine Tasse <tt>Teta</tt> auf Ihr Zimmer gebracht und, als sie Sie bei der Toilette fand, einen <tt>Spiritus asper!</tt> also ein <i>Ha!</i> ausgestoßen und sei geflohen, wobei sie gesagt habe, das sei ihr seit einer <tt>Delta-Kappa-Delta</tt>, d. h. seit einer <i>Dekade</i> nicht mehr vorgekommen, so eignen sich derlei Scherze wohl für den <a name="page118"/><a class="pageref">118</a> Stammtisch, aber doch keinenfalls für einen ernsten Bericht.</big></p><p><big>Wir grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 13. Mai 1886.</p><p>So hätte ich abermals tauben Ohren geschrieben und mir einen Papierkorb geholt! Aufrichtig gestanden und gesessen, ich hätte eher geglaubt, daß das lenkbare <tt>Perpetuum mobile</tt> erfunden würde, als daß Sie sich an dem Engpaß von Thermopylä stoßen könnten. Mit einem Hyperfluß an Worten suchen Sie mir zu beweisen, daß diese Schlacht nichts als ein bunter Hund sei, auf welchen schließlich jeder Schüler komme. Als ob ich das nicht wüßte! Aber gerade aus diesem kühlen Grunde habe ich meinem Bericht diesen Engpaß mit auf die Reise gegeben, und ich kann Ihnen nur versichern, daß ich das Licht bedauere, in welchem Sie sich selbst gestanden haben. Sie haben wieder einmal mit Kanonen auf vermeintliche Feld- und andere Lerchen geschossen.</p><p>Denn das Lesepublikum, welches die Thermopylen gewissermaßen mit der Lehrermilch eingesogen hat, hält sich <a name="page119"/><a class="pageref">119</a> für ungemein gebildet, wenn es etwas liest, was es schon kennt. Ebenso wie Thermopylä ist dem Leser der König Leonidas, der die schönen Hellenen anführte, ein geflügeltes Wort, wie etwa Pegasus. Nichts ist dem Leser so unwillkommen, als der neue Name eines fremden Ortes oder Menschen, und wenn ihm ein solcher bei der Zeitungslektüre begegnet, so prägt er sich denselben aus, um sein Gedächtniß nicht mit unnützem Ballast zu beschweren. Die modernen Menschen sind nun einmal nicht wie die ältesten Griechen, welche sich bekanntlich nicht erinnerten, jemals die Iliade oder die Odysse vergessen zu haben. Sie schüttelten diese beiden viele hexameterlangen Lieder des sechsfüßigen Homer einfach aus dem Stegreif, während wir kaum »die Wacht am Rhein« aus- und einwendig herzusingen wissen. Oder wollen Sie das etwa bestreiten?</p><p>Ich hatte also beschlossen, Ihnen in dem ohne Zweifel zwischen dem Sultan und Sr. Basileus dem König von Griechenland drohenden Kriege nur solche Schlachten zu liefern, welche Ihre werthen Leser bereits in der Schule auswendig gelernt haben, und die sie also mit allen darin vorkommenden Namen heute noch wenigstens oberflächlich kennen So wollte ich der Schlacht bei Thermopylä die bei Salamis und so fort folgen lassen, und Ihr Leserkreis hätte sich wie ein Kind darüber gefreut.</p><p>Sie sind – verzeihen Sie das harte Wort! – anderer Meinung, und so werde ich denn gezwungen sein, andere <a name="page120"/><a class="pageref">120</a> Saiten aufzuziehen und mit Berichten zu füllen. Das wird mir hoffentlich gelingen, wenn ich das Talent dazu habe.</p><p>Ja, das Talent. Ein Talent ist circa 6000 Mark. Wenn Sie nun so freundlich wären, mir auch nur <sup class="fract">1</sup>/<sub class="fract">60</sub> Talent als Vorschuß zu senden, so wäre ich dem Briefträger, der mir diese Summe bringt, sehr dankbar.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Athen</i>, den 11. Mai 1886.</p><p><tt>W.