<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Die Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/1019259787">Liebstöckl, Hans</persName><country>Deutschland, Österreich</country><birth>1872.0</birth><death>1934.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
                                        Basismetadaten</note><idno type="URLWeb">http://gutenberg.spiegel.de</idno></resp></respStmt><respStmt><orgName ref="http://www.textgrid.de">TextGrid</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Langfristige Bereitstellung der
                                        Dokumente</note><ref target="http://textgridrep.de"/></resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition>Vollständige digitalisierte Ausgabe.</edition></editionStmt><extent><measure type="tokens">115140</measure><measure type="types"/><measure type="characters"/><tei:measure quantity="48.43" type="FleschReadingEase" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="9.93" type="nWS1" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="10.12" type="nWS2" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="10.17" type="nWS3" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="10.73" type="nWS4" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="54.03" type="LIX" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="7.05" type="RIX" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="-27274.05" type="KuntzschsText-Redundanz-Index" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="5.79" type="TuldavasTextDifficultyFormula" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/><tei:measure quantity="109.08" type="Wheeler-Smith" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"/></extent><publicationStmt><publisher xml:id="kolimo"><!-- value of attribute "xml:id" is invalid; must be equal to "DTACorpusPublisher" --><email>jb.herrmann@phil.uni-goettingen.de</email><orgName role="project">Kolimo - Korpus der Literarischen Moderne</orgName><orgName role="hostingInstitution" xml:lang="de">Seminar für Deutsche
                                    Philologie, Georg-August-Universität Göttingen</orgName><address><addrLine>Käthe-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen</addrLine><country>Germany</country></address></publisher><pubPlace>Göttingen</pubPlace><date type="publication">2016-06</date><availability corresp="#textsource-1" xml:id="availability-textsource-1"><licence target="http://gutenberg.spiegel.de/information"><p>nicht-kommerzielle Nutzung frei</p></licence></availability><idno type="kolimo">kid30459</idno></publicationStmt><notesStmt><!--kolimo-date is an aproximation for publication year and is derived from author birth year +20--><note type="SourcePath">/liebstoe/geheimwi/geheimwi.xml</note><note type="kolimo-date">1892</note><note type="author-gender">männlich</note></notesStmt><sourceDesc><biblFull><titleStmt><title level="m" type="main">Die Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit</title><author><persName><author><persName ref=""><forename>Hans</forename><surname>Liebstoeckl</surname></persName></author></persName></author></titleStmt><publicationStmt><publisher><name>Amalthea-Verlag</name></publisher><date type="publication">1932</date></publicationStmt></biblFull></sourceDesc></fileDesc><encodingDesc><editorialDecl><p>
                                Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: ignoriert; fremdsprachliches
                                Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe;
                                Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): keine Angabe; i/j in
                                Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine
                                Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert;
                                Normalisierungen: stillschweigend; rundes r (\&amp;amp;#xa75b;): als r/et
                                transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: keine Angabe; u/v
                                bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert;
                                Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: keine Angabe;
                                Zeilenumbrüche markiert: nein; </p></editorialDecl></encodingDesc><profileDesc><languageUsage><language>de-DE</language><!--  Standardwert, wird bei Bedarf geändert  --></languageUsage><creation><date type="OriginalSourcePublication">1932</date></creation><textClass><keywords scheme="http://gutenberg.spiegel.de/genre/"><list><item>tractate</item></list></keywords><keywords scheme="http://kolimo.uni-goettingen.de/metadata#literature-non-literature"><list><item>non-literature</item></list></keywords><keywords scheme="http://kolimo.uni-goettingen.de/metadata#history-of-literature"><list><item>undefined</item></list></keywords><keywords scheme="kolimo_genre"><list><item>long</item></list></keywords><keywords scheme="eltec_genre"><list><item>veryShort</item></list></keywords><keywords scheme="timeslot"><!--timeslot is based on kolimo-date--><list><item>1860-1879</item></list></keywords><keywords scheme="translation"><list><item>Original</item></list></keywords><keywords scheme="textgrid_genre"><list><item>non-fiction</item></list></keywords></textClass></profileDesc><revisionDesc><listChange><change when="2017-01-16T12:48:39.642+01:00" who="franz">GNDIDCONFIRM  1019259787</change></listChange></revisionDesc></teiHeader><text><div class="chapter" id="titlepage"><h3 class="author">Hans Liebstoeckl</h3><h2 class="title">Die Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit</h2><p> </p><p class="center">Amalthea-Verlag
      <br/> Zürich Leipzig Wien</p><p> </p><p class="centersml">Alle Rechte vorbehalten.
      <br/>Printed in Austria</p><p> </p><p class="center">Copyright 1932 by Amalthea-Verlag, Wien</p><p class="centersml">Druck: St. Norbertus-Druckerei, Wien III.</p><p><a id="page3" name="page3" title="Wunibald/cal"/></p><p> </p><p> </p><div class="motto"><p>Ο γάρ χαιράς έγγύς
        <br/> Denn die Zeit ist nahe</p><p><i>(Apokalypse I, 3.)</i></p></div><p> </p><p> </p><p><a id="page1" name="page1" title="Wunibald/cal"/><a id="page2" name="page2" title="Wunibald/cal"/><a id="page4" name="page4" title="Wunibald/cal"/><a id="page5" name="page5" title="Wunibald/cal"/></p></div><div class="chapter" id="chap001"><h3>Vorwort</h3><p>Alle regsamen Geister dieser Erde sind dem Problem der verborgenen Dinge und den merkwürdigen Kundgebungen von der anderen Seite des Daseins in ihrer Weise begegnet, je nach Schicksal und Neigung. Die großen Lehrer der Menschheit, im wahren Lichte geboren und auf diesem Planeten wandelnd, um das schöpferische Wort auf Erden zu verkünden und zu hüten, sind über die Grundformen alles Geschaffenen, über Erscheinung, Wesen und Sinn der menschlichen Angelegenheiten auf diesem Stern von Anbeginn an einig gewesen; sie bewahrten die heilige Erinnerung an den Ursprung alles Daseins und ihr Leben war ein Opfer, das sie, der ewigen Heimat freiwillig entsagend, als Brüder, Genossen und Freunde des Menschen brachten.</p><p>Oft genug in den drei Jahrzehnten intensiver Arbeit, die ich an das Problem der Geheimwissenschaften gewendet habe, bin ich gefragt worden: »Wo sollen wir beginnen?« »Was sollen wir lesen?« »Wo ist das Bleibende und Verläßliche?« »Wie kommen wir dazu, uns jenes Wissen anzueignen, ohne Berufsstörung, ohne in Einöden zu flüchten, ohne der Pflichten gegen die Pflicht zu vergessen?« »Welche Schriften zu diesem Gegenstand entsprechen unserer Geisteslage und jener der Zeit, in der wir leben?« Manchmal ward wohl auch schüchtern oder ironisch hinzugesetzt: »und wozu?«. »Was kommt denn schon dabei heraus?« Alle Welt greift heute nach okkulten Büchern, läuft in Vorträge oder schließt sich Geheimgesellschaften an, die oft mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften und nicht selten just den billigsten Weisheitsplunder zu unverdienten Ehren bringen. Es gibt Berge von Schriften, die solche Gebiete behandeln; sie hinterlassen freilich zumeist einen recht zwiespältigen Eindruck. Sogar die 
      <a id="page6" name="page6" title="Wunibald/cal"/>hohe Wissenschaft steigt heute schon vom Katheder, wird gesprächig, sammelt und ordnet seltsame Erscheinungen und Erlebnisse unter mannigfachen, das Wesen der Sache nur lose berührenden Titeln, häuft mystisches Material, interessiert sich für die Geschichte übersinnlicher Tatbestände und läßt durchblicken, daß sie sich gern mit diesen Problemen beschäftigen würde, wenn man die geliebten und, ach, so angesehenen Vorurteile beibehalten dürfte und obendrein nicht Gefahr liefe, den Nimbus eines »exakten Forschers« einzubüßen. Fast über Nacht entstand sogar etwas wie eine okkulte Wissenschaft. Sie steigt, durch Tatsachen gezwungen, vom fahlen Rosse des Agnostizismus, um sich zu äußern, bindet ihr Steckenpferd an den verdorrten Baum »voraussetzungsloser« Erkenntnis und schlägt sich errötend ins Gebüsch. Man beobachtet, erwägt, klassifiziert und häuft Berge von Material und Annahmen auf. Nicht viel besser ergeht es der zünftigen Philosophie auf ihren erbgesessenen Lehrstühlen: ein Teil der staatlichen Weisheitslehrer bleibt unbekümmert beim alten Leisten; eine andere Gruppe schwenkt heimlich grüßend am »Ding an sich« vorbei, das zu berühren der große Immanuel verbot oder doch unter besondere Erlaubnis stellte. Kants Universalerben halten an diesem veralteten Brauch noch heute fest: Besichtigung der übersinnlichen Welten bleibt nach wie vor an bestimmte Besuchszeiten und an die Vorweisung der Prolegomena geknüpft. Vergebliche Mühe! Auf dem Grabe der an Entkräftigung dahingeschwundenen Schulphilosophie pflanzen heute die Herren Parapsychiker und Parapsychologen ihre in unbestimmbaren Farben schillernde Fahne einer neuen Wissenschaft auf, um die sich Ärzte, Physiker und Philosophen versammeln. Es gibt Laboratorien und Institute für die Erforschung derselben Seele, die der arme Bechterew, kurz nachdem er entdeckt hatte, daß sie »bloß« auf einige bescheidene »Reflexe« zurückzuführen ist, auszuhauchen gezwungen war. Es gibt im Betriebe dieser neuen Wissenschaft Zwangsjacken, Leuchtnadeln, Handschellen, 
      <a id="page7" name="page7" title="Wunibald/cal"/>Berufstaschenspieler, Gaukler und Salonmagier aller Art als »Experten«, Kontroll- und Alarmapparate, Photo und Kino und nicht zuletzt mindestens täglich zweimal frische Hypothesen und Theorien. Freilich verraten diese Bestrebungen insgesamt nichts anderes als das schlechte Gewissen derer, die sich solcher Zurichtungen bedienen, und sie erweisen zuguterletzt doch nicht mehr als den gründlichen Wandel, der sich im Gange der menschlichen Anschauungen vollzogen hat. Gewiß ist auch da viel redlicher Wille vorhanden; sicherlich fällt es nicht leicht, das alte, trautgewöhnte »exakte« Weltbild von sich zu werfen, und der Abschied vom, wissenschaftlichen Denken bleibt eine schmerzliche Angelegenheit. Es geht den Herren nicht gut und sie müssen mancherlei leiden; das ist aber ganz gesund für sie selbst und vielleicht sogar nützlich für die Allgemeinheit.</p><p>Verhältnismäßig langsam tastet sich die Tagespresse auf den okkulten Gebieten vorwärts; sie bekommt gewöhnlich erst recht spät Kenntnis vom Wandel der Dinge, dem Ehemann gleichend, der von der Untreue seiner Frau zuletzt erfährt, ist über das Wesen übersinnlicher Erkenntnis, ganz im Widerspruch zu sonstiger journalistischer Fixigkeit und Tüchtigkeit, noch immer sehr mangelhaft informiert und erschöpft sich in Rückzugsgefechten, den nachsetzenden Feind beschießend, von der Hochschulartillerie zur Not im Rücken gedeckt. Ihre Schlachtenberichte vom geistigen Kriegsschauplatz sind oft gefärbt, oft auch ohne Absicht unklar und verschleiern gerne den wahren Sachverhalt. Anderseits machen die meisten okkulten Schriften leider einen so primitiven Eindruck, sind so billig und salbungsvoll in ihrem ganzen Gehaben, daß man wohl versteht, wenn die Abneigung, die sie erwecken, unwillkürlich auf die Sache selbst überspringt. So bleibt denn schließlich der Eindruck vorherrschend, daß es sich hier überhaupt bloß um »neue Illusionen« handelt oder gar um »verkappte Religionen«, daß in der Beschäftigung mit allen diesen Dingen obendrein Gefahr für 
      <a id="page8" name="page8" title="Wunibald/gary"/>den gesunden Verstand liegt und daß man, um sich auf diesem Gebiete vorwärts zu bewegen, härene Kleider anlegen oder gar Heuschrecken verspeisen müsse. Viele Menschen haben übrigens von Haus aus Abscheu vor allem »Verborgenen« und lassen durchblicken, daß man »das alles« ja ohnehin nach dem Tode erleben werde; auch sind etliche aus ihrer persönlichen Grundstimmung heraus Gegner der »Ansicht«, daß der Mensch im Jenseits weiterdauere, und nicht selten hört man den anscheinend triftigen Einwand, warum die Erinnerung an unsere früheren Erdenleben, wenn es diese überhaupt gebe, nicht mehr vorhanden sei ...</p><p>Am ehesten wären die Menschen unserer Zeit noch für den Teufel zu haben, mit dem sie unbedenklich einen Pakt schließen würden, wenn sie bloß wüßten, ob Satan seine Versprechungen auch richtig einhält. Lieber als an Gott glaubt der echte Freigeist an den Teufel und seine Pulse schlagen unwillkürlich höher, wenn man ihm zuflüstert, daß es magische Kräfte, Formeln und Operationen gibt, die erstaunlich sind und die sich zu jeder Art Unfug gebrauchen lassen. Manche geheimtuenden und mit feierlichen Ritualen ausgestatteten Gesellschaften, die allerhand schwarzmagischen Spuk treiben oder, besser gesagt, treiben möchten, wenn sie die dazu nötigen Kräfte entwickeln könnten, geben leider klares Zeugnis teils für die Unwissenheit der gegenwärtigen Generation, teils für deren böse Instinkte. Es wimmelt von Meistern, die ihren Anhängern unerhörte Wonnen versprechen und die sich besonders dadurch beliebt machen, daß sie nicht nur okkulte, sondern auch sexuelle Sensationen bieten. Das alles lernt man, ins Dickicht okkulter Probleme geraten, rasch und zur Genüge kennen. Augenblicklich schlägt ja die Waage der Menschheit unstreitig zugunsten des Bösen aus. In allen Schauläden unserer Großstädte kann man zur Weihnachtszeit den Satan als sinniges Geschenk für die lieben Kleinen sehen; er streckt die Zunge weit heraus und blickt mit 
      <a id="page9" name="page9" title="Wunibald/gary"/>glühenden Augen triumphierend in die Welt, die ihm allein zu gehören scheint. Der früher einmal so beliebte, brave, weißbärtige Nikolo, der die Bischofsmütze auf dem Kopfe trägt und den Hirtenstab in der Hand hält, steht heute meist nur mehr ganz unbeachtet, in kleinster Ausführung und sichtlich bedrückt, in der Ecke, tief bekümmert ob seines schwierigen Amtes, das ebenso lächerlich als undankbar geworden ist. All dem gesellt sich der Jammer der Politik und das allgemeine Absterben selbst der primitivsten spirituellen Gefühle hinzu. Die katholische Kirche, so scheint es, sieht und hört nicht, was vorgeht. Sie steckt den Kopf in den Sand und verliert offenkundig an Macht und Ansehen; merkwürdigerweise steht sie mit der materialistischen und sogenannten »voraussetzungslosen« Wissenschaft auf freundschaftlichstem Fuß; sie ist zum Beispiel deren eifrigster Bundesgenosse im Kampfe gegen den Spiritismus, der ihre Kreise sichtlich stört; sie täuscht aber damit sich und die Menschen, indem sie leichthin annimmt, daß sie alle Stürme überdauern wird, die an ihrem rund erst fünfzehnhundert Jahre alten Bau rütteln. Nicht besser steht es allerdings um die reformierten Gemeinschaften im allgemeinen und den Protestantismus im besonderen; er nähert sich heute schon teils der katholischen Mentalität, teils dem Ideal einer sogenannten »natürlichen Religion«, ohne aus der allgemeinen Liquidation der gegenwärtigen Freimaurerei irgendwelchen Nutzen ziehen zu können. Weder die Kirche noch die Freimaurer besitzen heute entscheidende Kräfte; sie vegetieren nebeneinander, bleiben bei ihren überholten Formen und längst dahingeschwundenen Voraussetzungen, waren im Kriege zu derselben Ohnmacht verurteilt und auch nachher so schwach und unfruchtbar, daß sie nicht einmal dem Bolschewismus an den Leib zu rücken vermochten, der der Welt das dreiste und infame Schauspiel einer hinterlistigen Etablierung von Gruppenseelen aus getöteten Ichs bietet.</p><p>Wie dem immer sei: die Welt ist mit ihrem Latein wieder einmal 
      <a id="page10" name="page10" title="Wunibald/gary"/>zu Ende, obschon sie nach außen unleugbare Fortschritte gemacht hat und auf Errungenschaften aller Art hinweisen kann. Gerade dieser schreiende Widerspruch zwischen dem äußeren Glanz eines findigen und tatenfrohen Zeitalters und seinem inneren Elend erscheint dem Auge des Menschenfreundes als etwas ungeheuer Tragisches. So leicht und einfach, wie sich Herr Spengler den »Untergang des Abendlandes« und den Ersatz durch Maschine, Technik und reale Betätigung vorstellt, liegen die Dinge aber keineswegs. Was bleibt denn übrig, wenn das Seelische und Geistige von dieser Erde endgültig Abschied genommen haben? Ein Haufen ineinander verkrampfter niederer Lebewesen, die alles vom Tierischen stammende Leid auf sich nehmen, obzwar sie nicht einmal mehr den Instinkt der niederen Tiere besitzen. Unermeßliche Trauer liegt über den Abgründen des gegenwärtigen Lebens. Seine äußere Fülle und Beweglichkeit, sein Reichtum an Formen und seine Triumphe auf mancherlei Gebieten können niemanden täuschen, der sich liebevollen Blick für den wahren Stand der Dinge bewahrt hat.</p><p>Die erste Schicksalsstunde der Menschheit war das Ereignis auf Golgatha, in der zweiten steht der Mensch unserer Tage, und für ihn gelten die Worte der Apokalypse: »denn siehe, die Zeit ist nahe!« Schon wehrt sich die Erde selbst gegen das mißratene Geschlecht, das sie auf ihrem Rücken trägt. Eben daran, ihr scheinbar letztes Geheimnis an die Zertrümmerer der Atome zu verlieren, ohne Geist angegriffen und wie ein lebloses Wesen traktiert, sammelt sie ihre »rohe Kraft« und setzt diese ihrem Peiniger und Herrn Aug' um Auge, Zahn um Zahn entgegen. Ihre Waffe ist die Katastrophe; der Boden erhebt sich gegen die plumpen Füße der Menschen, und es geschehen, wenn auch unverstandener denn je, wiederum Zeichen und Wunder. Sie heißen wohl nicht mehr so, aber die Unbehaglichkeit, die sie dem nüchternen Verstände bereiten, ist dieselbe geblieben; man murmelt etwas von »unerforschten Kräften« und sucht eine Art 
      <a id="page11" name="page11" title="Wunibald/gary"/>wissenschaftlicher Orientierung durch Hintertüren in das neue Weltbild hinüberzuretten. Indes schreiten die Botschaften aus der geistigen Welt unerbittlich weiter. Das Medium Valiantine läßt die »Stimme der Toten« hören, Mirabelli, die »Toten« selbst erscheinen. Aus der Flut vergangener Zeiten taucht das alte Wissen auf und erhebt sein Haupt gegen die entgötterte Welt. Alchimie und alte Geisteswissenschaften, Magie und Yoga erscheinen immer wieder als neue Verlockung, aber das alles sind nur Symptome und nicht die Sache selbst.</p><p>Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist die Geschichte des menschlichen Bewußtseins; Menschengeschichte: Bewußtseinsgeschichte!</p><p>Mein Buch will einen Gesamtüberblick über das Wissen der Gegenwart um die andere Seite des Daseins und über den Stand der verborgenen Dinge in dieser zweiten Schicksalsstunde der Menschheit geben, als eine Kritik der höheren Vernunft und einwandfreie Feststellung ihrer bleibenden, ewigen Werte. Es unternimmt, in Ursprung, Wesen und Erscheinung der sichtbaren wie der unsichtbaren Welten einzuführen; in die Stufen menschlicher Bewußtheit, in die Geheimlehre des Abendlandes, in die prima philosophia, in die einzige und wahre Metaphysik, die es gibt: in das übersinnliche Leben und die übersinnliche Erkenntnis. Es will niemandem ersparen, geschweige denn verwehren, die großen und grundlegenden Arbeiten auf diesem Gebiete heranzuziehen und mit minutiösester Sorgfalt zu studieren. Das gilt insbesondere vom gigantischen und wahrhaft erhabenen Lebenswerk Rudolf Steiners, der, ein Rufer in der Wüste, die zweite Stunde der Menschheit vollkommen erschaute und durchdrang, umsichtig vorbereitend, was nun zu geschehen hat. In Steiners Zeichen erlebt und geschrieben, will mein Buch dem unbefangenen und von Vorurteilen unbeschwerten Leser die richtigen und heute allein gangbaren Wege weisen, ihn zumindest davor schützen, 
      <a id="page12" name="page12" title="Wunibald/gary"/>sich erst durch den Wust einer überaus üppigen, grotesken und oft haarsträubend verstiegenen Literatur alter und neuer Herkunft durchzuarbeiten, die eine klare und geläuterte Erkenntnis der außerordentlich schwierigen Probleme und der schier unübersehbaren Materie fast vollkommen unmöglich macht. So erklärt sich denn auch, daß ich an bestimmten Stellen und wo es die Sache verlangt, zum Angriff übergehe, der nur dann persönlich wird, wenn eben die persönliche Seite eines Schriftstellers von seiner anfechtbaren und schädlichen Wirksamkeit auf dem Gebiete übersinnlicher Erkenntnis unmöglich getrennt werden kann. Mein Buch steht weder im Dienste einer Sekte, noch verfolgt es irgend welche geheime Zwecke. Das religiöse Gebiet und verwandte Versuche, schwankendes Vertrauen in die Methoden der absterbenden Kirchen aufs neue zu befestigen, habe ich nur gelegentlich gestreift, desgleichen Erscheinungen, die, streng genommen, gar nicht zum Thema gehören, wie Hypnose, Telekinese, Telepathie und dergleichen Disziplinen, in denen sich die Metaphysik des Dilettanten am liebsten austobt.</p><p>Die Geburt der Anthroposophie aus dem Geiste des Christus hat all diesem Spuk ein Ende gesetzt. Vor den Strahlen geisteswissenschaftlicher Einsicht erblassen Lichter, die einst Irrwischen gleich auf das Dasein höherer Welten deuteten, aber den einzigen gangbaren Pfad zu reinem Wissen um Gott, Welt und Mensch verbargen oder verschleierten. Was vor Steiners Anthroposophie liegt, kann dem befreiten Auge nur noch als ein bescheidenes Vorspiel oder als Schatten, den das große Ereignis vorauswarf, erscheinen. Hier ist, was die Menschheit sucht: das neue Leben, den Himmel, die Erde und das Fegefeuer vergangener Zeiten weit hinter sich lassend.</p><p>Indem ich den Weg wies, den ich selbst gegangen bin, konnte ich freilich der Verlockung nicht ausweichen, die wichtigsten der markierten Steige und Pfade unterirdischer Art kritisch zu behandeln und die Haltbarkeit der heute gangbaren okkulten 
      <a id="page13" name="page13" title="Wunibald/gary"/>Brücken, Pontons und Trajekte unserer Zeit mitzuuntersuchen. Der Gegend kundig und mit ihr durch eigene Wanderschaft wohlvertraut, bin ich an keiner markanten und wesentlichen Erscheinung auf dem schier unübersehbaren Gebiet des okkulten Lebens unserer Zeit achtlos vorbeigegangen. Daß diese kritische Arbeit einmal getan werden mußte, wird der uneingeweihte Leser wohl erst dann einsehen, wenn er sich durch mein Buch durchgelesen hat.</p><p>Die Luft des Abendlandes ist voll von schwelenden Dünsten und angesammelten Gewittern. Mein Buch will Donars Hammer mitschwingen helfen, um die Atmosphäre für den Regenbogen frei zu machen, der Ost und West verbindet und den neuen Bund der göttlichen Welt mit der irdischen besiegelt!</p><p class="right">Wien, im Sommer 1931.
      <br/>Hans Liebstoeckl</p><p><a id="page14" name="page14" title="Wunibald/gary"/><a id="page15" name="page15" title="elbinger/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap002"><h3>Einleitung</h3><h4>I.
      <br/> Nicht Mystik, sondern Geheimwissen!</h4><p>Unter Geheimwissen versteht man gemeiniglich jene Erkenntnis von der Welt, von der Erde und vom Menschen, die nicht nur auf »geheime« Weise zustande kommt, sondern auch bis zu einem gewissen Zeitpunkt bewußt geheimgehalten wurde. Die »Geheimwissenschaften« sind bloß einzelne Zweige des gesamten Geheimwissens und umfassen nicht nur die Theorie, sondern auch die Anwendung der für gewöhnlich verborgenen Einsichten. Geheimes wissen und geheim Gewußtes geheimhalten setzt also genau so ein auf Erlangung solcher Einsicht gerichtetes Streben voraus, wie es sich auf Erfahrung stützt; man muß seinen Bestand an okkulter (im Gegensatz zu profaner) Erkenntnis erwerben und den Weg suchen, auf dem sie erlangt wird. Die Ausdrücke: esoterisches und exoterisches, okkultes und profanes Wissen sagen genau dasselbe; sie setzen der auf materielle und durch die »fünf« Sinne vermittelten Art erworbener Einsicht andere, höhere Erkenntnisweisen entgegen, die sich auf ein erweitertes Bewußtsein stützen, und sind vom mystischen, auf ungeordnete oder gewaltsame Weise, oder durch Lähmung und Verdämmerung des Bewußtseins entstandenen Erlebnis streng zu unterscheiden. Nicht von den Ekstasen und Schauungen religiös mystischer Naturen ist also hier die Rede, wenngleich auch diese nur geheimwissenschaftlich erforscht und erklärt werden können, sondern von einem klaren Wissen um die Welt des Übersinnlichen, der gewöhnlichen Einsicht und Erfahrung Verschlossenen. Die gewöhnliche Sprech- und Denkweise hat gänzlich 
      <a id="page16" name="page16" title="elbinger/gary"/>verschwommene Vorstellungen von diesen Tatbeständen; sie verwechselt ohne Unterlaß Begriffe, die sie nicht abgrenzen kann, mit Zuständen und Erlebnissen, die ihr fremd sind und fremd bleiben müssen. Auf keinem anderen Gebiete menschlicher Betätigung herrscht ärgere Verwirrung als auf diesem, das schon seiner Natur nach allerhand dunkle, lichtscheue und auch als Charaktere höchst problematische Elemente um sich versammelt.</p><h4>II.
      <br/> Einwände: die Uhr ohne den Uhrmacher</h4><p>Der gewöhnlichste und zugleich billigste Einwand, der gegen die Definition des Geheimwissens als einer verborgenen Einsicht erhoben wird, beschränkt sich darauf, zu behaupten, es gebe überhaupt kein geheimes, nicht allen Menschen auf gleiche Art zugängliches Wissen, sondern handle sich im besten Falle bloß um ein Meinen, ein vermeintliches »Haben« von Erkenntnissen, um eingebildete und oft unsauberen Zwecken dienende Gedanken-, Wort- und Werkmanipulationen verstiegener Geister, die von Haus aus nicht gewohnt sind, sich an die Logik zu halten, und die ihren infantilen »Glauben« an solche Dinge für Wissen ansehen oder gar ausgeben. Auf diesem Standpunkt, so primitiv und unhaltbar er sein mag, steht natürlich zum größten Teil die zünftige Kathederphilosophie und mit ihr im innigen Bunde die exakte Wissenschaft, oft genug ein eigenartiges Gemisch von Halbwissen, Dünkel und schlechten Manieren, das allenthalben in großem Ansehen steht, als Brotberuf betrieben wird und obendrein die ihr sinnesverwandte öffentliche Meinung beherrscht. Wissenschaft und zünftige Philosophie tun aber sehr unrecht daran, diesen ablehnenden Standpunkt einzunehmen, der seit Jahrtausenden bis zum heutigen Tage durch die Tatsachen reichlieh widerlegt wird. Die Welt, die Erde und die Menschheit bleiben für Leute, die nicht vernünftig genug sind, 
      <a id="page17" name="page17" title="ktine/gary"/>außerhalb der »reinen Vernunft« vorhandene, weit ergiebigere Erkenntnisquellen zu Rate zu ziehen, vollkommene Rätsel. Weder die landläufigen Weltentstehungshypothesen, noch die Ergebnisse der »natürlichen Schöpfungsgeschichte«, noch die Hauptgesichtspunkte der »Entwicklungslehre« sind danach angetan, Licht in ein Dunkel zu tragen, das durch »Zufall« Entstandenes wiederum dem »Zufall« preisgibt. Mit dem moralischen Sittengesetz im Innern läßt sich das große Mysterium Welt und Leben nicht um einen Zoll von der Stelle bewegen. Sind schon Zeugung und Geburt für den bloßen Verstand und die reine Vernunft etwas gänzlich Unbegreifliches, so erleidet die menschliche Einsicht im Augenblicke, da der Tod auf die Szene tritt, offenkündigen Schiffbruch. Eine Fülle rätselhafter Schicksale und Ereignisse, wie sie täglich in unseren Zeitungen zu finden sind, bleibt, wo die »fünf« Sinne allein sprechen, ohne jede Deutung. Schlaf und Traum, Gedächtnis und Erinnerung, ganz abgesehen von un- oder übernatürlichen Fähigkeiten, die gegenwärtig immer häufiger beobachtet werden, erweisen in jedem Falle aufs neue, daß das enge Blick- und Erlebnisfeld des Durchschnittsverstandes gegenüber der Wucht und Menge überirdischer Erscheinungen hilflos versagt. So besteht denn das, was die materialistische und rationalistische Weltanschauung unter Leben und Erkennen »begreift«, in Wahrheit nur aus einer sehr dürftigen Zusammenfassung von Merkmalen, die sich im besten Falle genau beschreiben lassen, die aber ebensowenig über das Hinter-den-Dingen aussagen können, wie etwa die Uhr und ihr Mechanismus, mit toten Augen geschaut, vom Uhrmacher und seinem Wesen Kunde geben.</p><h4>III.
      <br/> Vom Dunkel unserer Zeit</h4><p>Die Hauptfehlerquelle, daraus unsere landläufige, vom Tagesbewußtsein abgeleitete Erkenntnis ihre grundlegenden Irrtümer 
      <a id="page18" name="page18" title="Dr.Nani/gary"/>schöpft, liegt in der vollkommen falschen Einstellung zur Vergangenheit und deren Kräften, insbesonders zu den Mythen, Märchen, Sagen, Legenden und sonstigen Urkunden verflossener Zeiten. Die gewöhnliche Meinung geht dahin, daß unsere Zeit vorläufig den Gipfel der Kultur darstellt, daß sie, so mannigfache Gebrechen und Schattenseiten sie auch aufweisen möge, doch durch völlige Zerstörung alles mythischen und unaufgeklärten Denkens hervorrage, sich vom »Glauben« und »Aberglauben« völlig losgemacht habe und der Unwissenheit, Beschränktheit und Einfalt unserer Vorfahren nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln zu zollen wisse. Man nimmt in der Regel an, die Menschheit sei eben lange Zeit in den Kinderschuhen gesteckt, habe die Flegeljahre noch nicht ganz hinter sich und wäre nun im gegenwärtigen Zeitpunkte, der an äußeren Erfolgen und Errungenschaften so reich ist, eben bei der Entwicklung zum reifen, ganz auf sich selbst und seine Erkenntnis gestellten Beherrscher der Erde angelangt. Dieser Zustand, fälschlich Fortschritt genannt, erfüllt seine Nutznießer und Verteidiger mit großem Stolz, denn er scheint zu verheißen, daß, wenn es so weitergeht, immer neue Einsichten in das Wesen der Atome und damit der Materie erwartet werden dürfen, die, vielleicht, eines Tages gestatten könnten, in Gottes Werkstatt einzudringen und, unabhängig von Ihm, ja sogar vielleicht gegen Ihn, Leben zu erzeugen und das ganze Welttheater in eigene Regie zu übernehmen. In Wahrheit müßte denkenden Leuten doch auffallen, daß die Menschheit zu altersgrauen Zeiten, wo sie, nach der Ansicht unserer Entwicklungslehre, dem tierischen Standpunkte noch sehr nahe gewesen sein müßte, just die tiefsten und erhabensten Urtriebe ihres großen, weihevollen und tief ernsten Denkens, Fühlens und Wollens offenbart, mit denen verglichen die gepriesenen Geisteserzeugnisse unserer Kultur ein leichtfertiges und sehr seichtes Gestammel darstellen, nicht wert, daß man es zur Kenntnis nimmt oder sich gar näher damit befaßt. 
      <a id="page19" name="page19" title="Dr.Nani/cal"/>Schon ein flüchtiger Blick auf die Höhenzüge der alten Kulturen, die noch in Sagen, Mythen, in Legenden »steckten«, lehrt das Gegenteil von dem, was der moderne Menschenverstand in bezug auf die Vergangenheit für wahr haben möchte. Die alten Kulturen standen dem Geheimnis der Welt, der Erde und der Menschheit weit näher als wir; sie sahen das Leben ganz anders und blickten ungleich tiefer in das Wesen und die Zusammenhänge der Dinge. Auch unsere Zeit hat ihre Mystik, ihre Dämonie, ihren Mythos (so den von der Maschine und von der »Masse Mensch«), man hat aber gar nicht schwer, zu erkennen, daß dieser Mythus nur den Widerschein unserer entsetzlich leeren, ungeistigen und unmusischen Betriebsamkeit zurückwirft. Es liegt sohin nahe, anzunehmen, die Menschheit habe den gegenwärtigen Gipfel ihrer gepriesenen Verstandeskultur nur unter Hingabe und Aufopferung anderer Eigenschaften erlangt, die sie einst besaß und die den Tieren erhalten geblieben sind: Instinkt und Witterung voran. Die Menschen der alten Zeit waren der Gottheit ebenso nahe, wie sich der Mensch von heute dem Tiere nähert: der Triebhaftigkeit und Primitivität eines auf Masse orientierten Herdeninstinktes. Das Altertum hat keine Zivilisation in unserem Sinne gehabt, aber ungeheuer viel Kultur. Der moderne Mensch begnügt sich mit seiner Zivilisation, die er für Kultur ausgibt.</p><h4>IV.
      <br/> Das Geheimnis im Ichkern</h4><p>Das Geheimnis alles Geheimwissens steckt im Ichkern des Menschen: er ist Träger des Bewußtseins und ewiger Bestandteil der menschlichen Wesenheit. Von hier aus allein kann die menschliche Bewußtseinslage verändert und auf die übersinnliche Welt erweitert werden, was sich selbst für profane Zeugen nach einem bestimmten Plane zu vollziehen scheint. Im Ichkern sitzt der Keim zu neuen Kulturen, Bewußtseinslagen und 
      <a id="page20" name="page20" title="Dr.Nani/gary"/>Höherentwicklungen der Menschheit. Von der Stufe, die das Ich erreicht hat, hängen auch das Äußere des Menschen, seine Körperlichkeit, Form und Ausdruck des Antlitzes, Farbe, Lebhaftigkeit und seelischer Gehalt des Blickes ab. Im Ichkern endlich liegt der Schlüssel zur Erkenntnis des Schicksals, zur Notwendigkeit, wiederzukommen und das Maß der Wirkungen durch ungezählte Fleischwerdungen mit der ewigen Karmarechnung auszugleichen. Zwischen Geburt und Tod, zwischen Tod und neuer Geburt liegt das ewig dahinflutende Reich der Möglichkeiten, dieses ungeheure, unendliche Meer von Kräften, Empfindungen und Gedanken, das die Ichkerne in sich birgt. Vom gewöhnlichen Wissen um die irdischen Dinge unterscheidet sich die übersinnliche, übergewöhnliche Einsicht in die Gesamtheit der Erfahrungswelt und jener anderen Welten, die hinter ihr liegen, nicht nur durch Herkunft und Entstehungsart, sondern auch durch die Gesamteinstellung der Persönlichkeit. Der ganze Mensch mit seinem Ich muß erkennen, nicht nur sein Kopf und sein Gehirn. Das geheime Wissen ergreift im Ich Leib, Seele und Geist. Niemand kann darin weiterkommen, der nicht in seiner Gesamthaltung höheren Deutungen und Erfassungen zustrebt. Denken allein macht hier nicht glücklich, man muß es zugleich seelisch erleben und geistig durchdringen. Je höher das Ich diese ideale Übereinstimmung, diese große Harmonie von Denken, Fühlen und Wollen entwickelt, desto freier wird sein Wesen, desto weniger Brechungen und Trübungen erleidet der göttliche Strahl, von dem es durchdrungen wird, desto lebhafter leuchtet das innere Licht, von dem alle Weisen dieser Erde in höchster geheimnisvoller Ehrfurcht sprechen. Hinter ihm, wie es der Dichter so schön und treffend sagt, »im wesenlosen Scheine«, flutet, was »uns alle bändigt«, das »Gemeine«: die Welt der Magie, der kalten, berechnenden Mittel, der Kämpfe, der Mißverständnisse, des Hasses und des Hochmuts, diese Hölle, dieses Fegefeuer der Triebe und Verstellungen, der 
      <a id="page21" name="page21" title="Dr.Nani/cal"/>Lüge und der List. Auch sie, die chaotisch verfahrene Zone des Jammers und des Ekels, deren einziges Gesetz die Gesetzlosigkeit und Verwirrung zu sein scheint, führt ja ihr geheimes Wissen mit, schrecklich in seinen Absichten wie in seinen Wirkungen. Auch davon allerdings muß sprechen, wer von Geheimwissenschaften redet, denn der große Hexensabbat, der sich Leben und Treiben der Welt nennt, ist Ausfluß geheimer Kenntnis von verborgenen Kräften und nur wenigen Menschen bekannten Möglichkeiten. Die Menschen sind nicht glücklich: dazu fehlt ihnen die volle Einsicht in das eigene Wesen, die richtige Schätzung der lebendigen Kräfte, die Ahnung, daß sie selbst in der Hand haben, ihr Los und das der anderen zu bessern. Sie dürfen und sollen gar nicht ohne Egoismus sein; sie brauchen durchaus nicht »zuletzt« an sich selbst zu denken. Ohne die starke Dosis Magie, die im Wesen des Egoismus steckt, wäre die Welt nicht so bunt und schön und abwechslungsreich und voll, wie sie es ist, doch zeigt der Egoismus gerade im Lichte der Geheimwissenschaft sein eigenes Gepräge und seine eigene Sendung. Man muß ihn durchschauen, um seinen Wert für die Gesamtheit zu erkennen.</p><h4>V.
      <br/> Die »allgemeine und Generalreformation der ganzen Welt«</h4><p>Versucht man die Bestände des Geheimwissens nach Gruppen zu ordnen, die das Bestreben zeigen, vom Allgemeinwissen zum Sonderwissen herabzuschreiten, so ergibt sich als oberste und universellste Erscheinung die Geheimwissenschaft Rudolf Steiners, das gigantische Lehr- und Erkenntnisgebäude der Anthroposophie (der Wissenschaft vom Menschen), deren schier unermeßliche Schätze sich heute immer mehr und mehr erschließen und alles in sich begreifen, was seit den Anfängen der menschlichen Wesenheit an verborgener Erkenntnis vorhanden war. Steiners Anthroposophie zeigt den für diese Zeit einzig gangbaren, vor 
      <a id="page22" name="page22" title="Dr.Nani/gary"/>allem für die westliche Menschheit tauglichen Weg zur Erkenntnis höherer Welten; ihre Erkenntnistheorie, auf Goethe gestützt und über ihn hinaus zu einer vom naturwissenschaftlichen Denken ausgehenden Erweiterung der Bewußtseinslage gesteigert, gibt dem Geheimschüler die einzigen verläßlichen Grundlagen zur Entwicklung, die vor phantastischen, ausschweifenden und ungeordneten Erlebnissen geschützt werden muß; sie lehrt eine gigantische Kosmogonie, vereinigt Religion, Philosophie und Wissenschaft zu einer idealen Gemeinsamkeit, durchtränkt alle okkulten Gebiete und macht ihr Wissen nach allen Richtungen fruchtbar: aus ihr sind eine neue Betrachtungsweise der Geschichte und der sozialen Probleme, eine neue Pädagogik, eine neue Rechtsanschauung, eine neue Medizin, eine neue Astronomie, Mathematik und Physik entstanden; ihr verdankt man eine umwälzende Psychologie, Physiologie und Pneumatosophie, ja eine vollkommene Um- und Ausbildung des gesamten Denkens. Tief in die Gebiete der Kunst und Ästhetik hineinreichend, hat sie nebenbei Botanik, Geologie, Zoologie, Landwirtschaft und Gärtnerei unerhört befruchtet. Die Krone des Steinerschen Wirkens auf Erden aber stellt jene ungeheure Erneuerung der Geisteserkenntnis dar, die allen Religionen der Erde eine universelle Christosophie entgegenhält, dazu bestimmt, alle bisher gangbaren religiösen Vorstellungen und Denkweisen von Grund auf zu reformieren, zugleich als Erfüllung eines auf geistverwandtem rosenkreuzerischen Boden erwachsenen Versprechens, das in einem entscheidenden Augenblick Valentin Andreae bei mystischem Zwielicht aufleuchten ließ: die Verheißung von der »allgemeinen und Generalreformation der ganzen Welt«, vorbereitet und gepflegt von der Christengemeinschaft, mit ihrem geistigen Zentrum im Goetheanum zu Dornach. Neben Steiners Anthroposophie und Christosophie erscheinen alle zusammenfassenden Bestrebungen okkulten Wissens in der neueren Zeit als halbe Versuche mit untauglichen und zumeist unzulänglichen Mitteln. 
      <a id="page23" name="page23" title="Dr.Nani/cal"/>Das gilt vor allem von der Theosophie, die in einem bestimmten Zeitpunkt, anknüpfend an die Geheimlehre der H. P. Blavatsky, unbestritten eine bestimmte Mission erfüllt hat, heute indes kaum über das Gesamtbild einer schwärmerischen Sekte hinauskommt, deren Wurzeln im Orient zu suchen sind, ohne daß damit etwa die Kraft zur großen Vereinigung von Ost und West verbunden würde; das gilt weiter Von ähnlichen, ordensmäßigen und bruderschaftlich organisierten Bewegungen: wie den Martinisten, der neuen »Gnosis«, der »Pansophie«, die an die alten Gold- und Rosenkreuzer anknüpft, von den Ariosophen, von der Neugeistlehre und von der Gilde des Herrn Bo-Yin-Ra, der von Zschokkes »Stunden der Andacht« in puncto salbungsvoller Erbauung turmhoch überragt wird. Hier ist ein buntes Gemisch von Gut, Schlecht und Mittelmäßig, das ringenden und suchenden Menschen in allen okkulten Gewässern, als da sind, Alchimie, Magie, Kabbala und verwandten Tätigkeiten, plätschern hilft. Eine eigenartige, wichtige und noch ungeklärte Rolle spielt innerhalb dieses Rayons okkulter Bestrebungen der Spiritismus, in dessen oft recht trüben Behältern die Angel der exakten Wissenschaft nach psychophysischen und parapsychischen Sachverhalten fischt. Alle diese Dinge bedürfen einer kritischen Wertung und Sichtung, soll das von schwelenden und zum Teil giftigen Dünsten geschwängerte Gebiet der okkulten Tätigkeiten zur notwendigen Klarheit gebracht werden.</p><h4>VI.
      <br/> Äußere und innere Schwierigkeiten</h4><p>Zu den größten Schwierigkeiten, die sich einstellen, sobald man darangeht, das Gesamtgebiet der Geheimwissenschaften zu behandeln, zählt wohl die Frage nach der Methode der Darstellung und nach der Gruppierung des Stoffes. Man kann hier nur schwer zum Ziele kommen, es wäre denn, man suchte die 
      <a id="page24" name="page24" title="Dr.Nani/cal"/>Entwicklung der Welt mit einer behutsamen Auseinandersetzung über die Wege zu verbinden, die zum Schauen übersinnlicher Tatbestände führen. Die pragmatische wie die erkenntnistheoretische Seite der Darstellung müssen einander durchdringen, soll das Bild der Geheimwissenschaften auch für den Laienverstand klar und deutlich erkennbar werden. An einem Punkte scheint diese Durchdringung am vollkommensten zu sein: dort, wo an der Hand einer Schilderung der menschlichen Bewußtseinszustände Geschichte und Erkenntniskraft der einzelnen Kulturen bis hinauf zu unserer Zeit einander voraussetzen und bedingen, wo also gleichsam historische Methode und übersinnliche Erkenntnislehre gleichzeitig auftreten, eines das andere fördernd und ergänzend. Allerdings gibt es dabei eine empfindliche innere Schwierigkeit, die daraus erwächst, daß unsere Sprache, nur von jenem Bewußtsein entwickelt, das die gewöhnlichen Sinne zu Hilfe nimmt, auf übersinnliche Welten angewendet, ihre Durchsichtigkeit, Genauigkeit und plastische Kraft einbüßt, daß diese unsere Sprache in Gebieten also, die eigentlich eine ihnen entsprechende besondere Ausdrucksweise erfordern würden, versagt. So ist es zum Beispiel keineswegs leicht und einfach, einem Leser, der die naturwissenschaftlichen Begriffe und die exakte Betrachtungsweise im Leibe hat, klarzumachen, daß Imagination, Inspiration und Intuition in der Geheimwissenschaft ganz andere Bedeutung haben, als ihnen etwa in den landläufigen psychologischen, ästhetischen und philosophischen Büchern beigelegt wird. Ein anderes Beispiel ergibt die allgemein übliche Unklarheit in den Vorstellungen von Seele und Geist, in die selbst wohlunterrichtete und gebildete Leser verfallen, sobald man ihnen zumutet, das Seelische und Geistige erlebnishaft und im höheren Sinne begrifflich auseinanderzuhalten, obwohl gerade dieses Unterscheidungsvermögen zur Einsicht in die Wesenheit des Menschen unbedingt notwendig, ja unerläßlich ist. Um aber auf ein greifbares Gebiet zu kommen, 
      <a id="page25" name="page25" title="Dr.Nani/cal"/>sei noch ein drittes Beispiel angeführt, das die Schwierigkeiten der Darstellung vielleicht noch einleuchtender hervorhebt: zwischen dem Äther, den die wissenschaftliche Hypothese annimmt, und dem, was die Geheimwissenschaft unter Äther begreift, bestehen tiefgreifende Verschiedenheiten, die sich kaum erkennen lassen, wenn man nicht so weit vorgeschritten ist, das Gestaltlose und rein Geistige als Wesenheit zu erleben und sich jenseits von Raum- und Zeitbegriff zu übersinnlichen Anschauungsformen aufzuschwingen. Physiker endlich werden begreiflicherweise meist unruhig, wenn man von ihnen verlangt, sich zum Beispiel unter der »Wärme« der Saturnzeit etwas anderes, Wesenhaftes vorzustellen, als die Wärme, die eben der exakte Physiker kennt: den sogenannten »Wärmezustand«. Aus allen diesen Beispielen ergibt sich die betrübende, aber unvermeidliche Erkenntnis von der Notwendigkeit, festeingewurzelte und überkommene Vorstellungen, Begriffe und Auffassungen zugunsten höherer Deutungen und Wertungen gänzlich aufzuheben. Das rein Dingliche unserer Sprache scheint hier gänzlich verlorenzugehen und einer Denkweise Platz zu machen, die, der Unvollkommenheiten der Sprache bewußt, doch versucht, sich mit den landläufigen Worten, Bedeutungen und Zuordnungen zu behelfen.</p><h4>VII.
      <br/> Der Mensch: das Maß der Dinge</h4><p>In der Regel wird eine Weltauffassung, die den Menschen als Maß der Dinge nimmt, mit dem geringschätzigen Tadel abgetan, daß sie höchst unrecht daran tue, diesen Standpunkt zu beziehen; sie sei anthropomorph, indem sie ihren Gott für ein menschenähnliches Wesen halte und die Dinge »nach Analogie des menschlichen Innenseins« betrachte (obzwar selbst Goethe dieser Auffassung zuneigt), und sie mache sich damit anthropozentrischer Einstellungen schuldig, indem sie den Menschen als 
      <a id="page26" name="page26" title="Lis/gary"/>den Mittelpunkt der ganzen Welt ansehe, was namentlich der älteren Philosophie anhafte (obgleich selbst Kant im höheren Sinne anthropozentrisch gedacht habe, indem er dem Menschen einen Zweck innerhalb des Schaffungsganzen setzte). Der Sophist Protagoras, der, als Urheber des Spruches vom Menschen als dem »Maß aller Dinge«, als Urheber des »Unfugs« bezeichnet wird, rein subjektiv über die Dinge zu urteilen, entging dem Vorwurf der Gotteslästerung nicht. Seine Schriften wurden verbrannt, er selbst ertrank auf einer Seefahrt. So vollzog das Schicksal eine Art Strafe an dem Manne, der eine große Wahrheit aussprach, ohne ihren tieferen Sinn zu erfassen. Den tieferen Sinn erfaßt unsere Zeit in der Anthroposophie, die eine Weisheitslehre vom Menschen ist und vom Menschen aus zur Erfassung der ganzen Welt vordringt. Der Mensch, so lehrt sie mit Recht und unterstützt von unzähligen Beispielen, Analogien und Entsprechungen, ist, ganz exakt gesprochen, das »Urphänomen der Welt«. Indem er in das Geheimnis seines eigenen Wesens eindringt, erschließt sich ihm zugleich das Wesen des Kosmos; der Mensch allein ist der Schlüssel zur »verbotenen Türe« im Märchen; indem er auf die Frage der Sphinx, die das Rätsel des Menschen zur Lösung stellt, Antwort gibt, stürzt er sie zugleich in den Abgrund. Am Bilde des Menschen, das die Weltengeheimnisse in sich enthält, liest der Mensch die Wirklichkeit jener Geheimnisse ab. Der Fehler im gewöhnlichen anthropomorphen Denken liegt bloß darin, daß er den Menschen, so wie er ist, als Wirklichkeit ansieht und sich nun das innere Wesen der Dinge ganz nach Art dieser Wirklichkeit vorstellt. Der Anthroposoph nimmt den Menschen, wie er dem Blick zunächst (als Bild) erscheint, aber als Bild einer wahren Wirklichkeit, die nicht nur ihm, sondern eben der ganzen Welt zugrunde liegt. Der Mensch ist der Schauspieler des großen Weltendramas; er teilt sich selbst seine Rolle darin zu, er ist zugleich Stück und Darsteller, Akteur und Zuschauer. (»Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!«) Den Inhalt 
      <a id="page27" name="page27" title="Lis/cal"/>dessen, was er spielt, kann nur er in Wirklichkeit umsetzen. Er hat diesen ganzen Zyklus Weltschöpfung von Anbeginn aus mitgemacht, erst in den unvollkommensten Formen, dann immer feiner und feiner und feiner differenziert; indem er sein Schicksal setzt, seine Bestimmung erfüllt, setzt er auch das Weltenschicksal, erfüllt die Bestimmung des Alls, dem er zugehört und mit dem er eins ist. Geburt, Jugend, Reife, Alter und Tod der Welt sind menschliche Entsprechungen; vom Leib zur Entfaltung der Seele und von da zur Entfaltung des Geistes schreitet der einzelne Mensch und schreitet die Menschheit. Es ist nichts in der Welt, wobei der Mensch nicht mitgewesen wäre. Was oben ist, ist auch unten, sagt der Alchimist geheimnisvoll und meint damit nichts anderes, als dieses: daß der Mensch das Maß aller Dinge ist und zugleich die prima materia in der Entwicklung alles Geschaffenen. Den erkennenden Menschen aus der menschlichen Erkenntnis ganz auszuschalten, ihn der Natur gegenüberzustellen, als j Subjekt dem Objekt, den Menschen aus der Natur zu erkennen, statt die Natur aus dem Menschen, das ist zum fundamentalen Irrtum unserer gesamten Naturwissenschaft geworden, die bald genug mit E. Du Bois-Raymonds Jammerruf »Ignorabimus!« zusammenbrach. Sie nahm den Menschen als etwas »Gegebenes«, sie trieb damit den primitivsten Anthropomorphismus und Anthropozentrismus und steht heute ratlos vor dem Menschen selbst, als dem undurchdringlichsten aller Rätsel, das alle Grundlagen ihres Wissens zerstört, ihr Erkennen zum bloßen Kennen von Tatsachen und Zusammenhängen erniedrigt, das wägt und weist, untersucht und beobachtet, ohne auch nur zu ahnen, wie nahe die Wahrheit liegt, indes ihr Wissen in die Ferne schweift. Darum beginnt eine wahrheitsgemäße Darstellung des okkulten Wissens um Welt und Mensch, beginnt die okkulte Geschichte des Menschen folgerichtig mit der Geschichte der geschaffenen Welt, mit der Genesis aller Dinge in diesem großen Schöpfungszyklus.</p><p><a id="page28" name="page28" title="JohannN/cal"/><a id="page29" name="page29" title="JohannN/cal"/></p></div><div class="chapter" id="chap003"><h3>Erstes Kapitel
      <br/> Genesis</h3><h4>I.
      <br/> Die Erde: ein spukhaft Ding</h4><p>Der Durchschnittsmensch unserer Tage hört ohne besondere Teilnahme von der Erde reden; er weiß herzlich wenig darüber, trotzdem er sie schon so lange bewohnt, und es schickt sich kaum, nach ihrem Ursprung und Wesen zu fragen, eine Frage, auf die sie selbst offenkundig die Antwort verweigert. Die Erde? Nun: sie scheint ziemlich rund zu sein, wie auch die anderen Weltenkörper; wahrscheinlich ist sie sogar eine mehr oder weniger vollkommene Kugel mit schief gestellter Achse. Wohl verlautet mancherlei über ihr Zustandekommen im Rahmen der Welt, aber die Verbreiter solcher Gerüchte sind ehrlich genug, einzugestehen, daß ihre Mutmaßungen über den Wert verschiedener Theorien und Hypothesen nicht hinausgehen. Als feststehend gilt noch heute, daß der Mensch ein »Abkömmling« affenartiger Wesen ist. Auch Herr H. G. Wells, der sich zu einer Art Wortführer für dürftige und unselbständige Intellekte aufgeworfen hat, indem er streng vermeidet, vom »absolut Geistigen« oder »Göttlichen« oder gar von »genialen Individuen« zu sprechen, auch Herr H. G. Wells hat über Welt und Mensch nicht mehr zu sagen als andere kongeniale wissenschaftliche Durchschnittsphilister vor ihm; in Handbüchern kleineren und größeren Formats, in denen sein »Wissen« um diese Dinge niedergelegt ist, beschuldigt er die Erde, einer »Apfelsine« ähnlich zu sehen; »anscheinend« sei aber der übrige Raum »grenzenlos, leer und tot«. Aus solcher Weisheit ergibt sich dann das alte Affenmärchen natürlich ganz von selbst; unsere Vorfahren, die 
      <a id="page30" name="page30" title="JohannN/cal"/>anderer Meinung waren, wußten es in ihrer kindlichen Naivität einfach nicht besser; ihre »Offenbarungen« aber sind lediglich auf Rechnung höchst primitiver geistiger Zustände zu setzen. Wie man bald bemerkt, hat H. G. Wells, indem er eine »neue« Geschichte unserer Welt (fast möchte man sie Wells-Geschichte nennen) zu schreiben unternahm, nicht Zeit gehabt, sich besser umzusehen. Es würde ihm sonst kaum entgangen sein, daß die exakte Wissenschaft, von der er einen ziemlich ungenauen und primitiven Auszug gibt, ihrer Sache inzwischen recht unsicher geworden ist; zwar spricht auch sie noch von der Erde als von einem Rotationsellipsoid, für das inzwischen der Spitzname »Geoid« erfunden ward, zwar verbreitet auch sie noch die gewohnten gigantischen Ziffern über das »Weltall«, aber alles das geschieht heute doch nicht mehr so leichtfertig und ganz ohne Gewissensbisse wie einst. Vor allem scheint die exakte Wissenschaft, mit Dacqué an der Spitze, doch endlich einzusehen, daß ihre bisherigen Aussagen über Welt, Erde und Mensch bloß für jene Bewußtseinslage zutreffen, aus der diese Aussagen selbst geholt wurden, und daß seither ganz merkwürdige Dinge vorgegangen sind, die eine gründliche Umwälzung in jenen veralteten Anschauungen anzukündigen scheinen, indem sie gleichzeitig beweisen, um wie vieles tiefer just unsere verachteten primitiven Voreltern in das Geheimnis der Welt, der Erde und des Menschen eindrangen, als wir! Allerdings ist unsere alte Erde, des Menschen Wiege, Wohnort, Tätigkeitsgebiet und Grabstatt, auch vom Tagesbewußtsein des Augenblicks aus gesehen, in der Tat ein hinreichend seltsames und spukhaftes Ding. Sie schwebt seit unzählbaren Jahrmillionen, fünftausendsechshundertneunzig Trillionen Tonnen schwer, frei im Raum um ihre Sonne, von einem melancholischen und bleichen Trabanten begleitet, mit dem offenbar einst intimere Beziehungen bestanden. Selbst ein Planet, bildet sie mit drei größeren und drei kleineren Weltkörpern ihrer Art, desgleichen 
      <a id="page31" name="page31" title="JohannN/cal"/>mit neunhundertfünfzig Asteroiden und Myriaden von Meilen weit entfernterer Sterne ein »System«, das übervoll an Geheimnissen ist. Schon seit den Zeiten des Philolaos und Ekphantos weiß man übrigens, daß sie den merkwürdigen Eigensinn besitzt, sich um ihre eigene Achse zu drehen, aber die neuere Wissenschaft möchte als beinahe sicher erklären, daß das ganze Sonnensystem mit allem, was dazu gehört, bei einer phantastischen Geschwindigkeit von 18 Kilometern in der Sekunde in einer fast geraden Linie dem Sternbild des Herkules zueilt, eine gigantische und atemraubende Reise, die dem menschlichen Bewußtsein glücklicherweise entrückt bleibt, und schon Jahrmillionen andauert, ohne ans Ziel zu kommen. Also spricht der Gelehrte unserer Zeit, dessen wachsamen Augen und unheimlich fixer Rechenkunst nichts entgeht ...</p><h4>II.
      <br/> Allerhand Offenbarer gegen die Offenbarung</h4><p>Allen Berichten darüber, wie Welt und Menschen entstanden sind, mögen sie nun als Mythos oder als wissenschaftliche Hypothese auftreten, liegt offen oder verborgen der Begriff einer Schöpfung zugrunde. Mythos und Wissenschaft unterscheiden sich in diesem Punkte bloß dadurch voneinander, daß jener einen Schöpfer annimmt, schon weil er sich eine Uhr ohne Uhrmacher nicht vorstellen kann, indes diese von »Kräften« redet (womit sie sich allerdings unbewußt religiösen Vorstellungen anpaßt) oder überhaupt ganz unbestimmten Vermutungen über den Hergang der Dinge Raum gibt. Zwischen diesen beiden Hauptgruppen lebt eine breite Masse indifferenter Elemente, die äußerlich wohl religiösen Bekenntnissen zugehören, aber der Weisheit höchsten Gipfel doch darin erblicken, die Frage nach Ursprung, Sinn und Ende der Erde und der Welt ganz beiseite zu schieben, das »Gegebene« einfach hinzunehmen und sich einzig und allein, 
      <a id="page32" name="page32" title="JohannN/cal"/>rein im Erlebnis ruhend, auf den »Kampf ums Dasein« zu beschränken, der mit großer Schärfe und Rücksichtslosigkeit geführt werden »muß«. Jedenfalls sind Mythos, Sage, Märchen und Fabel unter allen Umständen als älteste Erkenntnisweise anzusehen, auf die seitens der sogenannten Aufgeklärten allerdings mit Geringschätzung und ärgerlicher Geduld herabgeblickt wird. In Anbetracht eines so »kindlichen« Gegenstandes, wie ihn die Weltentstehungssagen darstellen, nimmt man sich gar nicht erst die Mühe, Natur und Wesen dieser seltsamen Bilder-, Symbol- und Analogiensprache zu ergründen. Das Äußerste, was die moderne Vorstellungsart einräumt, wäre ungefähr darin zu erblicken, daß man zugibt, im Mythos berge sich allerhand Lebensweisheit und Lebenswahrheit, die zum Teile für alle Zeiten zutreffe. Diese milde Auffassung schlägt indes sofort in groben Eifer und brutalen Widerstand um, wenn von »Offenbarung« gesprochen wird. Das haßverfolgte Wort, das alle tiefen Geheimnisse in sich schließt, entfesselte die Wut der Freidenker aller Zeiten im höchsten Maße; selbst der alte Freud, der seine Faust geradezu fanatisch gegen Gott schüttelt, kann sich nicht enthalten, seine eigenen erhabenen jüdischen Vorfahren als Betrüger und kindliche Narren anzuspeien, da sie sich unterfingen, von Offenbarung zu sprechen. Er gehört zu jenen unglücklichen Sklaven der materialistischen und rationalistischen Denkweise, die gar nicht ahnen, daß Welt und Menschheit längst nicht mehr bestünden, wenn es keine Offenbarung gegeben hätte, wenn das alte Geheimnis der Mythen, Sagen und Märchen ganz verlorengegangen wäre und wenn nicht zu allen Zeiten Männer und Frauen die Flamme göttlicher Erkenntnis sorgsam gehütet und vor profanen Händen bewahrt haben würden, ihre hohe Einsicht in die übersinnlichen Welten bis zum heutigen Tage als rein seelisch-geistiges Gut verwaltend und späteren Eingeweihten vererbend. Von Geheimnissen, von Einweihung und übersinnlicher Erkenntnis wird, wie der Leser dieses Buches merkt, hier 
      <a id="page33" name="page33" title="JohannN/cal"/>als wie von einer mystischen Tatsache gesprochen, als von einer Wirklichkeit und Wahrheit, die, aus sich selbst gewonnen, für alle Zeiten und kommenden Welten auch in sich selbst ruht, von einer Wahrheit des Unbeweisbaren, von der Wirklichkeit des Unerfahrbaren, geschöpft aus dem Erlebnis der Liebe, die als Quelle exakter Erkenntnis ohnegleichen erprobt ist.</p><h4>III.
      <br/> Genesis und Wesen des Menschen</h4><p>Die »exakte« Erdwissenschaft, die annimmt, daß einst ein einziger großer Ozean den Menschenplaneten bedeckte, kann heute, wenn es sich darum handelt, von den Zeiträumen zu sprechen, die vergangen sein mögen, bis der gegenwärtige Zustand erreicht war, schon mit ebenso phantastischen Ziffern aufwarten wie die indische Geheimlehre. Unsere Geologen und Kosmologen stehen auf dem Boden der Aktualitätstheorie, das heißt: sie behaupten, alle umwandelnden Prozesse in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte hätten sich in den großen Zeiträumen »langsam, aber stetig« vollzogen, und niemals wären dabei andere Kräfte und Ursachen am Werke gewesen als die, die noch heute wirksam sind. Es hat wenig Sinn, diese Paradezahlen mit ihren unübersehbaren Ziffernstellen anzuführen, denn sie geben weder ein Bild der wahren Erdgeschichte selbst, noch sind sie vollständig, da es bei den Schöpfungstagen sicherlich auch Schöpfungsnächte gegeben hat, das heißt Zustände der Ruhe, in denen alles Geschaffene, wieder zurückgenommen, ins Chaos zurückfiel, um zu neuen Gestaltungen zu erwachen. Immerhin läßt sich mit den »Erdperioden« vom Azoikum bis zum Diluvium und Alluvium einiges anfangen; sie kennzeichnen wichtige Augenblicke in der Geschichte der Erde, als da sind: Bildung der festen Substanz innerhalb des Erdkörpers, Entstehung der Pflanzenwelt 
      <a id="page34" name="page34" title="JohannN/cal"/>und der ersten Tierformen, fortschreitende Erstarrung des Erdenleibes und Vervollkommnung des Menschenwesens, das gleichsam durch zwei sich schneidende Linien gegeben wird, eine Linie, die von oben herabkommt und eine andere, die von unten heraufsteigt. Wie viele Hunderte von Jahrmillionen dazu notwendig gewesen sind, und wo die Geschichte dieser ungeheuren Entwicklung etwa geschrieben zu finden ist, ob nun im Tierkreis, ob nun vielleicht gar im Menschen selbst, das bleibt für den Menschengeist ein gewaltiges Ding, das mehr Beachtung verdient, als ihm heute zukommt. Ein Wissen um blindwaltende Ursachen und Kräfte, deren Spiel immerhin »Gesetzmäßigkeiten« verrät, könnte freilich niemandem auf dieser Erde von Nutzen sein. Da erscheint doch wohl als weit klüger, das Leben einfach hinzunehmen und zu leben. Indes: der Mensch ist eben mehr, als er sich einbildet: sein Vermögen, sich zu erinnern, seine Fähigkeit, Träume zu haben, tragen ihn über dieses Ohngefähr von scheinbar sinnlosen Zufällen, darein er sich gestellt sieht, hoch empor. Der Mensch birgt ein köstliches Geheimnis in sich: die Ahnung anderer Welten und seiner höheren Abkunft. Die moderne Anthropologie und Biologie, soweit sie in die Geheimnisse des Lebens auf Erden eingedrungen zu sein glaubt, hat im Grunde doch nur eine übertrieben primitive Vorstellung vom menschlichen Leben im Kopfe; sie sieht bloß den Körper, dessen prachtvollen Zweckbau auch sie allerdings restlos bewundert. In dieser Bewunderung liegt zugleich die äußerste Grenze, die letzte Ausschweifung, die sich der nüchterne Beobachter verstattet, sofern er bloß auf »allgemein gültige« Erkenntnis pirscht. Die Biologen unserer Zeit ziehen sich befriedigt auf die einfache Formel »schöpferisches Streben« zurück und schließen in unbewachten Augenblicken das Seelische und Geistige zur Not gerade noch als eine »Parallelfunktion des Gehirnes« in ihr Glaubensbekenntnis ein. Überhaupt gibt es kaum etwas Merkwürdigeres als die abgöttische Verehrung, die das physische Gehirn des Menschen als 
      <a id="page35" name="page35" title="JohannN/cal"/>ein mit solchen »Funktionen« ausgestattetes Instrument just bei denen genießt, die am allerwenigsten damit anzufangen wissen; ihre Anbetung alles Körperlichen geht so weit, daß sie seelische und geistige Dinge unter keinen Umständen selbständig und unabhängig von Form und Gestalt zu denken oder gar begrifflich zu fassen imstande sind. Legt man aber alle Bücher beiseite, in denen diese seltsame, nichtssagende und dürftige Menschenkunde vorgetragen wird, und versucht nun, das Problem selbst wieder an den Ausgangspunkt zurückzuführen, so erweist sich das Wesen Mensch dem unbefangenen geistigen Auge bald als ein siebenfaches Erlebnis. In dieser Unterscheidung liegt gar nichts Metaphysisches; sie zwingt vorläufig nicht einmal dazu, von einer Seele zu sprechen, was schon den Forschern der naturwissenschaftlichen Glanzzeit die größten Übelkeiten bereitete. Die siebenfache Gliederung des Menschen kennt die Geheimlehre fast aller Völker. An dieser Stelle soll indes, aus bestimmten Gründen, keineswegs von Dingen gesprochen werden, die nicht auch die hohe materielle Wissenschaft anerkennen dürfte. Es ist selbst für diese schon sehr wahrscheinlich, daß der Körper schon vor dem individuellen Seelischen und Geistigen, dessen vorübergehende Wohnung er ist, dagewesen sein muß. Der Körper des Menschen stellt in der Tat heute den ältesten und vollkommensten Wesensbestandteil der menschlichen Wesenheit dar. Sein Präzisionsmechanismus und die bewunderungswürdig feine Struktur seiner Organe lassen auf eine Entwicklung schließen, die ungezählte Jahrmillionen in Anspruch genommen hat. Anders steht es um Seele und Geist, die des Menschen ewige Bestandteile sind. Wie sollte überhaupt möglich sein, sich Seele und Geist gedanklich anders denn als etwas Unbegrenztes und Dahinflutendes vorzustellen? Es ist aber trotzdem an sich gar nicht so schwer, die seelische und geistige Welt als etwas Selbständiges, mit der Körperwelt nur zeitweise Verbundenes zu erkennen. Wie die Luft außerhalb eines begrenzten Raumes und in diesem selbst 
      <a id="page36" name="page36" title="JohannN/cal"/>vorhanden ist, so erfüllt auch das Seelische und Geistige die unermeßlichen Weltenweiten. Im Zusammenhange mit den Körpern gehen die auch für sich und unabhängig vom Menschen bestehenden geistigen und seelischen Strömungen offenbar bloß vorübergehende Verbindungen ein, die eben gelöst werden, wenn der Körper aufgehört hat, ihnen als Träger und Instrument zu dienen. Selbst der verbissenste Anbeter der Materie, der Mechanik und der reinen Vernunft läßt sich gelegentlich dazu überreden, daß Seele und Geist, die er bloß als Zustandsbegriffe gelten läßt, im Verein mit dem Körperlichen eine entscheidende Rolle spielen, daß aber seelische und geistige Erlebnisse wohl mit dem Körperlichen gemeinsam, aber unter Umständen auch durchaus von diesem unabhängig auftreten können. Das Seelische hat bei Denkern dieser Art eben eine wechselnde Bedeutung und »endet« mit dem Körper, der zu fühlen aufgehört hat, indes die geistigen Betätigungen nicht unbedingt an den Körper anknüpfen, sondern ihn, gleich wie das Seelische, überdauern. Auf den ersten Blick erscheint die große alte Dreiteilung von Körper, Seele und Geist als etwas Schematisches und in diesem Sinne Bedeutungsloses. Es wird sich jedoch später zeigen, wie gerade dieser Dreigliederung Grundlegendes und für die Erkenntnis überaus Bedeutsames innewohnt. Auch davon wird die Rede sein müssen, welche Tragweite dem Beschluß der katholischen Kirche zukam, von dieser großen Dreiheit abzulassen und bloß Leib und Seele anzuerkennen. Wie dem immer wäre: Leib, Seele und Geist, durch Erlebnis immer wieder bekräftigt, bilden die Grundpfeiler des menschlichen Wesens, und es ist klar, daß sie nur durch das Ich zusammengehalten und zu einem Ganzen gemacht werden, mag man nun das Ich bloß als einen »Komplex von zusammenhängenden Empfindungen« betrachten oder ihm eine ganz entscheidende Rolle in der Tatsache Mensch zuweisen. Der Ton liegt eben auf dem Zusammenhang, auf jener synthetischen Kraft, die Körperliches, Seelisches und Geistiges wie in einem 
      <a id="page37" name="page37" title="JohannN/cal"/>Brennpunkt vereinigt. Aus dieser Vereinigung ergeben sich dann auch ohne viele Mühe drei das Wesen des Menschen abschließende Erlebnisse, deren Vorhandensein niemand bestreiten kann, die drei großen Erlebnistatsachen: Denken, Fühlen und Wollen. Sie stehen als Gesamtheit zur Gesamtheit von Leib, Seele und Geist in Verbindung, treten in sehr verschiedenen Mischungen in Erscheinung, können aber ebensowenig wie die drei Bestandteile Leib, Seele und Geist eines ohne das andere bestehen oder bestehend gedacht werden. Dieses rätselhafte Erdenwesen Mensch denkt, fühlt und will, und seine drei Erlebnisbestandteile sind im Ich ebenso vereinigt wie Leib, Seele und Geist. Es ist auch klar, daß das Ich den jüngsten Bestandteil der menschlichen Wesenheit umfaßt, da es doch eigentlich erst einziehen konnte, als die äußeren Bedingungen für seinen Einzug gegeben waren. Der menschliche Entwicklungsprozeß hat offenbar vorläufig beim Ich haltgemacht. Wie diese Entwicklung des Menschen zum Ich vor sich ging und was sie notwendigerweise mit sich bringen mußte, gehört in ein anderes Kapitel. Leib, Seele und Geist lassen sich wohl gedanklich voneinander trennen, aber sie durchdringen einander und werden von Denken, Fühlen und Wollen durchflossen, die begrifflich wohl unterscheidbar sind, aber doch ein Ganzes im Ganzen darstellen. Wohin sich das Ich weiter entwickelt, wie diese Entwicklung mit Veränderungen der Welt zusammenhängt, ob und wie das Eine das Andere voraussetzt, darüber lehrt das Geheimwissen über Ende und Zukunft der Erde ganz Bestimmtes.</p><h4>IV.
      <br/> Das finstere Jahrhundert</h4><p>Als Höhepunkt der materialistischen und rein verstandesmäßigen Weltauffassung kann wohl das XIX. Jahrhundert angesehen werden. Es ist hier leider nicht Raum genug, ein wenn auch noch 
      <a id="page38" name="page38" title="JohannN/cal"/>so gedrängtes Bild dieser in ihrer Art einzig dastehenden Epoche zu entwerfen; sie würde in einem Gesamtgemälde der Menschheitsentwicklung ein grandioses, aber dunkles und gewitterschwangeres Bild darstellen, dessen Grundcharakter trotz einzelner erhabener und lichter Stellen müde, welk, dürr und schwunglos anmutet. Das alte Hellsehen war um diese Zeit fast vollkommen erloschen, das Wissen der Mysterien blieb nur bei Wenigen aufbewahrt, die es eifersüchtig vor profanen Blicken verbargen, überzeugt davon, daß sie nur Hohn und Spott ernten würden, wenn ihnen beifiele, sich öffentlich zu ihm zu bekennen. Die Naturwissenschaft des XVII. und XVIII. Jahrhunderts arbeitet noch mit den Regeln jener Inspirationen und Intuitionen, die in den geheimnisvollen Hantierungen der Alchimisten aufleuchten. Die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts ist selbst für profane Augen in völliger Finsternis befangen, die Mitte dieses Säkulums aber stellt seine dunkelste Partie dar. Die Seher sterben freilich darob nicht aus, sondern verschwinden von der Bildfläche, doch gab es auch Eingeweihte genug, die, ohne Seher zu sein, den Hort hüteten. Sie schieden sich in zwei Gruppen, deren eine jede Lüftung des Schleiers, so die Geheimnisse verbirgt, verwarf und für schädlich hielt, indes die andere, stutzig und unruhig gemacht durch den düsteren und trostlosen Aspekt der Zeit, für teilweise Eröffnung der geheimen Wissenssphäre eintrat. Aus dem Kompromiß beider Richtungen ist ohne Zweifel das Wiederaufleben des Okkultismus hervorgegangen, das fälschlich als eine Wirkung des Weltkrieges ausgegeben wird. Der Spiritismus trat 1848 mit bemerkenswerter Vehemenz auf, Medienschaft lenkte die Blicke der ganzen Welt auf sich. Der Spuk von Hydesville (Herbst 1847) ward zum Geburtstag des abendländischen Spiritismus. In seiner »Hamburgischen Dramaturgie« verbindet Lessing das »Dittelsdorfer Kloppedink« mit merkwürdigen Fragen, die seine volle Unbefangenheit gegenüber dem sogenannten »Aberglauben« glänzend dartun. Von den Folgen der 
      <a id="page39" name="page39" title="Eipi/cal"/>Spukphänomene in Hydesville und von der weiteren Entwicklung des Spiritismus ist an anderer Stelle die Rede. Vulgär gesprochen, bedeutete er: erste Nachricht von den Toten in erstaunlichen Kundgebungen aus dem Zwischenreich. Jede andere »Hypothese« war von vornherein lächerlich und in sich selbst hinfällig. Gezwungen, mit dem materialistischen Geist zu rechnen, der das Jahrhundert seiner Wiedergeburt beherrschte (daher sind wohl auch die ziemlich primitiven Anfänge der sogenannten spiritistischen Bewegung zu erklären), konnte der Spiritismus vorerst keine andere Sendung erfüllen, als daß er einen eigenartigen, auffälligen und merkwürdigen Beweis des Bestandes übersinnlicher Welten erbrachte, für Jene wenigstens, die ihr inneres Auge nicht mit törichten Vorurteilen verschlossen hielten. Es versteht sich auch ganz von selbst, daß die Fragen nach der Entstehung der Welt und des Menschen nun erst recht eine ganz andere, weitaus materiellere und verstandesgemäße Lösung fanden, die jede Spur von Metaphysik verlor und im rein Zufälligen, auf das Walten blinder Kräfte Gestellten, den Sinn, richtiger die Sinnlosigkeit alles Geschehens zu erweisen schien. Die Wissenschaft, gegen den Spiritismus durch maßlosen Dünkel und allgemeine Unfähigkeit geschützt, blickte nun auf Kant und Laplace mit Verachtung zurück, ganz verliebt in die natürliche Schöpfungsgeschichte, die allem »Wahn« auf Erden ein striktes Ende zu bereiten hoffte. Daß niemand auch nur Zeit und Lust hatte (von Theologen und anderen Spezialisten abgesehen), die ungeheure, tiefsinnige und eigentlich vollkommen klare Schöpfungsgeschichte aller Rassen und Nationen, die mosaische voran, auf ihren wissenschaftlichen Kern zu untersuchen, liegt auf der Hand. Die Spiritisten hatten gut reden. Niemand hörte sie, und so seltsam das Merkwürdige der spiritistischen Erscheinungen auftrat: die Ohren der »Weisen« dieser Welt blieben mit Wachs und Stroh verstopft, ihr Sinn war zu, ihr Herz war tot! Die Geisterwelt fand verschlossene Türen ... 
      <a id="page40" name="page40" title="leopold/gary"/></p><h4>V.
      <br/> Die Blavatsky und das geheimnisvolle Buch Dzyan</h4><p>Der Kampf der Weltanschauungen, entfesselt durch das Auftreten des Spiritismus, bekam gegen Ende des XIX. Jahrhunderts eine bedeutsame Wendung; die Spiritisten erhielten Sukkurs durch die Veröffentlichung der Hauptschriften, die H. P. Blavatsky, 1891 in London gestorben, ihren Anhängern hinterließ. Von dieser seltsamen, genialen und ohne Zweifel inspirierten Frau soll noch an anderer Stelle die Rede sein, dort, wo das Kapitel Theosophie auftaucht. An diesem Orte interessiert hauptsächlich die »Geheimlehre«, ein zweibändiges Werk (einen dritten, aber sehr problematischen Band gab Annie Besant heraus), das nicht weniger unternahm, als ein grandioses Gemälde von der Entstehung der Welt und des Menschen, zum Teil aus Inspiration, zum Teil als Frucht einer Berührung mit alten, bisher unbekannten Schriften zu entwerfen. Die Blavatsky berief sich auf ein mystisches »Buch Dzyan«, mit dem es in der Tat eine ganz eigene Bewandtnis hat. Die erste Schrift der Blavatsky (»Entschleierte Isis«) erschien 1879, die »Geheimlehre«, in London, 1888, zehn Jahre später (in recht mangelhafter Übersetzung von Froebe) auch in deutscher Sprache. Zwischen beiden Hauptschriften klafft ein Abgrund, entstanden dadurch, daß einer der Angelpunkte des Geheimnisses, die Lehre von der Wiederverkörperung und den wiederholten Erdenleben des Menschen, der Schöpferin der »entschleierten Isis« verborgen blieb, während er in der »Geheimlehre« den notwendigen zentralen Raum einnimmt. Das »Buch Dzyan«, überaus alten Ursprungs, macht den Philologen wenig Freude, obgleich es, wenn sie es schon nicht als Quelle eines Wissens ansehen wollen, doch als Dichtung ihre Aufmerksamkeit und Achtung wohl verdienen würde. Sie beginnt ihre Schilderung von der Entstehung der Welt mit einer Zeit, da »die ewige Natur in ihrem stets unsichtbaren 
      <a id="page41" name="page41" title="leopold/gary"/>Gewande während sieben Ewigkeiten wieder in Schlummer gehüllt war«; es gab damals noch keine Zeit, »die vielmehr im Schoße der Ewigkeit verborgen lag«; Denken, Fühlen und Wollen existierten noch nicht, denn es waren noch keine Wesenheiten da, die diese »Fähigkeiten enthielten«; es gab auch kein Leiden, da die allgemeinen Voraussetzungen dazu nicht vorlagen und niemand da war, der »das Leid hätte hervorbringen können oder der ihm unterworfen gewesen wäre«; das »All«, mit Dunkel erfüllt, denn die Stunde hatte noch nicht geschlagen, das All ruhte noch im Gottesgedanken und im göttlichen Herzen. Da durchdringt, eines Tages, die »letzte Schwingung der siebenten Ewigkeit das Unendliche, die Mutter schwillt und breitet sich aus, von innen nach außen, wie die Blüte des Lotus«. Der Atem durchfliegt das All und erfüllt den Keim in der Dunkelheit, die über den schlummernden Wassern des Lebens liegt; aus der Dunkelheit aber fällt ein Strahl in die Gewässer der mütterlichen Tiefe und durchdringt das jungfräuliche Ei, das er erzittern macht und dem der nichtewige Keim entfällt, durch dessen Verdichtung das Weltenei entsteht; die Dreiheit ward zur Vierheit! Nicht minder grandios und schön sind die anderen Strophen des Buches Dzyan, die von der Entstehung des Menschen, vom »Anfang des fühlenden Lebens« handeln. Der Engel der vierten Welt (des Erdenzustandes) gibt den sieben Engeln das Leben. Das große Schöpfungsrad rollt nun durch dreißig Räume (ungefähr 300 Millionen Jahre) und bringt Formen hervor, Gesteine, Pflanzen und Tiere, bis endlich der »Herr aller Meister« kommt, um den Menschen zu schaffen. Nicht weniger interessant sind die Erläuterungen der Blavatsky zu diesem Weltbild, das, so offene Anklänge an die mosaische Genesis darin vorhanden sein mögen, in dieser Art und Exaktheit, den Menschen ganz neue Einsichten eröffnete, die, wenn die Menschheit jene Impulse besser verstanden hätte, sicherlich geeignet gewesen wären, die Geister mächtig zu erschüttern. 
      <a id="page42" name="page42" title="Dr.Nani/gary"/></p><h4>VI.
      <br/> Das Standardwerk des jungen Okkultismus</h4><p>Wer die Geduld aufbringt, die etwas langatmigen, aber durchaus originellen Auseinandersetzungen der »Geheimlehre« bis an ihr Ende zu verfolgen, kehrt nicht ohne reiche Beute heim. So wirr dieses Monumentalwerk auch erscheinen mag, übt es doch überaus starke Wirkungen und bestärkt den Gesamteindruck, daß die H. P. Blavatsky, wie sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie vernehmen läßt, »mit dem, was sie (von irgend einer Seite aus den Lehren der alten Mysterienschulen) erhielt, Offenbarungen verband, die in ihrem eigenen Innern aufgingen«; die Blavatsky war eine menschliche Individualität, in der das Geistige durch einen merkwürdigen Atavismus wirkte, wie es einst bei den Mysterienleibern gewirkt hat, in einem Bewußtseinszustand, der gegenüber dem modernen, von der Bewußtseinsseele durchleuchteten, ein »ins Traumhafte herabgestimmter« war. So erneuerte sich in dem Menschen Blavatsky etwas, was zu uralter Zeit in den Mysterien heimisch war. Mit der Geheimlehre der Blavatsky konnte sich in der Tat keine andere Schrift solcher Art früherer Zeiten messen. Die Geheimlehre blieb eine Zeitlang das Standardwerk des neugeborenen Okkultismus, obschon im ganzen und großen ziemlich unbeachtet von einer Generation, die im Dunkel der naturwissenschaftlichen »natürlichen Schöpfungsgeschichte« das eigene Menschenantlitz kaum mehr zu erkennen vermochte. Freilich hat die »Geheimlehre« eine Reihe von Grundeinstellungen aufzuweisen, die wohl beachtet werden müssen, soll ihr wahrer Wert und ihre wichtige, aber vorübergehende Bedeutung scharf und grenzklar hervortreten. Die Welt der »Geheimlehre« steigt aus dem Atem des Urwesens. Gott atmet die Wesen aus und ein; so entsteht (im Ausatmen) die Natur und (im Einatmen) der Geist. Ihr Schöpfer sagt Ja zu der Welt, einige der Geschöpfe verneinen sie; so gibt es gleich zu 
      <a id="page43" name="page43" title="Dr.Nani/gary"/>Beginn Kampf zwischen Ja und Nein, zwischen Licht und Finsternis, im Himmel wie auf Erden zwischen den Göttern der Liebe und jenen der Vernichtung, zwischen den irdischen Wesen, die den Pfad der Sonne und jenen, die den des Mondes wandeln. Verkörpert die Sonne das Geistige, so ist der Mond der Planet der Materie. In einem Punkte der Entwicklung aber, den die Mosaische »Genesis« den »Sündenfall« nennt, geschieht etwas Großes: Sonne und Mond in ihren Wirkungen und Aspekten verbinden sich, treffen sich, durchdringen sich, was die »Geheimlehre« als ein großes Mysterium in den Brennpunkt ihrer ganzen Betrachtungsweise stellt. Vorangegangen ist diesem großen Augenblick natürlich die Verkörperung überhaupt; der Körper mußte da sein, noch mehr: er war nur da, weil sich in der Mitte der sogenannten lemurischen Epoche, die Geschlechter schieden; Sonne und Mond finden sich in der Vereinigung der Geschlechter. Dem gebenden Teile, dem Manne, erwächst aus diesem Mysterium die Gabe der Einsicht und des Verstandes, dem Weibe der Fluch des Geschlechtlichen, eine Deutung, die ja auch in den Schriften der Alchimisten immer wiederkehrt: die Sonne ist der Vater, der Mond die Mutter. Auf dieser grandiosen, tragischen und erschütternden Tatsache der Zweigeschlechtlichkeit ruht nun zugleich das Geheimnis der Zukunft. Das Mondhafte ist zugunsten des Sonnenhaften zu bekämpfen und abzulegen, das Geschlechtliche hat aus der Welt zu verschwinden und dem Sonnenhaften zu weichen, das allein im Atem Gottes ruht. So birgt denn auch die Weisheit des Ostens den Sinn, die Menschheit auf den Pfad des Sonnenhaften zu führen und die Mondenkräfte des Westens zu überwinden. Die Menschheit wird von Luzifer geleitet, der die Sonnenkräfte in sich vereinigt und das Gute darstellt, indes Jahve, der Mondgott, das Böse darstellend, als Ahriman die niedrigen Fortpflanzungsinstinkte, finsterer Macht kundig, bemüht, um die Menschheit zu verderben und der Materie auszuliefern. In diesem bipolaren System, das die H. P. Blavatsky zu allerhand 
      <a id="page44" name="page44" title="Dr.Nani/gary"/>falschen Deutungen verleitete, war natürlich für ein so hohes und entscheidendes Ereignis wie das Mysterium von Golgatha kein richtiger Platz. In der Christusfrage blieb die H. P. Blavatsky durchwegs blind und einseitig. Vor der Magie des Christentums versagte ihre Einsicht.</p><h4>VII.
      <br/> Weltenlehrer gegen Meister. – Das Ende der Blavatskyschen »Geheimlehre«</h4><p>Die durch die Geheimlehre der H. P. Blavatsky geschaffene Situation auf dem Gebiete der Berichte über Weltentstehung und Menschwerdung ändert sich aber grundlegend mit dem ersten Erscheinen der »Geheimwissenschaft im Umriß« von Rudolf Steiner, die einen Markstein in der Geschichte der okkulten Entwicklung bedeutet. Die achte Auflage der »Geheimwissenschaft« erschien schon 1909. Sie blieb, zunächst, ziemlich unbeachtet, ward für eine Schrift von der Art der »Geheimlehre« gehalten, da man Steiner bloß für einen deutschen Exponenten indischer Theosophie ansah und nun, nach Analogie der Blavatskyschen Offenbarungsweise, vergeblich nach einem Meister (Mahatma) Umschau hielt, von dem Steiner seine Mitteilungen über Welt und Mensch empfangen haben könnte. Deutete man doch auch, obgleich schon ein sehr flüchtiger Blick eines Besseren belehren mußte, Steiners »Theosophie« törichterweise als ein Buch, das »vermutlich« der Popularisierung Besantscher Theosophie in Deutschland dienen wollte! Die Unterschiede, die zwischen der theosophischen Literatur und Steiners Büchern klaffen, sind aber in Wahrheit ganz fundamentale, sowohl was die Quelle betrifft, als auch in Hinsicht auf Wesen, Gesamterscheinung und Ziel. Steiner durchschritt die Theosophie, wie die Erde durch Kometenschwärme hindurchzieht. Sein Wissen und Schauen wuchs von Buch zu Buch, von Vortrag zu Vortrag, ins Ungemessene und 
      <a id="page45" name="page45" title="Dr.Nani/cal"/>landete zuletzt in ganz einsamen Gebieten, die kein anderer Seher erreichte. Steiners »Geheimwissenschaft im Umriß« und »Theosophie« sind die einzigen wirklich grundlegenden Schriften des europäischen Okkultismus, die einzige brauchbare und tragfähige Brücke zwischen Ost und West, sie sind wahre Zukunftsbücher der Menschheit, Grundpfeiler einer wahrhaften, allgemeinen »Reformation der ganzen Welt«, um im rosenkreuzerischen Vorstellungskreis zu bleiben, dem ja Steiners ganzes Wirken und Schaffen auf Erden zugehört, obschon es weit über die überlieferten Grenzen hinausragt. Der rosenkreuzerische Weg ist ein Weg der Verwandlung durch den Christusimpuls, ohne den alles okkulte Streben und Suchen auf Grund alter und heiliger Betrachtungsweisen Stückwerk und unfruchtbares Plätschern in übersinnlichen Gewässern bald reinerer, bald trüberer Art bleibt. Gibt die Blavatsky geheimwissenschaftliche Mitteilungen, aufgebaut auf den Gegensätzen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, so läßt sie über den Pfad zur Erkenntnis kein Wort verlauten, indes Steiner in einem dritten und praktisch vielleicht wichtigsten Werk den Weg weist, wie man »zur Erkenntnis höherer Welten« gelangt. Diese drei Schriften ergänzen und durchdringen einander, sie stellen den vollkommensten »Ersatz der Religion« dar, sind eine ideale Vereinigung von Wissenschaft und Philosophie und entsenden ihr Licht in die entlegensten Ausläufer menschlicher Kultur, alles belebend, erwärmend und erleuchtend, was in ihren Strahlenbereich gerät. Um so wichtiger wird, von ihnen zu sprechen, wenn man sich die Aufgabe gesetzt hat, die Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit zu zeigen und ihre lebendigen Werte festzustellen. Steiner war ein Kind seiner Epoche, die unter ungeheuren Anstrengungen die Fesseln der agnostischen Gefangenschaft abstreift, aber die Frucht seiner Saat zielt auf kommende Läufte, gesehen, zunächst, vom Übergang einer alten in eine neue Kultur.</p><p>Die »Meister« wichen dem Weltenlehrer! 
      <a id="page46" name="page46" title="Dr.Nani/cal"/></p><h4>VIII.
      <br/> Der »gottlose« Steiner</h4><p>Die anthroposophische Kosmogonie, gegründet auf Rudolf Steiners »Geheimwissenschaft im Umriß«, entwirft das grandiose Bild der Erdentwicklung aus einem Urplaneten, der seinen Namen »alter Saturn« keineswegs dem Saturn der Astronomen verdankt und aus dem die »alte Sonne«, wie der »alte Mond« nach ungeheuren Zeiträumen, eingeteilt in Zustände der Ruhe (Vergeistigung) und der Aktivität, als Wiederverkörperungen hervorgingen. Man spricht am besten von Zuständen, wenn vom Geheimnis der Genesis die Rede ist: vom Saturn-, vom Sonnen- und vom Mondenzustand, dem der Erdenzustand folgt; auch der Erdenzustand ist aber keineswegs ein Endzustand, sondern nur ein Übergang zu drei weiteren Phasen, die im anthroposophischen System Venus, Jupiter und Vulkan genannt werden, wiederum, ohne mit vorhandenen Planeten etwas anderes als den Namen gemeinsam zu haben. Schon aus diesem kurzen Überblick ergeben sich sieben Zustände, die, zusammengefaßt, einen Weltenschöpfungszyklus darstellen und in deren viertem, dem Erdezustand, die Menschheit von heute steht. Über den Augenblick, der dem ersten Zustand, dem alten Saturn, voranging, äußert sich Steiner nur andeutungsweise und an verschiedenen Stellen; er spricht nicht von Gott im vulgären Sinne, wohl aber von einer göttlich geistigen Welt, die ein göttliches Urwesen, einen Anfang aller Dinge, voraussetzt. Diesem Umstände mag wohl zuzuschreiben sein, daß Steiners Gegner schon bei seinen Lebzeiten vom Atheismus oder Pantheismus oder gar Pan-En-theismus der Anthroposophie sprechen und, als besonderes Kompliment für den Buddhismus, die törichte Behauptung aufstellen, der Buddhismus verdiene als »gottfreie Religion« den Vorzug vor allen anderen. Ein Hauptmerkmal der Steinerschen Denk- und Lehrweise darf in ihrem absoluten Mangel an Spekulation erblickt werden, 
      <a id="page47" name="page47" title="Dr.Nani/cal"/>mag sie nun allgemein mystischer oder theologischer Natur sein. Was Steiner lehrt und als geschaut darstellt, ist höchste und reinste Naturwissenschaft, exakt, mag das Wort selbst im strengsten Sinne gebraucht werden, und gegenständlich in der vollkommensten Bedeutung des Ausdruckes. Damit erübrigt sich ganz von selbst das Vorhandensein einer theologischen Betrachtung über das Wesen Gottes, eines Gottsuchertums im mystischen Sinne, einer Philosophie des Unendlichen und Ewigen, das sich von Zeit zu Zeit manifestiert und betätigt. Die Menschheit unserer Zeit, auf der Bewußtseinsstufe, die sie heute einnimmt, hat nicht viel Lust, noch weniger aber Möglichkeit, sich ein Wesen vorzustellen, das, ohne Anfang und Ende, alle anderen Wesen in sich schließt, eine alles umfassende Intelligenz, die den Keim der gesamten Möglichkeiten birgt und »nach außen stülpt«, ein »Agnostizismus«, der genau weiß, daß der Frage nach Ursache und Wirkung auf Erden bestimmte Grenzen gesetzt sind, daß also in gewissen Regionen Frage und Antwort aufhören müssen, weil sie keinen Sinn mehr haben, sondern der Ahnung anheimgegeben bleiben, die, mit einem etwas zu geräumigen und verfrühten Ausdruck, Bewußtsein des Göttlichen genannt wird. Aus der Erhabenheit solcher von der Ahnung des Göttlichen erfüllten Geister baut sich die göttlich geistige Welt auf, die Steiner die hierarchischen Stufen hinauf bis zu den mit menschlicher Fassungskraft nicht mehr erreichbaren, aber noch benannten Wesenheiten verfolgt. Die alten Geheimlehren und ihr majestätischer Niederschlag in der Kabbala nehmen reichlich Gelegenheit, von dem Einen zu handeln, dessen Name nur in heiligster Stunde und ohne Laut und Gebärde ausgesprochen werden darf; Sein Atem hat die ganze Welt geschaffen, die verschwinden muß, wenn Gottes Atem wieder in das Eine zurückkehrt. Endlich geht vom Wort und Begriff Gott, selbst in seiner vulgärsten und ins alltägliche Leben gemischten Deutung, eine Kraft aus, mit der sich keine andere Kraft vergleichen läßt. Es ist, als sammelte sich 
      <a id="page48" name="page48" title="Dr.Nani/cal"/>darin die Grundessenz aller Mannighaftigkeit und Vielfältigkeit der Erscheinungswelt, in einer Art Vaterbewußtseins, das dem Geschöpf für alle Zeiten als Ahnung eines Schöpfers eingepflanzt ist. Ein so sinnreiches und unerhört kunstvoll gearbeitetes Kunstwerk wie der Mensch, ein Werk von solcher Präzision und einsichtsvoller Weisheit, schließt die Existenz eines Künstlers, der es schuf, eines Uhrmachers, der es in Gang setzt, von selbst ein. Immerhin bleibt das große Drama dieses Wesens, das Geheimnis, warum es in unerhörten Zeiträumen schafft und gestaltet, außerhalb jeder Betrachtung. Es gibt sozusagen ein göttliches Karma, das der Zusammenhang zwischen Ebenbild und Schöpfer nur bloßgelegt hat, das aber niemals gedeutet werden kann. Ein Gott, der Wesen schuf, die einer Bestimmung unterliegen, sich selbst eine Bestimmung setzend, thront in Regionen, in die keine Ahnung mehr einzudringen vermag. Selbst in dieser Nacht der Notwendigkeit (Ananke) scheint freilich noch ein Licht auf, das sich als Führer und Leiter erweist, weil es von der Substanz der Liebe lebt: das Licht der Freiheit, der vollen Beherrschung der Entschlüsse, durch den einzelnen Menschen gegeben und reguliert von der »moralischen Phantasie«. Dieses Licht führt denn auch mit magischem Zwang zum Erlebnis der göttlichen Dreifaltigkeit, die in ihren fernsten Ausläufern, als Leib, Seele und Geist, als Denken, Fühlen und Wollen auftritt und deren erhabene Symbole über die ganze Erscheinungswelt hin verstreut sind, nur denen erkennbar, die den Schlüssel gefunden haben.</p><h4>IX.
      <br/> Welt und Mensch als Weggefährten</h4><p>Jeder Mensch, der die Gabe hat, sich leerzumachen von allen Vorurteilen und vorgefaßten »Einstellungen« zu den Problemen des Lebens, kann an der Hand seines eigenen Wesens bis zu jenen Anfängen vordringen, die in der Kosmogonie der Anthroposophen 
      <a id="page49" name="page49" title="Dr.Nani/cal"/>der »alte Saturn« genannt werden und die den Ausgangspunkt eines sieben große Zeitläufte umfassenden Schöpfungszyklus bilden. Eine leichte Anstrengung der intuitiven Kraft schon muß ihm sagen, daß er niemals außerhalb der Welt gewesen sein kann, sondern, vom ersten Tage an, in irgend einer Gestalt und Form bei dem ungeheuren Schauspiel der Weltentwicklung dabeigewesen sein muß. Dieser erste Grad okkulter Erkenntnis, wie man den Augenblick solcher Einsicht am liebsten nennen möchte, ist in der Formel der alten griechischen Zeit enthalten, die zum Menschen spricht: »Erkenne dich selbst!« Gewohnt, alles zu vernützlichen, zu vernüchtern und auf praktische Vernunft umzudeuten, sind im Jargon der Schulphilosophie diese Mahnworte, die mancherlei Geheimnis bergen, rasch zu einer banalen Verhaltungsmaßregel geworden, die wohl religiösen Geruch hat, aber weiter keine besonderen Verhaltungsweisen auferlegt. Es würde auch wenig nützen, wollte der unglückliche Adept solcher Schulphilosophie und Kathederweisheit, ahnend, daß das »Gnothi s'auton« doch mehr bedeuten muß als eine Bestimmung aus der Hausordnung für Sanatorien, nunmehr frisch und fröhlich in sich hineinbrüten, um Näheres über die Welt und sich selbst zu erfahren. Er würde schließlich wohl einschlafen, aber beim Erwachen doch feststellen müssen, daß die gepriesene und von allen Weisen empfohlene Selbsterkenntnis keinerlei Fortschritte gemacht hat. Die Formel »Erkenne dich selbst« steht sichtbar oder unsichtbar über allen Einweihungsschulen; sie faßt die Gesamtheit der Wege zusammen, die zur Einsicht und vollen, klaren Erkenntnis der göttlich geistigen Welt führen, und als eine der ersten Stationen darin wäre der Augenblick anzusehen, da der Adept der Geheimwissenschaft zu dem sicheren und untrüglichen Schluß gelangt, daß der Mensch und die Welt vom Anfang ab beisammen waren und sich voneinander bis zur letzten Epoche, zur Vulkanzeit, nicht mehr trennen können. So wichtig dieser erste Schritt zur Selbsterkenntnis 
      <a id="page50" name="page50" title="Dr.Nani/cal"/>ist, so wenig fruchtbar wäre er, wenn dabei nicht auf die Behelfe geachtet würde, die notwendig waren, ihn zu tun. Das Wort Bewußtseinszustände spielt, wie schon an anderer Stelle zu lesen war, in der Geheimwissenschaft eine große, eine entscheidende Rolle. Die Geschichte der Welt ist zugleich Geschichte des Bewußtseins, der Rückblick auf verflossene Zustände nichts anderes als eine Generalschau auf den Gesamtstand der Fähigkeiten, sich und damit die Welt zu erleben. Es ist klar, daß in einem Zeitpunkt, den man, ziemlich ungenau, den Anfang nennen möchte, nur ein ganz dunkles, fast bewußtloses Bewußtsein in den Keimen schlummerte, die den Kern des künftigen Menschenwesens bargen. Die Frage, wie ein solches dumpfes und schweres, fast bewußtloses Bewußtsein ausgesehen habe und woher die Berechtigung abgeleitet werden mag, sein Vorhandensein als gesichert anzunehmen, ist viel leichter zu beantworten, als man glaubt; wir haben alle diese Bewußtseinsgrade, die sich hinter den Ausdrücken Saturn, Sonnen-, Monden- und Erdenzeit verbergen, noch heute in uns: das Saturnbewußtsein ist nichts anderes als unser tiefer, schwerer, fester, an die Natur des Gesteines anknüpfender, traumloser Schlaf, der Tieftrance unserer Medien. Er kennzeichnet die Bewußtseinslage jener Keime, die den Kern zum physischen Leibe des Menschen bargen, ein Ruhen im Sein (nichts weiter) und doch schon mit Bewußtseinsspuren ausgestattet, weil fähig, den eigenen und die anderen Weltkörper unmittelbar mitzuempfinden, ungefähr wie der Mensch von heute das Funktionieren seiner eigenen, inneren Organe miterlebt. Der alte Saturn und das alte Saturnbewußtsein sind, vom Menschen aus gesehen, identisch: sie sind Aspekte eines und desselben Zustandes. Es wäre aber natürlich gänzlich verfehlt, zu denken, daß auf dem alten Saturn dieses dumpfe, aber doch schon empfindungsfähige Bewußtsein allein und einsam vorhanden gewesen wäre. Die Geheimwissenschaft Steiners spricht von zwölf Bewußtseinszuständen, die durch ihren Helligkeitsgrad gegeneinander 
      <a id="page51" name="page51" title="Dr.Nani/cal"/>abgestuft und von denen bis heute bloß vier entwickelt sind, indes von den weiteren Zuständen drei in den nächsten (Venus, Jupiter, Vulkan genannten) Zeiten und fünf darüber hinaus zu entwickeln sind, die nicht mehr in Erscheinungswelten spielen. Der Mathematiker kann sich gleichsam ein graphisches Bild von diesen Dingen machen, indem er von Dimensionen spricht, da viele weit lieber von einer vierten Dimension als von einem neuen Bewußtseinszustand wissen wollen. Alle diese Bewußtseinsgrade waren auch schon auf dem alten Saturn als selbständige Wesenheiten vorhanden, die man sich nun unschwer auch gestuft und hierarchisch gegliedert vorzustellen vermag.</p><h4>X.
      <br/> Der alte Saturn</h4><p>Ein anderes ist es nun freilich, sich nunmehr eine Art Gesamtbild vom ersten Entwicklungszustande, dem alten Saturn, zu machen. Steiner bezeichnet die Situation des alten Saturn in seiner »Geheimwissenschaft« als einen Wärmezustand, als wesenhafte Wärme; dieser Zustand unterscheidet sich von den anderen Welten durch seine Wärme, die den Grundton abgibt, obschon sich auch schon kältere Stellen von diesem Grundton abdifferenzieren. Es handelt sich da um eine Art strahlender Wärme, die nach bestimmten Richtungen und Linien geht und sogar bestimmte Formen von unregelmäßiger Art bildet. Zusammenfassend nennt Steiner diesen alten Saturn ein »in sich gegliedertes, in wechselnden Zuständen erscheinendes Weltenwesen, das nur in Wärme besteht«. Dieser Begriff Wärme, der, im Erscheinungsjahr der Geheimwissenschaft, bei den Physikern noch Befremden erregte, weil sie unter Wärme etwas ganz anderes verstanden, begegnet heute, wo die Erscheinung der Strahlungen im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Bemühungen steht, keinen großen Schwierigkeiten mehr. Allerdings liefert die Wärme des 
      <a id="page52" name="page52" title="Dr.Nani/cal"/>alten Saturn noch keineswegs die Bedingungen für mineralisches, pflanzliches und tierisches Leben. Die Wesenheiten, die ihm seinen Sinn in der Entwicklung und seine Stelle darin anweisen, haben bloß eine durch die physischen, sich in Wärmewirkungen äußernden Gesetze bedingte Körperlichkeit, einen »feinen, dünnen, ätherischen Wärmekörper«; neben und über ihnen aber wirken noch andere, leibfreie Wesen, die durch andere Wesensglieder ausgezeichnet sind. Den alten Saturn, diese Gesamtheit von feinen, dünnen, ätherischen Wärmekörpern, umgibt ein Luftkreis geistiger Art; das Ganze wird ein wechselndes Spiegelbild der Wesenheiten mit Lichtsignalen und sonderbaren Vorfällen in der späteren Saturnentwicklung. Wie sich dieses Spiel vollzieht, wie es seine Phasen durchläuft, wie es langsam zu einem »da und dort aufflackernden und wieder abdunkelnden, zitternden und zuckenden Flimmern und Blitzen« kommt, darin sich die ersten Anlagen des Menschenkeimes entwickeln, wie hier die Grundlagen für die menschlichen Sinne gelegt werden, wie die geistigen Wesenheiten ihre Wirksamkeit daran entfalten, wie nach und nach alle Möglichkeiten aller künftigen Entwicklungen geschaffen werden, wie reine innere Wärme, reines geistiges Licht und reines Innenwesen einander umströmen, wie sich unter diesen Verhältnissen der Menschenkeim aufschließt und eine gewisse Stufe erreicht, indes sich die wirkenden Geister, mit der Weisheit früherer Zyklen erfüllt, an der Entwicklung arbeitend, selbst entwickeln und der Mensch selbst schließlich als ein Willenswesen aus der Finsternis hervorgeht: das alles rollt sich in der Geheimwissenschaft, in Steiners Akashachronik und in den einzelnen Vortragszyklen als ein Gemälde von gewaltiger dramatischer Kraft und plastischer Lebendigkeit ab. In der Akashachronik führt Steiner aus, wie die Geister des Willens, die Geister der Weisheit, die Geister der Bewegung, die Geister der Form, die Geister der Persönlichkeit, die Söhne des Feuers und des Zwielichtes in sieben Kreisläufen wirken, wie sich im vierten Kreislauf 
      <a id="page53" name="page53" title="Dr.Nani/cal"/>die Geister der Persönlichkeit zur Stufe der Menschheit erheben, im fünften auch die Seraphime, vom sechsten Kreislauf an die eigentlichen »Schöpfer des Menschen«, die »Throne«, offenbaren und wie im siebenten, dank dieser Offenbarung, die Anlage zum Atman, zum »Geistmenschen« geschaffen wird. In einem wundervollen Vortragszyklus vom Herbst 1911 aber, betitelt: »Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen«, spricht Steiner vom »inneren Aspekt der Saturnverkörperung der Erde«, der ohne Zeit und Raum verläuft, vor dem der Gedanke stillestehen muß, und die ein Ergebnis der Opfer ist, dargebracht von den Thronen vor dem Angesichte der Cherubime. Es gibt sicherlich Menschen, die da nicht mitkönnen, weil die Stunde der Erkenntnis für sie noch nicht geschlagen hat, weil es ihnen große Schwierigkeiten macht, zu »glauben«, daß es jemals solche Wesenheiten höherer Natur gegeben habe und heute noch gibt. Für sie weiß indes der Steiner-Schüler Guenther-Wachsmuth heute eine andere Möglichkeit, die ihnen, da in des letzteren Buche »Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch« die ungeheuer wichtige Wissenschaft vom Äther (einem anderen Äther als dem, den Einstein leugnet) entwickelt wird, ein farbiges Bild vom Saturnzustand gibt: den aus Wärmeäther bestehenden, von einem schmalen Ring des früheren Äthers umwandeten alten Saturn-Weltkörper. Lichtäther, chemischer Äther und Lebensäther umgeben ihn in verschiedenem Ausmaß, gelb, blau und rosarot in der Farbe, als eine Atmosphäre geistiger Art, die den Saturn einhüllt und von der Steiner in der Geheimwissenschaft andeutungsweise spricht. Das Eine ordnet sich in der zusammenfassenden Phantasie zum anderen auf Grund einer ganz neuen Art wissenschaftlicher Erkenntnis, die vom Schauen und Erleben ausgeht und alle exakten Schöpfungsphantasien weit hinter sich läßt. Freilich ruht sie denn auch auf ganz anderen Voraussetzungen: auf dem Menschen selbst, der bisher von der wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungsweise 
      <a id="page54" name="page54" title="Dr.Nani/cal"/>ganz ausgeschaltet war. Die Quelle dieser Schauungen ist das Weltengedächtnis, die Weltenerinnerung, niedergelegt und aufgespeichert im Erinnerungs- und Gedächtnisäther: in der Akashachronik. Das Lächeln über diese scheinbar so phantastische »Annahme« erstirbt aber sofort, wenn ein wahrhaft wissenschaftlicher Mensch das Problem der Erinnerung und des Gedächtnisses vor seinen seelischen Blick stellend, zu der Erkenntnis vordringt, daß es kein menschliches Gedächtnis und keine menschliche Erinnerung gäbe, wenn diese Möglichkeiten nicht auch im Weltenall vorhanden wären. Nur wer das »praktische Denken« in sich zu entwickeln weiß, kann zu den Mysterien der Welt vordringen.</p><h4>XI.
      <br/> Die alte Sonne</h4><p>Nach einem Prozesse, der wohl nur mit Jahrmillionen angegeben werden kann, geht der Zustand, den die Geheimwissenschaft Saturndasein nennt, in einen Zustand der Ruhe ein; der Saturn, bestimmt, die als Saturnbewußtsein bezeichnete Stufe zu entwickeln, vergeistigt sich, schläft ein, und das, was als menschliches Wesen vorhanden ist, mit ihm, um, wieder mit ihm, zu einem neuen, nächsten Zustand zu erwachen, zum Sonnenzustand, zur alten Sonne, die mit dem, was heute Sonne genannt wird, nichts zu tun hat. Der Übergang geschieht freilich nur ganz allmählich. Das im Saturnzustand Erworbene taucht aus der kosmischen Nacht wieder auf; es ist keim- und sonnenhaft vorhanden und entwickelt sich zum Sonnenbewußtsein, einem Zustand, der unserem traumlosen Schlafe gleicht. Der Schlaf des Erdenmenschen von heute ist sozusagen eine Erinnerung an jene dumpfe Rechenschaft, die sich der Menschenkeim zur Sonnenzeit von seiner Existenz gibt und mit der sich vergleichen läßt, was die Forscher noch heute »Seelenleben« der Pflanzen nennen. An das Ruhen im Sein (Saturn) reiht sich das Wirken 
      <a id="page55" name="page55" title="Dr.Nani/gary"/>im Sein (Sonne), wie es sich in der Pflanze offenbart. Der Stein ruht im Sein, die Pflanze wirkt im Sein. Das Wirken im alten Sonnensein hat allerdings einen bestimmten Charakter. Das alte Sonnenbewußtsein schafft sich seine Formen. Der Saturnleib, das physische körperartige Gebilde der Saturnzeit, noch automatisch und leblos, durchdringt sich, nach Abschluß der Saturnwiederholung, dank der Arbeit der Geister der Weisheit, mit einem feineren, strömenden Wesensglied, das der heutige Mensch in seinem Ätherleib wiedererkennt, jener Zusammenfassung und ausfüllenden Aktivität, die das Körperlich-physische zum Leben aufruft, es zum lebendigen Wesen macht. Leben ist Bewegung. Alles, was sich bewegt, lebt und ist ein lebendes Wesen. In der alten Sonnenzeit, anschließend an die Anfänge des menschlichen Ätherleibes, treten die Geister der Bewegung ihr schöpferisches Amt an und rufen damit die Geister der Form hinzu. Bewegung führt zur Form, zur Gestalt. Die Form, also, nimmt in der alten Sonnenzeit ihren Anfang. Indem sich die Formen aus der Bewegung auslösen und gestalten, tritt der Kern des Differenzierten, des Abgegrenzten, des »Individuellen« in Erscheinung, ein Ergebnis der Geister der Persönlichkeit. Alle diese Tätigkeiten vollziehen sich an dem in der Saturnzeit entstandenen physischen Leib. Von diesem Prozeß empfangen die Geister des Feuers wiederum die Kraft, sich auf die Stufe des Menschentums Zu erheben; die durch die Menschensphäre geschrittenen Geister des Feuers übernehmen nun, empfangend und gleich wieder gebend, die weitere Arbeit am Ätherleib, indes zur selben Zeit die »Söhne des Zwielichts« am physischen Leib wirken. Der Name »Söhne des Zwielichts« mag auf den Leser dieser Beschreibung einigermaßen befremdend wirken. Es genügt aber zu bemerken, daß die »Söhne des Zwielichts« die Engel der christlichen Geheimlehre, die sogenannten Pitris der indischen Theosophie sind, und daß ihre Zwischenstellung zwischen Himmel und Erde den Namen wenigstens äußerlich zu erklären vermag. In einem späteren 
      <a id="page56" name="page56" title="Dr.Nani/cal"/>Augenblick, um die Mitte des sechsten Kreislaufes der Sonnenepoche, überlassen die Söhne des Zwielichts die Arbeit am physischen Körper der Menschenwesenheit selbst, indem sie einen bestimmten Grad Vollendung am Ätherleib bewirken. So entsteht, ungefähr um die Mitte des siebenten Kreislaufes das, was mit den Mitteln moderner Sprache ungefähr die Entstehung der belebten »Monade« genannt werden könnte. Es erübrigt nun noch, ein Wort über das Bewußtsein der Sonnenzeit, über die Vorgänge zwischen den Hierarchien und über die »physikalische« Seite dieser Dinge zu verlieren. Das alte Sonnenbewußtsein der Menschenwesenheit steht bildlich um einen Grad, eine Stufe, höher als das des Saturnzustandes. Es rückt vom Tiefschlaf zum festen, traumlosen Schlaf vor. Die Dinge und Wesen, die dem alten Sonnenbewußtsein entsprechen, kann nur der Hellseher oder eine medial veranlagte Person wahrnehmen. Das alte Sonnenbewußtsein erstreckte sich bloß auf die alte Sonne selbst und die mit ihr zunächst zusammenhängenden Weltkörper; das Menschenwesen der Sonnenzeit kann nur diese und deren Gleichnisse etwa so miterleben, wie der heutige Mensch seine Herztätigkeit erlebt. Will man nun aber einen Blick auf das Spiel der Wesenheiten werfen, die an der Entwicklung des Menschenwesens und an den aufeinanderfolgenden, der Erde vorangehenden, kosmischen Epochen beteiligt sind, so läßt sich der Vorgang, der vom alten Saturn zur alten Sonne führt, ungefähr als ein durch ungeheure Zeiträume hindurchgehender Umwandlungsprozeß verstehen, der die Wärme des Saturn zur Luft und zum Licht der alten Sonne umschuf. Luft und Licht sind dabei nicht so sehr dinglich als seelisch und geistig zu verstehen. Die Umwandlung des alten Saturn zur alten Sonne ist gleichfalls als eine Opfertat anzusehen. Opferten die Throne in der Saturnzeit einen Teil ihres Idealwesens den Cherubimen, so ist damit die Wiege jenes wundersamen Wortes berührt, das da »Gnade« und »Zustand der Gnade« heißt. Auf der alten Sonne treten zu den 
      <a id="page57" name="page57" title="Dr.Nani/cal"/>Wesen, die in der Saturnzeit wirkten, die Geister der Weisheit hinzu, deren Kennzeichen die »schenkende, gnadenwirkende« Tugend ausmacht. Die Geister der Weisheit schenken zur Sonnenzeit ihr eigenes Wesen an die Umgehung. Ein Wesen, das die alte Sonnenzeit von außen gesehen haben würde, hätte ungefähr die Illusion eines Luft- und Lichtkörpers gehabt, der, näher betrachtet, nichts anderes war als die »schenkende Tugend« der Geister der Weisheit. Aus dieser Gnadentat der Hingabe stammt die »Luft«, die das Wesen der Sonnenzeit gegenüber der Saturnzeit (diese aus »Wärme« bestehend) ausmacht. Allerdings taucht nun, da von Opfer, Schenken, Hingeben und Gnadeströmen die Rede ist, auch ganz von selbst die Frage nach den Wesenheiten auf, die bestimmt waren, aufzunehmen, was die Geister der Weisheit zur Sonnenzeit gaben; auch diese Wesen kennt die Geheimlehre unter einem bestimmten Namen: unter dem Namen der Erzengel (Archangeloi). Zwischen dem Akt des Gebens und dem des Nehmens (aus den Opfern der Throne an die Cherubime der Saturnepoche, entstanden die Geister der Zeit) liegt nun eine Zeit, die ungefähr ein Spiegel braucht, um ein Bild (die Gabe und die Weihe der Hinnahme) zu spiegeln. Die Luft der Geister der Weisheit ist die Lichtantwort der Engel, die damit zugleich als die Schöpfer des Lichtes anzusehen sind. In diesem kosmischen Augenblick gibt es also ein Geben und Spiegeln, ein Innen und Außen, so, wie es, dank der Geister der Zeit, ein Früher oder Später gibt, ein »Inneres« und »Äußeres«, schon auf dem Saturn keimhaft vorhanden. Es entsteht damit: der Raum. Steiner entwirft in seinem schon erwähnten Herbstzyklus von 1911 ein grandioses Bild dieser Vorgänge: aus dem Opfer der Throne an die Cherubime werden in der Saturnzeit die Zeitgeister geboren; in einem kugelartigen Innenraum schaut das innere Auge die Throne, vor den Cherubimen kniend, Geister vor geflügelten Wesen, ihr eigenes Wesen opfernd; die Geister der Weisheit, in der Sonnenzeit hinzutretend, verharren 
      <a id="page58" name="page58" title="Dr.Nani/cal"/>beim seligen Anblick dieses Opfers in einer Glut, aus der Opferrauch aufsteigt: die »Luft«, aus deren Wolken, in unbeschreiblichem Glanz, die Erzengel strahlend geboren werden, das Geschenk der Geister der Weisheit rückgebend und die Sphäre der Sonne in dieser Weise schaffend. Die Schöpfer des Lichtes halten an der äußeren Peripherie; sie bewahren, indem sie für Luft Licht geben, das Frühere: die Erinnerung an die Gabe, und sie stellen in einem späteren Zeitpunkt gleichsam dar, was im Anfang war; sie sind damit die Geister, die Boten des Anfangs: Archangeloi, Engel des Beginns. Aus diesem erhabenen Bild empfängt die ehrfurchtschauernde Seele eine Vorahnung dessen, was die Christuswesenheit der Erde bedeutet; sie schaut, erinnernd, Leonardo da Vincis Abendmahl als einen erhebenden Widerschein jener seligen und beseligenden Vorgänge. In die etwas nüchterne Sprache der geheimwissenschaftlichen Geophysik und Ätherlehre übertragen, hat der Verstandesmensch immerhin noch die Möglichkeit, diese erhabenen und schier unbegreiflichen Geschehnisse der Erdentwicklung auf seine Art zu verstehen; er darf von einem vor der Saturnzeit liegenden, rein geistig wesenhaften und unräumlichen Zustand sprechen, der während der Saturnzeit in einen Wärmeätherzustand übergeht, einem neuerlichen, nicht räumlichen Zustand Platz macht, den Wärmeätherzustand wiederholt und dann, während der Sonnenzeit, in den Lichtätherzustand übergeht, und er wird sich ohne Zweifel beruhigt fühlen, wenn er dazu erfährt, daß das Wesen des Weltenäthers expansiv (ausdehnend) wirkt, sphärisch, der Form nach, ist und den Zustand der Wärme bewirkt, indes der Lichtäther, in der Raumbildung zentrifugal, in der Form dreieckig auftritt und den gasförmigen Zustand herbeiführt. Was wir Zeit, Wärme und Licht nennen, ist eine Wirkung der ätherischen Bildekräfte, die hier den Namen Wärme- und Lichtäther tragen, ihn gegen jene hohe Wesenheiten eintauschend. 
