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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">Der Charakter</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/119404354">Smiles, Samuel</persName><country>Großbritannien</country><birth>1812.0</birth><death>1904.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>Projekt Gutenberg DE - Hille \&amp;amp; Partner</orgName><resp><note type="remarkResponsibility">Bereitstellung der Texttranskription und
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      <i>»Leeds Times«</i>, Sekretär verschiedener Eisenbahngesellschaften, gestorben 1904 – war ein fruchtbarer und dabei erfolgreicher Schriftsteller. Seine Bücher über Selbsthilfe, Charakter, Pflicht, Sparsamkeit und ähnliche praktisch-ethische Themata haben in England eine ungeheure Verbreitung erlangt: von seiner »Selbsthilfe« wurden etwa 200 000 Exemplare, von dem Buch über den »Charakter« über 30 starke Auflagen abgesetzt. Auch die bisherigen deutschen Ausgaben seiner Hauptwerke haben mehrere Auflagen erlebt.</p><p>Ganz gewiß verdienen Smiles' Schriften diese Verbreitung. Sie sind nicht geistreich, wenn man darunter Darlegungen versteht, die mehr überraschen und blenden als überzeugen und erwärmen, aber sie bieten dafür eine gesunde Kost, die wohl geeignet ist, den Geist zu nähren und zu kräftigen. Smiles steht – ein Paradigma praktisch-erfolgreichen Engländertums – fest auf der Erde und lehrt die Aufgaben, die das irdische Leben den Menschen stellt, klar und fest betrachten, energisch und zielbewußt anpacken. Er ist nicht ohne Gemüt, aber ohne alle Sentimentalität. Er ist nicht original, bringt aber eine Fülle trefflicher Lebensweisheit aus tausend Büchern, die er gelesen hat, in originelle Verbindung. Nicht in trockenem, moralisierendem Ton, sondern in lebensvollen Beispielen, und gerade darin liegt der Hauptreiz und Hauptwert seiner Bücher.
      <i>Exempla trahunt</i>, Beispiele wecken die Nacheiferung.</p><p><a id="page6" name="page6" title="bellana/hp"/> Freilich tut hier Smiles für einen deutschen Leser des Guten manchmal zu viel, indem er, von Auflage zu Auflage vermehrt, in langen Reihen englische Vertreter aufmarschieren läßt, die für uns Deutsche jedes Interesses entbehren. Wir haben solche Partieen gestrichen und uns auch sonst nicht gescheut, zu kürzen, wo Smiles zu sehr ins Reden kam; wir glauben dadurch das Büchlein für den Geschmack der deutschen Leser annehmbarer und lesbarer gemacht zu haben. Der eigentliche Gehalt an wertvoller Lebensweisheit, um dessen willen wir das Büchlein in Kröners Taschenausgabe aufgenommen haben, tritt dabei um so klarer zutage. Auch die Literaturangaben sind weggelassen worden; sie schienen uns ein unnützer Ballast bei einem Buch, das nicht der Wissenschaft dienen, sondern unmittelbar aufs Leben wirken soll.</p><p>Fördernde Mitarbeit an diesem Bändchen danke ich meinem Neffen Erich Schmidt.</p><p>Jena, im Januar 1910.</p><p><i>Dr. Heinrich Schmidt.</i><a id="page7" name="page7" title="Joules/hp"/></p></div><div class="chapter" id="chap002"><h3>1. Kapitel. Der Einfluß des Charakters</h3><div class="motto"><p>Charakter ist die moralische Ordnung, gesehen durch das Medium einer individuellen Natur. Charakterstarke Menschen sind das Gewissen der Gesellschaft, der sie angehören.</p><p><i>Emerson.</i></p></div><p>Der Charakter ist einer der bedeutendsten Bewegkräfte der Welt. In seinen edelsten Verkörperungen stellt er die menschliche Natur in ihren höchsten Formen dar.</p><p>Menschen von echter Größe in jeder Lebenslage, Menschen von hohem Fleiß, hoher Lauterkeit, hohen Prinzipien, hohem Ernst in der Verfolgung ihrer Ziele, fordern die spontane Huldigung der Menschheit heraus. Es ist ganz natürlich, daß man solchen Menschen glaubt, ihnen vertraut, ihnen nachlebt. Alles Gute in der Welt beruht auf ihnen, und ohne ihre Gegenwart würde die Welt nicht wert sein, daß man in ihr lebt.</p><p>Das Genie ruft immer Bewunderung hervor, aber der Charakter vor allem sichert die Hochachtung. Jenes ist mehr ein Erzeugnis des Gehirns, dieser des Herzens. Und am Ende ist es doch immer das Herz, welches dem Leben die Regeln vorschreibt. Geniale Menschen stehen mit der menschlichen Gesellschaft durch ihren Intellekt in Beziehung, charaktervolle Menschen durch ihr Gewissen; und während man jene bewundert, folgt man diesen nach.</p><p>Große Menschen sind immer Ausnahme-Menschen. Aber Größe selbst ist ein relativer Begriff. Der Spielraum des Lebens der meisten Menschen ist in der Tat so beschränkt, daß nur sehr wenige Gelegenheit haben, groß zu sein. Jeder aber ist imstande, seine Arbeit redlich und ehrenvoll zu erledigen und nach besten Kräften. Er kann seine Gaben gebrauchen, ohne Mißbrauch mit ihnen zu treiben. Er kann sein Leben auf die beste Art verwenden. Er kann wahr sein, gerecht, ehrenhaft, treu auch in den kleinsten Dingen. Mit einem Wort, er kann seine Pflicht tun an jedem Platz, auf den ihn die Vorsehung gestellt hat.</p><p>Mag dies wie ein Gemeinplatz aussehen: solch eine Pflichterfüllung ist das höchste Ideal des Lebens und Charakters. Darin 
      <a id="page8" name="page8" title="Joules/James"/> mag nichts Heroisches liegen; aber das gewöhnliche Los der Menschen ist eben nicht heroisch. Und wie das beständige Pflichtgefühl den Menschen in seinen höchsten Bestrebungen aufrecht erhält, so stützt es ihn auch in den Arbeiten des Tages. »Das menschliche Leben verläuft in der Sphäre gewöhnlicher Pflichten.« Die folgenreichsten aller Tugenden sind die, welche am meisten im täglichen Leben geübt werden müssen. Sie bewähren sich am besten und halten am längsten vor. Überfeine Tugenden, welche über den Durchschnitt der Menschen hinausgehen, sind nur Quellen der Versuchung und Gefahr. Burke hat richtig bemerkt, daß »das menschliche System, welches auf dem Fundamente heroischer Tugenden ruht, gewöhnlich einen Oberbau von Schwäche und Leichtsinn besitzt«.</p><p>Als Dr. Abbot, der spätere Erzbischof von Canterbury, den Charakter seines verstorbenen Freundes Thomas Sackville zeichnete, verweilte er nicht bei seinen Verdiensten als Staatsmann oder bei seinem poetischen Genius, sondern bei seinen Tugenden gegenüber den gewöhnlichen Pflichten des Lebens. »Wie viele seltene Vorzüge besaß er!« sagte er. »Wer war liebreicher gegen sein Weib, gütiger gegen seine Kinder, hilfsbereiter seinen Freunden, nachsichtiger seinen Feinden gegenüber, treuer einem gegebenen Wort?« Wir können in der Tat den wahren Charakter eines Menschen besser verstehen und schätzen nach der Art und Weise, wie er sich denen gegenüber benimmt, die ihm am nächsten stehen, besser nach seiner Ausführung der anscheinend geringfügigen Kleinigkeiten des täglichen Lebens, als nach seinem öffentlichen Hervortreten als Autor, Redner oder Staatsmann.</p><p>Das Pflichtgefühl, das für die meisten die Führung der Alltagsgeschäfte bestimmt, ist gleichzeitig eine Kraft, welche die Menschen auch auf dem höchsten Niveau des Charakters aufrecht erhält. Sie brauchen nicht Geld oder Gut, Gelehrsamkeit oder Macht zu besitzen, und dennoch können sie groß an Gemüt und Geist – redlich, zuverlässig und pflichttreu sein. Und wer sich bemüht, getreu seine Pflicht zu tun, erfüllt den Zweck, zu dem er geschaffen wurde und legt in sich die Grundlagen zu einem männlichen Charakter. Viele Leute gibt es, die in der Welt nichts ihr eigen nennen als ihren Charakter, und doch stehen sie so fest darauf wie ein gekrönter König.</p><p>Intellektuelle Bildung ist nicht notwendig mit Reinheit oder Vortrefflichkeit des Charakters verknüpft. Im Neuen Testament wird häufig an das menschliche Herz und den Geist, »des Kinder wir sind«, appelliert, während eine Bezugnahme auf den Verstand selten vorkommt. »Eine Handvoll guten Lebens ist einen ganzen 
      <a id="page9" name="page9" title="ami/James"/> Scheffel Gelehrsamkeit wert«, sagt George Herbert. Gelehrsamkeit soll damit nicht verachtet werden, aber sie muß mit Güte gepaart sein. Hervorragender Verstand ist zuweilen mit dem gemeinsten moralischen Charakter verbunden – mit verächtlicher Kriecherei gegen Vorgesetzte und Arroganz gegen Untergebene. Ein Mensch kann in Kunst, Literatur und Wissenschaft vortrefflich sein und doch an Ehrlichkeit, Tugend, Zuverlässigkeit und Pflichttreue einem armen, unbelesenen Landmann nachstehen.</p><p>»Du betonst so sehr«, schrieb Berthes an einen Freund, »den Respekt vor Gelehrten. Dazu sag' ich Amen. Aber vergiß dabei nur nicht, daß Geistesgröße, Gedankentiefe, Wertschätzung des Erhabenen, Welterfahrung, Vornehmheit, Takt und Energie, Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Liebenswürdigkeit einem Manne abgehen können, wenn er auch noch so sehr gelehrt ist.«</p><p>Als jemand im Beisein Sir Walter Scotts eine Bemerkung über den Wert literarischer Talente und Fähigkeiten machte, als ob man sie vor allem schätzen und ehren müßte, bemerkte der Dichter: »Gott steh uns bei! Wie armselig wär's mit der Welt bestellt, wenn diese Behauptung wahr wäre! Ich habe während meines Lebens genug Bücher gelesen und auch genug hervorragende Geister mit glänzender Bildung beobachtet und gesprochen; aber ich versichere Ihnen, daß ich aus dem Munde armer, ungebildeter Männer und Frauen, wenn der Geist eines strengen und doch sanften Heldentums unter Not und Bedrängnis aus ihnen sprach, oder wenn sie ihre einfachen Gedanken über das Schicksal ihrer Freunde und Nachbarn äußerten, höhere Gedanken gehört habe, als ich je antraf – außer etwa in der Bibel. Wir werden niemals lernen, unsere wahre Berufung und Bestimmung zu fühlen und zu schätzen, bevor wir nicht gelernt haben, alles andere nur als nebensächlich zu betrachten gegenüber der Bildung des Herzens.«</p><p>Noch weniger hat Reichtum notwendig etwas mit der Größe des Charakters zu tun. Im Gegenteil ist er häufig die Ursache seiner Verschlechterung und Erniedrigung. Reichtum und Sittenverderbnis, Luxus und Laster sind sehr nahe miteinander verwandt. Reichtum ist in den Händen von Leuten mit schwachem Willen, mangelnder Selbstbeherrschung und schlecht bezähmten Leidenschaften nur eine Versuchung, ein Fallstrick, vielleicht sogar die Quelle unendlichen Unheils für sie selbst und andere.</p><p>Relative Armut ist dagegen wohl vereinbar mit Charakter von höchster Ausbildung. Ein Mensch braucht nichts als seinen Fleiß, seine Mäßigkeit und Unbescholtenheit zu besitzen, und kann doch an Männlichkeit hoch stehen. 
