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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Nachtasyl</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/118639293">Gorʹkij, Maksim</persName><country>Russland</country><birth>1868.0</birth><death>1936.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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                                    Philologie, Georg-August-Universität Göttingen</orgName><address><addrLine>Käthe-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen</addrLine><country>Germany</country></address></publisher><pubPlace>Göttingen</pubPlace><date type="publication">2016-06</date><availability corresp="#textsource-1" xml:id="availability-textsource-1"><licence target="http://gutenberg.spiegel.de/information"><p>nicht-kommerzielle Nutzung frei</p></licence></availability><idno type="kolimo">kid37282</idno></publicationStmt><notesStmt><!--kolimo-date is an aproximation for publication year and is derived from author birth year +20--><note type="SourcePath">/gorki/nachtasy/nachtasy.xml</note><note type="kolimo-date">1888</note><note type="author-gender">männlich</note></notesStmt><sourceDesc><biblFull><titleStmt><title level="m" type="main">Nachtasyl</title><author><persName><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/118639293"><forename>Maxim</forename><surname>Gorki</surname></persName></author></persName></author></titleStmt><publicationStmt><publisher><name/></publisher><date type="publication"/></publicationStmt></biblFull></sourceDesc></fileDesc><encodingDesc><editorialDecl><p>
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    in vier Aufzügen</i></h4><p class="center">*</p><h4><span class="spaced">NA DNJE</span></h4><p class="center"><span class="spaced">1902</span></p><p class="center">Übersetzung aus dem Russischen<br/>
      von August Scholz</p><p class="center">*</p><div class="dedication">
      Konstantin Petrowitsch Pjatnizkij<br/>
      gewidmet
    </div></div><div class="chapter" id="chap01"><h3>Personen</h3><p class="center">Kostýlew, Michail Iwánow, <i>54 Jahre alt, Herbergswirt.</i></p><p class="center">Wassilíssa Kárpowna, <i>seine Frau, 26 Jahre alt.</i></p><p class="center">Natáscha, <i>ihre Schwester, 20 Jahre alt.</i></p><p class="center">Medwédew, <i>Onkel der beiden, Polizist, 50 Jahre alt.</i></p><p class="center">Wásjka Pépel, <i>28 Jahre alt.</i></p><p class="center">Kleschtsch, Andrej Mitrítsch, <i>Schlosser, 40 Jahre alt.</i></p><p class="center">Ánna, <i>seine Frau, 30 Jahre alt.</i></p><p class="center">Nástja, <i class="regie">ein Mädchen, 24 Jahre alt.</i></p><p class="center">Kwaschnjá, <i class="regie">ein Hökerweib, etwa 40 Jahre alt.</i></p><p class="center">Bubnów, <i class="regie">Mützenmacher, 45 Jahre alt.</i></p><p class="center">Sátin, <i class="regie">etwa 40 Jahre alt.</i></p><p class="center">Ein Schauspieler, <i class="regie">40 Jahre alt.</i></p><p class="center">Ein Baron, <i class="regie">32 Jahre alt.</i></p><p class="center">Luká, <i class="regie">ein Pilger, 60 Jahre alt.</i></p><p class="center">Aljóschka, <i class="regie">ein Schuhmacher, 20 Jahre alt.</i></p><p class="center">Schiefkopf</p><p class="center">Ein Tatar</p><p class="center">Ein paar Landstreicher <i class="regie">ohne Namen – stumme Rollen.</i></p></div><div class="chapter" id="chap02"><h3>Erster Aufzug</h3><p class="stage">Ein höhlenartiger Kellerraum. Die massive, schwere Deckenwölbung ist von Rauch geschwärzt, ihr Kalkbewurf abgefallen. Das Licht fällt vom Zuschauer her auf die Bühne, und von oben nach unten, durch ein quadratisches Fenster auf der rechten Seite. Die rechte Ecke wird von Pepels Kammer eingenommen, die durch dünne Scheidewände von dem übrigen Raum abgetrennt ist; neben der Tür, die in diese Kammer führt, befindet sich Bubnows Pritsche. In der linken Ecke ein großer russischer Ofen; in der linken, massiven Wand die Tür zur Küche, in der Kwaschnja, der Baron und Nastja wohnen. Zwischen dem Ofen und der Tür an der Wand ein breites Bett, das ein unsauberer Kattunvorhang verbirgt. Überall an den Wänden Pritschen. Im Vordergrund an der Wand links ein Holzklotz mit einem Schraubstock und einem kleinen Amboß, die beide an dem Klotz befestigt sind; vor diesem ein zweiter, kleinerer Holzklotz, auf dem Kleschtsch vor dem Amboß sitzt. Er hat ein paar alte Schlösser in Arbeit, in die er Schlüssel einpaßt. Zu seinen Füßen zwei große Bunde verschiedener Schlüssel, die auf Drahtringe aufgereiht sind, ein verbogener blecherner Samowar, ein Hammer, Feilen. In der Mitte des Raumes ein großer Tisch, zwei Bänke, ein Hocker, alles ohne Anstrich und unsauber. Am Tische Kwaschnja, die sich am Samowar zu schaffen macht und die Hausfrau spielt, ferner der Baron, der an einem Stück Schwarzbrot kaut, und Nastja, die auf einem Hocker sitzt, sich mit den Ellbogen auf den Tisch stützt und in einem zerfetzten Buch liest. Auf dem Bett, hinter dem Vorhang, liegt Anna, die man häufig husten hört. Bubnow sitzt auf seiner Pritsche, mißt auf einer Holzform für Mützen, die er zwischen den Knien hält, ein paar alte, zertrennte Beinkleider ab und überlegt, wie er sie zu Mützen zuschneiden soll. Neben ihm eine zerbrochene Hutschachtel, die er zu Mützenschirmen zerschneidet, Stücke Wachsleinwand, Abfälle. Satin, der eben erwacht ist, liegt auf der Pritsche und brüllt. Auf dem Ofen liegt, dem Zuschauer unsichtbar, der Schauspieler, man hört ihn husten und hin und her rücken. Es ist Morgen, im Anfang des Frühlings.</p><p class="center"> </p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Also weiter!</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Nee, sag ich dir, mein Lieber – damit bleib mir hübsch weg! Ich kann ein Lied davon singen, sag ich dir … Nicht zehn Pferde bringen mich zum zweitenmal an den Traualtar!</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Was grunzt du denn? <span class="regie">Satin brüllt.</span></p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Ich um 'ne Mannsperson meine Freiheit verkaufen? Ich mich wieder an 'nen Kerl hängen – wo ich jetzt so dastehe, daß mir keiner was zu sagen hat? Fällt mir nicht im Traum ein! Und wenn's ein Prinz aus Amerika wäre – ich mag ihn nicht haben!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Du schwindelst ja!</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Wa-as?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Schwindeln tust du. Den Abramka heiratest du …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">nimmt Nastja das Buch weg, liest den Titel:</span> »Verhängnisvolle Liebe« … <span class="regie">Lacht.</span></p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">streckt die Hand nach dem Buche aus:</span> Gib her! … Gib's zurück! Na … laß deine Späße! <span class="regie">Der Baron sieht sie an und schwenkt dabei das Buch in der Luft.</span></p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">zu Kleschtsch:</span> Du bist es, der schwindelt, rothaariger Ziegenbock, du! Wie kannst du so frech mit mir reden?</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">gibt Nastja mit dem Buch einen Klaps auf den Kopf:</span> Bist 'ne dumme Gans, Nastjka …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">nimmt ihm das Buch weg:</span> Gib her! …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">zu Kwaschnja:</span> Was für 'ne große Dame … Und den Abramka heiratest du doch … zappelst nur so drauf …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Natürlich! Das fehlte mir grade … was denn noch? Und du – hast dein Weib da halb tot geprügelt –</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Halt's Maul, alte Hexe! Was geht's dich an? …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Aha! Die Wahrheit kannst du nicht hören!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Jetzt geht's los! Nastja – wo bist du?</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">ohne den Kopf zu heben:</span> Was? Laß mich in Ruhe!</p><p><span class="speaker">Anna</span>  <span class="regie">steckt den Kopf hinter dem Bettvorhang hervor:</span> 's ist schon Tag. Um Gottes willen … schreit nicht … zankt euch nicht!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Da, sie greint wieder!</p><p><span class="speaker">Anna:</span>Jeden Tag, den Gott gibt, streitet ihr euch … Laßt mich wenigstens ruhig sterben!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Der Lärm hindert dich doch nicht am Sterben …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">tritt an Annas Lager:</span> Sag Mütterchen, wie hast du's nur mit solch einem Schuft aushalten können?</p><p><span class="speaker">Anna:</span>Laß mich in Frieden … laß mich …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Nun, nun! Du arme Duldnerin! … Wird's noch immer nicht besser mit deiner Brust?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> 's ist Zeit, daß wir auf 'n Markt gehen, Kwaschnja! …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Gleich gehen wir. <span class="regie">Zu Anna.</span> Magst du ein paar heiße Pastetchen?</p><p><span class="speaker">Anna:</span>Nicht nötig … ich dank dir schön. Wozu soll ich noch essen?</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Iß nur! Heißes Essen tut immer gut – es löst. Ich will sie dir in 'ne Tasse tun und beiseite stellen … wenn du Appetit bekommst, iß! <span class="regie">Zum Baron.</span> Gehen wir, gnädiger Herr! <span class="regie">Zu Kleschtsch.</span> Hu, du Satan … <span class="regie">Ab in die Küche.</span></p><p><span class="speaker">Anna</span>  <span class="regie">hustet:</span> O Gott …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">stößt Nastja leicht in den Nacken:</span> Wirf doch die Schwarte weg … närrisches Ding!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">murmelt:</span> Geh schon … ich bin dir doch nicht im Wege! <span class="regie">Der Baron pfeift vor sich hin; ab hinter Kwaschnja.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">richtet sich von seiner Pritsche auf:</span> Wer hat mich eigentlich gestern verhauen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Kann dir das nicht gleich sein?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Das schon … aber was war der Grund?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Habt ihr Karten gespielt?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Allerdings …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Dabei wird's wohl passiert sein …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Diese Schurken!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">auf dem Ofen, den Kopf vorstreckend:</span> Einmal werden sie dich noch ganz totschlagen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Und du bist ein Dummkopf!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ein Dummkopf? Wieso?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Na – <span class="regie">zweimal</span> können Sie mich doch nicht totschlagen!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">nach kurzem Schweigen:</span> Versteh ich nicht – warum können sie das nicht?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Kriech vom Ofen runter und räum die Bude auf! Verzärtelst dich viel zu sehr …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Das geht dich gar nichts an …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Wart … wenn Wassilissa kommt, die wird's dir besorgen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Der Teufel hole die Wassilissa! Heut muß der Baron aufräumen, er ist dran … Baron!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">kommt aus der Küche herein:</span> Hab keine Zeit … ich muß mit Kwaschnja auf den Markt …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Das ist mir ganz gleich … geh meinetwegen zum Henker … aber die Stube mußt du ausfegen, du bist an der Reihe … Fällt mir nicht ein, mich für andere zu rackern …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Na, dann hol dich der Teufel! Nastenjka wird ausfegen … He, du – verhängnisvolle Liebe! Wach auf! <span class="regie">Nimmt Nastja das Buch weg.</span></p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">erhebt sich:</span> Was willst du? Gib her! Frecher Kerl! Das will 'n feiner Herr sein …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">gibt ihr das Buch zurück:</span> Du, Nastja, feg doch für mich aus – ja?</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">geht nach der Küche ab:</span> Das fehlte mir gerade … was denn sonst noch?</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">von der Küche her, durch die Tür; zum Baron:</span> So komm doch endlich! Sie werden schon aufräumen, auch ohne dich … Wenn man dich drum bittet, mußt du's tun, Schauspieler! Wirst dir nicht gleich die Rippen brechen!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Immer ich … hm … das versteh ich nicht …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">trägt an einem Tragejoch zwei Körbe aus der Küche; in den Körben befinden sich bauchige Töpfe, die mit Zeuglappen bedeckt sind:</span> 's ist heute recht schwer …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Es hat sich wirklich verlohnt, daß du als Baron zur Welt gekommen bist!</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">zum Schauspieler:</span> Sieh schon zu, daß du ausfegst! <span class="regie">Ab in den Hausflur, wohin sie den Baron vorausgehen läßt.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">kriecht vom Ofen herunter:</span> Ich darf keinen Staub einatmen … das schadet mir. <span class="regie">Selbstbewußt.</span> Mein Organismus ist mit Alkohol vergiftete … <span class="regie">Sitzt nachdenklich auf der Pritsche.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Organon … Organismus …</p><p><span class="speaker">Anna</span>  <span class="regie">zu Kleschtsch:</span> Andrej Mitritsch …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Was gibt's wieder?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Die Kwaschnja hat Pasteten für mich dagelassen … geh, iß du sie!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">tritt näher an ihr Lager:</span> Wirst du nicht essen?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Ich mag nicht … Wozu soll ich essen? Du arbeitest … du mußt essen …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Hast angst? Hab keine Angst … vielleicht wird's wieder gut …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Geh, iß! Mir ist so schwer ums Herz … es geht bald zu Ende …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">entfernt sich von ihr:</span> Nicht doch … vielleicht – stehst du wieder auf … 's ist schon vorgekommen! <span class="regie">Ab in die Küche.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">laut, als wenn er plötzlich aus dem Traum erwacht:</span> Gestern, im Krankenhaus, sagte der Doktor zu mir: Ihr Organismus ist durch und durch mit Alkohol vergiftet …</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lächelt:</span> Organon …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">mit Nachdruck:</span> Nicht Organon, sondern Or–ga–nis–mus …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Sikambrer …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">mit abwehrender Handbewegung:</span> Ach, Unsinn! Ich rede im Ernst – ja … Mein Organismus ist vergiftet … folglich schadet es mir, wenn ich die Stube ausfege … und den Staub einatme …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Makrobiotik … ha!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was brummst du da?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wörter … Dann gibt's noch ein Wort: Transzendental …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was bedeutet das?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Weiß nicht … hab's vergessen …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Warum sagst du es also?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> So … Unsere gewöhnlichen Wörter hab ich satt, mein Lieber … Jedes von ihnen hab ich wenigstens tausendmal gehört …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> »Worte, nichts als Worte!« heißt es im Hamlet. Ein großartiges Stück, der Hamlet! … Ich hab darin den Totengräber gespielt …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">kommt aus der Küche:</span> Wirst du nun bald mit dem Besen spielen?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Das geht dich 'nen Quark an … <span class="regie">Schlägt sich mit der Faust vor die Brust.</span> Ophelia! Schließ in dein Gebet all meine Sünden ein! <span class="regie">Hinter der Szene, irgendwo in der Ferne, läßt sich dumpfes Lärmen und Schreien und der Pfiff eines Polizisten vernehmen. Kleschtsch setzt sich an die Arbeit; man hört das Geräusch seiner Feile.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ich liebe die seltsamen, unverständlichen Wörter … Als junger Mann … ich war damals beim Telegrafendienst … hab ich viele Bücher gelesen …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Telegrafist bist du auch gewesen?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Gewiß! <span class="regie">Lächelt.</span> Es gibt sehr schöne Bücher … und eine Menge interessanter Wörter … Ich war ein Mann von Bildung, verstehst du?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hab's schon gehört … wohl hundertmal! Was einer war, darauf pfeift die Welt. Ich war zum Beispiel Kürschner … hab mein eigenes Geschäft gehabt … Meine Arme waren ganz gelb – von der Farbe, weißt du, wenn ich die Pelze färbte – ganz gelb, mein Lieber, bis an die Ellbogen ran! Ich dachte schon, ich würde sie mein Lebtag nicht mehr reinwaschen, sondern so, mit den gelben Händen ins Grab steigen … Na, und jetzt sind sie … einfach schmutzig … ja!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Und was weiter?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Weiter nichts …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Was willst du damit sagen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich meine nur … beispielshalber … Mag sich einer von außen noch so bunt anmalen – es reibt sich alles wieder ab … alles wieder ab, ja!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Hm, die Knochen tun mir weh!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">sitzt da, die Arme um die Knie geschlungen:</span> Bildung ist Unsinn, die Hauptsache ist Talent. Ich hab einen Schauspieler gekannt, der hat seine Rollen buchstabiert, aber spielen konnte er seine Helden, daß das Theater in den Fugen krachte … von der Begeisterung des Publikums …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Bubnow, gib mir 'n Fünfer!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hab selber nur zwei Kopeken …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Talent muß ein Heldenspieler haben, das behaupt ich. Talent – das ist der Glaube an sich selbst, an die eigne Kraft …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Gib mir 'nen Fünfer, und ich will dir's glauben, daß du ein Talent, ein Held, ein Krokodil, ein Reviervorsteher bist … Kleschtsch, gib 'nen Fünfer her!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Geh zum Teufel! Da könnte jeder kommen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Schimpf doch nicht gleich! Ich weiß ja, du hast selber nichts …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Andrej Mitritsch … es ist so stickig … ich krieg keine Luft …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Was kann ich dazu tun?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Mach die Tür nach dem Hausflur auf!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Hast schön reden! Du sitzt auf der Pritsche, und ich auf der Erde … Laß mich mit dir tauschen, dann mach ich auf … Bin ohnedies erkältet …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">in ruhigem Tone:</span> Meinetwegen laß es … deine Frau bittet drum …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">finster:</span> Da könnte jeder kommen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Der Schädel brummt mir … äh! Warum sich die Leute nur immer gegenseitig auf die Köpfe schlagen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Sie schlagen sich nicht bloß auf die Köpfe, sondern auch auf die andern Körperteile. <span class="regie">Erhebt sich.</span> Ich muß mir Zwirn besorgen … Unsere Wirtsleute lassen sich heut so lange nicht sehen … sind am Ende verreckt! <span class="regie">Ab. Anna hustet. Satin hat die Hände unter den Nacken geschoben und liegt unbeweglich da.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">schaut melancholisch um sich und tritt dann auf Anna zu:</span> Wie steht's? Schlecht?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> So stickig ist's hier …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ich führ dich in den Hausflur, wenn du willst. Steh auf. <span class="regie">Er hilft der Kranken, die sich vom Lager aufrichtet, wirft ihr ein altes Tuch um die Schultern und stützt sie, während sie in den Hausflur wankt.</span> Nun, nun … immer Mut! Auch ich bin ein kranker Mensch … bin mit Alkohol vergiftet. <span class="regie">Kostylew tritt ein.</span></p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">in der Tür:</span> 'nen Spaziergang machen? Was für ein schmuckes Pärchen – der Bock mit der Zicke! …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Tritt auf die Seite … siehst du nicht, daß hier Kranke kommen?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Bitte, geht vorüber. <span class="regie">Die Melodie eines Kirchenliedes vor sich hinsummend, hält er mißtrauisch Umschau in dem Keller und neigt den Kopf nach links, als wollte er etwas in Pepels Kammer belauschen. Kleschtsch klappert wütend mit den Schlüsseln und feilt heftig darauf los, wobei er den Wirt mit finstern Blicken beobachtet.</span> Na, raspelst du fleißig?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Was?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Ob du fleißig raspelst, frag ich … <span class="regie">Pause.</span> Hm – ja, was wollt ich doch gleich sagen? <span class="regie">Hastig, mit leiser Stimme.</span> War meine Frau nicht da?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Hab sie nicht gesehen …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">nähert sich behutsam der Tür von Pepels Kammer:</span> Wieviel Platz du mir wegnimmst für deine zwei Rubel monatlich! Das Bett dort … du selber sitzt ewig hier – n-ja! Wenigstens für fünf Rubel Raum, bei Gott! Ich werde dich um 'nen halben Rubel steigern müssen …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Leg mir doch gleich 'nen Strick um den Hals … und erwürg mich! Wirts bald krepieren und denkst nur ans Geldmachen …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span>: Warum soll ich dich erwürgen? Wer hätte davon einen Nutzen? Lebe in Gottes Namen und sei vergnügt … Ich steigre dich um 'nen halben Rubel, kaufe Öl für die heilige Lampe – und mein Opfer wird brennen vor dem Heiligenbilde … zur Vergebung meiner Sünden und auch der deinigen … du selber denkst doch nie an deine Sünden, siehst du … Ach, Andrjuschka, was für ein schlechter Kerl bist du doch! Deine Frau hat die Auszehrung gekriegt, so hast du ihr zugesetzt … kein Mensch hat dich gern, kein Mensch achtet dich … deine Arbeit ist so geräuschvoll, für jedermann störend …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">schreit:</span> Bist du gekommen … um auf mich loszuhacken? <span class="regie">Satin brüllt laut.</span></p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">fährt zusammen:</span> Ach …was fällt dir ein, mein Lieber!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">kommt herein:</span> Im Hausflur hab ich sie untergebracht, die arme Frau … hab sie hübsch eingemummelt …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Was für ein guter Mensch du bist! Sehr löblich von dir … Wird dir alles vergolten werden …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Wann?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Im Jenseits, Brüderchen … Dort wird über alles, über jede unsrer Handlungen genau Rechnung geführt …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Wie wär's, wenn du mich schon hier für mein gutes Herz belohntest?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Wie könnt ich das?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Laß mir die Hälfte meiner Schuld nach …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> He, he! Mußt immer deine Späßchen machen, kleiner Schäker, immer necken! … Kann man Herzensgüte überhaupt mit Geld bezahlen? Herzensgüte steht höher als alle Schätze dieser Welt. Na, und deine Schuld – ist eben eine Schuld! Die mußt du einfach begleichen … Herzensgüte mußt du mir altem Manne unentgeltlich erweisen.</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Bist 'n Filou, alter Mann … <span class="regie">Ab in die Küche. Kleschtsch erhebt sich und geht in den Hausflur.</span></p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">zu Satin.</span> Wer ging da eben fort? Der Raspler? Er kann mich nicht leiden, he he …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wer könnte dich leiden – außerm Teufel …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">lächelt spöttisch:</span> Du mußt nicht gleich schimpfen! Ich hab euch doch alle so gern … meine lieben Brüderchen, ihr meine Galgenvögel und Taugenichtse … <span class="regie">Plötzlich, rasch.</span> Sag mal … ist Wasjka zu Hause?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Sieh nach …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">geht nach der Tür von Wasjkas Kammer und klopft:</span> Wasjka! <span class="regie">Der Schauspieler erscheint in der Tür, die nach der Küche führt; er kaut irgend etwas.</span></p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wer ist da?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Ich bin's … ich, Wasjka …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was willst du?