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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 3</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/101222548">Stettenheim, Julius</persName><country>Deutschland</country><birth>1831.0</birth><death>1916.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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    sämmtliche Berichte.</i></h2><h3>Herausgegeben</h3><h4>von</h4><h3 class="author">Julius Stettenheim.</h3><h3>Band III.</h3><p> </p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap001"><h3><a class="pageref" name="page001">1</a> Die spanische Reise.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Eine freudigere Ueberraschung konnten Sie uns nicht bereiten, als durch Ihr freiwilliges Anerbieten, die Berichterstattung über den Besuch des Deutschen Kronprinzen in Madrid zu übernehmen. Denn wir hatten zwar die Absicht, Sie darum zu bitten, aber doch nicht den Muth dazu, da wir wissen, wie ungern Sie sich mit etwas Anderem, als mit dem Krieg beschäftigen.</big></p><p><big>Wir danken Ihnen nunmehr um so herzlicher und wünschen Ihnen Glück zu dem interessanten Stoff. Die Fahrt unseres Kronprinzen nach Spanien ist ein glänzendes weltgeschichtliches Ereigniß, die Augen von ganz Europa sind auf dieselbe gerichtet, und Alles daran ist sensationell, überraschend, pikant. Die Berichterstattung ist vielleicht niemals vor ein Thema gestellt worden, welches, wie diese Reise, zugleich bedeutend und reizend ist.</big></p><p><a class="pageref" name="page002">2</a><big> Eines nur in Ihrer werthen Zuschrift ist uns unverständlich geblieben. Sie ersuchen uns, Ihnen umgehend eine rothe Fahne, wie solche bei Stiergefechten verwendet wird, zu senden. Wo sollen wir dergleichen hier finden, und was wollen Sie damit?</big></p><p><big>Ihrem ersten Berichte entgegensehend, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 15. November 1885.</p><p>»Setz' Deinen Fuß auf ellenhohe Perrücken, Du bleibst doch immer, was Du bist!« würde ich Ihnen zurufen, wenn wir eines Tages ein Du geleert hätten. Denn Sie meinen sehr richtig, mir wäre der Mars die liebste Beschäftigung, und sind doch erstaunt darüber, daß ich plötzlich zur spanischen Reise greife. Meiner Brust entrang sich ein lautes Kopfschütteln, als ich das las. Grade weil ich das Kriegsgetümmel jeder anderen journalistischen Thätigkeit vorziehe, habe ich mich entschlossen, über diese historische Reise zu berichten. Denn ich brauche einem Ereigniß nur auf den Zahn der Zeit zu fühlen und weiß sofort, wo die Fugen sind, aus welchen die Zeit ist. Sehen Sie denn nicht den Hund, der da begraben liegt? Ich halte den Krieg zwischen Frankreich <a class="pageref" name="page003">3</a> und Spanien für unvermeidlich, es bedarf nur noch Eines Funkens, und das Pulverfaß kommt in's Rollen. Denn der Krieg ist der besagteste aller Hämmel, auf den Frankreich wieder und immer wieder kommt, um sein Prestige zu erneuern, und bietet sich ihm eine Gelegenheit, so wird es deren Haare gewiß nicht schonen, sondern sie bei denselben herbeiziehen.</p><p>Von einem gut unterrichteten Relatareferenten höre ich, daß die Franzosen noch bis zum letzten Moment hofften, die Reise werde zu Wasser werden, was dann solches auf ihre Mühle gewesen wäre. Nun aber, da sie sich getäuscht sehen, verlieren sie eine Fassung nach der anderen. Kein Pariser Blatt nimmt das andere vor den Mund, alle Journale sprechen von dieser Reise in äußerst derben Mühlrädern, die ihnen im Kopf herumgehen. Frankreich, sagen sie, sonst ein Feuer-, sei jetzt ein Aschenbrödel geworden, und es sei daher die Aufgabe der großen <tt>grande nation</tt>, Deutschland ein Paroli zu biegen oder zu brechen. Besonders die Pariser sind außer sich. Wenn Zwei, die über die Reise gesprochen haben, auseinandergehen und sich die Hände reichen wollen, so wissen sie sich nicht zu fassen. Sie, die noch vor etlichen Wochen an dem König von Spanien das schreiendste Gastunrecht ausübten, weil ihm ein Deutsches Ulanenregiment in den Schooß gefallen war, beklagen sich heute über Deutschland, das dem Könige einen Besuch in die Wunde träufelt! Das ist doch naiv. Immerhin aber beweist es deutlich, daß Frankreich nur auf den Moment wartet, wo das Hühnchen reif ist, um es <a class="pageref" name="page004">4</a> mit uns zu pflücken. Aus diesem Grunde ist die spanische Reise ein Stoff für mich, ich bin eben – verzeihen Sie das harte Wort! – der geborene Bellumtrist.</p><p>Selbstverständlich werde ich mich hüten, überall als die Frucht dieses Besuchs mein Steckenpferd, den Erisapfel, zu reiten. Ich werde kein Wässerchen der Freude trüben, wo dies nicht durch die Umstände geboten erscheint. Ich werde im Gegentheil in die Friedensschalmei stoßen. Damit ich dies mit aller Seelenruhe thun kann, antworte ich Ihnen, falls Sie mich fragen sollten, wieviel Vorschuß ich haben will, mit der Bitte, mir 10 Pesos zu senden, also etwa 40 Mark. Ich würde natürlich gerne mehr fordern, wenn ich wüßte, daß Ihnen diese geringe Summe Unbequemlichkeiten verursacht. Meine Adresse ist einfach: <tt>Don Wippchen</tt>.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Madrid</i>, den 13. November 1883.</p><p><tt>W.</tt> Obwohl ohne Ulanenregiment, bin ich doch nicht über Paris gereist. Paris ist, weil nicht geheuer, ein Ungeheuer. Und ich wollte mir die Freude nicht verderben lassen, die ich empfunden hatte, als ich hörte, der Kronprinz des Deutschen Reiches sei dazu ausersehen, dem Könige von Spanien die Gegenvisite zu reichen.</p><p>Gestern kam ich hier an und stieg in Carmens Hotel ab, das ich jedem Reisenden empfehlen kann. Es ist eines jener alten <tt>Châteaux en Espagne</tt>, welche leider allmälig <a class="pageref" name="page005">5</a> verschwinden. Die Wände sind mit Oelwerken Tizian's und Murillo's bedeckt, und es herrscht in diesem Hause, leider ausnahmsweise, die größte Reinlichkeit. So z. B. wird die Mandoline meines Zimmers jeden Morgen frisch bezogen. Von meinem Fenster aus blicke ich auf das Reiterdenkmal des Comthur, jenes Unglücklichen, der einst, von Don Juan's Degen durchbohrt, niedersank, und von dem die Sage geht, er lasse auch heute noch keine Einladung des Verführers seiner Tochter unberücksichtigt.</p><p>Als ich ankam, war die Luna bereits hereingebrochen, und da fiel mir die Zeit ein, wo König Philipp sagte, in seinem Staate gehe die Sonne nicht unter. Das hat sich allerdings geändert. Das einst so große Reich ist anstatt der Sonne untergegangen, aber Madrid ist noch immer eine schöne Stadt. Ich bin entzückt. Auf dem Manzanares schaukelten die Nachkommen des Cid, die edelsten Hidalgos, an der Seite ihrer Dulcineen, und über die Promenaden flogen auf feurigen Rosinanten die spanischen Reiter dahin nach Aranjuez, wo die schönen Tage noch immer vorüber sind. Und aus dem Circus ertönte das Gebrüll der Stiere, welche nächstens mit den Toreadores fechten und unrettbar in den Sand beißen sollen.</p><p>Da mich die spanischen Fliegen in meinem Zimmer nicht schlafen ließen, so erhob ich mich früh, nahm eine <tt>Olla potrida</tt> (sprich <tt>Olla potrida</tt>) zu mir und ging aus. Ueberall redet man von dem <tt>principe de la corona Frederico</tt><a class="pageref" name="page006">6</a><tt> Guillelmo</tt> mit ungeheurer Begeisterung, und vom elegantesten Don Juan bis hinunter zum letzten Leporello hat Keiner Ruh' bei Tag und Nacht, bis der hohe Besuch eintrifft. Von den Häusern flattern Fahnen, Teppiche und Illuminationskörper, das Theater bereitet Schillers Don Carlos in drei Theilen vor, die Preciosas, Pepitas und wie die holden Frauen heißen mögen, haben alle Hände voll Castagnetten zu thun, um sich für die Festtage einzutanzen, die <tt>Estudiantina</tt> hat neue Löffel bekommen, aus der ganzen Umgegend strömen die Landbewohner auf ihren von malerischen Mundthieren gezogenen Fuhrwerken in die Stadt, und Alles feiert, um die Festtage fröhlich zu begehen.</p><p>Und diese köstliche Stimmung beherrscht ganz Spanien. Auf meiner Herreise war ich einige Stunden in Sevilla. Als ich in Figaros Laden trat, um mich barbieren zu lassen, traf ich dort den Grafen Almaviva und dessen große Rosine, (welche wegen des ihr auf der Oberlippe sprießenden zierlichen Backenbärtchens gleichfalls eines Barbiers bedarf,) ferner den alten Doctor Bartolo, den Bassisten Basilio, den Pagen Cherubin, in dem ich ein sehr nettes Mädchen kennen lernte, kurz, eine reizende Gesellschaft. Es wurde von Nichts als von der Ankunft des Deutschen Kronprinzen gesprochen, und einstimmig gratulirten sie Spanien zu dem Glück, welches dem Lande aus Fortunas Füllhorn entgegentönt.</p><p>Nun zu den Festen!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap002"><h3><a class="pageref" name="page007">7</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Der Bericht, den Sie Ihrem ersten folgen ließen, konnte leider nicht verwerthet werden. Der Stoff reißt Sie hin. Wir finden dies begreiflich, Land und Leute verführen die Phantasie des Berichterstatters zu Extravaganzen. Aber es ist doch die Frage, ob der Leser sich gleichfalls verführen läßt, und da wir dies für Ihren jüngsten Brief bezweifelten, so druckten wir ihn nicht ab. Sie beschreiben einen Ausflug nach Granada. Das wäre ja sehr hübsch gewesen, wenn Sie nicht ein Abenteuer schilderten, das Sie daselbst erlebt haben wollten und das dem durch Kreutzer's Nachtlager allgemein bekannten überraschend ähnlich sah. Man begreift gar nicht, warum Sie denn eigentlich incognito reisten und sich als einen Schützen in des Regenten Sold vorstellten.</big></p><p><a class="pageref" name="page008">8</a><big> Uebrigens hat der Wegfall dieses Briefes keine fühlbare Lücke zurückgelassen. Erst jetzt, mit der Ankunft des Kronprinzen, beginnt ja Ihre eigentliche Aufgabe, deren Sie sich mit bekannter Virtuosität entledigen werden.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 22. November 1883.</p><p>Ihr Esse, in welchem Sie sich befinden, wenn Sie mir einen Fehler nachweisen zu können glauben, spottet, wenn nicht jeder, so doch meiner Beschreibung. Weshalb, frage ich Sie, soll ein Liebesabenteuer, welches einem Fürsten zustößt, nicht auch einem Mann begegnen, den ein bürgerlicher Storch gebracht hat? Glauben Sie, daß Amor lieber einem Fürsten als einem Bürger einen Floh ins Herz setzt, oder wollen Sie mir gar schwarz auf weiß machen, daß der genannte Liebesgötze seinen Köcher vorzugsweise auf das Wohl solcher Männer leert, welche eine Krone mit der Muttermilch eingesogen haben? Dann lassen Sie sich eines besseren Cupido belehren. Ob Ober- oder Unterthan, die Liebe fragt nicht nach Rang und Parquet, sie kommt, sieht nicht und – verzeihen Sie das harte Wort! – siegt. Keine Spanierin ist so grausam, kurz kein Torquemädchen, daß sie ihr Herz <a class="pageref" name="page009">9</a> nur einem Gekrönten und Gescepterten schenkt, es wäre dies auch, unter uns gesagt, sehr traurig. Sollte also mir das Nachtlager von Granada verschlossen bleiben und nur dem Regenten von Spanien bereitet sein?</p><p class="center"><img alt="" src="bilder/s010.jpg" width="33%"/></p><p>In dieser Stimmung ließ ich mich als Posa photographiren. Ich konnte nicht anders. Es regte sich in mir, als ich Ihren Brief las, der Geist des spanischen Ritters, der auf die Gefahr hin, von der Inquisition mehr als seinen Mund verbrannt zu sehen, den Muth hatte, zu den ganz in der Nähe befindlichen Füßen des Tyrannen niederzustürzen und demselben den Ausruf »Sonderbarer Schwärmer!« abzutrotzen. Hier ist das Bild. Es war mir unmöglich, ein freundliches Gesicht zu machen, so sehr mich der Photograph bat, nicht immer von verbrannten menschlichen Gedankenfreiheiten zu sprechen, sondern lieber meine Stirn zu entfalten. Und wenn sich der Photograph auf meinen Kopf gestellt hätte, es wäre mir nicht möglich gewesen, so sehr war ich außer mir, daß Sie mein Nachtlager von Granada in den Papierkorb geworfen hatten.</p><p>Und auch ein Geständniß habe ich Ihnen zu machen. Als ich Ihre Sendung von 40 M. erhielt, brach ich in laute Beifallszeichen aus und rief <tt>Dacapo!</tt> und nun werde ich nicht eher ruhen, bis Sie Ihre wirklich vortreffliche Leistung wiederholen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page011">11</a><i> Genua</i>, den 19. November 1883.</p><p><tt>W.</tt> Der Ankunft des Kronprinzen beizuwohnen, bin ich hierher geeilt. Die ganze Stadt war gestern Abend auf den Beinen einer freudigst bewegten Menge. Genua ist eine interessante Stadt. Man kann keinen Schritt thun, ohne daran zu denken, daß hier Columbus 1436 in einem auch heute noch nicht aufgeklärten Dunkel geboren worden ist, um Amerika zu entdecken, und daß Fiesko hier fünf Acte lang die Schiller'sche Verschwörung anzettelte, bis er als Mantelträger in den Wellen das Zeitliche gewaltsam segnete. Gestern Abend bildete der Perron des Bahnhofs eine großartige glänzende Gesellschaft, deren Mittelpunkt der Doge von Genua, der italienische Generalkonsul Dr. Bamberg und unser Botschafter v. Keudell war. Als dann um Mitternacht ½ Uhr der hohe Gast dem Coupé entstieg, ihm zur Seite ein Mann über Hünengröße, General Carava, der Adjutant des Königs Humbert (sprich <tt>Umberto</tt>), da erdröhnte die Nacht von huldigenden Ausdrücken der Sympathie. Um ein Uhr fuhr der Kronprinz durch die taghell erleuchtete Menge, während von allen Balconen die Damen mit ihren Taschentüchern begeisterte <tt>Evvivas</tt> wehten, nach dem <tt>Palazzo Reale</tt>, vor welchem noch bis zum Anbruch des ersten Hahnenschreis die Menge unter Gesang und Hochrufen auf- und niederwogte.</p><p>Ich habe die ganze Nacht keinen Morpheus geschlossen, so sehr hatte mich das wundervolle Schauspiel des Empfangs <a class="pageref" name="page012">12</a> aufgeregt, so übertönte der von der Straße heraufschallende Jubel meine Augenlider. Es war herrlich zu sehen, wie drei Nationen sich die Hände schüttelten. Voll Neid, dieser siebentesten aller Todsünden, blickt Frankreich auf diese Dreitracht, aber alle Versuche, diese Kette mit Scheidewasser zu sprengen, werden nichts sein als ein Handgemenge mit Windmühlen, und die dem Bunde bereitete Grube wird selbst hineinfallen.</p><p>Um 2 Uhr 20 Minuten landete der Kronprinz auf dem von dem Capitain Mensing präsidirten Adalbert, welches Schiff den hohen Gast nach Valencia führen wird. Die Nixen des Hafens erzittern unter den Salven der Flottille. Die Batterien am Lande bleiben die Antwort nicht schuldig. Die Tambours an Bord wirbeln durcheinander. Ein donnerndes Hurrahgeschrei erfüllt die Wolken. Das Wetter ist heiter, auch der Wind. Die Masten sind von den Matrosen überfüllt, auch die Raaen sind ausverkauft. Um 2 Uhr 25 Minuten setzt sich der Zug in Bewegung. Auf nach Valencia!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap003"><h3><a class="pageref" name="page013">13</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Nehmen sie unseren besten Dank für Ihr Portrait, so sehr fatal es uns sein muß, daß nach Ihrer Angabe unser jüngster Brief Sie veranlaßt hat, sich im Costüm des Posa photographiren zu lassen. Wir nehmen an, daß dies nur scherzhaft gemeint ist, da wir ja Ihre Passion kennen, Ihre Portraits dem Charakter des Landes, dem Ihre Berichte gelten, anzupassen.</big></p><p><big>Wir glauben, Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn wir Ihnen das gewünschte Textbuch der Oper Carmen nicht senden. Wir fürchten nämlich, daß Sie dasselbe zu stark für Ihre Berichte benutzen würden. Dies wäre insofern eine verlorene Mühe, als das Publikum das genannte Opernlibretto genau kennt, und wir demselben den betreffenden <a class="pageref" name="page014">14</a> Bericht aus naheliegenden Gründen vorenthalten müßten.</big></p><p><big>Wir grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 29. November 1883.</p><p>Die Lunte, welche Sie gerochen haben, war denn doch nicht – verzeihen Sie das harte Wort! – der Braten, den Sie meinen. Ihr Eifer hat Ihnen einen schlimmen Streich gespielt und denselben verloren. Ich wollte den Operntext Carmen haben, um Näheres über das Stiergefecht zu erfahren, da ein solches in Madrid stattfinden soll. Nun muß mir die Phantasie ihren kühnsten Daumen leihen, damit ich mir aus demselben das sauge, was ich zu berichten habe. Ich wandte mich hier an einen Schlächter mit der Bitte, mir etwas über die Art und Weise mitzutheilen, wie Stiere fechten. Er dachte eine Weile nach und sagte dann, ich sollte machen, daß ich hinauskomme, sonst würde er mich an die Luft setzen. Das war Alles, was ich von ihm über die Stiergefechte erfahren konnte, und ich machte mir daher Beine. Hätte ich mir etwas Anderes gemacht, wer weiß, welchen Kürzeren ich gezogen haben würde! Ich war froh, ohne blaues Auge davon gekommen zu sein.</p><p><a class="pageref" name="page015">15</a> Wie lange ich den Besuch am spanischen Hof dauern lasse, weiß ich heute noch nicht. Doch habe ich die Absicht, ihn in der nächsten Nummer zu beenden, um den Leser nicht zu ermüden. Eine fortwährende <tt>Variatio</tt> ist ja das ganze <tt>Delectat</tt> der Leserwe1t. Sobald ich also merke, daß das Interesse erschöpft ist, lasse ich den deutschen Kronprinzen unter dem unbeschreiblichen Jubel der Bevölkerung die Heimreise antreten und wende mich wieder dem französisch-chinesischen Krieg zu, der längst nicht mehr <tt>in spe</tt>, sondern in Wirklichkeit wüthet.</p><p>Schließlich bitte ich Sie, doch gefälligst in einem iberischen Wörterbuch nachzusehen, wie Vorschuß auf Spanisch heißt, und mir dann einen solchen von 40 Mark zu senden. Auf der Einzahlungskarte findet sich wohl ein Plätzchen für das Wort, das ich so sehr liebe.</p><p>Gute Nacht, schlafen Sie recht munter!</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Madrid</i>, den 26. November 1883.</p><p><tt>W.</tt> Seit der deutsche Kronprinz in Valencia eingetroffen ist, sind Rand und Band, aus denen Spanien ist, unbeschreiblich. So habe ich es nie gesehen. Madrid kommt mir geradezu spanisch vor. Das Volk bemüht sich bis in die späte Nacht, seine Freude an den Tag zu legen und seinem erhabenen Gast Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, an den Augen abzusehen. Hinter- und Vornehme <a class="pageref" name="page016">16</a> wetteifern in Huldigungen, und vor Allem sind es die gebildeten Spaliere, deren Jubel unbeschreiblich ist. Aus den Spalten sämmtlicher Journale dringt der Weihrauch in dichten Wolken hervor, und Jeder wird für einen <tt>Don Quixote</tt> (sprich <tt>Don Quixote</tt>) gehalten, der nicht mit einstimmt.</p><p>Gestern Nachmittag begann um 2 Uhr in dem mächtigen vor den Thoren Madrids gelegenen Circus das Stiergefecht. Das Haus war ausverkauft und bot einen herrlichen Anblick. In den Logen saßen die Don Juan, Don Pedro, Don Ramiro und wie alle diese Döne heißen mögen. Im Parquet läßt sich die noch immer sehr schöne Prinzessin von Eboli neben dem greisen Flottendenker Medina Sidonia nieder. Dort der Mann mit dem ernsten Gesicht, der dann und wann seinen grauen Bart schwarz streicht, ist der Herzog von Alba mit dem rothen Vließ erster Classe, dem vornehmsten Orden Spaniens, den nur diejenigen Würdenträger erhalten, die ihn nach ihrem Tode zurückgeben. Jener geistreiche Kopf mit der gelockten Tonsur neben Alba ist der Großinquisitor, der wegen der Strenge, mit der er das Seinige thut, allgemein gefürchtet ist. Eben beugt er sich zu Donna Diana nieder, die heute ganz Stolz und Liebe ist und eine köstliche Mantille trägt, die den Neid der Oberhofmeisterin, Herzogin von Olivarez, erweckt. Diese ist mit einem Fächer bekleidet, der von Edelsteinen starrt, wie diese Dame denn überhaupt einen Luxus treibt, welcher schon viele Männer an das spanische Bettelrohr gebracht hat. Dabei <a class="pageref" name="page017">17</a> sieht es bei ihr zu Hause recht pauvreselig aus, und reine Bettüberzüge sind so selten, daß sie mit Insektenpulver aufgewogen werden. Recht charakteristisch! In einer Loge des ersten Ranges sitzt rückwärts Don Rodrigo, während die Marquisin von Mondecar unverwandt nach der Königsloge sieht und sich fast das Opernglas ausguckt.</p><p>Doch . . es klingelt. Der Vorhang fliegt in die Höhe. Das Stiergefecht beginnt. In demselben treten die drei besten Rindviehfechter Spaniens auf. Das Schauspiel ist nicht neu, aber für Menschen, welche gerne Ochsen fallen sehen, ein klassisches. Mir ist es schrecklich. Im Theater verlange ich ein Stück, das mit einer Verlobung und nicht mit dem Geistaufgeben eines Hornviehs endet. Da sehe ich wohl Knoten, aber keine Schürzung und Lösung derselben. Die spanischen Zuschauer waren entzückt, und wenn der <tt>Torero</tt> (deutsch: Torero, eine Partie, die bei uns von Krolop gesungen wird) besonders gut stach, so wollten die beifallspendenden Hände kein Ende nehmen. Das Ensemble war vortrefflich, die Fechter brachten ihre Stiere wie am Schnürchen um, und die Ochsen klappten gut zusammen. War einer der Stiere wegen Sterbens verhindert, weiter zu fechten, so trat sofort ein anderer auf, so daß die Vorstellung keine Störung erlitt. Endlich fiel der letzte Ochse, und als auch der Vorhang gefallen war, mußten sich die Toreros noch oft dem Publikum zeigen, das mit seinen Lebehochs auf das getödtete Rindvieh nicht geizte. Für Deutschland <a class="pageref" name="page018">18</a> dürften sich indeß diese Schauspiele selbst in guten Uebersetzungen und Bearbeitungen nicht eignen, wir werden an den Werken Calderons, Moretos und Lope de Vegas stets mehr Gefallen finden.</p><p>Morgen geht es nach Toledo. Ich wäre gern nach Lissabon gefahren, um dort die Folgen des Erdbebens, von dem ich soviel gehört habe, zu bewundern. Einer meiner dortigen Freunde hat mich auf ein Löffelchen Milreis, ein portugiesisches Nationalgericht, eingeladen. Doch ich glaube nicht, daß ich Zeit dazu finde.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap004"><h3><a class="pageref" name="page019">19</a> IV.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Der Umstand, daß sämmtliche Journale einander ziemlich ähnlich sehende Berichte über den Aufenthalt unseres Kronprinzen in Madrid bringen, veranlaßt uns zu der Bitte an Sie, sich nunmehr den spanischen Besuchs-Anekdoten zuzuwenden. Derlei pflegt auf das Publikum einen besonderen Reiz auszuüben. Wir wären Ihnen für die baldige Gewährung unserer Bitte besonders dankbar.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 6. December 1883.</p><p>Nur, um vor der Zeit mein Pulver nicht zu zersplittern, habe ich bis jetzt die einzelnen Hofanekdoten nicht mitgetheilt, sondern sende sie Ihnen heute zusammen. Sie hätten mir also keinen Wink vom Zaunpfahl zu brechen brauchen. Einem <a class="pageref" name="page020">20</a> Neuling gegenüber wäre dies nöthig gewesen, ich aber bin – verzeihen Sie das harte Wort! – ein Altling in meinem Beruf und weiß daher, was die Anekdote für die Berichterstattung bedeutet. Sie ist für den Leser Manna und Ambrosia. Findet der Leser sie nicht, so wirft er seine Blicke enttäuscht in die Ecke. Wohnen einem Feste höchste und allerhöchste Herr- und Frauschaften bei, so verlangt der Leser, daß ihm auch nicht der kleinste Cercle, den sie machen, verloren gehe, und daß ihm jede geistreiche Bemerkung, welche der Fürst zu den Umstehenden herabläßt, wiederholt werde. Ein gewissenhafter Berichterstatter wird also genau so räuspern, wie der Fürst spuckt, und jeden Brosamen, der einem König einfällt, aufheben und weiterverbreiten. So ich.</p><p>Die spanische Reise erkläre ich hiermit für beendet. Der Kronprinz wird noch einige Städte des Königreichs besuchen und dann die Heimreise antreten. Ueberall, wohin er seine Füße setzt, wird sich ihm die Bevölkerung zu denselben legen, und so wird sich nur wiederholen, was ich bereits, die Feder im Arm, wie eine gute Schildwache geschildert habe. Darf ich auch meine Bitte um einen Vorschuß von 40 M. wiederholen? Nein? Nun, dann bitte ich um einen solchen von 50 M.