</tt> Wie ein Blitz aus heiter geschütteltem Aegisschild fuhr die Nachricht auf mich nieder, daß die Griechen sich auf den Hinterbeinen gegen die mächtige Türkei erhoben hatten. Ich hatte das vorausgesehen, aber wo ich meinen Prophetenblick laut werden ließ, wurde ich homerisch ausgelacht. Nun steht Europa plötzlich vor dem ausbrechenden Mars und sieht am Horizont einen schwarzen <tt>punctum saliens</tt> nach dem anderen auftauchen.</p><p>Ich bin nach einer beschwerlichen Reise gestern hier angelangt und im »Delphischen Orakel« abgestiegen. Kaum fand ich hier noch auf einem Dreifuß Platz, so überfüllt ist dieses wie jedes andere Hôtel von hellenischen Jünglingen, welche von allen Seiten der Halbinsel herbeieilen, um sich in den geöffneten Janustempel zu stürzen. Alle schwören unaufhörlich, sich nicht eher einen Morpheus zu gönnen, bevor nicht der Türke, den Obolus im Munde, dem Kerberos <a name="page121"/><a class="pageref">121</a> in die drei Rachen gejagt sei. Wer in dieser Stimmung zum Frieden mahnte, würde sich unzweifelhaft den Tartaros zuziehen.</p><p>Die Botschafter und Gesandten haben die Stadt verlassen, als der griechische Minister <i>Delyannis</i> erklärte, auf der türkischen Flotte solle kein Stein auf dem anderen bleiben, und die Danaiden sollten Fürstenblut statt Wassers in ihre Fässer schöpfen, wenn Europa nicht alle seine Forderungen erfülle, das heißt mit anderen Worten, Europa solle erst ein großes Feuer veranstalten, hierauf möglichst viele Kastanien hineinlegen und dieselben dann für Griechenland herausholen. Wie man sieht, ist Delyannis ein Autokrat ersten Ranges, der sich garnicht denken kann, daß Atropos eines schönen Tages den von ihm beschrittenen kriegerischen Pfaden ein jähes Ende mit ihrer Scheere bereiten könnte. Das Schlimmste ist, daß er schon zu weit gegangen ist und, wenn er jetzt die Segel, die er den Türken vorgeschrieben, wieder streichen wollte, vom Regen der Skylla in die Traufe der Charybdis geriethe.</p><p>Allzu scharf gespannt, das macht den Bogen eben schartig.</p><p>Die Griechen vertrauen leider zu sehr auf das Glück. Sie bilden sich ein, daß, wie einst, ein großer Sieg mit einem waffenstrotzenden Pferd errungen werden kann. Wie aber, wenn das Pferd nicht durchgeht?</p><p>Nun, wir werden ja sehen!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap019"><h3><a name="page122"/><a class="pageref">122</a> Der Kriegsminister Boulanger.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir haben so lange nichts von Ihnen gehört, daß wir annahmen, Sie hätten Ferien gemacht, seien in die Sommerfrische gegangen und bekümmerten sich nicht weiter um die Außenwelt. Doch glaubten wir gleichzeitig, daß Sie uns hiervon Mittheilung gemacht haben würden, und so schreiben wir Ihnen in der Erwartung, daß unsere Zeilen Sie in Bernau antreffen. Dieselben bezwecken, Sie recht sehr zu bitten, uns recht bald wieder einen Bericht zu senden, obschon wir selbst nicht anzugeben wissen, worüber. Es liegt ja allerdings Mancherlei vor: der Freihafen Batum, die Affaire <a name="page123"/><a class="pageref">123</a><i> Edelsheim</i> in Pest, die Verbannung der französischen Prinzen, die bedenklichen Revanche-Symptome bei der Enthüllung des Chanzy-Denkmals in Frankreich u. s. w., aber wir wissen nicht, ob Ihnen diese Ereignisse den wünschenswerthen Stoff entgegenbringen. Wir überlassen Ihnen daher die Wahl irgend einer Ihnen zusagenden Begebenheit, hoffen, recht bald in den Besitz eines interessanten Berichts zu gelangen und grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 29. Juli 1886.