      <a id="page10" name="page10" title="ami/mbechtel"/> Einer der reinsten und edelsten Charaktere, die der Verfasser je kennen lernte, war ein Arbeiter in einer nördlichen Grafschaft, der bei einem wöchentlichen Einkommen von nicht mehr als 10 Schilling seine Familie anständig ernährte. Obgleich er nur Rudimente allgemeiner Bildung besaß, wie er sie sich in einer gewöhnlichen Dorfschule angeeignet hatte, war er doch voller Weisheit und Gedankentiefe. Seine Bibliothek bestand aus der Bibel, ›Flavel‹ und ›Boston‹ – Bücher, von denen mit Ausnahme des ersteren wohl nur wenige Leser etwas gehört haben. Dieser gute Mann hätte für Wordsworths wohlbekannten ›Wanderer‹ als Modell dienen können. Als er sein bescheidenes Leben der Arbeit und des Gebets vollendet hatte und zur ewigen Ruhe einging, hinterließ er den Ruf praktischer Weisheit, echter Herzensgüte und der Hilfsbereitschaft bei jedem guten Werk, so daß ihn größere und reichere Leute hätten beneiden können.</p><p>Als Luther starb, hinterließ er, wie sein Testament dartut, ›kein bares Geld, noch Geldeswert irgendwelcher Art‹. Er war einen Teil seines Lebens hindurch so arm, daß er sich sein Geld als Drechsler, Gärtner und Uhrmacher verdienen mußte. Doch zur selben Zeit, wo er sich durch seiner Hände Arbeit ernährte, bildete er den Charakter seines Landes; und er war moralisch stärker und besaß mehr Ansehen und Anhänger als alle Fürsten Deutschlands.</p><p>Charakter ist Eigentum, und zwar das edelste aller Besitztümer. Er ist ein Besitzrecht auf das Wohlwollen und die Achtung der Menschen; und die ihr Kapital so anlegen, werden, wenn auch nicht reich an irdischen Gütern, so doch belohnt durch rechtlich und ehrenhaft erworbene Achtung und Ehrerbietung. Und mit Recht werden im Leben gute Eigenschaften geschätzt, nehmen Fleiß, Tugend und Güte den höchsten Rang ein, – und die wahrhaft besten Menschen sind die Vordersten.</p><p>Die bloße Ehrlichkeit des Willens vermag bei einem Menschen viel, wenn sie auf eine richtige Selbsterkenntnis und beständigen Gehorsam gegen die als richtig erkannte Regel gegründet ist. Sie hält einen Menschen aufrecht, gibt ihm Kraft und Beständigkeit und bildet eine Haupttriebfeder energischen Handelns. »Kein Mensch«, sagte einst Sir Benjamin Rudyard, »ist verpflichtet, reich oder groß zu werden, auch nicht weise; aber jeder ist verpflichtet, ehrenhaft zu sein.«</p><p>Aber der gute Wille muß nicht nur ehrlich sein, sondern er muß auch auf gesunden Prinzipien beruhen und mit unerschütterlichem Festhalten an Wahrheit, Unbescholtenheit und Rechtlichkeit verfolgt werden. Ohne Prinzipien ist ein Mensch wie ein Schiff 
      <a id="page11" name="page11" title="ami/mbechtel"/> ohne Steuer und Kompaß, das dem Spiel der Winde preisgegeben ist. Er ist wie einer ohne Gesetz und Richtschnur, ohne Ordnung und Regierung. »Moralische Prinzipien«, sagt Hume, »sind sozial und universell. Sie bilden gewissermaßen ein Bollwerk der Menschheit gegen Laster und Unordnung, ihre gewöhnlichen Feinde.«</p><p>Epiktet empfing einst den Besuch eines glänzenden Redners, der in Geschäften nach Rom kam und von den Stoikern etwas von ihrer Philosophie lernen wollte. Epiktet empfing seinen Besucher kühl, da er nicht an seine Aufrichtigkeit glaubte. »Du willst nur meinen Stil kritisieren und nicht unsere Prinzipien kennen lernen.« »Wenn ich das wollte,« sagte der Redner, »würde ich ein armer Teufel sein, wie du, ohne Geld, Gut und Land.« – »Solche Dinge begehre ich nicht,« erwiderte Epiktet; »und außerdem bist du, nach allem, ärmer als ich. Einen Gönner oder nicht, was schere ich mich darum. Aber du sorgst darum. Ich bin reicher als du. Ich kümmere mich nicht um das, was der Kaiser von mir denkt. Ich schmeichle keinem. Das habe ich, an Stelle deines Goldes und Silbers. Du haft silberne Gefäße, aber tönerne Grundsätze und Neigungen. Mein Geist ist mein Königreich und liefert mir reiche und glückliche Beschäftigung anstatt deiner geschäftigen Trägheit. Alle deine Besitzungen scheinen dir klein; die meinigen scheinen mir groß. Dein Begehren ist unersättlich, meines ist befriedigt.«</p><p>Das Talent ist keineswegs selten in der Welt; auch das Genie ist es nicht. Aber kann man dem Talent, dem Genie allein vertrauen? Doch nur, wenn sie auf Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit beruhen. Diese Eigenschaft mehr als alle anderen fordert Ansehen und Achtung heraus und sichert das Vertrauen anderer. Zuverlässigkeit ist der Grundstein jedweder persönlichen Vollkommenheit. Sie zeigt sich im Betragen. Sie ist Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit der Handlungsweise und leuchtet aus jedem Wort und jeder Tat. Sie bedeutet Vertrauenswürdigkeit und überzeugt andere Menschen, daß man ihr vertrauen kann. Und ein Mann ist schon von Bedeutung in der Welt, wenn es bekannt ist, daß man sich auf ihn verlassen kann – daß, wenn er etwas zu wissen vorgibt, er dies auch wirklich weiß – daß, wenn er etwas zu tun verspricht, er dies auch ausführen kann und ausführen wird. Solche Zuverlässigkeit ist eine Anweisung auf das allgemeine Ansehen und das Vertrauen der Menschheit.</p><p>In den Angelegenheiten des Lebens oder in Geschäften kommt es mehr an auf den Charakter als auf den Intellekt, mehr auf das Herz als auf das Hirn, nicht so sehr auf Genie als auf Selbstbeherrschung, 
      <a id="page12" name="page12" title="ami/cal"/> Geduld und Urteilsfähigkeit. Deshalb gibt es für die Zwecke des öffentlichen und Privatlebens keine bessere Mitgift als eine tüchtige Dosis gesunden Menschenverstandes, gepaart mit Wahrhaftigkeit. Der gesunde Menschenverstand, von Erfahrung geschult und von Güte beeinflußt, führt zur praktischen Weisheit. In Wahrheit begreift Herzensgüte Weisheit in sich, jene höchste Weisheit, die eine Verbindung der weltlichen mit der geistlichen bedeutet. »Die Beziehungen zwischen Weisheit und Herzensgüte«, sagt Sir Henry Taylor, »sind mannigfacher Art; und daß sie einander begleiten, ist natürlich, nicht nur, weil die Weisheit die Menschen gut macht, sondern weil ihre Güte sie weise macht.«</p><p>Wegen dieser beherrschenden Kraft des Charakters sehen wir oft Menschen im Leben einen Einfluß ausüben, der augenscheinlich mit ihren Geisteskräften in keinem Verhältnis steht. Sie scheinen durch eine Art verborgener Gewalt, eine Reservekraft, zu handeln, die ganz im Geheimen durch ihre bloße Gegenwart wirkt. So sagt Burke von einem einflußreichen Edelmanne des XVIII. Jahrhunderts: »Seine Tugenden waren seine Mittel.« Das Geheimnis liegt darin, daß man die Ziele solcher Leute als rein und edel erkennt, und daß sie daher mit zwingender Gewalt auf andere wirken.</p><p>Obgleich der Ruf von Leuten von echtem Charakter sich nur langsam verbreitet, so können doch ihre guten Eigenschaften nicht gänzlich verborgen bleiben. Sie können von einigen falsch dargestellt, von andern falsch verstanden werden; Unglück und Mißgeschick können sie zeitweise niederdrücken; aber mit Geduld und Beharrlichkeit werden sie gelegentlich Achtung einflößen und das Vertrauen gewinnen, das ihnen in Wahrheit zukommt.</p><p>Von Sheridan ist gesagt worden, daß er, wenn er einen zuverlässigen Charakter besessen hatte, die Welt hätte beherrschen können; aber aus Mangel daran waren seine glänzenden Gaben verhältnismäßig nutzlos. Er blendete und unterhielt, aber in politischen Dingen war er ohne Gewicht. Sogar der arme Statist von Drury Lane fühlte sich ihm überlegen. Als Delphini eines Tages den Direktor drängte, die rückständige Gage auszuzahlen, tadelte ihn Sheridan scharf, wobei er ihm sagte, er vergäße seine Stellung. »Nein, Herr Sheridan, das tu ich nicht,« erwiderte Delphini, »ich kenne den Unterschied zwischen uns beiden ganz genau. Nach Geburt, Verwandtschaft und Erziehung seid Ihr mir überlegen; aber was das Leben, Charakter und Benehmen angeht, bin ich Euch überlegen.«</p><p>Ungleich Sheridan war Burke, sein Landsmann, ein großer Mann von Charakter. Er war schon 35 Jahre alt, als er einen 
      <a id="page13" name="page13" title="ami/ancistrus"/> Sitz im Parlament erhielt, und doch fand er Zeit, seinen Namen aufs engste mit der politischen Geschichte Englands zu verknüpfen. Er war ein Mann von großen Gaben und von hervorragender Charakterstärke. Doch hatte er eine Schwäche, die sich als ein ernster Fehler erwies; es war sein Mangel an Mäßigung; sein Genius fiel seiner Reizbarkeit zum Opfer. Und ohne diese scheinbar geringe Gabe der Mäßigung können die glänzendsten Anlagen für ihren Besitzer verhältnismäßig wertlos sein. Der Charakter wird durch eine Anzahl geringfügiger Kleinigkeiten gebildet, die alle mehr oder weniger unter dem Einflusse und der Kontrolle des Einzelnen stehen. Kein Tag vergeht ohne seine Schulung, ob zum Guten oder Bösen. Es gibt keine Tat, und sei sie noch so unbedeutend, die nicht ihre Folgen nach sich zieht, wie denn auch das kleinste Haar seinen Schatten wirft. Es war ein weiser Ausspruch von Frau Schimmelpennincks Mutter, daß man einer kleinen Schwäche nicht nachgeben solle, und sei sie noch so geringfügig, sonst werde man von ihr beherrscht.</p><p>Jede Handlung, jeder Gedanke, jedes Gefühl trägt zur Bildung des Temperaments, der Gewohnheiten und des Verstandes bei und übt einen unvermeidlichen Einfluß auf alle Taten unseres zukünftigen Lebens aus. So wird der Charakter einer beständigen Veränderung unterzogen, sei es zum Guten oder zum Schlimmen, sei es, daß er veredelt oder verdorben wird. »Es gibt keinen Fehler und keine Torheit meines Lebens,« sagt Ruskin, »die sich nicht gegen mich erheben, mir die Freude nehmen, und meine Selbstbeherrschung, Einsicht und meinen Verstand verringern. Und jede Anstrengung meines Lebens, jede Tat der Gerechtigkeit oder Güte steht mir bei, diese Kunst und ihre Erscheinung festzuhalten.«</p><p>Das mechanische Gesetz, nach dem Wirkung und Gegenwirkung gleich sind, besteht auch in der Moral. Gute und böse Taten wirken agierend und reagierend auf die Täter ein. Und nicht nur das: sie bringen vermöge des Beispiels denselben Effekt bei denen hervor, die ihnen unterworfen sind. Der Mensch ist nicht so sehr das Geschöpf, als vielmehr der Schöpfer seiner Umstände, 
      <span class="footnote">Anstatt zu sagen, der Mensch sei das Geschöpf der Umstände, läge es näher, zu sagen, daß er ihr Schöpfer ist. Der Charakter baut sich eine Existenz außerhalb der Umstände. Unsere Gestaltungskraft ist ein Maß für unsere Stärke. Aus demselben Material baut der eine Paläste, der andere Hütten, der eine Speicher, der andere Villen. Ziegel und Mörtel bleiben Ziegel und Mörtel, bis der Baumeister etwas aus ihnen machen kann. So baut sich in derselben Familie unter denselben Lebensverhältnissen der eine ein stattliches Haus, während sein Bruder, schwankend und unzuverlässig, unter Ruinen wohnt; der Granitblock, der ein Hindernis auf dem Wege des Schwachen war, wird zum Trittstein für den Starken.