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page021">21</a><i> Madrid</i>, den 4. December 1883.</p><p><tt>W.</tt> Ihr Berichterstatter ist matt, als hätte Louise ihn bereitet. Nichts ist bekanntlich schwerer als eine Reihe von schönen Rebhühnern zu ertragen, und in einem Meer von Freuden wünscht man bald wie Tannhäuser über alle Venusberge zu sein. Vom frühen Morgen bis in die sinkende Luna nichts als Feste und Jubel, daß man schließlich den Kopf brummen hört und doch nicht weiß, wo einem derselbe steht. So habe ich mich denn heute in meine vier spanischen Wände zurückgezogen, um meinen Lesern, gleichsam zu meiner Erholung, einige Kleinigkeiten aus den letzten Tagen nachzutragen.</p><p>Das Hoffest am Freitag war glänzend. Ich will nicht der Ballhorn dieses Balles werden, indem ich nach Worten suche, ihn zu schildern. Welch ein Kreis, welche Namen! Hier ein Cortez, dort ein Torquemada, hier ein Espartero, dort ein Velasquez. Die Damen waren derart mit Edelsteinen gepflastert, daß ich sagen muß, sie waren mit ausgeschnittenen Diamanten bekleidet, die in einer Fluth vom reinsten Wasser schwammen. Meine Augen waren in einer Weise geblendet, daß sie sich freuten, als sie endlich mit Wohlgefallen auf der Infantin Eulalia ruhen konnten. Nach dem Schnellfandango nahmen die Majestäten und der Kronprinz das Souper mit den Granden ein. Der Malaga und Malvasier flossen in Strömen. Einmal hatte mir der Diener mein Glas halbvoll geschänkt. Sofort rief ich: »Ich mag <a class="pageref" name="page022">22</a> es gerne leiden, wenn auch der Becher überschäumt.« Er verstand mich und ging vorüber. Nun, stolz will ich den Spanier.</p><p>Während des Tanzes wohnte ich einem hübschen Zug der Königin-Mutter Isabella bei. Ich hatte die hohe Frau nie gesehen und muß sagen, daß sie seit dieser Zeit älter und so stark geworden ist, daß ihr sogar das Cerclemachen schwer wird. Sie tanzte eine <tt>el Ole</tt>, mußte indeß den Tanz unterbrechen, weil die Musik zu rasch spielte. Trotzdem schenkte sie sämmtlichen Orchestermitgliedern das Leben.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Es war in Toledo in der Waffenfabrik. In der Begleitung des Königs befand sich der Herzog Alba, der plötzlich eine Klinge auf die Erde legte und ausrief: Wer liebt das deutsche Reich nicht?</p><p>Was soll das heißen? fragte der Kronprinz.</p><p>Nun, sagte der König, der furchtbare Herzog will Jeden, der sich meldet, über die Klinge springen lassen.</p><p>Ein neuer Beweis für das gute Einvernehmen zwischen Deutschland und Spanien.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a class="pageref" name="page023">23</a> Die spanische Grandezza ist historisch und sprichwörtlich. Ich war so glücklich, einer Scene beizuwohnen, deren Grandezza mich so bezauberte, daß ich sie der Vergangenheit entreißen muß.</p><p>Am 25. November fand im Beisein des Hofes und seines hohen Gastes die feierliche Einweihung des neuen Gebäudes der Rechtsakademie statt. Der Präsident Romero de Robledo hielt die Eröffnungsrede. Wir lauschten uns die Ohren aus, es war so still, daß man keinen Apfel zur Erde fallen hören konnte. Da entstand ein Gedränge, und ein Gelehrter, der ausweichen wollte, stolperte und stürzte vor den erhabenen Füßen des Königs zu Boden.</p><p>Was es auch sei, sprach der König, es sei Euch gewährt!</p><p>Und was war es? Der Gelehrte hatte sich das Knie zerschlagen. Der König nahm trotzdem sein Wort nicht zurück.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Wie in Deutschland, so sind auch in Spanien die einst fortschrittlichen Granden conservativ geworden und mit der liberalen Richtung der Regierung sehr unzufrieden. Folgendes Histörchen mag dies beweisen. Vor einiger Zeit hatte ein Maltheserritter Audienz bei Sr. Majestät und stellte ihm vor, er sei kürzlich, durch Spanien reisend, auf unverbrannte menschliche Gebeine gestoßen, der König möge daher <a class="pageref" name="page024">24</a> Gedankenfreiheit nehmen. Der König war sehr aufgebracht, nannte ihn einen sonderbaren Posa und sagte zu einem Palastbeamten: »Der Ritter wird fortan ungemeldet hinausgeworfen.«</p><p>Dieser Vorfall hat in allen liberalen Kreisen Madrid's große Befriedigung hervorgerufen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Die musikalische Soirée, welche von der Munizipalität im Stadthause veranstaltet worden war, verlief herrlich. Der Kronprinz wurde von dem Oberbürgeralkalden feierlich empfangen. Die erlesenste Gesellschaft Madrids füllte die Räume derart, daß für den diplomatischen Körper kaum Platz vorhanden blieb. Auf dem Concertprogramm standen mehrere von Cid componirte Romanzen und viele deutsche Lieder. Als nun das Lied »Bei einem Wirthe, wundermild« gesungen wurde, fragte der französische Botschafter, von wem es gedichtet sei.</p><p><tt>De Uhland</tt>, lautete die Antwort.</p><p>Verdrießlich entfernte sich der Franzose. Er hatte <tt>Uhlan</tt> verstanden.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap005"><h3><a class="pageref" name="page025">25</a> Die Krönung in Moskau.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir glauben, Ihren Wünschen entgegenzukommen, wenn wir Ihnen den folgenden Vorschlag machen. Die Unthätigkeit, zu welcher Sie der allerorten herrschende Frieden nöthigt, ist Ihnen, wie wir annehmen, lästig, und wir ersuchen Sie daher, uns mit Berichten aus Moskau über die Krönung des Zaren zu versorgen. In Moskau haben wir keinen Correspondenten, und wir möchten doch etliche direkte Nachrichten von dort her veröffentlichen, ohne uns auf den Abdruck solcher aus anderen Journalen angewiesen zu sehen. So hoffen wir denn, Sie für diesen Gegenstand zu gewinnen. Bestärkt werden wir in dieser Hoffnung durch die Erwägung, daß die ganze Krönungsfeierlichkeit ja gewissermaßen etwas Kriegerisches in sich <a class="pageref" name="page026">26</a> birgt, indem sie durch die Nihilistenbewegung als nicht ganz ungefährlich erscheint und Sie deshalb von Ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Kriegsberichterstattung, nicht sonderlich weit entfernt.</big></p><p><big>Indem wir Ihrer zusagenden Antwort entgegensehen, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 10. Mai 1883.</p><p>Nun denn, es sei, Sie sollen mir ein Auge zugedrückt haben, obschon mir die Aufgabe nicht zusagt. Mehr als je fühle ich in diesem Augenblick, daß ich nur als Kriegsberichterstatter in meinem <tt>esse delendam</tt> bin und mich nur im Marsgetümmel wie ein Hahn im Karpfenteich befinde. Alles Andere ist gegen mein <tt>Contrecoeur</tt>, vornehmlich weil mir da das Tohu nicht bohu genug ist. Wo sich ein Ereigniß nach einem Programm abspielt, fühlt sich meine sonst so broschürte Phantasie gebunden. Ich weiß, Sie riechen das Eigenlob nicht gern, aber ich muß doch trotzdem sagen, daß mir in der Kriegsberichterstattung Mancher wohl den Wein, aber nicht das Wasser reicht, während ich auf anderen <a class="pageref" name="page027">27</a> Gebieten der journalistischen Thätigkeit häufig genug wie ein Berg kreise, dem der Storch eine Maus bringt. Im Kriege dagegen stehe ich Ihren Mann. Da ist Leben. Da ist mir keine Flucht zu wild, ich treibe den Feind in dieselbe, da rasire ich die widerhaarigsten Festungen, da halte ich jeden <tt>diem perdidi</tt> für einen verlorenen, wenn ich nicht wenigstens 500 Mann auf dem Platz lasse. Was aber bietet mir eine Krönung?</p><p>Doch, wie gesagt, es sei. Ich liefere Ihnen den Zaren gekrönt in Ihr werthes Blatt, es mag kommen, was da wolle. Gefällt Ihnen meine Krönung nicht, so werfen Sie sie in den Papierkorb und schreiben mir die Leviten. Ich werde – verzeihen Sie das harte Wort! – nicht mucksen.</p><p class="center"><img alt="" src="bilder/s028.jpg" width="40%"/></p><p>Wie immer bei außergewöhnlichen Gelegenheiten habe ich mich auch jetzt wieder als Eingeborenen photographiren lassen. Einliegend finden Sie mich als Russen. Die Ausführung des Bildes läßt Manches zu wünschen. Der Photograph besaß keinen guten russischen Hintergrund. Schnee fehlte ihm gänzlich, und statt eines Caviarfäßchens stellte er mir eine Tonne hin, welche groß genug war, um ein ganzes Diogenest zu beherbergen. Nun wollte ich mich als Mazeppa darstellen lassen. Aber der Photograph hatte weder ein Pferd, noch Wölfe, auch hätte ich mich müssen nackt wie ein Splitter ausziehen. So blieb ich denn, wie ich war.</p><p>Schicken Sie mir doch einen Julianischen Kalender älteren Datums.</p><p><a class="pageref" name="page029">29</a> Ich kann den Brief nicht schließen, ohne Sie um ein Zeichen Ihres werthen Vertrauens zu bitten. Noch hat der Generalbriefmeister Stephan das Ei des Columbus nicht ausgebrütet. durch welches die Geldbriefträger vor jedem Ueberfall zu sichern sind. Aber eben deswegen ersuche ich Sie, mich mit dem Besuch eines Geldbriefträgers zu beehren, indem Sie mir einen Vorschuß von 30 Rubeln in Banknoten (zum Course von 202,50) senden. Solch ein Akt des Vertrauens thäte mir heutzutage wohl.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Moskau</i>, den 8. Mai 1883.</p><p><tt>W.</tt> Ich bin heute, also vor 12 Tagen, am 26. April, hier angekommen. An der Grenze welche Belästigungen! Man fragte mich: Haben Sie Dynamit zu versteuern? Ich paschollte. Das nützte aber nichts. Die Beamten, wahre Hetmänner, stellten meinen Pelz auf den Kopf, unterwarfen meinen Koffer einer gründlichen Quarantaine, zerbrachen meine Cigarren und leuchteten in alle Ecken meiner Hutschachtel. Ich bot ihnen nun ein Thrantrinkgeld an, sie verweigerten aber die Annahme, bis ich sie durch Bestechung dazu bewog. So groß ist die Furcht, daß irgend ein Fremder mit Bomben die russische Grenze oder irgend ein anderes Unglück passiren könnte.</p><p>Ich war recht verdrießlich. Aber ich hing meine üble Laune an den nächsten Purzelbaum und setzte meine Reise <a class="pageref" name="page030">30</a> fort. In Moskau wurde ich abermals über- und untersucht. Eine Wohnung zu finden, war schwer. Die dicksten Wirthe werden mit Gold aufgewogen. Alte Fenster sind theurer, als sie neu gekostet haben Die Stadt ist so überfüllt, daß sogar das Orchester geräumt werden mußte, welches während der Krönung die russische Nationalhymne begleiten sollte. Die Preise der Lebensmittel sind kaum zu erschwingen. Eine Portion Marder oder gar echten Zobels kostet 10 Rube1, ein mit Hermelin belegtes Butterbrod: 1 Rube1 30 Kopeken, eine Unschlittkerze: 50 Kopeken, ein Fuchs, gefüllt: 15 Rube1, eine Portion Newa-Eis: 90 Kopeken, u. s. w. Man glaubt, in einer belagerten Festung zu sein.</p><p>Endlich fand ich ein Zimmer in einer Bodenkammer und zwar in einem von Finnen besetzten Hause. Als ich den Preis zu hoch fand, meinte der Wirth in seinem Moskauderwelsch, der Boden sei die erste Etage, weil man von oben am Besten sehen könne. Erst später erfuhr ich, daß hier gar nichts vom Zaren zu sehen sei, doch hat meine Kammer einen separaten Ausgang, so daß ich jeden Augenblick nach dem Kreml gelangen kann.</p><p>Moskau wird unter solchen Umständen reich werden, und wenn sich der Zar wenigstens quartaliter ein Mal krönen ließe, so würde jeder Bürger bald jeden Sonntag sein Talglicht im Topf haben.</p><p>Die Stadt bereitet sich emsig auf die Krönungsfeierlichkeiten vor. Alle Spuren des Brandes, durch welchen <a class="pageref" name="page031">31</a> Rostopschin (sprich Rostopschin) in den Septembertagen des Jahres 1812 die Stadt in Asche aufgehen ließ, sind vertilgt. Die Häuser sind beflaggt, viele Zeitungsartikel werden frisch gestrichen, und hinter jedem Fremden sieht man einen festlich gekleideten Spion. Jeder Eisenbahnzug pfeift Schaaren neuer Gäste aus allen Ländern der Windrose in die alte Krönungsstadt, in welcher schon so viele Selbstherrscher das Scepter ihrer Väter bestiegen haben. Das Volk wird fürstlich bewirthet werden. Ungeheuere Mengen von Wild- und Zahmpret werden zubereitet, um in dem Augenblick genossen zu werden, wo der Zar sich den Reichsapfel auf's Haupt setzt. Dazu sind viele Oxhöfte heißen Punsches kalt gestellt, um das Mahl zu würzen.</p><p>Trotz alledem fällt Einem aber doch dann und wann das Herz wie Espenlaub in die Unaussprechlichen, wenn man an das denkt, was geschehen kann. Wie, wenn die Nihilisten dennoch hoffen, daß der Zar mit einem Tropfen demokratischen Sprengöls gesalbt würde? Allerdings ist die Polizei vorbereitet, jeden Augenblick vom Juchten zu ziehen, dann aber ist es schon zu spät. So ist der Aufenthalt hier denn ein unheimlicher, und Jeder wünscht, erst wieder seine heile Haut zum heimathlichen Markt tragen zu können. Wer die Lage der Dinge anders schildert, schildert sie der Unwahrheit gemäß.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap006"><h3><a class="pageref" name="page032">32</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Sie waren so freundlich, Ihrem ersten Bericht den zweiten sofort folgen zu lassen, und wir danken Ihnen sehr für Ihren Eifer. Wenn wir aber den Abdruck unterließen. so liegt dies einfach daran, daß Ihr Eifer leider ein allzu großer war. Denn Sie senden uns als Ihren zweiten Bericht eine Beschreibung der bereits vollzogenen Kaiserkrönung, und Sie konnten doch nicht im Ernst annehmen, daß wir Lust haben würden, uns durch eine Veröffentlichung derselben einem ganz unerhörten Skandal auszusetzen. Blinder Eifer schadet eben nur.</big></p><p><big>Nun hätten wir Ihren Bericht gern sofort nach erfolgter Krönung, und zwar als Telegramm zum Abdruck gebracht, wenn Sie denselben nur halbwegs glaubwürdig gestaltet haben würden. Das ist aber leider nicht geschehen. Denn Sie <a class="pageref" name="page033">33</a> schildern einfach die Scenen aus dem Propheten von Meyerbeer, in welchen Johann von Leyden gekrönt wird, und halten sich derart genau an den Scribe'schen Text, daß wir beim Lesen unwillkürlich den bekannten Krönungsmarsch zu pfeifen anfingen. Aber laut auflachen mußten wir, als Sie am Schluß sogar eine »peinliche Scene« schilderten, in welcher eine Dame vom Hof im Moment der Krönung»Mein Sohn!« ausruft und dann behauptet, sie sei die Mutter des Zaren. Obschon Sie anfügen, daß diese Scene »wie üblich« auf Befehl der Polizei vertuscht worden sei, so hätte doch jeder Leser sofort bemerkt, daß Sie sich für die Fides in der genannten Oper ein nur zu gutes Gedächtniß bewahrt hatten.</big></p><p><big>Wir bitten Sie nun, uns recht bald einen anderen interessanten Bericht zu schicken und grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page034">34</a><i> Bernau</i>, den 24. Mai 1883.</p><p>So hätte ich denn richtig den Zaren <tt>pour le Roi de Prusse</tt> gekrönt, indem Sie mir die mit allem Pomp ausgestattete Feierlichkeit in den Papierkorb warfen. Als ich den Selbstherrscher aller Reußen völlig gekrönt in den Briefkasten steckte, sagte ich mir gleich auf den Kopf zu, daß Sie den wahrhaft glänzenden Akt wahrscheinlich als hyperzeitig betrachten und ihn auf die Bank, wo sie am längsten ist, schieben würden. Ich hatte mich nicht getäuscht, Sie haben den Bericht beim Schopf gepackt und ihm die Veröffentlichung umgedreht. Und das zeigen Sie mir in einer so großen inneren Erregung an, daß ich deutlich merke: Wenn ich jetzt persönlich bei Ihnen erschiene, so würden Sie mir das Loch des Zimmermanns vor der Nase zuwerfen, und zwischen uns wäre Ihnen kein Tischtuch heilig, Sie würden es, wie Goethe seinen Faust, in zwei Theile zerschneiden.</p><p>Ich muß aber wiederholen, was ich Ihnen in meinem Werthen vom 10. sagte, daß ich nämlich kein geborener Berichterstatter für Friedensereignisse bin. Was den Krieg betrifft, so weiß ich wohl, daß viele meiner Collegen nicht werth sind, mir die Schuhriemen aus fremder Leute Leder zu schneiden. Für Berichte vom Friedensschauplatz aber bin ich – verzeihen Sie das harte Wort! – ein Neuling. Ich machte mich trotzdem an die Arbeit, rief stolz befriedigt aus: Hutten, ich hab's gewagt! und schickte Ihnen den fertig gekrönten Romanow. Was aber thun Sie? Statt sich zu <a class="pageref" name="page035">35</a> sagen: Es fällt kein Meister vom Stuhl! lesen Sie in einem scheelen Augenblick meinen Bericht und erklären denselben einfach für Blechsinn.</p><p>Warum das? Was habe ich denn gethan? Das, was jeder gewissenhafte <tt><i>Own</i></tt> (sprich: <tt><i>Own</i></tt>) thun sollte: ich salbte dem Zaren die längst bereit liegende Krone auf das Haupt, damit Ihr Blatt um mehrere Nasenlängen früher als jedes andere den Artikel bringen konnte. Und ich that dies um so bereitwilliger, als ja bekanntlich nur wenige Berichterstatter fremder Zeitungen zum 27. Mai, also zum 8. Juni, dem Tage der Krönung, ein Passepartout erhalten, ein solches vom Billethändler zu kaufen aber zu theuer finden werden. Diesen Collegen wird also nichts übrig bleiben, als entweder Alles mit keckem Muth zu maßen, oder sich von einem Zuschauer das Geschehene in die Dinte dictiren zu lassen. Sie werden also, so sehr sie ihre Hühneraugen anstrengen mögen, nicht mehr als ich von der Haupt- und Staatsaktion zu sehen kriegen, und so besann ich mich nicht lang. Ich nahm ohne Weiteres den 27. nach dem Julianischen Abreißkalender und krönte Ihnen den Zaren am 15. genau nach dem Programm. Konnte ich bonafider handeln?</p><p>Doch – ich rede ja in den Aeolus. Einliegend sende ich Ihnen eine Generalprobe der Krönung. O wie beneide ich Jeden, der jetzt, wo der Laubfrosch auf der höchsten Sommersprosse seiner Leiter sitzt, in das kühle Sibirien <a class="pageref" name="page036">36</a> transportirt wird! Und da der Neid eine blasse Sünde ist, so möchte ich mit der nächsten Eisenbahn meinen Transport ins Freie bewerkstelligen, wo ich etliche Wochen lang mich in's Gras nach der Decke strecken kann. Zu dieser Decke erbitte ich mir einen Vorschuß von 40 Mark. Oder empfehlen Sie mir eine theurere?</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Moskau</i>, den 22. Mai 1883, jüngerer Zeitrechnung.</p><p><tt>W.</tt> Von der langen Reise noch sehr ermüdet, denn der Zar ist bekanntlich entsetzlich weit, war Ihrem Correspondenten bis jetzt doch kein Schooß gegönnt, in den er die Hände hätte legen können. Kaum schreit der Hahn vom Thurm, so tritt die Wirthin in ihrem vielbesungenen rothen Sarafan ins Zimmer, bringt eine Flasche Wutki, trinkt sie aus und mahnt zum Aufstehen. Flugs ist man auf meinen Beinen, macht Toilette, fährt in den Pelz, eilt hinunter und springt in den nächsten Schlitten. Die Straßen sind von fremden Fürsten und Correspondenten überfüllt. Kaum hört man eine andere Anrede als »Majestät« oder »Herr Doctor.« Dazwischen spähen die Polizeibeamten unablässig nach Nihilisten. Wehe Jedem, der beim Graben einer Mine betroffen wird! Er käme nicht mit geraden Gliedern nach Sibirien, wo schon die Zobel seiner harren, um von ihm gefangen zu werden. Eigentlich steht hier Jeder im Verdacht, nur nach <a class="pageref" name="page037">37</a> Moskau gekommen zu sein, um dem Ende der Herrschaft der Romanöwe einen Anfang zu machen. Die Preise für Wohnungen sind womöglich noch gestiegen. So ist z. B. der Preis für ein Paterrezimmer drei Etagen hoch. Wie freut es mich, daß ich einen Heerd gefunden habe, auf den ich mein Haupt legen kann!</p><p>Die Correspondenten waren außer sich, als ihnen eröffnet wurde, daß alle Plätze zur Krönung vergeben seien, denn der Festraum werde so voll, daß kein Reichsapfel zur Erde fallen könne. Wie bedauerten wir bereits, niemals auf dem Thron geboren zu sein! Da erhielten wir eine Einladung zur Generalprobe, welche heute stattfand. Es galt festzustellen, ob der Metropolit von Nowgorod so gut gelernt hatte, daß er den Zaren auswendig krönen konnte.</p><p>Es mochte ungefähr Punkt zehn Uhr sein, als uns der Kreml geöffnet wurde. In der Vorhalle wurden wir bis auf die <tt>carne pura</tt> ausgezogen und untersucht, ob wir nicht etwa Sprengwaffen bei uns trügen. Nur ein einziger College, der Berichterstatter der »Tataren-Nachrichten«, wurde, weil er sich nicht entkleiden wollte, abgewiesen, während wir Anderen eingelassen wurden. Der Saal, in welchem die Probe stattfinden sollte, war überfüllt. Vorne saßen die gekrönten Häupter, Purpur an Purpur. Es war ein bezaubernder Anblick, diese hohen Herren einmal nicht regieren zu sehen, man merkte es ihnen an, wie <tt>beatus ille</tt> sie waren, sich dem süßen <tt>procul negotiis</tt> ganz überlassen zu <a class="pageref" name="page038">38</a> können. Unter den Trompetenstößen dieser Freude stürzte das Jericho der Standesunterschiede zusammen. Hier plauderte ein König mit einem simplen Fürsten, dort hob ein Herzog die Verfassung auf, welche ein Sultan hatte fallen lassen. Alte Herrscher mit graumelirter Krone plauderten gemüthlich mit Landesvätern, welche höchstselbst noch das Gymnasium besuchten und den Eindruck machten, als könnten sie noch nicht allergnädigst geruhen. Die besseren Thronhälften saßen in den Logen und musterten mit ihren Krönungsguckern die glänzende Versammlung. Sie und neben ihnen die Botschafterinnen und anderen Staatsdamen grüßten das Publikum in der höheren Gallerie sehr herauflassend, während ihre Diamanten ihr reinstes Wasser ausströmten und so das elektrische Licht fast unter den Scheffel stellten. Auch in diesen Logen herrschte der ungezwungenste Verkehr, indem Königinnen, in denen die Sonne nicht unterging, mit Landesmüttern sich unterhielten, welche kaum 20,000 Kinder hatten. Den übrigen Theil des Saales füllten die Staatsmänner, die Diplomaten, die Schlachtendenker, die Adjutanten und Onkel der Fürsten, die Hofkavaliere und die obersten Gerichtshöflinge, indem sie bunte Reihe bildeten. Jedes Herz schlug unter einer Fluth von Orden, Medaillen und anderen Zeichen der Gnade aller Klassen. Hinter ihnen saßen die Correspondenten. Dieselben waren in Frack und weißem Notizbuch erschienen. Leider war uns die Aussicht auf die Bühne durch die üble Gewohnheit einiger Herrscher, ihre <a class="pageref" name="page039">39</a> meist sehr hohen Kronen auf dem Kopf zu behalten, beeinträchtigt.</p><p>Plötzlich gähnte ein Kanonenschlund drei Schüsse. Es trat der bekannte Rest Hamlet's, das Schweigen, ein, mit ihm der Kaiser und die Kaiserin, gefolgt von den Ceremonienmeistern und Gesellen, die sich nebst den unter ihrer Last keuchenden Würdenträgern hinter den Thronen von Michael Fedorowitsch und Alexei Michailowitsch aufstellten. Die Probe begann alsbald. Von brausendem Applaus unterbrochen, ergriff der Kaiser die Regalien und setzte sie sich auf's Haupt, nachdem er den ihm vortrefflich sitzenden Purpurmantel angelegt hatte. Daß der hohe Herr dies Alles selbst that, ist ein Beweis dafür, daß er, wo es das Wohl des Volkes gilt, vor keiner Arbeit zurückschreckt. Und wie that er es! Ich habe selten so vorzüglich krönen sehen. Das Publikum war mit Recht sehr befriedigt, und es wurde kein Zeichen des Mißfallens laut, obschon ja auch Männer, welche gern Alles benörgeln, anwesend waren. Als der Kaiser die Krone hinter sich hatte, setzte er sie auch der Kaiserin auf, nahm sie aber dann wieder ab und krönte sie mit einer kleineren Krone. Auch diese Ceremonie klappte durchweg, das Ensemble war geradezu musterhaft.</p><p>Die Salbung folgte, während die Glocken läuteten und die Kanonen feuerten. Als Salbader fungirte der Metropolit von Nowgorod, welcher dem Kaiser Stirn, Augen, Nasenlöcher, Mund, Ohren, Brust und Hände salbte. Diese Scene <a class="pageref" name="page040">40</a> könnte etwas gekürzt werden. Meines Erachtens müßten z. B. die Nasenlöcher fortfallen, denn als der Metropolit mit der Salbe die Nase betrat, nieste der Zar allerhöchst, so daß sich ein brausendes Prosit! jeder Brust entrang. Der Kaiser dankte huldreich. Hierauf salbte der Metropolit der Kaiserin die Stirn. Als dann das kaiserliche Paar sich in das Innere seiner Gemächer zurückzog, folgte ihm ein nicht endenwollender Beifall.