</p><p>Als ich gestern den Briefträger, träger als sonst, in der Sommergluth auf meine vier Pfähle zuschreiten sah, da fürchtete ich schon, daß Sie mich aus der wohlverdienten Bärenhaut reißen und wieder in die Arbeit hineinstoßen würden. Sie hatten mich nicht getäuscht: ich soll wieder der Feder fröhnen, obschon der Réaumur die höchste Sprosse seiner Thermometerleiter erklommen hat und mir mit seiner Quecksilberstimme zuruft: »Ruhe aus!« Ja, an den auf den heißen Hund gekommenen Sommertagen überlasse auch ich <a name="page124"/><a class="pageref">124</a> mich gerne der Erholung und fliehe den Schweiß des Angesichts, in welchem ich jahraus und ein mein Brod esse. Wenn jedes Kind die Schulbank von den Schuhen schüttelt und inmitten seiner Eltern hinauseilt, um sich an dem Strand irgend einer Sommerwohnung von der Unregelmäßigkeit der Zeitwörter zu erholen, soll dann der Kriegsberichterstatter am Pult den Rücken krümmen, statt ihn dem Tintenfaß zu kehren? Wenn auch mein Storch nicht vollständig in Arkadien stand, so beanspruche ich doch eine Nase, aus der mir nicht alle Freuden gehen, und wenn der Zenith unter den goldenen Wagen des Helios kommt, dann will auch ich fern von allen <tt>procul negotiis</tt> sein. Denn ich bin – verzeihen Sie das harte Wort! – kein Sklave, welcher unablässig unter den Bissen der neunschwänzigen Katze die Zuckerhüte ausgräbt, oder die Baumwolle mit seinen Schweißperlen begießt. Und als also der Sirius allzu senkrecht sich geltend zu machen begann, da stellte ich mein Schreibzeug zur Disposition, spritzte meine Feder wie die Kröte das Gift aus und gab mir ohne Weiteres Ferien. Morgens mit dem ersten Hahn stand ich auf und machte Feierabend. Dann eilte ich in den Wald, und wo ich Büsche entdeckte, da schlug ich mich so seitwärts wie irgend möglich in dieselben. Hier lag ich dann und lauschte dem Nesterbauen der Vögel und war glücklich. Mittags schlich ich wieder nach Hause, stürzte mich in die brandende Badewanne, speiste, griff dann zum Wanderschirm und machte eine Fußtour fürbaß, von der ich so spät <a name="page125"/><a class="pageref">125</a> heimkehrte, daß ich fast einen doppelten Hausschlüssel brauchte. Dann saß ich noch lange am offenen Fenster und blickte hinauf, wo Luna in stiller Majestät ihren Mondwagen lenkte, bis der Nachtwächter auf drei stand und zu den Posen mahnte.</p><p>In diesem Idyll stört mich Ihr geschätzter Brief, indem er mich wieder an die <tt>labora</tt> erinnert. In den Sommertagen fühlt man so recht, wie beneidenswerth der Rentier ist, der wie der Hummer oder der Krebs mit der Couponsscheere seine Nahrung findet und nicht nöthig hat, wie ich, den Arbeitgeber seliger als den Arbeitnehmer zu finden.</p><p>Ich sende Ihnen einliegend den französischen Kriegsminister, der augen- oder besser ohrenblicklich am meisten <tt>en vogue la galère</tt> ist. Denn er spielt wirklich mit dem Feuer, welches den Chauvinisten auf den Nägeln zum Sarge des europäischen Friedens brennt.</p><p>Eben sprach ich von den Rentiers. Da ergriff mich die Sehnsucht, auch ein solcher zu werden und von 2 Mark Zinsen jährlich zu leben. Senden Sie mir also bitte! einen Vorschuß von 50 Mark, das wäre ja, zu 4% gerechnet, so wenig, wie ich angab.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Paris</i>, den 27. Juli 1886.</p><p><tt>W.</tt> Mit vollem Recht heißt Paris die Seinestadt. Denn sie zeigt uns allerdings neben vielen andern Sehenswürdigkeiten immer die Zähne. Aber es sind keine <a name="page126"/><a class="pageref">126</a> Weisheits-, sondern Forderzähne, die Pariser fordern Elsaß und Lothringen, sie fordern Revanche. Daß sie ohne blaues Auge davonkommen könnten, das bedenken sie leider nicht.