      <br/> G. H. Lewes, »Goethes Leben«</span> und 
      <a id="page14" name="page14" title="ami/ancistrus"/> durch die Ausübung seines freien Willens kann er seine Handlungen so einrichten, daß sie eher Gutes als Böses erzeugen. »Niemand kann mir schaden als ich selbst,« sagte St. Bernhard; »die Sorge, die mich plagt, schaffe ich mir selbst, und ich leide nur durch eigene Schuld.«</p><p>Der beste Charakter kann indessen nicht ohne Anstrengung erworben werden. Es bedarf der ständigen Selbstüberwachung, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Man mag schwanken, straucheln und bisweilen sogar fallen; Schwierigkeiten und Versuchungen mannigfacher Art müssen bekämpft und überwunden werden, aber wenn der Geist stark und das Herz aufrichtig ist, braucht man am schließlichen Erfolg nicht zu verzweifeln. Schon die Bemühung, vorwärts zu kommen, auf ein höheres Niveau zu gelangen, wirkt belebend und kräftigend, und wenn wir das Ziel auch nicht erreichen, wird uns doch jede aufrichtige Bemühung auf dem Wege zur Höhe fördern.</p><p>Und wenn uns das Licht großer Beispiele, Vertreter der Menschheit in ihrer edelsten Form voranleuchtet, so ist ein jeder nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, nach der höchsten Ausbildung des Charakters zu trachten, nicht der Reichste an Geldmitteln, sondern an Geist zu werden, nicht der Größte an irdischer Stellung, sondern an wahrhafter Ehre, nicht der Klügste, sondern der Tugendhafteste, nicht der Mächtigste und Einflußreichste, sondern der Treueste, Aufrichtigste und Ehrlichste zu werden.</p><p>Es war sehr bezeichnend für den Charakter des verstorbenen Prinzgemahls – eines Mannes von der reinsten Gesinnung, der durch die bloße Kraft seiner eigenen wohlwollenden Natur andere gewaltig beeinflußte – daß er bei dem Entwurf der Bedingungen für den jährlichen Preis der Königin für das Wellington College bestimmte, er solle nicht dem geschicktesten oder belesensten Knaben, nicht dem pünktlichsten, fleißigsten und klügsten von ihnen zuerteilt werden, sondern dem edelsten, dem, der am meisten verspräche, ein hochherziger Mann von vornehmer Gesinnung zu werden.</p><p>Der Charakter offenbart sich in einer Lebensführung, die von hohen Grundsätzen, Rechtschaffenheit und praktischer Weisheit beeinflußt und geleitet wird. In seiner höchsten betätigt er sich als der individuelle Wille unter dem Einfluß von Religion, Moral und Vernunft. Er wählt sich seinen Weg mit reiflicher Erwägung und verfolgt ihn mit Beharrlichkeit, wobei er die Pflicht über den Ruf stellt und die Zustimmung des Gewissens mehr als das Lob der Welt achtet. Während er die Persönlichkeit anderer respektiert, bewahrt er seine eigene Individualität und Unabhängigkeit; 
      <a id="page15" name="page15" title="DagmarThess/ancistrus"/> er hat den Mut moralischer Ehrlichkeit, da er darauf vertraut, daß Zeit und Erfahrung ihm die Zustimmung geben werden, die ihm die Gegenwart versagt.</p><p>Wenn auch die Macht des Beispiels immer einen großen Einfluß auf die Bildung des Charakters ausübt, so muß doch die ursprüngliche und andauernde Kraft des eigenen Geistes die Hauptstütze sein. Diese allein kann das Leben aufrecht erhalten und individuelle Unabhängigkeit und Energie geben. Daniel, ein Dichter aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth, sagt:</p><p class="vers">»Wer nicht sich selbst erheben kann,
      <br/> Der ist fürwahr ein armer Mann.«</p><p>Ohne einen gewissen Grad praktischer Tatkraft – zusammengesetzt aus dem Willen, der Wurzel, und der Weisheit, dem Stamme des Charakters – wird das Leben unbestimmt und zwecklos sein, ein stagnierendes Wasser anstatt eines fließenden Stromes, der nützliche Arbeit verrichtet und die Mühlen eines ganzen Distriktes in Bewegung versetzt.</p><p>Wenn die Elemente des Charakters durch einen bestimmten Willen in Tätigkeit gesetzt und von dem gesteckten Ziel beeinflußt werden, so betritt der Mensch den Pfad der Pflicht und verfolgt ihn mutig, was es ihm an weltlichem Vorteil auch losten möge. Er nähert sich dem Gipfel seiner Existenz. Er zeigt dann Charakter in seiner unerschrockensten Form und verkörpert die höchste Idee der Männlichkeit. Die Taten eines solchen Mannes werden im Leben und Tun anderer wiederholt. Sogar seine Worte bekommen Leben und werden zu Taten. So erscholl jedes Wort Luthers wie ein Trompetenstoß durch Deutschland. Richter sagte von ihm: »Seine Worte waren halbe Schlachten.« Und so ging Luthers Leben über in das Leben seines Landes und lebt noch heute in dem Charakter des modernen Deutschlands fort.</p><p>Andererseits kann Energie ohne Redlichkeit und Herzensgüte nur das verkörperte Prinzip des Bösen darstellen. Novalis bemerkt dazu in seinen »Gedanken über Moral«, daß das Ideal moralischer Vollkommenheit keinen gefährlicheren Gegner zu bekämpfen habe, als das Ideal der höchsten Stärke, des tatkräftigsten Lebens – das höchste Ziel des Barbarentums – dem nur die notwendige Beimischung von Stolz, Ehrgeiz und Selbstsucht fehlt, um ein vollkommenes Ideal des Teufels zu sein. Unter Menschen solchen Gepräges findet man die ärgsten Geißeln und Tyrannen der Welt – auserlesene Schurken, welchen die Vorsehung in ihren 
      <a id="page16" name="page16" title="DagmarThess/ancistrus"/> unerforschlichen Absichten erlaubt, ihr Zerstörungswerk auf der Erde zu verrichten. 
      <span class="footnote">Unter den letzteren befand sich Napoleon »der Große«, ein Mann von unerschöpflicher Tatkraft, aber eines jeden Grundsatzes bar. Er hatte die niedrigste Meinung von seinen Mitmenschen. »Die Menschen sind Schweine, welche sich von Gold mästen,« sagte er einst; »gut, ich werfe ihnen Gold vor und führe sie, wohin ich will.« Als der Abbé de Pradt, Erzbischof von Mecheln, im Jahre 1812 als Gesandter nach Polen ging, gab ihm Napoleon zum Abschied diese Instruktion: «
      <i>Tenez bonne table et soignez les femmes.</i>« Benjamin Constant bemerkt dazu, daß ein solcher Rat gegenüber einem schwachen Priester von 60 Jahren ein Beweis sei von Bonapartes tiefer Verachtung für die menschliche Rasse, ohne Unterschied von Alter und Geschlecht.</span></p><p>Sehr verschieden davon ist ein Mann von energischem Charakter, der von einem edlen Geist beeinflußt wird, dessen Handlungen von Rechtschaffenheit geleitet werden, und dem die Pflicht das Gesetz des Lebens ist. Er ist gerecht und aufrichtig in geschäftlichen Angelegenheiten, im öffentlichen Leben und im Kreise der Familie – denn Gerechtigkeit ist gleich notwendig zur Regierung eines Hauswesens wie eines Staates. Er wird in allen Dingen ehrlich sein, in Worten und Werken. Er ist großmütig und milde gegen Widersacher wie auch gegen Schwächere. Man sagte mit Recht von Sheridan, der bei aller Unbesonnenheit großmütig war und niemandem Schmerz verursachte, daß sein Witz, ebenso zart wie glänzend, niemals verletzend gewesen sei. Solch einen Charakter besaß auch Fox, der die Zuneigung und Dienstbereitschaft seiner Mitmenschen durch seine allgemeine Herzensgüte und Teilnahme herausforderte. Er war ein Mann, den man leicht bei seiner Ehre fassen konnte. So erzählt man von ihm folgende Geschichte: Einst suchte ihn ein Kaufmann auf, um für einen Schuldschein Zahlung zu erhalten. Fox war gerade damit beschäftigt, Gold abzuzählen. Der Kaufmann bat, ihn von dem vor ihm liegenden Gelde zu bezahlen. »Nein,« sagte Fox, »dies Geld schulde ich Sheridan; es ist eine Ehrenschuld; wenn mir etwas zustößt, hat er nichts Schriftliches aufzuweisen.« »Dann verwandle ich meine Schuld in eine Ehrenschuld,« sagte der Kaufmann und zerriß den Schein. Fox war durch diese Tat besiegt, er dankte dem Manne für sein Vertrauen und bezahlte ihn, indem er sagte: »dann muß Sheridan warten, denn Ihre Forderung ist älter.«</p><p>Der Mann von Charakter ist gewissenhaft. Er zeigt sein Gewissen in jedem Werk, in jedem Wort, in jeder Handlung. Als Cromwell vom Parlament Soldaten verlangte, an Stelle der weggejagten Lakaien und Kellner, welche das republikanische Heer füllten, forderte er Leute, »die sich ein Gewissen aus ihren Taten machten«; und das taten die Leute, aus denen sein berühmtes Regiment der »Ironsides« bestand.</p><p><a id="page17" name="page17" title="DagmarThess/ancistrus"/> Der Mensch von Charakter fühlt auch Ehrfurcht. Der Besitz dieser Eigenschaft bezeichnet den edelsten und höchsten Typus der Männlichkeit und Weiblichkeit: Ehrfurcht vor Dingen, die durch die Verehrung von Generationen geheiligt worden sind – vor erhabenen Gegenständen, reinen Gedanken und edlen Zielen – vor den großen Männern früherer Zeiten und den hochsinnigen Kämpfern unserer Zeit. Ehrfurcht ist gleicherweise unentbehrlich für das Glück des Einzelnen wie für das der Familie und der Nationen. Ohne sie gibt es kein Vertrauen, keine Treue, keine Zuversicht, weder auf Gott noch auf Menschen – keinen sozialen Frieden noch sozialen Fortschritt. Denn Ehrfurcht ist nur ein anderer Ausdruck für Religion, welche die Menschen aneinander kettet und sie alle an Gott.</p><p>Der Mann von edlem Geist, sagt Sir Thomas Overbury, verwandelt alle Ereignisse in Erfahrungen, welche sich mit seiner Vernunft vermählen. Daraus entspringen seine Handlungen. Er handelt aus Neigung, nicht um zu gewinnen; er liebt den Ruhm und haßt die Schande und regiert und gehorcht mit derselben Fassung, da beides einer Überlegung entspringt. Da er weiß, daß die Vernunft keine unnütze Gabe der Natur ist, ist er der Steuermann seines eigenen Geschickes. Die Wahrheit ist seine Göttin, und er bemüht sich, sie zu erlangen, nicht ihr zu gleichen. Der menschlichen Gesellschaft ist er eine Sonne, deren heller Schein ihre Schritte in der richtigen Weise leitet. Er ist der Freund des Weisen, das Vorbild des Gleichgültigen, der Arzt des Lasterhaften. So entflieht die Zeit ihm nicht, sondern schreitet mit ihm fort, und er fühlt das Alter mehr an der Stärke seiner Seele als an der Schwäche seines Körpers. Daher fühlt er keine Schmerzen, sondern betrachtet alles als Freunde, die ihn von seinen Fesseln befreien und aus dem Kerker seines Körpers helfen wollen.</p><p>Willensenergie – selbsttätige Kraft – ist die Seele eines jeden großen Charakters. Wo sie ist, da ist Leben; wo sie fehlt, ist Schwäche, Hilflosigkeit, Verzagtheit. »Der starke Mann und der Wasserfall brechen sich einen eignen Pfad«, sagt das Sprichwort. Der energische Führer von edlem Geist bahnt sich nicht nur selbst einen Weg, sondern zieht auch andere mit sich. Jede seiner Handlungen hat eine persönliche Bedeutung, ist eine Äußerung von Kraft, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen und nötigt unbewußt Achtung ab, Bewunderung und Beifall. Solche Unerschrockenheit des Charakters zeigten Luther, Cromwell, Washington, Pitt, Wellington und alle großen Führer der Menschheit.</p><p>»Ich bin überzeugt,« sagte Gladstone, als er kurz nach Lord Palmerstons Tode die Eigenschaften des Verstorbenen vor dem 