      <a id="page59" name="page59" title="Dr.Nani/cal"/></p><h4>XII.
      <br/> Der alte Mond</h4><p>Dem Sonnenzustand folgt, nach Jahrmillionen, das alte Mondendasein, in der Geheimwissenschaft kurz der alte Mond genannt. Auch diesem Zustand geht wieder ein Zustand der Vernichtung, der scheinbaren Ruhe voran. Die Ergebnisse der Sonnenentwicklung tauchen in ein Sein unter, das dem einer Pflanze gleicht, deren Wachstumskräfte im Samen ruhen. Aus dem Weltenschoße steigt nun die Totalität der Sonnenzeit zu einem neuen planetarischen Dasein auf, dem Mondendasein, das mit unserem heutigen Erdentrabanten, Mond, nicht verwechselt werden darf. Das physische Menschenwesen durchläuft, wiederholend, Saturn- und Sonnenentwicklung. War der physische Leib des Menschen auf dem alten Saturn ein Wärmeleib, so ist er zur alten Sonnenzelt ein Luftleib geworden, der, gashaft, einen weiteren Zustand der Verdichtung darstellt. Die Mondenzeit bricht an: sie trägt das astralische Element in die Entwicklung und schafft damit die flüssige Daseinsform, einen »Wasserkörper«, durchzogen von Luftströmungen und mit diesen auf Wärmewirkungen aufgebaut. Allerdings ist in diesem Augenblicke sehr wichtig, festzustellen, daß das Ziel der Entwicklung nicht von allen Wesen erreicht wird, die an ihr teilnehmen. Die einen bleiben auf der Saturn-, andere auf der Sonnenstufe zurück, so daß neben den sich Systematisch entwickelnden Menschenwesen nun zwei andere Reiche entstehen, die von Saturn- beziehungsweise Sonnennaturen repräsentiert werden. Diesen Zwiespalt, fühlbar erst in der Mondenentwicklung, setzt sich bis in die Menschenwesenheit fort und führt zu einer Spaltung im alten Mondenweltkörper selbst: auf dem Einen wohnen höhere Wesenheiten und bilden mit ihm eine Art verfeinerter Sonne, auf den anderen niedere Wesen, Menschenwesen niederer Art und gewisse höhere Wesenheiten, die den Anschluß an den ersten der 
      <a id="page60" name="page60" title="Dr.Nani/cal"/>beiden Weltkörper verpaßten, und die nun den eigentlichen alten Mond, als dritte planetarische Vorstufe unserer Erde, bilden. Der Mondkörper sondert sich vom Sonnenkörper ab. Auf dem Sonnenkörper: geistige Wesenheiten, das Wärme- und Luftelement erlebend, auf dem Mondenkörper: niedere Wesen, sich im Wärme-, Luft- und Wasserelement erfühlend. Die Wesenheiten des Mondenkörpers, erfüllt mit dem von den Thronen empfangenen Willen, entwickeln ein vom Sonnenleben unabhängiges Wunsch- und Begierdendasein, das eben im astralen Wesensglied enthalten ist. Das Menschenwesen, in diesen Gegensatz hineingezogen, hat nun Mondenerlebnisse, die unter dem Sonnenimpulse geschehen, und daneben seine selbständigen Monderlebnisse, die zur ersten Gattung im Empörungs- und Aufstandsverhältnisse stehen; der Abfall der niederen Engel, von dem die Bibel spricht, vollzieht sich. Der Gesamtzustand des alten Mondes bietet sonach etwa das folgende, von Steiner in der »Geheimwissenschaft« meisterhaft skizzierte Bild: die Grundmasse des Mondes besteht aus einer lebenhaften Grundsubstanz, die bald in träger, bald in lebhafter Bewegung ist. Geisterhafte Pflanzen, pflanzenhafte Tiere, tierhafte Menschen, Anfänge von Lebensleib und Astralleib, unter der Einwirkung jener höheren Wesenheiten, die auf der ausgeschiedenen Sonne Wohnsitz nehmen! Diese Wesenheiten bewirken Mondenwesen mit Sonnenbewußtsein, genauer ausgedrückt Menschenwesen, die zwischen hellerem und dumpferem. Bewußtsein schwanken und in frevelhafter Mannigfaltigkeit leben, die Gebilde der Saturnzeit, der Sonnen- und Mondenzeit bis zur jüngsten Mondenphase umfassend. Ähnliche Differenzierungen treten auch in den Hierarchien der geistigen Wesenheiten auf. Mit der Sonne zugleich, im Zuge der großen Spaltung der Mondenzeit, spalten sich zahlreiche andere Weltkörper ab, von denen hier nicht die Rede sein kann, um den großen Grundriß, den zu erfassen ohnehin seine Schwierigkeiten hat, nicht überflüssigerweise durch neue Linien 
      <a id="page61" name="page61" title="Dr.Nani/cal"/>zu verwischen. Der Mensch, in dieses grandiose Tableau von flutendem Leben und vielseitigster Mannigfaltigkeit gestellt, fährt auch in der Mondenzeit, unter Leitung geistiger Wesenheiten, fort, an seinem physischen Leibe zu arbeiten. Die Geister der Persönlichkeit wirken am Astralleib, dem sie eine Vorahnung des Ichs einhauchen, die Feuergeister auf den Ätherleib. Das Menschenwesen fühlt sich in seinem Dasein von diesen Wesenheiten gleichsam getragen. Säftebewegung, Drüsenbildung, Wachstum setzen ein, Gase verdichten zu Flüssigkeit, eine Art Ernährung greift Platz, eine Art Atem tritt auf und mit ihm werden Gefühle der Lust und Unlust geweckt; in dampfartiger Umgebung, tauchen Bilder empor, das sogenannte Bilderbewußtsein begründend, und als ätherisch-seelische Gebilde erscheinen in diesen Bildern die »Söhne des Lebens«: Sympathie und Antipathie eröffnen ihr Spiel und tragen dazu bei, das Phänomen der »Entsprechungen« hervorzurufen. Die Mondenzeit ist die Epoche der Wandlungen: Geburt und Tod halten ihren Einzug, getragen von einer dunklen Sicherheit in Hinsicht auf die Unzerstörbarkeit des kommenden Ichs, das auszubilden der Erdentwicklung vorbehalten blieb. Versucht man, diese schwierige Partie der Geheimwissenschaft, vielleicht eine der schwierigsten, von anderen Gesichtspunkten aus zu ordnen, so wird die alte Mondenzeit zunächst durch die Fähigkeit des Bewußtseins charakterisiert, Bilder zu haben, den Traumbildern gleichend, die heute unseren leichteren Schlafzustand begleiten, sich aber von den Bildern der alten Mondenzeit durch Verschwommenheit und Willkürlichkeit unterscheiden. Im Weltenzeitalter des alten Mondes entwickelt der Mensch den dritten seiner sieben (zwölf) Bewußtseinsgrade. Das Mondenbewußtsein sieht (nicht etwa wie im Schlaftraum von heute) 
      <i>Sinn</i>bilder (nicht 
      <i>Ab</i>bilder) der Dinge. Daß dieses Bilderbewußtsein zustande kam, war eine Wirkung des Astralleibes, als des dritten Wesensgliedes der menschlichen Wesenheit, das sich zur Mondenzeit, ungefähr um 
      <a id="page62" name="page62" title="Dr.Nani/cal"/>die dritte Mondenrunde, entwickelte. Der Astralleib ist ein Geschenk der Geister der Bewegung aus der eigenen Natur; sie entfalten auf dem alten Mond: die Begierde, den Trieb, den Wunsch. Der Astralleib konnte erst dann eingegliedert werden, als, innerhalb der ersten Mondenrunde, der physische Leib von den Geistern der Bewegung, in der zweiten von denen der Form, in der dritten von denen der Persönlichkeit, in der vierten von denen des Feuers und in der fünften von jenen des Zwielichts zur Reife gebracht worden war. Zur Zeit, da die Geister des Zwielichts am physischen Leib tätig sind, arbeiten die Geister der Persönlichkeit am Astralleib und die Geister des Zwielichts am physischen Leib. Die Entwicklung des Ätherleibs vollzieht sich in anderer Weise: er empfängt seine Notwendigkeiten in der ersten Runde von den Geistern der Weisheit, in der zweiten von denen der Bewegung, in der dritten von denen der Form, in der vierten von denen der Persönlichkeit und in der fünften von denen des Feuers. Aus der Arbeit der Geister des Zwielichts am Ätherleib, aus der Verbindung ihres Bewußtseinszustandes mit dem Bewußtseinswillen des Ätherleibes, entstehen Lust und Schmerz für den Menschen, ein Geschenk der alten Mondenzeit! Zur selben Zeit und auf ähnliche Weise wecken die Feuergeister im Astralleib Gefühl und Empfindung, Affekte, Liebe und Haß, Leidenschaften und Instinkte aller Art und von triebhaftem Charakter. Die Mondenzeit hat den Tiermenschen zum Grundtyp; das Mondenmineral hat pflanzlichen, die Mondenpflanze tierischen Charakter. Dem Tiermenschen der alten Mondenzeit fehlen die Knochen; er hat nur Knorpeln; er springt und schwebt, statt zu gehen; aus dem dickflüssigen Element, das ihn umgibt, holt er seine mineralische und tierische Nahrung, aus ihr zieht er auch die Kraft der Befruchtung; eingeschlechtlich, ein Wesen aus Wasserluft, entwickelt er doch schon die Ansätze der Zweigeschlechtlichkeit. Bei der Betrachtung der Impulse, den geistige Wesenheiten in die Weltenwicklung einfließen 
      <a id="page63" name="page63" title="Dr.Nani/cal"/>lassen, war aber auch von Opfern, von Hingabe und Hinnahme die Rede. Ein Teil der Schritte, die für die Entwicklung der Welt geschehen sind, hängt mit einem Verzicht zusammen, den solche Wesenheiten auf Kosten der eigenen Weiterentwicklung leisten, um der Erdentwicklung dienlich zu sein. Unter diesen geistigen Wesenheiten, die durch Verzicht gewisse leitende Gesichtspunkte der Schöpfung verwirklichen helfen, nehmen die (von Steiner so benannten) luziferischen Wesenheiten einen großen Raum ein, die auf dem Monde zurückblieben, damit der Mensch zur Möglichkeit freier Entschließung komme. Sie sind im Lichte dieser Betrachtung wohl gewissermaßen Schädlinge, aber doch auch gerade dadurch nützlich und notwendig. Wohl verdankt die Menschenwesenheit den luziferischen Wesenheiten ihre Begierden- und Triebhaftigkeit, die bewußt in die Tiefe ziehen, doch würde ihr die Wohltat des freien Entschlusses gänzlich fehlen, wenn dieser Zustand nicht eingetreten wäre. Die menschliche Willensfreiheit ist Luzifers, des »Lichtbringers«, Geschenk. Die Gedankengänge, die sich auf diesen Teil der Akashaschauungen beziehen und dem Auge des Hellsehers darbieten, sind überaus kompliziert. Als Ergebnis kommt hier bloß in Betracht, daß der Verzicht der Götter zur alten Sonnenzeit den Verzichtenden Göttern die Palme der Unsterblichkeit errang. Das Wässerige der alten Mondzeit erscheint im Geistigen als Verzicht und Entsagung. (Ein Zusammenhang, der in Lenaus wundervollem Gedicht »Blick in den Strom« mit hellseherischer Sicherheit berührt wird.) Die zurückgeworfene, gleichsam übrigbleibende Opfersubstanz wird von zurückgebliebenen Wesenheiten aufgenommen, so daß diese nun sozusagen als selbständige Wesenheiten neben die Opfernden treten. Das Böse, entstanden durch diesen Mißbrauch, stammt also eigentlich aus guter Quelle: aus der Gabe des Verzichtes und der Resignation. Wesen, die nicht opfern können, können aber nur in sich selbst leben, in ihrer Egoität. Treten auf dem Saturn Willens-, auf der Sonne 
      <a id="page64" name="page64" title="Dr.Nani/gary"/>Weisheitswesen auf, so sind es die Geister der Bewegung auf dem alten Monde, die im weitesten Sinne auch die Bewegung der Gedanken, die Denkbewegung einleiten; ihnen verdanken die Wesenheiten, die nicht zu opfern imstande sind und daher in ihrer Egoität leben, ihre Errettung aus der Gefahr der Vereinsamung und der Einseitigkeit. Sache der Geister der Bewegung ist, die Beziehungen zwischen den Geistwesen zu veranlassen und zu befördern. Sie sind damit Besieger der Langeweile und zugleich Schöpfer der Sehnsucht. Indem diese Geister der Bewegung Veränderung und Beziehungswechsel hervorbringen, lassen sie Sehnsucht und Wille zusammenfließen und erzeugen statt der Gedanken Bilder. Das Aufsteigen des Bilderbewußtseins auf dem alten Mond erscheint als ein Geschenk der Geister der Bewegung. Im geisteswissenschaftlichen Sinne ist der alte Mondenzustand, dem ein nicht räumlicher Zustand voranging, zunächst eine Wiederholung des Saturn- (Wärme-) und des Sonnen- (Licht-) Zustandes, wozu nun die Phase des chemischen Ätherzustandes hinzutritt, der die Substanz des alten Mondes ausmacht, die chemischen Prozesse, die Differenzierung, das Trennen und Zusammenfügen der Stoffe bewirkt und den Ton ergibt; seine Raumbildung ist saugend und zusammenziehend, seine Form halbmondförmig, sein Zustand flüssig: der naturwissenschaftlich gebildete Leser wird unschwer erkennen, daß hier eine Wiederkehr des ontogenetischen und phylogenetischen Gesetzes vorliegt, wenn auch in anderer Art.</p><p>Mit dem Mondenzustand schließt die vorirdische Entwicklung. In der kosmischen Nacht nach der Mondenzeit wird die Erde geboren, des Menschen nächster, vierter Aufenthalt im Rade der Schöpfung!</p><h4>XIII.
      <br/> Die Geburt der Erde</h4><p>Jahrmillionen sind vergangen. Der Zustand der Ruhe nach der dritten Phase, der Mondenzeit, ist zu Ende. Alles, was ihr 
      <a id="page65" name="page65" title="Dr.Nani/cal"/>zugehört und ihr Wesen ausmacht, erwacht, vergeistigt, zu neuer Tätigkeit und weiterer Entwicklung. Drei andere Formen sind dem Zustand, der Erde genannt wird, vorangegangen: Saturn, Sonne und Mond; diese drei planetenhaften Epochen sind also als frühere Zustände der Erde anzusehen, die in drei weiteren Planetenformen (Jupiter, Venus und Vulkan) überzugehen bestimmt ist. Die Erde ist sonach das mittlere Glied eines siebenfachen Schöpfungszyklus. In sieben Stufen vollendet der Mensch seine Entwicklung von den niederen zu den höchsten Bewußtseinszuständen, vom dumpfen Saturn- durch das Sonnen- und Mondenbewußtsein zum gegenständlichen Bewußtsein der Erde, getragen von den »Sinnen«. An die Stelle des Bilderbewußtseins der Mondenzeit rücken Vorstellungen und Gedanken, Gedächtnis und Selbstbewußtsein treten in Erscheinung, zugleich als Keime für die kommenden Bewußtseinszustände. Der letzte dieser Zustände als Ziel der Entwicklung, Vulkan genannt, führt zum spirituellen Bewußtsein, der Gottseligkeit. Es kann keinem Leser, der sich über den gegenwärtigen Stand der Geheimwissenschaft informieren will, erspart werden, in Steiners Geheimwissenschaft die Vorgänge, die zur Erdentwicklung im heutigen Sinne führten, immer wieder nachzulesen. Vermag er dem hohen Fluge dieser gigantischen Schilderungen nicht recht zu folgen, so gibt es Mittel genug, einen annähernden Begriff von der Genesis auch mit Ausdrücken der modernen Naturwissenschaft zu erlangen. Den Erdenzuständen und Bewußtseinsformen entsprechen die vier Ätherarten der Geheimwissenschaft: Wärme-, Licht-, chemischer (Klang-) und Lebensäther, deren erster, ausdehnend im Raum, sphärisch in der Form, den Wärme-, deren zweiter, zentrifugal im Raum, dreieckig in der Form, den gasförmigen, deren dritter, saugend und zusammenziehend im Raum, halbmondförmig in der Form, den flüssigen und deren vierter endlich, zentripetal im Räume, viereckig in der Form, den festen Zustand bewirkt, als in dem wir unseren Erdenplaneten 
      <a id="page66" name="page66" title="Dr.Nani/cal"/>erkennen. Das Spiel dieser Ätherkräfte setzt nach einem aller Entwicklung vorausgegangenen, rein geistig wesenhaften, nicht räumlichen Zustand mit der Wärmeätherepoche (Saturn) ein, bringt den Lichtätherzustand (Sonne) und den chemischen Ätherzustand (Mond) hervor und führt nach Wiederholungen der drei früheren Zustände zum Lebensätherzustande unserer Erde. Über die Ätherarten und Bewußtseinszustände der kommenden drei Entwicklungen (Jupiter, Venus, Vulkan) kann heute noch nicht gesprochen werden, ohne Mißverständnisse hervorzurufen. Für den Adepten der Geheimwissenschaft bleibt, da die exakte und esoterische Naturforschung das Fiasko des Urnebels erlebt hat, aus dem die Welt geworden sein sollte, allemal und als Hauptweisheit wichtig, daß unsere Erde aus rein geistigen Zuständen hervorgegangen ist; durch die schöpferische Kraft der ätherischen Bildekräfte, die ihre Impulse von geistigen Wesenheiten empfingen und empfangen, sind alle Substanzen entstanden, die unseres Erdenplaneten Dasein garantierten und noch heute garantieren. Freilich hat die Erde wiederum sieben Zustände durchzumachen, ehe sie zur kosmischen Nacht übergeht, die einst zum nächsten, zum Jupiterzustand führt; von den sieben Zuständen sind vier vorbei; wir halten im fünften, der der sogenannten nachatlantischen Epoche folgte. Die Namen der abgelaufenen vier Epochen sind nach Steiner: die polarische, die hyperboräische, die lemurische und die atlantische, so daß wir gegenwärtig in der fünften, der nachatlantischen Zeit stehen. Der in der Atmosphäre der exakten Naturwissenschaft aufgewachsene Denker, der mit diesen Bezeichnungen wahrscheinlich wenig anzufangen weiß, wird sie wesentlich befriedigter zur Kenntnis nehmen, wenn man ihm unter vier Augen sagt, daß das, was er als physische Entwicklung der Erde ansieht, ungefähr beim Übergang von der hyperboräischen zur lemurischen Epoche einsetzt, daß diesem die sogenannte archaische, paläozoische, mesozoische und känozoische Zeit bis zur »Eiszeit« 
      <a id="page67" name="page67" title="Dr.Nani/cal"/>folgen, welch letztere ungefähr in den Übergang von der atlantischen zu unserer nachatlantischen Epoche fällt. Die archaische und paläozoische Periode würden die mehr ätherischen Vorgänge der polaren und hyperboräischen Epoche gleichsam im Physischen widerspiegeln, indes die mesozoische etwa den Höhepunkt der lemurischen Epoche darstellen könnte. Der berühmte Kant-Laplacesche Urnebel, das heißt das Auftreten des gasförmigen Zustandes, durch Wärmedifferenzierungen hervorgerufen, hätte ungefähr im Übergang von der polarischen zur hyperboräischen Epoche Platz. Was aber nun die geologischen Perioden der Erdengenesis vom Gesichtspunkte des Ätherischen betrifft, so beginnt während der polarischen Epoche der Wärmeäther von außen nach innen zu strömen; aus der rein geistigen Welt bilden sich die ätherischen Sphären; während der hyperboräischen Epoche strömt das lichtätherische Element nach innen, indes die übrigen Bildekräfte (Feuer und Licht) von außen einwirken (Urnebel; Sonnentrennung); während der lemurischen Epoche strömt das Chemisch-Ätherische nach innen, indem es Licht- und Wärmeäther im Rahmen großer Feuerkatastrophen verdrängt (Mondentrennung); während der atlantischen Epoche aber strömt der Lebensäther nach innen und verdrängt das chemisch-ätherische Element im Rahmen großer Wasserkatastrophen (Sintflut). Unsere heutige Erdenstruktur (die der nachatlantischen Epoche) ist dadurch entstanden, daß die verdrängten Bildekräfte wieder nach außen wandern und die Umstülpung der Sphären damit vollzogen ist.</p><h4>XIV.
      <br/> Die ersten drei Wurzelrassen</h4><p>Wenn man von den beiden ersten irdischen Epochen, der polarischen und der hyperboräischen spricht, so sind damit zugleich auch die beiden ersten Wurzelrassen der Menschheit in 
      <a id="page68" name="page68" title="Dr.Nani/ami"/>das Bild der Sphärenwissenschaft eingeführt: die polarische und die hyperboräische, beide zunächst eingeschlechtliche Formen, deren Hauptmerkmal ausmacht, daß der physische Leib der unmittelbaren Einwirkung durch die Seele entzogen blieb. Leib und Seele gehen ihren eigenen Weg: sie trennen sich, da der Leib, der physischen und chemischen Stoffwelt gänzlich ausgeliefert, vom Seelischen aus nicht mehr beherrscht werden kann, im Tode, der nunmehr zum obersten Gesetz alles Lebendigen wird. Der eingeschlechtliche Mensch teilt sich: das Muttergebilde lebt restlos im Tochtergebilde fort. Diesem Zustande folgt die Fortpflanzung und die Wiederverkörperung des Seelenlebens im neuerstandenen Tochterorganismus. Tod und beginnende Zweigeschlechtlichkeit werden die Hauptpfeiler der beiden ersten menschlichen Wurzelrassen. Mit dem Tode greift Ahriman, mit der Zweigeschlechtlichkeit Luzifer in die menschliche Entwicklung ein, zwei Wesenheiten, die von größter Bedeutung und mit der Erdentwicklung eng verbunden sind. Solange die Seele das Stoffliche beherrschte, war sie männlich und weiblich zugleich, ihr männliches Element dem Wollen und ihr weibliches dem Vorstellungsvermögen verwandt. Die Trennung der Geschlechter fällt in einen bestimmten Zeitpunkt des Verdichtungsprozesses der Erde; sie ist zugleich die Geburtszeit des Denkens auf Erden, das mit dem Opfer der Eingeschlechtlichkeit bezahlt werden mußte. Für das Äußere wird der Mensch fortab von außen befruchtet, für das Innere aber von innen, wodurch von selbst erhellt, daß im männlichen Leibe eine weibliche, im weiblichen aber eine männliche Seele wohnt; zweigeschlechtlich werden sie erst wieder durch Befruchtung mit dem Geist. Man sieht, sagt Steiner an einer wichtigen Stelle seiner Akashachronik, daß das Höhere im Menschen mit Mann und Weib nichts zu tun hat. Die innere Ausgleichung kommt bei der Frau aus einer männlichen, beim Manne aus einer weiblichen Seele; sie wird durch Vereinigung mit dem Geiste bewirkt. »Daß aber vor dem Zustandekommen 
      <a id="page69" name="page69" title="Dr.Nani/ami"/>dieser Gleichheit Verschiedenheit vorhanden ist, dies schließt ein Geheimnis der Menschennatur ein, dessen Erkenntnis für alle Geheimwissenschaften von großer Bedeutung ist.« Jedenfalls gibt es den »Schlüssel« zu den »Lebensrätseln« und es ist, sagt Steiner, »vorläufig nicht erlaubt, den Schleier, der über dieses Geheimnis gebreitet ist, fortzuziehen«. Durch die Zweigeschlechtlichkeit ist der Mensch ein geistiges Wesen geworden. Der doppelgeschlechtliche Mensch der ersten lemurischen Zeit war ein ganz anderes Wesen als der Mensch von heute; ihm fehlte die Möglichkeit, sinnliche Wahrnehmungen mit Gedanken zu verbinden, er konnte nicht denken in unserem Sinne, sein Leben verlief zunächst ganz triebartig, war von Instinkten und Begierden und Wünschen aufgestachelt, in einer Art traumhaften Bewußtseins dumpf dahinlebend. Allerdings gilt diese Zustandsschilderung bloß von dem Durchschnitt des Menschen und seinem primitiven Typus. Neben und über diesem Durchschnittstypus gab es Wesen, die, höher entwickelt, trotz ihrer Zweigeschlechtlichkeit Erkenntnis und Wissen zu erwerben imstande waren. Der Durchschnittsmensch denkt auf dem Umweg über sein Gehirn; seine Seele wäre ohne diesen Umweg geistlos geblieben. Bei jenen anderen menschlichen Wesenheiten aber war die Fähigkeit vorhanden, Weisheit und Erkenntnis auf übersinnliche Weise zu erwerben; den Umweg des Geistes über die sinnliche Stofflichkeit, diesen Herabstieg der Seele in die Materie nennt die exoterische Esoterik populär »Sündenfall«. Jene höher entwickelten Wesen waren Hellseher und Träger uralter, nämlich höherer und göttlicher Weisheit. Die Weisheit der Anderen mußte erst erworben werden: ein Verlangen nach Wissen entstand erst als Folge der Zweigeschlechtlichkeit. Von diesem Punkte aus lohnt es sich wohl, einen Blick auf jenen tragischen Komplex zu werfen, dessen Träger die lemurische Rasse war. Sie bewohnte den lemurischen Kontinent, den die Geheimwissenschaft in den Süden Asiens, von Ceylon bis Madagaskar, in das 
      <a id="page70" name="page70" title="Dr.Nani/ami"/>heutige südliche Asien und Teile von Afrika verlegt. Es gab zu dieser Zeit weder Gedächtnis noch Sprache; die Lemurier waren indes geborene Magier; der bloße Wille hob die schwersten Lasten; in den Knaben erzogen sie den Willen, in den Mädchen die Phantasie. Die Umwelt Lemurias bestand aus dichter Luft und dünnem Wasser, die Erdkruste war weicher und lockerer, es gab bloß Palmen- und palmenähnliche Gewächse, hohe baumartige Farne und Farnwälder, dazu eine Fauna aus Amphibien, niederen Vögeln und Säugetieren, endlich Menschen, die noch tierartig lebten. Im Bewußtsein der höheren Menschen lag das göttliche Geheimnis, streng gehütet; sie standen im Umgang mit den Göttern, einem Umgang, der die Grundlage aller späteren Einweihungsschulen und Mysterienkulte, ausgeübt auf Mysterienstätten, geworden ist. In den Frauen, als Trägerinnen des höheren Vorstellungslebens, bildeten sich die ersten Keime des Gedächtnisses und mit dem Gedächtnis die Keime des moralischen Bewußtseins; der Unterschied zwischen Gut und Böse kam auf, geschaut vom Manne, gedeutet von der Frau. Von großer Schönheit ist die Schilderung der Ausklänge der lemurischen Zeit in Steiners Akashachronik, als da sind: Auswahl einer feinen und von hohen geistigen Wesenheiten zusammengestellten lemurischen Rasse zum Keim der künftigen atlantischen Zeit, Entstehung der Religion und der Sprache, fortentwickelt und weitergestaltet auf einem von vulkanischen Erschütterungen heimgesuchten Boden, fern, an einem ruhigeren Orte, der, als besondere Kolonie, die richtige Menschengestalt schaffen hilft. Eine Feuerkatastrophe von ungeheuren Dimensionen macht dieser tragischen und doch großartigen Epoche ein Ende.</p><h4>XV.
      <br/> Die vierte Rasse: unsere atlantischen Vorfahren</h4><p>Ein anderes Bild bietet die der lemurischen folgende, vierte, atlantische Wurzelrasse, die Vorläuferin unserer nachatlantischen, 
      <a id="page71" name="page71" title="Dr.Nani/ami"/>arischen Menschheit. Auch hier ist das Bild der Durchschnittsentwicklung von dem der Führer wohl zu unterscheiden und sorgfältig abzugrenzen. Die Führer der atlantischen Menschheit waren im richtigen Sinne Boten der Götter, Angeloi, Engel, wohlbekannt in den sorgfältig verborgenen Mysterien und Kultstätten. Ihnen stand die große Masse der Atlantier gegenüber, dumpf in ihren Denkanfängen, doch mit Naturfähigkeiten ausgestattet, die heute verlorengegangen sind. Endlich gab es noch eine dritte Gruppe, dazu bestimmt, die Botschaften der Angeloi im Denken zu erfassen. Eine aus dieser dritten Gruppe hervorgegangene Wesenheit war Manu, der die Erlesenen der atlantischen Rasse in Innerasien versammelte und sie lehrte, den Befehlen Gottes zu gehorchen, ohne sich ein Götzenbild der Gottheit anzufertigen. Im Zeichen Manus stand die Ordnung des gesamten, atlantischen Lebens nach höheren, göttlichen Gesichtspunkten. Mit der atlantischen Epoche und der atlantischen Rasse hat es seine besondere Bewandtnis; ihr Geheimnis liegt schon in der Existenz des atlantischen Erdteils, der zwischen Amerika und Europa gesucht werden muß. Der Atlantische Ozean bedeckt heute den Boden dieses seltsamen und wunderlichen Kontinents, doch beschränkt sich das, was atlantische Kultur genannt werden kann, auch auf die jenem Kontinent benachbarten Gebiete des heutigen Asien, Afrika, Europa und Amerika. In den ersten Zeiten der atlantischen Menschheit war das Gedächtnis hoch entwickelt. Der Atlantier dachte in Bildern, ein Denken, das der heutige Mensch mit seinen ausgeprägten Begriffen kaum zu erfassen vermag. Einen Fortschritt in unserem Sinne konnte es nicht geben, da nichts zu erdenken und nur die Erinnerung tätig war. Die Atlantier beherrschten die Lebenskraft, besaßen Flugzeuge und lebten in Ansiedlungen. Sie, ihre Vorfahren, die Lemurier, und ihre Erben, die Arier, bilden die drei eigentlichen Wurzelrassen der doppelgeschlechtlichen Menschheit. Jede dieser Wurzelrassen hat bestimmte physische und geistige Eigenschaften 
      <a id="page72" name="page72" title="Dr.Nani/ami"/>und schreitet durch sieben Unterrassen ihrem Ziele in der Entwicklung der Menschheit zu. Die Namen der sieben Unterrassen der Atlantier aber sind folgende: die Rmoahals, aus den Resten der lemurischen Rasse gebildet, noch gedächtnislos, aber schon des Gefühls fähig, in der Sprache entwickelt und des Zaubers des Wortes kundig; die Tlavatli, ehrgeizig, gedächtnisstärker, dem Ahnenkult ergeben, zur Bildung von Gruppen mit gleichen Erinnerungen neigend; die Tolteken, sozial empfindend, mit den Anfängen zu persönlicher Erfahrung behaftet, mit einem Gefühl für die Macht der Persönlichkeit ausgestattet und in die Geheimnisse der geistigen Entwicklung eingeweiht; die Urturanier, selbstsüchtig, begierdenhaft, eigensinnig, aber in den Anfängen logischen Denkens bewandert, gleich der nächsten Unterrasse, den Ursemiten, vergleichender Urteilskraft schon einigermaßen mächtig, daher schon Rechner, Kombinatoren, Hörer der inneren Stimme, in ihrer Art dazu bestimmt, in einer Auswahl die Grundlage zur arischen Wurzelrasse zu legen; die Akkadier, als sechste Unterrasse: gewandte Denker, klug, neuerungssüchtig und stets veränderungsbedürftig, zur Ausbildung von Rechtsbegriffen und zur Bildung von Gefühlen neigend, unternehmungslustig, und endlich, als siebente Unterrasse, die Mongolen, Wiederholer der vierten Unterrasse, der Erinnerung treu, glaubensfroh, ihren Nachbarvölkern ein Rätsel und als geheimer Kräfte kundig bekannt. Das Ende der Atlantis durch eine Wasserkatastrophe bildet die Grundlage zu den Sintflutberichten fast aller Völker. Die exakte Wissenschaft neigte lange Zeit dazu, die Atlantis für ein Märchen zu halten; sie nahm die berühmte Erzählung des Platonischen »Timaios« für einen Mythos, den der große griechische Denker jenem pythagoräischen Buche entliehen hatte, das ihm in die Hand fiel und dem die Welt den »Timaios« verdankt. Die Wandlungen dieser »Legende« kann man in Henri Martins französischer Übersetzung und Monographie an der Hand der älteren Literatur verfolgen und von 
      <a id="page73" name="page73" title="Dr.Nani/ami"/>hier aus bis zu den heutigen genaueren Feststellungen über den atlantischen Erdteil, seine Schicksale und seine Geheimnisse vordringen. Der atlantischen Kultur verdanken wir, als ihre arischen Erben und als Träger der nachatlantischen, unseren heutigen Menschengrad, der als eine Mischung aller vorangegangenen Epochen erscheint. Die atlantische Zeit ist ein außerordentlich wichtiger Punkt der Erdentwicklung; sie stellt sozusagen die Mitte des Gesamtprozesses dar, der mit Saturn, Sonne, Mond und Erde einsetzt und mit Jupiter, Venus und Vulkan schließt. Die Tätigkeit des Luzifer im Laufe dieser Entwicklungsgeschichte, schon in der lemurischen Epoche begonnen, birgt ein tiefes Geheimnis: die Geburt des Icheinschlages, des Ichimpulses im Menschen! In der atlantischen Epoche wirft das große Ereignis des Ichs seine Schatten voraus. Die Entwicklung im Gebiete der Atlantis brachte die wichtige Sonderung von Saturn-, Sonnen-, Jupiter- und Marsmenschen. Die Venus- und Merkurrassen (Malaien und Neger) kamen vom alten lemurischen Kontinent nach Asien und Afrika, die Saturn-, Sonnen-, Jupiter- und Marsrassen aber brachten ihre Anlagen auf dem atlantischen Kontinent zur Entfaltung. Vom atlantischen Kontinent beginnen dann die großen Wanderungen der Unterrassen. Im Zeichen der in der Sintflut versunkenen Atlantis steht unsere Kultur und unser weiteres gemeinsames Menschenschicksal, von dem nun, an der Hand der alten Kulturen, die Rede sein muß ...</p><h4>XVI.
      <br/> Die Erde ein lebendiges Wesen</h4><p>Das Geoid, das wir Erde nennen, kann seine Jahrmillionen alte Vorgeschichte nicht verleugnen. Seit der atlantischen Epoche zu scheinbarer Ruhe gekommen, trägt es die Menschheit bis zum Tage, da es seine Rolle ausgespielt haben wird, um in die nächsthöhere Zustandsform überzugehen, der die Geheimwissenschaft 
      <a id="page74" name="page74" title="Dr.Nani/ami"/>den Namen »Jupiter« gibt. Als Träger alles Lebens ist unsere Erde selbst ein lebender Organismus, in einem beständigen Kampf gegen die von außen chaotisch einwirkenden Einflüsse, der Sonne, voran, begriffen, die allerdings anderseits auch das Leben auf der Erde garantieren. Der gegenwärtige Erdenzustand vereinigt in der Hauptsache den Lebens- und den chemischen Äther (beide mit saugender und zusammenziehender Wirkung), um die erreichte Kräfteanordnung zu erhalten, indes die auseinanderstrebenden das Zentrum fliehenden Kräfte des Licht- und des Wärmeäthers die gasförmige Atmosphäre rings um die Erde erfüllen und diese mit einem Wärmemantel gegen den übrigen Kosmos abschließen. Aus dem »erhabenen Wechselspiel« von Tag und Nacht, Chaos und Ordnung, Sommer und Winter, Sonnennähe und Sonnenferne gehen alle atmosphärischen und meteorologischen Erscheinungen hervor. Die Erde beginnt bei Sonnenaufgang auszuatmen; sie führt ihren Atmungsprozeß mittags und nachmittags durch, fängt gegen Sonnenuntergang einzuatmen an und führt den Einatmungsprozeß bis gegen drei und vier Uhr morgens zu Ende. Die Beobachtung des lebendigen Erdorganismus und der dabei auftretenden rhythmischen Vorgänge eröffnen denn auch Einblick in das Geheimnis der Erdumdrehung; sie erklärt sich durchaus aus Tätigkeiten innerhalb der Erde selbst und ist keineswegs etwa bloße mechanische Umdrehung eines toten Körpers durch »unbekannte und noch unerforschte« Kräfte, sondern eine Folge der rhythmischen Vorgänge innerhalb der ätherischen Bildekräfte des Erdorganismus. Die drei lebendigen Naturreiche sind nach dem geistigen Gesetz der Polarität in Kreuzesform angeordnet: der Mensch, aufrecht, mit dem Haupt nach oben, das Tier, waagrecht und die Pflanze mit dem Haupt (Wurzel) nach unten, bilden das erhabene Symbol der an das Kreuz des Weltenleibes geschlagenen Weltseele (Plato). Auch Schwerkraft und Erdmagnetismus finden an der Hand der Erkenntnis von der ätherischen Struktur des Erdorganismus ihre 
      <a id="page75" name="page75" title="Dr.Nani/gary"/>zureichende und einleuchtende Begründung. Allerdings eröffnet die Geheimwissenschaft, eben auf dem Wege, das Geheimnis des »Magnetismus« zu erhellen, den Ausblick auf eine ganz neue Auffassung von der Natur der Sonne. Der Magnetismus hängt einzig und allein von der Wirksamkeit des Lebensäthers ab; die Sonne, keineswegs der glühende Gasball, als der sie von der exakten Naturwissenschaft aufgefaßt wird, ist von Lebensäther erfüllt und stellt einen substanzlosen Hohlraum dar, ein Loch, dahinein alle substantiellen und nichtsubstantiellen Inhalte des Weltenraumes strömen, ein Zustand, der an die geheimnisvolle Tatsache des Brennpunktes einer Linse erinnert, darin sich die Glut des Sonnenstrahls ansammelt und aufspeichert. Nicht weniger erstaunlich als dieser von der Geheimwissenschaft erschlossene Komplex von Tatsachen wirkt endlich ein Blick in das Innere der Erde. Im festen Erdkörper wirkt der Lebensäther, die anderen ätherischen Kräfte kommen bloß in abgetönten Veränderungen zur Wirkung. Der Kern der Erde gehört dem Wärmeäther an und besteht, nach neuesten Angaben (Nippoldt), aus glühenden Gasen von Eisen, Nickel und Kobalt und das Erdinnere stellt in bezug auf die Verteilung der ätherischen Kräfte eine genaue Umstülpung der außerhalb der Erdrinde herrschenden ätherischen Struktur des Erdorganismus dar, ein Vorgang, der sich auch bei anderen makrokosmischen und mikrokosmischen Organismen wiederholt. Die Sphären des Erdorganismus verlaufen folgendermaßen: Wärmeäther wirkt in der äußeren (atmosphärischen) Erde und im Erdinnern, beidemal an den äußersten Punkten, des weiteren der Lichtäther und der chemische Äther; die Erdfeste, vom Lebensäther beherrscht, stellt die mittlere Zone zwischen den je drei Sphären der äußeren und der inneren Erde dar. Das Wärmegebiet bildet eine Art Brücke zwischen den verschiedenen Welten, der Mensch ist als ein allen diesen verschiedenen Gebieten gemeinsam zugehöriges Wesen in das Ganze eingeordnet. In den Ätherarten verbergen 
      <a id="page76" name="page76" title="Dr.Nani/gary"/>sich zugleich die menschlichen Bewußtseinszustände. Raum und Zeit treten erst mit dem Wirken der ätherischen Bildekräfte auf. Im Räume liegt der geheimnisvolle Übergang vom Wesen zur Erscheinung. Jedenfalls ist der Wärmeäther das erste Agens (das erste Wirkende) der Welt gewesen. Die Zeit gehört schon der Erscheinungswelt an. Die Entwicklung der Welt verläuft also nicht nur zwischen »Urnebel« und »Wärmetod«, sondern zwischen Raumbejahung und Raumverneinung. Aus dem abstrakten Begriffsspiel des Kantianismus und Neukantianismus wird das Raum- und Zeitproblem durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein Gegenstand »wirklichkeitsgemäßer und lebensvoller« Forschung. Von hier aus führt die Anthroposophie auch zu neuen Anschauungen über das Licht und die Farben. Der Kreis des Spektrums der Natur und des Lichtes umschließt zwei Welten. Die sogenannte »voraussetzungslose Wissenschaft« ist nur ein Aftergebilde, eine Wissenschaft um den Weltenleichnam; auch sie hat freilich eine und noch dazu eigenartige Voraussetzung: den Dünkel derer, die sie betreiben. Wäre sie imstande, die Menschheitsgeschichte bis zu dem Augenblick zu verfolgen, da der Mensch ohne sein »Zutun« sein Wissen aus den geistigen Welten empfing, so würde sie sich bald außerstande sehen, atheistische Allüren anzunehmen: denn sie hätte damit den wahren Gottesbeweis in Händen ... 
      <a id="page77" name="page77" title="Dr.Nani/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap004"><h3>Zweites Kapitel
      <br/> Die alten Kulturen bis zum Ereignis von Palästina</h3><h4>I.
      <br/> Altes neues Wissen von Erde und Mensch</h4><p>Die Darstellung der Genesis wäre nun bei dem Zeitpunkt angelangt, da die alten Kulturen, Ergebnisse der nachatlantischen Zeit, ihren Anfang nehmen. Die Erde hat die Saturn-, Sonnen- und Mondzustände durchschritten, und die Entwicklung des Menschen ist bis zu dem Zeitpunkt gediehen, da er damit beginnt, seinem leiblichen, ätherischen Und astralen Organismus das Ich einzufügen, das den ewigen Kern des Menschen ausmacht und aus dem sich die nächsten drei höheren Bewußtseinszustände, die nach der indischen Geheimlehre die Bezeichnungen Manas, Buddhi und Atman tragen, nach der anthroposophischen Geisteswissenschaft aber Geistselbst, Lebensgeist und Geistmensch genannt werden, entwickeln, indem, vom Ichkern aus, zunächst der astralische, der ätherische und endlich der physische Leib in ihre geistigen Daseinszustände einmünden. Um die Mitte der atlantischen Zeit tritt eine unheilvolle Note in die menschliche Entwicklung, nach Maßgabe des Gebrauches, den die Menschen von der Freiheit ihrer Entschließungen machen. Die menschliche Freiheit spielt in der Geheimwissenschaft eine grundlegende Rolle. Eine wahre und wirklichkeitsgemäße Erkenntnis der menschlichen Freiheit entkräftet zugleich am vollkommensten den törichten Einwand gegen die göttliche Weltordnung, den man aus dem Munde zeitgemäßer Agnostiker so oft zu hören bekommt: Gott hätte besser daran getan, die Dinge 
      <a id="page78" name="page78" title="Dr.Nani/gary"/>der Erfahrungswelt gleich vom Anfang der Schöpfung ab so zu ordnen, daß absolute Glückseligkeit hätte eintreten können; indem er das Böse nicht unterdrückte, habe Er seine wahre Ohnmacht erwiesen und, obwohl ein gerechter und gütiger Gott, zugelassen, daß diese Erde zur Hölle würde. Daß im Wesen des Göttlichen zugleich die Freiheit liegt, bewußt zu schaffen und nicht bloß ein leeres, wenn auch vollkommenes Spielzeug schöpferischer Laune herzustellen, sind sie einzusehen außerstande. Ohne die Möglichkeit freier Entschließung hätte die göttliche Schöpfung nicht einen Augenblick bestehen können, weil sie sinnlos gewesen wäre. Indem Gott schuf, schuf er auch die Möglichkeit zur Erkenntnis des Göttlichen und mit dieser die Möglichkeit, den göttlichen Ursprung zu vergessen und ihm zuwiderzuhandeln. Um nun wieder zur Mitte der atlantischen Epoche zurückzukehren: das geheime Wissen, von den Eingeweihten streng gehütet und vor Mißbrauch durch unreine Naturen geschützt, wird um diese Zeit Menschen ausgeliefert, die sich seiner bedienen, um Aufruhr gegen das Göttliche zu stiften. Ihr falsches und gegen das Wesen der göttlichen und menschlichen Wahrheit gerichtetes Tun bringt, unter Mitwirkung niederer, elementarer Wesenheiten, die Kräfte der Natur zu entfesselter und zerstörender Wirkung. Ihr Treiben ist als die Ursache jener Katastrophen anzusehen, denen die atlantische Welt erlag. Was in den Stürmen der Katastrophe nicht zugrunde ging, wanderte in jene Teile der Erde aus, die sich aus dem Chaos der Flut neu gestalteten. Von den sieben Unterrassen der atlantischen Zeit, von den Ursemiten, die das logische Denken in gewissem Sinne entwickelten, nimmt die nach atlantische Menschheit, die Schöpferin der nachatlantischen, ältesten Menschheitskulturen, ihren Anfang. Die fünfte Wurzelrasse, geführt von einem Eingeweihten, den die okkulte Tradition Manu nennt, bestand aus Bevölkerungsresten, die zum Teile schon eine Art eigener Kultur besaßen; auf dem südasiatischen Kontinent saßen Ausläufer der lemurischen Rasse 
      <a id="page79" name="page79" title="Dr.Nani/gary"/>angesiedelt, deren Abkömmlinge auch noch in Australien zu finden waren, indes West- und Nordasien sowie Südeuropa von Resten der vierten Rasse, der Urturanier, bewohnt wurden. Der Boden, in den Zweige der fünften Wurzelrasse gesenkt waren, umfaßte sonach zwei Strömungen: eine lemurisch- und eine atlantisch-arische, beide mit Resten noch älterer Kulturen im Leibe. In Skandinavien, Nordrußland, Sibirien und China gab es Reste der hyperboräischen Kultur. Aus der Gegend um die Wüsten Gobi und Schama entstand eine Priesterkultur bei einer relativ spirituell hochentwickelten Rasse, bestimmt, das »volle Heruntersteigen auf den physischen Plan vorzubereiten« und Kolonien nach Indien und Afrika auszusenden. Von diesem Auswandererzug stammten die Indoarier und die Hamiten, begründend die indische und die ägyptische Kultur. Die Eingeweihten des Zarathustra schufen die Kultur der Meder, Perser, Bakter und Chaldäer, in einem anderen Kolonisationszweig erstanden die Kulturen der Babylonier, Phönizier und Araber. Auf dem Boden des alten Griechenland erwächst die pelasgische Kultur, geheiligt durch den Zeus von Dodona, in Italien die technisch und sozial hochstehende Kultur der Etrusker. Im Norden entwickelt die keltische Rasse eine dritte Aussendung der Kultur der mosaischen Genesis und des trojanischen Kreises. Die ätherische Kräftestruktur an bestimmten Orten der Erdoberfläche und die organische Struktur der an diesen Orten entwickelten Kulturen stehen jedesmal in einem bedeutsamen Zusammenhang. Die Geheimwissenschaft der Anthroposophie kennt eine eigene Art Erdkunde: die Äthergeographie, eine noch junge, von Günther-Wachsmuth sorgsam entwickelte Doktrin, die tiefe Einblicke in die Völkerpsychologie gewährt. Sie unterscheidet ein europäisches und ein asiatisches Kräftekreuz mit einem großen Gebirgsmassiv im Schnittpunkt, den Alpen und dem Himalaya, gebildet von Kräftestrahlungen. Die Kindheit der Menschheit verläuft in Afrika, die Jugend in Asien, das 
      <a id="page80" name="page80" title="Dr.Nani/gary"/>mittlere Lebensalter in Europa, das späte Alter in Amerika. In ein anderes Kapitel der neuen Erdlehre gehört die Erkenntnis von den Urformen der Kontinente. Ein flüchtiger Blick auf den Globus zeigt, daß die festen Teile der Erdoberfläche überwiegend nach dem Nordpol, die flüssigen vornehmlich nach dem Südpol zu orientiert sind. Der Nordpol stellt also gleichsam den Brennpunkt der Lebensätherkräfte, mit Sonnenwirkungen verknüpft, dar, indes der Süden, dem chemischen Äther zugeordnet, mehr den Mondwirkungen unterliegt. Die Kontinente streben der Dreiecksform zu, die auch bei vielen großen Inseln und Halbinseln (Grönland, Arabien usw.) festgestellt werden kann. Es ist schon erwähnt worden, daß den vier Ätherformen bestimmte formbildende Tendenzen eigentümlich sind: dem Wärmeäther die sphärische, dem Lichtäther die dreieckige, dem chemischen Äther die halbmondförmige und dem Lebensäther die viereckige (kubische). Unwillkürlich erinnert diese Zuordnung an Greens Behauptung von der tetraedrischen Erdgestalt. Die Äthergeographie spricht von der Erde als einem Salzwürfel, der in der sphärischen Wassermenge schwimmt und die Urform des Lebensäthers trägt.</p><p>Nach diesen Abschweifungen vom Thema kehrt die Darstellung nun zum Thema der alten Kulturen zurück. Sie umfassen einen Zeitraum von ungefähr 7200 v. Chr. bis 3500 n. Chr., nach welchem Zeitraum die fünfte Kultur (unser gegenwärtiges angelsächsisch-arisches Zeitalter) beendigt sein wird, um einer kurzen, nach slawischen Impulsen geordneten Kultur Platz zu machen. Den Tierkreiszeichen zugeordnet, ergibt sich die folgende Anordnung: 1. Die uralte indische Kultur, im Zeichen des Krebses, zirka 7200 bis 5000 v. Chr.; 2. die uralte persische Kultur, im Zeichen der Zwillinge, zirka 5000 bis 3000 v. Chr.: 3. die ägyptisch-jüdisch-babylonisch-chaldäische Kultur, im Zeichen des Stieres, zirka 3000 v. Chr. bis 747 v. Chr.; 4. die griechisch-lateinische Zeit, von 747 v. Chr. bis 1413 n. Chr., im 
      <a id="page81" name="page81" title="Wunibald/gary"/>Zeichen des Widders (Lammes), und 5. unsere Zeit, von 1413 bis zirka 3500 n. Chr., im Zeichen der Fische.</p><h4>II.
      <br/> Der altindische Kulturkreis</h4><p>Wenn von der alten indischen Kultur gesprochen wird, die ungefähr den Zeitraum von 7200 v. Chr. bis 5000 v. Chr. ausfüllt und im Tierkreiszeichen des Krebses stand, so ist schon an dieser äußerlichen Feststellung zu erkennen, daß es sich dabei keineswegs um jenes Stück indischer Kultur und Geschichte handelt, das die exoterische Geschichtsforschung das alte Indien nennt. Für die rund 2000 Jahre, die der ersten nachatlantischen Epoche, der altindischen Kultur gehören, gibt es keine äußeren Dokumente. Der Inder der Altertumsforscher ist eine viel spätere Erscheinung als der Träger der alten indischen Kultur. Erst während der Entwicklung der nachfolgenden Kulturen, der persischen und der ägyptisch-chaldäischen, entwickelt sich auf dem indischen Boden das, was die landläufige Wissenschaft altes Indien nennt. Die spätere Einteilung der Menschen in Kasten wurzelte in den Anschauungen der alten indischen Kultur, die verschiedene Arten von Menschen umfaßte und zugleich lehrte, daß jede Seele die Kaste, welcher sie angehörte, sich selbst gewählt habe, da sie durch ihr Vorleben zu dieser bestimmten Art Dasein taugte. Die Zuordnung der alten indischen Kultur zum Tierkreiszeichen des Krebses kann an dieser Stelle noch nicht ihre vollkommene Erklärung finden. In der Astrologie ist das Zeichen des Krebses eines von den sieben hellen Sommer-Sternbildern, aber zugleich auch ein Zeichen des Niederstieges in die irdische Welt und gehört dem Erdenkreuze (im Gegensatze zum ätherischen Kreuze) an, im Zeichen einer Involution, der die Evolution der atlantischen Epoche vorangegangen ist; im Krebszeichen kann der okkult Geschulte das 
      <a id="page82" name="page82" title="Wunibald/gary"/>Geheimnis der Zweigeschlechtlichkeit erblicken: die Schöpfung des Weibes aus der Rippe des Adam. Die niedere Astrologie schreibt den Krebsmenschen launische, phantastische, jedoch schweigsame Charaktere zu, aber der Krebs ist in Wahrheit nördlich, beweglich und nächtig geartet, wenn auch ein herrschendes Zeichen. In der Tat ist der Mensch der alten indischen Kultur ein merkwürdiges Wesen, das dem Erlebnis der Außenwelt durch die Sinne, dem Erlebnis der Schwerkraft im Skelett, andere Erlebnisse entgegensetzt: das Erlebnis der Magie, der Unwirklichkeit aller physischen Dinge und das Erlebnis Somas, der somatischen Flüssigkeit, des Wasserprozesses der ganzen Erde. Nicht vor dem Tode bangt dem Menschen der alten indischen Kultur, sondern vor dem Leben! Sich freimachen von den Kräften, die in die Geburt hinabführen, ist oberste Weisheit im Sinne Buddhas; er erlebt die Mars- aus der Jupitersphäre, die Regionen der Geister der Weisheit und jener der Bewegung. Der große Kampf am Himmel, von dem die Genesis erzählt, spiegelt das okkulteste Dokument der Inder, die Bhagavadghita, aber schon die hohe Weisheit der Veden und Upanishaden ist nur mehr ein dunkler Nachklang jener hohen Einsicht, die das Weben und Leben der uralten indischen Kultur trug. In einem späteren Augenblick wird die Rede davon sein, daß schon die alten Mysterien das Christusgeheimnis enthalten. Am schwierigsten läßt sich dieses wichtige Element allerdings in den urindischen Mysterien erweisen. Jede Kultur barg die Geheimnisse und den Sinn ihres Wesens in Einweihungsschulen. Die urindischen Mysterien wurzeln noch durchaus im Erlebnis des Paradieses, das verlorenging, sie bewegen sich am liebsten in der in den Äther verflüchtigten Urheimat des Menschen. Wohl war, natürlich, in dieser Region auch die vorgeburtliche Offenbarung des Christus zu schauen, aber das Mysterium von Golgatha, die Erscheinung des Christus zwischen Luzifer und Ahriman, lag für den irdischen Blick des urindischen Mysten im Dunkel. Noch 
      <a id="page83" name="page83" title="Wunibald/gary"/>verschwimmt ihm das Menschenwesen »in der unbestimmten Gesamtheit aller Wesen«, aber in den Hymnen an Vishvakarman des Rigveda wird deutlicher, als in der ganzen späteren Brahmanenweisheit, plötzlich das gigantische Bild eines Weltenopfers entrollt und der Weltzimmermann, ganz wie in den Evangelien, »Herr und Meister« genannt. Aus der weltfernen Sphäre des verlorenen Paradieses steigt der große indische Eingeweihte Krishna herab, um beim Übergang in das finstere Zeitalter, in die dritte nachatlantische Kulturepoche, die Richtung des indischen Geisteslebens zu bestimmen. Da hat man wiederum das Wort Abstieg und Niederstieg, das mit dem Sternbild des Krebses geheimnisvoll verbunden ist, ein Avatara des Vishnu, der sich hineinopfert in die Wesenheit der Fische, selbst als Fisch (das Zeichen des Christus) verkörpert. So dringt auch aus der indischen Kultur das Geisteslicht in seiner Weise( und zwischen der Bhagavadghita und den Paulusbriefen hat kein Geringerer als Rudolf Steiner Zusammenhänge erhabenster Natur gefunden. Die zwei Wege der indischen Einweihung werden durch den Yoga und den achtgliedrigen Pfad bezeichnet. Das Yogasystem ist die Wurzel des achtgliedrigen Pfades, den Gotamo Buddha weist; er verhält sich zum Pfad wie Magie zu Mystik. Versteht man unter Magie Wirken im Irdischen und schöpferische Verwandlung der Stoffe durch fremde und eigene Kräfte, so hat Mystik im eigentlichen Sinne kein Wirkungsgebiet; sie strebt nach innerlicher Vereinigung mit dem göttlichen Prinzip, nach Rückkehr zu diesem; fern von den Sensationen des magischen Tuns empfiehlt der Buddha die Anwendung der Kräfte, die auch er kannte, »zum Wohle der Erde und der Menschheit«. Wohl ist es schön und groß, Wunder zu wirken, wilde Tiere durch den bloßen Gedanken zu zähmen, Heilungen vorzunehmen, aber all diese Dinge, mit dem Wesen des Yoga verwoben, spielen keine Rolle mehr für den Mystiker, der die Abgeschlossenheit im Ich sucht. Das alte Indien war 
      <a id="page84" name="page84" title="Wunibald/gary"/>und ist ohne Zweifel noch heute ein Märchen- und Zauberland ohnegleichen, das Schulland der Magie, erinnert man bloß daran, daß die uralte indische Kultur noch im Anschluß an das »Paradies« lebte und im Ätherischen zu wirken wußte, aber die Entzauberer und Vernüchterer der Welt werden nicht aufhören, zu behaupten, daß sie nichts davon bemerkt haben und daß es, im Gegenteil, eine stark rationalistische und erotische Note im indischen Wesen gibt. Sie gleichen darin einem Toren, der nur den Schatten bemerkt, für die Lichtquelle aber, deren sekundäre Erscheinung der Schatten ist, kein Auge hat.</p><h4>III.
      <br/> Der Yoga</h4><p>Es ist schon gesagt worden, daß die Yogaeinweihung die Wurzel und Quelle des indischen Mysterienwesens darstellt, daß sie, zumindest als die frühere und ältere Erscheinung, im Vergleich zum achtgliedrigen Pfad des Buddha, den Mittelpunkt des gesamten indischen Einweihungssystems ausmacht. In der Tat sind denn auch beide Formen des indischen Okkultismus bis zum heutigen Tag im Westen zu finden; die Theosophie pflegt, zum Schaden derer, die den »westlichen Yoga« anwenden, den Yoga, der Neobuddhismus, wenn auch in Modifikationen, den achtgliedrigen Pfad, obschon er heute und hier weder als zeit- noch ortsgemäß erscheint. Das große Dunkel, das dank der theosophischen Methoden geflissentlich über den Yoga gebreitet war, hat seine schattenhaften Schlupfwinkel dank Steiner und dank der mustergültigen Forschungen Hermann Beckhs eingebüßt; diesem ausgezeichneten und genialen Schüler Rudolf Steiners blieb vorbehalten, die zahlreichen Irrtümer, so über Yoga und Yogapraxis im Umlauf sind, zu klären und namentlich die Unterschiede zwischen dem sogenannten Hatha- und dem Raja-Yoga endgültig festzustellen. Gestützt auf diese 
      <a id="page85" name="page85" title="Wunibald/gary"/>grundlegenden und entscheidenden Arbeiten ist man heute glücklicherweise in der Lage, Wahrheit und Wirklichkeit des Yogaweges einwandfrei zu erkennen und gegen überflüssige Geheimtuereien (namentlich in Hinsicht auf das Kundalinifeuer) ein für allemal abzugrenzen. Nichtsdestoweniger gehört eine einwandfreie Erläuterung des Yoga noch immer zu den schwierigsten Aufgaben, die das ungeheure Gebiet des Okkultismus aufzuweisen hat. Volle Einsicht in das Wesen des Yoga wird zunächst durch ein umfassendes Wissen um die Geheimnisse der Weltentstehung und der Menschwerdung, durch genaue Kenntnis der ätherischen Bildekräfte und durch die historische Wertung der Bewußtseinsstufen und -grade gewonnen. Der Yoga, Ziel aller Betrachtungen in der »Bhagavadghita«, stellt den Mittelpunkt des indischen Mysterienwesens dar; er führt zum Unterbewußtsein durch Konzentration, Meditation und Kontemplation auf rhythmischem Wege, hat eine mystische (Weg nach Innen, Suche nach dem höheren Ich des Menschen) und eine magische Seite (Entfaltung magischer Kräfte zu magischen Wirkungen durch Mantrams). »Der indische Yoga«, sagt Steiner im Jahre 1925 in einer Mitteilung an die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft, »will im Erleben des Rhythmus ganz aufgehen; er will das Gebiet des Vorstellens, des Ichs, verlassen und in einem inneren Erleben, das dem Erinnern sehr ähnlich ist, in die Welt schauen, die hinter dem liegt, was das gewöhnliche Bewußtsein kennen kann. «Der Yoga wurzelt im kosmischen Rhythmus. Atman (dem deutschen Worte Atem verwandt) drückt die Einheit des Menschen mit dem Weltenselbst aus. Die höchste Weisheit kann nur eratmet werden! Arbeit am Atem heißt auch in der alten Rosenkreuzerepoche Arbeit am Stein (der Weisen) und mit den Atemübungen (Pranayama) beginnt der Yoga sein Verwandlungswerk, die geistige Alchimie mit ihrem Ziel: Einwirkung des Geistmenschen auf den physischen Leib. In seinen Dornacher Vorträgen vom Jahre 
      <a id="page86" name="page86" title="Wunibald/gary"/>1922 betont Steiner vor allem das moralische Moment des Atems. Der eigentlichen Yogapraxis gehen zwei Stufen moralischer Natur voraus: Yama und Niyama, Läuterungsvorspiele, die ein vollkommenes Aufgeben aller weltlichen Aspirationen voraussetzen. Erst dann, wenn dieses Läuterungswerk am Ende angelangt ist, tritt Asana ein, Atembeherrschung bei Meditation. In den älteren Yogabüchern, die den sogenannten Hatha-Yoga lehren, findet man umständliche Beschreibungen jener verschlungenen Stellungen (»Sitz« genannt) vor, die den Kult des Ätherleibes ermöglichen; sie sind später fallen gelassen und durch Zurückführung auf den einfachen Sitz des Buddha nach europäischer Art vereinfacht worden. Man kann diese dritte Stufe (Asana) nicht erreichen, ohne gleichzeitig mit der Beherrschung des Atems (Pranayama) zu beginnen, die als vierte Stufe in Betracht kommt und zur fünften Stufe (Pratyayama) Beherrschung der Sinne, Abzug der Sinne von den Sinnesdingen, führt. Zusammengefaßt sind diese fünf Stufen (Yama, Niyama, Asana, Pranayama und Pratyayama) indes bloße Vorbedingungen des wirklichen Yoga, der aus Konzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und Kontemplation (Samadhi) besteht. Schon hier muß aber ein Irrtum aufgeklärt werden, der sich in vielen okkulten Werken findet und die Gesamtheit des Yoga in einem falschen Lichte zeigt. Die moderne englisch indische Theosophie tut sehr geheimnisvoll, wenn sie den sogenannten Hatha-Yoga als einen »niederen« Yoga anspricht; sie setzt ihn dem hohen, echten Raja-Yoga entgegen, der den Adepten allein anbefohlen wird, indem man ihnen zugleich den niederen, »schwarzmagischen« Yoga mit allen seinen Greueln vor Augen führt. In Wahrheit ist der Hatha-Yoga nicht mehr und nicht weniger als die medizinische Seite des Yoga und damit zugleich ein, vielleicht sogar der einzige untrügliche Beweis dafür, daß die Yogaentwicklung ihren richtigen Weg gegangen ist. Beide Yogaarten (Hatha- und Raja-Yoga) schließen einander nicht 
      <a id="page87" name="page87" title="Wunibald/gary"/>aus, sondern ergänzen sich, und das Ganze wird sofort deutbar, wenn man die in der »Bhagavadghita« erwähnten vier Stufen des Yoga mit den vier Ätherarten der Anthroposophie verbindet und den Bhakti-Yoga (Yoga der mystischen Hingabe) dem Wärme-, den Dhyana-Yoga (Erkenntnisyoga), dem Licht-, den Hatha-Yoga (den magisch-medizinischen Yoga) aber dem Klangäther zuordnet und mit dem Raja-Yoga (dem Yoga der höchsten Entwicklung) nicht nur einseitig den Lebensäther zusammenbringt, sondern vielmehr im Raja-Yoga eine Verbindung der vier Ätherarten überhaupt gegeben sieht.</p><h4>IV.
      <br/> Die Lotosblumen</h4><p>Der vielgefürchtete und mißverstandene Hatha-Yoga, dem Raja-Yoga, als dem hohen und heiligen Yoga, gleichsam wie eine niedere und finstere Form gegenübergestellt, stützt sich also auf das Körperliche im geheimwissenschaftlichen Sinne, auf physischen Leib und Ätherleib, wobei, vorgreifend, der Ätherleib als jenes Glied der menschlichen Wesenheit angesehen werden muß, das die Kräfte des physischen Körpers zum Leben aufruft und beim Leben erhält. Sein Protektor ist, nach Beckh, Schiwa, der, zugleich, als heilender Gott, mit Leben und Tod zu tun hat und der somit die medizinische Seite des Yoga darstellt. Etymologisch gehört das Wort Hatha allem zu, was Gewaltanwendung, was Gewalt als Zustand und Tätigkeit angeht. Der Hatha-Yoga wendet gewissermaßen Gewalt an. Sein Geheimnis ruht aber, wie die eine mystische Silbe ha (Sonne), die andere aber tha (Mond) andeutet, in Sonne und Mond, den beiden Grundsymbolen der Alchimie als einer rosenkreuzerischen und königlichen Kunst, die die Erinnerung an die Zeit voraussetzt, da, durch die Trennung der Sonne von der Erde, den Menschen der »Baum des Lebens« verlorenging und Erkenntnis und Leben voneinander 
      <a id="page88" name="page88" title="Wunibald/gary"/>Abschied nahmen, indem die Erkenntnis der Erde, das Leben aber der Sonne verblieb. Als nicht minder geheimnisvoll erscheint aber eine andere Seite der erhabenen Symbole, hinter denen sich Mann (Sonne) und Weib (Mond) verbergen. Mann und Weib, Leben und Erkenntnis, werden durch den Hatha-Yoga vereinigt; das Ewigweibliche und Ewigmännliche vereinigen sich, und das Kind der Sonne und des Mondes tritt in Erscheinung, aus einer mystischen Hochzeit der oberen und unteren Ätherarten hervorgegangen; Gleichnis ist zum Erreichnis im faustischen Sinne und im Sinne Goethes geworden; die Phantasie des Lesers findet von diesem Bilde unschwer zum Paradies der Märchen zurück, zur Kristallkugel bei Grimm, aber auch zu »Siegfried« und »Tristan«, und unschwer erkennt er nun, daß diese hohe mystische Vereinigung, diese »chymische Hochzeit«, durch den Raja-Yoga, durch die königliche Kunst vollzogen, und die Vereinigung von Shiwa und dem Shakti, einer Yogakraft, die unter dem Namen Aditi bekannt ist, die mystische Tatsache einer Vereinigung des Osiris und der Isis des ägyptischen Kulturkreises für das indische Wesen verwirklicht. Magie wird hier zur Mystik, und es soll später gezeigt werden, wie das Geheimnis von Golgatha diese Vereinigung für immer, das heißt, für alle Erdenzeiten vollzieht. Der Yoga der Inder führt überhaupt in die Tiefen geheimnisvoller Menschenkunde ein. Beckh, dem, wie schon hervorgehoben, die erste lichte und klare Gesamtdarstellung dieses Weges zu danken ist, behandelt sein schwieriges Thema nach vier Hauptgesichtspunkten. Der Yoga geht vom Rückgrat des Menschen aus, dem die Kraft des Ichs und des Wissens zugeordnet ist: das, was als das Männliche angesprochen zu werden pflegt. In einer Hatha-Yoga-Urkunde findet man um die okkulte Wirbelsäule sechs Blumenblätter, dem Lotos gleichend, nebst Zwischenblättern und entsprechenden Zwischenorganen, angedeutet; sie scheinen der Säule eng verbunden, also vom Ich und Willen kaum loslösbar, stammen 
      <a id="page89" name="page89" title="Wunibald/gary"/>sie doch noch aus einer Zeit, da die menschliche Entwicklung just die Festigung und Ausbildung des Ichs zu durchschreiten und zugleich zu vollziehen hatte! Die Lotosblumen sind die eigentlichen okkulten Erkenntnisorgane, und ihre Entwicklung umschließt das Hauptgeheimnis der gesamten okkulten Lehre. Von den sechs Hauptlotosblumen gehören die zwei untersten, die vier- und die sechsblätterige, bräunlich an Farbe, dem Stoffwechsel- und Gliedmaßensystem des Menschen, die zwei mittleren, die eine, zehnblätterig, am Sonnengeflecht (Solarplexus), gelegen, blaßblau von Farbe, die andere, zwölfblätterig, hellviolett von Farbe, dem rhythmischen, die sechzehnblätterige, über der zwölfblätterigen gelegen, dunkelrötlich von Farbe, und die zweiblätterige, im Zwischenbrauenkreis gelagerte Lotosblume, von unbestimmter Farbe, dem Nerven-, Sinnessystem und Bewußtseinspol des Menschen an. Neben und zwischen diesen Hauptlotosblumen gibt es noch andere, so zwischen der zwölf- und der zehnblätterigen Lotosblume eine achtblätterige, in den Regenbogenfarben abwechselnd aufstrahlende (alles Gute und Böse der Welt aufzeigend), die mehr mit dem Herzen als mit dem Rückgrat verbunden ist, ein Juweleneiland (o Juwel, im Lotos! Om mani padme hum), zwischen der sechzehn- und der zweiblätterigen aber, in der Nabelgegend, eine dreiblätterige, und zwischen der sechs- und der zehnblätterigen Lotosblume ein radartiges Zwischenorgan, »Kundalini-Tschakram«, das als Sitz der Ausstrahlungen des Ätherleibes anzusehen ist. Endlich wäre, nur dem indischen Yoga bekannt, von dem bei Steiner nicht erwähnten tausendblätterigen Lotos die Rede, wo sich die eigentliche Hochzeit von Shiwa und Shakti vollzieht und der Ichkern des erlösten Yogin den irdischen Körper verläßt, um nicht mehr in das irdische Dasein zurückzukehren. Von den Zwischenorganen, die als Schwan und Vogel Greif angesprochen werden, von der Zuordnung der Lotosblumen zu den Tierkreiszeichen, desgleichen von den indischen Namen, die den Lotosblumen zu 
      <a id="page90" name="page90" title="ami/gary"/>eigen sind, kann hier aus Mangel an Raum und Zeit nicht die Rede sein. Von größerer Bedeutung bleibt allerdings, daß die sechs Haupterkenntnisorgane auf den Lotosblättern den 50 Lauten des indischen Alphabets zugeordnet sind und daß, die achtblätterige Lotosblume nicht mitgerechnet, in der Tat 50 Blätter gezählt werden können. Obendrein werden gewisse Lotosblumen, die zwei- und die vierblätterige, dem Hauch- beziehungsweise dem Zischlaut (h und s) zugeordnet. Ziel und Sinn des Yoga ist, den gebundenen Lebensäther freizubekommen. Avalon führt übrigens an, daß es in Indien einen Yoga gab, der nicht von unten, nicht von der vierblätterigen, sondern von oben, von der zweiblätterigen Lotosblume ausging und dessen Hauptmeditation die schon erwähnte berühmte Sonnenstrophe des Rigveda bildete. In dieser Abzweigung liegt, heute mehr denn je, der Schlüssel zum Schicksal Indiens!</p><h4>V.
      <br/> Das Kundalinifeuer</h4><p>Der dritte Hauptgesichtspunkt, den Beckh zur Erläuterung des Yoga heranzieht, liegt in dem viel besprochenen, mit Geheimnistuerei aller Art geschäftig umgebenen Problem des Kundalinifeuers. Im okkulten Rückgrat und in den Lotosblumen ist gleichsam das Instrumentale der Yogapraxis gegeben: sie stellen das Rüstzeug der Erkenntnis dar. Das Ziel, die Vereinigung von Shiwa und Shakti, des Ewigmännlichen mit dem Ewigweiblichen, birgt aber das eigentliche, geistigseelische, vom Instrument losgelöste Mysterium des Yoga. Kundalini, die Sphinx des Yoga, ist die Shakti, die Königstochter, die erweckt werden muß, soll der Yoga sein überirdisches Ziel erreichen. Für den Hatha-Yoga ist Shakti die mikrokosmische Offenbarung der weiblichen Urkraft im physischen und ätherischen Leib. Sie wird im Bilde der Schlange, aber auch als jugendliche Frau von bestrickender 
      <a id="page91" name="page91" title="ami/gary"/>Schönheit geschaut. Solange die Shaktikraft im Menschen schläft, kann er nicht zum höheren Wissen gelangen; erwacht sie, von ihm erweckt, so erschließt sich ihm die höhere Welt. Im Johannesevangelium wird von ihr als dem »Licht des Menschen«, im Lukasevangelium als dem »Licht des Leibes« gesprochen, und die Mönche des Athos kennen sie als das Athoslicht: die freie Verbindung aller Ätherkräfte. Ist Shiwa die göttliche Kraft, die am Bewußtseinspol, im Haupte, waltet, als Kraft des Denkens, so stellt Shakti die göttliche Kraft am Lebenspol, die Lebens- und Liebeskraft am Pol des Seins, dar, die »Herrin, die am Eingang des Brahmantores schläft«. Im untersten Kreise des Menschensystems, im Stoffwechsel- und Gliedmaßenkreis, ruht Kundalini, die vierblätterige Lotosblume, am Eingang Brahmas, beim »Pol der warmen Flamme«, in der Zone des Feuers, als latente Kraft, erreichbar durch die Atemführungen, die der Yoga vorschreibt; hier befindet sich das Brahmator, das sie bewacht und das sich öffnet, wenn die Lotosblumen, eine nach der anderen, erweckt werden; tritt Kundalini dann in die Sphäre des rhythmischen Menschen ein, wo sie die höheren Lotosblumen aufweckt, so äußert sie sich als »tönendes Leben«; in der Herzenslotosblume erklingt die Stimme der Stille, die Sphärenmusik, Licht- und Klangäther wirken zusammen. In der obersten Sphäre endlich, im Nerven-Sinnes-Menschen, in der Mondensphäre, beim »Pol der kalten Flamme«, die da leuchtet, aber nicht brennt, vollzieht sich die mystische Vereinigung der vier Ätherarten, mit dem Klangäther als der hauptsächlich wirksamen Kraft, die für den Hatha-Yoga entscheidend ist. Da erwacht Kundalini von der feurigen Kraft (vom Wort zum Ton geschritten) zum Licht. Hier liegt nun auch der Ausgangspunkt für die Betrachtung der Atempraxis, die im Yoga auftritt und das Mittel zur Erweckung in die Hand gibt. Der Atem der esoterischen Anthropologie ist nichts, als der bei der Ausatmung hervortretende Luftstrom, der weniger Sauerstoff als die 
      <a id="page92" name="page92" title="ami/gary"/>eingeatmete Luft enthält, aber mehr Kohlensäure und Wasser birgt und annähernd die Temperatur des Körpers besitzt. Die Atmung dient ihr bloß dazu, dem Körper den zum Leben nötigen Sauerstoff zuzuführen und die beim Stoffwechsel frei werdende giftige Kohlensäure zu entfernen. Die Anregung zu den Atembewegungen geht, nach Vermutungen der exakten Wissenschaft, von einer »bestimmten Stelle im Gehirn«, dem »Atemzentrum im Kopfmark« aus, das »automatisch tätig ist« und seinen Hauptreiz aus der Kohlensäure des Blutes empfängt. Anders gestaltet sich das Bild, das sich die alte Kultur Indiens vom Geheimnis des Atems macht; sie spricht von okkulten Arterien (Nadis), in denen die »Lebensströme« zirkulieren und unter denen (72.000 an der Zahl) drei für die Yogaübung mit dem Atem entscheidend sind: Ida, Pingala und Sushumna. Ida, bläulich, Pingala, rötlich von Farbe, und Sushumna, in der Farbe unbestimmt, sind links, rechts und in der Mitte wirksam und sie überkreuzen sich mehrfach: der Merkurstab wird zum Symbol des Yoga. Ha (Sonne) und Tha (Mond) vereinigen sich in der Sushumna, die noch zwei feinere Arterien: Vajra und Citrini, birgt. Mit dem physischen Atem des Menschen hat es allerdings seine eigentümliche Bewandtnis: er ist, wie Beckh treffend sagt, heute zu sehr »ins Physische gezogen«, zu stark »vermaterialisiert«. Darum kann auf indische Art eingeleitete Atempraxis, ohne weiteres auf den westlichen Menschen übertragen, eine Quelle großer Gefahren für den werden, der sie übt. Der Mensch der alten indischen Kultur lebte noch im Zusammenhang mit dem Weltganzen, er verstand die Kunst, die höchsten Weltengeheimnisse zu eratmen, nicht aber etwa auf verstandesmäßige Art zu erkennen. Mit dem Atem bezeichnete er den göttlichen Weltenodem, mit dem Worte Rhythmus, das dem Worte Ritus so blutsverwandt ist, zugleich die heilige Weltordnung und die erhabenen Gedanken des Opferns. Mit seinem Atem stand der alte Inder im Weltenganzen, mit der »Weltenharmonie 
      <a id="page93" name="page93" title="ami/gary"/>mitzuschwingen und mitzuklingen« war das Ziel seiner Yogaübungen, und hinter den ebenso grotesken als wunderlichen Vorschriften, die sich in den zahlreichen Yogabüchern vorfinden, verbirgt er die Grundtatsachen des Atemgeheimnisses und der Atempraxis. Der Weg des Yoga führt über den Atem zur Meditation. »Der Atmungsprozeß«, sagt Steiner, »ist, von außen angesehen, nichts als ein materieller Prozeß, nach innen aber ein durchgeistigter Vorgang, der in einer weit höheren Welt spielt.« »Gedankenkraft«, fügt er an einer anderen Stelle hinzu, »ist nichts anderes als verdünnte Atemkraft«, Denken ein verfeinertes Atmen, und schon in den Upanishaden ist von der Wechselbeziehung zwischen Denken und Atmen (Manas und Prana) die Rede. Allerdings hat auch der Yoga, ehe er mit dem Atmen beginnt, eine Reihe von moralischen und ethischen Voraussetzungen zu erfüllen, aber Yama und Niyama im achtgliedrigen Pfad des Patanjali bedeuten eigentlich schon ein Loslösen von der Welt, nicht aber, was erst seit dem Christus möglich ist, ein Sichhineinstellen in das Irdische ...</p><h4>VI.
      <br/> Die altpersische Kultur</h4><p>Buddha und mit ihm der achtgliedrige Pfad beherrschen das Indien von heute nicht mehr. Die Grundzüge seiner Lehren sind im Hinduismus aufgegangen. Als erster Initiator der indischen Urkultur ist Manu anzusehen, der ungefähr eine ähnliche Rolle spielt und die gleiche Bedeutung hat wie Moses im Judentum. Zwischen den beiden äußersten Polen des alten Indertums, den Brahmanen und den Parias, bewegen sich drei Kastenklassen: die feudalen Krieger und ihre Leute, die Kaufleute, Handwerker und Bauern und endlich die Arbeiter und Diener. Von diesen Hauptgruppen zweigen viele Unterkasten ab, von denen behauptet wird, daß sie die Zahl 3000 erreichten. Neben diesen äußeren Merkmalen stand im Mittelpunkt der urindischen 
      <a id="page94" name="page94" title="ami/gary"/>Kulturimpulse der Yoga und die Lehre von den Nadis und Tatwas, im Zeichen des Krebses. Von anderer Art ist die zweite der Urkulturen, die persische, reichend von 5000 bis ungefähr 3000 vor Christus, im Zeichen der Zwillinge. Schauplatz dieser Kultur waren die vorderasiatischen Gebiete, durch langandauernde Wanderzüge bevölkert, die seit dem Beginn der atlantischen Zerstörung von West nach Ost strebten. Ihre Nachkommenschaft wird in der Geschichte als das persische Volk bezeichnet; sie selbst aber trugen die altpersische Kultur. Stand der Urinder der indischen Entwicklung fremd gegenüber, empfand er das Nichtsein als einen Zustand, der jeder Art von Sein im Irdischen vorzuziehen war, fürchtete er also nicht so sehr den Tod als die Geburt, so strebt der Urperser der Erde zu, die er liebt. Erdenliebe ist der Grundzug seines Wesens; er fühlt, daß die Erde dem Menschen gehört, der sich sie untertan zu machen vermag. Um die Erde und ihren Besitz führt der Urperser seine Kriege, der Erde ringt er Schätze ab. Bestand für den Urinder die Gefahr, die Erde als Maya, als »Illusion«, gänzlich zu verlieren, so hat der Urperser Mühe, sich das Bewußtsein einer übersinnlichen Welt zu erhalten und es nicht an die physische, sinnliche Welt zu verlieren. Dieses Bewußtsein bewahren, lehrten Einweihungsschulen und Orakelstätten, die zugleich das Geheimnis pflegten, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen und ihre Kräfte in den Dienst des Menschen zu stellen. Der urpersische Eingeweihte war Magier; er gebot über innere und äußere Kräfte, die mit den Elementen, vor allem aber mit dem feurigen Element zusammenhingen. Feuerkult in den höchsten und niedrigsten Formen kennzeichnet die urpersische Kultur, ein Ergebnis luziferischer Impulse. Führer der urpersischen Kultur und Hüter des Sonnenorakels ist Zarathustra, der aber mit dem geschichtlichen Zoroaster nichts zu tun hat, es wäre denn, daß der spätere als ein Nachfolger des ersten Zarathustra genommen würde. Des Urzarathustra Sendung war, den Sinn des Volkes für die 
      <a id="page95" name="page95" title="ami/gary"/>geistige Welt zu erhalten und das Übergewicht des Luziferischen in ihm auszugleichen. Er war ein Verkünder der Sonnenkräfte: er lehrte die Existenz der Sonnenaura, den Ahura mazdao, den Ormuzd, einen Lichtgeist, dem Ahriman als Macht gegenübersteht, verderblich durch seine Einseitigkeit und durch den Verrat der Vulkangeheimnisse stark und mächtig geworden. Zwischen Ormuzd und Ahriman besteht ein immerwährender Kampf. Kern- und Angelpunkt dieser Geheimwissenschaft ist die Erkenntnis der wiederholten Erdenleben. Griechische Autoren verlegen die Wirksamkeit Zarathustras ungefähr auf 5000 Jahre vor Christus, in den Zeitraum eines Bilderbewußtseins, mit seinen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlaf. Von zwei Seiten her vermag der Mensch zur übersinnlichen Welt vorzudringen; der eine Weg führt in das Innere des Menschen, in die eigenen Seelentiefen, der andere nach außen, hinter den »Teppich der physischen Welt«. Den ersten lehrt der Buddha, den zweiten Zarathustra; er lehrt Durchdringung des Schleiers der äußeren Sinneswelt zum Zwecke der Erkenntnis der äußeren Welt. So steckt hinter der physischen Erscheinung der Sonne der Mittelpunkt des geistigen Lebens; neben der physischen lehrt er die Geistessonne schauen: die große Aura, die der kleinen Aura, der geistigen hinter dem physischen Menschen, entspricht. Der Schüler Zarathustras sah im Menschen ein Abbild der Welt. Die ganze Welt ist gleichsam ein ausgebreiteter Mensch, dessen beste Kräfte vom Ahura mazdao herrühren, der im ewigen Kampfe mit Ahriman steht. Dem Ormuzd des Urpersers dient eine Schar von geistigen Hilfskräften. Vergangenheit und Zukunft, scheinbar in einer Linie liegend, schließen sich im Unendlichen zum Kreis. Hier ist die Urform der Schlange, der Ewigkeit, der Ormuzd und Ahriman als Licht und Schatten einverwoben sind. In den Sternen sah der Schüler des Urzarathustra eine Zeichenschrift, gewoben aus den Buchstaben des geistigen Wortes. Der Tierkreis ist die Schrift der Schlange der 
      <a id="page96" name="page96" title="ami/gary"/>Ewigkeit; eine in sich selbst zurückkehrende Linie, Zaruana akarana, die Schrift Ormuzds. Die oberen Tierkreiszeichen sind dem Ormuzd, die unteren dem Ahriman zugeordnet, als Diener und Hilfskräfte, Amshaspands genannt, deren sieben dem Ormuzd, fünf dem Ahriman dienen. Mit den Amshaspands ist übrigens die Reihe der Hilfsgenien keineswegs abgeschlossen: die Izeds, 28 bis 31 an der Zahl, die Frawashars, die bis in die Übergründe des Tierreiches eindringen, bis zu den Gruppenseelen der Tiere. So umfaßt die geistige Lehre des Zarathustra den ganzen Umkreis des physisch-sinnlichen und geistig-seelischen Lebens: den Makrokosmos; sie wäre unvollkommen geblieben, hätte sie nicht verstanden, den Entsprechungen zwischen Makro- und Mikrokosmos nachzugehen. Auch in das menschliche Haupt strömen zwölf Kräfte, sieben gute, fünf böse Amshaspandsgenien, entsprechend den zwölf Hauptpaaren von Gehirnnerven, die vom Gehirn aus in den Leib hinabreichen. In gleicher Weise entsprechen die 28 bis 31 Izeds den 28 Nerven des Rückenmarks, den Frawashars aber die Gedanken, die über das Denken und über das Gehirn emporheben.</p><h4>VII.
      <br/> Die Lehren Zarathustras</h4><p>Die Impulse, die der Zarathustra der altpersischen Kultur der Menschheit gegeben hat, lassen sich auch in den anderen Kulturen bis in die Zeiten des ersten Christentums verfolgen. Sie empfangen ihr besonderes Merkmal durch die ausgeprägte Abgrenzung des Guten gegen das Böse, des Lichtes im Leiblichen und der Wahrheit im Geistigen gegen das Dunkel und die Lüge. In der altvedischen Kultur ruht der Ton darauf, daß der Adept, losgelöst von der Sinneswelt und dem Reiche der Farben und Töne, die ihn zu verführen imstande sind, nach der Vereinigung mit Brahma trachte, der im Reiche der Devas zu finden ist. Alles, was der Magie, der Welt der Erscheinungen, zugehört, bleibe dem 
      <a id="page97" name="page97" title="JohannN/gary"/>Schüler ferne, denn er hat es hier einzig und allein mit Täuschungen zu tun, die ihm die Magie vorspiegelt, damit er den Weg zu Brahman nicht finde. Anders Zaratas (Zarathustra, Zoroaster), der Führer der altpersischen Kultur. Sein Pfad führt nicht in das Innere der Menschennatur, sondern in die Welt der Asuras, der äußeren Dinge, die alles enthalten und gewähren, was der Mensch zum Leben braucht. Für Zaratas ist die Frage der Urkultur eine Menschheitsfrage ersten Ranges: er lehrt den Ackerbau, er lehrt die Beschäftigung mit den äußeren Dingen, die dem Menschen dienen. Durch die Schicht der unteren Asuras, der Diener Ahrimans, zu den höheren, die der Welt des Ahura Mazdao angehören, muß der Schüler des Zaratas den Weg zur Läuterung und zum Lichte finden, zur Erlösung, die hier zum ersten Male in voller Klarheit in den Bereich des menschlichen Bewußtseins tritt. In Ahriman ruht das Prinzip des Dunkels; er ist der Vater der Verwirrung, der Lüge und der Verleumdung. »Nicht mehr besiegen soll er, der böse Feind und Irrlehrer, den Geist des Guten, der mit seinem schlimmen Hauch des Menschen Stimme und Rede schon seit so langer Zeit durchdringt.« Zarathustra dient dem Lichtprinzip Ahura Mazdao, auf dessen Wort der Mensch achten muß, soll er nicht »Schlimmes erfahren«, ehe noch der Erdenzyklus zu seinem Ende gekommen ist. Die im Zend Avesta erhaltenen Zarathustradokumente gehen, wie Beckh überzeugend dartut, wohl auf einen späteren Nachfolger des Urzarathustra hin, der im zweiten oder ersten Jahrtausend vor Christus wirkte, Zarathustras Namen wieder aufnahm und seine Impulse erneuerte, sie enthalten aber ohne Zweifel Weisheiten des »Magiers Zoroaster«, von dem Plutarch erzählt und der als um 5000 Jahre älter denn der trojanische Krieg bezeichnet wird. Im Hamunsee, im Gebiete des persisch-afghanischen Grenzlandes, ruht nach iranischer Sage der heilige Same Zarathustras, aus dem die künftigen Heilande der Welt hervorgehen sollen. Das vedische Sanskrit und das ihm nahestehende 
      <a id="page98" name="page98" title="JohannN/gary"/>Avesta waren keine Gebrauchssprachen im Alltagssinne, sondern heilige Sprachen, Priestersprachen, die die Kraft des Wortes, des Mantrams, noch in sich bargen. Das Avesta klingt wie Zauber, ein mächtiger Gefühlsstrom belebt seinen Laut; es gehört zu dem heiligen Gute im Hamunsee und ist Wort vom heiligen Samen Zarathustras. Ahuro Mazdao ist der Herr der ewigen Weltenordnung und des Menschenschicksals; er ist der große Weltenkünstler. Darum ruht im Schoße des Zarathustrawortes zugleich der Ursprung des Feuerkultus, der ein Abbild des kosmischen Opferfeuers vor Augen nimmt. Zarathustra lehrt die Heiligkeit des Feuers: keine andere Religion hat den Feuerimpuls reiner und klarer ausgeprägt. Auch die irdische Flamme ist darin wohl eingeschlossen, aber der Myste, der vom Feuer spricht, hat ein höheres, ein ätherisches Feuer im Sinn. Im Avesta heißt das Feuer athar, das dem griechischen aither (Äther) verwandt ist. Am Tage des großen Feuerordals, des jüngsten Gerichtes, der großen Entscheidung am Ende der Erdentwicklung, wird sich das heilige, reinigende, läuternde Wesen des Feuers bewähren, dessen säubernde Gluten die Guten wie die Bösen durchschreiten müssen; allerdings werden die Guten, der Natur des heiligen Feuers verwandt, dieses wie einen labenden Milchstrom empfinden, der für die Bösen nur Qual und versehrende Wirkung bedeutet. Da wird nun, am Tage dieses großen Feuerordals, die Sache zwischen Gut und Böse, zwischen Drug (Trug, Lüge) und Asha, der heiligen Wahrheit, entschieden werden. Auch im sogenannten jüngeren Avesta aber sind noch die Impulse des Urzarathustra lebendig. Es gibt nach dem Avesta sechs, wenn man ihnen den Ahura Mazdao selbst zurechnet, sieben Amshaspands, zwölf aber, wenn man ihnen ihre Gegenfüßler, die dunklen Engel, beigibt, die, gleich den hellen, unsterblichen Heiligen, ihre bestimmten Namen im Avesta tragen. Über den Amshaspands stehen nach dem Avesta die Jzeds (Yazatos), die Erzengel des Zarathustrakults; 
      <a id="page99" name="page99" title="JohannN/gary"/>darunter der Sonnenerzengel Mithra, an dessen Namen in einem späteren Zeitpunkt die Mithrasmysterien anknüpften. Der Mithra, dessen Name übrigens auch im Rigveda vorkommt, ist die Gottheit des lichten Tageshimmels, der Sonnengott, der über dem Kaukasus emporsteigt und von dessen herrlichen Höhen er das ganze Land der Arier überschaut. Eine dritte Gruppe endlich, die Fravashi (Engel, Schutzengel), umfaßt die »gewaltigen, überkräftigen« Schutzengel der Frommen, der Menschen, die eines guten Willens sind. So entrollt sich im Spiegel der alten Zarathustrakultur das gigantische und strahlende Gemälde der Schöpfung des Gottes, der den Menschen auf Erden durch Zaratas den »Sinn der Erde« verkünden ließ!</p><h4>VIII.
      <br/> Die Tauruskulturen</h4><p>Die dritte der alten Kulturen, die das ägyptisch-jüdisch-babylonisch-chaldäische Zeitalter in sich begreift, umfaßt einen Zeitraum von ungefähr 3000 bis 747 vor Christus und steht im Zeichen des Stieres. Sie birgt eine große Wandlung des menschlichen Bewußtseins: man tritt in das heilige Dunkel des Hermes und des Moses als eines Eingeweihten in die ägyptischen Mysterien. Wenn davon die Rede ist, daß dieser gewaltige Zeitraum die Jahre 2907 vor Christus bis 747 vor Christus umfaßt, so darf der Leser nicht etwa denken, es träten für den Adepten der Geheimwissenschaft die ägyptische Kultur und die ihr gleichzeitigen Kulturen mit dem Glockenschlage des Jahres 2907 vor Christus in die Erscheinung. Das ägyptische Bewußtsein beginnt mit einer Fixsternweisheit, die ungefähr von 5702 bis 4242 v. Chr. reicht und umfaßt, von 4242 bis 2782, eine Periode der Planeten-, von 2782 bis 1322 v. Chr. eine der Elementen-Weisheit und von 1322 v. Chr. bis 138 n. Chr. ein »Sinneswissen«. Es handelt sich hier um die sogenannten Sothisperioden, deren eine mit dem Jahre 1322 v. Chr. abschließt. Wenn nun davon 
      <a id="page100" name="page100" title="JohannN/gary"/>gesprochen wird, daß die eigentliche ägyptische Kulturperiode von 2907 bis 747 v. Chr. reicht, so ergibt sich daraus von selbst, daß diese Periode schon den Abklang der sogenannten Elementenweisheit bringt und daß das niedere Sinneswissen, gekennzeichnet durch das Erlöschen des Elementenbewußtseins, innerhalb dieser Periode merklich einsetzt. So ragt die Hermeskultur, der Impuls des altägyptischen Kulturkreises, noch tief hinein in die altpersische Zarathustrakultur. Die dritte Epoche der nachatlantischen Zeit beginnt bei den Völkern, die durch Wanderzüge in Vorderasien und Nordafrika zusammenströmten. Hatte der nachatlantische Mensch im allgemeinen die Sendung, das Sinneswissen zu entwickeln und den versiegten Mysterienstrom darin neu aufleuchten zu lassen, so spielt diese dritte Kulturepoche eine bedeutsame Rolle in der Geschichte der Besitzergreifung der Erde durch den Menschen. Richtet schon der alte Inder seine Seelenverfassung auf die physische Welt, die er allerdings als eine Täuschung ansieht und der er die übersinnliche Welt vorzieht, so zeigt sich in der urpersischen Epoche das Bestreben der nachatlantischen Menschen, von der physisch sinnlichen Welt Besitz zu ergreifen, weit deutlicher; allerdings versucht er das noch mit den Resten jener alten hellseherischen Kräfte, die ihm geblieben sind. Ein anderes Profil zeigt der nachatlantische Mensch der dritten alten Kultur. Die Völker dieses Zeitkreises haben ihre übersinnlichen Fähigkeiten zum großen Teile schon eingebüßt, aber indem sie ihre Verstandeskräfte und ihr Denkvermögen darauf anwenden, die geistigen Gesetze zu erforschen, die hinter der physisch sinnlichen Welt wirksam sind, entstehen bei ihnen, keimhaft, schon die ersten Anzeichen dessen, was man menschliches Wissen und menschliches Forschen nennen kann: Sinn für Kultur und Technik, für Kunst und Arbeit, für Werkzeug und Mittel. Der alte Ägypter fühlt sich der Erde durch seine Arbeit verbunden. Das geheime Wissen, erworben durch Merkur- und Venusorakel, sammelt sich 
      <a id="page101" name="page101" title="JohannN/gary"/>in den Mysterienstätten, von denen die Keime zur Gesamtkultur des ägyptischen Kreises gepflegt und entwickelt werden. Mit diesem Komplex ist der Name Hermes als der eines Eingeweihten aus dem altpersischen Kulturkreis verbunden, der auch in die Zarathustrageheimnisse Einblick besaß. Im altägyptischen Volke lebt eine starke, auf das Wesen des Todes gerichtete Strömung. Wohl erscheinen ihm die Dinge der Außenwelt als Ergebnisse der Arbeit geistiger Wesenheiten, die sein profanes Auge nicht mehr schauen kann, aber er sammelt ein bestimmtes Wissen um die Verhältnisse nach dem Tode, um das Leben und Wirken mit denselben geistigen Wesenheiten, deren Wirken in der physisch sinnlichen Welt er bei Lebzeiten erkannte. Der ägyptische Mensch muß auf Erden so wirken, daß er sich nach dem Tode mit diesen Mächten vereinigen kann, mit der obersten dieser Mächte vor allem: mit der Osiriswesenheit. Stärker wohl als die Ägypter empfinden die Chaldäer und Babylonier den Reiz der physisch sinnlichen Welt. Ihr übersinnliches Bewußtsein verdunkelt sich rascher und gründlicher. Wohl erforschen auch ihre Eingeweihten die Welt der geistigen Urbilder, aber das Volk frönt seinem Hange, an die Stelle des Sternengeistes die Sterne selbst zu setzen und physisch sinnliche Kräfte durch Götzenbilder zu materialisieren. Zwischen den babylonischen und assyrischen Priestern, soweit sie in die Mysterien eingeweiht sind, und dem profanen Volk entwickeln sich tiefe Gegensätze, denen man oft genug, ja fast durchgehends, in der Geschichte des Hebräervolkes und seines Kampfes mit den Eingeweihten und Propheten jener Zeit begegnet. Von diesem Aspekt des dritten Kulturkreises muß noch gesondert gesprochen werden; das Volk Moses' und der Propheten nimmt durch seine Wesensverbindung mit dem Christusereignis eine ganz eigenartige Stellung in der Geschichte der Menschheit ein. Wichtig bleibt hier die Feststellung, daß Moses ein Adept der hermetischen Weisheit war, ein Umstand, den man in der exakten Geschichte unserer 
      <a id="page102" name="page102" title="JohannN/gary"/>hervorragenden Altertumshistoriker vergeblich sucht. Für diese guten Leute hat es einen Hermes (nicht einmal den geschichtlichen) niemals gegeben, zweifeln sie doch heute auch schon an der geschichtlichen Realität des Moses, und Kroll hat viel Fleiß in seinem Buche daran gewendet, nachzuweisen, daß alles, was hermetisch genannt wird, nichts ist als ein Niederschlag griechischer Philosophie. Um so wichtiger erscheint es, sich hier mit Hermes, dem dreimalgrößten, zu befassen.</p><h4>IX.
      <br/> Hermes trismegistos</h4><p>Der aufmerksame Leser okkulter Bücher begegnet dem Namen des Hermes am häufigsten in der alchimistischen Literatur, die die erhabene königliche Kunst der Verwandlung ohne Umschweife eine hermetische Kunst, geübt von den Rosenkreuzern, nennt und deren oberste Grundsätze in der sogenannten Tabula smaragdina enthalten sind. Da es sich in diesem Abschnitt zunächst um den Hermes als Initiator der altägyptischen Kultur handelt und der Alchimie im Lichte unserer Zeit ein besonderer Abschnitt dieses Buches gewidmet ist, erübrigt hier, bloß von der Wesenheit des Hermes in historischem Sinne zu sprechen. Die Verwirrung, die um das Wesen Hermes' herrscht, wird in erster Reihe dadurch vermehrt, daß er allenthalben auch unter anderen Namen auftaucht, von denen Tot, Thod, Tehu und Tehuti (auch Tech und Techuti) die gebräuchlichsten sind. In den ägyptischen Überlieferungen erscheint Thot = Hermes häufig als Mondgott, in Verbindung mit dem Mondgott Xunsu und dem Hundskopfaffen(auch von der Hieroglyphe des Mondes begleitet), dem, zur Entsprechung, im 15. unterägyptischen Nomos eine Göttin Thot, als Beschützerin der »Liebeslust bis zur Sättigung«, zugeordnet wird; er ist, nach den ägyptischen Quellen, ein »Teiler der Zeit, Bewohner des Himmels und Zähler der Sterne«, auch Bewohner der Welt und Zähler alles dessen, was 
      <a id="page103" name="page103" title="Wunibald/gary"/><i>in</i> ihr ist, Herrscher über Maß und Zahl überhaupt, dem die Elle als Maß zugeschrieben wird, Urheber alles Gesetzmäßigen und Geregelten in der Natur, innerer Sinn aller Dinge, Schützer aller irdischen Gesetze, und, als Hüter der heiligen Sprache, die Zunge des Râ und Verkünder seines Willens; was aus der Öffnung seines Mundes hervorquillt, geschieht; was er ausspricht, wird Befehl; Hermes-Thot ist der Träger der Erkenntnis und der Eröffner des Verborgenen; als »Schreiber der neun Götter«, des »Königs der Götter und Menschen« ist er, ein Gott der Schrift und aller bildlichen Darstellung, Verbreiter der göttlichen Wahrheit, Gott der Bibliotheken, des »großen Hauses des Lebens«, und es gibt überhaupt »keinen Gott, der Hermes gleicht«. In einem Hymnus auf Thot wird er als Der gepriesen, der die Regeln dessen macht, was da ist und was nicht ist; im 64. Kapitel des Totenbuches ist Thot ein Gott der Intelligenz, ein Arzt und Magier zugleich, der Gesundheit und Leben gibt, aber nach dem Tode des Menschen beginnt seine Tätigkeit erst recht; dem Toten gibt man »das Buch vom Odem des Thot« als Führer bei der Reise in das »Land« mit, wo das Schweigen wohnt. Dem christlichen Vorstellungskreise nähert sich die Behauptung, daß Hermes-Thot ein menschgewordener Gott ist. In seiner ersten Inkarnation wird er ein (jetzt längst verstorbener) König; ein Buch, das er mit eigener Hand angefertigt hat, stiehlt, im demotischen Roman des Setnau zu Bulak, der Prinz Ptahneferku und »verzaubert«, auf diese Weise in den Besitz der hermetischen Geheimnisse gelangt, »Himmel und Erde, Meer und Berge«; hat man das zweite Blatt dieses Buches gelesen, so kann man die Unterwelt in derselben Gestalt verlassen, die man auf Erden besaß, »um die Götter im Himmel und die Sterne zu schauen«. Thot meldet den Frevel dem Gotte Râ, der den Prinzen und dessen Helfer umkommen läßt. Von Thot als Theut erzählt Platon im »Philebos« und »Phaidros«, von Hermes im »Kratylos«, im »Protagoras« und in den »Nomoi«, vom »Hermuaster«, vom 
      <a id="page104" name="page104" title="Wunibald/gary"/>Stern des Hermes, im »Timaios«; Platons Nachfolger verehren in ihm den Logios und Träger der Hermeneia als Vertreter des Nus im Weltall. Ovid preist ihn als Erfinder der Sprache. Bei den Neuplatonikern spielt er eine große Rolle. Plutarch nennt Isis eine Tochter des Hermes; er hat fünf Tage, als Gewinn im Brettspiel mit Selene, den 360 Tagen des Jahres hinzugefügt. Aus allen diesen Aussagen ist zu ersehen, wie fest sich die Gestalt des Hermes als eines großen Eingeweihten dem Bewußtsein des Altertums eingeprägt hat. Hermes hat nicht nur das Geistige gelehrt, sondern auch in dessen Betätigung unterwiesen. Da er die ganze physische Welt für eine Schrift der Götter erklärt, verstand sich von selbst, daß er auch mit der Kunst vertraut machte, diese Götterschrift zu lesen. In den Geheimschulen aber lehrt er die Wahrheit über das Geheimnis des Todes, den Durchgang durch die elementarische Welt: das Schauen der Sonne um Mitternacht und die Begegnung mit den unteren und oberen Göttern. Mit dem Schauen der Sonne um Mitternacht beginnt die eigentliche hermetische Einweihung. Durch diesen Hinweis ergibt sich zugleich Gelegenheit, sich mit der ägyptischen Geheimlehre zu befassen, die in der Dreiheit Osiris (Sonne), Isis (Mond) und Horuskind, geboren aus Typhon, dem Lufthauch, gipfelt.</p><h4>X.
      <br/> Das Totenbuch</h4><p>Nicht ohne Lächeln und Staunen sieht man den Bemühungen zu, die gewisse Herausgeber okkulter Dokumente immer wieder darauf verwenden, die Meinung zu zerstören oder doch herabzusetzen, daß diese Dokumente auf übersinnliche Zusammenhänge, Erfahrungen und Erkenntnisse hindeuten. Das gilt sowohl für die Erneuerer indischer Literatur wie für die Versuche des Diederichsverlages, zu behaupten, das ägyptische Totenbuch beruhe ebenso auf »abergläubischen Vorstellungen« wie die 
      <a id="page105" name="page105" title="Wunibald/gary"/>»Bhagavadghita«. Wohl geben sie zu, daß Ägypten sozusagen die Wiege aller Wissenschaft und Religion darstelle, aber ihr profanes Auge ist gänzlich außerstande, Pyramiden, Sphinx und Symbol der geflügelten Sonne anders als mit nüchternen und phantasielosen Gefühlen zu schauen. Welch armseliges Bild des alten Ägypten kommt zum Vorschein, zwingt man sich, Eduard Meyers ägyptische Darstellungen für das Letzte zu nehmen, was die »exakte« historische Wissenschaft über dieses uralte Wunderland zu sagen weiß! Das Geheimnis, das dem alten Ägypter mit dem Tode entgegentrat und das im Totenbuch in seiner ganzen erhabenen Schönheit verborgen liegt, ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Der schlechte Führer im Totenbuch, der den Kopf nach rückwärts wendet, weil er den materiellen Instinkten dienen will, der gute, der vorn am Bug des Totenschiffes steht und ins Dunkel vor sich blickt, wo die göttliche Welt als Reiseziel liegen muß, sie bleiben für den stumpfen Intellekt des wissenschaftlichen Betrachters ewig stumm. Vor der Mauer des Totenbuches stehen die Herren ohne Erlebnis, der »Saal der Wahrheit«, darin Osiris Gericht hält und Hermes als Zeuge auftritt, sagt ihnen nichts, der Habicht mit dem Menschenkopf, der über der Mumie schwebt, ist ein mystisches Geschöpf des unsterblichen »Aberglaubens«, der alle »primitiven« Völker erfüllte. Worum es ging, als die Hyksos in Ägypten einbrachen und die Priester Ägyptens in die Tiefe ihrer Tempel flüchteten, um dort die Seele des Volkes und das alte Wissen des ägyptischen Kulturkreises rein zu bewahren, ahnen sie nicht; wie sollte ihnen auch einleuchten, daß die Kraft, die der Befreier nach vier Jahrhunderten Knechtschaft brauchte, um das Joch des Fremdvolkes abzuschütteln, aus diesen heiligen Quellen empfangen ward? Woher sollen sie die Erleuchtung nehmen, die nötig ist, um das ungeheure Drama vom zerstückelten Osiris und der Isis, die seine Teile sammelt, in seine tiefsten Tiefen hinein zu verstehen? Der Name Hermes, des dreimal Größten, ist Schall 
      <a id="page106" name="page106" title="Wunibald/gary"/>und Rauch für sie, und keiner weiß, was er mit dieser »mythologischen Figur« beginnen soll. Welchen Scharfsinn bringen sie nicht auf, um zu beweisen, daß es mit dem Geheimnis der Cheopspyramide nichts ist und daß nur Schwärmer sind, die annehmen, es gebe geheime Dinge auf dem Boden der sakralen Bauten des alten Ägypten. Dabei genügt es, den einfachen, klaren, unverdorbenen, durch Vorurteile nicht vergifteten Verstand zu gebrauchen, soll sich das Dunkel, das Hermes und die ägyptische Welt vom großen Chorus des »Intellekts« abschließt, erhellen. Der Leser kann in den Büchern Eduard Schures mehr Exaktes über Hermes und das alte Ägypten finden als in allen wissenschaftlichen Schmökern der Historiker zusammen. Es ist allerdings nicht leicht, sich in diesem Dunkel zurechtzufinden. Dem Durchschnittsmenschen unserer Zeit kann man schwer begreiflich machen, daß der Name Hermes nicht etwa nur eine Persönlichkeit deckt. Der erste Hermes, der Initiator der altägyptischen Hellseherkultur, der dreimal Große genannt, ist nicht jener spätere Hermes, der die Impulse des großen Hermes wieder aufnahm und erneuerte, und doch geht nicht fehl, wer die Namen Hermes, auf zwei verschiedene Gestalten verteilt, im Sinne der Einweihung für Eines nimmt! Die moderne Wissenschaft, die manchmal, in lichten Augenblicken, die Stimme ihres besseren Gewissens rufen hört, ist in einer Anwandlung von Schwäche des öfteren bereit, mit sich reden zu lassen; sie willigt, um ein Beispiel anzuführen, gern darein, mit den »Begriffen« Osiris und Isis gewisse astronomische Vorstellungen zu verbinden und Osiris der Sonne, Isis aber dem Monde zuzuordnen. Dieses unschuldige Spiel mit Symbolen hat aber natürlich mit tieferem Wissen um Seele und Kultur des alten Ägyptens nicht: das geringste zu tun. Aus den bloßen »astronomischen Auslegungen« und Zuordnungen entspringt nicht ein Tropfen lebendige Einsicht in den wahren Stand der Dinge. Etwas näher kommt die Wissenschaft schon der Wahrheit, wenn sie sich entschließen 
      <a id="page107" name="page107" title="Wunibald/gary"/>kann, unter Osiris und Isis »Kräfte« zu verstehen. Selbst der trockenste Gelehrte wird die Vorstellung, der alte Ägypter habe etwas wie Osiriskraft in sich gefühlt, nicht zurückweisen und sogar gewissermaßen einräumen, es habe einen Zusammenhang zwischen jener Osiriskraft und der Sternenschrift am Firmament gegeben, so daß das Sonnenlicht, das den Raum durchwebt, die tätige Lichtkraft, jener Osiriskraft verwandt ist. Gedankengänge dieser Art weiterspinnend, wird ein Gelehrter dieses Schlages vielleicht sogar bald dazukommen, so wie der Mond, kalt und dunkel, das Licht der Sonne verwertet, um es zurückzuwerfen, die Isiskraft als eine Mondkraft anzusehen. Mit Betrachtungen dieser Art betritt der Wissenschafter solcher Art allerdings schon das große Gebiet der Entsprechungen und Parallelen, das sozusagen einen der Hauptschlüssel zum Verständnis okkulter Probleme in sich birgt. In Wahrheit handelt es sich um ein tief ausgebildetes Wissen um Gang und Ziel der altägyptischen Einweihung, um den Weg zu Osiris durch den Tod oder durch die Einweihung und Durchdringung mit der Isiskraft.</p><h4>XI.
      <br/> Der Tote als Osiris und die Begegnung mit Isis</h4><p>Auf zweifachem Wege begegnet der Mensch der altägyptischen Kultur, dem Osiris: durch den Tod und durch die Einweihung; vom Leibe befreit, erwacht das Bewußtsein seiner Wesensverwandtschaft mit dem Osiris, der Tote wird Eins mit Osiris, er selbst ist Osiris. Auf dem anderen Wege, auf dem Pfade der Einweihung, lernt er das Unsichtbare, das Übersinnliche der menschlichen Natur erkennen, er begegnet Isis, erfüllt sich mit der Isiskraft. Im eigenen Innern entdeckt er sein Ich; er stirbt auch auf diesem Wege, aber es ist ein Tod, durch den er hindurchgeht. dem Erlebnis des Todes, das der Eingeweihte hat, folgt seine Wanderschaft, sein Durchgang durch die elementarische 
      <a id="page108" name="page108" title="Wunibald/gary"/>Welt. In sein Inneres absteigend bis in das Geheimnis des Blutes, darin das Ich lebt, kommt er an ein offenes und ein geschlossenes Tor und geht nun an die Feuer-, Luft- und Wasserprobe, zu den drei Hauptaspekten der elementarischen Welt; er schaut die geistigen Wesen von Angesicht zu Angesicht: die Sonne um Mitternacht geht für ihn auf; außerhalb des physischen und ätherischen Leibes bei seiner Wanderung, betritt er damit die heilige Stätte, mit dem Wesenhaften vereinigt, das von Inkarnation zu Inkarnation geht und am astralischen Leibe arbeitet; aus dieser Wesenhaftigkeit strömen Licht und Kraft, aber sie selbst bleibt stumm und die Seele wird von einer gewaltigen Sehnsucht ergriffen, das Rätsel des Daseins zu durchdringen. Aus der Wesenheit, mit der er nun vereinigt ist, wird seit uralten Zeiten immer wieder eine neue Wesenheit gestaltet, und das Wesen, das da entsteht, aus dem Wesen geboren und selbst Wesenheit, schaut nun Isis: die stumme, die schweigsame Göttin; Sphärenmusik durchzieht den Bewußtseinsraum, Osiris ist es, Sohn und Gemahl der Isis, dessen Weltenwort ertönt, und die nun zurückkommen von diesem Lande, fühlen sich, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt der ägyptischen Einweihung wenigstens, als »Söhne der Witwe«, im Räume zwischen der Osiris- und Isiseinweihung, dort, wo die Einweihung des Moses einsetzt. Moses fügt der Isiseinweihung die Osiriseinweihung hinzu; das ist der wahre Sinn der ägyptischen »Knechtschaft« und von hier führen erhabene Wege bis hinauf ins neunte Jahrhundert nach Christus, bis zum Geheimnis des Grals. Das Land des Nils las Menschen- und Schicksalsgeheimnis aus der Schrift der Sterne. Aus der Sternenschrift empfing Hermes-Thot sein Wissen. Mit jedem großen Sonnenjahr aber nahm die hellseherische Kraft um eine ganze Stufe ab. Der Sternenhimmel spiegelt sich allerdings auch im menschlichen Organismus; so kam der alte Ägypter zu seinem Wissen um den Organismus des Menschen, zu einer Organwissenschaft von besonderer, exakter Anschaulichkeit. 
      <a id="page109" name="page109" title="Wunibald/gary"/>Ich kann mir beim Abschluß dieses ganz flüchtigen und die erhabensten Punkte der ägyptischen Einweihung berührenden Bildes nicht versagen, diesem ein erquickend frohes Nachspiel folgen zu lassen. Eine schier unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit wird die Vorrede, die der Diederichsverlag seinen »Urkunden zur Religion des alten Ägypten« vorangeschickt. Roeders und Völlers sind darin einig, daß die alten Ägypter ein »barbarisches Volk ohne höhere Kultur« gewesen sind; daß ihr Glaube »primitiv« und »ohne viel Reflexion« war; daß sie eine »Kinderpuppe« von »rohem Götzenbild, namens Ptah« anbeteten; daß sie die Bilderschrift benützten, um »Rechnungen und Nachrichten« zu Papyrus zu bringen; daß die ägyptische Religion »in der Hand der Landeskirche« war; daß die »Sonnenlieder« des Ägypters nicht ohne »poetischen Reiz« gewesen sind; daß der alte Ägypter ein »starkes Gottesbedürfnis« besaß; daß der Tod dem Ägypter alle Zeit hindurch »etwas nicht Unsympathisches« schien; daß die »Ernennung« des Toten zum Osiris »nicht viel mehr als die Verleihung eines schönen Titels« bedeutete; daß die »Abschließung des Tempels gegen die Außenwelt« und die »Heranbildung eines besonderen Priesterstandes« eine Erfindung »priesterlicher Betrüger« gewesen ist; daß die ägyptischen »Vorstellungen« später »verarmten« und ganz verlorengingen; daß »Plutarch den ägyptischen Pantheon verfälschte und verzeichnete«; daß Goethe, Herder, Heine und die Romantiker leider alle »im Banne der Mystik« standen, wenn sie vom alten Ägypten redeten; daß Hegel die ägyptische Religion unbegreiflicherweise eine »Religion der Rätsel« nannte, daß aber die »neuere Ägyptologie« der ganzen Sache einen »anderen« Anstrich gebe! Nach der neueren Ägyptologie hätten sich die Ägypter der Urzeit in einem »Zustande« befunden, der sich nicht viel von dem heutigen Afrikaner mit unentwickelter Kultur unterscheidet«; der Untertan der Pharaonen erscheine »uns« nicht mehr als ein 
      <a id="page110" name="page110" title="Wunibald/gary"/>»von mystischen Ideen erfüllter Denker«, sondern als ein »schlichter, realer Mensch und sorgloser Genießer irdischer Freuden«; »Gefühle« wären durchaus nicht des Ägypters Sache; »Poesie« ersetze er durch »Pathos«, und »so komme es«, daß »wir« trotz der »übergroßen Fülle religiöser Texte, vom Glauben des alten Ägypters so wenig wissen«! Dieses kindische, dilettantische Gestammel, diese ungeheure Blamage der Ägyptologie, dieses kopflose Herumraten und Herumtasten an den alten Dingen ist wahrhaftig lange genug als Wissenschaft gepriesen worden! Diese absolute Unfähigkeit, verschärft durch die Dreistigkeit hohlköpfiger Rechthaber, ist ein europäischer Skandal, an dem leider wir Deutsche mit einem großen Prozentsatz beteiligt sind. Nichts kann den falschen Gang, den unsere Intellektkultur genommen hat, besser illustrieren als dieses dünkelhafte Getue, das vor Freud, Einstein und Shaw auf dem Bauche liegt und dabei blind und taub vor den erhabenen Denkmälern der alten Gotteskulturen steht, die es weder zu deuten noch zu fassen vermag! Dieses ganze Gelehrtenpack, das Goethe »mystischer Neigungen« bezichtigt und dank der »neueren Ägyptologie« zu einem Dummkopf machen möchte, ist, so hoffe ich, am Ende seines Unfugs angelangt. Der Materialismus und seine letzten Ausläufer liegen in den letzten Zügen; er verdient, mit seinen Büchern und seiner Wissenschaft aus der Erinnerung der Menschen für immer zu verschwinden, ausradiert und vertilgt für alle Zeiten ...</p><h4>XII.