</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">zurücktretend:</span> Mach mal auf …</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">ohne Kostylew anzusehen:</span> Er würde schon aufmachen, aber … sie ist drin … <span class="regie">Der Schauspieler räuspert sich.</span></p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">unruhig, leise:</span> He? Wer ist drin? Was … sagst du?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Hm? Sprichst du zu mir?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Was sagtest du?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Nichts weiter … nur so … für mich …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Nimm dich in acht, mein Lieber! Laß deine Späße … ja! <span class="regie">Klopft langsam an die Tür.</span> Wassilij! …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">öffnet die Tür:</span> Na, warum störst du mich?</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">guckt in Pepels Kammer:</span> Ich wollte dir nämlich … verstehst du …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hast du das Geld gebracht?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Ich möchte mit dir was besprechen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span>: Hast du das Geld gebracht?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Was für Geld? Erlaub mal …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span>: Die sieben Rubel für die Uhr – na?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Für welche Uhr, Wasjka? … Ach du …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Sieh dich vor, du! Nur keine Winkelzüge! Ich hab dir gestern vor Zeugen eine Taschenuhr verkauft für zehn Rubel … Drei hab ich bekommen, die übrigen sieben verlang ich jetzt. Nur raus damit! Was plinkerst du denn so? Schleicht hier rum, beunruhigt die Leute … und vergißt die Hauptsache …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Ss-st! Nicht gleich so böse, Wasjka … Die Taschenuhr war doch …</p><p><span class="speaker">Satin:</span>: Gestohlen …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">streng:</span> Ich kaufe niemals gestohlene Sachen … wie kannst du …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">faßt ihn an der Schulter:</span> Sag mal – was belästigst du mich? Was willst du von mir?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Ich? Gar nichts … ich geh schon … wenn du so bist …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Scher dich fort, hol das Geld!</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">im Abgehen:</span> Ist das ein grobes Volk! Oh, oh!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Die richtige Komödie!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Sehr gut! So hab ich's gern …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was wollte er hier eigentlich?</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lachend:</span> Das hast du noch nicht begriffen? Seine Frau sucht er … Sag mal, Wassilij – warum bringst du den Kerl nicht um die Ecke?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Um so 'nen Schuft mein Leben verpfuschen? Ne …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Mußt es natürlich schlau anfangen. Heiratest dann die Wassilissa … und wirst unser Herbergsvater …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Da hätt ich mal was Rechtes! Ihr würdet meine ganze Wirtschaft versaufen und mich selber dazu … bin viel zu gutherzig für euch … <span class="regie">Setzt sich auf die Pritsche.</span> So 'n alter Satan! Weckt mich aus 'm besten Schlaf auf … Ich hatte grade so 'nen schönen Traum: ich träumte, daß ich angelte, und mit einemmal saß mir 'n mächtiger Blei an der Angel! Ein Blei, sag ich euch … nur im Traume gibt's solche Riesenkerle … Ich zieh und zieh ihn und hab Angst, daß die Schnur zerreißt … und wie ich eben mit 'm Handnetz zufassen will, da … mit einemmal …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> … war's gar kein Blei, sondern die Wassilissa …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Die ist ihm schon längst ins Netz gegangen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">ärgerlich:</span> Schert euch zum Teufel mit eurer Wassilissa!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">kommt aus dem Hausflur:</span> Ist das 'ne Hundekälte …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Warum hast du die Anna nicht reingeführt? Die erfriert ja draußen …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Nataschka hat sie zu sich in die Küche genommen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Der Alte wird sie rauswerfen …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">setzt sich an seine Arbeit:</span> Nataschka wird sie schon herbringen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wassilij, spendier mal 'nen Fünfer …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Ach was, 'nen Fünfer. Wasja, gib uns 'nen Zwanziger …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich muß mich beeilen … sonst verlangt ihr noch 'nen ganzen Rubel … da! <span class="regie">Gibt dem Schauspieler ein Geldstück.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Giblartarr. 's gibt keine besseren Menschen auf der Welt als die Diebe!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Die kommen auf leichte Art zu Gelde … Sie arbeiten nicht …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Zu Gelde kommen viele auf leichte Art, aber nicht viele können sich auf leichte Art davon trennen … Arbeit! Richt es so ein, daß die Arbeit mir Freude macht, dann werde ich vielleicht auch arbeiten … ja! Vielleicht! Ist die Arbeit ein Vergnügen – dann ist das Leben schön! Ist die Arbeit aber erzwungen – dann wird das Leben zur elenden Sklaverei! <span class="regie">Zum Schauspieler.</span> Komm, Sardanapal! Wir wollen gehen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Komm, Nebukadnezar! Ich will mich betrinken – wie vierzigtausend Säufer … <span class="regie">Beide ab.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">gähnt:</span> Na, was macht deine Frau?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Es geht zu Ende, scheint's … <span class="regie">Pause.</span></p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wenn ich dir so zuseh – kommt deine ganze Raspelei mir zwecklos vor …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Was soll ich denn sonst tun?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Gar nichts …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Wovon soll ich leben?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Sieh die andre Leute an – die quälen sich nicht und leben doch!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Andre Leute? Meinst wohl das Lumpenpack hier, die Gauner und Tagediebe … nette Leute das! 'ne Schande ist's, wenn man's so mit ansieht … Ich bin ein Mensch, der arbeitet … von Kindesbeinen an hab ich gearbeitet … Meinst du, ich krabble mich nicht mehr raus aus dem Loch hier? Ganz gewiß tu ich's – und wenn meine Haut dabei in Fetzen geht, aber raus muß ich … Laß nur erst meine Frau sterben … ein halbes Jahr hab ich hier zugebracht … und mir ist's, als wären es sechs Jahre gewesen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Red keinen Unsinn … Hast vor keinem was voraus! Keine Ehre haben sie, kein Gewissen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">in gleichgültigem Tone:</span> Was brauchen sie Ehre und Gewissen? Die ersetzen ihnen die Stiefel nicht, wenn sie im Winter frieren … Ehre und Gewissen brauchen jene, die Macht und Gewalt haben …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">tritt ein:</span> Hu-uh! Bin ich durchgefroren!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Sag mal, Bubnow – hast du ein Gewissen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wa–as? Ein Gewissen?</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">bejahend:</span> Hm …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was brauch ich ein Gewissen? Ich bin kein reicher Mann …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Das sag ich auch: Ehre und Gewissen sind nur für die Reichen nötig, ja! Und Kleschtsch ist eben über uns hergezogen: wir hätten kein Gewissen, sagt er …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wollt er sich eins von uns borgen?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hat selber genug von dem Zeug …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Also willst du's verkaufen? Na, hier wird's dir niemand abnehmen. Ja, wenn's zerbrochene Pappschachteln wären, die würd ich kaufen … aber auch nur auf Pump …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">in belehrendem Tone zu Kleschtsch:</span> Bist 'n dummer Kerl, Andrjuschka! Solltest mal hören, wie Satin über's Gewissen denkt … oder der Baron …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Ich mag's gar nicht wissen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Die haben auch mehr weg als du … wenn sie auch Säufer sind …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ein kluger Kerl, der säugt, ist das Doppelte wert …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Satin sagt: Jeder Mensch will, daß sein Nachbar ein Gewissen habe – ihm selbst aber ist's unbequem … Und das stimmt … <span class="regie">Natascha tritt ein. Hinter ihr Luka, mit einem Wandstab in der Hand, einem Ranzen auf dem Rücken, einem kleinen Kessel und einer Teekanne am Gürtel.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Guten Tag, ehrbare Leute!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">streicht sich den Schnurrbart:</span> A-ah, Natascha!</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">zu Luka:</span> Ehrbar waren wir mal, aber seit vorvergangenem Frühjahr …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Hier, ein neuer Mietsmann …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu Bubnow:</span> Hat nichts zu sagen! Ich weiß auch Spitzbuben zu achten – ein Floh, mein ich, ist so gut wie der andre: alle sind schwarz, und alle hopsen … so ist's. Wo soll ich mich hier einquartieren, meine Liebe?</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">zeigt auf die Tür zur Küche:</span> Geh da hinein, Großväterchen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Danke, meine Tochter. Ist mir recht … Ein warmes Eckchen … das ist für 'nen alten Mann die Hauptsache … da fühlt er sich heimisch …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was für 'nen spaßigen Graubart haben Sie uns da hergebracht, Natascha?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Spaßiger ist er schon als Sie … <span class="regie">Zu Kleschtsch.</span> Andrej, deine Frau ist bei uns in der Küche … hol sie nach 'ner Weile.</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Schon gut, ich hole sie dann …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Sei nur recht gut gegen sie … es dauert ja nicht mehr lange …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Ich weiß es …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Du weißt es … das ist nicht genug! Mach dir nur klar, was das heißt: sterben … Schrecklich ist's …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich fürchte mich nicht vorm Sterben …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Freilich, wer so tapfer ist …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">läßt einen Pfiff ertönen:</span> Der Zwirn taugt gar nichts …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich fürchte mich wirklich nicht! Auf der Stelle will ich sterben! Nehmen Sie ein Messer und stechen sie mich ins Herz – nicht 'nen Laut geb ich von mir! Mit Freuden sterb ich sogar … von einer reinen Hand …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">während sie abgeht:</span> Machen Sie andern was weis! …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">gedehnt:</span> Der Zwirn ist wirklich nicht zu gebrauchen …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">von der Tür her, die nach dem Hausflur führt:</span> Vergiß deine Frau nicht, Andrej!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Schon gut ….</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ein prächtiges Mädel …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> An dem Mädel ist nichts auszusetzen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Warum sie nur … so sonderbar gegen mich ist? Will nichts von mir wissen … Hier muß sie zugrunde gehen …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Dafür wirst du schon sorgen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich? Wieso ich? Mir tut sie leid …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wie das Lamm dem Wolfe …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Schwatz nicht! Sie tut mir wirklich … sehr leid … hat's hier nicht gut … ich seh's doch …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Wenn dich Wassilissa mit ihr sieht … dann geht's dir schlecht …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ja, die Wassilissa! Die läßt sich die Butter nicht vom Brot nehmen … ein Mordsweib …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">streckt sich auf der Pritsche aus:</span> Hol euch beide der Teufel, ihr … Propheten!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Wart's ab … wirst ja sehen …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">in der Küche, stimmt ein Lied an:</span></p><p class="vers">»Mitten in der dunklen Nacht<br/>
      Ist kein Pfad, kein Weg zu schauen …«</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">geht in den Hausflur:</span> Nu fängt der an zu heulen … das fehlte noch …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich langweile mich … Wie kommt das? Man lebt, man lebt, alles geht gut – und mit einemmal ist's, als wär einem der Frost in die Glieder gefahren: man langweilt sich …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Du langweilst dich? Hm …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ja …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">in der Küche singt:</span> »Ist kein Pfad, kein Weg zu schauen …«</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Heda! Du, Alter!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">sieht durch die Tür herein:</span> Meinst du mich?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ja, dich mein ich. Laß das Singen!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">tritt näher:</span> Hörst du nicht gern singen?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wenn gut gesungen wird, hör ich's gern …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ich singe also nicht gut?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> 's ist nicht weit her …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Sieh doch! Und ich dachte, daß ich sehr schön singe. So geht's aber immer: der Mensch denkt bei sich: das hast du gut gemacht! Und den Leuten gefällt's nicht …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">lachend:</span> Das stimmt …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Nanu? Du lachst ja! Und dabei sagst du, du langweilst dich!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was willst du? Alter Rabe …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wer langweilt sich?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich. <span class="regie">Der Baron tritt ein.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Sie h doch an! Und dort in der Küche sitzt ein Mädchen, liest in einem Buch und weint! Wahrhaftig! Ihre Tränen fließen nur so … Ich frag sie: »Was fehlt dir, meine Liebe – he?« Und sie meint: »Sie tun mir so leid …« – »Wer denn?« frag ich sie … »Na, hier im Buch, die Leute«, sagt sie … Mit sowas verbringt nun ein Mensch seine Zeit, was? Auch aus Langeweile, scheint's …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Das ist ja närrisch …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hast du schon Tee getrunken, Baron?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Allerdings … Was weiter?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Soll ich 'ne Flasche Schnaps zum besten geben?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Versteht sich … Was weiter?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Kriech auf allen vieren und belle wie 'n Hund!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Dummkopf! Bist du ein Protz, ein Kaufmann? Oder bist du bezecht?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Na, so bell schon! Es wird mir Spaß machen … Bist 'n Herr … 's gab mal 'ne Zeit, wo du unsereinen nicht für 'nen Menschen ansahst …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Na – und was weiter?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span>: Was weiter? Na, und jetzt werd ich dich wie 'nen Hund bellen lassen. Wirst doch bellen, was?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Meinetwegen … Dummkopf! Wie dir das nur Spaß machen kann … Wo ich doch selbst weiß, daß ich womöglich noch tiefer gesunken bin als du … Hättest es mal früher versuchen sollen, mich auf allen vieren kriechen zu lassen … damals, als ich noch nicht deinesgleichen war …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hast recht!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Auch ich meine: So ist's richtig …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was gewesen ist, ist gewesen. Übriggeblieben ist nicht viel davon … hier kennen wir keine Herren … der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Alle sind gleich, heißt das … Du warst also mal ein Baron, mein Lieber?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Was ist denn das für 'n Kerl? Wer bist du, alter Kauz?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">lacht:</span> Einen Grafen hab ich schon gesehen und auch einen Fürsten … einen Baron seh ich zum erstenmal, und auch nur einen verkommenen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">lacht:</span> Ha ha ha! Du hast mich verlegen gemacht, Baron …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Sei vernünftig, Wassilij …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ei, ei, meine Lieben! Wenn ich's mir so anseh … euer Leben hier … hm …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ein Leben, sag ich dir … heulen könnte man, schon vom frühen Morgen an …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Gewiß! Man hat's schon besser gehabt! Ich zum Beispiel … wenn ich früh erwachte, trank ich meinen Kaffee im Bett … Kaffee mit Sahne … ja!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und warst doch nur 'n Mensch wie alle andern! Was du auch anstellst, wie du dich auch aufspielst – als Mensch bist du geboren und wirst als Mensch sterben … Immer klüger, seh ich, werden die Leute, immer spaßiger … leben immer schlechter und wollen's doch immer besser haben … die Trotzköpfe!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Sag mal, Alter – wer bist du eigentlich? Woher kommst du?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wer? Ich?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Bist wohl ein Pilger?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wir sind alle Pilger hier auf Erden … Man sagt sogar, hab ich gehört, daß auch unsere Erde nur 'ne Pilgerin ist im Himmelsraum …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">streng:</span> Das stimmt, aber nun sag mal … hast du einen Paß?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zögernd:</span> Wer bist du? Ein Geheimpolizist?</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">lebhaft:</span> Gut gesagt, Alter! Was, Baronchen – der Hieb sitzt?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hast dein Fett weg, gnädiger Herr …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">verlegen:</span> Was denn? Ich spaße doch nur, Alter! Hab selber keine Papiere, mein Lieber …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Lüg doch nicht!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Das heißt … ich hab wohl Papiere … aber sie sind für die Katze …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> So ist es mit allen papieren … sie sind alle für die Katze ….</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Komm, Baron! Wollen einen auf 'n Durst nehmen …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ich bin dabei. Auf Wiedersehen, Alter … bist 'n Schelm!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Kann schon sein, mein Lieber …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">an der Tür zum Hausflur:</span> Na, so komm schon … <span class="regie">Ab. Der Baron folgt ihm rasch.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ist der Mensch wirklich ein Baron gewesen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wer mag's wissen? Vom Herrenstande ist er, das ist sicher. Möcht auch heut noch manchmal den Herrn rausbeißen. Hat sich's noch nicht abgewöhnt, scheint's.</p><p><span class="speaker">Luka:</span> 's ist mit dem Herrentum wie mit den Pocken … der Mensch übersteht's, aber die Narben bleiben …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ist sonst 'n guter Kerl … Nur daß er öfter mal patzig wird … wie vorhin, wegen deines Passes …</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">kommt betrunken herein, mit einer Harmonika unterm Arm; er pfeift:</span> Heda, ihr Schlafburschen!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was brüllst du denn?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Entschuldigt nur … verzeiht! Ich bin 'n gemütlicher Junge …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wieder mal durchgegangen?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Aber gehörig! Eben hat mich der Wachtmeister Medjakin von der Wache fortgejagt – »Daß du dich auf der Straße nicht sehen läßt!« sagte er – »sonst wehe dir!« Na, ich bin doch 'n Kerl von Charakter … Der Meister rüffelt mich natürlich … Pah! Was ich mir aus 'm Meister mache! Der kann mich sonstwo suchen, der Saufsack … Ich bin 'n Mensch, der … überhaupt keinen Wunsch hat! Gar nichts will ich – abgemacht, basta! Da, nimm mich hin – für einen Rubel zwanzig kannst du mich kaufen! Und ich will überhaupt nichts haben. <span class="regie">Nastja kommt aus der Küche herein.</span> Gib mir 'ne Million – ich w–will sie nicht! Und daß 'n Saufsack, der nicht mehr ist als ich, mich guten Kerl kommandiert – das will ich nicht! Ich leid's nicht! <span class="regie">Nastja ist an der Tür stehengeblieben und sieht kopfschüttelnd auf Aljoschka.</span></p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">gutmütig:</span> Ach, Junge, was schwatzt du für Zeug …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Zu dumme Kerle gibt's …</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">streckt sich auf dem Fußboden hin:</span> Da, friß mich! Und ich will gar nichts haben. Ich bin ein ganz toller Bursche! Erklärt mir doch mal: bin ich schlechter als die andern? Warum sollt ich schlechter sein? Seht ihr! Medjakin sagt: »Zeig dich nicht auf der Straße, sonst gibt's was in die Schnauze!« Ich geh aber doch … quer über die Straße leg ich mich: da, fahrt mich tot! Ich – will gar nichts haben! …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Unglücklicher! … So jung, und macht sich so mausig! …</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">erblickt sie und kniet vor ihr nieder:</span> Mein Fräulein! Mamsell! Parlez français … Preis-Courant! Ich hab einen Affen …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">flüstert laut:</span> Wassilissa!</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">öffnet rasch die Tür, zu Aljoschka:</span> Bist du schon wieder hier?!</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Guten Morgen! Bitte treten Sie näher …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ein für allemal hab ich dir 's Haus verboten, du Köter – und du kommst doch wieder her?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Wassilissa Karpowna – soll ich dir mal … einen Trauermarsch vorspielen?</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">stößt ihn gegen die Schulter:</span> Fort! Hinaus!</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">sich der Tür nähernd:</span> Nein – nicht so! Erst der Trauermarsch … hab ihn erst neulich gelernt! Ganz frische Musik … wart mal! …, So geht's nicht!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ich werde dir zeigen, ob's so geht … die ganze Straße hetz ich auf dich – verdammter Klätscher … So 'n grüner Bengel … wird mich vor den Leuten schlecht machen …</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">läuft hinaus:</span> Na, ich geh ja schon …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">zu Bubnow:</span> Daß er nicht wieder seinen Fuß hierher setzt! Hörst du?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich bin doch hier nicht als Wächter angestellt …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Was du bist, geht mich gar nichts an. Nur vergiß nicht, daß du hier nur aus Gnade lebst! Wieviel schuldest du mir?</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">ruhig:</span> Hab's nicht zusammengerechnet …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Daß ich's nicht zusammenrechne!</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">öffnet die Tür und schreit:</span> Wassilissa Karpowna! Ich hab keine Angst vor dir … gar keine Angst! <span class="regie">Versteckt sich. Luka lacht.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Wer bist du denn?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ein Wandersmann … von Ort zu Ort zieh ich …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Willst du nächtigen oder wohnen bleiben?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Will noch sehen …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Den Paß her!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Kannst ihn haben …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Gib her!