      <a id="page18" name="page18" title="DagmarThess/James"/> Unterhause beschrieb, »ich bin überzeugt, daß er vermöge seiner Willenskraft, seines Pflichtgefühls und seiner beharrlichen Entschlossenheit ein Muster für uns alle wurde, die wir jetzt noch zurückbleiben und ihm mit schwachem und ungleichem Schritt in der Erfüllung unserer Pflichten folgen. Vermöge jener Willenskraft kämpfte er nicht so sehr gegen die Schwächen des Alters an, als er sie vielmehr zurückscheuchte und entfernt hielt. Und noch eine Eigenschaft möge genannt werden, ohne daß ich befürchten müßte, schmerzliche Empfindungen wachzurufen. Lord Palmerston war von Natur unfähig, Ärger oder Zorn zu hegen. Dieses Freisein von Zorn war nicht das Ergebnis mühevoller Anstrengung, sondern die spontane Frucht seines Geistes. Es war eine edle Gabe seiner Natur – eine Gabe, die man mit besonderer Freude wahrnahm und an die wir uns gern erinnern, wenn wir an ihn denken, der uns jetzt verlassen hat und mit dem wir nur noch zu tun haben, insofern wir uns bemühen, sein Beispiel zu nützen, wo es uns auf dem Pfade der Pflicht und des Rechts erhalten kann, und wenn wir ihm den Tribut der Liebe und Bewunderung darbringen, den er unsererseits verdient.«</p><p>Ein großer Führer zieht Menschen von verwandtem Charakter an sich, wie der Magnet das Eisen anzieht. So zeichnete Sir John Moore aus der Menge der ihn umgebenden Offiziere die drei Brüder Rapier aus, und sie vergalten ihm ihrerseits durch leidenschaftliche Bewunderung. Sie wurden von seiner Liebenswürdigkeit, seiner Tapferkeit und edlen Selbstlosigkeit hingerissen, und er wurde das Vorbild, dem nachzueifern und womöglich gleichzukommen sie sich vornahmen. »Moores Einfluß«, sagt der Biograph des Sir William Rapier, »hatte den bemerkenswerten Erfolg, ihre Charaktere zu bilden und zur Reife zu bringen; und es ist kein geringer Ruhm, der Held dieser drei Männer gewesen zu sein, während die frühzeitige Entdeckung ihrer geistigen und sittlichen Eigenschaften gleichzeitig ein Beweis für Moores Scharfsinn und Menschenkenntnis ist«. Es liegt etwas Ansteckendes in jedem Beispiel energischen Auftretens. Der Tapfere feuert die Schwachen an und zwingt sie gleichsam, ihm zu folgen. So berichtet Rapier, daß bei dem Gefecht von Vera das spanische Zentrum schon durchbrochen und in voller Flucht war, als ein junger Offizier, namens Havelock, vorstürmte, und, seinen Hut schwenkend, den ihm zunächst befindlichen zurief, ihm zu folgen. Seinem Rosse die Sporen gebend, setzte er über den Verhau, der die französische Front beschützte, und sprengte ungestüm gegen sie vor; die Spanier waren elektrisiert, im Augenblick stürmten sie ihm nach, »El chico blanco« (dem tapferen Kerl)zujubelnd, 
      <a id="page19" name="page19" title="DagmarThess/James"/> durchbrachen mit einem Stoß die Reihen der Franzosen und warfen sie den Hügel hinab.</p><p>Und so ist es im gewöhnlichen Leben. Die Guten und Großen ziehen andere nach sich; sie erleuchten und erheben alle, die ihrem Einfluß ausgesetzt sind. Sie sind wie ebenso viel lebendige Zentren wohltätigen Wirkens. Man stelle einen Mann von energischem und aufrichtigem Charakter in eine angesehene Vertrauensstellung und alle, die unter ihm dienen, werden sich gleichsam einer Vermehrung ihrer Kraft bewußt. Als Chatham zum Minister ernannt wurde, machte sich sogleich sein persönlicher Einfluß in allen Zweigen der Verwaltung fühlbar. Jeder Seemann, der unter Nelson diente und wußte, daß er kommandierte, teilte die Begeisterung des Helden.</p><p>Als Washington sich bereit erklärte, den Oberbefehl zu übernehmen, schienen sich die amerikanischen Streitkräfte verdoppelt zu haben. Viele Jahre später, im Jahre 1798, als Washington sich vom öffentlichen Leben nach Mount Vernon zurückgezogen und es den Anschein hatte, daß Frankreich an die Vereinigten Staaten den Krieg erklären würde, schrieb ihm Präsident Adams: »Wir brauchen Ihren Namen; erlauben Sie uns, ihn zu benutzen. Er wird mehr Wirksamkeit haben als manche Armee.« So groß war die Achtung, in welcher der edle Charakter und die hervorragende Geschicklichkeit des alten Präsidenten bei seinen Landsleuten stand.</p><p>Der Geschichtsschreiber des »
      <i>Peninsular War</i>« berichtet eine Begebenheit, welche den persönlichen Einfluß, den ein großer Feldherr auf seine Untergebenen ausübt, trefflich illustriert. Das britische Heer stand bei Sauroren, auf welches Soult, sich zum Angriff anschickend, vorrückte. Wellington war abwesend und man schaute ängstlich nach seiner Ankunft aus. Plötzlich sah man einen einzelnen Reiter, welcher den Hügel heranritt. Es war der Herzog, der zu seinen Truppen stoßen wollte. »Eins von Campbells portugiesischen Bataillonen entdeckte ihn zuerst und erhob ein Freudengeschrei; der frohe Schall wurde von dem nächsten Regimente aufgenommen, pflanzte sich durch die Reihen fort und schwoll zu jenem Donnergetöse an, das die britischen Soldaten auf dem Schlachtfeld auszustoßen pflegen und das kein Feind ohne Erschütterung anhören kann. Plötzlich hielt er auf einem weithin sichtbaren Hügel inne, denn er wünschte von beiden Heeren erkannt zu werden, und ein Doppelposten, der dort aufgestellt war, zeigte ihm Soult, welcher so nahe war, daß man seine Gesichtszüge unterscheiden konnte. Aufmerksam heftete Wellington sein Auge auf jenen furchtbaren Mann, und als ob er zu sich selbst 
      <a id="page20" name="page20" title="DagmarThess/James"/> spräche, sagte er: »Jener ist ein großer Feldherr; aber er ist vorsichtig und wird seinen Angriff aufschieben, um die Ursache jenes Freudengeschreies zu erfahren; das wird der 6. Division Zeit geben anzukommen, und ich werde ihn schlagen« – und so geschah es auch.</p><p>Bisweilen übt der Charakter einen zauberhaften Einfluß aus, als ob manche Leute die Werkzeuge einer Art übernatürlicher Kraft wären. »Wenn ich in Italien nur mit dem Fuß aufstampfe,« sagte Pompejus, »so wird eine Armee erscheinen.« Bei dem Rufe Peter von Amiens »erhob sich Europa und stürzte sich auf Asien«, wie der Chronist schreibt. Von dem Kalifen Omar erzählte man, daß sein Spazierstock denen, die ihn sahen, mehr Furcht einflößte als das Schwert eines anderen. Schon der Name mancher Leute wirkt wie ein Trompetenstoß. Als Douglas tötlich verwundet auf dem Schlachtfeld von Otterburn lag, befahl er, daß man seinen Namen noch lauter als zuvor rufen sollte, denn er sagte, es gäbe eine Tradition in seiner Familie, daß ein toter Douglas eine Schlacht gewinnen würde. Seine Anhänger schöpften, von dem Rufe angefeuert, frischen Mut, sammelten sich wieder und siegten; und so geschah es nach den Worten des schottischen Dichters: »War auch der Douglas tot, so siegte doch sein Name.«</p><p>Ihre größten Siege erfochten einige, nachdem sie gestorben waren. »Niemals war Cäsar lebendiger, mächtiger und schrecklicher,« sagt Michelet, »als da sein alter und hinfälliger Körper, sein verwelkter Leichnam, von Dolchstichen durchbohrt, am Boden lag; er schien hierdurch gereinigt und gerechtfertigt; er erschien als das, was er trotz seiner vielen Fehler gewesen war – als der Repräsentant echter Menschlichkeit.«</p><p>Nie übte der große Charakter Wilhelms von Oranien, des Schweigsamen, eine größere Gewalt über seine Landsleute aus, als nach seiner Ermordung zu Delft durch einen Abgesandten der Jesuiten. An dem Tage seiner Ermordung beschlossen die Generalstaaten, »die gute Sache mit Gottes Hilfe bis zum äußersten zu behaupten, ohne Gut und Blut zu schonen«; und sie hielten ihr Wort.</p><p>Dieselbe Erscheinung zeigt sich überall in der Geschichte und der Moral. Die Laufbahn eines großen Mannes bildet ein bleibendes Denkmal menschlicher Tatkraft. Der Mann selbst stirbt und vergeht; doch seine Ideen und Handlungen leben fort und hinterlassen der Menschheit einen unauslöschlichen Eindruck. Und so bekommt der Geist seines Lebens Dauer und Ewigkeit, beeinflußt Gedanken und Willen und trägt dadurch dazu bei, den Charakter 
      <a id="page21" name="page21" title="DagmarThess/James"/> der Zukunft zu gestalten. Diejenigen Menschen, die nach den höchsten und edelsten Zielen streben, werden die wahren Leuchten menschlichen Fortschritts sein. Sie sind wie Leuchtfeuer auf einem Berge, welche die moralische Atmosphäre um sie herum erhellen; und das Licht ihres Geistes leuchtet noch folgenden Generationen.</p><p>Es ist ganz natürlich, große Männer zu bewundern und zu verehren. Sie heiligen die Nation, der sie angehören und erheben nicht nur die, welche zu ihrer Zeit, sondern auch jene, welche nach ihnen leben. Ihr edles Beispiel wird das allgemeine Erbteil ihrer Rasse; und ihre großen Taten und Gedanken find das ruhmvollste Vermächtnis der Menschheit. Sie verknüpfen die Gegenwart mit der Vergangenheit und tragen zu dem Fortschritt der Zukunft bei; sie halten hohe Grundsätze aufrecht, bewahren die Würde der Menschheit und erfüllen den Geist mit Überlieferungen von allem, was es im Leben Wertvolles und Edles gibt.</p><p>Der Charakter, der sich in Gedanken und Taten verkörpert, trägt Unsterblichkeit in sich. Der einsame Gedanke eines großen Denkers wird jahrhundertelang in dem Geiste der Menschen wohnen, bis er schließlich in ihrem täglichen Leben und Tun Geltung gewinnt. Er lebt durch alle Zeitalter fort, wie eine Stimme aus dem Jenseits ertönend und noch den Geist von Leuten beeinflussend, die Jahrtausende später lebten. So sprechen noch Moses, David und Salomon, Platon, Sokrates und Xenophon, Seneca, Cicero und Epiktet aus ihren Gräbern zu uns; sie lenken noch immer die Aufmerksamkeit auf sich und beeinflussen den Charakter noch immer, obgleich ihre Gedanken in Sprachen fortleben, die sie selbst nicht sprachen und die zu ihrer Zeit unbekannt waren. Theodor Parker sagte, daß ein einziger Mann wie Sokrates mehr Wert für ein Land hätte, als viele Staaten von der Art Süd-Carolinas; daß, wenn dieser Staat eines Tages aus der Welt verschwinden würde, er nicht so viel für sie getan hätte wie Sokrates.</p><p>Große Tatmenschen und Denker sind es, die in Wahrheit die Geschichte machen; denn diese ist ja nichts als die Fortbildung der Menschheit unter dem Einflusse charaktervoller Persönlichkeiten – großer Feldherren, Könige, Priester, Philosophen, Staatsmänner und Patrioten – der wahren Aristokratie. Carlyle hat überzeugend dargetan, daß Universalgeschichte im Grunde genommen nur die Geschichte großer Männer ist. Sie kennzeichnen die Epochen nationalen Lebens. Ihr Einfluß ruft Aktionen und Reaktionen hervor. Obgleich ihr Geist bis zu einem gewissen Grade das Produkt ihres Zeitalters ist, so ist auch der Geist der Zeit zu einem großen Teile ihre Schöpfung. Ihre individuelle Handlung identifiziert 
      <a id="page22" name="page22" title="DagmarThess/James"/> sich mit der Sache, der Einrichtung. Sie denken große Gedanken, geben sie hinaus, und die Gedanken bringen Ereignisse hervor. So leiteten schon die frühesten Reformatoren die Reformation und damit die Freiheit des modernen Denkens ein. Emerson sagte, jede Einrichtung sei nur der verlängerte Schatten eines großen Mannes – der Islam der des Mohammed, der Puritanismus der des Calvin, der Jesuitenorden der des Loyola, das Quäkertum sei der Schatten des Fox, der Methodismus der des Wesley und die Abolitionistische Bewegung der des Clarkson.</p><p>Große Männer prägen den Stempel ihres Geistes ihrem Zeitalter und ihrer Nation auf – wie Luther dem modernen Deutschland und Knox Schottland. »Ehre allen Tapferen und Aufrichtigen, immerwährende Ehre dem John Knox, einem der Wahrhaftigsten. In dem Augenblick, als er und seine Lehre inmitten Tumult, Verwirrung und krampfhafter Anstrengungen allerseits um ihre Existenz kämpften, sandte er Lehrer an alle Ecken mit der Weisung: »Belehrt das Volk.« Das ist nur ein Beispiel, und dazu noch ein verhältnismäßig unwichtiges, das in seiner großen Mission an die Menschheit begründet liegt. Seine Botschaft lautete in ihrem wahren Umfange: »Laßt die Leute wissen, daß sie Menschen sind, von Gott geschaffen und ihm verantwortlich, und daß alles, was sie in jedem Augenblick tun, ewig währen wird«.... Diese Mission verkündete Knox mit mannhafter Stimme und Kraft, und er fand auch Glauben bei dem Volke. Bei solcher Vollendung, und käme sie nur einmal vor, sind die Resultate ungeheuer. Der Gedanke kann in einem solchen Lande wohl das Gewand wechseln, doch nicht verschwinden; das Land hat eine gewisse Überlegenheit erlangt; Gedankenreichtum und eine Art geistige Mannhaftigkeit, die zu allem, was Menschen tun können, bereit ist, sind ein dauerndes Merkmal«.</p><p>Und wenn ein Mann dem modernen Italien das Gepräge seines Geistes stärker aufgedrückt hat als irgend ein anderer, so war es Dante. Während der jahrhundertelangen Erniedrigung Italiens waren seine zündenden Worte für alle wahrhaften Männer wie ein Wachtfeuer oder ein Leitstern. Er war der Herold der Freiheit seines Volkes, der aus Liebe zu ihm der Verfolgung, der Verbannung, selbst dem Tode trotzte. Er war immer der volkstümlichste, beliebteste und gelesenste der italienischen Dichter. Von seinem Tode an mußten alle gebildeten Italiener die besten Stellen seiner Werke auswendig, und die darin enthaltenen Gefühle beeinflußten ihr Leben und gelegentlich auch die Geschichte ihres Landes. »Die Italiener«, schrieb Byron 1821, »zitieren Dante, schreiben Dante, denken und träumen Dante gegenwärtig in solchem Übermaß, 