      <br/> Moses als ägyptischer Eingeweihter</h4><p>Im Jahre 1322 v. Chr. führt Moses, eingeweiht in das »Elementenwissen« der ägyptischen Geheimlehre, sein Volk aus Ägypten. In den Wundern, die von ihm. erzählt werden, spielen die Elemente Wasser, Feuer und Luft eine große Rolle. Er schlägt mit dem Stab gegen einen Felsen und schafft Wasser für sein dürstendes 
      <a id="page111" name="page111" title="Wunibald/gary"/>Volk, im brennenden Dornbusch erscheint ihm der Herr, der »Ich-bin« als »der Ichbin« (die Aussage »Ich bin« wird zum Namen »der Ichbin«), aus der Luft unter Donner und Blitz empfängt er die zehn Gebote (sie sind im erhabensten Sinne: aus der Luft gegriffen) und die Wunder, die er wirkt, um das Herz des Pharao zu erschüttern, geschehen mit Hilfe der Elemente. Beherrscht sein Bruder Aaron Erde und Wasser, so sind Feuer und Luft die Elemente des Moses. Vor das Rote Meer hingestellt, führt er das auserwählte Volk, der elementaren Zusammenhänge kundig, vertraut mit Ostwind und Ebbe und Flut, zu günstiger Stunde und gelegenen Aspekten durch die Wogen. Die Ägypter ertrinken darin; ihre hellseherische Erkenntnis der; Elementenweisheit verdämmert langsam, ihr Wissen um die Naturkräfte und elementaren Zusammenhänge ist verlorengegangen, sie gehen irre und schreiten dem Untergang ihrer Kultur zu. Auf das Sinnenwissen angewiesen, erwerben sie das Ich-Erlebnis, das Elementenwissen für die vier Gruppenseelen der Sphinx preisgebend. Sucht man nach »evidenten« Belegen für diese Wandlung in der ägyptischen Geschichte selbst, so finden Sie sich reichlich genug in der Geschichte Amenophis, des Vierten, der als Eingeweihter des »Ich« den alten Göttern den Bücken kehrt, an die Stelle des Ammon den Aton setzt und seinen Namen Amenophis in Echnaton ändert. Im Sonnenhymnus des Echnaton wird schon die physisch-sinnlich wahrnehmbare Sonnenscheibe gepriesen. Von Buddha, Zarathustra und Hermes unterscheidet sich die Gestalt des Moses für uns in mancherlei Hinsicht. Der Eingeweihte, der Führer des jüdischen Volkes, steht unserem Erlebnis weit näher, seine Impulse wirken noch auf die heutige Menschheit. Seine überragende Gestalt erscheint gleichsam am ersten Tore, das zu unserer Zeit führt. Er ist noch heute populär in gewissem Sinne, und die Bibel des alten Bundes, das unsterblichste aller vorchristlichen Bücher, erscheint unserem Bewußtsein in heller Erinnerung als etwas Bekanntes, ins Wesen 
      <a id="page112" name="page112" title="Wunibald/gary"/>Aufgenommenes. Rudolf Steiner hat zum erstenmal auf die tragische Situation der offiziellen Bibelforschung hingewiesen. Eine Unsumme von Gelehrsamkeit, ein Übermaß von eisernem Fleiß ist darauf verwendet worden, zu beweisen, daß die Geschichte des sogenannten alten Testamentes, Stück für Stück, die Überlieferung aus verschiedenen Zeitabschnitten zusammengesetzt hat. Die Bibelforschung, unermüdlich in ihrer Kunst der Synthese und der Analyse, erreicht ihr höchstes Ziel in der Erkenntnis des Ursprungs der heiligen Schrift. Heiliger als die Schrift selbst ist ihr die Wissenschaft um deren Herkunft. Die Bibel des alten Testamentes ist ein Geschichtsbuch und zugleich eine grandiose Psychologie und Geistgeschichte. Mitten unter den granitenen Quadern des Geschehens in Zeit und Raum finden sich, wesensgleich, ganze Partien symbolischer Art und übersinnlicher Schauungs- und Denkweise. Die Genesis ist ein Bericht und ein Einweihungsdokument zugleich, und nirgends wird dieser erhabene Umstand klarer als dort, wo von Moses selbst die Rede ist. Philo, der die althebräische Geschichte mehr von der symbolischen und seelischen Seite nahm, war außerstande, die Trennung zwischen äußerem Geschehen und innerer Erlebnisfolge deutlich zu ziehen. Erst die moderne, von Rudolf Steiner begründete Geisteswissenschaft darf mit Fug und Recht davon sprechen, daß sie volles Licht auf die Sendung des Moses im Rahmen der alten Kulturen wirft. Hat sich Laistner in seinem Buch vom »Rätsel der Sphinx« verhältnismäßig am weitesten vorgewagt, indem er den »Mythus« als die Fortsetzung der Träume eines Volkes und einer Kultur ansah, so setzt die Geisteswissenschaft ganz klar und präzise die Forschung über Mythen auf eine Wirklichkeitsgrundlage, nämlich darauf, daß die alten Kulturen, Religionen und Einweihungen einzig und allein aus dem Bewußtseinszustand ihrer Zeit zu erklären sind. Wohl stellen sie in den Hauptwahrheiten gemeinsames Gut dar, aber nichts ist unwissenschaftlicher, als anzunehmen, die Verschiedenheiten der Anschauung wären bloß zufällige 
      <a id="page113" name="page113" title="Wunibald/gary"/>und stammten nicht etwa aus dem besonderen Bild besonderer Sendungen, die eben den alten Kulturen eigen waren. Die alten Völker hatten alle eine bestimmte, zeitlich und räumlich begrenzte Sendung zum Gesamtbild der menschlichen Entwicklung. Jedem Volk schlug seine erhabene Stunde, jede der alten Kulturen weist Jugend, Höhepunkt und Verfall auf. Mußte sie fort, so war eben ihre Uhr abgelaufen. Was die eine Kultur, das eine Volk, nicht mehr vermögen, geht an eine andere Kultur und auf andere Völker über. Was in der Sendung der altägyptischen Epoche lag, wirkte auch im seelischen und geistigen Wesen des Moses, aber nichts wäre ihm unmöglicher gewesen, als die ägyptischen Impulse einfach fortzusetzen. Auf den alten Stamm pfropft der Eingeweihte der althebräischen Kultur ein neues Reis, aus den Ruinen der altägyptischen Kultur läßt er neues Leben ersprießen, und von diesem erhabenen Standpunkt erhält auch die Erzählung der ägyptischen Königstochter, sie habe das Knäblein »aus dem Wasser gezogen« und Moses genannt, ihren tiefen esoterischen Sinn. Die Vertreterin der alten ägyptischen Kultur fand auf ihrem Wege eine »Seele«, die »mit (neuen) Ewigkeitsgehalten« erfüllt war. Die Geschichte des Lebens, das Moses geführt hat, verläuft in der Bibel zunächst als ein Bericht über äußere Geschehnisse, aber schon die Zusammenkunft mit dem midianitischen Priester Jethro oder Reguel führt, wie Steiner gezeigt hat, tief in das esoterische Dunkel. Hier schwimmen äußerer Bericht über Moses und Darstellung innerer Erlebnisse merkwürdig durcheinander. Jethro ist als nichts anderes, denn als ein Führer der Lehrer der Menschheit anzusehen. Moses begegnet in Jethros Töchtern den 7 menschlichen Seelenkräften ...</p><h4>XIII.
      <br/> Moses und Josua</h4><p>Rudolf Steiner faßt die Sendung des Mose in den Satz zusammen, es habe sich um Ablösung des alten Hellsehens 
      <a id="page114" name="page114" title="Wunibald/gary"/>durch das intellektuelle Verstandesbewußtsein gehandelt. Diese Feststellung hängt mit der Einteilung Steiners zusammen, der Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele unterscheidet. Es möchte nun, auf den ersten Blick, manchem Unbefangenen scheinen, als wären diese der modernen anthroposophischen Ausdrucks weise zugehörigen Bezeichnungen zu Unrecht dem Vorstellungskreise der althebräischen Kultur eingebaut. Man muß aber wohl bedenken, daß schon die mosaische Schöpfungsgeschichte in ganz exakter Weise die großen kosmischen Entwicklungsperioden schildert, daß der siebente Schöpfungstag dieser Urkunde zum Beispiel dem lemurischen Zeitalter entspricht, daß die »Nebel« der biblischen Kosmogonie mit den Nebeln der Atlantis zusammenfallen, und daß die in der Kabbala zum System vereinigten Ausdrücke Nephesch, Ruach und Neschuma nichts anderes sind als eben jene drei Seelenglieder, Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele. Moses' göttliches Wissen ruht zur Gänze auf dem alten Hellsehen, wie denn auch seine Erfassung des Intellektualen als eines Zukunftszustandes noch durchaus von hellseherischen Kräften rührte. Eben aus diesem Grunde aber war die Sendung des Moses durchaus begrenzt; er konnte sein Volk nur bis zu einem bestimmten Punkte führen, was in der mosaischen Überlieferung darin zum Ausdrucke kommt, daß er selbst Palästina nicht mehr schauen kann, sondern knapp vor dem Einzug in die höheren Welten abberufen wird, denen er entstammte. Gerade diese grandiose Andeutung des Begrenzten in der mosaischen Mission ist aber zugleich ein lebendiger und schlagender Beweis für diese Sendung selbst, als eine Impulsgebung, die dem Nachfolger Josua Durchführung und Vollendung überließ und überlassen mußte. Moses' erhabene Schritte führen bis zur Begründung der Ichkultur, darin der »Ich-bin« eine zentrale Rolle spielt; Moses gab das köstliche Gefäß, das den neuen Inhalt aufzunehmen bestimmt war. Man wird später sehen, was das bedeutet, nämlich nichts 
      <a id="page115" name="page115" title="Wunibald/gary"/>Geringeres als eine Vorbereitung des Geheimnisses von Golgatha, aber schon in der Bibel des alten Testamentes ist ein Beleg für diesen Zusammenhang zu finden, lenkt man das Auge auf die höchst merkwürdige und erschütternde Erzählung vom armen Dulder Hiob, den Unglück über Unglück ereilt, ohne daß sein Vertrauen in Gott auch nur im geringsten erschüttert worden wäre. Leuchtet aus dem Drama des Hiob nicht die große Lehre auf, daß, wer sich von Gott lossagt, austritt aus dem Kreise der lebendigen Wesen? Läßt sich diese wahrhaft große Lehre überhaupt anders verstehen als aus dem Christusimpulse? Oder, wie es Steiner ausführt: »Willst du das Ewige in dein Ich aufnehmen, so mußt du nicht bloß die Zusammenfassung des Zeitlichen, nicht bloß die Jahveeinheit hinter allem im Raum und Zeit Ausgebreiteten erkennen, sondern auch den konzentrisch hinter aller Einheit selbst gegebenen Christusquell.« Darum ist Moses überhaupt nichts anderes als der große Wegbereiter des Christus Jesus in der menschlichen Entwicklung. Man kann aber, nach Festlegung dieser erhabenen Tatbestände, von der Gestalt des Moses nicht Abschied nehmen, ohne auf zwei wichtige Momente des Mosesproblems hinzuweisen: auf die Empfängnis der zehn Gebote und auf die esoterische Bedeutung der fünf Bücher des Moses. Die unerhört dramatische Szene des Erlebnisses auf dem Sinai birgt nichts Geringeres als eine fundamentale Setzung der Kardinalpunkte dessen, was den Menschen zum Menschen macht, als eine lapidare Zusammenfassung der göttlichen Minimalforderungen an die Menschheit. Daß es Gebote sind, daß sie Gesetzescharakter haben, beweist, wie aus dem alten Hellsehen in die aufkeimende Ichkultur Impulse einströmen, die in Befehlsform eingebaut werden müssen, weil sie das noch schwache Ich noch nicht aus sich selbst erleben und erfassen kann. Der Befehlscharakter der zehn Gebote kennzeichnet die Bewußtseinsstufe der althebräischen Kultur in vollkommener Weise. Was aber die fünf Bücher des Moses betrifft, so kann an dieser Stelle nicht 
      <a id="page116" name="page116" title="cal/gary"/>unterlassen werden, auf Fabre d'Olivets großartige Arbeit über die Wiederherstellung der hebräischen Sprache nach ihrem Geiste und esoterischen Gehalt hinzuweisen. Man verdankt Fabre d'Olivet nichts Geringeres als die erste, den esoterischen Sinn der Mosaischen Kosmogonie wiedergebende Übertragung des Offenbarungstextes, die zugleich den lebendigen Hinweis auf die Elohim als Helfer des Weltenschöpfers enthalten und die Lehre von den Hierarchien der Engel in sich bergen, die später bei Dionysios, dem Areopagiten, und im ehrfurchtgebietenden Riesengebäude der Kabbalah ihre glorreiche Auferstehung feiern. Über die Kabbalah selbst wird in einem späteren Abschnitt noch zu sprechen sein. Hier sei nur eine Bemerkung gestattet, die das wunderliche Treiben des Antisemitismus und der Zionisten betrifft. Beweisen die Antisemiten von heute, daß sie unwissend bis auf die Knochen sind und keinen Zusammenhang mit dem innersten Heiligtum des Menschengeheimnisses haben, so beeilen sich die nationalen Juden bei jedem Anlaß, zu betonen, daß sie Freigeister und voraussetzungslose Skeptiker sein wollen, die ihr eigenes Nest beschmutzen, indem sie ihren ungeheuren Besitz an esoterischer Kultur geringschätzig beiseite schieben ...</p><h4>XIV.
      <br/> Die griechisch-lateinische Zeit</h4><p>Die gedrängte Schilderung der alten Kulturen und der esoterischen Impulse, die sich darin offenbaren, wäre nunmehr bis zur griechisch-lateinischen Zeit vorgeschritten, die von 747 v. Chr. bis ungefähr 1413 n. Chr. anzusetzen ist und im Zeichen des Widders steht. Sie enthält, als in die Mitte der sieben Entwicklungen der nachatlantischen Entwicklungsperioden gelagert und schon darum für die Geschichte der Menschheit entscheidend und bedeutungsvoll; das Christusereignis, den großen Wendepunkt im Leben der Erde und die Vorbereitung unserer Kultur, 
      <a id="page117" name="page117" title="JohannN/gary"/>die im Zeichen der Fische zu denken ist. Nicht die Geschichte des Griechen- und Römertums bis zum Zeitpunkt des Ereignisses von Palästina, sondern die Bewußtseinslage der griechisch-lateinischen Zeit ist hier zu berühren; zu zeigen ist, wie gerade sie den Nährboden für dieses Erlösungs- und Überwinderdrama abgibt und wie sie, nach seiner Zusammenfassung aller alten Einweihungen und alten Geheimwissens, die esoterische Erkenntnis und Lebenshaltung auf vollkommen neue Grundlagen stellt, indem sie das »Ichbin« der vorangehenden Kultur in die andere heilige Grundformel »nicht ich, sondern der Christus in mir« verwandelt. Es kann sich an dieser Stelle nicht darum handeln, ein geschichtliches Bild der griechisch-lateinischen Entwicklung zu geben, noch darum, das Erlöschen des alten Hellsehens, schon in den Ausläufern des ägyptisch-hebräisch-chaldäischen Kreises deutlich wahrnehmbar, an der Hand einer Betrachtung über die griechische Philosophie und die Ausbildung des römischen Staats- und Rechtsgedankens zu zeigen. Mit den Griechen und Römern treten zwei ganz neue Kulturimpulse in die Geschichte der Menschheit. Ein oberflächlicher Blick auf das Gesamtbild zunächst des griechischen Wesens ergibt zwei Extreme, in offenkundigem Zwiespalt: auf der einen Seite das heitere, lebenslustige, bukolische Hellas mit seiner reichen Schar an Göttern und Göttinnen, stark sexuell betont, aber immer froh und schönheitstrunken, auf der anderen das düstere, in furchtbarer Schicksale und Verhängnisse Blut und Dunkel getaucht, einsam, traurig und hoffnungslos, dabei national zerworfen und unglücklich in seinen kriegerischen Unternehmungen. Dort ein Bild des Lichtes, der Kunst und des fröhlichen Lebensgenusses, hier ein Tableau des Jammers, wenn auch in der trübsten Tiefe nicht ohne heroische und wahrhaft imposante Züge. Dabei eine hohe Kultur und bewunderungswürdige Kunst, die als beider Wesenheiten Mischung erscheint, gekrönt und umschlossen von den Höhenzügen des griechischen Gedankens, der nach und nach an 
      <a id="page118" name="page118" title="JohannN/gary"/>die Stelle des alten noch in »Ilias« und »Odyssee« wirksamen Bilderbewußtseins tritt. Vor dem Griechentum gibt es keine Philosophie in der menschlichen Geschichte, denn im strengen Sinne lassen sich weder die Veden noch die Dokumente der Ägypter und Hebräer als Belege für den Bestand einer Philosophie werten. Um so verborgener blüht die Geheimwissenschaft der Griechen, im Wesen stark mit ägyptischen Zügen durchsetzt, sprachlich obendrein durch merkwürdige Parallelen zwischen dem Griechischen und Hebräischen bemerkenswert. Im alten Griechenland blüht das Orakelwesen und Priestertum (von Delphi, Dodona u. a.), die streng genommen, in die Geschichte des Spiritismus gehören. Auf den Urgrund der griechischen Seele reichen das heilige Drama von Eleusis, die orphischen Mysterien, die Geheimnisse des Dionysos, Pythagoras und die Mysterien von Delphi mit ihren Prüfungen, ihrem Neophytentum und den Vorbereitungen für ein geläutertes pythagoräisches Leben, mit ihren Zahlenwundern, ihrem kosmischen Wissen, ihrer großen Lehre von der Wiedergeburt bis zur völligen Tilgung des Karmas, ihrem Magiertum, ihrer erhabenen Verbindung zwischen Mann und Frau und mit dem tragischen Ende der pythagoräischen Schule; auf den Urgrund der griechischen Seele reichen, desgleichen, die Mysterien von Eleusis, denen der himmlische Platon nahesteht. Wer sich neben diesen schier unerschöpflichen Gebieten für die Magie der Griechen und den griechisch-ägyptischen Offenbarungszauber interessiert, findet bei Dr. Theodor Hopfner mit erstaunlichem Bienenfleiß und vorbildlicher Gelehrsamkeit alles, was vom Zwischenreich, von den Dämonen, Heroen und Seelen und ihrem Verhältnis zu Göttern und Menschen, von der Usia der Toten, der Lebendigen und der Götter, vom wahren Namen, von Zaubergebeten und Zauberformeln, von Beschwörungen, Anrufungen und Amuletten, von Gnosis, Theurgie, Magie und Goetie, kurz von Geheimwissenschaften und dunklen Praktiken zu wissen frommt. 
      <a id="page119" name="page119" title="rudi49/gary"/>Demselben Autor verdankt man auch kürzere, nicht minder wertvolle Darstellungen der griechischen Mystik und der griechisch-orientalischen Mysterien. Manch einem von der offiziellen Philologie und Philosophie verächtlich beiseite geschobenen Forscher (Creuzer, Gladisch, Roth, Wolfgang Schultz bis hinauf zu Joël) ist inzwischen zum Teile volle Gerechtigkeit widerfahren, zum Teile aber verschwinden unberufene rationalistische Einmenger in das antike Mysterienwesen, wie de Jong, heute schon lautlos in wohlverdienter Vergessenheit. Die Geisteswissenschaft Steiners hat inzwischen volles Licht auch in diesen dunklen Winkel getragen, darin sich die Entfaltung der menschlichen Verstandes- oder Gemütsseele zu vollziehen begann.</p><h4>XV.
      <br/> Griechische Mysterien</h4><p>Die Orphiker waren, so scheint es, die Stifter und Begründer der griechischen Mysterien; Eumolpos, der von vielen als ihr Stifter und Begründer bezeichnet wird, gehörte dem orphischen Kreise an; er und seine Schule, die Wohlsingenden, Eumolpiden, genannt, hatten als Sänger und Tänzer starken Anteil an den Geheimkulten. Eine sehr klare und anschauliche Schilderung der kleinen wie der großen eleusinischen Mysterien entwirft, als einen Versuch zur Rekonstruktion, Uexküll, dem man auch eine ähnliche Skizze von der ägyptischen Einweihung verdankt. Gewisse Parallelen zwischen den griechischen und den orientalischen Mysterien haben Charles Hünerberg, Konrad Schmidt und Oskar Fischer mit mehr oder weniger Glück zu ziehen versucht, Ita Wegmann ist den medizinischen Zusammenhängen mit den Mysterien von Samothrake an der Hand Rudolf Steiners nachgegangen. Die griechische Philosophie, mit Pherekydes auf Syros einsetzend, ergibt, wie Steiner gezeigt hat, ein getreues Bild vom allmählichen Erlöschen des alten Hellsehens und mit 
      <a id="page120" name="page120" title="rudi49/gary"/>diesem der Fähigkeit, die Dinge der übersinnlichen Welten als Bilder zu schauen. Auf drei Gebieten hat das Griechentum durch Jahrtausende die Führung behalten: im Drama, in der bildenden Kunst und in der Philosophie. Bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. hat Plato das Geistesleben beherrscht, indes von dieser Zeit ab Aristoteles und die aristotelische Schule in den Vordergrund treten, und erst mit dem Ausklang der Scholastik reißt der Faden ab, die das Mittelalter unmittelbar mit den Griechen verband. Parallel mit der Philosophie, denen der Wind noch so manches fruchtbare Körnlein aus dem mystischen Bewußtseinskreise zutrug, hörten die Hüter der Mysterien nicht auf, das Geheimnis, abgeschieden von der Welt, rein zu bewahren. Hopfner zählt folgende neun Gruppen auf: 1. Die Mysterien der Demeter (Kore und Jakchos), die zugleich die ältesten, uns bekannten Mysterien darstellen; 2. die der Demeter Thesmophoros, der Gesetzesstifterin und Göttin der Ehe, nur für Frauen zugänglich; 3. die des Dionysos-Bakchos, des thrakischen Gottes Zagreus, von Orpheus angeblich um 600 v. Chr. gestiftet; 4. die von Samothrake, gleich den übrigen hier aufgezählten, orientalischen Ursprungs; 5. die des Sabazios, ungefähr um das 5. Jahrhundert v. Chr. nach Griechenland verpflanzt; 6. die des syrischen Adonis, von Sappho und Xenophonos schon für das 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. bezeugt; 7. die der Rhea-Kybele, die schon Pindaros im 5. Jahrhundert kennt; 8. die der Isis und Osiris, mit denen des Serapis von Alexandria verschmolzen, die schon, ägyptisches Gut, getränkt mit dem griechischen Naturell, im 4. Jahrhundert nach Griechenland eindrangen, und endlich 9. die Mithrasmysterien, persischen Ursprungs, im alten Griechenland nicht recht gangbar, obgleich schon vorhanden, aber doch erst im 1. Jahrhundert n. Chr. in Rom zur Geltung gelangt. Noch durch nahezu vier Jahrhunderte nach Christus lassen sich die Spuren der griechisch-orientalischen Mysterien verfolgen; als Wahrzeichen ihres endgültigen Unterganges mag 
      <a id="page121" name="page121" title="Wunibald/gary"/>mit Hopfner stichhältig die Zerstörung des Serapistempels in Alexandria angesehen werden; ungefähr zwanzig Jahre früher machte Valentinian den Mysterien von Eleusis ein Ende. Erhabene Abschiedsworte für die Eleusinier sprach Sophokles, der dreimal selig jene Sterblichen nennt, die solche Weihen einst geschaut und dann hinab zum Hades stiegen, wofür ihnen jetzt dort (im Zwischenreich) Leben zuteil wird, indes die anderen nur Drangsal und Not im Jenseits finden. Philosophie, Dichtkunst und Malerei waren Geschenke und Schöpfungen des Sohnes der Persephone, des Dionysos, als des Initiators der griechischen Kultur; das Mysterium der Geburt des Dionysos aus dem Schoße der Persephone ersteht in »begrifflichem Gewand« in der Philosophie Platons aufs neue, der eine Wiederholung des Dionysos in historischer Zeit darstellt: die große, erhabene Lehre vom Eros gilt für Körper und Geist; für den Körper als Umarmung im Zeichen der Sinne, für den Geist als Umfängnis der Seele durch den Weltengeist. Nur wer Blick für das Wesen der Dionysosmysterien hat, kann den wahren Sinn des platonischen Eros verstehen, der sich in dem entzückenden Märchen von Amor und Psyche wiederholt. Noch in unserem Weihnachtsmysterium endlich leuchtet hell die Flamme der alten Erosweisheit auf. Es wird sich später, bei der Betrachtung des Dramas von Golgatha, auch zeigen, welche Bedeutung im Vergleiche zur römischen Übersetzung des neuen Testamentes die griechische Sprache für das Christuswesen und das Christentum gehabt hat. In Steiners grundlegender Schrift vom Christentum als einer »mystischen Tatsache« wird klar und lichtvoll ausgeführt, welche Kraft die griechische Philosophie aus dem Dämmer der Mysterien bezog; Herakleitos, der »Dunkle«, wird hell und durchsichtig, wenn man ihn durch die Schauer der Mysterien anblickt, und als gewaltiges Dokument der Mysterienweisheit ragt Platons »Timaios« in einsamer Größe zum Firmament empor, das »Drama des Weltenwerdens« mit der Ahnung der Urkraft im Schoße. Hier 
      <a id="page122" name="page122" title="Wunibald/gary"/>findet sich das große Geheimnis der Weltseele, die auf das Kreuz des Weltenleibes gespannt ist, hier die unerhörte Vieldeutigkeit des Logos, der gleichzeitig als Weltvernunft und Riesenchronik aller Geschehnisse zu nehmen ist, aus der, »auf die Urbilder schauend«, der Demiurgos alle Dinge erschuf. Bei Philo endlich, der als Wiedergeburt des Platon gilt, taucht der Name »Sohn Gottes« für den Logos auf, bei demselben Philo, für den es zwei Wege gibt: die Sinnenwelt mit ihrer Beschränkung auf Wahrnehmung und Verstand, oder das Bewußtsein einer kosmischen Allkraft, die das Persönliche im Menschen die Ewigkeit erleben läßt.</p><h4>XVI.
      <br/> Der ewige Dionysos</h4><p>Mit Friedrich Nietzsches Unterscheidung des Dionysischen vom Apollinischen, mit der Neubelebung der Schriften Bachofens spielt das Grundproblem der griechischen Einweihung in unsere Zeit hinein. Rudolf Steiner erfaßte das vorsokratische Seelenbewußtsein, anders als der feinfühlige Philologe Bachofen und der Künstler Nietzsche, vom Geistigen. Seine geisteswissenschaftliche Methode führt ihr zur Erkenntnis, daß der Mythos ein Dokument und Ergebnis des alten Hellsehens darstellt, einer Seelenverfassung, die heute noch zumeist in ungeordneter und ungepflegter Weise, bei medial veranlagten Personen anzutreffen ist. Wo Bachofen von einer gynaikokratischen Epoche, einem Zeitabschnitt des »Mutterrechtes« spricht, meint er die Ära der Demeter und des Demeterkults, deren Menschen wesentlich anders organisiert waren als der historische Grieche; Denken, Fühlen und Wollen des »mystischen« Menschen stehen noch in voller Harmonie, ihre Zusammenhänge sind von kosmischgeistigen Kräften geregelt. Der Mensch des demetrischen Zeitalters, Körper und Geist zugleich, steht der Umwelt nicht als Außenwelt gegenüber; er sieht die Natur bildhaft als ein mütterliches 
      <a id="page123" name="page123" title="Wunibald/gary"/>Wesen, die chthonische Urmutter, die ihm das durch Generationen vererbte Hellsehen bildhaft als Persephone schenkt. Bei Pherekydes auf Syros, mit dessen eigentümlicher Kosmogonie die Philosophie der Griechen einsetzt, wird aus Zeus, der im Räume wirkenden Weisheitsmacht, und aus Persephone, dem »im Zeitlichen wirksamen Bildschauen«, das Ichbewußtsein des Menschen geboren, schmerzhaft zunächst, als etwas, was unter Leiden geschieht. Aus Zeus und Persephone kam der ältere Dionysos, der, dem Osiris gleich, von unterirdischen Kräften zerstückelt und zerrissen (die Titanen besorgen dieses Geschäft), doch mit seinem von Pallas Athene geretteten Herzen neuerlich mit Zeus vereint wird. Der schöpferische Weltverstand des Zeus (Nus) und der Pulsschlag des Ichs verschmelzen zur »kulturbildenden Intelligenz«, zur »selbstbewußten Macht des Wissens«; sie auf Erden heimisch zu machen, war des jüngeren Dionysos Aufgabe; oberflächlicher als die des Dionysos des älteren, des Dionysos Zagreus, begründet er, mit seinen Faunen und Silenen und seinem Wein, den Hauch einer neuen Lebensweise auf der Erde, zu der er als Mensch, als entgötterter freilich, herabsteigt. Das Weltbild der Wissenschaft wird durch ihn geboren. Der ewige Dionysos, sein himmlischer Lehrer, tritt ins Land der Vergessenheit zurück. Als letzter Ausläufer des Faunischen und Silenhaften, sucht er, berauscht von der neuen »Wahrheit«, die aus seinem Wein aufsteigt, seine Herkunft hei den Affen. Den ewigen Dionysos suchend, begegnete Nietzsche dem Zarathustra, einem von der Phantasie erzeugten Untergott und Übermenschen, einem Zerrbild des großen Initiators der persischen Kulturepoche. Versucht man Menschen unserer Zeit den Unterschied des Dionysischen und Apollinischen zu erklären, so wird gewöhnlich die vulgäre Formel gebraucht, das Apollinische habe mehr Objektives, das Dionysische mehr Subjektives zum Wesensbestandteil, der apollinische Künstler, kühl und rein, hebe sich vom Dionysischen ab, der sich im Feuer seiner eigenen Leidenschaft 
      <a id="page124" name="page124" title="Wunibald/gary"/>verbraucht. Die Philologie Nietzsches und Erwin Rohdes erschien der Generation dieser bedeutenden Männer begreiflicherweise als eine befreiende Deutungsart. Steiner hat den richtigen Erkenntnisweg auch hier gewiesen: durch die dunklen Untergründe der Seele, die er überwindet und hinter sich läßt, steigt Dionysos zur Welt des Lichtes auf, Apollo aber vom Himmel zur Erde; ward Dionysos zum Menschen, so blieb Apollo ein Gott, ein reines Lichtwesen, das seinen Sitz auf der Sonne hat; er wandelt von Stern zu Stern, nähert sich aber der Erde, und Jupiter, Mars, Merkur und Venus sind Abwandlungen des apollinischen Prinzips; Apollo tötet den Drachen Python, der in der Nebelregion der Erde haust, sein Sonnenpfeil trifft die erdgeborene Schlange, deren dampfender Atem aus dem Schlund einer Schlucht emporsteigt. Über dieser Schlucht, der der Odem der erdgeborenen Schlange entsteigt, steht später der Tempel des Gottes Apollon, darin die Pythia wohnt, die Erbin der Demeterzeit, Prophetin und Heilerin zugleich. Auch der Gott selbst, gleich der Pythia, ist Arzt, und sein schwerster Patient wird Dionysos, dessen innere Kräfte in immerwährendem Aufruhr sind und ihn zum »rasenden Gotte« machen. Sobald aber die Zeit erfüllt ist, erscheint Apollo selbst auf der Erde, der Gott des Lichtes, der »milde, schuldlose, Heilige und Heilende«, der Erlöser! Himmel und Erde reichen sich, wie Apollo und Zarathustra, die Hände. Apollo und Dionysos sind erhabene Verwandte, so wie Licht und Liebe miteinander verwandt sind. Vergeistigt sich die Dionysosliebe zum Licht, verwandelt sich apollinisches Licht in Liebe, so daß beide Eins werden, dann ist die Stunde der Erlösung gekommen, Himmel und Erde empfehlen sich als Vermählte. In wundervoller Klarheit hat Rudolf Steiner gezeigt, wie der einseitige Dionysos zum Übermenschen Nietzsches, der einseitige Apollo aber zum katholischen Gottesstaat führt; sucht jener nur die Erde als letztes Ziel, so dieser nur den Himmel. Das Dritte, Große, Erlösende, tritt im Christusprinzip 
      <a id="page125" name="page125" title="Wunibald/gary"/>auf, im Geheimnis der Überwindung des Todes. Von ihm zu sprechen, ist die Aufgabe des dritten Hauptabschnittes, der vom Christus Jesus handelt. Es bleibt nur noch ein Blick auf den römischen Teil der griechisch-lateinischen Epoche zu werden übrig.</p><h4>XVII.
      <br/> Das Rätsel Roms</h4><p>Die landläufige Geschichtswissenschaft setzt die Gründung Roms ungefähr in das Jahr 753 v. Chr., also ungefähr in die athenische Archontenzeit und den nahen Untergang Israels. Die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nennt exakt und präzis das Jahr 747 v. Chr. als Gründungsjahr Roms, und sie verweist auf den mehr als 22 Jahrzehnte dauernden Zustand der Königsherrschaft über Rom als eine Zeit mystischer Begebenheiten. Die Schulbücher unserer Kinder, vom Hauche moderner Sachlichkeit vergiftet, die alle mystischen Tatbestände geringschätzig belächelt, enthalten die »Sage« von den sieben römischen Königen als »unhistorisch« längst nicht mehr; man hat sie als Ballast ausgemerzt, obschon Titus Livius, der sie ausführlich behandelt, keinen Zweifel an der Realität dieses Geschehens aufkommen läßt. Der große römische Geschichtschreiber bringt die Gründung Roms mit Wanderungen in Zusammenhang, die nach der Zerstörung Trojas einsetzten, und nennt bei diesem Anlaß zunächst den Namen des Romulus, der, im Gegensatz zu Aeneas, einem Sohne der Venus, als ein Sohn des Mars bezeichnet wird. W. J. Stein, dem man eine wertvolle Studie über das Wesen der »römischen Apokalypse« verdankt, bemerkt treffend, der Gegensatz zwischen trojanischer Priesterkultur und römischer Kriegskultur, die gänzlich nach weltlicher Geltung strebt, lasse sich kaum schärfer kennzeichnen als durch die Gegenüberstellung von Venus und Mars. Titus Livius gibt freimütig zu, daß es sich so verhält, ohne »großes Gewicht« darauf zu 
      <a id="page126" name="page126" title="ami/gary"/>legen. Schon der Name Romulus, der mit der griechischen Bezeichnung der Stärke und Kraft (Rome) zu tun hat, deutet auf ein Wesen von außerordentlichen physischen Kräften; Romulus huldigte dem Gotte Herkules. Der Zwilling Remus anderseits, kein Herkules und bestimmt, zu sterben, stellt wohl, wie W. J. Stein hinzufügt, bloß eine Wesensseite des Marssohnes Romulus dar, der dem Jupiter durch seinen Tod zugetan war. Jupiter verkündet durch sein Vogelzeichen, daß Romulus und nicht Remus über Rom herrschen soll. So ersteht Rom aus zwei Grundkräften: aus der Marskraft der nur von den Sinnen bezogenen Wahrnehmungen und aus der Jupiterkraft des reinen, gegenständlichen Denkens, und die Mauern, die es umschließen, deuten auf den Wunsch der lateinischen Rasse, die im Sinnessein begrenzt sein will. Da nun Romulus seine vom Gotte geweissagte Herrschaft über Rom antrat, bezog die Sonne das Sternbild des Widders, des Lammes. Nicht Amor begründete Roma: so stand es in der erhabenen Schrift der Sterne. Romulus war der erste, Numa Pompilius, der Sabiner, aus dem Volke, dem man die Frauen raubte, weil die Römer aus eigener Kraft nicht imstande waren, die Zeit dem Raume hinzuzufügen, der Pythagoräer, der zweite König Roms. Unter dem dritten, Hostilius, dem feindlichen, nahmen Licht, Gewalt und Krankheit zu, unter dem vierten, Gaius Martius, dem ordnenden, die Naturen des Romulus und des Numa vereinigenden, blüht die Gesetzgebung, unter dem fünften, Lucius Tarquinius Priscus, der eine etruskische Frau hat, die Technik und die Kunst, unter dem sechsten, Servius Tullius, dem Erleuchteten, der der Diana einen Tempel errichtete, die Begründung des Unterschiedes der Sünde. Der siebente endlich, Superbus, kommt durch Frevel auf den Thron; in diesem siebenten Zeitraum wird der Tempel der menschlichen Gesellschaftsordnung vollendet. So ergibt die »Sage« von den sieben römischen Königen ein grandioses apokalyptisches Bild der Entwicklung. Das Römer- und das byzantinische 
      <a id="page127" name="page127" title="Wunibald/gary"/>Romäerreich hat eine Gesamtdauer von rund 2200 Jahren. Gestützt wird die griechisch-lateinische Zeit durch zwei Grundkräfte: durch die staatbildenden Impulse des römischen Elements und die Durchgeistigung mit dem Griechentum, das dieser Epoche die »spirituelle Substanz« gibt. Sie offenbart ein doppelt Gesicht, einen Januskopf; der griechisch-lateinische Mensch hält die Waage zwischen Geist und Materie, zumindest bis 1000 oder 1100, das die Begründung des neuen Rom, Konstantinopels, bringt. Schwingt Rom das Schwert des Kriegsgottes Mars, so bleibt das edle alte Griechenland die köstliche Quelle aller Geistesimpulse, mit ihren Mysterien, ihrer Kunst, ihrer Dichtung und Musik, ihrem Lebensgefühl und Gottesbewußtsein, ihrer Philosophie, die aus den Inspirationen des griechischen Volksgeistes gespeist wird. Um die Zeit, da der Christus-Jesus in die Erscheinung tritt, vollzieht sich allerdings schon der Abstieg dieser Philosophie durch den Übergang in das Epikuräertum, durch den Niedergang der alten (Platonischen) Akademie und der aristotelisch-peripatetischen Schule, durch den Abglanz in der Advokatenphilosophie Ciceros; doch weist diese Epoche, rund um Christi Geburt, auch neue Antriebe auf. In Nigidius Figulus und Apollonius v. Thyana erreichen die Neupythagoräer und die judaisierenden Platoniker in Philon v. Alexandrien ihren Höhepunkt, und der große Name Plutarch folgt ihnen in kurzem Abstand. Die Darstellung der nachatlantischen Kulturen ist hier absichtlich nur bis zu dem Zeitpunkte, da der Christus in die Erscheinung tritt, geführt worden. Das Mysterium von Golgatha steht als gigantisches, für die Geschichte der Erde entscheidendes Ereignis mitten in der griechisch-lateinischen Zeit, die selbst wieder die Mitte in den sieben Entwicklungen dieses Schöpferzyklus einnimmt und auch keine vorangehende Epoche wiederholt. Der Erlöser der Welt tritt auf! 
      <a id="page128" name="page128" title="Dr.Nani/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap005"><h3>Drittes Kapitel
      <br/> Das Mysterium von Golgatha</h3><h4>I.
      <br/> Eingang</h4><p>Die griechisch-lateinische Epoche (von 747 v. Chr. bis 1413 n. Chr. gerechnet) birgt ein für die ganze Menschheit, ja für den Erdenplaneten und seine kommenden Zustände entscheidendes, von den Schauern höchster Geheimnisse umhülltes Ereignis: die Geburt, den Erdenwandel und den Kreuzestod des Christus Jesus auf Golgatha. Mit der Darstellung dieses Ereignisses beginnt freilich auch eine erhöhte Verantwortlichkeit für den Autor, dessen Begabung und Gewandtheit, vor eine überaus schwierige Aufgabe gestellt, ohne die Hilfe und den Beistand eben jener Kräfte und Impulse, die mit dem Erscheinen des Christus auftreten und wirksam werden, zum stumpfen Werkzeug herabsinken müßten. Sich dieses Beistandes zu versichern, sich gleichsam mit dem ganzen Wesen in dieses erhabenste Kapitel der Menschheitsgeschichte zu versenken, erschien mir als unerläßliche Voraussetzung. Die gewöhnliche Routine einer irdischen Feder wird hier zuschanden, die Kunst des Schreibers zur heiligen Handlung, sein Schreibtisch zum Altar, seine landläufige Stilisteneitelkeit aber zur Farce. Die Stille um ihn wandelt sich zu lebenserfüllter Ruhe und Klarheit: an das hohe Geheimnis rühren nur gefaltete Hände! Es ist etwas anderes, von den vorchristlichen Kulturen und Mysterien zu sprechen, etwas anderes, in den Vorhof der allerheiligsten Dreifaltigkeit einzutreten, entblößten Hauptes und barfuß, als Gottes Gast und Bekenner. Der billige Ruhmesglanz alltäglicher Schriftstellerei verlischt davor wie ein armseliges Flämmchen, das die Finsternis 
      <a id="page129" name="page129" title="Dr.Nani/gary"/>nur vermehrt, statt sie zu besiegen, das zu leuchten nur vermeint, obschon es, bei aller Demut, ein Fünkchen aus dem unermeßlichen Vorrat des göttlichen Lichtes ist. Niemand kann, zeitlos, in den Raum dieser Begebenheiten vordringen, ohne von den Dingen dieser Welt abzufallen denen er einzig und allein durch das Maß der Liebe, das ihm vom Schöpfer gegeben ist, verbunden bleibt. Das Denken wandelt sich hier zum reinen Klang der Andacht. Von der Vorstellung der Schönheit, vom Begriff des Guten, vom Urteil des Mysten »Du bist« nimmt der Weg zur Christuserkenntnis seinen Anfang; der Weg selbst aber führt in weltenferne Höben, zu denen die atonale Musik der Tiefe kaum mehr emporklingt. Der wahre Bekenner des Christus Jesus »glaubt« nicht mehr an Gott, an den Gottessohn und an den heiligen Geist: er weiß sie; er ist in Ihnen und Sie sind in »ihm«, indem er sich anschickt, Zeugnis von Ihnen zu geben. »Ich bin«, so lautet das ewige göttliche Wort, »der Weg, die Wahrheit und das Leben!« Kein anderer erhabener Geist aus den höchsten Lichtregionen durfte diesen Satz sprechen, ehe denn der Christus Jesus kam; es gab, vordem, auch keine Ohren, ihn zu hören, keine Herzen, ihn zu verstehen, keine Möglichkeit, ein voller Mensch zu sein, ehe nicht Gott selbst herniederstieg, um als Mensch unter den Menschen zu wandeln und für ihre Sache zu sterben. Kein Irdischer kommt, an Gott vorbei, zu sich selbst, der eine Wohnung des Göttlichen ist. Ihn »leugnen« heißt: sich selbst aufheben und in die Nacht des Nichts versinken; Ihn »verneinen«: die heilige Erlaubnis, auf Erden Ja zu sagen, für immer verlieren; ihn nicht bekennen: das Recht verwirken, auf zwei Beinen und erhobenen Hauptes auf diesem »Geoid« zu wandeln. Die Menschheit schreitet, so chaotisch ihr Zustand auch anmuten mag, auf ganz bestimmten Wegen durch die Erkenntnis des Christus zum Erlebnis des Jesus. In seinem Namen streben Orient und Okzident zu ihrer Vereinigung. Wer ohne dieses lebendige Wissen ist, hat keinen wahren Anteil am 
      <a id="page130" name="page130" title="Dr.Nani/gary"/>Gang der Dinge, es mögen noch so viel Macht und äußerliches Ansehen mit ihm verbunden sein. Sein Wort mag so stark tönen, als es will, es klingt nicht, seine Gedanken haben keine Flügel, und das Licht, das von ihm ausgeht, wird aus Sümpfen gespeist, als ein Irrlicht. Alle Unrast, aller Jammer auf Erden stammen daher, daß die Menschen sich selbst fremd sind, daß sie etwas suchen, was außerhalb ihnen wäre. Lalande, wenn ich mich richtig erinnere, rief eines Tages triumphierend aus, er habe alle Höhen und Tiefen des Weltalls forschend durchmessen, aber nirgends Gott finden können! Der rettende Gedanke, bei sich selbst vorzusprechen, kam ihm nicht, denn seine Karma war, vor der verschlossenen Türe zu stehen und sie nicht als Türe zu erkennen. Darum mußte das alte Wissen, so unabhängig es auch auftreten mochte, erst gänzlich absterben und der Erkenntnis im Zeichen des Christus Jesus weichen. Haben die alten Mysterien verschiedene Möglichkeiten, so entströmt dem Christus Jesus Gewißheit. Führt der gottfremde Forschergeist zu »Annahmen«, so erhebt das Christentum als mystische Tatsache das menschliche Wesen zum Schauen und Erleben der Wahrheit. Das ist es, was gesagt werden muß, ehe das Auge zum Kreuze aufblicken kann, als dem erhabensten Symbol der Wirklichkeit und Einsicht. Im Mysterium von Golgatha gipfelt die menschliche Geschichte bis ans Ende der Weltentage, deren sieben im Buche der Schöpfung verzeichnet sind.</p><p>Die Erde und der Christus sind Eins!</p><h4>II.
      <br/> Vom Christus in der Entwicklung der Erde</h4><p>Das Mysterium von Golgatha fällt in den vierten Kulturraum der nachatlantischen Zeit, sohin in die Mitte des sieben Kulturen umfassenden Kreises der Erdentwicklung. Unserem Fischezeitalter folgen dann eine Wassermann- und eine Steinbockkultur, 
      <a id="page131" name="page131" title="Dr.Nani/gary"/>die in neue kosmische Nacht führt und zur nächsten Erdverkörperung der Jupiterzeit, überleitet; dem Jupiter folgen dann Venus und Vulkan, als die beiden letzten Verkörperungen der Erde. So stellt die Geheimwissenschaft unserer Zeit das Christusereignis genau ins Zentrum nicht nur der Erdentwicklung selbst, sondern auch der dem reinen Erdenstadium eingebetteten sieben Kulturabschnitte. Schon in diesem Umstände drückt sich die ungeheure Bedeutung der mystischen Vorgänge im heiligen Lande aus. Ein neuer, die ganze Erde und ihr Wesen erfassender Impuls tritt unter Erscheinungen zutage, deren Eigenart keinerlei Vergleich mit früheren Epochen des religiösen Erlebens zuläßt. Das hängt allerdings, wie eine kleine Meditation ergibt, mit dem Geheimnis der Siebenheit überhaupt zusammen. Die Siebenheit stellt einen abgeschlossenen Komplex im Zahlenraum, dar; in der Musik ist die Septime der letzte selbständige Intervall, denn die Oktave wiederholt nur die Prime, die None die Sekunde, die Dezime die Terz. Die Vierzahl bildet gleichsam die Brücke zwischen zwei Dreiheiten, einer niederen und einer höheren. In der Vier ruht die Zählung und Gruppierung aus, indem jene ihre Wurzeln nach links in 1, 2 und 3, nach rechts aber in 5, 6 und 7 schlägt; sie umfaßt in dieser Weise die Wesenselemente der beiden Dreiheiten, die in der Siebenheit stecken, und ist sozusagen mit dem Inhalt beider Dreiheiten, der vorangegangenen wie der nachfolgenden (zukünftigen), gesättigt. Darum hat die vierte Entwicklungsphase der nachatlantischen Kulturen auch eine ganz eigenartige Stellung, während die nachfolgende fünfte die vorangegangene dritte, die nachfolgende sechste die vorangegangene zweite und die nachfolgende siebente die vorangegangene erste Kultur wiederholt, ähnlich wie oberhalb und unterhalb des mystischen Raumes um die Vierzahl, Verbindungen von der Fünf zur Drei, von der Sechs zur Zwei und von der Sieben zur Eins laufend gedacht werden können. Diese kleine Betrachtung wird deshalb wichtig, weil sie für den, dem das Geheimnis 
      <a id="page132" name="page132" title="Dr.Nani/gary"/>der Siebenzahl in Fleisch und Blut übergegangen ist, keinen Zweifel darüber aufkommen läßt, daß das Christentum nicht etwa bloß eine »Religion« des vierten Kulturraumes darstellt, sondern daß es, in der Vier, die übersinnliche Erkenntnis dreier vorangegangenen Epochen zu höherer Einheit zusammenfaßt und gleichzeitig die drei folgenden Zeitabschnitte durchsetzt und durchtränkt, daß in ihm also der Geist der Erde wohnt. Damit erledigen sich auch von selbst die landläufigen und gebräuchlichen Einordnungen des Christus Jesus in die Galerie der »Religionsstifter«, gleichwie es zu den bewußten Irreführungen unseres (des »Fische-«) Zeitalters gehört, wenn die neuen Gnostiker und Bruderschaften von ähnlicher Farbe behaupten, die Religion des Mitleids, als welche die christliche Religion allgemein bekannt ist, habe im Augenblicke, da die Sonne ins Wassermannzeichen eintrete, einer Neuorientierung der Liebe Platz zu machen, die durch die höchst gefährliche und sehr zweideutige Formel »mitleidlose Liebe« (kalte Liebe) ausgedrückt wird. Das Mysterium von Golgatha ist sonach ein zentrales Ereignis in der gesamten Menschheits- und Erdgeschichte; es durchdringt die Erde, in die es mit dem Blute des Erlösers einzog, dem Wesen Erde gleichsam sein ewiges Ich gebend. (Die Vierheit erlöst die beiden Dreiheiten der Vergangenheit und der Zukunft, in dem sie diese zusammenfaßt, sie verankert und von der Sieben in eine Einheit zurückbindet.)</p><p>Lächerlich wäre, zu behaupten, die Menschheit bedürfe einer neuen Religion, die, aus der reinen Vernunft geschöpft, eine Art »Ersatz durch Vollkommeneres« darstellt. Nicht eine neue Religion, sondern neue und wahrhafte Erkenntnis des Christus Jesus tut not und nur aus solcher Erkenntnis können die beiden nachfolgenden Kulturen ihre Impulse holen. Alle diese Dinge verstehen sich ganz von selbst, wenn man den Mut und die Seelenstärke aufbringt, losgelöst von allen Vorurteilen und Mayaergebnissen des gegenwärtigen Schulunterrichtes, das 
      <a id="page133" name="page133" title="Dr.Nani/gary"/>Christentum als eine mystische Tatsache geistig zu durchdringen und damit seelisch zu begreifen. Den erdhaften und doch himmlisch erhabenen Sinn des Christus Jesus verkennen bedeutet daher nicht mehr und nicht weniger, als außerhalb der Erdentwicklung auf einem ganz unmöglichen und widersinnigen Standort stehen und die freie Entwicklung der Menschheit verneinen und stören. In der Tat kommt, wer die historischen, sozialen und ethischen Grundlagen des Christusereignisses unbefangen prüft, zu ganz erstaunlichen und beglückenden Feststellungen, aus denen sich die Einzigartigkeit und abschließende Bedeutung des Mysteriums? von Golgatha unzweifelhaft ergibt. Man muß die Natur des Ackers verstehen, darin der Same des Christusgeheimnisses aufging, um nur zu begreifen, warum der Schauplatz dieses in seinen Wirkungen unermeßlichen Geschehens überraschenderweise nicht mit den Mysterienorten vorangegangener Kulturen zusammenfällt, sondern ganz neues, durch Josua erobertes Land erfaßt: Palästina, das heilige Land, darin der Tempel wieder aufgerichtet wird, nicht etwa als Gotteshaus einer bestimmten Nation, sondern als äußeres und unsichtbares Wahrzeichen der Gesamtheit der Menschen.</p><h4>III.
      <br/> Zeit und Ort des Mysteriums</h4><p>Die Äußerlichkeit des Zeitraumes, darin des Christus Jesus Geburt, Wirken und Tod auftreten, wird durch drei geschichtliche Momente gekennzeichnet: durch die große Dämmerung des römischen Weltreiches, durch das erste Auftreten der Germanen im europäischen Räume und durch die Auflösung des alten Judentums. Mit anderen Worten: durch den Untergang der res publica, vorbereitet durch die Auseinandersetzungen zwischen Pompejus und Caesar, Antonius und Oktavian, durch Roms Kämpfe mit den Germanen (Drusus und Tiberius), den Aufstand der Pannonier und Dalmater und den Übergang in das 
      <a id="page134" name="page134" title="Dr.Nani/gary"/>römische Kaiserreich einerseits, anderseits durch die Erhebung Judäas zur römischen Provinz. Das Ende der griechischen Philosophie, der griechischen Kultur, die Befestigung römischer Rechtsanschauungen im Menschengeiste, die vollkommene Zersetzung des Menschentums, das vom Heimweh nach einem Erlöser ergriffen wird, bereiten die Atmosphäre des Christus vor, den schon die alten Kulturen verkünden, der aber allerdings, ganz anders, ganz schlicht, scheinbar ganz abseits und unbemerkt, in die Weltentwicklung eintritt. In den alten Mysterien (das ist hier schon angedeutet worden) liegt das Christusgeheimnis schon seit Anbeginn der nachatlantischen Kulturen verborgen. Schwierig durchschaubar wird, wenn es sich darum handelt, den Beweis für diese Tatsache zu erbringen, bloß das Dunkel der altindischen Kultur; der alte Inder war sich der menschlichen Situation, verursacht durch den Verlust des Paradieses, kaum bewußt; er sah gleichsam nur das Ahrimanische der Sache; immerhin ist im Rigveda vom Weltenopfer und vom Weltenzimmermann deutlich genug die Rede; auch Krishna steigt zur Erde nieder; am schärfsten aber drückt der indische Yoga selbst das Christusgeheimnis aus; der Yoga lehrt den Weg ins Innere des Menschen, damit er die »Ruhe im Ich« finde, freilich unter Verlust der äußeren Welt, die als Maya ihre Wirklichkeit einbüßt; der Christus vollendet, wie Steiner und später Beckh gezeigt haben, die mystische, die Ich-Seite des Yoga, unter Preisgabe seiner magischen Natur, die, genau so wie die mystische, erst durch die Christuskraft vollendet wird. Weit heller (auch darauf ist schon hingewiesen worden) strahlt das Christusgeheimnis aus den Mysterien des Zarathustra; durch die Gegensätze von Licht und Finsternis gewinnt, zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte, die Offenbarung erhabenen Sinn; Zarathustra selbst wirkt auf der Erde, deren Geschöpf er ist. Zarathustras Wesen fließt stückweise in die Mysterien der vorchristlichen Menschheit, und was aus dem Zarathustraimpulse 
      <a id="page135" name="page135" title="Dr.Nani/gary"/>heraus geschieht, geschieht zum erhabenen Zwecke, die Menschen vorwärtszubringen, sie zu entwickeln, das dahinsterbende Erdendasein zu erneuern (zu erlösen), den Tod zu überwinden und die Freiheit des Willens auf Erden zu begründen. Was endlich die ägyptischen Mysterien betrifft, so stellen sie, durch den Auszug der Hebräer aus Ägypten bedeutungsvoll vorbereitet, die eigentlichen Christusmysterien der vorchristlichen Zeit dar. Ägypten hat große und gewaltige Gräber hinterlassen, eine Totenkultur begründet, die ohne Vergleich ist, aber erst das Mysterium von Golgatha gibt dieser gespenstigen Kultur lebendigen Sinn, und die alte Sternenweisheit der Ägypter feiert im esoterischen Christentum des Grals seine Auferstehung: die neue Isis der Menschheitsseele erwacht als »neue Offenbarung der Geheimnisse der Sternenschrift«. Ganz nahe endlich und mit ihm schicksalhaft verbunden, rückt das alte Testament in den Bannkreis des Christusereignisses. Hier steigert sich die Symbolik der Jahvereligion zu greifbarer Deutlichkeit; sie begründet, gleich dem Logos der Griechen, die Lehre der Erlösung durch den Messias, der den zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufbauen wird. Seit 63 v. Chr. war Palästina ein Teil des römischen Reiches; ein Edomiter, Herodes, erfeilscht und ergattert in den Wirren des römischen Bürgerkrieges vom Senat die Würde und den Titel eines »Königs der Juden«. In dem mächtigen Tempel, den er über den Trümmern der einstigen Burg Ahabs errichten läßt, treibt er religiösen Kult mit Augustus, seinem kaiserlichen Herrn; es nützt wenig, daß er den Neubau des Tempels von Jerusalem in die Hand nimmt: die Juden durchschauen sein Tun, obzwar ihr Land dem Herodes einen kulturellen Aufschwung von großer Schwungkraft verdankt. Warum übrigens gerade Palästina als Schauplatz für das Mysterium von Golgatha auftrat, führt Wachsmuth in lebendiger und anschaulicher Art aus; er zeigt, daß zwischen den höchsten Erhebungen der Erde und deren tiefstem Punkt eine »zunächst geheimnisvolle Gesetzmäßigkeit 
      <a id="page136" name="page136" title="Dr.Nani/gary"/>waltet« und daß sie »mit dem geistigen Schicksal der Menschheit eng verbunden sind«. Das Hochplateau von Tibet, eine der höchsten Erhebungen der Erde, war die Heimat und Wiege der orientalischen Kulturen und Religionen, eine der tiefsten Senkungen der Erde, das Jordantal aber, durch die Jordantaufe, die Geburtsstätte der christlichen »Religion«. So greifen Geistesgeschichte und Geologie ineinander. An jenem Punkte, der das »Außen« der Erde am stärksten betont, erstand die religiöse Geisteskultur der Orientalen: die Wärme- und Lichtätherreligion des Buddhismus. Das Jordantal vom Tiberiasee bis zum Toten Meere, die Geburtsstätte des Christentums, zählt zu den größten unter den bekannten Depressionen der Erde. Hier ist gleichsam das »Innere« der Erde betont, wo das Lebensätherische überwiegt. Die Bewußtseinsentwicklung an Orten, wie dem Plateau von Tibet und dem Jordantale, konnte von diesen Umständen nicht unberührt bleiben.</p><h4>IV.
      <br/> Steiners erstes Buch zur Christuserkenntnis</h4><p>Die neue Erkenntnis des Christentums setzt kurz nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein; sie darf aber ihr Anfangs- und Ausgangsdatum getrost in das Jahr 1902 zurückverlegen, in welchem Rudolf Steiners »Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums« erschien. Der Umstand, daß Steiners Schrift sechs Jahre vor De Jongs Buch über das »antike Mysterienwesen« herauskam, das in wissenschaftlichen Kreisen merkwürdigerweise noch immer großes Ansehen genießt, gab dem Holländer, einem Privatdozenten der Universität in Leyden, Anlaß zu einem ebenso dünkelhaften als rüden und echt professoralen, gleichsam mit den Hufen der Hinterbeine verübten Ausfall auf Steiners Buch, dessen Bedeutung auch nur zu ahnen, De Jong allerdings nicht imstande war; er nennt Steiner einen »Schwindler wie keiner« und dessen »Christentum als 
      <a id="page137" name="page137" title="Dr.Nani/gary"/>mystische Tatsache« »jeder Wissenschaftlichkeit und Phantasie bar«. De Jong gleicht bei seinem Versuch, mit untauglichen Mitteln, Vermutungen und Annahmen an die geistigen Dinge heranzukommen, ungefähr einem Skiläufer, der sich Schlittschuhe anschnallt. In Wahrheit will Steiner in jener Schrift zunächst zeigen, daß das Christentum als »ein Keim von selbständiger Art« im Boden der vorchristlichen Mystik wurzelt, obgleich es durchaus als eine selbständige Wahrheit zu verstehen ist. Sein Buch, obwohl der wissenschaftlichen Denkweise jener Zeit angepaßt (es wäre gefährlich gewesen, sich damals schon anders zu gebärden), gibt zunächst einen Überblick über die wichtigsten und wesenhaftesten Merkmale der antiken Einweihung in ganz klaren und exakten Sätzen; der Neophyt entwickelt die im Menschen verborgenen Kräfte zu voller Wirklichkeit; sie liegen wie verzaubert im Menschen und harren ihrer Erlösung; ergreift sie der Mensch nicht und unterläßt er, sie zu entwickeln, so verschwinden sie ins Nichts. Bei den vorsokratischen Philosophen und bei Platon ist wenig zu gewinnen, vermag der Forscher ihr Mystisches nicht zu durchdringen; Platon selbst, den göttlichen Meister, umgab Mysterienatmosphäre, sonst wären die Obertöne seiner Worte bald verklungen; seine Weisheit gipfelt in dem grandiosen okkulten Dokument des »Timaios«, der auf mystische Weise einsetzt und helles Licht über den Mysteriencharakter der platonischen Philosophie wirft. Uraltes übersinnliches Erkenntnisgut ruht auch auf dem Grunde der griechischen Mythen, die sich rationalistischen oder gar psychoanalytischen Deutungen streng verschließen. In den ägyptischen Mysterien, in Leben und Lehre des Mythus überhaupt, sind erhabene Hinweise auf das Christusereignis verborgen. Was sich in den alten Mysterienkulten und im Innern der Mysterientempel abspielte, wird durch das Christentum später als weltgeschichtliche Tatsache beglaubigt. Das alles hätte De Jong seinen Lesern nicht vorenthalten dürfen, wenn er nicht bar jeder wissenschaftlichen 
      <a id="page138" name="page138" title="Wunibald/gary"/>Kritik und jeglichen Schauungsvermögens gewesen wäre. Man wird gleich sehen, welche wichtigen Feststellungen Steiners Buch dort unternimmt, wo es auf die Evangelien, auf das Lazaruswunder, auf die Apokalypse, auf Jesus und seinen geschichtlichen Hintergrund, auf das Wesen des Christentums, auf dessen Verhältnis zur heidnischen Weisheit und auf Augustinus und die Kirche übergeht. Wie dem immer wäre, festzustellen bleibt, daß der Boden, darin der Same des Christentums aufgehen sollte, durch die Mysterien vorgelockert war. Philo beschreibt das Leben zweier palästinensischer »Sekten«, die sich Essäer und Therapeuten nannten, deren eine, nach dem Muster des alten pythagoräischen Ordens organisiert, den bestimmten Zweck hatte, höheres Leben zu entwickeln und die Wiedergeburt des Geistigen vorzubereiten. Die Essäer (zur Zeit der Geburt Christi ungefähr 4000 Köpfe stark) und Therapeuten stellen bloß den natürlichen Übergang von den alten Mysterien zum Christentum dar, nicht mehr; schon deshalb, weil das höhere Leben hier dem Betrieb einer begrenzten Gemeinschaft anvertraut war, indes das Christentum, den Rahmen der Völkergemeinschaft und der Blutsbande sprengend, von Anbeginn an mit eigenartiger Klarheit und Offenheit als eine Sache der ganzen Menschheit auftrat. Was immer der antike Myste erleben und erschauen mochte, je nach Maßgabe des Grades, den seine Entwicklung erreicht hatte: es war nur für ihn sichtbar, denn kein gewöhnlicher Sterblicher hat vor Christus jemals Gott selbst geschaut. In Christus Jesus aber kommt Gott selbst zur Erde; der Christus Jesus erlöst in erster Reihe die sterblichen und irdischen Menschen vom Unglauben an das Dasein Gottes; der »eingeborene« Gottessohn (eingeboren, weil es nicht zweier Menschen, Vaters und Mutters, bedurfte, um dieses Wunder von Menschwerdung zu vollziehen), der eingeborene Gottessohn steigt zur Erde herab, deren Erlösung damit zur Tatsache wird. Des Erlösers Blut vermählt sich mit diesem Planeten, der noch drei 
      <a id="page139" name="page139" title="Wunibald/gary"/>weitere Entwicklungen durchzumachen hat, ehe sein Ziel erreicht und seine Sendung erfüllt ist. So manchem, mit reinen Verstandesmitteln forschenden Betrachter des Mysteriums auf Golgatha mag schon der Gedanke gekommen sein, was aus der Menschheit und der Erde geworden wäre, wenn sie ohne den Christus Jesus hätte dahinleben müssen. Die Geheimwissenschaft gibt auf diese Frage eine überraschende und klare Antwort: die Menschheit wäre verdorrt, die Erde verkümmert, und sie gibt diese Antwort keineswegs als dogmatische Antwort, denn nur sie allein ist in der Lage, zu beweisen, was sie sagt.</p><h4>V.
      <br/> Die Evangelien als Quelle</h4><p>Als Hauptquelle für das Wissen über Geburt, Wirken und Tod des Christus Jesus kommen die vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in Betracht. Angaben über die Persönlichkeit der vier Evangelisten fließen nur spärlich. Matthäus, der Gottgeschenkte, war ein Apostel Jesu; sein Vater Alphaeus Zolleinnehmer am See Genezareth; Matthäus selbst, dessen Fest auf den 21. September fällt, soll als Märtyrermissionär gestorben sein und sein Grab wird in Salerno gezeigt; als Attribut ist ihm die Gestalt eines Engels beigegeben; man behauptet auch, das Evangelium des Matthäus beruhe auf desselben »Verfassers« »Reden des Herrn« und Zustände der flavischen Kaiserzeit wären darin deutlich sichtbar. Markus (auch Johannes Markus genannt) stammte nach Aussagen der Theologen aus Jerusalem; er war Reisegefährte des Petrus und später des Paulus und gründete die Gemeinde von Alexandrien; als Schutzheiliger Venedigs, wo sein Leichnam bewahrt wird, hat er den Löwen zum Sinnbild und sein Festtag ist der 25. April; unter den vier Evangelisten zeichnet er sich als bedachter und die Form pflegender »Schriftsteller« aus, der sein Material weise zu ordnen versteht; 
      <a id="page140" name="page140" title="Wunibald/gary"/>sein Evangelium gibt Proben der Paulinischen Gedankenwelt. Lukas, der Evangelist und Arzt, Reisegefährte des Paulus und gleichzeitig Verfasser der Apostelgeschichte, gilt, nach der Legende, als Patron der Maler; Malergerät und Ochse (Stier) sind als seine sinnbildlichen Zugaben zu sehen; sein Evangelium ist Theophilos gewidmet, sein Fest fällt auf den 14. Oktober. Johannes endlich (hebräisch Jochanaan, das ist von Gottes Gnaden), »der Jünger, den der Herr liebhatte«, ist ein Sohn des galiläischen Fischers Zebedäus; sein Bruder Jacobus, Simon Petrus und Er waren die vertrautesten Jünger des Herrn; einige behaupten, Johannes sei 44 in Jerusalem, wahrscheinlich samt seinem Bruder, hingerichtet worden; nach anderen lebte er »später« in Ephesos weiter, wurde von Domitian auf Pathmos verwiesen und starb hochbetagt in Ephesos; sein Tag ist der 27. Dezember, sein Attribut eine Schlange. Blickt man diesen mageren Daten näher ins Auge, so scheinen sie, wenigstens was die Verfasser des Markus- und Matthäusevangeliums betrifft, auf Notizen zu beruhen, die Papios von Hieropolis (ein Schriftsteller aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhundert) hinterlassen hat, aber auch Papios beruft sich ganz allgemein auf »mündliche Äußerungen eines Älteren; er hielt die apostolischen Prediger für Skribenten, die gelegentlich mit einem Sekretär reisten. Ebenso unsicher wie die Angaben über die Persönlichkeit der Apostel sind jene über die Zeit der Abfassung der Evangelien. Bei Lukas werden Stellen aus diesem Evangelium darauf gedeutet, daß dieser Apostel die Belagerung und Zerstörung Jerusalems mitgemacht habe, Lukasevangelien und Apostelgeschichte somit nach dem Jahre 70 entstanden sind. Auch eine Stelle bei Matthäus wird auf die Zerstörung Jerusalems bezogen. Markus hingegen erweckt den Eindruck, als habe er das Erlebnis der Auferstehung am leeren Grabe Christi miterlebt und erzählte es als Erster und Augenzeuge. Eine Reihe spitzfindiger Schlüsse kommt sonach zum Ergebnis, daß auch das sogenannte älteste 
      <a id="page141" name="page141" title="Wunibald/gary"/>Evangelium erst nach 70 entstanden sei, welches Datum aber auf mindestens 20 Jahre später verschoben werden müßte, sofern der Verfasser der Apostelgeschichte wirklich Josephus Flavius benützt hätte. Der Stand der Dinge um die Evangelien bleibt also für die theologische Wissenschaft rettungslos in Dunkel gehüllt; um so heller und glänzender sprechen der Gehalt und der hohe Atem dieser überirdischen und wunderreichen Bücher dafür, daß es ein aussichtsloses Beginnen ist, die Äußerlichkeiten der Evangelistik irgendwie festzustellen. Die erhabenen Wirkungen, die von den Evangelien ausgehen, weisen ohne Zweifel auf ein Mysterium, das in ihnen ruht und das den Mysterien des Todes auf Golgatha selbst nur wenig nachsteht. Exegeten und Wortklauber haben angesichts dieser ewigen und unzerstörbaren Dokumente in der Tat einen schweren Stand. Sie werden in erster Reihe von gewissen Widersprüchen verwirrt, die zwischen den einzelnen Evangelien zu bestehen scheinen und die sich auf exoterischem Wege als unlöslich erwiesen haben. Daß diese Widersprüche allerdings nicht so sehr in den Evangelien selbst als bei denen zu suchen sind, denen sie eben als Widersprüche erschienen, liegt auf der Hand. Gottes Bücher sind für rein irdische Naturen schwer leserlich; Übersinnliches erscheint den Sinnen natürlich als ein Rätsel, und mit schmerzlicher Entsagung muß festgestellt werden, daß übersinnliche Sachverhalte sich in der sinnlichen, auf rein irdische Zusammenhänge gerichteten Sprache oft als fehl übersetzt herausstellen. Eine dem Mysterium entsprechende deutsche Übersetzung gibt es ebensowenig wie etwa eine in irgend einer anderen lebenden Sprache. Als weit fruchtbarer erweist sich der griechische Text der Evangelien, der dem Geiste der heiligen Bücher noch weit näher stand und besonders dann reiche Aufschlüsse gibt, wenn der Urbedeutung einzelner Ausdrücke, wie Logos, Pleroma und mancher anderer nachgegangen wird. Unter dem Einflüsse Rudolf Steiners hat die freie Christengemeinschaft indes schon 
      <a id="page142" name="page142" title="Wunibald/gary"/>heute überaus Wertvolles an Deutung, Erklärung und synthetischer Schauungsgabe zutage gefördert. Eine vollkommen neue, tiefe und sinngemäße Theologie ist, dank der ausgezeichneten Männer, die 1925 die freie Christengemeinschaft ins Leben riefen, im Werden.</p><h4>VI.
      <br/> Die innere Ordnung der Evangelien</h4><p>Für den, der die Einsicht erlangt hat, daß das Christentum als mystische Tatsache ein für die gesamte Erdentwicklung und alle Menschen bedeutungsvolles Ereignis ist, verschwinden auch die Widersprüche, die sich daraus ergeben, daß die Evangelien gleichzeitig bloß als literarische Erzeugnisse und mehr oder weniger verläßliche Darstellungen von Zeitgenossen aufgefaßt werden. Überschaut man aber das Werk der Evangelisten gleichsam als »eine Art höherer Figur«, die von innen beseelt wird, so erscheinen die Evangelien als »Kunstwerke Gottes«, einzig und allein aus dem Geiste der heiligen Ordnung und jener Gesetze zu verstehen, die in der göttlich-geistigen Welt wurzeln und ewige Geltung haben. Schon in der Komposition dieser heiligen Schriften ruht ein Geheimnis, das den Schlüssel zum Verständnis der Evangelien birgt; Wissenschaft und Kunst vereinigen sich darin mit dem Religiösen, woraus schon der unbefangen wägende Verstand folgern mag, daß eine ganz neue Art Theologie heraufkommen muß, weil es bei der landläufigen, bloß auf das Moralischreligiöse oder auf das Wissenschaftlich-geschichtliche aufgebauten Exegese nicht mehr bleiben kann. Mit den Evangelien verhält es sich so, daß man, ihrem tiefen und erhabenen Sinn mit dem Herzen nachforschend, immer wieder auf neue Tiefen stößt und ihm niemals ganz auf den Grund kommen kann. Es gehört zu den beliebtesten theologischen Gebräuchen, bei jeder Gelegenheit mit Bibelstellen aufzuwarten und auf diese Weise eine Art regelmäßigen Zitatenbetrieb einzurichten, der dem Fleiß 
      <a id="page143" name="page143" title="Wunibald/gary"/>der Sammler sicherlich alle Ehre macht, zum Verständnis der heiligen Sache selbst aber nicht das geringste beiträgt. Ist doch aus diesem Lieblingsverfahren der rein äußerlichen Theologie gerade das hervorgegangen, was sich als wirksamster Hemmschuh am Rade der christlichen Verständnisentwicklung erwies: das Dogma! Auf Grund jener rein äußerlichen und betriebsamen Kritik der Evangelien begann bald ein Feilschen und Streiten über die Echtheit dieser oder jener Schriften, über die Zulässigkeit dieser oder jener Auslegungen; der Mensch warf sich zum Kritiker der Evangelien auf, die ihm nicht mehr als ein Kunstwerk Gottes, sondern als ein Dokument historischer und lehrhafter Art erschienen. So blieb in den Händen derer, die es ja wahrlich gut meinten und in ihrer Art der christlichen! Sache nützlich zu sein glaubten, schließlich wenig mehr übrig als ein Häuflein von Dogmen und ein Kranz von Legenden. Man sieht die Evangelien vor lauter Exegese nicht mehr. Würde sorgfältiger auf die Herkunft des Wortes Evangelium geachtet werden, so ergäbe sich bald von selbst, daß der wahre Charakter der heiligen Schriften schon im Namen selbst zum Ausdrucke kommt, der »Botschaft«, »Kundschaft« von Engeln und aus Engelsphären bedeutet. Die Evangelien sind, schon ihrer Bezeichnung nach, keineswegs etwa bloße Beschreibungen von Vorgängen und Erlebnissen, die sich innerhalb des irdischen Bereiches abspielen, sondern vielmehr Botschaften, Kundgebungen, Offenbarungen übersinnlicher Wahrheiten, Einsichten und Sachverhalte, die hier zum erstenmal sichtbar und greifbar werden. Das unsterbliche Verdienst Rudolf Steiners (er durchschlug die Wand, die ein materialistisches und rationalistisches Zeitalter zwischen sich und dem wahren Verständnis der Evangelien errichtet hatte) steht, ein für allemal, als eine der größten Taten des forschenden Menschengeistes an der Eingangspforte zu einer ganz neuen, alles Bisherige verdunkelnden Erkenntnis vom göttlich-geistigen Inhalt der Evangelien. Das Werk, das die freie 
      <a id="page144" name="page144" title="Wunibald/gary"/>Christengemeinschaft auf ihre Schultern nahm und das heute so verheißungsvolle Fortschritte macht, wäre ohne Rudolf Steiners maßgebende Impulse niemals möglich gewesen. Leider muß ich mir hier, da der Rahmen dieses Buches eng begrenzt ist, versagen, Beispiele dafür zu geben, wie die zünftige, namentlich aber die neuere protestantische Theologie zu Werke geht und welche Früchte, im Gegensatze dazu, die Evangelienforschung der Anthroposophie und der freien Christengemeinschaft schon gezeitigt hat und ohne Unterlaß zeitigt. Wenn nun von der Frage der Komposition der Evangelien die Rede ist, meint niemand, dem sinngemäßes Eindringen in die Evangelien am Herzen liegt, etwa die Frage der literarischen Zusammensetzung und des Aufbaues der heiligen Schriften, sondern: einzig und allein von der göttlichen Komposition, dem göttlichen Grundriß der Evangelien wird gesprochen, und unter Komposition selbst die »innere Ordnung der geistigen Realitäten verstanden, die sich in der Evangelistenseele spiegeln«, ohne daß dieser Vorgang dem Bewußtsein der Evangelisten selbst nahegelegen wäre; nicht menschliche Willkür führt behutsam die Sonde dieser neuen Evangelienkritik, sondern Ehrfurcht vor und Sehnsucht nach der göttlichen Wahrheit und Wirklichkeit. Damit langt unsere Darstellung ganz von selbst bei der Frage nach dem Impuls an, der den Evangelien eben ihren Charakter als göttlichgeistigen Wahrheiten verleiht: bei der Frage nach dem Wesen der Inspiration, die als eigentliche Erkenntnisquelle der Evangelisten angesehen werden muß, denn in der Tat und ganz gewiß und gänzlich außer jedem Zweifel ist, daß in der Inspiration die Hauptquelle liegt, aus der die Evangelien ihre Erkenntnis geschöpft haben, womit keineswegs etwa gesagt sein soll, ein Wunder wäre dabei geschehen, oder die Evangelien wären etwa als ein direktes Diktat aus der göttlich-geistigen Welt aufzufassen. 
      <a id="page145" name="page145" title="Wunibald/gary"/></p><h4>VII.
      <br/> Die drei Erkenntnisstufen in den Evangelien</h4><p>Der gebildete, aber in der Lektüre mystischer Tatsachenberichte ungeübte Leser wird, da er das Wort Inspiration hört, wahrscheinlich ein ziemlich enttäuschtes Gesicht machen. Das Wort Inspiration ist ihm keineswegs unbekannt; er hört es vielmehr sehr oft aussprechen und verbindet damit in der Regel, als mit einem Begriff der neueren Psychologie, ungefähr geistige Eingebung, Erleuchtung, »effektiv betontes Ergriffensein von einer Idee«, einem Wissen, das scheinbar ohne Vorbereitung ins Bewußtsein tritt, während »in Wahrheit assoziative, phantasiemäßige, intuitiv-kombinatorische, synthetische, aber unterbewußtbleibende Geistesfunktionen die Inspiration herbeiführen oder vorbereiten«; er denkt an Shaftesburys »enthusiasm«, an wissenschaftliche oder künstlerische Einfälle und Eingebungen, oder gar an jenen »Sturm von Freiheitsgefühl«, darin Nietzsche »Alles«, aber »im höchsten Grade unfreiwillig« geschehen läßt.' Es gibt natürlich auch solche »Inspiration«, und sie spielt, namentlich beim schöpferischen Künstler, sicherlich eine große Rolle, da er doch, als Enthusiast (abgeleitet von, en to theo ejnaj), im Augenblicke der Inspiration in Gott ist. Nichtsdestoweniger hat man, wenn Steiner von Inspiration spricht, etwas ganz anderes darunter zu verstehen. Für die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ist Inspiration eine ganz bestimmte Stufe (die dritte; materielle und imaginative Erkenntnisart gehen ihr voran) bewußter geistiger Entwicklung und Bewußtseinserhöhung; sie wird zur Quelle höherer Erkenntnis und aus solcher Quelle schöpfen die Evangelien. Damit wird diese Quelle aber auch zugleich von jener ungeordneten und aus einem herabgeminderten Bewußtsein fließenden »Inspiration« geschieden, die auf spiritistischem Wege zustande kommt und aus der beispielsweise Jakob Lorbers zehnbändiges »Evangelium« empfangen 
      <a id="page146" name="page146" title="Wunibald/gary"/>ist; wohl erscheint dieser Weg interessant und lehrreich, aber er hat mit dem, was inspirativer Impuls im Zusammenhang mit den Evangelien genannt wird, nichts zu tun. Das inspirative Bewußtsein trat, schicksalhaft oder aber durch Schulung erworben, in der Zeit des Urchristentums vielfach auf; es spiegelt die übersinnliche Welt, eröffnet den Blick in Vergangenheit und Zukunft (eine Gegenwart in diesem Sinne gibt es nicht) und erhebt zu den hierarchischen Stufen der göttlichgeistigen Wesenheiten, wohlgemerkt, bei vollem Vorhandensein des irdischen, materiell erkennenden Bewußtseins. Bis zu welchem Grade dieses inspirative Bewußtsein, bei vollem Bestand des irdischen Bewußtseins, im Evangelisten entwickelt war, davon hing eben auch die Grundstimmung ab, in der das Evangelium als Offenbarung empfangen wurde. Aus diesen Feststellungen lassen sich sehr wichtige und grundlegende Erkenntnisse gewinnen. Man hört, wie ich schon erwähnte, sehr oft, meist in geringschätziger Weise, von Offenbarung sprechen; das oberste Dogma aller Formen des Freisinns, der Aufklärung und des sogenannten voraussetzungslosen Wissens ist ja gerade darin verankert, daß die Offenbarung »geleugnet« oder sogar als ein Humbug und Selbstbetrug schlimmster Art hingestellt wird; man beliebt in Schriften dieser Art gerne auf die Lächerlichkeit der Annahme hinzuweisen, daß Gott oder irgend welche göttliche Wesenheiten auserwählten Menschen bestimmte Eröffnungen gemacht hätten. Das göttliche Wort ist zu allen Zeiten und in allen Ewigkeiten da; die Natur offenbart in jedem Augenblick ihre Geheimnisse; man muß nur Augen haben, zu sehen, und Ohren, zu hören, und Goethes Faustwort: »die Geisterwelt ist nicht verschlossen, dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot«, sagen heute mehr denn je. Obgleich ich nie in Australien war, muß ich doch annehmen, daß es ein Australien gibt, denn dieser fünfte Erdteil hat sich zahlreichen Menschen, die schon in Australien waren, tatsächlich als solcher geoffenbart; ich wäre 
      <a id="page147" name="page147" title="Wunibald/gary"/>also ohne Zweifel ein Narr und Tor, wollte ich leugnen, daß es Australien gibt. Narrentum und Torheit dieser Art wird aber unablässig von Freidenkern, die weder frei sind, noch denken können, als befreiende Weisheit und letzte Raison aller »vernünftigen« Menschen gepriesen. Da es Offenbarungen nur für ein erhöhtes Bewußtsein geben kann, bleibt nichts übrig, als ein erhöhtes Bewußtsein zu entwickeln, will man einer Offenbarung teilhaftig werden, woraus sich von selbst ergibt, daß die Tatsache inspirativen Bewußtseins kein Dogma ist, das Glauben verlangt, sondern eine Erfahrungstatsache, an der jeder teilhaben kann, je nach Schicksal und Entschluß. In den vier Evangelien offenbaren sich vier verschiedene Seelen, vier »grundlegende Arten erhöhten Menschentums«. Um aber zu dem Ausdruck Inspiration zurückzukehren, so ist damit zugleich die Fähigkeit, Worte zu hören, bezeichnet, während die Vorstufe, die der Imagination, des Schauens von Bildern, die nachfolgende aber, die der Intuition, die Fähigkeit birgt, mit den Dingen und Wesen eins zu werden, sie zu berühren und damit in sie einzufließen, indes diese selbst zugleich den Ichraum des Eingeweihten erfüllen: die drei ersten Evangelien, aus der Inspiration empfangen, ruhen auf Imaginationen (auf der Fähigkeit, Bilder zu schauen), das Johannesevangelium aber umfaßt alle drei Erkenntnisstufen zusammen. Johannesevangelium und die drei vorangehenden Evangelien ergeben eine ideale Einheit, eine Art ewigen Gesamtevangeliums; sie bilden eine mystische Figur, die auch die übrigen Kompositionsgeheimnisse umfaßt. Man kann in ihr Inneres mit den Voraussetzungen gewöhnlichen Forschens und Dichtens nicht eindringen. Der kalte Blick kann nichts von ihren Geheimnissen schauen, das gleichgültige Ohr das tönende Wort nicht vernehmen, und keine Kunst der »Einfühlung« kann das ersetzen, was die Geheimwissenschaft Intuition nennt. 
      <a id="page148" name="page148" title="Wunibald/gary"/></p><h4>VIII.
      <br/> Jesus und Christus; die beiden Jesusknaben</h4><p>Von den vier Evangelien sind zwei (Matthäus und Lukas) Jesus-, zwei (Markus und Johannes) Christusevangelien. Das Zusammenwirken des Jesus- und Christusimpulses gehört überhaupt zu den tiefsten Geheimnissen der vor- und nachchristlichen Zeit. Die beiden Jesusevangelien unterscheiden sich von den beiden Christusevangelien schon äußerlich dadurch, daß die beiden ersteren sich auch mit der Zeit vor der Taufe im Jordan befassen, also, gleichsam, die Kindheits- und Jugendgeschichte Jesu berühren, indes Markus und Johannes schon mit oder nach der Taufe im Jordan einsetzen. Merkwürdigerweise folgen die Jesus- und die Christusevangelien einander nicht unmittelbar, sondern wechseln ab; auf je ein Jesusevangelium folgt ein Christusevangelium. Auch darin liegt Sinn, der sich erst dem eindringenden Blicke offenbart. Das Matthäusevangelium, in der neuen, durch Steiner begründeten Auffassung, ist in gewissem Sinne das Evangelium des Petrusmenschen, und nichts wäre törichter als die Annahme, das Matthäusevangelium eröffne die Reihe der Evangelien nur ganz zufällig. Es wächst als ein herrlich aufragender Baum aus dem Boden des alten Testamentes hervor und stellt die Brücke vom alten zum neuen Bunde dar; nach urchristlicher Quelle war es ursprünglich in hebräischer Sprache abgefaßt; leider hat sich diese Urschrift nicht erhalten. In seinem Geschlechtsregister bis zu Jesus, einer sehr wichtigen und von der Exegese zu Unrecht geringgeschätzten »Einleitung«, zählt es von Abraham bis zu Jesus 42 Generationen; sechsmal sieben (dreimal vierzehn) Stufen weist die Leiter auf, die von Abraham bis Jesus führt, als eine kurzgefaßte, tabellarische Zusammenstellung des alten Testamentes; »jeder der darin angeführten Namen ist ein Schlag an die Glocke eines alttestamentlichen Mysteriums«; das erste Kapitel des Matthäusevangeliums sammelt eine bewegte 
      <a id="page149" name="page149" title="Wunibald/gary"/>und lebendige Gruppe von Gestalten, Bildern und Szenen, man beschreitet, »wie durch eine von Schauern erfüllte Vorhalle den erhabenen Dom des Christentums«. Der Name hat ja im alten Testament überhaupt eine ganz andere Bedeutung;, als sie der Namensgebung unserer Zeiten ansonsten zukommt. Die Namen des alten Bundes haben jeder für sich unter- und überirdische Beziehungen zu dem Wesen, das ihn (den Namen) trägt, und niemals gab es ein weiseres und besser treffendes Wort, als das vom nomen, so ein omen ist. Es würde zu weit führen, wollte man im Rahmen dieses Buches etwa versuchen, das Problem der vier Frauen zu beleuchten, die im Geschlechtsregister Matthaei genannt werden (Thamar, Rahel, Ruth und Bathseba), so daß als fünfter Name des Registers, Maria erscheint, womit das Mysterium der jungfräulichen Geburt verknüpft ist. Matthäus, als Schüler des Matthai (was auf das Essäertum hindeutet), vereinigt in sich einen neuen Menschen, einen Weltenmenschen, der das Denken des Levitentums, das Fühlen der Essäer und, von Beruf römischer Zöllner, das römische Wollen in sich vereinigt. Auch im Lukasevangelium findet sich ein Geschlechtsregister vor, allerdings nicht zu Beginn dieses Evangeliums, sondern erst im dritten Kapitel, nachdem der Evangelist erzählt hat, wie Jesus »begann, als er ungefähr dreißig Jahre alt war«, und dieses Register reicht, im Gegensatz zu dem des Matthäusevangeliums, von Jesus bis (über Abraham) hinauf zu Adam, »der Gottes war«. Aus diesen beiden Registern, aus ihren Abweichungen vor allem, lassen sich auch äußerlich Belege dafür ableiten, was Rudolf Steiner, aus übersinnlicher Forschung heraus, zum erstenmal festgestellt hat und was geradezu ein Ausgangspunkt für die vollkommene Erneuerung des Christusverständnisses geworden ist, entscheidend für alle späteren Zeiten: Belege dafür, daß es in Wahrheit zwei Jesusknaben gegeben hat. Die ersten Eröffnungen über dieses Geheimnis machte Rudolf Steiner im engeren Kreise 1909 bei einem Vortragszyklus über das Lukasevangelium, 
      <a id="page150" name="page150" title="Wunibald/gary"/>öffentlich zwei Jahre später. Der Widerspruch, den diese Feststellung hervorrief, war ebenso heftig als unbegründet; sie als Ausgeburt der Phantasie zu werten, blieb allerdings nur jenen Kritikern vorbehalten, die keine Möglichkeit hatten, einzusehen, wie übersinnliche Erkenntnisse überhaupt zustande kommen; im Eifer des Gefechtes ignorierten sie zugleich den Umstand, daß aus den Evangelien selbst die Erkenntnis von den beiden Jesusknaben gewonnen werden kann, die schon zu sehr frühen Zeiten vorhanden war. Immerhin ist, ehe an eine gedrängte Darstellung dieses Sachverhaltes geschritten werden kann, zunächst notwendig, noch einmal auf das Problem des Jesus und des Christus im Mysterium von Golgatha zurückzukommen. Es gibt ein Christus- und ein Jesusmysterium! Der Schritt vom Jesus zu Christus, in den Evangelien ganz deutlich unternommen, bedeutet soviel wie ein Verständnis des Jesusmysteriums im Lichte des Christusgeheimnisses. Er muß unternommen werden, soll das Verständnis für den Jesus nicht gänzlich an der Oberfläche bleiben; ein zweiter Schritt bleibt allerdings zu tun übrig; er führt vom Christusmysterium gleichsam zu einer um eine Oktave höheren Auffassung des Jesus, in die alle christliche Entwicklung führen muß. Petrus und die Urapostel taten den Schritt von Jesus zu Christus, Paulus den vom Christus zum Jesus; er war im Besitze eines höheren Jesusmysteriums als Petrus. Die oben erwähnte Anordnung der Evangelien zwingt dazu, den Schritt vom Jesus zu Christus zweimal zu tun, einmal im Matthäus-, das anderemal im Lukasevangelium. Das Geheimnis der Mitte (der Schritt von Markus zu Lukas) liegt darin, daß Lukas eben ein Jesusevangelium im anderen Sinne ist als das Matthäusevangelium; es steht unmittelbar vor dem Johannesevangelium, über welchem die Krone der Mysterien aufstrahlt. 
      <a id="page151" name="page151" title="Wunibald/gary"/></p><h4>IX.
      <br/> Der salomonische und der nathanische Jesus</h4><p>Die Jesuszeit im Leben des Christus-Jesus umfaßt den Zeitabschnitt von der Geburt bis zum dreißigsten Jahre; ihr folgen drei Christusjahre, von der Jordantaufe bis zum Opfertod am Kreuz. Matthäus und Lukas führen die Kindheitsgeschichte des Jesus nur bis zum zwölften Jahre. Der Raum vor dem zwölften Jahre, vor den Geburtsgeschichten und dem Erlebnis mit dem zwölfjährigen Jesus bleibt ebenso leer wie der Abschnitt vom zwölften bis zum dreißigsten Jahre im Leben Jesu. Die landläufige Forschung schreibt diesen offenkundigen Mangel dem Umstände zu, daß es den Evangelisten an Quellen und Überlieferungen gebrach, denn sie hätten sonst, so meint man, sicherlich nicht darüber geschwiegen. In Wahrheit wollten aber die Evangelisten keineswegs das bieten, was man eine lückenlose Lebensbeschreibung nennt; was sie sagen und worüber sie sprechen wollten, das haben sie sicherlich gesagt. Es gibt aber ein fünftes Evangelium, das zur gegebenen Zeit zu den vier Evangelien hinzutreten wird; darüber hat Steiner (1913, in Christiania vom 1. bis zum 6. Oktober) Mitteilungen gemacht; das fünfte Evangelium ist von gleichem Alter wie die vier anderen; es wirft volles Licht auf das Pfingstereignis, es verkündet die überirdische Wahrheit über den Christus: seine Berührung mit den Stätten des Mithraskultes, sein Verhältnis zum Streit der beiden Rabbinerschulen, seine Wanderungen bis zum vierundzwanzigsten Jahre, die ihn die Abgründe der Menschennatur erkennen ließen, seine Erlebnisse mit den Essäern, die Versuchung durch Luzifer und Ahriman und die Entstehung des »Vaterunser«. Um aber zur Kindheitsgeschichte des Jesus von Nazareth zurückzukehren, die, wie schon angedeutet ward, das Geheimnis der beiden Jesusknaben birgt, so liegt auch für den ersten flüchtigen Blick klar zutage, daß Matthäus und Lukas in zwei ganz verschiedene 
      <a id="page152" name="page152" title="Wunibald/gary"/>Welten einführen. Matthäus erzählt die irdischdramatische, Lukas die himmlischmusikalische Weihnachtsgeschichte. Worauf es hier in erster Reihe ankommt, das ist der Umstand, daß bei sorgfältiger Betrachtung der beiden Geburtsgeschichten der Eindruck entsteht, es handle sich gar nicht um einen und denselben Jesusknaben; die beiden Geburtsgeschichten haben nichts gemeinsam, als den Namen des Bandes und den der Eltern, welch letztere übrigens in jener Zeit von vielen getragen wurden und sehr häufig vorkamen. Da findet sich vor allem die Geschichte des bethlehemitischen Kindesmordes im Matthäusevangelium, die zur Flucht nach Ägypten zwang, ausgeführt unmittelbar nach der Anbetung durch die drei Könige des Morgenlandes. Lukas weiß nichts davon. Das Jesukind wird geboren, in der Krippe von frommen Hirten angebetet und nach acht Tagen nach Jerusalem zur Beschneidung gebracht; darauf kehren die Eltern mit dem Kinde wieder nach Nazareth zurück. Die eine Erzählung schließt die andere aus. Wenn Herodes den Befehl gab, alle Kinder, die in jener Nacht zur Welt kamen, umzubringen, wie konnten dann Jesu und seine Eltern ruhig in Jerusalem und Nazareth verweilen, ohne von den Häschern des Herodes aufgefangen zu werden? Des weiteren hat Steiner mit Recht darauf hingewiesen, daß das nach Lukas ein halbes Jahr vor dem Jesusknaben geborene Johannesknäblein dem Herodes entging, obzwar dieser den Befehl gegeben hatte, alle Knaben unter zwei Jahren zu töten. Nach Lukas sind die Eltern des Jesusknaben in Nazareth ansässig, ziehen zur Volkszählung nach Bethlehem, zur Beschneidung nach Jerusalem und kehren dann wieder nach »ihrer Stadt« (Nazareth) zurück. Nach Matthäus wohnen die Eltern Jesu in Bethlehem, wo das Knäblein geboren wird. Erst nach der Heimkehr aus Ägypten zieht Josef nach Galiläa und erst geraume Zeit später kommt er, um dort Wohnung zu nehmen, in die Stadt, die da heißt: Nazareth, damit sich das Prophetenwort erfülle. Ist das nicht wirklich so, 
      <a id="page153" name="page153" title="cal/gary"/>als handelte es sich, nach den beiden Evangelien, um zwei verschiedene Elternpaare mit je einem Jesusknaben, das eine in Bethlehem, das andere in Nazareth wohnhaft? Diese Gedankengänge erhalten aber weitere Nahrung eben durch die in den beiden, einander »widersprechenden« Evangelien (Matthäus und Lukas) enthaltenen Geschlechtsregister. Das Geschlechtsregister bei Matthäus führt, gleich an der Spitze des Evangeliums, Jesu Stammbaum aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart (von Abraham zu Jesus). Das Lukasevangelium, das von der Gegenwart in die Vergangenheit, von Jesus bis Adam, »der Gottes war«, hinaufsteigt, stellt seine Stammbaumtafel erst in das 3. Kapitel, also in unmittelbare Nähe des Christuswirkens, gleich nach der Jordantaufe, mit der das Christuswirken einsetzt. Matthäus zählt von Abraham bis Jesus 41, Lukas von Jesus bis Adam 76 Namen auf, 20 (die bei Matthäus ganz fehlen) von Gott bis Abraham (darunter Henoch) und 56 von Abraham bis Jesus. Von Abraham bis David decken sich das matthäische und das Lukas'sche Geschlechtsregister; bis zum 14. Namen (dem Davids) sind beide gleichlautend. Von David ab beginnt indes eine völlige Verschiedenheit der Namen und der Zahl der Generationen; nur die Namen Sealthiel, Serubabel, Joseph und Jesus stimmen überein. Die Evangelisten führen also zwei ganz verschiedene Stammbäume vor, deren einer die salomonische, deren anderer aber die nathanische Liste (als einem anderen Sohn des David) als Davids Nachkommen anführt, so daß man, wohl auch mit einiger äußerlicher Berechtigung, von einem salomonischen (Matthäus) und einem nathanischen (Lukas) Jesusknaben sprechen darf.</p><h4>X.
      <br/> Noch einmal: das Rätsel der Geschlechtsregister</h4><p>Die landläufige Theologie hat, um nicht annehmen zu müssen, daß bei Matthäus und Lukas zwei verschiedene Geschlechtsregister 
      <a id="page154" name="page154" title="Wunibald/gary"/>und daher auch zwei Jesusknaben zu finden sind, die gequältesten Kombinationen gewagt. Ihre Neigung, überhaupt so zu tun, als wären die Evangelisten sehr naive und sozusagen primitive Leute gewesen, die schleuderhaft arbeiteten und nicht einmal in der Bestimmung des Großvaters Jesu (bei Matthäus ist es Jakob, des Matthäus Sohn, und bei Lukas Eli, Matthats Sohn) einig waren. Selbst wenn man diese törichte Annahme irgendwie für berechtigt hielte, bliebe aber noch immer eine andere, ebenso unhaltbare Auffassung übrig, nämlich die, das Urchristentum, das jeden Buchstaben der heiligen Bücher anbetete und zu deuten wußte, wäre über so grundlegende Abweichungen, wie sie die Geschlechtsregister bei Matthäus und Lukas aufweisen, stillschweigend zur Tagesordnung übergegangen. In der Tat hat sich schon Julius Afrikanus (im 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) bemüht, die Leviratsehe (Schwagerehe) des herrschenden mosaischen Geschlechtes zur Erklärung der Widersprüche heranzuziehen und Joseph wohl für den rechtlichen Sohn des Eli (bei Lukas), aber gleichzeitig für den leiblichen Sohn des Jakob (bei Matthäus) anzusehen. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß das Geschlechtsregister des Matthäus auch mit den Stammbäumen der Königsbücher des alten Testamentes nicht übereinstimmt, sondern daß Matthäus ab und zu eine oder mehrere Generationen ganz ausläßt, woraus sich für die theologische Forschung ergibt, Matthäus habe, um seiner »spielerischen« Generationenrechnung (2 x 7 bis David, 2 x 7 bis zur babylonischen Gefangenschaft und 2 x 7 bis Jesus, also im ganzen 42 Generationen) willen, nach Belieben unter anderem drei wichtige Könige ausgelassen, die in den Königsbüchern natürlich vorkommen. Es stellt sich aber überraschenderweise heraus, daß der Evangelist Matthäus im Zählen »geirrt« hat: die letzte Zählung (von der babylonischen Gefangenschaft bis Jesus) stimmt nicht, sie umfaßt nicht vierzehn, sondern dreizehn Glieder. Rudolf Steiner hat auch diesen »Irrtum« 
      <a id="page155" name="page155" title="cal/gary"/>erklärt; die Geschlechtsregister sind zugleich die Stufen eines bei den Essäern üblichen Einweihungsweges, auf dem das Bewußtsein seinen ursprünglichen himmlischen (übersinnlichen) Inhalt zurückerlangt. In der alten Einweihung spielt die 7 als Zahl eine besondere Rolle, Matthäus nennt 6 x 7 Stufen, aber die 7. Siebenergruppe als oberstes Stockwerk wird auf 6 x 7 Stufen erreicht. Dazu kommt nun etwas nicht minder Merkwürdiges. Lukas läßt die Siebenzählung ganz beiseite, er führt sie äußerlich, im Gegensatze zu Matthäus, nicht durch, aber in der Lukasweihe ist die Formel 6 x 7 doch auch enthalten. Lukas zählt 7 x 11 Stufen, also 77, enthält aber bloß 76 Stufen, so daß auch bei ihm (nur daß er sich dabei nicht äußerlich irrt) eine Stufe fehlt, die Stufe, die der Initiierte selbst als eigentliche erste Stufe einnimmt. Wie dem immer sein mag, sicher ist, daß, wenn das Lukasevangelium nicht vorhanden wäre, es nur einen Jesusknaben, den salomonischen Jesus, gäbe; den zweiten Jesusknaben, der allerdings später mit dem nathanischen Jesus in eine Gestalt zusammenfließt, fügt das Lukasevangelium ganz unzweideutig hinzu. Zwischen den beiden Jesusknaben liegt nach Steiner ein Geburtsjahr. Der Zusammenhang zwischen beiden, den Steiner gibt, stellt sich nun, auf die kürzeste Formel gebracht, so dar: in Bethlehem wie in Nazareth leben um dieselbe Zeit zwei Ehepaare Joseph und Maria; beide Joseph stammen aus dem königlichen Geschlechte des Hauses David, der zu Bethlehem von Salomon, als dem einen, der zu Nazareth von Nathan, als dem anderen Sohne Davids; sie repräsentieren zusammen ein königliches und ein priesterliches Geschlecht, denn Nathan war, schon seinem Namen nach, Priester. Das Kind aus der salomonischen Linie, zuerst geboren, ist der Jesusknabe des Matthäusevangeliums; die Könige aus dem Morgenlande beten es an und seine Eltern fliehen (mit ihrem in Bethlehem geborenen Kinde) vor der Verfolgung des Herodes nach Ägypten. Ein knappes Jahr später kommt der Jesusknabe der nathanischen 
      <a id="page156" name="page156" title="cal/gary"/>Linie (auch in Bethlehem) zur Welt; seine Mutter ist ein besonderes, jungfräuliches, noch im Mädchenalter stehendes Wesen; an der Krippe dieses Jesusknaben beten die frommen Hirten; der hethlehemitische Kindermord ist vorüber und vergessen; gefahrlos bringen die Eltern das Kind nach Jerusalem, um dann mit ihm nach Nazareth zurückzukehren. Aus Ägypten heimgekommen, nimmt nun das früher in Bethlehem seßhafte salomonische Ehepaar in Nazareth seinen Wohnsitz. Beide Familien, das salomonische und das nathanische, wohnen fortab am gleichen Ort; beide Jesusknaben wachsen zusammen auf, der ältere, durch Inkarnationen gegangen, sehr reif und weise, der jüngere (nathanische) zart von Leib und Seele, himmlisch gut und tief an Gefühl; während dem älteren (irdischeren) Jesusknaben noch Geschwister geboren worden (Markus 6, 3) bleibt der jüngere, nathanische, das einzige Kind seines Vaters und seiner jungfräulichen Mutter. Beide Familien sind durch Freundschaft miteinander verbunden. An einem Osterfest, von dem das Lukasevangelium erzählt, pilgern beide Familien gemeinsam nach Jerusalem. Hier im Tempel spielt sich nun die merkwürdige Szene ab, die Lukas schildert. Der Jesusknabe sitzt im Tempel, mitten unter den Gelehrten, hört ihnen zu und legt ihnen Fragen vor. Seine Eltern können ihn kaum erkennen. Im Tempel, so faßt Steiner den mystischen Vorgang zusammen, ging der salomonische Jesusknabe auf den nathanischen über.</p><h4>XI.
      <br/> Die Lehre von den drei Leibern des Jesus von Nazareth</h4><p>Die Erzählung des Lukasevangeliums schildert diesen Umzug des salomonischen Jesus-Ichs in das nathanische Jesus-Ich; vom zweiten, anderen Jesusknaben ist darin nicht die Rede; sie gibt eben nur das Resultat und die Wirkungen des Ergebnisses auf die Eltern. Materielle Gehirne, Tatsachen- und Wirklichkeitsintellekte, 
      <a id="page157" name="page157" title="Wunibald/gary"/>können ein Geschehen solcher Art weder verstehen noch sich irgendwie vorstellen, aber Steiner selbst hat in einem wundersam zarten Bilde den Vorgang ungefähr so beschrieben, wie er für irdische Gedankengänge noch zur Not faßbar ist. Die beiden Kinder, miteinander aufgewachsen und traumhaft spielend, kommen ungefähr zur selben Zeit beim Wendepunkt der Geschlechtsreife an; sie steigen aus dem Kinderlande ins Land der Jugend auf; sie erwachen, und der Eintritt in den Tempel übt tiefgehenden Einfluß auf ihr junges Gemüt; die Knaben sind sich förmlich fremd geworden, aber in dem irdischeren von beiden, im gedankenreiferen und ichstärkeren, salomonischen Jesusknaben blüht ein Strahl der Erkenntnis über das eigene und über das Wesen des nathanischen Knaben auf, der in seiner Gemütstiefe und Seelenreinheit göttliches Licht verbreitet. Ein Gefühl unsagbarer Hingabe erfaßt den salomonischen Jesusknaben; das Gefühl dieser Hingabe wird so stark, daß es sich zum realen Geschehen wandelt. Der zurückgebliebene, schwächere, ganz im Gemüt versonnene und weltfremde nathanische Jesusknabe erwacht in einem verstärkten Ich, in neuer Denkkraft, denn der andere, der salomonische Jesusknabe hat seinen Wesensinhalt in die leuchtende Seelenschale des nathanischen Jesusknaben ergossen. Drei Tage lang suchen die nathanischen Eltern ihr Kind und können es nicht finden. Am dritten Tage finden sie Jesus im Tempel, staunen über seine Weisheit und finden ihn völlig verändert, ohne seine Reden verstehen zu können. Nach diesem großen Erlebnis ziehen beide Familien wieder nach Nazareth zurück. Der salomonische Jesusknabe, der sein Ich geopfert hat, siecht dahin und stirbt kurz nachher; sein Ich lebt im nathanischen Jesusknaben weiter. Indessen segnet nun auch der Vater des salomonischen Jesusknaben, Joseph, das Zeitliche und bald darauf stirbt die junge Mutter des nathanischen Jesusknaben. Der nathanische Joseph nimmt die salomonische Maria samt ihren Kindern zu sich. Der nathanische Jesusknabe 
      <a id="page158" name="page158" title="cal/gary"/>lebt nun also mit seinem leiblichen Vater, der Stiefmutter Maria und den Geschwistern des verstorbenen salomonischen Jesusknaben zusammen. Später stirbt dann auch der nathanische Joseph, und der nathanische Jesus schließt sich mit besonderer Innigkeit an die Stiefmutter Maria an. Eine Reihe tiefer und schwerer Erlebnisse, die im fünften Evangelium geschildert werden, führt den nathanischen Jesus nun bis zur Jordantaufe, in der er sein Ich opfert, um das Christuswesen in sich aufzunehmen. Man kann sich ungefähr vorstellen, welche Wirkungen diese Feststellungen Steiners auf die zünftige protestantische und katholische Theologie ausübten. Sie schalten ihn einen ausgemachten Phantasten, wenn nicht Schlimmeres und waren außerstande, auch nur in den Vorhof des Jesusgeheimnisses, das in dieser Erkenntnis von den beiden Jesusknaben steckt, einzudringen, obgleich hier allein der Schlüssel zum Mysterium Menschensohn und Gott liegt. Vergeblich wird man den zünftigen Bibelkritikern vorhalten, daß das apokryphe Ägypterevangelium die Frage, wann das Reich des Herrn kommt, damit beantwortet, daß es wörtlich sagt: »bis die zwei Eins sind und das Auswendige wie das Inwendige und das Männliche mit dem Weiblichen«; vergeblich, für solche Ohren, erzählt die salomonische Jesusmutter in der Pistis Sophia, daß das andere Ich des Knaben ihr erschien, daß sie es an das Bett gebunden habe und daß es dann mit dem Jesus eins geworden sei; vergeblich, für ihr Auge, sitzt auf dem Raffaelgemälde im Berliner Museum die Madonna mit dem Jesuskind auf dem Schoße, links von ihr ist ein zweites Kind zu sehen, dem Jesuskind unverkennbar ähnlich, rechts aber der kleine Johannes der Täufer; vergeblich gewahren sie auf dem Gemälde »Jesus im Tempel«, das von Borgognone stammt und in Mailand aufbewahrt wird, die Jesusmutter unter den Schriftgelehrten, vorne, links vom Beschauer, aber den Jesusknaben noch einmal, mit erloschenen Augen, kränklich von Aussehen und im Abgang begriffen; vergeblich erinnern sie sich 
      <a id="page159" name="page159" title="Wunibald/gary"/>daran, daß im Sohar, der einen Teil der jüdischen Kabbala bildet, gesagt wird: »der Sohn Davids und der Sohn Josephs sind Zwei, nicht Einer«. Die Mitteilung Steiners über die beiden Jesusknaben und die Opferung des Jesus-Ichs, vollzogen am Jordan, damit die Christuswesenheit in den Leib des nathanischen Jesus einziehe, sind der Ausgangspunkt einer völlig neuen Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha. Strahlt doch gerade aus dieser Enthüllung des Golgathageheimnisses die Lehre von den drei Leibern des Jesus von Nazareth hervor, die in ihrer Zusammenfügung eine Menschheitssubstanz darstellen, so auf der Erde niemals im Fleische verkörpert war. Ohne dieses Mysterium wäre ein geistiges Chaos ohnegleichen über das Abendland hereingebrochen. Es gibt eine elementarische Welt voll dämonischer und gespenstiger Kräfte, die immer bereit sind, sich des Menschen zu bemächtigen und ihn zum Spielzeug ihrer sinnlosen Impulse zu machen. Der Christus, der in den drei Leibern des nathanischen Jesus Wohnung nahm, hat, in die Erdenaura eingeflossen, die dunklen sibyllinischen Kräfte um ihre Stoß- und Triebkraft gebracht. Ihre Macht ist für immer vorbei!</p><h4>XII.
      <br/> Die Taufe im Jordan</h4><p>Drei Evangelien erzählen von Johannes dem Täufer und von der Taufe im Jordan, die nichts anderes offenbart als den Einzug des Christus in die irdischen Leiber des Jesus. Lukas berührt das Geheimnis der Geburt des Johannes, Matthäus schildert aber auch die Persönlichkeit des Rufers in der Einsamkeit und Markus die Teilnahme des heiligen Geistes an der Taufe im Jordan. Es besteht kein Zweifel darüber, daß Johannes der Täufer der Sekte der Essäer und Nasiräer angehört hat. Wohl verkündigt er noch Essäerweisheit, aber er beeilt sich, gleichzeitig festzustellen, daß diese Weisheit schon im Abklingen begriffen ist und 
      <a id="page160" name="page160" title="cal/gary"/>daß mit dem Christusjesus etwas Neues, Unmeßbares, alle Dinge Veränderndes in die Erdenentwicklung eintritt: »Er (Christus) muß wachsen, ich aber abnehmen«. Bei Markus ist Johannes der Täufer ein priesterlicher Engel, der die Taufe vorzunehmen hat (»Siehe, ich sende meinen Engel vor Dir her«). Bei Matthäus aber stehen die ebenso erhabenen wie düsteren Ausdrücke (in des Johannes Munde) von der Axt am Baume und der Worfschaufel auf der Tenne, und der erste Evangelist schildert den Engel als einen Menschen, Lukas aber als einen Hierophanten, der den Abstieg zur Erde vollendet hat und den Rückweg von der Erde zum Himmel antritt. Der »Prediger in der Wüste«, der »Rufer in der Einsamkeit«, beide Bezeichnungen drücken die Mission dieses wundersamen und rätselhaften Mannes aus. Die Seele, dank dem Pharisäertum, verarmt und verhärtet. Eine neue Menschheit wird geboren und Christus ist ihr Ahnherr. Kam in Bethlehem der Jesus zur Welt, so ereignet sich am Jordan die geistige Geburt des Christus. Immerhin bleibt noch übrig, das Dunkel des Taufaktes selbst zu erhellen. In alten Zeiten war der Umstand, daß der Mensch an den vier »Elementen«, Erde, Wasser, Luft und Feuer wesentlichen Anteil hat, etwas Selbstverständliches und Bekanntes. In der Anthroposophie sind die Elemente den vier niederen Wesensgliedern des Menschen zugeordnet: dem physischen Leib das Erdige, dem Äther- oder Lebensleib das Wässerige, dem astralischen die Luft und dem Ich das Feuer. Dort, wo Johannes der Täufer von den beiden verschiedenen Taufen spricht (er tauft mit Wasser, der Christus aber wird mit Licht und Feuer taufen), berührt er selbst das Wesen der Wassertaufe, die ohne Zweifel eine Institution des Essäer- und Nasiräerbundes ist. Die Wassertaufe war ein strenger und ernster Einweihungsakt. Der Täufling, unter das Wasser getaucht, erlebte einen todesähnlichen Prozeß: die Heraushebung des Äther-, Astral- und Ichleibes aus dem physischen Körper. In den Schriften der freien Christengemeinschaft wird 
      <a id="page161" name="page161" title="cal/gary"/>mit jener plastischen Deutlichkeit, die ihnen eigen ist, sehr anschaulich gesagt: die Seele erlebte auf diese Weise die Dreifältigkeit des menschlichen Wesens; sie sah auf den physischen Leib herab, der die Vaterkräfte trägt; ihr höheres geistiges Ich, im Erdensein mit ihr vereinigt, sah diese in Gestalt einer Taube oder der feurigen Zunge; sich selbst aber erlebte sie gleichsam in der Mitte, durch die Taufe, eben ein zweites Mal, als Sohn des Vaters, geboren. So stellt sich die Taufe im Jordan als eine letzte große Zusammenfassung der vorchristlichen Einweihungsgeheimnisse dar. Daraus erklärt sich auch, warum der Taufakt von heute nur noch eine sehr blasse Erinnerung an das schwere Todeserlebnis der Johanneischen Ganztaufe bedeutet; der Taufakt von heute und die Taufe im Jordan sind äußere (außerbiblische) Taufen, die Christustaufe mit Luft und Feuer aber eine innerliche: das Feurige und Luftige wird in das Erden- und Wasserelement hinabgetragen. Der heilige Geist als das reinste und höchste Seelentum und das heilige Feuer des Christus-Ichs ziehen in den Menschen ein, dessen Bewußtsein für die geistige Welt er erweckt. Nicht ohne Grund fällt also, am 6. Jänner, die Huldigung der drei Könige mit der Jordantaufe und dem Feste der Epiphanie zusammen; es ist das gemeinsame Fest des Opfers, das hier begangen wird. Die Taufe wird zum Weihefest der Geburt zweifacher Art: das Mysterium des Herabsteigens und das des Empfangenwerdens sind in ihr vereinigt. Über der Wiege jedes neugeborenen Kindes schwebt der Dauerstern (Goethe, im Faust, II) des gottentkeimten Ichs, darin das Geheimnis der Individualität, der Besonderheit verborgen liegt. Jeder Mensch hat seinen Namen in der göttlichgeistigen Welt, bei dem er gerufen werden kann. Darum wird die Namengebung in der Bibel als etwas Feierliches, Bedeutsames und durchaus Mysteriöses erörtert. In der geistigen Welt gibt es keine Herde und keine Masse, hier ist der Mensch keine bloße Nummer, kein Fleck wie jeder andere im Mengenbild, sondern ein ewiges, unzerstörbares, 
      <a id="page162" name="page162" title="cal/gary"/>gegen alle anderen Iche scharf abgegrenztes Ich. So wurden Geburt und Taufakt zum Fest der Weltbejahung, demgegenüber die buddhistische Meinung, es wäre besser, gar nicht geboren zu sein, bloß die Trauer und die Schauer des Auf-die-Welt-Kommens zum Ausdruck bringt. So enthält das Christentum als mystische Tatsache auch den Grundkern, die Grundformel, das Grundschema einer Eroberung der Einheit der Menschen aus dem Innern heraus, aus dem Leben der Individualitäten. Eine Fülle grandioser Imaginationen eröffnet sich dem Blick, der auf die Geheimnisse der Menschwerdung des Christus und dessen Einzug in die Jesushülle gerichtet ist. Nur ein Blick dieser Art kann auch das Wunder des Taubengeistes bei der Taufe im Jordan ermessen und in der Schauung neu erleben lassen, was sich nun in jedem auf den göttlichen Sinn eingestellten Taufakt wiederholt. Mit der Taufe im Jordan schließt das Wunder der Jesuswerdung und Christuserfüllung ab. Nach ihr beginnt das Christusdrama: die Opferung auf der Schädelstätte zu Golgatha.</p><h4>XIII.
      <br/> Versuchung und Wunder</h4><p>Wie schon erwähnt wurde, fehlen, was die Zeit zwischen dem 12. und 30. Jahre im Leben Jesu betrifft, jegliche äußere, historischen Mitteilungen. Die apokryphen Berichte, zumeist in einem späten Zeitpunkte niedergeschrieben, besitzen legendenhaften Charakter. Steiner hat in zwei Vorträgen über das Mysterium von Golgatha gesprochen. Umgeben von einer geistesverlassenen Menschheit, fühlt die Jesusseele das nahende Gotteswesen, von dem sie überwältigt wird. Kein irdischer Mensch kann sich dieses Jesusringen mit der göttlichen Sendung auch nur annähernd vorstellen. »Unter der Last der Stunde«, sagt ein Kapitel der wundervollen Evangelienbetrachtungen, die im Rahmen der »freien Christengemeinschaft« erschienen sind, »unter der Last der 
      <a id="page163" name="page163" title="Wunibald/gary"/>Stunde zerbrechend, ganz vom Willen zum Opfer und zur Hingabe erfüllt, stieg Jesus von Nazareth unter Anspannung seiner letzten Kräfte zum Jordan hinab, um sich von Johannes taufen zu lassen; er opferte sein Ich völlig hin, um den Christus in sich aufzunehmen. Zur Stunde, in der das Jesus-Ich am Jordan starb und in seine geistige Welt zurückfand, verkörperte sich das Christuswesen in der Leibes- und Seelenhülle des Jesus; es war das gewaltigste Seelenereignis, das die Menschheitsgeschichte aufzuweisen hat.« An die Jordantaufe schließen sich nun zunächst die drei Szenen der Versuchung, der das Christus-Jesus-Wesen ausgesetzt war. Zur selben Zeit, da der Christus-Jesus auf Erden wandelte, spätestens um die Mitte des ersten Jahrhunderts, darin Christi Lebens- und Seelenwandel spielt, kommt ein hellenischer Theurge aus Thyana in Kappadokien nach Athen, dessen Heiligtümer er besichtigt. Er reist umher, um die Menschen das religiöse Leben zu lehren, unterstützt, ein großer Magier aus dem Osten, seine Lehren durch Wunder, die er kraft der alten Einweihungen verrichtet und die in manchem Punkte mit den Wundern, die der Christus Jesus verrichtete, übereinstimmen. Die Welt dieser Zeit war voll mit Magiern, die ihre Kraft aus den sich auflösenden Geheimschulen des Ostens, der Pythagoräer und der alten hebräischen Einweihungen schöpften. Versuche der geistigen Welt, wie sie an den Christus Jesus herantreten, fanden bei Magiern dieser Art leichteres Spiel. In die drei Wesensglieder des menschgewordenen Gottes senken jene Wesen vergeblich ihre Verführersubstanz: der Christusleib widersteht dem Wesen, das ihn lehren Will, aus Steinen Brot zu machen, der Ätherleib des Christus wehrt dem Versucher, der ihn dazu verführen will, sich, mit den Lebenskräften spielend, von der Zinne des Tempels hinabzustürzen, und der Astralleib des Christus Jesus bricht vollends die Macht des Verführers, der ihm nahelegt, lieber die Rolle eines Weltbeherrschers als die eines Weltenerlösers auf sich zu nehmen. War in diesem 
      <a id="page164" name="page164" title="Wunibald/gary"/>Erlöser, der als hoher Sonnengeist und Menschensohn über die Erde wandelte, nicht tatsächlich eine so übergroße Macht und Schöpfungskraft, daß es reizte, sie zu mißbrauchen? Liegt aber nicht gerade darin, daß die Versucher, bei aller »Gewißheit«, doch nicht wußten, wen sie vor sich hatten, die ganze Tragödie der Versuchung überhaupt? Wie dem immer wäre, anschließend an die drei Versuchungsszenen ist es jetzt wohl auch an der Zeit, ein Wort über die Wunder Christi zu verlieren. Niemand, der die Evangelien mit rein irdischen Augen ansieht, will mit ihnen zu tun haben. Neben den Kurzsichtigen, die an Wunder überhaupt nicht glauben, stehen andere, die etwas von Legende und Sage stammeln, wenn von Wundern die Rede ist, oder sie versuchen allerhand aus der reinen Vernunft geholte Deutungen. Trotzdem steht fest, daß die Wunder Christi einen unlöslichen Bestandteil der Evangelien und des Christentums als einer mystischen Tatsache bilden; versucht man sie aus dem Rahmen herauszureißen, der sie umgibt, so geht bei diesem Gewaltprozeß das Evangelium und mit ihm das ganze Mysterium von Golgatha unwiederbringlich verloren. Alle Unsicherheit löst sich aber sofort, wenn die Wunder Christi als Einweihungserlebnisse erkannt werden; dann haben sie die volle geistige und seelische und, wenn man so will und wenn man es so versteht, auch materielle Wirklichkeit. An allen drei Wirklichkeiten hatte der Spötter und Zyniker Heinrich Heine teil, als er, ein Jude, in seinem herrlichen Gedichte »Frieden« schrieb: »halb im Wachen und halb im Schlummer, schaute ich Christus, den Heiland der Welt; im wallend weißen Gewände wandelt er riesengroß über Land und Meer«. Nicht ohne Grund ist aber an dieser Stelle gerade von den Wundern des Apollonios von Thyana gesprochen worden. Auch Apollonios, der große Magier, wandelte auf dem Wasser; er vermochte es als magische Verrichtung, die, die Schwerkraft aufhebend, Gesetze der physischen Welt über den Haufen warf. Bei spiritistischen Sitzungen mit einem 
      <a id="page232" name="page232" title="Dr.Nani/JWE"/>hervorragenden Medium geschehen, wahrhaftig, noch heute, Wunder. Ist die Aufhebung der Schwerkraft keines? Sind die Scherze und Spässe der Dämonen und Elemente des Zwischenreiches nicht Mirakel von ganz besonderer, wenn auch gespenstiger Realität? Sind die »Erscheinungen Verstorbener«, die Materialisationen von Armen und Beinen, die Klopflaute, Lichterscheinungen, das kalte Licht und der kalte Wind, der den Seancenraum durchfließt oder durchweht, nicht wundersame Begebenheiten für brave Materialisten, die sich in den Kopf gesetzt haben, hinter diese Geheimnisse zu kommen, und die erleichtert aufatmen, wenn ihnen hinterdrein jemand sagt, daß es sich um »Schwindel« oder um »Selbstbetrug« gehandelt habe? Die Wunder Christi gehören auf ein anderes Blatt; sie sind frei von Magie, sie sind keine Wunder für Materialisten und Sinnesmenschen; ihre Wirklichkeit besteht auf höherer Ebene, in den Regionen der göttlichgeistigen Welt, für Jeden Erlebnis, der die höheren Sinnesorgane entwickelt.</p><h4>XIV.