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ich gebe ihn dir schon … nach der Wohnung trag ich dir ihn hin …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ein Wandersmann … siehst mir danach aus! Sag lieber gleich ein Landstreicher … das wird eher stimmen …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">mit einem Seufzer:</span> Ach, du bist nicht sehr freundlich, Mütterchen … <span class="regie">Wassilissa geht nach der Tür, die zu Pepels Zimmer führt.</span></p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">guckt aus der Küche herein, flüsternd:</span> Ist sie fort? Hm?</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">wendet sich nach ihm um:</span> Bist du noch immer da? <span class="regie">Aljoschka versteckt sich und pfeift. Nasta und Luka lachen.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">zu Wassilissa:</span> Er ist nicht da.</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Wer?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span>: Na, Wasjka …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Hab ich dich nach ihm gefragt?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich seh doch, wie du in alle Ecken guckst …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Nach der Ordnung seh ich, verstanden? Warum habt ihr noch nicht ausgefegt? Wie oft hab ich's gesagt, daß ihr die Bude rein halten sollt?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Der Schauspieler ist heute dran …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Das ist mir ganz gleich, wer dran ist! Wenn die Sanitätsleute kommen und mich in Strafe nehmen, jag ich euch alle zum Teufel!</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">gelassen:</span> Und wovon wirst du leben?</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Daß mir kein Stäubchen liegenbleibt! <span class="regie">Geht in die Küche. Zu Nastja.</span> Und du – was stehst du hier herum? Wovon ist deine Fratze so geschwollen? Was starrst du so blöde drein? Feg aus! Hast du nicht … die Natalja gesehen? Ist sie hier gewesen?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ich weiß nicht … hab sie nicht gesehn …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Bubnow! War meine Schwester da?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Sie hat doch den Alten hergebracht …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Und <i>er</i> … war er zu Hause?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wassilij? Gewiß … mit Kleschtsch hat sie gesprochen … die Natalja …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ich frag dich nicht, mit wem sie gesprochen hat. Überall liegt Schmutz … faustdicker Schmutz! Ach, ihr … Schweine! Daß ihr mir hier Ordnung macht … hört ihr? <span class="regie">Rasch ab.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Die hat 'ne Portion Bosheit in sich!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ein böses Frauchen!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Bei dem Leben muß ja eins verrohen! An solch einen Mann gebunden zu sein – das soll ein Mensch aushalten!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Na, gar so fest fühlt sie sich nicht gebunden …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ist sie immer so … bissig?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Immer … Sie wollte hier ihren Liebsten besuchen, verstehst du, und der ist nicht da …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> So, drum der Ärger … Ach ja! Was doch für Volk auf Erden rumkommandiert! … Auf jede Art suchen sie die Menschen einzuschüchtern – und doch schaffen sie keine Ordnung im Leben … keine Sauberkeit …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ordnung möchten sie wohl schaffen, doch die nötige Vernunft fehlt! … Das heißt … ausfegen müssen wir schließlich … Nastja! Willst du's nicht tun?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Das fehlte mir gerade! Ich bin doch nicht euer Stubenmädel … <span class="regie">Schweigt ein Weilchen.</span> Betrinken will ich mich heut … tüchtig betrinken!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Das ist mal was Gescheites!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Warum willst du dich denn betrinken, meine Tochter? Vorhin hast du geweint, und jetzt sagst du, du willst dich betrinken …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">herausfordernd:</span> Und wenn ich mich betrunken habe, werde ich wieder weinen … nun weißt du's!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Viel Sinn hat's nicht …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Aber was für 'ne Ursache hast du denn, sag mal? Alles hat doch eine Ursache, selbst der kleinste Pickel im Gesicht! <span class="regie">Nastja schweigt und schüttelt den Kopf.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ei, ei! Seid ihr Menschen … Was soll aus euch werden? Na, ich will mal ausfegen … Wo habt ihr 'nen Besen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Im Hausflur, hinter der Tür … <span class="regie">Luka ab in den Hausflur.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span>: Sag mal, Nastenjka …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Hm?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Warum ist denn Wassilissa über den Aljoschka so hergefallen?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Er hat erzählt, daß Wasjka sie nicht mehr mag … daß er auf Natascha ein Auge geworfen hat … Ich zieh hier fort, such mir ein andres Quartier …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Warum denn?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Es paßt mir nicht mehr …Ich bin hier überflüssig …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">gelassen:</span> Wo wärst du nicht überflüssig?! Schließlich sind wir alle hier auf Erden überflüssig … <span class="regie">Nastja schüttelt den Kopf. Sie erhebt sich und geht still in den Hausflur. Medwedew tritt ein, hinter ihm Luka mit dem Besen.</span></p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">zu Luka:</span> Sag mal – wer bist du? Ich kenne dich nicht.</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Kennst du denn sonst alle Leute?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> In meinem Revier muß ich jeden kennen – und dich kenn ich nicht …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Das kommt wohl daher, Onkelchen, daß dein Revier nicht die ganze Erde umfaßt… 's ist da noch ein Endchen draußen geblieben … <span class="regie">Ab in die Küche.</span></p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">tritt auf Bubnow zu:</span> Das stimmt, mein Revier ist nicht groß … und der Dienst ist schlimmer, als in manchem großen … Eben, wie ich abgelöst werden sollte, hab ich den Schuster Aljoschka eingelocht … Legt sich der Kerl, verstehst du, quer über die Straße, spielt auf seiner Harmonika und brüllt: »Nichts will ich haben, nichts wünsch ich!« Und von beiden Seiten kommen Wagen, und überhaupt … ein Trubel … wie leicht kann der Mensch überfahren werden, oder sonst was … Ein toller Bengel … Na, ich hab ihn natürlich gleich vorgeführt … er treibt's zu bunt …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Kommst du abends heran … auf 'ne Partie Dame?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ich komme. Hm – ja … und was macht denn … Wasjka?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was soll er machen? Was er immer macht …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Er lebt wohl … seinen guten Tag?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Warum soll er nicht? Wenn er's dazu hat …</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">zweifelnd:</span> So, so … er hat's dazu? <span class="regie">Luka geht in den Hausflur, mit dem Eimer in der Hand.</span> Hm – ja … es geht hier so das Gerücht … von wegen Wasjka … hast du nichts gehört?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich hab allerhand gehört …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Von wegen Wassilissa, daß er … hast du nichts bemerkt?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> So … im allgemeinen … du weißt es schon, willst es bloß nicht sagen. Es ist doch schon bekannt … <span class="regie">Streng.</span> Nur nicht flunkern, mein Lieber!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Warum sollt ich flunkern?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Na, ich dächte auch … Ach, die Hunde … Sie erzählen nämlich, daß Wasjka mit der Wassilissa … sozusagen … Na, was geht's mich an? Ich bin ja nicht ihr Vater, sondern nur … ihr Onkel … mich kann's also nicht treffen, wenn sie drüber lachen … <span class="regie">Kwaschnja tritt ein.</span> Ein freches Pack. … Ah! Du bist gekommen …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Mein lieber Stadtsoldat! Denk dir, Bubnow: er hat mir eben auf dem Markte wieder 'nen Antrag gemacht …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Los doch … was zauderst du noch? Er hat Geld, ist noch 'n recht schneidiger Kerl …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ich? Na und ob!</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Ach, du alter Grauschimmel! Nein, damit komm mir ja nicht! Die Dummheit begeht man nur einmal im Leben. Heiraten heißt für 'ne Frau so viel, wie im Winter ins Wasser springen: hat sie's einmal getan – dann denkt sie ihr Lebtag dran.</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Erlaube mal … die Männer sind doch nicht alle gleich …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span><i>Ich</i> bleibe mir aber immer gleich! Wie mein lieber Gatte – der Teufel mag ihn holen – damals verreckte, bin ich vor lauter Freude den ganzen Tag nicht aus dem Hause gegangen: ganz allein saß ich da und konnte an soviel Glück gar nicht glauben …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Warum hast du'</p><p>s gelitten, daß dein Mann dich prügelte? Hättest dich auf der Polizei beschweren sollen …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Beim Herrgott hab ich mich beschwert, acht Jahre lang – aber 's half nichts!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Jetzt ist's verboten, die Weiber zu prügeln … Jetzt geht's in allem streng nach Gesetz und Ordnung … Niemanden darf man so ohne weiters prügeln … Geprügelt wird nur, wo's die Ordnung verlangt…</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">führt Anna herein:</span> Na, siehst du – da wären wir ja … Ach, du Ärmste! Wie kannst du nur so allein herumgehen, in dem Zustand? Wo ist denn dein Platz?</p><p><span class="speaker">Anna</span>  <span class="regie">zeigt nach ihrem Platz:</span> Danke, Großväterchen …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Da habt ihr 'ne verheiratete Frau … seht sie euch an!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> So 'n armes, schwaches Ding … kriecht ganz allein im Hausflur rum, stützt sich gegen die Wand – und stöhnt in einem fort … Warum laßt ihr sie denn allein heraus?</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Wir haben's nicht bemerkt – verzeih nur, Großväterchen! Ihre Kammerzofe ist wahrscheinlich spazierengegangen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Da lachst du nun … Darf man denn gegen einen Menschen so rücksichtslos sein? Wie er auch sein mag – er behält doch immer als Mensch seinen Wert …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Aufsicht ist nötig! Wenn sie nun plötzlich stirbt? Dann gibt's nur Scherereien … Habt acht auf sie!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ganz recht, Herr Wachtmeister …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Hm – ja … das heißt … Wachtmeister bin ich noch nicht …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ist's möglich?! Aber nach dem aussehen zu schließen – der richtige Held! <span class="regie">Aus dem Hausflur ertönt Lärm, das Stampfen von Füßen und gedämpftes Geschrei.</span></p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Doch nicht etwa – 'n Skandal?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Es hört sich so an …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Man müßte mal nachsehen …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Gleich … ich muß ohnedies gehen … Ach ja, der Dienst! Warum man eigentlich die Leute auseinander bringt, wenn sie sich prügeln? Sie hören doch schließlich von selbst auf … werden müde vom Zuschlagen … Man sollte sie ruhig auf'nander losschlagen lassen, soviel sie Lust haben … Sie würden sich dann immer seltener prügeln, weil sie sich die Hiebe besser merken …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">erhebt sich von der Pritsche:</span> Das mußt du mal deiner Behörde vortragen …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">reißt die Tür auf, schreit:</span> Abram! Komm rasch … Wassilissa … schlägt die Nataschka tot … So komm doch! <span class="regie">Kwaschnja, Medwedew, Bubnow stürzen nach dem Hausflur. Luka sieht ihnen kopfschüttelnd nach.</span></p><p><span class="speaker">Anna:</span> O Gott … die arme Natschenka!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wer prügelt sich denn da herum?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Unsere Wirtinnen … die beiden Schwestern …</p><p><span class="speaker">Luka:</span>  <span class="regie">tritt näher an Anna heran:</span> Um was geht's denn?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Um nichts … beide sind satt … und gesund …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und du … wie heißt du?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Anna heiß ich … Wenn ich dich so anseh … bist du ganz meinem Vater ähnlich … meinem Väterchen … ebenso liebreich bist du … und so weich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Weil sie mich tüchtig geklopft haben, darum bin ich weich … <span class="regie">Kichert leise.</span></p></div><div class="chapter" id="chap03"><h3>Zweiter Aufzug</h3><p class="stage">Dieselbe Bühneneinrichtung. Abend. Auf der Pritsche neben dem Ofen sitzen Satin, der Baron, Schiefkopf und der Tatar beim Kartenspiel. Kleschtsch und der Schauspieler sehen dem Spiel zu. Bubnow spielt auf seiner Pritsche mit Medwedew eine Partie Dame. Luka sitzt auf dem Hocker neben Annas Bett. Das Quartier ist durch zwei Lampen erhellt: die eine hängt an der Wand neben den Kartenspielern, die andere neben Bubnows Pritsche.</p><p class="center"> </p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Einmal spiel ich noch – dann hör ich auf …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Schiefkopf! Sing doch! <span class="regie">Stimmt ein Lied an.</span> »Auf und nieder geht die Sonne …«</p><p><span class="speaker">Schiefkopf</span>  <span class="regie">einfallend:</span> »Dunkel bleibt mein Kerker doch …«</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Misch die Karten! Aber misch sie ordentlich! Wir wissen schon, was für 'n Bruder du bist …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>und <span class="speaker">Schiefkopf</span>  <span class="regie">singen zweistimmig:</span></p><p class="vers">»Auf und ab die Posten wandern – a – ach!<br/>
      Tag und Nacht vor meinem Loch …«</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Schläge und Kränkungen … hab ich ertragen … die waren mein Los … solange ich lebte …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ach, du armes Weibchen! Gräm dich nicht zu sehr!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Wohin ziehst du? Gib doch acht!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Aha! So, und so, und so …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">droht Satin mit der Faust:</span> Was versteckst du die Karte? Ich hab's gesehn … Du!</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Laß ihn laufen , Hassan! Sie betrügen uns doch, so oder so … Sing weiter, Bubnow!</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich mal satt war. Mit Zittern und Zagen … hab ich jedes Stückchen Brot gegessen … Gebebt hab ich ewig und mich geängstigt … um ja nicht mehr zu essen als ein andrer … Mein Leben lang bin ich in Lumpen gegangen … mein ganzes, unglückliches Leben lang … Warum das alles?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Du armes Kind! Bist müde, was? Laß schon gut sein …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">zu Schiefkopf:</span> Spiel den Buben aus … den Buben, zum Kuckuck!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Und wir haben den König!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Die überstechen jedesmal!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Das sind wir so gewöhnt …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Eine Dame!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Auch ich hab eine … da!</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Ich sterbe …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">zum Tataren:</span> Da – sieh doch, sieh! Schmeiß die Karten hin, Fürst – schmeiß hin, sag ich dir!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Meinst du, er weiß nicht, was er zu tun hat?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Sieh dich vor, Andrjuschka, daß ich dich nicht zur Tür rauswerfe!</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Gib noch mal! Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht … So geht's mir auch … <span class="regie">Kleschtsch schüttelt den Kopf und geht zu Bubnow hinüber.</span></p><p><span class="speaker">Anna:</span> In einem fort denk ich: Mein Gott … soll ich denn auch dort … in jener Welt … solche Qualen erdulden?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nicht doch … gar nichts wirst du erdulden! Lieg nur hübsch still … und sei nicht bange … Ruhe wirst du dort finden! Dulde noch ein Weilchen … wir alle müssen dulden, meine Liebe … jeder duldet das Leben auf seine Weise. <span class="regie">Er erhebt sich und geht mit raschen Schritten in die Küche.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">singt:</span> »Wacht, soviel ihr wollt und wandert …«</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> »Sorgt euch nicht, daß ich entflieh …«</p><div class="figure"><img alt="Notenblatt" src="bilder/noten.jpg" title="Notenblatt" vspace="10"/></div><p><span class="speaker">Beide</span>  <span class="regie">zweistimmig:</span></p><p class="vers">»In die Freiheit möcht ich gerne – a – ach!<br/>
      Doch die Kette brech ich nie …«</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Halt! In 'n Ärmel hat er eine Karte gesteckt!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">verlegen:</span> Na … soll ich sie vielleicht in deine Nase stecken?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">in überzeugtem Tone:</span> Du hast dich geirrt, Fürst! Keinem Menschen fällt's ein …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Ich hab's gesehn! So 'n Gauner! Ich spiel nicht weiter!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">die Karten zusammenlegend:</span> So geh doch deiner Wege, Hassan … Daß wir Gauner sind, weißt du – warum spielst du also mit uns?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Vierzig Kopeken hat er verloren, und Spektakel macht er für drei Rubel! Das will 'n Fürst sein …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">heftig:</span> Man muß ehrlich spielen!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Aber warum denn?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Was heißt »warum?«</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Na, so … warum?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Das weißt du nicht?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> ich weiß es nicht. Weißt du es? <span class="regie">Der Tatar spuckt ärgerlich aus. Alle lachen über ihn.</span></p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Bist 'n komischer Kauz, Hassan! Überleg doch mal: wenn die es mit der Ehrlichkeit versuchen, sind sie in drei Tagen verhungert …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Was geht's mich an? Ehrlich muß man leben!</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Ewig schwatzt er dasselbe! Wollen lieber Tee trinken gehn … Los, Bubnow! …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> </p><p class="vers">»Ach, ihr Ketten, meine Ketten,<br/>
      Und ihr Wachen erzbewehrt …«</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Komm, Hassan! <span class="regie">Singend ab.</span> »Kann euch nimmermehr zerschlagen …« <span class="regie">Der Tatar droht dem Baron mit der Faust und folgt dann seinen Kameraden.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">zum Baron, lachend:</span> Na, Euer Hochwohlgeboren – da haben wir uns wieder mal glänzend blamiert! Das will 'n gebildeter Mensch sein – nicht mal 'ne Volte schlagen kann er …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">achselzuckend:</span> Weiß der Teufel, wie die Karte …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Kein Talent … kein Selbstvertrauen … ohne das wird's eben nie was Rechtes …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Eine Dame hab ich … und du hast zwei … hm – ja!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Auch <i>eine</i> kann's schaffen, wenn du richtig spielst … du bist am Zuge!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Die Partie ist verloren, Abram Iwanytsch!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Das geht dich gar nichts an – verstanden? Halt's Maul …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Dreiundfünfzig Kopeken gewonnen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Die drei Kopeken sind für mich … Übrigens, wozu brauch ich drei Kopeken?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">kommt aus der Küche:</span> Na, habt ihr den Tataren hochgenommen? Jetzt geht ihr 'n Schnäpschen trinken – hm?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Komm mit uns!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Möcht gern mal sehen, wie du bist, wenn du einen weg hast …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Sicher nicht besser, als wenn ich nüchtern bin …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Komm, Alter … ich will dir 'n paar hübsche Couplets vordeklamieren …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Couplets? Was ist das?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Gedichte, verstehst du …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Gedichte? Was sollen sie mir, die … Gedichte?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Na, die sind so spaßig … oder manchmal auch traurig …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Kommst du, Coupletsänger? <span class="regie">Ab mit dem Baron.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ich komme gleich nach. <span class="regie">Zu Luka.</span> Da ist zum Beispiel ein Gedicht … ein alter Mann kommt darin vor … wie ist doch gleich der Anfang? … Ich hab's wahrhaftig vergessen! <span class="regie">Reibt sich die Stirn.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Deine Dame ist futsch … Zieh!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Teufel noch eins! Warum hab ich nicht dahin gezogen?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Früher, wie mein Organismus noch nicht mit Alkohol vergiftet war, hatt ich ein famoses Gedächtnis … jawohl, Alter! Jetzt … ist alles zu Ende für mich … ich habe dieses Gedicht immer mit großem Erfolg vorgetragen … unter frenetischem Applaus! Du weißt jedenfalls nicht, was das ist … Applaus! Das ist … wie Branntwein, Bruder! … Wenn ich so vortrat, in dieser Haltung … <span class="regie">setzt sich in Positur</span> und dann loslegte … und <span class="regie">Er schweigt.</span> Nichts weiß ich mehr … nicht ein Wort hab ich behalten! Und es war doch mein Lieblingsgedicht … ist das nicht schrecklich, Alte?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Freilich ist's schlimm … wenn du schon vergißt, was dir das Liebste ist! In das, was man liebt, legt man seine Seele …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Meine Seele hab ich vertrunken, Alter … Ich bin ein verlorener Mensch … Und warum bin ich verloren? Weil der Glaube an mich selbst mir fehlte … Ich bin fertig …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wieso denn? Laß dich doch kurieren! Man kuriert jetzt die Trinker, hab ich gehört! Umsonst kuriert man sie, Bruderherz … Eine Heilanstalt hat man für die Trunkenbolde eingerichtet … da werden sie nun, heißt es, unentgeltlich behandelt … Man hat erkannt, siehst du, daß 'n Trunkenbold auch ein Mensch ist, und man ist sogar froh, wenn einer kommt und sich kurieren lassen will. Beeil dich also! Geh hin …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">nachdenklich:</span> Wohin? Wo ist das?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> In einer Stadt ist's … wie heißt sie doch? 's ist so ein merkwürdiger Name … Na, ich sag ihn dir noch … Nur merk dir eins: mußt dich jetzt schon drauf vorbereiten! Sei enthaltsam! Nimm dich zusammen und – halt aus! … Und dann, wenn du auskuriert bist, fängst du ein neues Leben an … ist das nicht schön, Bruder: ein neues Leben? … Nun, entschließ dich … eins, zwei, drei!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">lächelt:</span> Ein neues Leben … ganz von vorn …ja, das wäre schön! … Meinst du wirklich? Ein neues Leben? <span class="regie">Lacht.</span> Na … ja! Soll ich's versuchen? Ja, ich versuch's …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Warum denn nicht? Der Mensch – kann alles … wenn er nur will …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">plötzlich, wie aus dem Traum erwachend:</span> Bist 'n spaßiger Kauz! Leb wohl einstweilen! <span class="regie">Er pfeift.</span> Alterchen … Leb wohl! <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Anna:</span> Großväterchen!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Was denn, Mütterchen?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Sprich doch 'n bißchen mit mir …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu ihr hintretend:</span> Schön, laß uns plaudern miteinander.