</p><p>Dies fühle ich, seit ich hier angekommen bin. Das ganze <tt>tout Paris</tt> spricht von <i>Boulanger</i> (sprich: <tt>Boulanger</tt>). Ueberall lese ich mit großen Lettern den Namen Boulanger. Meinem Hôtel gegenüber ist ein Bäckerladen, an dessen Scheiben das Wort <i>Boulanger</i> steht. Was in Berlin der Mann mit dem Coaks war, das ist hier dieser <i>Boulanger</i>, man hört keinen anderen Laut. <i>Thiers</i> und <i>Gambetta</i> sind vergessen und vertrunken. <i>Grévy</i> regiert tauben Ohren. <i>Déroulède</i> singt in das Meer der Vergessenheit, ich möchte ihn <i>Déroulethe</i> nennen. Des Ministerpräsidenten <i>Freycinet</i> erinnern sich die ältesten Leute nicht. Die ausgewiesenen Prinzen sind wie in Windhosen verschwunden. Man spricht nur von <i>Boulanger</i>. <i>Boulanger</i> ist eine ganze Löwenheerde des Tages. Der Leierkastenmann dreht sein Lob auf der Orgel, Betrunkene und Säuglinge lallen seinen Namen, Papageien lernen ihn auswendig, der Sturm heult ihn, die Sonne brütet ihn, der Regen plätschert ihn, die Rose duftet ihn, der Philister schüttelt ihn mit dem Kopf, der Droschkenkutscher pfeift ihn vor sich hin.</p><p>Das ist ein schlimmes Zeichen. Frankreich ist wie ein Mädchen, es will einen Mann, aber nicht einen, der es heim-, sondern im Gegentheil einen, der es hinausführt gegen Deutschland, und hierzu ist <i>Boulanger</i> wahrlich nicht der Linke. <a name="page127"/><a class="pageref">127</a> Ich habe ihn heute gesehen. Er trägt immer noch den Arm, den der Senator de <i>Lareinty</i> nicht getroffen hat, in der Binde. Sein Kopf ist offen und macht den Eindruck, als schrecke er vor keiner Wand zurück, er hat einen großen Mund, einen Wagehals, eine feine Spürnase und ein Auge, in das ihm die Herrschaft sticht. Zwar wird <i>Boulanger</i> nicht heute, oder morgen ein neuer Napoleon sein, wie Rom ja auch nicht an einem Tage von den Wölfen gesäugt worden ist, aber wenn eines Tages der Staat einen Streich vertragen kann, dann wird dieser <i>Boulanger</i> ganz gewiß nicht säumen, der Republik das letzte Stündlein um die Ohren zu schlagen.</p><p>Und dann? Dann allerdings möchte ich nicht die Ebene sein, welche <i>Boulanger</i> betritt, denn sie wird schief werden und immer schiefer, und ich höre schon den Schlitten klingeln, unter den Frankreich durch einen Krieg mit Deutschland kommt. Der Stein ist im Rollen, – kann es nicht solchen erbarmen, daß Frankreich blind- und taublings in's Verderben rennt?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap020"><h3><a name="page128"/><a class="pageref">128</a> Das Bulgarische Attentat.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir bedauern, daß Sie und wir durch Ihre Anfrage, ob Sie uns über die Ereignisse in Bulgarien berichten sollten, Zeit verloren haben. Natürlich sind uns Ihre Berichte überaus willkommen, aber weshalb fragten Sie erst an? Wir können doch unmöglich ohne bulgarische Berichte sein, wenn dort, wie jetzt eben, so Wichtiges sich begiebt. Wir bitten Sie also, sich zu beeilen, denn Alles entscheidet sich mit unheimlicher Geschwindigkeit, und wir müssen das Nachhinken sorgfältig vermeiden.