      <br/> Der Tod des Christus Jesus auf Golgatha</h4><p>So verlockend es wäre, an dieser Stelle über die Wunder und die Gleichnisse des Christus Jesus zu sprechen, so gebieterisch mahnen die Grenzen, die diesem Buche gesetzt sind, zu einsichtiger Beschränkung des ungeheuren Stoffes. Er drängt nun zur geisteswissenschaftlichen Erkenntnis vom Mysterium auf Golgatha selbst. Das Drama des Erlösers beginnt mit der Taufe im Jordan, es erreicht seinen Höhepunkt in der Kreuzigung und Auferstehung, seinen Abschluß in der Erscheinung des Christus Jesus vor seinen Jüngern. Im Leben und Erdenwandel des Christus Jesus gibt es, noch weniger, als es ihn ansonsten gibt, keinerlei Zufall. Der Prozeß Christi und dessen martervoller Tod, der Tod eines Gottes, der auch als Mensch keinen Fehler besaß, hat sich wirklich so abgespielt, wie ihn die heiligen 
      <a id="page231" name="page231" title="akling/JWE"/>Schriften erzählen und schildern. Gleichzeitig sind aber alle diese äußerlichen Geschehnisse in der geistigen Welt bedeutsam und voll von geheimnisvollen Beziehungen zur Welt- und Menschenentwicklung im göttlichen Sinne. Die Allmacht Roms, die Christi Ankläger gewähren ließ, obzwar sie selbst von der vollkommenen Unschuld des Angeklagten überzeugt War und auch genug Machtmittel besaß, die schmachvolle Hinrichtung des Gottesmenschen Jesus zu verhindern, war, wenn man den Ausdruck im Rahmen einer so ernsten Sache gestatten will, mit ihrem Latein zu Ende. Es war ihr Karma, auf das schreckliche Karma einzuwirken, das den Henkern des Christus Jesus gebot, sich zu Vollziehern einer schändlichen Tat aufzuwerfen. Die »erleuchteten« Priester Judas waren ebenso blind und unfähig, diese ihre schmähliche Rolle zu durchschauen; so sind sie denn als finsterer Teil der Christustragödie für ewig in das Mysterium von Golgatha eingebaut und in ihrer Art mit diesem selbst, wenn auch im trübsten Verstände, unsterblich geworden. Der Prozeß Christi war zugleich ein Kampf des Gesetzes gegen das ewige und unzerstörbare Ich, das zur Christusstunde sich für immer vom Gesetze loslöst, indes das Verbleiben im Gesetze zwei dreifache Abirrungen zuläßt: Almosen, Beten und Fasten einerseits, Anhäufung von Schätzen, irdische Sorgen und angemaßte Richterfunktionen anderseits; diesen beiden je dreifachen Abirrungen stehen die drei Stufen christlichen Werdens gegenüber: Gebet, die enge Pforte zum Himmelreich und die Wachsamkeit derer, die auf dem Wege dahin sind. In den drei Worten Gethsemane, Ölberg und Golgatha ist das Mysterium des Christusjesus für immer verankert; sie haben heute allerdings einen ganz neuen Klang. Der Hügel Golgatha, den das Johannesevangelium selbst als »Schädelstätte« deutet, ist von allen anderen Erhebungen dieser Erde für immer unterschieden. Die alten Eingeweihten wußten um das Geheimnis, daß die Erde, die Stätte alles Lebens, selbst ein lebendiges Wesen ist, dem Menschen vergleichbar, den 
      <a id="page230" name="page230" title="akling/JWE"/>sie hervorgebracht hat und trägt. Ist Palästina das Haupt, so ist Golgatha die Stirnwölbung dieses Wesens. Die Schädelstätte war zur selben Zeit, wie das Adamsbuch, ein Dokument alter Weisheitsüberlieferung, zeigt: Mittelpunkt der Erde, Schatzhöhle, Grab Adams und Altar des ewigen Hohepriesters Melchisedek. Wie die Erde, so hat auch jeder einzelne Mensch seine Schädelstätte; starb auf Golgatha der Gottmensch, so erstarb im Haupte des Menschen der Geist des Menschen zum bloßen Gedanken. So bleiben Golgatha und Menschenschädelstätte für immer miteinander verbunden; des Menschen Haut wird von der mineralischen Substanz der Knochen gebildet, und der Totenschädel ist seit jeher das Symbol des Todes gewesen. Hier wird auch die Erkenntnis eines neuen Lebens geboren, das, nicht mehr an den Leib gebunden, dem Tode benachbart ist, so wie das Auferstehungsgrab Christi und der Garten des Josef von Arimathea Golgatha benachbart waren. Auf Golgatha ist der Kelch des Menschenwesens bis an den Rand gefüllt. Eine göttliche Trinität, am Jordan geoffenbart, spiegelt sich hart und irdisch in den drei Kreuzen auf der Schädelstätte. Hier hängt Gottes Sohn in der Mitte zwischen Ahriman, als dem linken Schacher, der den Gottvater um der Stoffwelt willen verließ, indes Lucifer, der rechte Schacher, eine Abirrung des heiligen Geistes, den Weg zum Christus, weicher und heller als Ahriman, noch immer finden kann. Christus zwischen Ahriman und Lucifer: hier bietet sich dem schauenden Menschen das erschütternde Bild einer »allzu irdischen Trinität«. Hinzugefügt sei hier noch, daß in den sieben Worten Christi am Kreuze ein besonderes Geheimnis steckt, kulminierend in dem alten Kultwort: »Es ist vollbracht!« Wen ein gütiges Schicksal das ungeheure Erdenmysterium von Golgatha in seiner geistesgeschichtlichen und ewigen Wahrheit erkennen läßt, der wird von diesen rein schemenhaften Andeutungen, die aus den Schriften der Christengemeinschaft geschöpft sind, wohl zu den Quellen selbst zurückgreifen, die, trotzdem auch sie nur 
      <a id="page229" name="page229" title="akling/wedi"/>Andeutungen geben können, doch die ganze herrliche Wunderwelt des wahren Christentums angelweit vor dem erschauernden Blicke öffnen, deren Torwächter Rudolf Steiner ist. In einem späten Augenblicke meines an Irrtümern reichen Lebens bin ich, selbst wie durch ein Wunder, vor diese Wunderwelt geführt worden, der eine unirdische, alles verklärende Kraft entströmt. Sie gab mir am Abend meines Daseins eine Fülle von Erkenntnissen, von denen nicht gesprochen werden kann, ohne daß die ganze Armseligkeit und Nichtigkeit des Wortes und Begriffes Dank wie brennender Stoff auf unbewehrte Haut fiele. Die echte Dankbarkeit verstummt, weil sie keine Worte mehr findet.</p><h4>XV.
      <br/> Die Gefährten und die Nachfolge Christi</h4><p>Das Mysterium von Golgatha schließt, um ihm eine äußerliche Grenze zu setzen, obzwar es längst in das Wesen der Erde übergegangen ist, mit der Auferstehung, mit dem Pfingsterlebnis der Apostel und mit der Paulusbekehrung auf dem Wege nach Damaskus. Es ist notwendig, von diesen Dingen an der Hand des Evangeliums und der Apostelgeschichte zu sprechen, ehe von den weiteren Schicksalen des Urchristentums die Rede ist. Man kann diese außerordentlichen Begebenheiten allerdings nicht verstehen, ohne das persönliche Christentum und die Berufung der ersten Jünger zu berühren, mit denen die große Frage der Nachfolge Christi einsetzt. Im Evangelium des Matthäus wird erzählt, wie Jesus, am Gestade des Galiläischen Meeres wandelnd, zwei Schiffe mit je einem Bruderpaare sieht, Netze nach Fischen auswerfend, eines ferner auf dem offenen Meere, das andere näher dem Ufer. In einem Fischerkahn sitzen Simon Petrus und Andreas, im anderen Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Das Meer verlassend, legen sie am Ufer an. Auch auf dem Grunde dieser Begebenheit liegt ein Gleichnis, ein reales 
      <a id="page228" name="page228" title="akling/wedi"/>Schicksal, das seinen vollen Sinn erst vom Geistigen her empfängt. Dann wieder erzählt Johannes, im vierten Evangelium, Johannes der Täufer sei mit zweien seiner Jünger an dem Wege gestanden, wo Jesus vorüberging. Der Täufer weist auf Jesus hin und sagt: »Das ist das Lamm Gottes.« Daraufhin werden die beiden Johannesjünger Jünger Jesu; einer von den beiden ist Andreas, der sogleich seinen Bruder Simon Petrus mitbringt; der zweite der Jünger, der bei Johannes dem Täufer stand, wird nicht genannt. Das Verschweigen eines Namens kehrt im Evangelium sehr oft wieder; auch der Name des Jüngers Johannes kommt im vierten Evangelium nicht vor, was sicherlich nie ohne Absicht geschieht; so bleibt denn immerhin die Vermutung offen, der zweite Jünger des Johannes sei Johannes gewesen, der darauf seinen Bruder Jakobus zu Christus Jesus führte. Andreas und Johannes gehen als Jünger des Täufers, Petrus und Jakobus aber durch Vermittlung ihrer Brüder zu Christus über. Die Evangelisten Matthäus und Johannes scheinen auf verschiedenen Wegen zur Berufung der ersten Jünger gelangt zu sein: Matthäus durch das Schauen der beiden Schiffe auf dem Meere, Johannes aber als Mitwirkender bei dieser Gelegenheit selbst. Wie dem immer wäre (insbesondere ob nun Petrus und Jakobus wirkliche oder nur im Einweihungssinne Brüder des Andreas, beziehungsweise des Johannes waren oder nicht): die geistige Kraft, die dieser Szene entströmt, eröffnet auch das Geheimnis des persönlichen Christentums und der Nachfolge Christi überhaupt. Der Christus Jesus gibt den Mut zur Persönlichkeit. Nur das heimatlos gewordene Ich vermag die Nachfolge Christi anzutreten. Am Schlusse des Johannesevangeliums aber sagt der Jünger, »den der Herr liebhatte«: »dieses ist derselbe Jünger, der von diesen Begebenheiten Zeugnis gibt und dieses geschrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist.« Man weiß ferner, daß es nach und nach zwölf Jünger waren, die den Gottessohn umgaben, und daß Simon Petrus unter ihnen die erste Stelle einnahm, 
      <a id="page227" name="page227" title="akling/wedi"/>obzwar gerade er es war, der Christum »dreimal verleugnete«, Johannes aber der Jünger, den der Herr liebhatte. Ein erstaunlicher Vorzug also, ebenso erstaunlich wie die Figur Judas', des Verräters, unter den zwölf Jüngern. Auch der Name Petrus, den Simon von Jesus empfängt und der »Fels« heißt, will so gar nicht mit dem Wesen dieses Jüngers übereinstimmen, der auszusprechen bestimmt war: »Ich kenne diesen Menschen nicht!« Dennoch liegen auch in diesen scheinbaren Widersprüchen tief geistige Dinge verborgen. In der Zahl 12 der Jünger offenbaren sich kosmische Beziehungen zu dem Tierkreis, in den Jüngern, Petrus Jakobus und Johannes klingt das ewige, flüssige und luftige Element an, indes der Christusjesus selbst das feurige darstellt. Auch der Name Jona, den Christus im Matthäusevangelium dem Petrus beilegt (ein hebräisches Wort, das zu deutsch »Taube« heißt, mit dem Johannesnamen enge verwandt ist und jenem Propheten zukommt, der das Abenteuer mit dem Walfisch hatte), als die »erste, große Verwirklichung des Christuswortes von der Erneuerung des Jonaszeichens«, liegt in dem siebenstufigen Johannesweg bis zur Auferweckung des Lazarus. Durch die Hinzufügung des »Jona« zu Petrus wird angedeutet, daß sich Petrus- und Johannesweg nun berühren. Damit wird also die Johannesnähe des Petrus bezeichnet: die Johannes-, aber auch die Judas-Nähe, die in den Worten »Hebe dich, Satan, von mir«, verborgen liegt! Beim Abendmahl sitzt Petrus zwischen Judas und Johannes! Als tiefes Weltsymbol endlich erscheint der Schlaf des Petrus im Garten zu Gethsemane: hier schläft der »Fels«. Dazu tritt die Szene mit dem Knecht, dem Petrus das Ohr abschlägt, symbolisch tief bis in die innersten Winkel. Die zwölf Apostel sind zwölf Arten von Menschen. Der Judas, geisteswissenschaftlich in die Nähe des Oedipus zu rücken, ist ein Märtyrer des Intellekts und die Judastragödie zugleich die Tragödie des jüdischen Volkes jener Zeit, das zwischen Bewunderung und Furcht vor dem Römertum schwankte. Mit ihr 
      <a id="page226" name="page226" title="akling/cal"/>ist der Verrat des Judas zu erklären, der den Christus zu einer magischen Tat gegen das Römervolk zwingen will. Zwischen diesem Apostel und Jesus besteht eine schwere dramatische Spannung, dieselbe Spannung, die zwischen niederem und höherem Ich vorhanden ist. In Judas, der die Haltlosigkeit einer vereinsamten Ichseele darstellt, lebt Ahasver, »der ewige Jude«; er huldigt dem Grundirrtum unserer Zeit, daß immer etwas »getan« werden muß; unsere Zeit hat das Judasprofil, die Ruhelosigkeit einer falsch verstandenen Sozialität; sie führt zu Wahnsinn und Selbstmord. Nicht ohne innerliche Berechtigung ist Judas der Abgott des Bolschewismus geworden; dieser unheimlichsten aller ischariotischen Unternehmungen auf Erden. Der Skorpion Judas starb an dem Stich, den er dem Menschensohne versetzte. Welches Ende mag den heutigen Anhängern des Judas vorbestimmt sein!</p><h4>XVI.
      <br/> Die ersten Wirkungen und die Anrufung des Elias</h4><p>Der Tod des Christus Jesus auf Golgatha und was sich nach diesem Ereignis begab wird in den vier Evangelien je nach dem Grade der Imagination, Inspiration und Intuition, als ein erschütterndes Weltendrama geschildert. Nach Matthäus entstand, von der sechsten Stunde an, eine Finsternis über dem ganzen Land bis um die neunte Stunde; um die neunte Stunde aber, mit lauter Stimme schreiend: »Mein Gott, mein Gott! Warum hast Du mich verlassen?«, starb der Menschensohn. Einige Umstehende, die das hörten, sagten: »Er ruft den Elias!« Da lief sogleich einer von ihnen hinzu, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab Jesu zu trinken; die anderen aber riefen: »Warte, laß uns sehen, ob Elias kommt, ihm zu helfen«; da nun Jesus noch einmal laut gerufen, gab er den Geist auf; und siehe: der Vorhang im Tempel riß von oben bis unten entzwei, die Erde bebte, die Felsen 
      <a id="page225" name="page225" title="akling/cal"/>spalteten, die Grüfte öffneten sich, viele Leichname entschlafener Heiliger standen auf, verließen ihre Gräber und wandelten. Der Hauptmann und die Wachleute erschraken sehr und sprachen: »in der Tat, dieses war Gottes Sohn!« Jedes Wort dieser Schilderung hat mystischen Sinn. Die sieben Stufen des Christustodes (Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt) sind Stufen der christlichen Einweihung, die vom Neophyten des ersten Christentums innerlich meditiert und erlebt wurden, so wie sie denn auch in den Exerzitien des Ignaz von Loyola eine große Rolle spielen. Am Kreuze offenbart sich das Geheimnis der Menschengestalt; nicht ohne Sinn nennt der Mensch sein Rückgrat sein »Kreuz« und zugleich die Schwelle zur anderen Welt. Durch den Tod am Kreuz wird der Mikrokosmos zum Makrokosmos. Die Erde bereitet sich zum Empfange des Gottessohnes vor, dessen Blut sie aufgenommen hat: die Sonne verfinstert sich, die Erde bebt und verstorbene Heilige stehen aus ihren Gräbern auf; auch die sechste und neunte Stunde sind nicht bedeutungslos und im gleichen Grade erfordert die Szene mit dem Essigschwamm und die Deutung des Schmerzensrufes des Erlösers als Anrufung des Propheten Elias besondere Aufmerksamkeit. Im Essig liegt das Geheimnis des Weines, ganz abgesehen davon, daß er in den Allegorien der alten Alchimisten einen bestimmten Platz einnimmt. Der Prophet Elias, eine der glanzvollsten Gestalten des alten Bundes, fällt in die Zeit des Zerfalles in ein Reich Juda und ein Reich Israel; König Ahab hat die Tochter des Königs von Tyrus und Sidon zur Frau genommen, Jesabel. Die großen religiösen Prophetenschulen Palästinas spielten ungefähr dieselbe Rolle wie die Initiationsstätten und Mysteriumschulen der andere Völker, als Zusammenfassungen Eingeweihter und Einzuweihender, die vor allem mit einem außerordentlichen Witterungsvermögen für alle Wandlungen in der menschlichen Bewußtseinslage ausgestattet und für Vorgänge solcher Art 
      <a id="page224" name="page224" title="Goliath/ghens"/>besonders empfänglich waren. So konnte denn eine so gewaltige, den König Ahab mit Schauern erfüllende Gestalt wie die des Propheten Elias nicht auftreten, ohne daß die Propheten ihre nahende Kraft gespürt hätten. König Ahab, der wohl vom Propheten Elias gehört hat, aber ihn, obwohl heimlich erschauernd, sucht, weiß nicht, daß Elias sein Nachbar ist und sich in unmittelbarer Nähe aufhält. Seine Gattin Jesabel aber weiß es und hütet ihr Geheimnis auch gegenüber dem Gatten: daß Naboth (wie ihn die Bibel nennt) der physische Träger der geistigen Individualität des Elias ist. Eine Hungersnot bricht aus und Elias-Naboth erlebt sie als eine geistige Sendung, die zur Gotteserkenntnis führt. Ein Zeichen entscheidet darüber, ob Ahabs Gott Baal oder der Gott des Elias die Zukunft und Entwicklung trägt. Das Zeichen spricht deutlich genug: Elias siegt über die Priester des Gottes Baal auf dem Berge Karmel. Jesabel, die sein Geheimnis kennt, sinnt nun auf den Tod des Elias, der die Gefahr erfassend, seine Nachfolge zu bestimmen unternimmt. Sein innerer Blick wird auf einen Mann namens Elisäus gelenkt, den er nach Damaskus einlädt, um ihn in sein Geheimnis einzuweihen. Jesabel aber beginnt ihr Rachewerk: die Tötung des Naboth als des Trägers des Elias. Ahab und Jesabel sterben bald darauf, im Kriege mit Jehu, eines gewaltsamen Todes. Nach Naboths Tode aber geht die Kraft des Elias auf den Elisäus über. Elias ging mit dem Elisäus aus dem Gilgal fort, womit keineswegs etwa ein Ort, sondern ein Wanderzustand der Seele von Leib zu Leib gemeint ist. Elisäus aber sieht den Elias »im Wetter gegen den Himmel aufsteigen«; des Elias Mantel aber fällt zurück: die geistige Kraft, die den Elisäus zu umhüllen hat, geht auf ihn über. Die Prophetenschüler, die den Elisäus sehen, gehen nun auf diesen zu, verneigen sich vor ihm und erkennen, daß der Geist des Elias auf Elisäus ruht. In die Sprache der Mysterien übertragen, weist diese Schilderung auf nichts Geringeres als auf neue Impulse, auf eine Erneuerung und 
      <a id="page223" name="page223" title="Goliath/ghens"/>Stützung des Jahveglaubens. Hier setzt aber auch schon der Augenblick ein, der das Eliaserlebnis mit dem Christentum verbindet. Elias ist der Vorläufer, ist der Prophet des Christus; in Damaskus empfängt Elisäus die Erleuchtung durch Elias, in Damaskus wird Saulus zum Paulus durch die Erleuchtung des Christus Jesus. Die starke Stromkraft prophetischen Lebens reicht tief hinein in das neue Testament und bis in die Offenbarung Johannis. Die jämmerliche Gedankenleere der materialistischen Bibelforscher, die in den Weissagungen der Propheten einen Betrug sehen, der nach der »Erfüllung« verübt wurde, ist außerstande, zu bemerken, daß es auch heute noch Prophezeiungen gibt, die in Erfüllung gehen; sie stehen nicht an, in ihrer docta ignorantia so weit zu gehen, daß sie behaupten, Christus wäre dort, wo er »Weissagungen« verspricht, eben bloß ein »Kind seiner Zeit« gewesen. Die Leute, die den sterbenden Christus rufen hörten, sprachen nicht ohne Grund die Meinung aus, der Sohn Gottes habe Elias gerufen. Die Worte Christi »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen« stehen im 22. Psalm; sie sind ein alter Einweihungsspruch, bezogen auf die große Loslösung des Seelisch-geistigen vom physischen Leibe. Bleibt nicht das Groteske zurück, daß die materialistische Finsternis in diesen Kreuzesworten des Gottessohnes einen Beweis dafür sieht, daß der Christusjesus selbst nicht verstanden habe, warum ihn »Gott« verließ? ...</p><h4>XVII.
      <br/> Die Saat geht auf</h4><p>Im Markusevangelium sind weitere mystische Einzelheiten zum Tode des Christus Jesus zu finden: daß man ihm Myrrhenwein zu trinken gab, den er aber nicht nahm; daß es die »dritte Stunde« war, da sie ihn kreuzigten; daß über seinem Kreuze zu lesen stand »König der Juden«; daß die, die ihn höhnten, an sein Versprechen erinnerten, den Tempel zu zerstören und ihn in 
      <a id="page222" name="page222" title="Goliath/ghens"/>drei Tagen wieder aufzubauen, und ihn aufforderten, sich selbst zu retten und vom Kreuze herabzusteigen. Im Lukasevangelium steht die Ansprache an die Töchter Jerusalems mit dem wundervollen Ausklang vom grünen und vom dürren Holze; bei der Kreuzigung rief der Gottessohn: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«; ferner: die Weissagung an den Mitgekreuzigten: »Wahrlich, ich sage Dir! Heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein.« Die letzten Worte des Gekreuzigten endlich: »Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist.« Das Johannesevangelium endlich gibt den Streit über die Inschrift auf dem Kreuze mit dem echt römischen Worte des Pilatus wieder: »Was geschrieben ist, bleibt geschrieben!«; die Ansprache an den Jünger: »Siehe, Deine Mutter!«; die Worte Christi: »Es ist vollbracht«, die zum letzten Male die Formel der Geheimeinweihungen wiedergibt und mit neuem Sinn erfüllt; die Bestätigungen der Weissagungen im Buche Mosis, in den Psalmen und im Zacharias. Drei Tage sind nach diesen erschütternden Begebnissen verflossen. Gottes Sohn ist unter Qualen gestorben wie ein armer sündiger Mensch. Gleich nach dem Tode am Kreuz aber setzen die Erscheinungen ein. Matthäus erzählt, daß die Grüfte sich öffneten und die Leichname der entschlafenen Heiligen aufstanden, um in die heilige Stadt zu gehen, und dort vielen (nicht allen) erschienen. Die Oberpriester und Pharisäer sind ihrer Sache nicht sicher. Josef von Arimathäa hat den Leichnam in ein neues Grab geschafft, das er in Felsen hauen ließ; sie erinnern sich nun, daß der Gekreuzigte gesagt hat, er werde nach drei Tagen wieder auferstehen; sie bitten auch den Pilatus um Grabwächter, damit kein »neuer Betrug« geschehe; Pilatus bewilligt die Wache und diese versiegelt den Stein. Am ersten Wochentage nach dem Sabbath kommen Maria von Magdala und die »andere Maria«, um nach Christi Grab zu sehen. Da erschüttert ein Erdstoß den Boden; ein Engel steigt vom Himmel; er wälzt den Stein von der Öffnung und setzt sich 
      <a id="page221" name="page221" title="Goliath/ghens"/>darauf; sein Anblick war »wie ein Blitz, sein Kleid war glänzend weiß wie Schnee«. Die Wächter fallen wie tot um. Der Engel aber spricht zu den Frauen; er redet zu ihnen vom auferstandenen Heiland und weist ihnen den Weg des Wiedersehens nach Galiläa. Da laufen nun die Frauen zu den Jüngern, voll Furcht und großer Freude. Es geschieht nun (noch immer nach dem Bericht des Matthäus) etwas Seltsames. Christus selbst erscheint den Frauen und wiederholt die Botschaft des Engels. Die Oberpriester, betrogene Betrüger, sehen das Spiel verloren und lassen für Geld die Mär vom Diebstahl des Leichnams verbreiten, an die, bis zum heutigen Tage, auch die materialistische Auslegung glaubt. Die elf Jünger (ohne den Judas, der seine Tat gesühnt zu haben glaubt) gehen nach Galiläa, auf den Berg. Dort sehen sie den Heiland und beten ihn an; einige aber zweifeln, was das Johannesevangelium zur Erzählung vom ungläubigen Thomas erweitert. Jesus aber tritt näher zu ihnen und spricht die heiligen Worte von »aller Gewalt im Himmel und auf Erden«, die ihnen gegeben ist; er trägt ihnen ihre Sendung vor, alle Völker zu lehren und sie zu taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; ich bin, schließt er zärtlich, »bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt!« Mit diesen Worten hat der Erlöser ohne Zweifel eine Gemeinschaft gegründet; sie enthalten sein feierliches Testament, gegeben vom Auferstandenen. Die Sendungsreden im Matthäus und Lukas sind klar bis auf den Grund: Christi Reich ist nicht von dieser Welt, um keine äußere Gewalt kann es sich handeln, sondern alles soll im Geiste der dienenden Liebe geschehen; man kann nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen; kein Verlangen nach irdischer Herrschaft soll die Jünger erfüllen, denn die Gewalt im Himmel und auf Erden bleibt in des Christus Jesus Erlöserhänden. Markus läßt den Heiland bei Tisch unter den Jüngern erscheinen; denen, die der Nachricht von seiner Auferstehung Zweifel entgegensetzen, erteilt er Verweise wegen 
      <a id="page220" name="page220" title="Dr.Nani/ghens"/>ihres schwachen Glaubens und ihres harten Sinnes. Dann folgt auch hier der Auftrag an die Jünger, aber nicht so allgemein wie bei Matthäus; sie haben das Evangelium allen Völkern zu verkünden; auch zählt der Herr die Wunder und Zeichen auf, die sie wirken werden. Erst dann steigt der Erlöser zum Himmel und sitzt zur Rechten Gottes. Matthäus und Markus endigen damit ihren Bericht von Christi Erlösungswerk. Lukas aber läßt zwei Männer in glänzender Kleidung erscheinen. Am selben Tage, da sich die Auferstehung ereignet hat, gehen zwei der Jünger nach Emmaus bei Jerusalem; während sie über das Wunder sprechen, gesellt sich Christus zu ihnen, aber sie erkennen ihn nicht. Kleophas, der eine von ihnen, »gibt dem Fremdling« Bericht. Christus läßt ihn ruhig erzählen, dann setzt er ihr Gespräch fort, beruft sich auf alle Schriftstellen, die von der Auferstehung sprechen, begleitet sie bis ins Haus, setzt sich zu Tische, nimmt wie beim Abendmahl das Brot, segnet und bricht es und teilt ihnen zu. Jetzt gehen ihnen die Augen auf, er selbst aber entschwindet ihren Blicken. Sie gehen nun hin und berichten den anderen Jüngern ihr Erlebnis, und während sie erzählen, steht wiederum Jesus plötzlich in ihrer Mitte, vollendet seine Rede, wiederholt den Auftrag an die Jünger, führt sie hinaus nach Bethanien und segnet sie. Dann steigt er zum Vater auf. Mit dieser bedeutsamen Erzählung schließt Lukas. Johannes aber wiederholt den Bericht von den beiden Engeln. Maria klagt: »meinen Herrn hat man genommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gebracht hat.« Da sieht sie Jesus selbst vor sich stehen und erkennt ihn nicht. Da ihr nun die Augen aufgehen und sie den Lehrer begrüßen will, spricht er die mystischen Worte: »rühre mich nicht an, denn noch bin ich nicht aufgefahren zu meinem Vater!« Am ersten Abend des Wochentages nun sind die Jünger hinter verschlossenen Türen beisammen. Jesus tritt mitten unter sie und spricht die mystischen Sendungsworte. Thomas wird gläubig: acht Tage später, da der 
      <a id="page219" name="page219" title="Dr.Nani/ghens"/>Herr seine Wundmale aufzeigt; Johannes allein aber weiß noch eine andere Begebenheit: die Szene am See Tiberias. Sie weist die großen Wege des Petrus- und des Johanneschristentums. Die Apostelgeschichte aber spricht davon, daß der Erlöser sich noch durch vierzig Tage den Jüngern zeigte. Sie sehen mit ihren Augen die Himmelfahrt des Herrn und erleben das Pfingstwunder. Eine letzte Erscheinung, zu Damaskus, bringt die Verwandlung des Saulus in den Paulus. Die Saat geht auf ...</p><h4>XVIII.
      <br/> Die Apokalypse</h4><p>Man kann eine Darstellung des Mysteriums von Golgatha nicht schließen, ohne eines seltsamen Dokumentes zu gedenken, das in die kanonischen Schriften Aufnahme gefunden hat: der Apokalypse des Johannes, »welcher bezeugte das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, so wie er es gesehen«. Die Apokalypse steht nicht durch Zufall am Schlusse des neuen Testamentes; sie stellt gleichsam »den höchsten Gipfel erhöhten Bewußtseins« dar, als eine Inspiration, die klar und gewaltig von den Daseinskreisen der geistigen Welt spricht. Durch vier große Kreise führt der kühne Flug des Sehers Johannes zu den Höhen des »himmlischen Jerusalem« empor. Zu jedem dieser vier Kreise gibt es sieben Stufen: sieben Sendschreiben an sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Posaunen und sieben Zornesschalen. Die sieben Gemeinden sind irdische Orte, in denen die Christussaat aufgegangen ist; die sieben Siegel verschließen ein Buch, voll Schauungen der Bilder göttlichgeistiger Welt; die sieben Posaunen, geblasen von sieben Engeln, gehen vom geistigen Schauen zum geistigen Hören über; die Posaunen und die Posaunenklänge sind keine irdischen Instrumente, keine irdische Musik; in den sieben Zornesschalen aber ist die unmittelbare Berührung mit den Wesen und Kräften der Geisteswelt gegeben.</p><p><a id="page218" name="page218" title="Dr.Nani/ghens"/>Das fünfte der sieben Sendschreiben ist an unsere Zeit gerichtet; wir selbst sind die Gemeinden von Sardes, denn wir haben den Namen, »daß wir leben und sind tot«. Im Namen des Ichbin empfing unsere Zeit ihr Ich, ihre Persönlichkeit, das Höchste, wozu unsere Zeit gelangen kann, doch ist es so, wie unsere Zeit es empfängt, tot, nicht erfüllt von den Impulsen der göttlichgeistigen Welt, sondern gebunden und verloren an das Sein im Erdenstoffe, im Felde der sichtbaren Geschichte; auch hierin ist das fünfte Siegel für unsere Zeit bedeutsam: in Verbindung mit den vier ersten Siegeln erscheinen vier Reiter auf einem Pferde; unter dem fünften Siegel sah der Seher »die Seelen derer, die erwürgt waren um des Wortes Gottes willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten«; es ist die Höllenfahrt der Menschheit im fünften Zeitraum, der der unsere ist, und der ein weißes Kleid angetan wird, die reine Seelenhülle, die das Geistige erschaut. Da nun der fünfte Engel posaunt, öffnet sich das Tor unseres niederen Seelenlebens. »Erschauet!« ruft der sechste Engel, dessen Ton schon in unseren fünften Zeitraum hinüberklingt, »des Himmels Buch! Erkennet die Mysterien, denn es ist an der Zeit!« Unsere Erde hat bisher 171 Formenzustände durchgemacht, sie steht gegenwärtig im 172. Zählt man die 171 durchlebten Formzustände zu den schon verflossenen hinzu, so stehen wir mit 343 Abschnitten mitten im mittleren Abschnitt der Weltentwicklung überhaupt, im 344. streng genommen, also ein Stück über die Mitte hinaus. Man kann also wohl sagen: 344 ist die Zahl unserer Entwicklung. In der Apokalypse taucht nun als Zahl der kommenden Entwicklung die Zahl 666 auf, entstanden und gebildet dadurch, daß in jenem Zeitpunkte kommender Entwicklung 6 Runden mit 6 Haupt- und 6 Unterrassen durchgemacht sind, der in der Apokalypse als der Kampf Aller gegen Alle gekennzeichnet wird. Dreimal hat die Menschheit Gelegenheit, der Verführung zum Bösen zu erliegen: die letzte wird in der Zahl 666 gegeben sein, die in den Mysterienzahlen 400, 200 
      <a id="page217" name="page217" title="Dr.Nani/ghens"/>und 660 verborgen liegt. Verschiedene Deutungen der mysteriösen Zahl 666 sind von Leuten gegeben worden, die den Schlüssel zum Geheimnis darin gefunden zu haben glaubten, daß sie, für die Zahlen die hebräischen Buchstaben einsetzend, glücklich den Namen Nero herausbekamen. In Wahrheit, und Steiner war auch hier der Erste, der den Vorhang von diesem Geheimnis (60, 6, 200 und 400) zog, ergibt diese Zahlreihe den Namen Soradt, des Sonnendämons, der ein Gegner des Lammes ist. Darum sagt der Apokalyptiker: »Hier ist Wahrheit; wer Verstand hat, überlege die Zahl des Tieres, denn diese ist 666!« Es ist schon angedeutet worden, daß unserem Erdenzustand drei weitere Zustände folgen: Jupiter, Venus und Vulkan, als letzte Glieder des großen Schöpfungszyklus, darin die Menschheit eingeschlossen ist. Am Ziele der Erdenentwicklung, da die Erde sich zu vergeistigen anschickt, gibt es zwei große Gruppen: die einen, die das Christusprinzip in sich aufnehmen, und die anderen, die sich ihm verschlossen halten. Aus der ersteren Gruppe gehen die Menschen hervor, die den Plan zur kommenden Jupiterentwicklung entwerfen, einen neuen Himmel und eine neue Erde bewohnen, das neue Jerusalem, begleitet von einem Trabanten, besiedelt von denen, die den zweiten Tod wohl erlebten, aber keine Möglichkeit hatten, das Jupiterbewußtsein zu erlangen. Noch auf diesem Jupiter aber gibt es Möglichkeiten, die Zurückgebliebenen und Gesunkenen zu erheben. Erst die Venusentwicklung bringt die eigentliche große Entscheidung. Die Apokalypse ist kein dunkles Dokument; es ist vor allem möglich, Aussagen darüber zu machen, zu welchem Zwecke sie geschrieben worden sein mag. Der Apokalyptiker beschreibt in gewaltigen Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen kommende Zeiten, in denen der Mensch die Wesenheiten wiederschaut, die der Erde Entwicklung leiten. In alten Zeiten besaßen die Menschen die Kraft des natürlichen Hellsehens. Das alte Hellsehen verschwand und machte dem Selbstbewußtsein 
      <a id="page216" name="page216" title="Dr.Nani/ghens"/>Platz. Im Augenblick des Gottestodes auf Golgatha aber verwandelte und veränderte sich die astralische Aura der Erde; die sich mit der Christuskraft durchdrang. In dieser Kraft liegt die Waffe zur Überwindung des zweiten Todes. Die Quellen der Apokalypse reichen zurück in die alten Mysterien, deren Ergebnisse das Christentum als mystische Tatsache in sich vereinigte und zusammenfaßte. Für Menschen, die von den alten Mysterien nichts wissen, bleibt das Mysterium von Golgatha nichts als ein simpler Vorgang: Tod eines politisch Verurteilten. Es sind wahrhaftig Posaunen nötig, um die Menschen aus solchem dogmatischen Schlafe zu reißen!</p><p><a id="page215" name="page215" title="Dr.Nani/ghens"/></p></div><div class="chapter" id="chap006"><h3>Viertes Kapitel
      <br/> Die Geheimwissenschaften in den ersten vier Jahrhunderten</h3><h4>I.
      <br/> Die Urchristen</h4><p>Die Tatsache, daß der Christus Jesus eine kirchliche Gemeinschaft begründet hat, steht fest; im hohenpriesterlichen Gebet ringt der Erlöser um die Einheit der Kirche; sie ist eine Voraussetzung für den Sieg seines Werkes auf Erden. Das erste sichtbare Zeichen, das die urchristliche Gemeinschaft nach dem Tode des Christus Jesus gibt, ist die Pfingsterleuchtung. Im übrigen schildert die Apostelgeschichte selbst und mit sehr lebendigen Worten das Leben der Urgemeinden: »Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.« Die Lehre der Apostel ist also die Grundlage der christlichen Urgemeinschaft. Sie verkündigen das Evangelium, suchen es auszubreiten und zu befestigen. Da Christus die Apostel als seine Nachfolger auf Erden eingesetzt hat, ruhen bei ihnen, in ihre Lehre eingebettet, die Worte Christi. Freilich ist mit diesen Bemühungen, die Lehre Christi auszubreiten und zu befestigen, schon auch das Moment gegeben, das zur unvermeidlichen Scheidung eines esoterischen von einem exoterischen Christentum führt. Brotbrechen und Gebet deuten schon ganz bestimmt auf das Vorhandensein eines christlichen Kultes mit symbolisch bedeutsamen Handlungen. Der Kult der Urchristen besteht aus einem Propagandagottesdienst, zu dem auch Nichtchristen aller Bekenntnisse Zutritt haben, und aus einer nur für Christen bestimmten Weihehandlung. Öffentlich waren die Gesänge und die Predigt, geheim blieb die Eucharistie 
      <a id="page214" name="page214" title="Dr.Nani/ghens"/>des Abendmahles, von der schon Paulus spricht. Nach der Pfingstpredigt des Petrus sind allgemeine Taufen eingeführt worden; mit dem Taufwasser verband sich die Einweihung in die christlichen Geheimnisse, die auch schon mit der Welt der Verstorbenen in Verbindung bringt. Die Taufe ist Reinigung und Erleuchtung zugleich; man schreitet in ihr vom Tod zur Auferstehung. Wird die Ehe im Epheserbrief ein Mysterion genannt, so wandelt die lateinische Übersetzung den Begriff des Mysterions in ein Sakrament um. Allerdings steckt im griechischen Worte »Mysterion« auch schon die menschliche Freiheit (die Ehe wird nur für die ein Mysterion, die sie im Geiste des Mysterions eingingen), indes sich der Begriff sacramentum alle Elemente jener Oberhoheit anmaßt, welche die katholische Kirche über das Eheleben ausübt. Es ist allerdings ein Irrtum, zu glauben, die Urchristengemeinschaft wäre etwa ein sozialer Organismus gewesen, der unseren modernen Anschauungen von einem solchen entspricht; ein Irrtum, der gern von denen wiedergekäut wird, die durchaus Vorläufer für die brutale Mechanisierung, Vermassung und Gleichmacherei unserer Zeit auch schon im Christentum suchen. Die Urgemeinschaft der Christen war weit entfernt davon, eine Art bürokratisch geregelter Lebensgemeinschaft zu sein. Niemand wurde gezwungen, sein Hab und Gut herzugeben oder zu verteilen, alle Hilfe kam und konnte nur aus dem freien Entschluß und aus der Begeisterung für die Sache selbst kommen. Die Christen waren Brüder, die sich liebhatten und einander halfen, keineswegs aber Genossen, denen man Organisationsbeiträge abpreßt. In ihrer Art gab die freie Christengemeinschaft das ideale Bild eines glücklichen Zeitalters, das einst auf der Liebe Aller zu Allen ruhen würde. Sehr schön sagt Heinrich Rittelmeyer: »die erste Gestalt der christlichen Kirche glich derjenigen eines kleinen Kindes, das auf seinem Antlitz den Glanz des Himmels trägt, daraus es herabstieg, das aber noch nicht fest auf der Erde stehen kann«.</p><p><a id="page213" name="page213" title="Dr.Nani/ghens"/>Um aber klar zu durchschauen, wie sich dieser ideale Zustand später entwickelt hat, darf niemand vergessen, daß das Urchristentum in eine Zeit fällt, die nichts weniger als geeignet war, die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha zu verstehen. Die alten Mysterien starben aus, der Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt war fast gänzlich verloren, die Denkkraft schon hauptsächlich auf Begriffe abgedrängt und irregeleitet. Der römische Rechtsgeist tat ein übriges; er eröffnete den neu gewonnenen christlichen »Begriffen« ein reichliches Diskussionsgebiet für dialektische Unterhaltungen und begriffliche Spitzfindigkeiten. Der Christ hatte ein Bekenntnis, das Schattierungen zuließ und suchte. Kirchenparteien und Konfessionen standen auf, gestützt auf »Wahrheiten«, die, glücklich oder unglücklich »formuliert«, Anlaß zu Streit, Ausschließungen und Sektenbildungen boten, so daß schließlich kein Torso dieser Art für sich in Anspruch nehmen konnte, im Besitze der allein wahren Religion zu sein. Je stärker die lebendige Christuskraft in den Urchristen abzuklingen begann, desto wichtiger schien, nach vorchristlichen Offenbarungen zu suchen, die das Christusereignis schon im Keime enthielten und voraussagten. Im alten Testament, bei den griechischen Philosophen, fand sich eine Fülle brauchbarer und ohne Zweifel beweiskräftiger Stellen, die mit Fug bezeugten, daß die ganze menschliche Vergangenheit auf das Christentum vorgerichtet war, so daß sich im Christentum nur erfüllte, was man lange schon kannte und wußte. Das Tasten nach Offenbarungen solcher Art nahm allerdings nach und nach auch die Sicherheit christlicher Erkenntnis. Wer sich ein Bild von diesen Strömungen, Unter- und Gegenimpulsen zu machen vermag, wird denn auch weit besser, als es die ersten Christen selbst vermochten, begreifen, wie die Gnosis, unmittelbar im Anschluß an das Urchristentum und dieses eine Zeitlang gleichsam repräsentierend, entstand, worin ihr Wesen wurzelte und aus welchen Quellen sich ihre Irrtümer zusammensetzen. Man 
      <a id="page212" name="page212" title="Dr.Nani/ghens"/>muß von der Gnosis schon deshalb sprechen, weil in mystischen Kreisen unserer Zeit viel von neuer Gnosis die Rede ist, die sich für das kommende Wassermannzeitalter und die Jupiterphase der Erde sehr angelegentlich empfiehlt ...</p><h4>II.
      <br/> Die Gnosis als esoterisches Christentum</h4><p>Unter Gnosis versteht man gewöhnlich eine Strömung, die, auf Offenbarungen verschiedener Art ruhend, Erkenntnis der Welt, des Menschen und Gottes im übersinnlichen Verstände verbindet und die, obschon sie auch ältere Mysterienquellen anspricht, in einer esoterischen Gesamtauffassung des Christentums als einer mystischen Tatsache wurzelt. Als Gnostiker bezeichneten sich zunächst die Ophiten (Schlangenbrüder), eine seit dem Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts hervortretende christliche Sekte, in deren Vorstellungswelt die paradiesische, aber auch die von Moses aufs Kreuz erhöhte Schlange eine mystische Rolle spielt. Die ältere, teilweise aber auch die neuere Forschung haben versucht, die einzelnen gnostischen Bekenntnisgruppen nach bestimmten Gesichtspunkten einzuteilen; Zusammenhänge mit dem Judentum als einer Vorstufe des Christentums betont Karpokrates aus Alexandrien (um 130), mit den vorchristlichen Religionen überhaupt Basileides (Alexandrien, ungefähr um 125) und Valentinus (Alexandrien, um 140), sowie die mit Valentinus vielfach übereinstimmende grundlegende Schrift »Pistis Sophia«; das Christentum als allein göttliche Religion betrachten Saturninos (Antiochia, um 125), Bardesanes (Edessa, um 170) und der Pontier Markion (um 150). Elemente parsischer Natur, die sich schon bei Bardesanes finden, faßt seit 240 der Parse Manes zu einem System (Manichäismus) zusammen, das noch zur Zeit des Augustinus in Blüte stand. Die Gnosis bekämpfend, entwickelt Clemens von Alexandrien Grundgedanken zu einer 
      <a id="page211" name="page211" title="Dr.Nani/ghens"/>kirchlichen Gnosis, Origines aber ein System der christlichen Glaubenswissenschaft überhaupt. Die Gnosis ruhte ohne Zweifel auf hellseherischen Kräften, bemühte sich um tiefschürfendes Verständnis der spirituellen Hintergründe der Evangelien, den Christus als Gott gegenüber dem Jesus als Menschen betonend, indem sie zum Beispiel den am Kreuze hängenden Leib des Erlösers als einen Scheinleib erklärt oder, wie Basileides, behauptet, Simon von Kyrene sei statt des Christus am Kreuze gestorben. Leider trug der Eifer der Kirche, die alle Gnostiker als Häretiker behandelt hat, viel dazu bei, die schriftlichen Dokumente der Gnosis zu zerstören, die wohl einseitig genannt werden darf, aber doch schon, ob ihres hohen Enthusiasmus für die Mystik des Christentums, Beachtung verdient. Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts taucht der phrygische Kybelepriester Montanus auf, in grandiosen Bußpredigten die physische Wiederkunft Christi und das »tausendjährige Reich« lehrend, ein Reich des heiligen Geistes, dessen Verkünder sich Montanus nannte. Trotz der heftigen Verfolgungen seitens der Kirche war später doch möglich, daß einer der angesehensten Kirchenlehrer, Tertullian, Montanist wurde und auf diese Weise am breiten Hineinströmen materialistischer Gesichtspunkte in die Kirche regsten Anteil nahm. So gerne man Montanus und die Gnostiker auch zusammenhält, wäre doch nichts verfehlter, als die Gegensätze zu übersehen, die gerade zwischen Montanus und den Gnostikern bestanden. Fußen die Gnostiker in entscheidenden Punkten auf der dionysischen Seelenverfassung, die ins Geisterreich erhebt, so verstrickt sich Montanus als strenger Asket völlig ins Irdische, womit er das Mönchswesen und allen späteren materialistischen Fanatismus begründet hat. Die Ursache dieses Mißverständnisses liegt vor allem darin, daß es den meisten, die auf dieses Thema eingingen, an Einsicht in das wahre Wesen der Gnosis vollkommen gebrach. Der Erste und Einzige, der das grandiose Problem der Gnosis in aller ihrer Einseitigkeit restlos erhellt und 
      <a id="page210" name="page210" title="Dr.Nani/ghens"/>durchleuchtet hat, Rudolf Steiner, mußte bald zu seinem Erstaunen hören, die von Steiner begründete Anthroposophie wäre nichts als »aufgewärmte« und für das »moderne Bewußtsein« bearbeitete Gnosis. Anderseits hat das breite Wort- und Begriffsgerölle, das ins offizielle Christentum und namentlich in die katholische Kirche eindrang, die reinen Elemente des Urchristentums fast vollkommen verschüttet. Auch die sehr wichtige Tatsache, daß das Lukasevangelium einen Pfad von der Pistis zur Gnosis vorzeichnet, ist erst durch Steiner ans Licht gebracht worden. Das Lukasevangelium, das die Gestalt des Apostels Petrus fast ganz beiseite schiebt, enthält dennoch die eigenartige und merkwürdige Szene des Fischzuges Petri, die das Wesen des Christusimpulses sonnenklar enthüllt. Petrus erlebt hier, in einer ersten wesenhaften Begegnung mit Christus, das Wesen des Glaubens, der Pistis, als einer Angelegenheit, die vom Herzen, nicht vom Kopfe kommen darf; aus der Knospe der Pistis entfaltet sich die Blume der Gnosis. Geburt und Krise der Gnosis im Petrus sind deutlich wahrnehmbar schon in das Lukasevangelium eingezeichnet. Ist die Pistis im Herzen erwacht, so öffnet sich auch das Organ der Gnosis: die Inspiration. Zwei Schwerter glauben die Jünger zu sehen: die zweiblätterige Lotosblume öffnet sich, der »Durchbrach der Jünger zur Gnosis hat sich vollzogen«. Wundervoll präzis hat Rudolf Steiner einmal gesagt: »Die Juden bilden den Christus (bereiten ihn vor), die Griechen verstehen den Christus, die Römer werden Christen.« Die Gnostiker gehören zu der mittleren Gruppe; so einseitig sie nur das Göttliche des Erlösers ausbilden, so sehr bemühen sie sich, den Christus zu verstehen; ihre Quelle ist die griechische Urfassung der drei großen Evangelien (Markus, Lukas und Johannes), die noch den Kirchenlehrern der ersten drei Jahrhunderte maßgebend war. Clemens, Ignatius, Origines und Irenäus schrieben griechisch, erst Tertullian und nach ihm Augustinus bedienten sich der lateinischen Sprache. Ambrosius, Hieronymus und 
      <a id="page209" name="page209" title="Dr.Nani/ghens"/>Augustinus vermählen den Geist des Christentums mit dem des römischen Staates: sie sind die wahren Begründer der römischen Kirche gewesen, indes die Gnostiker am griechischen Original festhielten, denn in ihnen lebte noch die beseligende Wärme des hellenischen Geistes.</p><h4>III.
      <br/> Irrtümer der Gnosis</h4><p>Es liegt nicht im Rahmen dieses Buches, ein vollständigeres Bild von dem zu geben, was die Gnosis für das Urchristentum bedeutet hat, so interessant eine Untersuchung trotz vorhandener respektabler Arbeiten über das Thema auch wäre und so weitreichend die gnostischen Gedankengänge (von den lichtesten Höhen bis in die tiefsten Finsternisse des Satanismus und der Sexualität) das große Feld der Christusentwicklung beeinflußten. Sicher ist, daß die Gnostiker ein richtiges Gefühl dafür besaßen, um die kosmischen Hintergründe des Christusereignisses zu verstehen, müsse man in sehr weit zurückliegende Zeitläufte zurückblicken. Ohne Zweifel gibt es starke Berührungspunkte zwischen der Gnosis und der Theologie des Paulus. Die Welt im Blickfelde der Gnostiker hat nichts zu tun mit den Urgründen jenes Wesens, das durch Gedanken und Begriffe nicht erreicht werden kann. Dem göttlichen Urvater kann man nur durch unendliches Schweigen näherkommen, das außer Zeit und Raum bleibt. Zu des Urvaters in ewiges Schweigen gehüllter Welt blickt der Gnostiker stumm, wie diese selbst, auf. Aus der Hochzeit des Urvaters mit dem ewigen Schweigen werden die Welten und Wesen. Dreißig Stufen führen zu diesen Bereichen, die weit vor Zeit und Raum liegen, Aeonen genannt. Für die abendländische Zivilisation und für alles, was aus ihr hervorgegangen ist, umschließt der große Weltenzyklus, der mit dem Saturnzustand beginnt und mit dem Vulkanzustand die siebente Runde endet, bloß ein bestimmtes Stück Weltenentwicklung überhaupt, die mit 
      <a id="page208" name="page208" title="Dr.Nani/ghens"/>dem mosaischen Schöpfungsbericht, das ist mit dem Eingreifen des Jahve (Jehova) einsetzt. Die Gnostiker tasten noch weit hinter diese Zeit zurück, auf einen Augenblick, da, nach griechischer Namengebung, das schöpferische Prinzip, der Demiurgos, zu wirken beginnt. Der Demiurgos selbst war den Griechen und den Gnostikern ein Wesen aus den höchsten Sphären der geistigen Welten, in denen noch nichts vom materiellen Dasein zu finden ist. Das Wesen Demiurgos setzt zunächst, selbstschöpferisches Prinzip, geistige Wesenheiten aus sich heraus, denen Schöpferkräfte mitgegeben sind, stufenweise hervorgebracht und geordnet. In ihnen hat man die Aeonen der Gnostiker zu sehen. Jahve (Jehova) selbst erscheint bloß als eines dieser dem Demiurgos untergeordneten Wesen, das sich zur Erschaffung des Menschen mit der Materie verband, eine Verbindung, daraus der Mensch eben hervorging. Man hat Jahve auf der dritten Stufe der Aeonen zu suchen, als Schöpfer einer Welt, die uns im Erdenleben sinnlich umgibt und in ihrer Gesamtheit den Namen Pleroma erhielt. Da gibt es nun wieder eine Wesenheit, in der die Erinnerung an die Herkunft aus dem Pleroma und vom Demiurgos lebendig fortlebt, Achamoth genannt, und ausgestaltet mit der Tendenz zur Rückkehr in den Demiurgos und durch ihn zum Urvater. Der Demiurgos, dem Streben Achamoths nach Rückkehr in die geistige Welt geneigt, entsendet einen sehr frühen Aeon in die Welt, Christus, der sich mit dem Jesusmenschen vereinigt. So umschwebt (worauf auch die Jakobsleiter deutet) den Christus Jesus ein hohes Geheimnis, dessen Merkmale der Demiurgos, der erste und der zweite Aeon mit dem Pleroma, Jehova als dritter Aeon, verbunden mit der Materie und rückgestrahlt durch Achamoth, und endlich der Mensch im Jesus sind. Die Vorstellung von den Aeonen, in Griechenland und Kleinasien in bestimmten Mysterien in sehr verschiedener Art gepflegt, verknüpft mit dem Pleroma das Grundgut des Gnostizismus, gewahrt und gehütet durch nahezu vier Jahrhunderte, 
      <a id="page207" name="page207" title="Dr.Nani/ghens"/>nach deren Ablauf die Möglichkeit menschlicher Pleromaerkenntnis verschwindet und anderen Bewußtseinsentwicklungen weicht. Solange die Kenntnis des Pleroma in den Menschen der alten nachchristlichen vier Jahrhunderte vorhanden war, gab es kein Denken in unserem Sinne. Die Erkenntnis des Pleroma war nur durch Entwicklung des übersinnlichen Bewußtseins zu erlangen. Die Gedanken, die in den Menschen dieser Art und dieser Zeit lebendig waren, dürften mit vollem Recht als aus der Offenbarung empfangen bezeichnet werden. Durch viele Jahrhunderte hindurch hat die Menschheit das Bewußtsein einer geistigen und ewigen Lichtwelt gleichsam als vertrauliche Mitteilung des Pleroma empfangen. In einem späteren Zeitpunkte könnte die Rede davon sein, wie sich ein groteskes Widerspiel dieser Pleromawelten und Offenbarungen (Verwandlungen in Satyre, Faune und Bock- oder bärenartige Wesen um die Wende des vierten Jahrhunderts), als Ausklang der Gnosis hinüberflüchtet nach dem Osten, im besonderen nach den Gegenden am Ural, an der Wolga und im Kaukasus: teuflische Vorboten und Wahrzeichen des Bolschewismus, einer Ausgeburt ahrimanischer Magie, geröstet an dem Feuer luziferischer Triebe. Zurückkehrend zu den Geheimnissen der Gnosis ist nun zu zeigen, wie auf der untersten Stufe die göttliche Weisheit Sophia lebt, mit den übrigen 29 Aeonen verbunden, aber durch das Begierdenleben verschleiert und verdunkelt. Sophia, um die Erkenntnis des Pleroma rein zu bewahren und die Verbindung mit dem obersten Aeon lebendig zu erhalten, muß die Begierde abgeben, die nun in der Raumeswelt umherirrt und alle Räume durchdringt. Sieht das Menschenauge die Welt, ohne den Zusammenhang mit der geistigen Welt zu bewahren, so erblickt es die begierdenerfüllte Welt Achamoths, abgetrennt vom Vatergott, vom Sohn des Vatergottes und vom reinen heiligen Geist. Die menschliche Seele, durch Achamoth in die materielle Welt versetzt, lebt in der Sehnsucht nach der göttlichen Sophia. So sind der 
      <a id="page206" name="page206" title="Dr.Nani/ghens"/>Demiurgos der Griechen und der Gnostiker, als Schöpfer und Erhalter dessen, was mit Achamoth lebt, vom Begierdenwesen und materiellen Neigungen erfüllt. Die Sehnsucht auf Erden stammt eben daher, daß Achamoth einen Augenblick das Gotteslicht der ewigen Weisheit und unserer Vergangenheit sah, aber bald wieder aus dem Bewußtsein verlor. Es ist überaus wichtig, diese Grundzüge der Gnosis so klar als möglich zu erfassen, weil sie dann später in neuen Brechungen und Strahlungen im Gral wiederkehren und in dem auftreten, was sich mit der Erscheinung des Rosenkreuzertums verbindet.</p><h4>IV.
      <br/> Licht- und Schattenseiten der Gnosis</h4><p>Die christliche Gnosis hat ihre Licht- und Schattenseiten. Die Ideen (obzwar dieses Wort nicht einmal entfernt ausdrückt, was davon in der okkulten Wissenschaft als Erkenntnis lebt) der Gnostiker sind grandiose Erleuchtungen von genialer Konzeption, bewunderungswürdig durch die Art, wie der Gottessohn in das Weltbild der Gnosis eingestellt wird. Die Gnosis sieht in Gottes Sohn »eine über alles hinausgehende, in den geistigen Reichen wurzelnde Wesenheit«. Sie begreift, daß die Christuswesenheit durch drei Jahre im Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, aber das Geheimnis des Jesusleibes selbst ging den Gnostikern nicht auf; unbekannt blieb ihnen, daß die drei Leiber des Jesus von Nazareth, in ihrer Zusammenfügung, eine Menschheitssubstanz darstellten, die vorher und auf der Erde niemals im Fleische verkörpert war. Das Mysterium der beiden Jesusknaben blieb ihnen verschlossen. So schwebte denn über ihrer Christusvorstellung ein Dunkel, namentlich in bezug auf den Durchgang durch die fleischliche Empfängnis. Die Übereinstimmungen zwischen der Mutter des Jesus von Nazareth und der Geburt des Christus bereiteten ihnen große Schwierigkeiten.</p><p><a id="page205" name="page205" title="Dr.Nani/gary"/>Um diesen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, durchhieben einige der Gnostiker den gordischen Knoten mit dem Schwert einer kühnen und phantastischen Annahme: daß nämlich der Leib, darin der Christus auf Erden wandelte, bloß ein Scheinleib war, ein astralisches Körperwesen, das da und dort, obgleich nicht physisch, erscheinen konnte. Die Menschen, die behaupteten, Christus in einem wirklichen Körper gesehen zu haben, hätten bloß Maya geschaut. Es ist schon angedeutet worden, daß das Zeitalter, darein die kurze Wirksamkeit des Christus Jesus auf Erden fiel, am allerwenigsten geeignet war, das Christusgeheimnis zu verstehen und zu durchdringen. Die Menschen der altindischen Kultur, von den Rishis erleuchtet, würden nicht die geringste Mühe damit gehabt haben, den Christus zu erfassen, allein diese selbst war durchaus nicht geeignet, einen Körper für die Christuswesenheit zu stellen. Die Eingeweihten der Zarathustra-Kultur wiederum hätten nur geringe Anstrengungen gebraucht, das Sonnengeisthafte des Christus zu begreifen. Im Erscheinen der drei Könige aus dem Morgenlande, drei idealen Vertretern der alten Magie und Sternenweisheit, drückt sich aus, daß auch der chaldäisch-ägyptische Kulturkreis die Fähigkeit besaß, den Christus Jesus zu verstehen. Die griechisch-lateinische Zeit aber, die durchtränkt war von ägyptischen und jüdischen Erkenntniselementen, eignete sich wohl zur Erstellung eines Leibes für die Christuswesenheit, ließ es aber im übrigen an Einsicht in das Christusgeheimnis selbst fehlen. Ist doch später, im Zeitpunkt der Heraufkunft der christlichen Theologie, das Wissen um den Christus Jesus selbst vollkommen ausgeschaltet und vom Glauben an den Christus abgetrennt worden! Um so eigenartiger berührt das Auftreten der Sibyllen im vierten nachatlantischen Zeitraum, das bis in die Zeiten des Mysteriums von Golgatha eindrang und in der Requiemstrophe »Dies irae, dies illa« mit den Worten »teste David cum Sibylla« zum Ausdrucke kommt. Hier beruft sich der 
      <a id="page204" name="page204" title="Dr.Nani/gary"/>Seher auf das Zeugnis Davids und der Sibylle. In der sixtinischen Kapelle, auf dem Gemälde Michelangelos sind, eingereiht unter die Propheten, die persische, die delphische, die erythräische, die lybische und die cumäische Sibylle zu schauen, in denen der Geist der Elemente und Naturgeister Gestalt gesucht zu haben scheint, Reste atavistischer Vererbung, lebendige und gespenstige Zeugen dafür, was aus der Menschheit geworden wäre, wenn in die Entwicklung der Menschen weder die griechische Philosophie noch die Christuswesenheit Eingang gefunden hätte: ein Chaos aus Elementen und Naturgeistern, das, eine wilde Jagd von Dämonen, vom Menschen restlos Besitz ergriffen haben würde. Der Christus Jesus zerstört die sibyllinischen Kräfte. In der vierten nachatlantischen, der griechisch-lateinischen, Zeit spiegelt sich ein geheimnisvoller Vorgang, dadurch hervorgerufen, daß das hohe Wesen der Hierarchie, das mit dem Christus durchsetzt war, die Planeten durchwandert und dort diese oder jene bestimmt bezeichnete Wesenheit geworden ist, auf dem Jupiter: Zeus, auf dem Mars: eben Mars, auf dem Merkur: Hermes, der von den Griechen auch wirklich Merkur genannt wird. Der Christus beseelt endlich auch jenes engelartige Wesen, das Denken, Fühlen und Wollen auf Erden in eine gewisse Ordnung gebracht hat. Von allen diesen Dingen und Erscheinungen ahnte die Gnosis nur dunkle Zusammenhänge; sie bewahrte wohl reine und scharf ausgeprägte Vorstellungen vom göttlichen Hintergrunde des Mysteriums von Golgatha, begründete aber zugleich auch die größte Gefahr: daß das Christentum die klare Erfassung seiner irdischen Aufgabe verlor. In der richtigen Empfindung, daß diese Gefahr nur abgewendet werden konnte, wenn man ihm selbst Grenzen zog, kam man dazu, einen Kanon der heiligen Schriften aufzustellen, von der vorchristlichen Zeit bloß das alte Testament mithineinzunehmen, Unter den christlichen Schriften (dem Instinkte folgend) aber bloß die als Offenbarungsbücher auftretenden auszuwählen und die Zeit 
      <a id="page203" name="page203" title="Dr.Nani/gary"/>der Offenbarungen damit für immer abzuschließen. Mit dieser Begrenzung des Aufgabengebietes geschieht zugleich eine Verdunkelung des Christuslichtes in den Kreisen jener, die berufen waren oder sich für berufen hielten, Nachfolger Christi auf Erden zu sein. Der Christus Jesus, das Erbe seines Erlösungswerkes den Aposteln und ihren Nachfolgern anvertrauend, hat niemals an die Begründung irgend einer irdischen Herrschaft gedacht, die, mit Machtmitteln versehen, dort Gewalt einsetzt, wo sie einzig und allein durch die Kräfte der Liebe wirken sollte. Ausdrücklich warnt der Erlöser vor der Anwendung von Gewalt: alles, was geschieht, um das Wort Gottes in der Welt zu verwirklichen, muß aus Liebe geschehen und im dienenden Geiste. Statt dessen atmen schon die Auslassungen der Kirchenväter gegen die Gnosis und gegen Montanus den Geist des Hasses, der Gewalt und des fanatischen Eifers, der so tief zu sinken vermochte, daß im Namen Christi Tod und Verderben über Unschuldige oder Übelberatene heraufbeschworen ward. Der Geist der Gnosis verhüllte vor diesem Treiben sein Haupt.</p><h4>V.
      <br/> Das Geheimnis der Kabbala</h4><p>Es ist schon gesagt worden, daß das Mysterium von Golgatha die Ergebnisse aller vorchristlichen Mysterien in sich birgt und einschließt, so daß Leuten, denen es an tieferem Blick fehlt und die sich bloß an der Hand greifbarer Tatsachen vorwärtszubewegen imstande sind, das Christentum als ein Extrakt, eine Synthese des Judentums und der griechisch-lateinischen Kultur erscheint, die, um moderner zu sprechen, sozusagen die Spitzenleistung eines religiösen »Systems« darstellt. Eine ähnliche Verwirrung herrscht ja auch in bezug auf die sogenannten hermetischen Schriften, die, als Ereignis viel späterer Zeiten zu erweisen, viel philologischen und auch philosophischen 
      <a id="page202" name="page202" title="Dr.Nani/cal"/>Scharfsinn gekostet hat. In der Wissenschaftlichkeit der Neunziger jähre bis hinein ins 20. Jahrhundert tritt die geradezu fanatische Tendenz auf, das ganze Altertum, namentlich das sogenannte klassische, zu beschuldigen, es habe mit Vorliebe Verstecken gespielt, Pseudoschriften suspektester Art hervorgebracht und überhaupt seine Wonne darin gefunden, sich selbst, Gott und die Menschen zu foppen. Die Sache beginnt mit dem Pseudo-Demokritos, geht von den platonischen »Brieffälschungen« bis zu den pseudodionysischen Schriften und feiert ihren Triumph darin, die Kabbala als ein Produkt des 12. und 13. Jahrhunderts zu bezeichnen, weil der Sepher Jezirah und der Sohar erst um diese Zeit bekannt geworden sind. Der Umstand, daß sich Gedanken späterer okkulter Schriftsteller in der Kabbala finden, erscheint dieser Sorte von Wissenschaftlern als schlagender Beweis dafür, daß das hohe Alter der Kabbala keinesfalls stimmen könne. Der Fehler steckt da, handgreiflich genug, im Unvermögen, die Zeit des Auftretens gewisser Geheimüberlieferungen mit der Entstehung der Geheimlehre selbst als identisch zu setzen. Aus ebendiesem Grunde wird der Leser dieses Buches wahrscheinlich ein Haar darin finden, wenn schon an dieser Stelle, die von den ersten drei bis vier Jahrhunderten vor Christus handelt, also in unmittelbarem Zusammenhang mit der Gnosis, dem Urchristentum und der areopagitischen Engellehre, auch von der Kabbala die Rede ist, obgleich diese von der exakten Forschung in viel spätere Zeiten verlegt wird. Wohl sind zum Grundstock dessen, was das kabbalistische Wissen ausmacht, in späteren Zeiten auch spätere okkulte Bestände ohne Zweifel hinzugefügt worden, aber der Kern der Kabbala ist uralt. Daß es endlich hervorragende christliche Kabbalisten gibt, ist desgleichen nicht der geringste Beweis gegen die Annahme, neben den exoterischen Schriften des alten Testamentes habe es schon vor Beginn des Hebräervolkes eine Geheimüberlieferung gegeben, die sich von Mund zu Mund und durch geheimgehaltene 
      <a id="page201" name="page201" title="Dr.Nani/cal"/>Manuskripte fortpflanzte, unterirdisch durch die nachchristlichen Jahrhunderte lief und endlich, im 12. und 13. Jahrhundert, wieder zum Vorschein kam, als wunderlich gescholten, weil von mystischen »Spielereien« und »Zahlentändeleien« erfüllt, die kein Mensch auch nur einen Augenblick lang ernst nehmen dürfe. In der Tat sagt aber der Name Kabbala nichts anderes als »Überlieferung«, und man hat, ebenso wie in der Gnosis eine Geheimlehre des Christentums, so in der Kabbala eine Geheimlehre des Judentums zu erblicken, was dem modernen, durchaus bolschewisierenden und rationalisierenden Zionismus natürlich keineswegs in den Kram paßt, obgleich gerade ein richtiger, nationaler Jude auf das Wunderwerk der Kabbala mit vollem Recht stolz sein müßte. Diese flüchtige Betrachtung vorangeschickt, kann man nunmehr an eine Darstellung des Wesens der Kabbala schreiten, über die selbst unter sogenannten Okkultisten die wunderlichsten Phantastereien im Umlauf sind. Es gibt in den heiligen Schriften der Kabbala weder Träume noch Hirngespinste, so wenig man andere Wirkungen erzielt, als daß man sich lächerlich macht, wenn behauptet wird, die Pythagoräer, die der Kabbala ein starkes Element beimischten, hätten sich bedauerlicherweise in Zahlenspekulationen eingelassen, die kein vernünftiger Mensch gutzuheißen vermöge. Soviel auch in der Kabbala von Buchstaben und Zahlenwerten die Rede ist, es gibt nichts Exakteres als die Sepher Jezirah und den Sohar. Was macht denn überhaupt das Wesen der vielbelächelten und verspotteten Kabbala aus? Das Erdreich, aus dem die Kabbala hervorwächst, ist die Bibel, bis hinauf zu den Propheten, deren erhabensten Vertreter, Elias, die Kabbalisten gleichsam als einen Urgewährsmann im Offenbarungssinne verehren. Die Kabbala ist bestenfalls eine Geheimlehre für Wissenschaftler, aber sicherlich auch eine vollkommen ausgebaute und wohlfundierte Wissenschaft für Okkultisten aller Zeiten und Völker. Mit den Gnostikern hat sie die Setzung 
      <a id="page200" name="page200" title="Dr.Nani/cal"/>eines letzten, menschlichen und überirdischen Wesens, eines geheimnisvollen, unbegreiflichen, unaussprechlichen und in andächtigem Schweigen zu verehrenden obersten Prinzips gemeinsam, das die Griechen to on (das Eine) nennen, das jedoch, in der jüdischen Geheimüberlieferung, eine ganz bestimmte große Zahl von Namen aufweist: den En-Soph, von dem die zehn Sephirot als göttliche Urbilder ausstrahlen, den En-Soph spiegelnd und, in Stufen, die vier Welten Aziluth, Beriach, Jezirah und Asiah durchdringend, allgegenwärtig und doch determiniert, wie der schöpferische Gott selbst. Jezirah (Welt der Formen und Gestalten) heißt ja auch das Buch der Kabbala, das vorsichtigere Forscher in das neunte Jahrhundert verlegt haben, im Unterbewußtsein wohl davon unterrichtet, daß es mit dem neunten Jahrhundert in der Tat eine besondere Bewandtnis habe, wie man später sehen wird. Schon im zehnten Jahrhundert aber gibt es Stimmen, die ganz richtig behaupten, der Inhalt der Sepher Jezirah sei in Wahrheit uraltes Weisheitsgut, wenn schon nicht auf den Erzvater Abraham, so doch auf Rabbi ben Akkiba im zweiten Jahrhundert zurückführbar. In Mantua 1562 als hebräisches Original gedruckt, entwirft sie die Lehre von Gott und der Welt der Wesen, eingebettet in ein Zwischenreich, geoffenbart in den zehn reinen Sephirot und den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die Naturgeister sind darin ebenso eingeschlossen wie die niederen Dämonen; sie alle beherrscht der ewige Herr und Gott von seiner ewigen Wohnung aus. Die Lehre von den Sephirot findet aber im Sohar ihre natürliche Fortsetzung, der »Glanz« bedeutet und, gleich Sepher Jezirah, eine Wunderwelt für sich darstellt.</p><h4>VI.
      <br/> Die »Spiegel der göttlichen Wahrheit«</h4><p>Einen Grundgedanken der Kabbala bildet, wie schon erwähnt, die Lehre von den zehn Sphären, denen die zehn Sephirot 
      <a id="page199" name="page199" title="Dr.Nani/cal"/>entsprechen; sie bilden nach dem Buch Jezirah, zusammen mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, die zweiunddreißig geheimnisvollen Wege der Weisheit, denen Jehova seinen Namen eingegraben hat. Die Ableitung der Bezeichnung Sephirot steht nicht fest; jedenfalls erweist gerade das Studium über die Herkunft des Wortes Sephirot die nahe Verwandtschaft des Hebräischen mit dem Griechischen. Sephirot ist die Mehrzahl von Sephirah. Die Klanggemeinschaft mit Sphaira, der griechischen Sphäre, fällt ins Ohr. In der Tat werden die Sephirot als konzentrische Kreise dargestellt und weisen auf die zehn Himmelsphären des pythagoräischen Weltsystems hin. In der späteren Kabbala (Rabbi A. K. Jrira) sind die zehn Sephirot: Spiegel der Wahrheit des göttlichen Wesens, ideale Geschöpfe seiner Weisheit, Darstellungen seines Willens, Behältnisse seiner Macht, Instrumente seiner Tätigkeit, Schatzkammern seiner Seligkeit, Verteiler seiner Güte, Richter seines Reiches, Attribute seiner Majestät, unzerstörbare Namen seiner Erhabenheit und Finger seiner Hände; daneben: Ausstrahlungen, Gewänder, Gesichter, Formen, Heiligtümer, Offenbarungen, in Stufen, die von ihm herab und zu ihm hinaufführen, Felder, Grenzen, Lichter, Feuer, Arten der Herrlichkeit, geistige Erscheinungsformen, Masse, Werte und Gewichte, Probiersteine und Kategorien. Jede Sephirah hat ihren Gottesnamen, ihre Engelsordnung, ihre Himmelssphäre, ihre Beziehung zum menschlichen Leib und ihren Grundsatz der Erkenntnis, ausgedrückt durch die zehn Gebote. Sie heißen: Kether, Chochmah, Binah, Ghesed, Geburäh, Tipheret, Nezach, Hod, Jesod und Malkuth. Kether trägt den Gottesnamen Ejeheh, gehört zur Engelordnung der Chajjoth (der himmlischen Tiere), zum Feuerhimmel und entspricht dem Gebot: »Ich bin der Herr, Dein Gott!«; ferner bedeuten Chochmah: Gottesnamen Jab, Engelordnung Ophanim (Räder), Himmelssphäre der ersten Bewegung und Gebot: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!« Binah: Gottesname Jahve, 
      <a id="page198" name="page198" title="Dr.Nani/cal"/>Engelordnung Erellim (Stärken), Himmelssphäre Tierkreis, Gebot: »Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen!«; Chesed: Gottesname El, Engelsordnung Chaschmalim (Glanzwesen), Himmelssphäre Saturn, Gebot der Sabbathheiligung; Geburah: Gottesname Eloah, Engelsordnung Seraphim, Himmelssphäre Jupiter, Gebot: »Vater und Mutter zu ehren!«; Tipheret: Gottesname Elohim, Engelsordnung Schinamenim (die Vielen), Himmelssphäre Mars (Sonne), Gebot: »Du sollst nicht töten!«; Nezach: Gottesname Zebaoth, Engelsordnung Tarschischim (die Gestrengen, Harten), Himmelssphäre Sonne (Mars), Verbot des Ehebruchs; Hod: Gottesname Eloah Zebaoth, Engelsordnung B'ne Elochim (Söhne Gottes), Himmelssphäre Venus, Verbot des Diebstahls; Jesod: Gottesname Elshaj (Lebendiger Gott), Engelsordnung Ischichim (Feuerflammen), Himmelssphäre Merkur, Verbot falschen Zeugnisses; endlich Malkuth: Gottesname Adonai (Herr), Engelsordnung Cherubim, Himmelssphäre Mond, Verbot: »fremdes Gut zu begehren«. Kether ist das Gehirn, Chochmah die Lunge, Binach das Herz, Chesed der Magen, Geburah die Leber, Tipheret die Galle, Nezach die Milz, Hod die Niere, Jesod das männliche Glied und Malkuth die weibliche Scham zugeordnet. Wie man sieht, ist also die Welt der Kabbala um des Menschen willen da und auf diesen bezogen. Vor der unseren hat es nach dem Sohar Welten gegeben, die bald nach ihrer Entstehung zugrunde gingen; es waren Welten ohne Gestalt, die, gleich Funken unter dem Hammer des Schmiedes, nach allen Seiten stieben und gleich wieder verschwinden. Der Bestand dieser alten Welten war deshalb unmöglich, weil Kether noch keine Gestalt angenommen hatte, weil Mann und Weib sich noch nicht schauten, Gnade und Recht einander noch nicht anblickten und der Demiurgos noch nicht an seinem Werke war. Der Mensch war noch nicht geformt und die Welt, für ihn bestimmt, mußte vergehen, weil ihr Zweck noch fehlte. Als das nun geschehen war, als der Funke Mensch (zur Saturnzeit) im 
      <a id="page197" name="page197" title="Dr.Nani/cal"/>Chaos der Wärme aufleuchtete, entstanden nun die zerstörten Welten neu, aber unter anderem Namen. So schließt denn die Gestalt des Menschen alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die oberen und die unteren Welten; der Mensch umschließt auch alle Formen und ist in Wahrheit die Krone der Schöpfung, aber doch nur ein Abbild des himmlischen Menschen. Vom Himmlischen hat der irdische Mensch das Geschenk der Sprache, deren Alphabet astralen Ursprunges ist. Die Verbindung der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets mit den sogenannten Mondstationen (obzwar es deren 28 gibt) liegt auf der Hand. Die Buchstaben sind mit dem Finger Gottes geschrieben, und als Moses die ersten Gesetzestafeln im Zorne über das Tanz um das goldene Kalb zerbrach, flogen die Buchstaben der Schrift wieder zum Himmel zurück. Bedeutet in der Zahlenlehre der Kabbala die Eins den Geist des lebendigen Gottes, die Zwei den Geist aus dem Geist, die Drei das Wasser aus dem Geist, die Vier das Feuer aus dem Wasser, die Fünf die Höhe, die Sechs die Tiefe, die Sieben den Osten, die Acht den Westen, die Neun den Süden und die Zehn den Norden, so enthalten die 22 Grundbuchstaben (gleich den Zahlen mystische Wirklichkeiten von wesenhaftem Charakter) drei Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache; er »grub und meißelte sie ein«, setzte sie in Beziehung, legte sie auf die Waage, maß ihnen Zahlen bei und versetzte sie, die im Munde an fünf Stellen angeheftet sind, an die Kehle, an den Gaumen, an die Zunge, an die Zähne und an die Lippen. Im Kreise sich drehend, verband er alle mit A und A mit allen, B mit allen und alle mit B, G mit allen und alle mit G, indem sie wieder an die alte Stelle zurückkehren. In den drei Müttern (A, M, Sch), der Waagschale des Verdienstes und der der Schuld, mit der Zunge, als vermittelnder Norm, steckt ein tiefes (»großes, verborgenes, verhülltes, mit sechs Siegeln verschlossenes«) Geheimnis. Es gibt drei Mütter in der Welt (Himmel, Erde und Wind), drei im Jahre (Kälte, Wärme 
      <a id="page196" name="page196" title="Nobbez/cal"/>und Hauch), drei im Körper (Kopf, Unterleib und Brust). Das A wurde König über die Luft, das M König über das Wasser, das Sch aber König über das Feuer. Mit den sieben doppelten Buchstaben (B, G, D, K, P, R und Th), die Leben, Friede, Weisheit, Reichtum, Anmut, Fruchtbarkeit und Herrschaft anzeigen, wird zugleich deren Gegenteil gesetzt: Tod, Bosheit, Torheit, Armut, Häßlichkeit, Unfruchtbarkeit und Knechtschaft. Auch die sieben Doppelten grub und meißelte Er ein, verband sie und bildete durch sie die Planeten, die Tage im Jahr, die Dimensionen, die Pforten im Körper, die sieben Himmel und Erden und Wochen, denn er liebte, in ihnen, die Siebenzahl!</p><h4>VII.
      <br/> »Alles Wissen aller Zeiten« in der Kabbala</h4><p>Das B unter den sieben Doppelten machte er zum König der Weisheit, verband beide, den Saturn formend und den Sonntag im Jahr und das rechte Auge im Kopfe; G wurde zum König des Reichtums (Jupiter, Montag, linkes Auge); D zum König über die Fruchtbarkeit (Mars, Dienstag, rechtes Ohr); K zum König des Lebens (Sonne, Mittwoch, linkes Ohr); P zum König über die Herrschaft (Venus, Donnerstag, rechte Nasenöffnung); R zum König des Friedens (Merkur, Freitag, linke Nasenöffnung); Th aber zum König der Anmut (Mond, Sabbath und Mund). Die zwölf einfachen Buchstaben sind H, W, S, Ch, T, J, L, N, Sz, die anderen, A, Z, O, darstellend Sehkraft, Gehör, Geruch, Sprache, Geschmack, Beischlaf, Wirken (Arbeit), Gang, Zorn, Lachen, Denken und Schlafen, entsprechend den zwölf Sternbildern des Tierkreises, den zwölf Monaten des Jahres und den zwölf leitenden Organen des Körpers. Von den zwölf Organen des Körpers sind die beiden Hände zum Fassen (»Rauben«), die beiden Füße zum Jagen, zwei sind Ratgeber (die Nieren), zwei sind fröhlich (Magen und Milz), zwei grollen (Leber und 
      <a id="page195" name="page195" title="JohannN/cal"/>Galle), zwei aber werden beraten (Speiseröhre und Därme), obgleich angeordnet, im Widerstreit miteinander zu stehen, Eines gegen das Andere, wie im Kriege. Das H wird zum König der Sprache (Widder, März-April, rechte Hand); W zum König über das Denken (Stier, April-Mai, linke Hand); S zum König über den Gang (Zwillinge, Mai-Juni, rechter Fuß); Ch zum König über die Sehkraft (Krebs, Juni-Juli, linker Fuß); T zum König über das Gehör (Löwe, Juli-August, rechte Niere); J zum König über die Werktätigkeit (Jungfrau, August-September, linke Niere); L zum König des Beischlafs (Waage, September-Oktober, Leber); N zum König des Geruches (Skorpion, Oktober-November, Milz); Sz (S) zum König des Schlafes (Schütze, November-Dezember, Gott); das andere A zum König über den Zorn (Steinbock, Dezember-Jänner, Speiseröhre); Z zum König über den Geschmack (Wassermann, Jänner-Februar, Magen); O zum König über das Lachen (Fische, Februar- März, Darm). Es gibt also also drei Mütter (A, M, Sch), die zugleich Väter sind (als aus ihnen gebildete Elemente Luft, Wasser und Feuer), sieben doppelte und zwölf einfache Buchstaben. Diese sonderbaren Zuordnungen und Andeutungen sind ohne Zweifel der Grund dafür gewesen, die Kabbala für ein Kompendium von Obstrusitäten, Monstrositäten, sinnlosen Spielereien und Tüfteleien zu erklären, das keinen vernünftigen Menschen beschäftigen dürfe, ohne daß er sich damit dem allgemeinen Gelächter preisgäbe. Nichtsdestoweniger steckt im Sohar wie in der Jezirah, eine Fülle von Wissen um die Welt, um das Göttliche und um den Menschen. Wir sehen Mütter, die einfachen und die doppelten Buchstaben, nur mehr als Zeichen unseres Alphabets, das bloß ein Gerippe und Skelett alter Sprachherrlichkeit darstellt, und nehmen uns kaum die Mühe, nachzuforschen, wie die einzelnen hebräischen Buchstaben zu ihren Zuordnungen gekommen sein mögen. Unser B hat gewiß nichts mit Weisheit und Sonntag zu tun, aber im hebräischen 
      <a id="page194" name="page194" title="JohannN/cal"/>Worte Be-reschith, das »im Anfang« bedeutet, ist es offenkundig der Schöpfungsbuchstabe; unser G und der Reichtum sind gewiß weit voneinander entfernt, aber das hebräische Gimel, das zutragen, hinzufügen, häufen, werfen, vermehren und sammeln bedeutet, kann sich schon im Zusammenhange mit Fülle und Reichtum sehen lassen. Im D des Daleth, was Tür heißt, ist der Zusammenhang mit weiblicher Scheide und Fruchtbarkeit gegeben. Hinter allen diesen Zuordnungen birgt sich uraltes mystisches Gedanken- und Anschauungsgut des Orients. Die Kabbala, ein köstliches Ergebnis alter orientalischer Mystik, gemischt mit den Elementen des Christentums, das sich schon in der göttlichen Dreiheit und in der erhabenen Prophetenvision des Menschensohnes offenbart, ist erfüllt mit erhabenen Gedanken und tiefster Einsicht in die ersten und letzten Dinge. Sie enthält wahrhafte Geheimnisse, die »den Kindern der Welt« unverständlich bleiben. »Als der Verborgene«, so ist in einem Gespräch des Rabbi Simeon mit dem Propheten Elias zu lesen, »als der Verborgene der Verborgenen sich offenbarte, machte er zunächst einen Punkt (das J im Hebräischen hat die Gestalt eines dicken Punktes, der überhaupt das Grundelement der hebräischen Schrift darstellt), der zur Idee ward (zum M in Machshabah); in dieser schuf er alle Formen, bildete alle Figuren und gestaltete dann im verborgenen heiligen Lichte das Bild eines verborgenen, allerheiligsten Wesens, den Grundstein Kether, der, aus der Idee hervortretend, Anfang zum Bau der Schöpfung genannt wird. Er selbst, der Verborgene aber, ist vorhanden und nicht vorhanden und heißt: »Wer?«. Da er sich nun zu offenbaren wünschte, hieß er dann nicht mehr so, warf ein herrliches Lichtgewand über und schuf El(e)h, genannt »Dieses«. Aus El(e)h und dem Mi des »Wer?« ward Elohim, und wie sich Mi und El(e)h verbinden und mit den tieferen Stufen vereinigen, auf diesem Geheimnis ruht das ganze Weltall«. Man kann den tiefen Ernst und die hohe Schönheit solcher Gedankengänge 
      <a id="page193" name="page193" title="JohannN/gary"/>kaum verkennen, ohne zugleich das Exakte der kabbalistischen Ontologie bis ins kleinste zu bewundern. Zu alledem behandelt die Kabbala in ziemlich ausführlicher Weise das Grundgeheimnis alles individuellen Seins in der Materie: die Wiedergeburt, in der Sprache der Kabbala ungenau Seelenwanderung genannt. »Der Mensch muß so lange auf die Erde kommen, bis sein Ichkern (alle Teile seiner Seele) von den Mängeln früherer Daseinsperioden vollkommen gereinigt ist.« In den Zusätzen zu dieser Lehre führt die Kabbala sogar Beispiele von Wiederverkörperungen an; so wird Rabbi Hammuna als eine »von den wiederholten Verkörperungen Mose« bezeichnet, und, weil der König Salomo die Tochter des Pharao zum Weibe nahm, die ihn in der Hochzeitsnacht zu Irrtum verführte, so daß er des Morgens nicht aufstand und die Juden dank seiner Abwesenheit im Tempel am Morgengottesdienst verhindert wurden, mußte er sich im Propheten Jeremias wiederverkörpern, zu dessen Zeiten der Tempel zerstört ward. Mordechai war ein wiederverkörperter Jakob, Haman aber Esau!</p><h4>VIII.
      <br/> Zauber und Spuk der Kabbala</h4><p>Die Kabbala hat aber auch eine praktische Seite. In die Tat umgesetzt, stellt sie ein ungeheures System der Magie dar, das bis auf den heutigen Tag geübt wird, mit scheinbar harmlosen Zahlenkombinationen und Buchstabenversetzungen beginnend und von da vorwärtsschreitend zum gespenstigen Golem, der, eine besondere kabbalistische Gestalt, in der Volkssage auf den heutigen Tag weiterlebt. Die Kabbala ist ein riesiges, weit abgezweigtes Labyrinth von okkulten Erkenntnissen. Aus den Elementen der Jahvekultur, aus babylonisch-assyrisch-ägptischen Geheimlehren gemischt, stellt sie zugleich eine Zusammenfassung pythagoräischer Lehren, platonisch-aristotelischer Philosophie und neupythagoräisch-neuplatonischer Mystik dar, umschließt 
      <a id="page192" name="page192" title="JohannN/gary"/>aber doch auch den Kern des Christus Jesus, der in ihr als lebendiger Urkeim ruht. Uridee und Urwille sind ihre Ausgangspunkte, ihr Rahmen ist der göttliche Weltenplan, der sich von Schöpfungszyklus zu Schöpfungszyklus ändert, so daß die Pläne und Entwürfe zur nächsten Runde immer schon im vorhergehenden Zyklus entworfen werden, der, in unserem Falle, mit der Vulkanwelt seinen Abschluß findet. Wer in Berührung mit ihren letzten und höchsten Geheimnissen tritt, wirkt auch schon auf höherer Ebene, und seine Machtsphäre wächst mit seiner Erkenntnis. Durch Meditation dringt der Kabbalist zum Mysterium des göttlichen Wortes vor, durch sein Gebet ruft er höhere Mächte, durch sein irdisches Begehren, sofern es ihn noch bewegt, die niedere Dämonenwelt zuhilfe, durch Selbstbeherrschung gelangt er in den Besitz übersinnlicher, wenn auch keineswegs übernatürlicher Kräfte (für den Kabbalisten erweitert sich die Sphäre der Natur zu unerforschten Möglichkeiten und Unendlichkeiten). Es gibt in gewissem Sinne weiße und schwarze Magie, auch in der Kabbala. Die weiße setzt Befolgung der göttlichen Gebote, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Pflege und Läuterung der Rede, Schweigen und Einsamkeit voraus. Die dunkle Färbung, bei den Chassiden des 18. Jahrhunderts schärfer ausgeprägt, obgleich sicherlich schon zur Zeit des Apollonius von Thyana und der Gnostiker vorhanden, steht dem irdischen Leben und Treiben weit näher; sie birgt einen Fonds frischer und natürlicher Lebensbejahung, erfreut sich an den Reizen der Erscheinungswelt und zieht ihre Kreise bis ins Reich des Bösen, das aus der Notwendigkeit des Guten seine Satzung empfängt. Die Freude, sagt Rabbi Beer, fließt aus der göttlichen Wonne. Gleich dem Propheten Elias bückt sich der Kabbalist zur Erde und senkt sein Haupt zwischen die Knie, gleich den Mönchen auf dem Berge Athos; Psalmen und Hymnen bringen sein Ewiges in Harmonie mit dem All, sein Atem beginnt sich zu verwandeln und sein Gebet steigert sich zu höchster Brünstigkeit; er wird 
      <a id="page191" name="page191" title="JohannN/gary"/>zum Baal Schem, dem Übermenschen der Kabbala, beherrscht die heiligen Zahlen, Buchstaben und Gottesnamen, erlangt Macht über die Menschen, sieht alles Kommende, ist Freund und Genosse der Engel, Bändiger und Befehlshaber der Dämonen, und die belebte wie die unbelebte Natur gehorchen seinem Wink; die Schlüssel Salomonis sind ihm zur Obhut übergeben, sechsunddreißig Talismane offenbaren ihm ihren höheren Sinn und auf seinen Siegeln, Charakteren und Amuletten erblüht schon die mystische Rose des Rosenkreuzes. Wer den Talisman Damabiach anzufertigen weiß, hat das Rätsel der Sphinx gelöst. Die heiligen Buchstaben, im Tarot lebendig, offenbaren bestimmte Kräfte, in den drei ersten, heiligen Zahlen sind Kether, Chochmah und Binah (Michael, Gabriel und Anaël) vereinigt, vier, fünf und sechs fassen Chesed, Geburah und Tipheret (Zadkiel, Samaël und Kassiel) zusammen, sieben, acht und neun Nezah, Hod und Jesod zusammenfassend, ergeben für Gabriel, Adonisam und Samathiel ein gemeinsames Feld, die Zehn aber kehrt zur Einheit zurück. Als große magische Zahl bleibt neun, die Zahl der Eingeweihten, ein hohes Symbol der Alchimie, an der Pforte zur Zehn als deren Vorläufer und Wegbereiter. In der Zahl einundzwanzig liegt der Schlüssel zum Tarot und die Zusammenfassung des ganzen universellen Wissens. Nach Henoch hat Moses, nach Moses Elias regiert, nach Elias der Christus Jesus. In diesem Bereiche spielt sich das Schicksal der Welt ab. Jeder Talisman, jedes Siegel, jeder Charakter und jedes Zeichen sind Symbole und Gefäße magischer Kräfte. Das Vollkommenste seiner Leistung ist dem Kabbalisten das schöpferische Prinzip in seiner Handhabung durch den mit Gott vereinten Weisen, der das Geheimnis der Schem Ha Mephorasch kennt und hütet. Bedeutet das geheimnisvolle Schem soviel wie Namen, so ergibt Schem Ha Mephorasch den alleinstehenden, heiligen Namen (den erklärten, ausgelegten und umschriebenen Gottesnamen). Das Tetragrammaton, die alte Formel JHVH, 
      <a id="page190" name="page190" title="JohannN/gary"/>wird im Tempel für die Profanen durch Adonai ersetzt. (»Nicht wie ich geschrieben werde, werde ich gelesen, geschrieben werde ich Jahve [JHVH], gelesen aber Adonai.«) Die Kabbala kennt vier-, zwölf-, zweiundvierzig- und zweiundsiebzigbuchstabige Namen Gottes. In der gewöhnlichen Praxis der älteren Kabbalisten spielt der Schem I, IH, IHV, IHVH, pyramidenförmig mit IHVH als Grundlage und J als Spitze aufgebaut, eine große Rolle. Der »Zauberer« auf kabbalistischer Grundlage übt seine Kraft zu bestimmten Zeiten, die er astrologisch genau berechnet und denen eine längere Vorbereitung vorangeht. Von den sieben Tagen der Woche eignet sich jeder, unter einem bestimmten Planeten und unter dem Einfluß bestimmter Intelligenzen stehend, zu besonderen hohen Operationen, die zur Zeit des Wiedererwachens des Okkultismus (Papus, Ochorowicz, Stanislas de Guaita, Eliphas Levy) zu neuen Ehren und oft sehr mißbräuchlichen Anwendungen gelangt sind. Von kabbalistischem Geiste war auch Sar Peladan beseelt, dessen hochstehende Romane von kabbalistischer Magie aller Art erfüllt sind. Das Zeitalter der Entwicklung der Bewußtseinsseele weiß mit diesem Wunderbasar von Zeichen, Symbolen, Geräten und Handlungen nichts mehr anzufangen. Die »neue Gnosis«, die durchaus vorgibt, dem »kommenden Wassermannzeitalter« als der angeblichen Epoche der »mitleidlosen Liebe« zu dienen, dreht das Rad der Entwicklung in eine sehr unfruchtbare Vergangenheit zurück, indem sie sich von der Erneuerung der alten kabbalistischen Praxis besondere Wirkungen auf die menschliche Entwicklung verspricht.</p><h4>IX.
      <br/> Die Kabbala und das Zwischenreich</h4><p>Um die praktische Anwendung kabbalistischer Erkenntnis auf magischem Wege zu verstehen und um zu wissen, worum es sich 
      <a id="page189" name="page189" title="JohannN/gary"/>dabei handelt, muß man auf die Lehre von den verschiedenen Welten, die in Wahrheit nur Bewußtseinszustände (mathematisch ausgedrückt: Dimensionen) sind, zurückgreifen, eine Lehre, die von altersher allen Religionen und Mysterien bekannt ist. Es gibt drei räumlich voneinander nicht getrennte Welten: neben der physisch-materiellen, die Schauplatz und Tätigkeitsfeld aller Menschen ist, eine astralische (seelische) und eine devachanische (geistige) Welt. Der Mensch selbst ist ein Bürger dieser drei Welten; in der physischen lebt er sein körperliches Leben, und die Stoffe, aus denen sie gebildet ist, setzen auch seinen Leib zusammen; in die astralische tritt er mit seinem Tode, der sich als ein radikaler Wechsel des Bewußtseins darstellt, oder er lebt in ihr und ist mit ihr in Verbindung, als Eingeweihter und Adept der astralischen Bewußtseinsstufe. So wie die physisch-materielle Welt hat auch die astralische ihre Eigentümlichkeiten und Bedingungen; die Dinge erscheinen hier wie ein Spiegel, auch die moralischen, Zeit und Kausalität, ergeben ihre Umkehrungen; das Ende steht vor dem Anfang, die Wirkung vor der Ursache, und die Gedanken werden zu Wirklichkeit; aus Farben und Formen bestehend, wird sie von Farben und Formen durchflutet, nicht mit Gegenständen, wohl aber mit Wesenheiten verbunden. Die devachanische oder geistige Welt endlich ist eine Welt der Töne, die zu den Farben und Formen hinzutreten; hier lebt die Weltharmonie, hier erklingt die Sphärenmusik; sie birgt zugleich das Negativ aller Dinge, sie ist eine Welt von Entsprechungen oder Polaritäten und in Festländer, Meere und Luftkreis gegliedert. Die devachanischen Kontinente entstehen durch die Negative der physischen und irdischwesenhaften Dinge, die devachanischen Meere fluten als Leben und Seelisches durch diese Dimensionen, im Luftkreis des Devachans waltet die Welt der Empfindungen. So bilden die Dinge der irdischen Welt die Kontinente, die lebenerfüllten Bereiche die Meere und Lust und Leid den Luftkreis des Devachans.</p><p><a id="page188" name="page188" title="JohannN/gary"/>Über dem Luftkreis gibt es eine (vierte) devachanische Welt, gleichsam als Übergang zur Grenze der geistigen; hier ist der originelle, der schöpferische und der impulsive Gedanke zu Hause, hier ist das »Neue« zu finden, das stets in die Weltentwicklung eintritt. Die Grenze der geistigen Welt aber wird vom Akasha gebildet, vom Erinnerungsäther, vom Weltengedächtnis, für das es weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern bloß ewige Gegenwart gibt. Der Zwischen- und Übergangszone vom devachanischen Luftkreis zur Grenze der geistigen Welten entspricht aber auch eine Zwischen- und Übergangszone von der physischmateriellen zur astralischen Welt, ein Zwischenreich (Kamaloka), das von den Geistern der Abgeschiedenen und von Wesen, die auf gleicher Stufe stehen, erfüllt ist. Dieses Zwischenreich gibt die eigentliche Sphäre und Zone aller Magie und alles Spukes ab, als ein Ort der Begierden, aber auch der Läuterung, des alle Schlacken hinwegfegenden Feuers. Dort durchlebt der Mensch, nachdem er seine physische Gestalt abgelegt hat, die Zeit von der Todesstunde an bis zur Geburt. Vom Zwischenreich steigt er, je nach seinem Karma, zur astralischen Region und zu den Kontinenten, Meeren und Luftbereichen und zur vierten Region, zur Region der geistigen Urbilder auf, denn im Devachan bereitet er, vom getrübten Bewußtsein des Zwischenreiches befreit, seine nächste Erdenwanderschaft und seinen nächsten Körper vor; hier wirkt er, ein schöpferisches Wesen, an seiner und der anderen Seligkeit. Alle diese Welten sind von Myriaden von Wesenheiten und belebten Monaden erfüllt, vor allem die Bereiche, die über der physischmateriellen Welt liegen. Hier sind die Elementargeister der vier Naturreiche zu finden, an denen kein Adept, kein Magier vorbeikann, ebenso wenig wie der Mensch das Zwischenreich betritt, ohne dem großen und dem kleinen Hüter der Schwelle begegnet zu sein. Der Kabbalist ruft diese Wesenheiten, er beschwört sie, macht sie sich »dienstbar«, denn er kennt ihr Wesen, ihre Gestalt im Astralen, ihre 
      <a id="page187" name="page187" title="JohannN/gary"/>Charaktere und Sigel, ihre Zeichen, Zahlen und Buchstaben, und es hängt nur von seiner Entwicklung ab, ob er im Zwischenreich und in der Sphäre der Elementargeister stecken bleibt oder zu den Engeln und Urbeginnen (Archei) aufsteigt, die die menschliche Stufe, von unten aus nach oben, zu den beiden höheren Hierarchien, fortsetzen. Darum spielt in der praktischen Kabbala das Dämonenwesen eine so große Rolle, die Welt der Dämonen, jener »wohlbekannten Schar, die strömend sich im Dunstkreis überbreitet, dem Menschen tausendfältige Gefahr von allen Enden her bereitet«; die Dämonen bewohnen eben jenes Zwischenreich, jenes Intermundium, jene sublunarische Welt, wie sie auch heißt, weil, wenn es Zeit und Ort für sie gäbe, die Zone zwischen Erde und Mond von ihnen bewohnt erschiene. Im Intermundium, im Zwischenreich, herrschen die Schedim (Dämonen im engeren Sinne), Massikim (Poltergeister und Kobolde im Spuksinne) und Ruchim (böse Geister) in ihrer eigentlichen Bedeutung. Unter den Schedim versteht der Kabbalist gefallene Engel, geflügelt, vergänglich und fortpflanzungsfähig, mit Phantomkörpern behaftet, die keine Schatten werfen, eine Zwischenstufe zwischen Tier und Mensch, untertänig dem Aschmedaj (Asmodäus, Asmodi), den sie als König erkennen; einer der Gottesnamen und Kenntnis der Eigentümlichkeiten eines solchen Dämons sind die besten Mittel im Kampfe mit ihnen. Die Massikim sind in erster Reihe Krankheitsdämonen, aufruf- und bannbar durch die magische Medizin. Die Ruchim endlich sind die herumirrenden Astralleichname Verstorbener, die bei den spiritistischen Sitzungen materialisiert werden können. Diese ungeheure Armee setzt sich in alle Teile des schier unendlichen Raumes fort; ihre Wesen haben teils die Natur der Tierkreiszeichen und Planetengeister, das heißt sie entsprechen ihnen und sind mit ihnen verwandt. Zu ihnen gehören bestimmte Metalle und Steine, Pflanzen und Blumen, Tiere und Zwischenwesenheiten aller Art; sie »beherrschen« Stunden, 
      <a id="page186" name="page186" title="JohannN/gary"/>Schwingungen, Wochentage, Monate und Jahre. Sie umfassen, wenn man will, das Geistigseelische der niederen Welten.</p><h4>X.
      <br/> Das große Werk und die Helfer</h4><p>Der Kabbalist beginnt sein Werk mit persönlichen Vorbereitungen; er kennt bestimmte Gebote, besitzt ein magisches Laboratorium, hat seine Steine, Essenzen, Kräuter, Öle, sein Zauberzimmer mit einem Altar, seine Formeln zur Beschwörung der Undinen und des Wassers, des Salzes und der Asche, der Gnomen, Sylphen und Salamander; er weiht seine Geräte, seinen Zauberstab, sein Zauberbuch, das alle Formeln und Geniennamen enthält, seinen magischen Spiegel, seine Talismane, seinen Stichel, sein Federmesser, seinen Kompaß, seine Tabelle der Mondstationen und der Planetenstunden, seine Anrufungen für jeden Tag der Woche, seine Zeremonien und Gebräuche, seine Gehilfin, seinen magischen Kreis, den er nach genauen Vorschriften zieht, und seine magischen Zahlenquadrate. Sieben magische Operationen, den sieben Planeten und ihnen entsprechenden Wochentagen Rechnung tragend, stehen in seinem Belieben; Gott, Macht, sexuelle Liebe, geistige Erkenntnis, Politik und Nation, Wetter und Katastrophe: es gibt nichts, was sich seiner Macht entziehen könnte. Die Geister beherrschend, wird er freilich oft ihr schreckliches Opfer, denn sie lauern nur auf den Augenblick, da er einen Fehler begeht oder einer Schwäche verfällt. Dann stürzen sich die Dämonen auf ihn und üben Rache an ihrem Meister. Noch heute gibt es Vereinigungen von Menschen, die mehr oder weniger, je nach Maßgabe der Macht und ihrer inneren Bosheit, auf kabbalistische und magische Weise Ziele verfolgen und Wirkungen anstreben, die öffentlich nicht verfolgt und angestrebt werden dürfen. Will man bei den ersten vier Jahrhunderten nach Christus bleiben, 
      <a id="page185" name="page185" title="Wunibald/gary"/>so gibt die kabbalistische Anrufungsweise, die Apollonius von Thyana zugeschrieben wird, interessante Aufschlüsse über die Sphäre und über die Seltsamkeiten, die einer Beschwörung im kabbalistischen Sinne eigentümlich sind. Das 19. Jahrhundert, das zugleich die Wiedererweckung des Okkultismus gebracht hat, vermaß sich sogar, den Geist des Apollonius von Thyana selbst heraufzubeschwören, damit er über eine Angelegenheit, die Eliphas Lévi und eine diesem nahestehende Dame interessierte, Auskunft gebe. Eliphas Lévi beschreibt den Gang der Beschwörung genau; es erscheint nach einiger Zeit Apollonius von Thyana, sieht aber anders aus, da ihn Eliphas Levy zwingen will, sich zu äußern, und die Operation nimmt keineswegs den gewünschten Verlauf. Eliphas Levi gibt in der »Geschichte der Magie« sogar das Bild des Apollonius wieder. Im übrigen überliefert der »Nyktemeron«, der dem Apollonius von Thyana zugeschrieben wird, ein genaues Verzeichnis der Genien und Dämonen und ihrer Entsprechungen. Nyktemeron bedeutet die »vom Tag erhellte Nacht (»taghell ist die Nacht gelichtet«, sagt Schiller in seiner »Glocke«) oder, angeblich, das Licht, das von der Finsternis begriffen wird, um mit dem Evangelisten Johannes zu sprechen. Die zwölf symbolischen Stunden, die den Zeichen des Tierkreises und den Arbeiten des Herkules entsprechen, sind Stufen der Einweihung. So lobsingen die Dämonen in der ersten Stunde, in der Einheit, die Herrlichkeit Gottes, indem sie ihre Arglist und ihren Zorn verlieren, durch die Zweiheit preisen die Fische des Zodiakus den Schöpfer, und die Feuerschlangen umwinden den Stab des Merkur; in der dritten Stunde singt das Feuer das Lob des Herrn, in der vierten, der Stunde der Beschwörungen und der goëtischen Praktiken, kehrt die Seele vom Besuch der Gräber zurück, in der fünften lobt das Wasser den Schöpfer der himmlischen Sphären, in der sechsten beweist der Geist seine Standhaftigkeit im Kampfe gegen die höllischen Ungetüme, in der siebenten wird das Licht 
      <a id="page184" name="page184" title="Wunibald/gary"/>des Lebens vom Willen reiner Menschen geleitet, in der achten offenbart sich die Übereinstimmung aller Wesen der Natur, in der neunten darf nichts geoffenbart werden (es ist die Stunde des Schweigens), in der zehnten liegt der Schlüssel zum Weltenzyklus, in der elften tragen die Engel Gottes Botschaft von Welt zu Welt, in der zwölften endlich erfüllen sich die Werke des ewigen Lichtes. Die Genien der ersten Stunde sowie alle weiteren sind, je sieben, mit Namen bezeichnet, die dem assyrisch-babylonischen Kulturkreise entstammen und die sich auch in der Mischna finden. Auch hier gibt es zwölf Stunden, die dem Geheimnis der Zahlen entsprechen. Nicht minder wichtig als diese Stundengenien sind die Intelligenzen, die den 28 Mondstationen zukommen, und die Namen der astrologischen Häuser, in denen sie wirken; Papus zählt sie schematisch auf, gibt genau an, zu welchen Operationen sie zu gebrauchen sind und wie die Talismane aussehen müssen, die mit ihnen in Verbindung stehen. Das ungeheure Reich der planetarischen Geister, zusammen mit den Genien und den Dämonen, das Reich der drei Engelshierarchien, eröffnen dem Kabbalisten tiefen Einblick in die Struktur der Gotteswelt. Den reinsten Ausdruck der Erkenntnis der Hierarchien aber findet man bei Dionysios, dem Aeropagiten, den die Apostelgeschichte erwähnt, von dem aber allgemein behauptet wird, daß er erst um 485 bis 515 gelebt habe. Hierarchien sind nach dem Aeropagiten eine heilige Stufenordnung, Erkenntnis und Wirksamkeit, begründet darin, daß sie den Weg zur Gottheit zurückweisen. Vom Menschen herauf steigend umfassen sie je drei Chöre von Wesenheiten: Engel, Erzengel und Urbeginne; Mächte, Gewalten und Herrschaften; Throne, Cherubime und Seraphine. Das Wissen um die neun geistigen Hierarchien ist ein wesenhafter Bestandteil des Christentums als einer mystischen Tatsache. Von ihnen muß, ehe das Bild der ersten vier nachchristlichen Jahrhunderte abgeschlossen wird, hier noch gehandelt werden.</p><p><a id="page183" name="page183" title="Wunibald/gary"/></p><h4>XI.
      <br/> Die Engelschöre</h4><p>Die Engelchöre haben, nach Dionysios, in höherem Sinne als alle übrigen Wesenheiten unmittelbar teil am göttlichen Sein; sie sind als solche die ersten Instrumente und Organe der göttlichen Offenbarung; Engel (Botschafter) im wahren Sinne des Wortes. Sie schließen die himmlischen Ordnungen nach unten zu, gegen den Menschen hin, ab und bilden anderseits die höheren Wesensstufen über dem Menschen. Zwischen ihnen und den Fürstentümern stehen die Erzengel als Mittelstufe; gegen die Fürstentümer zu sind die Erzengel dem Urquell der Herrschaft nahe, gegen die Engel zu sind sie, mit diesen, erdennäher, aber in wohlgeordneter Leitung verbunden. Die Fürstentümer (archai, Urbeginne, Zeitgeister) endlich empfangen ihre Namen vom Fürsten der Himmel und alles Geschaffenen. Über den Fürstentümern stehen als unterste Stufe der zweiten Ordnung die Engelchöre der Gewalten (Exusiai); sie bilden eine »unverwirrbare Ordnung« zur Aufnahme der göttlichen Impulse und wirken auf die niederen Chöre im Sinne des göttlichen Prinzips; über ihnen besitzen die Engelschöre (Mächte, Dynamis) eine unvergleichliche Ausdauer und unerschöpfliche Aufnahmsfähigkeit für göttliche Erleuchtungen, indes die diesen übergeordneten »Herrschaften« (Kyriotetes) sich einer Herrschaft erfreuen, die keine Knechte kennt, sondern teilhat am Urquell der Macht. Die oberste Hierarchie endlich, die Triade der Reinigung, Erleuchtung und Vollendung, weht und lebt unmittelbar in den Sphären des schöpferischen Gottes und umfaßt, wiederum von unten nach oben, Throne, Cherubim und Seraphim; in unablässigem Reigen bewegen sie sich um Gott, den sie in herrlichen Lobgesängen preisen. Die Seraphine sind die Entflammer oder Erglüher, die Cherubime aber deuten, schon ihrem Namen nach, auf Fülle der Erkenntnis und Ergießung der »Weisheit«. Im Nachwort zu seiner 
      <a id="page182" name="page182" title="wolfeh/gary"/>Engellehre läßt Dionysios durchblicken, daß er nicht alles gesagt habe, »um die über uns hinausliegende Verborgenheit durch Schweigen zu ehren«. Man könnte nun meinen, daß die gesamte Dämonologie sowie die Lehre von den geistigen Hierarchien zu jenem mystischen Erkenntnisgute gehören, das einer früheren Erkenntnis- und Bewußtseinsstufe entsprach, daß aber »unsere Zeit« gerade dieses »wunderlichste und unglaubwürdigste« Kapitel des Okkultismus wahrscheinlich radikal fallen gelassen habe. Das gerade Gegenteil dieser Annahme trifft zu. Die Lehre von den geistigen Hierarchien spielt im Rosenkreuzertum und in der heutigen Anthroposophie eine zentrale Rolle. Der Ätherleib der Natur (das, was die Kräfte der Natur zum Leben aufruft) stellt eine unendliche Mannigfaltigkeit und Vielheit dar und birgt eine unübersehbare Legion differenzierter Wesenheiten. Zum Reiche der elementarischen Geister (Naturgeister) aufsteigend, kommt das forschende Bewußtsein mit einer Klasse von Wesen in Berührung, die noch Form und Gestalt aufweisen und als begrenztes Bild erscheinen, dann aber auch mit solchen Wesenheiten, die sich ohne Unterlaß wandeln. Wer in das Innere der Erde geistforschend eindringt, stößt auf die Geister der Erde, des elementarisch Irdischen; im Element der Wolke, des Wasserfalles, des Nebels und Regens auf die Naturgeister des Wasserartigen im Reiche der Pflanzen; im Elemente der Luft auf blitzartig aufleuchtende Wesenheiten, die meteor- und irrlichtartig über unsere Erde huschen, endlich auf die Feuergeister auch in Same und Keim die Bewahrer alles Samens und Keimens. Wer die Kunst versteht, die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen bewußt zu erleben, dem verschwindet zunächst die physische Welt und auch die Sphäre der Naturreiche; der spirituellen Welt genähert, schaut er die Befehlshaber der Naturgeister, die den Gang der Jahreszeiten regeln und zugleich das darstellen, was man Astralleib der Erde nennen möchte; sie sind über alles, was Zeit und Raum betrifft, gesetzt, als Geister 
      <a id="page181" name="page181" title="wolfeh/gary"/>der Umlaufszeiten. Wer bis zu ihnen vorgedrungen ist, ohne daß er sein Ich (seine Erinnerung und die Stärke seines Gewissens) verlor, steigt zu den Planetengeistern auf; mit der Sonne verbunden, leuchtet sie ihm, auch wenn sie selbst untergegangen ist; der Geist der Erde endlich wird ihm offenbar! Die gesteigerte Wahrnehmung des Leibes führt in die Sinneswelt, in das Reich der Naturkräfte, die Imaginationen des Ätherleibes führen in das Reich der Naturgesetze, die Inspirationen des Astralleibes zum Sinn der Natur, zu den Geistern der Umlaufszeiten und die Intuition des Ichs zu den Planetengeistern und dem Geist der Erde. Der moderne, aufgeklärte, neusachliche Mensch läßt es mit unverhohlener Befriedigung geschehen, daß die Kräfte und Tatsachen des Lichtes, der Wärme, des Magnetismus, der Elektrizität, der Anziehung und Abstoßung, des Atomzerfalles und der Schwerkraft mit Namen bezeichnet werden, obzwar damit für das Wesen dieser Erscheinungen nicht das geringste erklärt ist, aber er sträubt sofort sein Kopfhaar und wird widerborstig, wenn man ihm sagt, daß es sich in der Geisterwelt nur um Namen für jene »Wesenheiten handelt, denen er unbewußt seine gelehrten Termini beilegt. Die Quelle zu den Lehren von den geistigen Wesenheiten und Hierarchien ist allerdings im Innenleben des Menschen selbst zu suchen. So erscheinen der Steinerschen Geisteswissenschaft die Hierarchien als Naturgeister, Geisterfüllung und Offenbarung (Engel, Erzengel und Archai oder Zeitgeister); das Erlebnis der Gruppenseelen, der Lebenserweckung ins Schöpferische als die Geister der Form, der Weisheit und der Bewegung und endlich, als Geister der Umlaufszeiten, die wesensschaffende Geistkraft und das weltschöpferische Geheimnis: als Throne, Cherubime und Seraphime. Der Mensch hat die »Gabe«, die Möglichkeit zur Lüge, er kann den Wahrheiten der übersinnlichen Welten seine Unwahrheiten als Widerspruchsgeist entgegensetzen. Diese Möglichkeit haben die Engel nicht; würden sie zu lügen versuchen, so 
      <a id="page180" name="page180" title="Dr.Nani/gary"/>wäre ihr wesenhaftes Bewußtsein auch schon verloren. Der Augenblick, da Wesenheiten der dritten Hierarchie das Gelüste verspürten, ihre Natur zu verleugnen und ihr Wesen an einer Art Außenwelt zu erleben, gekennzeichnet durch den Aufruhr der Engel und die große Schlacht im Himmel, ist in der Bibel für das Gedächtnis der Menschen auf immer bewahrt. Er brachte die Entstehung der luziferischen und der ahrimanischen Geister, zusammengefaßt in die beiden Hauptimpulse der Menschheit: Luzifer und Ahriman!</p><h4>XII.
      <br/> Ein Blick auf die äußere Welt dieser Zeit</h4><p>Den Blick zurückwendend auf Urchristentum, Gnosis, kabbalistische Strömung und dionysische Engellehre, sie als Erscheinungen zusammenfassend in das Blickfeld der ersten vier Jahrhunderte nach Christus, mag nicht ohne Nutzen sein, auch das Äußerliche dieser Epoche ins Auge zu fassen. Im Räume des letzten vorchristlichen Jahrhunderts erlischt langsam die Philosophie der Stoiker (mit Poseidonios und Arios Didymos), der Epikuräer (mit Lukretios und Philodemos), der Skeptiker (mit Anesidemos), der Eklektiker (mit Potamon von Alexandrien), aber das Licht der Neupythagoräer (Nigidius Figulus) scheint auf, das auch im Apollonius von Thyana brennt, und noch Philo von Alexandrien, der hebräisierende Platoniker, schöpft aus den alten Mysterienquellen. Die ersten zwei Jahrhunderte nach Christus umfassen mit Seneca, Epiktet und Marc Aurel die leisen Übergänge zum Neuplatonismus, die Ausläufer des Skeptizismus (mit Sextus Empirius), die Neupythagoräer und Neuplatoniker (Nikomachos von Gerasa) und Philostrates, Plutarch von Chaeronea, Numenios, Apulejus, Galenus und Celsus (die man mit einiger Berechtigung eklektische Platoniker nennt) und die alexandrisch-römische Neuplatonikerschule mit Ammonias 
      <a id="page179" name="page179" title="Dr.Nani/gary"/>Sakkas, aber schon vom ersten ins zweite Jahrhundert gibt es etwas ganz Neues im Geistesleben und parallel mit den Neuplatonikern laufend: die Kirchenlehrer (Flavius Justinus, Irenäus, Tertullian, Clemens von Alexandrien und Origines). Bis gegen den Anfang des sechsten Jahrhunderts, bis zum staatlichen Schluß der neuplatonischen Schule (529), wirken die großen Geister des Neuplatonismus (Plotin, Porphyrios, Jamblichos, Theodoros von Asine, Plutarch von Athen, Syrianos, Proklos, Simplikios und Damaskios) noch neben den Philosophen der Kirche, Augustinus, Synesios, Nemesios, Marc. Capeila u. Cl. Mamertinus, Aeneas von Gaza, Cassiodor, Johannes Philoponos und Boethius. Im 6. Jahrhundert aber schließt der Neuplatonismus seinen erhabenen Mund; die Kirche als Verdrängerin des Geheimwissens behauptet das Feld, in den Raum des Geistes Isidor von Sevilla, Maximus Confessor und Beda Venerabilis entsendend. Die kirchliche Wissenschaft, die Kirchenlehrer mit Alcuin und Hrabanus Maurus, mit Johannes Scotus Eriugena, Heiricus von Auxerre bis zu Sylvester II. (Gerbert) und Berengar von Tours fortsetzend, mündet über das schicksalsreiche neunte Jahrhundert in die Hauptscholastik, die gleich einer geistigen Sintflut hereinbricht. Der Aufstieg der kirchlichen Wissenschaft vor den Scholastikern wird nur von spärlich auftretenden griechischen und arabischen Koryphäen begleitet, wie Johannes Damaskenos, Photios, Arethas und Psellos, von Alkindi, Alfarabi, den »lauteren Brüdern«, von Alhazen und Avicenna, von Algazel, Ibn Bajda, Ibn Tophail und Averrhoës, aber auch von gewaltigen Juden, wie Sandja Pajjumi, Avicebron und Moses Maimonides, im Anfang des XII. Jahrhunderts. Man muß in die Fülle des Unbeachteten in den Evangelien zurückgreifen, um die Entwicklung des petrinischen Christentums und der kirchlichen Wissenschaft zu verstehen und richtig zu werten. Ich habe schon darauf hingedeutet, daß es zwei charakteristische Merkmale des Petrus gibt: seine Johannesnähe und seine 
      <a id="page178" name="page178" title="Dr.Nani/gary"/>Judasnähe. Auf dem Thema Petrus und Johannes einerseits und Petrus-Judas anderseits ruht ein Geheimnis tiefster Art. Die Johannesnähe des Petrus bleibt bis Ostern und Pfingsten verborgen, wo sie sich zu entfalten beginnt: die Peripetie des Petrusdramas, der Absturz aus der Johanneshöhe in die Judastiefe geschieht vor Cäsarea Philippi. Durch das Erlebnis der Blindgeborenen-Heilung zur sechsten Stufe der Einweihung gelangt, zerschellt er an der siebenten, an dem tieferen Verständnis für den Opfertod Christi. Lazarus, der bis zur siebenten Stufe gelangte, ist der Träger der christlichen Einweihung, Petrus, der bloß die sechste erreichte, der Träger des Priestertums. Das kirchliche Christentum, seine »Realität« bisher nur zu den drei ersten sakramentalen Stufen erhebend, besitzt wohl auch die Kenntnis der vier anderen Mysterien, die über das Persönliche ins Kosmische hinausführen (Abendmahl, Trauung, Priesterweihe und Sterbesakrament), aber in der Art des Erlebens blieb selbst diese Erkenntnis nur auf der dritten Stufe. Auch vom Mysterium der fünften Stufe sinkt das kirchliche Christentum hanghaft auf die dritte Stufe zurück. Nur so erklärt sich die irdische Einmischung und die vormundartige Stellung der Kirche in Sachen der Ehe, nicht minder, wie die Übertragung des Begriffes »Sünde« auf alles Geschlechtliche. Steht die Kirche den Gefahren der fünften Stufe hilflos gegenüber, so hat sie wiederum das Mysterium der sechsten Stufe (der Priesterweihe) nicht christusmäßig zu entwickeln vermocht. Die Schlüsselgewalt des Petrus wird von ihr als Vollmacht zu persönlicher Absolution gedeutet. Vor Cäsarea Philippi offenbart sich die Größe und zugleich die Grenze der Petrusgestalt; man gewahrt seine Relativität und damit zugleich die Relativität des petrinischen Christentums überhaupt. Es ergibt sich die große Schicksalsfrage, warum nicht Johannes, sondern Petrus den Auftrag des Erlösers empfing, warum, schon im ersten Stadium des kirchlichen Christentums, Priester und Eingeweihte zwei verschiedene 
      <a id="page177" name="page177" title="Dr.Nani/gary"/>Gestalten sind. Im Auftrag des Christus Jesus ist von den »Pforten der Hölle« die Rede, welche die Kirche, auf den Petrusfelsen gegründet, » nicht überwältigen werden. Den Pforten des Himmels, zu denen der goldene Schlüssel paßt, stehen die Pforten der Hölle gegenüber, die, nach altem Geistgesetz, zugleich aufgehen, wenn das Tor des Himmels geöffnet wird. Wem sich der Himmel öffnet, der muß mit den Dämonen des Abgrundes ringen (»abgestiegen zu der Hölle«, heißt es im christkatholischen Glaubensbekenntnis). Petrus ist der Erdenfels, er hat den Schlüssel, aber er ist nicht der Mann der offenen Himmelstüre. Sein Christusschauen lebt als Glaube fort, nicht als Christerkenntnis. Solange Petrus die Kirche führt, hat das Christentum Zeit, seine Kräfte für die große Dämonenschlacht, den Kampf aller gegen alle, zu sammeln. Das tausendjährige Reich geht zu Ende, Satan wird entfesselt, seine Dämonen werden frei, Petrus übergibt Johannes die Führung, die sechste und siebente Stufe reichen sich die Hand, christliches Priestertum und christliche Einweihung vereinigen sich in dieser großen Stunde. Die Kirchenlehrer von heute stehen fast ohne Ausnahme zum Priester, nicht zum Eingeweihten!</p><h4>XIII.