</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">sieht sich um, tritt schweigend ans Bett seiner Frau, blickt sie an und gestikuliert mit den Händen, als wenn er etwas sagen wollte.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Was denn, Bruder?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">leise:</span> Nichts … <span class="regie">Geht langsam zu der Tür nach dem Hausflur, bleibt ein paar Sekunden vor ihr stehen und schreitet dann hinaus.</span></p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">folgt im mit dem Blick:</span> Deinen Mann scheint's recht schwer zu drücken …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Ich habe nichts mehr … mit ihm zu schaffen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Hat er dich geschlagen?</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Und wie! … Er hat mich … so weit gebracht …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Meine Frau … hatte mal 'n Liebhaber; der hat ganz famos Dame gespielt, der Bengel …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Hm …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Großväterchen! Sprich mit mir, mein Lieber … es ist mir so bange …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Das hat nichts zu sagen! Das überkommt einen so vorm Tode, mein Täubchen. Hat nichts zu sagen, meine Liebe. Hab nur Vertrauen … Du wirst nun sterben, siehst du – und dann hast du Ruhe … Brauchst dann vor nichts mehr Angst zu haben – vor gar nichts! So still wird's sein, so friedlich … und du liegst ganz ruhig da! Der Tod besänftigt alles … Er meint's gut mit uns … Erst in der Truhe findest du Ruhe, heißt es … und 's ist richtig, meine Liebe! Wo soll denn ein Mensch hier sonst Ruhe finden? <span class="regie">Pepel tritt ein – ein wenig angetrunken, zerzaust und mürrisch; er setzt sich auf die Pritsche neben der Tür und sitzt schweigend, ohne sich zu rühren, da.</span></p><p><span class="speaker">Anna:</span> Und ist denn dort … auch so viel Qual?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Gar nichts ist dort! Glaub mir's: gar nichts ist! Friede wird sein –weiter nichts! Vor den Herrn werden sie dich führen und werden sagen: Sieh, o Herr – Deine Magd Anna ist gekommen …</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">streng:</span> Wie kannst du wissen, was sie dort sagen werden? Hört mal, du … <span class="regie">Pepel hebt beim Klang von Medwedews Stimmen den Kopf empor und lauscht.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ich weiß es eben, Herr Wachtmeister …</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">sanfter:</span> Hm – ja! Na, das ist schließlich deine Sache … das heißt … Wachtmeister bin ich nicht …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Zwei Steine schlag ich …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ach du … daß dich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und der Herr wird dich mild und freundlich anschauen und wird sagen: Ich kenne diese Anna! Nun, wird er sagen: Führt sie fort, die Anna – ins Paradies! Mag sie da Frieden finden … ich weiß, ihr Leben war sehr mühselig … sie ist sehr müde … laßt sie ausruhen, die Anna …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Großväterchen … du, mein Lieber … wenn's doch so wäre … wenn ich dort … Frieden fände … und gar nichts mehr … fühlte …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nichts wirst du fühlen! Gar nichts wird sein! Glaub's nur! In Freuden kannst du sterben, ohne Angst … der Tod, sag ich dir, ist für uns wie eine Mutter für ihre kleinen Kinder …</p><p><span class="speaker">Anna:</span> Aber … vielleicht … werd ich wieder gesund?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">lächelnd: Wozu? Zu neuer Qual?</span></p><p><span class="speaker">Anna:</span> Ich möcht doch noch … ein Weilchen leben … ein ganz kleines Weilchen … Wenn's dort keine Qual gibt … könnt ich am Ende hier noch ein wenig dulden …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nichts wird dort sein … gar nichts …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">erhebt sich:</span> Kann richtig sein … kann auch falsch sein!</p><p><span class="speaker">Anna:</span>  <span class="regie">zusammenfahrend:</span> O Gott …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ah, mein schöner Junge …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Wer brüllt denn da?</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">auf ihn zutretend:</span> Ich! Was gibt's?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Sei hier nicht so laut, verstanden? Der Mensch muß sich ruhig verhalten …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ach … Dummerjahn! Noch dazu der Onkel … ho ho!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu Pepel, leise:</span> Hör mal, du – schrei nicht! Hier stirbt eine Frau … ganz fahl sind ihre Lippen schon … stör sie nicht!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Weil du's sagst, Großvater, will ich folgen. Bist 'n Prachtkerl, Alter! Flunkerst ganz famos … erzählst angenehme Märchen! Flunkre nur immer weiter, Bruderherz … 's gibt so wenig Angenehmes auf der Welt …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Stirbt sie wirklich?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Meinst du, sie spaßt? …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Dann wird endlich das Husten aufhören … War zu störend, ihr ewiges Külstern … Zwei nehm ich …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ach … daß es dich mitten ins Herz trifft!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Abram …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ich bin für dich kein Abram …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Abraschka, sag mal – ist Natascha noch krank?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Was kümmert's dich?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Nee, sag doch: hat sie die Wassilissa wirklich so arg geprügelt?</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Auch das geht sich nichts an … Das ist 'ne Familienangelegenheit … Wer bist du überhaupt, he?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Mag ich sein, wer ich will – aber wenn mir's beliebt, kriegt ihr eure Nataschka nie mehr zu sehn!</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">das Spiel abbrechend:</span> Was sagst du? Von wem redest du da? Meine Nichte sollte … ach, du Spitzbube!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ein Spitzbube – den du noch nicht gefangen hast! …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Wart! Ich werde dich schon fassen … Sehr bald werde ich dich haben …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Immerzu! Dann soll's eurem ganzen Nest hier schlecht gehen. Meinst wohl, ich werde das Maul halten vorm Untersuchungsrichter? Da bist du schief gewickelt! Wer hat dich zum Diebstahl angestiftet? Werden sie fragen – wer hat die Gelegenheit ausbaldowert? Mischka Kostylew und seine Frau! Und wer hat das Gestohlenen abgenommen? Mischka Kostylew und seine Frau!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Da lügst du! Kein Mensch wird's dir glauben!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Sie werden's schon glauben – weil's nämlich die Wahrheit ist! Auch dich bring ich in die Patsche … ja! Alle sollt ihr ran, ihr Teufelsbande – wirst schon sehen!</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">fassungslos:</span> Schwatz doch nicht! Rede keinen Unsinn! Was hab ich dir denn … Böses getan? Hund verrückter …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Und was hast du mir Gutes getan?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ganz recht …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Was quarrst du? Hast du dich reinzumischen? Hier handelt sich's um 'ne Familienangelegenheit …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">zu Luka:</span> Laß sie doch! Uns beiden geht's ja nicht an den Kragen …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">sanft:</span> Ich sag auch nichts weiter! Ich meine nur, wenn ein Mensch dem andern nichts Gutes tut – dann handelt er eben schlecht an ihm …</p><p><span class="speaker">Medwedew,</span>  <span class="regie">der Lukas Worte nicht verstanden hat:</span> Seh doch einer! Wir kennen uns hier alle mit'nander … und du – wer bist du denn? <span class="regie">Rasch ab mit wütendem Schnauben.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ist böse geworden, der Herr Kavalier … oho! Recht sonderbar, Brüder, scheinen hier eure Sachen zu liegen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Jetzt läuft er zur Wassilissa, er will sich beklagen …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Mach keine Dummheiten, Wassilij! Willst hier den Tapfern rausbeißen … Tapferkeit, mein Sohn, ist gut, wenn du in 'n Wald gehst, nach Pilzen … Hier richtest du nichts damit aus … Sie nehmen dich beim Wickel, eh du dich versiehst …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Das wollen wir sehen! Wir Jaroslawer Jungen sind viel zu schlau, uns fängt man nicht so mit bloßen Händen … Wollt ihr Krieg haben – schön, dann werden wir Krieg führen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Es wäre wirklich besser, Junge, du gingest fort von hier …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wohin denn? Sag mal …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Geh … nach Sibirien!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> He he! Nee, da wart ich doch lieber, bis sie mich auf Staatskosten hinschicken …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nein, wirklich, folge mir! Geh hin! Kannst dort deinen Weg machen … Man braucht dort solche Jungen, wie du einer bist!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Mir ist mein Weg vorgezeichnet! Mein Vater hat sein Lebtag in den Gefängnissen gesessen, und das hat er mir vermacht … Wie ich noch ganz klein war, nannten mich die Leute schon Dieb und Spitzbubenjunge.</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ein schönes Land – Sibirien! Ein goldnes Land! Wer gut bei Kräften ist und nicht auf 'n Kopf gefallen, der fühlt sich dort – wie die Gurke im Frühbeet!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Sag mal, Alter – warum lügst du immer?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wie?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Bist wohl taub geworden? Warum du lügst, frag ich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wann hab ich gelogen?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> In einem fort lügst du … Dort ist's nach deiner Meinung schön, hier ist 's schön … Es ist doch nicht wahr! Warum lügst du also?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Glaub mir! Oder geh hin, überzeug dich … Wirst mir Dank wissen … Was drückst du dich hier um? Und … warum bist du so auf Wahrheit erpicht? Überleg's doch: die Wahrheit – die kann für sich zur Schlinge werden …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Laß sie zur Schlinge werden … Mir ist's gleich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Bist doch 'n Sonderling! Warum willst du selbst den Hals hineinstecken?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Was schwatzt ihr beiden eigentlich? Versteh euch nicht … Was für 'ne Wahrheit tut dir not, Wasjka? Wozu soll sie dir? Die Wahrheit über dich selber – die kennst du doch … und alle Welt kennt sie …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Halt den Schnabel, krächze nicht! Er soll mir erst sagen … hör mal, Alter – gibt's einen Gott? <span class="regie">Luka lächelt und schweigt.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Die Menschen sind wie die Späne, die der Strom wegträgt … Das Haus steht fertig da … aber die Späne sind weg …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">leise:</span> Wenn du an ihn glaubst – gibt's einen; glaubst du nicht, dann gibt's keinen … Woran du glaubst – das gibt's … <span class="regie">Pepel blickt schweigend, in starrem Erstaunen, auf den Alten.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich geh jetzt Tee trinken … kommt ihr mit in die Schenke? He?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu Pepel:</span> Was guckst du?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> So … Sag mal – du meinst also …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Na, dann geh ich allein … <span class="regie">Ab nach der Tür, in der er auf Wassilissa stößt.</span></p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Du meinst also … daß …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">zu Bubnow:</span> Ist Natascha zu Hause?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Nein. <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ah … da bist du ja …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">an Annas Lager tretend:</span> Ist sie noch am Leben?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Stör sie nicht!</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">nähert sich der Tür zu Pepels Kammer:</span> Wassilij! Ich habe mit dir zu reden … <span class="regie">Luka geht nach der Tür zum Hausflur, öffnet sie und schließt sie wieder geräuschvoll. Dann steigt er vorsichtig auf die Pritsche und von da auf den Ofen.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">aus Pepels Kammer:</span> Wasja, komm her!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich komme nicht … ich will nicht …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Was ist denn? Was bist du so böse?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Langweilig ist's … die ganze Wirtschaft hier hab ich satt …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Und mich … hast du auch satt?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Auch dich … <span class="regie">Wassilissa zieht das Tuch, das ihrer Schultern bedeckt, fest an und preßt die Arme gegen die Brust. Sie tritt zu Annas Bett, blickt vorsichtig hinter den Vorhang und kehrt dann zu Pepel zurück.</span></p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Na … so rede …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Was soll ich reden? Zur Liebe läßt sich keiner zwingen … meine Art ist's nicht, um Liebe zu betteln … Ich dank dir für deine Aufrichtigkeit …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Aufrichtigkeit?</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Na ja … du sagst, du hast mich satt … oder ist's nicht wahr? <span class="regie">Pepel sieht sie schweigend an.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">rückt näher an ihn heran:</span> Was guckst du? Du siehst mich wohl nicht?</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">tief Atem holend:</span> Schön bist du, Wasjka … <span class="regie">Wassilissa legt den Arm um seinen Hals; er schüttelt ihren Arm mit einer Schulterbewegung ab.</span> Und doch hat mein Herz dir nie gehört … Ich hab mit dir gelebt, und so weiter … aber wirklich geliebt hab ich dich nie …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">leise:</span> So … o … Nu … un …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Nun hätten wir nichts weiter zu reden mit'nander! Gar nichts weiter … laß mich ungeschoren …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Hast an einer andern Gefallen gefunden?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Das geht dich nichts an … Wenn's so wäre – dich nehm ich doch nicht zur Brautwerberin …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">mit vielsagender Miene:</span> Wer weiß … vielleicht könnt ich ein Wort für dich einlegen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">mißtrauisch:</span> Bei wem denn?</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Du weißt, wen ich meine … verstell dich doch nicht! Ich rede gern von der Leber weg … <span class="regie">Leiser.</span> Ich will dir's nur sagen … du hast mich tief gekränkt … mir nichts, dir nichts hast du mir 'nen Hieb versetzt, wie mit der Peitsche … Sagtest immer, du liebst mich, und mit einemmal …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Mit einemmal? Ganz und gar nicht … Schon lange hab ich so gedacht … du hast keine Seele, Weib … Eine Frau muß 'ne Seele haben … Wir Männer sind Tiere … wir kennen's nicht anders … uns muß man erst anlernen zum Guten … und du, wozu hast du mich angelernt? …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Was war, das war … Ich weiß, der Mensch ist nicht frei in seinem Innern … Liebst du mich nicht mehr – schön! Es soll mir recht sein …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Na also! Abgemacht! Wir trennen uns in Freundschaft, ohne Zank und Streit … wunderschön!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Halt, nicht so rasch! Während all der Zeit, die ich mit dir lebte … wartete ich immer, ob du mir nicht heraushelfen würdest … aus dem Sumpf hier … ob du mich nicht von meinem Manne, vom Onkel … von diesem ganzen Leben hier befreien würdest … Und vielleicht hab ich dich gar nicht geliebt, Wasja … vielleicht liebte ich in dir nur … meine eigne Hoffnung, meinen Traum … Verstehst du? Ich hatte gehofft, du würdest mich herausziehen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Bist doch kein Nagel, und ich bin keine Zange … Ich dachte selber, du würdest mit deiner Schlauheit … denn schlau bist du und gewandt …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">neigt sich dicht über ihn:</span> Wasja! Wir wollen uns gegenseitig helfen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wie denn?</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">leise, doch mit Nachdruck:</span> Meine Schwester gefällt dir, ich weiß es …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Dafür schlägst du sie auch so grausam! Das sag ich dir, Wasja: rühr sie nicht mehr an!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> So wart doch! Nicht so hitzig! Es läßt sich alles in Ruhe abmachen, im Guten … Heirate sie, wenn du willst! Ich gebe dir noch Geld dazu … dreihundert Rubel! Treib ich mehr auf, geb ich dir noch mehr …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">rückt auf seinem Platz hin und her:</span> Halt mal … wie meinst du das? Wofür?</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Befreie mich von meinem Manne! Nimm diese Last von mir …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">pfeift leise:</span> Ei, si–ieh doch! Das hast du dir schlau ausgedacht … Der Mann ins Grab, der Liebhaber in die Zwangsarbeit, und du selber …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Aber Wasja! Warum denn Zwangsarbeit? Du brauchst doch nicht selbst … deine Kameraden! Und wenn du's auch selber tust – wer erfährt's denn? Natascha wird die Deine … bedenke doch! Geld wirst du haben … wirst wegziehen von hier, irgendwohin … Mich erlösest du für immer … und auch für die Schwester wird's gut sein, daß sie von mir fortkommt. Ich kann sie nicht sehen, ohne rasend zu werden … ich hasse sie deinetwegen … und kann mich nicht beherrschen … Ich schlage sie so hart, daß ich selber vor Mitleid mit ihr weine … Aber – ich schlage sie eben. Und ich werde sie weiter schlagen!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Bestie! Rühmst dich noch deiner Roheit!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ich rühme mich nicht – nur die Wahrheit sag ich. Denk dran, Wasja, schon zweimal hast du wegen meines Alten gesessen … wegen seiner Habgier … Wie 'ne Wanze hat er sich an mir festgesogen … vier Jahre schon saugt er an mir! Einen solchen Mann zu haben! Und auch Natascha quält er, verhöhnt sie, nennt sie eine Bettlerin! Das reine Gift ist er – für uns alle …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wie schlau du das ausgeheckt hast …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ausgeheckt? Was ich sage, ist doch ganz klar … nur ein Dummkopf kann nicht begreifen, was sich will … <span class="regie">Kostylew tritt behutsam ein und schleicht leise vorwärts.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">zu Wassilissa:</span> Na … geh schon!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Überleg dir's! <span class="regie">Sieht ihren Mann.</span> Was gibt's? Bist mir wohl nachgeschlichen? <span class="regie">Pepel springt auf und blickt Kostylew wild an.</span></p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Jawohl … ich bin's … ich bin's … Und ihr seid hier ganz allein? Ah, ah … habt 'n bißchen geplaudert? <span class="regie">Stampft plötzlich mit den Füßen auf und kreischt laut. Zu Wassilissa.</span> Wasjka … Du Bettlerin! Du gemeines Luder! <span class="regie">Erschrickt vor seinem eigenen Geschrei, dem nur lautloses Schweigen antwortet.</span> Verzeih mir, o Herr … Schon wieder hast du mich zur Sünde verleitet, Wassilissa … Ich suche dich überall … <span class="regie">Quiekend.</span> 's ist Zeit zum Schlafengehen! Hast kein Öl ins Lämpchen gegossen … ach, du! Bettlerin, Schlumpe … <span class="regie">Streckt ihr drohend die zitternden Fäuste entgegen. Wassilissa geht langsam nach der Tür zum Hausflur und sieht sich dabei nach Pepel um.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">zu Kostylew:</span> Du! Geh deiner Wege … scher dich …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">schreit:</span> Ich bin hier der Herr! Scher dich selbst hinaus, verstanden? Spitzbube du?</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">dumpf:</span> Geh deiner Wege, Mischka …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Wag's nicht! Sonst soll … sonst will ich … <span class="regie">Pepel faßt ihn am Kragen und schüttelt ihn. Von Ofen her hört man lautes Geräusch und vernehmliches Gähnen. Pepel läßt Kostylew los; dieser läuft schreiend zur Tür hinaus, in den Hausflur.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">springt auf die Pritsche:</span> Wer ist da … wer ist auf dem Ofen?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">streckt den Kopf vor:</span> Was gibt's?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Du bist es?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">gelassen:</span> Ich bin's … ich selbst … Ach, Herr Jesus Christus!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">schließt die Tür zum Hausflur, sucht den Riegel und findet ihn nicht:</span> Ach, zum Teufel … kriech runter, Alter!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Gleich will ich … runterkriechen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">barsch:</span> Warum bist du auf den Ofen geklettert?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wohin sollt ich sonst gehen?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Du bist doch in den Hausflur gegangen?</p><p><span class="speaker">Luka:</span>: 's war mir im Hausflur zu kalt, Brüderchen … bin ein alter Mann …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hast du … gehört?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Freilich hab ich gehört! Wie sollt ich nicht hören? Bin doch nicht taub! Ach, Junge, du hast Glück … wirklich Glück hast du !</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">mißtrauisch:</span> Was für Glück?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Na, daß ich auf'n Ofen geklettert bin … das war dein Glück …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Warum hast du so herumgepoltert?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Weil mir da so heiß wurde … zu deinem Glück, mein Sohn … Und dann dacht ich: Wenn der Junge nur keine Dummheit macht … und den Alten erwürgt …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ja–a … ich hätt's fertiggebracht … ich hasse ihn …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> 's wär gar kein Wunder … Nichts leichter, als das … Kommt häufig vor, solch eine Dummheit …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">lächelnd:</span> Hm? Hast auch schon mal … solch eine Dummheit gemacht? …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Hör, mein Junge, was ich dir sage: dieses Weib, das halte dir vom Leibe! Um keinen Preis laß sie dir nahe kommen … Ihren Mann wird sie sich schon selbst vom Leibe schaffen … noch geschickter, als du es könntest, ja! Hör nicht auf das Satansweib! Sieh mich an: Ganz kahlköpfig bin ich … Und wovon? Einzig und allein von den Weibern … Hab ihrer vielleicht mehr gekannt, dieser Weiber, als ich Haare auf dem Kopfe hatte … Und diese Wassilissa … ist schlimmer als die Pest …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich weiß nicht … soll ich dir danken, oder … hast auch du …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Rede nicht weiter! Tu, was ich dir sage! Hast du hier ein Mädel, das dir gefällt – dann nimm's bei der Hand, und marsch alle beide, fort von hier! Nur weg, recht weit weg …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">düster:</span> Man kennt sich nicht aus in den Menschen! Wer gut ist, wer Böse … nichts läßt sich mit Bestimmtheit sagen! …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Was ist da viel zu sagen? Der Mensch lebt bald so, bald so … wie sein Herz gestimmt ist, so lebt er …heut ist er gut, morgen böse. Und wenn jenes Mädchen dir wirklich am Herzen liegt – dann zieh mit ihr fort, abgemacht … Oder geh allein … Bist jung, hast noch Zeit genug, dir ein Weib zu nehmen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">faßt ihn an der Schulter:</span> Nein, sag doch – warum du das alles …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wart! Laß mich los … will nach der Anna sehn … sie hat so geröchelt … <span class="regie">Tritt an Annas Lager, schlägt den Vorhang zurück, blickt die Daliegende an und berührt sie mit der Hand. Pepel beobachtet ihn mit nachdenklicher, unsicherer Miene.</span> Jesus Christus, Allgütiger! Nimm die Seele deiner eben verstorbenen Magd Anna in Frieden zu dir …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">leise:</span> Ist sie tot? <span class="regie">Reckt sich empor und blickt, ohne näher zu treten, nach Annas Lager.</span></p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">leise:</span> Geendet ist ihre Qual! Und wo ist denn ihr Mann?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> In der Schenke jedenfalls …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Man muß es ihm sagen …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">zusammenschauernd:</span> Ich liebe die Toten nicht.</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">geht auf die Tür zu:</span> Warum sollte man sie auch lieben? Die Lebenden muß man lieben … die Lebenden …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich gehe mit dir …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Fürchtest dich wohl?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich liebe sie nicht … <span class="regie">Geht hastig mit Luka hinaus. Die Bühne bleibt eine kurze Weile leer. Hinter der Tür zum Hausflur vernimmt man ein dumpfes, wirres, seltsames Geräusch, dann tritt der Schauspieler ein.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">bleibt, ohne die Tür zu schließen, auf der Schwelle stehen und schreit, während er sich mit den Händen an den Türpfosten festhält:</span> Alterchen! Luka! He, wo steckst du? Jetzt ist mir's eingefallen … hör mal! <span class="regie">Tritt schwankend zwei Schritte vor, setzt sich in Positur und deklamiert.</span></p><p class="vers">Und wenn die Sonne aus dem Weltenraum<br/>