</p><p>Höchst befriedigt verließ das glänzende Publikum den Schauplatz, überzeugt, daß am 27. Alles wie ein Haar durch die Milch gekrönt werden wird. Bevor ich den Kreml verließ, sah ich mir die betreffende Salbe an. Es ist eine einfach weiße wohlriechende Mischung. Mit Erlaubniß des Metropolitaners salbte ich mich damit, ich kann sie auf das Beste empfehlen.</p><p>Der Probe folgte ein Galadiner in der Granovitaja-Palata, von dem wir Correspondenten aber die Hofgesellschaft ausschlossen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap007"><h3><a class="pageref" name="page041">41</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihr uns eben zugehender Bericht – und wir sagen dies in der Hoffnung, daß Sie darin keinen Tadel für ihre übrigen Arbeiten erblicken – ist wohl einer der besten und interessantesten, die Sie für uns geschrieben haben. Er ist spannend, fast dramatisch, geradezu erschütternd. Wenn wir ihn trotzdem unseren Lesern vorenthalten, so liegt dies einfach daran, daß er den Stempel der Erfindung allzudeutlich zur Schau trägt, denn Sie schildern Ihren Transport nach Sibirien!</big></p><p><big>Daß Sie, wie Sie erzählen, im Besitz einer Apfelsine in den Verdacht geriethen, mit einer Sprengbombe den Kreml betreten zu wollen, und verhaftet wurden, klingt vielleicht glaubwürdig. Daß aber die Kosaken, welche Sie ergreifen, mit Ihnen anstatt zum Untersuchungsgefängniß direkt nach Sibirien abmarschiren, ja, wie Sie jammern, <a class="pageref" name="page042">42</a> Ihnen nicht einmal erlauben, Ihrer Braut (?) ein »Schöne Minka, ich muß scheiden!« zuzurufen, das klingt so unglaubwürdig, daß wir recht sehr bitten, nicht auf Ihrer Verbannung nach Sibirien zu bestehen, so viel Aufsehen diese Thatsache hervorgerufen hätte.</big></p><p><big>Wir erlauben uns, Ihnen einen Vorschlag für ihren nächsten Brief zu machen. Die Krönung ist vollzogen, und es bleibt ihnen nichts zu berichten, was Ihre Leser nicht schon wüßten. Nun machen Sie sich daran, uns eine Reihe von Anekdoten von dem Krönungstage mitzutheilen, wie sie ja zweifelsohne von allen Correspondenten werden erzählt werden. Hier können Sie Ihrer Phantasie die Zügel überlassen und sehr pikante Einzelheiten bieten.</big></p><p><big>Denken Sie, bitte, gleichzeitig an den zwischen Frankreich und Tonking ausgebrochenen Conflict, der Ihnen hoffentlich oft Gelegenheit zu interessanten Berichten verschaffen wird.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page043">43</a><i> Bernau</i>, den 31. Mai 1883.</p><p>Mein Kopf ist starr. So, wie mir, muß der Frau Lot zu Muthe gewesen sein, als sie um sich blickte und sich durch eine Salzsäule verewigt sah. Wie Columbus den Ocean, durchkreuzen Sie mit einer wahren Schadenwonne meine schönsten Pläne und stoßen dieselben in den Orkus, von dessen Cerberus kein Wanderer wiederkehrt. Es wäre schon besser, ich spräche zukünftig meine Berichte direkt in Ihren Papierkorb hinein, dann sparte ich das schöne Papier und die Mühe, dasselbe bis an den Rand mit Dinte zu füllen. Ja, ich glaube, wenn ich Ihnen eines Tages Goethe's Faust schriebe, so würden sie denselben, ohne ihn auch nur bis zum Gretchenwalzer zu lesen, nicht abdrucken, indem Sie sagen, der Leser glaube nicht an den Gottseibeiihm. Das geht mir aber denn doch – verzeihen Sie das harte Wort! – über den Spaß.</p><p>Wenn ich so frei war, meine Verbannung und meinen Transport nach Sibirien zu beschreiben, so hätte Niemand den Kopf dieser Ente geschüttelt, und wenn mir der Leser nur Einen Finger reicht, so sauge ich mir aus demselben die ganze Hand. Weshalb sollte auch der Leser zweifeln? Er weiß leider nur zu gut, daß in diesem Rußland nichts unmöglich ist: Unschuldige müssen in den sauren Minen Sibiriens den Zobelfang ausüben, während der Beamte, mit Unterschleifen geschmückt und geschützt durch einen diebstählernen Panzer, die höchste Verwaltungsleiter erklimmt. Keine <a class="pageref" name="page044">44</a> Themis der Welt spielt so wenig, wie die russische, blinde Kuh, mit offenen Augen läßt sie der Zunge ihrer Wage freien Lauf. Und nun sollte man nicht glauben, daß ich plötzlich den Wanderstab nach Sibirien im Tornister trug und verurtheilt war, niemals wieder das Licht der Welt zu erblicken?</p><p>Dazu kommt, daß ich gar nicht die Absicht hatte, das Ziel zu erreichen, oder spurlos zu verschwinden. Kaum zehn Werst (sprich: Werst) hinter Moskau wollte ich durch und durchbrennen und das Weite finden. Bei Nacht und benebelt wollte ich der Eskorte ein solches Schnippchen schlagen, daß ihr Hören und Sehen vergingen, und mit Gefahr meines Lebens, ja selbst mit Gefahr meines Todes auf und davon gehen. Das würde ich dann in einem folgenden Bericht so haarklein geschildert haben, daß man es nur mit bewaffnetem Auge hätte lesen können. Diese Freude haben Sie mir nun gründlich verleidet, meine Verbannung war ein schöner Alp, und meine Flucht werfe ich zu den frömmsten <tt>pia desideria</tt>.</p><p><tt>Dixi et salvavi animam injuriandi!</tt></p><p>Dagegen gefällt mir Ihr Rath, eine Anekdoten-Nachlese zu halten, sehr gut, und ich mache mich sofort an die Arbeit. Doch ehe ich's vergesse. Wenn man sich, wie ich, tage- und stundenlang mit einer Krönung beschäftigt hat, so sehnt man sich förmlich nach Fürsten, welche mit unbedecktem Haupt dargestellt sind. Daher bitte ich Sie um drei Zwanzigmarkstücke, diejenigen der freien Städte selbstverständlich ausgeschlossen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page045">45</a><i> Moskau</i>, den 27. Mai, Abends, jüngerer Zeitrechnung.</p><p><tt>W.</tt> Von einem leichten Gewitterregen begünstigt, hat heute die Krönung in schönster Ordnung stattgefunden. Kein Mißklang störte das seltene Fest. Sie werden mittlerweile den Wolff'schen Draht erhalten haben. Die Schwarzseher, welche zugegen waren, sahen Alles, nur nicht schwarz. Die großen Rosinen, welche die Nihilisten in den Säcken verborgen hatten, waren sauer.</p><p>In diesem Augenblick schwimmt die Stadt, vom Kreml bis hinaus zu den endlosen Kirchhöfen, auf denen der Eine russische Todte begraben liegt, in einem Meer von Licht, so daß man vor lauter Flammen die Illumination nicht sieht. Bei dem Scheine derselben theile ich Ihnen einige Anekdoten aus den Festtagen mit.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Als die Krönung ihr Ende erreicht hatte, drängte der ganze Kreml zu den Garderoben. Hier wurde das Tohu überbohutet. Da waren denn Verwechselungen und Irrthümer unvermeidlich. So bekam Heinrich V. von Frankreich einen falschen Purpur und zwar den des Königs von Dänemark, und merkte dies erst, als Er vor der Thüre war und in der Purpurtasche ein dänisch-russisches Dictionär fand. Er eilte zurück und traf den dänischen König, der außer Sich war. Als Er Ihm aber nun den Purpur zurückgegeben hatte, <a class="pageref" name="page046">46</a> lächelte der König von Dänemark höchstselbst und sagte mit bekannter Leutseligkeit: »Am Ende hätten Ew. Majestät Unseren Thron bestiegen und Wir wären gezwungen gewesen, die französische Republik zu stürzen, um nicht zu kurz zu kommen!« Das Gelächter der umstehenden Fürsten kann man sich denken.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>In der Garderobe bemerkte der Fürst von Bulgarien zu Seinem Verdruß, daß Ihm Sein Scepter vertauscht war. An dessen Stelle fand Er einen Regenschirm. Er klagte dies dem Prinzen Heinrich von Hessen. »I«, sagte Dieser fein, »es ist schlechtes Wetter, und unter Umständen ist ein Regenschirm besser als ein Scepter.« Der Bulgarische Fürst verbeugte Sich nachdenklich.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Vor dem Kreml stolperte der Dänische Gesandte, Graf <i>von Toll</i>, indem er dem König von Rumänien ausweichen wollte, und fiel zu Boden. »In Ungnade gefallen, Majestät?« fragte der Gesandte. Der König hob ihn mit starken Armen auf, indem Er sagte: »Im Gegentheil, Wir erheben Euch in den Fürstenstand.« Der Gesandte wußte sich kaum zu fassen und ließ sich sofort huldigen. Wie Recht hat das Glas Wasser: Kleine Ursachen, große Wirkungen!</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p><a class="pageref" name="page047">47</a> An der Galatafel sagte der Fürst von Montenegro zum König von Griechenland: »Wir möchten gerne mal nach Athen kommen, um die Residenz Ew. Basileusität kennen zu lernen.« Der sehr galante König bat Ihn, Ihn im nächsten Winter auf ein Löffelchen schwarze Suppe zu besuchen und bei Ihm zu wohnen. »Ach«, sagte der Fürst, »im Winter sind die Tage so kurz.« Dies hörte der König von Spanien und rief: »Dann kommen Sie nach Madrid, in Meinem Reiche geht die Sonne nicht unter!« Da blieb kein Bauch vor Lachen ungehalten.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der Zar waren durchaus nicht so ernst gestimmt, wie die Correspondenten, welche nicht in den Kreml eingelassen wurden, aus Aerger melden. Er waren sogar heiter. Am Sonntag Morgen sagten Er zu dem Metropoliten von Nowgorod: »Nun nimm Dich in Acht und <i>verkröne</i> und <i>versalbe</i> Dich nicht!« Die umstehenden Fürsten wie der Geistliche waren sprachlos über so viel Herablassung des Selbstherrschers.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Zu welcher Vertraulichkeit des Ausdrucks die Fürsten sich hier hinabschwangen, beweist das folgende Geschichtchen. Die Krönung des Zaren sollte eben ihren Anfang nehmen und die Musik beginnen, als einer der Parterre-Könige, dessen <a class="pageref" name="page048">48</a> Name mir auf der Zunge schwebt, von einem seiner hinter ihm sitzenden Minister darauf aufmerksam gemacht wurde, daß doch nicht alle Anwesenden die Krone oder den Stammbaum mit der Wiege eingesogen hätten, es seien auch Männer gegenwärtig, deren Storch bürgerlich gewesen und die nur ein unfürstliches Licht der Welt erblickten. Dabei zeigte er auf die Zeitungsberichterstatter und andere niedrig geborene Zuschauer, welche im Hintergrunde des Krönungssaales saßen. Als dies der König vernahm, geruhte Er, sich zu erheben und zu sagen: »Nun, nun, die Leute mögen dableiben. Alle Menschen können unmöglich Könige sein, es muß ja auch Unterthanen geben.«</p><p>Die umsitzenden Fürstlichkeiten waren von diesen liebenswürdigen und wohldurchdachten Worten ganz entzückt.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>In den spanischen Hofkreisen herrscht heute noch die wundervolle Grandezza wie damals, als die Ketzer das Autodafé bestiegen. So geschah es in der Galaoper des Moskauer Theaters, daß der Infant von Spanien, Don Carlos, die Prinzessin Eboli in seine Loge befahl. Die noch immer sehr reizende Dame erschien. Der Infant blickte sie eine Weile an, um dann zu niesen. »Zum Wohlsein!« hauchte die Prinzessin mit einer tiefen Verbeugung. Der Sohn des mächtigen Königs aber fing sie auf und sagte mit <a class="pageref" name="page049">49</a> mildem Lächeln: »Ja, ja, Eboli, Ich kann noch immer nicht niesen, wenn Ich nicht in die Sonne sehe.«</p><p>Als dann die Prinzessin die Loge verließ, wurde sie von Marquis Posa, Herzog Alba und anderen Würdenträgern des spanischen Hofes herzlichst umarmt und beglückwünscht.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Der Hofball, welcher am Abend nach der Krönung stattfand, war äußerst elegant. Das Eis floß in Strömen, vollwichtige Goldfische wechselten mit echten Silberfasanen ab, und kostbare Weine wie <tt>Châteaux en Espagne</tt> und andere riefen die reizendsten Aeffchen hervor. Kein Wunder, daß auf dem dem Souper folgenden Ball die Beine der hohen Herrschaften nicht immer der Musik gehorchten, – Terpsichore drehte sich im Grabe um. Der Zar hatte das vorher geahnt und ein Arrangement dadurch getroffen, daß er für den Cotillon nur echte russische Orden befohlen hatte. Da nämlich fast alle Gäste bereits sämmtliche russische Orden besaßen, so hatten sie eine gute Ausrede, die Damen, welche mit einem solchen Orden auf sie zukamen, abzuweisen.</p><p>Der Zar selbst tanzte aus einem anderen Grunde nicht. Die Königin von Holland erzählte beim Fortgehen, sie habe ihn zwar flehentlich um die Ehre gebeten, ein einziges Mal mit ihr um den Kreml herumzutanzen, er habe aber sehr <a class="pageref" name="page050">50</a> ernst und gravitätisch geantwortet: »Ich tanze nur auf einem Vulkan!«</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Als der Hofball zu Ende war, riß einer der Könige, den ich aus naheliegenden Gründen verschweige, ein reizendes Citat. Er hatte nämlich mehrere Flaschen Liebcliquotmilch getrunken und fürchtete daher, das Pferd zu besteigen, das ihn nach Hause traben sollte. Als er nun sah, daß ihm das Pferd vorgeführt wurde, rief er lallend aus: »Kein Pferd, kein Pferd, mein Königreich für kein Pferd!«</p><p>Unter dem lauten Gelächter seiner Mitkönige suchte er dann zu Fuß das Gesandtschaftshotel aus, in welchem er bekanntlich wohnte.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Selbstverständlich gingen die Gäste des großen Balles, den der Botschafter des Deutschen Reiches gegeben, nach dem Schluß des Festes direkt in irgend ein Wirthshaus, um sich bei einem Seidel kühlen Gambrinusses von den Anstrengungen des Abends zu erholen. So saßen denn mehrere Herrscher um einen runden Tisch herum in dem berühmten Bierhaus »Zum Zar und Zimmermann«, bunte Reihen bildend, indem immer ein constitutioneller zwischen zwei absoluten Monarchen saß. Man war sehr lustig, man rieb sich vergnügt die Salamander, man trank sich unter den Zurufen: »Ich komme <a class="pageref" name="page051">51</a> Ew. Majestät die Blume!« und »Ich komme nach, Großmächtigster!« den schäumenden Trunk zu. Da bemerkten sie plötzlich, wie ein Purpurmarder mit einem der Hermeline, welchen er abgehakt hatte, das Lokal verlassen wollte. Aber im nächsten Nu waren die Fürsten schon über den frechen Menschen hergefallen, hatten ihm den Purpur – es war der des Königs beider Italien – wieder abgenommen, und nun bewarfen sie ihn mit Silberrubeln, welche der kecke Inflagrantus, allerdings unter heftigen Schmerzen, aufsammelte und in die Tasche steckte.</p><p>So lynchen Könige.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p>Eine recht peinliche Scene spielte sich in der Garderobe des Kreml ab und zwar am Ballabend. Hier standen mehrere Frauen, welche den ankommenden regierenden Herrscherhäusern den Winterpurpur, die Scepter, die Kronen, Aepfel und andere Insignien abnahmen, die beim Tanze nur stören. Da erschien denn auch ein schwarzer König, welcher nicht nur seine Lanze, seine Pfeile und seinen Bogen ablegte, sondern sich alsbald unter dem herzzerreißenden Geschrei der Garderobefrauen derart entkleidete, daß er nur noch einen Nasenring und eine Schürze mit einem Orden trug. Das Geschrei der Frauen nahm er für Hochrufe der Loyalität, welche er mit liebenswürdigen Verbeugungen beantwortete. Die immer röther werdenden Frauen holten endlich einen <a class="pageref" name="page052">52</a> der Dolmetschersprache mächtigen Beamten herbei, welcher dem afrikanischen Tyrannen zu verstehen gab, daß er in solcher Untracht unmöglich den Ball des Zaren mitmachen könne. Darüber wollte denn der uncivilisirte Monarch aus der Haut fahren, womit aber der herrschenden Sitte noch weniger gedient sein konnte, und schon wollte er den Anwesenden an die Skalpe, als zum Glück ein russischer Großfürst hinzutrat und ihn in der schonendsten Weise wenigstens nothdürftig bekleidete. So betrat der schwarze König, der, beiläufig bemerkt, ein Menschengourmand ist, den Ballsaal, wo er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit war und sich im Uebrigen sehr anständig betrug.</p><p>Von diesem Tage an aber sah man auf den Korridoren aller Festsäle Moskaus ein Plakat mit der Aufschrift: »Nackten Königen ist der Zutritt nicht gestattet.«</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap008"><h3><a class="pageref" name="page053">53</a> Die Einnahme von Tamatave.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Seit den Moskauer Krönungstagen haben wir außer einigen Bitten um Vorschuß keine Zeile von Ihnen empfangen. Wir bedauern dies um so mehr, als es uns in der jetzt herrschenden todten Saison ohnehin an Stoff fehlt und wir nicht recht wissen, womit wir unsere Leser fesseln sollen. Es ist jetzt die Zeit der Reise- und Saison-Abonnements, und dieses Publikum verlangt nach möglichst zeitkürzender Lectüre. Zu dieser zählt in erster Reihe die Darstellung von kriegerischen Ereignissen. Feuilletons wissenschaftlichen oder literarischen Inhalts sind von Sommerfrischlern und Badegästen am allerwenigsten gern gesehen oder gar gelesen, und darum hoffen wir keine <a class="pageref" name="page054">54</a> Fehlbitte zu thun, wenn wir Sie ersuchen, wieder zur Feder zu greifen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 26. Ju1i 1885.</p><p>Wenn Tell, um dem Geßler einen Strich durch die Rechnung mit dem Himmel zu machen, auf offener hohler Gasse bei – verzeihen Sie das harte Wort! – Küßnacht seinen berühmten Monolog hält, dann pflegt er wohl zu sagen: »Du hast aus meinem Frieden mich herausgeschreckt«. Ich rede Ihnen nicht ein, daß ich Tell bin, und möchte Sie um keinen Preis mit einem Vogt wie Geßler auf eine Stufe stellen, der selbst den Apfel auf des unschuldigen Kindes Haupt nicht schont, ganz abgesehen davon, daß ich nicht daran denke, Ihnen aus voller Armbrust den Tod zu wünschen. Aber unwillkürlich entschlüpften mir die obigen Worte, als ich, unter einer wilden Kastanie liegend und während die Nachtigallen mir die Grillen aus dem Kopf schlugen, Ihren Aufruf zu neuer Arbeit erbrach. Sie wissen, daß ich ein Fleißlenzer bin und daß mir, wenn es gilt, keine Feder zu schwer ist. Aber liegt denn in diesem Augenblick ein Grund vor, mir den Bären, auf dessen Haut ich <a class="pageref" name="page055">55</a> ausruhend lag, wieder zu kürzen, und mir das ohnehin so rasch vorübergehende <tt>Dolce feriente</tt> zu unterbrechen? Wahrlich nicht!</p><p>Denn über allen Gipfeln ist keine Unruhe, wie Goethe singt. Es herrscht Frieden. Das ist keine Ente, sondern absolut gehauen und gestochen. Es hieße einen Aberwitz reißen, wollte man annehmen, daß sich zwischen Frankreich und England ein zerschnittenes Tischtuch eingeschlichen habe. Richtig ist ja, daß die eine Großmacht der andern nicht über den Weg traut und sie am liebsten aus demselben räumte, und daß Frankreich kein Bein scheuen würde, um es England zu stellen. Beiden Großmächten ist keine Lauer zu schlecht, um auf derselben zu liegen. Beide sind auf ihrer Hut, und jede möchte ihn der anderen antreiben. Seit grauen Zeiten, die mittlerweile ganz weiß geworden sind, existirt diese Eifersucht, und wenn Othello glaubt, daß er eifersüchtiger ist als sie, so kann er warten, bis er schwarz wird. Damit ist aber nicht gesagt, daß es zwischen Beiden zu einem offenen Mars kommen muß. Gewöhnlich ist das, woran sie sich etwas flicken, dummes Zeug, welches auch scheinbar nur mit Blut abgewaschen werden kann. Aber zu einer Katz- und Hundbalgerei kommt es nicht. Kurz vor der Katastrophe gießen die beiderseitigen Diplomaten das Oel wieder aus dem Feuer und ersticken die Eris im Keime. Oft genug waren beide Reiche nahe daran, sich gegenseitig in den Harnisch zu gerathen, stets aber begruben sie im <a class="pageref" name="page056">56</a> entscheidenden Moment die Streitaxt lebendig, und bald krähte wieder der Hahn in Ruh'. Das weiß jedes Kükenindiewelt.</p><p>Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Krieg zwischen Frankreich und England zu entbrennen, um Ihnen gefällig zu sein. Einliegend die Einnahme von Tamatave. Dies ist, wie ich aus der Kölnischen Zeitung ersehe, der Haupthafen der Hovas auf der Insel Madagascar. Theilen Sie mir doch Näheres über diese Insel mit und zwar auf dem zu Privatmittheilungen reservirten Raum einer Posteinzahlungskarte. Um diese indeß nicht ganz ihrer Bestimmung zu entziehen, senden Sie mir einen Vorschuß von 50 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Tamatave</i>, den 1. Juli 1885.</p><p><tt>W.</tt> Der König von Italien war es, welcher neulich ausrief: »Wenn Wir nicht König wären, so möchten Wir wohl Berichterstatter sein!« Nun, auf der Reise hierher würde ich ihm geantwortet haben: »Abgemacht, <tt>Re</tt>, räume mir Dein Scepter ein und sei Du Wippchen!« Gewiß, <tt>Umberto</tt> hätte sich die Wünschelruthe, welche er sich aufgebunden, noch einmal überlegt.</p><p>Denn die Reise nach Madagascar war eine Arbeit, welche ich keinem Herkules wünsche. Der Atlantische Ocean heißt mit Recht nicht der stille. Oft genug tobte der Typhon derartig, daß er sein eigenes Heulen nicht hören konnte, und im Indischen Ocean schien der Steinbock zu sagen: <a class="pageref" name="page057">57</a> »Zerstöre mir meinen Wendekreis nicht!« und da wir es dennoch thaten, stieß er uns von einem Sturm in den andern. Wir waren froh, als Madagascar vor unseren Blicken auftauchte, eine Insel, welche, wie ich hier gleich bemerken will, durchaus nicht so roth aussieht, wie sie auf Kiepert's Hand-Atlas markirt ist.</p><p>Terrassenförmig, fast mauerartig bestieg ich die Küste. Endlich traf ich auf einem Buckelochsen hier in Tamatave ein und fand im »Wilden Lamm« Quartier. Der Wirth, gleich allen Madagassen ein Eingeborener, wollte mich anfangs nicht einlassen, weil er mich für einen Franzosen hielt. Da er ausschließlich malayisch sprach, ich aber seiner Zunge nicht mächtig war und mich nur in gebrochener Zeichensprache verständlich machen konnte, so dauerte es eine Weile, bis ich ihm begreiflich gemacht hatte, daß ich nicht der ihm verhaßten Nation meinen Ursprung verdankte.</p><p>Hierdurch lernte ich sofort die Stimmung kennen: die Madagassen und Franzosen sind dicke Feinde und nicht nur, seit der Contre-Admiral Pierre (sprich Pierre) vor dem Hafen lag und mit seinen Geschützen das Eiland angähnte, augenscheinlich gelangweilt von der ihm noch auferlegten Zurückhaltung. Seine Flotte brannte vor Begierde, das Land den Hovas und Engländern zu entreißen und unter die <tt>Beati possidentes</tt> Frankreichs zu bringen.</p><p>Am nächsten Tage sah ich die Königin, sah aber sofort wieder weg. Sie geht nackt gekleidet, nur mit dem üblichen <a class="pageref" name="page058">58</a> officiösen Feigenblatt geschmückt, und trägt auch ein nacktes Schwert. Man sagt hier zweideutig, sie sei <i>ausgezogen</i>, um die Feinde der Insel zu vertreiben. Dies ist insofern falsch, als sie nie, selbst Nachts nicht, gekleidet ist. So heischt es die Inselsitte. Ihre Majestät ist eine braune Dame, welche, da sie stark raucht, von einem Tausend Cigarren zum anderen brauner wird. Schon seit einem Decennium in's 40. Jahr gehend, ist sie eine schöne Häßlichkeit, man könnte sie die Hexe von Milos nennen. Nach der Verfassung hat sie stets den Ministerpräsidenten zu heirathen, woraus sich die häufigen Ministerkrisen erklären.</p><p>Wie die Franzosen, welche bis zur Glatze kein gutes Haar an der Beherrscherin lassen, versichern, ist dieselbe von einer großen Grausamkeit. Die Stimme der Humanität geht blindlings an ihrem Ohr vorüber. So soll sie kürzlich einen Officier <i>Pierre's</i> von Tamatave bis in die Hauptstadt Antananarivo bei den Haaren zur Tafel gezogen haben. Wenn man den parteiischen Franzosen Glauben schenken darf! Doch hören Sie weiter.