      <a id="page23" name="page23" title="DagmarThess/James"/> das lächerlich wäre, wenn er ihre Bewunderung nicht wirklich verdiente«.</p><p>Dante war sowohl ein religiöser als politischer Reformator. Er war ein Reformator dreihundert Jahre vor der Reformation, da er die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht befürwortete und die weltliche Regierung des Papstes für eine Usurpation erklärte. Die folgenden denkwürdigen Worte wurden vor mehr als einem halben Jahrtausend geschrieben, als Dante noch ein Glied der römisch-katholischen Kirche war: »Jedes göttliche Gebot findet man in einem der beiden Testamente; aber in keinem kann ich finden, daß der Priesterschaft die Sorge um weltliche Dinge übertragen wurde. Im Gegenteil finde ich, daß die ersten Priester durch das Gesetz, die späteren durch Jesu Befehle an seine Jünger davon abgehalten wurden.« Wenn Dante auch noch an der »Kirche, die er reformieren wollte«, festhielt, so vertrat er doch schon eine Grundlehre der Reformation: »Vor der Kirche waren das Alte und das Neue Testament, nach der Kirche sind Traditionen. Daraus folgt also, daß die Autorität der Kirche nicht auf der Tradition, sondern die Tradition auf der Kirche beruht.«</p><p>Eine ganze Reihe von verschiedenartig begabten Männern zu verschiedenen Zeiten – von Alfred dem Großen an – hat durch Leben und Beispiel dazu beigetragen, den mannigfaltigen Charakter Englands zu bilden. Von diesen waren wahrscheinlich diejenigen Männer die einflußreichsten, die zur Zeit Elisabeths und Cromwells und in der Zwischenzeit lebten – unter denen wir die großen Namen Shakespeare, Raleigh, Burleigh, Sidney, Bacon, Milton, Herbert, Hampden, Pym, Eliot, Vane, Cromwell und noch viele andere finden – einige von ihnen ausgezeichnet durch große Kraft und andere durch Reinheit und Größe des Charakters. Das Leben dieser Männer ist zu einem Teil des öffentlichen Lebens Englands geworden, und ihre Taten und Gedanken werden zu den kostbarsten Vermächtnissen der Vergangenheit gerechnet.</p><p>So hinterließ Washington als einen der wertvollsten Schätze seines Landes das Beispiel eines unbefleckten Lebens, eines großen, ehrlichen, reinen und edlen Charakters, ein Vorbild für seine Nation, um sich daran in aller kommenden Zeit zu bilden. Und bei Washington wie bei so vielen andern großen Führern der Menschheit bestand die Größe nicht so sehr in seinen geistigen Fähigkeiten und seinem Genie, als in seiner Ehrenhaftigkeit, seiner Unbescholtenheit, seiner Wahrhaftigkeit, seinem hohen und immer wachsamen Pflichtgefühl – mit einem Wort, in der echten Größe seines Charakters.</p><p>Solche Menschen sind das wahre Lebensblut des Landes, dem 
      <a id="page24" name="page24" title="DagmarThess/James"/> sie angehören. Sie erheben, stützen, stärken und veredeln es und verbreiten einen Glorienschein darüber durch das Beispiel ihres Lebens und Charakters. »Name und Gedächtnis großer Männer sind die Ausstattung einer Nation«, sagt ein tüchtiger Schriftsteller. »Weder Verlassenheit, Bedrückung noch Verrat und sogar Sklavenfesseln können einer Nation dies geheiligte Erbteil entreißen .... Sobald sich das nationale Leben zu beleben beginnt, steigen die toten Helden im Gedächtnis der Menschen auf und stehen den Lebenden als feierliche Zuschauer Beifall spendend zur Seite. Kein Land kann zugrunde gehen, das von so glorreichen Zeugen bewacht wird. Sie sind im Leben wie im Tode das Salz der Erde. Was sie einst taten, können ihre Nachkommen mit Fug und Recht auch tun, und ihr Beispiel lebt in ihrem Vaterlande als beständiger Antrieb fort und als immerwährende Ermutigung für den, der Sinn dafür hat.</p><p>Aber um die Eigenschaften einer Nation zu beurteilen, darf man nicht nur große Männer in Betracht ziehen, sondern es ist der Gesamtcharakter des Volkes zu berücksichtigen. Als Washington Irving Abbotsford besuchte, stellte ihm Sir Walter Scott viele seiner Freunde und Schützlinge vor, nicht nur aus den benachbarten Gutsbesitzern, sondern auch aus der arbeitenden Landbevölkerung. »Ich möchte Ihnen einige unserer wirklich ausgezeichneten, schlichten Schotten zeigen,« sagte Scott. »Den Charakter eines Volkes erkennt man nicht an den vornehmen Leuten, den feinen Herren und Damen. Solche trifft man überall, und sie sind überall dieselben.« Während Staatsmänner, Philosophen und Theologen die Denkkräfte eines Staates darstellen, müssen diejenigen, welche die Industrie begründen und neue Erwerbszweige ausfindig machen, sowohl wie der große Haufe der Arbeiterbevölkerung, aus der sich von Zeit zu Zeit nationaler Geist und nationale Stärke ergänzen, notwendigerweise die Lebenskraft und das Rückgrat jeder Nation bilden.</p><p>Nationen müssen wie Individuen ihren Charakter behaupten, und unter einer konstitutionellen Regierung, wo alle Klassen mehr oder weniger an der politischen Gewalt teilnehmen, muß der nationale Charakter notwendigerweise mehr von den Eigenschaften vieler als nur weniger abhängen. Und dieselben Eigenschaften, welche den Charakter der Individuen bestimmen, bestimmen auch den Nationalcharakter. Wenn ein Volk nicht hochherzig, wahrhaftig, ehrlich, tugendhaft und mutig ist, wird es bei andern Nationen nur in geringem Ansehen stehen und in der Welt kein Gewicht haben. Um Charakter zu haben, muß es Ehrfurcht, Disziplin, Selbstbeherrschung und Pflichtgefühl besitzen. Ein Volk, das nichts Höheres als das Vergnügen kennt, dem nichts über 
      <a id="page25" name="page25" title="DagmarThess/James"/> den Dollar oder Kattun geht, ist armselig daran. Es wäre besser, zu Homers Göttern zurückzukehren, als diesen Götzen zu dienen; denn die heidnischen Gottheiten stellten wenigstens personifizierte menschliche Tugenden dar, zu denen man den Blick erheben konnte.</p><p>Einrichtungen, so gut sie an sich sein mögen, werden nur wenig dazu beitragen, den Nationalcharakter zu stützen. Die Individuen und der Geist, der sie beherrscht, sind es, welche das moralische Niveau und die Stabilität von Nationen bestimmen. – Eine Regierung ist gewöhnlich am Ende nicht besser als das regierte Volk. Wo die Masse an Gewissen, Moral und Gewohnheit gesund ist, wird die Nation redlich und tüchtig regiert werden. Aber wo sie verderbt, selbstsüchtig und im Grunde unredlich ist und weder nach Wahrheit noch Gesetz fragt, wird die Herrschaft von Schurken und Ränkeschmieden unvermeidlich.</p><p>Die einzige wahre Schutzwehr gegen den Despotismus der öffentlichen Meinung, ob er nun von vielen oder wenigen ausgeübt wird, ist aufgeklärte individuelle Freiheit und Reinheit des persönlichen Charakters. Ohne diese Faktoren gibt es keine kräftige Männlichkeit, keine wahre Freiheit in einer Nation. Politische Rechte, sie mögen noch so ausgedehnt sein, werden ein in seinen Individuen entartetes Volk nicht heben. In der Tat, je vollkommener und gesicherter ein Wahl- und Stimmrechtssystem eines Volkes ist, um so vollkommener spiegelt sich der wahre Charakter eines Volkes in seinen Gesetzen und seiner Regierung. Politische Moral kann niemals sicher auf einer Basis individueller Unmoral ruhen. Die von einem entarteten Volke ausgeübte Freiheit würde sogar zu einem Schaden werden und die Preßfreiheit nur zu einem Ventil der Zügellosigkeit und Sittenverderbnis.</p><p>Nationen wie Individuen leiten ihre Stärke und Kraft aus dem Gefühl her, daß sie einer erlauchten Rasse angehören, daß sie die Erben ihrer Größe sind und ihren Ruhm erhalten sollten. Es ist von großer Wichtigkeit für eine Nation, eine große Vergangenheit zu haben, 
      <span class="footnote">Einer der letzten Sätze in dem Tagebuche Dr. Arnolds, der ein Jahr vor seinem Tode geschrieben wurde, lautet: »Es ist das Unglück Frankreichs, daß seine ›Vergangenheit‹ weder geliebt noch geachtet Werken kann – seine Zukunft und seine Gegenwart können nicht mit ihr verknüpft werden; doch wie kann die Gegenwart Früchte tragen oder die Zukunft solche versprechen, wenn ihre Wurzeln nicht in der Vergangenheit liegen? Das Übel ist unermeßlich, aber der Tadel bleibt auf denen haften, welche die Vergangenheit zur toten Sache machten, aus der nichts Heilsames hervorgebracht werden konnte.«</span> auf die sie zurückblicken kann. Sie festigt das Leben der Gegenwart, erhebt und stützt es durch das Andenken an die großen Taten, das edle Dulden und tapfere Ringen der Männer früherer Zeit. Das Leben der Menschen wie der Nationen 
      <a id="page26" name="page26" title="DagmarThess/James"/> ist ein großer Schatz von Erfahrungen, der sich, weise angewendet, in sozialem Fortschritt und Besserung äußert; übel angewendet führt er zu Träumereien, Enttäuschungen und Mißerfolgen. Nationen werden wie Individuen durch Prüfungen geläutert und gestärkt. Zu den ruhmreichsten Kapiteln in ihrer Geschichte gehören diejenigen, welche die Leiden enthalten, durch die sich ihr Charakter entwickelt hat. Freiheitsliebe und Patriotismus mögen viel dazu beigetragen haben, aber würdig ertragene Prüfungen und Leiden taten mehr als alles andere.</p><p>Ein großer Teil dessen, was heutzutage im Namen des Patriotismus geschieht, ist im Grunde genommen bloße Heuchelei und Beschränktheit, die sich in nationalen Vorurteilen, nationalem Dünkel und nationalem Haß darstellen. Diese Gesinnung zeigt sich nicht in Taten, sondern in prahlerischen Worten – in Geschrei, Gestikulationen und kläglichen Hilferufen – im Fahnenschwenken und Absingen von Liedern – im beständigen Ableiern längst begrabener Beschwerden und längst gesühnten Unrechts. Von solchem »Patriotismus« befallen zu werden, gehört wohl zu den schwersten Flüchen, die ein Volk treffen können.</p><p>Aber wenn es einen unechten Patriotismus gibt, so gibt es auch einen echten – den Patriotismus, der ein Land durch edle Taten stärkt und erhebt – der seine Pflicht aufrichtig und mannhaftig erfüllt – der ein ehrliches, mäßiges und wahrhaftiges Leben führt und sich bemüht, die Gelegenheiten zur Vervollkommnung, die sich ihm von jeder Seite darbieten, nach besten Kräften zu benutzen; und gleichzeitig gibt es Patrioten, die das Andenken und Beispiel großer Männer früherer Zeit in Ehren halten, von Männern, die durch ihr Leiden um die Sache der Religion oder der Freiheit unsterblichen Ruhm für sich und für ihr Volk, jene Privilegien freien Lebens und freier Einrichtungen, deren Erbe und Besitzer es ist, errungen haben.</p><p>Nationen dürfen ebensowenig wie Individuen nach ihrer meßbaren Größe beurteilt werden. Denn um groß zu sein, bedarf eine Nation nicht einer großen Ausbreitung, obgleich diese Begriffe häufig miteinander verwechselt werden. Eine Nation kann an Land und Bevölkerungszahl sehr ausgedehnt und dennoch ohne wahre Größe sein. Das Volk Israel war klein, doch welch großes Leben entfaltete es und welch gewaltigen Einfluß übte es auf die Geschicke der Menschheit aus. Griechenland war nicht ausgedehnt. Die ganze Bevölkerung Attikas war geringer als die von Süd-Lancashire. Athen zählte weniger Einwohner als New York und doch wie groß war es in Kunst, Literatur, Philosophie und Patriotismus! 