</big></p><p><big>Daß Sie so wenig von Bulgarien wissen, bedauern wir sehr. Ein Zeitungsberichterstatter <a name="page129"/><a class="pageref">129</a> sollte doch mit den politischen Verhältnissen der Staaten, aus denen er die Lesewelt belehren will, wenigstens oberflächlich vertraut sein. Wir senden Ihnen mit diesen Zeilen einige Zeitungsausschnitte, in denen Sie das Allernothwendigste finden werden. Denn, wenn Sie uns fragen: »Wo liegt denn dies Battenberg?« und »Was geht denn eigentlich den Fürsten von Battenberg das bulgarische Attentat an?« so sehen wir zu unserer Ueberraschung ein, daß Ihnen Bulgarien allerdings unverantwortlich fern liegt.</big></p><p><big>Wir erwarten Ihren Bericht</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 31. August 1886.</p><p>Ruhig Blut ist ein ganz besonderer Saft, mußte ich mit Mephistopheles ausrufen, als ich Ihre geschätzten Zeilen erbrach, in denen Sie es mir krumm wie einen Türkensäbel nahmen, daß ich Ihnen durch meine Anfrage Zeit verloren habe. Ich konnte ja doch nicht wissen, daß Sie das bulgarische Ereigniß für einen Punkt erster Schwärze am <a name="page130"/><a class="pageref">130</a> politischen Horizont halten, und daß jedes Zögern der Berichterstattung Sie <tt>cause célèbre</tt>-leidend machen würde. Ich hatte allerdings in Bulgarien nicht die Saat, welche von einem alles übersteigenden Drachen gesäet worden war, erblickt, ich sah und sehe auch noch jetzt nichts weiter darin, als das Wasser, zu welchem den Russen eine ihrer Intriguen geworden ist, oder den Kuchen, welcher ihnen höhnend zugerufen wurde, als sie dachten, das bulgarische Volk würde ihnen ein Ohr leihen, um sich von ihnen über dasselbe hauen zu lassen. Ich aber hatte meine Feder bisher ausschließlich in große Blutbäder getaucht, und nur, wenn die Bomben ringender Armeen wie Geister aufeinanderplatzten und die eisernsten Würfel geschmiedet wurden, so lange sie glühten, mein Tintenfaß geöffnet. Nichts dergleichen hatte sich in Bulgarien ereignet. Verräther waren vorderrücks in das Palais gedrungen und zwangen den im Nachtpurpur aus dem Morpheus springenden Fürsten, den Thron vom Haupte zu nehmen und das Land zu verlassen. Eine Schurkerei, die einem die Gänsehaut zu Berge sträubt, und die um so größer ist, als die bulgarische Nation nur die Hände dieser Misseattenthäter aufzuweisen hat, auf denen der Fürst Alexander nicht getragen wurde. Alexander konnte sein Haupt wie Eberhard mitsammt dem Bart jedem seiner Unterthanen in den Schooß legen, und das ist doch gewiß, wie der Franzose sagt, <tt>une bonne chose</tt>. Aber geschehen war doch in Sofia eigentlich nichts, was meine Feder reizen konnte: kein <a name="page131"/><a class="pageref">131</a> Schwert wurde – verzeihen Sie das harte Wort! – entblößt, kein einziger Sturm wurde geläutet, kein Schuß fiel in die Wagschale, keine Schaar mützelte, und kein Haufen wurde über denselben gerannt. Es vollzog sich alles so glatt wie ein Aal durch die Milch. Deshalb hielt ich es für meine Pflicht, erst bei Ihnen anzufragen, ob ich zur Feder greifen sollte, oder umgekehrt.</p><p>Einliegend das ganze Attentat.</p><p>Wenn von demselben die Rede ist, so höre ich immer von der Macht des Rubels sprechen, vor der in Rußland jedes Knie den Staub küsse. Man sagt, dem Rubel leisten Ehre, Eid, Treue und Ehrlichkeit nur Hin- und Widerstand, es gäbe kaum einen Kürzeren, den nicht Jeder vor dem Rubel zöge. Da bin ich doch so neugierig, daß ich Sie um einen Vorschuß von 25 Rubeln zum Course von 196,65 bitten muß. Ich will sehen, ob der Rubel wirklich eine solche Pfeffermünze ist.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Sofia</i>, den 28. August 1886.