</p><p>Am Morgen des 10. Juni erweckte mich von Minute zu Minute der Donner der französischen Geschütze. Die Zimmersklavin, welche mir das frisch vom Kaffeebaum gepflückte Frühstück nebst einigen Kolibrieiern brachte, machte mir mit durch Thränen erstickten Zeichen bekannt, daß die Stadt bombardirt werde. Entsetzt sprang ich in meine Stiefel und stürzte an den Strand. Ueberall hörte man Rachegeschrei der <a class="pageref" name="page059">59</a> Madagassenjungen, während die Alten ihre Hab- und Gutseligkeiten zu retten suchten. Fliegendicht fielen die Bomben nieder, krepirten aber glücklicherweise sämmtlich. Die Forts antworteten, ohne indeß ein einziges der feindlichen Schiffe dem Erdboden gleichzumachen. Die Engländer sahen unthätig zu. Was sollten sie auch machen, als böse Miene zum bösen Pierre? Am anderen Morgen landeten die Franzosen und erklärten wie die Löwen das nicht mehr vorhandene Tamatave in Belagerungszustand. Die Königin ergriff einen Wanderstab und floh in dieser Verkleidung aus der unglücklichen Stadt. Die Hoffnung der Franzosen, sie gefangen nehmen und nach Grévyshöhe transportiren zu können, ist dadurch vereitelt.</p><p>Heute fragen wir uns: Werden sich die Engländer dies gefallen lassen? Nun, wir haben das <tt>Qui vivra verra</tt> abzuwarten.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap009"><h3><a class="pageref" name="page060">60</a> Die Niederlage der Franzosen in Tonking.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Selten ist uns Ihre eigenthümliche Passion, außerhalb der Reichshauptstadt zu wohnen und fern vom Centralpunkt der politischen Welt journalistisch thätig zu sein, störender erschienen, als da wir Ihren letzten Bericht lasen. Sie beeilen sich nämlich, in dem kalten Wasserstrahl, der sich eben aus dem Reichskanzleramt über die Pariser Hetzpresse ergossen hat, eine förmliche Kriegserklärung zu erblicken, ja, Sie gehen sogar einen Schritt weiter und beschreiben ein, wie Sie beruhigend versichern, unbedeutendes Geplänkel zwischen deutschen und französischen Truppen bei Saarbrücken. Mit einem Wort: Sie scheinen nicht übel Lust zu haben, den großen Krieg von 1870 noch einmal anzufangen. Aber Herr Wippchen!</big></p><p><a class="pageref" name="page061">61</a><big> Lebten Sie in Berlin, so wäre in Ihnen eine solche Idee ganz gewiß nicht aufgestiegen. Man legt hier dem Warnungsruf, den die Norddeutsche Allgemeine Zeitung ertönen ließ, nicht mehr Werth bei, als er in Wirklichkeit besitzt. Unsere Regierung ist es müde, die Pariser Presse fort und fort das Volk an das Spielen mit dem Feuer gewöhnen zu sehen, und hat ihr den Wasserstrahl geschickt, damit die Pariser zur Abwechselung einmal mit dem Wasser spielen können. Das ist Alles. An einen Krieg denkt hier Niemand.</big></p><p><big>Einen besseren Stoff bieten Ihnen Frankreichs Operationen in China, und wir bitten Sie, sich desselben mit gewohntem Geschick zu bemächtigen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 30. August 1883.</p><p>Ein kalter Wasserstrahl, das ist Alles! so schreiben Sie, und es dauerte einige Zeit, bis ich von der Haut, aus der ich gefahren war, wieder zu mir selbst kam. Denn so eine <tt>sancta simplicitas</tt> vom Lande bin ich denn doch nicht, daß ich Ihnen sofort klein beipflichte. Ich gebe ja zu, daß ein <a class="pageref" name="page062">62</a> kalter Wasserstrahl noch kein Blutbad ist, aber ich weiß, was aus Kleinem entstehen kann. Mit Kleinem fängt eben Alles an, wie Goliath, aber wie wird das Ende sein oder nicht sein? fragt Hamlet sehr richtig. Als Paris – ich meine den, der den Ton aus der ersten Silbe hat – dem Menelaos mit der Helena aus der Nase ging, ahnte wohl Keiner, daß dieser einfache Roman mit dem Untergang Trojas enden würde, – es bedarf eben häufig nur eines Tropfens, und das Pulverfaß fliegt in die Luft. In meinen Augen ist der kalte Wasserstrahl solch ein Tropfen. Alles sieht im Anfang harmlos aus, wie etwa der Drachen, mit dem ein Knabe spielt. Aber man breche dem Drachen wie Kadmos die Zähne aus und pflanze sie ein, und es werden dieser Saat geharnischte Männer entsprießen.</p><p>So betrachtete ich den kalten Wasserstrahl und erblickte darin den Grundstein zu einem neuen Mars. Sie aber sehen vor lauter Mastbäumen die Flotte nicht, die in diesem Augenblick vielleicht schon den deutschen Küsten die Segel zubläht, Sie sind wie der Vogel Strauß, der seinen Kopf seitwärts in die Büsche schlägt und nun denselben darauf wettet, daß er nicht gesehen wird, weil er selber nicht sieht. Ich aber habe, – verzeihen sie das harte Wort! – nicht Lust, ein Strauß zu sein, der blinde Kuh spielt.</p><p>Wenn ich Ihnen einen erregten Brief schreibe, so schieben Sie ihn gefälligst in Ihre eigenen werthen Schuhe. Daß Sie meinen Bericht nicht reiflich geprüft und in Ihren <tt>ad</tt><a class="pageref" name="page063">63</a><tt> acta</tt>-Korb geworfen haben, hat mich schwer verletzt, und deshalb konnte ich auch meinen reinen Mund nicht halten. Holen Sie mein Manuscript nur wieder hervor, es wird eines Tages gebraucht werden, wenn die Franzosen sich aufmachen, um ihre Rosse in dem kalten Wasserstrahl zu tränken. Als ich den Bericht verfaßte, hatte ich nicht etwa zu tief in den Bacchus geguckt, ich war vollkommen nüchtern, bin überhaupt kein Scribifaxenmacher, den man vergeblich wie einen beliebigen Sisyphos arbeiten läßt. Die Franzosen wollen den Krieg. Man reiche ihnen den Zaun, und sie brechen ihn von demselben. General Thibaudin hat bereits erklärt, daß Frankreich kriegsbereit ist, es fehle nicht das Tüpfelchen auf dem Jota. Ein Anstoß, und die Lawine steigt drohend aus der Tiefe empor. Von dieser Ueberzeugung geleitet, habe ich meinen Bericht verfaßt.</p><p>Um Ihnen indeß zu zeigen, daß ich Ihnen Ihren Papierkorb nicht nachtrage, sende ich Ihnen des lieben Friedens willen die Niederlage der Franzosen in Tonking. Ich habe dieselben so ziemlich aufgerieben, so daß ihnen wohl nichts als eine Hand voll Soldaten und die Rückkehr nach Frankreich übrig bleiben wird. Werde ich nun eine Zeit lang Ruhe haben?</p><p>Denn sonst würde mir der Vorschuß wenig nützen, dessen ich Sie schon jetzt entledigen will, obschon ich heute wie Matthäi erst am Vorletzten bin. Aber der Sommer ist eine theure Jahreszeit, und das Geld hintergeht uns, indem es sich für irgend etwas Anderes ausgiebt, als es nöthig ist. Sollte alles Geld so sein? Bitte, stillen sie meine Neugier durch die Zusendung von 50 Mark.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Hanoi</i>, den 16.August 1883.</p><p><tt>W.</tt> Wir sind verrathen! heult es durch die Gassen von Hanoi. Und es ist so: Gestern sind die Franzosen von den Chinesen vollständig auf's Haupt verrathen worden.</p><p>Wir sind verrathen! so brüllt es auf allen Märkten, in allen Thee mit Rumhäusern, wir sind unter der Hand, unter dem Fabrikpreis, zu Schleuderpreisen verkauft! Der Sieg der Chinesen gilt nicht!</p><p>Ich bin noch ganz betäubt von diesem Geschrei. Mir ist, als hätte man mir das Trommelfell über die Ohren gezogen. Indeß will ich nun, nach einem kurzen Nachmittagsmorpheus, versuchen, das, was gestern geschehen, in Dinte zu kleiden.</p><p>Vor Allem: Die Franzosen haben den Feind über und über unterschätzt. Sie glaubten wahrscheinlich, er würde bei der ersten Windrose, die sie ihm zeigten, nach allen Richtungen derselben auseinander stieben, sie brauchten ihm nur ein Hasenpanier zwischen die Beine zu schleudern, gleich würde er es ergreifen. Das war ein Fehler. Gestern sahen sie ein, daß ihnen die Hand, in deren Umdrehen sie den Feind vernichten zu können glaubten, gänzlich fehlte. Denn, wie gesagt, sie wurden in die Flucht verrathen.</p><p><a class="pageref" name="page065">65</a> Gestern Morgen um 2½ Uhr – noch wackelte keine Pagode mit dem Kopf – verließ die französische Streitmacht unter dem Befehl des Generals <i>Bouet</i> (sprich Bouet) die Stadt. Ihr Zweck war, das Land von der schwarzen Flagge bis Son-Tai zu säubern und dann diese Stadt zu belagern. Weshalb die Franzosen das Land von der schwarzen Flagge säubern wollten, das sagte der General nicht. Ich denke mir, daß dies geschehen sollte, weil die Chinesen das Land von der französischen Fahne säubern wollten. Wer zuerst säuberte, hatte natürlich gewonnen.</p><p>So lange kein Feind zu sehen war, siegten die Franzosen fortwährend, von den Kanonenböten kräftig unterstützt. Plötzlich erhob sich vor ihnen eine Schanze. »Franzosen«, rief der General, nachdem er mit seinem Fernrohr eine Bresche in die Schanze geguckt hatte, »die Chinesen sind Barbaren, sie fröhnen dem Aberglauben, daß ihre Schanzen nicht von uns genommen werden dürfen. Belehren wir dieses verkrüppelte Fußvolk eines Schlechteren. Auf zum Sturm!«</p><p>Aber alles Bitten war umsonst, die Chinesen schlugen ihnen den Sturm ab. Unter dem Geschrei: »Hurrah, Verrath!« stürmten die Franzosen zurück. Die Wuth der Kanonenböte war in Folge dessen uferlos, und sie eröffneten ein derartiges Bombardement auf die Schanze, daß die letzten Kugeln kaum noch einen Stehplatz zu finden vermochten. Dann folgte der zweite Sturm der Franzosen, um die vorige Schießscharte auszuwetzen. Unmöglich! Die starrköpfigen Chinesen <a class="pageref" name="page066">66</a> wichen nicht und wollten von keinem Korn wissen, in welches sie ihre Flinten werfen sollten. So stürmten die Franzosen dreimal, aber dreimal kamen sie nicht weiter als in's Wanken und Weichen, bis denn endlich der Oberst <i>Revillon</i> (sprich: Revillon) sich entschloß, seine Truppen nicht weiter zu verrathen. Dieselben hatten furchtbar gelitten, fast jeder Mann war decimirt. Aber ihr Muth war nicht gebrochen, rauchend marschirten die Trümmer der Armee nach Hanoi zurück, woselbst sie, während Victoria geschossen wurde, ihren Einzug hielten.</p><p>Noch an demselben Abend telegraphirte der General Bouet nach Paris den Befehl, daselbst solle ein Panorama »Der Sieg der Franzosen bei Hanoi« angefertigt werden.</p><p>Unter den Chinesen herrscht große Freude. Die Straßen werden von Musikcorps durchzogen, welche, während das Volk auf den Kaiser von Annam fortwährend Hochs ausbringt, diese Rufe mit den weltberühmten chinesischen Tuschen begleiten. Auch eine Amnestie steht in Aussicht. Mehrere Prinzen, welche, als sie sich um die Prinzessin Turandot bewarben, nicht deren Mitgift, die drei Räthsel, zu lösen vermochten und ihren Stumpfsinn mit dem Block büßen sollten, werden wahrscheinlich mit dem Exil davonkommen.</p><p>Ich erwarte von der Klugheit der Franzosen, daß sie, nachdem sie ihre lange Nase erst völlig gemessen haben, mit derselben abziehen werden. <tt>Qui vivra, nous verrons!</tt></p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap010"><h3><a class="pageref" name="page067">67</a> Der Ulan.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir erlauben uns, Ihnen Ihren Artikel, den wir soeben erhielten, mit der Bitte zurückzuschicken, denselben gefälligst einer Umarbeitung zu unterziehen, und wenn dies sofort geschehen kann, so würden Sie uns einen wesentlichen Dienst leisten. »Der Ulan« war uns zwar sehr willkommen, aber Ihre Auffassung des ganzen Ereignisses führte Sie doch zu weit. Denn Sie lassen den König von Spanien derart beleidigt sein, daß er Frankreich den Krieg erklärt, und gleichzeitig wissen Sie auch schon von kleinen Reibereien, Scharmützeln und Vorpostengefechten zu erzählen, welche an der französisch-spanischen Grenze bereits vorgefallen seien. Eine solche Ausnützung des im Großen und Ganzen doch <a class="pageref" name="page068">68</a> ziemlich episodischen Pariser Vorgangs können wir, die wir die Verantwortung gegenüber dem Publikum tragen, doch nicht zulassen. Sie werden daher unser Ersuchen gerechtfertigt finden und Ihrem Artikel möglichst rasch eine andere weniger fragwürdige Gestalt geben. In dieser Erwartung grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 11. October 1883.</p><p>Immer und immer wieder zwingen Sie mich, daß ich mich dann und wann als fünftes Rad am Pfau betrachten muß. Gerade dann, wenn ich meinen Kopf so recht angestrengt habe, um den Nagel auf denselben zu treffen, geben Sie mir zu verstehen, daß ich wieder einmal irgend etwas allzu toll patschte, indem Sie mir nachzuweisen suchen, daß ich die Weltgeschichte wie ein Hans in allen Sackgassen aufgefaßt habe. Wenn ich dann so in Ihren werthen Brief wie in einen Eulenspiegel blicke, dann reißt mir – verzeihen Sie das harte Wort! – die Geduld, und ich möchte Ihnen Valet schreiben. Wenn ich es thäte, wie froh würde ich locken!</p><p><a class="pageref" name="page069">69</a> Wer Ihren jüngsten Brief liest, muß glauben, ich hätte nichts als meine fünf Blödsinne beisammen, und es sei in meinem Oberstübchen eine Schraube verbohrt. Diese Betrachtung könnte das härteste Gehirn erweichen! Denn gerade das, was Ihnen einen so großen Griesgram bereitet, giebt meinem Bericht den Werth. Ich sehe in der Alphonzerei, welche die Franzosen getrieben haben, den Samen, aus welchem ganz gewiß die Flinten zweier Nationen emporschießen werden, ich höre schon die spanischen Reiter daherrasseln, und ich halte es für unmöglich, daß das gesalbte Haupt lange ungerochen bleibt. Ja, noch weniger: alle Könige des Weltballs fühlen sich allerhöchst verletzt, und sie werden nicht eher geruhen, bis die ihnen angethane Scharte mit Blut ausgewetzt worden ist. Ich kenne die Könige. Flickt ein Volk irgend einem Monarchen etwas am Purpur, so sind sie Alle aus dem Palästchen. Wie die Glocken in Schillers herrlicher Kindesmörderin zusammenhallten, so die Fürsten: wenn Einer im Stich ist, so läßt ihn der Andere nicht darin, und krümmt man dem Einen ein Haar, so wird es sich dem Andern sträuben. Oft suchen sie wohl Händel unter einander und finden sie auch, und wehe dem Hühnchen, welches ein Herrscher mit dem andern pflückt, und am Ende hat jeder Herrscher nicht nur am Sonntag solch ein Hühnchen im Topf, aber wenn in einem Gekrönten das monarchische Princip verletzt ist, dann ist keine Lanze sicher, von dem einen König für den anderen gebrochen zu werden. Und <a class="pageref" name="page070">70</a> daher sage ich Ihnen schon heute: Kommen die Franzosen für das, was sie dem König von Spanien gethan, mit braunem und blauem Auge davon, dann haben sie mehr Glück als <tt>me comprenez-vous</tt>?</p><p>Dazu kommt noch der Harnisch, in den ich persönlich gerathen war. Ich gehöre wahrlich nicht zu der Schaar von Wenzeln, welche sich eines Königs aus Eigennutz annehmen. Aber Alphonso war Gast, und Paris, welches doch mit seiner Bildung niemals dünnthut, verletzte das Gastrecht, indem es den König mit Heulen und Zähneklappen empfing, mit überreifen Cigarren und Aepfeln bewarf und in anderer Weise die Rohheit auf die Spitze der Civilisation trieb. Und alles das, weil er in Deutschland mit einem Ulanenregiment dekorirt worden war!</p><p>Wäre ich der König gewesen, ich hätte mit dem Schwert um mich gehauen und dem Pöbel gezeigt, was das Scepter für eine Harke ist.</p><p>Und all' diesem gegenüber streichen Sie mir den Ausbruch der Feindseligkeiten an den Pyrenäen! Ich kann mir mit dem besten Willen diesen Oerindur nicht erklären. Wenn Sie mich aber ferner so in die Enge treiben, so suche ich das Weite.</p><p>Nun, da ich frei von der Leber, die mich drückte, gesprochen, bin ich wieder ganz der Alte. Beweisen auch Sie mir, daß ich Ihnen nicht böse bin, indem Sie feurige 50 <a class="pageref" name="page071">71</a> Vorschußmark auf meinem Haupt sammeln. Denn es wird kalt, und ich brauche Kohlen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Paris</i>, den 10. Oktober 1883.</p><p><tt>W.</tt> Fast 14 Tage sind seit dem Hexensonnabend den 29. September vergangen, seit dem Tage, an welchem in der Hauptstadt Frankreichs ein Treiben wie auf einem Haberfelde stattgefunden hat. Der König ist auf seinen Thron heimgekehrt und hat die Zügel seines Volkes wieder ergriffen, nachdem dasselbe ihm ein so glänzendes Betreten der Hauptstadt bereitet hat als Balsam in die Wunde, die ihm das Pariser Pflaster geschlagen.</p><p>Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse zurück.</p><p>Als die Nachricht eintraf, der König von Spanien sei zum Chef eines deutschen Ulanenregiments ernannt, befand ich mich gerade im <tt>Café Revanche</tt> in der <tt>rue de Strassbourg</tt>. (Mit Recht liest man hier das Wort <i>rüde</i> an allen Straßenecken.) Das war ein Hiobstelegramm. Die ältesten Leute trauten ihren Ohren nicht. »Wir sind verrathen!« schrie Alles, »<tt>aux armes!</tt>« (sprich: <tt>aux armes!</tt>). Man war wie vom Donner zu Thränen gerührt. Wer sich irgendwie wälzen konnte, wälzte sich zum Bahnhof. Die Fama, welche bekanntlich aus jedem Elephanten einen Dickhäuter macht, hatte den Irrthum verbreitet, der König komme an der Spitze des verliehenen Ulanenregiments nach Paris. <a class="pageref" name="page072">72</a> Aengstliche Eltern brachten ihre zwei Kinder in Sicherheit. Auf den Straßen rannte Alles wie in einem Irrenhause wild durcheinander, kurz, es herrschte ein unbeschreiblicher Thurm von Babel.</p><p>Denn der Ulan versetzt den Franzosen in Angst, ohne ihn wieder einzulösen. Im Kriege war er ihm ein <tt>crève-guerre</tt> (sprich: <tt>crève-guerre</tt>), der Ulan war, ein Zieten <tt>ex machina</tt>, überall und machte ihm den Rhein, den er erobern wollte, zu Wasser, denn gegen den Ulan war aller <tt>élan</tt> umsonst, und der Franzose konnte von Allem, was er erobern wollte, nichts nehmen als Reißaus. Seit jener Zeit kann sich der Franzose des Espenlaubs nicht erwehren, wenn er den Ulan nennen hört. Sehr begreiflich!</p><p>Als nun der König sich zeigte, stieg den Parisern das Blut in den Kopf, den sie völlig verloren hatten, und es erhob sich ein Lärm, der des Königs, seines Gefolges und jeder Beschreibung spottete. Es war horrüpelhaft. »<tt>à-bas avec le Uhlan!</tt>« schrie Jeder aus tausend Kehlen, von allen Seiten flog Unrath in den Wagen, und wenn man den König ergriffen hätte, wie er es im Innern war, so hätte man vielleicht sein letztes Stündlein geschlagen. Die Kreide in seinem blassen Antlitz verbarg nur schwer seine tiefe Erregung. So fuhr er nach dem Hotel der iberischen Halbinselbotschaft.</p><p>Der Rest ist, wie Hamlet sagt, Ihnen bekannt. Alles in Allem: Frankreich hat das monarchische Europa beleidigt, <a class="pageref" name="page073">73</a> und dieses wird sich der König von Spanien hinter die Ohren schreiben. Das Weitere bleibt abzuwarten. Ohne Zweifel aber wünscht Frankreich schon heute, Europa vergäße, was vorgefallen, und sagte: »<tt>Champignon là-dessus!</tt>« Europa denkt nicht daran.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap011"><h3><a class="pageref" name="page074">74</a> Der deutsch-chinesische Conflict.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir brauchen Ihnen nicht zu sagen, mit welchem Bedauern wir uns genöthigt sehen, auf Ihre werthen Berichte seit längerer Zeit verzichten zu müssen. Es ist dieser Verzicht auch mit einem wirklichen Schaden für unser Blatt verknüpft. Die Leser <i>wollen</i> Kriegsberichte. Ohne zu bedenken, daß Sie solche absolut nicht liefern können, wenn nicht irgendwo ein Völkerstreit zum Ausbruch gekommen, überschütten sie uns mit Fragen nach dem Verbleib Ihrer aufregenden Referate, als ließen wir selbe absichtlich fort. Und wir vermögen natürlich nur mit bedauerndem Achselzucken zu antworten. Eine Zeit lang beruhigt sich das Publikum, dann aber wendet es sich zu solchen Blättern, welche sein Sensationsbedürfniß rücksichtsloser als das unserige befriedigen.</big></p><p><a class="pageref" name="page075">75</a><big> Nun wir abermals vor einem Quartalsschluß stehen, wenden wir uns an Ihre Freundlichkeit mit der Bitte um irgend einen Bericht. Ihr so oft bewährter Scharfsinn wird hoffentlich einen Stoff finden, wo wir solchen nicht zu entdecken vermögen, und so grüßen wir Sie hoffnungsvoll und</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 15. März 1883.</p><p>Oft schon, wenn ich schlaflos in Morpheus' Kissen lag, suchte ich emsig nach irgend einer Bellona. Umsonst. Ueberall gezogene Kanonen, aber keine gezogene Degen. Ueberall Kriegsdrommeten, aber Niemand stößt hinein. Ueberall bereitet man sich zum <tt>Para bellum</tt>, aber nur parabolisch. Wenn ich einer der ältesten Leute wäre, so würde ich mich einer so tiefen Friedenszeit, wie der jetzigen, nicht zu erinnern wissen. Die Läden des Janustempels sind geschlossen, und dem <tt>Nervus</tt> der Völker fehlt das nöthige <tt>Rerum</tt>. Es ist, um aus dem Harnisch zu gerathen.</p><p>Ich gebe zu, daß ich oft diese Zeit herbeiwünschte, um meine Hände in den Schooß der Bärenhaut legen zu können, <a class="pageref" name="page076">76</a> heute bereue ich es. Aber was hilft die Reue? Damit kann man keinen der drei Männer aus dem feurigen Ofen locken. Meine arme Dinte kann warten, bis sie schwarz wird, und meine schlafende Stahlfeder kommt nicht aus den Posen: ich habe keinen Krieg. Vergeblich sehe ich mich nach einem Zaun um, von dem ich einen Krieg brechen, vergeblich nach einem Daumen, aus dem ich ihn fangen könnte. Was nützen auch Zaun und Daumen? Dem Publikum würde doch nur zu bald ein Licht, hinter das ich es geführt hätte, aufgehen, und es würde glauben, ich sei über und über geschnappt. Oder, was noch schlimmer ist, es würde von Betrug, vom <tt>Corriger le malheur</tt> reden, es würde behaupten, ich hätte einen Beutel geschnitten und allzu hoch gestapelt. Und das wäre mir – verzeihen Sie das harte Wort! – nicht angenehm.</p><p>Damit aber ist Ihnen nicht geholfen. Sie wollen gewissermaßen von einem Leiden geheilt sein und haben mir dies nicht geschrieben, um einen Quack salben zu sehen. So sende ich Ihnen denn einliegend den deutsch-chinesischen Conflict, welcher wohl geeignet erscheint, Ihre werthe Lücke zu büßen. Ob ich einen Krieg daraus werde machen können, das weiß ich diesen Augenblick noch nicht. China liegt doch zu sehr in Asien, als daß ich glauben könnte, Deutschland denke ernstlich daran, es mit einem Mars zu überziehen und »Die Wacht am Yang-tse-kiang« ertönen zu lassen. Und wie sollte auch eine deutsche Armee dorthin gelangen? Sie <a class="pageref" name="page077">77</a> könnte nur über Breslau und Nan-king die Hauptstadt Pe-king erreichen, und das wäre ein colossaler und beschwerlicher Weg. Diese und andere Bedenken sprechen gegen den Ausbruch eines Krieges, und ich würde dem Conflikt nicht näher, als Sie glauben, getreten sein, wenn der Moment nicht anderweitig günstig wäre. Wir haben in Bronsart von Schellendorf einen neuen Kriegsminister, und der Prinz von Wales (sprich: Wales) ist mit dem Generalfeldmarschall im Knopfloch von Berlin nach England abgereist. Ich denke nicht daran, Zungen zu dreschen, Sie wissen auch, daß ich eher ein Klein- als ein Großthuer bin, aber Ereignisse, wie die eben geschilderten, geben doch zu denken.</p><p>Schließlich glaube ich Ihnen die Nachricht nicht vorenthalten zu dürfen, daß ich zum Bimetallismus übergegangen bin. Um Ihnen dies zu beweisen, bitte ich Sie um einen Vorschuß von 40 Mark in Gold und 35 Mark in Silber, oder umgekehrt: 35 Mark in Gold und 40 Mark in Silber. Können Sie dort einige Schnüre voll Kupfermünzen auftreiben, wie sie in China so viel getragen werden, so legen Sie sie gefälligst bei.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Nan-king</i>, den 1. März 1883.</p><p><tt>W.</tt> Da wäre ich denn in Nan-king, in der vielgenannten Stadt also, deren Bewohner in den berühmten Sommerbeinkleidern, die von ihr den Namen haben, so <a class="pageref" name="page078">78</a> Außerordentliches leisten. Die Reise war recht beschwerlich, doch bin ich, Buddha sei Dank! wohl und munter hier angekommen und im »Goldenen Theekessel« abgestiegen.</p><p>Ich habe mich sofort davon überzeugen können, daß die Stimmung gegen Deutschland eine sehr erregte ist. In einem Wiener Thé (Cafés giebt es hier natürlich nicht) hörte ich sogar den Ruf »Nach Berlin!« ausstoßen. Man meinte, die chinesischen Hafenstädte Swatau (sprich: Swatau) und Amoy (sprich: Amoy), welche die deutschen Marinetruppen betreten haben, könnten nur mit Blut abgewaschen werden. Sie denken ohrenscheinlich, man müsse das Eisen fressen, so lange es heiß ist, sie werden aber wohl wieder ruhiger werden, wenn sie sich sagen, daß China im Grunde ein Coloß auf thönernem Rhodus ist, der sich nicht mit Deutschland messen kann. Diese Kahlköpfe werden also sehr bald froh sein, wenn wir sie ungeschoren lassen.