      <br/> Die Kirche und ihre Sprache</h4><p>Auf dem Kreuze, daran der Erlöser hing, war eine Tafel in drei Sprachen angebracht: hebräisch, griechisch und lateinisch, zugleich symbolisch die Wege weisend, die das Christentum ging: vom Judentum zum Griechentum und Römertum. Die hebräische Kultur war die Geburtsstätte des Christentums, dem Urchristentum gab die griechische Kultur Sprache, Form und Ausdruck, und durch das Römertum, durch die lateinische Sprache, schlug das Christentum als Weltreligion seine Wurzeln in die Kultur aller Völker. Sind die Spuren der hebräischen 
      <a id="page176" name="page176" title="Dr.Nani/gary"/>Herkunft und des Durchganges durch den römischen Geist auch heute noch vorhanden, so hat sich der griechische Anteil am Christentum leider zur Gänze verloren. Mit Ausnahme des Matthäusevangeliums war die Urschrift der Evangelien, über die Paulusbriefe bis hinauf zur Apokalypse, in griechischer Sprache verfaßt. Zur Zeit des Urchristentums, in der das Neue Testament entstand, hat man auch das alte Testament nur in griechischer Sprache gekannt. Tatsächlich sind die Septuaginta und die alte hebräische Bibel zwei sehr verschiedene Dinge. Die Vertreibung des Griechischen und die Wahl des Lateinischen als Sprache der Kirche gehört zu den tragischen Kapiteln, an denen die äußerliche Geschichte des Christentums wahrhaftig nicht arm ist. Aus der griechischen Sprache und dem griechischen Geist zog das Urchristentum seine magische Kraft und Schönheit. Am Beginne des vierten Jahrhunderts aber war das Christentum schon römische Staatsreligion; ohne den Christus in sich zu erleben, wird der Römer gezwungen, Christ zu werden, sich äußerlich taufen zu lassen. Die die Taufe vollzogen, waren oft ebenso weit entfernt vom Christus wie der Täufling in diesem Augenblick. Dem römischen Christentum zuliebe ward die griechische Form und Schale zerbrochen. Mit der griechischen Sprache verschwand aber auch der geistige Anteil am Christentum als einer mystischen Tatsache. Die Kirchenlehrer der ersten drei Jahrhunderte sprachen, lehrten und schrieben griechisch, erst Tertullian schrieb und sprach lateinisch; er ist der wahre Urheber des Kirchenlatein geworden, das nun Ambrosius, Hieronymus und Augustinus vollendet beherrschten und schrieben. An die Stelle lebendiger Einsicht in das Mysterium von Golgatha, trat das Dogma, eine Formel, die, starr und unbeweglich, den Geist vorzeitig entweichen ließ. Das Licht der Offenbarung dunkelte ab, es war fast gar nicht mehr vorhanden; als Luther seine Bibelübersetzung unternahm, sprachlich ein Meisterwerk, als Übertragung im exoterischen Sinne aber eine 
      <a id="page175" name="page175" title="Dr.Nani/gary"/>Quelle von Irrtümern und Fehlern, die, aus dem lateinischen Geist hervorgegangen, durch ihn sanktioniert worden sind. Tertullian, der den Kampf gegen Montanus damit schloß, daß er selbst Montanist wurde, öffnete durch die Annahme der lateinischen Sprache dem montanistisch-materialistischen Kirchengeiste Tür und Tor. Schritt für Schritt ging der griechische Anteil am Christentum unter; mit dem römischen Geiste verquickt und durch die Vulgata Staatsdokument geworden, ward das Christentum der Kirche zu einer Angelegenheit dieser Welt, interessiert an Machtfragen und Politik. Zwischen Corpus juris und der lateinischen Bibel, zwischen diesen beiden Säulen innerer Verderbnis, trat die Kirche Petri ihren Triumphzug in die Welt an. Noch Clemens von Alexandrien, Lehrer des Origines, schöpfte aus dem klaren griechischen Quell, auf seinen Reisen ohne Zweifel mit alten Mysterienstätten in Berührung. In den Schriften des Clemens »waltet noch zwischen den Zeilen ein heiliges Schweigen, das Abgründe ahnen läßt«, Origines aber, der, noch immer, mehr weiß, als er sagt, bemüht sich schon, so klar und deutlich und volkstümlich zu schreiben, wie nur möglich. Mit Recht verweist ein Kapitel in den Bibelbetrachtungen der »freien Christengemeinschaft« darauf, daß mit Origines, dem ersten Philologen in der menschlichen Geschichte, auch der Geist des Kommentars auftaucht, als ein deutliches Zeichen dafür, daß das lebendige Verständnis des Originals längst verlorengegangen ist. Ohne Schonung seiner selbst, bemerkt Origines im Anfange seiner Schrift über das Hohe Lied: »Apostel und Evangelisten konnten ohne Schaden apokryphe Schriften verwenden, denn der heilige Geist lehrte sie noch, was auszuwählen und was zu verwerfen war. Mit großer Ehrfurcht und heiliger Scheu steht Origines den Evangelientexten gegenüber. Er klagt aber über das abnehmende Verständnis des göttlichen Sinnes bei denen, die sich der heiligen Schrift bedienen; immer größer wird die Sucht, sich an den Buchstaben zu halten, immer geringer 
      <a id="page174" name="page174" title="Dr.Nani/gary"/>das Bedürfnis, zu allem, was in der Bibel steht, die geistigen Gegenbilder zu finden. Von Origines stammt die tiefsinnige Lehre über den dreifachen Schriftsinn: der Einfältige mag sich am Fleische der Schrift ergötzen, der Fortgeschrittene an ihrer Seele, der Vollkommene an ihrem Geiste, denn so wie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so auch die dem Menschen zum Heil verliehene heilige Schrift. Viele Stellen der Bibel haben überhaupt gar nichts Körperliches mehr, so daß man bloß nach der Seele und dem Geist der Schrift suchen muß. Das alles stirbt mit dem Einzug des römischen Geistes in das Christentum dahin, der die römisch-katholische Universalmonarchie des Mittelalters vorbereitet. Der Zeitgeist der vierten Epoche erreicht in Thomas von Aquino den Höhepunkt. Schon zu Christi Zeiten aber sind die Germanen daran, in die Weltgeschichte einzutreten. Der Strom der Völkerwanderung ergießt sich durch ganz Europa, und im Vordergrunde der Entwicklung stehen die fränkischen Germanenstämme, vom Christusimpulse ergriffen, obschon ursprünglich ein rohes und hartes Volk. Im 9. Jahrhundert übernimmt es die Führung, im rauhen Schicksal geglüht und geläutert, und aus seinem Geiste heraus wird der Parsifal geboren, das Geheimnis des Grals gelüftet und der Same zu dem gelegt, was als rosenkreuzerischer und johanneischer Impuls bis auf den heutigen Tag in der Welt wirksam ist.</p><p><a id="page173" name="page173" title="Dr.Nani/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap007"><h3>Fünftes Kapitel
      <br/> Das neunte Jahrhundert, der Gral und die Rosenkreuzer</h3><h4>I.
      <br/> Kaleidoskop der Weltgeschichte</h4><p>Das achte und neunte Jahrhundert nach Christus, namentlich aber das neunte, sind für die Entwicklung der Menschheit und für das Christentum als mystische Tatsache ein überaus bedeutsamer Zeitraum. Ein Meer von Blut strömt über die Erde, eine Unruhe ohnegleichen erfüllt die Menschen, neue Völker treten in die Weltgeschichte, Reiche werden gegründet und zerstört, zur Gewalt der Gemeinschaften gesellt sich die rohe Willkür und Schrankenlosigkeit des einzelnen, Dummheit und Niedertracht scheinen die Welt zu beherrschen. Zwischen dem Auftreten der Hunnen (375) und dem Vertrag von Verdun (843) liegt zunächst Alarichs Einfall in Italien und die Eroberung und Plünderung Roms durch diesen merkwürdigen Westgotenkönig; von Rom unabhängig, entsteht in Südgallien und Spanien ein neues Westgotenreich mit Tolosa und später Toledo als Hauptstadt. In Afrika hausen über ein Jahrhundert (vom 5. Bis 6.) die Vandalen, Attila verliert die catalaunische Schlacht; Slawen dringen in die von den Germanen verlassenen Gebiete bis zur Elbe, 476 ruft sich Odoaker zum Beherrscher Italiens aus, Theoderich, der Große, gründet in Italien ein Ostgotenreich (493); 534 zerstört Belisar, der Feldherr Justinians, das Vandalenreich in Afrika und in einem Zuge das der Ostgoten; 568 bis 774 tritt in Italien ein Langobardenreich in Erscheinung, das Frankenreich kommt im 6. Jahrhundert an die Merowinger; 622 flieht Mohammed und gründet durch seine Flucht das Reich des Islam; in der Schlacht bei Xeres de la Frontera (711) stürzt 
      <a id="page172" name="page172" title="gipsy/gary"/>das stolze Westgotenreich in Trümmer; im 8. Jahrhundert gerät das Frankenreich unter die Karolinger, gegen Ende dieses Jahrhunderts wird das Langobardenreich zerstört und die Sachsenkriege beginnen gleichzeitig mit den blutigen und langwierigen Kämpfen gegen Slawen und Avaren. 843, im Vertrag von Verdun, zerfällt das Frankenreich in drei Teile. Die Magyaren brechen in deutsches Land unter fürchterlichen Verwüstungen ein, und vollends das 9. Jahrhundert versinkt in Blut und Feuer, gleichsam als Vorspiel zum zehnten Säkulum, das in der Geschichte als das dunkle Jahrhundert bekannt ist. Von dem esoterischen Hintergrund der Rassen- und Völkerbewegung wird an einer späteren Stelle die Rede sein. Hier mag kurz darauf hingewiesen werden, daß die Geisteswissenschaft im Sinne Steiners zeigt, wie der lemurische Erdteil dank der Umstülpung der ätherischen Sphären und der neueindringenden Bildekräfte durch eine gewaltige Feuerkatastrophe zugrunde ging. Nur ein ganz kleiner Teil der Bewohner dieses Erdteils kam um. Die mosaische Genesis schildert diesen Zustand, hervorgerufen dadurch, daß die Kräfte des chemischen Äthers das Ganze der Erde durchdringen, den Lichtäther überwältigen und die Sphären der Erde sich mit Wasser füllen. Der erste Schöpfungstag erzählt die Ereignisse beim Übergang von der lemurischen zur atlantischen Periode. Wie aus den Kräften der dritten ätherischen Woge die vierte und fünfte entsteht, das zeigt die biblische Genesis in grandiosen Bildern. Die Menschheitsüberreste der lemurischen Zeit zogen sich an einem Flecken der Erde zusammen, der heute vom Atlantischen Ozean bedeckt wird, Atlantis, der heute versunkene Erdteil zwischen Europa, Afrika und Amerika wird von ihnen besiedelt. Um diese Zeit scheiden sich die Menschen nach den Planetensphären in Saturn-, Sonnen-, Jupiter- und Marsmenschen. Die Venus- und Merkurrassen (Malayen und Neger) strahlen nach Asien und Afrika hinüber, indes die Saturn- (Indianer), Sonnen- (und 
      <a id="page171" name="page171" title="gipsy/gary"/>Jupiter-) Rassen, Arier genannt, und die Marsrassen (Mongolen) ihre Anlagen auf dem atlantischen Kontinent entwickelten, bis sie durch die große atlantische Katastrophe (Sintflut) auch von diesem Erdteil vertrieben wurden. Lemurier, Atlantier und Arier sind die drei Wurzelrassen der Menschheit. Jedenfalls hat man die großen Völkerwanderungen des 4. bis 9. Jahrhunderts nur als Folge jener Wandlungen anzusehen, die sich zwischen dem 3. und 4. und dem 4. und 5. Kulturabschnitt vollzogen. Ohne Sinn sind diese grandiosen Platzsuchen und Platzwechsel der Völker keineswegs gewesen, schon deshalb nicht, weil sie mit der Ätherverteilung auf der Erde zusammenhingen, die ohne Zweifel mit geistigen Impulsen in Verbindung stand. Kultur ist in diesen Zeiten ein haltloser Begriff geworden. Im 8. Jahrhundert sind Alcuin und Hrabanus Maurus Wissensträger gewesen, im 9. haben die Griechen nur Photius und Arathas, die Araber Alkindi und Alfarabi und die Juden den Sandju Fajjuni hervorgebracht, indes die Kirche auf Scotus Eriugena, Heiricus und Remigius von Auxerre verweisen kann. Das zehnte Jahrhundert vollends, das dunkle, tritt in den Tabellen der Philosophie als ein weißer Fleck auf, als geistig unbeschriebenes Blatt, darin die »lauteren Brüder«, Alhozen und Avicenna, später Gerbert Sylvester, und Berengar von Tours als bescheidene Eintragungen ihr Leben fristen. Alles geistige Leben scheint sich vom dritten Jahrhundert ab, das als Entstehungsjahr der christlichen Kirche anzusehen ist, um dieses große, seltsame und doch von Leben und Kräften reich durchpulste Wesen Kirche zu gruppieren, das nach und nach die Herrschaft über einen großen Teil der Menschheit an sich bringt. Die Anfänge und Keime der Kirche im sizilischen Römerreich sind ungefähr in den Jahren 180 bis 190 zu suchen; sie umfassen die Gründung von Einzelgemeinden mit monarchischem Episkopat, von denen als die wichtigste und lebendigste Zelle der römische Episkopat (um 150) angesehen werden muß.</p><p><a id="page170" name="page170" title="Samuel/gary"/></p><h4>II.
      <br/> Querschnitt durch die Kirchengeschichte</h4><p>Ein Blick auf die Situation der christlichen Kirche bis zum 9. Jahrhundert gibt den geeigneten Hintergrund für das Geheimnis des Grals. Die Anfänge des Christentums reichen ungefähr bis 190, gerechnet von 64, dem Jahre der neronischen Christenverfolgungen. Sechs Jahre später zerstört Titus Jerusalem. Der Beginn des 2. Jahrhunderts (Trajan) bringt neue Prozesse gegen die wunderlichen Schwärmer, die, wie Polykarp, Justin und die lugdunensischen oder die szilitanischen Märtyrer für ihren Glauben sterben. Erweisen sie durch die Tat die Wahrheit ihrer neuen Religion, so sorgen Aristides, Justinus und Tatian dafür, daß es an apologetischen Verteidigern der Christussache nicht fehle, namentlich dort, wo, wie bei Celsus, dem neuplatonischen Eklektiker, eine Rechtfertigung der Vielgötterei versucht wird. Im Mittelpunkte der Kämpfe stehen die Apostel, Propheten und Lehrer aufrecht da, Häupter der ersten katholischen Gemeinden, die in Episcopi, Presbyteri und Diaconi gegliedert, das Leben dieser Gemeinschaften überwachen und regeln. Unter den Einzelgemeinden mit monarchischem Episkopat ragt die römische Gemeinde, wie schon erwähnt, um 150 besonders hervor; sie bildet die Kernzelle des römischen Christentums. Die Bischöfe haben es nicht schwer, als Nachfolger der Apostel aufzutreten, denn sie sind unmittelbar aus dem persönlichen Verkehr mit den Aposteln hervorgegangen. Die ersten Synoden erörtern Fragen des Glaubens als Vorläufer der Konzilien, die zugleich Merksteine der allmählichen Verdunkelung des Christusbewußtseins darstellen. Das Judenchristentum hat mit dem mosaischen Gesetz, das Heidenchristentum mit den orientalischen Mysterien zu kämpfen. Die Apostelzusammenkunft, in Jerusalem (zwischen 44 und 50), die paulinischen Sendschreiben geben ein erhebendes Bild jener 
      <a id="page169" name="page169" title="Samuel/gary"/>bewegten Zeiten. Wie ein letztes Aufleuchten der neuen Christuslehre wirkt die johanneische Literatur. Das Judenchristentum tritt in den Hintergrund, der Gnostizismus (135) schließt die Urgeschichte des Christentums im Römerreiche grandios ab. Auf den Trümmern des Gnostizismus errichtet die Kirche ihren Bau, der anfangs des 4. Jahrhunderts in seinen ersten Anfängen fertigsteht. Schritt für Schritt muß den Mithras- und Osirismysterien der Boden abgerungen werden. Die Kirche beginnt, die Welt zu erobern; noch einmal flackert die Flamme der Christenverfolgungen unter Decius und Valerian auf, die nach 40jähriger Duldung unter Diokletian und Galerius fortgesetzt werden. Den großen, entscheidenden Schritt aber tut Konstantin, der (313) Religionsfreiheit verkündet; er ändert mit einem Schlage die Situation des militanten Christentums. Das Jahr der Religionsfreiheit ist zugleich das Jahr der Heraufkunft des Priesters, der den Eingeweihten verdrängt. Der Chor der Eingeweihten weicht dem Klerus, gegen den sich die Gruppe der Laien deutlich abhebt. Die römische Gemeinde und ihr Bischof erstreiten sich den Vorrang als einzige apostolische Gemeinde des Abendlandes. Die Unordnung der Dinge führt zu Zank und Streit um allerhand Fragen des christlichen Lebens: über das Osterfest, über Kirchenzucht und novatianisches Schisma, und Kyprian prägt das stolze Wort: extra ecclesiam nulla salus (kein Heil außerhalb der Kirche). Ist das Geheimnis der Mysterien auch immer mehr abhanden gekommen und verlorengegangen, so wirken diese doch auf die Erhaltung des christlichen Kults. Theologische Schulen und Richtungen treten auf, Realisten wie Irenäus, Hyppolytos, Tertullian und Kyprian stehen Idealisten wie Klemens und Origines gegenüber; die alexandrinische Katechetenschule und die monarchianischen Kämpfe kennzeichnen die Wehen des neuen Glaubens, doch siegt, leider nur vorübergehend, noch (bis zur Kreuzigung des Mani), die Logoschristologie, durch Namen, wie Sabellius und Paulus von Samosata, 
      <a id="page168" name="page168" title="Samuel/gary"/>und durch Neuplatoniker, wie Plotin und Porphyrius, seelisch und geistig vertreten. Das vierte Jahrhundert (313 bis 381) bringt die Entstehung der römischen Reichskirche von Konstantin bis Theodosius, das fünfte, 381 bis gegen 500, ihren Höhepunkt und Verfall. Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion erhob, nimmt selbst die Taufe an und das Blatt wendet sich unter Konstantins Söhne gegen die Heiden, die bis 361 verfolgt werden, ohne daß der Vorstoß Julians des Apostaten etwas daran ändern kann. Mit Theodosius dem Großen ist der Bau der römischen Staatskirche fertig. Heidentum und Häresie sind entrechtet, der Klerus reißt allenthalben die Macht an sich; Kirchenbauten schießen empor, Liturgie, Heiligen- und Reliquiendienst nehmen ihren Anfang, gegenüber der Ehe, die doch als christliches Sakrament gilt, kommt das Zölibat, zumeist aus Machtrücksichten, zu Ehren. Einsiedler und Klosterbrüder treten in Erscheinung. Das erste allgemeine Konzil zu Nicäa (320) stellt die Gottheit Christi fest, verdammt die Arianer, und die Kirchenlehrer des Orients (Eusebius von Cäsarea, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa und Ephraim der Syrier) vereinigen sich mit denen des Abendlandes (wie Hilarius von Poitiers, Ambrosius von Mailand und Hieronymus, der Schöpfer der Vulgata) zum Lehramt über die ganze Christenheit; auf dem allgemeinen zweiten Konzil (zu Konstantinopel), gegen die Mazedonianer gerichtet, wird die Lehre von der Trinität festgelegt. Es beginnt aber, mit dem Höhepunkt der römischen Reichskirche, auch zugleich ihr Verfall, eingeleitet von 481 bis ungefähr 500. In Südgallien, Spanien, Nordafrika und Italien entstehen arianische Germanenkirchen. Der Ausbildung des großen Patriarchats in Alexandria und Konstantinopel. steht die Heraufkunft des Papsttums im Abendlande zur Seite; 484 bis 519 vollzieht sich die erste Spaltung zwischen der lateinischen und der griechischen Kirche. Augustinus eröffnet den Kampf gegen Donatisten und Pelagianer; der Streit um den 
      <a id="page167" name="page167" title="Samuel/gary"/>Gottmenschen im Orient beginnt, der mit den Namen Kyrill von Alexandria und Nestorius von Konstantinopel verknüpft ist. Das dritte allgemeine Konzil (zu Ephesus, 431) und das vierte (zu Chalzedon, 451) tritt gegen Nestor auf und handelt von den monophysitischen Streitigkeiten, dem chalzedonischen Glaubensbekenntnis und von Eutychos. Der Zeitraum von 500 bis 700 umfaßt den Höhepunkt der oströmischen Reichskirche unter Justinian, ihren Zerfall zur Zeit der Araberstürme, Entstehung, Blüte und Verfall der abendländischen Universalkirche der Karolingerzeit und die Zeit der Bilderstürmer im Osten.</p><h4>III.
      <br/> Die römische Staatskirche</h4><p>Die vollkommene Durchdringung der Kirche mit dem römischen Rechts- und Staatsgeist geschieht unter Justinian, der leider der Abgott auch der Juristen unserer Zeit geblieben ist; wohl gibt es Abschweifungen, wie die nestorianische Kirche in Persien, die monophysitische in Syrien, Ägypten und Armenien, aber was als römische Christusmisson zu den Angelsachsen und Langobarden hinaufgebracht wird, ist stark durchsetzt und durchtränkt mit dem Atem der römischen Staatskirche. Die Episode der Arabereinbrüche des 7. Jahrhunderts nach Jerusalem, Antiochia, Alexandria und Karthago und anfangs des 8. Jahrhunderts auch in das spanische Westgotenreich bleibt ohne Rückwirkungen auf das Gesamtbild der kirchenchristlichen Entwicklung. Die Glanzzeit der byzantinischen Staatskirche bedeutet zugleich die Vollendung des Cäsaropapismus; das Mönchtum erblüht im Orient, in Italien gründet (529) Benedikt von Nursia Monte Cassino, in Irland (Columbe) und Frankreich: gibt es irische und schottische Mönche in Menge. Gregor der Große, der die Brücke vom 6. zum 7. Jahrhundert bildet, entwickelt die Messe und den Kirchengesang, aber die Harmonie 
      <a id="page166" name="page166" title="Samuel/gary"/>der inneren Erleuchtung ist längst den Disharmonien heftiger Streitigkeiten gewichen; mit dem Patriarchen von Konstantinopel hadert Gregor über den Titel eines ökumenischen Patriarchen; das fünfte allgemeine Konzil zu Konstantinopel läuft Sturm gegen die anchenischen Theologen und die »Sonderlehren« des Origines; mehr als ein halbes Jahrhundert wird vom monotheletischen Streit erfüllt; mit dem Siege Karl Martells über die Araber (732) fällt das letzte Hindernis für die Verweltlichung der Kirche. 756 entsteht der Kirchenstaat auf Grund pippinischer Schenkung, und 860 empfängt Karl der Große aus der Hand Leos III. die Kaiserkrone. Wohl hat es mit dieser Überrumpelung des Kaisers durch Leo III. seine eigene, fast humoristische Bewandtnis (Karl selbst war erstaunt über diese Einlage und machte gute Miene zum bösen Spiel), aber Kirche und Staat bleiben im Karolingerreiche von nun an auf das Engste miteinander verbunden und 719 bis 754 vollendet Bonifatius als Apostel der Deutschen die Romanisierung der deutschen Kirche. Karl der Große, selbst ein tätiger Reformchrist, segelt vornehmlich im Fahrwasser der Kirche. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts vollzieht Nikolaus I. den Bruch mit Byzanz und 896 beginnt die Herrschaft der Pornokratie in Rom. Der große Amalgamierungsprozeß Kirche und Staat ist im 9. Jahrhundert vollzogen. Nichts kann die Verdunkelung des kirchlichen Christentums durch die Verbindung mit Staat und jus romamim, die Verweltlichung und Verzwecklichung des Christusmysteriums in jener Zeit besser beleuchten, als die ökumenische Synode, abgehalten vom 5. Oktober 869 bis 28. Februar 870, auf Befehl des Kaisers Basilius. In den alten Kulturreligionen findet man, übereinstimmend, die Gliederung des Menschenwesens in Leib, Seele und Geist, in den alten Mysterien gehört der Geist zu den Grundbestandteilen der menschlichen Wesenheit. Das römische Kulturvolk wußte mit diesem Bestandteil wenig anzufangen; es hielt auf Vernunft 
      <a id="page165" name="page165" title="samweis/gary"/>und Verstand, aber das Wissen um den Geist ging dieser Kultur verloren, weil das römische Menschheitsideal durchaus auf das Irdischpraktische gerichtet war. Mit dem Römertum gab die Kirche den Geist auf, der, noch bei den Gnostikern wohl gehütet und gepflegt ward. Steiner hat gezeigt, daß auch die ersten Kirchenlehrer (Clemens Alexandrius und dessen Schüler Origines, ja auch Irenäus und Tertullian am Geiste festhielten, indes Epiphanias, Augustinus und die Späteren für die lebendige Natur des Geistigen kein Verständnis mehr zeigen. Schon darin, daß die römische Kirche den heiligen Geist vom Vater und vom Sohne ausgehen läßt, während die orthodoxe den heiligen Geist nur vom Vater herleitet, tritt die Verwirrung in der Geistfrage deutlich zutage (Vater = Sohn und Geist, gegen Vater, Sohn: Geist). Im Streite mit Photius war das Konzil dazu berufen, zu den Lehrsätzen eines Patriarchen Stellung zu nehmen, insbesondere zu dem einen, daß nur die niedere Seele des Menschen zu sündigen imstande sei, aber nicht seine Vernunft. Das Geistige im Menschen sei göttlichen Ursprungs und darum keiner Sünde fähig. Der Beschluß des Konzils, das diese Lehre verwirft, geht mit einer bewußten Verzerrung des Tatbestandes einher; das Konzil erklärt, schon das alte und das neue Testament lehre, daß der Mensch nur eine verstehende und vernünftige Seele besitze, was alle gottesgelehrten Väter und Lehrer der Kirche bestätigt hätten. Die Unwahrheit dieser Behauptung liegt kraß zutage. Im Paulusbrief an die Korinther heißt es: »Ein seelischer Mensch nimmt nicht an, was vom Geiste Gottes ist ... der geistige Mensch ergründet alles, er selbst aber wird von niemandem ergründet«. An anderer Stelle (1. Thessalonicher, 5, 23) unterscheidet derselbe Apostel ganz deutlich Pneuma, Psyche und Soma, und im Hirtenbrief (4, 12) wird vom Logos gesagt, er dringe, schärfer als ein zweischneidiges Schwert, bis in die Fuge zwischen Seele und Geist (pertingens usque ad divisionem animae ac spiritus). Wohl wird die Abschaffung des 
      <a id="page233" name="page233" title="akling/JWE"/>Geistes in der menschlichen Trinität nicht offen ausgesprochen, aber in jenem Beschluß tritt unzweideutig zutage, daß die alte Lehre Platons, der Gnostiker und der Manichäer von der Dreigliederung in Leib, Seele und Geist, bis ins vierte Jahrhundert hinein allgemein gültig, aus der Welt geschafft werden sollte. Das genügte in der Theorie, die bloß die Lehre von den zwei Seelen zu bekämpfen vorgab, vollkommen, um in der Praxis die Eliminierung des geistigen Prinzips im Menschen zu bewirken. Die Kirche, des geistigen Impulses glücklich ledig, geriet von da ab immer mehr und mehr ins materialistische Fahrwasser, worin ihr später namentlich die Jesuiten behilflich gewesen sind. Mit der Ausschaltung des Geistes war die Situation geklärt: der Leib des Menschen gehörte der Wissenschaft, die Seele der Kirche. Von der Kirche floß dieser materialistische Zug in die Naturwissenschaft und Philosophie, wozu wiederum der Protestantismus behilflich war. Die Abschaffung des Geistes ward zum Ausgangspunkt für die Etablierung des egoistischen Christentums (Schwelgen in Gefühl und Privathoffnungen auf das Jenseits), das heute sogar schon zur Ausladung der Seele aus dem Wesen des Menschen geführt hat.</p><h4>IV.
      <br/> Das Kreuz und der Gral</h4><p>Der Leser sieht wohl ein, warum es nötig war, einen eiligen Rückblick auf die ersten neun nachchristlichen Jahrhunderte zu werfen; nur an diesem Hintergrund läßt sich die Idee des Grals und des johanneïschen Christentums, wie es später in den Rosenkreuzern auflebte, rein und klar erfassen. Aus der Darstellung des Entwicklungsprozesses, dem das Christentum der herrschenden Staatsreligion in den Jahrhunderten V bis IX verfiel, ergibt sich von selbst, daß, abseits von diesem offiziellen Christentum in vielen Geistern jener Zeit das lebendige Bewußtsein 
      <a id="page234" name="page234" title="Dr.Nani/JWE"/>vom kosmischen Sinn des Mysteriums von Golgatha lebendig blieb. Die ungeheure Szene der Kreuzigung mit allen ihren irdischen Episoden und gleichzeitigen himmlischen Erscheinungen, wirkte in lebendigen, von Christus durchpulsten Geistern weiter und bewahrte ihnen, dank der Erschütterungen ihrer Seele, das lebendige Bewußtsein dafür, daß die höchste Weisheit und die »kühnsten Gefühle« der Hingebung nicht hinreichen, Tragweite und Bedeutung des Christusereignisses zu erfassen, noch, daß auch die höchste Einsicht allein genügte, das Mysterium von Golgatha in einem würdigen und angemessenen Kult zu Verewigen. Die Leidensgeschichte Christi, vom heiligen Abendmahl beginnend, war erleuchteten Geistern in gewaltigen Imaginationen gegenwärtig; es galt, dieses höchste Geheimnisgut für alle Zeiten und für die Menschheit der Zukunft fern vom Interessengetriebe der Kirche, rein und unverfälscht zu bewahren. Barg das Mysterium des Abendmahles im Brot und im Wein den tiefsten Sinn des Christusereignisses, so war damit zugleich etwas davon berührt, was nicht mehr dem physischen Bereich angehört, sondern im Überirdischen spielt. Der Leib und das Blut des Herrn: von diesen Imaginationen strahlte eigenes Licht auf gewisse Seelen, deren Erinnerung an das Mysterium von Golgatha lebendig geblieben war. Im Brot verbarg sich das Spiel der himmlischen Kräfte, die zur Erde hinabsteigen und hier die Vegetation hervorrufen, die aber zugleich auch einen Bestandteil des körperlichen Menschen bilden, im Wein aber das Geheimnis des heiligen Blutes des Erlösers, vergossen auf Golgatha, als der menschlichen Wesenheit Ureigenstes und Geheimnisvollstes. Die Erkenntnis des Abendmahlmysteriums, des Ölbergerlebnisses und die Kreuzigung bilden die drei Grundbestandteile dessen, was unter dem erhabenen Namen des Grals zu verstehen ist. Man erinnert sich, daß in den Evangelien, bei der Passion des Herrn und bei der Auferstehung, neue Persönlichkeiten auftauchen: Simon von Kyrene, Josef von 
      <a id="page235" name="page235" title="Dr.Nani/JWE"/>Arimathea und Nikodemus. Das größte und geheimnisvollste aller Dramen: der Tod Gottes auf der Bühne der Erde, das Drama des Menschensohnes und Erlösers auf Golgatha, führt in sieben Stufen zur Höhe: in Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Aus der Mitte zwischen den drei mikro- und den drei makrokosmischen Stufen ragt einsam das Kreuz empor, das Geheimnis des Menschen, der, wenn er die Arme ausbreitet, selbst ein Kreuz darstellt, die Rune der Menschengestalt, erhalten im Tao des ägyptischen Kulturkreises. Nach der dritten Stufe erscheint Simon von Kyrene, der dem Christus das Kreuz tragen hilft, nach der vierten Josef von Arimathea, der den Leib des toten Erlösers vom Kreuze herabnimmt. Beide treten neu zum Christusdrama hinzu. Sie sind zugleich Vermittler einer großen Botschaft an die ganze Menschheit: Kreuztragen und Kreuzlösen sind in das Geheimnis der Menschwerdung eingeflochten für alle Zeiten. In der Kreuztragung offenbart der Mensch den heimlichen Willen, sein Karma zu tragen (nicht das eigene Kreuz trägt Simon von Kyrene, sondern das des Christus Jesus), in der Kreuzesabnahme aber, in der Lockerung vom Todesholze, bekundet er das Wissen darum, was den Menschen vom Tode loslöst und freimacht für das Einswerden mit der Welt im kosmischen Bewußtsein. Die Kreuztragung birgt den tieferen Sinn des persönlichen religiösen Lebens, die Kreuzabnahme aber den der Kommunion und des sakramental religiösen Daseins. Josef empfängt den Leib und das Blut des Herrn: er wird zum Urbild heiliger Empfängnis. Josef von Arimathea kommt in allen vier Evangelien, Simon von Kyrene nur in den ersten drei Evangelien vor; das Johannesevangelium aber nennt statt des Simon von Kyrene den Nikodemus, der dem Josef von Arimathea bei der Kreuzesabnahme, Balsamierung und Grablegung behilflich wird; es war Nikodemus, in dessen Haus das heilige Abendmahl stattfand. Im Folgenden wird von diesen Zusammenhängen mit 
      <a id="page236" name="page236" title="akling/JWE"/>dem Gral noch ausführlicher gesprochen. Abendmahl, Kreuzigung und Kreuzabnahme sind wichtige und grundlegende Elemente des Gralsgeheimnisses. Der Mensch muß eindringen in das Geheimnis des Brotes, eindringen in das des Blutes. Orientalische Weisheit und europäisches Fühlen sind darin vereinigt. Vergeblich sucht man dieses Geheimnis auf Erden: »unnahbar Euren Schritten steht eine Burg, die Montsalvat genannt«. Es ist kein Zufall, daß man die irdische Gralsburg, ein Spiegel- und Abbild der himmlischen, in Spanien zu suchen hat, das dem Arabismus, dem abstrakten Denken (auch in der Medizin und in der Astronomie), so lange offenstand. Von den Arabern und Mauren, deren Phantasie noch mit Verstand durchsetzt ist, kann keiner die Gralsburg finden; man muß das Geheimnis des Brotes und des Blutes kennen, um den Tempel zu erreichen, den Titurel auf dem Montsalvat schuf, um eine würdige Stätte für die Schale zu finden, darin Josef von Arimathea das Blut des Erlösers auffing; Engel hielten diese Schale in jenen Sphären hoch, ehe der Tempel errichtet ward. Dieser Tempel, er ist, zum Unterschiede von der offiziellen römischen Kirche, eine unsichtbare, eine übersinnliche Kirche, niemandem zugänglich, der die inneren Voraussetzungen, ihn zu finden und zu schauen, nicht in sich trägt. Je schwächer die Menschheitsmusik erklang, die in das Mysterium von Golgatha floß, je dunkler es um dieses Mysterium wurde, desto reiner und heller, aber nur den Eingeweihten hörbar und sichtbar, strahlte der Gral durch die Nacht der Zeiten. In einem Zeitpunkt, da die offizielle christliche Kirche schon tief verstrickt war in die Händel und Streitigkeiten dieser Welt, in einem Augenblick, da die Scholastik emsig dabei schien, das Mysterium von Golgatha in Dogmen, Auslegungen und philosophischen Betrachtungen gleichsam für den Verstand zurechtzumachen und den Einklang des Christus mit der antiken Welt nachzuweisen, begann, was, heute noch, als Gralssuche auf Erden bekannt ist! 
      <a id="page237" name="page237" title="Dr.Nani/JWE"/></p><h4>V.
      <br/> Die Wege zum Gral</h4><p>Der Gral, eine Blüte des 8. und 9. Jahrhunderts, einer trüben, blutigen, äußerlich und innerlich gleich unheilvollen Zeit, wird bei Wolfram von Eschenbach ein »Ding« genannt, »ird'schen Segens vollster Strahl«. Die Königin, in arabische Stoffe gekleidet, trug ihn auf grüner Seide in den Saal. Als sie ihn hereingetragen hatte, kamen noch sechs andere Lichter, in denen Balsam brannte, von Jungfrauen getragen. Den Hergang der Zeremonie schildert der Dichter so ausführlich und unter so genauen Zahlenangaben, daß man wohl annehmen muß, besonderer Sinn läge auch darin. Der Gral erscheint in einem von 24 Lichtern gebildeten Kreise, entsprechend den 24 Büchern des alten Testaments und den 24 Ältesten mit den Lilienkränzen, von denen auch Dantes »Fegefeuer« weiß. Steiner erklärt sie als hohe Wesenheiten und Führer der menschlichen Entwicklung, Lenker von 24 Stufen der Weltentwicklung, in der Sprache der Hierarchien Throne genannt. Sie bilden einen Kreis um den Christus, um die Christuskraft des Lammes, und genießen seines seligen Anblickes, ihr Licht aber wird von dem Gral selbst überstrahlt. Es gibt kein Schauen, keine Religion, die vor dem Gral bestehen könnte, denn der Gral faßt sie alle zusammen, auch die vorchristlichen Mysterien. Das Wort selbst stammt, nach Steiner, von gradus und gradalis (stufenweise) und deutet auf die Stufen, welche die menschliche Individualität zwischen Tod und neuer Geburt durchschreitet; dem Irdischen entrückt, kann er nie etwa erstritten und mit Waffen in der Hand gewonnen werden, worin ein leiser Tadel gegen die streitbare Kirche verborgen sein mag. Wolfram stützt sich in seinem »Parsival« auf einen geheimnisvollen Gewährsmann, namens Kiot (Flegetanis), der die Sternenweisheit besaß; nicht in Erden-, sondern in Sternenschrift ist dieses Buch im Original 
      <a id="page238" name="page238" title="Dr.Nani/JWE"/>geschrieben. Auch Josef von Arimathea kennt die Sternenschrift und ist Hüter der Geheimnisse. Zwischen den Menschenwegen und Geschlechterzusammenhängen besteht Zusammenhang, der in der Sternenschrift zu erkennen ist, zumal, wenn man in den Mond sieht, dessen Sichel, die heilige Schale des Grals, den matten Glanz des übrigen Mondes trägt, wie eine Sonnenhostie. »Im Gestirn geschrieben fand er den Namen wie er hieß« und im Gestirn geschrieben steht der Name Parceval. Das Geistige des Lichtes dringt durch (perre), indes das physische Licht vom Monde zurückgeworfen wird. Flegetanis, bei Wolfram, spricht nur von den Sternen, er verkündet die Geburt eines Wesens, darin der Sonnengeist Wohnung nimmt. Anders Kiot, Wolframs geheimnisvoller Gewährsmann; er hat in Toledo jüdische Geheimüberlieferungen kennengelernt: die Geschichte des Überganges von der Mondenführung (der Jahvetradition) zur Sonnenführung (zum Christus). Nicht Bileamweisheit war zu erneuern, sondern jene Weisheit, die sich des Bileam als Werkzeug bediente. Man kann, sagt Steiner in seiner »Geheimwissenschaft im Umriß«, das verborgene Wissen, das durch das neuzeitliche übersinnliche Bewußtsein ergriffen wird, und das in der Menschheit immer mehr und mehr, stärker und stärker auftreten muß, die Erkenntnis vom Gral nennen. Die neuzeitlichen Eingeweihten können dar her auch Eingeweihte des Garals genannt werden.« In der Wissenschaft vom Gral führt der Weg in die übersinnlichen Welten, der von Steiner (in jenem Buche) nach seinen ersten Stufen beschrieben worden ist. Unter Gralschristentum versteht man, im Gegensatze zum römischen Christentum, jenes Christentum, das Hugo von Tours, Waldo. v. Reichenau und Graf Matfrid von Orleans pflegten; verband sich das römische Christentum mit Staat, Politik und weltlicher Macht, so ist das Gralschristentum eine rein menschliche Entwicklungssache; es wendet sich an den Einzelnen! Die Pflege des Grals geschah zunächst 
      <a id="page239" name="page239" title="Dr.Nani/JWE"/>in der Gralsburg. Parsifal, der zur Gralsburg ritt, muß die Sternbilder des Tierkreises durchschreiten, von den Zwillingen durch den Krebs zum Löwen, zu Jungfrau, Waage und Skorpion, zu Schütze, Wassermann und den Fischen; in die Burg selbst führen die Kräfte des Widders, ein Geheimnis, das Parsif al anfangs noch nicht durchschaut; zwischen Fischerkönig und Gralsburg gibt es Irrwege genug; lieberfüllt, vom Tale der Demut aus, muß der Gralsucher um Einlaß werben; man kann mit Christian von Troyes in das Blutgeheimnis des Christus, in das Geheimnis der menschlichen Leiblichkeit eindringen und dabei ergibt sich ein merkwürdiger physiologischer Symbolismus. Die feinsten Essenzen und Substanzen der Speisen werden dem Gehirn zugeführt, das in der felsigen Kapsel des Kopfes, eingeschlossen von den Schläfenwänden, ruht. Auch der Kopf mit seinen Schläfenwänden ist eine Gralsburg im engsten Sinne. In der Gralsburg selbst aber erlebt Parsifal zunächst eine große Enttäuschung; der Hüter des Grals, am mittleren von drei Feuern sitzend, ist krank: er kann den Prozeß seiner inneren Entwicklung nicht zu Ende führen. Mit dem leuchtenden Rubin, der auf das Organ der höchsten, der intuitiven Erkenntnis hindeutet, wird die Stufe (symbolisch durch die rote Farbe) bezeichnet, die der kranke Amfortas nicht erreichen kann. Hier nun setzt das Mysterium der blutigen Lanze ein; als Speer sichtbar, ist sie die Ursache des Leidens der Gralsritter; sie deutet auf die Kräfte, die die höhere Entwicklung des Menschen ertöten, und gemeint sind damit die Kräfte des Saturn. Mit der Lanze hat es eine eigene Bewandtnis: bei Wolfram eine Imagination, innerhalb der Schauungen Parsifals, ist sie zugleich ein wirklicher, physischer und historischer Gegenstand: die Lanze, mit der Hauptmann Longinus dem Christus am Kreuze die Seite durchstach. Im Urbeginn des Gralsgeheimnisses steht also das Gralserlebnis (wohl erst um 1180 exoterisch sichtbar gemacht, aber doch schon im 8. und 9. Jahrhundert von einzelnen Seelen 
      <a id="page240" name="page240" title="akling/JWE"/>erlebt). In der Lestoire del Saint Graal wird erzählt, daß 750 n. Chr. (717 nach der Passion) in der Nacht vom Gründonnerstag auf den Karfreitag ein Eremit in seiner Einöde, der am Geheimnis der Dreieinigkeit zweifelte, eine Vision erlebte; es erschien ihm der Erlöser und brachte ihm ein großes Buch, darin der Eremit zunächst seinen Stammbaum und dann die Geschichte des heiligen Grals las. Gralserlebnis ist ferner auch die um das 8. und 9. Jahrhundert entstandene Legende vom heiligen Blut zu Reichenau. Es gibt aber späterhin noch viele andere Arten der Begegnung mit dem Gral.</p><h4>VI.
      <br/> Der »aktuelle« Gral</h4><p>Faßt man zusammen, was unsere Zeit zur Erkenntnis des Grals zugebracht hat, so ergibt sich, daß es vor Steiners Geisteswissenschaft keine wahre Einsicht in das Wesen des Grals gegeben hat und geben konnte. Vergeblich haben sich gewissenhafte Forscher aus dem Lager der Philologie, der Philosophie und der Religionswissenschaft bemüht, die verschiedenen, allen Kulturkreisen zugehörigen Elemente des »Dinges, das der Gral heißt«, zu einem Gesamtbild zu vereinigen. Das Ergebnis der Forschungen des 19. und 20. Jahrhunderts, soweit sie von seiten einer sogenannten exakten Wissenschaft unternommen worden sind, kann wohl, bei aller Wertschätzung des aufgewendeten Fleißes, gleich Null gesetzt werden. Mit Recht sagt Uehli in seiner »neuen Gralssuche«, zu den Bildekräften der Sage vom Gral sei diese (die exakte Wissenschaft) nicht vorgedrungen und weder über die Herkunft noch über das Wesen des Grals habe sie sichere Aufschlüsse zu geben vermocht; die letzten Dezennien der Gralsforschung hätten vielmehr chaotische Zustände hervorgerufen, und um das Wunder des Grals kennenzulernen, müsse man den Bau selbst betreten. Im Glanz des 
      <a id="page241" name="page241" title="Dr.Nani/JWE"/>Grals entfaltet sich die volle Tragik der Menschheit und ihrer bisherigen Entwicklung; seine Vorgeschichte greift zurück auf die okkulte Schöpfungsgeschichte (was sich auch in den starken alchimistischen Durchsetzungen des Gralsproblems offenbart) und darin besonders auf die schauerlich erhabene Episode des Falles der sündigen Engel, untergeordnet unter die dramatische Überschrift »Luzifers Sturz«. Ein Engel aus hohen Sternenregionen, das feurige Schwert in der Hand, steigt in einem bestimmten Augenblick der Schöpfung der Tiefe zu; die in der Schlacht besiegten stürzenden Geister bringt Michael unter seine Füße: Luzifer, den Lichtträger und eine ganze Corona ihn begleitender Wesenheiten, die die Krone Luzifers bilden. Michael schlägt mit seinem Flammenschwert einen Geist von erlösender Kraft, den Weltenlogos, den Christusengel, aus der Krone Luzifers, ihren schönsten Edelstein, der auf diese Art zu den Menschen kam, zum Gefäß geformt und bestimmt, Christi Blut in sich aufzunehmen. Als Luzifer zur Hölle niedersauste, nahm der Mensch seinen Anfang, mit dem gestürzten Lichtengel in seinem inneren Wesen verbunden. Vom Sturz der dunklen Engel datiert der Kern des Gralsimpulses; er wurzelt in der Vorstellung eines Sonnengeistes, der herabsteigt, den Menschen beizustehen und sie zu erlösen. Der Keim des Grals aber ruht zunächst in den alten Mysterien. Deutlicher als in der indischen Epoche, deren Vorläufertum in bezug auf den Christus schwerer zu durchschauen ist, tritt das Sonnenhafte des Grals im persischen Kulturkreis zutage. Kein Volk, keine Kultur der Erde war so ausgezeichnet geeignet, den Christus zu verstehen, wie das persische. Der Perser erkannte das Wesen des Sonnenhelden in seinem Ormuzd, den die 12 Amshaspands umgaben, wie die 12 Apostel den Christus Jesus. Als erneuert scheint später das persische Element im Christusimpuls durch Manes, einem hohen Eingeweihten, der, als ein Sendbote des Christus, »gewaltiger war als Zarathustra und Buddha«! Auf andere Art ist das Gralsgeheimnis 
      <a id="page242" name="page242" title="Dr.Nani/JWE"/>mit dem mystischen Judentum verbunden. Der geniale W. J. Stein in seinem herrlichen Buche über das 9. Jahrhundert deckt diese Zusammenhänge auf, indem er das Gedicht vom Wartburgkrieg heranzieht, das einen hohen Eingeweihten zum Verfasser hat. 1200 Jahre vor dem Christus weissagt (und da ist eigentlich die erste, greifbare Kunde vom Gral zu suchen) König Hiram, »einer Witwe Sohn aus dem Hause Naphtali und eines Mannes von Tyrus«, die »Geburt eines Kindes«, das »alle Juden von den Ehren stieß«, womit keineswegs ein antisemitischer Ausfall, sondern bloß eine mystische Formel gesetzt wird, nämlich die Feststellung, daß der Christus Jesus das mosaische Gesetz aufhob und ein neues für alle Menschen an dessen Stelle setzte. Daß mit diesem Kind das Jesuskind gemeint ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Jesus selbst ist der Gral: er ist das Gefäß, darin das Blut des Christus zu suchen ist. 1200 Jahre vor Christus führt der Manetho Osarsiph (Moses) das jüdische Volk gegen Kanaan, den Mondgott Jehovah verkündend, ohne zu wissen, daß ihm Christus voranzieht, als Wolke bei Tag, als Feuersäule bei Nacht. Die Führung Mosis dauert, solange das Manna reicht; dann übernimmt Josua (Jehoschua) die Führung, ein Name, der soviel wie Jesus bedeutet. So vollzieht sich der Übergang von Jehova zu Jesus und das alte Testament geht in das neue über. In diese Zeit des Übergangs von der Monden- zur Sonnenführung fällt nun auch die Christusprophezie des Bileam, dessen Geschichte das 4. Buch Mosis erzählt: »Ich werde ihn sehen«, sagt Bileam, »aber nicht jetzt; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe; es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Szepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören die Kinder Seths, du aber, Kain, wirst verbrannt werden.« Bileam, dazu bestimmt, Jsraël zu fluchen, segnet Jsraël, den Christus verkündend. Michael stellt sich ihm entgegen; die Eselin erkennt ihn und beugt ihr Knie (auf einer Eselin reitend zieht Jesus in 
      <a id="page243" name="page243" title="Dr.Nani/JWE"/>Jerusalem ein) vor ihm; auch Bileam erkennt ihn zuletzt, er ist aber ein Mensch, der für Geld weissagt, und darum tötet ihn Pinchas, der, nach jüdischer Überlieferung, einst als Elias wiedergeboren wird, mit der Lanze, aber durch Bileam spricht Hosea – Josua, der Namensträger Jesu. Josua sendet dem jüdischen Volke seinen Segen, wie Hiram den Gral durch die Königin von Saba an Salomon sendet. Jede Entwicklung, so führt die Blavatsky in der »Entschleierten Isis« aus, geht durch zwölf Verwandlungen: durch sechs zum Prozesse der Verdichtung (Vererdlichung) und durch sechs zur Vergeistigung; das Zeichen der Waage hält diesen beiden Verwandlungsgruppen das Gleichgewicht, worin sich die besondere Stellung des Patriarchen Henoch ausdrückt. Dem Propheten Henoch entspricht in der christlichen Ausdrucksweise der Christus Jesus. So umschließt der Gral gleichsam das gesamte Geheimnis der Schöpfung, die alten Kulturen, das Christentum und die Zukunft. Daß der Gral keineswegs eine Sache verflossener Zeiten ist, sondern »aktueller« denn je, weil gerade in diesem Augenblick der Menschheitsentwicklung, das Gralserlebnis allen die Rettung aus der Nacht und Finsternis unserer Zeit bringen kann, ist schon gesagt worden, und als erhabenes Beispiel solcher Gralssuche sind die Rosenkreuzer unumgänglich, von denen im folgenden gesprochen wird.</p><h4>VII.
      <br/> Die Rosenkreuzer</h4><p>Im Vorwort seines berühmten Romans »Zanoni« läßt Bulwer, der ohne Zweifel ansehnliches Wissen um die alten Geheimnisse besaß, den seltsamen Buchhändler in der Nähe von Covent Garden einen Lichtstrahl auf jene »erhabene Bruderschaft« fallen, die ihre »wirklichen Lehren« der Welt nur in dunklen Andeutungen und »mystischen Parabeln« mitgeteilt hat. »Wer 
      <a id="page244" name="page244" title="akling/JWE"/>anders, als ein Rosenkreuzer«, so fährt der wunderliche Schwärmer fort, »könnte die Geheimnisse der Rosenkreuzer erklären, dieser »eifersüchtigsten unter allen geheimen Gesellschaften?!« Über das Wesen dieser erhabenen Bruderschaft befragt, lüftet der Buchhändler einen Zipfel des Schleiers; er spricht von ihrer strengen Befolgung der moralischen Gesetze, von der brünstigen Glut ihres christlichen Glaubens und nennt sie einen Zweig in ihrer Abkunft nach noch erlauchterer Vorfahren; auf Pythagoras und den Platonikern fußend, zählen sie auch Apollonius von Thyana zu ihren Ahnen. Damit erscheinen die Quellen, aus denen die Rosenkreuzer schöpften, angedeutet, aber auch die Essäer, Therapeuten und Manichäer berührt, ohne daß Bulwer deren Namen nennt. In der Tat sind die Rosenkreuzer eine Erscheinung von altehrwürdigem Ursprung, deren Spuren sich schon im alchimistischen Halbdunkel der Dichtung Konrad Flecks, der Geschichte von »Flore und Blanscheflur«, nachweisen lassen, obgleich, offiziell, erst im 16. und 17. Jahrhundert von Rosenkreuzern gesprochen wird. Es ist schon bemerkt worden, daß gleichwie in der Kabbala und in der Alchimie erst später von den Geheimnissen dieser höchst dunklen Gebiete die Rede ist, auch die Rosenkreuzer, geschichtlich erfaßt, in einen späteren Zeitpunkt verlegt werden müssen, obgleich sie zumindest das Alter der Kabbala und der ersten greifbaren Anfänge der Alchimie in Anspruch nehmen dürfen. Kein Gebiet ist äußerlich verworrener, als dieser ungeheure geistesgeschichtliche Komplex, der das Geheimnis des Grals, der Tafelrunde des Königs Artus, der Alchimie und der Mysterien der großen und kleinen Welt umfaßt. Peukert, der dem rührigen, verdienstvollen, aber leider bloß auf »exakte« Erforscher der Mysterien angewiesenen Verleger Diederichs wohl als ein Eingeweihter erschienen sein mag, gesteht ganz offen, daß er, da die Geschichte des Rosenkreuzertums bedauerlicherweise in fast undurchdringlichem Dunkel liegt, gezwungen war, sich eine eigene 
      <a id="page245" name="page245" title="akling/JWE"/>Geschichte der Rosenkreuzer zu konstruieren, ein infantiles, völlig nutzloses Beginnen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt sein mußte. White weiß einiges, Jennings ziemlich vieles, Wittemans, ein sehr redseliger belgischer Advokat aber, nur mit größter Vorsicht Verwendbares über die Rosenkreuzer. Maack und Kurtzahn kommen für das Problem überhaupt nicht in Betracht; der erstere hat einen unglaublich pornographisch aufgezäunten Romankohl zusammengeschmiert und später durch Allomatik (eine von ihm erfundene »Wissenschaft«) in Ordnung zu bringen gesucht, letzterer aber, in verdächtiger Übereinstimmung mit Maack und Freudenberg, den Lesern einer kleinen Informationsschrift über die Rosenkreuzer das Märchen aufgebunden, der Name Rosenkreuzer entstamme der Vorstellungswelt der Alchimie und nicht von einem sagenhaften Christian Rosenkreuz, der bloß als bedeutender, an die Öffentlichkeit »getretener« Rosenkreuzer anzusehen sei. Kurtzahn ist bald darauf in der Rolle eines Neugnostikers aufgetaucht, der es, mit den »magischen Briefen« und Saturngnostikern in Verbindung, glücklich bis zum Entwurf eines funkelnagelneuen, halbsatanischen Meßrituales gebracht hat. Läßt Wittemans die Rosenkreuzer um 1378 herum in Erscheinung treten, so unterscheidet Kurtzahn Rosenkreuzer vom 1610 (»vielleicht« bis in das 12. Jahrhundert »zurückzuverfolgen«), wahre Rosenkreuzer von 1610 aufwärts und »neue«, oder »Gold- und Rosenkreuzer«, nach 1610, als »bekannte einheitliche Gesellschaft, die sich »in und um« (!) das 19. Jahrhundert verliert. Erwähnt man noch, daß Buhle und Katscher Zusammenhänge zwischen Rosenkreuzern und Freimaurern aufgezeigt haben, die zum Teile nicht unrichtig sind, daß Semler (1786) viel zur Verwandtschaft zwischen Rosenkreuzern und Alchimie beitrug, so sind, wenn man, vorläufig, von Valentin Andreae absieht, die Hauptschriften über Rosenkreuzertum angeführt. In Wahrheit hat Rudolf Steiner, der selbst von den Schwarzmagiern der neuen Gnosis als der 
      <a id="page246" name="page246" title="Dr.Nani/JWE"/>»einzige wirkliche Rosenkreuzer unserer Zeit« bezeichnet wird, volles Licht auch auf dieses grandiose Kapitel menschlicher Geistesgeschichte verbreitet. Was hier über die Rosenkreuzer gesagt wird, stützt sich auf Steiners verstreute Mitteilungen über diesen ebenso erhabenen »als unerhört« tiefgreifenden Gegenstand, doch kann aus bestimmten Gründen nur Allgemeines in Form von Andeutungen gesagt werden, weil es nur in einer Nachschrift existiert, die aus der Zeit der Gründung einer Schweizer Christian Rosenkreuz-Loge stammt und die Frage der Verwendung dieser Mitteilungen Steiners noch nicht geklärt ist. Festgestellt darf in diesem Augenblicke wohl nur werden, daß der Anfang dessen, was man rosenkreuzerische Bewegung nennen kann, in das XIII. Jahrhundert zu setzen ist und daß sich die geistigen Ströme, die von ihr ausgehen, ungefähr alle hundert Jahre als wirksam erweisen. Es ist schon erwähnt worden, wie bedeutsam das 8. und 9. Jahrhundert für die Geistesgeschichte der Menschheit, als eine Zeit der Gralsfindung, gewesen sind. Mit dem XIII. Jahrhundert, das als Ausgangspunkt einer neuen Kultur anzusehen ist, war äußerlich ein bestimmter Tiefpunkt des geistigen Lebens erreicht; selbst Höchstentwickelten schien damals der Zugang zu den geistigen Welten verschlossen. Man geht kaum fehl, wenn man, um alle Vorsicht walten zu lassen, bloß davon spricht, daß damals über einem europäischen Orte eine Art hochgeistiger Gemeinschaft zusammentrat, die man sich am besten nach dem Bilde einer Tafel- und Abendmahlsrunde vorstellen darf: als zwölf Männer, die das gesamte geistige Wissen ihrer Zeit darstellten, indem sie die sieben Strömungen der alten Rishi-Kultur und die Impulse der fünf großen nachatlantischen Kulturen vertraten, so daß in ihnen gleichsam das gesamte atlantische und nachatlantische Wissen vereinigt war. Um einen Ausgangspunkt für eine neue Kultur zu gewinnen, mußte ein Dreizehnter unter diese zwölf Männer treten, so wie eine Kugel nur von zwölf gleichgroßen Kugeln vollkommen verdeckt 
      <a id="page247" name="page247" title="Dr.Nani/JWE"/>und nach außen unsichtbar gemacht werden kann. Dieser Dreizehnte, der, ein tiefmystischer Mensch, schon zur Zeit des Mysteriums von Golgatha lebte, war durch weitere von Gott gleichsam gelenkte Wiederverkörperungen zu einer Wiederverkörperung im XIII. Jahrhundert gelangt und wurde von jenen zwölf Menschen erzogen.</p><h4>VIII.
      <br/> Der »Dreizehnte« und die Nachfolge</h4><p>Fern von äußeren. Einflüssen wuchs dieser Dreizehnte heran; die Zwölf waren von der Überzeugung erfüllt, daß das Christentum ihrer Zeit bloß ein Zerrbild des wahren Christentums darstelle, indes sie selbst den Christenimpuls in seiner reinsten und erhabensten Form in sich trugen; so erschienen sie denn äußerlich und vor allem in den Augen der offiziellen und staatlich beglaubigten Katholiken bald als Gegner der »christlichen Religion«, der jene gleichsam eine alle Religionen in ihrem Kern vereinigenden Christusreligion entgegensetzten; der Dreizehnte, in dieser Sphäre erzogen, sollte dazu helfen, die erhabenen Prinzipien des Rosenkreuzes im geistigen Leben auszuwirken. Ohne auf die erschütternden und zugleich wahrhaft erhebenden mystischen Vorgänge, die sich damals vollzogen, näher einzugehen, muß abschließend doch gesagt werden, daß jene hohe geistige Individualität, der Dreizehnte, verhältnismäßig jung starb, nach dem er das Geheimnis der christlichen Universalreligion in Form von Imaginationen geoffenbart hatte, Imaginationen, die in den geheimen Figuren der Rosenkreuzer des 16. und 17. Jahrhunderts festgehalten sind. Die zwölf, auch nach dem Tode des großen Führers mit diesem verbunden, indem sie von ihm Inspirationen empfingen, sind als Urheber der rosenkreuzerischen Strömung anzusehen. Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts inkarnierte sich jener dreizehnte aufs neue und lebte mehr als 100 Jahre 
      <a id="page248" name="page248" title="akling/JWE"/>auf Erden; auch in dieser neuen Inkarnation ward er durch die Nachfolger und Schüler jener zwölf, wenn auch in anderer, auch weniger weltfremder Weise erzogen. Mit zwanzig Jahren auf Reisen, kam er nach Damaskus, wo sich für ihn zum zweiten Male das Erlebnis von Damaskus wiederholte. Dieses im 14. Jahrhundert reinkarnierte Wesen (der Dreizehnte) war jener »sagenhafte« Christian Rosenkreuz, der als esoterische Verkörperung des exotischen »Dreizehnten« anzusehen ist. Die Schüler des Christian Rosenkreuz sind allein »Rosenkreuzer« zu nennen, zunächst 12 an der Zahl, die mit der rosenkreuzerischen Arbeit begannen. Worin ein Hauptteil dieser Arbeit bestand, davon wird im nachfolgenden Kapitel über die Alchimie ausführlich die Rede sein. Seit dem 14. Jahrhundert kehrt Christian Rosenkreuz, in Zeiträumen von ungefähr 100 Jahren, immer wieder; man findet ihn zum Beispiel im 18. Jahrhundert unter dem Namen eines Grafen von St. Germain, einem Namen, den allerdings auch andere Personen trugen, so daß es nur einen wahren und richtigen, daneben aber etliche falsche Grafen St. Germain gibt. Starke Spuren rosenkreuzerischer Inspiration finden sich auch bei Lessing und Goethe, gleichwie bei wenig bekannten Schriftstellern, wie Wiedemann und Droßbach. Rosenkreuzerarbeit ist, die ätherische Wiederkunft des Christus vorzubereiten und zu ermöglichen. Das eigentliche Wirken des Christian Rosenkreuz beginnt mit dem XIII. Jahrhundert, dauert noch heute an und wird in alle Ewigkeit dauern, nur von zwölfen als solches erkannt, und die Menschen wären gewiß nicht wenig erstaunt darüber, zu erfahren, daß, sofern sie auf besondere Erlebnisse und Vorfälle mystischen Charakters zu achten verstünden, in diesen Erlebnissen und Vorfällen kein Geringerer als Christian Rosenkreuz selbst offenbar wurde. Im Menschheitswirken des Christian Rosenkreuz sind zwei Epochen zu unterscheiden: ein natur- und ein geisteswissenschaftlicher Zeitabschnitt. Der naturwissenschaftliche Unterricht ward in der Form und Gestalt der 
      <a id="page249" name="page249" title="Dr.Nani/JWE"/>Alchimie und Astrologie, der geisteswissenschaftliche (Steinersche) wird heute in Form und Gestalt einer Erneuerung des Christentums und alles Geheimwissens erteilt. Die Entwicklung der nächsten 3000 Jahre geht auf die Durchdringung des gesamten religiösen Lebens auf Erden mit dem Christusimpuls und auf das Erleben des Pauluserlebnisses. Nach dieser Zeit soll das eintreten, was die esoterische Tradition den Matreya Buddha nennt. Der westliche und östliche Okkultismus unserer Zeit sind darin einig, daß der Christus Jesus nur einmal im physischen Leben auf Erden erscheinen konnte und daß er im XX. Jahrhundert ätherisch wiederkommt, indes, nach 3000 Jahren, Jehosu ben Padiwa als Matreya Buddha auftritt. Die Entwicklung der menschlichen Dinge tendiert von den Tagen des Kopernikus immer mehr in die materialistische Sphäre. Die kopernikanische Weltanschauung mochte praktisch und bequem sein, richtig und wahr ist sie niemals gewesen. Mit Kopernikus rücken alle wissenschaftlichen Begriffe und das Denken des Menschen ins Unwirkliche, Abstrakte vor, so daß die Frage auftauchte, was mit dem sogenannten Okkultismus weiter zu geschehen habe; am Ende des 18. Jahrhunderts waren die Rosenkreuzer so weit, daß sie zu der Neuordnung der geistigen Dinge im materialistischen Sinne Stellung nehmen mußten. Das geschah nun in jener schon erwähnten Konferenz, in der auch Buddhas Anteil am Christentum wirksam zutage trat, sowie ja Buddhas Geistigkeit in einer Geheimschule des 7. und 8. Jahrhunderts am Schwarzen Meere fortwirkte, deren fortgeschrittenster Schüler als Franziskus von Assissi zur Erde zurückkehrte. Die Zweiteilung der Menschheit in eine Gruppe, die nur im praktischen, dinglichen Fünfsinnensein aufgeht und die andere, die dem Geistesleben hingegeben ist, datiert aus jener Zeit. Für die erstere Gruppe, die zwischen Geburt und Tod steht, kann von der Erde aus nichts geschehen, um so wichtiger ist, daß dem Menschen in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt Hilfe werde; in dieser Zeit 
      <a id="page250" name="page250" title="Dr.Nani/JWE"/>wird der Mensch ein Mondwesen, später ein Merkur-, Venus-, Sonnen-, Mars-, Jupiter- und Saturnbürger, zuletzt ein Bewohner des gesamten Himmelsraumes; hier lebt er in Vergeistigungen und bringt die Erlebnisse seines Planetendaseins mit auf die Erde herunter. Was nun die Marskultur angeht, die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt durchlebt, so unterlag sie im XV. Jahrhundert einer großen Krise, die auf dem Mars ungefähr von derselben Bedeutung war, wie das Mysterium von Golgöjha für die Erdenkultur: eine Katastrophe, die sich auf der Erde fast noch stärker auswirkte, als auf dem Mars selbst. In jener Konferenz, die darum wußte, ward beschlossen, was zur Hebung der Marskultur dienen konnte. Im Rahmen einer Darstellung des Eintrittes der neuen okkulten Bewegung in das Geistesleben des Menschen wird von diesem Teil der Rosenkreuzertätigkeit noch die Rede sein. Fürs Nächste aber ist von jener merkwürdigen Episode zu sprechen, die an den Namen des Valentin Andreae anknüpft und die zum großen Teil schuld daran gewesen ist, daß das Rosenkreuzertum eine Zeitlang für eine Mystifikation und Düpierung der ganzen Welt gehalten werden konnte. Wenn die großen Mißverständnisse, an denen die Geistesgeschichte der Menschheit so reich ist, überhaupt auftreten durften, so war das hur dadurch möglich, daß das Rosenkreuzertum selbst solche Verwicklungen zuließ und in gewissem Sinne sogar, zum Heil des Ganzen, in bestimmter Weise förderte.</p><h4>IX.
      <br/> Das Rätsel des Valentin Andreae</h4><p>Soweit auch die Geschichte der rosenkreuzerischen Impulse zurückreicht, im exoterischen Sinne tritt die rosenkreuzerische Welle erst durch einen seltsamen Mann, Joh. Val. Andreae, in Erscheinung. In Herrenberg 1586 geboren und in Stuttgart 1654 gestorben, war er protestantischer Theologe von Beruf, bekleidete 
      <a id="page251" name="page251" title="akling/JWE"/>hohe Stellungen der Landeskirche und zählte zu den »bedeutendsten und fruchtbarsten Männern des 17. Jahrhunderts«. Unter den zahlreichen Schriften, die er hinterließ, findet man, außer der »Chymischen Hochzeit« (schon 1602 verfaßt, aber erst 1616 gedruckt), zu der er sich selbst bekannte, auch solche, die nicht äußerlich nachweisbar von ihm sind, indes ohne Zweifel auf ihn als Autor deuten: vor allem die »Allgemeine Reformation der ganzen Welt« (1614), dann die »Fama fraternatis plus confessio« (1615), Schriften, die durchwegs ungeheures Aufsehen machten und bis 1624 eine Flut von Streitschriften hervorriefen, die sich sowohl auf die ernsten oder spielerisch-scherzhaften Absichten des Autors bezogen, teils aber auch die Meinung vertraten, es habe von altersher Rosenkreuzer oder es habe überhaupt niemals Rosenkreuzer gegeben, die man dann etwa lediglich als eine Erfindung Andreaes anzusehen hätte. Äußerungen, die Andreae selbst darüber machte (die Generalreformation«, die »Fama« und die »Confessio« erwähnt er überhaupt nicht, auch nicht in seiner eigenen Lebensbeschreibung), scheinen diese Zweifel zu nähren und zu bestärken. Was nun die »Chymische Hochzeit Christian Rosenkreuz anno 1459« anlangt, so findet eine Betrachtung über dieses viel umstrittene »Phantasiegebilde« besser dort Platz, wohin sie sich selbst stellt, beim Kapitel Alchimie. In der »Generalreformation« aber wird die Frage nach einer Verbesserung und Veredelung der Welt aufgeworfen; eine Reihe von abenteuerlichen und lächerlichen Vorschlägen wird erörtert und das »kranke Jahrhundert« selbst tritt auf, als alter Mann dargestellt; es erweist sich, daß alle Weltverbesserungen leider zwecklos sind, »weil die Welt niemals frei von Unvollkommenheiten sein wird und man am besten tut, sie so zu lassen, wie man sie gefunden hat«. Es ist also eine Reformation, die sich selbst aufzuheben unternimmt, indem sie die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen einsieht, doch scheint dem Verfasser bei dieser Resignation gar nicht wohl zu sein, denn er 
      <a id="page252" name="page252" title="Dr.Nani/JWE"/>verweist, im Anschluß an die »Generalreformation« in der »Fama« und »Confessio«, auf eine merkwürdige Gesellschaft, die allein die Kraft besäße, die Welt zu bessern und in Ordnung zu bringen. Sein Christian Rosenkreuz bereist, vom Orient mit Weisheit beladen, die ganze Welt und kommt schließlich nach Deutschland zurück, das der Hilfe bedarf; er verbindet sich mit drei Klosterbrüdern und legt damit den Grundstein zur »Bruderschaft des Rosenkreuzes«; sie errichten dem heiligen Geist ein »verborgenes Haus« und ziehen noch neue Brüder hinzu. Diese verteilen nun ihre Tätigkeit auf die ganze Welt, kommen aber alljährlich einmal in jenem Hause zusammen. Der Gründer Christian Rosenkreuz starb im Alter von 106 Jahren, aber er hört darob nicht auf, von der geistigen Welt her auf die Dinge in Deutschland zu wirken. 120 Jahre nach dem Tode des Meisters wird (seiner eigenen Prophezeiung gemäß) sein Grab gefunden, mit allerhand Inschriften und Zeichen bedeckt und durch eine Lampe mit ewiger Leuchtkraft erhellt. Nun erwarten die Brüder, was die Welt zu ihrer Offenbarung zu sagen hat, und fordern dazu auf, sich ihnen anzuschließen, damit die notwendige Verbesserung der Welt nun doch zustande komme. So die »Fama«! Die »Confessio« aber unterläßt nicht, über die Absichten der Brüderschaft vom R. C. einiges weitere verlauten zu lassen; sie gibt an, Christian Rosenkreuz sei 1378 geboren und daher (da er 106 Jahre lebte) 1484 gestorben; da sein Grab aber 120 Jahre nach seinem Tode zu öffnen war, so fiele diese Episode in der Geschichte der Rosenkreuzer in das Jahr 1604. Die drei Reformationsschriften Andreaes sind rührende und erhabene Dokumente eines ganz anderen Geistes, als jenes, der die Philosophie und offizielle Religion jener Zeit erfüllt. Sie beweisen den hohen Ernst der Brüder und die allgemeine menschliche Tendenz ihres Wirkens, dem Jesus alles bedeutet. Vier Wahrworte kennzeichnen das Wesen dieser Verbindung: es gibt keinen leeren Raum, wohl aber Strenge des Gesetzes, Freiheit 
      <a id="page253" name="page253" title="Dr.Nani/JWE"/>des Evangeliums, und die unversehrte Herrlichkeit Gottes! Am Ende dieser Büchlein aber steht der Rosenkreuzerwahlspruch bis ans Ende unserer Erdentage: E. D. N., J. Ch. M. u. P. S. S. R., was zu deutsch heißt: »aus Gott werden wir geboren, in Christo sterben wir, durch den heiligen Geist aber empfangen wir neues Leben«. In der »Bekenntnuß der löblichen Bruderschaft deß hochgeehrten RosenCreuzes an die Gelehrten Europas geschrieben«, wird aber schlicht und einfach gesagt: »was von unser Fraternität oder Bruderschaft auß Hiebevor ausgefertigter Fama, menniglich zu Ohren gekommen und offenbar gemacht worden, das soll niemand für unvorbedächtlich, verwegentlich oder erdichtet achten, viel weniger aber als auß unserm Gutdüncken hergeflossen unnd entstanden, aufnehmen.« Es bedurfte dieser herzinniglichen, eindringlichen Ansprache nicht erst, um sofort das Gegenteil dessen hervorzurufen, was die hochlöbliche »Bruderschaft« wünschte: die Gelehrten Europas fuhren sich in die Haare, die Jesuiten mischten sich in den Handel, und schließlich ward Andreae bezichtigt, die ganze Welt »statt reformiert«, an der Nase herumgezogen zu haben! Das, was die Gegner des Rosenkreuzertums Andreaes Widerruf nennen, konnte nichts weniger, als eine Richtigstellung seines Wirkens sein. Andreae war durch das Ansehen seiner evangelisch-kirchlichen Stellung, durch den Hexensabbath eines die Rosenkreuzer als Maske vornehmenden alchimistischen Goldmachertums und durch die allgemeine Befürchtung, jene Enthüllungen könnten mißdeutet werden, in die Enge getrieben. Es ist ganz klar, daß die rein äußerlich historischen Betrachtungen aller dieser Dinge zu keiner verläßlichen Feststellung über Valentin Andreae und sein Verhältnis zum Rosenkreuzertum führen können. Der alte und der junge Andreae sind gleichsam zwei verschiedene Gestalten; zwischen dem Jüngling, der, 17 Jahre alt, die »Chymische Hochzeit« schrieb, und jenem Andreae, der 1619 in der Schrift vom »babylonischen Turm« eine entschieden pietistische Physiognomie 
      <a id="page254" name="page254" title="akling/JWE"/>zeigte, bestehen trotz der äußerlichen Verschiedenheiten doch unterirdische Zusammenhänge. Andreae ist keineswegs der Begründer des Rosenkreuzertums, sondern, wenn die Anwendung dieses Ausdruckes auf so hohe Gebiete verstattet ist, bloß der bedeutendste und begabteste Publizist jener Geistesströmung gewesen, die Andreaes Zeiten durch eine andere Persönlichkeit geoffenbart wurde ...</p><h4>X.
      <br/> Die Philosophie der Rosenkreuzer</h4><p>Es ist nun an der Zeit, sich darum zu bekümmern, was als Philosophie des Rosenkreuzertums zu gelten habe. Auch darüber gab Rudolf Steiner, der große Erneuerer der Gralssuche und des Rosenkreuzertums, Grundlegendes. Noch einmal: die bloße äußere historische Kenntnis vom Rosenkreuzertum vermittelt in keinerlei Weise einen tieferen Einblick in ihr Wesen, ihre Denkungsart und ihre Wirkungen. In Betracht kommt zunächst ein für allemal die Tatsache, daß das Rosenkreuzertum auf das 14. Jahrhundert zurückreicht und als solches von der Geschichte dieser geistigen Strömung und ihrem allmählichen Auftreten gesondert verläuft. Jene hohe spirituelle Persönlichkeit, die vor der Welt den Namen Christian Rosenkreuz trug und 1459 einen zunächst kleinen Kreis von Eingeweihten um sich versammelte, woraus die Fraternitas Roseae Crucis entstand, war Ritter vom güldenen Stein. Welche Sendung dieser Strömung zukam, ist aus den Schriften Valentin Andreaes einigermaßen ersichtlich. Im 18. Jahrhundert war ihre Aufgabe, bestimmte Impulse einfließen zu lassen, die in der Kultur Mitteleuropas wirksam werden sollten. Der Andrang zu diesem seltsam starken Lichte, das da aus der Höhe des Himmels und aus den Tiefen der menschlichen Natur zugleich kam, war kein geringer; selbst einen exoterisch erleuchteten Geist wie Leibniz zog dieses Licht mit magischer Gewalt 
      <a id="page255" name="page255" title="Dr.Nani/JWE"/>an; gleichwohl gelang ihm nicht, in die Bruderschaft einzudringen und in ihre Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Deutliche rosenkreuzerische Spuren trägt, wie schon erwähnt, Lessings Schrift über die »Erziehung des Menschengeschlechtes«. In ganz anderer Weise wieder spiegelte Goethes Genie die rosenkreuzerischen Impulse, soweit er ihrer teilhaftig wurde und teilhaftig werden konnte. Goethes Berührung mit dem Rosenkreuzertum fällt in eine verhältnismäßig frühe Epoche seines Lebens; sie ist in der Zeit zwischen seinem Abgang von der Leipziger Universität und Seinem Straßburger Aufenthalt zu suchen, einer Episode, die durch eine schwere, um ein Haar tödliche Krankheit des jungen Goethe eingeleitet wird. In diese Spanne seines Lebens fällt Goethes Einweihungserlebnis, gekrönt durch das wirksame Gedichtfragment »die Geheimnisse«, das als rosenkreuzerisches Dokument von hohem Rang angesehen werden muß. Das »Märchen« Goethes und die ganze Faustdichtung hingen desgleichen mit dieser Einweihung zusammen. Wenn im Laufe der ersten Hälfte und in einem großen Teil der zweiten des XIX. Jahrhunderts die rosenkreuzerische Weisheit merklich in den Hintergrund trat, so war das im Gange der Dinge zweifach begründet, zunächst einmal darin, daß eine Art Verrat an den rosenkreuzerischen Geheimnissen stattfand (vorzeitige und unzeitgemäße Hinaustragung rosenkreuzerischen Wissens in esoterischer Form) und das andere Mal darin, daß die Kultur des Abendlandes durch einen gewissen Zeitraum (um sich ganz mit dem materialistischen und rationalistischen Impuls zu durchtränken) von rosenkreuzerischem und okkultem Wissen überhaupt freibleiben sollte. Erst im 20. Jahrhundert wird der Bann gelöst. Rudolf Steiner nimmt mit dem ersten Glockenschlage des 20. Jahrhunderts (1900) die Siegel von den verschlossenen Büchern. Die rosenkreuzerische Weisheit unterscheidet sich ganz wesentlich von den übrigen Betätigungen des Okkultismus und hebt gewisse Eigentümlichkeiten ihr 
      <a id="page256" name="page256" title="Dr.Nani/JWE"/>vorangehender Einweihungswege auf. Sie stützt sich ausschließlich auf das durch spirituelles Schauen (ungenau »Hellsehen« genannt) und Hören erworbene Wissen. Das Rosenkreuzertum zeigt die Quelle rosenkreuzerischer Erkenntnis heute ganz ohne jede Heimlichkeit und weist die Wege, die zu dieser Quelle führen, in genauen, aus der Erfahrung geschöpften Weisungen. Anders steht es um die Empfängnis dieser Weisheit bei Menschen, die nicht in der Lage sind, an die Erkenntnisquelle selbst heranzukommen und sich zu höherer Erkenntnis zu entwickeln. Das geschieht freilich innerhalb der Rosenkreuzerei in ganz anderen Formen. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler entspricht in keiner Weise dem, was beispielsweise in der indischen oder in der christlichen Einweihung geübt wird. Die indische Einweihung macht den Schüler zum Werkzeug seines Führers (des Guru) in die übersinnlichen Welten; in der christlichen Einweihung, die überaus schwierig zu handhaben ist und ungeheure Opfer verlangt, ist Christus selbst der Führer (die Exerzitien des Ignaz von Loyola geben ein klares Bild davon); die rosenkreuzerische Einweihung aber, wie sie durch Rudolf Steiner erneuert wird, schafft den Autoritätszwang vollkommen ab. Der rosenkreuzerische Führer ist nur ein Helfer, ein Weggenosse im reinsten Sinne des Wortes; er gibt dem Schüler nichts, was dessen gesunder Menschenverstand nicht fassen oder einsehen könnte. An der Spitze der rosenkreuzerischen Philosophie, am Eingang zum Tempel der rosenkreuzerischen Weisheit, stehen zwei Grunderkenntnisse: die Lehre von der Trinität und vom siebengliedrigen Wesen des Menschen, richtiger: sie fußt auf dem Erlebnis der Trinität und des siebengliedrigen Erdenmenschen. Das Wesen der Trinität ist, wie es Uehli sehr schön und präzis ausdrückt, das »Urphänomen« aller Geschichtsgestaltung; wohl aber wandelt sich dieses Erlebnis und wird vor Christus anders erlebt als nach dem Ereignis von Golgatha. Die persische Epoche zum Beispiel ruht scheinbar auf der schlichten 
      <a id="page257" name="page257" title="akling/JWE"/>Zweiteilung Ahura Mazdao und Ahriman, die im Strom der Zeit wirken und in ihr wurzeln; ein Drittes, auch in der Zeit Wurzelndes, blieb zunächst verborgen, als etwas außerhalb der Sphäre des Lebens noch Ungestaltetes und Unbrauchbares, gleichwohl mit einem bestimmten Namen genannt: Zaruana Akarana, die Ergänzung zur Trinität, repräsentiert durch Mithra, den Gott, der als »Schützer der Zeit« oder »Vermittler« gepriesen wird. Der Mithrasdienst, ausgeübt von den römischen Legionären und von den römischen Kaisern begünstigt, barg den Trinitätsimpuls als entwicklungsfähigen und gestaltgebenden Gedanken; anders die Ägypter! Die ägyptische Trinität findet sich in zwei zeitlich orientierten Wesen, Isis und Horus, und einem dritten Wesen, Osiris, das nur im Tode erlebt werden kann, wenn man das »Zeitliche gesegnet« hat, wie der ungeheuer prägnante Ausdruck für das Todeserlebnis besagt. Das dritte Glied der ägyptischen Trinität wird nicht mehr in der Zeit, sondern im Räume erlebt. Die gestaltbildende Kraft der nachchristlichen Mysterien zerfällt allerdings und mit ihr die antike Kultur. Das Mysterium von Golgatha aber bringt ein ganz neues Trinitätserlebnis.</p><h4>XI.
      <br/> Die wahre Trinität</h4><p>Vergleicht man, wie das Uehli versucht hat, die vorchristlichen Kulturen mit Strahlen, die sich radienhaft um einen Mittelpunkt gruppieren, so stellt diesen Mittelpunkt das Ereignis von Golgatha dar. Gegen dieses Ereignis zu verblassen die Strahlen der vorchristlichen Kulturen immer mehr und mehr, aber ihre Leuchtkraft hat sich in einen Mittel- und Brennpunkt begeben, der nun aufleuchtet, wie die betroffene Stelle unter dem Brennglas. Die vorchristlichen Kulturen und ihr in den Mysterien erhaltener edler Kern empfingen ihre Signatur ausschließlich vom Volkstum. Das Volkstum erwies sich als natürliche 
      <a id="page258" name="page258" title="Dr.Nani/JWE"/>Grenze der Menschheitsempfindung. Im Christus Jesus verkörpert sich der Menschen Sohn, der Repräsentant der ganzen Menschheit. Ein Volksgott konnte sich nicht verkörpern, er empfing bloß die Opfer der nationalen Kulte. Mit dem Herabstieg des Menschensohnes geschah etwas vollkommen Neues, die Erde und das Erdengeschlecht im tiefsten Wesen Berührendes: der Gott opfert sich selbst! Die Sphinx, drei Tiere und den Menschen in ein Wesen fassend, wird zum Lamm, das sein Blut vergießt. Die Sphinx wird zum Gral. Versammelten sich die Teilnehmer der vorchristlichen Mysterien an abgeschiedenen Orten und in geheimnisvoll gehüteten Tiefen, so spielt das Mysterium von Golgatha vor den Augen der ganzen Welt, unverstanden und von einem herabgeminderten Dämmerbewußtsein nicht erfaßt (die Jünger auf dem Ölberg verfielen in Schlaf). Der erste Mensch, der das Mysterium von Golgatha mit geistigen Organen erschaute: Johannes, in Gesellschaft der Mutter Jesu, ist auch der einzige Zeuge des Mysteriums von Golgatha gewesen. Auf dem Kreuze der Schädelstätte hing der Erlöser, Luzifer und Ahriman zur Seite, die er beide in sich versöhnte. Das Christentum der ersten Jahrhunderte ging die Seele an und umfaßte die Gemütskräfte. Die Kirche, das Licht der ersten christlichen Jahrhunderte verdunkelnd, verwandelt und verwischt das Erlebnis der hohen Trinität (Vater, Sohn und heiliger Geist) in ein Dogma, das alsogleich Streitigkeiten über das Wesen der Dreifaltigkeit entzündet. Von dem weittragenden Beschlüsse des ökumenischen Konzils von Konstantinopel, vom Jahre 869, war schon die Rede. Es ließ nur Leib und Seele bestehen, schuf den dreigliedrigen Wesenskomplex (Leib, Seele und Geist) ab und setzte an Stelle der richtigen eine falsche Trinität. Christus wird, dem Mithrasgotte ähnlich, zum Vermittler. Durch den konstitutionellen Irrtum einer falschen Trinität brach später, dank katastrophaler Zerstörernaturen wie Marx und Engels, die materialistische Weltanschauung über die 
      <a id="page259" name="page259" title="akling/JWE"/>Menschheit herein, die, aus der freien Geschichtsgestaltung herausgerissen, als ein kümmerliches Ergebnis ökonomischer Prozesse der ganzen Dürftigkeit und Trockenheit eines ungeistigen »Verstehens« anheimfällt. Wie man sieht, mündet die zweite Trinität, zum Dogma erstarrt und unter gewaltsamer Beseitigung des Geistes, in einen chaotischen Zustand, aus dem die dritte Trinität hervorgehen muß, geschöpft aus dem Geiste der Evangelien. Der Kern der neuen Trinität, ermittelt durch die Kräfte der Evangeliensynopsis (Evangeliumzusammenschau) liegt in den beiden Versuchungen Jesu durch den Teufel und den Satan, zwei Wesenheiten, die durchaus nicht dasselbe sind. Luzifer, der Teufel, ist ein innerer, ein seelischer Versucher, Ahriman (Satan) kommt von außen; er heißt, die Naturordnung durch Magie unterbrechend, Christus, aus Steinen Brot zu machen. Die wahre Trinität, so führt Uehli vorbildlich aus, ist der Luzifer und Ahriman überwindende Christus. Die Geisteswissenschaft Steiners, indem sie zugleich die himmlischen wie die irdischen Dinge in Einklang miteinander ordnet, setzt an die Spitze ihrer rosenkreuzerischen Philosophie eine Trinität: Leib, Seele und Geist! Sie bezeichnet mit Leib das Gefäß des Geistigseelischen, aus Bestandteilen der vier Elemente und! der drei Reiche (Stein, Pflanze, Tier) geformt; als Seele die Kraft, die Sphäre der Schöpfung mit dem Gemüt zu erfassen; als Geist die Kraft, die Idee zu durchschauen, die den Dingen ihren ewigen Kern gibt. Nicht weniger wichtig in der Philosophie des Rosenkreuzertums ist die Erkenntnis von der siebengliedrigen Natur der Menschenwesenheit, umfassend physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, Manas, Buddhi und Atman (um vorläufig bei den indischen Ausdrücken für die drei höheren Wesensglieder zu bleiben). Um diese Gliederung zu verstehen, ist allerdings notwendig, sich ein Bild von den höheren Welten zu machen, die die unsere durchdringen und umgeben und für die, will man sich überhaupt eine Vorstellung davon machen können, 
      <a id="page260" name="page260" title="Dr.Nani/JWE"/>Öffnung der höheren Sinne Voraussetzung bleibt. Die Rosenkreuzer kennen zunächst eine imaginative (astralische oder elementarische) Welt. Eine noch höhere Welt als diese eröffnet sich den erwachten Sinnen in dem, was der Rosenkreuzer die himmlische (devachanische, mentale, inspirative) Welt, die Welt der Sphärenharmonien nennt. Eine dritte, noch höhere Welt, entspricht der Bewußtseinsstufe der Intuition, auch Vernunftwelt. Nach dieser Vorbetrachtung ergibt sich für den physischen Leib: dessen Gestaltung von außen, von einer höheren Welt, als Träger eines Ichs bestimmt wird. Ihm, dem physischen Leib in der Form verwandt, ist der Äther- oder Lebensleib, durchzogen von Kraftlinien, die gleichsam dem Leibe das geben, was Leben genannt wird, was also den physischen Leib zum Leben sozusagen aufruft; als eine Lichtgestalt (der Ätherleib des Mannes ist weiblich, der des Weibes männlich) erscheinend, ragt der Ätherleib über den physischen Leib hinaus und ist auch im Wesen der Pflanze gemeinsam zu finden. Mensch und Pflanze haben den Ätherleib gemeinsam; die Kräfte, die den Ätherleib als Leib erhalten, gehören der inspirativen, der himmlischen Welt an. Das dritte Glied der menschlichen Wesenheit hat den Titel Astralleib (auch Seelenleib genannt) und ist mit den Tieren gemeinsam. Auch die Tiere haben, mit anderen Worten, einen Astralleib, verankert in der Trieb-, Affekt-, Wunsch- und Begierdenwelt; er gehört der astralen, der imaginativen Welt an, dem Astralleben, das die Gruppenseelen der Tiere enthält. Vom Gruppen-Ich des Tieres scheidet sich das individuelle Ich, das ewige Ich, Kern der Menschen.</p><h4>XII.
      <br/> Der Ichkern als ewige Substanz</h4><p>Das individuelle Menschen-Ich, der Ichkern, nimmt in der Philosophie des Rosenkreuzers eine zentrale Stellung ein. Wohl erkennt heute schon auch die vom Kantianismus noch immer 
      <a id="page261" name="page261" title="akling/JWE"/>nicht losgelöste Philosophie, daß hinter dem geheimnisvollen Lichtpunkt, Bewußtsein genannt, und im Ich ruhend, »vom undurchdringlichen Dunkel des Nichtwissens schlechtweg eingeschlossen« mehr verborgen ist, als der forschende Menschengeist in seiner gegenwärtigen Denklage zu erfassen vermag, daß aber noch ein »letzter Schritt« zu tun übrigbleibt. Nun, die Rosenkreuzer haben ihn längst getan! Ihr Ich ist der Schnittpunkt der beiden Balken des Kreuzes und um ihn lagern sich die sieben Rosen als Sinnbilder der siebengliedrigen Menschenwesenheit, vier dunkle und drei helle. Der Mensch trägt ein individuelles Ich in seiner Brust. Der Löwe, der Adler, der Stier und der noch nicht zum physischen Plan herabgestiegene Mensch, die vier Tiere der Apokalypse also, sind nichts anderes als Gruppenseelen (Gruppen-Iche), die dem Menschen auf dem Astralplan am nächsten stehen. Das Ichbewußtsein des Menschen selbst aber wurzelt in der physischen Welt; von seinem Ich aus zurückwirkend auf den Astralleib, Ätherleib und physischen Leib kann er, und darin liegt seine Aufgabe für diesen Weltenzyklus, die drei höheren Glieder seines Wesens entwickeln. Das Ich muß nach und nach die Herrschaft über Astralleib, Ätherleib und Erdenkörper ergreifen; erobert es den Astralleib, so hat er Manas (Geistselbst) erreicht, hat er den Ätherleib verwandelt, gelangt er zu Buddhi, dem »Lebensgeist«, hat er endlich den physischen Leib verwandelt, so entsteht der Atman, der Geistmensch, als höchste Frucht. Es ist für den Durchschnittsintellekt gar nicht leicht, sich eine Arbeit dieser Art überhaupt vorzustellen, und am schwierigsten wird in der Regel, wenn es darum geht, den physischen Leib zu verstehen; hier deutet aber auch schon der Name, Atman, darauf, was gemeint ist. Sie wird durch Arbeit an der Verwandlung des Atemprozesses begonnen, wodurch sich nach und nach die Beschaffenheit des Blutes ändert. Die gegenwärtige Menschheit arbeitet an der Umwandlung des Astralleibes, die Eingeweihten 
      <a id="page262" name="page262" title="Dr.Nani/JWE"/>unserer Zeit am Ätherleib; zwischen Geistselbst und Astralleib leuchten als 4., 5. und 6. Glied der menschlichen Wesenheit Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele auf, und zwar so, daß die Bewußtseinsseele Astralleib und Manas, die Verstandesseele Ätherleib und Buddhi, die Empfindungsseele aber physischen Leib und Atman miteinander verbindet. In dieser Neunheit, die in der Siebenheit aufscheint, steckt eines der Grundgeheimnisse des Rosenkreuzertums. Von hier aus fortschreitend gelangt die Philosophie des Rosenkreuzers zu ihren Betrachtungen über Schlaf, Traum und Tod. Der schlafende Mensch lebt außerhalb seines physischen und seines Ätherleibes im astralischen Leib; im Astralleib aber ist das Ich des Menschen mit seinem Denken und Wollen verknüpft; der Astralleib empfängt seine Elemente aus dem Weltall, darin er ruht, wie ein Tropfen in der Flüssigkeit. Im Wachzustande teilt er seine Eindrücke mit denen der physischen Welt; als Aufbauer des Ätherleibes und durch diesen als Aufbauer des physischen Leibes, ist er eben von konstitutiver Bedeutung für das ganze Menschenwesen. Zwischen Wachen und Schlafen aber steht der Traum als Kronzeuge für diese geheimnisvollen Zusammenhänge; es ist ein Zwischenzustand, herbeigeführt dadurch, daß der Astralleib seine Verbindung mit dem Körper schon gelöst hat, aber mit dem Ätherleib noch verbunden ist; so entstehen die Traumbilder. Der Schlaf, sagt die landläufige Sprichwortwelt, ist ein Bruder des Todes. Vom schlafenden Menschen unterscheidet sich der Tod bloß dadurch, daß der physische Leib allein zurückbleibt, indes der Ätherleib und Astralleib vom Ich in die astralische Welt hinaufgezogen werden. Da tauchen nun auch Bilder auf, die den Traumbildern gleichen, aber im Wesen doch eine vollkommene Wirklichkeit darstellen: es sind Erinnerungsbilder an das eben gelebte, verflossene Leben, die in einem grandiosen Tableau am Ich vorbeigehen; sie sind erfüllt mit den freudigen und den schmerzlichen Gefühlen, die 
      <a id="page263" name="page263" title="akling/JWE"/>sie im Leben selbst, als Erlebnisse, verursacht haben. Ab und zu, in besonders schrecklichen Fällen, geschieht es, daß physischer Leib und Ätherleib sich mit einem jähen Ruck voneinander trennen: im Absturz, im plötzlichen Kampfe mit Wellen, im jähen Schritt einer plötzlich auftauchenden Lebensgefahr; auch in diesen Augenblicken beginnt das Tableau aufzutreten. Eine Art Essenz dieser grandiosen Bilderrevue, die nach dem Ableben eintritt, bleibt aber als Extrakt für die künftigen Verkörperungen zurück, den man in der Sprache der Geisteswissenschaft den Kausalleib nennt, den Keim für die künftige Verkörperung entfaltungsfähig bergend. Die Begierden des Körpers, die den Lustbestand des irdischen Lebens, seine Genüsse, bilden, bleiben in dieser Zone, die das Bewußtsein nach dem Abrollen des Tableaus betritt und die den Namen Kamaloka, Zwischenreich oder Fegefeuer trägt, bestehen. Ungefähr ein Drittel des Erdenlebens lang verharrt der Ichkern der »Toten« in dieser Sphäre, wenn der Mensch ernstlich damit beginnt, sein ganzes Leben noch einmal zu erleben. Mit dreifacher Schnelligkeit eilt dieses Durchleben vom Tode zurück bis zum Eintritt in die physische Welt durch die Geburt. In dem Augenblicke, da der Punkt der Geburt erreicht ist, tritt der vom Ich bearbeitete Teil des Astralleibes zum Kausalleib, gleichzeitig die »noch nicht bearbeiteten Teile« ausscheidend, die als »astralische Leichname« des Menschen zurückbleiben. Mit der Ablegung des astralischen Leichnams aber steigt der Ichkern auch schon vom Kamaloka zum Devachan (zum geistigen Plan, dem Himmel der Kirche) auf. Auch die devachanische Welt ist vielgestaltig und gegliedert. Hier gibt es Festland, Meere und Luftozeane. Im Astralen schlagen die himmlischen Menschen, gleichzeitig mit den irdischen, ihre Schlachten, die in Devachan wie ein furchtbares Gewitter auftreten. Über den Kontinenten, Meeren und Lufträumen des Devachans aber thronen die Urformer und Urgründer aller Dinge. 
      <a id="page264" name="page264" title="Dr.Nani/JWE"/></p><h4>XIII.
      <br/> Das Leben im Jenseits</h4><p>Siebengliedrige Natur des Menschen, im Ich drei seelische Bewußtseins- und Erfassungsphasen umschließend, und der Bestand übersinnlicher Welten, vom Zwischenreich bis zur Religion der Urbilder, das »Erdige« des Devachankontinents, das flüssige der Devachanmeere und das Luftige der leidenschaftlich pulsierenden Geistregion feurig durchdringend, bilden also die Grundlage der rosenkreuzerischen Philosophie, die, zugleich Wissenschaft und Religion, eine grandiose Kosmogomie an die Stelle der nebelhaften Weltentstehungsannahmen setzt. Wer den Weg der rosenkreuzerischen Einweihung wandelt, lernt das Geheimnis der Weltenschöpfung bis in die fernsten Ausläufer kennen. In der Vernunftwelt des Devachans gerät er in den Bereich dessen, was mit den Worten der rosenkreuzerischen Philosophie Akashachronik genannt wird. Für den Rosenkreuzer ist es klar, daß nichts von alledem, was in diesem Weltenzyklus geschehen ist, verlorengehen kann und in die Nacht des Vergessens untersinkt. Gewisse feine Essenzen des Äthers nehmen den Abdruck alles Geschehens in sich auf, so wie das menschliche Gedächtnis die Erlebnisse des Einzelnen, der Gemeinschaft und der ganzen Menschheit bewahrt. In dieser Akashachronik ist allerdings alles in Bildern und nicht in toten Buchstaben niedergelegt, die der Eingeweihte suchen und schauen lernt. Die Bilder der Akashachronik sind so lebhaft und wirklich, daß sie bis in die astrale Welt hinunterstrahlen, obschon diesen Abstrahlungen oft nicht mehr als der Wert einer Fata morgana zukommt, so daß hier die Möglichkeit zu zahlreichen Irrtümern gegeben ist, die am greifbarsten im Gebiete der spiritistischen Praxis zutage treten. Da handelt es sich nur in seltenen Fällen um Berührungen mit dem Akasha, zumeist aber mit den Akashaspiegelungen der astralen Welt. Nicht die Toten selbst, sagt Steiner, ihre 
      <a id="page265" name="page265" title="akling/JWE"/>Akashabilder erscheinen den Medien, und man muß wohl unterscheiden lernen, was als Akashabild eines Menschen zurückbleibt und was sich aus ihm als Individualität im Devachan weiterentwickelt. Dem Kamaloka (ich halte den Ausdruck Zwischenreich für besser und inhaltsvoller) entstiegen, tritt der Mensch in eine höhere Welt, ins Devachan, und erlebt hier alle Dinge, auch den eigenen Erdenleib im Urbilde, über den er hinwegschreitet, so wie ein Wanderer über Berge und Täler geht. In diesem Leibe, zu dem er im Zwischenreich sprechen durfte »Das bin ich«, sagt er in Devachan mit vollem Bewußtsein: »Das bist du!«, und im Devachan arbeitet der »Abgeschiedene erkenntnisvoll am nächsten Erdenleib«, aber das ist keineswegs seine einzige Tätigkeit in der devachanischen Welt. Das Antlitz der Erde verändert sich ohne Unterlaß, und die Toten sind es, die ihr das Gesicht geben. Die geistige Welt des Devachans ist überall, um uns, an uns, in uns. Ihr Körper, aus dem Licht geschaffen, das uns umgibt, ist für den Hellseher zu schauen, als »Abgeschiedene«, die am Äußeren der Erde und ihrem Reiche arbeiten. Gesättigt mit den Erfahrungen und den Früchten seiner Arbeit im Devachan, steigt der Tote, wenn seine karmische Stunde gekommen und für ihn im Devachan nichts mehr zu tun ist, zur astralischen Welt, der elementarischen Welt auf, um bei der Sprache der Rosenkreuzer zu bleiben. Dort gliedert er dem mitgebrachten Keimleib einen neuen Astralleib ein, der sich, magisch angezogen, um den Ichkern sammelt. Wie nach unten geöffnete Glockenformen schießen diese Wesen, die daran sind, sich wieder zu verkörpern, mit außerordentlich großer Schnelligkeit durch den Astralplan. Sind Ich und der neue Astralleib beisammen, so bleibt übrig, sich einen neuen Ätherleib und einen neuen physischen Körper zu bilden, aber das hängt keineswegs mehr vom Abgeschiedenen, sondern von dem Elternpaar ab, das er sucht und endlich findet. Die Volksgeister helfen ihm, und im Augenblicke, da er in seinen neuen Ätherleib 
      <a id="page266" name="page266" title="akling/JWE"/>hineingeschlüpft, ohne schon den physischen Leib zu sehen, hat er, ein unergründliches Geheimnis, das Bild des kommenden Lebens vor sich, ein Tableau seines neuen Daseins! Alle diese wundersamen Berichte erscheinen freilich bloß als erfüllt mit dem Einzelschicksal, so daß die Frage auftaucht, wie es um das Miteinandersein der Menschen in den übersinnlichen Welten stehen mag. In Wahrheit sind alle diese Verbindungen, die hier geknüpft waren, drüben noch weit inniger, im guten wie im bösen Sinne. Hier finden sich, wenn auch oft nach langer und banger Wartezeit (ein übrigens ungenauer Ausdruck für zeitlose Sphären) Mutter und Kind, Freunde, Zusammengehörige durch das Band irdischer Liebe als seelisch Suchende wieder, und auch neue Freundschaften bilden sich, die für das kommende Leben wichtig werden. Viele glauben, daß, wenn man ihnen schon zumute, diesen phantastischen Schilderungen widerspruchsloses Verständnis entgegenzubringen, die Zustände in Devachan doch recht dämmerhafte und unausgeprägte sein dürften. Sie irren, auch in diesem Punkte, fundamental. In Wahrheit liegen die Dinge so, daß kein Mensch im Devachan unter jenen Bewußtseinszustand sinken kann, den er während seines letzten Erdenlebens erreicht hat. Nur bei gewissen Übergängen mag vorübergehend eine solche Trübung eintreten: in Wahrheit erfaßt der »Tote« alles, was bei uns auf Erden vorgeht, erfaßt es aber in einem höheren Sinne. Die Zeit des Daseins im Devachan ist überhaupt eine unendlich beseligende, von allen Schrecken der Physis befreite, die ein Sichausleben des »Toten« in verschwenderischem Ausmaße gestattet. Allerdings gibt es beim Abstieg zu neuem Leben eine Reihe von Geheimnissen, über die Steiner seit seinem Zyklus über die Rosenkreuzerphilosophie (1907) nur andeutungsweise gesprochen hat. In diesem Zyklus selbst berührt er das Wesen der Sache immerhin aufschlußreich genug. 
      <a id="page267" name="page267" title="Dr.Nani/JWE"/></p><h4>XIV.
      <br/> Wiedergeburt</h4><p>Das Leben im Jenseits, Devachan genannt, das leibfreie Dasein im Reiche der gestaltenden, formenden und sinnenden Kräfte, verleiht ein Gefühl der Beseligung, das im irdischen Bereiche kaum einen Vergleich hat. Allerdings gibt es nun im Augenblicke, da die Stunde des neuen Abstieges zur Erde geschlagen hat, große und geheimnisvolle Probleme zu lösen. Durch den neuen Ätherleib, verliehen vom Volksgeist, zieht den Wiederkommenden sein »Schicksal« in die Volks- und Familiengemeinschaft, durch den Astralleib aber fühlt er sich zu Wesen hingezogen, die seiner Art nahestehen, in erster Reihe zur künftigen Mutter, mit der ihn Essenz, Substanz und Gliederung des Astralleibes verbinden; das Ich hingegen gravitiert zum Vater, dem Schöße des Gottvaters vor undenklichen Zeiten entstiegen. Durch alle die vielen Inkarnationen ist dieses Ich, als Wesenskern ewig, geblieben. Zieht der Ätherleib zu Volk und Gemeinschaft, so strebt der Astralleib zur Mutter, das Ich zum Vater, und da entstehen, auf dem Wege zur Erde, oft schwere Konflikte, die darin Ausdruck finden, daß das richtige Elternpaar gefunden werden muß. Es gibt Kämpfe subtilster Art, aber doch notwendig, um das zu begründen, was als Individualität in die Erscheinung treten soll. Oft dauert dieser Kampf bis in die dritte Woche der irdischen Empfängnis fort. Vom Momente der Empfängnis an ist der Mensch, aus Ätherleib, Astralleib und Ich bestehend, der Mutter nahe, die den befruchteten Menschenkeim in sich trägt, doch wirkt er noch immer von außen. Der physische Leib entwickelt sich gleichsam ohne Einwirkung des Äther- und Astralleibes. Von der dritten Woche der Empfängnis an ändert sich das: Astral- und Ätherleib fangen den Menschenkeim ab und beginnen auch am neuen Menschen mitzuarbeiten, den Keim zu entwickeln und auszugestalten. Hier 
      <a id="page268" name="page268" title="akling/JWE"/>liegt, was die Individualpsychologie rein äußerlich ahnt und zu einer sehr problematischen »Wissenschaft« mißbraucht: das Geheimnis, wie ein Individuum entsteht und aus welchen Komponenten sich eine Individualität zusammensetzt. Natürlich gilt diese Schilderung nur für den Durchschnitt der Erdenbürger, und das Bild der Wiedergeburt gestaltet sich bei hochentwickelten Geistern wesentlich anders. Sind in der vorhergegangenen Inkarnation gewisse Grundlagen zu geistiger Entwicklung geschaffen, so wird der Zeitpunkt, wo der Mensch beginnt, seinen physischen Leib zu bearbeiten, davon bestimmt: je höher die erreichte Stufe, desto früher dieser Augenblick! Oft geschieht das »Abfangen« des Menschenkeimes durch das Ich schon im Augenblick der Empfängnis; aus solchen Zusammenhängen kommen die geistigen Führer der Menschheit. Ist nun aber das Wunder der neuen Geburt bewirkt, so sind die Stoffe, die den physischen Leib zusammensetzen, fortschreitenden Veränderungen in einem Zeitraum von ungefähr sieben Jahren unterworfen. Jedes Atom erneuert sich innerhalb dieser Zeitspanne. Der Stoff wechselt, die Form bleibt. Alles, was zwischen Geburt und Tod auf Erden an höherer Entwicklung gewonnen wird, bleibt »drüben« erhalten und wirkt am neuen Organismus mit. Der Eingeweihte arbeitet zwischen Tod und neuer Geburt bewußt an seinem physischen Körper. Die Geburt ist für ihn daher nur eine Art radikales Ereignis; nur einmal, aber da gründlich, tauscht er die Stoffe aus. Daher die große Ähnlichkeit unter den Individualitäten von einer Einkörperung zur anderen; je höher die Entwicklung, desto ähnlicher wird die nächste Verkörperung. Der Meister wird sozusagen im selben Körper geboren, der ihn durch die Jahrhunderte und Jahrtausende begleitet. Für gewisse Eingeweihte höchsten Grades gibt es überhaupt keinen physischen Tod; sie haben, als besondere Sendung, den Übergang einer Rasse zu einer anderen zu bewerkstelligen. Was nun die Zeiträume anlangt, innerhalb deren sich die Reinkarnation 
      <a id="page269" name="page269" title="Dr.Nani/JWE"/>vollzieht, so hat man ungefähr 1000 bis 1300 Jahre als solchen Zeitraum erhoben. Die Welt soll im Zeitpunkt der neuer Geburt ein ganz anderes Gesicht tragen. Diese Zeitbestimmung hängt übrigens damit zusammen, daß, wie hier schon ausgeführt wurde, die Sonne ungefähr alle 2600 Jahre in ein neues Sternbild tritt und die Zusammenfassung des Durchgangs durch alle zwölf Tierkreisbilder ein Weltenjahr ergibt. Von der Zuteilung der alten Kulturen zu den Tierkreiszeichen war schon die Rede. Die Zeit für die Wiederverkörperungen stand im Einklang mit jenen Tierkreisepochen, und da in der Regel in diese Zeit zwei Verkörperungen fallen, eine männliche und eine weibliche, ergeben sich ungefähr 1300 Jahre. Nicht immer tritt diese Zweiteilung ein, denn es kommt auch vor, daß drei bis fünf Inkarnationen im selben Geschlecht verlaufen. Diese Verhältnisse führen übrigens zu einem anderen Angelpunkt der rosenkreuzerischen Lehre: zur Betrachtung des menschlichen Karma. Es gibt im höheren Sinne auch ein gemeinschaftliches Karma, herbeigeführt durch die Inkarnation innerhalb einer Rassen- und Nationalgemeinschaft. Unter Karma versteht man das Schicksalsgesetz des Menschen; es ist ein kosmisches Gesetz und seine Geltung im menschlichen Leben ein Spezialfall, beruhend auf Ursache und Wirkung. Was der Mensch hienieden denkt, fühlt und litt, übt seine bestimmten Wirkungen in der Außenwelt. Lügen, gemeine Unwahrheiten, falsche und böse Gedankenformen sind im Zwischenreich, wie im Astralleib, Explosionen gleich, von zerstörender Wirkung. Gleich einem Morde, verübt auf dem physischen Plan, hemmen, unterbinden und töten sie einen Teil der Entwicklung; die Lüge ist zu gleicher Zeit auch eine Art Selbstmord, weil sie den eigenen Organismus störend beeinflußt. Die vier Gebiete der devachanischen Welt (Kontinente, Ozeane, Luftkreise und Region der Urbilder) werden ohne Unterlaß von den Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen der Menschen durchzogen; Taten, hier unten gesetzt, wirken sogar bis in das 
      <a id="page270" name="page270" title="Dr.Nani/JWE"/>Gebiet der Akashachronik, bis in die Vernunft weit, und nach den Eindrücken, die alle diese Dinge in der geistigen Welt hinterlassen, formt sich der neue Äther- und der neue Astralleib. Auch gesunde und kranke Anlagen kommen durch diese Wirkungen zustande. Gestalt, Ausdruck und Widerstandskraft des Körpers hängen von ihnen ab.</p><h4>XV.
      <br/> Der Rosenkreuzerweg</h4><p>Wer in einem Erdenleben schlechte Neigungen und starke niedere Leidenschaften hochkommen läßt, der empfängt für sein nächstes Dasein einen ungesunden und unschönen physischen Körper; je radikaler der Kampf mit den niederen Neigungen und Trieben, desto gesünder und wohlgestalteter der nächste Erdenleib. Geizhälse, die mit gierigen, egoistischen Fingern Reichtümer zusammenscharrten, neigen im nächsten Leben zu ansteckenden Krankheiten. Wer viel Leid, Kummer und Schmerz mit heldenhaftem Mute ertrug, der kommt als schöner, wohlgestalteter Mensch in sein nächstes Dasein. Durch Krankheit der Muschel entsteht die Perle. (Fabre d'Olivet spricht diesen Gedanken aus). Das gilt auch für das Leben des Menschen. Was im Astralleib lebt, erscheint wieder im nächsten Ätherleib, was im Ätherleibe an Trieben und Leidenschaften wurzelt, tritt im Körper als Disposition (Grundstimmung, Grundverhalten) auf, was am physischen Leibe geschah, wird im nächsten Dasein äußeres Schicksal. Was im Astralleib geschah, wird Schicksal des Ätherleibes, der Ätherleib Schicksal des nächsten Körpers, der Körper die nächste physische Wirklichkeit. Träger des Schicksals werden die Knochen und Gliedmaßen: sie tragen den Erdgeborenen dorthin, wo sich sein Schicksal erfüllen muß, und das Schicksal erfüllt sich in neuer Gemeinschaft mit jenen, die im früheren Erdendasein mit dem Erdgeborenen verknüpft waren. So wird die Akashachronik zur Kraftquelle für alles, was zwischen 
      <a id="page271" name="page271" title="akling/JWE"/>einem Menschen und den anderen als karmische Schuld schwebt. Jeder Mensch schreibt seine Taten und Gesinnungen in den Erinnerungsäther; die Kunst des Lebens besteht darin, immer freier und freier zu werden von den Dämonen, die sich der Mensch durch sein Tun und Sinnen zuzog. Der Astralleib ist ohne Unterlaß von solchen Dämonen durchzogen; es gibt, in Wahrheit, gute und böse Geister, Spektren, Gespenster und Phantome, die dem Menschen Verhängnis werden können; sie würden nicht existieren, wenn ihnen der Mensch nicht selbst die Lebensmaterie und Seinssubstanz aus dem eigenen Begierdenstoffe lieferte: die Heilung Besessener, die Austreibung von Dämonen sind vollkommen reale Wirklichkeiten. So ist Mephisto, der »Geist aller Hindernisse«, geschaffen und zur Wirksamkeit berufen durch den Lügengeist im Menschen. Was wir als Bazillen», Mikroben und Krankheitserreger kennen, sind verkörperte Dämonen der Lüge. Alles niedere Ungeziefer und Getier dient dem Geist der Lüge und der Hindernisse. Materialistisches Denken erzeugt im nächsten Leben einen nervenkranken Körper, Wissen um Höheres, Glaube an das Göttliche einen ruhigen, vom Zentrum aus beherrschten Leib. Unser ganzes nervöses Zeitalter ist durch die vorangegangenen materialistisch eingestellten Vorfahren zu erklären. Dem Materialismus, als dem wahren Lügengeiste der Wissenschaft, ging der Materialismus der Religion voraus, der nach und nach das ganze religiöse Leben durchseuchte und die wunderliche Tatsache gezeitigt hat, daß die großen Wissenschaftler des Jesuitenordens Weg- und Schrittmacher der materialistischen Wissenschaft sind, die Schulter an Schulter gegen den »Aberglauben« kämpfen. Im Rosenkreuzertum blieb die große Synthese zwischen Religion, Wissenschaft und Philosophie im reinsten und idealsten Sinne erhalten. Die rosenkreuzerische Philosophie ist ein gigantisches System, das, die Welt- und Menschenentwicklung im spirituellen Sinne in sich bergend, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfaßt. 
      <a id="page272" name="page272" title="Dr.Nani/JWE"/>Aus ihm heraus entstand die köstliche Frucht der rosenkreuzerischen Einweihung, gegeben durch den Begründer der rosenkreuzerischen Geistbewegung, ein Weg, der zwischen der christlichen Einweihung und der Yogaschulung liegt und heute einzig und allein der modernen Bewußtseinslage entspricht. Schon lange, vor dem Ereignis auf Golgatha vorbereitet, wurzelt dieser Weg in der esoterischen Schule des Paulus von Athen und darf als seinen Ahnherrn Dionysios den Areopagiten ansehen. So trivial das klingen mag: die rosenkreuzerische Einweihung von heute ist der einzige gangbare Weg ohne Berufsstörung. Er führt den Novizen nicht aus dem Leben fort, er macht keinen Sonderling und Frömmler, keinen Eremiten und wunderlichen Heiligen aus ihm, sondern einen hohen Menschen, der um die Geheimnisse weiß und mit seinen erworbenen und erlebten Einsichten an der Menschheitsentwicklung im Sinne des großen göttlichen Entwicklungsplanes arbeitet. Grundlagen der christlichen Einweihung sind das Johannesevangelium und die Offenbarung Johannis. Die christliche Einweihung erlebt das Leiden Christi und feiert dessen Auferstehung in den geistigen Reichen. Die rosenkreuzerische Initiation umfaßt sieben Stufen: das Studium höherer Einsichten, die Erwerbung der imaginativen Erkenntnis, die Ausbildung der inspirativen Erkenntnis (Lesen der okkulten Schrift), Bereitung des Steines der Weisen, Erlebnis der Entsprechungen zwischen Mikro- und Makrokosmos, die Entwicklung der intuitiven Erkenntnis und die Erlangung dessen, was die christliche Ausdrucksweise Gottseligkeit nennt. Steiners »Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten« bleibt das klassische Buch der rosenkreuzerisch gralhaften Menschenentwicklung, das Standardwerk für alle Erdenzeiten, enthaltend die Institutionen esoterischer Einweihung, empfangen aus dem Geiste und den Notwendigkeiten unserer Zeit. Wie man auch äußerlich feststellen kann, führt diese Stufenskala der Einweihung nach rosenkreuzerisch gralhaften 
      <a id="page273" name="page273" title="akling/JWE"/>Erfahrungssätzen, auf der mittleren Stufe einen seltsam klingenden Titel: »Bereitung des Steines der Weisen«, Arbeit am Stein, wie es die rosenkreuzerische und ältere freimaurerische Terminologie nennt. So steht das alchimistische Geheimnis im Mittelpunkt (als vierte der sieben Stufen) der rosenkreuzerischen Einweihung und bildet den Kern des Rosenkreuzertums auch in seiner heutigen Gestalt, der Steinerschen Geisteswissenschaft. Vom Stein der Weisen wird also im nachfolgenden Kapitel die Rede sein, doch soll zunächst in einem Schlußabsatz etwas über das Äußerliche, Geschichtliche, des Rosenkreuzertums gesagt werden.</p><h4>XVI.