      Ihr Licht der Erde fürder nicht mag senden,<br/>
      Dann heil dem Toren, dessen goldner Traum<br/>
      Der Menschheit einen Schimmer doch wird spenden!</p><p class="center"><span class="regie">Natascha erscheint hinter dem Schauspieler in der Tür.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">fährt fort:</span> Alter … hör zu!</p><p class="vers">Und sollt einmal die Welt aus ihrer Bahn<br/>
      Auf ihrem Weg zur Wahrheit auch entgleisen,<br/>
      So wird ein Tor mit seinem lichten Wahn<br/>
      Der Irrenden die rechten Pfade weisen …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">lacht:</span> seht doch die Vogelscheuche! Hat der wieder mal 'nen Affen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">dreht sich nach ihr um:</span> A–ah, du bist es! Und wo ist denn unser Alter? Unser liebes, gutes Alterchen? Kein Mensch scheint … zu Hause zu sein … Natascha, leb wohl! Leb wohl – ja!</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">tritt näher:</span> hast mich noch nicht mal begrüßt, und nimmst schon Abschied …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">tritt ihr in den Weg:</span> Ich geh fort von hier … ich verreise … Sobald der Frühling ins Land kommt – geh ich auf und davon …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Laß mich gehen … Wohin verreist du denn?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Eine Stadt will ich suchen gehen …kurieren will ich mich … Auch du geh hier fort … Ophelia … geh in ein Kloster! … Es gibt nämlich, verstehst du, eine Heilanstalt für Organismen … für Trunkenbolde sozusagen …eine ausgezeichnete Heilanstalt … alles Marmor …marmorner Fußboden! Licht … Sauberkeit … Kost – alles umsonst! Und marmorner Fußboden, ja! Ich werde sie finden, diese Stadt, werde mich auskurieren lassen und … ein neues Leben beginnen … Ich bin auf dem Wege zur Wiedergeburt … wie König Lear sagt! Weißt du auch, Natascha … wie ich mit meinem Bühnennamen heiße? Swertschkow-Sawolschskij heiß ich … kein Mensch weiß das hier, kein Mensch! Hier bin ich namenlos … begreifst du wohl, wie kränkend das ist – seinen Namen zu verlieren? Selbst Hunde haben ihre Namen … <span class="regie">Natascha geht leise an dem Schauspieler vorüber, bleibt an Annas Lager stehen und blickt auf die Tote.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Namenlos … ausgestrichen aus dem Buch des Lebens …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Sieh doch … die Ärmste … sie ist tot …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span><span class="regie">kopfschüttelnd:</span> Nicht möglich …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">tritt zur Seite:</span> Bei Gott … sieh doch …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">in der Tür:</span> Was gibt's denn da zu sehen?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Anna … ist gestorben!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hat also aufgehört zu husten. <span class="regie">Tritt an Annas Bett, schaut eine Weile auf die Tote und geht dann an seinen Platz.</span> Man muß es Kleschtsch sagen … ihn geht's an …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ich geh … will's ihm sagen … Auch die ist jetzt namenlos! <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">mitten im Zimmer, halb für sich:</span> Auch ich werde … einmal so … ganz unversehens enden …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">breitet auf seiner Pritsche eine zerlumpte alte Decke aus:</span> Was ist? Was brummst du da?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Nichts … nur so für mich …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Erwartest wohl den Wasjka? Nimm dich in acht, dieser Wasjka … schlägt dir noch mal den Schädel ein …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Ist's nicht gleich, wer ihn mir einschlägt? Dann mag er's schon lieber tun …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">legt sich nieder:</span> Wie du willst … was geht's mich an?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> 's ist wohl das Beste für sie … daß sie gestorben ist … Kann einem wirklich leid tun … Du lieber Gott! … Warum lebt man nun?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Das ist mal 'ne Frage – man lebt eben! Man wird geboren, lebt eine Zeitlang und stirbt. Auch ich werde sterben … auch du wirst sterben … was heißt da leid tun? <span class="regie">Luka, der Tatar, Schiefkopf und Kleschtsch treten ein. Kleschtsch geht, in gedrückter Haltung, zögernd hinter den anderen her.</span></p><p><span class="speaker">Natascha:</span> S–ßt! Anna …</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Wir haben schon gehört … Gott habe sie selig …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">zu Kleschtsch:</span> Sie muß rausgebracht werden! In 'n Hausflur muß sie geschafft werden! Hier ist kein Platz für Tote, nur Lebende dürfen hier schlafen …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">leise:</span> Wir bringen sie gleich raus … <span class="regie">Alle treten an das Bett. Kleschtsch betrachtet seine Frau über die Schultern der anderen hinweg.</span></p><p><span class="speaker">Schiefkopf</span>  <span class="regie">zum Tataren:</span> meinst, sie wird riechen? Die riecht nicht … Die ist schon bei Lebzeiten ganz ausgetrocknet …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Du lieber Gott! Habt doch Erbarmen … wenn doch jemand ein Wort sagen wollte! Ach, ihr seid wirklich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nimm's nicht für ungut, meine Tochter … hat nichts zu sagen! Wie sollen wir mit den Toten Erbarmen haben? Wir haben's doch nicht mal mit den Lebenden … nicht mal mit uns selbst, meine Liebe! Was denkst du?!</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">gähnt:</span> Ein Wort sagen … wenn sie tot ist – hilft ihr kein Wort mehr … Gegen Krankheit gibt's gewisse Worte, gegen den Tod nicht!</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">zur Seite tretend:</span> Der Polizei muß man's melden …</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Natürlich – das ist Vorschrift! Kleschtsch! Hast du's schon gemeldet?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Nein … Nun kommt das Begräbnis, und ich hab nur vierzig Kopeken in der Tasche …</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> So borg doch … oder wir machen 'ne Sammlung … jeder gibt, was er kann, der so viel, der so viel … Aber nu rasch zur Polizei, melde es! Sonst denken sie am Ende, du hast dein Weib totgeschlagen … oder sonst was . <span class="regie">Geht nach der Pritsche, auf der bereits der Tatar liegt, und schickt sich an, sich neben diesen zu legen.</span></p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">tritt an Bubnows Pritsche heran:</span> Nun werde ich von ihr träumen … ich träume immer von Toten …Ich fürcht mich allein … im Hausflur ist's so dunkel …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">folgt ihr mit den Augen:</span> Vor den Lebenden fürchte dich, das sag ich dir …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Begleite mich, Großväterchen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Komm … komm … ich begleite dich. <span class="regie">Beide ab. Pause.</span></p><p><span class="speaker">Schiefkopf</span>  <span class="regie">gähnt.</span> Oh – oh – ach! <span class="regie">Zum Tataren.</span> Nu wird's bald Frühling, Hassan … Da gibt's wieder 'n bißchen Sonne für uns. Jetzt bringen die Bauern ihre Pflüge und Eggen in Ordnung … bald geht's aufs Feld hinaus … hm – ja! Und wir … Hassan? Er schnarcht ja schon! Mohammed verdammter!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Die Tataren haben 'nen gesunden Schlaf …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">steht mitten im Quartier und starrt dumpf vor sich hin.</span> Was soll ich jetzt anfangen?</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Leg dich hin und schlaf! … Weiter nichts …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">leise:</span> Und … sie? Was soll … mit ihr geschehen? <span class="regie">Niemand antwortet ihm. Satin und der Schauspieler treten ein.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">schreit:</span> Alterchen! Zu mir, mein getreuer Kent!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Miklucha-Maclay … ho ho!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Die Sache ist abgemacht! Alter, wo liegt die Stadt … wo bist du?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Fata Morgana! Der Alte hat dich beschwindelt … Es gibt keine solche Stadt! Keine Städte gibt's, keine Menschen gibt's … gar nichts gibt's überhaupt!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Das lügst du, Kerl …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">springt auf:</span> Wo ist der Wirt? Ich will zum Wirt! Wenn man hier nicht schlafen kann, soll er auch kein Geld verlangen … Tote … Betrunkene … <span class="regie">Rasch ab. Satin pfeift hinter ihm her.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">verschlafen:</span> Legt euch schlafen, Kinder, macht keinen Lärm … Die Nacht ist zum Schlafen da …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Richtig … wir haben ja hier … eine Tote! »Einen Toten haben wir gefischt mit unsern Netzen …« heißt es in einem … Chanson … von B–Béranger!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">schreit:</span> Die Toten hören nicht! Die Toten fühlen nicht! Schrei … brülle, soviel du willst … kein Toter hört dich! … <span class="regie">In der Tür erscheint Luka.</span></p></div><div class="chapter" id="chap04"><h3>Dritter Aufzug</h3><p class="stage">Ein öder Platz zwischen Gebäuden, der mit allerhand Rumpelkram angefüllt und mit Unkraut bewachsen ist. Im Hintergrunde eine hohe, aus Ziegelsteinen errichtete Brandmauer, die den Himmel verdeckt. Neben ihr Holundergebüsch. Rechts eine dunkle, aus Balken gefügte Wand, die zu einem Hofgebäude, einem Schuppen oder Stall gehört. Links die graue, hier und da Reste von Kalkbewurf aufweisende Wand des Hauses, in dem Kostylews Herberge sich befindet. Die letztere steht schräg, so daß ihre hintere Ecke bis fast in die Mitte des Platzes vorspringt. Zwischen ihr und der roten Wand ein schmaler Durchgang. In der grauen Wand zwei Fenster – das eine in gleicher Höhe mit dem Boden, das andere etwa anderthalb Meter höher und näher nach der Brandmauer zu. Neben der grauen Wand liegt, mit den Kufen nach oben, ein großer Schlitten und ein etwa drei Meter großer Balken. Rechts neben der Wand ein Haufen alter Bretter und behauener Balken. Es ist Abend, die Sonne geht unter und wirft ein rötliches Licht auf die Brandmauer. Der Frühling hat eben erst begonnen, der Schnee ist kaum geschmolzen. Das schwarze Geäst der Holunderbüsche zeigt noch keine Knospen. Auf dem Balken sitzen nebeneinander Natascha und Nastja. Auf dem Holzhaufen Luka und der Baron. Kleschtsch liegt auf einem Holzhaufen neben der rechten Wand. Aus dem unteren Fenster schaut Bubnow in den Hof.</p><p class="center"> </p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">mit geschlossenen Augen, bewegt den Kopf im Takt zu ihrer Erzählung, die sie in singendem Ton vorträgt:</span> In der Nacht also kommt er in den Garten, in die Laube, wie wir es verabredet hatten … und ich warte schon längst und zittre vor Angst und Kummer. Auch er zittert am ganzen Leibe und ist kreideweiß , in der Hand aber hat er einen Revolver …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">knabbert Sonnenblumenkerne:</span> Was du sagst! Diese Studenten sind doch Tollköpfe …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Und mit schrecklicher Stimme spricht er zu mir: Meine teure Geliebte …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ha ha! Meine »teure« hat er gesagt?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Still da! Laß sie ruhig schwindeln – brauchst ja nicht zuzuhören, wenn's dir nicht gefällt … Also weiter!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Meine Herzallerliebste, sagt er, mein Goldschatz! Die Eltern verweigern mir meine Einwilligung dazu, sagt er, daß ich dich heirate … und drohen mir mit ihrem Fluche, wenn ich nicht von dir lasse. Und so muß ich mir denn, sagt er, das Leben nehmen … Und sein Revolver war ganz fürchterlich groß und mit zehn Kugeln geladen … Lebe wohl, sagt er, traute Freundin meines Herzens! Mein Entschluß ist unwiderruflich … ich kann ohne dich nicht leben. Ich aber antwortete ihm: Mein unvergeßlicher Freund … mein Raoul …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">erstaunt:</span> Wie hieß er? Graul?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Du irrst dich. Nastjka! Das letzte Mal hieß er doch Gaston!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">springt auf:</span> Schweigt … ihr Unglücklichen! Ihr … elenden Strolche! Könnt ihr überhaupt begreifen, was Liebe ist … wirkliche, echte Liebe? Und ich … ich habe sie gekostet, diese wirkliche Liebe! <span class="regie">Zum Baron.</span> Du Jammerkerl … Du willst ein gebildeter Mensch sein … sagst, du hättest im Bett Kaffee getrunken …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> So habt doch Geduld! Stört sie nicht! Nehmt Rücksicht auf sie … nicht aufs Wort kommt es an, sondern darauf, <span class="regie">warum's</span> gesprochen wird – seht ihr, darauf kommt's an! Immer erzähl, meine Liebe – hat nichts zu sagen!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Immer färb dir die Federn, Krähe … na, leg doch los!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Weiter also!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Achte nicht auf sie, wer sind sie denn? Sie reden nur aus Neid so … weil sie von sich nichts zu erzählen wissen …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">setzt sich wieder:</span> Ich will nicht … Ich erzähl nicht weiter … Wenn sie's nicht glauben wollen … und darüber lachen … <span class="regie">Bricht plötzlich ab, schweigt ein paar Sekunden, schließt wieder die Augen und fährt dann laut und hastig fort zu erzählen, wobei sie im Takt zu ihrer Rede die Hand bewegt und gleichsam auf eine in der Ferne erklingende Musik lauscht.</span> Und ich antworte ihm darauf: Du Freude meines Daseins! Du glänzender Stern! Auch ich vermag ohne dich nicht zu leben … weil ich dich wahnsinnig liebe und allezeit lieben werde, solange das Herz in meiner Brust schlägt! Aber, sag ich, beraube dich nicht deines jungen Lebens … denn sieh, deine teuren Eltern, deren einzige Freude du bist – sie bedürfen dein … Laß ab von mir! Mag ich lieber zugrunde gehen … aus Sehnsucht nach dir, mein Leben … ich bin allein … ich bin – so eine! Ja, laß mich sterben … was liegt daran … denn ich tauge nichts … und habe nichts … rein gar nichts … <span class="regie">Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen und weint still in sich hinein.</span></p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">wendet sich zur Seite, leise:</span> Nicht doch … weine nicht! <span class="regie">Luka streichelt lächelnd Nastjas Kopf.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">lacht laut:</span> Nein, so 'n Teufelsmädel – was?</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">lacht gleichfalls:</span> Sag mal, Großväterchen, glaubst du ihr denn, was sie da erzählt? Das ist ja alles aus ihrem Buch … aus der »Verhängnisvollen Liebe« … alles verrücktes Zeug! Laß sie laufen! …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Was geht's dich denn an? Schweig lieber, du! Der Herrgott hat dich genug gestraft …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">wütend:</span> Du Hohlkopf! Sag, wo ist deine Seele?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">faßt Nastja an der Hand:</span> Komm, meine Liebe! Ärgere dich nicht … hat nichts zu sagen! Ich weiß ja … Ich – glaube dir. Du hast recht, und nicht jene da … Wenn du's selber glaubst, dann hattest du eben eine solche … echte Liebe … Gewiß doch! Ganz gewiß! Und dem da, deinem … Liebsten, sei nicht böse … Er lacht vielleicht wirklich nur … darum, weil er neidisch ist … Hat wohl nie im Leben was Echtes gekostet … nein, ganz gewiß nicht! Komm! …</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">preßt ihre Arme gegen die Brust:</span> Großväterchen! Bei Gott … 's ist wahr! Alles ist wahr! … Der Student war ein Franzose … Gastoscha hieß er … und ein schwarzes Bärtchen hatte er … und trug immer Lackstiefel … der Blitz soll mich auf der Stelle treffen, wenn's nicht wahr ist! Und wie er mich liebte … ach, wie er mich liebte!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ich weiß ja! Hat nichts zu sagen! Ich glaub dir's! Lackstiefel trug er also, sagst du? Ei, ei! Na, und du hast ihn natürlich auch geliebt. <span class="regie">Beide ab um die Ecke</span></p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ein zu dummes Frauenzimmer! Gutmütig, aber dumm … unerträglich dumm!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wie nur ein Mensch so in einem fort lügen kann! Immer, als wenn sie vorm Untersuchungsrichter stände …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Die Lüge muß doch angenehmer sein als die Wahrheit … Auch ich …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Was »auch du«? Sprich weiter.</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Auch ich denk mir manches aus … Denke mir's aus …und warte …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Auf was?</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">lächelt verlegen:</span> Na, so … Vielleicht, denk ich … kommt morgen jemand … irgend jemand Besonderes … Oder es passiert was … etwas Niedagewesenes … Lange schon wart ich … immer wart ich … Und schließlich … wenn man's bei Licht besieht … was kann man groß erwarten? <span class="regie">Pause.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">lächelnd:</span> Gar nichts kann man erwarten … Ich wenigstens – erwarte nichts mehr! Für mich … war alles schon da! Alles vorbei … zu Ende! Was weiter?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Manchmal stell ich mir auch vor, daß ich morgen … plötzlich sterbe … davon wird mir dann so bange …Im Sommer denkt man gern an den Tod … da gibt es Gewitter … jeden Augenblick kann einen der Blitz treffen …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Du hast es nicht gut im Leben … Deine Schwester ist ein richtiger Satan …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wer hat's überhaupt gut im Leben? Alle haben es schlecht … soviel ich sehe …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">hat bisher unbeweglich und teilnahmslos dagelegen und springt plötzlich auf:</span> Alle? Das ist nicht wahr! Nicht alle! Wenn's alle schlecht hätten … dann müßte man's so hinnehmen! Das wäre kein Grund zu klagen … ja!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Sag mal – reitet dich der Teufel? Hört doch! Brüllt mit einemmal auf. <span class="regie">Kleschtsch legt sich wieder auf seinen Platz und knurrt vor sich hin.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Muß doch sehen, was Nastenjka macht … muß mich mit ihr vertragen … sonst gibt sie kein Geld für Schnaps …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Daß die Menschen das Lügen nicht lassen können! Bei Nastjka begreif ich's schließlich. Die ist dran gewöhnt, sich die Backen zu schminken … da versucht sie's auch mal mit der Seele … schminkt sich ihr Seelchen rot … Aber die andern – warum tun die es? Luka zum Beispiel … was flunkert der nicht zusammen … so mir nichts, dir nichts! Warum lügt er nur … in seinen Jahren!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">geht lächelnd ab:</span> Alle Menschen – haben graue Seelen … alle legen gern ein bißchen Rot auf …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">tritt hinter der Ecke hervor:</span> Sag doch, Baron – warum kränkst du das Mädchen? Laß sie doch … mag sie weinen, sich die Zeit vertreiben … Sie vergießt doch nur zu ihrem Vergnügen Tränen … was kann's dir schaden?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ein albernes Ding ist sie, Alter! Das wächst einem ja zum Halse heraus … Heut – Raoul, morgen Gaston … und ewig ein und dasselbe! Übrigens – will ich mich wieder mit ihr aussöhnen … <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Geh, sei hübsch freundlich zu ihr! Gegen einen Menschen freundlich sein – schadet niemals …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wie gut du bist, Großväterchen … Wie kommt es, daß du so gut bist?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Gut bin ich, sagst du? Na … 's ist doch recht so, denk ich … ja! <span class="regie">Hinter der roten Wand hört man leisen Gesang und Harmonikaspiel.</span> Siehst du, Mädel – es muß doch auch einer da sein, der gut ist … Wir sollen Erbarmen haben mit den Menschen! Christus, siehst du – der <span class="regie">hatte</span> Erbarmen mit allen und hat's auch uns so befohlen … Zur rechten Zeit Erbarmen haben – glaub mir's, es ist immer gut! Da war ich zum Beispiel mal als Wächter in einem Landhaus angestellt, bei einem Ingenieur, nicht weit von der Stadt Tomsk in Sibirien … Na, schön! Mitten im Walde stand das Landhaus, eine ganz einsame Gegend … und Winter war's, und ich war ganz allein in dem Landhaus … Schön war's dort – ganz prächtig! Und einmal … hör ich, wie sie näher schleichen!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Diebe?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> J. Sie schleichen also näher, und ich nehme meine Büchse und trete ins Freie … Ich sehe: es sind zwei Mann … eben steigen sie in ein Fenster ein und sind so eifrig bei der Sache, daß sie mich gar nicht sehen. Ich schrei auf sie los: Heda! … Macht, daß ihr fortkommt … Und sie stürzen, denkt euch, auf mich mit 'nem Beil los … Ich warne sie – Halt! Ruf ich, sonst geb ich Feuer! … Und dabei leg ich bald auf den einen, bald auf den andern an. Sie fallen auf die Knie, das sollte heißen: Verschone uns! Na, ich war mächtig tückisch … wegen des Beils, weißt du! Ihr Waldteufel, sag ich, ich hab euch fortjagen wollen – und ihr seid nicht gegangen! … Und jetzt, sag ich, mag mal einer von euch im Busch drüben Ruten holen! Sie tun's. Und nun befehl ich: Einer von euch lege sich hin und der andre – mag ihn prügeln! Und so haben sie, auf mein Geheiß, sich gegenseitig durchgeprügelt. Und wie sie jeder ihre Tracht Prügel weg haben, da sagen sie zu mir: Großväterchen, sagen sie, gib uns ein Stück Brot, um Christi Willen! Nicht 'nen Bissen haben wir im Leibe. Das waren nun die Diebe, meine Tochter … <span class="regie">lacht</span>  … die mit 'nem Beil auf mich losgegangen waren! Ja … ein paar prächtige Jungen waren's … Ich sage zu ihnen: Ihr Waldteufel, hättet doch gleich um Brot bitten sollen! Da meinten sie: 's war uns schon über … man bittet, bittet und kein Mensch gibt was … Da geht einem die Geduld aus! Na, und so blieben sie also bei mir, den ganzen Winter. Der eine – Stepan hieß er – nimmt gern mal die Büchse und geht in de Wald. Und der andre, Jakow mit Namen, war immer krank, hustete immer … Zu dreien, heißt das, bewachten wir so das Landhaus. Und wie der Frühling kam – da sagten sie: Leb wohl, Großväterchen! Und machten sich auf … nach Rußland …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Es waren wohl Sträflinge, die fortgelaufen waren?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ja, das waren sie … Flüchtlinge … hatten ihren Ansiedelungsort verlassen … ein paar prächtige Jungen … Hätt ich kein Erbarmen mit ihnen gehabt – wer weiß, wie's gekommen wäre! Vielleicht hätten sie mich erschlagen … Dann wären sie vor Gericht gekommen und ins Gefängnis und nach Sibirien zurück … wozu das? Das Gefängnis lehrt dich nichts Gutes, und auch Sibirien lehrt dich's nicht … Aber ein Mensch – der kann dich das Gut lehren … sehr einfach! <span class="regie">Pause.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hm–ja! … Und ich … kann nicht mal lügen! Warum sollt ich's tun? Immer raus mit der Wahrheit, das ist meine Meinung, ob sie euch gefällt oder nicht! Wozu sich genieren?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">springt jäh empor, als wenn ihn etwas gestochen hätte; schreiend:</span> Was für eine Wahrheit? Wo ist die Wahrheit? <span class="regie">Klopft mit den Händen auf seine zerfetzten Kleider.</span> Da ist die Wahrheit – da! Keine Arbeit … keine Kraft in en Gliedern – das ist die Wahrheit! Keinen Winkel, in dem man zu Hause ist! Krepieren muß man … das ist sie, deine Wahrheit! Teufel noch eins! Was … was soll sie mir, diese – Wahrheit?! Laß mich nur einmal frei aufatmen … aufatmen laß mich! Was hab ich denn verbrochen? … Wozu die Wahrheit, zum Teufel? Ich kann nicht leben … nicht leben … das ist die Wahrheit!