</p><p>Nichtsdestoweniger ist die chinesische Mauer mit kriegerischen Plakaten förmlich beklebt, und in allen Pagoden wird Confucius angefleht, er möge den Chinesen beistehen, daß sie den Zopflosen (den Deutschen) die verkrüppelten Füße auf den Nacken setzen. Gestern zogen Kulis, vom Opium schwer beraucht, vor das Palais des Kaisers <i>Sing-Sang</i>, um denselben durch den Vortrag des Nationalliedes »Tschahi, Tschaho« eine Ovation darzubringen. Der durchaus friedlich gesinnte Monarch ließ sich aber nicht sehen. Bemerken will ich noch, daß die deutsche Kriegskorvette »Elisabeth«, <a class="pageref" name="page079">79</a> deren Mannschaft gelandet war, Swatau wieder verlassen hat und durch das bekanntlich so gelbe Meer in den Wendekreis des Krebses zurückgegangen ist.</p><p>Ich glaube trotzdem nicht an eine Störung des Friedens. Nicht etwa, weil es der Staatskasse an Chinasilber fehlt. Aber China wird der Landung der 40 Mann von der »Elisabeth« nicht auf die schwere Achsel nehmen und aus der Mücke keine Salzsäule machen. Auch wird Deutschland ohne Zweifel Alles thun, um den Erisapfel beizulegen.</p><p>Eben höre ich, daß die Absicht besteht, einen stillen Ocean-Kongreß zusammentreten zu lassen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap012"><h3><a class="pageref" name="page080">80</a> Athen vor dem Kriege.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sagen Ihnen für Ihre liebenswürdige Gratulation unseren besten Dank und erwidern dieselbe herzlichst. Ihren Wunsch aber, wir möchten Ihnen, da Sie nicht nach Berlin kommen wollten, unseren Hut und eines unserer Fenster dorthin senden, damit Sie uns ersteren angetrieben und letzteres zertrümmert retourniren könnten, brauchen wir wohl nicht ernst zu nehmen. Sie scheinen zu glauben, daß dem Berliner ein Neujahrswunsch ohne solche und ähnliche Verwüstungen kein vollgültiger sei, das aber ist doch nur in einem kleinen Kreis unserer Mitbürger der Fall, die Mehrzahl, zu der wir gehören, begnügt sich noch immer mit einem »Prosit Neujahr!« und einem Druck der Hand.</big></p><p><a class="pageref" name="page081">81</a><big> Es thut uns aufrichtig leid, Ihren ersten diesjährigen Bericht nicht verwenden zu können. Denn derselbe enthält ein ausführliches Protokoll des europäischen Schiedsgerichts, in einem Augenblick, wo die Idee eines solchen als völlig aufgegeben zu betrachten ist. Alle Zeitungen bestätigen dies, und die griechische Deputirtenkammer hat in ihrer Sitzung am letzten Tage des alten Jahres deutlich genug gesprochen. Und nun wollen Sie unseren Lesern erzählen, was das Schiedsgericht beschlossen hat? Unmöglich!</big></p><p><big>Indem wir hoffen, daß Sie bald mit einem anderen Bericht Ihre Thätigkeit im neuen Jahre beginnen, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 6. Januar 1881.</p><p>O es ist abscheußlich! So betrete ich denn abermals den neuen Sylvester mit der Aussicht, mich immer wieder bei jedem meiner Berichte mit Ihnen wie Katzen um den heißen Brei streiten zu müssen, anstatt, wie ich hoffte, für frühere Unbill in allen Sätteln gerächt zu werden. <a class="pageref" name="page082">82</a> Jedesma1 ist es mir, als schnitten Sie muthwillig Tisch und Bett zwischen uns entzwei, und ich sollte mir endlich eine andere Stellung suchen, um nicht unausgesetzt <tt>pour le roi de Prusse</tt> die Danaidenfässer mit Eulen füllen zu müssen. Aber immer wieder bin ich milde gestimmt, denke, daß sich Alles zum Guten wenden wird, und – das ist der Fluch der guten That – komme dann wieder auf Sie, wie ein rechter Hammel auf meine ersten <tt>revenons</tt>, zurück. Zumal jetzt, wo das neue Jahr eben von dem Storch der Ewigkeit gebracht worden ist. Freilich war das vergangene Jahr kein gutes, seine Räthsel sind schlecht gerathen, es hat uns nicht weiter als aus dem Häuschen gebracht, und was es versprach, ist ungehalten wie wir. Um so hoffnungsvoller ging ich mit dem Kopf durch die Jahreswende, und als ich in der Sylvesternacht Morgens durch die alterthümlichen Straßen dieser Stadt mein stilles Heim aufsuchte, da sang ich das alte Lied:</p><p class="vers">»Freut Euch des Lebens,<br/>
      Weil noch das Eisen glüht,<br/>
      Schmiedet die Rose,<br/>
      Eh' sie verblüht!«</p><p>Leid thut es mir trotzdem, daß Sie mein Schiedsgericht abgelehnt haben: es lag in der Luft, und ich griff es aus derselben. Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß es, wie Oktavio sagt, kein Heldenstück ist, über eine vollzogene Thatsache zu berichten. Alle Welt sprach von dem Schiedshufeisen, und das Begehren des Publikums nach Neuem ist <a class="pageref" name="page083">83</a> ein Moloch, welches man stopfen muß. Sie sind anderer Meinung, und ich – verzeihen Sie das harte Wort! – füge mich. Um so willkommener wird Ihnen ein Bericht aus Athen sein, von welcher Stadt man so wenig weiß. Ich halte es aber für wichtig, jetzt etwas aus dieser Stadt zu bringen, denn der Mars zwischen Sr. Majestät dem König Basileus und dem Sultan ist doch nur noch eine Frage der Zeit.</p><p>Sie sehen mich fragend an? Nun denn: Ja, die Sylvesterbowle hat meine Casse ganz verschlungen, und ich bitte Sie daher um einen Vorschuß von 65 Drachmen. Die an 50 Mark fehlenden 2 Drachmen weniger 23 Pf legen Sie gefälligst in Freimarken bei.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Athen</i>, den 2. Januar 1881.</p><p><tt>W.</tt> So bin ich denn in der klassischen Stadt, die ich schon in der Schule als Alpha-Beta-Gamma-Schütze hoch verehrte.</p><p>Es ist heute Sonntag. Trotzdem ist der Janustempel geöffnet. Das ist ein Zeichen, daß die Stimmung eine sehr kriegerische ist.</p><p>Ich wohne im Hôtel »Zu den vier Kerberosköpfen,« und als mir heute Morgen das Stubenmädchen Amphitrina den Thee brachte, vergoß sie heiße Seufzer, denn ihr <a class="pageref" name="page084">84</a> Bräutigam, ein Friseur, Namens Perikles, war gestern zum Militair eingezogen und machte heute schon die Uebungen im Speerewerfen mit. Sie hatte, wie sie sagte, ¼ Talent (etwa 500 Thaler) auf der Sparkasse, und wollte den Geliebten, einen talentlosen Schlucker, eben heirathen, als die Mobilmachung kam. Ich strich ihr, so gut ich konnte, die düsteren Falten vom Halse und tröstete sie, indem ich mich bereit erklärte, hundert Rinder gegen eine Hekatombe zu wetten, daß ihr Geliebter wiederkäme. Sie aber sagte energisch: »Nicht ohne Kreta! Trägt unsere Armee über die türkische nicht die Nike davon, so mag ihn der Zeusseibeiuns holen!« So stürzte sie fort.</p><p>Ich würde dieses nicht so ausführlich erzählt haben, wenn ich an diesem Epopöechen nicht zeigen wollte, wie hier Alles in den Krieg treibt und nicht eher ruhen wird, bis sich Constantinopel dem hölzernen Pferde beugt.</p><p>In den Straßen merkt man das so recht. Ueberall toben die Wilden an den Mauern. Die dorischen Säulen sind mit aufrührerischen Plakaten bedeckt. Ein gewisser Pelasker, welcher in einer öffentlichen Versammlung gegen den Eroberungskrieg sprach, entging nur mit Mühe der Lynchthemis. »In die Skylla mit ihm! Stoßt den Helotensänger in den Styx! Zeigt ihm das Gorgonenhaupt!« schrie das Volk durcheinander, und fast wäre er durch einen Diskoswurf verwundet worden.</p><p><a class="pageref" name="page085">85</a> Die Auffindung der Statue der Pallas Athene goß natürlich Oel in diese Stimmung, die ich eine minervöse nennen möchte. Man hält die Statue <tt>bona phidias</tt> für echt. Dem sei nun, wie ihr wolle, jedenfalls sehen die jungen und alten Griechen in ihr einen Wink des Olympos und sind nun überzeugt, daß ihnen der Sieg gewiß sei. So wuchern sie mit ihrem Funde!</p><p>Flanirend stieß ich auf die Controlversammlung eines Bataillons Helden. Es fand der Namensaufruf statt. Das klang:</p><p>»<tt>Andra!</tt>« Hier! »<tt>Moi!</tt>« Hier! »<tt>Ennepe!</tt>« Hier! »<tt>Musa</tt>« Hier! »<tt>Polytropon!</tt>« Hier! »<tt>Hos!</tt>« Hier! »<tt>Mala!</tt>« Hier! »<tt>Polla!</tt>« Hier! So ging es fort. Man sieht sich wirklich in die Zeiten der Odyssee zurückversetzt<span class="footnote">[»Andra moi ennepe, Musa, polytropon, hos mala polla«, in griechischer Schrift ’Άνδρα μοι έννεπε, Μου̃σα, πολύτροπον, ὸς μάλα πολλὰ, ist der erste Vers von Homers Odyssee.]</span>.</p><p>Nun: Alpha-Delta! Nächstens mehr.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap013"><h3><a class="pageref" name="page086">86</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Diese Zeilen bezwecken nur, Sie zu ersuchen, mit Ihren Berichten aus Athen fortzufahren, dieselben aber mehr den Ereignissen zu widmen, welche ihre Ueberschrift andeutet. Ihr letzter Bericht präsentirte sich in Gestalt eines Feuilletons, welches unter der Versicherung, ein Gesellschaftsbild aus Athen zu liefern, in ziemlicher Breite von dem heidnischen Jüngling erzählte, der nach Athen gezogen kam und, dort noch unbekannt, die Tochter eines christlichen Bürgers, den er sich gewogen hoffte, heirathen wollte. Und so erzählen Sie weiter bis zum Scheiterhaufen »Die Braut von Corinth« von <i>Goethe!</i> Sie sehen wohl ein, daß wir in solcher Weise, die wir nicht näher bezeichnen wollen, den Spott unserer Leser nicht herausfordern dürfen. Sein Sie also so freundlich, zukünftig sich die Mühe zu <a class="pageref" name="page087">87</a> ersparen, unsere Abonnenten mit Goethe'schen Balladen bekannt zu machen, indem Sie obenein den Inhalt derselben gewissermaßen als Tageschronik vortragen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 3. Februar 1881.</p><p>Ich will Ihnen durchaus nicht widersprechen, aber mein Princip ist, nicht nur die <tt>altera</tt>, sondern auch den <tt>pars</tt> zu hören. Sie sehen, ich bin mit meinem Latein noch nicht zu Ende, wenn ich mir auch denken kann, daß Sie nicht Lust hatten, meine Braut von Corinth dem Druck zu übergeben. Denn es fehlt Ihnen – verzeihen Sie das harte Wort! – der Idealismus. Sie sind Materialist. Seien Sie nicht böse darüber, daß ich Ihnen gegenüber einen so vertrauten Fuß anschlage, aber ich muß es doch endlich einmal offen sagen, wie groß die lange Weile ist, welche die zwischen uns liegende Kluft zum Gähnen bringt. Und daß diese Kluft niemals überbrückt werden wird, das ist die einzige Manschette, vor der ich Furcht habe. Ich wiederhole: Sie sind Materialist, Sie werden niemals einsehen, daß die Balladen unserer Dichterfürsten eine edlere Lectüre sind als die Reporternotizen, welche die Alt- und Neugierde des <a class="pageref" name="page088">88</a> Mobhagels sättigen. Kaum erzählte ich also, was der große Dioskur von Weimar gedichtet hatte, als Ihnen auch ein Stier, dem der Toreador ein rothes Tuch vorhält, über die Leber lief. So sind Sie ein echtes Kind der Neuzeit, deren von mir so gehaßter Wahlspruch der des Noah ist: »Nach mir die Sündfluth!« Zu diesem aber werde ich mich niemals bekennen, und wenn ich keinen rothen Mammon mehr in der Tasche habe, um meinen Schmachtriemen zu stillen. Hängen Sie also meinethalben den ganzen Parnaß an den Nagel, ich schlage unentwegt den Pegasus und besteige zu meiner Erholung die Harfe. Streichen Sie zur Linken, lassen Sie mich zur Rechten dichten, wie Abraham zu dem unglücklichen Gatten der Salzsäule sagte.</p><p class="center"><img alt="" src="bilder/s089.jpg" width="40%"/></p><p>Um Ihnen aber zu zeigen, daß ich nach wie vor Ihr unerbittlicher Freund bin, sende ich Ihnen einliegend meine Visitenphotographie. Sie werden mich getroffen fühlen. Daß ich als Grieche erscheine, ist ja natürlich, da ich augenblicklich mehr, als jemals im Griechenthum stecke. Anfangs hatte ich die Absicht, mich als Demosthenes, den ich besonders verehre, photographiren zu lassen, aber als ich den Photographen fragte, ob er Steine habe, die ich in den Mund stecken könne, da hatte er nur Dominosteine, und diese waren so scharfkantig, daß sie mir, als ich ein freundliches Gesicht machen sollte, so weh thaten, daß ich die Idee fallen ließ. Ebenso den Sokrates mit dem Giftbecher, weil der Photograph sagte, ich sähe wie Gambrinus aus. Das wollte ich <a class="pageref" name="page090">90</a> nicht, da die alten Griechen wohl den Salamander, aber nicht das Bier gekannt haben. So borgte ich mir denn unter dem Vorgeben, eine Mumme schanzen zu wollen, von einem Maskenverleiher einen modernen Griechen und trat mit einem Heureka! wieder vor die Linse des Photographen.</p><p>Leider kann ich meinen nächsten Brief nicht beginnen, ohne meinen heutigen mit einer Bitte zu schließen. Ich muß trotz des dauernden Steuererlasses um einen Vorschuß von 40 Drachmen (1 Drachme = 100 Lepta) ersuchen. Weniger zu fordern, verbietet mir Ihre Güte.</p><p class="vers">»Nach Golde drängt,<br/>
      Am Kalbe hängt<br/>
      Doch alles! Ach, wir Armen!«</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Athen</i>, den 31. Januar 1881.</p><p><tt>W.</tt> Noch immer bläst man mit der Kriegsdrommete in die Funken, welche unter der Asche glimmen, noch immer rasselt man mit der Siegesgöttin. Jeder Grieche gleicht darin dem Faust, daß er von dem Dämon des Krieges wie von Mephistophokles ergriffen ist und in's Verderben geführt wird. Der Wunsch nach Erweiterung der Grenzen kennt keine mehr. Von der Wahrheit des alten Satzes: »Wen Gott verderben will, der zerbricht sich vorher den Kopf« scheint Niemand überzeugt zu sein, und doch würden Jedem, <a class="pageref" name="page091">91</a> der die Lage Griechenlands genau kennte, die Augen in Fleisch und Blut übergehen. Wer hier Wandel stiftete, würde ein gutes Werk schaffen. Denn daß Europa nicht daran denkt, für Griechenland die Kastanien aus den Gärten der Hesperiden zu holen, das liegt doch wahrlich auf der allerflachsten Hand. Aber, wie gesagt, die Griechen, vor Allen die Athener, kennen keinen <tt>modus</tt> in dem <tt>rebus</tt>, den sie sich zu rathen vorgenommen haben, – daß die Pallas Athene schief gehen kann, daran denkt Niemand!</p><p>So gestern. Ich war im Aeschylos-Theater. Mit Mühe hatte ich mir einen Platz in einer Orchestra-Loge erschwungen. Man gab die Frösche von Aristophanes. Auf dem Zettel stand: Sämmtliche Masken und Kothurne neu. Das Theater war ausverkauft, es konnte keine Olive zur Erde fallen, und bei jeder Anspielung auf die Türkei, auf den Krieg, auf Bismarck u. s. w. erdröhnten die Zuschauer von lautem Evoëklatschen.</p><p>Als aber das Stück nicht, wie man erwartet hatte, mit dem Einzug der Griechen in Constantinopel schloß, da gefiel es durch, und das empörte Publikum bewarf die Chorführer und die reizende Parabase mit faulen Feigen, so daß heute schon an Stelle der Frösche Se. Majestät der König Oedipus gegeben wird.</p><p>So treibt Alles in den Mars hinein. Dazu kommt noch, daß die Athener immer noch in alten Erinnerungen schwelgen, und daß sich selbst die jungen Griechen einreden, <a class="pageref" name="page092">92</a> sie seien schon alte. So lernte ich gestern einen bei den Drakonern dienenden jungen Juristen, Namens Millertiades, kennen, welcher mir auf die Frage, weshalb er so traurig sei, antwortete: »Ich denke daran, wie göttlich die Vergangenheit war, da die schönen Wesen aus dem Fabelland selige Geschlechter an der Freude leichtem Gängelband noch geführt und noch die Welt regiert haben.« Ich tröstete ihn, indem ich sagte: Nun, nun, es wird sich wohl wieder machen. »Ach,« rief er, »nein! Sehen Sie, wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, (ich verneigte mich) ein Feuerball sich seelenlos dreht, lenkte damals Helios in stiller Majestät seinen goldenen Wagen. Da füllten Oreaden diese Höhen, in jedem Baum lebte eine Dryas . . .« Ich unterbrach ihn: Ja, junger Freund, die haben sich nun alle auf des Pindus Höhen gerettet, denn was unsterblich im Gesang leben soll, das muß selbstredend im Leben untergehn, das kann Alles nichts helfen! Er war trotzdem nicht zu beruhigen.</p><p>Sonderbare Menschen! Und die wollen mit der Türkei in das blutige Geschirr gehen!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap014"><h3><a class="pageref" name="page093">93</a> Der französisch-tunesische Krieg.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir haben Ihnen bereits mitgetheilt, wie erfreut wir waren, als Sie uns eine Reihe von Berichten aus Tunis ankündigten. Dann aber machten Sie uns durch Ihr räthselhaftes Verzögern ungeduldig, oder spannten uns durch allerlei Zuschriften förmlich auf die Folter. Durch einen Brief verlangten Sie eine Specialkarte von Tunis, obschon selbst der französische Generalstab keine solche besitzt. Wozu nun Sie eine derartige Karte haben wollen, ist uns unerklärlich. In einem zweiten Brief bestellen Sie sich ein Abdelkader-Costüm, in einem dritten gar einen Kameelsattel. Wir sind Ihnen die Antwort schuldig geblieben, weil unsere Redactionsgeschäfte uns wirklich zu solchen überflüssigen Unterhaltungen <a class="pageref" name="page094">94</a> keine Zeit übrig lassen, und behalfen uns mit bearbeiteten Auszügen aus größeren Journalen. Soll dies auch ferner geschehen, so bitten wir Sie, uns kurz zu sagen, daß Sie nicht Lust haben, uns mit tunesischen Berichten zu versorgen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 26. April 1881.</p><p>Sie sind außer sich, aber ich werde Sie rasch wieder in das Häuschen bringen, oder besser: Sie werden auf's Neue in die Haut fahren, nachdem ich Ihnen Alles erklärt haben werde, und zwar, wie der laurige Horatius sagt, <tt>ab ovo</tt>. Dies ist wörtlich zu nehmen: vom Ei aus, wie die Entdeckung Amerika's.</p><p>In meiner Einsamkeit ist es mir ein Trost, an hohen Festen mich in meine Jugend zurückzuträumen, indem ich dieselben feiere, wie ich es als Kind gethan. Weihnachten überrasche ich mich mit einem Tannenbaum, am Fluchttage Mohammed's mache ich eine Spritz-Hedschra in die Umgegend, und zu Ostern verstecke ich Eier und suche sie dann, bis ich sie gefunden habe. So auch diesmal. Aber denken Sie sich meinen panischen Aerger, als ich mich nicht erinnern <a class="pageref" name="page095">95</a> konnte, wohin ich das letzte Ei gelegt hatte. Ich suchte wie eine Stecknadel, aber, wie ich auch brütete, das Ei war nicht zu finden. So vergingen die Tage. Gewiß, Sie halten dies für haus- und hofbacken und rufen mir zu: »Sonderbarer Posa!« aber mein Gemüth bewahrte sich nun einmal – verzeihen Sie das harte Wort! – seine Naivetät, ohne welche mein Leben leer und meine ganze Thätigkeit ein <tt>Travailler pour une omelette</tt> wäre.</p><p class="center"><img alt="" src="bilder/s096.jpg" width="33%"/></p><p>Bald freilich fing Tunis an, mir auf den Nägeln zu brennen, und ich erinnerte mich, daß ich Ihnen versprochen hatte, die Kriegsfurie zu entfachen. Mein erstes also war, daß ich mich wie gewöhnlich photographiren lassen wollte. Das aber war in dieser Stadt nicht leicht. Ich bat Sie zwar um einige wichtige Requisiten, aber das Wichtigste fehlte: das Kameel, das tägliche Brod des Tunesen. Was hätten Sie wohl gesagt, wenn ich mich als tunesischer Kriegscorrespondent zu Pferde, zu Strauß, zu Maulthier, oder gar zu Fuß hätte photographiren lassen? Endlich lächelte mir eine durchreisende Menagerie, welche ein Kameel mitführte. Es war freilich ein wahres Trampelthier und hatte leider einen Buckel, im Uebrigen aber war es wohlgebaut, und so miethete ich es denn für eine Sitzung und ließ es in den Garten des Photographen bringen. Der Aufstieg war beschwerlich, oben aber wurde ich durch eine herrliche Aussicht belohnt und – hier ist das Bild. Betrachten Sie es, wenn nicht als ein großes Scherf, so doch wenigstens <a class="pageref" name="page097">97</a> als ein Scherflein zu dem Album Ihrer Redaction, unter deren Mitarbeitern ich ja doch das älteste, das Nestorküchlein, bin.</p><p>Nun an die Arbeit. Zum zweiten Mal soll ich Ihnen aus Afrika, dem Erdtheil, welcher bekanntlich so dunkel ist, daß man die Hand vor Augen nicht sieht, meine Berichte senden. Die Concurrenz ist diesmal größer. So lese ich, daß der Lyoner »<tt>Républicain du Rhône</tt>« anzeigt, sein Correspondent habe einen Kadi zum Freunde, der ihn mit Nachrichten unterstützen wolle. Verbreiten Sie also die Nachricht, daß ich mit drei Kadis befreundet sei. Einer ist mir zu wenig, aller guten Kadis sind drei. Aber seien Sie überzeugt, auch ohne Kadis werde ich wieder der Hecht im Sauerteig sein.</p><p>Schließlich nehme ich an, daß Sie vielleicht tunesische Piaster und Karuben liegen haben, die Sie in Berlin nicht ausgeben können. Um Ihnen nun gefällig zu sein, bin ich bereit, sie anzunehmen. 1 Tunesischer Piaster hat 16 Karuben und ist 54 Pfennige werth. Senden Sie mir nur dreist für 50 Mark und notiren Sie sie mir als Vorschuß.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Tunis</i>, den 21. Joumada-el-Oula 1298 (22. April 1881).</p><p><tt>W.</tt> Die Sanduhr der nahen Wüste schlug zehn Uhr, als ich gestern Abend von einem Besuch an der Grenze nach <a class="pageref" name="page098">98</a> einem förmlichen Löwenritt hier wieder eintraf. Mein feuriges Dromedar ließ sich um keinen Preis zu einer langsamen Gangart anspornen, da es von den Mosquitos arg belästigt wurde und sich nach dem Stall zurücksehnte. Auch war am Wüstensaum wenig Speise und Trank zu finden: es hatte lange kein Manna geregnet, und vergeblich schlug ich an einen Felsen, es kam kein Wasser heraus. Die Palmen rauschen eben nicht ungestraft über den Häuptern einsamer Reiter.</p><p>Ich habe mich nun überzeugt, daß die Tribus mit dem Bey unter Einer Decke Ernst machen, von »<i>spielen</i>« kann nicht die Rede sein. In einem Kauder, welches nicht welscher zu denken ist, sagte mir ein Khrumir (sprich: Khrumir), die Tunesen seien bis an die Haare auf den Zähnen bewaffnet, mit ihnen sei schlecht Datteln essen, die Franzosen würden bald die Engel im Himmel läuten hören und nicht wissen, wo. Als ich dann etwas erwiedern wollte, sagte er in der bilderreichen Sprache der Orientalen zu mir: Sie sind ein Schaf! Ich brach das Gespräch ab. Den fanatischen Tunesen guten Rath geben, heißt wirklich, Caviar vor die Säue werfen.</p><p>Das Ereigniß des Tages ist die Einnahme der Insel Tabarka durch die Franzosen. Von hier aus hatten nämlich die Tunesen auf französische Fahrzeuge geschossen, was ausdrücklich verboten war. Kaum hatten die Franzosen den Rücken gekehrt, als die Tunesen auch – das scheint die <a class="pageref" name="page099">99</a><tt> Regel de Tribus</tt> – wie die Mäuse waren, die, wenn die Katze nicht zu Hause ist, auf dem Vulkan tanzen. Sie schossen haarscharf. Diesen <tt>Casus</tt> betrachteten die Franzosen als <tt>belli</tt>, und nicht gewillt, gute Miene zum bösen Beyspiel zu machen, erschienen sie heute Morgen mit einer Schwadron Kanonenböte an der Küste. Ich stand in einer nicht zu weiten Entfernung, so daß ich mit bewaffnetem Fernrohr Alles gut erkennen konnte. Da die Franzosen einen Grund haben müssen, die Insel zu annectiren, so griffen sie die Beysoldaten, welche sofort die Friedenspfeife hißten, tapfer an, konnten sie aber nicht hindern, die Waffen in's Korn zu strecken und sich in wildes Fersengeld aufzulösen. Nachdem dieses Bild des tiefsten Friedens zwei Stunden lang gewüthet hatte, nahmen die Franzosen unter dem Schwenken der Marseillaise von der Insel Besitz.</p><p>Ich schließe, das Kameel geht ab.