      <br/> Allerhand Rosenkreuzer</h4><p>In der Geschichte der Rosenkreuzer spielt Theophrastus Bombastus Paracelsus eine gewisse Rolle. Geboren 1493, also ein Jahr nach der »Entdeckung« Amerikas, war er schon dadurch gleichsam der erste Geist der neuen Zeit. Vater der Chirurgie und Luther der Medizin genannt, hat Paracelsus, ein unerhörtes und noch zu wenig gewürdigtes Genie, ungeordnet in seinem Leben und doch von wundervoller Ruhe und Gelassenheit, wie sie nur der Besitz der Geheimnisse zu geben vermag, große Reisen gemacht; ein Revolutionär, der mit unerhörter Innigkeit der Jungfrau Maria eine tiefgehende Schrift zu Füßen legte, stand er im schroffen Gegensatz zu der offiziellen Medizin seiner Zeit, schob die lateinische Sprache mit nonchalanter Geste beiseite und lehrte in deutscher Sprache, die er trotz ihrer großen, knorrigen Verwahrlosung als ein starkes und mächtiges Instrument zu handhaben verstand. Musterhaft und beispielgebend hat Franz Spunda alle Seiten dieses großen Geistes, der zugleich ein Mann von unbeugsamem Charakter und bewunderungswürdiger Gesinnung war, als Wissender beleuchtet. Es ist keineswegs 
      <a id="page274" name="page274" title="Dr.Nani/JWE"/>nachweisbar, daß Paracelsus ein aktiver und militanter Rosenkreuzer gewesen ist. Daß er vollkommen auf dem Boden ihrer Lehren steht, daß die Ideen des Paracelsus später in das Rosenkreuzertum vor und nach 1610 mit eingeflossen sind, bedarf keines Beweises; ihn einen Organisator dieses Ordens zu nennen, wie es Wittemans tut, ist jedenfalls riskant, wenn man bedenkt, daß die in Paris unter dem Namen »Sodalitium Agrippae« 1507 gegründete Gesellschaft ganz gewiß keine rosenkreuzerische Gründung war. Weit eher darf man die Zugehörigkeit Agrippas von Nettesheim, der sechs Jahre vor Paracelsus zur Welt kam und gleich Paracelsus in verhältnismäßig kräftigstem Mannesalter starb, zu den Rosenkreuzern annehmen, obschon seine Anweisungen und Rezepte zur schwarzen Magie nichts weniger als rosenkreuzerisch anmuten. Trotzdem ist auch Agrippa, gleich Paracelsus ein Schüler des Trithemius von Sponheim, ein prachtvoller Kerl von ansehnlicher Größe; sein stolzes und kühnes Wort: »nehmt den Schleier von Eueren Augen, stoßet den Becher des Todes von Euch und ermahnet die Welt zum wahren Licht in der Reinheit des Geistes und Herzens« macht ihm alle Ehre. Man darf überhaupt nicht mit der Laterne nach echten Rosenkreuzern, das heißt wirklichen Brüdern der hochedlen Bruderschaft vom Rosenkreuze suchen. War einer ein echter Rosenkreuzer, so ließ er nichts davon laut werden, und ein sicheres Kennzeichen für Nichtzugehörigkeit zum Orden war sicherlich der zumindest verdächtige Selbsthinweis, man sei ein Rosenkreuzer, wie das ja von manchem »Schwärmer und Schwindler« des öfteren geschehen sein mag. Mit demselben Rechte kann man allerdings schon bei Albertus Magnus, dem Franz Strunz als dem »herrlichen Menschen des Mittelalters« ein sehr schönes Denkmal gesetzt hat, mächtige Züge rosenkreuzerischer Art nachsagen, die auch bei Thritemius, dem Erfinder der Steganographia, reichlich vorhanden sind. Wie sich im nächsten Kapitel vom Stein der Weisen zeigt, sind so ziemlich 
      <a id="page275" name="page275" title="Dr.Nani/JWE"/>alle großen Alchimisten Rosenkreuzer genannt worden, denn mit Recht bildet, wie schon angedeutet worden ist, die Alchimie, richtiger die Arbeit am Stein, den zentralen Komplex der rosenkreuzerischen Philosophie. Barnaud, ein französischer Alchimist des sechzehnten Jahrhunderts, soll zwar 1559 auch in Deutschland Reisen unternommen haben, um die verstreuten alchimistischen Rosenkreuzer zu sammeln, aber schon die Vereinigung der magischen Brüder, wie sie aus dem Jahre 1570 gemeldet wird, trug den verwirrenden Zusatz »Gold- und Rosenkreuzer«, die, später wirklich auftauchend, weit mehr freimaurerischen als rosenkreuzerischen Charakter annahmen. Sichere rosenkreuzerische Zusammenhänge lassen sich bei dem christlichen Kabbalisten Heinrich Khunrath nachweisen, der aber schon dem sechzehnten Jahrhundert angehört. Zur rosenkreuzerischen Welt sind ohne Zweifel Robertus de Fluctibus (Robert Fludd) und Bacon zu zählen, dessen Mitanteil am Shakesspearegeheimnis heute wohl schon als gesichert angenommen werden darf. Das Rosenkreuzertum ist seit dem 17. Jahrhundert in der ganzen Welt aufgetaucht und hat überall seine Verfinsterungen erfahren; auch die Theosophen scheuten sich nicht, rosenkreuzerische Impulse vor ihren Triumphwagen zu spannen. Eine Karikatur des Rosenkreuzertums ließ nicht lange auf sich warten; der Impuls des Amerikanertums bemächtigte sich bald der erhabenen Lehren der Rosenkreuzer, die der Deutsche Max Heindel, ein Eklektiker von ziemlich harmloser Natur, zu billigem Gebrauch, auch als Frage- und Antwortspiel, zusammengestellt hat. Alle diese Episoden verschwinden im Lichte und Glänze der Steinerschen Umwälzung des menschlichen Wissens durch Erneuerung der rosenkreuzerischen Impulse im Michaelsgeist, im Zeichen des johanneischen Christentums und des Grals. Eine merkwürdige Spielart entstand in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in Frankreich unter der Führung des ebenso genialen wie wunderlichen Sar Peladan, der 
      <a id="page276" name="page276" title="akling/gary"/>neben den bisher, in ein unmögliches Deutsch, übertragenen Romanen stark erotischen Charakters ein ganz interessantes Lehrbüchlein, wie man Magier wird, hinterließ. Rosenkreuzerisch wird Eliphas Lévi ebenso genannt wie Stanislas de Guaita, der einen kabbalistischen Orden der Rosenkreuzer um 1888 in Frankreich begründete. Mit Bulver Lytton hat es eine eigene Bewandtnis: sein »Zanoni«, seine »seltsame Geschichte«, die dem Märtyrer Mesmer Gerechtigkeit widerfahren läßt, und sein »Geschlecht der Zukunft« verraten ohne Zweifel ein starkes Wissen um das Rosenkreuzertum und seine historischen Wurzeln, sowie um den Kern ihrer Lehre. Als pikantes Detail mag noch erwähnt werden, daß Van Helmont (wie Leibniz) vergebliche Mühe aufwendete, dem Orden der Rosenkreuzer anzugehören; sie fanden verschlossene Türen. Man kann daraus wohl einen Schluß ziehen, was davon zu halten ist, wenn weit geringere Geister als diese beiden, sich für Rosenkreuzer ausgeben! 
      <a id="page277" name="page277" title="Dr.Nani/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap008"><h3>Sechstes Kapitel
      <br/> Der Stein der Weisen</h3><h4>I.
      <br/> Mißverständnisse und Tragödien</h4><p>Die Suche nach dem Stein der Weisen und die Arbeit am Stein bind das Zentralgeheimnis aller Geheimnisse. Sie umfassen die gesamte Tatsache des Lebens, die Welt der Erscheinungen wie die der ewigen Wirklichkeit, sie stellen die Wissenschaft aller Wissenschaften, die Philosophie aller Philosophien dar, sie sind der Gegenstand aller Gegenstände, die Kategorie aller Kategorien, und ihr allein dient die erhabene Kunst der Alchimie, die jahrhundertelang den Geist aller außerordentlichen und »wahren Philosophen« beschäftigt hat. Als Kernpunkt der rosenkreuzerischen und der christlichen Einweihung bildet die Arbeit am Stein der Weisen den vierten, zentralen Grad der okkulten Entwicklung, der alle Vorbedingungen für die drei nächsten höheren Grade in sich birgt. Schon in diesen ersten Feststellungen liegt aber der Grund dafür, warum gerade die Alchimie von den Abkömmlingen und Nachzüglern der »Aufklärungsepoche« und von allen Teilnehmern an der Walpurgisnacht des Materialismus und reinen Verstandeswesens übereinstimmend für den größten Unsinn erklärt, der Stein der Weisen selbst aber für einen plumpen Schwindel abgefeimter Schwärmer gehalten wird. Leute wie Kopp, Schmieder und in neuerer Zeit Lippmann, die ihr Karma dazu trieb, mit halbem Herzen an der Sache hängend (gleich Kiesewetter, dem fleißigen Historiker des Okkultismus), der erhabenen Idee der Alchimie auf ihre Weise (als Kärrner und Materialsammler) zu dienen, selbst diese Forscher wagen, vor sich hinstammelnd, es handle 
      <a id="page278" name="page278" title="akling/gary"/>sich hier um einen der »merkwürdigsten Irrtümer der gesamten menschlichen Kulturentwicklung« keineswegs, das Geheimnisvolle, Anziehende und Spannende der metachemischen Erfahrungswissenschaft in Abrede zu stellen; sie bleiben nur, um sich nicht selbst zu verlieren, fest dabei, daß dieser Wahn, einer der »phantastischesten« überhaupt, »niemals, im Verlaufe von zwanzig Jahrhunderten« auch nur zu dem »geringsten, nachweisbaren Ergebnis« geführt hat, womit sie allerdings feierlich eine Lüge aussprechen, die jederzeit durch verläßliche geschichtliche Dokumente entkräftet werden kann. Nur wer im Punkte Alchimie so absolut ahnungslos ist, wie Lippmann, kann nach altem deutschen Brauch ein so dickes zweibändiges Buch darüber schreiben, das von falschen Deutungen und unwissenschaftlichen Deduktionen geradezu strotzt. Da aber die Wissenschaft so wenig und vor allem so wenig Richtiges über Alchimie weiß, braucht der Laie und Durchschnittsgebildete durchaus nicht betrübt darüber zu sein, wenn seine Vorstellungen von Alchimie noch um einige Grade primitiver sind und wenn ihn mit jener Wissenschaft nur die Dreistigkeit verbindet, die zum Unwissen noch den Spott gesellt und aus einer ganzen Reihe der erhabensten Geister Idioten macht, die sich nicht scheuten, ihre bedauerliche »Torheit« öffentlich vorzutragen und für das Geheimnis, das sie im Herzen trugen, unter Qualen zu sterben. In der Tat weiß der Durchschnittsmensch von heute über Alchimie nicht mehr, als daß sie ein Verfahren darstelle, aus niederen Metallen, wie Kupfer, Blei oder Zink, Gold zu machen. Dem gewöhnlichen Gehirn genügt in der Regel die Annahme, die Alchimisten hätten ein geheimnisvolles rotes Pulver besessen, zu dem sie auf verschiedene Art und Weise kamen, das sie aber selbst und aus Eigenem niemals hätten darstellen können. Allerdings sind die Wissenschaft, ebenso wie der Laie, der diese anbetet, ein wenig stutzig geworden, seit die modernen Strahlen- und Atomspezialisten gewisse Erfolge in der Zertrümmerung der Atome erreicht 
      <a id="page279" name="page279" title="Dr.Nani/gary"/>haben, die beweisen, daß es mit der Unzerlegbarkeit der Elemente schlecht steht, und seit das Rätsel des Radiums und Heliums den Lehrstühlen arge Verlegenheiten bereitet. In der Tat wird denn auch heute zugegeben, die Überführung von Metallen in Gold und Silber sei praktisch wohl durchaus möglich, aber die Kosten eines solchen Verfahrens wären so hohe und das Quantum des erzielbaren Edelmetalls sei so gering, daß es sich absolut nicht »lohnen würde«, Gold auf künstliche Weise herzustellen. Treibt man diese klugen Nützlichkeitsschwätzer aber durch die Feststellung in Verlegenheit, daß es sich gar nicht darum handle, sondern daß die alten Alchimisten ganze Stangen Goldes mit zwei oder drei Körnchen der Tinktur, auf geschmolzenes Blei oder Kupfer geworfen, zuwege brachten, so lächeln jene Klugschwätzer sehr verbindlich, lassen aber doch merken, daß man eben »naiv« genug sein müsse, solchen Erzählungen zu glauben. Anderseits sind die zahllosen Schriften der Alchimisten so dunkel und absichtlich irreführend, daß die meisten, von einem Strohfeuer des Interesses gepackt, bald davon ablassen und sich lieber vernünftigeren Dingen zuwenden. Am ehesten sind noch Dichter für glimpflichere Behandlung der Alchimie zu haben, sofern sie sich dazu herablassen, die Geschichte der Alchimie bei Lenglet oder, meinetwegen, auch bei Schmieder zu studieren, bei dieser Gelegenheit aber zu der überraschenden Erkenntnis kommen, daß die Geschichte einzelner Alchimisten an erschütternder Tragik überaus reich ist und daß nur ganz wenige Adepten der Kunst, denen die Arbeit am Stein gelang, ihr Leben auf angenehme und natürliche Weise beschlossen, indes die meisten, die, in Verbindung mit bösen Kräften, zu Teilerfolgen auf dem Gebiete der »Goldmacherkunst« gelangten, in katastrophaler Weise zugrunde gingen. Fiel doch Lenglet, der die Geschichte der Alchimie oft wegwerfend und ironisch behandelte und sich an spöttischen Bemerkungen über die Rosenkreuzer nicht genug tun konnte, eines Tages, am 
      <a id="page280" name="page280" title="akling/gary"/>Kamin seines Studierzimmers eingeschlafen, in das Feuer des Ofens und verbrannte jämmerlich ...!</p><h4>II.
      <br/> Die tabula smaragdina</h4><p>Alchimie, oder die geheime Kunst der Verwandlung, gekrönt durch den Stein der Weisen, deutet schon durch ihren Namen auf Zusammenhänge mit ägyptischer Herkunft, womit natürlich gar nichts über ihr Alter und den Zeitpunkt ihrer Entstehung überhaupt gesagt wird. Es gibt Leute, die mit einiger Berechtigung darauf hinweisen, daß die Erschaffung der Welt durch den Demiurgos, geschildert im Mosaischen Schöpfungsbericht, einen grandiosen alchimistischen Prozeß darstellt, den der Adept im kleinen wiederholt, sich die Rolle eines Schöpfers anmaßend. Wie dem immer sei, zu einer zureichenden Einsicht in das Wesen der Alchimie kann nur gelangen, wer seine Vorurteile und sein Vorwissen, schon in der Schule gesammelt, ablegt, um sich für ein Ding von solcher Erhabenheit frei und empfänglich zu machen. Daß die Silbe AI in Alchimie den arabischen Artikel bedeutet, indes Chemie (chemet) die ursprüngliche Benennung des alten Ägypten war, als eines Landes der »schwarzen Erde«, daß Hermes, der Initiator der altägyptischen Kultur, mit seiner Tabula smaragdina, der Urkunde der Alchimie, zugleich den Stammvater der hohen und geheimnisvollen Verwandlungskunst darstellt, läßt sich selbst dem befangenen Intellekt ohne Schwierigkeiten begreif lieh machen; gewohnt, ethymologischen Spielen ein geeignetes Ohr zu schenken, findet auch der skeptischeste Beobachter okkulter Zusammenhänge ohne Mühe wohl merkwürdig, aber doch durchaus glaubhaft, daß Noahs Sohn Cham hieß, welcher Name im Worte Alchimie genügend Platz hat, schon da er dem ägyptischen Ausdruck für Erde sicherlich verwandt ist. Das Zeitalter der Tabula smaragdina läßt sich nicht bestimmen. Nach Zosimos schrieb Hermes die durch Dämonen 
      <a id="page281" name="page281" title="Dr.Nani/gary"/>übermittelten Grundsätze der Alchimie als Erster nieder, und zwar in einem umfangreichen Werke, das auch andere Handfertigkeiten und Kunstgriffe behandelte; Hermes schrieb auf Tafeln, die verlorengingen oder absichtlich verborgen wurden, bis sie der ägyptische König Nechepso wieder fand, dem die Götter zugleich die Gabe der Einsicht in den Sinn dieser geheimnisvollen Dokumente verliehen. Der König selbst gilt als eine mythische Erscheinung der ptolemäischen Frühzeit, das kommt aber gar nicht in Frage, denn über diesen Umstand liegen keine weiteren Berichte vor. In der Tat sind später zwei Tafeln dieser Art bekannt worden: die Tafel von Memphis und jene Tabula smaragdina, von der hier die Rede ist. Die Tafel von Memphis, angeblich an einem Felsen bei Memphis gefunden, soll in griechischer und koptischer Sprache die folgende kurze Weisung enthalten haben: »Himmel oben, Himmel unten, Sterne oben, Sterne unten; alles, was Oben ist, ist auch Unten. Nimm es hin und es bringe dir Glück.« Näheres darüber ist nicht bekannt geworden, jedenfalls liest sich der Text dieser Tafel gleichsam wie ein fragmentarisches Konzept zu jener anderen Urkunde, der »smaragdinischen Tafel«, die, nach der Sage, Alexander der Große im Grabe des Hermes fand, die den Untertitel »de operatione solis« trug und dem Abendlande gegen 1200 n. Chr. in lateinischen, übrigens nicht durchwegs gleichlautenden Texten bekannt war. Sie hat einen unverkennbar feierlichen Ton und hieratischen Offenbarungscharakter; es existiert eine ganz kurze Fassung nach Doradaeus, die, frei übersetzt, ungefähr so lautet: »Es ist wahr, sicher und das Wahrste überhaupt: das Obere trägt die Natur in ihrem Innern und steigt von der Natur wieder nach Oben; es gibt einen Weg, beides zu verbinden! Die rote Sonne ist in dieser Verbindung der Vater, die weiße Luna (der Mond) die Mutter, das dritte, als feuriger Herrscher, tritt hinzu. Das Dichte mach dünn und führe es ins Dichte zurück! So hast du den Ruhm der Welt.« Eine schöne Version gibt Graf Bernhard 
      <a id="page282" name="page282" title="Dr.Nani/gary"/>vom Jahre 1453: »Wahr ist, ohne Lüge und gewiß und von allem das Wahrhaftigste: was unten ist, ist auch oben, was oben auch unten, zu vollbringen die Wunder eines einigen (einzigen) Dinges, und gleichwie alle Dinge von und aus dem Einem geschaffen sind durch den Ratschluß, den Willen und das Gebot des Einigen: also entspringen und kommen alle Dinge von diesem einzigen Dinge durch sonderbare Zuneigung und Fügung (Dispositione). Die Sonne ist sein Vater, der Mond seine Mutter, der Wind hat es an seinem Bauche getragen, seine Ernährerin und Säugamme die Erde; es ist der Urheber aller Vollkommenheit in der ganzen Welt. Wenn seine Kraft in Erde verwandelt wird, ist sie vollkommen. Du mußt das Grobe (Erdige) vom Feinen scheiden, das Feine vom Groben, ganz lieblich und durch eine große Geschicklichkeit! Es steiget von der Erde in den Himmel und vom Himmel wieder zur Erde und nimmt in sich auf die Kraft des Oberen, wie des Unteren. Also hast du die Herrlichkeit der ganzen Welt in Händen und derohalben werden Dunkles, Armut und Verachtung von dir ablassen, denn dieses Eine ist aller Stärke stärkste Stärke: es überwindet alles Subtile und durchdringet doch auch alle dichten und festen Körper. Also ward die Welt erschaffen, und von ihm werden seltsame Wunder gewirket, deren dieses ein Muster und Beispiel ist. Darum bin ich Hermes Trismegistos (der dreimal Größte) genannt, weil ich habe die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt. Also hat sich erfüllet, was ich zu sagen hatte von dem Werk und der Wirkung der Sonne (des Goldes).« Als das Interessanteste an dieser geheimnisvollen Urkunde, die der Ausgangspunkt eines »Jahrhunderte alten Wahnes« geworden ist, erschien etlichen Forschern die Frage, ob es jemals einen Smaragd von solcher Größe gegeben hat, der imstande gewesen wäre, einen verhältnismäßig so umfangreichen Text zu fassen. Die Erklärung, es habe schon in alten Zeiten etwas wie ein grünes Pflaster gegeben, beruhigte sie nur sehr unvollkommen ... 
      <a id="page283" name="page283" title="akling/gary"/></p><h4>III.
      <br/> Erläuterungen des Textes</h4><p>Der unbefangene Leser der smaragdischen Tafel kann, wenn er bloß seinen natürlichen Verstand daran wendet, manches finden, was des Nachdenkens wert ist. Zunächst erscheint als ganz klar, daß der Verfasser des mystischen Textes eine Absicht damit verfolgte, Weisungen solcher Art zu hinterlassen, und es ist wenig wahrscheinlich, daß sein Text für die Öffentlichkeit bestimmt war; vermutlich sollte diese Unterweisung Adepten dienen, die einer Mysterienschule angehörten und zu denen man im übrigen durch bestimmte Symbole sprach, die in der Alchimie, wie später zu zeigen sein wird, eine so große Rolle spielen. Die Feierlichkeit des Textes gemahnt an die berühmte Stelle in Platons »Timaios«, wo, nach scherzhaftem Geplänkel in pythagoräischer Art, mit einem Glockenschlage gleichsam, der Vorhang vom Geheimnis der Atlantis gezogen wird. Zu einer der beliebtesten Beschäftigungen der exakten Philologen gehört bekanntlich das niedliche Spiel der Echtheitsriecherei, das der Erkenntnis alter Tatbestände der Geistesgeschichte manchen Schaden zufügt. So haben die platonischen Briefe lange daran glauben müssen, daß Platon sie niemals geschrieben hat, wie ja überhaupt die Vermutung, alte Denker hätten mit Vorliebe die Welt gefoppt, zu den Kennzeichen exakter Philologie gehört. Nichtsdestoweniger ist die smaragdinische Tafel vor dem Schicksal, für einen Aprilscherz oder einen antiken Grubenhund gehalten zu werden, auf den die gescheitesten Köpfe des Mittelalters und der Anfänge der Neuzeit glatt hereinfielen, bewahrt geblieben. Die hohen und ernsten Schwingungen, die von der grünen Tafel ausgingen, scheinen selbst ausgepichten Zynikern und Spöttern in die Augen gestochen zu haben, denn auch Lippmann, der emsige Erforscher der Alchimie, die er gleichwohl ausnahmslos für einen »Betrug« hielt, gibt zu, daß der hermetische 
      <a id="page284" name="page284" title="Dr.Nani/gary"/>Text, »bei aller Absonderlichkeit«, nichts enthalte, was »mit dem Geiste einer Zeit, die unbedenklich die bunten Elemente zu vereinigen pflegte«, weder nach der Form noch nach dem Inhalte »unverträglich« wäre. Die Formel: »es ist wahr, gewiß und über allen Zweifel erhaben« wird mit solchem Nachdruck und solchem Ernst ausgesprochen, daß sich diesem Ton wohl niemand entziehen kann. Auch scheint es, daß der Text der smaragdinischen Tafel nicht etwa ein Fragment aus einer größeren Abhandlung darstellt, sondern vielmehr, daß sie als ein Versuch zu werten ist, das hermetische Geheimnis auf die kürzeste, prägnanteste und zugleich deutlichste Formel zu bringen. Ohne Zweifel waren freilich gewichtige Gründe vorhanden, die den Schreiber bewogen, von seinem außerordentlichen Geheimnis nur in Andeutungen zu sprechen; das »eine Ding«, dessen Wunder zu schauen sind, wenn man beachtet was Oben sei, sei auch Unten und umgekehrt, beim Namen zu nennen, verbot er sich selbst, oder es war, von den Göttern verboten, davon zu sprechen. Damit ist schon ein wichtiger Gesichtspunkt für das Verständnis der Alchimie als einer im edelsten Sinne magischen Kunst gewonnen. Das Arcanum des einigen Dinges war für die profane Welt, am allerwenigsten aber für den profanen vulgus geeignet, und der Grund dafür liegt auf der Hand: war es möglich, durch gewissenhafte und wohlverstandene Ausführung des hermetischen Generalrezeptes für die Bereitung des Steines der Weisen den Ruhm der ganzen Welt zu erlangen, wandelte die Anwendung des Geheimnisses alles Dunkel in Licht, alle Armut in Reichtum und Überfluß und alle Verachtung in die grenzenloseste Hochachtung, so mußte die Jagd nach dem Geheimnis unvermittelt beginnen. Verlieh der Besitz des Arcanums die stärksten Kräfte unter den stärksten Kräften dieser Welt, dann konnte, wer sie errang, seine Macht schrankenlos nützen und mühelos eine Geißel der Menschheit werden. Man wird, und diesen Einwand habe ich aus dem Munde ernster Menschen 
      <a id="page285" name="page285" title="Dr.Nani/gary"/>nicht selten gehört, wohl darauf hinweisen, daß selbst der Besitz des einen Dinges keineswegs hinreiche, den Stein der Weisen selbst zu finden, daß also das Geheimnis in der Hand eines Unverständigen und Einsichtslosen wertlos wird. In der Tat könne das Geheimnis scheinbar ohne Bedenken verraten werden, da der alchimistische Prozeß selbst noch so viele Voraussetzungen, Fußangeln und geheime Tücken enthalte, daß der glückliche Finder des Schatzes nicht das geringste damit anzufangen wüßte. Dennoch: die Gefahr ist eben von anderer Art! Behauptet die Sage, die davon spricht, Hermes sei »durch Dämonen« in den Besitz des Geheimnisses gekommen, so wird damit ohne Zweifel ein Gefahrenkoeffizient angedeutet, der die Verantwortung der Verräter am Geheimnis ins Ungemessene steigert. Niemand, der um die Gesetze der okkulten Welten Bescheid weiß, Wird das Odium auf sich nehmen wollen, einen Mitmenschen Dämonen ausgeliefert zu haben. Darum bleibt, bei geheim vollzogener Todesstrafe und unter Androhung ewiger Verdammnis, dem Inhaber des Geheimnisses nichts übrig, als reinen Mund zu halten. Keine Folter darf es ihm entreißen, und der äußerste Grenzfall, den die alchimistische Justiz gelten läßt, erscheint als gegeben, wenn der Meister, sobald er den Schüler für würdig befand, dem Schüler das Geheimnis selbst in einsamer und feierlicher Stunde ins Ohr flüsterte oder ihn auf andere Weise, durch Andeutungen und Hinweis auf gewisse Symbole hinleitete. Wenn aber Gott wollte, gab er es den Seinen im Schlafe!</p><h4>IV.
      <br/> Voraussetzung und Dispens</h4><p>Es scheint sich aber, schon beim bloßen Anblick der smaragdinischen Tafel nicht nur um ein einziges Geheimnis, sondern um eine ganze Reihe von Geheimnissen zu handeln, die von den Hermetikern hermetisch verschlossen wurden, damit 
      <a id="page286" name="page286" title="akling/gary"/>sie kein Unberufener in seinen Besitz bringe. Neben dem »Einen«, das als prima materia des alchimistischen Prozesses in Betracht kam, bestanden offensichtlich Geheimnisse des Prozesses selbst und endlich solche, die mit der Anwendung des Steines der Weisen verknüpft waren. Trügt der Buchstabe nicht, so ist schon die dreifache Betonung der Wahrheit und Sicherheit dessen, was die smaragdinische Tafel feierlich enthüllt, dreifach zu deuten: das erste »wahr« auf das Prinzip, das »ohne Lüge« auf die Theorie und die neuerliche Bekräftigung der Wahrheit auf die Anwendung. Geringere Schwierigkeiten macht die Gegenüberstellung von Unten und Oben: von der sichtbaren Welt in Zeit und Raum und den höheren Welten, die ohne Zeit und Raum sind. Indem Hermes die absolute Gleichartigkeit dieser Welten in der Struktur und ihre Unterstellung unter den obersten Willen hervorhebt, will er zeigen, daß die Einzigkeit des ewigen Dinges, das Wunder wirkt, aus der Gleichartigkeit und Gegenseitigkeit des Oben und des Unten entspringt, da sonst weder die Einzigkeit jenes Dinges noch die Entfaltung seiner Wunderkraft möglich wäre. Die Dinge, sagt Hermes, sind alle aus jenem einzigen Prinzip und durch Vermittlung eines einzigen Agens entstanden und der gegenseitigen Einwirkungen von Prinzip und Agens entsprossen. Ist dem Hermetiker der Kern des Problems in Form einer Erleuchtung aufgegangen, so wird ihm nun einiges über die Anwendung dieser Erkenntnis verraten. Unschwer erkennt er, daß der Stein der Weisen unter Zuziehung dreier Substanzen zustande kommt: die Sonne ist der Vater, der Mond die Mutter, der Wind trägt es im Leibe, und von der Erde wird es genährt. An die Stelle der Sonne setzt der erfahrene, auch in der Materie arbeitende Alchimist, das Gold, an die Stelle des Mondes das Silber, in der Gebärmutter des Quecksilbers vereinigt, das ihm zum Symbol der bewegten ätherischen Atmosphäre (des Windes) wird, und alle drei Substanzen, entsprechend vereinigt, tut er in seine jungfräuliche 
      <a id="page287" name="page287" title="akling/gary"/>Erde. Der Leser weiß wohl, daß in bezug auf Sonne und Mond in den verschiedenen Sprachen Gegensätze herrschen. Im Deutschen sind 
      <i>die</i> Sonne und 
      <i>der</i> Mond ein Beweis für die uralte, hermaphrodisische Gestalt alles Lebendigen, indes der Römer Sol und Luna, der hermetischen Formel entsprechend, an die scheinbar richtige Stelle setzt: als Vater und Mutter! Aus den beiden Substanzen Sonne und Mond zieht der Alchimist in seiner jungfräulichen Erde das Kraftwesen, das ihnen innewohnt; er sondert das Erdige vom Feuer, das Wässerige vom Luftigen (das Dichte vom Feinen) langsam und mit größter Sorgfalt, denn der Prozeß selbst erfordert eine bestimmte Zeit, und Geduld ist eine Sache, die der Alchimist reichlich vorrätig haben muß, will er zum Ziele kommen. Was erlebt nun der Hermetiker, an diesem Punkte angelangt? Aus dem Chaos, darin er sein Werk verborgen hält, steigt, nun in zurückkehrender Strömung, das Es (das Geistverwandte und Heilige) von der Erde wieder zum Himmel hinauf und noch einmal zur Erde hinunter, wodurch es die Kräfte beider Sphären (der himmlischen wie der irdischen) in sich aufnimmt. Ist der Prozeß so weit gediehen und ohne Fährlichkeit erreicht, so hält der Hermetiker den Schatz in Händen, er hat den Ruhm der ganzen Welt erlangt und alles Dunkel, das seine Wohnschaft auf Erden mit sich bringt, überwunden. Den Stein der Weisen in der Hand, hat er Macht über alle Dinge, die er nach Belieben mischen und auflösen, festmachen und verbinden, flüssig und luftig machen kann. Um dieses Geheimnisses willen und in Verbindung mit dem köstlichen Besitz dieses höchsten Gutes, ward Hermes Trismegistos der dreimal Größte genannt. Leib, Seele und Geist, leibliche, seelische und geistige Welt sind ihm Untertan, denn das hohe Werk der Sonne wird auf diese Weise vollendet. Es möchte nun zunächst scheinen, als wäre für das nähere Verständnis der Alchimie mit allen diesen Feststellungen nur ein sehr geringer und nicht gerade wesentlicher Schritt nach vorwärts getan. 
      <a id="page288" name="page288" title="Dr.Nani/gary"/>Nichtsdestoweniger darf der Wißbegierige diesen ersten Schritt zur Einsicht nicht unterschätzen, ohne daß er sich, selbst bei seiner Skepsis verharrend, den Weg zur Erkenntnis der übrigen des Geheimnisses verlegte. Das Wunder der Alchimie muß von allen Seiten aus betrachtet, der Kern dieses erhabenen Geheimnisses auf verschiedenen Wegen verarbeitet werden, soll, im gegebenen Augenblicke, ein Schimmer jenes seligen Lichtes aufgehen, das vom Stein der Weisen ausstrahlt. Ist schon die Inanspruchnahme und gar die Vollendung des Werkes an eine ganze Reihe von geistigen, seelischen und körperlichen Voraussetzungen geknüpft, von denen es unter keinen Umständen Dispens gibt, so kann auch der gewöhnliche, praktische und auf den oft trügerischen Sinnenschein gerichtete Verstand ohne Flügel und gewisse Erleichterungen im natürlichen Gewicht nicht zu Rande kommen. Das Instrument der Einsicht in dieses heilige Geheimnis muß fein geschliffen und durchlässig gemacht werden, soll sie nicht an Hindernissen scheitern, die eben nur für den hausbackenen Verstand vorhanden sind. Meine Darstellung kann nichts Besseres tun, als langsam, mit Sorgfalt und von allen Seiten zu hellerer Einsicht in das Wesen der Alchimie zu gelangen.</p><h4>V.
      <br/> Die Ahnengalerie der Meister</h4><p>Lenglet, Kiesewetter, Kopp, Schmieder und Lippmann haben sich, jeder auf seine Art und nach seinen Möglichkeiten, gewisse Verdienste um die Erkenntnis dieses höchst dunklen Gegenstandes erworben. Man verdankt ihnen zunächst eine Sammlung wichtiger historischer Umstände, die, zusammen, die Geschichte der Alchimie ausmachen, und, ohne daß sie es wollen, oft sogar unter ihrem lebhaften Protest, zeigt sich ihnen, von ungefähr und leichthin, ein Zipfel der heiligen Geheimnisse; sie sprechen Worte und Zusammenhänge aus, die, ihnen selbst unklar, für 
      <a id="page289" name="page289" title="akling/wedi"/>den Wahrheitssucher doch von großem Werte sind und, oft genug, wenn man ihrem harmlosen und ein wenig indignierten Geplauder zuhört, hat man das Gefühl eines Kindes, das, am Versteckenspiel beteiligt, im Augenblicke, da der Sucher dem versteckten Gegenstande schon sehr nahe ist, lebhaft ausruft: es brennt! Ich kenne eine bloß handschriftlich verbreitete Einführungs- und Schlüsselschrift in das alchimistische Geheimnis, die, statt einzuführen, die Sache scheinbar überflüssigerweise kompliziert, aber doch plötzlich innehält, um die Bemerkung fallen zu lassen: im Worte uni-ver-sal sei das ganze Geheimnis enthalten. Kopfschüttelnd bleibt der Leser solcher Schlüsselschriften vor dem Tore des Tempels stehen, das ihm vor der Nase zugeschlagen wird. Sondert man aus der schier unübersehbaren Reihe der Alchimisten, deren Namen bekannt geworden sind (noch höher ist ja die Zahl der ungenannten und verborgen gebliebenen), so bleiben, von den Alten abgesehen, aus dem XIII. Jahrhundert: Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Scotus, Roger Baco, Peter von Abano, Arnoldus von Villanova und John Duns; aus dem XIV: Raimundus Lullus, Johannes Rupescissa und Nikolaus Flamel; aus der ersten Hälfte des XV.: Basilius Valentinus und Nikolaus Cusanus; aus der zweiten Hälfte des XV.: Trevisanus, Ficinus, Trithemius und Georg Ripley; aus dem XVI.: Picus von Mirandola, Agrippa von Nettesheim, Parazelsus, Georg Agricola, Kaiser Rudolf II., Eduard Kelley und John Dee; mit dem XVII., dem Jahrhundert der Rosenkreuzer in der Geschichte der Alchimie aber: Michael Mayer, Robertus Fludd, Michael Sendivogius, van Helmont, Irenaeus Philaletha, Starkey, Schröder und Kunkel von Löwenstein; aus dem XVIII.: Laskaris, Bötticher, Geoffroy, Danninger, Kurt Sehfeld, Reussing Figduld, Lenglet (in gewissem Sinne), Philander, James Price und Semler, als Alchimisten hervorzuheben, die teils selbst und mit Erfolg am Stein gearbeitet, teils in sein Wesen eindrangen oder auf äußerliche Weise in den Besitz der roten Tinktur gelangten. 
      <a id="page290" name="page290" title="Dr.Nani/wedi"/>Vom XVIII. Jahrhundert ab verschwindet die Alchimie, wie der Mond in einer finsteren und stürmischen Wetternacht hinter schweren und unheilgefüllten Wolken verschwindet. Das XIX. Jahrhundert, der Gipfelpunkt des materialistischen und rationalistischen Karnevals, hat nur mehr Spott und Hohn für die Geheimnisse überhaupt und die der Alchimie im besonderen übrig. Es vollendet, als Höhepunkt des finsteren Zeitalters, den Taumel des Unglaubens, des Lebensdurstes und der Abgetrenntheit vom Göttlichen, stellt aber doch, gegen seinen Willen, selbst nur ein Chaos dar, aus dem sich, noch im XIX. Jahrhundert selbst, aber vollends mit dem Beginn des XX., auch die anderen Geheimnisse und damit das der »Königlichen Kunst« gleich dem Vogel Phönix aus seiner Asche erheben. Der Okkultismus, angeregt durch den neu auflebenden Spiritismus und Mediumismus, taucht zu jener Zeit in den verschiedensten Formen und Gestalten auf und stellt dem Schwall des irdischen Philosophen- und Religionsgezänkes den uralten Besitz seiner Mysterien entgegen, schicksalmäßig dazu bestimmt, seinen Platz an Steiner abzutreten, der mit vollem Bewußtsein und ganzem Akkord, das Thema der Geisteswissenschaft anschlägt und als wahrhafter Weltenlehrer auch den Vorhang hebt, so die heiligen Geheimnisse des Christentums als der erhabensten, ordnungsgemäßesten Alchimie verdeckt. Inzwischen ist ja die sogenannte exakte Wissenschaft auf ihren Wegen und nach unsäglichen inneren Schwierigkeiten in die Nähe der Geheimnisse und der Alchimie im besonderen gelangt: ihre Atomerforschung, die Entdeckung der strahlenden Materie, der Hormone und Vitamine führen immer weiter und weiter, und es ist ein tragisches Schauspiel, zu sehen, wie ihr Erstaunen und ihre Überraschung doch keineswegs die Kraft haben und groß genug sind, um die Ahnung göttlicher Geheimnisse in ihr aufkommen zu lassen. Die vielgehöhnte Alchimie ist eben dabei, ihren Triumphzug, im Triumphwagen des Antimonii, anzutreten, und im Troß ihrer Auffahrt ist auch 
      <a id="page291" name="page291" title="Dr.Nani/wedi"/>die Wissenschaft zu sehen, die sich niemals hätte träumen lassen, daß es ihr einmal gelingen würde, sich aus den mörderischen Klammern des Darwinismus und des Maschinengedankens zu befreien. Um so stärker gemahnt die Stunde alle geistigen Menschen, an der großen Erneuerung und am Wandel des menschlichen Bewußtseins mit größter Sauberkeit, Demut und innerlicher Hartnäckigkeit zu arbeiten, sich, anders ausgedrückt, wiederum an das große Werk zu begeben, das ihnen der Christus Jesus für alle Zeiten weist. Nichts kann ihnen dabei bessere Dienste leisten als das Verständnis für Alchimie im weitesten und erhabensten Sinne des Wortes, als eine Erkenntnis der Stoffwelt, empfangen aus dem Geiste!</p><h4>VI.
      <br/> Die Pfuscher in Gottes Handwerk</h4><p>Es wäre sicherlich eine ebenso lohnende und verlockende Aufgabe, hier fürs erste von den merkwürdigen, fast immer eigentümlichen, zumeist aber recht traurigen Schicksalen der einzelnen Alchimisten zu sprechen, aber weder der Umfang des Buches noch sein Ziel, einen Überblick über den Stand der Geheimwissenschaften in der Gegenwart des zwanzigsten Jahrhunderts zu geben, gestatten solche Umschweife. In den Büchern und bei den Autoren, die ich schon genannt habe, findet man spannende Lektüre dieser Art genug, die es getrost mit jedem aufregenden Roman unserer Zeit aufnehmen könnte. Diese Erzählungen, oft in Wahrheit bloß nüchterne Berichte, aber vielleicht gerade darum doppelt erschütternd, sind keineswegs deshalb tragisch, weil sie den Helden etwa im Kampf mit äußeren Verhältnissen zeigen, in den er zwangsweise durch die Lage der Dinge getrieben ward, sondern: das bittere Los der meisten Alchimisten fiel ihnen bloß deshalb zu, weil die unselige Leidenschaft von ihnen Besitz nahm, es dem lieben Gott, dem Demiurgos, gleichzutun 
      <a id="page292" name="page292" title="akling/Wunibald"/>und als Schöpfer aufzutreten, eine gigantische Anmaßung, die von Seite der höheren geistigen Gewalten nicht unwidersprochen bleiben konnte. Ein uraltes okkultes Gesetz sagt (davon war schon die Rede), daß niemand die Himmelstüre aufmacht, ohne daß im selben Augenblick die Pforten der Hölle aufgehen; heißt es doch selbst vom Christus Jesus im apostolischen Glaubensbekenntnis: »abgestiegen zu der Hölle«, und kopfschüttelnd nimmt der Uneingeweihte zur Kenntnis, daß der Erlöser der Welt, Christus Jesus, in der Wüste mit zwei Versuchern rang. Alchimie ist im wahrsten und richtigsten Worte Magie, und alle Magie hat ihre Entsprechungen im Guten wie im Bösen. Alchimist sein, setzt immer ein Schicksal voraus; wo Alchimie als Beruf und Erwerb betrieben wird, führt sie zur Sudelküche, darin groteske und komische Gerichte zubereitet werden. Wer von seinem reinen und selbstlosen Herzen aus dazukommt, läßt das Werk oft im kritischen Augenblicke (dort, wo ein Eingreifen der Dämonen zu erwarten ist) im Stich, er wittert die Gefahr und kehrt schaudernd um. Wer aber aus satanischen Gründen an den Athanor, den geheimnisvollen Ofen, darin das große Werk bereitet wird, herantritt, der muß sich auf die romantischesten und ausgesucht bösartigsten Abenteuer gefaßt machen; dem einen wie dem anderen bleibt der Weg zu den Naturgeistern und zu den höheren Wesenheiten nicht erspart, aber wehe dem, der die Kunst nicht meistert, in einem Falle ihr Herr zu bleiben, im anderen aber nach ihrem Sinne zu verfahren. Gesetzt den Fall, zwei Adepten der hermetischen Kunst begännen zur selben Zeit, äußerlich an Temperament und im Grade der Entwicklung gar nicht sonderlich verschieden, das opus magnum; verläuft ihre Arbeit am Stein auch noch so gleichartig, erreichen sie auch zur selben Zeit ein und dasselbe Zwischenstadium, so sind damit noch lange keine Sicherheiten dafür gegeben, daß sie überhaupt und ob sie gleichzeitig ans Ziel kommen. Der geringste Diätfehler (um es vulgär medizinisch 
      <a id="page293" name="page293" title="Dr.Nani/Wunibald"/>auszudrücken) kann alles Errungene aufs Spiel setzen. Die Dämonen, gefühllos als Zustand, sind in den Händen des Adepten »rohe Kräfte«, die »sinnlos« walten; wie Glut und Wasser, Sturm und Erderschütterung, so warten sie nur auf den Mißgriff dessen, dem sie widerwillig genug gehorchen. Von dem Ernst, der Tragweite, den Wirkungen Und Folgen solchen Tuns, als so erhaben es auch bezeichnet werden mag, macht sich der Laie, der über den ganzen »Alchimistenspuk« nur kopfschüttelnd urteilt, keinen Begriff. Annähernde Vorstellungen von den Gewalten, die hier entbunden und losgelassen werden, kann man sich aber ungefähr verschaffen, denkt man, zum Exempel, im Zusammenhang mit der Atomzertrümmerung daran, daß das Gewicht und die zusammenhaltenden Kräfte eines ungeheuren Felsengebirges plötzlich auf geheimnisvolle Art aufgehoben und frei würden. In Zeit und Raum, mit den Hilfsmitteln der dreidimensionalen Anschauung gesehen, müßte eine solche Katastrophe von gigantischen, fast unvorstellbaren Dimensionen die fürchterlichsten Ereignisse heraufbeschwören. Im Reiche der vierten Dimension sind sie, wie sich bei spiritistischen Unternehmungen mit großen Medien zeigt, eine niedliche Spielerei: eine goldene Dose wandert durch feste Tische und verschlossene Türen bei vollem Licht. Im Augenblick ist der Bann, der die Materie zusammenhält und festmacht, aufgehoben, im nächsten Moment aber restlos wieder hergestellt, so daß die naive Vorstellungsart der »Exakten« hartnäckig daran festhält, hier müsse ein »Betrug« obwalten. Was aber in der Sphäre des Spiritismus die Kraft des Mediums, das bewirkt gleichsam (auf dem Worte gleichsam ruht hier der Ton) die seelische und geistige Entwicklung des Adepten im Verlaufe des »großen Werkes«; er erhält die Gewalt, zu binden und zu lösen, er verbindet die Gesetze und Gültigkeiten der dreidimensionalen Welt mit dem Zwischenreich und dessen Normen. Er pfuscht in Gottes Handwerk! 
      <a id="page294" name="page294" title="akling/Wunibald"/></p><h4>VII.
      <br/> Das Geheimnis der Materie</h4><p>Im vorangehenden Abschnitt war auffallenderweise, wie der aufmerksame und geneigte Leser wohl beachtet haben wird, von Materie die Rede. Das Mysterium der Materie ist denn auch in der Tat das Grundgeheimnis der hohen Verwandlungskunst, genannt Alchimie. Das Mysterium der Stofflichkeit überhaupt wird hier berührt. Schon sieben Jahrhunderte v. Chr. beginnt die vorsokratische Philosophie mit der Frage nach dem Urstoff, den Thales im »Wasser«, Anaximandros im Apeiron (dem Unbegrenzten), Anaximenes in der Luft und Heraklit im Feuer erblickt habe, was an der Hand unserer landläufigen und bei größter Gelehrsamkeit überaus naiven Philosophiegeschichten ungefähr darauf hinausläuft, die alten jonischen Naturphilosophen hätten eben ihr Steckenpferd gehabt, das sie nach Art unserer gegenwärtigen Universitätsphilosophie ritten. Spricht Anaxagoras noch von Ur-Teil-Wesen, die lebendigen Keimen gleichen, so erstarren diese Vorläufer der Monade bei Demokrit schon zu toten und unteilbaren Stoffteilchen, von denen alle Dinge der Außenwelt durch verschiedene Mischungen und Kombinationen gebildet werden. Ordnet bei Anaxagoras das Voneinander, Zueinander und Durcheinander dieser Teilchen noch die (göttliche) Vernunft, der Weltverstand, Nus benamset, so stapft Demokritos, einer der ersten Vorläufer des modernen exakten Materialismus, scheinbar schon vollends im Fahrwasser einer toten Naturwissenschaft, indem er die Dinge durch bewußtlose, zufällige Naturgesetzmäßigkeit und -notwendigkeit geschehen läßt: Ananke ordnet die Welt; eine entseelte Natur bleibt in des Demokritos Philosophenhänden. Diese Gesamtsituation hat sich in ihrer heutigen Grundgestalt, trotz des großartigsten Aufschwunges, den die Materienforschung seither genommen hat, wenig geändert. Die alten Griechen verstanden unter Äther zunächst 
      <a id="page295" name="page295" title="Dr.Nani/Wunibald"/>den Sohn des Erebos und der Nyx, ein dunkles Elternpaar, das die Schauer des Hades (der Unterwelt) mit den Geheimnissen der Nacht verband. Aus dem Dunkel und der Nacht entstand Aither, der zur oberen, reinen Himmelsluft, dem Wohnsitz der Götter wurde. In der griechischen Philosophie trat er wie eine Art fünftes Element auf, das den Himmelsraum mit seinem göttlichen Feuer erfüllt und daraus alles Sein und Leben hervorgeht. Eine feine, den ganzen Weltraum erfüllende Substanz, die als Lichtträger gilt, spielte der Äther lange Zeit auch in der Physik eine führende Rolle. Einstein hat ihm die Türe der Physik wohl vor der Nase zugeschlagen, aber das Vorhandensein von Molekeln, das Einstein, Smoluchowsky und Soedberg als erwiesen annahmen, macht den Leuten, die den Äther aus der Physik hinauswarfen, wenigstens, soweit ihr logisches Denken in Frage kommt, wenig Ehre. Am Grabe des Äthers pflanzen sie die Fahne des Moleküls und des Atoms auf, die unter der Führung einer geheimnisvollen Kommandantin, der Energie, stehen; sind die Molekel »kleinste Mengen eines Elementes oder einer chemischen Verbindung, die entweder in freiem Zustand auftreten oder an chemischen Prozessen teilnehmen, so verstehen jene unter »Atomen« die »kleinste unsichtbare Menge eines einfachen Stoffes, die in eine chemische Verbindung eintritt oder gar zur Bildung eines Molekels beiträgt«. Die moderne Materienforschung ist auf ihren langen Irr- und Wanderfahrten einer ganzen Reihe von Wundern begegnet, die es mit jedem noch so romantischen Märchen getrost aufnehmen können. Als Brown, ein englischer Botaniker, der also gar nicht zur physikalischen Gilde zählte, 1827 die merkwürdigen, sehr lebhaften und völlig ungeordneten Bewegungen kleiner in Wasser gebrachter Teilchen beobachtete, wodurch er zum Vater der »Brownschen Bewegung« wurde, eröffnete er damit den Reigen der spannendsten Abenteuer, welche die Welt jemals gesehen hat. Die Brownsche Bewegung kommt niemals 
      <a id="page296" name="page296" title="akling/Wunibald"/>zum Stillstand, hört niemals auf; noch in den Flüssigkeitseinschüssen beim Quarz ist sie, sicherlich, seit vielen Jahrtausenden tätig, ein veritables Perpetuum mobile. Das andere große Abenteuer war die Entdeckung der strahlenden Materie und des Atomzerfalles. Die Atome altern nicht, sie besitzen das Geheimnis der ewigen Jugend; dabei sind sie keineswegs etwa die ewigen und unteilbaren Elemente, für die man sie hielt; sie lassen vielmehr ein unendliches Gewimmel von Welten ahnen. Ein drittes Abenteuer endlich war die Entdeckung der Quantentheorie. Mit dem periodischen System der Elemente schloß die erste Phase in der Entwicklung der Atomistik glänzend ab. Die zweite, aus den Überlegungen von Niels Bohr entstanden, krönt das Stadium der Erkenntnis vom Bau der Atome. Die Atomzertrümmerung endlich schien, so war allgemein auch in den eingefleischtesten materialistischen Zeitungen zu lesen, ein Mirakel zu werden, das den »Traum der Alchimisten« wahrmachte und einen Vorgeschmack jener Blamage gab, die das jahrzehntelange, dröhnende Gelächter der hohen Wissenschaft über die Schwärmer und Schwindler der Goldmacherkunst jäh verstummen ließ; wohl wagt es sich auch noch heute, dort und da, hervor, aber es wird doch kaum mehr beachtet und ernst genommen. Das Gesamtbild der Entwicklungsgeschichte kulminiert ungefähr darin, daß in der Stofflichkeit, in der Welt der Materie, tatsächlich etwas wie ein »einiges Ding« vorhanden sein muß, aus dem alles geworden ist, daß also die scheinbar so dunklen, mythischen und auf Irreführung berechneten Angaben der smaragdinischen Tafel, nichts Geringeres als einen ganz exakten, wissenschaftlichen Bericht darstellen ...</p><h4>VIII.
      <br/> Das allmächtige Gold</h4><p>In der Tat wurzelt Alchimie oder Arbeit am Stein im Aspekt der göttlichen Schöpfungsgeschichte. Der Adept wird Demiurgos; 
      <a id="page297" name="page297" title="Dr.Nani/Wunibald"/>er wiederholt die Schöpfung der sichtbaren und unsichtbaren Welten aus dem Chaos; er vermißt sich, den Schöpfer zu spielen. Gleich dem Schöpfer der Welten, der, aus seinem Urschlaf erwachend, die »Erde« schafft, treibt den Adepten sein Karma zum »großen Werk«. Der im Geist entworfene Plan birgt in sich zugleich die Urmaterie, das große Geheimnis aller Schöpfungs- und Verwandlungskunst. Ohne das göttliche Vorbild sinkt die Alchimie der »Schwärmer und Schwindler« zur Sudelkunst auf magischer Grundlage herab, von vornherein zum Mißlingen bestimmt, indem sie, scheinbar außerhalb der ewigen Gesetze des Karmas, sich selbst in den Bereich dunkler Verirrung begibt. Kein echter Alchimist kann sein Werk ohne genaue Einsicht in das eigene Horoskop in Angriff nehmen. Die Stunde, an die Bereitung des Steines der Weisen zu schreiten, muß für ihn geschlagen haben; sie steht buchstäblich in den Sternen geschrieben. Seine Lebensuhr zeigt an, ob die Zeit dafür gekommen ist. Gewisse Planetenstellungen innerhalb seines Grundhoroskops weisen ihn mit klaren Zeigern auf das Werk, das nur ein Mensch, gesund an Körper, Seele und Geist, beginnen darf. Wer ohne Rücksicht auf solche Bedingungen, einfach eine Schürze vornimmt und sich in die Küche verfügt, um das philosophische Ei garzukochen, weckt mit Recht das Gelächter und die Verachtung aller Wesen, in deren Sphäre das magnum opus reift. Es gibt nicht einen alchimistischen Prozeß, sondern gleichzeitig zwei, die miteinander parallel gehen, und zwar so, daß sich die Bereitung des Steines im Geistigen abspielt, vom Prozeß in der Materie begleitet. Auch darüber, ob das Werk nur im Geistigen bleibt oder gleichzeitig auf dem physischen Plan einherschreitet, entscheidet der Blick auf die Lebensuhr des Adepten. So durchdringen sich die beiden Arbeiten zu einer. Als ein grandioses, nur einmal in der Entwicklung auftretendes Beispiel entrollt sich das Leben, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes auf Erden. Darum hat die Alchimie, vom Sternengeheimnis 
      <a id="page298" name="page298" title="akling/Wunibald"/>des Ägypters empfangen und tatsächlich in Hermes wurzelnd, ihren wahren Sinn für die Erde und den Erdenweisen durch den Christus Jesus bekommen und erst vom Augenblick auf Golgatha an beginnt die wahre Alchimie mit ihrem Passionsweg, ihren Leidenstationen und mit der Krönung des Werkes im Vater, der das Wort des Sohnes hört: »es ist vollbracht«! Der Mensch, in seiner Rückverwandlung zum Gott, ist selbst der Stein der Weisen; sein Erdenleib ist der chemische Ofen, Athanor genannt, das Chaos der Unstimmigkeiten zwischen Leib, Seele und Geist die prima materia des Werkes, seine Verklärung des Endglied der Entwicklung. Die große Neun, die in der Arbeit am Stein eine so wichtige Rolle spielt, steht in inniger Verbindung mit dem neungliedrigen Menschenwesen, das im Ich des Menschen, als dessen ewigem Kern, wurzelt und, von hier aus, den Astralleib durch die Arbeit zur Manasstufe, den Ätherleib durch die Arbeit zur Buddhistufe und endlich den physischen Leib durch die Arbeit zur Atmanstufe verwandelt. Das wären allerdings, vom Ich aus betrachtet, erst sechs Phasen, aber der Leser erinnert sich vielleicht daran, daß im Ich die drei Seelenglieder des Menschen verbunden sind: die Empfindungs-, die Verstandes- und die Bewußtseinsseele. Daraus ergibt sich auch ganz von selbst, daß ein Ich, das nicht zugleich auch schon das Dritte, die Bewußtseinsseele, entwickelt hat, zum Prozesse selbst nicht vordringen kann. Darum blieb die Arbeit am Stein bei Adepten aus dem Zeitalter der Empfindungs- und der Verstandesseele gewissermaßen Stückwerk, wie die Geschichte der Alchimie sinnfällig erweist, und sie beginnt mit der Vollendung der Bewußtseinsseele, die eine Aufgabe unseres Zeitalters ist, ihre eigentliche, große und befreiende Sendung. Gelang das Werk nur jenen Eingeweihten, die, »die Entwicklung vorausnehmend«, die volle Stufe der Bewußtseinsseele erreichten, was allerdings erst in der nachchristlichen Epoche geschehen konnte, so versteht man, aus einer meditativen Betrachtung 
      <a id="page299" name="page299" title="Dr.Nani/Wunibald"/>des alchimistischen Sachverhaltes heraus, einerseits, warum gerade die Rosenkreuzer als die wahren Vollender der Arbeit am Stein erschienen, anderseits aber warum gerade in unsere Tage die Wiederbelebung der alchimistischen Geheimnisse fällt. Die erwachende, wenn man es vulgär so aussprechen darf, die rumorende Bewußtseinsseele hat den Stein (der Weisen) buchstäblich wieder ins Rollen gebracht. Im Räderwerk der großen Geheimnisse greift ein Rad ins andere, und nicht die geringste und unscheinbarste Arbeit kann etwa außerhalb oder gar gegen das Gesetz der Entwicklung geschehen. Nur die geistige Entfaltung, nur die geistige Alchimie darf reinen Herzens an die Materie heran, um ihre hohen Erlebnisse gleichsam auch in dieser auszudrücken und sinnfällig zu machen. Warum sie, in der Materie, just auf die Bereitung des Goldes geht, das in der Sphäre des Sündenfalles ein luziferisches Mineral geworden ist, wird dem Leser denn auch sehr bald hinreichend klar werden; in diesem Stadium der Darstellung mag genügen, festzustellen, daß das Gold der Alchimisten und das Gold der physischen Sphäre, wie es die Erde in ihrem Schoße bereitet, keineswegs ein und dieselbe Sache sind, daß vielmehr zwischen dem Aurum der Alchimisten und dem Münzgold dieser Erde, das als Gradmesser der Währung dient und zum allmächtigen Symbol des Reichtums und der Macht geworden ist, tiefgehende, mystische Unterschiede bestehen, Unterschiede, deren Bedeutung sehr wohl erahnen kann, wer sich an das Rheingold, als den Tand und das Spielzeug der Töchter des Rheines, erinnert und es mit jenem Nibelungenschatze vergleicht, den Alberich mit Hilfe Mimes aus ihm gemacht hat ...</p><h4>IX.
      <br/> Die vier Elemente und ihre Zustände</h4><p>Aus dem Chaos, aus dem Tohuwabohu, aus dem Nichts, schuf Gott die Welt; an ein Chaos tritt auch der alchimistische 
      <a id="page300" name="page300" title="akling/Wunibald"/>Magier heran, wenn seine Nacht um ist und der Augenblick der Schöpfung gekommen. Das Chaos bedeutet auch für ihn, wie für den Demiurgos, die »ungeordnete Urstofflichkeit«, die alle Möglichkeiten in sich birgt. Die Materie, das sind die »kosmischen Mutterkräfte«, in die der schöpferische Strahl eindringt, Sternenwesen, von Sternenkräften befruchtet. In den Figuren der Rosenkreuzer begegnet man dem Chaos und den Gestirnen auf Schritt und Tritt; immer wieder wird hier das Symbol gezeigt, wie die Natur an einem Punkte aufgehört hat, tätig zu sein, indem sie, bildlich gesprochen, die Hände in den Schoß legt. Chaos! Ist das nicht aber zugleich der Zustand der Verwesung und Auflösung und ist nicht in den zahllosen alchimistischen Schriften von dem »köstlichen Ding die Rede, das so unscheinbar und gering aussieht, so übel riecht und so schmutzig auftritt, daß es die Kinder achtlos von sich werfen, die Knechte und Mägde von den Stiefelsohlen abstreifen? Vom Strahl des Sternengeheimnisses getroffen (über jeder Geburt, über jedem »auf die Welt kommen« schwebt ein Stern), setzt sich diese materia, prima genannt, weil sie der Anfang ist und alles in sich schließt, in Bewegung. Das Grobe scheidet sich vom Feinen, das Dicke vom Dünnen, und die Elemente beginnen darin zu »wirken«. Das Chaos ist also der Punkt, wo der Geist in die Materie einzieht, wo sich die mystische Hochzeit von Geist, Seele und Materienleib vollzieht. In der Retorte, im Ofen ist nichts, es wäre denn, der Alchimist hätte sie vorher im Geist geschaut: eine Materie, die das ganze Werk schon in sich birgt und aus »eigener Kraft« differenziert. Die Wissenschaft war, zur Zeit der Herzschen Versuche, ganz nahe am Geheimnis, aber ihr Karma erlaubte ihr nicht, in das Innere des Tempels einzudringen; sie bog plötzlich ab, schloß aus den Wirkungen in einem bewegten Medium zu voreilig auf die Natur dieses Etwas und rannte sich schließlich an dem. Universalirrtum fest, der einem einzigen Äther alle Wirkungen zuschrieb. Die Alchimisten 
      <a id="page301" name="page301" title="akling/Wunibald"/>wußten und wissen es besser. Sie kannten sieben ätherische Urkräfte, vier davon, die in Raum und Zeit schwingen, drei aber, die künftigen Bewußtseinszustände und Erdentwicklungen eigentümlich sind. Die Geisteswissenschaft gibt ihnen einfache und schlichte Namen: Wärmeäther, Lichtäther, chemischer Äther (Klangäther) und Lebensäther, deren jeder eine höhere Entwicklungsstufe des vorhergehenden darstellt. Der Wärmeäther ging aus rein geistigen, unzeitlichen Zuständen hervor, er gab der ersten Form unserer Erde die Signatur: dem Saturn; aus dem Wärmeäther ward der Lichtäther, so daß die alte Sonne zwei Ätherarten vereinigte; aus dem Lichtäther auf dem alten Mond in Vereinigung mit dem Wärmeäther: der chemische oder Klangäther; aus dem Klangäther, vermischt mit Wärme- und Lichtäther auf unserer Erde, der Lebensäther. In ihrer Mischung wirkt jede Ätherart mit der unteren zusammen, doch auch jede in ihrer ganz besonderen Eigenschaft. Haben die ersten beiden Ätherarten (Wärme und Lichtäther) das Bestreben, in den Raum hinaus (zentrifugal) zu wirken, so kennzeichnet Zusammenziehung und Saugwirkung (zentripetal) den Klang- und den Lebensäther. Jede der vier irdischen Ätherarten weist außerdem, neben der raumbildenden Tätigkeit auch eine formbildende Tendenz auf, die, alle zusammen, besondere Wirkungen und Zustände hervorrufen. So ist der Wärmeäther: ausdehnend, in der Grundform kreisförmig (sphärisch) und erzeugt Wärme; der Lichtäther: zentrifugal, in der Form dreieckig, und erzeugt die Welt der Gase; der chemische oder Klangäther in der raumbildenden Tendenz saugend und zusammenziehend, in der Form halbmondförmig und erzeugt das Flüssige; der Lebensäther aber, endlich, ist zentripetal, in der Form viereckig, und bewirkt das Feste. An dieser Aufstellung gemessen, erscheint nun auch die Weltentwicklung in einem bedeutend schärferen Lichte. Nennt man den gasförmigen, den flüssigen und den festen Zustand Aggregatzustände, so ergibt sich dem 
      <a id="page302" name="page302" title="akling/Wunibald"/>Geistesforscher ein sehr eigenartiges Bild; keiner dieser Aggregatzustände geht ohne weiteres in den anderen über; beim Wechsel des einen Zustandes in den anderen treten vielmehr zunächst alle vorhergehenden Zustandsarten noch einmal als Begleiterscheinungen auf, und beim Wechsel selbst zeigen sich (nicht wörtlich gesprochen, denn sie sind ja nicht sichtbar) Kräfte aus dem nichträumlichen Zustand, die im raumzeitlichen Prozeß mitaufgehen und in diesen verschwinden. So ergibt sich das folgende Bild: Entstehung der Welt aus einem reingeistig wesenhaften nichträumlichen Zustand: erster Zustand (Saturnzeit) wärmeätherisch; im Übergang ein nichträumlicher Zustand, dem eine Wiederholung des Wärmeätherzustandes folgt; sodann: der Lichtätherzustand (alte Sonne), dann wieder ein nichträumlicher Zustand, worauf Lichtätherzustand und Wärmeätherzustand wiederholt werden; sodann: der Klangätherzustand (oder chemischer Äther), Mondenzeit (alter Mond); darauf, wiederum nach einem nichträumlichen Zustand, Wiederholung des chemischen, Licht- und Wärmeätherzustandes; endlich der Lebensätherzustand unserer heutigen Erde, in dem die heutige Menschheit lebt. Auf ihn folgt eine nichträumliche Epoche der Wärmetod der Erde, aber im anderen Sinne, als es sich die exakte Wissenschaft vorstellt), eine Wiederholung der vier Ätherarten und Übergang zum nächsten Zustand, der als Jupiterzeit bezeichnet wird. Diese Prozesse umfassen und umfaßten Jahrmillionen, aber sie sind ein makrokosmisches Vorbild der Wandlungen, die sich im Werke des Alchimisten vollziehen. Er arbeitet mit den vier Elementen, als den durch den Äther bewirkten Zuständen.</p><h4>X.
      <br/> Raum und Zeit in der Alchimie</h4><p>Zum Parallelismus der geistigen und materiellen Alchimie zurückkehrend, die, zusammen und gleichzeitig geübt, die Bereitung 
      <a id="page303" name="page303" title="akling/Wunibald"/>des Steines der Weisen zum Ziel haben, soll nun, ehe die näheren Umstände des Prozesses zur Erörterung gelangen, doch noch ein Wort über den Ausdruck »nichträumlicher Zustand« verloren werden, der in der Genesis (wie in ihrem Abbild, der Alchimie) eine entscheidende Rolle spielt. Ein nicht räumlicher und daher auch zeitloser Zustand ist natürlich ein geistiger Zustand. Es wird überhaupt bald klar, daß Raum und Zeit erst unter dem Eintreten der ätherischen Bildekräfte in die Entwicklung und durch diese zustande kommen, woraus sich wiederum die Frage ergibt, wie das Unräumliche zum Auftreten des Räumlichen führen kann, mit anderen Worten, wie die räumliche Welt aus dem Geistigen überhaupt entstehen konnte, oder, um es noch anders und philosophisch deutlicher zu sagen: wie sich der Übergang vom Wesen zur Erscheinung vollzieht. So abstrakt diese Formulierung klingen mag, so rasch leuchtet sie ein, vergegenwärtigt man sich zum Exempel den Übergang des Wesens Rose (wenn man den nicht ungefährlichen Ausdruck gebrauchen will, der Idee der Rose) in die Erscheinung Rose, Das Wesen Rose, im Rosensamen verborgen, ist räumlich nirgends, es tritt aber im Augenblick der Erscheinung Rose in den Raum. Erscheinung setzt den Raum voraus und bringt sich ihn gleichzeitig mit. Der exakte Wissenschafter, der über solche Dinge lächelt, weil er sie für Verstiegenheiten metaphysischer Gemüter ansieht, würde aber wahrscheinlich erbleichen, wenn man ihm sagte, daß auch der exakteste Forscher sehr oft, ohne es zu wissen und ohne sich Rechenschaft davon abzulegen, genau so verwegene Metaphysik treibt, zum Exempel, wenn er von latenter Wärme und vom Freiwerden latenter (verborgener) Wärme spricht. Geht nicht auch das Wesen Wärme hier einfach in die Erscheinung Wärme über, teilt anderen Worten: ein nicht räumlicher Zustand in einen räumlichen? Was bewirkt nun aber den Übergang selbst? Es ist einleuchtend, daß die ätherische »Bildekraft« den Übergang vom Nichträumlichen 
      <a id="page304" name="page304" title="akling/Wunibald"/>ins Räumliche, vom Geistigen ins Dreidimensionale, vollzieht, daß sie aus dem Chaos als dem Wesentlichen in die Erscheinung des Differenzierten übergeht, und in diesem Augenblick gehen nun auch Wesen und Erscheinung, die geistige Alchimie des Mystikers und die »praktische« Alchimie des Adepten der Goldmacherkunst, ineinander über. Der Prozeß der geistigen Alchimie ist nicht räumlich, der der praktischen dreidimensional aber räumlich, und, als hätte er eine vorüberhuschende Ahnung vom metaphysischen Stand dieser Dinge, sagt Einstein, gegen die Objektivierung des Raumes durch Newton polemisierend, der den »absoluten Raum« wie ein wirkliches und reales Ding behandle, bemerkt also Einstein, oder läßt sich nun die Bemerkung entschlüpfen, mit demselben Rechte hätte Newton seinen absoluten Raum ebensogut ruhig Äther nennen können. Wo es Raum gibt, sind Dinge, die nebeneinander und nacheinander bestehen, vorhanden. Nun geschieht aber etwas ganz Merkwürdiges: der Raum sondert die Dinge, stellt sie aus dem Zusammenhang heraus; der Verstand, der menschliche Geist faßt, in seinem Denken, die gesonderten Dinge wieder in eine Einheit zusammen. Das Denken hebt somit die Tätigkeit der ätherischen Bildekräfte auf, führt die Erscheinung wieder in das Wesen zurück, tauscht das Räumliche gegen das Unräumliche um. In ganz ähnlicher Weise hat Rudolf Steiner schlagend die Irrtümer gezeigt, die mit dem Begriff der Zeit verknüpft worden sind. Einer verfehlten Auffassung des Zeitbegriffes ist, wie er nachweist, die Entstehung des Begriffes Materie überhaupt zu verdanken. Die Zeit ist nichts anderes als der sinnenfällige Ausdruck für die Abhängigkeit der Tatsachen vom Inhalt. Auch Zeit ist nur dort, wo Wesen in Erscheinung tritt; hat sie mit dem Wesen selbst auch nichts zu tun, so gehört sie doch zur Erscheinungswelt. Wer nun den Rückgang der Erscheinung in das Wesen in seinem Denken nicht vollziehen kann, sieht die Zeit als etwas den Tatsachen Vorangehendes an; er meint, die Zeit müsse von Ewigkeit an 
      <a id="page305" name="page305" title="akling/Wunibald"/>»dagewesen« sein. Um nun ein Dasein zu finden, das die Veränderungen überdauert, stellt er die »unzerstörbare Materie« als ein wirkliches Ding hin, dem die Zeit nichts anzuhaben vermochte. Vom Wesen einer Sache kann niemand aussagen, daß es entsteht oder vergeht. Das Wesen ist ewig Und raumlos. Hat man diesen Gedankengang in sich aufgenommen, so ändert sich auch sofort die Formel des Einwandes, den Einstein gegen Newton erhebt. Newton hätte, statt seinen absoluten Raum gleich Äther zu nennen, anschauen können, wie der Raum entsteht und vergeht, gleichwie ätherische Bildekräfte aus der ruhenden Lage in Wirksamkeit oder aus der Wirksamkeit wieder in die ruhende Lage übergehen. Zurücknahme in den nichträumlichen Zustand ist also Rückgang von der Erscheinung ins Wesen, vollzogen im Denken des erhabenen schöpferischen Wesens. Der Alchimist und der Mystiker oder der praktische Adept und seine geistige Entsprechung, der Mystiker, sind nahe Verwandte; gemeinsam ist ihnen das Streben nach Erkenntnis, die nicht auf das gewöhnliche Erkennen gerichtet ist, aber ihre Methoden weichen voneinander ab. Der echte Alchimist, der den wahren Mystiker und den Adepten der »königlichen Kunst« in sich vereinigt, sucht, indem er in die hehren Geheimnisse des Spieles zwischen Wesen und Erscheinung eindringt, ein Licht, darin das Gold wohnt, ein reines Licht, dessen räumlicher Niederschlag nur unser gewöhnliches Tageslicht ist. In diesem Lichte schaut er, sobald er sich dazu entwickelt hat, das Geheimnis des großen Werkes selbst und die Aufeinanderfolge der spagyrischen Prozesse.</p><h4>XI.
      <br/> Die drei Prinzipien der »königlichen Kunst«</h4><p>Die geistige Alchimie ist ein geistig seelischer Umwandlungsprozeß an der prima materia Mensch, entzündet und erlebt an 
      <a id="page306" name="page306" title="akling/Wunibald"/>der Beobachtung der Natur, wie sie die Rosenkreuzer des Mittelalters unternahmen. Sie schauten auf diesem Wege drei Prinzipien: Sulphur, Sal und Merkur. Unter Sulphur, dem Prinzip der Verbrennung, erschien ihnen alles, was in der Flamme aufgeht (das Schwefelartige), als ein Prozeß der allmählichen Läuterung durch das Feuer, als eine Form des Opfers; unter Sal, dem Prinzip der Salzbildung, alles, was sich aus einer Lösung als fester Stoff niedersetzt, zurückbleibt und aus dem Prozeß herausfällt. Der wahre Alchimist schaute die Salzbildung; die menschliche Natur vernichtet sich ohne Unterlaß durch ihre Triebe und Leidenschaften; gäbe sie sich nur ihren Trieben hin, würde das Dasein zum fortlaufenden Fäulnisprozeß; Überwindung der verwesenden Kräfte durch spirituelles Denken, das war die mikrokosmische Salzbildung der alten Rosenkreuzer, in die göttliche Sphäre gehoben. Im Merkur, dem Prinzip der Auflösung endlich, sah der wahre geistige Alchimist alles, was als Substanz die Kraft hat, andere Substanzen aufzulösen, nach Art des Quecksilbers, das als flüssiges Metall eine ganz eigenartige Rolle unter den Erdenstoffen spielt; es gibt eine Seelengemeinschaft, die so wirkt, wie Merkur draußen im Reiche der Natur; seelisch erlebte er in diesen Prinzipien alle Formen und Gestalten der Liebe, als einer radikalen Tinktur, die alles Harte, Feste, Grobe, allzu Materielle auflöst, und alle niederen wie höheren Auflösungsprozesse einleitet. So dienten die wahren Adepten der Gottheit in dreifacher Weise: mit reinen Gedanken, mit dem Geiste der Liebe und der Gesinnung des Opfers. Ihre Aura verwandelte sich dabei; anfangs gemischt und verunreinigt, nahm sie später drei Farben an: die des Kupfers, des Silbers und endlich die des Goldes. Hellsehend erfaßten sie in dieser Weise das Gesetz der Entwicklung und des Verfalles, und was sie dabei erlebten, drückten sie in imaginierten Bildern aus, wie die berühmten und überaus aufschlußreichen zwölf Schlüssel des Basilius Valentinus zeigen. Über diese Geheimnisse gibt es schlankweg 
      <a id="page307" name="page307" title="akling/Wunibald"/>so gut wie nichts Gedrucktes; dieses Weisheitsgut ist fast ausschließlich in Bildern und Symbolen erhalten, deren Sinn aufgeht, wenn die innere Kraft dazu entwickelt ist. Die Mehrzahl der alchimistischen Bücher ist so gehalten, daß ihre Darstellungen den Anschein erwecken, als genügte es, sich eine Küche einzurichten und die vermeintlich richtigen oder falschen Prozesse zu versuchen. Wohl kamen auch die wahren Alchimisten mit dem Stofflichen in Berührung, aber entscheidend war ihnen ganz allein das seelisch-geistige Erlebnis, das in einem geheimnisvollen Punkte gipfelte; in dem Seelendrama bei der Herstellung des sogenannten wahren Antimon. So kamen auch sie zu einer hohen Deutung der prima materia: sie erlebten die Leiblichkeit der Throne, durchsetzt und durchwirkt mit der Tätigkeit der Geister der Form, mit anderen Worten: die Geister, die das formende Element des Daseins sind, in ihrer Wärmetätigkeit; sie erlebten den ungeheuren Prozeß des Gestaltlosen (Amorphen), hervorgerufen dadurch, daß alles Dasein nach Form drängt und wieder zersprengt und zermalmt wird; aller Staub dieser Erde war für ihr inneres Auge zermürbtes Dasein. In den Wolken schauten sie die Cherubime, in Blitz und Donner die Seraphime; sie schauten die Äonen als Wesenheiten, die einander ablösen; im Jom den ersten der Zeitgeister (Archai); hinter allem Festen die Geister des Willens (Throne), im Wässerigen die Geister der Weisheit (Kyriotetes), im Luftigen die Geister der Bewegung (Mächte, Dynameis), im Warmen die Geister der Form (Elohim, Exusiai); die Finsternis, einen Zustand, den die Elohim vorfanden, sahen sie als den Ausdruck der auf der alten Saturnstufe zurückgebliebenen Wesenheiten, im webenden Licht den Ausdruck jener Wesen, welche die alte Sonne in irregulärer Weise erreichten, ersonnen von denen, die die Finsternis vorgefunden hatten; in Jom die fortgeschrittenen, in Liith die zurückgebliebenen Archai. Dazu kommen feste astrologische Zuordnungen: der Wärme zum Saturn, des Lichtes (der Wärme 
      <a id="page308" name="page308" title="akling/Wunibald"/>und Luft) zur Sonne, des Schalles (Licht, Wärme, Luft und Wasser) zum Monde, des Lebens (Schall, Licht, Wärme, Luft, Wasser und Erde), zum Prinzip des Lebens, das ihnen gleichsam wie ein viertes, mit der Erde verbundenes Element erschien. Ihren Ausgang nahmen sie mit dem Eindringen in den Ätherleib der Erde, einem Übergang von der gröberen zur feineren Substanz; hier begegneten sie der Urmaterie (wie ich schon oben angedeutet habe und wie es sich als Analogen im Übergang von Radium zu Helium ausdrückt), die in Allem enthalten ist, so daß ihnen alle anderen Substanzen bloß als Modifikation der einen erschienen, welche die Essenz von Allen darstellt; diese Substanz zu erfassen, darauf war zunächst das ganze Streben der rosenkreuzerischen Alchimisten gerichtet; so erschien ihnen darin, was die Mönche des Ostens das Athoslicht nennen, und die Kraft, diese Substanz zu erfassen, schöpften sie aus der Entwicklung ihrer geistigen Seelenkraft; sie fanden sie draußen in der Natur wie im Menschen selbst: im Makrokosmos als Einheitskleid der Natur, im Menschen aber in der Wechselwirkung zwischen Denken, Fühlen und Wollen; das Wollen: als Donner und Blitz, das Denken: im Regenbogen und die Morgenröte, das Fühlen: in der großen, feierlichen Stille der erhabenen Natur. Der Ätherleib des Christian Rosenkreuz enthielt diese Kraft. Alle diese Entdeckungen sollten durch hundert Jahre nach dem Erscheinen des Christian Rosenkreuz verborgen und geheim bleiben, doch konnte, als die Zeit um war, unter dem Drucke des hereinbrechenden Materialismus das Wissen um das magnum opus bloß gebrochen und verschleiert gegeben werden.</p><h4>XII.
      <br/> Die Geisterwelt der Alchimie</h4><p>Der Ätherleib der Natur ist eine Vielheit, eine unendliche Mannigfaltigkeit mit einer unübersehbaren Heerschar von Wesenheiten. 
      <a id="page309" name="page309" title="akling/Wunibald"/>Die alchimistischen Rosenkreuzer sahen im Blau des Himmels die Farbe der vollständigen Hingabe, mit der sie in den Himmel eintauchten; ganz in derselben Weise wirkte das Grün der Natur, das Weiße der Schneedecke, alles gleichsam als Erlebnis des Zusammenklingens von Gedanke und Begierde, Wunsch und Erfüllung. Sie erlebten auf ihrem Wege Wesenheiten, die in Form und Gestalt, in Bild und Grenze gebannt, sich scheinbar gleichbleiben, dann wieder Wesenheiten, die sich beständig wandeln. In das Innere der Erde hellseherisch eindringend, begegneten sie den Wesenheiten des Gesteins und der Metalle, dem Gestein der Erde, dem Element Erde, in den Raum sich erhebend den Wesen des Wässerigen, der Wolkenbildung, des Wasserfalls, des Nebels und Regens; den Geistern des Blühens und Sprießens der Pflanzen im Element der Luft; den Geistern des Feuers in allen Keimen und Samen. Sie erlebten den Wechsel der Jahreszeiten in den Wesenheiten, die damit zu tun haben, die mit dem Blühen und Früchtetragen, mit dem Welken und Absterben beschäftigt bind, blitzartig dahinhuschenden Wesen. Nach und nach, bei beendigter Wanderschaft durch diese Naturreiche mit ihren Wesenheiten, verschwindet das Reich des Ätherleibes der Erde. Die Wanderschaft geht nun durch den Astralleib der Erde in die spirituelle Welt. Da kommt nun eine ganz neue und andere Art von Wesenheiten zum Vorschein: Geister: die sozusagen Befehlshaber, Übergeordnete, Vorgesetzte der Naturgeister sind; zu ihnen, als dem Zugehör zum Astralleib, kann nur der Astralleib des Menschen (zur Nachtzeit, im Schlafe) vordringen; es sind, mit Zeit und Raum als Idee verbunden: die Geister der Umlaufszeiten, der Tag- und Nachtgleiche, der Drehung der Erde. Zwei Schleier also hat der Alchimist zu heben: den des Reiches der Elemente (des Ätherleibes) und den des Reiches der Umlaufszeitgeister (des Astralleibes der Erde). Da taucht nun allerdings die Frage auf, was mit dem Ichkern des Alchimisten werden mag. Das Ich des esoterischen 
      <a id="page310" name="page310" title="akling/Wunibald"/>Menschen, der als richtiger Alchimist anzusehen ist, läuft im Augenblicke dieser zweiten Wanderschaft in Gefahr, einzuschlafen und sich zu verlieren. Da der Ätherleib des Menschen eine Einheit, der Ätherleib der Natur aber eine Vielheit ist, ein Verhältnis, das auch für den Astralleib des Menschen und den Astralleib der Erde besteht, so wächst hier die Gefahr der Zerstückelung (eines okkulten Erlebnisses, das im zerstückelten Osiris, im zerstückelten Dionysos sein erhabenes Vorbild hat); darum gibt der Meister dem Adepten für diesen Punkt der Reise genaue Weisungen, die verhüten helfen, daß das Ich, um es so vulgär als möglich auszudrücken, bei sich bleibe, sich nicht verliere, nicht der Welt abhanden komme; zwei Dinge dürfen dem Ichbewußtsein nicht verlorengehen: die Erinnerung an alle Erlebnisse der gegenwärtigen Inkarnation und die Stärke des moralischen Gewissens. Geht nun die Wanderschaft auf diese Weise in Ordnung vor sich, so steigt der Adept zu dem einheitlichen Geiste der Planeten selbst auf; er bleibt mit der Sonne verbunden, wenn diese selbst auch untergegangen ist, denn die geistige Sonne leuchtet ihm. Der Planetengeist, der Geist der Erde, regelt die Wechselbeziehungen zwischen der Erde und den anderen Planeten. Ist der physische Leib durch die Wahrnehmung mit der Sinnenwelt (den Naturkräften) verbunden, so steigt der Ätherleib durch die Imagination zum Reiche der Naturgesetze, der Welt der Naturgeister auf, der Astralleib aber, durch die Inspiration, zum Sinn der Natur, den Geistern der Umlaufszeiten, und das Ich, durch die Intuition, zu den Planetengeistern. Die Naturkräfte, von denen das gewöhnliche Bewußtsein der Menschen spricht, als da sind: Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität, Anziehung, Abstoßung, Schwerkraft, Gravitation usw., sind nichts anderes als Wesenheiten der Maya (der Erscheinung), denen in Wirklichkeit die Welt der Naturgeister entspricht, so den Ätherleib der Seele ausmachen. Die Naturgesetze wiederum sind Maya, hinter der die Welt der 
      <a id="page311" name="page311" title="akling/Wunibald"/>Geister der Umlaufszeiten liegt; zum Planetengeist aber vermag die Mayawissenschaft überhaupt nicht vorzudringen; nur die Künstler, die Dichter, die Musiker, die Maler und die esoterischen (metaphysischen) Denker sind das imstande, indem sie den Sinn hinter den Dingen, die wahre Wirklichkeit, den Ewigkeitszug der Dinge wittern und suchen. Die Quelle aller dieser Erkenntnis ruht im Innern, im Innenleben des Menschen, in ihr liegt auch das große Geheimnis der Bewußtseinszustände und ihrer Entwicklung, Durch ihr Innenleben sind die Menschen, ohne daß sie sich Rechenschaft darüber ablegen, mit den höheren Welten verbunden; sie sind mit ihrem Innenleben entweder im Einklang oder im Widerspruch zu den höheren Welten: durch die Pflege wahrer Gedanken und richtiger Wirklichkeitserkenntnis gelangt der Adept zum Tor, das in die geistigen Welten führt; mit dem Gefühl einer starken, opfermutigen und selbstlosen Liebe kommt man den Engeln nahe, der nächst höheren Wesenstufe, vom Menschen aus gesehen und gefühlt. Auf diesem Wege gelangt der Mensch auch zu jenen Wesen der dritten Hierarchie, die, in der Sprache der Dichter, der Engel, der jedem Menschen zur Seite ist, der Schutzengel des Menschen genannt wird. Über den Engeln stehen die Erzengel (Archangeloi), die Engel der Menschengruppen und Völker, über den Erzengeln aber die Zeitgeister, die Leiter des Zeitgeistes und der Zeitalter (Archai). Die Zeitgeister endlich bringen unausgesetzt neue Geister aus sich hervor!</p><h4>XIII.
      <br/> Die Planetengeister</h4><p>Die Wanderschaft des geistigen Alchimisten geht nun folgerichtig weiter zu den Höhen der geistigen Hierarchien zweiten und ersten Grades. Nicht alle kommen freilich so weit, denn die Sphäre der Zeitgeister, Erzengel und Engel ist so vielgestaltig 
      <a id="page312" name="page312" title="akling/Wunibald"/>und wundersam, daß es den Adepten mit ungefestigtem Ichkern schwer wird, sich von ihnen loszumachen; erscheint ihnen doch schon alles, was sie auf diesem Punkt ihrer Entwicklung erleben, schauen und gleichzeitig in der Materie auszudrücken vermögen (und gerade das lockt ja am stärksten), als so viel und so wertvoll, daß es sie nach weiterer Wanderschaft nicht gelüstet! Den Wesenheiten der dritten Hierarchie stehen die Naturdämonen zu Diensten: die Geister der Erde, des Wassers, der Luft und zuletzt auch des Feuers. Es sind Dämonen und sie üben auf das Menschenwesen einen unbeschreiblichen Zauber aus. Die Geschichte der Alchimie ist reich an Adepten, die den Dämonen verfielen und mit Hilfe unlauterer, ungeordneter und zu Mißbrauch stets einladender Kräfte und Wesenheiten, denen sie selbst Gestalt gaben, indem sie ihnen ihre Wunsch- und Begierdensubstanz zur Verfügung stellten, zum großen Werke zu gelangen hofften. Der wahre Adept bleibt bei dieser Zauber- und Dämonenwelt nicht stehen; er steigt in seiner Bewußtseinsentwicklung zu den Wesenheiten der zweiten Hierarchie auf; sie schauen, sie erleben, heißt, sich selbst in einer bestimmten Art und bis zu einem gewissen Grade von Bildhaftigkeit objektivieren; die zweite Hierarchie ist die Hierarchie der Töne, der Sphärenmusik; hier leben und weben, im geistigen Sinne, die Geister der Form (Exusiai), der Bewegung (der Veränderung und des Werdens, Dynameis) und die der Weisheit, gesetzt über die Gesamtphysiognomie, den Gesamtgestus, die führende Weisheit der Welt, die die Gruppenseelen der Tiere und Pflanzen birgt. Von den Geistern der Form erhält der Planet seine Gestalt, von denen der Bewegung seine innere Wandelbarkeit, von den Geistern der Weisheit das Bewußtsein des astralischen Leibes. Die dritte, die höchste Hierarchie, in. der allbeseligenden Nähe Gottes verharrend, umfaßt die Geister des Willens oder Trone (von denen die Impulse zur Bewegung der Planeten im Baume ausgehen) oder Geister des Willens; die Cherubime 
      <a id="page313" name="page313" title="akling/Wunibald"/>(die die Einzelbewegung des Planeten im Verhältnis zu den anderen Planeten regeln) und endlich die Seraphime (denen das seelische Leben eines Planeten in Verbindung mit der Sprache anvertraut ist). Mit ihnen, den höchsten Wesenheiten, ist auch das große Geheimnis des Falles der Engel verknüpft, das im Komplex der Alchimisten eine besondere Rolle spielt. Die Wahrheiten der obersten, höchsten Hierarchie, bekommen in einem bestimmten Augenblicke der Weltentwicklung das »Gelüste«, ihre Natur zu verleugnen; als oberste Hierarchien Gottes können sie von Natur aus keine Selbständigkeit, keine Individualität, wenn man es so nennen will, haben, wie sie etwa der Erdenmensch entwickelte; eine Gruppe dieser Wesenheiten empfand nun den brennenden Wunsch, ihr Wesen im Spiegel einer Art Außenwelt zu erleben; damit verleugneten sie zugleich ihr eigenes, von Gott unmittelbar verliehenes Wesen, womit die Unwahrheit, der Geist der Lüge, in ihre Reihen drang. Diese Geister nennt Rudolf Steiner in seinem wundervollen Vortragszyklus »über die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen« luziferische Geister, Wesenheiten, die ein selbständiges, inneres Leben entwickeln wollen, indem sie die höhere Substanz der dritten Hierarchien wie deren Auftriebskraft für sich abzuspalten suchen. (Etwas Ähnliches spielte ja auch bei anderen höheren Wesenheiten in die Entwicklung hinein, denn und nur so läßt sich das Eigenleben der Planeten erklären. Die Substanz der Planeten Saturn, Jupiter und Mars, die vom okkulten Gesichtspunkte aus, raumerfüllend ist, stammt von den Geistern der Form; diese besitzen aber in der Sonne einen gemeinsamen Mittelpunkt. Von den abgespaltenen Geistern der Form stammen die zersplitterten Weltformen, die den Namen Planeten tragen, die Erde miteingeschlossen; es ist auch grundfalsch, daß die Planeten ihr Licht von der Sonne borgen müssen: jeder Planet hat sein eigenes Licht, das er in sich verborgen hält; es gibt in Wahrheit keine materielle Welt, denn diese ist, 
      <a id="page314" name="page314" title="akling/Wunibald"/>in Wahrheit, nichts anderes als ein Zusammenspiel geistiger Kräfte, und unsere gewöhnliche Astronomie beschreibt nichts als die Maya, dahinter die Wahrheit der geistigen Welt liegt. Jeder Planet hat seine eigenen Geister der Bewegung und der Form, und aus dieser Einsicht bezieht die Astrologie ihre genauen Beschreibungen der Grundtendenzen, die jedem Planeten eigen sind. Ganz anders steht es um die Fixsterne, vor allem um die Sonne, für die nur die dritte Hierarchie Bedeutung hat. Die Einflußsphäre der Fixsterne reicht hinaus bis zu den Geistern der Weisheit, die der Planeten bis zu den Geistern der Form. Die Sphäre des Mondes aber reicht bis in das Gebiet der Erzengel hinab, denn der Mond (wo es weder Menschen noch Tiere, gibt es auch keine Engel) ist weder ein Planet noch ein Fixstern. Alle Monde eines Planetensystems sind bloß Leichname verstorbener Welten, Leichname des Planetensystems; in der Zusammenfassung der Fixsterne aber ist der ätherische Leib des Planetensystems zu suchen; die Kometen und Meteore endlich sammeln alles, was an schädlichen Substanzen vom Planetensystem ausgestrahlt wird, an sich und reinigen damit das System selbst. Die Kometen sind die reinigenden Gewitter im Planetensystems; ihre Sphäre reicht bis zu den Cherubimen. Das Gold aber ist ein luziferisches Mineral!</p><h4>XIV.
      <br/> Die Arbeit am Stein und das Karma</h4><p>Das Gold ist ein luziferisches Mineral. Hier liegt die Tragödie der Alchimie als einer Kunst, die Materie verwandelt. Man kann sie mit Gott, seinen Heerscharen und in Gemeinschaft mit den Heiligen aller Zeiten, man kann sie aber auch mit Hilfe der Dämonen betreiben und mit den Kräften der Hölle. Betrachtet man die zwölf seltsamen Bilder zu den zwölf Schlüsseln des Basilius Valentinus, ordinis Benedicti, so stellen sie, symbolisch, 
      <a id="page315" name="page315" title="akling/Wunibald"/>göttliche und erhabene Vorgänge dar, denen die beigegebenen Beschreibungen offenkundig auch die zugehörige materielle Deutung geben. Der Stein der Weisen ist ein herrliches Produkt, das Krankheit heilt, Jugend wiedergibt und alle Macht der Erde in die Hände gibt, denn er ist von »subtiler, spiritualischer und durchdringender Eigenschaft«. Der niedere Alchimist aber, ganz auf das Irdische und Begehrliche gerichtet, denkt nur an die Stangen Goldes, die sich aus geringfügigem Samen mittels des roten Pulvers gewinnen lassen und die ihm Macht über Menschen verschaffen und den Schlüssel zu aller vergänglichen Lust liefern. Gold ist zugleich Schöpfung des Lichtes. Die Natur erzeugt es mit den Kräften der Sonne in gelindem Feuer und nicht weit von der Oberfläche der Erde. Der Alchimist behauptet, daß überall, wo Gold gefunden wird, auch eine bescheidene Pflanze wachse, die Homer Moly nennt, ein rätselhaftes Ding, das die Jugend wiedergibt. Margrave in Bulwers »Seltsamer Geschichte« sucht nach dem Kraut und kommt dabei durch Präriebrand um, nur in der Retorte des Alchimisten wächst dieses Kraut, das den bekannten Spruch, gegen den Tod sei kein Kraut gewachsen, ad absurdum zu führen scheint, nicht. Sein rotes Pulver, zu trinkbarem Gold bereitet, enthält in sich selbst das Geschenk der ewigen Jugend. Es ist nun aber an der Zeit, einen Blick in das Laboratorium des in der Materie arbeitenden Adepten selbst zu werfen. Stehen die Gestirne günstig, ist der Aszedent mit guten Aspekten beglückt, der Hyleg in Ordnung und das Medium coeli klar, so geht der Adept zunächst daran, die erste Materie, die jungfräuliche Erde, zu suchen, die des großen Werkes Grundlage bildet. Sie muß im Frühjahr gesucht werden, denn da ist sie am wärmsten und frischesten zu finden, da ist sie vom Himmel selbst mit Kräften der Verwandlung gesegnet. Die Adepten verbreiten über diesen Punkt mehr oder weniger vollkommenes Dunkel; just, wo sie am deutlichsten zu sprechen scheinen, sind sie am zweideutigsten, 
      <a id="page316" name="page316" title="akling/lesemaus"/>indes, wenn man ihnen nicht auf die Finger sieht, ihrem Mund, unbeachtet, wie ein Mäuslein, plötzlich ein Wort entschlüpft, das des Geheimnisses ganzen Sinn enthüllt. »Weißt du jetzt noch immer nicht«, sagt auch Basilius Valentinus, »worum es sich handelt, so ist dir nicht zu helfen, aber der Grund dafür liegt an dir, nicht an mir, da ich aufrichtig, offen und ohne Hinterhalt rede«. Kein Wunder, daß bei solchem Stande der Dinge Alchimisten, denen es an der wahren Erleuchtung fehlt, im Kreise gehen, bald nach dieser, bald nach jener Materie greifen und Schiffbruch leiden. Am traurigsten ergeht es den Sterkowisten, die bald Guanit, bald Struwit nach Hause bringen, in jahrhundertealten aufgelassenen Kloaken gesammelt, als schmiegsames, goldgelbes Steingebilde, das die Natur verwandelt hat, das aber seine übelriechende Wesenheit sofort wieder offenbart, wenn der Prozeß im Athanor, im Ofen des Alchimisten, beginnt. Wohl verwendet man bei späteren Arbeiten in der Tat Pferdemist, der einen besonderen Grad von Wärme darstellt, aber als prima materia selbst kommt er ebensowenig in Betracht, wie jedes andere Exkrement. Weit näher schienen jene Adepten dem Zentrum der Arbeit, die das Geheimnis der ersten Materie im Atem des Menschen, im Tau, Schnee und Regen des Himmels vermuteten, besonders in solchem Wasser, das aus Frühlingsgewittern stammt, obgleich ihnen nicht klar war, wie diese Dinge zu Erde werden sollten. Sie gingen im Frühjahr, vor Sonnenaufgang, ins Freie und atmeten in ein Gefäß so lange, bis der Niederschlag sich sammelte; das blieb dann an wohlverwahrtem Orte stehen und schlug, so wird berichtet, eine Form Erde ab, die dem gesuchten köstlichen Ding sehr nahekam. Gewisse Experimente werden beschrieben, die zunächst zu beweisen scheinen, daß die Natur in ihrer Werkstatt die Mischung ihrer Gebilde nach den Gradunterschieden der Subtilität vollzieht; eine feine, sorgfältig ausgewählte Erde wird in Wasser getan und zerrieben, worauf Erde und Wasser durch 
      <a id="page317" name="page317" title="akling/lesemaus"/>eine bestimmte Zeit auf einander wirken, ein Prozeß, der, wechselnd in der Einwirkung, immer wiederholt wird, bis ein bestimmter Grad erreicht ist. Andere wieder lassen Tau, Reif, Schnee oder Eis einen vollen Monat lang an geschütztem Orte filtriert stehen; es wird behauptet, daß bei diesem Experiment nicht weniger zustande kommt als ein feines, durch die Strahlen der Sonne bereitetes Pulver, das die vier Elemente in sich enthält. Endlich wieder werden Versuche beschrieben, eine sichtbare Form der Weltseele darzustellen, soweit sie auf der physischen Ebene auftritt.</p><h4>XV.
      <br/> Die Quintessenz</h4><p>Nimmt man nun an, dem Adepten wäre gelungen, durch die Scylla und Charybdis solcher Experimente durchzukommen, so beginnt für ihn eine sehr schwierige Arbeit, darin bestehend, die sogenannte Quintessenz des Goldes, Silbers und Quecksilbers zu bereiten. Der durchschnittlich mit chemischen Manipulationen vertraute Leser hat wohl eine Ahnung davon, wie Drogisten die Essenz, das Parfüm, den Esprit einer Substanz herstellen. Jede Drogenhandlung ist bis zu einem gewissen Grade eine Stätte, wo man Ergebnisse alchimistischer Prozesse bekommen kann. Ähnlich, wenngleich ungeheuer gesteigert, sind die Versuche zu werten, die zur Darstellung der Quintessenzen des Goldes, des Silbers und des Quecksilbers dienen. Aus dem Golde gewannen die Adepten auf ihre Weise das Prinzip Sulfur, aus dem Silber den Merkur, aus dem Quecksilber das Sal. In einer Beschreibung dieser Arbeit wird darüber von alten und neueren Alchimisten gesprochen. Man findet Rezepte dazu bei Parazelsus so gut wie bei anderen, als verläßlich und erfolgreich bezeichneten Alchimisten. Am besten scheint mir Philalethes, der wahre Philalethes genannt, beschlagen zu sein; nicht mit Unrecht nennt ihn Lenglet 
      <a id="page318" name="page318" title="akling/Wunibald"/>einen Adepten des 17. Jahrhunderts, der »keine Märchen« erzählt und der in seinen Mitteilungen am weitesten gegangen sei. Es ist falsch, anzunehmen, daß die Arbeit der Alchimisten ein Vergnügen darstellt (Goethes Faustwort »zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer« scheint hier eine höchst passende Anwendung zu finden); seine Arbeit ist kein Spiel, und just die Vorbereitungen gehören zu den schwierigsten Kapiteln des ganzen Werkes; so langweilig sie auch aussehen, sie müssen mit Geduld in Angriff genommen werden. Darum, so fügt Philalethes schalkhaft hinzu, sei eine Frau ungeeignet, das magnum opus anzugehen; sie würde ein Amüsement erwarten, wo nur Arbeit zu finden ist. Worin besteht diese nun? In einer Reihe von Prozessen, die bestimmte Zeiten in Anspruch nehmen. Waren die Quintessenzen der drei Metalle, Gold, Silber und Quecksilber, im Athanor und in die präparierte Erde eingenistet, so dauerte die erste Arbeit vierzig, die Kochung aber neunzig Tage und Nächte. Der eine Weg, den Philalethes beschreibt, nimmt sieben Monate, der andere anderthalb Jahre in Anspruch; drei Stadien müssen durchschritten werden, die durch Farben gekennzeichnet sind: die schwarze, die weiße und die rote, woraus sich ergibt, daß die heiligen Farben des ersten deutschen Reiches Schwarz-Weiß-Rot auf Grund höherer Eingebung entstanden sind. Die Arbeit durchschreitet sieben Planetensphären und die zwölf Tierkreiszeichen, die Planeten in der nachstehenden Ordnung: Merkur, Saturn, Jupiter, Mond, Venus, Mars und Sonne. Philalethes gibt, wenn das siebente Regime, das der Sonne, erreicht ist, weitere Aufschlüsse über die Fermentation, Imbibition und Multiplikation des Steines, drei sehr wichtige Schlußarbeiten, die, oft schlecht verrichtet, die Vernichtung der Früchte der ganzen Arbeit herbeiführen. Nichtsdestoweniger ist das Problem damit, noch lange nicht erschöpft: die Art der Anwendung des Steines, seine verschiedenen Verwendungen überhaupt, geben manche harte Nuß aufzuknacken. 
      <a id="page319" name="page319" title="akling/rudi49"/>Als sicher nimmt Philalethes an, daß das Aurum potabile ein tausendjähriges, unerschöpflich reiches Leben verbürgt, daß man alle Edelsteine der Welt, schöner und edler damit herstellen kann, als die Natur sie hervorzubringen vermag, und daß es endlich eine Art Universalmedizin für alle Leiden dieser Erde darstellt. Die Verwandlung der niederen Metalle in Gold geschieht vorläufig in derselben Weise. Der Adept läßt auf die Masse aus Blei, Kupfer oder Zink ein Körnchen seines roten Pulvers fallen, das eine erstaunliche Multiplikation Goldes als Resultat ergibt. Kam er auf unrechtmäßige Weise in den Besitz des Pulvers, so war seine Herrlichkeit zu Ende, wußte er das Geheimnis der Tinktur, so war er so hochentwickelt, daß ihn nach der Herstellung des luziferischen Minerals nicht mehr verlangte. Die Macht haben und sie gerade deshalb nicht gebrauchen, darin lag wohl der tiefste Sinn alchimistischer Erfüllung. In der Anwendung des Steines bei tödlichen Krankheiten ergab sich übrigens, worüber zahlreiche übereinstimmende Berichte vorliegen, eine merkwürdige Erfahrung. Nicht immer wirkte der Lapis in dem Sinn, den man erwartete; es gab sogar Fälle, in denen der Kranke nach Behandlung mit dem trinkbaren Gold in schweren Krämpfen zusammenbrach und starb, indes andere, in gleicher Lage, durch das Elixir sofort gesund wurden, wie durch ein leibhaftiges Wunder. Die Ursachen solcher verschiedener Wirkungen ist nicht schwer zu erraten: sie liegt im Gesetz des Karma! Das Karma, insbesonders das Karma des Todes, ist kein starres Muß, sondern dehnbar in gewissem Umfang, zeitlich wie räumlich. Oft scheint die Uhr eines Lebens abgelaufen, in der Buchführung Ahrimans, der das Sterben regelt, beschlossen und besiegelt, und dennoch, in letzter Stunde, geschieht, wie durch ein Wunder, eine Wendung zum Besseren, oder: ein Mensch, in unmittelbarer Todesgefahr, wird gerettet, obzwar ihn jedermann für verloren hielt. Es scheint, daß der Engel, der den Menschen begleitet, in kritischen Augenblicken 
      <a id="page320" name="page320" title="akling/rudi49"/>die Macht hat, dem Sensenmann in den Arm zu fallen und gleichsam von den Mächten, die Leben und Sterben verwalten, einen Aufschub, wenn man will, eine Begnadigung zu erwirken. In solchen Fällen ist das Elixir der Weisen ein sicheres und unfehlbares Mittel. In anderen hilft es, Karma zu vollziehen und die Stunde des Todes zu erleichtern.</p><h4>XVI.
      <br/> Die Alchimie und unsere Zeit</h4><p>Man kann das große Kapitel über die Alchimie und die Arbeit am Stein kaum schließen, ohne an dieser Stelle noch einmal daran zu erinnern, daß die Rosenkreuzer jahrhundertelang zugleich die einzigen wahren Alchimisten gewesen sind. In diesem Zusammenhang mag denn auch ein Wort über die Freimaurerei gesagt werden, die heute, allerdings streng genommen, in einer Darstellung der alchimistischen Geheimnisse keinen Platz mehr hat. Sowenig von der Erkenntnis der Geheimschulen in der Freimaurerei von heute auch lebt, ihre unterirdische Verbindung mit den Rosenkreuzern, deren Sitten und Gebräuche die alte Maurerei zum Teile übernahm, obschon sie an die Bauhütten und Symbole der Baumeisterinnungen anknüpft, ist unbestreitbar. Es liegt nicht im Rahmen dieser Schrift, die Geschichte der Freimaurerei auch nur in kurzen Zügen zu entwerfen, die Hieramlegende und ihre höchst sonderbar und wunderlich verschnörkelten Gedankengänge zu deuten und zu kritisieren, noch sich mit der gar nicht so wichtigen Frage zu befassen, ob die zahllosen Angriffe auf das Wesen und Wirken der Freimaurerei und bis zu welchem Grade sie auf Tatsachen und einwandfreien Grundlagen ruhen. Als sicher gilt, daß der Grundgedanke der Freimaurerschaft (Dienst an der Menschheit) ein edler ist und daß eine ganze Schar einwandfreier und erleuchteter Geister Freimaurer waren und noch 
      <a id="page321" name="page321" title="akling/Wunibald"/>heute sind. Indes liegt wohl in der Natur der Sache, anzunehmen, unlautere Elemente hätten sich, im Interesse dieser oder jener Ziele, zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag, ihres Einflusses und der stets reichen freimaurerischen Mittel skrupellos bedient, um im Trüben zu fischen und die Angelegenheiten der seßhaften Nationen von Grund auf zu verwirren. Drei Mächte dieser Welt haben zur Zeit des Weltkrieges vollkommen versagt: die Kirche, die Freimaurer und der Sozialismus, der vergeblich mit der Solidarität der »Proletarier aller Länder« flunkerte, in Deutschland das nationale Bewußtsein systematisch untergrub und mit den Feinden der Mittelmächte unter einer Decke steckte. Kein Schuß wäre abgegeben worden und das furchtbare Elend des allgemeinen Menschenschlachtens erspart geblieben, wenn die Kirche die Macht gehabt hätte, Christen davon abzuhalten, Christen zu töten, wenn die Freimaurer den festen Willen aufgebracht haben würden, ihren Einfluß und ihr Geld für die Sache der ganzen Menschheit einzusetzen und ihr Hauptinstrument, den Sozialismus, von seinem törichten Beginnen abzuhalten, das Heil der Menschheit im Umsturz der materiellen Grundlagen zugunsten irgend einer Klasse zu erblicken. Wohl weiß ich, daß der Ausgang eines so finsteren Zeitalters, wie des Jahrhunderts der »Aufklärung«, der materialistischen Geschichtslüge und der entseelten und entgeisteten Naturwissenschaften, unmöglich eine andere Wirkung als die einer großen Katastrophe mit sich bringen konnte. Die niedrigen, elenden und auf die gemeinsten Instinkte gegründeten Gedanken der Menschen, beschützt, begünstigt und auf alle Weise gefördert durch eine auf den Aberglauben an den Affenursprung basierte Afterwissenschaft, die Flammen des Hasses, der Habgier und des Neides, zusammen mit allen zerstörenden Kräften in den Weltraum entsendet, konnten unmöglich eine andere Antwort aus dem All erwarten. Die ganze Magie der Hölle konnte ihren Apparat nur deshalb so schamlos und verhängnisvoll entfalten, weil die 
      <a id="page322" name="page322" title="akling/Wunibald"/>Gegenmagie der Kirche ihre Kraft ebenso eingebüßt hat wie die der Freimaurerei, die, der Kirche gleich, in die Händel dieser Welt verstrickt, das Bewußtsein ihrer Sendung außerhalb der religiösen Impulse verlor und, bei aller Einsicht in die hohen Dinge, gegen die alten Alchimistenfarben Schwarz-weiß-rot Front machte, obgleich sie die alchimistische Deutung dieser erhabenen Dreifaltigkeit wohl kennen sollte. Der Verlust der alten, heiligen Geheimnisse hat die Kirche ebenso sicher ihrer magischen Gewalt beraubt, wie die Freimaurerei, die das »sozialistische Freidenkertum« auf alle Weise nährt und durch positivitische »Philosophie«, Psychoanalyse, Charakteriologie und ähnliche von der Presse systematisch aufzüchtete und beweihrauchte Geschäftigkeiten und Humbugweistümer in achtbare Betätigungen umfälscht. Wen wundert es noch, daß, als letzte Blüte auf dem Giftbaum einer bis ins Innere vergifteten amusischen Kultur, das Hakenkreuz, einst ein geheimnisvolles, feierliches und überaus bedeutsames okkultes Wahrzeichen, nun als Geschäftsmarke der neuesten Teufelei aufscheint, die das edle Schwarzweißrot, die hohe Trias der wahren Weisen und Philosophen, mit dem Sozialismus verbindet.</p><p>Der Hexensabbath ist in vollem Gang und Satan lebt herrlich in der Welt! 
      <a id="page323" name="page323" title="akling/Wunibald"/></p></div><div class="chapter" id="chap009"><h3>Siebentes Kapitel
      <br/> Die Wiederkunft des Okkultismus im neunzehnten Jahrhundert</h3><h4>I.
      <br/> Die »stille Zeit« und ihr Erlebnis</h4><p>Das neunzehnte Jahrhundert bedeutete wohl Triumph der Technik und Hochkonjunktur des Sports, aber der Geist des Materialismus war um diese Zeit vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen; er beherrschte die Naturwissenschaften, die Soziologie, die Kunst, die Philosophie und die Politik. In das erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts fallen wohl noch Fichtes »Bestimmung des Menschen« und »Reden an die deutsche Nation«, Schellings Schriften, Hegels »Phänomenologie des Geistes« und »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften«, Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung«, Onkens »Lehrbuch der Naturphilosophie«, aber schon Feuerbachs »Gedanken über Tod und Unsterblichkeit« und »Wesen des Christentums«, David Strauß' »Leben Jesu«, Büchners »Kraft und Stoff«, Karl Marx' »Kapital« und die Schriften Machs, Erzeugnisse der achtziger Jahre, lassen den Fortschritt in der Verdunkelung des »aufgeklärten« Menschengeistes in offenkundigen Verfallssymptomen erkennen. Über die Periode von 1800 bis 1825 urteilt ein linksgerichteter Synoptiker ziemlich offenherzig, »das hochgespannte Gefühl der Romantiker, den Stachel Kantscher Problematik im Leibe und die Enttäuschungen der französischen Revolution im Herzen«, habe in Schopenhauer zur Resignation, in Kleist zur Verzweiflung, in E. Th. A. Hoffmann zur Satire geführt und in Hegel »sogar« in »Reaktion« umgeschlagen; die Kunst sei den Menschen jener Zeit zum Narkotikum geworden, dazu 
      <a id="page324" name="page324" title="akling/Wunibald"/>bestimmt, die »Wirklichkeit zu vergessen«. Gleichzeitig rühmt er den »Aufschwung der Gelehrsamkeit«. Während St. Simon seinen »Utopischen Sozialismus« in alle Winde schreit, von der Befreiung und Assoziation der durch die Wissenschaft geleiteten menschlichen Arbeit phantasiert und das Christentum zur undogmatischen Religion der sozialen Gleichheit degradiert, Fourier sein »300 Familien-Glück« mit dem Griffel in der Hand errechnet, schreitet Deutschland, durch Symptome aufgeschreckt, zu Reformen, kehrt Franz v. Baader, der Mystiker, ganz schlicht zu Gott zurück, erneuert Novalis die gottbewußte Romantik, erobert Beethoven die Welt mit seiner unsterblichen Kunst, schreibt der »alternde« Goethe seinen »Faust«, erster Teil, seine »Wahlverwandtschaften«, seinen »Wilhelm Meister«, zweiter Teil, stellen sich die »Nazarener« unter Overbecks Führung, malt Delacroix seinen »Dante und Vergil im Kreise der Zornigen«, vollendet seine Lithographien zum »Faust«, zum »Götz« und zu Shakespeares »Hamlet«, vollzieht sich, 1825 bis 1850, der ungeheure Aufschwung der exakten Wissenschaften bei »steigendem wirtschaftlichen Wohlstand und spekulativer Philosophie«, baut August Comte dem Positivismus ein unwohnliches und reizloses Zweckgebäude, erscheint, ziemlich unbeachtet, das kommunistische Manifest und wiegt sich das Bürgertum, durch die bis 1848 herrschende Stille getäuscht, im Genüsse einer, wie es schien, ziemlich mühelos errungenen Herrschaft. Da geschieht, just zur Zeit dieser »stillen Zeit«, etwas, was die Welt, obwohl sie alle Hände voll zu tun hat und obwohl Goethes Licht bis zu einem gewissen Grade in ihr Bewußtsein eindringt, etwas Merkwürdiges, vor einer Welt, die mit blindem Auge auf Swedenborgs Gesichte blickte: ein Mann im Staate Maine der Vereinigten Staaten, zu Hydesville, wird durch ein Klopfen an der Tür geweckt, und mit diesem Klopfen beginnt nun die Welle des Spiritismus von der Welt Besitz zu ergreifen. Im Herbst des Jahres 1847 tritt dieses Wunder auf, und vierzig Jahre später 
      <a id="page325" name="page325" title="akling/Wunibald"/>gibt der internationale Spiritistenkongreß die Zahl seiner Anhänger schon mit 15 Millionen an. Ich muß mir das Vergnügen, die Wirkungen des Spukhauses auf den Menschengeist des XIX. Jahrhunderts zu schildern, leider versagen; das Spukhaus von Hydesville kam nicht gänzlich unvorbereitet. 1829 war Justinus Kerners »Seherin von Prevorst« (Friederike Hauffe) erschienen, 1840 ward im »Magikon« das Herüberragen der Geisteswelt in die irdische Sphäre ernstlich erörtert, und Jung Stillings »Szenen aus der Geisterwelt«, »Theorie der Geisterkunde« und »Apologie« fehlte es keineswegs an Lesern. (1803 bis 1809.) Ein Jahr vor dem Geburtsjahr des neuen Spiritismus schrieb Andreas Jackson Davis, der »Täufer des doktrinären Spiritismus«, kurz und bündig: »es werden Beziehungen angeknüpft werden zwischen der geistigen Welt und der Erde«, und einige Zeit später prophezeite, mit derselben Sicherheit und Präzision, ein anderer Franzose: »Die redenden Tische werden alle Menschenphilosophie über den Haufen werfen!« Geister, wie G. E. Lessing, erlebten, geraume Zeit vor Hydesville, das Kloppeding von Dibbelsdorf in Braunschweig, das den braven Eheleuten Kettelhut Gefängnis einbrachte, weil man sie für »Betrüger« hielt. Da schrieb G. E. Lessing, der Schutzheilige aller »Aufgeklärten«: »Wir glauben an keine Gespenster mehr? Wer sagt das?« Die Wissenschaft sagte es, damals, und sagt es noch heute, aber in welchem wichtigen Punkte hätte die Wissenschaft jemals recht behalten?!</p><h4>II.
      <br/> Kampf um die Geheimnisse</h4><p>Im großen und ganzen recht ungebildet und von der Schule aus nicht gerade zu selbständigem Denken erzogen, ließ die Welt, die in der Regel ein sehr kurzes Gedächtnis besitzt, die neuen Phänomene und den lauten Streit zwischen Spiritisten und 
      <a id="page326" name="page326" title="akling/Wunibald"/>»Exakten« auf sich einstürmen. Sie wußte nicht, daß es, schon lange vor dem Spiritismus, spiritistische Phänomene gab, sie ahnte nicht, daß es bei den alten Alchimisten nicht mit richtigen Dingen zuging und daß es mediale Personen waren, die ihr unglückliches Leben als Hexen auf Scheiterhaufen beendigten, denn die Erinnerung an diese Komplexe war bewußt und unbewußt ausgelöscht; sie blieb ohne Kenntnis darüber, daß, schon in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, das Erlöschen des alten Hellsehens (geübt und gepflegt von zahllosen mystischen Schulen) ein vollkommenes war, und es fiel ihr nicht ein, in diesem Wiederaufleben der Phänomene des Mediumismus entweder Reste des alten oder Keime eines neuen Hellsehens zu vermuten. In der Tat, den Charakter einer Offenbarung konnte kein Unbefangener den Tatsachen des Spiritismus absprechen. Der tiefste Schritt der Menschheit in die Finsternis war um die Mitte des XIX. Jahrhunderts getan, aber die Seher und Medien starben nicht aus, und es gab zu allen Zeiten, auch in diesem Augenblicke tiefster Finsternis, Okkultisten, Überzeugte, die weder Hellseher noch Eingeweihte zu sein brauchten, sondern das Bewußtsein einer geistigen Welt als lebendiges und unzerstörbares Gut in sich bewahrten. In den Ansammlungen solcher Geister, konnte man überhaupt schon frühzeitig zwei Gruppen beobachten, die in der Taktik durchaus nicht übereinstimmten. Waren die Esoteriker der eifersüchtig und leidenschaftlich geäußerten Meinung, daß die Geheimnisse ängstlich gehütet und zu keiner Zeit profaniert, sondern als heiliger Besitz vor jedem Zugriff gehütet werden müßten, so wünschten die Exoteriker, um den Gang der menschlichen Einsicht und Bewußtseinsentwicklung ehrlich besorgt, leidenschaftlich und mit treffenden Argumenten ausgerüstet, ein Teil der Geheimnisse sei unbedingt zu veröffentlichen, denn die Menschheit drohe, der materialistischen, rein auf die Sinneswahrnehmungen gerichteten Erkenntnis rettungslos zu verfallen. 