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hört mal … den hat's aber gepackt …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Herr Jesus … sag doch, mein Lieber, du …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">zitternd vor Erregung:</span> Ihr sagt nur immer – die Wahrheit! Du, Alter – du tröstest alle … Und ich sage dir: ich hasse alle! Und auch diese Wahrheit, diese verdammte … verflucht soll sie sein! Hast verstanden? Merk dir's! Verflucht soll sie sein! <span class="regie">Geht eilends um die Ecke, während er dabei zurückschaut.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ei, ei, ei! Ist der aber außer sich geraten … Und wo ist er denn hingerannt?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wie ein Verrückter tobt er davon …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Der hat ordentlich losgelegt! Wie im Theater … 's kommt öfter vor, so was … Hat sich noch nicht gewöhnt ans Leben …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">kommt langsam hinter der Ecke vor:</span> Guten Abend allerseits! Na, Luka, alter Luchs – erzählst wieder mal Geschichten?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Hättest hören sollen, wie hier ein Mensch geschrien hat!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Der Kleschtsch, meinst du, hm? Was ist denn mit ihm los? Rennt an mir vorbei, als wenn er verbrüht wäre …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wirst auch davonrennen, wenn's dir mal so … ans Herz geht …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">setzt sich:</span> Ich kann den Menschen nicht leiden … zu bös ist er mir und zu eingebildet. <span class="regie">Ahmt Kleschtsch nach.</span> »Ich bin ein Mensch, der arbeitet …« Also ob die andern weniger wären als er … Arbeite doch, wenn's dir Vergnügen macht … was brauchst du da groß stolz zu sein? Wenn man die Menschen nach der Arbeit schätzen sollte … dann wär ja ein Pferd besser als jeder Mensch … das zieht den Wagen – und hält's Maul dazu! Natascha … sind deine Leute zu Hause?</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Sie sind auf den Friedhof gegangen … dann wollten sie zur Abendmesse gehen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hast also mal 'ne freie Stunde … Das kommt selten vor!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">nachdenklich zu Bubnow:</span> Du sagst – die Wahrheit … Die Wahrheit ist aber nicht immer gut für den Menschen … nicht immer heilst du die Seele mit der Wahrheit … Zum Beispiel folgender Fall: ich kannte einen Menschen, der glaubte an das Land der Gerechten.</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> An wa–s?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> An das Land der Gerechten. Es muß, sagte er, auf der Welt ein Land der Gerechten geben … in dem Lande wohnen sozusagen Menschen von besonderer Art … gute Menschen, die einander achten, die sich gegenseitig helfen, wo sie können … alles ist bei ihnen gut und schön! Dieses Land der Gerechten also wollte jener Mensch immer suchen gehen … Er war arm, und es ging ihm schlecht …und wie's ihm schon gar zu schwer fiel, daß ihm nichts weiter übrigblieb, als sich hinzulegen und zu sterben – da verlor er noch immer nicht den Mut, sondern lächelte öfters vor sich hin und meinte: Hat nichts zu sagen – ich trag's! Noch ein Weilchen wart ich – dann werf ich dieses Leben ganz von mir und geh in das Land der Gerechten … Seine einzige Freude war es – dieses Land der Gerechten …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Na, und …? Ist er hingegangen?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wohin? Ha ha ha!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nun wurde nach eben jenem Ort – die Sache ist nämlich in Sibirien passiert – ein Verbannter gebracht, ein Gelehrter Mensch … mit Büchern und mit Plänen und mit allerhand Künsten … Und jener Mensch spricht zu dem Gelehrten: Sag mir doch gefälligst, wo liegt das Land der Gerechten, und wie kann man dahin gelangen? Da schlägt nun der Gelehrte gleich seine Bücher auf und breitet seine Pläne aus … und guckt und guckt – aber das Land der Gerechten findet er nirgends! Alles ist sonst richtig, alle Länder sind aufgezeichnet – nur das Land der Gerechten nicht!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">leise:</span> Nanu? War's wirklich nicht drauf? <span class="regie">Bubnow lacht laut auf.</span></p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Was lachst du denn? Sprich weiter, Großväterchen!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Der Mensch – will ihm nicht glauben … Es <span class="regie">muß</span> drauf sein, sagt er … such nur genauer! Sonst sind ja, sagt er, alle deine Bücher und Pläne nicht 'nen Pfifferling wert, wenn das Land der Gerechten nicht drin verzeichnet ist … Mein Gelehrter ist beleidigt. Meine Pläne, sagt er, sind ganz richtig, und ein Land der Gerechten gibt's überhaupt nirgends. – Na, da wurde nun der andere ganz wütend. Was? Sagt er, da habe ich nun gelebt und gelebt, geduldet und geduldet und immer geglaubt, es gebe solch ein Land! Und nach deinen Plänen gibt es keins! Das ist Raub … und zu dem Gelehrten sagt er: Du nichtsnutziger Kerl! Ein Schuft bist du und kein Gelehrter! Und gab ihm eins übern Schädel, und noch eins … <span class="regie">Schweigt ein Weilchen.</span> Und dann ging er nach Hause … und hängte sich auf … <span class="regie">Alle schweigen. Luka blickt stumm auf Pepel und Natascha.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">leise:</span> Hol's der Teufel … die Geschichte ist nicht lustig …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Er konnt's nicht ertragen … so enttäuscht zu werden …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">mürrisch:</span> Alles Märchen …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Hm – ja … da hatte er das Land der Gerechten … es war nicht zu finden, scheint's …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Er kann einem leid tun … Der arme Mensch …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ist ja alles nur ausgedacht … He he! Das Land der Gerechten – wie will er denn dahin kommen? He he he! <span class="regie">Verschwindet vom Fenster.</span></p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">nickt nach Bubnows Fenster hin:</span> Da lacht er nun! Ach ja! <span class="regie">Pause.</span> Na, Kinder … gehabt euch wohl! Ich verlaß euch bald …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wohin geht denn die Reise?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nach Kleinrußland … da soll ein neuer Glaube aufgekommen sein, hör ich … will mal sehen, was dran ist … ja! Die Menschen suchen und suchen, wollen immer was Besseres finden … Gott geb ihnen nur Geduld!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was meinst du … werden sie's finden?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wer? Die Menschen? Gewiß werden sie's finden! Wer den rechten Willen hat – der findet … Wer eifrig sucht – der findet!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wenn sie doch was finden möchten! … Etwas recht Schönes müßten sie ausfindig machen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Das werden sie schon! Man muß ihnen nur helfen, meine Tochter … muß sie respektieren …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wie soll ich ihnen helfen? Ich bin selbst … so hilflos …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">in entschlossenem Ton:</span> Hör mal, Natascha … ich möchte mit dir reden … In seinem Beisein … er weiß alles … Komm … mit mir!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wohin? Ins Gefängnis?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich hab dir schon gesagt, daß ich aufhören will mit dem Stehlen! Bei Gott – ich laß es! Wenn ich's gesagt habe, halt ich Wort! Ich hab Lesen und Schreiben gelernt … kann mich redlich ernähren … <span class="regie">Mit einer Kopfbewegung nach Luka:</span> Er hat mir geraten – ich sollt's in Sibirien versuchen … freiwillig sollt ich hingehen … Was meinst du – wollen wir hin? Glaub mir, ich habe mein Leben längst satt! Ach, Natascha! Ich seh doch, wie die Dinge liegen … Ich such mich damit zu trösten, daß andere noch mehr stehlen als ich – und dabei in Ehren leben … Aber was hilft mir das? Gar nichts? Reue verspür ich nicht … glaub auch an kein Gewissen … Eins aber fühl ich: ich muß anders leben! Besser muß ich leben! So muß ich leben … daß ich mich selber achten kann …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ganz recht, mein Lieber! Der Herr sei mit dir … Christus mag dir helfen! Ganz richtig sagst du: Der Mensch muß sich selber achten …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich war schon von klein auf nur – der Dieb … Immer hieß es: Wasjka der Dieb, Wasjka, der Spitzbubenjunge! Gut, mir kann's recht sein; weil ihr's so wolltet, bin ich ein Dieb geworden … Nur ihnen zum Possen bin ich's vielleicht geworden … weil nie jemand darauf kam, mich anders zu nennen als … Dieb! … Nenn <span class="regie">du</span> mich anders, Natascha … nun?</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">schwermütig:</span> Ich trau nicht recht … Worte sind Worte … Und dann … ich weiß nicht … ich bin heut so unruhig … so bange ist mir ums Herz … als ob ich etwas erwartete! Hättest heut nicht davon anfangen sollen, Wassilij …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wann denn sonst? Ich sage dir's nicht zum erstenmal …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Wie soll ich denn mit dir gehen? Ich liebe dich ja … nicht so … Manchmal gefällst du mir wohl … aber 's kommt auch vor, daß es mir zuwider ist, dich nur anzusehen. Jedenfalls – lieb ich dich nicht … Wenn man liebt, sieht man keine Fehler am Geliebten … und ich seh doch welche an dir …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Wirst mich schon liebgewinnen, hab keine Angst! Wirst dich an mich gewöhnen … sag nur erst »ja!« Länger als ein Jahr hab ich dir zugeschaut, und ich sehe, du bist ein braves Mädchen, … ein guter, treuer Mensch … von Herzen hab ich dich liebgewonnen! <span class="regie">Wassilissa, noch im ausgehkleide, erscheint am oberen Fenster; sie drückt sich gegen den Pfosten und lauscht.</span></p><p><span class="speaker">Natascha:</span> So … mich hast du liebgewonnen, und meine Schwester …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">verlegen:</span> Was ich mich aus der mache! Die Sorte ist nicht weit her …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Hat nichts zu sagen, meine Tochter! Man ißt auch mal Gartenmelde … wenn man nämlich kein Brot hat …</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">düster:</span> Hab Erbarmen mit mir! 's ist kein leichtes Leben, das ich führe – so freudlos, gehetzt wie ein Wolf … Wenn ich im Moor versänke … wonach ich fasse, alles verfault … nichts gibt mir Halt … Deine Schwester, dacht ich, würde anders sein … wäre sie nicht so geldgierig – ich hätte um sie … alles gewagt! Wenn sie nur zu mir gehalten hätte – ganz und gar zu mir … Na, ihr Herz steht eben nach anderem … ihr ist's ums Geld zu tun … und um die Freiheit … und nach Freiheit begehrt sie nur, um liederlich sein zu können. Die kann mir nicht helfen … Du aber – bist wie eine junge Tanne: du stichst wohl, aber du gibt's Halt …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und ich sage dir: Nimm ihn, meine Tochter, nimm ihn! Er ist 'n herzensguter Junge ! Mußt ihn nur öfter daran erinnern, daß er gut ist … damit er's nicht vergißt, heißt das! Er wird dir's schon glauben! … Sag ihm nur immer: »Wassja«, sag, »du bist ein guter Mensch … vergiß das nicht!« Überleg doch mal, meine Liebe – was sollst du sonst anfangen? Deine Schwester – die ist ein böses Tier; von ihrem Manne läßt sich auch nicht Gutes sagen: keine Worte gibt's, seine Schlechtigkeit zu benennen … und dieses ganze Leben hier … wo findest du 'nen Weg … hier heraus? Der Wasja aber … ist ein kräftiger Bursche …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Einen Weg find ich nicht … das weiß ich … hab's schon selbst überlegt … Aber ich … trau halt keinem … Ich seh keinen Weg hier heraus …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Einen Weg gibt's wohl … aber den laß ich dich nicht gehen … Eher schlag ich dich tot …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">lächelnd:</span> Sieh doch … ich bin noch nicht mal deine Frau, und schon willst du mich totschlagen!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">legt seinen Arm um sie:</span> Sag »ja«, Natascha, 's wird schon werden …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">schmiegt sich an ihn an:</span> Na … eins will ich dir sagen, Wassilij … und Gott soll mein Zeuge sein: sowie du mich ein einziges Mal schlägst … oder sonstwie beleidigst … dann ist mir alles eins … entweder häng ich mich auf, oder …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Die Hand soll mir verdorren, wenn ich dich nur anrühre …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Hat nichts zu sagen, meine Liebe, kannst ihm glauben! Du bist ihm nötiger, als er dir …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">aus dem Fenster:</span> Nun seid ihr also verlobt! Gott gebe euch Eintracht und Liebe!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Sie sind schon zurück … o Gott! Sie haben uns gesehen … ach, Wassilij!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Was ängstigst du dich? Jetzt darf dich niemand mehr anrühren!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Fürcht dich nicht, Natalja! Der wird dich nicht schlagen … Er kann weder schlagen noch lieben … ich kenn ihn!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">leise:</span> Ach, so 'n Weib … die richtige Giftschlange …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Er ist nur mit Worten kühn …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">tritt auf:</span> Nataschka! Was machst du hier, du Bettelding? Klatschst hier, was? Klagst über deine Verwandten? Und dabei ist der Samowar nicht in Ordnung und der Tisch nicht abgeräumt?</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">im Abgehen:</span> Ihr wolltet doch in die Kirche gehen …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Was wir wollten, geht dich nichts an! Kümmre dich um deine Geschäfte … tu, was man dich heißt!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Kusch dich, du! Sie ist nicht mehr deine Magd … Natalja, geh nicht … nicht 'nen Finger rühre!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Du kommandiere hier nicht rum … es hat noch Zeit damit! <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">zu Kostylew:</span> Das hört jetzt auf! Habt dem armen Mädel genug zugesetzt! Jetzt gehört sie mir.</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Di–ie? Wann hast du sie gekauft? Was hast du gegeben? <span class="regie">Wassilissa lacht laut auf.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wasja! Geh fort …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Macht euch nur lustig über mich! Daß ihr nicht noch Tränen vergießt!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Was du sagst! Vor dir hab ich große Angst!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Geh fort, Wassilij! Merkst du nicht, wie sie dich aufhetzt … dich stachelt – verstehst du nicht?</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Aha … so! <span class="regie">Zu Wassilissa.</span> Gib dir keine Mühe! Was du willst, geschieht nicht!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Und was ich nicht will, geschieht auch nicht, Wasja!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">droht ihr mit der Faust:</span> Das werden wir sehen! <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">vom Fenster verschwindend:</span> Dir will ich 'ne schöne Hochzeit ausrichten!</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">tritt an Luka heran:</span> Na, was treibst du, Alter?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nichts treib ich, Alter! …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> So … du gehst fort, hör ich?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> 's ist Zeit …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Wohin denn?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wohin mich die Augen führen …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Willst wohl 'n bißchen die Dörfer unsicher machen … Scheinst kein rechtes Sitzfleisch zu haben …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Rastet das Eisen, so rostet es, so sagt das Sprichwort.</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Vom Eisen mag das gelten. Ein Mensch aber muß festsitzen an einer Stelle … Es geht nicht, daß die Menschen wie Küchenschaben durcheinanderlaufen … bald dahin, bald dorthin … Ein Mensch muß seinen Ort haben, an dem er zu Hause ist … er darf nicht zwecklos herumkriechen auf der Erde …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und wenn einer – überall zu Hause ist?</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Dann ist er eben – ein Landstreicher … ein unnützer Mensch … Ein Mensch muß sich nützlich machen … muß arbeiten …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Was du sagst!</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Jawohl! Was denn sonst? … Du nennst dich 'nen Wanderer, 'nen Pilger … Was heißt ein Pilger? Ein Pilger ist 'n Mensch, der seinen eigenen Weg geht – sich absondert, ein Sonderling sozusagen, den andern nicht ähnlich … Das heißt eben – wenn 's ein wirklicher Pilger ist … Er forscht und grübelt … und findet am Ende auch etwas … vielleicht gar die Wahrheit, wer weiß! Mag er seine Wahrheit für sich behalten und – schweigen! Ist er ein wirklicher Pilger – dann schweigt er. Oder er spricht so, daß ihn keiner versteht … Er hat keine Wünsche, mischt sich in nichts ein, verdreht den Leuten nicht die Köpfe … Wie die andern leben – das kümmert ihn gar nichts. Er lebe fromm und gerecht … suche die Wälder auf, die Einöden … wo ihn niemand sieht. Keinem soll er im Wege sein, niemanden verdammen … sondern für alle beten … für alle Sünder dieser Welt … für mich, für dich … für alle! Darum eben flieht er die Eitelkeiten des Lebens – daß er bete. So ist 's … <span class="regie">Pause.</span> Und du? Was bist du für ein Pilger? … Nicht mal 'nen Paß hast du … Jeder ordentliche Mensch muß einen Paß haben … alle ordentlichen Leute haben Pässe … ja! …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Es gibt eben – Leute, und es gibt – Menschen …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Mach keine Späßchen! Gib keine Rätsel auf … ich bin nicht dein Hansnarr … Was heißt das: Leute – und Menschen?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wo ist da ein Rätsel? Ich meine – es gibt steinigen Boden, der zur Aussaat nicht taugt … und es gibt fruchtbaren Boden … was man auch darauf sät – das gedeiht … So ist's …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Nun? Was willst du damit sagen?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Du zum Beispiel … Wenn der Herrgott selbst zu dir sagte: Michailo! Sei ein Mensch! … es wär umsonst, es würde gar nichts nützen … Wie du bist, so bleibst du nun schon mal …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> So … und weißt du auch, daß der Onkel meiner Frau bei der Polizei ist? Und wenn ich …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">betritt den Platz:</span> Michailo Iwanytsch, komm Tee trinken …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">zu Luka:</span> Hör mal, du – mach dich aus dem Staube! Fort aus meinem Hause! …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Ja, schnür nur dein Ränzchen, Alter … Hast eine zu böse Zunge … Wer weiß … bist vielleicht ein weggelaufener Sträfling …</p><p><span class="speaker">Kostylew:</span> Daß du mir noch heut verduftest! Sonst … sollst mal sehen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Rufst sonst den Onkel, was? Immer ruf ihn! Sag ihm: »Hier kannst du 'nen Sträfling fangen, Onkel!« Dann kriegt der Onkel 'ne Belohnung … drei Kopeken …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">vom unteren Fenster her:</span> Was habt ihr da für Geschäfte? Wofür – drei Kopeken?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Mich wollen sie verkaufen …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">zu ihrem Gatten:</span> Komm schon …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Für drei Kopeken? Sieh dich nur vor, Alter … die verkaufen dich schon für eine Kopeke …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">zu Bubnow:</span> Glotzt da heraus … wie 'n Kobold aus 'm Ofenloch! <span class="regie">Schickt sich mit Wassilissa zum Fortgehen an.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Wieviel Gesindel es doch auf der Welt gibt … wieviel Schwindler!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wünsch euch guten Appetit! …</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">dreht sich nach ihm um:</span> Nimm dich in acht … du Giftpilz! <span class="regie">Ab mit ihrem Gatten um die Ecke.</span></p><p><span class="speaker">Luka:</span> Heut nacht – brech ich auf …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Machst du recht, 's ist immer das beste, sich beizeiten zu drücken …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ganz richtig …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ich weiß Bescheid. Hab mich auch mal rechtzeitig gedrückt und bin dadurch um Sibirien rumgekommen …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Was du sagst!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> 's ist wahr. Die Sache war nämlich so: Meine Frau hatte ein Techtelmechtel mit dem Gesellen … Ein tüchtiger Geselle war's, das muß ich sagen … machte aus Hundefellen die schönsten Waschbärpelze … Katzenfelle färbt er in Känguruhs um … in Bisamratten … in was man wollte … Ein sehr geschickter Bursche. Mit dem hatte also meine Frau angebändelt … und so fest hingen sie aneinander, daß ich jeden Augenblick fürchten mußte, sie würden mich vergiften oder sonstwie aus der Welt schaffen. Ich prügelte nun öfters mal meine Frau durch … und der Geselle prügelte mich durch … Ganz barbarisch hat er zugeschlagen! Einmal hat er mir den Bart halb ausgerauft und 'ne Rippe gebrochen. Na, ich war natürlich auch nicht fein … gab meiner Frau eins mit der eisernen Elle übern Schädel … überhaupt war's der richtige Krieg zwischen uns ! Schließlich sah ich: es kommt nichts raus dabei … sie kriegen mich unter! Da faßte ich den Plan – meine Frau um die Ecke zu bringen … fest entschlossen war ich dazu! Aber zur rechten Zeit besann ich mich – und machte mich aus dem Staube …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> 's war besser so! Laß sie dort ruhig aus Hunden Waschbären machen! …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Leider war die Werkstatt auf ihren Namen eingetragen … Nur was ich am Leibe trug, behielt ich! Obwohl ich, ehrlich gesagt, die Werkstatt schließlich versoffen hätte … Ich bin nämlich ein Quartalssäufer, verstehst du …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Ein Quartalssäufer?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> So ist's. Wenn ich richtig in 'n Zug komme, versauf ich alles, bis auf die blanke haut … Und dann bin ich auch faul … nichts ist mir schrecklicher als arbeiten! … <span class="regie">Satin und der Schauspieler kommen streitend herein.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Blödsinn! Nirgendshin wirst du gehen … Alles dummes Zeug, was du da redest! Sag mal, Alter – was hast du diesem Jammerkerl vorgeschwatzt?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Rede keinen Unsinn! Großvater, sag ihm, daß er Unsinn redet! Ich gehe wirklich! Heut hab ich gearbeitet, hab die Straße gefegt … und keinen Schnaps getrunken! Was sagst du nun! Was sagst du nun? Da, sieh her – zwei Fünfzehner, und ich bin nüchtern!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wie albern! Gib her, ich will sie versaufen … oder verspielen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Laß sein! Das ist schon für die Reise!</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Höre, du – warum willst du ihn abbringen von seinem Vorsatz?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> <span class="tooltip" title="Zitat aus Puschkin">»Sag mal, du Zauberer, Liebling der Götter – was soll mit mir noch mal werden?«</span> Ganz blank bin ich, Bruder – alles hab ich verspielt! Noch ist die Welt nicht verloren, alter – noch gibt es Kartenspieler, die geschickter mogeln als ich …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Bist 'n lustiger Bruder, Konstantin … ein lieber Mensch! …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Du, Schauspieler – komm mal her! <span class="regie">Der Schauspieler tritt an das Fenster heran, kauert sich davor nieder und unterhält sich leise mit Bubnow.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wie ich noch jung war – da war ich ein fideles Huhn! Mit Vergnügen denk ich dran zurück! … Eine Seele von Mensch war ich … ich tanzte ausgezeichnet, spielte Theater, war ein famoser Gesellschafter … einfach großartig!</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Wie bist du denn abgekommen von deinem Wege – hm?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Bist du neugierig, Alterchen! Alles möchtest du wissen … warum denn?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Möchte gern verstehen, was so … menschliche Angelegenheiten sin d… Und dich versteh ich nicht, Konstantin, wenn ich dich so anseh! Ein so lieber Mensch … und so gescheit … und mit einemmal …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> das Gefängnis, Großvater! Vier Jahre sieben Monate hab ich abgemacht, und wie ich herauskam, als entlassener Sträfling – fand ich meinen Weg versperrt …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Oh, oh, oh! Warum hast du denn gesessen?