      <a id="page27" name="page27" title="DagmarThess/James"/> Aber es war eine verhängnisvolle Schwäche Athens, daß seine Bürger kein wahres Familienleben hatten, während die Freien von den Sklaven an Zahl weit übertroffen wurden. Seine Staatsmänner waren in ihrer Moral lax, wenn nicht gar verderbt. Seine Frauen, auch die gebildetsten, waren sittenlos. So war Athens Fall unvermeidlich, und er erfolgte rascher als der Aufstieg.</p><p>Ebenso ist der Verfall und Untergang Roms der allgemeinen Korruption des Volkes und der immer weiter um sich greifenden Vergnügungssucht und Trägheit zuzuschreiben – wurde doch die Arbeit in der letzten Zeit als nur für Sklaven passend angesehen. Seine Bürger rühmten sich nicht mehr der Charaktertugenden ihrer großen Vorfahren, und das Reich ging unter, weil es nicht verdiente, weiter zu leben. Und so müssen die Nationen, die träge und üppig sind – die wie der alte Burton sagt, »lieber in einer einzigen Schlacht ein Pfund Blut, als bei ehrlicher Arbeit einen Tropfen Schweiß vergießen« – unvermeidlich aussterben, und arbeitsamen, energischen Völkern Platz machen.</p><p>Als Ludwig XIV. Colbert fragte, wie es käme, daß er als Herrscher über ein so großes und bevölkertes Land wie Frankreich das kleine Holland nicht hätte erobern können, antwortete der Minister: »Sire, weil die Größe eines Landes nicht auf der Ausdehnung seines Gebietes, sondern auf dem Charakter seines Volkes beruht. Es war der Fleiß, die Mäßigkeit und die Energie der Holländer, die sie für Eure Majestät unüberwindlich gemacht haben.«</p><p>Von Spinola und Richardet, den Gesandten des Königs von Spanien zur Abschließung eines Vertrages im Haag 1608, wird erzählt, daß sie eines Tages acht oder zehn Leute aus einem kleinen Boote steigen sahen, welche sich im Grase niederließen, um eine Mahlzeit von Brot, Käse und Bier einzunehmen. »Wer sind jene Ankömmlinge?« fragten die Gesandten einen Bauern. »Das sind unsere edlen Herren, die Gesandten der Generalstaaten«, war die Antwort. Spinola flüsterte sofort seinem Gefährten zu: »Wir müssen Frieden schließen, solche Menschen lassen sich nicht besiegen.«</p><p>Die Stabilität der Einrichtungen muß auf der Stabilität des Charakters beruhen. Eine Anzahl entarteter Gemeinwesen kann keinen großen Staat bilden. Das Volk kann hochzivilisiert scheinen und doch bei dem ersten Angriff zerfallen. Ohne Untadeligkeit des individuellen Charakters gibt es für einen Staat keine wahre Stärke, keinen inneren Zusammenhang, kein gesundes Leben. Ein Volk kann reich, politisch, künstlerisch bedeutend sein und doch schon am Rande des Verderbens stehen. Ein Volk, in dem jeder nur für sich und sein Vergnügen lebt – wo jedes kleine Ich für einen 
      <a id="page28" name="page28" title="DagmarThess/James"/> Gott sich hält – ist schon gerichtet, und sein Untergang ist unabwendbar.</p><p>Wo der nationale Charakter nicht mehr aufrecht erhalten wird, da ist die Nation verloren. Wo die Tugenden der Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Unbescholtenheit und Gerechtigkeit nicht mehr geschätzt und geübt werden, da verdient niemand mehr, zu leben. Und wenn ein Land durch Reichtum so verdorben, oder durch Vergnügen so entartet, oder durch Parteiung so verblendet ist, daß Ehre, Ordnung, Gehorsam, Tugend und Treue nur noch der Vergangenheit angehören, wenn dann ja noch vorhandene ehrenhafte Männer im Dunkeln umhertasten, um ihres Gleichen Hände zu fassen, so bleibt als einzige Hoffnung nur noch die Wiederherstellung und Hebung des individuellen Charakters; und wenn der Charakter unwiederbringlich verloren ist, dann ist in der Tat nichts mehr übrig, was erhalten zu werden verdient.</p></div><div class="chapter" id="chap003"><h3>2. Kapitel. Die Kraft des Hauses</h3><div class="motto"><p>»In einer Unterredung mit Frau Campan bemerkte Napoleon Bonaparte: »Die alten Erziehungssysteme scheinen nichts wert zu sein; was ist nötig, um das Volk richtig zu erziehen?« »Mütter,« erwiderte Frau Campan. Über diese Antwort war der Kaiser betroffen. »Ja,« sagte er, »das ist ein ganzes Erziehungssystem in einem Wort. Lassen Sie es Ihre Sorge sein, Mütter aufzuziehen, die ihre Kinder zu erziehen verstehen!«</p><p><i>Aimé Martin.</i></p></div><p>Das Haus ist die erste und einflußreichste Schule des Charakters. Hier erhält jeder seine beste oder schlechteste Erziehung; denn hier nimmt er die Prinzipien auf, die ihn durch das Leben begleiten und die erst mit dem Tode aufhören.</p><p>Eine landläufige Redensart besagt: »Manieren machen den Mann;« und eine andere: »Der Geist macht den Mann;« aber richtiger als beide ist eine dritte: »Das Haus macht den Mann.« Denn die häusliche Bildung geht nicht nur auf Manieren und Geist, sondern auch auf den Charakter. Es ist vor allem das 
      <a id="page29" name="page29" title="DagmarThess/James"/> Haus, welches das Herz öffnet, die Gewohnheiten bildet, den Geist erweckt und den Charakter zum Guten oder Schlechten anleitet.</p><p>Aus dieser Quelle, sei sie rein oder trübe, entspringen die Prinzipien und Maximen, welche die Gesellschaft beherrschen. Sogar die Gesetze sind nur ein Reflex des häuslichen Lebens, Alles was an Ansichten im Familienleben in den Geist der Kinder gepflanzt wurde, geht später hinaus in die Welt und wird zur öffentlichen Meinung; denn die Völker gehen aus den Kindern hervor, und diejenigen, welche die Kinder am Gängelband führen, können einen größeren Einfluß ausüben, als diejenigen, welche die Zügel der Regierung in Händen halten.</p><p>Häusliches Leben sollte naturgemäß das soziale vorbereiten: Geist und Charakter sollten ihre erste Bildung zu Hause empfangen. Hier werden die Individuen, die später die Gesellschaft bilden, jedes für sich behandelt und erzogen. Aus der Familie treten sie ins Leben, und aus den Knaben werden Bürger. Deshalb darf das Haus als die einflußreichste Schule der Zivilisation betrachtet werden. Denn am Ende läßt sich die Zivilisation in der Hauptsache auf eine Frage individueller Bildung zurückführen; und je nachdem die Mitglieder der Gesellschaft in der Jugend gut oder schlecht erzogen worden sind, wird auch das Gemeinwesen, das sie bilden, mehr oder weniger human und zivilisiert sein.</p><p>Die Erziehung auch des weisesten Mannes muß unfehlbar wichtig beeinflußt werden durch die moralische Einwirkung seiner Umgebung in seinen Jugendjahren. Er kommt hilflos zur Welt und hängt hinsichtlich seiner Ernährung und Pflege ganz von seiner Umgebung ab. Von dem allerersten Atemzug an beginnt seine Erziehung. Als eine Mutter einst einen Geistlichen fragte, wann sie die Erziehung ihres damals vierjährigen Kindes beginnen sollte, erwiderte er: »Frau, wenn Sie nicht schon begonnen haben, so haben Sie vier Jahre verloren. Von dem ersten Lächeln an, das auf der Wange eines Kindes erglänzt, beginnt schon Ihre Pflicht!«</p><p>Doch auch in diesem Falle hatte die Erziehung schon begonnen; denn das Kind lernt ohne Anstrengung durch bloße Nachahmung, gleichsam durch die Poren der Haut. »Ein Feigenbaum, der einen anderen ansieht, trägt Frucht«, sagt ein arabisches Sprichwort. Und so ist es mit den Kindern: Ihr erster großer Lehrer ist das Beispiel.</p><p>Wie unbedeutend die Einflüsse, welche den Charakter bilden helfen, auch zu sein scheinen, so dauern sie doch durch das ganze Leben an. Der Charakter des Kindes ist der Kern in dem des Mannes; alle spätere Erziehung lagert sich nur darum an, die 
      <a id="page30" name="page30" title="DagmarThess/James"/> Form des Kristalls bleibt dieselbe. So erweist sich das Wort des Dichters im großen und ganzen als wahr: »Das Kind ist der Vater des Mannes«, oder, wie Milton es ausspricht, »Die Kindheit zeigt den Mann, wie Morgenrot den Tag«. Diejenigen Triebe, die am längsten dauern und am tiefsten wurzeln, haben immer ihren Ursprung im frühesten Kindesalter. Zu dieser Zeit wird der Keim zu Tugenden öder Lastern, zu Gefühlen oder Gesinnungen eingepflanzt, welche den Charakter lebenslang bestimmen. Das Kind wird sozusagen auf die Schwelle einer neuen Welt gelegt, und alles was es sieht, ist neu und wunderbar. Zuerst begnügt es sich damit, sie anzustarren; aber allmählich beginnte es zu sehen, zu beobachten, zu vergleichen, zu lernen, und Eindrücke und Gedanken zu bewahren, und unter weiser Leitung macht es wahrhaft wunderbare Fortschritte. Lord Brougham hat bemerkt, daß ein Kind vom achtzehnten bis dreißigsten Monat mehr von der Welt, von seinen eigenen Fähigkeiten, von der Natur anderer Körper und sogar von seinem und anderer Geist lernt, als es sich sein ganzes übriges Leben hindurch aneignet. Die Kenntnisse, die ein Kind sich in dieser Periode erwirbt, und die Ideen, die sein Geist faßt, sind so wichtig, daß, wenn sie später ausgelöscht würden, die ganze Gelehrsamkeit eines ergrauten Professors zu Cambridge oder eines hervorragenden Dozenten in Oxford soviel wie nichts bedeuten und ihren Besitzer nicht befähigen würde, seine Existenz auch nur um eine Woche zu verlängern.</p><p>In der Kindheit ist der Geist am empfänglichsten für Eindrücke und gleich bereit, sich beim ersten Funken zu entzünden. Da werden Ideen schnell aufgefaßt und lebenslänglich bewahrt. So soll Scott seine erste Neigung für Balladen durch die Deklamationen seiner Mutter und Großmutter empfangen haben, lange bevor er lesen konnte. Die Kindheit ist wie ein Spiegel, der im späteren Leben die ersten Bilder wieder reflektiert. Der erste Eindruck des Kindes bleibt immer bestehen. Die erste Freude, der erste Kummer, der erste Erfolg, der erste Mißerfolg, die erste Leistung malen den Vordergrund des Lebensbildes.</p><p>Unterdessen schreitet die Bildung des Charakters – des Temperaments, des Willens und der Gewohnheiten – fort, auf dem so sehr das Glück der Menschen im späteren Leben beruht. Obgleich der Mensch mit einer gewissen selbsttätigen Kraft begabt ist, zu seiner eigenen Entwicklung beizutragen, unabhängig von den ihn umgebenden Umständen, und auf das Leben um sich einzuwirken, so ist doch die Richtung, die seinem Charakter in frühester Jugend gegeben worden ist, von immenser Bedeutung. Man stelle den 