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap015"><h3><a class="pageref" name="page100">100</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sagen Ihnen für Ihren jüngsten Bericht unseren besten Dank, senden Ihnen denselben aber hiermit zurück, weil wir meinen, daß Sie ihn später, wenn auch in einem anderen Krieg, mit den dann nöthig werdenden Aenderungen vortrefflich werden verwenden können. Uns ist, aufrichtig gesagt, die geschilderte viertägige Schlacht zu blutig. Wer soll an eine solche in dem gegenwärtigen Kriege glauben? Sie haben Ihren Bericht augenscheinlich in sehr verdrießlicher Stimmung abgefaßt, sonst wäre es ganz unbegreiflich, daß Sie ein so furchtbares Blutbad unter den Franzosen und Krumirs anrichten und z. B. den Letzteren mehr tödten, als überhaupt in Tunesien existiren. Ein wahres Waterloo, das Sie mit der Gefangennahme des Bey und dessen Abführung nach St. Helena beenden! Das geht am <a class="pageref" name="page101">101</a> allerwenigsten in diesem Kriege, der ja eigentlich gar keiner ist. Auch begehen Sie die Unvorsichtigkeit, Abdelkader an die Spitze der Krumirs zu stellen, trotzdem der Genannte bekanntlich mit Frankreich liirt zu sein scheint.</big></p><p><big>Wir erwarten nunmehr einen andern, etwas glaubwürdigeren Bericht und grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 17. Mai 1881.</p><p>Ich will nicht wie Shylock eigensinnig auf meinem Pfund Fleisch stehen, sondern Ihnen Recht geben. Nachdem ich meine Schlacht noch einmal durchflog, finde ich sie selbst zu blutig, und ich werde sie daher liegen lassen, bis mir ein anderer Krieg ein Tapet bietet, auf das ich sie mit den nöthigen Aenderungen bringen kann. Freilich wird sich wegen dieser Unterschlagung das <tt>contre-coeur</tt> unserer werthen Leser im Leibe umdrehen, denn ihnen ist nichts schrecklicher als ein Mars, der, wie der gegenwärtige, ein Vegetarianer, nicht Fisch, nicht Fleisch ißt. Ich kenne das Publikum, das ich wohl auch etwas verwöhnt habe. Wenn es Morgens beim ersten Frühstück den noch feuchten Krieg <a class="pageref" name="page102">102</a> entfaltet, so sollen dessen Würfel weithin den Himmel röthen, so soll ein Handgemenge dem andern auf dem Fuße folgen und die Pfanne, in welche die Regimenter gehauen werden, in Strömen fließen. Das Publikum ist nun einmal so und – verzeihen Sie das harte Wort! – nicht anders, es verlangt, daß ihm in einem Kriege von den Zeitungen Schlachten geliefert werden, und verliert die Geduld, wenn Mars, wie dies in Tunesien der Fall ist. gleich dem Esel in der Fabel zwischen Scylla und Charybdis hin und her pendelnd, zwar erklärt ist, aber nicht ausbricht. Seit die Franzosen in Tunesien sind, haben sie noch keinen einzigen Krumir gesehen. Es wimmelt förmlich von Freunden. Die ältesten Zuaven erinnern sich nicht, jemals so wie in Tunesien den Hahn in Ruh gelassen zu haben, denn wenn sie mal zum Schuß kommen, so ist es gewiß ein Hexenschuß im Biwak (sprich <tt>Bivouac</tt>).</p><p>Da riß mir der rothe Faden der Geduld, der sich durch alle meine Handlungen zieht, und ich schrieb eine jener Schlachten, wie sie, seit <i>Berthold Schwarz</i> erfunden worden ist, wohl selten geschlagen worden sein mag, und zwar, weil dies Mode, eine viertägige, eine Tetralogie, auf welche mich die <i>Bey-Reiter</i>, die ich völlig aufrieb, brachten. Damit wäre denn mein jüngster Bericht erklärt, für den ich Ihnen einliegend einen anderen schicke.</p><p>Der Mai ist bis zur Mitte gekommen, und alle Bäume schlagen aus. Daß auch ich auf einen grünen Zweig komme, <a class="pageref" name="page103">103</a> bitte ich Sie um einen Vorschuß von 5 <tt>Grévydors</tt> zum Course von 81,10.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Tunis</i>, den 13. Mai 1881, Abends.</p><p><tt>W.</tt> Nach einem ermüdenden Ritt und hungrig – ich hatte den ganzen Tag nur eine Kokosnuß getrunken und etwas Kameelspeise (das tunesische Nationalgericht) genossen – kam ich gestern Morgen nach einer wahren Götterdämmerung vor Tunis in Manoubia an. Mit mir die von General <i>Bréard</i> geführte französische Armee. Unterwegs hatte die Armee, ohne ein Schwert zu streichen, einen Berg erstürmt und auf demselben den alten Krumir, welcher dort als Wächter einer berühmten Moschee vorgefunden wurde, auf's Haupt geschlagen. Der Greis wurde umzingelt, worauf General <i>Vicendon</i> Besitz von ihm nahm und eine Ansprache an die Truppen hielt, in der er den Einsiedler den <tt>Mont Valérien</tt> der Tunesen nannte, der für unbezwinglich gehalten worden sei. Aber der Tapferkeit der französischen Truppen habe er doch nicht zu widerstehen vermocht. Da erscholl aus jeder Soldatenkehle ein tausendstimmiges <tt>Vive la République</tt>, daß sich der Einsiedler kaum auf den Beinen halten konnte.</p><p>Heute nun fand der Einzug in Tunis statt. Am Thor wurde dem General <i>Bréard</i> ein Strauß von prachtvollen Federn überreicht, welche Huldigung der Feldherr mit dem <a class="pageref" name="page104">104</a> Wunsche erwiederte, es möchte der Frieden, welcher seit der Kriegserklärung nicht getrübt worden sei, auch ferner ungestört bleiben.</p><p>Hier sahen die Franzosen zum ersten Mal einige Krumirs und begrüßten dieselben auf das Herzlichste. Alsdann begab sich der General zum Bey. Der Bey war vollzählig erschienen. Der General las ihm sofort einen Vertrag vor, den der Bey nicht verstand, und dieser antwortete mit einem Protest, den der General nicht verstand.</p><p>Damit war die Annexion Tunesiens vollzogen.</p><p>Die Stadt ist ruhig. Kein Freudengeschrei stört die tiefe Stille. Heute Abend findet im Hauptquartier ein Festessen statt, zu welchem der General <i>Bréard</i> sämmtliche Kanonen hat laden lassen.</p><p>Der Bey zog sich verstimmt in den Harem zurück, wo er mit seinen <i>zwanzig besseren Hälften</i> allein speiste.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap016"><h3><a class="pageref" name="page105">105</a> III.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Ihre jüngsten Versuche, uns mit sensationellen Kriegsnachrichten zu versehen, waren keine besonders glücklichen. Jedes Ereigniß, an welchem Bürger verschiedener Staaten betheiligt sind und das einen irgendwie feindseligen Charakter annimmt, gestaltet sich in Ihrem Geiste zu einem Kriege, und alsbald eröffnen Sie denselben durch einen blutigen Zusammenstoß der Armeen. So haben Sie den Conflict zwischen den Franzosen und Italienern in Marseille sofort zum Ausbruch eines französisch-italienischen Kriegs aufgebauscht und muthen uns zu, den Lesern aus Ihrer werthen Feder die Schilderung des ersten Scharmützels aufzutischen. Was sollen wir dazu sagen? Wir glauben ja an den Ernst, der Ihnen einen solchen Bericht in die Feder dictirt, aber mit demselben Recht könnten wir auch glauben, daß Sie uns <a class="pageref" name="page106">106</a> zum Besten haben wollen, oder unser Blatt dazu mißbrauchen möchten, sich über die Leichtgläubigkeit des Publikums lustig zu machen.</big></p><p><big>Wir sagen: <i>wir könnten</i> dies glauben. In Wirklichkeit verkennen wir Ihren Eifer nicht, und um Ihnen dies zu beweisen, bitten wir Sie, uns einmal wieder über den in Tunis spielenden Krieg einen möglichst interessanten Bericht zu senden.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaction</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 25. Juli 1881.</p><p>Während ich dies schreibe, donnert es in Strömen, und wenn mich nicht alle Blitze täuschen, so haben wir ein Gewitter, welches endlich die Luft von dem auf's Höchste gestiegenen Quecksilber reinigen wird. Die Schwüle der letzten Tage war so groß, daß ich wirklich den jüngsten derselben nahen glaubte. Auch im Schatten war die Hitze so enorm, daß ich mich nicht gewundert hätte, wenn ich am Schattenstich zu Grunde gegangen wäre. Wie sehnte ich mich nach Kühlung, – am liebsten hätte ich mich in einen Sturm gestürzt, wo er am aequinoctialsten ist! Der Sommer, den ich sonst so sehr liebe, war mir, wie der Engländer sagt, nun eine <a class="pageref" name="page107">107</a><tt> Last, not Lust</tt>, ja wenn ich den Laubfrosch auf der höchsten Sommersprosse seiner Leiter sitzen sah, dann wollte ich immer meinen Wanderstab packen, um nicht mehr wie Diogenes vor meinem Dintenfaß zu liegen, sondern an der Seite eines mit ewigem Schnee bedeckten Führers in den Alpen, oder an den Ufern schöner Meernixen Kühlung zu suchen. Aber das waren – verzeihen Sie das harte Wort! – fromme Wünsche. Ich kannte meine Pflicht und ertrug den schwülsten Réaumur.</p><p>Wenn ich mir aber die Arbeit etwas erleichtert habe, ist das ein Grund, daß Sie in der Weise, wie es geschehen, diesen meinen Mond anbellen? Der Sessel des Schreibtisches ist in dieser Hitze wahrlich kein Lotterstuhl, und zum Unglück habe ich noch eine Weckuhr, welche Morgens so eintönig abläuft, daß ich vor Langeweile wieder einschlafe und daher mich erst spät aus Morpheus' Posen losmache. Solche und andere Gründe veranlaßten mich, das Leichteste zu ergreifen und den Krieg zwischen Frankreich und Italien zu entfesseln. Kommen wird er ja doch, die Zeit ist nicht mehr fern, wo wir ihn mit leibeigenen Augen sehen werden, und dann werden Sie es gewiß bedauern, den übrigen Blättern nicht das böse Prävenire gespielt und ihnen den schönen Stoff fortgenommen zu haben. Wenn ich Ihren geschätzten Brief läse, ohne mich zu kennen, so würde ich glauben, daß ich ein Mann sei, der seinen Nagel vor lauter Bäumen nicht sieht und sich fortwährend nach einer Brust umschaut, in die <a class="pageref" name="page108">108</a> er sich werfen kann, von seinem Fach aber nichts versteht. Sie sollten aber doch endlich einsehen, daß Sie mich verkennen und daß Sie stets zu Ihrem eigenen Schaden mir eins über die Schnur hauen.</p><p>Selbst in ganz unbedeutenden Dingen machen Sie mir Opposition, und wenn ich Sie hiermit um 50 Mark Vorschuß bitte, so werden Sie etwas dagegen haben und mir das Doppelte schicken. Nun, thun Sie, was Sie nicht lassen können.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Sfâkes</i>, den 16. Juli 1881.</p><p><tt>W.</tt> Seit heute Vormittag existirt <i>Sfâkes</i> (sprich <i>Sfâkes</i>) nicht mehr, das französische Geschwader hat diese osttunesische Hafenstadt so vollständig rasirt, daß kein Härchen auf dem andern blieb, und heute Nachmittag hat der Einzug des französischen Corps stattgefunden. Ich bin von dem Bombardement noch ganz betäubt. Dasselbe dauerte zwei volle Tage und glich einem förmlichen Kugelplatzregen.</p><p>Die Operation war eine höchst schwierige. Thurmtiefer Schlamm verhinderte die Schiffe, das Ufer mit Sturm zu nehmen, so daß der Oberkommandant der Flotte lange Zeit, das Fernrohr bei Fuß, dastehen und ruhig mit ansehen mußte, wie die Schiffe keine Bresche nach der andern in die Festungsmauern schossen. Es war weit und breit kein Erdboden, dem man <i>Sfâkes</i> hätte gleichmachen können, während <a class="pageref" name="page109">109</a> das Wasser keinen Grund hatte, in den die aus Arabern bestehende Besatzung der Festung die Flotte schießen konnte. Endlich aber hißten die Franzosen einen Trompeter, welcher die Uebergabe der Festung ankündigte. Nun landete das Schiffsvolk, und mit dem Geschrei: »Es lebe Frankreich, eins, zwei, drei, <i>Hülfe!</i>« wurde die Festung genommen.</p><p>Diese bot einen schrecklichen Anblick. Die Häuser lagen in Sack und Asche. Ueberall sah man die gestrecktesten Waffen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. Erst gegen Abend fand ich eine zum Glück nicht in die Luft geflogene leere Pulverkammer, in welcher ich Quartier nahm.</p><p>Damit aber ist der Aufstand der Tunesen noch keineswegs gedämpft. Die Aufständischen ziehen sich in die Wüste zurück, wohin ihnen die Franzosen nicht folgen, da sie sich dort leicht im Sande verlaufen können. Dazu kommt noch, daß der Insurgentenchef <i>Bu Amena</i> (sprich: <i>Bu Amena</i>) ein Zauberer zu sein scheint, welcher die Franzosen zum Allerbesten hat, ihnen hier eine Schlacht, dort ein Schnippchen schlägt, sie mitten im Juli in den drei Monate früheren April schickt und sie, wo er nur ihre Nase erblickt, an derselben herumführt. Glauben die Franzosen, ihm im Nacken zu sitzen und sich ein X von ihm machen lassen zu können, so macht er ihnen ein U, marschirt mitten zwischen ihnen durch und geht ihnen aus der Nase. Er ist ein Zehntausendsassa, ich möchte ihn einen Bellonachini nennen, der den <a class="pageref" name="page110">110</a> Feinden den Boden, auf dem sie stehen, zu einem doppelten macht. Das ermüdet und reibt den Geriebensten auf.</p><p>Es ist daher nicht anzunehmen, daß die Franzosen in diesem Kriege keine Lorbeeren spinnen, vielmehr glaube ich, daß sie bald mit Tunis den Friedens-Tschibuk rauchen werden. Warum auch nicht? <tt>Pax</tt> schlägt sich, <tt>Vobiscum</tt> verträgt sich.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap017"><h3><a class="pageref" name="page111">111</a> IV.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Mit aufrichtigem Bedauern ersehen wir aus Ihren jüngsten Briefen, daß Sie, mit Leib und Seele Kriegscorrespondent, dennoch wegen des in Tunis eingetretenen Stillstands der Begebenheiten und weil augenblicklich nirgends ein Krieg in Sicht sei, die Lust an der Berichterstattung verloren haben. Wir können leider an der Lage der Dinge nichts ändern und wünschen auch nicht, daß Sie wieder auf Ihre Absicht zurückkommen, einen fürchterlichen Krieg zwischen England und Irland entstehen zu lassen und vorläufig die einleitenden Feuilletons zu verfassen. Auch Ihre Idee, einen Indianerkrieg zu erfinden, da ein solcher, wie Sie meinen, gar nicht controlirbar sei, gefällt uns ebensowenig. Aber wir hoffen trotz alledem, daß Sie, um uns schleunigst <a class="pageref" name="page112">112</a> aus der Verlegenheit zu helfen, bei reiflicher Ueberlegung rasch einen interessanten Kriegsbericht aus Tunis zu Stande bringen. Wir vertrauen Ihrer oft bewährten Geschicklichkeit, die uns stets hilfreich zur Seite stand, und grüßen Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 8. November 1881.</p><p>Ich brach in ein zwerchfellerschütterndes Lächeln aus, als ich Ihre werthen Zeilen las. Sie wollen also, daß ich mir ein Blutbad aus den Fingern sauge, wollen, daß, wo Nichts ist, der Kaiser sein Recht <i>gefunden</i> haben soll. Das ist aber doch wahrlich nicht so leicht, ganz abgesehen davon, daß es falsch ist, einen Kriegsbericht zu schreiben, wenn, wie jetzt in Tunis, sich kein Pulverdämpfchen regt und überall das Schwert ungezogen in der Scheide ruht. Ich schwöre niemals, aber wetten will ich bei Allem, was mir heilig ist, daß keiner meiner Collegen im Stande wäre, unter solchen Umständen auch nur eine einzige Quartseite mit Leichenhaufen zu füllen. Da Sie indeß, wie Sie schreiben, in Verlegenheit sind, so lasse ich mich – verzeihen Sie das harte Wort! – erweichen und mache mich sitzenden Fußes an die blutige <a class="pageref" name="page113">113</a> Einnahme von Keruan, obschon diese Stadt sich den Franzosen ohne Schwert- oder Kanonenstreich – man entschuldige dies <tt>sit venia verbo</tt> – übergeben hat. Diese harmlose Uebergabe ist es eben, welche mich so verstimmt hatte. Ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn in einem Kriege der Hahn in Ruh bleibt, anstatt daß, wenn er Morgens kräht, das Bombardement beginnt und nun bis zur Nacht eine Bombe in die Fußstapfen der anderen platzt. Mit Einem Wort: Was nützt mir das Rad der Zeit, wenn es nicht gerollt ist! Es ist mir geradezu schrecklich, wenn eine Festung besetzt wird, indem, während der Feind den Einzug hält, die Wache in's Mausergewehr tritt, anstatt froh zu sein, das unbekleidete Leben zu retten. In solchen Fällen ist meine erste Sorge eine Mücke, aus der ich einen Elephanten machen kann, selbst wenn weit und breit kein solcher zu sehen ist. Erlauben Sie mir, daß ich jeder weiteren Beschreibung spotte.</p><p>Ich kann nicht von einer unblutigen Einnahme sprechen, ohne Derjenigen zu gedenken, welche ich von Ihrer Seite erwarte. Ist es mein Verdienst, daß Ihr Gebet: »Gieb uns unser <tt>toujours perdrix</tt>!« erhört wird, so lassen Sie auch, wie <i>Büchmann</i> es nennt, dem Verdienste seine Kronen, und schicken Sie mir deren fünf als Vorschuß. Ich bin so knapp, daß ich wie der Glaube Berge versetzen würde, wenn hier solche wären.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page114">114</a><i> Keruan</i>, den 26. October 1881.</p><p><tt>W.</tt> Schlag fünf Minuten vor sieben Uhr kam ich heute Morgen vor dieser Stadt an, um gegenwärtig zu sein, wenn die Franzosen den Widerstand ihrer Feinde vom Zaune brechen würden. Daß dies heute geschehen sollte, das hatte mir der Oberbefehlshaber <i>Saussier</i> unter der tiefsten Rose der Verschwiegenheit mitgetheilt. Die Truppen bereiteten sich vor. Die Feldgeistlichen hatten alle Hände voll zu segnen. Die höheren Offiziere ließen sich das Maß zum Lorbeer nehmen, der ihre Stirn heute Abend schmücken sollte, und sprachen über den Verrath, dessen sie angeklagt werden würden, wenn sie heute unverrichteter Siegespalme den Rückzug antreten müßten. Hier sandte ein Regiment seinen Eltern einen schriftlichen Abschiedsgruß, dort zählte ein anderes die heute auszuwetzenden Schießscharten der nahen Citadelle. Dazwischen schmetterten die Bramarbässe der Musikbanden ihre Siegesfanfaren und erdröhnten überall die Marseillaise und das alte Lied: <tt>Partant pour la Syrie</tt>. Was die Franzosen da wollen, das weiß ich allerdings nicht.</p><p>Es war unerträglich schwül geworden, der Staub kaum zu schlucken, als das Zeichen zum Sturm gegeben wurde. Ein ohrbetäubendes Bombardement begann, und die Kanonen gähnten ein Lied, von dem der Dichter sagt:</p><p class="vers">»So ein Lied, das Gassen hauen,<br/>
      Menschen rasend machen kann.«</p><p><a class="pageref" name="page115">115</a> Die Citadelle stimmte mit weißglühenden Kugeln ein, welche in den Reihen der Franzosen Lücken rissen, wo solche vorhanden waren. Aber dem Elan der stürmenden Truppen vermochte die Festung nicht zu widerstehen, denn immer neue Regimenter wälzten sich im Staube heran. Um 3 Uhr streckte die Citadelle die weiße Fahne. Es war ein großer Moment. Kein Soldat blieb thränenleer. Die Bataillone konnten kaum bis drei zählen, um Hurrah zu schreien, und ich selbst, der ich doch an derlei Scenen gewöhnt bin, konnte mich – hol' mich die Geierwally! – der Rührung nicht erwehren. Der Einzug begann.</p><p>Die Stadt bot einen schrecklichen Anblick, die Sieger wurden mit offenen Wunden empfangen und waren selbst tief erschüttert. Kein Haus war auf dem andern geblieben, die Thürme waren niedergesunken, so daß man hinabsehen mußte, um auf die Uhr zu schauen. Die ältesten Soldaten erinnerten sich nicht, in diesem Jahr einen solchen 26. October erlebt zu haben.</p><p>Die Eingeborenen, und dies sind fast alle Keruaner, schauten finster drein. Ich sah keinen lächeln. Tröstend sagte ich zu Einem die Raimund'schen Verse:</p><p class="vers">»Scheint der Mensch auch noch so schön,<br/>
      Einmal muß er untergehn«,</p><p class="leftjust">er lächelte nicht. Natürlich gab es weder Trank, noch Speise. Vergeblich bat ich um ein den Abend füllendes Stück <a class="pageref" name="page116">116</a> Kalbsbraten, nichts war zu haben. Lucull hungert bei Lucull! sagte ich, als ich mich ermattet in's Bivouac streckte.</p><p>Man glaube nur nicht, daß die Tunesen durch dies Ereigniß unterworfen sind. Es wird noch manche harte Aufgabe zu knacken sein, bis die Franzosen gezwungen werden, den Rückzug anzutreten.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap018"><h3><a class="pageref" name="page117">117</a> V.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir danken Ihnen herzlichst für Ihre freundliche Zuschrift zu den Feiertagen, speciell für den beigefügten Wunschzettel, welcher eine große Anzahl von Gegenständen aufzählt, von denen Sie hoffen, daß man sie uns schenken wird. Der Einfall hat uns sehr unterhalten. Während sonst der Wunschzettel stets die vom Schreiber gewünschten Geschenke namhaft macht, enthält der Ihrige nur eine Liste von solchen Dingen, die Sie uns wünschen. Selbstverständlich harren wir noch umsonst auf das Eintreffen auch nur eines einzigen dieser Dinge, denn Sie haben uns Kostbarkeiten gewünscht, welche, wie das Manuscript des Othello von Shakespeare's eigener Hand, nicht existiren, oder, wie die französischen Krondiamanten, etwas allzu kostspielig sind. Doch danken wir Ihnen trotzdem nicht minder herzlich für Ihren guten Willen.</big></p><p><a class="pageref" name="page118">118</a><big> Das Manuscript, das Sie uns gleichzeitig zum Abdruck schicken, konnten wir aber leider nicht verwenden. Denn aus der <i>Beschießung des Risikopfes</i> haben Sie einen in der Schweiz zum Ausbruch gekommenen Bürgerkrieg gemacht! Die Arbeit ist ein Meisterwerk schrankenloser Phantasie, besonders da Sie die Tellsage hineinflechten, dem Knaben Tells den Namen Risi beilegen und nun den Apfelschuß als Bombardement des Risikopfes behandeln. Sie sehen wohl ein, daß derlei nichts als eine Kuriosität ist, die doch wahrlich nicht in den ernsten Theil eines politischen Blattes gehört.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 27. December 1881.</p><p>Das herrliche Weihnachtsfest! Ein Siedler wie ich würde sich am Abend des 24. doppelt verlassen fühlen, wenn er ihn verlebte, ohne von einem Tannenbaum umgeben zu sein. Freilich, die Zeiten sind leider hin, wo ich als einer der schwersten Nöther meines Elternhauses die Spielsachen vom Tannenbaum pflückte und niemals nöthig hatte, mich dahin <a class="pageref" name="page119">119</a> zu wünschen, wo der Pfefferkuchen wächst. Der hing, beleuchtet vom Stearin, massenhaft in den Zweigen, und ich brauchte nur zuzugreifen, um ihn im Magen zu haben. Dazwischen tannenbaumelte Allerlei, was mir die Eltern gewünscht und unter den theuersten Gegenständen im 50-Pfennigladen ausgesucht hatten. Nun sind meine Kinderschuhe vergangen, und meine braunen Locken sind der kahlen Platte gleichgemacht, welche meinen Schädel nur spärlich bedeckt. Aber wenn auch, ich feiere doch das Weihnachtsfest fröhlich wie ein Backfisch im Wasser. Könnte ich das nicht, so wäre das Leben für mich nichts mehr, als was die Katze auf dem heißen Brei forttragen kann; es wäre langyant. Und ich mag noch so alt werden, in mir wird immer wieder das Kind lebendig. Wenn ich übertreibe, so soll mich, – verzeihen Sie das harte Wort! – der Waldteufel holen!</p><p>Am Sonnabend Abend – es mochte in zehn Minuten fünf Minuten vor acht Uhr sein – stand denn nun auch mein Tannenbaum wieder in hellen Wachskerzen. Ich selbst beugte mich unter der Last einer neuen Weste, die ich mir hatte machen lassen, während um den Baum herum andere nützliche Sachen, die ich mir gekauft hatte, standen und lagen: ein Alpenstock, ein Kalender vom Jahre 1879, ein Gasuhrschlüssel, eine Erbswurst, ein ausgestopfter Kanarienvogel, welchem der Kopf fehlt (große Seltenheit!), ein Kameelsattel, eine Donnerbüchse, ein leeres Caviartönnchen, ein Mosquitonetz, die Pfeife einer Lokomotive, kurz, lauter Dinge, die man sich <a class="pageref" name="page120">120</a> sonst nicht anzuschaffen pflegt und die man auch nicht geschenkt bekommt. O, ich war so glücklich, daß ich sprang wie eine Fensterscheibe im Feuer, ich hätte einen Wald von Purzelbäumen schießen mögen! Und dazu hatte mir meine Wirthin noch mein Leibgericht (Klops <tt>à la</tt> Stadt der reinen Vernunft) bereitet, so daß ich bei lebendigem Leibe selig war.</p><p>In dieser Stimmung nahm ich mir auch vor, über Ihren Brief nicht böse zu sein, wie überhaupt das Eisen nicht wieder so heiß zu essen, wie es geschmiedet wird. Mit dem Schweizer Kriege, den ich durch das Bombardement des Risikopfes eröffnete, wollte ich Ihnen und Ihren Lesern ein Weihnachtsgeschenk machen, – Sie lehnten es ab, und ich verliere und finde nichts darin. Ich müßte ja mit dem Blinddarm geschlagen sein, wollte ich da eine Feindseligkeit erblicken.</p><p>Einliegend das Ende des franzö-tunesischen Krieges. Ich möchte im nächsten Jahr nichts mehr mit demselben zu thun haben.</p><p>Ohne Weihnachtsgeschenk sollen Sie mir aber doch nicht entwischen. Ich habe Ihnen eine Postquittung über 80 Mark zugedacht, die Ihnen natürlich nichts kosten soll. Darum bitte ich Sie, mir einen Vorschuß von 79 Mark 80 Pf. zu schicken und mein Conto mit 80 Mk. zu belasten.