</p><p><tt>W.</tt> Ich hatte Glück. Die Sommerfrische in vollen Zügen der österreichischen Südbahnen einsaugend, auf allen Stationen nichts weiter als höchstens Halt machend und mein Wanderstabswerk mit reizenden Eindrücken füllend, aus dem mit ewigen Pic bedeckten Schnee der Bergriesen meine Zeit angeseilt lustmordend, oder in den lieblichen Thälern <a name="page132"/><a class="pageref">132</a> das frische Heu einathmend, traf mich plötzlich wie aus heiteren Wolken der elektrische Funken von dem in Bulgarien wüthenden historischen Ereigniß. Ich besann mich nicht lange, das Dampfroß war gesattelt, und ich eilte in die Hauptstadt des Fürsten Alexander, der, eben noch Landesvater, jetzt kinderlos in der Welt umherirrte.</p><p>Noch war die provisorische Regierung an der Spitze: <i>Zankoff</i>, <i>Radauloff</i>, <i>Katzenkoff</i>, <i>Klumpatschoff</i> und <i>Nuaberraußoff</i>. Noch war den Betrügern nicht die eine Decke vom Gesicht gerissen, unter der sie mit Rußland spielten. Noch wirkte der Rubel, denn als ich auf der Straße den Metropoliten <i>Hautihmoff</i> fragte, was die Uhr sei, zählte er mir 10 Rubel 35 Kopeken in die Hand, wodurch er ausdrücken wollte, daß es 5 Minuten nach ½11 sei. Ich war außer meiner Wenigkeit und warf ihm entrüstet die Auskunft vor die Füße, worauf er das Weite ergriff Aber kaum zehn Schritte von mir entfernt, wurde er von einem Eingeborenen gefragt, wo <i>Rempeloff</i>, der russische Konsularverweser, wohne, und er gab dem Frager 69 Kopeken und sagte dazu: Dies ist die Nummer in dieser Straße, wo er wohnt. Der Andere dankte und sagte, nun wolle er auch treu zu Rußland halten.</p><p>Unter den Leitern der Emeute ist nicht ein einziger Hold, jeder ist durch und durch Unhold. Außer den Obigen nenne ich noch den Major <i>Spektakuloff</i>, den Chef der Milizen, <i>Rüpeloff</i> und den Kommandanten der Garnison <i>Rebelloff</i>.</p><p><a name="page133"/><a class="pageref">133</a> Kaum aber vergoldete krähend der Hahn am dritten Morgen nach dem Attentat die Zinnen Sofias, so wendete sich das Blatt, in welchem sich die neue Regierung proklamirt hatte. Dem Volk ging das Licht auf, hinter welches es geführt worden war, es fühlte, daß dem Fürsten seiner Wahl – ich möchte denselben jetzt <i>Wahlexander</i> nennen – himmel- und höllenschreiendes Unrecht angethan, daß er unter den Hammer russischer Ränkeschmiede gerathen war. Sofia erhob sich wie Ein Mann und schleppte die elenden Zankoffiten nach Nummer Sicher. Aehnlich ging es in allen anderen Städten des wie aus einem bösen Morpheus erwachenden Landes. Ueberall zog das Volk durch die Straßen, rief »<tt>Niech zyje!</tt>« (sprich: <tt>Niech zyje!</tt>) und nirgends war ein Häuschen, aus welchem die Bevölkerung nicht gewesen und das Abends nicht illuminirt worden wäre. Hätte sich das Volk einige Tage früher so benommen, ich gebe meinen Kopf und Kragen zum Pfande, Niemand hätte gewagt, mit dem Fürsten anders als mit geschlossenem Munde zu sprechen, aus Furcht, in den Verdacht zu kommen, ihm die Zähne zeigen zu wollen. Aber die Schurken haben den Fürsten über- und überrumpelt und setzten ihm den rothen Hahn ihrer Pistolen auf die Brust. Sie sehen jetzt ihrer Nemesis entgegen.</p><p>Zu bedauern ist nur, daß der Fürst kein Nabobionär ist. Hätte er die Verschwörer mehr als Rußland verrubeln können, so hätten sie ihm die Hand geküßt, statt sie an ihn <a name="page134"/><a class="pageref">134</a> zu legen, er konnte nicht concurriren, nicht so mit den Zard'ors um sich werfen, und so mußte er denn froh sein, mit dem blauen Leben davonzukommen.