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> wegen eines Schurken … den ich im Jähzorn erschlagen hatte … Im Gefängnis hab ich auch meine Kartenkunststücke gelernt …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Und warum hast du ihn erschlagen? Wegen eines Weibes?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wegen meiner eignen Schwester … Aber geh mir jetzt vom Halse – ich liebe es nicht, wenn man mich aushorcht … Es sind … alte Geschichten … meine Schwester ist tot … neun Jahre schon ist's her … Ein prächtiges Geschöpf war sie, meine Schwester …</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Nimmst das Leben nicht schwer! Andern fällt's weniger leicht … Wie hat hier zum Beispiel der Schlosser hier vorhin aufgeschrien – oh, oh!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> der Kleschtsch?</p><p><span class="speaker">Luka:</span> Derselbige. Keine Arbeit, schrie er … kein gar nichts …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wird sich dran gewöhnen … Sag, was soll ich nun anfangen?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">leise:</span> Guck! Da kommt er … <span class="regie">Kleschtsch kommt langsam, mit gesenktem Kopf, herein.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Heda, junger Witwer! Was läßt du den Kopf so hängen? Worüber grübelst du?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Ich zerbrech mir den Schädel darüber … was ich jetzt tun soll! Mein Werkzeug ist hin … alles hat das Begräbnis aufgefressen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ich will dir 'nen Rat geben: Tu gar nichts! Belaste die Erde mit deinem Gewicht – ganz einfach!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Du hast gut reden … Ich – habe noch Scham vor den Leuten.</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Lege sie ab, deine Scham! Haben die Leute vielleicht Scham darüber, daß du schlechter lebst als ein Hund? Wenn du nicht arbeitest und ich nicht arbeite … und noch hundert, tausend andere nicht arbeiten … und schließlich alle – begreifst du wohl? – alle die Arbeit hinwerfen und kein Mensch mehr was tut – was, meinst du, wird dann wohl geschehen?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Dann werden alle verhungern …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Es gibt eine solche Sekte, »Flüchtlinge« nennen sie sich … die reden ganz so wie du …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ich kenne sie … Die sind gar nicht so dumm, Alterchen! <span class="regie">Aus Kostylews Fenster hört man Natascha schreien: »Was tust du? Hör doch auf … was hab ich denn getan?«</span></p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">unruhig:</span> Wer schrie da? War's nicht Natascha? Ach, du … <span class="regie">Aus Kostylews Wohnung vernimmt man lauten Lärm und das Klirren von zerschlagenem Geschirr. Dazwischen ruft Kostylew mit kreischender Stimme: »A–ah … du Ketzerin … du Aas!«</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Halt … wart mal … ich will sie … so … und so …</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Hilfe! Sie schlagen mich tot!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">schreit ins Fenster hinein:</span> Head! Was fällt euch ein?</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">läuft besorgt hin und her:</span> Den Wasjka … muß man rufen … den Wassilij … O Gott! … Kinder, meine Lieben …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">eilt fort:</span> Ich hol ihn … sofort …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Die setzen dem armen Mädel was zu …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Komm, Alter … wir werden Zeugen sein …</p><p><span class="speaker">Luka</span>  <span class="regie">ab hinter Satin:</span> Warum Zeugen? Was bin ich schon für 'n Zeuge ? Wenn nur Wasjka bald käme … o weh!</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Schwester … liebe Schwester … Wa–a–a …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Jetzt haben sie ihr den Mund verstopft … will gleich mal sehen … <span class="regie">Der Lärm in Kostylews Wohnung wird schwächer, er verzieht sich offenbar aus der Wohnstube in den Hausflur. Man hört Kostrufen: »Halt!« Eine Tür wird zugeschlagen, wodurch der ganze Lärm gleichsam wie mit einem Beil abgeschnitten wird. Auf der Bühne ist es still. Abenddämmerung.</span></p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">sitzt teilnahmslos auf dem Holzhaufen und reibt sich heftig die Hände. Dann beginnt er etwas vor sich hin zu murmeln, erst undeutlich, dann lauter:</span> Ja, was tun? … Leben muß man … <span class="regie">Lauter.</span> Wenigstens ein Obdach … aber nein, nicht mal das … nicht mal 'nen Winkel, wo man sich niederlassen könnte … Nichts als der nackte Mensch … ganz hilflos – und verlassen … <span class="regie">Geht langsam, in gebeugter Haltung ab. Ein paar Sekunden unheimliche Stille. Dann erhebt sich irgendwo in dem Durchgang ein wirrer Lärm, ein Chaos von Tönen, das immer lauter wird und immer näher kommt. Man hört einzelne Stimmen.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Ich bin ihre Schwester! Laßt mich los!</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Wie kommst du dazu, dich einzumischen?</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Du Zuchthäusler …</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">hinter der Bühne:</span> Den Wasjka holt! … macht rasch! … Schiefkopf, schlag zu! <span class="regie">Eine Polizistenpfeife ertönt.</span></p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">stürzt auf die Bühne; seine rechte Hand ist verbunden:</span> Was ist das für 'n Gesetz – am hellen Tage zu morden? <span class="regie">Schiefkopf kommt eilig herbei, hinter ihm Medwedew.</span></p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Na, der hat's von mir gekriegt!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Wie kommst du dazu, ihn zu schlagen?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Und du – weißt du nicht, was deine Pflicht ist?</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">läuft hinter Schiefkopf her:</span> Halt! Gib meine Pfeife zurück …</p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">stürzt auf die Bühne:</span> Abram! Fang ihn … halt ihn fest! Er hat mich geschlagen … <span class="regie">Hinter der Ecke hervor kommen Kwaschnja und Nastja – sie führen Natascha, die ganz zerzaust und über zugerichtet ist, unter den Armen. Satin weicht hinter das Haus zurück, wobei er Wassilissa zurückstößt, die mit den Armen herumfuchtelt und ihre Schwester zu schlagen versucht. Um sie herum springt wie ein Besessener Aljoschka, er pfeift ihr die Ohren voll, schreit und heult. Noch ein paar weitere zerlumpte Gestalten, Männer und Frauen, erscheinen.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">zu Wassilissa:</span> Wohin denn, verdammte Eule?</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Weg, Sträfling! Und wenn mich's das Leben kostet – ich reiße sie in Stücke …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">führt Natascha auf die Seite:</span> So hör doch auf, Karpowna … Schäm dich! Wie kann man so unmenschlich sein?</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">nimmt Satin beim Kragen:</span> Aha … jetzt hab ich dich!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Schiefkopf! Schlag zu! … Wasjka … Wasjka! <span class="regie">Alle drängen sich im Haufen an den Durchgang neben der roten Wand. Natascha wird nach rechts geführt und dort auf den Holzhaufen gesetzt.</span></p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">springt aus der Gasse vor und treibt schweigend, mit kräftigen Stößen, alle auseinander: Wo ist Natascha? Du …</span></p><p><span class="speaker">Kostylew</span>  <span class="regie">versteckt sich hinter der Ecke:</span> Abram! Fang den Wasjka … Brüder, helft den Wasjka fangen! Den Dieb … den Räuber …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Da … du alter Wüstling! <span class="regie">Schlägt mit kräftigen Hieben auf Kostylew los. Dieser stürzt so hin, daß hinter der Ecke nur sein Oberkörper sichtbar ist. Pepel eilt zu Natascha hin.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Haut den Wasjka! Ihr Täubchen … haut den Dieb!</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Hast dich nicht einzumischen … das ist hier – 'ne Familienangelegenheit! Sie sind miteinander verwandt … Und wer bist du!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">zu Natascha:</span> Was hat sie dir getan? Hat sie dich gestochen?</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Sieh doch, was für Bestien! Mit kochendem Wasser haben sie ihr die Beine verbrüht …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Den Samowar haben sie umgestoßen …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Kann zufällig gewesen sein … wenn man's nicht genau weiß, soll man nicht reden …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">halb ohnmächtig:</span> Wassilij … nimm mich weg von hier … versteck mich …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Seht nur, meine Lieben! Guckt doch her! Erschlagen haben sie ihn! <span class="regie">Alle sammeln sich an dem Durchgang um Kostylew. Von der Menge sondert sich Bubnow ab, der an Pepel herantritt.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">leise:</span> Wasjka! Der Alte … hat genug!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">sieht ihn an, als ob er seine Worte nicht begriffe:</span> Geh, hol eine Droschke … sie muß ins Krankenhaus … na, mit denen will ich abrechnen</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hör, was ich sage: den Alten hat jemand kaltgemacht … <span class="regie">Der Lärm auf der Bühne verlöscht gleichsam wie ein Feuer, auf das man Wasser gießt. Man vernimmt einzelne halblaute Ausrufe: »Ist's wirklich wahr?«, »Da haben wir's!«, »Nanu?«, »Wollen uns lieber drücken, Bruder!«, »Teufel noch eins!«, »Jetzt heißt es Kopf oben!«, »Reißt aus, ehe die Polizei kommt!« Die Menge wird kleiner. Bubnow und der Tatar entfernen sich. Nastja und Kwaschnja stürzen zu Kostylews Leichnam.</span></p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">erhebt sich vom Boden und ruft laut, in triumphierendem Ton:</span> Erschlagen haben sie ihn … meinen Mann! Und wer hat's getan? Der da! Wasjka hat ihn erschlagen! Ich hab's gesehen, meine Lieben! Ich hab's gesehen! Na, Wasjka? Heda, Polizei!</p><p><span class="speaker">Pepel</span>  <span class="regie">entfernt sich von Natascha:</span> Laß mich mal … Platz da!<br/><span class="regie">Starrt auf den Leichnam. Zu Wassilissa:</span> Na? Jetzt bist du wohl froh? <span class="regie">Stößt den Leichnam mit dem Fuße.</span> Ist wirklich krepiert. … der alte Hund! Nu hast du deinen Willen … Soll ich dir nicht auch gleich … 's Genick umdrehen? <span class="regie">Stürzt auf sie zu, doch fassen ihn Satin und Schiefkopf rasch. Wassilissa versteckt sich in der Seitengasse.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Komm doch zur Besinnung!</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Prrr! Wohin springst du denn?</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">erscheint wieder auf dem Platze:</span> Na, Wasjka, mein Herzensfreund? Niemand entgeht seinem Schicksal … Die Polizei! Abram … so pfeif doch!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Sie haben mir ja die Pfeife weggenommen, die Teufelskerle …</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Da ist sie! Er pfeift. Medwedew läuft hinter ihm her.</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">geleitet Pepel zu Natascha zurück:</span> Hab keine Angst, Wasjka! Totschlag bei 'ner Prügelei … Lappalie! Da gibt's nicht viel …</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Haltet ihn nur fest! Wasjka hat ihn erschlagen … ich hab's gesehen!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ich hab ihm auch ein paar Hiebe versetzt … Was braucht denn so 'n alter Mann viel! Gib mich nur als Zeugen an, Wasjka …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Ich brauch mich nicht zu rechtfertigen … Aber die Wassilissa … die will ich 'reinlegen! Sie wollte es habe … sie hat mich dazu angestiftet, ihren Mann totzuschlagen … jawohl, sie hat mich angestiftet …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">plötzlich einfallend, mit lauter Stimme:</span> Ah! … jetzt versteh ich! So steht's, Wassilij?! Hört doch, ihr guten Leute: 's war alles besprochen! Er und meine Schwester … sie haben es eingefädelt, haben's drauf angelegt! Sieh doch, Wassilij! Darum hast du vorhin … mit mir so geredet … damit sie alles hörte?! Ihr guten Leute, sie ist seine Liebste … Ihr wißt ja … alle wissen es … sie sind einig miteinander! Sie … sie hat ihn angestiftet, ihren Mann zu erschlagen … er war ihnen im Wege … und auch ich war ihnen im Wege … Darum hat sie mich … so zugerichtet …</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Natalja! Was sprichst du da … was sprichst du?!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ist ja dummes Zeug!</p><p><span class="speaker">Wassilissa:</span> Sie lügt! Alles Lüge … ich weiß von nichts … Wasjka hat ihn erschlagen … er ganz allein!</p><p><span class="speaker">Natascha:</span> Sie haben's besprochen! Verflucht sollt ihr sein … alle beide …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Das wird 'n verzwicktes Spiel … Jetzt heißt es: Kopf oben, Wassilij, sonst kriegen sie dich unter!</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Kann's nicht begreifen! … Ach … sind das Geschichten!</p><p><span class="speaker">Pepel:</span> Natalja! Sprichst du … im Ernst? Kannst du wirklich glauben, daß ich … mit ihr …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Bei Gott, Natascha … nimm doch Vernunft an!</p><p><span class="speaker">Wassilissa</span>  <span class="regie">in der Seitengasse:</span> Meinen Mann haben sie erschlagen … Euer Wohlgeboren … Wasjka Pepel, der Dieb … hat ihn erschlagen, Herr Kommissar! Ich hab's gesehen, alle haben es gesehen …</p><p><span class="speaker">Natascha</span>  <span class="regie">wälzt sich halb besinnungslos hin und her:</span> Ihr guten Leute … meine Schwester und Wasjka … die haben ihn erschlagen! Herr Polizeimann … hören sie doch mal … diese da, meine Schwester, hat ihn verleitet … ihren Liebsten … hat sie angestiftet … da ist er, der Verfluchte – die beiden haben's getan! Nehmt sie fest … stellt sie vor Gericht … Auch mich nehmt mit … ins Gefängnis mit mir! Um Christi willen … ins Gefängnis …</p></div><div class="chapter" id="chap05"><h3>Vierter Aufzug</h3><p class="stage">Bühneneinrichtung des ersten Aufzugs. Nur Pepels Kammer ist nicht mehr da, die Verschläge sind beseitigt. Auch der Amboß fehlt an der Stelle, wo Kleschtsch früher saß. In der Ecke, in der früher Pepels Kammer war, liegt der Tatar; er wälzt sich hin und her und stöhnt ab und zu. Am Tische sitzt Kleschtsch; er bessert eine Harmonika aus und probiert dann und wann die Akkorde. Am anderen Ende des Tisches sitzen Satin, der Baron und Nastja. Vor ihnen eine Flache Branntwein, drei Flaschen Bier, ein großes Stück Schwarzbrot. Auf dem Ofen der Schauspieler, er rückt unruhig hin und her und hustet. Es ist Nacht. Die Bühne wird durch eine Lampe erhellt, die mitten auf dem Tisch steht. Draußen heult der Wind.</p><p class="center"> </p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> J–ja … mitten in dem Lärm damals ist er verschwunden …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Geflüchtet ist er vor der Polizei … wie der Nebel vor der Sonne flieht …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> So fliehen die Sünder vor dem Antlitz des Gerechten!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ein prächtiger alter Mann war 's! Und ihr … seid überhaupt keine Menschen … ihr seid Gesindel …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">trinkt:</span> Auf Ihr Wohl, Lady!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Ein interessanter Greis … ja! Unsere Nastenjka hat sich in ihn verliebt …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Das hab ich auch … recht liebgewonnen hab ich ihn! Er hatte für alles ein Auge … für alles Verständnis …</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lachend:</span> Und war überhaupt für viele … was eine Mehlsuppe für zahnlose Leute ist …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">lachend:</span> Oder ein Zugpflaster für 'n Geschwür.</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Er hatte ein mitleidiges Herz … ihr hier … kennt kein Mitleid …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Was hast du davon, daß ich dich bemitleide?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Brauchst mich nicht zu bemitleiden … aber wenigstens kränken … sollst du mich nicht …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">richtet sich auf der Pritsche auf und wiegt seine kranke Hand wie ein kleines Kind hin und her:</span> Der Alte war gut … trug das Gesetz im Herzen! Wer's Gesetz im Herzen trägt – der ist gut! Wer's Gesetz nicht in sich hat – der ist verloren! …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Was für ein Gesetz, Fürst?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Na, eben – das Gesetz … je nachdem … du verstehst mich schon!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Rede weiter!</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Tritt keinem Menschen zu nahe – da hast du schon das Gesetz …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Bei uns in Rußland nennt man das »Sammlung der Verordnungen über die Kriminal- und Korrektionsstrafen« …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Nebst einem Anhang: »Bestimmungen über die Strafen, die von den Friedensrichtern verhängt werden können« …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Bei uns heißt es Koran … Euer Koran sind eure Gesetze … seinen Koran muß der Mensch im Herzen tragen … ja!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">probiert die Harmonika:</span> Zischt noch immer, das Biest! Was der Tatar sagt, ist richtig … man muß nach den Gesetzen leben … nach dem Evangelium …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Leb doch danach …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Versuch's doch …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Mohammed hat den Koran gegeben, er sagte: Da habt ihr Euer Gesetz! Tut, was darin geschrieben steht! Dann wird eine Zeit kommen – da reicht der Koran nicht mehr zu … diese Zeit wird sich ein eignes Gesetz geben, ein neues … Jede Zeit gibt sich ihr eignes Gesetz …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Na ja … unsre Zeit hat sich eben die »Sammlung der Strafverordnungen« gegeben. Ein strammes Gesetz … wird sich so leicht nicht abnutzen!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">klopft mit ihrem Glas auf den Tisch:</span> Nu möchte ich bloß wissen … warum leb ich eigentlich … hier bei euch? Ich will fort von hier … irgendwohin will ich gehen … bis ans Ende der Welt!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ohne Schuhe, Lady?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ganz nackt meinetwegen! Auf allen vieren will ich kriechen!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Das wird ja sehr spaßig aussehen, Lady … auf allen vieren …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Jawohl, das tu ich! Wenn ich nur deine Fratze nicht mehr zu sehen brauche … Ach, wie mir alles zuwider ist! Das ganze Leben … alle Menschen! …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wenn du gehst, dann nimm doch den Schauspieler mit … Er will ja auch bald aufbrechen … er hat nämlich in Erfahrung gebracht, daß genau einen halben Kilometer vom Ende der Welt eine Heilanstalt für Organons existiert …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">streckt den Kopf über den Ofenrand vor:</span> Für Organismen, Schafskopf!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Für Organons, die mit Alkohol vergiftet sind …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ja! Er wird aufbrechen! Sehr bald wird er aufbrechen … Ihr werdet sehen!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Wer ist dieser »er«, Sire?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ich bin's!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Merci, mein lieber Jünger der … äh, wie heißt sie doch? Die Göttin des Dramas, der Tragödie … wie hieß sie?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Eine Muse war's, Schafskopf! Nicht Göttin, sondern Muse!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Lachesis … Hera … Aphrodite … Atropos … der Teufel soll sie alle unterscheiden! Ja … unser Musenjünger verläßt uns also … Den Floh hat ihm der Alte ins Ohr gesetzt …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Der Alte war ein Narr …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Und ihr seid Wilde! Unwissende Knoten seid ihr! Wißt nicht mal, wer Melpomene ist. Ihr herzlosen Menschen! Ihr werdet sehen – er verläßt euch! »Prasset nur, ihr traurigen Gesellen« … wie es bei Béranger heißt … ja! Er wird den Ort schon finden … wo er nichts mehr … gar nichts mehr …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Wo es gar nichts mehr gibt, Sire?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Ja! Gar nichts mehr! »Die Höhle hier … sie wird zum Grab mir werden … Ich sterbe, welk und kraftlos!« Und ihr … warum lebt ihr nur? Warum?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Hör mal, du – Kean oder Genie und Leidenschaft! Brülle nicht so!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Halt's Maul! Gerade werde ich brüllen!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">hebt den Kopf vom Tisch hoch, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum:</span> Immer schrei zu! Mögen sie's hören!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Was hat das für 'nen Sinn, Lady?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Laß sie schwatzen, Baron! Hol sie der Teufel, alle beide … Mögen sie schreien … mögen sie sich die Schädel einrennen … immerzu! Einen Sinn hat's schon! … Stör die Leute nicht, wie der Alte sagt … Der Graukopf hat hier alles rebellisch gemacht …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Hat alle gelockt … irgendwohin … und wußte selber den Weg nicht …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Der Alte war ein Scharlatan …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> 's ist nicht wahr! Du bist selber ein Scharlatan!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Kusch dich, Lady!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Von der Wahrheit war er kein Freund, der Alte … Ist immer mächtig über die Wahrheit hergezogen … Schließlich hat er recht … Was nützt mir alle Wahrheit, wenn ich nichts zu beißen habe? Da, seht euch den Tataren an <span class="regie">auf den Tataren weisend</span>  … Hat sich die Hand zerquetscht bei der Arbeit … jetzt heißt es, sie muß ihm abgenommen werden … Da habt ihr die Wahrheit!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">schlägt mit der Faust auf den Tisch:</span> Still da! Ihr seid dummes Volk, alle miteinander. Redet bloß nicht von dem Alten! <span class="regie">Ruhiger.</span> Du, Baron, bist der Dümmste von allen … hat keinen blauen Schimmer – und schwatzt doch! Ein Scharlatan soll der Alte sein? Was heißt Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit! Das hat er begriffen … ihr aber nicht! Ihr seid stumpfsinnig wie die Ziegelsteine. Ich versteh in ganz gut, den Alten … Er hat wohl geflunkert … aber es geschah aus Mitleid mit euch, weiß der Teufel! Es gibt viele solche Leute, die aus Mitleid mit dem Nächsten lügen … ich weiß es, hab darüber gelesen! Sie lügen so schön, so begeistert, so wundervoll! Es gibt so trostreiche, so versöhnende Lügen … Eine solche Lüge bringt es fertig, den klotz zu rechtfertigen, der die Hand des Arbeiters zermalmt … und den Verhungernden anzuklagen … Ich – kenne die Lüge! Wer ein schwaches Herz hat … oder wer sich von fremden Säften nährt – der bedarf der Lüge … Jenem flößt sie Courage ein, diesem leiht sie ein Mäntelchen … Wer aber sein eigner Herr ist … wer unabhängig ist und nicht vom schweiße des andern lebt – was braucht der die Lüge? Die Lüge ist die Religion der Knechte und der Herren … die Wahrheit ist die Gottheit des freien Menschen!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Bravo! Famos gesagt! Bin ganz deiner Meinung! Du sprichst … wie 'n anständiger Mensch!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Warum soll nicht ein Gauner mal so reden wie 'n anständiger Mensch – wenn die anständigen Leute so reden wie die Gauner? Ja … ich hab vieles vergessen, aber einiges hab ich doch noch behalten! Der Alte? Das war ein ganz gescheiter Kopf! Der hat auf mich gewirkt … wie Säure auf eine alte, schmutzige Münze … Na, prosit, er soll leben! Schenk ein … <span class="regie">Nastja schenkt ein Glas Bier ein und reicht es Satin.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lächelnd:</span> Der Alte – der lebt von innen heraus … er sieht alles mit seinen eigenen Augen an … Ich fragte … ihn einmal: »Großvater, wozu leben eigentlich die Menschen?« … <span class="regie">Sucht in Stimme und Bewegungen Luka nachzuahmen.</span> »Die Menschen? Ei, die leben um des Tüchtigsten willen! Da leben zum Beispiel die Tischler, wollen wir annehmen – lauter elendes Volk … und mit einemmal wird aus ihrer Mitte ein Tischler geboren … solch ein Tischler wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat; allen ist er über, kein andrer Tischler ist ihm gleich. Dem ganzen Tischlerhandwerk gibt er ein neues Gesicht … sein eignes Gesicht sozusagen … und mit einem Stoß rückt die Tischlerei um zwanzig Jahre vorwärts … Und so leben auch alle andern … die Schlosser und die Schuhmacher und alle übrigen Arbeitsleute … auch die Bauern … und sogar die Herren – nur um des Tüchtigsten willen! Jeder denkt, er sei für sich selbst auf der Welt, und nun stellt sich's heraus, daß er für jenen da ist … für den Tüchtigsten! Hundert Jahre … oder vielleicht noch länger … leben sie so, für den Tüchtigsten!