      <a id="page31" name="page31" title="James/mbechtel"/> geistig bedeutendsten Philosophen inmitten täglichen Elends, täglicher Sittenlosigkeit und Gemeinheit, und er wird unmerklich zur Roheit herabsinken. Wieviel empfänglicher ist das allen Eindrücken zugängliche und hilflose Kind in solcher Umgebung! Es ist unmöglich, eine edle Natur, empfindlich gegenüber dem Schlechten, rein an Geist und Herz, inmitten Roheit, Elend und Verworfenheit heranzubilden.</p><p>So wird ein Haus, die Pflegestätte von Kindern, die zu Männern und Frauen heranwachsen, gut oder schlecht sein, je nach den Mächten, die dort herrschen. Wenn der Geist der Liebe und Pflichttreue vorherrscht, – wenn Kopf und Herz weise regieren – wenn das tägliche Leben ehren- und tugendhaft ist, – wenn die Leitung zart, gütig und liebevoll ist, dann dürfen wir aus einem solchem Hause gesunde, nützliche und glückliche Wesen erwarten, welche, wenn sie die nötige Stärke gewonnen haben, fähig sind, den Fußtapfen ihrer Eltern zu folgen, aufrecht zu wandeln, sich weise zu beherrschen und zu der Wohlfahrt ihrer Umgebung beizutragen.</p><p>Andererseits werden sie, wenn sie von Unwissenheit, Roheit und Selbstsucht umgeben sind, unwillkürlich denselben Charakter annehmen und zu rohen, unwissenden Leuten heranwachsen, die für die Gesellschaft um so gefährlicher sind, wenn sie mitten in die mannigfachen Versuchungen dessen, was man Zivilisation nennt, hineingestellt werden. »Gib dein Kind einem Sklaven zur Erziehung,« sagte ein alter Grieche, »und du wirst zwei Sklaven statt des einen haben.«</p><p>Das Kind muß nachahmen, was es sieht. Alles ist ihm ein Vorbild – für Manieren, Gesten, Sprache, Gewohnheiten, Charakter. »Für das Kind,« sagt Friedrich Richter, »ist die wichtigste Lebensepoche die Kindheit, wo es anfängt, sich durch die Gemeinschaft mit anderen zu bilden und zu färben. Jeder neue Erzieher bewirkt weniger als sein Vorgänger, bis schließlich, wenn wir das ganze Leben als eine Erziehungsanstalt ansehen, ein Weltumsegler weniger von allen Nationen, die er gesehen hat, als von seiner Amme beeinflußt ist«. Vorbilder sind deshalb von der größten Bedeutung für die Bildung des Kindes; und wenn wir edle Charaktere haben wollen, so müssen wir ihnen edle Vorbilder bieten. Das Vorbild aber, das sich am meisten vor dem Auge des Kindes befindet, ist die Mutter.</p><p>»Eine gute Mutter ist hundert Lehrer wert«, sagt George Herbert. Zu Haufe ist sie »ein Magnetstein für alle Kerzen und ein Leitstern für alle Augen.« Ihr wird beständig nachgeahmt. Sie ist gleichsam eine »Welt von Lebensregeln«. Aber ein Beispiel ist 
      <a id="page32" name="page32" title="James/mbechtel"/> weit mehr denn eine Regel. Es ist eine Belehrung durch die Tat. Es lehrt ohne Wort und verdeutlicht es oft besser, als es die Zunge vermag. Angesichts eines bösen Beispiels haben die besten Regeln nur geringen Wert. Das Beispiel wird befolgt, nicht die Vorschrift. Eine Lehre, die mit der Praxis nicht übereinstimmt, ist noch schlimmer als nutzlos, da sie nur dazu dient, das feigste aller Laster, die Heuchelei, zu lehren. Sogar Kinder haben darin schon ein Urteil, und die Lehren der Eltern, die das eine sagen und das entgegengesetzte tun, werden schnell durchschaut. Die Predigt jenes Klosterbruders, der über die Tugend der Ehrlichkeit mit einer gestohlenen Gans im Ärmel predigte, war nichts wert.</p><p>Durch die Nachahmung von Handlungen wird der Charakter langsam und unmerklich, aber schließlich doch entscheidend gebildet. Die einzelnen Handlungen mögen an sich unbedeutend erscheinen; aber so sind sie auch im täglichen Leben. Sie fallen so unmerklich wie Schneeflocken; jede Schneeflocke bringt an der schon angehäuften Masse keine fühlbare Veränderung hervor, und dennoch bildet die Anhäufung von Schneeflocken eine Lawine. So werden schließlich wiederholte Handlungen, eine auf die andere folgend, zur festen Gewohnheit, sie bestimmen die Handlungsweise des Individuums zum Guten oder Bösen und bilden so, mit einem Wort, den Charakter. Weil die Mutter weit mehr als der Vater die Handlungsweise und das Betragen des Kindes beeinflußt, so ist ihr gutes Beispiel zu Hause von um so größerer Bedeutung. Man versteht leicht, warum das so sein muß. Das Haus ist der Wirkungsbereich der Frau, ihr Königreich, wo sie die Herrschaft ausübt. Ihre Macht über die Kleinen ist unbeschränkt. Sie schauen in allem zu ihr empor. Die Mutter ist das Beispiel und Vorbild, das sie beständig vor Augen haben, und das sie unbewußt beobachten und nachahmen. Cowley vergleicht den Einfluß frühzeitigen Beispiels und früh in den Geist gepflanzter Ideen mit Buchstaben, die in die Rinde eines jungen Baumes geschnitten wurden, und mit der Zeit wachsen und größer werden. Die zu dieser Zeit gemachten Eindrücke werden niemals ausgelöscht und waren sie auch noch so geringfügig. Die hier eingepflanzten Ideen gleichen einer in den Boden gestreuten Saat, die da eine Zeitlang liegt und keimt und dann in Taten, Gedanken und Gewohnheiten aufgeht. So lebt die Mutter wieder in den Kindern auf. Diese bilden sich allmählich nach ihrer Weise, ihrer Sprache, ihrer Lebensweise und ihrem Betragen. Die Gewohnheiten der Mutter werden die der Kinder, und ihr Charakter wird sichtbar in diesen wiederholt.</p><p><a id="page33" name="page33" title="James/mbechtel"/> Die Mutterliebe ist die sichtbare Vorsehung unserer Gattung. Ihr Einfluß ist beständig und allgemein. Er beginnt mit der Erziehung des menschlichen Wesens von der Schwelle des Lebens an und setzt sich kraft des mächtigen Einflusses fort, den jede gute Mutter lebenslang über ihre Kinder ausübt. Auch wenn sie in die Welt getreten sind und jeder an den Arbeiten, Sorgen und Versuchungen teilnimmt, wenden sie sich immer zur Mutter um Trost, wenn nicht um Rat, zu Zeiten der Unruhe und Bedrängnis. Die reinen und guten Gedanken, die sie ihnen als Kindern eingepflanzt hat, werden zu guten Handlungen, lange nachdem sie tot ist; und wenn von der Toten auch nichts mehr als ihr Gedächtnis blieb, so wachsen ihre Kinder heran und segnen sie. Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß Glück oder Elend, Erleuchtung oder Unwissenheit, Zivilisation oder Barbarei in der Welt in hohem Grade von der Ausübung jener weiblichen Kraft in ihrem Königreiche, dem Hause, abhängt. Emerson sagt offen und wahr: »Ein hinreichendes Maß der Zivilisation gibt der Einfluß guter Frauen.« Die Nachwelt liegt in der Person des Kindes im Mutterschoße vor uns. Was aus dem Kinde vielleicht wird, hängt hauptsächlich von der Erziehung und dem Beispiel ab, das es von seinem ersten und einflußreichsten Lehrer empfängt.</p><p>Die Frau vor allen andern erzieht zur Menschlichkeit. Der Mann ist das Hirn, aber die Frau das Herz der Menschheit; er ist Urteil, sie Gefühl; er ist Kraft, sie Anmut, Zierde und Trost. Auch der Verstand der besten Frau scheint hauptsächlich durch ihre Neigungen zu wirken. Und wenn den Mann der Intellekt beherrscht, so kultiviert die Frau die Gefühle, welche den Charakter hauptsächlich bestimmen. Während er das Gedächtnis füllt, nimmt sie das Herz ein. Sie lehrt uns lieben, was er uns nur glaubhaft macht, und hauptsächlich durch sie gelangen wir zur Tugend.</p><p>Es gibt viele Beispiele, wo die Eindrücke auf den Geist des Kindes erst nach einer Periode der Selbstsucht und des Lasters zu guten Taten wurden. Alles was die Eltern tun, um in ihren Kindern einen wahrhaften und tugendhaften Charakter zu entwickeln, scheint zuweilen vergeblich zu sein. Und dennoch kommt es bisweilen vor, daß lange nachdem die Eltern zur Ruhe gegangen sind, das gute Beispiel, die gute Lehre, die sie ihren Söhnen und Töchtern in der Kindheit gaben, aufgeht und Frucht tragt. Eins der bemerkenswertesten dieser Beispiele liefert der Pastor John Newton, der Freund des Dichters Cowper. Lange nach dem Tode seiner Eltern und nachdem er als Jüngling und 
      <a id="page34" name="page34" title="James/mbechtel"/> Seemann ein lasterhaftes Leben geführt hatte, erwachte in ihm das Gefühl seiner Verworfenheit, und da fielen ihm die Lehren wieder ein, die ihm seine Mutter als Kind gegeben hatte. Ihre Stimme schien aus dem Grabe zu ihm zu sprechen und führte ihn sanft zur Tugend und zum Guten zurück.</p><p>Ein anderes Beispiel ist das von John Randolph, dem amerikanischen Staatsmanne, der einst sagte: »Ich würde Atheist sein, hätte ich nicht eine Erinnerung gehabt, das Andenken an die Zeit, wo meine verstorbene Mutter meine kleinen Hände in die ihrigen zu schließen pflegte und mich auf den Knien beten ließ: »Vater unser, der Du bist im Himmel!« Aber solche Beispiele müssen im allgemeinen als selten betrachtet werden. Wie der Charakter in der Jugend geleitet wurde, so bleibt er auch und erreicht mit dem Mannesalter seine schließliche Form, »Lebe so lange wie du willst,« sagte Southey, »die ersten zwanzig Jahre sind die längste Hälfte deines Lebens,« und sie sind bei weitem die wichtigsten nach ihren Folgen. Als der erschöpfte Verleumder und Lüstling Dr. Walcot auf seinem Totenbette lag, fragte ihn einer seiner Freunde, ob er sonst noch etwas für ihn tun könne. »Ja,« sagte der Sterbende begierig, »gib mir meine Jugend zurück.« Gib sie ihm, und er wird bereuen und ein neues Leben beginnen. Aber es war zu spät! Sein Leben war gebunden und gefesselt durch die Ketten der Gewohnheit.</p><p>Gretry, der berühmte Komponist, stellte die Bedeutung der Frau als Erzieherin des Charakters so hoch, daß er eine gute Mutter als das »Meisterwerk der Natur« bezeichnete. Und er hatte recht; denn gute Mütter tragen noch mehr als die Väter zu einer beständigen Erneuerung der Menschheit bei und schaffen die sittliche Atmosphäre des Hauses, die Nahrung für das moralische Sein des Mannes, gleichwie die physische Atmosphäre zur Erhaltung seines Körpers beiträgt. Durch gute Laune, Heiterkeit und Güte, die von Klugheit geleitet sind, umgibt die Frau die Hausbewohner mit einer Atmosphäre der Heiterkeit, Zufriedenheit und Friedlichkeit, die das Wachstum der reinsten wie der männlichsten Naturen begünstigt.