</p><p>Zum neuen Jahr wünsche ich Ihnen noch alles mögliche Profit, das Sie sich selbst wünschen.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page121">121</a><i> Tunis</i>, am Bord des »<tt>Gambetta</tt>«, den 22. December 1881.</p><p><tt>W.</tt> Ich habe Ihnen die frohe Botschaft zu bringen, daß die Friedenstaube, also der lieblich am ruhigen Bach gelagert liegende Knabe Schillers, dem Abschluß nahe ist. Während ich dies in dem engen Dachstübchen des Dampfers, der mich nach Paris tragen soll, schreibe, erinnern sich am Ufer die ältesten Leute nicht, sich jemals so freudig umarmt zu haben, als in Folge der Nachricht, daß kein Blut mehr über die Klinge springen soll. Auch das Militär freut sich, daß <i>Eris</i> nunmehr den Apfel der Eintracht zwischen die Streitenden warf und daß <i>Bellona</i> endlich ihr Gorgonenhaupt zur Ruhe legt. Wenn Krieg von <i>kriegen</i> herkommt, was konnten denn hier die Franzosen kriegen? Die Tunesen gewiß nicht, denn diese flüchteten stets in die Berge der Wüste und kamen nur hervor, um ein wohlassortirtes Zeltlager zu zerstören, oder die Besitzungen in Asche zu stecken. Der französische Adler (<tt>Glo-Aar</tt>) fiel, als er endlich dahinter kam, förmlich aus den Wolken. Länger hier Heldenthaten zu vollbringen, so sagten sich die Franzosen, hieße: Caviar vor die Säue werfen. Das Nichtsthun war ihnen schrecklich, und das ist ja begreiflich: <tt>Dolce et farniente est pro patria mori.</tt></p><p>So kam's. Der Krieg ist zu Ende, die Armee vertauscht das Kameel, das Schiff der Wüste, mit dem Dampfer, dem Kameel des Meeres. Heute noch stechen die Schiffe in <a class="pageref" name="page122">122</a> See, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der Jubel der Soldaten spottet jeder Freude. Die Kanonen gähnen ihre Salutschüsse. Noch einen Blick werfe ich aus meinem Kriegsoperngucker auf das Ufer, und dann: Adieu, Tunis! nicht ohne daß ich mich umdrehen und Frankreich zurufen möchte: Wenn Du wieder einen <tt>Quidquid agis</tt> anfangen willst, thue es nach reiflichem <tt>Prudenter agas</tt> und bedenke das <tt>Respice</tt></p><p class="center"><tt>Finem.</tt></p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap019"><h3><a class="pageref" name="page123">123</a> Die Einnahme von Sontay.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wir sind Ihnen für Ihre Bemühungen sehr dankbar, uns durch besonders sensationelle Berichte zu dienen. Aber der letzte derselben, so überraschend er gewirkt haben würde, erscheint doch fast als ein Carnevalsscherz. Deuten Sie unsere Offenheit nicht falsch. Uns hat der Bericht sehr gefallen, ob wir ihn nun als einen ernsten, oder, wie gesagt, als einen carnevalistischen betrachten. Aber wir haben doch unseren Lesern, wie überhaupt der Oeffentlichkeit gegenüber gewisse Verpflichtungen. Und diese gestatten uns unter keiner Bedingung, einen Bericht zum Abdruck zu bringen, in welchem Sie – es ist unglaublich! – die Spannung zwischen den Regierungen von Deutschland und Nordamerika wegen des Schweinefleisches ausführlich darlegen, den Ausbruch eines <a class="pageref" name="page124">124</a> ungeheuren Seekrieges ankündigen und schon schildern, wie sich die ersten »Vorpostenpanzer« beider Flotten einander »in die Segel gerathen« sind. Ein meisterhaftes Feuilleton für die Festzeitung des Prinzen Carneval, aber nichts anderes!</big></p><p><big>Indem wir Sie bitten, die chinesischen Vorgänge nicht aus den Augen zu verlieren, grüßen wir Sie</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaction.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 17. Januar 1884.</p><p>Als ich Ihren werthen Brief gelesen hatte, war es mir, als müßte ich ausrufen: »Unser Tischtuch sei vernichtet!« Ein Carnevalsscherz? Ich bin ein ernster Mann, der Sie sehr bitten muß, seine Arbeiten nicht mit denen eines Komikers über Einen Leisten zu barbiren. Ich suche niemals dem Zwerchfell eines meiner Leser ein Lächeln abzugewinnen, und wenn Jemand meine Artikel mit vollem Halse liest, so lacht er aus demselben ganz gewiß nur gezwungen. Das Kriegsberichterstatten ist ein ernstes Handwerk, und wenn ich mich plötzlich einem vor Lachen ausgeschütteten Leserkreis gegenüber befände, so würde ich mich lieber an dem nächsten Purzelbaum, den ein Leser schlüge, aufknüpfen, als mit dem <a class="pageref" name="page125">125</a> mir gänzlich fremden Kalbe weiterpflügen. Ich will damit nicht sagen, daß ich dem Humor abhold bin, ich bin – verzeihen Sie das harte Wort! – kein Spaßverderber, kurz, kein Laripharisäer, im Gegentheil, ich kann lachen wie baar Geld und singen wie ein Kessel auf dem Heerd und springen wie ein Lampenglas. Alles hat seine Zeit, aber beim Arbeiten habe ich zu scherzen keine.</p><p>Ich will zugeben, daß ich Nordamerika gegenüber etwas voreilig war, indem ich annahm, daß die beiden Reiche aus Schweinefleisch einen Zankapfel machen werden. Aber ist denn jedes Phantasiegebilde gleich ein Carnevalsscherz? Hamlet der Onkelmörder ist doch wahrlich darum kein Prinz Carneval, weil Shakespeare ihn aus seinem Pegasus gegriffen hat, und ebensowenig ist Lear der genannte Prinz, obschon jeder Zoll kein König war, da er niemals gelebt hat, also auch keine drei Töchter haben konnte, so daß das ganze Stück mit demselben Recht »Viel Lärmen um Lear« zu nennen wäre. Wohl weiß ich allerdings, daß das <tt>Quod</tt>, welches einem <tt>Jovi</tt> erlaubt ist, nicht jedem beliebigen <tt>Bovi</tt> gestattet werden kann, immerhin habe ich Ihnen doch an einem vollgültigen Beispiel klar gemacht, daß es sehr unvorsichtig ist, eine ernste Arbeit mit einem Carnevalsscherz in einen Topf zu werfen und denselben dann zuzudecken. Umgekehrt soll man zu Werke gehen.</p><p>Doch meine Nägel, auf denen das Feuer brennt, drängen zur Eile. Einliegend sende ich Ihnen einen entscheidenden <a class="pageref" name="page126">126</a> Sieg der Franzosen über die Chinesen. Aus zwei Gründen. Erstens glaube ich, daß die deutsche Presse die Gefühle der Franzosen, welche so ehrgeizig sind, daß man sie Ehrharpagons nennen darf, schonen muß, und zweitens kommt es mir vor, als interessire man sich in Deutschland sehr wenig für den jetzt über Frankreich und China gespannten Fuß. So habe ich denn die Einnahme von Sontay zu einer für Frankreich entscheidenden gemacht, so daß sie der von Paris in der liebenswürdigsten Weise die Stange hält.</p><p>Da ich gerade von einer Einnahme spreche, so bitte ich Sie um einen Vorschuß von 2, oder, da aller guten Dinge 60 sind, von 3 Zwanzigmarkscheinen. Der Carneval beginnt, und ich wäre ein Narr, wenn ich ihn nicht mitmachen wollte.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Sontay</i>, den 5. Januar 1884.</p><p><tt>W.</tt> Wie ich Ihnen bereits durch den Teledraht am 17. Dezember Abends meldete, fiel an diesem Tage dieses chinesische Jericho unter den Trompetenstößen der Franzosen in deren Hände. Heute sende ich Ihnen die Details.</p><p>Sontay ist eine kolossale Festung an den Ufern des rothen Flusses, dem kein anderer das Wasser reicht. Obschon der Grund dieses Flusses so seicht ist, daß kein Schiff in denselben gebohrt werden kann, so waren doch die französischen Kanonenboote nahe genug herangekommen und hatten <a class="pageref" name="page127">127</a> die Festung derart bombardirt, daß nach einigen Stunden nur noch etliche Breschen aufrecht standen. Wir hatten schon gehört, daß sich die Besatzung in der schlimmsten Lage befand. Sie lebte bereits von trockenen Murmelthieren, und schon seit Wochen fehlte es ihr an Butter zum Papagei. Brot wurde aus schlechtem Mehl mit Indiafasern hergestellt. Auch Pferde wurden gegessen, doch verstand man nicht, dieselben zu bereiten. Die reicheren Bewohner lebten von Schnepfenunrath und Zibethkatzen. Als Getränk wurde uns der Tintenfisch bezeichnet. Dies alles verrieth uns ein Mongole, der sich bis zu den französischen Schiffen herangeschlichen hatte und dem Feinde für etwas Meerrettig Alles sagte, was er wissen wollte.</p><p>Der Commandant der Belagerungs-Armee glaubte nun den Moment gekommen, der Besatzung der Riesenfestung das letzte Stündlein zu schlagen. Ein gewagtes Unternehmen, aber was ist einem Franzosen gewagt? Wo sich <tt>nemo obligatur</tt> dünkt, da erblickt er nur eine Ultraposse. Er ist ein Herkules, der gleichzeitig den Kerberos auf die leichte Achsel nimmt, im Vorübergehen die Pferde des Diomedes breitschlägt, daß sie ihm willig folgen, der Hydra im Fluge die Köpfe verdreht und die Ställe des Augias spülend reinigt. Er kennt in großen Aufgaben kein <tt>Mais</tt>, wie das Lamm. Als er Sontay zu belagern begann, war die Festung nur noch eine Frage der Zeit.</p><p>Am 16., als Aurora graute, wurde das Zeichen zum <a class="pageref" name="page128">128</a> Sturm gegeben. Das war kein Sturm, das war eine Windhose. Die algerischen Tirailleurs hatten bald die chinesische Mauer hinter sich, welche sich vom Ocean bis tief in die prähistorische Zeit hineinzieht. Jeder Mann that Wunder der Tapferkeit. Die Schwarzflaggen zitterten, die Annamiten machten Beine, so gut dies mit ihren kleinen chinesischen Füßen möglich war. Pardon wurde nicht gegeben, sondern nur gesagt, wenn ein Franzose, höflich wie er ist, einen Chinesen auf's Korn nahm. Die Granaten von den Schiffen rasirten die ohnehin wackelnden Pagoden vom Erdboden. Selbstverständlich war den Chinesen bald keine Flucht zu wild, sie ergriffen sie, kein Weites zu entfernt, sie suchten es. Ihr Verlust war ungeheuer. Die Franzosen haben keinen Todten und 1762 Verwundete, die sie gefangen nahmen. Am andern Morgen fand der Einzug statt. Ungeheure Vorräthe an Tuschen, Thee, Chinasilber und Rinde fielen in die Hände der Franzosen. Die Stadt ist völlig zerstört, in erster Reihe die Zopffabriken und die Bambusrohrleitung. Die chinesische Armee befindet sich auf dem Rückzug nach Peking, wohin ihr die Franzosen folgen, um, wie sie hoffen, den Kaiser zu fangen. Gelingt ihnen dies, – und den Franzosen gelingt Alles – so ist China auf der Landkarte von Asien frisch gestrichen.</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap020"><h3><a class="pageref" name="page129">129</a> Die Engländer und die Boers.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Sollen wir uns noch ausdrücklich entschuldigen, daß wir Ihre letzten Berichte zurücklegten? Sie scheinen es zu verlangen. Wir glaubten aber, Sie hätten sich mittlerweile selbst von der Unmöglichkeit überzeugt, Ihre Mittheilungen zu veröffentlichen. Seit dem St. Petersburger Attentat schickten Sie uns fast täglich aus einer anderen Stadt Näheres über aufgefundene Sprengbomben, entdeckte Pulververschwörungen und andere abscheuliche Unternehmungen gegen Schlösser, Rathhäuser und Parlamente. Ueberall wollen Sie Augenzeuge einer Auffindung von furchtbaren Geschossen gewesen sein: in Wien, in Ludwigslust, in München, in Madrid, in Rom u. s. w. Sie können sich jedoch leicht denken, daß wir nicht Lust hatten, alle Welt zu beunruhigen, abgesehen <a class="pageref" name="page130">130</a> davon, daß schon von anderer Seite genug, oder zuviel nach dieser Richtung hin geschieht. Wozu noch kommt, daß jeder Bericht stets die Wiederholung des vorhergehenden war und nur Ort und Geschoß änderte, wodurch der Leser ermüdet und gelangweilt werden mußte.</big></p><p><big>Wie wäre es denn, wenn Sie sich einmal dem Transvaallande zuwendeten?</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 5. April 1881.</p><p>Ich habe nichts dagegen, daß Sie meine Attentatsberichte zurücklegten, aber ich hätte geglaubt, daß Sie mir meine Bomben mit etwas mehr Berserkermilde vor die Füße werfen würden. Denn zuvörderst kann doch der Leser nicht wissen, ob die Bomben leichtsinnig von mir ausgesprengt, oder wirklich gefunden waren, und dann habe ich sie ja eben nur finden, nicht auch explodiren lassen. Nicht einem einzigen Menschen habe ich das Lebenslicht unter den Scheffel gestellt, obschon ich mit leichter Mühe Hunderten und noch weniger den Ganzundgaraus machen konnte. Darauf aber kommt es doch in erster Linie an. Freilich wenn Sie wünschen, <a class="pageref" name="page131">131</a> daß bei Auffindung von Bomben nicht nur keine Menschen vernichtet, sondern auch deren zur Welt kommen sollen, dann müssen Sie sich nach einem anderen Correspondenten umsehen, nach einem, der leichtsinnig genug ist, dem Grundsatz zu huldigen: »<tt>Mundus vult decipi, ergo bibamus</tt>«, der, mit Einem Wort, bei Ihrem geschätzten Blatt sein Jahr ablügt. Für derlei Stellungen eigne ich mich nicht. Ich achte den Leser denn doch zu hoch, als daß ich ihn der Gefahr aussetzen möchte, daß Jeder hinter ihm herläuft und: »Haltet den <tt>Dupe</tt>!« schreit. Niemals werde ich der Lüge die Ehre geben, stets bedenkend, daß Wahrheiten lange Beine haben und nur einer Bahn bedürfen, um sich dieselbe zu brechen.</p><p>Weshalb ich Bomben auffinden ließ und meine Betrachtungen an sie knüpfte, das liegt doch auf der Hand, wenigstens auf meiner. Wenn es nicht auch auf der Ihrigen liegt, so bin ich über und überrascht. In einer Zeit, wie der jetzigen, wo die Bombe zu allen Tagesgesprächen den Sprengstoff liefert und die Nihilisten fortwährend gute Minen zum bösen Spiel graben, kann doch ein gewissenhafter Berichterstatter wie meinereins nicht über Chokoladefabriken und dergleichen berichten. Das wäre nicht nur nicht spitz-, das wäre geradezu stumpffindig. Glauben Sie mir, nur ungern tauche ich meine Feder in die Dinte, in der heute die Machthaber sitzen. Viel lieber berichtete ich aus einer friedlichen, idealen Welt, in der ich ein Haus mit Lachgasleitung bewohnte, hinter welchem ein Austernpark läge, in dem ich <a class="pageref" name="page132">132</a> lustwandelnd meiner Cigarre nachgehen könnte zwischen Rosen und Vogelhecken am Arm der Schwester eines Anderen. Ich wäre – verzeihen Sie das harte Wort! – selig. Wir leben aber leider in keiner solchen Halbkugel. Nirgends herrschen Eintracht und Frieden, und kein Störenkrieg meidet sich, und es erscheint kein heiliger Georg, der den Drachen des Hasses steigen läßt. Häufig genug wünsche ich, recht viel Zeit zu haben, aber nur nicht die jetzige, die so schrecklich ist. Habe ich nicht recht? Aufrichtig gesagt: Wenn ich diese Zeit betrachte, so empfinde ich nichts als Katzenjammer, und ich wünsche mir jeden Morgen nur einen doppeltkohlensauren Häring. <tt>O tempora, o mutantur!</tt> Und Sie werfen meine harmlosen Bomben in den Papierkorb?</p><p>Doch – fort mit den trüben Betrachtungen! Zwischen mich und meine Redaction soll kein Blatt Papier kommen, außer einem Fünfzigmarkschein, den ich als Vorschuß erbitte.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Captownstadt</i>, den 1. April 1881.</p><p><tt>W.</tt> Heute erhob ich mich ganz früh, bei tagschlafender Zeit, um Ihnen zu schreiben. Denn der Mars zwischen den Boers (sprich: Boers) und den Engländern neigt sich seinem Ende entgegen, und ich möchte Ihnen schleunigst das Nähere hierüber mittheilen.</p><p>England ist und bleibt ein Springinsschlachtfeld. Ohne zu bedenken, daß ein Krieg auch ein schlimmes <tt>respice finem</tt><a class="pageref" name="page133">133</a> nehmen kann, gehen die Engländer mit dem Kopf und Kragen durch die Wand und unterschätzen den Feind. So auch gegenüber den Boers, mit denen sie eigentlich ohne Grund ein <tt>Quarante sept</tt> anfingen. Aber die Boers sind ein tapferes herrliches Volk, welches für seine Unabhängigkeit wie ein Löwe kämpft und es gar nicht begreifen kann, mit welchem Recht die Engländer so große Rosinen in Sack und Asche haben. Es hat denselben denn auch eine harte Nuß auf's Auge gedrückt. Und nun heißt es in den englischen Coursberichten: Boers fest.</p><p>Man reize den Elephanten nicht, den man, wenn man ihn sanft behandelt, um den Finger wickeln kann. Wenn er auch kein so geriebenes Thier ist, wie z. B. der Floh, so ist er doch klug und weiß genau, ob man gut oder schlecht mit ihm umgeht.</p><p>Als die Engländer angriffen, glaubten sie nichts als einen hohlen Zahn nöthig zu haben, um das Transvaalland in denselben legen zu können. Ja, Prost die gesegnete Mahlzeit! Sie machten einige Chausseen dem Erdboden gleich, steckten etliche brennende Kornfelder in Flammen, nahmen viele an den Bergen stehende Ochsen weg und trieben ähnlichen Unfug. Aber die Boers verstanden keinen Ernst. Mit großer Kühnheit stellten sie sich zur Wehre und zwar, wie wir sehen, mit glorreichem Erfolg.</p><p>Die Engländer wollen dies freilich nicht zugeben. Sie lassen im Gegentheil die Boers ihre Untermacht fühlen und <a class="pageref" name="page134">134</a> wissen die Schlappen ihrer Heerführer rücksichtslos auszubeuten. Bereits verlangen sie, ein für alle Mal das Transvaalland zu räumen, und um keinen Preis wollen sie den Boers gestatten, etwas von ihren Forderungen abzulassen. So stehen sie auf den Hinterbeinen ihrer siegreichen Feinde, denen sie nunmehr den völligen Verzicht Englands auf den ferneren Besitz des Transvaal dictiren werden. Es wird natürlich den Boers nichts übrig bleiben, als der Rückzug der Engländer. Besonders empfindlich wird ihnen die Kriegsentschädigung sein, zu deren Annahme die Engländer sie unerbittlich zwingen dürften. Und so stürmen denn die Briten unaufhaltsam und unter tausendstimmigen <tt>Sauve qui peut</tt>-Rufen ihre Flotte, nachdem sie die Waffen erfolgreich gestreckt haben.</p><p>Mit diesem Ende hätte dann England abermals die Lehre empfangen, seine Nase nicht in fremde Völker zu stecken und über dieselben nicht das Bockshorn seiner Gnade ausschütten zu wollen. Ob diese Lehre etwas nützen wird?</p><p>Den Boers aber wünschen wir das beste Gedeihen. Sie sind fleißige, ehrliche und tapfere Menschen, welche nur wollen, daß das Härchen, welches sie Keinem krümmen, ungeschoren bleibe, sie sind friedlich und so nüchtern, daß sie häufig ein Glas unter den Durst trinken. Man gönne ihnen den <tt>pax vobiscum</tt>!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap021"><h3><a class="pageref" name="page135">135</a> Der Zar in Danzig.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Dank für die Bereitwilligkeit, mit der Sie die Berichterstattung aus Danzig übernahmen. Wir erwarten Ihren Artikel.</big></p><p><big>Ihre jüngsten Briefe verschaffen uns einen Einblick in Ihre augenblickliche Thätigkeit, die wir geradezu als räthselhaft bezeichnen müssen. Sie wollen dort nach Petroleum graben. Sie schreiben uns: »Verwandeln Sie mich in eine Actien-Gesellschaft, verschaffen Sie mir eine Million, und Sie machen ein gutes Geschäft«, Sie ersuchen uns, Ihnen ein Dutzend Bohrlöcher zu schicken, und schließen mit den Worten: »Acht Tage später werde ich 119¾ <tt>b. G.</tt> stehen«. Was sollen wir dazu sagen? Wir können Ihnen nur versichern, daß Sie ein tüchtiger Correspondent, aber <a class="pageref" name="page136">136</a> durchaus kein geschickter Speculant sind, und rathen Ihnen, nicht nach Petroleum, sondern nach Stoffen für Ihre Feder zu suchen.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 13. September 1881.</p><p>Daß meine Idee, in Bernau auf Petroleum zu bohren, bei Ihnen ein <tt>Fiasco d'estime</tt> gemacht hat, wundert mich nicht, mich wundert nur, daß Sie mich nicht obenein als einen Hoch- oder Tiefstapler bezeichnen. Ich tröste mich damit, daß alle großen und originellen Entdecker und Erfinder bei ihrem Auftauchen keine gläubigen Thomasse, wohl aber wieder und immer Widersacher gefunden haben. So war es seit dem grauen Olim, so wird es in Ewigkeit sein. Von Guttenberg hieß es, er habe das Pulver nicht erfunden, und als Columbus der Regierung seinen imposanten Plan vorlegte, machte man ihm das Leben so sauer, daß er sich genöthigt sah, nach Amerika auszuwandern. Das alte Leiden! Ich war also darauf gefaßt, daß Ihr Kopf nicht ungeschüttelt an mir vorübergehen würde, als ich Ihnen meine Absicht kundthat, Bernau in ein neues Oelheim zu verwandeln.</p><p>Meine Idee war in langem Nachdenken gereift, oder glaubten Sie, der Homer schliefe, weil er nicht brüllte? Im <a class="pageref" name="page137">137</a> Gegentheil: während ich nicht brüllte, grub ich in dem Keller des von mir bewohnten Hauses munter auf und ab, und wenn ich auch noch keine Petroleumquelle murmeln hörte, so verrieth doch schon mancher Flecken an meiner Garderobe, daß ich auf dem besten Wege zum Heureka war. Ich grub, ein zweiter Mundwurf, rüstig weiter, und es thürmte sich schon ein hübsches Loch vor mir auf, als Ihr Brief ankam und mich aus allen meinen Bohrlöchern schleuderte. Indeß – wenn ich nun auch meine Schaufel in den Schooß legen muß, wenn Sie auch meinen findigen Kopf auf die leichte Achsel nehmen: ich bin und bleibe ein <i>sicherer</i> Cantonist und werde ganz gewiß meine Idee – verzeihen Sie das harte Wort! – zur Ausführung bringen. Einmal ist Kainmal, sagte Abel, als ihn sein Bruder erschlug.</p><p>Hier mein Bericht aus Danzig. Ich habe ihn erst umarbeiten müssen, da ich demselben anfangs die Zusammenkünfte in Gastein und Salzburg zu Grunde gelegt hatte, und es sich dann herausstellte, daß in Danzig die Gebirge fehlten. Und nun, wenn auch leider erst zum Schluß, bitte ich Sie um einen Vorschuß von 60 Mark. Meine Wirthin verlangt Wiederzuschüttung des Bohrloches im Keller, zu welchem Zweck ich einen Erdarbeiter engagiren mußte, der sehr in's Geld läuft.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page138">138</a><i> Danzig</i>, den 9. September 1881.</p><p><tt>W.</tt> Der 9. September wird immer ein bedeutsames Datum in unserer Zeitgeschichte bleiben. An diesem Tage war es, wo sich der Dampfer des Russischen Kaisers aus dem Danziger Goldwasser, dem Lachs, schaukelte und sich bald darauf eine bedeutende Wandlung in der Russischen Politik vollzog.</p><p>Ich hätte Ihnen schon vor vierzehn Tagen mittheilen können, daß der 9. September im Anzuge sei, indeß unterließ ich es in der Furcht, daß Danzig der Sammelplatz aller guten Menschen von ganz Europa werden, wie die Allgemeinste aller Norddeutschen Zeitungen fürchtete, daß Danzig das Rendezvous aller Banditen bilden würde. Dadurch wäre das nordische Venedig so überfüllt worden, daß man die Betten hätte aus der Stadt bringen müssen, um für die Fremden wenigstens Platz zum Schlafen zu schaffen. Immerhin strömte ich mit einiger Besorgniß nach Danzig, und wenn unsere Discretion auch manchen guten Menschen und manchen Banditen ferngehalten hatte, so war doch die schöne mittelalterliche Stadt bereits am 8. derart überfüllt, daß ich lange hatte suchen müssen, bis ich endlich ein Zimmer mit zwei Wanzen fand. Alsbald durchwogte ich die Straße. Das Kaiserwetter war regnerisch, Jupiter hatte seinen Pluvius geöffnet und schüttete das Blaue vom Himmel herunter. Trotzdem waren die Straßen so voll, daß kein Schirm zur Erde fallen konnte, die Häuser beugten sich unter der Last <a class="pageref" name="page139">139</a> der Fahnen und Guirlanden, und Tausende von Gasflammen harrten, von dem herrschenden Enthusiasmus angesteckt zu werden. Nur gegen die Ehrenpforte habe ich einzuwenden, daß sie nicht am Platz war, da die Pforte den Zaren ja daran mahnte, daß die Türkei noch immer existire, was ihm einen Stich in's <tt>crève-coeur</tt> geben mußte.</p><p>Während der Regen in musterhafter Ordnung verlief, bildete ich Spalier, und es begann die Anfahrt zum Diner im Artushof. Ein weithinbrausendes Hüte- und Tücherschwenken erfüllte die Luft. Unter den harrenden Gästen fiel die Hünengestalt des Fürsten Bismarck in seiner blauen Hünenuniform auf, und man bemerkte mit Befriedigung, daß er die Versammlung mit heiteren Hünenaugen betrachtete und sich mit Vielen hünenfreundlich unterhielt. Während des Menus begann die Illumination, welche, bei Licht besehen, jene am 10. September 1879 fast noch überstrahlte.