« <span class="regie">Nastja blickt Satin starr ins Gesicht. Kleschtsch hört auf, an der Harmonika zu arbeiten, und hört gleichfalls zu. Der Baron läßt den Kopf sinken und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Der Schauspieler streckt den Kopf über den Ofenrand vor und sucht vorsichtig auf die Pritsche herunterzuklettern.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">fortfahrend:</span> »Alle, mein Lieber, alle leben einzig um des Tüchtigsten willen! Darum sollen wir auch jeden Menschen respektieren … wissen wir doch nicht, wer er ist, wozu er geboren wurde, und was er noch vollbringen kann … Vielleicht wurde er uns zum Glück geboren … zu großem Nutzen … Ganz besonders aber müssen wir die Kinder respektieren … die kleinen Kinderchen ! Die Kinderchen müssen Freiheit habe … Laßt die Kinder sich ausleben … respektiert die Kinder!« <span class="regie">Lacht still für sich. Pause.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">nachdenklich:</span> Für den Tüchtigsten … Hm ja … Das erinnert mich an meine eigne Familie … Eine alte Familie … noch aus den Zeiten Katharinas … vornehmer Adel … Militärs! … Wir sind aus Frankreich eingewandert … sind in russische Dienste getreten … sind immer höher gestiegen … Unter Nikolaus I. hat mein Großvater, Gustave Deville … einen hohen Posten bekleidet … er war reich … hatte Hunderte von Leibeigenen … Pferde … einen Koch …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Lüg doch nicht! 's ist alles Schwindel!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">springt auf:</span> Wa–as? N–na … weiter!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Alles Schwindel!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">schreit:</span> Ein Haus in Moskau! Ein Haus in Petersburg! Kutschen … Wappen am Kutschenschlag! <span class="regie">Kleschtsch nimmt die Harmonika, erhebt sich und geht auf die Seite, von wo aus er die Szene beobachtet.</span></p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Schwindel!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Kusch dich! Dutzende von Lakaien … sag ich dir!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">mit sichtlichem Behagen:</span> Alles Schwindel!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ich schlag dir den Schädel ein!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">macht Miene wegzulaufen:</span> Kutschen? Ist Schwindel!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Hör auf, Nastenjka! Mach ihn nicht wütend …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Wart, du nichtsnutziges Ding! Mein Großvater …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Es gab gar keinen Großvater! Gar nichts gab's! <span class="regie">Satin lacht.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">sinkt, ganz erschöpft vor zorniger Erregung, auf die Bank zurück:</span> Satin, sag ihr doch … der Schlumpe … was – auch du lachst? Auch du … willst mir nicht glauben? <span class="regie">Schreit voll Verzweiflung, indem er mit der Faust auf den Tisch schlägt.</span> Hol euch der Teufel … es war so, wie ich es sage!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">in triumphierendem Ton:</span> Aha, siehst du, wie du aufgeschrien hast? Jetzt weißt du, wie einem Menschen zumute ist, wenn man ihm nicht glauben will!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">kehrt an den Tisch zurück:</span> Ich dachte schon, es gibt 'ne Prügelei …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Ist das 'n dummes Volk! Zu läppisch!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ich … laß mich nicht so foppen! Ich habe Beweise … Dokumente hab ich, zum Kuckuck!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wirf sie in 'n Ofen! Und vergiß die Kutschen deines Großvaters … In der Kutsche der Vergangenheit kommt der Mensch nicht vom Fleck …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Wie kann sie es aber wagen …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Nun sag einer! Wie ich's wagen kann …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Du siehst doch, sie wagt es! Ist sie etwa schlechter als du! Wenn sie auch in ihrer Vergangenheit ganz sicher keine Kutschen und keinen Großvater  … vielleicht nicht mal Vater und Mutter aufzuweisen hat …</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">sich beruhigend:</span> Hol dich der Teufel … du urteilst über alles so kaltblütig, während ich gleich … Ich glaube, ich hab keinen Charakter …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Schaff dir einen an. Ist 'ne nützliche Sache … <span class="regie">Pause.</span> Sag mal, Nastja – gehst du nicht öfters ins Krankenhaus?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Weshalb?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Zu Natascha?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Jetzt fragst du? Die ist längst heraus … heraus und verschwunden! Nirgends ist sie zu finden …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Also spurlos verschwunden …</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Bin neugierig, ob Wasjka die Wassilissa, oder Wassilissa den Wasjka gründlicher reinlegt …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Wassilissa? Die wird sich rausschwindeln! Die ist schlau. Den Wasjka werden sie wohl in die Zwangsarbeit schicken …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Für Totschlag bei 'ner Schlägerei gibt's nur Gefängnis …</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Schade. Zwangsarbeit wäre besser. Euch alle sollte man in die Zwangsarbeit schicken … Wegfegen sollte man euch, wie einen Haufen Schmutz … in 'ne Grube irgendwohin!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">verdutzt:</span> Was fällt dir ein? Bist wohl verrückt geworden?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ich hau dir gleich eine 'runter … freches Ding!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Versuch's mal! Rühr mich nur an!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Gewiß versuch ich's!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Laß sie, rühr sie nicht an! »Beleidige den Menschen nicht in ihr!« … Immer wieder fällt mir dieser Alte ein! <span class="regie">Lacht laut.</span> Beleidige den Menschen nicht in ihr! Und wenn man mich beleidigt hat – so, daß ich fürs ganze Leben genug habe –, was soll ich dann tun? Verzeihen? Nie und nimmer!</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">zu Nastja:</span> Merk dir's, du: Ich bin nicht deinesgleichen! Du … Dirne!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ach, du … Unglücklicher ! Du lebst doch von mir, wie die Made vom Apfel … <span class="regie">Die Männer lachen verständnisvoll.</span></p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> Dumme Gans! Ein schöner Apfel bist du …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Soll man sich ärgern … über solch eine … Idiotin?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ihr lacht? Verstellt euch doch nicht! Euch ist's nicht zum Lachen …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">finster:</span> Gib's ihnen gehörig!</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Wenn ich nur … könnte! Ich würde euch alle … <span class="regie">Nimmt eine Tasse vom Tisch und wirft sie auf den Boden.</span> So!</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Was zerschlägst du das Geschirr? He, du verdrehte Schraube?</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">erhebt sich:</span> Nein, ich muß ihr doch mal … Manieren beibringen!</p><p><span class="speaker">Nastja</span>  <span class="regie">läuft fort: Hol euch der Teufel!</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">ruft hinter ihr her:</span> Hör endlich auf! Was soll das? Wem willst du hier bange machen?</p><p><span class="speaker">Nastja:</span> Ihr Wölfe! Krepieren sollt ihr! Wölfe!</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">finster:</span> Amen!</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Uh! Böses Volk – diese russischen Weiber! Zu frech … zu zügellos! Die Tatarin – die ist nicht so! Die Tatarin kennt das Gesetz!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch:</span> 'nen Denkzettel müßte sie kriegen …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> So 'ne gern – meine Person!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">probiert die Harmonika:</span> Fertig! Und ihr Besitzer läßt sich nicht sehen … Der Junge treibt's toll …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Nun trink mal!</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">trinkt:</span> Danke! 's ist Zeit, sich aufs Ohr zu legen …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Gewöhnst dich nach und nach an uns ?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">trinkt und geht in die Ecke zur Pritsche:</span> Es macht sich … Überall – sind schließlich Menschen … Anfangs sieht man das nicht so … aber später, wenn man genauer zuschaut, zeigt sich's, daß überall Menschen sind … Es macht sich alles … <span class="regie">Der Tatar breitet irgend etwas auf der Pritsche aus, kniet nieder und betet.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">zu Satin, auf den Tataren zeigend:</span> Sieh doch!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Laß ihn … 's ist ein guter Kerl … stör ihn nicht! <span class="regie">Lacht laut.</span> Ich bin heut so weichherzig … weiß der Teufel, wie das kommt!</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Du bist immer weichherzig, wenn du angeheitert bist … und so verständig bist du dann …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Wenn ich angeheitert bin … gefällt mir alles. Hm – ja … Er betet? Sehr schön von ihm! Der Mensch kann glauben oder nicht glauben … das ist seine Sache! Der Mensch – ist frei! … Der Mensch – ist die Wahrheit! was heißt überhaupt »Mensch«? Das bist nicht du, und nicht ich bin's, und nicht sie sind es … nein! Sondern du, ich, sie, der alte Luka, Napoleon, Mohammed … alle miteinander sind es! <span class="regie">Zeichnet in der Luft die Umrisse einer menschlichen Gestalt.</span> Verstanden! Das ist – etwas ganz Großes! Das ist etwas, worin alle Anfänge stecken und alle Enden … Alles im Menschen, alles für den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles übrige – ist das Werk seiner Hände und seines Gehirns! Der M–ensch! Einfach großartig! So erhaben klingt das! M–men–nsch! Man soll den Menschen respektieren! Nicht bemitleiden … nicht durch Mitleid erniedrigen soll man ihn … sondern respektieren! Trinken wir auf das Wohl des Menschen, Baron! Wie schön ist's doch – sich als Mensch zu fühlen! Ich … bin ein ehemaliger Sträfling, ein Totschläger, ein Falschspieler … na ja! Wenn ich auf die Straße gehe, gucken die Leute mich an, als wäre ich der ärgste Spitzbube … sie gehen mir aus dem Wege, sie starren hinter mir her …und öfters sagen sie zu mir: Halunke! Windbeutel! Warum arbeitest du nicht? … Arbeiten? Wozu? Um satt zu werden? <span class="regie">Lacht laut auf.</span> Ich habe die Menschen immer verachtet, die um das Sattwerden gar zu besorgt sind. Nicht darauf kommt's an, Baron! Nicht darauf! ^Der Mensch ist die Hauptsache! Der Mensch steht höher als der satte Magen! <span class="regie">Erhebt sich von seinem Platz.</span></p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">schüttelt den Kopf:</span> Du denkst nach über die Dinge … Das ist vernünftig … das wärmt dir das Herz … Mir ist's nicht gegeben. <span class="regie">Sieht sich vorsichtig um und fährt leise fort.</span> Ich fürchte mich manchmal, Bruder … verstehst du! Ich verlier den Mut, denn ich sage mir: Was weiter?</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">geht auf und ab:</span> Dummes Zeug! Vor wem soll der Mensch sich fürchten?</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Soweit ich zurückdenken kann, siehst du … war's mir immer, als ob ein Nebel auf meinem Gehirn läge. ich wußte nie recht, was mit mir los war … fühlte mich immer, als ob ich mein Leben lang mich nur an- und ausgezogen hätte … warum? Keine Ahnung! Ich habe gelernt … habe die Uniform einer adeligen Erziehungsanstalt getragen … aber was ich gelernt habe? Keine Ahnung … Ich habe geheiratet – zog einen Frack an, dann einen Schlafrock … nahm mir ein Scheusal von Weib – warum? Keine Ahnung … Ich hab alles durchgebracht, was da war – und trug ein schäbiges graues Jackett und fuchsige Hosen … aber wie ich eigentlich auf den Hund gekommen bin? Nicht die blasseste Ahnung … Ich wurde beim Kameralhof angestellt … bekam eine Uniform, eine Mütze mit Kokarde … ich unterschlug amtliche Gelder … zog den Sträflingskittel an … dann – zog ich das hier an … Und alles … geschah wie im Traum … lächerlich, was?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Nicht sehr … Ich find's eher dumm …</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Ja … auch mir scheint es dumm … Aber irgendeinen Zweck muß es doch haben, daß ich geboren wurde … wie?</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lacht:</span> Schon möglich … Der Mensch wird um des Tüchtigsten willen geboren! <span class="regie">Nickt mit dem Kopf.</span> Stimmt … ausgezeichnet.</p><p><span class="speaker">Der Baron:</span> Diese … Nastjka … Läuft einfach fort … will doch mal sehen, wo sie steckt! Es ist doch immer … <span class="regie">Ab. Pause.</span></p><p><span class="speaker">Der Schauspieler:</span> Du, Tatar! <span class="regie">Pause.</span> Tatar! <span class="regie">Der Tatar wendet den Kopf nach ihm um.</span> Bete für mich …</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Was willst du?</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">leiser:</span> Beten sollst du … für mich! …</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">nach kurzem Schweigen:</span> Bete doch selber …</p><p><span class="speaker">Der Schauspieler</span>  <span class="regie">klettert rasch vom Ofen herunter, tritt an den Tisch heran, gießt sich mit zitternder Hand ein Glas Branntwein ein, trinkt und geht hastig , fast laufend, in den Hausflur.</span> Jetzt geh ich!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> He – du, Sikambrer! Wohin? <span class="regie">Er pfeift. Medwedew, in einer wattierten Frauenjacke, und Bubnow kommen herein – beide ein wenig angeheitert. Bubnow trägt in der einen Hand ein Bund Brezeln, in der andern ein paar geräucherte Fische, unter dem Arm eine Flasche Branntwein, in der Rocktasche eine zweite.</span></p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Das Kamel ist … 'ne Art Esel, sozusagen. Nur daß es keine Ohren hat …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Hör endlich auf! Bist selber – eine Art Esel.</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ohren hat das Kamel überhaupt nicht! Es hört mit den Nasenlöchern …</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">zu Satin:</span> Herzensfreund! ich hab dich in allen schenken und Spelunken gesucht! Nimm mir die Flasche ab, ich hab keine Hand frei …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Leg doch die Brezeln auf den Tisch, dann hast du gleich eine Hand frei …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Stimmt! Du bist doch … Hast du gehört, Mann des Gesetzes? Das ist 'n Schlaukopf!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Alle Gauner – sind schlau … Das weiß ich längst! was sollten sie ohne Schlauheit anfangen? Ein unordentlicher Mensch – der kann auch dumm sein; doch ein Spitzbube muß Grütze im Kopfe haben. Aber wegen des Kamels, Bruder … bist du schiefgewickelt … Ein Kamel ist 'n Reittier, sag ich … Hörner hat es nicht … und Zähne auch nicht …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Wo steckt denn die ganze Gesellschaft? Kein Mensch da! Heda, kommt doch ran … ich spendier heut! Wer sitzt denn dort im Winkel?</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Hast wohl bald alles verjuxt, Vogelscheuche?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Das versteht sich! Diesmal war's Kapitälchen nur ganz klein … das ich zusammengescharrt hatte … Schiefkopf! Wo ist denn der Schiefkopf?</p><p><span class="speaker">Kleschtsch</span>  <span class="regie">tritt an den Tisch heran:</span> Er ist nicht da …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> U–u–rrr! Bulldogge! Brlju, brlju! brlju! Puterhahn! Nur nicht bellen, nur nicht knurren! Trink, schmause. laß den Kopf nicht hängen … ich halte alle frei! Das tu ich zu gern, Bruder! Wenn ich ein reicher Mann wäre … ich machte 'ne Schenke auf, in der alles umsonst zu haben wäre! Bei Gott! Mit Musik und einen Sängerchor … Immer ran, trinkt, eßt, hört zu … erquickt eure Seele! Nur herein zu mir, armer Mann … in meine Gratiskneipe! Satin! Bruder! Ich möchte dich … da, nimm die Hälfte meiner sämtlichen Kapitalien! Da, nimm sie!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Gib mir nur gleich alles …</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Alles? Mein ganzes Kapital? Sollst du haben … da! Ein Rubel! Noch einer … ein Zwanziger … ein paar Fünfer … ein paar Zweikopekenstücke … das ist alles!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Schön … Bei mir ist's sicherer aufgehoben … ich gewinne damit mein Geld zurück …</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Ich bin Zeuge … Du hast ihm das Geld in Verwahrung gegeben … wieviel war's doch?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Du? Du bist – ein Kamel … Wir brauchen keine Zeugen …</p><p><span class="speaker">Aljoschka</span>  <span class="regie">kommt mit nackten Füßen herein:</span> Kinder! Ich hab mir die Füße naß gemacht!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Komm – mach dir auch die Gurgel naß … dann klappt die Sache wieder! Bist 'n lieber Kerl … singst und musizierst … sehr nett von dir! Aber – saufen … solltest du nicht! Das Saufen ist nämlich schädlich, Bruder … sehr schädlich! …</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Das seh ich an dir! Du bist erst ein Mensch, wenn du einen weg hast … Kleschtsch! Ist meine Harmonika repariert? <span class="regie">Singt und tanzt dazu.</span></p><p class="vers">Wär ich nicht so 'n schmucker,<br/>
      Netter, frischer Knabe,<br/>
      würde mich die Frau Gevatter'n<br/>
      Nicht so gerne haben!</p><p class="leftmarg">Ganz erfroren bin ich, Kinder! 's ist kalt!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Hm … und wenn man fragen darf: wer ist denn die Frau Gevatterin?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Du – das gewöhn dir ab! Du hast jetzt gar nichts zu fragen! Bist kein Polizist mehr … abgemacht! Weder Polizist noch Onkel bist du …</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Sondern einfach – Tantchens Mann!</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Von deinen Nichten sitzt die eine im Loch und die andre liegt im Sterben …</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">wirft sich in die Brust:</span> Das ist nicht wahr! Sie liegt nicht im Sterbe: sie ist einfach verschollen! <span class="regie">Satin lacht laut auf.</span></p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Ganz gleich, Bruder! Ein Mensch ohne Nichten – ist kein Onkel!</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span>Ew. Exzellenz! Pensionierter Tambour von der Löffelgarde!</p><p class="vers">Geld hat die Gevatter'n,<br/>
      Ich hab keinen Groschen –<br/>
      Dafür bin ich allerwegen<br/>
      Einer von den Forschen!</p><p class="leftmarg">Brr! 's ist kalt! <span class="regie">Schiefkopf kommt herein; dann, bis zum Ende des Aufzugs, folgen noch ein paar Gestalten. Männer und Weiber. Sie entkleiden sich, strecken sich auf den Pritschen aus und brummen vor sich hin.</span></p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Warum bist du fortgelaufen, Bubnow?</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Komm her, setz dich! Wollen was singen, Bruder! Mein Lieblingslied … was?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Jetzt ist Nacht, da wird geschlafen! Singt am Tage!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Laß sie doch, Fürst" Komm mal her!</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> »Laß sie doch« – so! 's gibt Spektakel … wenn gesungen wird.</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">geht zu ihm hin:</span> Was macht die Hand, Tatar? Hat man sie dir schon abgeschnitten?</p><p><span class="speaker">Der Tatar:</span> Warum abgeschnitten? Wollen noch warten … vielleicht ist's nicht nötig, sie abzuschneiden … eine Hand ist nicht von Eisen … 's ist rasch gemacht, das Abschneiden …</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> 's ist eine faule Sache, Hassanka! Was bist du ohne Hand? Bei unsereinen fragen sie bloß nach den Händen und nach dem Buckel … Ein Mensch ohne Hand – ist überhaupt kein Mensch! Kann sich einfach begraben lassen … Komm, trink ein Gläschen mit uns …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">tritt ein:</span> Ach, meine lieben Mieter! Ist das 'n Hundewetter draußen! Ein Matsch und eine Kälte … ist mein Polizist da? Heda, Wachtmeister!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Hier bin ich …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Hast du wieder meine Jacke an? Was ist denn mit dir? Ich glaube gar, du hast 'n bißchen … na, das fehlte noch!</p><p><span class="speaker">Medwedew:</span> Bubnow … hat Geburtstag … und 's ist so kalt … so 'n Matsch!</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Ich will dich lehren … so 'n Matsch! Nur nicht über die Stränge schlagen … Geh schlafen! …</p><p><span class="speaker">Medwedew</span>  <span class="regie">ab in die Küche:</span> Schlafen gehen? Das kann ich … das will ich tun …'s ist Zeit! <span class="regie">Ab.</span></p><p><span class="speaker">Satin:</span> Warum bist du denn so streng gegen ihn?</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Es geht nicht anders, lieber Freund. Ein Mann wie der muß streng gehalten werden. Zum Spaß hab ich ihn mir nicht genommen! Er ist 'n Militär, dacht ich … und ihr seid ein wüstes Volk … da wird ich als Weib nicht allein fertig mit euch … nu fängt er mir an zu saufen – nee, mein Junge, das gibt's nicht!</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Hast deinen Assistenten schlecht gewählt …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Nee, laß mal – er ist ganz gut … du willst mich ja nicht haben! Und wenn du mich schließlich auch wolltest – länger als acht Tage würde die Herrlichkeit nicht dauern … Mit Haut und Haaren würdest du mich verspielen!</p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">lacht laut auf:</span> Das stimmt! Verspielen würd ich dich …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Na also! Aljoschka!</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Hier ist er …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Sag mal – was hast du über mich geschwatzt?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Ich? Allerhand! Alles schwatz ich, was ich verantworten kann! Das ist 'n Weib! sag ich. Ein ganz erstaunliches Weib! Fleisch, Fett, Knochen – über drei Zentner, und Gehirn – nicht 'n halbes Lot.</p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Na, da lügst du, mein Junge. Ich hab sogar ein ganz ansehnliches Gehirn … Nein – warum erzählst du den Leuten, daß ich meinen Polizisten prügle?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Ich dachte, weil du ihn an den Haaren zerrst … das ist doch so gut wie geprügelt …</p><p><span class="speaker">Kwaschnja</span>  <span class="regie">lacht:</span> Dummer Kerl! Wozu den Schmutz aus dem Hause tragen? … Das muß ihn doch kränken … Aus lauter Ärger über dein Geklätsch hat er zu trinken angefangen …</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Sieh mal an! Also ist's doch wahr, was das Sprichwort sagt: daß auch das Huhn trinkt! <span class="regie">Satin und Kleschtsch lachen.</span></p><p><span class="speaker">Kwaschnja:</span> Bist du aber witzig! Und sag mal, was bist <span class="regie">du</span> eigentlich für 'n Früchtchen, Aljoschka?</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> ich bin ein Kerl, der in die Welt paßt! Allerfeinste Sorte! Wohin mein Auge sieht – dahin mein Herz mich zieht!</p><p><span class="speaker">Bubnow</span>  <span class="regie">an der Pritsche des Tataren:</span> Komm! Schlafen lassen wir dich doch nicht! Wollen heute singen … die ganze Nacht! Was, Schiefkopf?</p><p><span class="speaker">Schiefkopf:</span> Können wir machen …</p><p><span class="speaker">Aljoschka:</span> Ich begleite …</p><p><span class="speaker">Satin:</span> Und wir hören zu!</p><p><span class="speaker">Der Tatar</span>  <span class="regie">schmunzelnd:</span> Na, alter Satan Bubna … schenk mir ein Glas ein! »Wollen schwelgen, wollen trinken – bis daß uns der Tod tut winken!«</p><p><span class="speaker">Bubnow:</span> Schenk ihm ein, Satin! Schiefkopf, setz dich! Ach, Brüder! Wie wenig braucht doch der Mensch zum Glück! Ich zum Beispiel – nur ein paar Schlückchen hab ich getrunken … und bin kreuzfidel! Schiefkopf, fang an … mein Lieblingslied! Singen will ich … und weinen! …</p><p><span class="speaker">Schiefkopf</span>  <span class="regie">stimmt ein Lied an:</span> »Auf und nieder geht die Sonne …« <span class="regie">Bubnow fällt ein.</span> »… dunkel bleibt mein Kerker doch …« Die Tür wird heftig aufgerissen.</p><p><span class="speaker">Der Baron</span>  <span class="regie">auf der Schwelle stehend, schreit:</span> Heda … Ihr! Kommt rasch … kommt mal raus ! Auf dem Platze … dort … hat sich der Schauspieler … erhängt! <span class="regie">Schweigen. Alle sehen den Baron an. Hinter seinem Rücken erscheint Nastja, die langsam, mit weit geöffneten Augen, auf den Tisch zugeht.</span></p><p><span class="speaker">Satin</span>  <span class="regie">leise:</span> Muß uns der das Lied verderben … der Narr!</p></div></text></TEI>