</p><p>Man sucht ihn überall – wie merkwürdig! Man sucht den Alexander mit der Diogeneslaterne. Noch fehlt jede Spur von seinen Erdentagen, welche nicht in Aeonen untergehen wird.</p><p class="center"><i>(Telegramm.)</i></p><p>Der Fürst hat sich wiedergefunden, eben hält er unter dem Geschrei des Volkes: »Er lebe hoch! Eins, zwei, drei, heureka!« und mit klingendem Spiel (oder wenn man will: mit klingendem Ernst) den Einzug in die Hauptstadt. Seine Heimkehr von Lemberg aus bildete einen Triumphzug, und so schlug nicht, wie es ihm zugedacht war, sein letztes, sondern eigentlich sein erstes Stündlein. Alle Stationen waren mit Ovationen bedeckt, überall fuhr sein mit der Menge bespannter Wagen über blumenbestreute Straßen, und wenig fehlte, so hätte man auch die Segel seiner Yacht, mit der er von Rustschuk nach Sistowo fuhr, künstlich gebläht. In dem Augenblick, wo er die Hauptstadt betrat, blieb keine Glocke ungeläutet, keine Trommel ungerührt, keine Kanone ungedonnert, keine Fanfare ungeschmettert. Wohl selten ist ein Herrscher so enthusiastisch bei offener Scene gerufen worden wie dieser, der von einer Bande Rubellen dem Untergang geweiht schien.</p><p><a name="page135"/><a class="pageref">135</a> Der Jubel des Volkes ist ein so ununterbrochener, daß er kaum jeder Beschreibung zu spotten vermag. Der Fürst ist ernst. Er hat einen furchtbaren Gegner vor sich, und wer weiß, wie lange dieser Lust hat, an den Brüchen zu leiden, in welche seine Pläne gegangen sind!</p><p class="center"><i>(Telegramm.)</i></p><p>Wer nicht auf den Kopf gefallen ist, wird ihn sich vergeblich über das zerbrechen, was vorgefallen ist. Wer mir gestern gesagt hätte, was heute geschehen ist, den würde ich reif für das Irrenhaus abgeschüttelt haben, einen solchen Propheten hätte ich für würdig gehalten, in seinem Vaterlande nichts zu gelten. Der Wirth, ohne welchen wir Alle die Rechnung gemacht haben, ist einer der überraschendsten in der ganzen bulgarischen Affaire.</p><p>Ich komme vom Schloß. Es ist brechend leer. Der Fürst Alexander hat den Purpur niedergelegt und seinen Laren und Penaten in Jugenheim telegraphirt, daß er zu ihnen heimkehre. Um das Land vor einem Zwischenakt der Gewalt Rußlands zu bewahren, hat er nicht die Attentäter, sondern den Purpur an den Nagel gehängt und dem Thron den ungebeugten Rücken gekehrt.</p><p>In diesem Augenblick trägt ihn das Dampfroß in gestrecktem Lauf nach Deutschland, aber noch ist kein Auge <a name="page136"/><a class="pageref">136</a> thränenleer, noch donnern die Abschiedssalven, noch schwören ihm die Bulgaren die ewigste Treue. Was die dankbaren Bewohner Sofia's ihrem tapferen Fürsten geben konnten, das gaben sie ihm: das Geleite.</p><p>Die Verschwörung hat gesiegt. Der russische Rubel triumphirt. Baar Geld lacht sich in's Fäustchen.</p><p>Ich bleibe noch hier. Jeder folgende Tag kann der Vorabend großer Ereignisse werden. Wählt die Sobranje den Fürsten wieder auf den Thron, so bedarf es nur eines Pulverfasses, und der Funken fällt hinein.</p><p>Warten wir das Weitere ab. Ich werde mich nicht auf's Ohr, wohl aber auf die Lauer legen und den Lesern getreulich über alle Loose, welche noch im Zeitenschooße ruhen, Bericht erstatten. Lassen Sie mich heute mit dem Wunsche schließen, daß dem edlen Fürsten von Bulgarien sein Jugenheim leicht werde.</p><p> </p><p class="figure"><img alt="" src="bilder/s136.png" width="17%"/></p></div></text></TEI>