</p><p>Was nun die geheimen Abmachungen betrifft, so haben wir Correspondenten uns über die folgenden geeinigt: »Die Danziger Entrevue bildet eine Garantie des Friedens bis zur Störung desselben. Die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten Deutschland und Rußland bleiben so lange freundlich, bis sie unfreundlich werden. Wird Rußland angegriffen, so stellt sich Deutschland entweder auf Rußlands Seite oder nicht. Deutschland überläßt Rußland die Bekämpfung der Nihilisten. Falls Rußland eine <a class="pageref" name="page140">140</a> Verfassung erhält, so ist es von da ab nicht mehr ohne eine solche.«</p><p>Sollte aber trotz alledem wieder eine Wolke den politischen Horizont trüben, so möge man immer bedenken: Kein Faden der Parze wird so heiß gegessen, wie er gesponnen wird!</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap022"><h3><a class="pageref" name="page141">141</a> Die Insurrection in der Herzegowina.</h3><h3>I.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Herzlichsten Dank sagen wir Ihnen für Ihre Mittheilung, daß Sie die Ereignisse in der Herzegowina zum Gegenstand Ihrer Berichte bestimmt haben. Mit gewohntem Scharfblick haben Sie wieder das Richtige herausgefunden. Wochenlang hatten wir erwartet, daß Ihnen irgend ein Krieg einfallen würde. Wir selbst suchten, ohne indeß etwas zu finden. Unsere Leser sind längst ungeduldig geworden, nachdem sie zum Ueberdruß mit Leitartikeln über die unerquicklichen Zustände im Reich gefüttert worden waren. Davon will Niemand mehr etwas hören. Uns selbst erscheint jede Nummer, welche wir mit den parlamentarischen, wirthschafts- und kirchenpolitischen Streitfragen zu füllen genöthigt sind, als <a class="pageref" name="page142">142</a> abgeschmackt langweilig, und wir athmeten daher auf, als Sie uns mittheilten, daß Sie uns wieder mit einem Kriegsschauplatz unterstützen wollen. Seien Sie nur so freundlich, recht bald Ihr Versprechen zu erfüllen.</big></p><p><big>Da Sie uns in einer Nachschrift Ihres freundlichen Briefes um einen eisernen Vorhang für Ihr Bett ersuchen, so versichern wir Ihnen, daß wir Sie nicht verstehen. Sie sagen, daß Sie Abends im Bette zu lesen pflegen, und es also leicht geschehen könnte, daß Ihre Kissen in Brand gerathen, in diesem Fall möchten Sie einen eisernen Vorhang herablassen. Derlei Vorhänge sind aber nie von Eisen, – wir rathen Ihnen, falls Ihre Kissen einmal brennen sollten, rasch aus dem Bett zu springen, anstatt sich durch eiserne Vorrichtungen einzusperren und dann unfehlbar zu rösten.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big>Die Redaktion.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 7. Februar 1882.</p><p>Gerne wäre ich nach Berlin gekommen, um Ihnen für Ihre liebenswürdigen Zeilen mündlich die Hand zu drücken. <a class="pageref" name="page143">143</a> Indeß ist die Zeit derart aus den Fugen, daß ich keine habe. Meine Vorbereitungen für die Ereignisse in der Herzegowina, welche Bismarck ein Bißchen nannte, welche aber ein ordentlicher Biß in's österreichische Bein ist, nehmen mich sehr in Anspruch, indem ich den ganzen Tag die Wiener Zeitungen lese, um dahinter zu kommen, wo denn eigentlich der unentwirrbar scheinende gordische Hund begraben liegt. Ich habe mich nun entschlossen, Rußland die Schuld an dem Aufstand in die thönernen Schuhe zu schieben. Andere Schuhe passen mir nicht, aber Rußlands Schuhe können eben einen Stiefel vertragen. Rußland, so habe ich beschlossen, will Oesterreich die Provinz wieder abjagen helfen und sich dann in's Schnippchen lachen. Woher hätte sonst die Herzegowina, dieses kleine Land, dieses Dreichesterhoch, die Mittel? Das Blut eines Aufstandes läuft in's Geld. Wenn ein Volk sich losreißen will und hat keine Waffen, so kräht kein Hahn einer Flinte darnach. Schon Tell sagt: Kein Geld, kein Schweizer, und das Wort: <tt>Civis pacem, para bellum</tt> ist mir nur deshalb stets so geistreich vorgekommen, weil Para eine türkische Münze ist. In unserem Fall ist der Rubel die silberne Karnickelmünze, mit deren Hülfe sich die Herzegowina auf die bis an die Zähne bewaffneten Hinterbeine stellte.</p><p>Ueber die österreichischen Truppenbewegungen will ich heute – verzeihen Sie das harte Wort! – Stillschweigen beobachten. Es wäre mir ja ein Leichtes, die Route nach der Herzegowina mit Fuß- und Pferdevolk zu überfluthen, <a class="pageref" name="page144">144</a> aber es ist der Regierung nicht angenehm, wenn die Presse die einzelnen Colonnen aus der Kriegsschule plaudert und dadurch verhindert, daß der Feind über- oder unterrumpelt werden kann, oder verschuldet, daß man ihm anstatt in den Rücken in die Hände fällt.</p><p>Seien Sie auch unbesorgt: ich werde mit der Herzegowina soviel Federschreibens wie möglich machen, so daß wir eine hübsche Reihe von Berichten aus dieser Kriegsfurie herausschlagen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Leser klagen, der Gegenstand zöge sich durch das laufende Quartal wie ein rother Bandwurm.</p><p>Da ich nun, wenn ich mich auf Kriegsschauplätzen befinde, viel zu Hause sein muß, um ungestört als eiserner Würfeldenker zu arbeiten, so stört mich nichts so sehr als der Besuch von Gläubigern, deren Bitten um Geld stets meinen angenehmsten Kanonendonner übertönen und mich aus der gewohnten Schlachtordnung reißen. Wollen Sie also, daß mich Frau- und Manichäer in diesem Kriege in Frieden lassen, damit ich auch das kleinste Scharmützel sorgfältig feilen kann, so senden Sie mir einen Vorschuß von höchstens 80 Mark oder mehr. Der Cours für österreichische Banknoten ist 170½.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Serajewo</i>, den 5. Februar 1882.</p><p><tt>W.</tt> Was ich in der Eile nicht vorhergesagt hatte, ist geschehen: In der Herzegowina lodert der Aufstand in Strömen. <a class="pageref" name="page145">145</a> Der Friede war nur Maske, die Unterthänigkeit Domino, der Eid der Treue Pappnase. Los von Oesterreich! lautet das Stadt- und Feldgeschrei. Ueberall werden Ketten gesprengt, Joche abgeschüttelt, Fesseln zerbrochen, alle Bande frommer Scheu lösen sich, alle Laster walten frei. Das Letztere ist mir das Unangenehmste, besonders da ich Weiber zu Hyänen werden, mit Entsetzen Scherz treiben, und sie, noch zuckend, mit des Panthers Zähnen das Herz zerreißen sehe. Das sind ganz unhaltbare Zustände! Denn, so gefährlich (ganz abgesehen von dem Muthwillen) es immerhin sein mag, den Löwen im Schlaf zu stören, und so verderblich das Gebiß des blutgetränkten Tigers werden kann, schrecklicher ist doch der Mensch in seinem Wahn. Dies zeigt sich wieder einmal bei den Herzegowinesen!</p><p>Hier herrscht Anarchie. An Geschäft wird nicht gedacht. Dutzendweise werden die Hände in den Schooß gelegt. Der Schmied, bei dem ich gestern meinem Pferde ein Paar neue Hufeisen anmessen ließ, sagte betrübt, es ginge so schlecht, daß nächstens sein Ambos unter den Hammer komme. Ich tröstete ihn so gut er konnte, sagte ihm: Du wirst nicht untergehen, Unkraut schwimmt oben! er war aber nicht zu beruhigen.</p><p>Ich bin noch sehr müde von der langen Fahrt und habe mich noch nicht mit der Situation so bekannt gemacht, daß ich Details melden kann. Daß aber die Insurgenten nicht aus dem Korn geschnitzt sind, in das man die Flinte wirft, <a class="pageref" name="page146">146</a> steht fest. So fielen mir bei Ranjcukula (sprich: Ranjcukula) mehrere Insurgenten mit zwei Nasen auf, deren immer eine der Nase eines Feindes wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah. Auch von den Ohren hört man, daß sie nicht sicher sind. Auf allen Gemeinplätzen sammeln sich die Männer und greifen zum Aeußersten. Ueberall wird der Werbetambour gerührt. Der Gebildete trägt die Flinte, der Flegel die Heugabel. Geschrei überall: Zu den Waffen! Gestern Abend sagte ein Aufständischer zu mir: Ein einziger Sieg, und wir marschiren nach Wien!</p><p>Ah! Ah! machte ich. Hätte ich gezweifelt, so würde der Wüthende mir vielleicht mein letztes Stündlein geschlagen haben.</p><p>So stehen wir vor großen Schatten, – wie werden die künftigen Ereignisse sein?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap023"><h3><a class="pageref" name="page147">147</a> II.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Nur sehr schwer entschließen wir uns, Ihren ersten Bericht über den <i>deutsch-slavischen</i> Krieg zurückzulegen. Aber nach dem sorgfältigsten Abwägen der Gründe, welche dafür und dagegen sprechen, sind wir zu der Ueberzeugung gekommen, daß Sie Ihr Pulver viel zu früh verschossen haben. Der Gegenstand war allerdings verlockend genug, und wir können uns denken, mit welchem Vergnügen Sie an die Arbeit gegangen sind. Auch wir lassen ihn, wie gesagt, ungern fallen, besonders weil Sie sich diesmal eine bei Ihnen seltene Entsagung auferlegen und nicht etwa wie gewöhnlich sofort eine Schlacht einschicken, sondern sich vorläufig darauf beschränken, die Bewegungen der russischen Truppen nach der deutschen Grenze ausführlich zu beschreiben und sich über den Plan Moltke's zur Zertrümmerung des Zarenreiches <a class="pageref" name="page1480">1480</a> lobend zu verbreiten. Manches in Ihren Ausführungen erinnert freilich allzu lebhaft an den deutsch-französischen Krieg, so Ihr schönes Lied »<i>Die Wacht am Don</i>«, die Etablirung einer russischen Talgwurstfabrik und das Lied Kutschke's:</big></p><p class="vers"><big>»Was kraucht dort in dem Busch herum?<br/>
      Ich glaub', es ist der <i>Skobelum</i>.«</big></p><p><big>Dies indeß nur beiläufig. Wir lassen also Ihren neuen Krieg auf sich beruhen und bitten Sie, dasselbe zu thun, dagegen sich wieder der Herzegowina zuzuwenden.</big></p><p><big>Damit scheint uns auch Ihre Bitte um einen Pelz und um ein Achtel Caviar, »da Sie diese Eierspeise lieben«, für erledigt.</big></p><p><big>Mit besten Grüßen</big></p><p class="center"><big>ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Bernau</i>, den 14. März 1882.</p><p>Ich brauche Ihnen nicht mit dem Dichter zu versichern, daß mich Niemand ungestraft unter Palmen beleidigt, d. h. wenn ich mich durch Ihre werthen Zeilen verletzt gefühlt hätte, so würde ich jedes Tischtuch zwischen uns abgebrochen <a class="pageref" name="page149">149</a> haben. Indeß kann ich Ihnen doch die Versicherung nicht ersparen, daß Sie im Irrthum sind, wenn Sie glauben, ich hätte voreilig gehandelt. Gewiß nicht. Kein Hannibal ist <tt>anteportasser</tt> als der Krieg zwischen Rußland einer- und Deutschland anderseits. Nicht umsonst hat Rußland diesem Springinsfeldmarschall <i>Skobelum</i> erlaubt, ungehaltene Reden zu halten, uns mit seiner Zunge, was das dumme Zeug halten wollte, zu reizen und die gefletschten Drachenzähne in die Milch der frommen Denkart zu säen. Das Sprüchwort ist nur zu wahr: Die Pauke geht so lange zu Wasser, bis sie ein Loch kriegt; und was dann? Die Russen warten ja nur auf einen äußeren Mars, und unser Schiller hat Recht, wenn er sagt:</p><p class="vers">»Vor dem <i>Slaven</i>, wenn er die Kette bricht,<br/>
      Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«</p><p>Und solchen drohenden Gefahren gegenüber sollte ich – verzeihen Sie das harte Wort! – säumen? Hier mußte etwas geschehen, sei es, was es wolle, hier galt es, das Eisen, so lange es heiß ist, beim Schopf zu fassen, und so war ich schnell gefaßt. Freilich, Sie scheinen der Meinung zu sein, daß wir uns von den Barbaren auf der Nase, die sie uns so gern abschneiden, herumtanzen lassen dürfen, während mir schon bei dem Gedanken, daß dieser <i>Skobelum</i> ungestraft mit dem Handschuh rasselte, der Kamm zu Kopf stieg.</p><p><a class="pageref" name="page150">150</a> Nun, die Zukunft wird mir ja Recht geben. Das Steinchen ist im Rollen und glimmt unter der Asche fort, bis eines Tages der Brand auflodert und keine Wassersbrunst denselben zu löschen vermag. Dann werden die Kriegsberichte zahlreich wie die Pilze am Meer sein, und Sie werden es bereuen, sich meinen Plänen wieder und immer widersetzt zu haben.</p><p>Noch ein <tt>apropos</tt>. Ich lese, daß ein gewisser <i>Wereschagin</i> bei Kroll Kriegsbilder ausstellt und einen Zusammenlauf von ausverkauften Häusern hervorruft. Könnte ich nicht gleichfalls meine Kriegsbilder öffentlich ausstellen? Bitte, antworten Sie mir mit wendendem Vorschuß von 60 Mark; ich wäre übrigens auch schon mit dem Doppelten zufrieden.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>Mjedenik</i>, den 10. März 1882.</p><p><tt>W.</tt> Nachdem, wie ich Ihnen schon durch den Telegraphen meldete, Generalmajor <i>Sekulic</i> (sprich: Sekulic) Ulok eingenommen hatte, bin ich nach einem anstrengenden Marsch durch das obere Narenta-Thal hier angelangt und zwar so müde, daß ich unterwegs einmal sogar im Gehen einen kurzen Morpheus that und erst durch das Knattern der <tt>ventre à terre</tt> fliehenden Insurgenten geweckt wurde. Leider ist die Regenzeit eingetreten und hemmt unsere Operationen. Diese Regenzeit ist furchtbar. Fortwährend folgt ein Wolkenbruch dem andern Platzregen, und man hat, soweit das Auge <a class="pageref" name="page151">151</a> reicht, keinen trockenen Faden am Leibe. Man kann froh sein, wenn man nicht zu Dutzenden hingerafft wird.</p><p>Was das Kriegführen in der Herzegowina so sehr erschwert, das ist die Grausamkeit der Insurgenten. Wer denselben in die Hände fällt, kommt selten mit blauem Ohr davon. Auch die Nasen müssen bei solchen Gelegenheiten ins Gras beißen. Es versteht sich von selbst, daß wir uns nach Kräften gegen derlei Verstümmelungen mit den kürzesten Prozessen schützen, und daß deshalb den Insurgenten manche unserer Ohren aus der Nase gehen. Jeder dieser Barbaren wird nämlich, wenn es sich bei der Untersuchung herausstellt, daß er eine unserer Nasen in etwas gesteckt hat, ohne Weiteres über den nächsten Haufen geschossen. Aber leider nicht immer vermögen wir den ungeheuerlichen Unfug zu verhüten, nur zu häufig wissen sich die grausamen Feinde durch schleuniges Hasenpanier dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen.</p><p>Wie viele meiner Herren Collegen muß auch ich an dieser Stelle über das Räuberunwesen, welches hier herrscht, die bittersten Spalten ausstoßen. Ueberall bilden sich Banden, welche über die Dörfer herfallen, die Heerden wegschleppen und den armen Bauern den letzten Bissen Brod unter dem Leibe fortziehen. Ist das Dorf geplündert, so übergeben sie es der Asche, wenn unsere Truppen nicht Hülfe bringen, indem diese, um die Räuber zu vertreiben, das Dorf in Flammen verwandeln. Ich habe Gelegenheit gefunden, <a class="pageref" name="page152">152</a> unterwegs eine dieser Räuberbanden kennen zu lernen. An der Spitze derselben stand ein gewisser <i>Moorovic</i>, welcher sich mit seinem alten Erzeuger derart überworfen hatte, daß ihm nichts Anderes übrig blieb, als in einer Schenke an den Grenzen von Sachsen mit mehreren Libertinern eine Räuberbande zu bilden, mit der er hier ankam. Er ist ein edler Mensch, der kein Verbrechen begehen läßt, ohne sich vorher nach irgend einem armen Schelm umzusehen, dem geholfen werden kann. Unter dem Namen <i>Kosinsky</i> und unter dem Vorgeben, Räuber lernen zu wollen, stellte ich mich ihm auf den Ruinen von Karthago vor, und so fand ich Gelegenheit, die Bande kennen zu lernen. Es sind schlimme Leute, die ein freies Leben führen, den Wald als Nachtquartier ausnutzen, bei Sturm und Wind handthieren und keine andere Sonne als den Mond kennen. Sie stürmen Schlösser, trinken Wasser aus Hüten, berauben Klöster, befreien Greise aus Thürmen und treiben anderen Unfug, so daß ich froh war, als ich die Thür ihrer Höhle von außen zugemacht hatte und glücklich entwischt war.</p><p>Heute ist hier ein merkwürdiges Gerücht verbreitet. Es heißt, <i>alle Serben wollten Könige werden</i>. Ich kann's nicht glauben. Sie?</p></div><hr class="short"/><div class="chapter" id="chap024"><h3><a class="pageref" name="page153">153</a> Hartmann und Europa.</h3><p class="center"><big>Herrn <i>Wippchen</i> in Bernau.</big></p><p><big>Wenn wir in die unangenehme Lage versetzt werden, einen Ihrer Artikel zurückzulegen, und wenn wir Ihnen dies dann ohne Umschweife anzeigen, so sind Sie außer sich und schildern uns das Unrecht, welches wir Ihnen zufügen. Aber wir brauchen Ihnen hoffentlich nicht weitläufig auseinanderzusetzen, daß wir wahrlich nicht leichtsinnig auch nur eine einzige Zeile aus Ihrer Feder ungedruckt lassen. Stets sind es unabweisbare redaktionelle Bedenken, welche uns nöthigen, zu verfahren, wie es in gewissen Fällen geschieht.</big></p><p><big>Wir glauben Ihnen dies nochmals betheuern zu müssen, wenn wir Ihnen mittheilen, daß wir auch Ihren jüngsten Artikel ungedruckt lassen mußten. Denn Sie haben in einem uns ganz unerklärlichen Eifer auf Grund der augenblicklich <a class="pageref" name="page154">154</a> zwischen Frankreich und Rußland bestehenden Differenz, welche durch die Nichtauslieferung Hartmanns hervorgerufen worden ist, und die Abreise des Botschafters <i>Orloff</i> in ihrer Bedeutung überschätzend, einen Krieg zwischen den beiden genannten Mächten entbrennen lassen. Ihr erster Bericht schließt mit einer Schilderung der in St. Petersburg herrschenden Aufregung, des Geschreis der Russen: <tt>À Paris! à Paris!</tt>, der Abreise des französischen Botschafters und des Ausmarschs der Truppen. Ja, Sie wissen sogar von einem ersten Gefecht zwischen Zuaven und Kosaken zu erzählen!</big></p><p><big>Sie werden uns nach ruhiger Ueberlegung zugeben, daß wir für Sensationsnachrichten solcher Art keine Verwendung haben, so gerne wir bereit sind, der Leichtgläubigkeit und Neuigkeitssucht der Leser das Möglichste zuzumuthen.</big></p><p><big>Wir bitten Sie, nicht ungehalten zu sein, und erwarten einen anderen Beitrag.</big></p><p class="center"><big>Ergebenst</big></p><p class="right"><big><i>Die Redaktion</i>.</big></p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><a class="pageref" name="page155">155</a><i> Bernau</i>, den 25. März 1880.</p><p>Ich brauche Ihnen kaum noch zu sagen, daß mir Ihr geschätzter Brief ziemlich wurstgiltig gewesen ist. Es gab freilich eine Zeit, wo ich anders war und jeden Tadel für Tusch hielt, den ich mir nicht ungestraft blasen ließ. Aber nach und nach gewöhnt man sich ja an Alles, und schließlich wird man der Danaidenarbeit müde, leeres Stroh zu füllen. Was nützte es auch? Ich bin ja schon froh, daß Sie mir Ihre herbe Nase brieflich und nicht etwa in Gegenwart des ganzen <tt>Coram populo</tt> ertheilen.</p><p>Indeß kann ich doch meinen letzten Artikel nicht mit einem einfachen: Sanft ruhe sein Phönix! im Papierkorb begraben lassen. Der Krieg zwischen Frankreich und Rußland ist in meinen Augen – verzeihen Sie das harte Wort! – unausbleiblich. Man braucht, um denselben vorauszusehen, kein dreifüßiges Delphi zu sein. Rußland ist auf das Tiefste gekränkt. War es schon Seitens dieses Herrn Alias Hartmann kein schöner Zug, einen solchen in die Luft zu sprengen, so war es geradezu falsch, dies Verbrechen für ein politisches zu erklären und diesen Attentödter unter den Schutz des Völkerrechts zu stellen, anstatt ihn der Binde der Gerechtigkeit zu überliefern. Ein solcher Vogel ist frei.</p><p>Mißverstehen Sie mich gefälligst nicht. Ich bin Demokrat. In meinen Adern rollt die rothe Fahne, und ich will, daß ein Mann links sein soll. Aber meuchlings darf er nicht sein. Sie kennen die Schillersche Ballade: die <a class="pageref" name="page156">156</a> Bürgschaft des Ibykus. Da schleicht Möros zu Dionys, um ihn mit dem Dolch im Gewande zu tödten: Aug' in Auge, Zahn in Zahn. Das lasse ich gelten. Auf die Frage, was er da mit dem Dolche im Gewande herumkrauche, gesteht er offen ein, daß er dem Tyrannen die Krone ausblasen wollte, und wird unter Annahme mildernder Umstände zum Bereuen am Kreuze verurtheilt. Anders Hartmann, der, beiläufig bemerkt, nicht mit dem gleichnamigen Mitglied des Wiener Burgtheaters zu verwechseln ist. Wie ein Mundwurf gräbt er unter der Erde, das Dynamit im Gewande, einen Gang bis zum Bahnkörper und sprengt denselben in den Tag hinein, auf's Geratheschlecht hin, nicht wissend, ob er nicht das ganze Eisenbahnpersonal, das an den Fehlern der Romanoff gewiß unschuldig ist, tödtet. Dann flieht er unter dem festlichen Geläute des Schlittens, und nicht etwa, um, wie Möros, Schwager zu werden, sondern um sich als Schäfchen ins Trockene zu bringen. Ein solcher Mann – er heiße nun Hartmann oder Meyer – ist kein politischer Verbrecher.</p><p>Wenn ich also in der Nichtauslieferung dieses Mannes ein Hühnchen erblicke, welches der Zar mit Frankreich zu pflücken haben wird, so glaube ich nicht, mich auf dem falschen Holzwege zu befinden. Es kommt dazu, daß der Zar nervös geworden ist, so nervös, daß er den Löwen nicht krähen hören kann, ohne zu erschrecken. Ueberall sieht er die Fliege an der Wand, die ihn ärgert, überall glaubt <a class="pageref" name="page157">157</a> er sich von einem Dorn im Auge umgeben, überall wird sein Herz von irgend einem <tt>Crève</tt> erschüttert. Und solchen Thatsachen gegenüber sollte ein Berichterstatter, der etwas auf sein <tt>Qui-vive</tt> hält, zögern?</p><p>Nehmen Sie den einliegenden Artikel. Ihnen zu Liebe habe ich die französisch-russische Kriegsfurie nunmehr nicht eröffnet, indeß können wir immerhin in die Lärmtrommel stoßen, denn eine Verstimmung ist vorhanden, und es bedarf nur eines Wortes, und die Lawine steigt drohend empor. Und vor Allem – denken Sie an die Krieg-in-Sicht-Artikel der Nordpindter Allgemeinen Zeitung und rechnen Sie mit pupillarischer Sicherheit auf ein großes Aufsehen.</p><p>Wenn Sie schließlich glauben, daß ich Sie um einen Vorschuß ersuchen werde, so kann ich dies in allen Theilen bestätigen. Ja, senden Sie mir gefälligst, da, wie ich lese, Canossamünzen dort nicht geschlagen werden, 25 Papierrubel zum Course von 214,60.</p><p class="stars"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></p><p class="right"><i>St. Petersburg</i>, den 12./24. März 1880.</p><p><tt>W.</tt> Seit jede Hoffnung verschwunden ist, Hartmann aus Gallien zurückgebracht und an einem solchen hier hängen zu sehen, hat sich die Verstimmung gegen den bisherigen Alliirten bis zur Feindseligkeit verstärkt. Wenn auch die bekannte in London auf apokryphischem Wege veröffentlichte Erklärung nicht von Hartmann herrührt, – ich erkannte dies <a class="pageref" name="page158">158</a> natürlich sofort, – so hat er doch in seinem Widerruf erklärt, daß er in Moskau die Hand im Dynamit gehabt habe, und Rußland ist jetzt natürlich um so außer sicher.</p><p>Ich war auf dem Bahnhof, als der französische Botschafter daselbst seine Pässe packte, während der russische Botschafter aus Paris ankam. General Chanzy und Graf Orloff reichten sich stumm die Hände und sprachen etwa eine Viertelstunde zusammen. Weiter wurde kein Wort gewechselt. Aber es war mir doch möglich, einige Worte zu erhaschen, und diese lauteten: <tt>Guerre</tt> . . . <tt>Bataille</tt> . . . <tt>Batterie</tt> . . . <tt>Beresina</tt> . . . <i>Erbswurst</i> . . . <tt>Waterloo</tt> . . . <tt>Levée en masse</tt> . . . Ich will keine Schlüsse aus diesen Worten ziehen, aber sie klangen doch wie ebenso viele Flöhe in meinen Ohren.</p><p>Aus Moskau höre ich heute, daß dort für den Fall, daß <i>Grévy</i> seinen Einzug hielte, <i>Rostopschin</i> erneuert werden und kein Haus auf dem andern bleiben sollte.</p><p>Der »Golos« macht heute aus seiner Front gegen Deutschland kein Hehl, indem er meint, Deutschland habe hinter der Nichtauslieferung gesteckt, um aus Frankreich und Rußland zwei Pole zu machen, die sich den Rücken kehren. Dahin ist es schon gekommen!</p><p>Sie sehen, Europa tanzt aus einem Pulverfaß. Ein Funken, und es läuft über! Gebe der Himmel, daß ich Sie täusche!</p></div><p> </p><p class="center"><img alt="" src="bilder/s160.png" width="20%"/></p></text></TEI>