      <a id="page327" name="page327" title="akling/Wunibald"/>Schwärmten die Esoteriker nach wie vor für geheime Gesellschaften mit strenger Schweigepflicht, so stampften die Streitrosse der Exoteriker ungeduldig in ihren Ställen und witterten Morgenluft. Man darf nicht etwa glauben, daß sich diese Kämpfe vor der Mitte des XIX. Jahrhunderts einzig und allein in der irdischen Sphäre abspielten. Alles, was auf Erden getan wird, entscheidet sich vorher oder gleichzeitig in der geistigen Welt. Zunächst siegten, im geistigen und irdischen Bereiche, die Esoteriker, aber ihr Sieg glich bald einer verlorenen Schlacht. Zur Tat gedrängt, waren sie später nicht mehr imstande, ihren Standpunkt restlos zu behaupten. Es geschah, was bei solchen Händeln in der Regel geschieht: ein Kompromiß kam zustande, das die höheren Geheimnisse vorläufig zurückbehielt, aber einen Teil der niederen Mysterien der Veröffentlichung preisgab. Es kam, wie Steiner treffend bemerkte, im Laufe der Kämpfe um eine Methode, zur Popularisierung gewisser Geheimnisse, zur »Inszenierung des Mediumismus«, als eines Hilfsmittels, die Aufmerksamkeit der Laienwelt auf Phänomene zu lenken, die das Bestehen einer geistigen Welt zu beweisen schienen, Goethes Wort von der Geisterwelt, die nicht verschlossen bleibt, sofern nur das Herz nicht tot und die Sinne nicht »zu« sind, kam in einem bestimmten Grade zur Erfüllung. Esoteriker und Exoteriker schlössen sich nun zusammen, jedes in seiner Weise, zur Verbreitung und Sicherung des okkulten Wissens beizutragen, und man braucht nur an Namen wie Zöllner, Wallace, Du Prel, Crookes, Butlerof, Rochas, Oliver Lodge, Flammarion, Morselli, Schiaparelli und Ochorowicz zu erinnern, um dem Leser einen Begriff dieses Entwicklungsstadiums in der alten Streitfrage zu verschaffen. Mediumismus und Spiritismus wurden, in diesem Augenblicke, gleichsam eine Probe aufs Exempel, wie weit die Menschheit des XIX. Jahrhunderts zur Aufnahme spirituellen Wissens reif wäre. Vom Wissen um das Zwischenreich, fiel, theoretisch wie praktisch, zunächst der Schleier. Wenn nun, bei diesem Stand der 
      <a id="page328" name="page328" title="akling/Wunibald"/>Dinge, beide Gruppen, Exoteriker und Esoteriker, nicht auf ihre Rechnung kamen, so lag das mehr an der Sache selbst als an den Personen, die sie vertraten. Der weitaus größere Teil der Medien des XIX. Jahrhunderts behauptete, mit den Verstorbenen, mit den Geistern der Verstorbenen selbst in Verbindung zu sein. Um das zu verstehen, muß man das Wesen des Mediumismus ins Auge fassen. Schon während des Schlafes, in der Zeit vom Einschlafen bis zum Erwachen am Morgen, ist der normale Mensch ein Pilger im Reiche der Abgeschiedenen; darin sein Ichkern und sein Astralleib weilen. Ein Medium ist kein normales Wesen im üblichen Sinne. Sein Ichbewußtsein wie sein Astralleib sind gleichsam herabgesetzt und abgedämpft, während physischer und Ätherleib ihre Regsamkeit frisch bewahren. In diesem Zustande steht das Medium der Beeinflussung durch andere Menschen offen; so hat also das Medium an sich nicht die richtige Möglichkeit, in die Sphäre der Toten einzudringen, weil es ja einen Teil dessen auslöscht, was im Reiche der Toten wandeln kann. Aus diesem Umstände ergeben sich die zahlreichen Irrtümer, denen viele Medien verfallen, sobald sie nach dem »Diktat« der geistigen Welten schreiben (Beispiele bei Jakob Lorbeer, bei der Blavatsky und bei jener Engländerin, die Oskar Wildes Ansichten aus dem Jenseits niederzuschreiben vermeinte); sie geraten in die Sphären der luziferischen und ahrimanischen Einflüsse, was dadurch möglich wird, daß sich sogar der Mediumismus, ein Kind der materialistischen Zeit, der materialistischen Denkweise anpaßt.</p><h4>III.
      <br/> H. P. Blavatsky</h4><p>Es empfiehlt sich überhaupt, drei Arten des Mediumismus nach ihren phänomenalen Gesichtspunkten begrifflich zu unterscheiden. Ein Medium ist ein Mittel-, ein Zwischen-, ein Durchgangswesen 
      <a id="page329" name="page329" title="akling/JWE"/>für hypnotische, mesmerische und spiritistische Einflüsse. Bei hypnotischen Medien wird der Ichkern des Mediums durch den Willen (also durch Verpflanzung des Ichkerns) des Hypnotiseurs ersetzt, bei mesmerischen Medien »treten« Ichkern und Astralleib durch Einwirkung typischer magnetischer Striche »aus«; Astralleib und Ichkern wandern ins Zwischenreich, abgelähmt und Einflüssen zugänglich. Das spiritistische Medium endlich tritt die oben geschilderte Wanderschaft in luziferische und ahrimanische Zonen in einem Bewußtseinszustand ein, der die Reste des alten Hellsehens, gemischt mit den Keimen kommender Lockerungen in sich bringt. Im großen und ganzen blieb aber die Sache des Spiritismus bei der allgemeinen Meinung, daß er Botschaft aus dem Jenseits bringe, von den Verstorbenen selbst, richtiger von den Astralleichnamen, die diese im Zwischenreich zurückgelassen hatten. So entstand ein regelrechter Verkehr mit den Toten und zugleich mit toten und lebenden »Meistern«, Mahatmas, die sich einfach der Medien als Mittelwesen bedienten, um ihren Einfluß durch sie auszuüben, dabei aber die eigenen Meinungen zu verbreiten und die eigenen Zwecke zu fördern. Es entstand, indes, bald eine Front gegen weibliche Medien, und da ist nun die beste Gelegenheit, von Helena Petrowna Blavatsky zu sprechen, die als Begründerin und Patronin der okkulten Bewegung des XIX. Jahrhunderts auftrat.</p><p>H. P. Blavatsky, geborene Hahn, war 1831 in Jekaterinoslaw als Tochter eines Generals geboren. Schon um ihre Geburt schlingt sich ein Kranz von Legenden: Menschen, die dabei waren, sollen kurze Zeit darauf durch besondere Glücksfälle überrascht worden sein; ein Major erhielt eine besondere dienstliche Auszeichnung, ein Anderer gewann in den Karten, und die weise Frau, die bei der Geburt assistierte, fand bald darauf eine vollgefüllte Geldbörse. Wie dem immer wäre, H. P. Hahn wuchs wie ein richtiges tolles Mädel heran; sie trug am liebsten Knabenkleider, 
      <a id="page330" name="page330" title="akling/JWE"/>ritt die Kosakenpferde ihres Vaters zuschanden, tollte mit Bauernkindern herum und zeigte wenig Lust zu lernen. Augenblicke wildester Hingegebenheit wechselten aber, namentlich in den ersten Mädchenjahren, oft mit Anfällen wildester Zerrissenheit und tiefster Andacht. Mitten im tollsten Treiben brach sie ab und hörte plötzlich stundenlang dem Gesänge vorüberziehender Wallfahrer zu. Bei den Bauern und wohl auch bei den Eltern galt sie bald als ein wenig verrückt und unberechenbar. Mit 17 Jahren heiratete sie Herrn Blavatsky, einen alten Mann, der die Ehe nie vollzog und den sie nur nahm, um die in Rußland sehr weitreichenden Rechte einer verheirateten Frau zu genießen. Nach etlichen Monaten lief sie ihrem Gatten davon und stürzte sich in ein tolles, abenteuerliches Leben; sie entfloh zunächst in Matrosenkleidern auf ein russisches Schiff, allen Schmutz, alle Brutalität, alle Gefahren eines solchen Daseins mit ungebrochenem Mut ertragend; wo sie sich seither überall herumtrieb, hat sie niemals erzählt; man nimmt an, daß sie wiederholt auch in den Balkanländern auftauchte, aber der Sturzbach ihrer Biographie beginnt erst in Konstantinopel wieder ans Licht zu treten. In der türkischen Hauptstadt stieß Helena Petrowna auf einen wunderlichen Kreis von okkulten Schwärmern und Abenteurern, die ihr eine Gräfin vorstellte, darunter Dr. Gérard Encausse, mit seinem nomme de guerre Papus genannt, Zentrum eines Kreises von Magiern und solcher, die es werden wollten. Auch Papus, der schon seit einer Reihe von Jahren tot ist, war eine fast legendäre Persönlichkeit, Freund des genialen und geheimwissenschaftlich reich erfahrenen Romanciers Sar Peladan, dessen zum Teile prachtvolle Erzählungen leider noch nicht in brauchbarer Übersetzung vorliegen. (Die Scheringsche Übertragung wimmelt von Mängeln, die sich überall einstellen, wo es mit tieferer Kenntnis des Französischen ebenso happert wie mit dem Gebrauche der deutschen Schriftsprache.) Sar Peladan neigte mehr zum Rosenkreuzertum, Papus 
      <a id="page331" name="page331" title="akling/JWE"/>zu den Martinisten; er war ein ziemlich ausgebildeter Magier, der allerhand schwarze Künste trieb, am russischen Hofe als Propagandist für die spiritistische Sache wirkte und bald in den Verdacht geriet, als Balkanspion tätig zu sein. In der Tat ward sein Name mit der Ermordung eines Karageorgewitsch insofern verknüpft, als Papus, nach einem Bericht der Blavatsky, ein Bauernmädchen in Trance versenkte und mit Hilfe dieses Mediums, durch Fernwirkung, den Mörder jenes Karageorgewitsch »im Vollzug rächender Vergeltung« zum Tode beförderte; in der Tat soll der Mörder auf rätselhafte Weise gestorben sein. Zuzutrauen war eine solche Handlung dem Dr. Gerard Encausse, genannt Papus, ohne Zweifel, denn er beweist in seinem »Lehrbuch der praktischen Magie« sein Wissen um Beschwörungen und magische Operationen ziemlich unzweideutig. Helene Petrowna wurde jedenfalls seine getreue Schülerin, deren mediale Begabung dieser merkwürdige Mann sofort erriet, doch scheint die Schülerin vor ihrem Meister bald Angst bekommen zu haben, denn sie reiste mit einer Balkangräfin (oder war es noch die gräfliche Freundin aus Konstantinopel?) bald darauf nach Griechenland und Ägypten, wo es zum Bruche mit der Gönnerin kam; welcher Art dieser Bruch war, ist nicht recht klar; man behauptet, daß die H. P. plötzlich an einer jungen Engländerin Interesse fand. Ob es sich dabei um ein erotisches Verhältnis handelte, ist nicht klar. Die H. P. war geschlechtlich so gut wie unempfindlich, namentlich Männern gegenüber, weit eher mag es sich also, in diesem Falle, um andere Interessen gehandelt haben. Die neue englische Freundin war sehr wohlhabend und H. P. sehr tüchtig in der Kunst, jeden Menschen für den eigenen Vorteil auszunützen; sie ging mit ihrer englischen Freundin ebenso rasch, wie sie Herrn Papus entflohen war, auf Reisen, nach Paris, nach Amerika und schließlich nach Indien, das, als geistiges Vaterland des Okkultismus, ihre besondere Aufmerksamkeit weckte. 
      <a id="page332" name="page332" title="akling/JWE"/></p><p>Da geschieht nun etwas Seltsames: Indien weckt, ähnlich wie der Verkehr mit Papus, Angstgefühle in ihrer Seele. H. P. flieht dieses Land, als drückte es mit hundert Atmosphären auf ihr Bewußtsein, und brennt nach Rußland durch, wo sie, als Veranstalterin spiritistischer Seancen und magischer Zirkel, die Früchte ihrer bei Papus erworbenen Kenntnisse verwertet. Bei diesem Anlaß möchte ich darauf verweisen, daß es sich beim indischen Okkultismus um eine Sache handelt, die von den Adepten als Geheimnis streng gehütet wird. Einem Europäer ist es noch heute nahezu unmöglich, hinter die Schleier der wahren und echten Geheimlehre zu dringen; das gilt insbesondere vom tibetanischen Geheimwissen und von gewissen Hindulehren. Der eingeweihte Inder verachtet die westliche Wissenschaft und keine Neugier vermag sein undurchdringliches Schweigen zu durchbrechen; ein verstorbener Okkultist, der Indien bereiste und dort seine Erfahrungen sammelte, hat mir oft von diesen Sachverhalten erzählt und bei dieser Gelegenheit boshaft (doch, wie ich glaube, wohl der Wahrheit gemäß) hinzugefügt, Frau Besant, die Erbin der H. P. Blavatskyschen Wissenschaft, sei mit ihrer Geheimlehre oft dem Spott der wahren indischen Adepten ausgesetzt gewesen, die sie bei ihrem Glauben beließen, den richtigen indischen Okkultismus zu betreiben. Auf ähnliche Zusammenhänge scheinen sich die Angstzustände der H. P. zu beziehen. Wie dem auch wäre, in Rußland ging es der H. P. B. nicht gut. Sie hatte wohl Erfolge in der russischen Gesellschaft, es überfiel sie aber eine schwere und rätselhafte Krankheit, die zugleich seelische Änderungen mit sich brachte. Auch dazu mag eine abschweifende Bemerkung gestattet sein: schwere und rätselhafte Krankheiten sind in gewissen okkulten Entwicklungsstadien, namentlich dann, wenn es sich um eine ungeordnete und wilde Entwicklung handelt, nichts Seltenes. Sie bilden vielmehr eine unvermeidliche Gefolgschaft der notwendig eintretenden Lockerungen des Astralleibes, ja auch des ätherischen und physischen 
      <a id="page333" name="page333" title="akling/JWE"/>Leibes, verbunden mit Trübungen des Ichs; auch in Goethes Leben (vor der geplanten Pariser Reise) spielte eine solche Krankheit eine entscheidende Rolle: sie bewirkte, daß Goethe über einen gewissen Grad rosenkreuzerischer Einweihung nicht hinauskam. H. P. wurde endlich wieder gesund, behauptete aber, gar nicht krank gewesen zu sein, was vielleicht stimmt, wenn man sich das eben Gesagte vor Augen hält. Was die Menschen für Krankheit hielten, war, nach ihrer Aussage, nichts als eine Entrückung in die verschiedenen Ebenen, die der Adept im Wege dieser Wandlung zu betreten gezwungen ist. In ihren Entrückungen will die Blavatsky Rückspräche mit den »Meistern« gepflogen haben, die diesen Weg wählten, um ihr die Rolle, die sie auf Erden zu spielen berufen sei und ihre Sendung klar zu machen. Um so merkwürdiger war nun die vorübergehende Wandlung im Wesen der H. P. B., die wahrscheinlich auf medialem Wege auch den Rat erhalten mag, in ihrer okkulten Tätigkeit eine Zeitlang auszusetzen. Tatsächlich schien die B. nun eine Zeitlang ernüchtert zu sein; sie kümmerte sich plötzlich nur um Geschäfte, zeigte sich als betriebsame Handelsfrau, rief eine Werkstätte für Kunstblumen ins Leben, erzeugte eine neue Art Tinte und lag einem regelrechten Holzhandel ob, der ziemlich einträglich gewesen sein mag, denn H. P. schwamm plötzlich in Geld. Weniger kaufmännisch war aber, einige Zeit später, H. P. B.s plötzliche Begeisterung für die Garibaldibewegung in Italien. Sie taucht plötzlich als Garibaldilegionär auf, kämpft und wird verwundet. Im Wundfieber scheint sich eine neue Wandlung zu vollziehen. H. P. bricht ihr italienisches Zelt ab, hat eine neue Freundin, Frau Sabina, gefunden und fährt mit ihr nach Kairo, wo sie eine spiritistische Gesellschaft gründet. Bei Gelegenheit einer Séance, bei der es ein wenig Nachhilfe gegeben haben mag, entsteht ein großer Skandal. Hier sei neuerlich eine, diesmal aber letzte, abschweifende Notiz gestattet. Medien, die bei spiritistischen Sitzungen verwendet werden, sind manchmal nicht 
      <a id="page334" name="page334" title="akling/JWE"/>so stark wie sonst (sie neigen überhaupt zu Indispositionen, wie eine Konzertsängerin) oder sie sind, in der Entwicklung begriffen, noch bei den niederen Graden der Ausbildung, was sie, und das ist menschlich verständlich, mitunter, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, dazu verführt, bei den Phänomenen »nachzuhelfen«. Die üblichen Betrugsriecher, wie Herr Klinkowström, die ihre bemerkenswerte Unkenntnis übersinnlicher Zustände, mit großer Dreistigkeit und Wichtigkeit, als »Entlarver« auftretend, verbinden, wissen wenig davon; sie glauben vielmehr, daß alle Medien Betrüger sind, und ein merkwürdiges Karma zwingt sie doch immer wieder, sich in die spiritistischen Angelegenheiten zu mischen, obgleich sie mit weit größerer Berechtigung beim Kartentisch oder auf dem Poloplatz oder beim Fünfuhrtee zu erscheinen hätten. H. P. läßt ihre Freundin, die als Schwindlerin dasteht, im Dreck sitzen und verschwindet, allen Affären abhold, auf sieben Jahre, ohne daß man weiß, was sie während dieser Zeit trieb. Sie kehrt Rußland den Rücken, fährt über Paris nach Amerika und da beginnt nun der dritte Teil ihres abenteuerreichen Lebens; ihre amerikanische Tätigkeit und die Gründung der theosophischen Gesellschaft.</p><h4>IV.
      <br/> Miracle-Club und Theosophie</h4><p>In Amerika angekommen, fand die Blavatsky den Boden weit besser vorbereitet, als bei ihrem ersten Besuch. Die okkulte Welle stieg ständig und fand in den Obersten Oleott (Steel) den geeigneten Mann, einen Reporter und Journalisten (er vertrat den »Daily Graphic« in den Vereinigten Staaten), der sein Werkzeug wohl zu üben verstand, für die Sache selbst auch wirklich begeistert war und in der Blavatsky sofort die entscheidende Persönlichkeit erkannte. Rasch entschlossen gründete Helena Petrowna den »Miracle-Club«, ein Titel, der für amerikanische 
      <a id="page335" name="page335" title="akling/JWE"/>Begriffe ganz ausgezeichnet gewählt war. Oleott setzte nun alle Hebel in Bewegung. Es dauerte nur ganz kurze Zeit, denn Oleott überschwemmte alle Zeitungen mit Berichten, und die Blavatsky war bald die Primadonna der öffentlichen Meinung. Von weit und breit kamen Leute, um die große Frau kennenzulernen, die in so naher Verbindung mit den Geistern stand, daß sie nur zu winken brauchte, um sich ihrer für Dienstleistungen zu bedienen. Es war verhältnismäßig leicht, bei ihr vorzukommen: ihre Wohnung glich einem Wohltätigkeitsbasar: mit indischer Seide belegte Ruhebetten, Totenköpfe, ausgestopfte Nachtvögel standen wahllos neben Statuen des Gottes Buddha, und in diesen Räumen, die ein merkwürdiger Parfüm erfüllte, empfing H. P. im roten Garibaldihemd, die Pfeife im Munde, ihre Gäste und nützte ihre ausgezeichnete Redebegabung, namentlich aber den Zauber ihrer »hohlen Stimme«, die klang, als ob sie von »weither käme« und die die Zuhörer oft »frösteln machte«. Da gab es nun zunächst eine neue Überraschung: H. P. nahm, zum zweitenmal, einen Mann, den Armenier Betanelly, der, im krassen Gegensatz zum ersten Gatten, um ein Beträchtliches jünger war. als sie. Es wird erzählt, daß ihn H. P. sofort verließ, als er daranging, seine ehelichen Rechte auszuüben; sie verließ auch diesen Gatten noch in der selbigen Nacht und zog wohlgemut zu Oleott, mit dem sie nun lebte. Der Leser wird, da er solches vernimmt, wohl ungläubig den Kopf schütteln. Er hat gehört, wie gefährlich es ist, in Amerika von heute, Geschichten mit Frauen zu haben oder gar, als Frau, einen »ungeordneten« Lebenswandel zu führen. Der arme, dicke Fatty hat daran glauben müssen und so manche Künstlerin, deren Privatleben, nach amerikanischen Begriffen, nicht ganz einwandfrei war, mußte dieses merkwürdige Land fluchtartig verlassen. Zur Zeit, da die Blavatsky drüben war, anfangs der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, scheint das alles nicht so schlimm gewesen zu sein. Der Helena Petrowna zumindest nahm man nichts übel; sie blieb unbehelligt, wohl 
      <a id="page336" name="page336" title="akling/JWE"/>auch schon deshalb, weil man zu wissen glaubte, daß H.P. eine unerotische Natur war, die sich, obschon man ihr häufig das Gegenteil vorwarf, auch aus Freundschaften mit Frauen wenig machte. Die H. P. B. gründete zunächst, den Miracle-Club auflösend, 1875 die erste theosophische Gesellschaft (Th. S. = »Theosophical Society«), deren erster Präsident Oleott und deren erster Sekretär W. O. Judge wurde. Die Blavatsky selbst stand außerhalb; ihr Verkehr mit den »Meistern«, die sich ihrer als Werkzeug bedienten, sicherte ihr gleichsam eine transzendente Stellung und machte sie exterritorial, aber mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet. Die »Meister« der H. P. scheinen nun aber mit der amerikanischen Loge nicht sonderlich zufrieden gewesen zu sein, denn sie trugen ihrem Werkzeug auf, mit Oleott nach Indien zu gehen, damit beide dort die Weisheit des Ostens kennenlernten. 1878 trafen die Blavatsky und Oleott denn auch tatsächlich in Indien ein, wurden enthusiastisch empfangen und begründeten dort, unabhängig von New York, eine »neue theosophische Gesellschaft« (zu Weihnachten 1879) mit neuen Satzungen und Regeln und mit dem Wirkungsort Benares, deren Präsident wiederum Oleott wurde und die ihr Hauptquartier zuerst in Bombay, später aber in Adyar (bei Madras) aufschlug, wo man ein großes Landgut angekauft hatte. Im selben Jahre kam auch der Blavatsky erstes großes Werk »Die entschleierte Isis« heraus, das unter anderem dadurch bemerkenswert ist, daß sie vom Kernpunkt der indischen Geheimlehre, von der Reinkarnation und den wiederholten Erdenleben, noch nichts wußte. Im Hauptquartier traf die H. P. B. auch mit Dr. Franz Hartmann zusammen, einem sonderbaren deutschen Schwärmer, der »seine Meinungen täglich mehrmals wechselte« und der deutschen theosophischen Gesellschaft (von der noch gesondert zu sprechen ist) viel Kummer bereitete. Man darf aber durchaus nicht etwa glauben, daß die Blavatsky in Indien etwa ohne Konflikte arbeitete. Um Menschen, die von Dämonen umgeben sind und die ohne 
      <a id="page337" name="page337" title="akling/JWE"/>Zweifel eine Sendung auf Erden haben, geht es nie ruhig zu. Die ersten Hindernisse ernster Natur kamen von englischer Seite. Die Engländer, die Römer von heute, mit ihrer Realpolitik im Leibe, sind in allen Fragen, die ihre Einflußsphäre im außereuropäischen Großbritannien betreffen, mit Recht überaus empfindlich. Die Blavatsky erschien ihnen, da sie das Erwachen des indischen Nationalgeistes offenkundig förderte, als eine »deutsche« Spionin, ohne daß sich dieser Verdacht, bei einer gebürtigen Russin ganz ungewöhnlich und widersinnig, durch Material stützen ließ. Eine Frau Colombi rettete die große H. P. B. vor dem Schlimmsten. Da sich aber die Hoffnungen auf Dankbarkeit nicht erfüllen wollten und Frau Colombi sehr ehrgeizig war, schlug diese Freundschaft bald in Haß um. Die Colombi stellte sich an die Spitze der Intriganten, erhob den von den Engländern ausgesprengten Spionageverdacht nun auf eigene Faust, hetzte die christlichen Elemente Indiens gegen die ehemalige Freundin, mobilisierte namentlich die Katholiken und brachte durch diese Treibereien die körperlich (übrigens wenig widerstandsfähige Frau in eine überaus bedrängte Lage; die Prophetin der indischen Theosophie erkrankte neuerlich schwer und reiste, kaum recht genesen, nach Nizza, wo die Fürstin Ketweos, eine treue und anhängliche Freundin, der Genesenden ihre Villa als Zufluchtsstätte anbot. Die theosophische Bewegung litt nicht wenig darunter und sank, namentlich in London, bald auf den Aussterbeetat. Vergeblich baten die Theosophen ihre schwerkranke Führerin, die in Nizza zu Bette lag, um Hilfe. Wie schon einmal, in schwerer Krankheit, verlor H. P. alle Lust, ihr Werk zu stützen; es war ihr scheinbar gleichgültig geworden. In einem Brief an ihre Londoner Freunde schrieb sie lakonisch: »Ich bin sehr krank und müde; laßt mich sterben!« Kaum gesund aber, eilte die wundersame Frau nach London, ergriff die Zügel und machte die englische theosophische Gesellschaft bald zu einer der stärksten und einflußreichsten in der Welt. In London erlebte 
      <a id="page338" name="page338" title="akling/JWE"/>sie auch noch einen anderen Triumph: die englische Regierung ließ sich überzeugen und erlaubte dem berühmten Gast die neuerliche Einreise nach Indien. Wohl empfing man die Blavatsky dort aufs neue überaus feierlich und enthusiastisch, aber die Krankheit, eine schwere Nervenkrise, wollte nicht mehr weichen. Man trug die Prophetin auf einer Bahre an Bord. Sie kehrte nach Italien zurück und verbrachte ihre letzten Lebensjahre in London, wo sie denn auch 1891 starb. Bald nach ihrem Tode gab es nicht weniger als drei voneinander unabhängige Gesellschaften theosophischer Natur: die Adyargesellschaft, deren Führung 1907, als Oleott abtrat, Annie Besant übernahm, früher als Leiterin der englischen Sektion tätig; die »theosophische Gesellschaft« in Amerika mit dem Präsidenten Judge, in offenem Gegensatz zur indischen Gesellschaft, und die 1897 von Hübbe-Schleiden und Franz Hartmann begründete »internationale theosophische Brüderschaft«, die im engen Anschluß an die theosophische Gesellschaft ins Leben trat. Besondere Bedeutung erlangte die theosophische Gesellschaft in Adyar dadurch, daß Dr. Rudolf Steiner, der Schöpfer und Begründer der Geisteswissenschaft Anthroposophie, in den Jahren 1902-1912 ihr deutscher Sekretär wurde. Wer Steiner und sein schier unüberschaubares Lebenswerk kennt, weiß, daß er durch seinen Entwicklungsgang dazukam, die Theosophie zu durchschreiten, so wie die Erde durch Kometenschwärme geht, ihre Bahn kreuzend. Das Medium indische Theosophie lagerte wie eine Dornenhecke vor der Lichtquelle der Menschenweisheit, die der Westen und insbesondere die deutsche Volksseele so nötig haben. Steiners Weg führte, an dieser Episode vorbei und durch sie, zum Geiste des Christentums, den er für alle Zeiten erneuerte. Es ist aber nicht unwichtig, sich mit den Schicksalen der deutschen Adyartheosophie an dieser Stelle ein wenig zu befassen. Wenn ich mich dabei zunächst streng an die Adyarquellen selbst halte, so wird man das bei meiner grundsätzlichen Gegnerschaft 
      <a id="page339" name="page339" title="akling/JWE"/>gegen die Besant, Leadbeather und Genossen wohl verstehen; glücklicherweise steht ein Bericht zur Verfügung, den Doktor Hübbe-Schleiden, zwei Jahre nach dem Bruche mit Steiner (am Pfingstsonntag 1914), in Dresden unter dem Titel (»Die Geschichte der theosophischen Bewegung in Deutschland in den letzten 30 Jahren«) erstattete. Dieser Bericht, ein geradezu klassisches Dokument für den Geist, der in der theosophischen Gesellschaft herrschte, gibt eine plastische und in ihrer Naivität überaus aufschlußreiche Schilderung der Zustände. »Wir können«, sagte Hübbe-Schleiden treuherzig, »unseren Meister erkennen, wie ein Pudel seinen Herrn erkennt.« Die Bewegung in Deutschland setzte 1884, neun Jähre nach der Gründung der T. G., ein; »ihr Keim war der Spiritismus«. Die Gründung selbst fand am Abend des 27. Jänner 1884 im Palais des Fabrikanten Gebhardt in Elberfeld statt. Am Starnberger See wird diese Gründung, im August desselben Jahres, in Gegenwart Du Preis und Gabriel Max' erneuert. Über seine eigenen Erlebnisse erzählt Hübbe-Schleiden in seiner kurzen, schlagwortartigen und salopp humoristischen Art: »Die Bewegung fing 1875 in Indien damit an, daß einer der Meister mit unserem Präsidenten Oleott eine Begegnung hatte. Oleott erschrak nicht, sondern dachte: »es ist ein Geist, ein Spirit«; auf die Frage Oleotts, was der Geist wolle, sagte dieser: »Ich komme, um dir zu sägen, was du wissen mußt.« Er blieb nun »zwei Stunden« bei Oleott und verschwand dann. »Eine solche Erscheinung«, fährt Hübbe-Schleiden fort, »ist mir 1895 in Indien, in tropischer Sonnenglut selbst geschehen.« Er berichtet dann über ein seltsames Erlebnis (ein Schaffner brachte ihm plötzlich die Antwort der Geister auf einen über Oleotts Rat geschriebenen Brief) und erzählt weiter: »Frau Blavatsky kam nach Deutschland. Sie ging zunächst nach Würzburg, wo wir ein Zimmer mieteten. Dort entstand ihr Werk ›The secret doctrin‹. Wie dieses Werk entstanden ist, das habe ich miterlebt. In diesem Zimmer schlief 
      <a id="page340" name="page340" title="akling/JWE"/>ich, in eine Decke eingewickelt, auf einer Chaiselongue. Unmittelbar dabei stand das Pult, daran sie (die H. P. B.) schrieb. Sie guckte ins Blaue. Ich fragte: »was siehst du denn da?« »Es ist ein selbstleuchtendes Bild (erwiderte die H. P. B.) von Buchstaben, die ich nicht kenne, Sanskrit oder so etwas ähnliches! In der Nacht aber (so fügt Hübbe-Schleiden hinzu), wurden ihre Schriften von ihrem eigentlichen Meister durchgesehen und das fand ich dann am Morgen.« Dann streift H. S. die »Durchstechereien in Adyar und die Machinationen der Frau Colombi«. »Die Geschichte unserer Bewegung«, bemerkt er seufzend, »zerfällt immer in siebenjährige Abschnitte, 84-91, 91-98, 98 bis 1905, 1906-1913, vier ganz getrennte Perioden.« Mit Ernst Haeckel ergab sich folgende Episode: H.-S. versuchte im Verein mit Du Prel eine nach Haeckelscher Art diagrammatisch aufgezeichnete Darstellung der theosophischen Wahrheiten. Haeckel, dem H. S. das erste Exemplar schickte, sagte: »Ja, so muß man reinen Monismus in die Welt bringen!« »Haeckel war für uns unerläßlich; wenn er nicht gewesen wäre, hätten wir einen solchen Kerl geradezu erfinden müssen; er ist eine Persönlichkeit von großer Notwendigkeit, ebenso wie der Naturalismus, den wir erfinden müßten, wenn es ihn nicht gäbe.« Im Laufe der zweiten Periode (ungefähr bis 1894) begannen die deutschen Theosophen ihr Werk in Berlin. In der Wilhelmstraße 18 hielten Hübbe-Schleiden und Andere glänzend besuchte Vorträge. Es war eine merkwürdige Gesellschaft: an einem Tisch die hohe Aristokratie, an den anderen die Sozialdemokraten, zwischendurch Studenten. 1894 ging Hübbe-Schleiden nach Indien. Inzwischen verfiel der Präsident der Londoner Gesellschaft Judge einem betrügerischen, späterhin auch als Kupplerin qualifizierten Medium, einer Frau Tingley, die sich als legitime Nachfolgerin der Blavatsky ausgab. und durchaus einen wundervollen Ring mit einem Stein, den Frau Besant am Finger trug, an sieh bringen wollte. In der Wirrnis dieser 
      <a id="page341" name="page341" title="cal/JWE"/>Geschichten, die in ihrer Art einzig dastehen (Frau Tingley verfügte über unbegrenzte Geldmittel), taucht auch Franz Hartmann auf, der sich der Frau Tingley annahm und lange von ihr an der Nase herumziehen ließ. Es gab nun plötzlich drei deutsche Theosophische Gesellschaften: die Raatz'sche, die Hartmannsche und die Hellersche. »Keine«, so ruft Hübbe-Schleiden in seinem Bericht aus, der noch immer als Hauptquelle dieser Geschichte dient, »keine hat die Meister hinter sich.« In den Räumen des Grafen Brockdorf und seiner Frau in der Wilhelmstraße sah man Damaschke, Egydi, Leixner, Dr. Johannes Müller und Dr. Rudolf Steiner, der dort seine Vorträge über das »Christentum als mystische Tatsache« hielt. Auch Dr. Franz Hartmann tauchte dort auf, der öfters »entgleiste«. Dr. Steiner sagte einmal: »Die Theosophen sind doch meist ungebildete Menschen.« Auch in Hannover, wo Dr. Steiner 1898 »immer nur Gast war«, wiederholte Steiner: »Wie ist denn das nur möglich, daß ein gebildeter Mensch, wie Sie, Mitglied der Theosophischen Gesellschaft ist?« Endlich schildert Hübbe-Schleiden die Gründung des »Sterns im Osten« mit dem famosen Krishnamurti als Weltenlehrer im Hintergrunde, und den dadurch herbeigeführten offenen Bruch mit Steiner, der all diesen Unsinn nicht mitmachen wollte und keine Stiftungsurkunde mehr ausstellte.« Soweit der Bericht des Herrn Hübbe-Schleiden, zu dem die »Theosophische Rundschau« trocken bemerkt: »der Vortrag entspricht nicht immer den theosophischen Tatsachen, einige Darstellungen sind erfunden ...« Dennoch unterließ die »Theosophische Rundschau« auszuführen, wie es sich wirklich verhielt. Auch die »Wahrheit« muß in diesem Falle schlimm genug gewesen sein!</p><h4>V.
      <br/> Links und Rechts im Mediumismus</h4><p>Die Geheimlehre der Blavatsky (drei Bände) ist ein merkwürdiges Buch, angefüllt mit Wahrheiten und Irrtümern, gemischt 
      <a id="page342" name="page342" title="cal/JWE"/>aus dem, was Helena Petrowna von »drüben« empfing und dem, was in ihr selbst vorging und wesenhaft lebte. Ihre beständig in Abenteuer verstrickte Persönlichkeit strotzte von Möglichkeiten, ihre unterbewußten Fähigkeiten reichten hin, die mannigfaltigsten Dinge herauszuholen, wo sie zu holen waren, aus der geistigen Welt; ihre körperliche Organisation schuf die Grundlage ihres Schaffens; der rechtsstehende Okkultismus, der keinerlei Nebenzwecke verfolgte, hoffte von ihr Bedeutsames zu bekommen, indes der linke in ihr bloß ein brauchbares Werkzeug für seine Absichten und Zwecke erblickte. Die H. P. B. selbst neigte bald genug zur Linken; die H. P. B. war ein durchaus passives Medium, das sich immer wieder auf die Mahatmas (Geister und Meister) berief; sie selbst, im Innersten grundehrlich, suchte bald Anschluß an eine europäische Bruderschaft; »Frechdachs«, der sie war, wenn sie auf dem irdischen Plane zu arbeiten hatte, stellte sie aber jetzt dieser Bruderschaft unannehmbare Bedingungen, gestützt auf ihre Bedeutung, von der sie ganz erfüllt war. Mit ihren Forderungen in Europa abgeblitzt, trat sie bald, von Feindschaft gegen die europäische Bruderschaft bewegt, mit amerikanischen Brüdern in Unterhandlung, die zwischen rechts und links schwankten. Der Linksokkultismus verfolgte durch sie politische Interessen; die amerikanische Loge durchschaute dieses Treiben früh genug, um der Blavatsky die Türe zu weisen, worauf diese mit Enthüllungen drohte. Aus diesen Tatbeständen entwickelte sich in der Folge eine Art okkulter Gefangenschaft, darin die H. P. Blavatsky gehalten ward. Versucht man den Begriff okkulte Gefangenschaft zu erläutern, so ergibt sich ungefähr ein Zustand folgenden Inhalts: gewisse Dinge, die nur auf magischen Wegen und durch bestimmte Brüder gemacht werden können, wurden unter Zuhilfenahme gewisser Kräfte und Machenschaften ins Werk gesetzt, so daß das Wissen der Blavatsky (es gibt keinen passenderen Ausdruck dafür) gleichsam nach innen schlug; ihr 
      <a id="page343" name="page343" title="cal/JWE"/>Okkultismus, eingekreist und bewacht, geriet in Abhängigkeit, die Gefangenschaft genannt werden kann. Die indischen Okkultisten bekamen die Blavatsky in ihre Hand und sie ließen nur jenen Teil ihrer Mitteilungen durch, der ihnen paßte; in diesem Stadium trat die Blavatsky mit Oleott in Verbindung, dessen starkes organisatorisches Talent von niemand bestritten werden kann, und mit dem sie schon zur Zeit, da sie noch einer amerikanischen Loge angehörte, verbunden war. Jedenfalls entstammte dieser Verbindung die merkwürdige Rolle, die ein gewisser Kut Humi, ein »Mahatma«, in ihrem und Oleotts Leben gespielt hat. 1874 gab dieser Kut Humi bekannt, er habe eigentlich John King geheißen und sei im 17. Jahrhundert ein sehr geachteter Seeräuber gewesen, wozu Oleott, der Kut Humi aufs Wort glaubte, allerhand Details hinzufügte, wie Dokumente aus dem Sarge des verstorbenen Vaters der Blavatsky; er ließ übrigens durchblicken, daß der Hinweis auf den »Seeräuber« doch nicht ganz seine Richtigkeit habe, sondern daß man in Kut Humi das Geschöpf eines Ordens erblicken dürfe, das in seinen Wirkungen von unsichtbaren Wesenheiten abhing, aber auf Erden eben als sichtbarer Orden auftrat. In der Hauptsache lag diesem Orden die Verbreitung der indischen Geheimlehre am Herzen. So standen die Dinge in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Von jenem John King waren übrigens auch Sinnets »Briefe über die okkulte Welt« und »Esoterischer Buddhismus« empfangen, welch letzteres Buch den offenkundigen Versuch unternahm, dem spirituellen Wissen ein materialistisches Mäntelchen umzuwerfen; in der Tat stellt das vielgelesene Werk, wie Steiner hervorhebt, eine der schlimmsten Formen des Materialismus dar und macht die stärksten Zugeständnisse an den materiellen Zeitgeist; in demselben Sinne wie Sinnets »Esoterischer Buddhismus« war jedenfalls Ende der Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts die »Geheimlehre« der Blavatsky geschrieben, worin sie einen Kardinalfehler Sinnets 
      <a id="page344" name="page344" title="cal/JWE"/>übernahm: nämlich eine falsche Lehre über die sogenannte »achte Mondensphäre«. Der Materialismus in der Gestalt, die ihm das 19. Jahrhundert gab, war in der geistigen Entwicklung der Menschheit etwas ganz Neues. Demokritos, der gern als Vater des Materialismus angesehen wird, war vom Geiste eines Materialismus, wie ihn das 19. Jahrhundert lehrte, sphärenweit entfernt. Der Materialismus entstand durch das Denken; schrieb er doch dem Atom Denkfähigkeit zu, obzwar er die Materie selbst vollkommen entgeistigte. Die Atome des Materialismus jener Zeit sind etwas durchaus Unwirkliches: reine Gebilde des Denkens, dürre Gedankenwesen, ein Geheimnis, um das schon die Physiker der Achtzigerjahre wußten. (»Dissipez vos tenèbres«, sagt St. Martin, »et vous trouverez l'homme!«) Gegen diesen Tiefstand der Denkverderbnis war der Spiritismus ohne Zweifel ein glänzendes und nach vielen Richtungen sehr beweiskräftiges Mittel, aber es gab bald einen Augenblick, da er bis zu einem gewissen Grade in die Gefangenschaft des materialistischen Zeitalters, des Geistes des 19. Jahrhundert im besonderen, geriet. Der Mediumismus führte auf Abwege und zeigte bald, hauptsächlich in der Frage des Fortlebens nach dem Tode, eine tendenziöse Färbung.</p><h4>VI.
      <br/> Wenn die »Meister« schreiben</h4><p>Das Tendenziöse der auf spiritistischem Wege gewonnenen Kundgebungen trat vor allem darin hervor, daß sich die hinter solchen Kundgebungen verbergenden Wesenheiten bemühten, Einsicht in das große Geheimnis der wiederholten Erdenleben (der Reinkarnation) nicht ins Bewußtsein hineinzulassen. Es lag bald klar zutage, daß die Erkenntnis dieses Schlüsselmysteriums sorgfältig ferngehalten werden sollte. »Die entschleierte Isis« 
      <a id="page345" name="page345" title="cal/JWE"/>wußte nichts von wiederholten Erdenleben und noch, da die Blavatsky schon tot war, mühte sich ein Herr Suba Row, darzutun, die H. P. Blavatsky habe sich nach ihrem Tode spiritistischen Zirkeln geoffenbart und das Bedauern darüber ausgesprochen, daß sie in ihrer »Geheimlehre« die Reinkarnation verkündigt hätte. Diese Tatsache erfüllte alle rechtsstehenden Okkultisten mit tiefster Besorgnis. Eine andere üble Folge solcher tendenziöser Machenschaften, deren sich die Inspiratoren des Mediums bedienten, trat darin auf, daß das Unterscheidungsvermögen für luziferische und ahrimanische Einflüsse vollkommen getrübt wurde, ein Kapitel, das bei der Darstellung der Anthroposophie noch zur Sprache kommen soll. Das 19. Jahrhundert mit seinem starken materialistischen Grundzug neigte sehr leicht zu solchen Trübungen und Täuschungen. Ahrimanische Naturen, deren Weltbild stark mit luziferischen Elementen durchsetzt war, suchten auf dem Friedhof des Materialismus nach einer spirituellen Weltanschauung. Der Journalist Sinnet stand gänzlich im Banne materialistischer Vorstellungen; so kam er zu einer Lehre über die »achte Sphäre«, die gänzlich falsch und verwirrend ist; schon die richtige Auffassung dieses kompliziertesten aller okkulten Kapitel erfordert angestrengteste Tätigkeit des Denk- und Vorstellungsvermögens; dieses Kapitel entspricht ungefähr dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe in Kants »Kritik der reinen Vernunft« und muß, schon aus diesem Grunde, von den Ausführungen dieser Schrift, die nur ganz allgemein über den gegenwärtigen Stand der Dinge zu unterrichten hat, ausgeschlossen bleiben. Hier sei nur bemerkt, daß um die Zeit, da Sinnet diesen Trug beging, die Blavatsky just in das Fahrwasser des einseitigen indischen Okkultismus einlenkte. Die Blavatsky stand damals mit amerikanischen Spiritualisten in Verbindung, die ein Interesse daran hatten, die Lehre von der Reinkarnation zum Verschwinden zu bringen; die andere Strömung, die Entgegengesetztes anstrebte, trug 
      <a id="page346" name="page346" title="akling/JWE"/>gleichzeitig den materialistischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts Rechnung, wozu sich just die Verfälschung der Lehre von der »achten Sphäre« am besten eignete. Die Blavatsky wußte genau, daß Sinnets Lehre über diesen Gegenstand falsch war, anderseits aber befand sie sich in den Händen jener Elemente, die sich an der Verbreitung einer falschen Doktrin interessiert zeigten; sie zwangen die Blavatsky, eine Art Mittelstellung einzunehmen, gaben aber diesem Unternehmen damit eine Färbung, die den Wirrwarr über die »achte Sphäre« nur noch vermehrte und steigerte, denn die Blavatsky, die dem Christentum feindselig gegenüberstand, erhob nun ein wüstes Geschimpfe auf die Jahvegottheit, von der sie sich eine spezielle Vorstellung machte, ein Lärm, dessen Echo in der christlichen Welt bald darauf laut zu hören war. Im Besitze der Wahrheit über die »achte Sphäre« (über die Steiners »Geheimwissenschaft im Umriß« genau unterrichtet) verbreitete die Hochkirche bald eine andere falsche Doktrin: sie behauptete plötzlich, daß die Erde niemals mit anderen Planeten des Sonnensystems in Verbindung gestanden habe, womit die an diese Verbindung anknüpfende und diese miteinschließende Lehre von der Reinkarnation aus der Welt geschafft werden sollte. So gab es nun zwei Gruppen, die sich in die Hände arbeiteten: die eine (mit Sinnet an der Spitze), deren Mission war, die Lehre von der »achten Sphäre« zu entstellen, und die andere, die den Zusammenhang der Erdentwicklung mit den anderen Planeten aus der Welt der Erkenntnis zu schaffen hatte. Auf der einen Seite war beschlossen, die Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben auf Erden neu zu beleben, auf der anderen sollte eine gewisse Form des Katholizismus gegen den Ansturm der indischen Richtung geschützt werden. Der Versuch, Jahve und Christus aus der Geheimlehre zu entfernen, gelang vollkommen, was auf das materialistische Konto des 19. Jahrhunderts gebucht werden darf. Trotz alledem bleibt der Blavatsky das große Verdienst, die spirituelle Welle 
      <a id="page347" name="page347" title="akling/JWE"/>in gewissem, wenn auch durchaus einseitigem Sinne in Gang gesetzt zu haben. Jener Teil des Mediumismus, der im automatischen Schreiben wurzelt, hat sich allerdings bald als eine Quelle neuer schwerer Irrtümer erwiesen. Das interessante Medium Jakob Lorber hat umfangreiche Bücher auf solchem Wege geschrieben, die heute noch von einer fanatischen Gemeinde gehütet werden. Bei Lorber findet man grandiose Schilderungen außerirdischer Zustände und nicht weniger als ein ganz neues Evangelium, das im Kreise des großen »Sehers« für ein Heiligtum gehalten wird. Nichtsdestoweniger ist alle auf diese Art erworbene Kenntnis der übersinnlichen Welten stark durchsetzt von Fehlleistungen, unrichtigen Deutungen und subjektivem Dafürhalten, und, so interessant an sich es erscheinen mag, als Quelle zu wahrer Erkenntnis nicht zu brauchen, eine schmerzliche Enthüllung, die gleichwohl gemacht werden muß, um die Menschen unserer Zeit vor Schaden zu bewahren. In der Tat zeigte sich, als die okkulte Welle im 19. Jahrhundert auftauchte, eine ganze Reihe von skandalösen und affärenreichen Zwischenfällen im Gefolge, die ein übles Licht auf die ganze Bewegung warfen. Der Name Leo Taxil-Vaughan beleuchtet das Terrain zur Genüge. Die Menschen, aufgeweckt aus dem dogmatischen materialistischen Schlummer, greifen nach der Magie. Sie suchen Erkenntnis, weil sie die Macht wollen ...</p><h4>VII.
      <br/> Die Bedeutung des Spiritismus</h4><p>Es ist notwendig, hier ein abschließendes Wort über den Spiritismus selbst zu sagen und den Stand der Dinge im gegenwärtigen Augenblicke festzustellen. Der Spiritismus war bisher eine starke, ja fast die einzige Waffe gegen die Materialisierung des menschlichen Denkens; er hat die breiten Massen aus ihrem freidenkerlichen Dunkel aufgescheucht, die Aufmerksamkeit der 
      <a id="page348" name="page348" title="akling/wedi"/>Gebildeten wieder auf die spirituellen Welten gelenkt und die unerträgliche Atmosphäre des wissenschaftlichen Dünkels wie durch ein Gewitter gereinigt. Die Kirche, die aus ihm wohl Nutzen zog, hat sich allerdings wenig bereit gezeigt, ihm zu danken; sie verfolgt ihn vielmehr auf alle Weise, obwohl sie selbst nicht mehr die Kraft hat, aufklärende und überzeugende Arbeit zu leisten. Ein wahrheitsgetreues Protokoll über die Sitzungen mit Mirabelli, dem berühmten portugiesischen Medium, vermag mehr für den religiösen Geist der Menschen, als hundert Andachts- und Erbauungsbücher, die eine den Menschen unserer Zeit fast unverständliche Sprache führen. Ich will durchaus nichts gegen die Kräfte des Glaubens sagen, obschon sie, und das liegt ja in der Entwicklung der Menschen, immer geringer werden und immer seltener auftreten. Der Glaube und die Möglichkeit, aus dem Glauben zu empfangen, was anderen erst unermüdliche Beschäftigung mit den geistigen Welten und Erforschung des Übersinnlichen eröffnet, sind nach wie vor an die Gnade geknüpft, aber selbst dann noch unnütz, wenn sie nicht in klare, dem Bedürfnisse der Bewußtseinsseele entsprechende Einsicht in die ewigen Wahrheiten und Erkenntnisse münden. Der Einsiedler und Asket kommen ohne Zweifel zu wundersamen Visionen; der Jesuit in seiner Zelle, der die Exerzitien seines Chefs und Ahnherrn Ignazius von Loyola gewissenhaft in Erlebnis umsetzt, er schreitet auf Wegen, die für die Entwicklung der Menschheit ohne Bedeutung sind, obschon sie dem sakralen Egoismus sehr wohltun und die höchste Art Selbstsucht reichlich füttern. Allen diesen Dingen haftet ein Krankengeruch an, der auch durch den tadellosesten Lebenswandel nicht weggebracht wird. Jesuiten und Mystiker ähnlichen Schlages sind immerfort auf der Jagd nach Gott; sie lauern ihm auf, umschleichen und umstellen ihn von allen Seiten, oder, zeitgemäßer ausgedrückt, sie belagern ihn in seiner himmlischen Festung, machen, wenn sie die günstige Gelegenheit 
      <a id="page349" name="page349" title="akling/wedi"/>erspäht zu haben glauben, einen Ausfall, der oft viele Tote und Verwundete kostet, und möchten Gott am liebsten mattsetzen, wie ein Schachpartner den anderen. Wohl gibt es edle und hohe Menschen, die im Spiegel dieser Zeit als reine Toren erscheinen mögen, aber gerade die haben keinen Feldzug nötig, in Gottes Reich einzudringen und das Gottesbewußtsein gleichsam als Skalp am Gürtel heimzubringen. Der arme Mann, dem sie als Ehrentitel den Namen Proletarier gegeben haben, wie man einem Haustier einen Namen gibt, auf den es hören soll, der arme Mann hat seine Heiligen längst verloren und seinen Glauben an Gott im »Kampf ums Dasein« eingebüßt. »Wozu«, denkt er, »Gott, wenn er mir nicht hilft?«, und seine Proletarierzeitung, die ihm das Opium des Sozialismus reicht, nachdem sie ihm das »Opium« der Religion genommen hat, wird nicht müde, auf ihn einzureden und ihn um das Letzte zu bringen: um das Ich, das den Menschen zum Menschen macht und das sein einziger, wahrer, durch alle Ewigkeit bleibender Besitz ist. Verlangt doch der Verführer, der sein Gewerbe im Namen der Komintern übt, nichts geringeres, als daß der arme Teufel dieses sein letztes Kleinod auf dem Molochaltar der Masse Mensch opfere, daß er im Namen des arbeitenden Volkes die Macht ergreife, den Bürger erschlage, die Klöster und Kirchen beraube und schände und die freie Aussicht auf das ewige Leben für immer verliere! Nun, die Kirche hat gut dagegen reden! Der arme Teufel glaubt nicht mehr an Gott, er glaubt lieber an den Teufel Lenin; er bildet sich ein, daß der Mensch verreckt (wie ein räudiger Hund) und daß sein Leben nichts ist als Trieb, als eine jämmerliche, sinnlose Komödie, die er oft durch einen Sprung aus dem Fenster oder von der Brücke endigt. Nun, es kann, seit die Menschheit dank dem Spiritismus wieder um okkulte Dinge weiß, doch wohl sein, daß solch ein armer, durch seinen Zwangsbeitrag an die Genossenkassa, an den Bolschewismus gefesselter Proletarier, eines Tages in seiner elenden 
      <a id="page350" name="page350" title="akling/gary"/>Stube klopfen hört und es zunächst nicht beachtet. Ein neuer Mieter oder eine neue Mieterin ist ins Volkswohnhaus eingezogen, und, so fest er oder sie im richtigen Freidenkertum erzogen sein mögen, der Zufall hat ihnen plötzlich okkulte Kräfte geschickt, die sich bemerkbar machen. Das Klopfen an der Wand des armen Mannes will seit jenem Tage nicht aufhören. Es wird sogar immer schlimmer und dadurch ganz besonders unheimlich, daß es, wenn man den Klopfgeist etwas fragt, ganz präzise mit Ja oder Nein antwortet oder sogar durch zusammenhängende Klopflaute weitere Antworten gibt. Es sind oft seltsame Antworten. Bei hellichtem Tage zupft es am Ärmel, kneift am Ohr oder wirft plötzlich Gegenstände scharf vorbei; ein Tisch schwebt in der Luft, allen Behauptungen der Wissenschaft zum Trotze, die von Schwerkraft spricht; ein Buch blättert sich von selbst auf, ein Lichtschein wird sichtbar, die Schritte eines Unsichtbaren schlürfen durch die Stube, eine Tür geht ganz von selbst auf, und es scharrt an der Schwelle, als ob ein Pudel Einlaß suchte. Fragt der Genosse heimlich die Madame oder die Kartenaufschlägerin oder gar den Herrn Kooperator, so bekommt er meist eine Antwort, die er nicht versteht, aber der Herr Kooperator wird gleich sehr böse und verbietet den Umgang mit Geistern. Der Herr Betriebsrat aber lacht laut auf; er lacht allerdings nicht lange, denn schließlich kann auch der freisinnigste Herr Betriebsrat, der die höchsten Freidenkergrade mühelos erreicht hat, nicht anders, als zugeben, daß hier, wahrhaftig, bei vollem Licht und voller Besinnung, etwas wie ein Spuk am Werke ist. Ich habe Arbeiter kennengelernt, die, obzwar parteigetreue Sozialisten, heimlich spiritistische Zirkel besuchten und sich nicht davon abbringen ließen, mich zu benachrichtigen, wenn neue Phänomene und Kundgebungen zu verzeichnen waren. In der Tat braucht man durchaus kein Vorwissen dazu, um sich zu den reinen Erscheinungen des Spiritismus vernünftiger zu verhalten, als die exakte Wissenschaft, 
      <a id="page351" name="page351" title="akling/gary"/>die sich mit Dünkel zu Tische setzt und mit Dünkel erhebt, um unbekehrt weiterzuleben. Allerdings ist es weit besser, den Spiritismus a linea abzuweisen, als ihn auf parapsychische Art zu betreiben, das heißt: die Mittel, Anschauungsformen und Denkweisen der sogenannten exakten Wissenschaft auf Gebiete anzuwenden, die aller Wissenschaft im gewöhnlichen Sinne zu spotten scheinen. Aus diesem Mißverhältnisse sind alle Zweideutigkeiten und Halblösungen entstanden, an denen das große Gebiet der parapsychischen Forschung so reich ist. Am heitersten berührt Dessoirs Versuch, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, zu denen ihm jeder Zugang fehlt. Das vollkommen Unkritische seiner »kritischen Betrachtung« der Geheimwissenschaften springt so klar und eindeutig ins Auge, daß es Steiners Entlarvung kaum mehr bedurfte, so gründlich diese auch ausfiel. Die armseligen Ergebnisse, die Dessoir von seinem Ausflug in das »Jenseits der Seele« mitbringt, überall »Fußangeln des Betruges« witternd, gipfeln darin, daß es »freilich äußerst spärliche Beobachtungen« gibt, die auch einen »kundigen und kritischen Beurteiler stutzig machen können« (Herrn Dessoir machen solche Beobachtungen eher stutzig), und daß der »Scharfsinn«, den »betrügerische Medien« anzuwenden pflegen, den Psychologen ebenso »feßle«, wie die »damit zusammenhängende allgemeine menschliche Illusionsmöglichkeit«; endlich »nötige« die große Ausbreitung der spiritistischen Lehren die »Vertreter der Wissenschaft, durch unablässige Prüfung nicht nur sich selbst Klarheit zu verschaffen, sondern auch nach bester Überzeugung andere aufzuklären«. »Es gibt«, ruft er mit Emphase aus, »kein ›Jenseits der Seele‹ im Sinne einer unsichtbaren Wirklichkeit, weil geistige Sachverhalte des dinghaften wie des personenhaften Daseins überhoben sind.« Es wäre aber sicherlich nicht ohne Reiz, Herrn Dessoir darüber zu befragen, wieso er überhaupt dazukomme, Aussagen wie diese über die geistigen Sachverhalte zu machen, da sie doch weder dinghaft, 
      <a id="page352" name="page352" title="akling/gary"/>noch persönlich existieren. Den kleinen Schritt zur Erkenntnis der Gewißheit, daß jede Bewußtseinslage ihre Wirklichkeiten in sich schließt, zu machen, war Herr Dessoir leider außerstande.</p><h4>VIII.
      <br/> Die Stimme des Zwischenreiches</h4><p>Lassen wir doch einmal die Sachverhalte des Spiritismus, wie sie sind und jederzeit und durch jedermann überprüft werden können, am Auge vorüberziehen! Vier oder fünf Personen von ganz verschiedener Geistesrichtung, zumeist verschiedenen Geschlechtes, setzen sich, unbekannt mit der Materie dieser geheimnisvollen Phänomenologie, an einen Tisch und legen die Hände in einer bestimmten Weise, die mit der Vorstellung von Strömen eines Kreislaufes übereinstimmt, an den Rand, so daß die Finger diesen berühren. Nach einiger Zeit zeigt sich, daß der Tisch unruhig wird, daß er »zieht« und daß er sich anschickt, kreisförmige Bewegungen zu machen, sich nach der Seite zu neigen oder überhaupt zu schweben, je nach der medialen Stärke der Teilnehmer und nach ihrer Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Sehr oft bleibt es bei diesen Erscheinungen, ohne daß sie weiterentwickelt werden können, und es steht dem Belieben frei, Erklärungen für diesen Tatverhalt zu suchen, was um so leichter ist, als in den Büchern über und gegen den Spiritismus gleich ein ganzes Dutzend solcher »Erklärungen« zu finden ist, allerdings eine oft törichter als die andere. Menschen, die ohne Weltanschauung an den redenden Tisch herankommen, sind außerstande, mehr aus dem Erlebnis herauszuholen, als »Verwirrung«, die freilich meist nicht lange vorhält. Im Augenblicke aber, da eine mit dem »Ritual« des Spiritismus vertraute Person die Führung des Kreises übernimmt und ein stärkeres Medium an der »Seance« beteiligt ist, ändert sich der Tatinhalt sofort und gründlich. Der Tisch überwindet das 
      <a id="page353" name="page353" title="akling/gary"/>Schwergewicht und den Widerstand der Hände, erhebt sich und schwebt wie ein Vogel oder Falter zur Decke; keine Hand hält ihn mehr; er schwebt aus eigener Kraft, eine Zeitlang; oder: er fängt zu wandern an und die Teilnehmer können ihm kaum folgen. Manchmal läßt er den Scherz geschehen, sich so schwer zu machen, daß ihn die stärksten Männer nicht um einen Zoll vom Boden zu bewegen imstande sind, dann wieder wird er so federleicht und unbeschwert wie ein Flaum. Etlichemale öffnet sich eine Lade des Tisches ganz von selbst und schnellt nach einer Weile rasch und plötzlich wieder zurück. Es gibt Zirkel, die gar nicht die Hände aufzulegen brauchen, sondern durch ihr bloßes Sitzen um den Tisch jene Kräfte und Erscheinungen auslösen. Die Teilnehmer sind zunächst verwundert und meist auch ein bißchen geängstigt; sie stellen törichte Fragen und rümpfen, sobald der erste Schrecken überwunden ist, gelegentlich auch die Nase: sie haben mehr erwartet und sind enttäuscht, weil sie hofften, sofort mit Dante, Shakespeare oder Johann Wolfgang Goethe »verbunden« zu werden. Wie oft habe ich bei Sitzungen, die nur dürftige und rein physikalische Erscheinungen lieferten, »Bedauern« darüber gehört, daß die Geister so »kindisch« sind, so läppische Dinge machen und nicht mehr zu erzählen haben! Da verlohne sich's ja gar nicht, mit ihnen zu verkehren! Vergeblich wendet man ein, daß das Zwischenreich der Erde eng benachbart ist, daß es von »Elementeln« strotzt, die noch beinahe menschliche Fehler und Schwächen haben und daß sich gerade die niedrigeren »Elementel« zu Sitzungen drängen, weil sie darauf brennen, sich, und wäre es auch in noch so primitiver Weise, auf dem irdischen Plane zu betätigen, um so mehr, da sie auch die richtigen derberen Kräfte dazu entwickeln können, durch die sie andere, höhere Wesenheiten vom Erscheinungsbereich der Sitzung abdrängen. Das okkulte Licht, das von einer spiritistischen Séance entwickelt wird, ist im Zwischenreich wohl wie ein Signal zu sehen, darauf sich nun die Wesen stürzen, so wie 
      <a id="page354" name="page354" title="akling/gary"/>Wasser sich wirbelnd zur Öffnung eines Gefäßes drängt. Nur Wenige sehen ein, daß schon das bloße Schweben eines Tisches mehr sagt und bedeutet, als die schönste Predigt eines geistreichen Jesuiten; der Tisch, indem er sich frei erhebt, versetzt der Wissenschaft einen Schlag mitten ins Gesicht, er hebt das Gesetz der Schwerkraft mit einem Ruck aus ihren hypothetischen Angeln. Erfahrungen, die in unzähligen Seancen gemacht worden sind, und Weisungen, die von drüben kamen, haben nach und nach eine feste spiritistische Praxis gezeitigt, die den Zirkel der Notwendigkeit überhebt, durch eigenen Schaden klug zu werden. So gibt es eine spiritische Erfahrungswissenschaft, die den Titel exakt in jedem Sinne verdient, und die, sowohl was die Form des Tisches, die Zahl der Teilnehmer, den Gang und die Inbetriebsetzung eines Zirkels und einer Sitzung betrifft, auch die verschiedenen Gefahren und Zwischenfälle einer Seance ins Auge faßt; sie sind jedem ernsten Zirkelleiter voll bewußt, der zum Beispiel auch darauf achten mußt, daß die Teilhaber eines Zirkels gesund sind, kein Gebrechen haben und mit keiner offenen Wunde behaftet sind. Eine wichtige Frage, die viel Anlaß zu Mißverständnissen und törichten Annahmen gegeben hat, ist die der Verdunkelung des Raumes. Derselbe Teilnehmer, der als geschätzter Amateurphotograph den Sinn und die Notwendigkeit einer Dunkelkammer für Photographen kennt, wird oft erstaunt fragen, warum denn die Geister so zäh auf Finsternis des Raumes erpicht sind. Sie sind gar nicht so erpicht darauf, aber die Erfahrung, die doch nach Kant und noch heute der Ausgangspunkt alles Wissens ist, sie lehrt, daß spiritistische Phänomene durch Verdunkelung des Raumes außerordentlich gefördert werden, obwohl das Medium Mirabelli schon um neun Uhr vormittags, im Laboratorium, in Gegenwart zahlreicher Personen und bei hellem Tageslicht die Astralleichname verstorbener Personen zur Erscheinung bringt, und, bei Maria Silben in Graz, der größere Teil der Phänomene, wie Berührungen, 
      <a id="page355" name="page355" title="akling/gary"/>Materialisationen von Händen und Hantierungen an Gegenständen, bei ausgiebigem Lichte einwandfrei zutage tritt. Die Brüder Schneider, die ich mehrmals bei Sitzungen »arbeiten« sah, sind ans Dunkel gebunden. Bei Maria Silbert ordnet »Nell«, der als Kontrollgeist fungiert (auch davon wird gleich die Rede sein), manchmal Dunkel an, da Lichterscheinungen angekündigt werden; die Erfahrung, daß blaues Licht geistige, rotes Licht aber physikalische Erscheinungen begünstigt, fand ich wiederholt selbst bestätigt. Die gewöhnlichen physikalischen Erscheinungen stellen übrigens, einschließlich der Bemühungen durch materialisierte Hände, gleichsam nur das Anfangsstadium des spiritistischen Phänomenalismus dar. Sind stärker mediale Personen im Zirkel, so entfällt gewöhnlich die Berührung des Tisches, der sich von selbst bewegt, und an die Stelle der Bewegung treten Klopflaute, deren Wesen schon geistiger Natur ist, da sie oft vollkommen geordnete und noch öfter sehr überraschende Mitteilungen enthalten und auch tiefere Aufschlüsse geben. Klopflaute standen ja, wie schon erwähnt wurde, gleichsam an der Wiege des neueren Okkultismus überhaupt, sie schreckten die Leute von Hydesville und, darüber hinaus, die Welt aus ihrem dogmatischen Schlummer. Auch darüber, wie Klopflaute entstehen, sind Mitteilungen von drüben vorhanden. Kennzeichnend für sie ist, daß sie sich von allen Lauten ähnlicher Art (wie Knistern im Holze) scharf unterscheiden. Vor erfahrenen Spiritisten kann es kein noch so schlauer Betrüger mit »natürlichen Klopflauten« versuchen, ohne sofort ertappt und entlarvt zu werden. Jedes Wesen hat, so primitiv das klingen mag, seinen eigenen »Klopfer«, weithin von allen anderen unterscheidbar; das Merkwürdigste aber ist, daß die Klopflaute ganz unglaubliche Stärkegrade erreichen können und daß sie gleichsam eine Art akustischer Perspektive besitzen, ganz von ferne kommen und wieder verschwinden, mit gesungenen Melodien und gespielter Musik taktstreng mitgehen, wie ja überhaupt Gesang und Musik 
      <a id="page356" name="page356" title="akling/gary"/>jeder Art auf die Entwicklung von spiritistischen Phänomenen erstaunlich einwirken. In einer Sitzung bei Maria Silbert erlebte ich nach Mitternacht und nach starken Phänomenen verschiedenster Art ein rhythmisch marschmäßiges Klopfen, das zunächst ein von ferne anrückendes Regiment von Soldaten anzukündigen schien, dann aber so gigantische Dimensionen annahm, wie wir sie weder vorher noch nachher jemals in gleicher Intensität erlebten; es war, als ritten schwer gepanzerte Pappenheimer mit gewichtigen Pferdehufen über den massiven Tisch, der sich nicht rührte und in keiner Weise auf die scheinbar ungeheure Einwirkung und Belastung reagierte; gleichzeitig brauste draußen eine Art wilder Jagd ums Haus; das Zimmer füllte sich mit fahlem Licht, kalte Luft wehte aus unbekannten Winkeln, und gegen die geschlossenen Fensterläden hieben unsichtbare Wesen wie mit schweren Ruten, das Holz peitschend und von zuckenden Blitzen begleitet. Kalte Luft und kaltes Licht sind die regelmäßigen Begleiterscheinungen stärkerer Phänomene, zu denen sich frei in der Luft schwebende und fliegende Gegenstände, läutende Glocken, flammende Schriften gesellen. Nicht selten treten diese Erscheinungen auf, ohne daß das Medium in Trance fällt, was allemal den Auftakt zu größeren und merkwürdigeren Begebenheiten, wie Verschwinden und Wiederkommen von Gegenständen, Lichtkugeln, Knallerscheinungen, Auftauchen gravierter Initialen (mit dem untrüglichen Zeichen »Nells« im Falle Maria Silbert) bedeutet, die dann prompt auftreten. Daß es an hervorragenden geistigen Kundgebungen über die verschiedensten Dinge, so zwischen Himmel und Erde sind, nicht fehlt, wissen alle, die das Glück gehabt haben, mit Maria Silbert zu arbeiten, einer gütigen, einfachen und wirklich wertvollen alten Frau, die ihre Mediumschaft, ergeben in den Willen der höheren Mächte, mit wahrhaft christlicher Demut und Ergebenheit trägt und, was wohl entscheidend ist, in einer Armut, die Geschenke und Geldzuwendungen ablehnt und ihren Lohn einzig darin findet, Menschen, 
      <a id="page357" name="page357" title="akling/gary"/>die des Rates und Trostes bedürfen, beizustehen. Der »Kontrollgeist«, der so vielen unbefangenen Geistern so arge Schwierigkeiten macht, hat an sich gar nichts Gespenstiges; er schwebt über einem Zirkel als korrespondierendes Element aus der geistigen Welt, bleibt mit den Personen dieses Zirkels auch darüber hinaus verbunden und hat im Falle »Nell« oft die wundersamsten Dinge bewirkt, namentlich für Leute, die er in sein Herz schloß.</p><p>So steht es um den Spiritismus von heute; er ist ein wichtiger Faktor im Kampfe gegen den materialistischen und verstandesmäßigen Ungeist unserer Kultur, und ist im Augenblicke noch, um seiner starken Beweiskraft für die Massen willen, vollkommen unentbehrlich, so wünschenswert es wäre, ihn entbehren und schon durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis ersetzen zu können.</p><h4>IX.
      <br/> Okkulte »Lehrer« und »Führer«</h4><p>Gipfelt die Sache des Spiritismus heute in den großen Medien, wie Maria Silbert und Mirabelli, so hat das Erwachen des Okkultismus aus dem Geiste des Mediumismus (den Allan Kardee am klarsten erschaut und dargestellt hat) vielfach zu phantastischen Formen geführt, die wohl schon als Auswüchse angesehen werden können. Der Okkultismus des 19. Jahrhunderts hält noch immer an den Schriften von Papus, Stanislas de Guaita, Eliphas Levy und anderen fest, anderseits gibt es auch eine konsequent, an Swedenborg anknüpfende Mystik, die heute ihren reinsten Ausdruck in den Schriften von A. M. O. (die Initialen des Namens A. M. Opelt sind hier zum Worte amo zusammengefaßt) findet. Opelt steht hoch über den Mitläufern im Mystischen, die sich ziemlich unzweideutig als »Meister« zu erkennen geben, unter denen Herr Bo-Yin-Ra einigermaßen, als eine Art Courths-Mahler des Okkultismus, bekannt geworden ist. 
      <a id="page358" name="page358" title="akling/gary"/>Bo-Yin-Ra, der in seinem Privatberuf Ingenieur sein soll, schildert in einer autobiographischen Skizze (in der Vollrathschen Zeitschrift, »Ihrem Unternehmen allezeit zugetan«), die nach dem Erscheinen eines Buches »licht vom Himavat« herauskam, allerhand Erlebnisse, die ihn »mit jener Bruderschaft« zusammenbrachten, deren »Bruder« er 1915 war: vor allem die Erscheinung eines alten Herrn, den er im Alter von sieben Jahren gesehen haben will, der sich aber schon »durch seine Kleidung als inneren Hochasiaten« legitimierte. Diesem »Herrn« will er später wieder begegnet sein, allerdings in einer anderen Weise. Seine Chelaschaft (Schülerzeit im okkulten Sinn) soll im Ägäischen Meer, auf einer weltabgeschiedenen Insel, ihr »Ziel erreicht haben«; jedenfalls könne er »dafür einstehen«, daß die Mysterien jenes Alten noch nicht erloschen sind, sondern daß sie in einer Bruderschaft, die der »Ausgangspunkt für alle wirklichen Mystiker« auf Erden geworden sei, weitergepflegt werden. »Wir sind«, setzt er mit geheimnisvollem Zwinkern hinzu, »sehr Wenige« und »durch ein kosmisches Gesetz zu ewigem Schweigen verpflichtet«, eine Verpflichtung, die B. Y. R. nicht daran hinderte, ein paar Dutzend Bücher zu schreiben, die im Tone zwischen Johannes Müller und Mabel Collins schwankend, salbungsvolle Tiraden mit Geheimtuerei verbinden. Nicht so unklar, wie Herr Krishnamurti, der seiner Meisterin Annie Besant den mit bunten theosophischen Eiern gefüllten Korb umwarf, indem er, gleichzeitig, den »Stern des Ostens« zwischen den Fingern zerdrückte, verzopft Herr Bo-Yin-Ra billige Weisheit aller Sorten zu mäßigen Preisen. Für seine Art sind die Ratschläge bezeichnend, die er seinen Lesern unablässig verabreicht. Er predigt zum Beispiel in gesperrter Schrift: »Nach mir hast Du gerufen, ohne mich zu kennen, mein Wort erreicht Dich, ohne daß ich von Dir weiß. Doch siehe: ich erwarte ja nichts Anderes von Dir, als daß Du, stetig Deines Weges achtend, der Leuchte folgst, die ich vor Dir entzünde; schon nach den ersten Schritten wirst 
      <a id="page359" name="page359" title="akling/gary"/>Du entdecken, daß Dir auf meinem Wege nie der Trug begegnen kann; heute bist Du diesem Menschen begegnet, der, wissend um den Weg zur Wahrheit, bereit ist, Dich diesen Weg zu führen; erfülle Dein Herz mit wahrer, echter, lauterer Frömmigkeit!« Seine Bücher tragen über einzelnen Kapiteln Überschriften, wie zum Beispiel: »Im Osten wohnt das Licht«, »die weiße Loge«, »übersinnliche Erfahrung«, »der verborgene Tempel«, »von Heiligkeit und Sünde«, und er verschleißt auch deutsche Mantrams unter dem Titel »Funken«, »nach geistigen Lautgesetzen geformte Spruchweisheit zur Förderung des Bewußtwerdens im Geiste«. Herr Krishnamurti ist nicht halb so kostbar und manikürt in seinen Äußerungen wie Bo-Yin-Ra, sondern singt in seiner Zeitschrift ganz keck, ein richtiges modernes Massenatheistchen: »Ich kenne keinen Gott, noch den Glauben an ihn, ich kenne kein Dogma, noch seinen Zwang, ich kenne keine Religion, noch die Furcht davor, ich kenne kein Königtum, noch seinen Pomp.« Das muntere Bürschchen hat das richtige Zeug zum Lehrer an einer Sowjetschule, indes Herr Bo-Yin-Ra, in seinen Mantel östlicher Weisheit gehüllt, für Sonntagspredigten an einer reformierten Kirche leidlich taugen würde. Weniger harmlos als diese sanften Verbreiter von wiedergekäuten Binsenlügen, treten die Brüder der »Pansophia« auf, die eine regelrechte Geheimschule betreiben, Grade verleihen, von »Meistern« sprechen, magische Briefe von schwankendem Wert in den Handel bringen, mit Symbolen arbeiten und das kommende Uranuszeitalter vorbereiten helfen, dabei aber doch auch das Verdienst erworben haben, einiger wertvoller älterer Bücher und Schriften Erneuerer und Herausgeber geworden zu sein. Im Zusammenhange damit mag erwähnt werden, daß in Deutschland derzeit neue Gnostiker ihr Unwesen treiben, die sogar ein eigenes Messeritual, entworfen auf überaus pikant erotischer Grundlage, besitzen. An Geheimgesellschaften mit erotischen Neigungen fehlt es dieser aus den Angeln gehobenen 
      <a id="page360" name="page360" title="akling/gary"/>Welt keineswegs. Man kann sie, anmutig an eine Kette gereiht, bei P. Ch. Martens, zum Teil auch in Lennhoffs aufschlußreichem Buch über Geheimbünde, am geistigen Auge vorbeiziehen lassen. Dem Hexensabbath des geheimen Treibens hat Rudolf Steiners Geisteswissenschaft (Anthroposophie) ein für allemal ein Ende gemacht; die Geheimtuer sind ein sehr überflüssiger Artikel geworden und auch das Plätschern in allen okkulten Gewässern scheint kein richtiges Geschäft mehr zu sein, so materiell ergiebig es sich auch noch in einzelnen Fällen erweisen mag. 
      <a id="page361" name="page361" title="akling/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap010"><h3>Achtes Kapitel
      <br/> Rudolf Steiner und die neue Geisteswissenschaft</h3><h4>Zwischenspiel</h4><p>Mit großer Rührung und im Gefühle unbegrenzter Dankbarkeit gehe ich daran, dem Leser ein leider nur in den Umrissen gezeichnetes Bild des Lebens und Wirkens Rudolf Steiners zu geben, eines Mannes, auf den die deutsche Nation, wenn sie nicht längst schon verlernt haben würde, ihre wahrhaft Großen zu ehren, alle Ursache hätte, stolz zu sein. Was ich hier darlegen will, hat den Zweck, auf das außerordentliche, für die ganze Menschheit gleich bedeutsame Geschenk hinzuweisen, das diese im Augenblicke tiefster materieller, seelischer und geistiger Not aus Rudolf Steiners Händen empfing, ein Licht, das in die Finsternis scheint und das die Finsternis wieder einmal nicht begreifen kann, das aber eines Tages, so die Vorsehung es will, dem Erdengeschlecht den Weg aus der Nacht weisen wird. Mit Rudolf Steiners Geisteswissenschaft, einer idealen Zusammenfassung aller religiösen, künstlerischen, philosophischen und wissenschaftlichen Kräfte im Menschen, erneuert aus dem Geiste der Mysterien sowie einer umwälzenden Einsicht in das Wesen des Christus Jesus und seiner göttlichen Sendung, beginnt eine neue Epoche im Leben der Erde, stark genug, in die nächsten Kulturen hinüberzuleiten und zugleich das Konzept der kommenden Phase des Planeten zu entwerfen. Den Plan der Welt, im Rahmen des Schöpfungszyklus, der sieben große Runden umfaßt, lenken die höchsten Wesenheiten, unterstützt von großen Eingeweihten, deren Wirken jedesmal durch bedeutsame Wendepunkte 
      <a id="page362" name="page362" title="akling/gary"/>in der Entwicklung der Menschheit gekennzeichnet ist. Ein Eingeweihter von solchem Rang war Rudolf Steiner; sein großes Erbe, verwaltet von Marie Steiner und von einer Gesellschaft geistiger Menschen, die den Ruf des Augenblickes vernommen hat, geht jetzt als blühende Saat auf, betreut von liebevollen Händen, die im Zusammenhange mit ihm, von seiner schöpferischen Kraft beschattet und gesegnet sind. Von der Unsumme seines Tuns und seiner Konzentrationsgabe, von der Unermüdlichkeit seiner hohen Führerschaft, von der Großzügigkeit seines Wesens, von seinem stupenden Wissen, das alle Gebiete umfaßte und zugleich neue, ganz unbekannte erschloß, können sich die Menschen unserer Zeit nur schwer einen auch nur annähernden Begriff machen. War schon sein Leben hienieden wie ein Wunder, so vermehrte er die Wunder seines Wirkens täglich, bis zum letzten Augenblicke seines Erdenlebens, schrieb Bücher, hielt Vorträge, arbeitete persönlich am Goetheanum in Dornach, war Arzt, Denker, Priester, Künstler in einer Person und übte geraume Zeit ein Amt aus, das zu den heikelsten und verantwortungsvollsten der Erde gehört: das Amt eines Lehrers und Arztes der Menschen. Ich will hier, um ein anschauliches Bild vom Einfluß zu geben, den seine Persönlichkeit ausübte, schlicht erzählen, wie ich zu Rudolf Steiner kam. Gleich ihm im Februar, nur elf Jahre später geboren (vier Tage vor Steiners Geburtstag, dem 27. Februar 1861), wuchs ich als Student in denselben Zeitumständen auf, schritt wie er durch das Fegefeuer einer Epoche, die, obwohl äußerlich nicht gerade überbewegt, in ihrer unheimlichen Starrheit der Begriffe und Anschauungen doch nur Ruhe vor dem Sturm bedeutete. Die Hochschulgeneration jener Tage war fast gänzlich mit dem Kampf um die nationale Existenz erfüllt, ging doch, in diesen unglücklichen Jahren nach 1866, die Vorherrschaft des Deutschtums im alten Österreich verloren und war damit obendrein der Zusammenhang mit Deutschland und dem neuen Reich für 
      <a id="page363" name="page363" title="akling/gary"/>unabsehbare Zeit zerschnitten! Gleichzeitig kam der internationale Marxismus auf, ein Unglück sondergleichen, besonders für uns Deutsche, die ihn in unserer angestammten Gründlichkeit ernster und bereitwilliger aufnahmen, als irgend ein großes Volk der Erde. Gegen den Marxismus bot Dührings knorrige und temperamentvolle Denkweise hinreichende Erfrischung, auch tat uns »Wirklichkeitsphilosophie« bei allem Idealismus und in der drangvollen Enge des Kampfes wohl, ganz abgesehen von Friedrich Nietzsche, dessen glutvolle, leidenschaftliche Sprache und unerhört unbarmherziger Freimut unsere jungen Herzen rasch entzündete, so wenig entzückt wir von seinem Mißtrauen gegen den Reichswurm (Rhinoxera) waren. In diesem Zwiespalt empfingen wir allerdings geheime Kräfte von den großen Dichtern der Nation, unter denen Goethe, für unser Gemüt, eine überragende Rolle spielte; auch Ibsens Wirkung auf das junge Deutschland von damals blieb nicht aus, indes Beethoven, Brahms und Wagner unsere Herzen im Sturm eroberten. Für okkultes Denken war in diesem, aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzten Weltbild wenig Platz. Wohl schien so manches merkwürdige Erlebnis die Vermeintlich sicheren Bereiche einer »positiven Philosophie«, einer mageren, ahnungslosen und seelisch dürftigen Denkweise mit ihren metaphysischen Fragen und mit dem koketten Stolz auf den Triumph der Naturwissenschaften im Hintergrunde, die Grundlagen unserer Welt- und Lebensauffassungen bedenklich zu erschüttern, aber das ging vorbei, denn die freiheitliche, »voraussetzungslose« Gesinnung gehörte, leider in starkem Ausmaß, zum Gesamtbild des deutschen Studenten jener Zeit und wurde, bei mir wenigstens, dank unangenehmer Erinnerungen an einen zelotischen katholischen Katecheten der Gymnasialzeit, erheblich gefördert. Nebenbei bemerkt, trug die okkulte Literatur jener Tage, ein Gemisch von Frömmelei und wüsten Mitteilungen aus der Welt der Magie, nicht gerade dazu bei, den Sinn für okkulte Probleme zu fördern, 
      <a id="page364" name="page364" title="akling/gary"/>der latent allenthalben vorhanden war. Später dann, in meiner Vaterstadt Wien, geschah die Wandlung ganz von selbst und Schlag auf Schlag. Gleich Steiner journalistisch (als Kritiker in allererster Reihe) tätig, eine romantische Natur, leidenschaftlicher ausübender Musiker und empfindsam bis zum Weltschmerz, kam ich in Kreise, die, ohne die geringste Mühe, nach und nach mein Interesse für übersinnliche Dinge belebten (das übrigens auch durch Erlebnisse, die andere für unscheinbar und geringfügig halten mochten, wachgerufen wurde); so spann mich, heute darf ich das wohl so nennen, Karma bald in neue Kreise ein; es ist viel Merkwürdiges um die Geschichte einer solchen Wandlung. Ohne daß man es merkt, fliegt Einem Alles zu, was man braucht, um innerlich weiterzukommen. Unsichtbare Helfer tragen Bücher und Schriften herbei, wecken Erinnerungen an Begebenheiten der Kindheit, die plötzlich in anderem Lichte erscheinen, führen den Suchenden mit Menschen zusammen, die eine Rolle in dieser Entwicklung zu spielen berufen sind, und geheime Wünsche, die man in bezug auf diese Dinge hegt, gehen unversehens in Erfüllung; manchmal wird man auch, wie durch unsichtbare Stimmen oder »Zufälle« davon abgehalten, diesen oder jenen Gedankengang zu Ende zu denken, diesen oder jenen Weg einzuschlagen. Wenn unsere neuen Tautologiker, die ihren Stolz darein setzen, »Philosophie« auf mathematische Formeln abzuziehen und jede Metaphysik sorgfältig aus dem Weltbilde zu entfernen, eine Ahnung davon hätten, welche Fülle von Erlebnissen einem Menschen zuströmt, dessen Sinn nicht zu und dessen Herz nicht tot ist, verhielten sie sich weit stiller und bescheidener, im durchbohrenden Gefühle der jämmerlichen Dürftigkeit ihrer Weltanschauung. Unter allen Problemen, die mich in jenen Tagen beschäftigten, spielten die Rosenkreuzer im Zusammenhang mit Rudolf II., dessen Alchimistenhäuschen auf dem Prager Hradschin mich schon zu meiner Prager Studentenzeit intensiv beschäftigten, eine große Rolle. Ich wollte 
      <a id="page365" name="page365" title="akling/gary"/>um jeden Preis Näheres darüber wissen, studierte Buhle und Katsch und war sehr unglücklich darüber, daß die Monographie des braven Gindely wohl sehr Genaues über das politische Getriebe an Rudolfs II. Hofe, aber fast gar nichts über die Persönlichkeit des Kaisers selbst zu sagen wußte. Sehr betrübt ging ich eines Tages in die Wiener Hofbibliothek, um hier etwas über den Gegenstand zu finden, der mich Tag und Nacht beschäftigte. Da trat der Schriftsteller Hayek, ein Okkultist von reinstem Wasser, auf mich zu, sagte mir, obschon er nichts davon wissen konnte (außer Bulwers Roman »Zanoni« hatte ich noch nichts Sachliches über die Rosenkreuzer gelesen), was ich vorhätte. »Sie wollen wohl etwas über die ›Rosenkreuzer‹ wissen? Da kann ich Ihnen helfen!« Meine Verblüffung über dieses merkwürdige Erlebnis war groß, doch wagte ich nicht, Hayek darüber zu befragen und ließ mich gerne belehren: ich sollte zu Dr. Steiner nach Berlin gehen, denn Dr. Steiner wäre der einzige wirkliche Rosenkreuzer unserer Zeit. Wohl hatte ich schon von Doktor Steiner gehört; der junge Walter Johannes Stein aber, damals Studiosus der Philosophie an der Wiener Universität (noch warm vom Lotterbett der Freudschen Psychoanalyse, aber schon in vielen Beziehungen Anthroposoph, übrigens ein ganz außerordentlicher Kopf und hervorragender Redner) sprach in privatem Kreise, in fesselnder Weise über die esoterische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, über die Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaft und andere Probleme. In Berlin angelangt, hörte ich, also vorbereitet, Dr. Steiner, am 26. März des Schicksalsjahres 1914, im Architektenhaus, zum erstenmal in meinem Leben, sprechen; er hielt einen Vortrag über den Homunkulus (bei Goethe und Hamerling), und es drängt mich, einiges über die Wirkungen dieses Erlebnisses zu sagen. Vorausschicken muß ich, daß ich durch okkulte Freunde, die Steiner nicht mochten und mit ihren Beziehungen zu den Martinisten flunkerten, gegen Steiner eingenommen war, den sie 
      <a id="page366" name="page366" title="akling/gary"/>einen »Schmierenhamlet« nannten, und dem ich (daran war wohl Nietzsche, der Antichrist, schuld) nachtrug, daß er durchaus eine Renaissance des Christentums im Sinne habe; einige flüsterten mir obendrein zu, Steiner sei ein Jesuitenzögling, indes andere ganz bestimmt zu wissen vorgaben, Steiner wäre Judenstämmling und Freimaurer obendrein. So wenig mich dieses dumme Gerede alterierte, denn ich war ja in erster Reihe darauf begierig, den Rosenkreuzer Steiner kennenzulernen, so kühl machte es mich; ich erwartete sozusagen, Gewehr bei Fuß, den Augenblick, da ich den vielumstrittenen Mann selbst hören würde und nahm mir vor, das Erlebnis ganz ohne Vorurteil als etwas hinzunehmen, was für meine Entwicklung notwendig schien. Nun, der Saal war überfüllt, eine elegante, aber doch auch aus Menschen verschiedenster Kreise zusammengesetzte Zuhörerschaft war erschienen; ich saß in der zweiten Reihe unmittelbar vor dem Rednerpult und muß gestehen, daß die erwartungsvolle Stimmung, die über dem stattlichen Räume lag, bald auch auf mich überging. Da tauchte nun, plötzlich, und wie mir vorkam, als wäre er aus einer Versenkung emporgestiegen, Doktor Rudolf Steiner hinter dem ragenden Stehpult auf: in seinem schwarzen, langen Rock, die schwarze Schleife unter dem umgelegten, blendendweißen Kragen, mit seinem wundervollen Kopf, in dem zwei große, unvergeßliche Augen über die Köpfe der Leute hinweg in die Ferne zu blicken schienen. Ahnte Steiner schon damals die »schicksalstragende Zeit«, die wenige Wochen später mit dem Peter-und-Pauls-Tag 1914 über die Menschheit hereinbrach? Ich weiß nur, daß dieser Mann in diesem Saal und vor diesen Leuten ein herrliches Erlebnis war, und daß mich dieses Erlebnis in eine ganz merkwürdige Stimmung versetzte. Da geschah nun folgendes: Steiner sah manchmal auf den Neuling in diesem Kreise und schien einige Sätze gleichsam für ihn zu sprechen. Es ist allerdings möglich, daß ich mich darin täuschte, jedenfalls wagte ich bei der nachfolgenden Unterredung nicht, 
      <a id="page367" name="page367" title="akling/gary"/>davon zu reden. Was nun den Vortrag selbst betrifft, so dauerte es einige Zeit, ehe ich mich in Steiners Stimme und seine Art zu sprechen, hineinfand. Dennoch fesselten mich das Thema des Vortrages und die Art, es von höheren Gesichtspunkten aus zu beleuchten, auch schien mir, daß Steiner, indem er sprach (seine Rede war frei und wohlgegliedert), wie aus der Fülle seines Wissens redete und nur einen Ausschnitt daraus geben konnte. Nach dem Vortrage ward ich Steiner vorgestellt und da kam nun ein zweites; interessantes Erlebnis zustande. Steiner sah an mir vorbei wie auf einen Punkt außerhalb meines Blickfeldes und begann mit einemmal, als wüßte er, was ich augenblicklich arbeitete, von den Schwierigkeiten zu sprechen, die mir, der just mit einer neuen Übersetzung des Platonischen »Timaios« und einem Kommentar zu diesem dunklen und erhabenen Werk beschäftigt war, diese Arbeit in der Tat bereitete. Ich verbarg mein Erstaunen darüber nur schlecht, aber die Unterredung, im Verlaufe derer sich Steiner als vollkommen vertraut mit dem Gegenstand zeigte, dauerte länger, als den Anhängern, die danach lechzten, von Steiner ins Gespräch gezogen zu werden, angenehm war. Steiner reichte mir die Hand. Er sprach zu mir noch etlichemal in Wien, einmal über die Presse und ihre Bedeutung für die Geisteswissenschaft, sofern die Journalisten nur die Kraft hätten, sich von Vorurteilen und ihrem Hang zu Flüchtigkeiten freizumachen, die den Betrieb dieses Handwerks oft empfindlich schädigten. Für mich war, persönlich, die Sache Steiner schon nach dem Berliner Vortrage entschieden; ich gelobte mir, ihm im schweren Kampfe, den er zeitlebens mit Unverstand, Niedertracht und nicht selten mit eigenen Anhängern zu führen hatte, beizustehen und stürzte mich mit Feuereifer auf das Studium seiner Schriften und Zyklen. Ohne ihn zu sehen, ohne jemals in Dornach gewesen zu sein, stand ich fortab in fester, unlöslicher und inniger Verbindung mit ihm, und noch heute, da mehr als sechs Jahre nach seinem 
      <a id="page368" name="page368" title="akling/wedi"/>Tode verflossen sind, habe ich das sichere Gefühl, von ihm nicht verlassen zu sein, glücklich darüber, der Sache dienen zu dürfen, der er sein opfervolles Märtyrerleben geweiht hatte.</p><h4>I.
      <br/> Steiners Leben</h4><p>Rudolf Steiner ist als Kind einfacher, kleiner katholischer Leute aus niederösterreichischem Bauernblut (die Wiege seiner Eltern stand im Waldviertel) am 27. Februar 1861 zu Kraljevek an der ungarisch-kroatischen Grenze geboren. Der Vater, Beamter der Südbahn, wechselte häufig den Dienstort, war in Mödling (Brunn am Gebirge), Pottschach und Neudörfl beschäftigt. In Neudörfl ging der kleine Rudolf in die Dorfschule und machte 1872 bis 1879 die Realschule in Wiener-Neustadt. Äußerlich betrachtet, lassen sich fünf Abschnitte seines Lebens unterscheiden: die Jugend- und Schulzeit von 1861 bis zur Absolvierung jener Realschule, 1879; die Wiener Studienzeit (technische Hochschule und Universität) vom Herbst 1879 bis zum Sommer 1890; die Weimarer Periode (Tätigkeit am Goethe- und Schillerarchiv, vom Herbst 1890 bis zum Sommer 1897); die Berliner und Münchener Zeit, vom Sommer 1897 bis zum Sommer 1914, in die, um die Jahrhundertwende, der Anfang der anthroposophischen Bewegung fällt, und endlich die letzte Lebensperiode in Stuttgart und Dornach vom Herbst 1914 bis zum Tode, am 30. März 1925; sie umfaßt den Bau des Goetheanums, das, ein Holzbau, durch Feuer zerstört wurde, die Begründung der allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft (zu Weihnachten 1923) und die Inangriffnahme des neuen, aus Beton gestalteten Goetheanums, das heute auf dem Hügel als ein Tempel neuer Gralssuche dasteht. Die Zeit von 1861 bis zum Theosophischen Kongreß, der, 1907, in München stattfand, hat Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie »Mein Lebensgang« 
      <a id="page369" name="page369" title="akling/gary"/>geschildert, schlicht, bescheiden, Wahrhaftig und durchsichtig bis auf den Grund, in einem Buch, das unter allen Selbstbiographien eine ganz eigenartige Stellung einnimmt und sich in seiner Weise als ein hochwertiges Dokument der Zeit des Überganges vom 19. ins 20. Jahrhundert erweist. Mit großer, herzlicher Wärme, ganz besonders dort, wo es Persönlichkeiten und Verhältnisse behandelt, zu denen Rudolf Steiner vom Anfang an oder später in Gegensatz geriet, gibt dieses merkwürdige Buch, dessen seltsame, durchaus unliterarische Schönheit ich immer wieder aufs neue empfinde, ein Tableau von Menschen, Dingen und Meinungen, bunt, bewegt, farbig, fein und objektiv in den Hintergrund jener Zeit gezeichnet, wie es nur ein wahrhaft großer, sich selbst treuer Mensch in gleicher Klarheit zu entwerfen vermag. Die Welt, wie sie ihn formte und wie er sie später gestaltete, bestand aus scheinbar einfachen und doch vom Innersten her aufgewühlten Gefühls- und Denkelementen, die Steiner mit klarem Blick erfaßte und denen er das Material zu seiner auf eigener Schauung beruhenden Welt- und Lebenserkenntnis, sorgfältig ausgewählt, entnahm, ein Kämpfer und Versteher seiner Epoche, und diese mit ungeheurem Wissen, das ohne Beispiel dasteht, umspannend. Rudolf Steiner beginnt 1882/83 seine Tätigkeit als Schriftsteller und Literat in Zeitungen; um 83 nimmt er die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes in Angriff, ein monumentales Werk, das ihn durch viele Jahre (der 8. und 9. Band erschien 1892) beschäftigte und als grundlegendes und beispielgebendes Werk jedem, der ein vollkommenes und lückenloses Gesamtbild Goethescher Geistes- und Denkungsart gewinnen will, unentbehrlich geworden ist. Schon hier muß man wohl ein orientierendes Wort über Steiners Verhältnis zu Goethe anbringen, über jene ideale Verbundenheit und Wesensverwandtschaft, die gleichsam den Grundton zu Steiners Anfängen legte und die in unzähligen Schriften, Aufsätzen und eingestreuten Bemerkungen 
      <a id="page370" name="page370" title="akling/gary"/>immer wiederkehrt, Goethes wissenschaftliches und denkerisches Porträt immer wieder um liebevoll und doch kritisch geschaute Details ergänzend. Noch heute zieht die exakte Wissenschaft ihr Amtsgesicht in hämische Falten, wenn vom »Wissenschafter« und Philosophen Goethe die Rede ist. Unfähig, die ganze Fülle und Fruchtbarkeit Goetheschen Denkens und Forschens auf sich wirken zu lassen, betrachten Fachleute der Naturwissenschaft und Kathederphilosophen Goethe gerne gleichsam als enfant terrible oder als einen Fachfremden von Distinktion, dessen wissenschaftliches Streben mehr den Charakter einer Liebhaberei mit liebenswürdig dilettantischen Zügen als den eines ernst zu nehmenden, selbständigen und wahrhaft schöpferischen Forschers zu tragen schien, der Goethe in Wahrheit gewesen ist. Mit diesem dünkelhaften Unverständnis für Goethes Geistesart räumte der junge Steiner (er war kaum über zwanzig Jahre alt, als er an diese Arbeit ging) gründlich auf. Schon Steiners Arbeit an den fünf Bänden der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes hätte an sich die Aufmerksamkeit aller Gelehrten in hohem Maße erregen müssen; offenbarte sie doch einen so umfassenden, kritischen, ordnenden, weitblickenden und alle Tatsachen umfassenden Geist, daß man kaum begreift, wie ein so junger Mensch imstande war, ein Wissen von solchem Umfang und solcher Tiefe des Blickes in so kurzer Zeit anzusammeln und schöpferisch zu verarbeiten. Dieses Moment zu betonen, ist schon deshalb so wichtig und unerläßlich, als in herabsetzenden und einfältigen Darstellungen über den modernen Okkultismus, die im Umlauf sind, Steiner immer wieder als unwissenschaftlicher Kopf und nebuloser Mystiker geschildert wird, dem »unkritische Naturen« leider in ausreichendem Maße »hineingefallen« sind, weil sie seine »phantastischen« Darstellungen der übersinnlichen Welten urteils- und widerspruchslos als gegeben hinnähmen. Ein Blick auf diese fünf Bände Goethe, die Steiner mit ausführlichen Einleitungen und gründlichen Anmerkungen versah, sollte diese 
      <a id="page371" name="page371" title="akling/gary"/>ebenso sonderbaren als dreisten Stimmen bald verstummen machen.</p><h4>II.
      <br/> Die Gegensätze Goethe : Kant</h4><p>Zweierlei offenbarte sich, für ein Auge, wie es Rudolf Steiner eigen war, im Genie Goethes: des Dichters besondere Art, die Dinge zu sehen, die Natur auf sich wirken zu lassen und Wissenschaft über die Rätsel der Natur nur aus dieser selbst zu holen und, zum andernmal, Goethes Kenntnis der übersinnlichen Welten, geoffenbart, im Gedichtfragment »Die Geheimnisse«, im »Märchen«, das die »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« krönt, und im »Faust«, der, obwohl ein Dichtwerk der freien Phantasie, in vielen Teilen, unbewußt, aus den höheren Welten empfangen ist; als ein viertes Symptom für Goethes Okkultismus ist wohl die Arbeit des alten Goethe im Gartenhäuschen anzusehen, die er vor neugierigen Blicken wohl zu verbergen wußte, die er aber im Tagebuch mit seltsamen Ausdrücken bezeichnete; über diesen Punkt hat Steiner, soweit bis jetzt bekannt ist, allerdings nicht gesprochen. Was nun die zuerst genannte Seite im Verhältnis Steiners zu Goethe anlangt, so ist sie mit eine der Grundlagen dafür geworden, was man Steiners erkenntnistheoretische Grundlegung der Geisteswissenschaft nennen kann. Von 1883 an, da er an den naturwissenschaftlichen Schriften Goethes zu arbeiten beginnt, bis 1902, da seine Schrift »Goethes Faust als Bild seiner esoterischen Weltanschauung« erscheint, hat Rudolf Steiner, durch die Beschäftigung mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis Goethes reich befruchtet, gleichsam das Gebäude seiner erkenntniskritischen Voraussetzungen für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ausgebaut, die, allerdings, weit über Goethe hinausgeht, indem sie die bei Goethe bloß keimhaft vorhandenen Anschauungen bewußt zu übersinnlicher Anschauung und Erkenntnis 
      <a id="page372" name="page372" title="akling/Ijona"/>entwickelt. Steiner stellt zunächst die Grundlinien einer Erkenntnistheorie in Goethes Weltanschauung (mit besonderer Rücksicht auf Schiller) fest, und gelangt, nach einem Ausflug in »Goethes Ästhetik«, 1889, zwei Jahre später, auf dem Boden seiner Rostocker Dissertation zur »Grundfrage der Erkenntnistheorie«, das ist zur »Verständigung des philosophierenden Bewußtseins mit sich selbst«; von hier, 1892, über »Wahrheit und Wissenschaft«, eine Schrift, die auf jener Dissertation ruht, zur grundlegenden Auseinandersetzung über eine »moderne Weltanschauung«, betitelt »Philosophie der Freiheit, 1894, der »Goethes Weltanschauung« (1897) und die »Welt- und Lebensanschauungen im XIX. Jahrhundert« (1899) folgen. Es ist ein erlesenes Vergnügen, Steiners Entwicklungsgang bis zu diesem Punkte zu verfolgen, da seine ersten hellseherischen Anfänge einsetzen, durch die Beschäftigung mit den philosophischen Problemen jener Zeit (an Goethe orientiert) wohl gestützt und vor dem Verfall in nebelhafte Mystik weise bewahrt. Ein junger Siegfried bahnt sich hier, mit dem selbstgeschmiedeten dialektischen Schwert, einem Vermächtnis Goethes, in der Hand, durch die Lohe der damaligen Naturwissenschaft zum Felsen, darauf die reine Erkenntnis übersinnlicher Welten, in tiefem Schlafe ruhte, der Erweckung harrend. Steiner selbst schildert diesen Entwicklungsgang in überaus anziehender Weise, seine Selbstbiographie wird hier zur spannenden Lektüre: sie erzählt die Geschichte eines erleuchteten Menschen, der sich in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohlbewußt ist. Ich kann die Ergebnisse dieses Prozesses hier nur in ganz kurzen Zügen andeuten, schon weil der Prozeß selbst wohl geeignet ist, die boshafte Legende zu zerstören, als hätte Steiner hinterdrein versucht, seine Philosophie der »Freiheit« auf Anthroposophie umzufrisieren und den »Übergang zur Theosophie« durch philosophische und erkenntnistheoretische Auseinandersetzungen zu bemänteln. Alle diese Einwände, erhoben von Leuten, die muntererweise 
      <a id="page373" name="page373" title="akling/gary"/>gar nichts daran fanden, daß die Hüter des Goethehortes von heute auf den blasphemischen, Goethes Weltanschauung geradezu parodierenden Einfall kamen, Sigmund Freud, trotz seines absoluten Gegensatzes zu Goethe und damit, rundweg herausgesagt, Goethes Widerspiel, durch den Goethepreis zu ehren, alle diese Einwände fallen sofort in Nichts zusammen, wenn man, von Steiners Selbstbiographie geführt, die geistige Wanderung Steiners zur übersinnlichen Erkenntnis in der Erinnerung neu belebt. Wer, wie Steiner, der den tieferen Blick für Goethes Wesen vom Anfang an besaß, von Goethes Geistesart ausgeht, zweigt schon, in dieser rein äußerlichen Stellungnahme, bewußt von Kant ab. Kants Natur war völlig ungeeignet, die Natur anders zu erleben denn in ihrer Auflösung im menschlichen Geiste. Unterscheidet Kant Natur und Geist, so wird Natur bei Goethe selbst Geist. Darum durfte Goethe ganz aufrichtig sagen, daß Kants »Kritik der reinen Vernunft« gänzlich außerhalb seines Kreises blieb; das Ichselbst und die Außenwelt streng voneinander zu sondern, war Goethe nicht gegeben; er fand, wie er selbst äußert, den Grundirrtum Kants darin, daß Kant das »subjektive Erkenntnisvermögen selbst als Objekt« setzte. Nicht der Mensch spricht für ihn über die Natur, sondern die Natur im Menschen und durch den Menschen. Mit dieser Überzeugung wußte sich Goethe zugleich im Gegensatz zu Schiller, auf den Kant weit stärker einwirkte. Wie dem auch sei, das Geheimnis der tiefen Verbundenheit Steiners mit Goethes Geistesart, im »Goetheanum« zu Dornach für immer, auch nach außen, geoffenbart, ruht auf dem Grunde dessen, was Steiner als neues Wissen um die Welt und den Menschen der Erde gab.</p><h4>III.
      <br/> Kant, Hartmann, Nietzsche in Steiners Entwicklung</h4><p>In »Wahrheit und Wissenschaft« gibt Steiner eine klare Auseinandersetzung mit Kant. Steiner ging es in diesem »Vorspiel 
      <a id="page374" name="page374" title="akling/gary"/>einer Philosophie der Freiheit« darum, die Natur des Wissens selbst festzustellen und das wichtigste Problem alles menschlichen Denkens darin zu erblicken, daß es den Menschen als auf sich selbst gegründete, freie Persönlichkeit begreife. Der junge Hauslehrer und Erzieher Rudolf Steiner verbrachte, in den Achtzigerjahren, die Spätabende am Attersee damit, an Hartmanns Schriften, die damals in hohem Ansehen standen, »immer größere Sicherheit« für die eigenen erkenntnistheoretischen Gesichtspunkte zu gewinnen. Für Goethes Art der Erkenntnis gab es keine »Erkenntnistheorie« im Sinne der damaligen Zeit. Waren »Wahrheit und Wissenschaft« schon Eduard v. Hartmann in Verehrung gewidmet, so ging das erste Exemplar der »Philosophie der Freiheit«, noch warm vom Druck, an den Philosophen, der, wie sich bald darauf zeigte, die Quellen und Ziele Steinerschen Denkens vollkommen mißverstand, was in Steiners Lebensbeschreibung mit der Steiner eigentümlichen Gründlichkeit und Objektivität geschildert wird. Steiner sah in diesem berühmten Buche, das die zünftige Kathederphilosophie mit Geringschätzung beiseite schob, die Möglichkeit eines vollkommenen Zusammenseins von Seele und Geistwelt. Der alte Irrtum, die erkennende Seele müsse sich, um zu erkennen, von dem zu Erkennenden streng sondern, verschwand hier und löste sich in Nichts auf. An diesem Punkte läßt sich übrigens eine wichtige Seite Steinerschen Denkens mit Gewinn betrachten. Die größte Schwierigkeit für jene, die nicht fassen konnten, daß es ein leibfreies Bewußtsein gebe, lag darin, einzusehen, wie ein solches leibfreies Bewußtsein dann wieder in den Körperbereich »zurückfinde«, um seine in der übersinnlichen Welt erworbene Erkenntnis auf die Welt der gewöhnlichen materiellen Erkenntnisart zu übertragen und in dieser Welt zu verwerten. In diesem Sinne gibt es auch bei Steiner, wie in Kants »Kritik der reinen Vernunft« (bei Steiner allerdings nur scheinbar) ein besonders schwieriges und dunkles Kapitel: dort den »Schematismus der 
      <a id="page375" name="page375" title="akling/gary"/>reinen Verstandesbegriffe«, hier den Schematismus der »unbewußt« und den objektiven Geist untersuchenden erkennenden Seele, die das »vollkommen Wesenhafte« bei voller »Selbstbesinnung« wieder ins Bewußtsein hereinbringt. In der Geistwelt kann die erkennende Seele auch zu den Ideen vordringen und die Welt der sittlichen Impulse erleben. Ein für allemal war in der »Philosophie der Freiheit« gezeigt, daß die Welt unserer Sinne in Wirklichkeit von geistiger Beschaffenheit ist, daß also der Mensch, als seelisches Wesen, durch wahre Erkenntnis der Sinneswelt im Geistigen lebe und webe. Lag hier das eine Ziel der »Philosophie der Freiheit«, so sah Steiner eine zweite Bestimmung seines Buches in der durch die Kraft der moralischen Phantasie erlebten moralischen Welt, die den Menschen in Freiheit an sich herankommen läßt. Hartmann war außerstande, diese Impulse zu verstehen; er sah in Steiners Buch nichts als eine willkürliche Kuppelung des »erkenntnistheoretischen Phänomenalismus« mit dem »ethischen Individualismus«. Die Gestalt, die Steiner seinen Ideen gab, war, nach den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens, durch seine damalige Seelenverfassung gegeben. Die »Philosophie der Freiheit« birgt gleichsam die Grundzeichnung der späteren Anthroposophie; die Natur offenbart sich, durch Steiners Erlebnis der geistigen Welt, in unmittelbarer Anschauung als Geist, und eine zeitgemäße Naturwissenschaft sollte aus diesem Erlebnis aufblühen. Der »weitere Weg« von dieser »Philosophie der Freiheit« zu der »Ideengestaltung« für die geistige Welt selbst, war damit skizziert und ward von Steiner mit strenger Konsequenz eingeschlagen. Daß der Ausdruck »Anthroposophie« für die zeitgemäße Erkenntnis nicht schon damals gebraucht wurde, kam daher, daß Steiners Denken und Schauen, immer nach Anschauungen drängend, den Wunsch einer bestimmten Namengebung noch nicht empfand. Mit dem Ringen nach einer Ideengestaltung für die geistige Welt sind die zehn Lebensjahre Steiners, von 1891 bis 1901, erfüllt. 
      <a id="page376" name="page376" title="akling/gary"/>In diese Zeit fiel auch die nach der Lage der Dinge unvermeidliche Berührung mit Friedrich Nietzsche, mit diesem »Kritiker der Zeit, den seine eigene Kritik krank machte«; daß Nietzsche diese Krankheit erleben mußte, um seinen Traum von Gesundheit und Lebensbejahung zu träumen, hat Steiner als Erster ausgesprochen; 1895 erschien als Frucht dieser Berührung »Nietzsche als Kämpfer gegen seine Zeit«; schon früher hatte Steiner die Bekanntschaft mit Elisabeth Förster-Nietzsche gemacht, die nach Weimar gekommen war, um, nach dem Muster des Goethe- und Schillerarchivs, die Anlage eines Nietzschearchivs zu entwerfen. Über dieser Begegnung stand allerdings kein günstiger Stern; es kam später zu schweren Konflikten zwischen Steiner und der Schwester Nietzsches. Steiner, die ganze Bitterkeit jener unseligen Tage empfindend, blieb der genialen, aber sehr streitsüchtigen Frau doch dankbar für ein besonderes Erlebnis: für einen Besuch beim Umnachteten, den Steiner mit edelster Ergriffenheit schildert. Am Ende seiner Weimarer Zeit stand Steiner in seinem 36. Lebensjahre; in diese Zeit fällt auch die Entscheidung über sein weiteres Leben, Wirken und Denken. Bis zum Jahre 1897 gab es einen Hofmeister, einen Journalisten und Kritiker, einen Gelehrten Steiner, der, trotz seiner Jugend, zu ernster und schwieriger Arbeit an Goethes Schriften berufen, an den Dingen und Umständen seines Lebens innerlich wuchs. Kein Mensch ahnte im Rudolf Steiner jener Zeit den künftigen Welten- und Menschheitslehrer Rudolf Steiner, nur Eingeweihte hätten es an Symptomen besonderer Art feststellen können; wußten sie doch oder hätten wissen müssen, daß gegen das Ende der Siebzigerjahre ein Wechsel in den Impulsen eintrat und das Wort Mensch neuen Klang bekam. Steiners literarisches Wirken setzt mathematisch fast genau mit dem Beginn der Achtzigerjahre ein. Wir werden später sehen, daß diese Impulse, in Rudolf Steiner besonders wirksam, Michaelimpulse sind, eine Vorstellung, die richtige Exaktler zur Verzweiflung bringen mag, 
      <a id="page377" name="page377" title="akling/gary"/>obschon gerade diese ihre Verzweiflung mit zum Bilde gehört und darin eingeschlossen liegt. Das Lebenswerk Rudolf Steiners zeigt erstaunliche Einheitlichkeit, und die Gliederungen, die darin zutage treten, sind durchaus im menschlichen Seelenleben begründet; sie weisen nicht etwa einen logischen Fortschritt, wohl aber die Gesetzlichkeit einer »verwirklichenden Entwicklung« auf. Der erste Abschnitt in Steiners Schaffen, repräsentiert durch die Schriften der Achtziger- und der ersten Neunziger Jahre, betonen mehr den Gedanken, die Schriften aus der Zeit der Jahrhundertwende mehr das Gefühl und die eigentlichen anthroposophischen Schriften der letzten Jahre mehr den Willen, der zur Tat geworden. Immer aber erscheinen Aspekte, die in den beiden früheren Abschnitten gleichsam als Verheißungen auftreten, später, als Taten, aus dem Willensimpulse erfüllt. Um so interessanter ist es, wenn man Steiners Anthroposophie erfaßt und in immer wieder erneuter Arbeit sozusagen dem eigenen Wesen einverleibt hat, zu den Schriften einer früheren Epoche zurückzukehren. Sie erscheinen dann dem prüfenden Auge in neuem und glänzendem Licht, ein Erlebnis, das ich besonders mit Steiners »Philosophie der Freiheit« hatte; sie ist unendlich mehr als ein philosophisches Buch: ein Dokument von überragender Kraft, die allerdings den Philosophiebeamten von gestern und heute nur schwer bewußt wird; enthält sie doch neben der Erledigung des Kantschen Denkens schon die Christuslehre Rudolf Steiners! Von diesem Gesichtspunkte aus wird man wohl auch verstehen, wenn Steiner in seiner Selbstbiographie (XXII) von sich selbst sagt, sein gesamtes Beobachtungsvermögen habe sich nach der Richtung der Genauigkeit und Eindringlichkeit, im 36. Lebensjahre umgestaltet: das Gefühl gab seinem Denken neuen Antrieb. Einzelheiten wurden ihm wichtig, die Sinneswelt begann, ihm zu enthüllen, was nur sie zu enthüllen vermag. 
      <a id="page378" name="page378" title="akling/gary"/></p><h4>IV.
      <br/> Der Philosoph auf dem Wege zu Christus</h4><p>Sechsunddreißig Jahre alt und die Weimarer Zeit hinter sich, entdeckte Steiner, daß die Wesen und Vorgänge der physischen Welt ganz anders zu ihm sprachen als bisher; »Ich hatte das Gefühl«, so schreibt er in seiner schlichten Art, aller schriftstellerischen Koketterie fern und einzig darauf bedacht, sich selbst und seiner Zeit wahrheitsgetreuen Bericht über seinen Entwicklungsgang zu geben, »die Sinneswelt habe etwas zu enthüllen, was nur sie enthüllen kann«. Der Mensch als Rätsel ist des Rätsels Lösung in einem. Es ist ungeheuer spannend zu verfolgen, wie Rudolf Steiner hier dem Hange ausweicht, Mystiker zu werden, das heißt: ein Mensch, der den Zusammenhang mit der Welt nach und nach verliert. Dinge, wie sie Steiner um diese Zeit erlebt, zeigen sich zunächst bloß im Gefühl; eine gewisse Bequemlichkeit und wohl auch offene Gegnerschaft gegen das Getriebe der Welt mögen den Wunsch mystischer Naturen, nicht dabei zu bleiben, sondern gänzlich im Meere der Mystik unterzutauchen und der Welt bei der ersten besten Gelegenheit zu entwischen, heimlich nähren, wofür es in der Geschichte der Mystik wahrhaftig der Beispiele genug gibt. »In das Licht gerückt«, darin »sich die Ideen offenbaren«, hebt Steiner das mystische »Erfühlen« mit einem Ruck ans Licht des Tages und schöpft daraus immer klarere Erkenntnis. Dreieinhalb Jahre nach »Goethes Weltanschauung« und der Einleitung zum letzten Bande der Kürschnerschen Goetheausgabe, mit einem Überblick über die »Welt- und Lebensanschauungen im XIX. Jahrhundert« beschäftigt, hatte Steiner wieder ein großes Stück des Weges im Eilschritt durchlebt. Das Abenteuer der Mystik war überwunden, die Meditation in ihrer Bedeutung für die Erkenntnis nach allen Seiten klargestellt; es zeigt sich ihm nun eine neue Landschaft der Einsicht, in Stufen geteilt, die 
      <a id="page379" name="page379" title="akling/Ijona"/>später ganz genau, auch begrifflich klar und unzweideutig, geschildert werden: als Aufstiege von der materiellen Erkenntnisart (mit Gegenstand, Bild und Begriff, ohne Gegenstand), zur Inspiration (Begriff, ohne Bild und Gegenstand) und zur Intuition (das Ich allein, alles umfassend und in allem enthalten). Was Steiner in seinem minutiösen Bericht als Erlebnis hier wiedergibt, ist nichts anderes, als eine Entdeckungsreise in das innere Wesen des Menschen, zum Bewußtsein des »inneren, geistigen Menschen«, der, losgelöst vom physischen Organismus, lebt, wahrnimmt und sich bewegt! Wer angesichts solcher Begebenheiten noch den Mut aufbringt, einzuwenden, Steiner habe sich in »Autosuggestion« geübt, weiß ebensowenig von der geistigseelischen Art eines Menschen wie Steiner, noch überhaupt, was Autosuggestion ist. Die gespenstige Formel des »Dings an sich«, war mit einemmal spielend überwunden. In diese Zeit mächtiger Wandlungen fällt nun Steiners Berufung an das »Magazin für Literatur des Auslandes«, einer alten, im Todesjahre Goethes (1832) gegründeten Wochenschrift; im Juli 1897 übernimmt er, zusammen mit Otto Erich Hartleben, die Redaktion dieser Zeitschrift. Er unterwirft sich diesem Abschnitt seines Karmas mit einer Geduld und Größe, die nur Eingeweihten gegeben sind. Die Menschen um das »Magazin« und die »Freie literarische Gesellschaft« waren ganz deutlich in Steiners »Schicksal verwoben«; er allein wußte, warum gerade er auf diesem Platze stand, die anderen ahnten es kaum. Im November 1901 erscheint Steiners letzte Arbeit für das »Magazin«, »Tolstoj und Nietzsche«, als Autoreferat eines Vortrages, den Steiner am 22. Oktober dieses Jahres in der »Freien Literarischen Gesellschaft« hielt. Sein Abschied von der Redaktion des »Magazins« war schon am 29. September 1900 erfolgt, und 1901 erscheint Steiners erstes okkultes Werk: »Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zu den modernen Weltanschauungen« und in einer Leipziger 
      <a id="page380" name="page380" title="akling/gary"/>Zeitschrift für Theosophie, Dezember: 1901 Steiners erster »theosophischer« Aufsatz. In einer überaus anziehenden und liebevollen Weise hat Dr. H. E. Lauer in zwei Nummern der »österreichischen Blätter für freies Geistesleben« (1927) Steiners Wirken am »Magazin« geschildert. »Ein Sänger ohne Publikum« ist Rudolf Steiner in den Augen der naturwissenschaftlichen Kreise immer geblieben. In diesem Bereich, für den Mut konsequenten Denkens, vor allem für den Mut zum »Zu-Ende-Denken«, war kein Echo aufzutreiben. Ein anderes Echo aber meldete sich gleichsam von selbst; der Lindwurm (durch Steiners Siegfriedshorn aus dem Schlafe geweckt), der die Höhle der okkulten Geheimnisse vor der andringenden Geisteswissenschaft bewachte: die Theosophie! Von der »Mystik im Aufgang« und dem »Christentum als mystischer Tatsache«, diesen beiden Grundsäulen am Eingange der Anthroposophie, soll gleich im weiteren die Rede sein; um ihres eigenartigen Reizes willen mag aber vorher noch Steiners Erlebnis mit dem Giordano-Bruno-Bund gestreift werden. In einem Vortrag über »Monismus« bekannte Rudolf Steiner ganz offenherzig, die schroffe Scheidung von Stoff und Geist sei im Grunde nur eine Erfindung der neuesten Zeit; diesem Dualismus stand, ganz richtig und unzweideutig, der Monismus der Scholastik gegenüber, womit die Scholastik im Grunde höher gestellt war als Kant und seine Lehre. Das bloße Wort »Scholastik«, noch heute ein rotes Tuch für jede Sorte der »Feld-, Wald- und Wiesenfreidenkerschaft«, brachte Steiner natürlich sofort in schroffen Gegensatz zu der Brunogesellschaft, die »Verrat« witterte und den Verdacht im Busen hegte, Steiner wolle den Bund an den Katholizismus ausliefern; so erschien Steiner den Freidenkern bald als Jesuit, indes es eine Menge von Leuten gab, die ihn senkrecht für einen Materialisten erklärten. Die Aufforderung an Rudolf Steiner, im engeren Kreise vor Angehörigen der Theosophischen Gesellschaft zu sprechen, fällt in das Jahr 1900. Als 
      <a id="page381" name="page381" title="akling/gary"/>Frucht dieser Berührung sind eben jene beiden Schriften: »Mystik im Aufgang« und Christentum als »mystische Tatsache« anzusehen.</p><h4>V.
      <br/> Die Leidensstation: Theosophie</h4><p>Es ist durchaus nötig, hier einem Generaleinwand gegen Steiner, als habe er die »Theosophie« und die »Theosophische Gesellschaft« einfach als »Sprungbrett« benützt, mit einigen entscheidenden Sätzen zu begegnen. »Ich nahm«, sagt Steiner bei Erörterung der Frage, wie weit das Verbot der Geheimhaltung für esoterisches Wissen bestehe, »von alter Weisheit nichts an; was ich an Geisterkenntnis habe, ist durchaus Ergebnis meiner eigenen Forschung; nur, wenn sich mir eine Erkenntnis ergeben hat, da ziehe ich dasjenige heran, was von irgend einer Seite an ›altem Wissen‹ schon veröffentlicht ist, um die Übereinstimmung und zugleich den Fortschritt zu zeigen, der der gegenwärtigen Forschung möglich ist.« Schon seit den Achtziger jähren beschäftigten Steiner Imaginationen, die mit Goethes »Märchen« zusammenhingen und die er 1899 unter dem Titel »Goethes geheime Offenbarung« im Druck erscheinen ließ. Um die Jahrhundertwende kam dann die Aufforderung durch das gräfliche Paar Brockdorff, das Steiner bat, im Rahmen allwöchentlicher Veranstaltungen zu sprechen. Steiner sprach zunächst über Nietzsche, trat aber erst in einem zweiten Vortrag über das eben angegebene Thema (Goethes geheime Offenbarung) offen mit esoterischen Erkenntnissen vor seine Zuhörer, also mit einem Thema, das dem Kreise der damaligen Theosophie vollkommen fernstand. Das Ehepaar Brockdorff spielte eine führende Rolle in der von der Blavatsky gegründeten theosophischen Gesellschaft; von Brockdorffs aufgefordert, auch vor rein theosophischen Zuhörern zu sprechen, bemerkte Steiner sofort und prinzipiell, daß er nur darüber, was in ihm selbst als Geisteswissenschaft 
      <a id="page382" name="page382" title="akling/gary"/>lebe, sprechen wolle und könne. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit zu Beginn der Jahrhundertwende spürte Steiner den Gegensatz seiner schon damals Anthroposophie genannten Geisteswissenschaft zu dem, was damals durch die theosophische Gesellschaft verbreitet wurde, und eine Reihe von Vorträgen aus jener Zeit markiert Steiners Weg ganz deutlich; er sprach über »Mystik im Aufgange«, »Von Buddha zu Christus«, über das »Wesen der Mysterien«, über Goethes »Faust« vom esoterischen Gesichtspunkt aus und schließlich über das »Christentum als mystische Tatsache«, lauter Themen, die unter Theosophen und für theosophische Ohren keineswegs theosophisch im indischen Sinne klangen. Nirgends im Rahmen der theosophischen Gesellschaft hätte man über solche Dinge in dieser Art sprechen können, ohne Befremden zu erregen und offenen Widerstand hervorzurufen. Zu dem, was man bei einigem Wohlwollen für die Theosophen von damals theosophische Dogmatik hätte nennen können, stand Steiner schon damals in Widerspruch, noch ehe die deutsche Sektion der Gesellschaft mit Steiner als deutschem Generalsekretär begründet wurde, sogar in schroffem Gegensatz (Londoner Kongreß, 1902). Das einzige, was die Theosophie diesem Manne zu bieten vermochte, bestand in einem ständigen Hörerkreis, der auf geistgemäße Vorträge eingestellt war und für solche Interesse zeigte. In seiner »Mystik im Aufgange« stellte sich Steiner die Frage der Zusammenhänge zwischen den Anfängen des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Denkens (in der Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert) mit jener besonderen Gestalt der Mystik, wie sie durch Meister Eckhart, Nicolaus von Cuës, Agrippa von Nettesheim und Theophrastus Parazelsus, durch Valentin Weigel und Jakob Böhme, durch Giordano Bruno und Angelus Silesius vertreten wird. Was die führenden Mystiker jener Zeit zu sagen hatten, steht in einem starken Gegensatz zu den Erkenntniskräften, wie sie im 13. und 14. Jahrhundert in der europäischen Menschheit auftraten. Wer ein unbefangenes Auge 
      <a id="page383" name="page383" title="akling/gary"/>für diese Problemstellung hat, der kann sich gewiß auch zusammenreimen, wie sich Steiners enges Verhältnis zur Ideenwelt Ernst Haeckels gleichzeitig mit der Ideenwelt der deutschen Mystiker vertrug. Zweieinhalb Jahrhunderte waren verflossen, seit Angelus Silesius im »Cherubinischen Wandersmann« die Weisheit seiner Vorgänger sammelte; da standen nun Goethes Geistesart und naturwissenschaftliche Denkweise auf der einen, die moderne Naturwissenschaft mit Lamarck, Darwin und Haeckel auf der anderen Seite. Dennoch ließ sich, durch geistgemäßes Denken, eine unterirdische Verbindung herstellen, die Steiner mit seinem genialen Blick erkannte und schon verarbeitet hatte, während seine Gegner noch bei den scheinbaren Widersprüchen in Steiners Seele verweilten. In den bedeutsamen Jahren der Jahrhundertwende 1902 vor allem, das als Beginn der deutschen Sektion und als Anfangsjahr für die gemeinsame Tätigkeit Rudolf Steiners und Marie von Sievers anzusehen ist, kann man den geistigen Grundriß des Riesengebäudes der Anthroposophie schon deutlich ersehen, gekennzeichnet durch die Erkenntnis des Christentums als einer »mystischen Tatsache« und niedergelegt in Vorträgen, die heute erst zugänglich geworden sind und die ein spannendes Bild der inneren Situation des großen Anthroposophen und Menschheitslehrers geben. Die theosophische Gesellschaft war eine auf dem Spiritismus und auf Inspiration durch »Meister« ruhende, stark dogmatische Sekte mit dilettantischen Zügen geworden. Daß diese Bestrebungen schon in der Anlage verfehlt waren und daß Rudolf Steiner nichts mit ihnen zu tun haben konnte, versteht sich von selbst. Schon 1906 zeigten sich offenkundige Anzeichen des Verfalls, die dann ihren Gipfel in der Gründung eines besonderen Ordens fanden, der »Stern des Ostens« genannt wurde und der zu dem Zwecke gegründet war, um den Hinduknaben Krishamurti dem christlichen Wesen als neuen Erlöser und Menschheitslehrer aufzuzwingen. Innerlich war der Bruch schon 1906 vorhanden; wohl versuchte Steiner 
      <a id="page384" name="page384" title="akling/gary"/>anfangs, was er als Anthroposoph zu sagen hatte, im Rahmen der theosophischen Gesellschaft zu geben, aber seine Anthroposophie löste sich als heller, reiner und idealer Kern schon 1913 von der faulenden theosophischen Schale los.</p><h4>VI.
      <br/> Christentum und Theosophie</h4><p>Der okkulte Entwicklungsgang Steiners geht nun vollbewußt, herbeigeführt durch eine Überfülle esoterischer Erkenntnis, die sich seinem schauenden Blicke ergab, ihren Weg, dessen Hauptlinie durch seine drei großen, grundlegenden Bücher »Theosophie«, »Geheimwissenschaft im Umriß« und »Wie erlangt man ...« als durch drei gewaltige Merksteine für immer bezeichnet wird. Sie fallen in die Jahre 1904 (Theosophie), 1909 (Wie erlangt man ...) und 1910 (Geheimwissenschaft im Umriß). 1903 begründet Steiner das Erscheinen einer Zeitschrift für Seelenleben und Geisteskultur, Theosophie, genannt »Lucifer« (560 in der Zahl der Steinerschen Publikationen); hier sammelt er zunächst gleichsam das Material zu den übersinnlichen Mitteilungen, die in seinen Büchern und Vorträgen zusammengefaßt sind, von Arbeiten über Dr. Faust, J. G. Fichte, Meister Eckhardt und Angelus Silesius bis zur Theosophie, als »Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung« und zur Erneuerung des »Luzifer« in Gestalt einer »Lucifer-Gnosis«, die 1908 mit Arbeiten »über die Stufen der höheren Erkenntnis« (Inspiration und Intuition) und »zur Akashachronik« aufhört. 1909 nimmt der philosophisch-theosophische Verlag (Berlin) Steiners weitere Publikationen auf. Die erste Auflage der »Theosophie«, die bis zum heutigen Tage nicht weniger als zwanzig Auflagen erlebte, 1904 in Berlin erschienen, ist noch »dem Geiste Giordano Brunos gewidmet«, ein Vermerk, der schon in der zweiten Auflage verschwand, offenbar, weil das 
      <a id="page385" name="page385" title="akling/gary"/>Treiben der Freidenker den Begriff Giordano Bruno mit Bestrebungen verband, die Steiner weder fördern wollte, noch aus inneren Gründen konnte. Vergleicht man Steiners »Theosophie«, die eigentlich schon eine Art Einleitung in seine Anthroposophie ist, mit Publikationen der theosophischen Gesellschaft, so springt der tiefgehende Unterschied zwischen Steiner und den Theosophen, die Steiner »als Sprungbrett« benützte, sofort ins Auge; seine Schrift läßt keinen Augenblick Zweifel darüber, daß sie vom Autor des »Christentums als mystische Tatsache« stammt. Nach einer Einleitung, in der Steiner, von J. G. Fichte ausgehend, feststellt, daß man nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch sein kann, ohne der durch das Wissen vom Übersinnlichen enthüllten Wesenheit und Bestimmung des Menschen in irgend einer Art nahegetreten zu sein, daß das Höchste, zu dem der Mensch aufzublicken vermöge, das »Göttliche« genannt wird, daß man übersinnliches Wissen in gewissem Sinne auch »Theosophie« nennen dürfe, während der Betrachtung geistiger Vorgänge im Menschenleben und im Weltall die Bezeichnung »Geisteswissenschaft« gebührt, und daß er endlich in seinem. Buche nichts dargestellt habe, was nicht aus dem »Schauen des Geistes« stammte und für ihn nicht etwa als Tatsache in Betracht käme, befaßt sich Steiner mit dem Wesen des Menschen und dessen drei Wesensseiten, die durch die drei Worte Leib, Seele und Geist ausgedrückt werden. Für den oberflächlichen Leser mag dieses Festhalten an der Dreifältigkeit des menschlichen Wesens zunächst als pedantisch erscheinen, da der Durchschnittsmensch in der Gewohnheit hat, von Leib und Seele zu sprechen, mit denen er das Geistige in einer dunklen und ungenauen Weise verbindet. Der abendländische Mensch kann, wenn er in dieser oberflächlichen Art einem seichten Dualismus in der Auffassung des Menschenwesens huldigt, die Bedeutung jener Dreifältigkeit kaum ermessen, aber eine Ahnung von der Wichtigkeit dieses Problems geht ihm doch auf, sobald er daran erinnert 
      <a id="page386" name="page386" title="akling/gary"/>wird, daß im Konzil zu Konstantinopel 381 die Wesensgleichheit des Vaters mit dem Sohne und damit das Dogma zum Durchbruche kam, den Heiligen Geist vom Vater und vom Sohne ausgehen zu lassen, womit der Boden für einen späteren Beschluß vorbereitet war; für das Konzil von Konstantinopel, abgehalten just in der »Hagia Sophia«, in der Kirche zur heiligen Weisheit, das vom 5. Oktober 869 bis zum 28. Februar 870 tagte und den Lehrsatz verdammte, der Mensch habe zwei Seelen (Seele und Geist), indes das alte und neue Testament lehre, daß der Mensch bloß eine verständige und vernünftige Seele besitze. Umsonst wies Paulus auf den »seelischen Menschen« hin, der nicht annimmt, was vom Geiste Gottes ist, indes der geistige Mensch alles ergründet, ohne selbst von jemandem ergründet zu werden, vergeblich unterschied er Soma (Körper), Psyche (Seele) und Pneuma (Geist) und sagt vom Logos, daß dieser bis in die Fuge von Seele und Geist eindringe: von jenem verhängnisvollen Konzil ab war es unchristlich, wie zu Zeiten Platos, der Gnostiker und des Manichäismus, von Leib, Seele und Geist zu sprechen. Mit diesem Beschluß öffnete die »Kirche Christi«, indem sie sich geistigen Impulsen verschloß, den materialistischen Vorstellungen von »Funktionen« des Gehirns alle Pforten in das kirchlichreligiöse Leben, es begann die verheerende Epoche einer ungeistigen Auslegung der Bibel unter voller Preisgabe der Weisheit des Origines. Noch bei Luther finden sich schwache Ansätze, den Geist zu retten, aber jene Entwicklung, die im Protestantismus zur Heraufkunft der materialistischen Naturwissenschaft und Begründung einer ungeistigen Philosophie führte, war nicht mehr aufzuhalten, sie schloß mit dem Verlust auch der Seele. Wie dem immer wäre: in Steiners Theosophie, der grundlegenden Schrift seiner anthroposophischen Wissenschaft, lebt die alte heilige Dreiteilung in Leib, Seele und Geist feierlich auf, logisch begründet. Steiners Geisteswissenschaft steht streng und sachlich auf dem christlichen Boden. 
      <a id="page387" name="page387" title="hella/gary"/></p><h4>VII.
      <br/> Grundzüge der Geisteswissenschaft</h4><p>Steiners Anthroposophie ruht auf der Grundlage der Dreiteilung des menschlichen Wesens: durch seinen Leib ist der Mensch seiner Umwelt verwandt, aus deren Stoffen sein Leibliches zusammengesetzt ist, das Seelische, leiblicher Anschauung entzogen, trägt der Mensch als seine eigene Welt in sich, mit seinem Geist aber erfaßt er eine Welt, die, »über Leib und Seele erhaben«, in der einigen geistigen Welt wurzelt; so gehört der Erdenpilger drei Welten als Bürger an, die er gedanklich von einander zu unterscheiden vermag. In seinem Leibe findet er die drei Formen des irdischen Daseins, die steinhafte, pflanzenartige und tierische, vermehrt um eine eigene, zu den anderen Formen hinzutretende menschliche, denn durch sein Menschentum bildet er, neben den drei Reichen der Natur, sein eigenes Reich, eben das Reich des Menschen. Der Mensch, das Menschenreich, bildet und hat seine eigene Innenwelt; schon seine Sinnesempfindung ist seelisches Erleben, das mit bloßen Gehirnvorgängen nichts zu tun hat; an die Sinnesempfindung schließt sich das Gefühl (Behagen, Mißbehagen, Lust und Unlust, Sympathie und Antipathie), an das Gefühl aber der Wille, durch den der Mensch auf die Außenwelt zurückwirkt. Die Leiblichkeit wird zum Untergrunde der seelischen Wesenheit des Menschen. Indes: das Seelische des Menschen wird nicht allein durch den Leib bestimmt. Seine Wahrnehmungen und Handlungen werden vom Denken geleitet; den Denkgesetzen unterwirft er sich selbst, womit er sich in eine höhere Ordnung einfügt, in die geistige Ordnung. Fortpflanzung und Wachstum haben Mensch, Tier und Pflanze gemein, wodurch sie sich vom »leblosen Mineral« unterscheiden. Lebendiges entsteht aus Lebendigem durch den Keim, die Form und Gestalt des Lebendigen pflanzt sich durch Vererbung fort. Die Art vererbt sich auf die Nachkommen und diese 
      <a id="page388" name="page388" title="Nila/Ijona"/>artbildende Kraft, die der Zusammensetzung der Stoffe Gestalt gibt und diese bestimmt, mag mit einem wissenschaftlichen Ausdruck Lebenskraft genannt werden. Die Äußerungen der Lebenskraft bleiben den gewöhnlichen Sinnen verborgen, man kann sie nur wahrnehmen, wenn der Sinn dafür erschlossen, darauf entwickelt ist, das Leben der Lebewesen wahrzunehmen; man gewahrt dann in jedem Tier und jeder Pflanze die »lebenserfüllte Geistgestalt«, die in der Anthroposophie Steiners den Namen Äther- oder Lebensleib führt; er ist eine selbständige, wirkliche Wesenheit, die erst die physischen Stoffe und Kräfte zum Leben aufruft und die den physischen Leib im Leben vor dem Zerfalle bewahrt; nur das erweckte geistige Auge kann ihn schauen; während der physische Leib nach dem Tode in der mineralischen Welt aufgeht, löst sich der Ätherleib in die Lebenswelt auf. Mit dem, was der Ätherleib für den Menschen bedeutet, ist aber sein Seelisches noch nicht berührt und ergriffen. Die Welt der Begierden und Wünsche, der mannigfaltigsten Empfindungen gehört genau so wesenhaft zu ihm als irgend ein Wesensteil des Menschen überhaupt. Er schwimmt in einer nur dem Eingeweihten wahrnehmbaren eiförmigen Wolke, die beständig in innerer Bewegung ist. Erscheint der Ätherleib als ein Schemen, als eine rötlich-blaue Lichtform, die glänzt und leuchtet, von Farbe etwas dunkler, als eine Pfirsichblüte, so ist auch dieses dritte Wesensglied des Menschen, Astralleib genannt, je nach Wesensart, von verschiedener Farbe und Bewegung. Temperament und Grundstimmung eines Menschen sind an diesem bewegten Spiel mit seiner von innen heraus sich immer wieder erneuernden Lebendigkeit, an der Aura, zu erkennen. Unter Aura versteht der Hellseher diese beständig wechselnden bewegten Ausstrahlungen. In der Philosophie der Rosenkreuzer wird der Astralleib Seelenleib genannt, den der Mensch mit dem Tiere gemeinsam hat. Durch das Selbstbewußtsein endlich fühlt sich der Mensch als selbständiges, in sich geschlossenes 
      <a id="page389" name="page389" title="Wunibald/gary"/>Wesen, als ein Ich, das alles Leibliche und Seelische erlebt. Leib und Seele tragen das Ich in sich eingeschlossen; ist das Gehirn der Mittelpunkt des Körpers, so hat die Seele im Ich ihren Ausdruck, das, als die eigentliche Wesenheit des Menschen in sich bergend, gänzlich unsichtbar bleibt. Mit seinem Ich ist der Mensch ganz allein, es ist, sozusagen, der Mensch selbst; im Ich liegt seine wahre Wesenheit, sein Wesenskern; es ist der Teil des Menschen, der durch alle Inkarnationen geht und nur jedesmal neue »Hüllen« mitbringt. »Ich« kann ich zu niemandem andern sagen als zu mir, »ich« kann niemand anderer zu mir sagen, denn er ist für mich ein Du, ein Er! Die Hülle des Ichs aber ist der Geist; der Geist lebt in der Hülle Ich, so wie das Ich in Leib und Seele als in seinen Hüllen lebt. Das Ich wird von der mineralischen Welt von außen nach innen, im Geiste aber von innen nach außen gebildet. Im Ich endlich sind die drei Seelen wie Keime zu höherer Entwicklung verborgen, die in der Geisteswissenschaft den Namen Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele tragen. Astralleib und Empfindungsseele sind Eins. Die Empfindungsseele ist eine Tätigkeitsquelle, sie hängt in ihrer Wirkung vom Ätherleib ab, holt aus ihm hervor, was in ihr als Empfindung aufglänzt; durch den Ätherleib aber hängt sie natürlich auch mit dem physischen Leibe zusammen, durch den sie begrenzt wird, obschon sie, für den Hellseher sichtbar, um ein Stück über den physischen Leib hinausragt, mächtiger als dieser. Die Verstandesseele (auch Gemütsseele oder Gemüt genannt) ist die den Gedanken erlebende, vom Denker bediente Seele. Der Kern des menschlichen Bewußtseins, der die Ideen des Wahren, Guten und Schönen zu entwickeln vermag, also die Seele der Seele, wird als Bewußtseinsseele bezeichnet; in ihr lebt die bleibende, von Sympathie und Antipathie unabhängige Wahrheit. So wären nun mit dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich die vier niedrigeren Wesensglieder bezeichnet, deren die Geisteswissenschaft noch weitere drei kennt, 
      <a id="page390" name="page390" title="Wunibald/gary"/>so daß das Ich als Mittelpunkt nach der niederen wie vor der höheren Wesenheit anzusehen ist. Die Keime zu den höheren Entwicklungen, die in der indischen Lehre als Manas, Buddhi und Atman, in der Geisteswissenschaft als Geistselbst, Lebensgeist und Geistmensch bezeichnet werden, sind in den drei Seelen des Ichkerns enthalten: Bewußtseinsseele und Geistselbst bilden eine Einheit, so wie Astralleib und Empfindungsseele eine solche bilden. Durch die Entwicklung des Geistselbst wird der Astralleib, durch die des Lehensgeistes der Ätherleib, durch die des Geistmenschen endlich der physische Leib verwandelt und veredelt. Unter dem Geistselbst versteht die Anthroposophie den das Ich bildenden, als Ich oder Selbst erscheinenden Geist; berührt die Bewußtseinsseele die von Antipathie und Sympathie gereinigte Wahrheit, so trägt das Geistselbst dieselbe, nur vom Ich aufgenommene und umschlossene Wahrheit, durch das Ich individualisiert und in die selbständige Wesenheit des Menschen übernommen; mit dem Ich ist die Wahrheit wesenhaft verbunden, sie macht das Ich zu einem Ewigen. Das Geistige ist die ewige Nahrung des Menschen; wird der physische Mensch aus der physischen Welt geboren, so wird er durch die ewigen Gesetze des Wahren und Guten aus dem Geiste zur Welt gebracht. Die Geisthülle, in der die selbständige, geistige Wesenheit, Geistmensch genannt, wohnt, wird Äthergeist oder Lebensgeist genannt. Die gesamte geistige Wesenheit des Menschen umstrahlt ihn, für den Hellseher wahrnehmbar, wie ein Licht (Aura). Kann die physische Wesenheit des Menschen nur bis zu einer gewissen Grenze wachsen und zunehmen, so ist die geistige Wesenheit des Menschen unbegrenzt. Das Ich trennt und vereinigt keimhaft zugleich den irdischen von dem höheren, den physischen vom geistigen Menschen. Gibt sich das Ich dem Physischen und dessen Eigenart hin, so kann aus dem Ich allein die höhere Seelen- und Geisteswelt erschlossen werden. Die Wesensglieder des Menschen ergeben das nachstehende Schema: 
      <a id="page391" name="page391" title="Wunibald/gary"/></p><p>1. Physischer Leib</p><p>2. Ätherleib</p><p>3. Astralleib</p><table cellpadding="2" cellspacing="0"><tr><td><p>4. Ich</p></td><td> </td><td>Empfindungsseele
          <br/> Verstandesseele
          <br/> Bewußtseinsseele</td></tr></table><p>5. Geistselbst (Manas)</p><p>6. Lebensgeist (Buddhi) und</p><p>7. Geistmensch (Atman).</p><p>Dieses Schema ist der Schlüssel zum Wissen des Menschen und birgt in sich die heilige Formel aller menschlichen Entwicklung, die mit der Evolution der Welt verbunden ist.</p><h4>VIII.
      <br/> Das Michaelgeheimnis</h4><p>Die Dreiteilung in Leib, Seele und Geist, die sieben-(neun-) gliedrige Wesenheit des Menschen, um das Ich als Mittelglied gruppiert, als Frucht der drei niederen Wesensglieder und zugleich Keim für die drei höheren (Manas, Buddhi und Atman), sie bilden zusammen auch den Schlüssel zum Michaelmysterium der Gegenwart. Wer sich in dieses erhabene Schema vertieft, kann, in ihm und an ihm, die gesamte Geisteswissenschaft, Anthroposophie, vor sein geistiges Auge rufen. Sind doch zugleich die sieben großen Verkörperungen der Erde darin enthalten: die Saturnzeit, die den Körperkeim entwickelt, die Sonnenzeit, die den Ätherleib hinzufügt, die Mondenzeit, die durch das Hinzutreten des Astralleibes ihren Sinn empfängt und endlich das Ich, das auf der Erde in das Menschenwesen einzieht und die irdische Entwicklung abschließt, um sie, durch den Manas, in der kommenden Jupiterzeit, zur Verwandlung des Astralleibes, durch Buddhi, in der Venuszeit, zur Verwandlung des Ätherleibes und, durch den Atman, der Vulkanzeit, zur Verwandlung 
      <a id="page392" name="page392" title="Wunibald/gary"/>und Vergeistigung des physischen Leibes und damit zum Abschluß des großen Schöpfungszyklus weiterzuführen. Eine große Rolle spielen die Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele in der Entwicklung der nachatlantischen Epoche und ihrer sieben großen Kulturen bis auf unsere Zeit. Gott, Welt und Mensch werden von dieser geheimnisvollen Figur der siebengliedrigen Menschennatur umschlossen; man kann kein Christ sein, die Evangelien nicht verstehen, den Geist unserer Tage nicht erfassen ohne sie, Medizin, Astronomie im geistigen Sinn (als geistig gesteigerte Astrologie), Geschichte, Geographie, Geologie, Soziologie, Erziehung, Technik, Landwirtschaft, Künste nicht betreiben, ohne daß die Erkenntnis der siebengliedrigen Natur den Schlüssel zu diesen verschlossenen Türen liefert, und keines der sieben Menschenrätsel und Weltgeheimnisse entschleiert sich dem stumpfen Blick der bloß auf die »fünf Sinne« gegründeten Erkenntnis.</p><p>Ein zweites grundlegendes Kapitel der Geisteswissenschaft ist die Erkenntnis der drei Welten: physische Welt, Seelenland und Geisterland, in denen der Ichkern des Menschen bis zur nächsten Verkörperung weiterlebt. Die physische Welt ist die Domäne des »exakten«, auf die Sinne gegründeten Wissens; sie wird von der »positiven«, aber sehr unvollkommen und eng begrenzten Forschungsmethode nur halb »erklärt« und gedeutet, aber gewissenhaft beschrieben, beklopft und erforscht; man betritt sie durch die Geburt und verläßt sie durch die Pforte des Todes. Das Seelenland mit seinen sieben Regionen (der Begierde, der fließenden Reizbarkeit, der Wünsche, der Lust und Unlust, des Seelenlichtes, der tätigen Seelenkraft und des Seelenlebens) wird, von den höheren, zum Schauen entwickelten Sinnen aufgenommen, von der Seele durchschritten, wenn sie die physische Welt verlassen hat. Die dritte Welt, die Geisterwelt endlich, ist die Urheimat der geistigen Dinge und ihrer Schatten, der abstrakten Gedanken. Hier hausen die schaffenden Wesenheiten, die 
      <a id="page393" name="page393" title="Wunibald/gary"/>Weltmeister alles dessen, was in der physischen und in der seelischen Welt entsteht; ihre Formen wechseln. Hat das Seelenland Bilder und Farben (in beständigem Dahinfluten begriffen), so sind das Hauptmerkmal der geistigen Welt, des Geisterlandes, Töne: wer die Seelen- und Geisterwelt schauen will, muß, als Seher des Seelenlandes, das geistige Auge auftun, das geistige Ohr entwickeln; auch hier, in der Geisterwelt, gibt es Stufen und Regionen, die nicht etwa schichtenweise übereinandergelagert sind, sondern einander durchdringen. In der ersten Region sind die Urbilder der physischen Welt, in der zweiten die des Lebens, in der dritten der Luftkreis des Geisterlandes, die Urbilder alles Seelischen, der Leidenschaften, Gegensätze und Kämpfe, Gewitter und Stürme zu finden, in der vierten Region die ordnenden und gruppierenden Geister, in der fünften, sechsten und siebenten aber die Urtriebe (Impulse) zu allen Tätigkeiten und Absichten, die geistigen Worte und ewigen Namen. Die dreifache Welt hat sieben Elementarreiche: das der urbildlichen, formlosen Wesen, der gestaltschaffenden Wesen, der seelischen Wesenheiten, der geschaffenen Gestalten (Mineral, Pflanze, Tier und Mensch). Die Gebilde der drei Welten kann erlebend erkennen, wer die Fähigkeiten und Organe dazu entwickelt, was an den Farben der Aura sichtbar wird, deren es drei Arten gibt: die erste Aura als Spiegelbild des Einflusses, den Leib und Seele auf den Menschen üben, die zweite als Kennzeichen des Eigenlebens der Seele, die dritte endlich als Spiegel der Herrschaft, die der ewige Geist über den vergänglichen Menschen gewonnen hat. In allen drei Teilen der Aura sind Farben in zahllosen Nuancen und Abstufungen, in der ersten wie in der zweiten und dritten verschieden im Farbengrundton. In der physischen Welt lebt der Mensch mit seinen vier niederen Wesensgliedern, das Tier hat drei niedere Seelenglieder in der physischen, sein Gruppen-Ich aber in der seelischen Welt (auf dem Astralplan), die Pflanzen physischen Leib und Ätherleib 
      <a id="page394" name="page394" title="Wunibald/gary"/>in der physischen, den Astralleib in der seelischen, das Ich im unteren Teile (im unteren Devachan) des Geisterlandes, das Mineral endlich den physischen Leib in der physischen, den Ätherleib in der seelischen Welt, den Astralleib im unteren, das Ich aber im oberen Devarhan des Geisterlandes, darin der Hellseher Kontinente, Meere und Luftkreis unterscheidet. Steiners »Theosophie« enthält, ebenso wie sein Vortragszyklus »Vor den Toren der Theosophie«, eine Fülle von Details, die zu wissen niemand versäumen darf, der in die Erkenntnis der übersinnlichen Welten eindringen will. Sie sind eine schwierige Lektüre, aber ganz unerläßlich als Vorstufe des Adepten.</p><h4>IX.
      <br/> Die Erlebnisse nach dem Tode. Die Wiederverkörperung</h4><p>Die siebengliedrige Menschennatur und die drei Welten (Zwischenreich, unteres und oberes Devachan) mit ihren festen Ländern, Meeren und ihrem geistigen Luftkreis eröffnen gigantische Ausblicke auf eine Überfülle dahinwogender, flutender und tönender Gebilde und Erscheinungen; sie sind zugleich Stufen des Bewußtseins und im entwickelten Bewußtsein enthalten. In ihnen bewegt sich der Mensch mit seinen Träumen und während des Schlafes, der den physischen Leib und den Ätherleib in der physischen Sphäre läßt, indes der Astralleib und das Ich in die geistig seelische Welt ausschwärmen. Die Seele lebt in der Mitte zwischen Leib und Geist; sie spielt eine entscheidende Rolle im Geheimnis des Todes. Man kann auf verschiedene Weise zur Erkenntnis dieses Geheimnisses gelangen, doch ist es durchaus möglich, auch auf gewöhnlichen Wegen des Denkens zu richtigen Anschauungen und Auffassungen davon zu kommen. Empfindung und Wahrnehmung sind an Sinneseindrücke geknüpft; ganz anders entsteht und aus ganz anderem Wesen sind Gedächtnis und Erinnerung, die gleichsam als Eingangstor 
      <a id="page395" name="page395" title="Wunibald/gary"/>in die geistig seelische Welt Bedeutung haben. Der Leib allein ist außerstande, Eindrücke zu behalten; sie würden einfach immer wieder in das Nichts zurücksinken, wenn zwischen Seele und Außenwelt nicht etwas spielte, was den Menschen in den Stand setzt, durch Vorgänge in seinem Innern Vorstellungen von dem zu haben, was die Eindrücke der Sinneswelt früher bewirkten. Wie sich schon an dieser vielleicht etwas gezwungenen Beschreibung zeigt, ist es sehr schwer, eine Definition des Gedächtnisses und der Erinnerung zu geben. Die Philosophen nennen das Gedächtnis eine »Fähigkeit der Psyche«; sie verweisen auf die Eigentümlichkeit des Gedächtnisses, »Spuren« des Erlebten zu bewahren und nennen die Erinnerung einen Prozeß der »Reproduktion«, in Vereinigung mit einem »Gefühl der Bekanntheit«. Hält die ältere Psychologie an der Vorstellung fest, daß das Gedächtnis eine Art »Aufbewahrung« von Vorstellungen ermögliche, gleichsam eine (von Bergson übrigens abgelehnte) »Aufspeicherung von Erinnerungen im Gehirn« gestatte, so spricht Semon von »Engrammen« und »mnemischen Empfindungen«. Die Wahrheit ist, daß es töricht wäre, zu glauben, die Vorstellungen hielten sich »irgendwo im Menschen auf«. Die Vorstellungen leben und vergehen mit dem Augenblick. Die durch die Erinnerung hervorgerufene Vorstellung ist etwas ganz neues, was mit einer »alt aufbewahrten« keinerlei Zusammenhang hat. Erinnern heißt, nach Steiner, etwas erleben, was an sich (selbst) nicht mehr da ist, was aber Vergangenheit zu neuem Jetzt wandelt. Den Vollzug schafft die Seele, die treue Bewahrerin alles Vergangenen; sie ist es, die »Engramme« macht, ein Wort, das gar nicht so übel klingt. Für wen die Seele diese »bewahrt«? Für den Geist ist der Leib nur der Schauplatz, auf dem diese Verwandlung spielt. Die Seele gibt, was sie durch den Leib erhielt, an den Geist weiter, wo es in gewissem Sinne ewig lebt, wenngleich der Geist die Erinnerungsschätze umgestaltet; der Geist verewigt gleichsam die Früchte des Erlebnisses. In 
      <a id="page396" name="page396" title="Wunibald/gary"/>geistiger Hinsicht ist jeder Mensch eine Gattung für sich. Der Leib wiederholt nur die Existenzbedingungen des Vorfahren, der ein Mensch war, und der Mensch kann immer wieder nur Menschen hervorbringen. Der geistige Mensch hat mit Vorfahren nichts mehr zu tun, er kann nur seine eigene Geistgestalt tragen, die er von niemandem »Anderen« hat, als von sich selbst. Meine Vorfahren sind geistig vollkommen von mir verschieden, mein Leben läßt sich aus dem der Vorfahren nie und nimmer erklären. Ich selbst kann nur die Wiederholung, die Wiedergeburt, von mir selbst sein. So kann der Mensch durch das reine unbefangene Denken sehr wohl zu einer richtigen, verstandesgemäßen Auffassung der eigenen Wiederholung im Sein kommen. Man muß, um zu solchen Schlußfolgerungen zu gelangen, die sich als geistige Prozesse natürlich nicht naturwissenschaftlich »beweisen« lassen, nur genug Vertrauen in die Kraft des Denkens besitzen, die ja nicht von »dieser Welt« (von der körperlichen Welt) stammt. In einem Erdenleben erscheint der Menschengeist nur als Wiederholung seiner selbst, vermehrt durch die Früchte vorangegangener Lebensläufe. Wenn ich des Morgens vom Schlafe erwache, bin ich gezwungen, an das Gestern anzuknüpfen, das durch meine Taten und Handlungen geschaffen ist. Meine Tätigkeit, im Schlafe scheinbar verloren, gehört zu mir, wie ich zu ihr. Mein Gestern schafft mein Heute und dieses Schaffen ist mein Schicksal. Mit seinen Taten schafft sich der Menschengeist sein Los. Daran, was ich in den früheren Leben getan habe, knüpfte mein gegenwärtiges Leben an. Der Menschenleib unterliegt den Gesetzen der Vererbung innerhalb der menschlichen Rasse, der Menschengeist aber muß sich immer wieder aufs neue verkörpern. Steht der Leib unter den Gesetzen der Vererbung, so steht der Geist unter dem der Wiederverkörperung. Der Tod bedeutet bloß eine Änderung in den Verrichtungen des Leibes; dieser hört nach dem Tode auf, Vermittler von Seele und Geist zu sein und geht in die physische Welt des 
      <a id="page397" name="page397" title="Wunibald/gary"/>Stoffes zurück, dem er entnommen war. Vom Leibe losgelöst, bleibt der Geist noch immer mit der Seele verbunden; war er durch den Leib an die physische Welt gekettet, so ist er jetzt mit der seelischen Welt verbunden; die Seele lebt nach dem Tode, mit dem Geist vereint, in seelisch-geistiger Umgebung. Es ist durchaus nicht etwa so, daß Seele und Geist den Leib »aufgeben«, wenn dieser »stirbt«, sondern der Leib wird von Geist und Seele entlassen, der Stoffwelt wiedergegeben, der er entliehen war. Indes: auch die Seele hat ihren Auflösungsprozeß; sie muß sich, durch Begierde mit der physischen Welt verbunden, von dieser Begierde lösen, die Sphäre der Begierdenglut durchschreiten (Fegefeuer) und wandert nun, vorn Geiste zunächst begleitet, an Sympathie und Antipathie vorbei, durch die sieben schon genannten Stufen der Seelenwelt, in die Sphäre, in das Land, in die Welt des Geistes, wo die lebendigen Gedanken oder Geistwesen leben. Den Gedanken als lebendiges Geistwesen ins Bewußtsein aufzunehmen, das bereitet der gegenwärtigen, im Schatten materialistischer Anschauungen herangewachsenen Generation freilich nicht geringe Schwierigkeiten. Das Gestaltlose, bestimmt, im Sinne eines höheren Bewußtseins gestaltet zu denken, liegt ihr nicht. So wendet sie denn die Denkgebräuche, die der physischen Welt angemessen sind, unbekümmert auf die geistigen und seelischen Welten an, zu denen ihr der Eingang verschlossen bleibt. Das geistige Reich, das »Geisterland«, ist die Sphäre der Urbilder im »Unbelebten«; die erste Region dieses Reiches stellen gleichsam die Kontinente dar, die zweite die Urbilder des Lebens, das hier eine geschlossene, fließende Einheit bildet, die dritte die Urbilder alles Seelischen, den Luftkreis des Geisterlandes, die fünfte, sechste und siebente Region aber, anders als die vier vorangehenden, umfassen die Urbilder der Antriebe und Impulse, die Absichten und Gedankenkeime, nebst dem Geheimnis der ewigen Namen, und endlich den Lebenskern, den Lebensgeist und Geistmensch (Buddhi und Atman). Aus 
      <a id="page398" name="page398" title="Wunibald/gary"/>der Welt der Seele tritt der Ichkern des Verstorbenen in das Geisterland. Hier lernt er das auf Erden Gelernte in lebendigen Geist verwandeln. Hier findet er seine wahre geistige Heimat, hier überwindet er sein Karma, dessen verschlungene Linien er von außen gleichsam durchschaut und begreift. Mit dem Karma verhält es sich, bildlich gesprochen, ungefähr so: ein See ruht ruhig und regungslos im Gebirge; du stehst am Ufer und wirfst ein Steinchen in die glatte Fläche; es bildet, um die Einfallsstelle als Zentrum, Kreise, die immer größer werden; es bleibt aber nicht bei dem einen Erreger, unermüdlich wirfst du Stein und Stein in die Untergründe des Sees, ihre Kreise schneiden sich, werden von den Kreisen der anderen, die mit dir am See des Lebens stehen und so tun, wie du, geschnitten und durchkreuzt; wenn alle Kreise sich geglättet haben und aus dem Bilde des Sees geschwunden sind, hat Karma aufgehört: das deine, wie das der anderen. Über die eigenen Kreise und die der anderen aber kannst du nicht hinweg: deine Taten hören nicht auf, ihre Kreise zu ziehen. Unerschöpflich ist die höhere Mathematik dieser Kreise, deren jeder einen Kern, einen Mittelpunkt hat: deine Tat! Der Einsiedler, der weitabgewandte, weltflüchtige, lebensfremde und lebensfeindliche Eingeweihte, des Treibens überdrüssig, wird dir sagen: wirf keinen Stein in den See, handle nicht, setze keine Taten, bezwinge deine Begierde, dann gehst du in Gott ein und alle Furcht schwindet aus deinem Herzen! Er hat gut reden, denn was er dir rät, sind der Egoismus des Heiligen, sein Ehrgeiz, sein Strebertum, selbst ein Gott zu werden; er vergißt dir nur zu sagen, daß dieser ewige Gott selbst eine Tat gesetzt hat, die alle Taten dieser Welt in sich schließt: die Welt, die seines Strahles, des Demiurgos genannt, erhabenes Werk ist!</p><p>In Wiederverkörperung und Karma liegen die Angelpunkte des gesamten bewußten Lebens. Von ihnen aus löst sich jedes Rätsel, jede scheinbare Ungerechtigkeit der Welt. 
      <a id="page399" name="page399" title="Wunibald/gary"/></p><h4>X.
      <br/> Nicht Mystik: Anthroposophie!</h4><p>Alle diese Dinge sind in Steiners »Theosophie« zu finden, die ein unerläßliches Lehrbuch für alle höherstrebenden Menschen ist. Sie gehört zu den schwierigsten und doch klarsten Büchern ihrer Art. Ihr reiht sich die »Geheimwissenschaft im Umriß« an, deren großartige Kosmogonie in dein vorliegenden Buche ebenso behandelt wurde, wie Steiners ungeheure Umwälzung in der Erkenntnis des Christentums als einer mystischen Tatsache. Sowohl »Theosophie« als »Geheimwissenschaft« enthalten aber auch schon die Keime dessen, was Steiner in seinem grundlegenden Buche »Wie erlangt man Erkenntnis höherer Welten?« der Menschheit hinterlassen hat. Zeigt er in den beiden anderen Büchern die geistigen Welten in gigantischen Gemälden, so behandelt er hier den Pfad, der zur Erkenntnis, zur Entwicklung der höheren Sinne führt; davon, daß die alten Mysterien bis zum Christus Jesus nichts anderes als Wege der Einweihung gewesen sind, war schon die Rede. Sie waren so mannigfach, so vielfach verschlungen und, zugleich, Ort, Rasse und Klima angepaßt, daß eine einfache Schlußfolgerung schon genügt, zu erkennen, wie unangebracht es ist, den Menschen unserer Zeit diese verschollenen und überlebten Anweisungen zu höherer Einsicht in die Hand zu drücken. Steiner unterscheidet drei Gruppen solcher Pfadanweisungen: den indischen, den christlichen und den rosenkreuzerischen Weg, deren Stufen und Erlebnisse er schildert. Die indische Form, für abendländische Menschen und Verhältnisse ungangbar, ja in gewissem Sinne gefährlich, lebt heute in einer Art modernisierter Yogapraxis weiter, der alte christliche Weg wird in einer bestimmten Form von den Jesuiten gepflegt, der rosenkreuzerische, gegründet auf die naturwissenschaftliche Erkenntnis im Geiste des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, entspricht in dieser Gestalt heute nicht mehr 
      <a id="page400" name="page400" title="Wunibald/gary"/>den Anforderungen unseres Zeitalters. Besonderes Interesse darf der Weg, den Ignatius von Loyola seinen Schülern und Adepten hinterließ, für sich beanspruchen; hier handelt es sich, wie schon erwähnt wurde, um ein regelrechtes Belagerungssystem, den lieben Gott in seiner himmlischen Feste Jerusalem mit kriegerischen Mitteln, ja sogar mit Kriegslist, regelrecht zu fangen. Ignatius von Loyola hinterließ ein strenges Dienstreglement, eine aus den gewaltigen Bildern des Christustodes auf Erden geschöpfte Exerzierinstruktion, die, durch Entsagung, Askese und gewollte Einsamkeit gestützt, dazu führen soll, daß Gott sich endlich ergibt. An dem militärischen Charakter dieser mit fast scharf jüdischem Verstand erklügelten Überfallsordnung mag es auch liegen, daß der Jesuitismus seine Wirkungen auf den irdischen Bereich erstreckt, obwohl Jesus, der Meister, mit wunderschöner, edler und echt göttlicher Gebärde ausrief: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt!« Im Untergrunde dieses kriegerischen Systems liegt die Absicht, Menschen von höchster Einsicht und magischer Gewalt auszubilden, die, indem sie für den Jesus streiten, die Kirche als »Braut« und als vollkommenen, idealen und alles andere ausschließenden Organismus in der sichtbaren Welt umwerben, kurz, für die Kirche kämpf en, wie ein mittelalterlicher Ritter für die Dame seines Herzens. René Fülöp-Miller hat diesen Orden in seinem großangelegten, alle Äußerlichkeiten restlos erschöpfenden Jesuitenbuch vorbildlich geschildert und beschrieben; der Beifall der kirchlichen Kreise ward ihm dafür ebenso zuteil, wie die Anerkennung der zahlreichen Feinde des Jesuitismus; der Esoteriker vermißt darin das Zentralgeheimnis der Bewegung: die Frage, warum der Jesus (nicht der Christus) den Kern dieses Systems ausmacht und warum die rosenkreuzerische Christusströmung geflissentlich in den Hintergrund tritt; nicht umsonst hat ja der Jesuitismus ein verhältnismäßig gutes Einvernehmen mit der materialistischen Wissenschaft durchgesetzt, und es sieht fast so aus, als hätten Jesuiten und Freimaurer 
      <a id="page401" name="page401" title="Wunibald/gary"/>den Menschen auf der Erde unter sich aufgeteilt: die Jesuiten haben die Seele, die Freimaurer, den Geist übernommen» und die scharfe Front, die sie gegen die Geisteswissenschaft einhalten, macht sie als ähnliche Brüder mit ähnlichen Kappen weithin erkenntlich; Luzifer und Ahriman traten oft genug gemeinsam auf: als Hauptakteure des einen Menschheitsdramas! Stützt sich der Jesuit noch auf die Kräfte des Glaubens, der, solange er auch das Wissen umschloß, umfassende Kräfte besaß, so legt die Freimaurerei mehr Gewicht darauf, die Meinungen des modernen Menschen zu besitzen. Was zwischen den drei großen Gruppen, Jesuiten, Freimaurern und Anthroposophen sonst nach Erkenntnis strebt, sind gleichsam Privatkindergärten, in denen okkulte Spiele gespielt, Neugierige mit sozialen und sonstigen Flechtarbeiten beschäftigt werden. Der Mystiker, abseits dem Leben (wie A. M. O.), findet die starke, werktätige Liebe ausreichend, er möchte durch Emanzipation vom Getriebe der Welt eine Art Glückszustand herbeiführen, den auch der kleine Krishnamurti, geschäftskundig und tüchtig darin, billiges, aber recht mangelhaft zubereitetes Wortgemüse als Gedankenrohkost abzusetzen, als Massenartikel auf Lager führt. Indes ist der Bolschewismus eben daran, seine intellektuelle, revueartige Karnevalsoperette des Sozialismus in Blut, Gewalt und Dreistigkeit zu ihrem logischen Horrid-end (im Gegensatz zum beliebten Happy-end) zu bringen.</p><h4>XI.
      <br/> Was tun?</h4><p>Rudolf Steiners neurosenkreuzerischer Michaelsweg ist der vollkommenste Ausdruck des Initiationswesens unserer Zeit. Er ist für jeden Menschen gangbar, da er vom seelisch erfüllten Denken ausgeht und alle Wesensglieder des Menschen als prima materia an den Anfang der inneren Entwicklung setzt. Niemand darf glauben, daß man diesen Pfad der Einweihung betreten 
      <a id="page402" name="page402" title="Wunibald/gary"/>kann, ungefähr wie man eine Kur beginnt, auf Abmagerung losgeht, oder im vulgären Sinne ein »neues Leben« anfängt, Vorsätzen nachjagend, mit denen der Weg zur Hölle allemal gepflastert ist. Coué hat diese Art schlagend ad absurdum geführt, indem er sich einfach vornimmt, reich, glücklich und gesund zu sein; er setzt großes Vertrauen in Worte, die zweideutige Äußerung eines trainierten festen Willens; Worte haben in der Tat eine gewisse magische Kraft, die wiederum der übersinnliche und doch allzu sinnliche Trainer gebrauchen lehrt. Ein witziger Mann sagte mir einmal ganz richtig: »Ich brauche den ganzen Coué nicht mehr, sobald ich an ihn selbst glaube!« Darüber, wie man sich überhaupt zu verhalten habe, um des »größtmöglichen Glückes« teilhaftig zu werden, haben die Menschen gewöhnlich übertrieben extreme Vorstellungen. Lehrt die christliche Wissenschaft, die in Amerika große Häuser und Zeitungen besitzt, der Mensch, wie die Lilie auf dem Felde, hätte nichts zu tun, als sich Gott zu überlassen, der alles lenkt, wie es für die Menschen das Beste ist, so verkünden die Willens- und Tatmenschen, vom Pragmatismus bis zum Couéismus, man müsse es mit dem festen, unbeugsamen Willen machen, denn nur die Tat habe Wert, eine Anschauung, der gelegentlich einmal auch Strindberg Ausdruck gab, darüber klagend, daß er wahrscheinlich deshalb so jämmerlich arm geblieben sei, weil er das Geld nicht heftig genug geliebt und begehrt habe; steckt in jedem Extrem ein Körnchen Wahrheit, so ergibt sich aus einer Zusammenfassung beider Spitzensysteme die wahre Haltung von selbst: nie auf Gott allein, nie auf die eigene Kraft allein vertrauen, sondern immer bereit und stark genug sein, Glück oder Unglück zu ertragen! Oft genug sind beide Sorten des Schicksals in dem einen Erlebnis enthalten, oft gibt sich ein Glück später als Unglück, ein Unglück später als Glück zu erkennen! Wer die Hände in den Schoß legt, ist genau so töricht, wie ein anderer, der ohne Unterlaß auf der Jagd ist; wer leugnet, daß 
      <a id="page403" name="page403" title="Wunibald/gary"/>Wunder geschehen können, genau so einfältig, wie der, der mit einem Wunder rechnet. Ein Wunder als Wunder erkennen, wer diese Kunst versteht, hat die richtige Lebens- und Verhaltungsformel bald gefunden. Nicht selten will sich eine Hoffnung jahrelang nicht erfüllen, trotzdem man mit aller Kraft darauf hinarbeitet, damit sie sich erfülle, aber auf einmal (man denkt gar nicht mehr daran) ist die Erfüllung da, obzwar, in diesem Augenblick, kein Finger dazu gerührt ward. Es gibt Leute, die keinen Schritt ohne Horoskop Ion, kein Unternehmen beginnen, ohne der guten Tattwas sicher zu sein, keine Tat setzen, ohne die Ephemeriden zu befragen; sie sind Sklaven des Augenblickes, die nicht wissen, daß ein Werk oft weit besser gedeiht, wenn man es unter Hindernissen oder gegen Hindernisse in Angriff nimmt. Andere wieder setzen, in Unkenntnis ihrer Abhängigkeit von kosmischen Einflüssen, die für alle Einsichtigen längst als sicher feststeht, alles daran, die Götter herauszufordern, tollkühn und im Glauben befangen, sie wären nun einmal Sonntagskinder und alles müsse zu ihrem Besten ausschlagen. In Wahrheit gibt es nur ein Glück: wissend zu leben, und ein Unglück, unwissend um die großen Geheimnisse durch das Leben zu gehen. Das erkannte Steiner, das eröffnete sich ihm als einem Erleuchteten, dessen ganzes Leben auf die Betätigung dieser Weisheit gerichtet war. Darum entströmt seiner Geisteswissenschaft eine geradezu geheimnisvolle Kraft, die, in sich zu erleben, zu den größten Sensationen aller irdischen Sensationen gehört. Das Leben des wahrhaftigen Anthroposophen, der den Weg zur Erkenntnis höherer Welten betreten hat, ist, selbst wenn er nur einen Teil dieses Weges zu gehen imstande war, das Dasein des Geistesmenschen im Sinne der Geisteswissenschaft, sage ich, ist ein Leben der Tätigkeit und Arbeit für die Menschheit, durchwirkt von Augenblicken der Ruhe und Besinnung, der Erleuchtung und der Liebe, wie sie nur aus dem Erleben des »Christus in mir« empfangen wird. Betritt man den Pfad, den Steiner in allen Einzelheiten 
      <a id="page404" name="page404" title="Wunibald/gary"/>beschrieben bat, nicht im gegebenen Augenblick, so bringt es viel Mühe und wenig Frucht, ihn zu wandeln. Dazu ist eine richtige Astrologie, empfangen aus dem kosmischen Bewußtsein, eine starke Helferin; kein wahrer Adept am Stein der Weisen hätte je seine Arbeit begonnen, ohne sicher zu sein, daß seine Stunde geschlagen hat. Lächerlich aber sind zugleich jene »Astronomen«, die dreist und hochmütig behaupten, es gäbe keine »astrologische Wissenschaft«, weil sie sich niemals die Mühe genommen haben, die Aussagen einer richtigen Astrologie zu prüfen und, davon überrascht, zu sehen, wie Vieles in einem richtigen Horoskop aufs Haar mit den Tatsachen übereinstimmt. So wahr es ist, daß jedermann durch Fleiß und Mühe auf dem anthroposophischen Wege zu bestimmten Stationen innerer Entwicklung gelangen kann, so sicher gibt es eine Prädisposition für diese Erkenntnis; eine Ahnung des richtigen Augenblickes auch ohne Einsicht in die »Aspekte«. Man erlebt in dieser Hinsicht, oft schon während der ersten Stadien, ganz erstaunliche und wundersam geheimnisvolle Dinge: Anzeichen, die man zunächst gar nicht recht beachtet, Vorgänge, die wie eine bestimmte Botschaft auftreten und sich in irgend einer anderen Gestalt wiederholen und verstärken, »Symbolisches« und »Zufälliges« der verschiedensten Art, Hilfen aus Gegenden, von wo man sie am allerwenigsten erwartet, Begegnungen, deren Sinn nicht alsogleich aufgeht, und vieles andere mehr. Wer Offenbarung leugnet, hebt seine eigene Existenz auf. Es gibt Offenbarungen auf Schritt und Tritt und zu jeglicher Lebensstunde!</p><h4>XII.
      <br/> Der Weg, die Wahrheit und das Leben</h4><p>Ist in der alten indischen Einweihung und ihrer modernisierten Form der Führer (Guru) von großer Wichtigkeit, wird zum Führer der alten christlichen Einweihung der Christusjesus und die Leidensgeschichte des Erlösers zur Grundlage des Erleuchtungsweges 
      <a id="page405" name="page405" title="Wunibald/gary"/>genommen, so liegen bei der durch Rudolf Steiner aufgebauten, zeitgemäßen rosenkreuzerischen (Michaelseinweihung) Entwicklung des höheren Bewußtseins die Dinge wesentlich anders. Einen Guru und Meister im Sinne der überlebten Pfade gibt es auf diesem Wege nicht. Der Weisheitsschüler, der nach einem solchen sucht, würde vielmehr ganz merkwürdige Dinge erleben: er kann den ihm bezeichneten Eingeweihten sehr entschlossen und keineswegs gewillt finden, die Vorbereitung und die ersten Schritte für den Schüler und mit dem Schüler zu übernehmen. Der Eingeweihte wäre kein solcher, würde er wahllos und ohne Ansehung der Person jedem Neugierigen entgegenkommen. Der Eingeweihte sieht und weiß genau, wen er vor sich hat und ob die Stunde für den Schüler da ist. Wohl darf der »Führer« und »Lehrer« niemandem, der reinen Herzens danach verlangt, das höhere Wissen vorenthalten, um so weniger darf er aber dem Unreifen auch nur einen Zipfel vom Schleier der Geheimnisse preisgeben. Gibt es heute keine sichtbaren Mysterien- und Einweihungsstätten mehr, so sind die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse, um einen alltäglichen Ausdruck zu gebrauchen, überall erhältlich, ohne daß es sichtbare Absatzstellen dafür gäbe. Ist die richtige Grundstimmung vorhanden, so wird der Weisheitsschüler an solchen Stellen kaum vorübergehen können, sofern er die angemessene Gangart einschlägt und Wahrheit und Erkenntnis als verehrungswürdige Güter ansieht. Niemand kann zu höherer Einsicht kommen, ohne innerlich zu fühlen und mit unumstößlicher Sicherheit zu wissen, daß es höhere Dinge und Einsichten in höhere Dinge gibt. Man mag dieses Gefühl im älteren Sinne Glauben nennen, es ist doch im Lichte unserer Zeit eine wesentlich andere Sache! Es gibt Menschen, denen dieses ehrfürchtige Gefühl von der Geburt an eingepflanzt ist, daneben solche, denen, vom Zeitgeist mitgerissen, in der wahren Bedeutung des Wortes nichts heilig zu sein scheint; die haben es natürlich sehr schwer, zu höherer Einsicht zu kommen, 
      <a id="page406" name="page406" title="Wunibald/gary"/>sie stehen sich selbst buchstäblich im Licht und stolpern ohne Unterlaß über das eigene Wesen, darin sich Hochmut, Dünkel und kritisch-dialektischer Überschwang in wilder Mischung vorfinden. Ein lehrreiches Beispiel paralleler Natur findet sich in den zahlreichen Spielarten der irdischen oder, wie man sie gerne nennt, der sinnlichen Liebe. Die Kirche und die Zentralstellen anderer Glaubensbekenntnisse, insbesondere aber die Kirche, haben den Fehler begangen, alle »Fleischeslust«, alles geschlechtliche Begehren als schwere Sünde zu brandmarken und schon den Wunsch nach dem Besitz eines geliebten Wesens als verbrecherisches Gelüste zu verdammen; das hat die Beziehungen der Geschlechter maßlos und schier unheilbar verwirrt. Edlere Naturen können auch im Sturm des Triebes nicht irregehen, so geflissentlich niedere und zynische Wesen hinterher sind, den geliebten Gegenstand in den Augen des Liebenden herabzusetzen und durch Hinweis auf dessen Abhängigkeit von banalen Verrichtungen und Bedürfnissen lächerlich zu machen und zu entehren. Verehrung, Ehrfurcht, Hingabe im Geiste der Liebe kommen über diese Dinge spielend hinweg. Daß ein Talent sich in der Stille, ein Charakter aber im Strom der Welt bildet, ist richtig. Der Geheimschüler ohne Gesinnung und Charakter wäre ein Unding, eine tragikomische Figur, ein Hindernis des Fortschritts und Aufstiegs der Menschheit. Den Keim zu höherer Geisteshaltung kann der Geheimschüler nur im ruhigen und klaren Denken finden. Solange aber dem Weisheitsschüler die Flügel der höheren Erkenntnis nicht gewachsen sind, bleibt ihm nichts übrig, als alles, was er über Wesen, und Natur des Menschen, über Entstehung der Welt, über das Christentum, über anthroposophische Wissenschaft in allen ihren Zweigen von Steiner gehört hat, wie etwas hinzunehmen, das er selbst noch nicht nachzuprüfen und an sich zu erleben vermag. Er muß es hinnehmen wie den Bericht eines Forschers und Entdeckungsreisenden, der so lange als aufrecht und vertrauenswürdig 
      <a id="page407" name="page407" title="Wunibald/gary"/>gilt, als man die fremden Dinge und Länder nicht selbst gesehen und durchwandert hat. Das höhere Wissen ist eine Erfahrungswissenschaft im reinsten und erhabensten Sinne des Wortes. Viele glauben, daß man im Augenblick, da der Fuß auf die Schwelle der höheren Welten gesetzt wird, schwankenden Boden und Gelände ohne Geländer betritt. Sie halten den Adepten der rosenkreuzerischen Einweihung und dieses neue Wissen um den Gral selbst für ein dumpfes Brüten über dunklen Geheimnissen, für weltfremd und lebensabgewandt, allem Praktischen und Gegenständlichen verloren und abhold, für ein Mischwesen verschiedener Welten, die er sich einbildet, »Halluzinationen« als willenlose Beute unterworfen. Nichts von alledem, ja das genaue Gegenteil ist wahr. Der Weisheitsschüler geht in keiner Weise seinem Pflichtenkreis, seiner irdischen Arbeit und seiner opferheischenden Alltäglichkeit verloren, und ist ein armseliger »Schwärmer und Schwindler«, wenn er aus seinen neuen Erkenntnissen nicht auch die Kraft gezogen hat, Täuschungen, Illusionen, Phantasmagorien und wildem, willkürlichem Innenleben auszuweichen. Gesunde Sinne, gesundes Seelenleben, gesundes Denken sind unerläßliche Voraussetzungen für die wahre und richtige Geheimschulung, die ich gelegentlich, in Äußerungen über Steiners Pfad zum Übersinnlichen, scherzhaft, als den einzigen Weg zur Erleuchtung bezeichnet habe, der ohne Berufsstörung betreten werden kann. Unter großen Mühen und Anstrengungen wird der Bau des neuen Menschen, der alchimistische Prozeß der Verwandlung aufgeführt und gekrönt, als Rest- und Randerlebnis zu einem bestimmten höheren Erkenntnisgrad: die Begegnung mit den beiden Hütern der Schwelle, von Steiner geschildert, erscheint ...</p><h4>Schlußwort und Ausblick</h4><p>Die gedruckten Schriften Steiners, zusammen mit den Zyklen und Vorträgen, die Rudolf Steiner bis knapp an sein physisches 
      <a id="page408" name="page408" title="Wunibald/gary"/>Lebensende gehalten hat und die alle Gebiete der Erscheinungswelt erfassen und durchleuchten, stellen in ihrer Geschlossenheit ein ungeheures Gebäude dar, das nun von seinen Schülern, als den Trägern der Michaelssendung, im einzelnen auszuführen und zu vollenden ist. Sie bergen bei sich eine schier unübersehbare Fülle von Erkenntnissen, körperlicher, seelischer und geistiger Art, wie sie vorher kein anderer Menschheitsführer an das Erdengeschlecht heranbrachte und kein späterer heranzubringen vermag. Eine ganz neue zeitgemäße Kultur steigt unter dem belebenden Strahl seiner Geistessonne aus dem Chaos dieser entwurzelten und ratlosen Epoche, als deren hervorragendstes Merkmal die rapide Verdummung und Charakterverschlechterung des Europäers anzusehen ist. Hier liegt Stoff für die Arbeit kommender Jahrhunderte; hier stehen, plötzlich wie aus der Erde hervorgezaubert: eine neue Religion und Theologie, eine neue Naturwissenschaft, eine Philosophie der Ewigkeitswerte ohnegleichen, eine neue Heilkunst, eine neue Psychologie und Physiologie, eine neue Himmelskunde, eine neue Menschenkunde, eine neue Rechtsfindung, eine neue Erziehungslehre, eine neue Geologie und Pflanzenlehre, eine neue Geschichte, Geographie und Mathematik, die im wahren Sinne des Wortes, höhere Mathematik genannt zu werden verdient, eine neue Landwirtschaft, eine neue lebendige Schätzung der Kunst, eine neue Ethik und Ästhetik und nicht zuletzt eine neue Geologie und Rassenkunde. Das Wunder eines Geistes, der alle diese unermeßlichen Gebiete mit hellseherischen Sinnen zu erfassen und in einer gar nicht langen Lebensspanne von Grund auf in der Hauptsache an das Bewußtsein heranzubringen vermochte, ist so riesengroß und erschütternd, daß dem Geschlechte von heute nichts dagegen aufzubieten blieb als Ignoranz, Geringschätzung, Hohn, Mißverständnis und dunkler Fanatismus einer im Innersten ihres Wesens verwundeten Feindesschar. Eine große Menge erleuchteter und selbstlos der großen Arbeit an der Menschheit 
      <a id="page409" name="page409" title="Wunibald/gary"/>dienender Geister hat sich um das Banner der anthroposophischen Geisteswissenschaft, köstliche Ernte bergend und immer neue verheißend, gesammelt; den Hort hütend und stets neue Schätze aus dem Nachlaß ans Tageslicht fördernd, waltet Steiners Witwe, Marie Steiner, ihrer Sendung, und in jedem Augenblick dieses vielgestaltigen, verwirrenden und trostlosen Treibens ist es, als griffe Steiner aus den höheren Welten in das irdische Geschehen dieser Epoche und der kommenden Zeiten ein. Unberechenbare Impulse gehen von seiner Durchleuchtung des Christentums, seiner Lehre von den Hierarchien, von Luzifer und Ahriman, als den beiden Hauptquellen aller Täuschung, von Karma und Wiederverkörperung, vom Geiste der Evangelien, und von der Dreigliederung des sozialen Organismus als des einzigen Heilmittels gegen die sozialen Kämpfe unserer Epoche aus, das er einer verständnislosen und stumpf gewordenen Welt in einem kritischen Zeitpunkt an die Hand gab, ohne daß sich diese seiner zu bedienen wußte. In welcher anderen Weise und wo anders als im deutschen Volke, das fremde Kulturen und fremdes Geisttum wie sein eigenes Leben hegt und pflegt, hätte eine erhabene Gestalt, wie die Rudolf Steiners, erscheinen können, ohne Mißdeutungen zu begegnen? Wo anders wäre ein Bau, wie des Goetheanum in Dornach, nach geheimnisvoller Einäscherung neu erstanden, denkbar, als dort, wo es heute steht, eine Sendestation der seelischen und geistigen Welten für alle Arten von Wellen, deren Namen und Wesen die exakte Wissenschaft von heute gar nicht kennt. Wo anders sind Bücher möglich, wie Rittelmeyers »Begegnung mit Steiner« (eines der edelsten biographischen Dokumente der Weltliteratur), wie Beckhs Schriften über den kosmischen Rhythmus der Evangelien, wie Günther-Wachsmuths lebendige Lehrbücher von den ätherischen Bildekräften, wie Walter Johannes Steins »Neuntes Jahrhundert«, wie Poppelbaums Schriften über das Tierreich, wie E. H. Lauers einführende Schriften und Aufsätze, wie die 
      <a id="page410" name="page410" title="Wunibald/gary"/>Schriften der medizinischen Schule, der juristischen Klasse (Thieben), wie die Jahrbücher des »Gäa Sophia«, und unter den Zeitschriften wie »die Drei« und das »Goetheanum« und seine Beilage, ganz abgesehen von den herrlichen Evangelienerläuterungen Bocks und Rittelmeyers und ihrer Zeitschrift »die Christengemeinschaft«, als dem Organ eines neuen Apostolats, das die neuen Christen der freien Christengemeinschaft sammelt und dessen Kreise seit 1925, immer weiter und weiter ausgreifen, sterbende Formen religiösen Lebens umackernd und zu neuer Ernte bereitend. Goetheanum, Waldorfschule und »freie Christengemeinschaft« sind die drei Grundmaterien, aus denen die neue Menschheitskultur hervorgehen muß. Nur im Fluge habe ich, als ein dürftiges Rundgemälde, eine Gesamtansicht der Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit entwerfen können. Wer gehofft haben mag, in diesem einführenden Buche Anweisungen, Rezepte und Formeln zu zauberhaften Hantierungen zu finden, wird es vielleicht enttäuscht beiseite legen und lieber nach Traktätchen greifen, die unerhörte Wonnen versprechen, aber zugleich in unabsehbare Gefahren stürzen. Von Erneuerungen des Zauberwesens kann heute keine Rede mehr sein, sondern nur von klarer Einsicht in die übersinnlichen Welten, erworben durch ein übersinnliches Bewußtsein und kosmische Erfassung des Christus Jesus und des Christentums als einer mystischen Tatsache.</p><p>Dieses Buch, am Eingang zum Goethejahr erscheinend, will nichts anderes sein, als zugleich ein Führer durch das Labyrinth verneinender, im Wesen satanischer Erscheinungen. Es gibt so viel schwarze Magie in unserer sichtbaren Welt, daß hoch an der Zeit ist, das Wesen dieser schrecklichen, mit der tierischen Menschennatur tief verbundenen Praktiken an ihrem himmlischen und reinen Widerspiel in ihrer ganzen dämonenhaften Unnatur zu zeigen. Das Wort »γάρ χαιός εγγύς«, der Apokalypse entnommen, steht keineswegs etwa aus koketten, literarischen Gründen 
      <a id="page411" name="page411" title="Wunibald/gary"/>auf dem Titelblatt meines Buches, das als ein Leitfaden zur wahren Metaphysik, der prima philosophia, der philosophia perennis dienen möchte. Die Zeit ist nahe, da sich die Geister scheiden müssen, in solche, die an das Ghaos, die Masse und die Technik glauben und nur dieses wollen, und solche, deren Blick auf das Ewige im Menschen, auf die großen Gesetze und Pläne gerichtet ist, denen alles Erschaffene im Lichte der göttlichen Weisheit unterworfen bleibt. Ward das hochentwickelte Instrument des menschlichen Verstandes bisher dazu gebraucht, die Reste der Erinnerung an das Paradies endgültig zu verwischen, das Bewußtsein göttlicher Abkunft endgültig zu zerstören und durch sinnlose »Freidenkerei« die Quellen zu verschütten, aus denen die ewige Erkenntnis des Guten, Wahren und Schönen fließt, so ist nun die Stunde neuer Einsicht gekommen. Erneuerung des Menschen auf allen Wegen sendet ihre untrüglichen Zeichen in die Dunkelheit dieser drangvollen und schier hoffnungslosen Gegenwart! Als in den letzten Wochen Berichte über Erdbeben auftraten, die in Gegenden beobachtet wurden, wo man bis zum heutigen Tage keine Beben kannte, war die Stimme von Hellsehern zu hören, die kühn behaupteten, der wiedererscheinende Christus kündige sich auf diese Weise an. In jeder solchen Behauptung wohnt ein Pfund Irrtum neben einem Milligramm Wahrheit. Wahr ist, daß Erdbeben keine rein geologische, sondern eine geistig-moralische Tatsache sind, denn: die Erde als Leib des Christus Jesus, Hervorbringerin und Trägerin alles Lebens, eine tote Masse zu nennen, vermag nur eine geist- und lebensfremde Afterweisheit, die ihre »Offenbarungen« aus übler Verdauung und zerstörenden Getränken schöpft, eine Lehre des Niedergangs, des Abstiegs und der Fäulnis, empfangen vom unheiligen Ungeist haltloser Naturen. Unwahr aber ist, daß die Welt das Wiedererscheinen des Christus in neuer Körperlichkeit erwarten darf. Wer die Vorgeschichte des Mysteriums von Golgatha kennt, versteht, warum das so sein 
      <a id="page412" name="page412" title="Wunibald/gary"/>muß. Viermal, vor diesem Mysterium, geriet die Menschennatur in Gefahr, für immer zu verderben: nach dem »Sündenfall« der lemurischen Epoche, nach den Entartungen des Ätherleibes in einer späteren, und nach dem inneren Zerfall des astralischen Leibes in seine drei unabgestimmten Grundkräfte Denken, Fühlen und Wollen in einem noch späteren Zeitpunkt, der gleichfalls vor den Beginn unserer Zeitrechnung zu setzen ist; endlich, im Beginne unserer Zeitrechnung, da die Kräfte des Ichs die Entwicklung der Menschheit zu sprengen drohten. Die Geschichte Griechenlands und Roms, geistgemäß erfaßt, als ein Spiel der luziferischen und ahrimanischen Kräfte, ist ein Kolossalgemälde dieser ungeheuren Ichkrise. Wie dem immer wäre, in jedem dieser vier kritischen Zeitläufte ist der Mensch durch Christuskräfte vor dem sicheren Untergang ins Chaos bewahrt worden. »Der neue Adam, der in Christus erschienen ist«, wie ihn Paulus weissagt, wird sich zeigen, weil das in der Geschichte der Erde und der Menschheit begründet ist, aber er wird und kann nur in seiner ätherischen Leiblichkeit dem erleuchteten geistigen Auge offenbar werden. Der Zusammenhang der Paulusbriefe mit der Bhagavadghita, der Offenbarung des Krishna, gegeben am Ende der alten, lichten Epoche als Erinnerung an die verlorene Urweisheit der Menschenseele, und in ihrer wahren Natur erforscht durch Rudolf Steiner, weist mit deutlicher Schrift auf das große Geheimnis, in dessen Mittelpunkt die Geisteswissenschaft Steiners, die Michaelsgestalt rückt; Geisteswissenschaft, Wissen vom Menschen, Anthroposophie ist eine Michaelsbotschaft an das kommende johanneische Zeitalter. In seinem letzten Vortrag, den Rudolf Steiner, Michaeli 1924, hielt, wies er, als Abschiedsgruß gleichsam, noch einmal mit der ganzen magischen Kraft seines Seherwortes auf Michael, den mächtigsten Sendboten der Menschheit, hin. Was auf Golgatha in der Körperlichkeit des Christusjesus spielte, entrollt sich nun im Entwicklungsgange der Menschheit und, gerade in unserer Zeit, als eine neue 
      <a id="page413" name="page413" title="Wunibald/gary"/>Passionsfolge in einer höheren, ätherischen Körperlichkeit; diese Passionsfolge ist bis zur neuen Auferstehung gediehen, nur dem Michaelsbewußtsein sichtbar. Von diesen Dingen aber weht der geistige Wind den »natürlichen« und primitiven Hellsehern von heute hin und wieder eine Ahnung zu. Sie hören etwas läuten und predigen die Wiederkunft des Christus im Leben, vorangekündigt dadurch, daß die Erde wieder bebt, wie sie auf Golgatha bebte, als Christus am Kreuze starb.</p><p>In dieser Welt, die nicht mehr weiß, wohin sie sich wenden soll, tobt zur Zeit ein gigantischer Kampf um Gott auf dem ewigen seelisch-geistigen Schlachtfelde. Er scheint Leuten, die nur gelernt haben, die Oberfläche der Dinge zu sehen, als eine Sache, die sie nichts angeht, denn sie haben, wie man es vulgär ausdrückt, »andere Sorgen«, aber sie würden doch wahrscheinlich vor Schrecken starr werden, könnten sie mit geöffnetem geistigen Auge die wahren Streiter sehen, die in den übersinnlichen Welten gleichsam die höhere Oktave dieses Kampfes austragen. Mit Gottes Worten und Gebärden, mit den Ausdrucksmitteln, die von ihm stammen, zu sprechen: »es ist kein Gott!« gehört wohl zum übelsten aller Verhängnisse. Heißt es zu weit gehen, wenn man annimmt, daß der »Tank Atheist« sozusagen das Schluß- und Endsymbol jenes finsteren Zeitalters bedeutet, das mit diesem Jahrhundert und Jahrtausend abläuft? Was könnte noch Schlimmeres auf Erden geschehen, als daß man die Quintessenz aller entsetzlichen Handlungen, vom Menschen am Menschen durch viele Jahrtausende begangen, in die einfache, fast exakte mathematische Formel zusammenfaßt: »es ist kein Gott!?« So daß also nichts anderes zu tun bliebe, als in den Lärm und Gestank entarteter Zeiten mit aller Macht hineinzurufen: »Haltet ein, Gott lebt!« Woher man aber die Kraft nimmt, das zu tun und ein Mensch zu bleiben unter Millionen von Unmenschen, das lieber Leser, lehrte von Anbeginn und lehrt noch immer, bis Heute: die Geheimwissenschaft! 
      <a id="page414" name="page414" title="Wunibald/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap011"><h3>Anhang
      <br/> Schematische Zusammenfassung der Geheimwissenschaft
      <br/> (nach Rudolf Steiner und seiner Schule)</h3><h4>A.
      <br/> Grundriß des Menschen und der Körperwelt.</h4><p>In 
      <i>dreifacher Art</i> ist der Mensch mit den Dingen der Welt verbunden: durch
      <br/><i>Leib, Seele und Geist;</i></p><p>durch den 
      <i>Leib</i> offenbaren sich ihm die Dinge der Um- und Außenwelt;</p><p>durch die 
      <i>Seele</i> verbindet er die Dinge mit seinem eigenen Dasein, unter 
      <i>Gefühlen</i> des Wohlgefallens oder Mißfallens, der Lust oder Unlust, der Freude oder des Schmerzes;</p><p>durch den 
      <i>Geist</i> erfaßt er die Gesetze der Natur und des Daseins, offenbart sich ihm eine Welt, die über die beiden anderen erhaben ist.</p><p> </p><p>Die 
      <i>Elemente</i><i>Leibes</i> sind den 
      <i>drei Daseinsformen: Stein, Pflanze</i> und 
      <i>Tier</i> entnommen;</p><p>eine 
      <i>vierte</i> Daseinsform, die 
      <i>menschliche</i>, kommt 
      <i>nur</i> dem Menschen zu.
      <br/> Es gibt also 
      <i>vier</i> Erdreiche:
      <br/><i>Stein, Pflanze, Tier</i> und 
      <i>Mensch</i>,
      <br/> sichtbar in der 
      <i>sichtbaren Welt</i>.</p><p><i>Seelisch</i> sind die
      <br/><i>Sinnesempfindung</i>;
      <br/> das 
      <i>Gefühl</i> (Lust, Unlust; Sympathie, Antipathie; Freude und Leid);
      <br/> der 
      <i>Wille</i>, durch den der Mensch auf die Außenwelt wieder zurückwirkt;</p><p><i>Geistig</i> ist:
      <br/> der 
      <i>Gedanke</i>, ein Gebilde höherer Ordnung; den 
      <i>Denkgesetzen</i> unterwirft sich der Mensch selbst.</p><p> </p><p><a id="page415" name="page415" title="JohannN/gary"/></p><p>Der 
      <i>Leib</i> ist die 
      <i>Grundlage</i> für das 
      <i>Seelische</i>; das 
      <i>Seelische</i> die 
      <i>Grundlage</i> für das 
      <i>Geistige</i>.</p><p>Mit dem 
      <i>Leib</i> hat es der 
      <i>Naturforscher</i>, mit der 
      <i>Seele</i> der 
      <i>Seelenforscher</i> (Psychologe), mit dem 
      <i>Geist</i> der 
      <i>Geistesforscher</i> zu tun.</p><p class="centerbig"><b>Der siebengliedrige Mensch.</b></p><p>I. 
      <i>Physischer</i><i>Leib</i>;</p><p>II. 
      <i>Ätherleib</i> (Lebensleib, Bildekräfte-Leib);</p><p>III. 
      <i>Astralleib</i> (Seelenleib);</p><table cellpadding="5" cellspacing="0"><tr><td><p>IV. Ich</p></td><td><i>Empfindungs</i>-
          <br/><i>Verstandes</i>-
          <br/><i>Bewußtseins</i></td><td>– Seele</td></tr></table><p>V. 
      <i>Manas</i> (Geistselbst);</p><p>VI. 
      <i>Buddhi</i> (Lebensgeist);</p><p>VII. 
      <i>Atman</i> (
      <i>Geistmensch</i>).</p><p> </p><p class="centerbig">I.</p><p>Der 
      <i>physische Leib</i> ist der mineralische, dem Denken entsprechende, seiner Aufgabe gemäß gebildete Bau; er entsteht durch 
      <i>Fortpflanzung</i> und erhält seine Gestalt durch das 
      <i>Wachstum</i>; 
      <i>Fortpflanzung</i> und 
      <i>Wachstum</i> hat der Mensch mit 
      <i>Pflanze</i> und 
      <i>Tier</i> gemeinsam; die 
      <i>Form</i> alles Lebendigen pflanzt sich durch 
      <i>Vererbung</i> fort; Lebendiges entsteht aus Lebendigem durch den 
      <i>Keim</i>; die 
      <i>Art</i> wird durch die Zusammenfügung der Stoffe bestimmt; die 
      <i>artbildende Kraft</i> kann 
      <i>Lebenskraft</i> genannt werden; die 
      <i>Lebenskraft</i> bleibt den Sinnen verborgen, wahrnehmen kann sie nur, wer das 
      <i>geistige</i> Auge dafür erwirbt und ausbildet.</p><p class="centerbig">II.</p><p>Der 
      <i>Ätherleib</i> ist die 
      <i>lebenerfüllte Geistgestalt</i>, deren 
      <i>Elemente</i> der 
      <i>Lebenswelt</i> entnommen sind; er ruft die Kräfte des physischen Leibes zum Leben auf; er bewahrt den physischen Leib in jedem Augenblicke des Lebens vor dem Zerfall; durch seine Hinordnung auf den denkenden Geist unterscheidet sich der Ätherleib des Menschen von dem der Pflanze und des Tieres. Äther bedeutet nicht etwa den Stoff der Physik, sondern eine höhere geisterfüllte Stofflichkeit; Leib bedeutet Gestalt und Form, also nicht etwa einen Leib im Sinne einer Körperform; dem geistigen Auge erscheint der Ätherleib als 
      <i>rötlichblaue Lichtform</i>, als ein Schemen, der glänzt und leuchtet und in der Farbe der jungen Pfirsichblüte ähnelt. 
      <a id="page416" name="page416" title="JohannN/gary"/></p><p class="centerbig">III.</p><p>Der 
      <i>Astralleib</i>, bei Tier und Mensch (die Pflanze hat ihn nicht), ist der Seelen-, Begierde-Trieb und Leidenschaftsleib, sichtbar für das geistige Auge als eiförmige Wolke, in der physischer Leib und Ätherleib stehen, erfüllt mit beständiger innerer Beweglichkeit (Aura); die Aura offenbart die Temperamente und Grundstimmungen, das Naturell des Menschen.</p><p>In der menschlichen</p><p class="center"><i>Aura</i></p><p>kommen die Gedankenformen zum Ausdruck; in ihr fluten 
      <i>Grundfarbentöne</i> (je nach Talent, Gewohnheit, Charakter) und zahlreiche 
      <i>einzelne Farbentöne</i>; hier wird die Farbe zum seelischen Erlebnis.</p><p>Bei starker, 
      <i>animalischer Triebhaftigkeit</i> zeigen sich an 
      <i>bestimmten Stellen</i> der 
      <i>Aura braune</i> und 
      <i>rötlichgelbe</i> flutende Farbentöne.</p><p>Sind Gedanken und geistige Elemente bei dieser Triebhaftigkeit vorhanden, so tritt 
      <i>hellgelberes Rot</i> und 
      <i>Grün</i> auf.</p><p>Kluge, aber sinnliche Menschen weisen viel 
      <i>Grün</i> in ihrer Aura auf, mit stärkerem oder schwächerem Anflug von 
      <i>Braun</i> und 
      <i>Braunrot</i>.</p><p>Ruhige, abwägende und nachdenkliche Menschen zeigen überwiegend 
      <i>Grün</i>; angestrengtem Denken entspricht ein schöner grüner Grundton.</p><p>Hingebungsvolle Seelenstimmungen treten in 
      <i>blauen Farbentönen</i> zutage; gutes Gemüt glimmt in schönem Blau.</p><p>Erfinderische Köpfe mit starken sinnlichen Leidenschaften zeigen dunkelblaurote Nuancen.</p><p>Selbstlose Gedanken haben hell-rotblau.</p><p>Aufopferungsfähige Naturen rosarot und hellviolett.</p><p>Starke Erregung infolge äußerer Eindrücke zeigen sich als beständiges Aufflackern kleiner blaurötlicher Punkte und Flecken in der Aura.</p><p>Ruhige, matte Empfindung: orangegelbe oder klar gelbe Punkte und Flecken.</p><p>Zerstreutheit: bläulich ins Grüne spielende Flecke von wechselnder Form.</p><p>Man unterscheidet in der</p><p class="center"><i>menschlichen Aura</i></p><p><i>drei</i> Gattungen von Farben:</p><p>1. den Raum wie Nebel durchziehende, ihn undurchsichtig machende;</p><p>2. Farben, die ganz licht sind, den Raum durchhellen und mit Glanz erfüllen;</p><p>3. strahlende, funkelnde, farbenglitzernde, die, in unaufhörlicher Bewegung, sich, gleichsam aus sich selbst, immer wieder erneuern.</p><p>Alle drei Farbenarten durchdringen sich in der menschlichen Aura in der mannigfaltigsten Weise. Nicht jeder Seher ist für alle drei Farbengesichte 
      <a id="page417" name="page417" title="JohannN/gary"/>entwickelt; in der 
      <i>dreifachen Aura</i> offenbaren sich 
      <i>Leib</i>, 
      <i>Seele</i> und 
      <i>Geist</i>.</p><p>Die 
      <i>erste Aura</i>: ein Spiegelbild des Einflusses, den der Leib auf die Seele des Menschen ausübt.</p><p>Die 
      <i>zweite</i> kennzeichnet das Eigenleben der Seele.</p><p>Die 
      <i>dritte</i> spiegelt den Grad der Herrschaft, den der ewige Geist über den vergänglichen Menschen auszuüben begonnen hat.</p><p>Die 
      <i>erste Aura</i> hat oft schreiende, förmlich lärmende Farbentöne.</p><p>Die 
      <i>zweite</i> hat nur spärliche und schwache Farbenbildung.</p><p>Die 
      <i>dritte</i> bleibt auf glitzernde Farbenfünkchen beschränkt.</p><p class="centerbig">IV.</p><p>Im 
      <i>Ich (Ichkern)</i> faßt der Mensch alles zusammen, was er als leibliche und seelische Wesenheit erlebt; Leib und Seele sind Träger des Ichs, das in ihnen wirkt; das Ich ist der Mittelpunkt der Seele, es birgt die eigentliche Wesenheit des Menschen; mit seinem Ich ist der Mensch ganz allein; Leib und Seele sind nur die »Hülle« des Ichs; jedes Ich kann nur sich selbst wiederum Ich nennen; offenbaren sich am 
      <i>Körper</i> die 
      <i>Empfindungen</i>, so hat die Offenbarung des Geistigen den Namen 
      <i>Intuition</i>; Offenbarungen aus dem Geiste werden durch das Ich empfangen; die geistige Welt mit ihren geistigen Stoffen und Kräften baut sich den 
      <i>Geistkörper</i> auf, darin das Ich leben kann.</p><p>Im 
      <i>Ichkern</i> tätig sind:</p><table cellpadding="5" cellspacing="0"><tr><td>die 
          <i>Verstandes</i>-
          <br/>die 
          <i>Empfindungs</i>-
          <br/>die 
          <i>Bewußtseins</i></td><td>– Seele</td></tr></table><p>Die 
      <i>Empfindungsseele</i>, ebenso wirklich wie der physische Körper, ist der Quell der Empfindungstätigkeit; sie hängt in ihrer 
      <i>Wirkung</i> vom Ätherleib ab, aus dem sie die Empfindung hervorholt, und durch den Ätherleib ist sie vom Leibe mittelbar abhängig; ein Teil des Ätherleibes in seiner feineren Struktur bildet eine Einheit mit der Empfindungsseele, der gröbere eine Art Einheit mit dem physischen Leib; zwischen physischem Leib und Ätherleib einerseits und Empfindungsseele ist der Astralleib eingeschoben, der von der Empfindungsseele überragt wird; er birgt anschließend an die Empfindungen die Gefühle der Lust und Unlust, die Triebe, Instinkte und Leidenschaften.</p><p>Die 
      <i>Verstandesseele</i> (Gemütsseele, Gemüt) ist die vom 
      <i>Denken</i> bediente Seele; sie durchdringt die Empfindungsseele; durch sein 
      <i>Denken</i> rührt der Mensch an die Denkgesetze, die in Übereinstimmung mit der Weltordnung sind; er erzieht durch sein Denken das 
      <i>Wahre</i> und das 
      <i>Gute</i>, als von Neigung und Leidenschaft unabhängige Wesenhaftigkeiten. 
      <a id="page418" name="page418" title="JohannN/gary"/></p><p><i>Bewußtseinsseele</i> wird genannt, was als 
      <i>Ewiges</i> in der Seele aufleuchtet; sie birgt den Kern des menschlichen Bewußtseins, sie ist die Seele in der Seele; wird die Verstandesseele noch von Trieb und Affekt getrübt, so lebt in der Bewußtseinsseele das 
      <i>Wahre</i>.</p><p class="centerbig">V.</p><p>Das 
      <i>Geistselbst</i>, als niedrigstes Glied des höheren Menschen, ist die 
      <i>Offenbarung</i> der 
      <i>geistigen Welt</i> innerhalb des 
      <i>Ichs</i> und entspricht damit der Sinnesempfindung innerhalb der physischen Welt, die eine Offenbarung der physischen Welt innerhalb des Ichs ist; offenbart sich die physische Welt dem Ich durch Sinnesempfindungen, so offenbart sich, durch 
      <i>Geistselbst</i>, als 
      <i>Intuition</i>, das 
      <i>Wahre</i> und 
      <i>Gute</i>, das in der geistigen Welt zu Hause ist; hätte der Mensch ohne Auge keine Farbenempfindungen, so bliebe ohne das höhere Denken das Geistselbst, des Menschen, ohne Intuition.</p><p class="centerbig">VI.</p><p><i>Lebensgeist</i> bezeichnet, dem Ätherleib des physischen Menschen entsprechend, den Äthergeist des höheren Menschen.</p><p class="centerbig">VII.</p><p><i>Geistmensch</i> endlich ist die im Geistkörper (in der Geisthülle) lebende, von Intuitionen bediente, selbständige geistige Wahrheit.</p><p> </p><p>Das Ich ist sonach der Umschaltort für die Entwicklung zum höheren Menschen, der gleichsam eine Umstülpung des niederen Menschen darstellt.</p><table cellpadding="5" cellspacing="0"><tr><td width="50%">I. Physischer Leib,
          <br/> II. Ätherleib,
          <br/> III. Astralleib,</td><td>IV. Geistselbst.
          <br/> V. Lebensgeist,
          <br/> VI. Geistselbst,</td></tr><tr><td align="center" colspan="2">Ichkern</td></tr></table><p>Wie diese Entwicklung des Menschen in die Weltentwicklung eingeordnet ist, zeigt das Schema der letzteren, weiter unten.</p><p><i>Unser gegenwärtiges Zeitalter ist in der Entwicklung der Bewußtseinsseele und im Übergang zum Geistselbst begriffen</i>.</p><p> </p><p>Die 
      <i>Empfindungsseele</i> entspricht dem 
      <i>Nephesch</i>, die 
      <i>Verstandes-</i> oder 
      <i>Gemütsseele</i> dem 
      <i>Ruach</i> und die 
      <i>Bewußtseinsseele</i> der 
      <i>Neschuma</i> der Kabbala. 
      <a id="page419" name="page419" title="JohannN/gary"/></p><h4>B.
      <br/><i>Grundriß der dem Menschen übergeordneten Wesenheiten der seelisch-geistigen Welten</i>.</h4><p>Der Mensch ist buchstäblich im Sinne der Stufen, die aus dem Irdischen der seelisch-geistigen Welt zuführen, die »Krone der (irdischen) Schöpfung«. 
      <i>Leib</i>, 
      <i>Seele</i> und 
      <i>Geist</i> machen ihn zu einem Bürger dreier Welten. Im 
      <i>Seelen-</i> und 
      <i>Geisterland</i> weben und wirken 3 x 3 
      <i>Gruppen von Wesenheiten</i>, die im Sinne des 
      <i>Dionysios Areopagita</i><i>Hierarchien</i> genannt werden.</p><p>Die Stufenleiter zur 
      <i>göttlichen Trinität</i>, vom Menschen aus gerechnet, umfaßt:</p><p class="centerbig">I (von oben III).</p><p><i>Engel</i> (Angeloi), die erste Stufe über den Menschen; Lenker des Einzelkarmas;</p><p><i>Erzengel</i> (Archangeloi), Feuergeister, Völker- und Rassengeister im geistigen, nicht im niederen politischen Sinne;</p><p><i>Archai</i> (Geister der Persönlichkeit): Zeitgeister, in ihrer Zusammenfassung 
      <i>Zeitgeist</i>.</p><p class="centerbig">II (von oben II).</p><p><i>Gewalten</i> (Exusiai, Potentates): Erhalter und Bewahrer des Bestehenden;</p><p><i>Mächte</i> (Dynameis, Virtutes, Tugenden): Geister der 
      <i>Bewegung</i>;</p><p><i>Herrschaften</i> (Kyriotetes, Dominationes): Geister der Weisheit;</p><p class="centerbig">III (von oben I).</p><p><i>Throne</i>: Werkvollstrecker, Vermittler des Göttlichen;</p><p><i>Cherubime</i>: Geister der höheren Einsicht, Ausbauer der Weisheit der nächsthöheren Stufe, der:</p><p><i>Seraphime</i>: Übernehmer der höchsten Ideen und Absichten, empfangen aus der</p><p class="center"><i>Trinität</i>.</p><p><i>Engel</i>, 
      <i>Erzengel</i> und 
      <i>Archai</i> bilden gewissermaßen, dem 
      <i>Mond</i>, dem 
      <i>Merkur</i> und der 
      <i>Venus</i> bereichhaft zugeordnet, eine 
      <i>irdische Hierarchie</i>;</p><p><i>Gewalten</i>, 
      <i>Mächte</i> und 
      <i>Herrschaften</i> sind geistige Hierarchien im okkulten Sinne, 
      <i>Sonne</i>, 
      <i>Venus</i> und 
      <i>Jupiter</i> zugeordnet.</p><p><i>Throne</i>, 
      <i>Cherubime</i> und 
      <i>Seraphime</i> mittelbar göttliche Hierarchien. Von ihnen sind die Throne dem 
      <i>Saturn</i> zugeordnet; mit 
      <i>Cherubimen</i> und 
      <i>Seraphimen</i>, als gleichsam gänzlich außerweltlich, können 
      <i>Uranus</i> und 
      <i>Neptun</i> als verknüpft angesehen werden. 
      <a id="page420" name="page420" title="JohannN/gary"/></p><h4>C.
      <br/> Grundriß der drei Welten.</h4><p>Die Geisteswissenschaft spricht in ganz bestimmter Weise von
      <br/><i>drei Welten:
      <br/></i><i>physisch-materiellen</i>,
      <br/> von der 
      <i>Seelenwelt</i> und
      <br/> von der 
      <i>Geistwelt</i>.</p><p class="centerbig"><b>I.
        <br/> Die physisch-materielle Welt ist der Schauplatz aller Menschen.</b></p><p class="centerbig">II.
      <br/><i><b>Die seelische Welt</b></i></p><p><i>Zwischenreich</i>, 
      <i>Kamaloka</i>, 
      <i>Fegefeuer</i><br/> betritt der Mensch nach dem Tode; sie umfaßt 
      <i>sieben Regionen</i>:</p><p>1. die Region der Begierdenglut,
      <br/> 2. der fließenden Reizbarkeit,
      <br/> 3. des Wunschlebens (der Wünsche),
      <br/> 4. der Lust und Unlust,
      <br/> 5. des Seelenlichtes,
      <br/> 6. der tätigen Seelenkraft und
      <br/> 7. des Seelenlebens.</p><p>Die 
      <i>drei ersten Regionen</i> erhöhen »die Eigenschaften ihrer Seelengebilde aus dem Verhältnisse von Sympathie und Antipathie«; »durch die 
      <i>vierte</i> webt die Sympathie innerhalb der Seelengebilde selbst; durch die 
      <i>drei höheren</i> wird die Kraft der Sympathie immer freier und freier; leuchtend und belebend durchwehen die Seelenstoffe dieser Regionen den Seelenraum.</p><p class="centerbig">III.
      <br/><i><b>Das Geisterland</b></i></p><p>ist aus dem »Geiststoff« gewoben, der den 
      <i>Gedanken</i> trägt; es ist die Region der 
      <i>geistigen Urbilder</i>, die hier als schaffende Wesenheiten auftreten; wird die seelische Welt von Bildern durchzogen, so werden die Urbilder der geistigen Welt auch klingend und tönend wahrgenommen. Auch hier gibt es 
      <i>sieben Regionen</i>:</p><p>1. Vergleichbar dem festen Land unserer physischen Erde, enthält die 
      <i>Urbilder</i> der 
      <i>physischen Welt</i>, sofern diese nicht mit 
      <i>Leben</i> begabt sind; 
      <a id="page421" name="page421" title="JohannN/gary"/></p><p>2. die 
      <i>zweite Region</i> enthält die 
      <i>Urbilder des Lebens</i>, das hier eine vollkommene Einheit bildet; sie wird, den Meeren und Gewässern der irdischen Erde vergleichbar, von flüssigem Element durchströmt und durchblutet;</p><p>3. Die 
      <i>dritte Region</i> des Geisterlandes ist der 
      <i>Luftkreis</i> des 
      <i>Geisterlandes</i> mit seinem sanften Hauch, seinen Stürmen und leidenschaftlichen Ausbrüchen.</p><p>Die drei ersten Regionen beziehen sich noch unmittelbar auf die anderen Welten.</p><p>4. Die 
      <i>vierte Region</i> ordnet und gruppiert die Urbilder der drei unteren Regionen.</p><p>5, 6 und 7. Die fünfte, sechste und siebente Region liefern den Urbildern der unteren Regionen die Impulse (Antriebe) für ihre Tätigkeit; hier liegen die Urkeime für geistige »Absichten« der mannigfaltigsten Art; hier ertönt die »geistige Sprache«.</p><p>Eine Einteilung der 
      <i>drei Welten</i> in 
      <i>Körperwelt</i>, 
      <i>Astralwelt</i> und 
      <i>unteres</i>, beziehungsweise 
      <i>oberes Devachan</i> ergibt folgendes Schema:</p><p>Der 
      <i>Mensch</i> hat phys. Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich in der 
      <i>physischen</i> Welt;</p><p>das 
      <i>Tier</i> hat phys. Leib, Ätherleib und Astralleib in der physischen Welt, sein Gruppen-Ich oben in der Astralwelt;</p><p>die 
      <i>Pflanze</i> hat phys. Leib und Ätherleib in der physischen, Astralleib in der astralischen, Ich in der unteren devachanischen Welt;</p><p>das 
      <i>Mineral</i> hat den phys. Leib in der physischen Welt, den Ätherleib in der astralischen, den Astralleib im unteren, das Ich im oberen Devachan.</p><h4>D.
      <br/> Schema des Weltenzyklus und seiner Entwicklungsstufen.</h4><p>Die 
      <i>Geisteswissenschaft Steiners</i> veröffentlicht das nachstehende 
      <i>Schema der Weltentwicklung</i>:</p><p>Unserer gegenwärtigen 
      <i>Erde</i> als planetarischem Zustand sind 
      <i>drei große kosmische Zustände</i> vorangegangen: 
      <i>Mondzustand</i>, 
      <i>Sonnenzustand</i> und 
      <i>Saturnzustand</i>;</p><p><i>drei</i> werden ihr folgen: 
      <i>Jupiter</i>, 
      <i>Venus</i>, 
      <i>Vulkan</i>;</p><p>der 
      <i>Zyklus</i>, der mit dem 
      <i>alten Saturn</i> begann, schließt mit dem 
      <i>Vulkan</i> äußerlich ab und umfaßt sonach
      <br/><i>sieben kosmische Zustände (Bewußtseinszustände)</i>,
      <br/> innerhalb deren sich die menschliche Entwicklung vollzieht, die menschliche Bestimmung erfüllt.</p><p><a id="page422" name="page422" title="akling/gary"/></p><p>Die Entwicklung wies und weist zwischen jedem dieser kosmischen Zustände 
      <i>gewisse Unterbrechungen
      <br/></i> auf, die als 
      <i>geistige Zwischen</i>-, 
      <i>Verarbeitungs</i>- und 
      <i>Verwandlungszustände</i> aufzufassen sind; Zustände der 
      <i>äußerlichen Entfaltung des Lebens</i> wechseln mit dazwischenliegenden 
      <i>Ruhezuständen</i>; offenen Kreisläufen folgen verborgene; ein Gleichnis dieser Art sind 
      <i>Wachen</i> und 
      <i>Schlaf</i> des 
      <i>Menschen</i>.</p><p class="centerbig">Die Entwicklung bis zum Erdenzustand:
      <br/> Der alte Saturn.</p><p>Zustand der 
      <i>Wärme</i>, aus einem rein geistigen, wesenhaften, nichträumlichen Vorzustand nach dem »Erwachen« der Trinität unter Mitwirkung höherer Hierarchien entwickelt; Wärmeätherzustand; der 
      <i>Wärmeäther</i>: eine 
      <i>ausdehnende</i>, in der Form 
      <i>sphärische</i> Bildekraft; Ätherfarbe: dunkelrot; Ausbildung des physischen Leibes des Menschen; verläuft in sieben, von geistigen Wesenheiten eingeleiteten kleineren Kreisläufen; an ihr sind tätig:</p><p>1. Geister der 
      <i>Willens</i>, 
      <i>Throne</i>; Keime des physischen Leibes schaffend;</p><p>2. 
      <i>Herrschaften</i>: weisheitsvoller Ausbau des Keimes;</p><p>3. Geister der 
      <i>Bewegung</i>; Einpflanzung der krafterfüllten Wirksamkeit;</p><p>4. Geister der 
      <i>Form</i>; bewegte, plastische Form des Menschenkeimes;</p><p>5. Geister der 
      <i>Persönlichkeit</i>; Beseelung der Form, Anfänge der Sinnesorgane; Grundlegung des Persönlichen;</p><p>6. Geister des 
      <i>Feuers</i>, Archangeloi; Belebung der Keime, Aufleuchten des Menschenkeimes (unter Offenbarung der Seraphime);</p><p>7. Geister des Zwielichtes, der Dämmerung: Engel. Keime des Verstandes im Menschenkeim (unter Offenbarung der Cherubime).</p><p>Vom siebenten Kreislauf an beginnen die 
      <i>Throne</i> sich zu offenbaren, die eigentlichen »Schöpfer des Menschen«. Keime des 
      <i>Atman</i> (Geistmenschen) setzen mit Hilfe der 
      <i>Throne</i> ein.</p><p>Saturnbewußtsein des Menschen: dumpf, ganz dunkel, träum- und bewußtlos nach Art des 
      <i>Gesteines</i>.</p><p><i>Geistig-wesenhafter, nichträumlicher Zwischenzustand</i></p><p>(er birgt gleichsam den Samen des Saturnmenschen, bestimmt, sich zum Sonnenmenschen zu entfalten).</p><p class="centerbig">Die alte Sonne.</p><p>Zustand des 
      <i>Lichtes</i>; Lichtätherzustand, aus dem Wärmeäther hervorgegangen, formbildnerisch: dreieckig, in der Raumbildung zentrifugal, im bewirkten Zustand 
      <i>gasförmig</i>; Farbe: lichtgelb; Zustand der 
      <a id="page423" name="page423" title="GMvdH/gary"/>Umwandlung des Saturnbewußtseins in das Sonnenbewußtsein des traumlosen ruhigen Schlafes nach Art der 
      <i>Pflanze</i>; hier wiederum 7 kleinere Kreisläufe:</p><p>1. Wiederholung des physischen Menschenkeimes in etwas veränderter Form;</p><p>2. Aufströmung des Lichtäthers, der den Wärmezustand bis an die Ränder verdrängt und treibt, doch, mit Wärmeäther gemischt, bleibt; Arbeit der 
      <i>Geister</i> der 
      <i>Weisheit</i>;</p><p>3. Weiterarbeit der 
      <i>Geister</i> der 
      <i>Bewegung</i> an dem Menschenkörper;</p><p>4. 
      <i>Anfänge des Einbaues eines Ätherleibes im keimhaften Zustande, dank den Geistern der Form;</i></p><p>5. Verstärkung der Selbstheit im Menschenkörper, dank den 
      <i>Geistern der Persönlichkeit;</i></p><p>6. Fortschritte des physischen Leibes, dank den 
      <i>Geistern</i> des Feuers; 
      <i>Buddhi!</i> (Lebensgeist durch die 
      <i>Cherubime</i>.)</p><p>7. Arbeit der Geister des Feuers am Ätherkörper des Menschen; Arbeit der 
      <i>Engel</i> am physischen Leib.</p><p>Am Ende des 7. Kreises ist die 
      <i>menschliche Monade</i> fertig; vom 
      <i>vierten Kreislauf</i> beginnt der Mensch, der im Verlaufe des 6. Kreislaufes 
      <i>selbst</i> an seinem 
      <i>physischen Leib arbeitet</i>.</p><p>Eintritt des zweiten geistigen Ruhe- und Zwischenzustandes seit der 
      <i>menschlichen</i> Monade als Keim. Wiederholter Wärmeätherzustand + Lichtätherzustand.</p><p class="centerbig">Der alte Mond.</p><p>Chemischer Zustand (Klangätherzustand), Farbe blau (mit Lichtäther, gelb); und Wärmeätherrandkreisen (rot),
      <br/> in der Raumbildung 
      <i>saugend</i> in der Formbildung 
      <i>halbmondförmig</i>, im bewirkten Zustand 
      <i>flüssig</i>. Wiederum 7 Kreisläufe:</p><p>1. u. 2. Entwicklung des 
      <i>Bilderbewußtseins</i> mit symbolisch-sinnbildlichem Charakter; Wiederholung des 
      <i>Sonnen</i>- und Saturnzustandes, Vorbereitung der Mondenentwicklung des Menschen;</p><p>3. 
      <i>Auftreten des Astralleibes in der Monade</i>, dank der Arbeit der 
      <i>Geister der Bewegung;</i></p><p>4. 
      <i>gleichzeitig spaltet sich vom wiedererwachten Sonnenkörper der alte Mond ab und umkreist den Sonnenrest;</i></p><p>5. 
      <i>Einzug der Engel in den physischen Leib des Menschen; der Mensch zu seiner Menschenstufe erhoben;</i></p><p>6. 
      <i>der Astralleib erwirbt, dank der Arbeit der Geister der Persönlichkeit, Selbständigkeit;</i></p><p>7. 
      <i>dumpfe Weiterarbeit des Menschen an seinem physischen Leibe;</i> zur 
      <i>Monade</i> tritt der Keim des künftigen »
      <i>Geistselbst</i>« (
      <i>Manas</i>). 
      <a id="page424" name="page424" title="akling/gary"/></p><p>Im 
      <i>Ätherleib</i> des 
      <i>Menschen</i> entwickelt sich die Empfindung von 
      <i>Lust</i> und 
      <i>Leid</i>, allerdings beides mehr 
      <i>passiven Charakters</i>; im 
      <i>Astralleib</i> erwachen die 
      <i>Keime der Affekte</i> (Zorn, Haß), 
      <i>Instinkte</i>, 
      <i>Leidenschaften</i>. 
      <i>Mineral</i> (Saturnzeit) und 
      <i>Pflanze</i> (Sonnenzeit) werden auf eine niedrigere Stufe herabgedrückt; das Tierreich tritt auf, in dessen Schoße sich der Mensch befindet.</p><p> </p><p>Im darauffolgenden 
      <i>Ruhezustand</i> nähern sich 
      <i>alte Sonne</i> und 
      <i>alter Mond</i> und 
      <i>vereinigen sich</i> wieder zu einem 
      <i>Ganzen</i>; das Erscheinen der 
      <i>Erde bereitet</i> sich darin 
      <i>vor</i>; desgleichen Wiederholungen der vorangegangenen Zustände: Wärme-, Licht- und Klangätherzustand.</p><p class="centerbig">Die Erde;</p><p>oder der Einzug des Ichs in die Menschenwesenheit.</p><p><i>Lebensätherzustand</i>, Farbe pfirsichrot (mit 
      <i>blauen</i>,
      <i>gelben</i> und roten 
      <i>Mischungs-Randkreisen</i>); der 
      <i>Lebensäther</i>: in der Raumbildung zentripetal, in der Formbildung viereckig, in der Wirkung 
      <i>fest</i>. Haben sich auf dem alten 
      <i>Saturn</i> die Keime zum 
      <i>Geistmenschen</i> (Atman), auf der alten 
      <i>Sonne</i> die Keime zum Lebensgeist (Budhi), auf dem alten 
      <i>Mond</i> die 
      <i>Keime</i> zum 
      <i>Geistselbst</i> (
      <i>Manas</i>) entwickelt, so bestehen jetzt, im Beginne des 
      <i>Erwachens</i> zur 
      <i>Erde</i>, 
      <i>zweierlei Menschenursprünge</i>:</p><p>ein 
      <i>niederer Mensch</i>, bestehend aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib, und
      <br/> ein 
      <i>höherer Mensch</i>, bestehend aus Geistmensch, Lebensgeist und Geistselbst; die niedere wie die höhere Menschennatur gehen getrennte Wege.</p><p>Die 
      <i>Erdentwicklung</i> hat den Sinn, den 
      <i>niederen</i> mit dem 
      <i>höheren Menschen zu vereinigen</i>.</p><p>Auch hier wiederum 7 
      <i>Kreisläufe</i>:</p><table cellpadding="3" cellspacing="0"><tr><td>1. Wiederholung der Saturn-
          <br/>2. Wiederholung der Sonnen- und
          <br/>3. Wiederholung der Monden-</td><td>-zeit</td></tr></table><p><i>Sonne und Mond spalten sich neuerlich</i>; auf dem abermals abgespaltenen 
      <i>Mond</i> nehmen die Wesenheiten ungefähr wieder dieselbe 
      <i>Daseinsart</i> an, die sie schon auf dem alten Monde hatten. Die ganze Situation gestaltet sich von da ab anders, als bei den früheren planetarischen Zuständen. Während des 3. Kreislaufes 
      <i>verhärten</i> sich die 
      <i>Gesteine</i>, die Pflanzen verlieren ihre tierartige Empfindlichkeit und aus dem 
      <i>einheitlichen Menschen-Tierschema</i> entwickeln sich nach und nach 
      <i>zwei Klassen</i>: mit einem 
      <i>niederen</i> und einem 
      <i>höheren</i> Astralleib; an dem höheren Typus Astralleib arbeiten die 
      <a id="page425" name="page425" title="wolfeh/gary"/>Geister der Persönlichkeit, die diesem 
      <i>Selbständigkeit</i> und 
      <i>Selbstzucht</i> einpflanzen, an dem 
      <i>niederen</i> die 
      <i>Feuergeister</i>, am Ätherleib die Geister des Zwielichtes (Engel) und am 
      <i>physischen Leib jene Kraftwesenheit</i>, die als ein eigentlicher Menschenvorfahr bezeichnet werden kann und der man die Ausbildung von Atman, Buddhi und Monos zuzuschreiben hat; die Wesenheiten, die dabei behilflich waren (Throne, Cherubime und Seraphime), steigen zu viel höheren Sphären auf; der geistige Mensch erhält nun den Beistand der 
      <i>Geister</i> der 
      <i>Weisheit</i>, der 
      <i>Bewegung</i> und der 
      <i>Form</i>, die nun mit Atman, Buddhi und Manas (Geistmensch, Lebensgeist und Geistselbst) vereinigt sind. Die Arbeit dieser Wesenheiten gestaltet den 
      <i>Menschenleib zu einer Art Vorläufer</i> des späteren 
      <i>Menschenkörpers</i> aus.</p><p>Die 
      <i>vierte Runde</i>, der 
      <i>vierte</i> Kreislauf ist unsere 
      <i>Erdenzeit</i>.</p><p>Im 
      <i>Astralleib</i> der Tierwesen bleiben die Feuergeister, am Ätherleib der Pflanzen die Geister des Zwielichtes (Engel) tätig, indes die 
      <i>Geister der Form</i> das 
      <i>Mineralwesen</i> weiterverhärten und festigen.</p><p><i>Gegen Ende des 3. Kreislaufes verschmelzen alle Wesenheiten, mit Sonne und Mond zu einem Chaos, und gehen durch einen kürzeren Schlafzustand durch, aus dem sich nach und nach unser, der vierte Erdenkreislauf, erhebt.</i></p><p><i>Als selbständige Keime treten aus diesem Chaos zunächst nur die Menschenvorfahren hervor, an deren höherem Astralleib die Geister der Persönlichkeit gearbeitet haben; alle anderen Reiche (Stein, Pflanze und Tier) führen am Anfang dieser vierten Stufe noch kein selbständiges Dasein.</i></p><p><i>Nun setzt ein allgemeiner Zustand der Verdichtung, der Verfestigung ein, der unaufhaltsam vorwärts schreitet</i>, aus dem 
      <i>gestaltlosen Zustand</i> in einen 
      <i>astralen</i>, endlich in den 
      <i>physischen</i>; damit entstehen, auf dieser Stufe der Entwicklung,</p><p class="center"><i>vier Elementarreiche,
        <br/> Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich</i></p><p>aus dem 
      <i>gestaltlosen Zustand</i>.</p><p>Aus dem 
      <i>astralen</i> aber</p><p class="center"><i>drei Elementarreiche:</i></p><p>das 
      <i>erste</i>, bestehend aus einer wolkenartig sich zusammenballenden, sich wieder auflösenden und als allgemeine Masse dahinflutenden Wesenheiten, herausgesetzt von den 
      <i>Geistern der Persönlichkeit</i>;</p><p>das 
      <i>zweite</i>, herausgesetzt von den 
      <i>Feuergeistern</i>, bevölkert mit schattenhaften Bildern (Schemen), ähnlich den Vorstellungen des traumhaften Bilderbewußtseins, und</p><p>das 
      <i>dritte</i><i>Elementarreich</i>, im Anfange der physischen Stufe, losgelöst von den Geistern des Zwielichtes (Engeln), bestehend aus 
      <i>unbestimmt bildhaften Wesenheiten</i>, die 
      <i>keine 
      <a id="page426" name="page426" title="akling/gary"/>selbständige Wesenheit</i>, aber trieb- und leidenschaftshafte 
      <i>Kräfte</i> besitzen (Dämonen).</p><p><i>Sonne und Mond aber trennen sich erst in einem späteren Augenblick von der Erde ab.</i></p><p>Das 
      <i>vorläufig</i> letzte Glied dieser Entwicklung ist
      <br/><i>die Lostrennung des Mondes von der Erde,</i></p><p>die als 
      <i>Wohnstätte</i> des 
      <i>Menschen</i> und seiner 
      <i>Mitgeschöpfe</i> im All für sich allein bleibt, auf der aber auch die 
      <i>geistigen Wesenheiten</i> wohnen.</p><p>Wir stehen gegenwärtig im</p><p class="center"><i>fünften Hauptzustand</i></p><p>der 
      <i>Erdenentwicklung</i>.</p><p class="centerbig">Die polarische Epoche.</p><p>Der 
      <i>erste Hauptzustand</i> zeigt die Menschenvorfahren als 
      <i>feine</i>, 
      <i>ätherische</i> Wesenheiten, die (ungenau) als 
      <i>erste Hauptrasse</i> bezeichnet werden.</p><p class="centerbig">Die hyperboräische Epoche.</p><p>der 
      <i>zweite Hauptzustand</i>, Zeit der 
      <i>zweiten</i> Haupt- und Wurzelrasse, bringt keine wesentlichen Änderungen; Sonne, Mond und Erde sind zu dieser Zeit noch 
      <i>ein Weltkörper</i>.</p><p>Mit der 
      <i>Sonnenabspaltung</i> vollzieht sich eine</p><p class="center"><i>radikale Revolution</i></p><p>in der Menschheitsgeschichte: der Fall aus einer 
      <i>höheren Daseinsstufe</i> in eine 
      <i>niedere</i>.</p><p class="centerbig">Die lemurische Epoche.</p><p>als 
      <i>dritter Hauptzustand</i><br/> wird herbeigeführt durch 
      <i>Abspaltung des Mondes von der Erde</i> und durch den Zerfall des bisher 
      <i>eingeschlechtlichen Menschen</i> in 
      <i>zwei Geschlechter</i>:</p><p class="center">Mann und Weib.</p><p>(Lemuria als Erdteil.)</p><p>Die 
      <i>lemurische Entwicklung</i> schloß mit einer 
      <i>großen Feuerkatastrophe</i>.</p><p class="centerbig">Die atlantische Epoche.</p><p>als 
      <i>vierter Hauptzustand</i>,
      <br/> in Rudolf Steiners Schrift »
      <i>Unsere atlantischen Vorfahren</i>«, überaus anziehend und buntfarbig geschildert, ging durch eine große 
      <i>Wasserkatastrophe</i> zugrunde. 
      <a id="page427" name="page427" title="akling/gary"/></p><p class="centerbig">Unsere fünfte Epoche,</p><p>die 
      <i>nachatlantische</i>,
      <br/> der als 
      <i>sechste</i> und 
      <i>siebente</i><i>zwei weitere Epochen</i> folgen, zerfällt bisher in:</p><p>I. 
      <i>die uralte indische Kultur</i>, im Tierkreiszeichen des 
      <i>Krebses</i> (7200 bis 5000 v. Chr.);</p><p>II. 
      <i>die uralte persische Kultur</i>, von 5000 bis 3000 v. Chr., im Zeichen der 
      <i>Zwillinge</i>;</p><p>III. 
      <i>die ägyptisch-babylonisch-chaldäisch-hebräische Kultur</i>, von 3000 bis 747 v. Chr., im Zeichen des 
      <i>Stieres</i>;</p><p>IV. 
      <i>die griechisch-lateinische Zeit</i>, von 747 v. Chr. bis 1413 n. Chr., im Zeichen des 
      <i>Widders</i> (Lammes);</p><p>V. 
      <i>unsere Zeit der Entwicklung der Bewußtseinsseele</i> (angelsächsisch-germanisch im Hauptimpulse), von 1413 bis ins 19. Jahrhundert.</p><p>Zwei weitere Epochen, VI und VII, entziehen sich heute noch der Aussage.</p><p class="centerbig">Die Zukunft der Erde.</p><p>Die nachfolgenden Erdenzustände sind:</p><p>V. 
      <i>Jupiterzustand</i> (Geistselbst).</p><p>VI. 
      <i>Venuszustand</i> (Lebensgeist).</p><p>VII. 
      <i>Vulkan</i> (Geistmensch). 
      <a id="page428" name="page428" title="akling/gary"/></p></div><div class="chapter" id="chap012"><h3>Hinweise</h3><h4>Rudolf Steiners Hauptwerke.
      <br/> Zur Philosophie.</h4><p>1. 
      <i>Wahrheit und Wissenschaft</i>, Vorspiel einer »Philosophie der Freiheit«, 1892, Herm. 
      <i>Weißbock</i>, Weimar. 1892, nach Steiners Tod erschienen im Phil.-anthrop. Verlag am Goetheanum, Dornach, Schweiz, 1925.</p><p>2. 
      <i>Die Philosophie der Freiheit</i>, Grundzüge einer modernen Weltanschauung (Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode), E. 
      <i>Felber</i>, Berlin, 1894, 10. bis 19. Tausend. 1921, Phil.-anthrop. Verlag, Berlin.</p><p>3. 
      <i>Die Rätsel der Philosophie</i> (
      <i>in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt</i>), 2 Bde., bei S. 
      <i>Cronbach</i>, Berlin, 1. Bd. April 1914, 2. Bd. September 1914. Neuauflage, 1926.</p><p>4. 
      <i>Praktische Ausbildung des Denkens</i> (nach einem 1909 geh. Vortrag im Komm. Tag A.-G.-Verlag herausgegeben), Schriftenreihe »Wissenschaft und Zukunft«, 1922.</p><h4>Zur Anthroposophie.</h4><p><i>Vorläufer</i>:</p><p><i>Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zu modernen Weltanschauungen</i>, 1901, A. Schwetschke u. S., Berlin. Neuauflage Goetheanum in Dornach 1923, beziehungsweise 1924.</p><p><i>Das Christentum als mystische Tatsache</i>, 1902 (Schwetschke u. S., Berlin), später vergrößerter Titel durch den Zusatz »... 

      <i>und die Mysterien des Altertums</i>« 1910, letzte Auflage nach Steiners Tode erschienen 1925.</p><p>1. 

      <i>Theosophie</i>, Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung. Berlin, 1904. 20. Auflage: 1922, Komm. Tag A.-G., Stuttgart.</p><p>2. 

      <i>Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?</i> Erschienen 1909, Phil.-theos. Verlag, Berlin. 28. bis 37. Tausend, 1922.</p><p>3. 

      <i>Die Geheimwissenschaft im Umriß</i>, erschien (als Fortsetzung der »Theosophie«) 1910, Altmann i. Leipzig, 16. bis 20. Aufl., Goetheanum, Dornach, 1925.</p><p class="center"><i><b>Weitere wichtige Schriften.</b></i></p><p>1913: 

      <i>Die Schwelle der geistigen Welt</i>, Berlin, 6. bis 10. Aufl., 1921.</p><p>1916: 

      <i>Vom Menschenrätsel</i>, Berlin, 8. bis 13. Tausend, 1921 (für Österreicher besonders interessant).

      <br/><i>Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach</i>. Berlin; neu: 1920.

      <br/> 1917: 

      <i>Von Seelenrätseln</i>. (Kritisch und polemisch), Berlin; neu: 1921.

      <br/><i>Das menschliche Leben</i> vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, Berlin; 3. Aufl., 1919.</p><p><i>Vier Mysterienspiele:</i></p><p>I. »

      <i>Die Pforte der Einweihung</i>« (Intuition), 1910; II. »

      <i>Die Prüfung der Seele</i>«, 1911; III. »

      <i>Der Hüter der Schwelle</i>«, 1912; IV. »

      <i>Der Seelen Erwachen</i>«, 1913.</p><p><a id="page429" name="page429" title="Eipi/gary"/><a id="page430" name="page430" title="Eipi/gary"/></p></div></text></TEI>