</p><p>Die ärmlichste Häuslichkeit, in der eine tugendhafte, sparsame, heitere und ordentliche Frau herrscht, kann so eine Stätte der Bequemlichkeit, Tugend und des Glückes werden, der Schauplatz jeder edlen Beziehung im Familienleben; es kann dem Mann durch viele süße Erinnerungen teuer werden; es ist ein Heiligtum für das Herz, ein Zufluchtsort in den Stürmen des Lebens, ein süßer Ruheplatz nach der Arbeit, ein Trost im Unglück, ein Stolz im Gedeihen und eine Freude zu allen Zeiten.</p><p><a id="page35" name="page35" title="James/xex"/> Ein gutes Heim ist so die beste aller Schulen, nicht nur in der Jugend, sondern auch im Alter. Hier lernen Junge und Alte am besten Heiterkeit, Geduld, Selbstbeherrschung und den Geist des Gehorsams und der Pflichterfüllung. Isaak Walton sagt von George Herberts Mutter, daß sie ihre Familie mit kluger Sorgfalt, weder streng noch herbe, regiert habe, aber mit solcher Sanftheit und Teilnahme an den Erholungen und Vergnügungen der Jugend, daß diese sich wiederum bewogen fühlte, viel Zeit in ihrer Gesellschaft zuzubringen, was wiederum sie selbst sehr befriedigte. Das Haus ist die echte Schule der Höflichkeit, deren bester praktischer Lehrer die Frau ist. »Ohne die Frauen würden die Männer nur ungeschlachte Geschöpfe sein,« sagt das provenzalische Sprichwort. Von dem Hause strahlt die Philanthropie aus, wie von einem Zentrum. »Das kleine Gemeinwesen zu lieben, dem wir in der Gesellschaft angehören,« sagt Burke, »ist der Keim aller Menschenliebe.« Die Weisesten und Besten haben sich nicht geschämt, es für ihre größte Freude und Glückseligkeit zu erklären, unter ihren Kindern in dem unverletzlichen Kreise des Hauses zu sitzen. Ein Leben der Reinheit und Pflichterfüllung ist nicht die unbedeutendste Vorbereitung auf ein Leben öffentlicher Arbeit und Pflicht, und wer sein Haus liebt, wird nicht weniger innig sein Vaterland lieben und ihm dienen.</p><p>Aber wenn das Haus als die Pflegestätte des Charakters die beste aller Schulen sein kann, so kann es auch die schlechteste sein. Wie unberechenbar ist das Unheil, das Unwissenheit zu Hause in dem Zwischenraum von der Kindheit bis zum Mannesalter anrichten kann! Wieviel moralisches und physisches Elend kann zwischen dem ersten und letzten Atemzuge durch unverständige Mütter und Wärterinnen angerichtet werden! Überlasse ein Kind der Pflege einer wertlosen und unwissenden Frau, und keine Bildung im späteren Leben kann dein Versehen wieder gut machen. Wenn die Mutter träge, lasterhaft oder unordentlich ist, wenn in ihrem Hause Zank, Hader und Unfrieden herrschen und es eine Stätte des Elends wird – ein Ort, den man eher flieht als aufsucht – so werden die Kinder, die dort zu ihrem Unglück erzogen werden, moralisch verkrüppelt und mißgebildet – eine Ursache des Elends für sich und andere.</p><p>Napoleon Bonaparte pflegte zu sagen: »das spätere gute oder schlechte Betragen eines Kindes hängt ganz und gar von der Mutter ab.« Er schrieb selbst sein Emporkommen im Leben zum großen Teile der Erziehung seines Willens, seiner Energie und Selbstbeherrschung durch seine Mutter zu. »Niemand vermochte ihn zu beherrschen,« sagt einer seiner Biographen, »als 
      <a id="page36" name="page36" title="James/mbechtel"/> seine Mutter, die vermittelst einer Mischung von Zärtlichkeit, Strenge und Gerechtigkeit ihm Liebe, Achtung, und Gehorsam beibrachte; von ihr lernte er die Tugend des Gehorchens.«</p><p>Ein merkwürdiges Beispiel zu der Abhängigkeit des Charakters der Kinder von dem der Mütter ist in einem Schulberichte Tufnells erwähnt. Die Tatsache, welche er bemerkt, ist so gut begründet, daß sie sogar einer kaufmännischen Berechnung zugrunde gelegt wird »Man berichtete mir,« sagte er, »daß in einer großen Fabrik, wo viele Kinder beschäftigt wurden, der Geschäftsführer sich stets, bevor er einen Knaben engagierte, nach dem Charakter der Mutter erkundigte. Fiel die Auskunft zufriedenstellend aus, so war er ziemlich sicher, daß ihre Kinder sich anständig benehmen würden. Nach dem Charakter des Vaters wurde nicht weiter gefragt«.</p><p>Es ist auch bemerkt worden, daß in den Fällen, wo der Vater auf Abwege geriet – ein Trunkenbold wurde und »auf den Hund geriet« – wenn nur die Mutter klug und tüchtig war, die Familie zusammengehalten wurde und die Kinder sich ehrenhaft durchs Leben schlugen, wohingegen im umgekehrten Falle, wo die Mutter auf üble Wege kam, die Beispiele von Erfolgen der Kinder im spätem Leben auch bei tüchtiger Leitung des Vaters verhältnismäßig selten sind.</p><p>Der größte Teil des Einflusses, den Frauen auf die Bildung des Charakters ausüben, bleibt natürlich unbekannt. Sie leisten ihre beste Arbeit in der ruhigen Abgeschlossenheit des Hauses und der Familie, durch stetige Anstrengung und geduldige Beharrung auf dem Pfade der Pflicht. Über ihre größten Triumphe hört man nichts, weil sie privater und häuslicher Natur sind, und nur selten vernehmen wir etwas in den Biographien hervorragender Männer, welchen Anteil die Mütter an der Bildung ihres Charakters und an ihrer Richtung zum Guten hatten. Dennoch bleiben sie in dieser Beziehung nicht unbelohnt. Der von ihnen ausgeübte, wenn auch nicht berechenbare Einfluß überlebt sie und pflanzt sich für immer fort, seine Folgen immer mehr ausbreitend. Wir hören nicht so oft von großen Frauen wie von großen Männern. Wir hören meistens von guten Frauen; und es ist wahrscheinlich, daß sie ein größeres Werk tun, wenn sie den Charakter der Männer und Frauen zum Guten lenken, als wenn sie berühmte Bilder malten, berühmte Bücher schrieben oder berühmte Opern komponierten. »Es ist ganz richtig,« sagte Joseph de Maistre, »daß Frauen keine Meisterwerke hervorgebracht haben. Sie haben keine Ilias geschrieben, kein befreites Jerusalem, keinen Hamlet, keine Phädra, 
      <a id="page37" name="page37" title="James/mbechtel"/> kein verlorenes Paradies, keinen Tartüff; sie haben keine Peterskirche erbaut, keinen Messias geschaffen, keinen Apollo von Belvedere gemeißelt, kein Jüngstes Gericht gemalt; sie haben weder die Algebra, noch das Teleskop noch die Dampfmaschine erfunden, aber sie haben etwas weit Größeres und Besseres als dies getan; denn zu ihren Füßen wurden wahrhafte und tugendhafte Menschen erzogen, die besten Erzeugnisse der Welt.« –</p><p>De Maistre spricht in seinen Briefen und Schriften von seiner Mutter mit der größten Liebe und Verehrung. Ihr edler Charakter machte in seinen Augen alle andern Frauen verehrungswürdig. Er spricht von ihr als von seiner »erhabenen Mutter, einem Engel, dem Gott für kurze Zeit einen Körper schenkt«. Ihr schrieb er die Richtung seines Charakters und seine Neigung zum Guten zu; und als er zu reiferen Jahren herangewachsen als Gesandter am Hofe zu Petersburg wirkte, erwähnt er ihr edles Beispiel und Vorbild als den herrschenden Einfluß in seinem Leben. Einer der reizendsten Züge im Charakter Samuel Johnsons war, trotz seiner rauhen und stacheligen Außenseite, die Zärtlichkeit, mit der er stets von seiner Mutter sprach, einer Frau von scharfem Verstand, die in seinen Geist, wie er selbst anerkennt, die ersten religiösen Eindrücke pflanzte. Er war gewohnt, auch zu Zeiten größter Bedrängnis von seinen spärlichen Mitteln reichlich zu ihrer Bequemlichkeit beizutragen und eine seiner letzten Handlungen kindlicher Liebe war die, daß er »Rasselas« schrieb, um mit dem Honorar ihre kleinen Schulden und die Kosten ihres Begräbnisses zu bezahlen.</p><p>George Washington war erst elf Jahre alt – als der Älteste von fünf Kindern – als sein Vater starb und seine Mutter als Witwe zurückließ. Sie war eine Frau von seltener Vortrefflichkeit, voller Geistesgegenwart, mit guten Geschäftskenntnissen, eine tüchtige Hausfrau, und von großer Charakterstärke. Sie hatte ihre Kinder aufzuziehen und zu bilden, einen großen Haushalt und ausgedehnte Besitzungen zu verwalten, was sie alles mit vollem Erfolge durchführte. Ihr Verstand, ihr Fleiß, ihre Zärtlichkeit, Emsigkeit und Wachsamkeit befähigten sie, jedes Hindernis zu überwinden. Als den reichsten Lohn ihrer Mühe und Arbeit hatte sie das Glück, ihre Kinder mit den schönsten Hoffnungen in die Welt treten und dort ihren Platz in einer Weise ausfüllen zu sehen, die ihnen wie ihrer Mutter, der einzigen Lehrerin ihrer Grundsätze, Gewohnheiten und Lebensführung, gleicherweise Ehre machte.</p><p>Cromwells Biograph sagt wenig über den Vater des Protektors, verweilt dagegen bei dem Charakter seiner Mutter. Er 
      <a id="page38" name="page38" title="James/mbechtel"/> schildert sie als eine Frau von ungewöhnlicher Kraft und Entschlossenheit, »eine Frau,« wie er sagt, »welche die glorreiche Fähigkeit der Selbsthilfe besaß, wenn anderer Beistand ihr mangelte; bereit für alle – auch die härtesten Anforderungen des Geschicks; gleichgroß an Geist und Energie wie Milde und Geduld, die mit ihrer Hände Arbeit fünf Töchtern eine Mitgift schaffte, groß genug, daß sie in ebenso ehrenwerte, aber reichere Familien heiraten konnten; deren einziger Stolz die Rechtschaffenheit und deren Leidenschaft die Liebe war; die in dem prächtigen Palaste von Whitehall den einfachen Geschmack bewahrte, der sie in der alten Brauerei zu Huntingdon auszeichnete, und deren einzige Sorge inmitten des Glanzes die Sicherheit ihres Sohnes in seiner gefährlichen Stellung war.</p><p>Wir sprachen von Napoleons Mutter als von einer Frau von großer Charakterstärke; dies war auch die Mutter des Herzogs von Wellington, der ihr Sohn in Gesichtszügen, Gestalt und Charakter auffallend ähnelte, während sich sein Vater besonders als komponierender und ausübender Musiker hervortat. Aber seltsamerweise hielt Wellingtons Mutter ihn für einen Dummkopf und liebte ihn aus irgend einem Grunde nicht so wie ihre andern Kinder, bis seine großen Taten sie zwangen, stolz auf ihn zu sein.</p><p>Unter Staatsmännern, Rechtsgelehrten und Geistlichen finden wir der Mütter der Staatskanzler Bacon, Erskine und Brougham Erwähnung getan – alles Frauen von großen Fähigkeiten und bei der ersteren von großer Gelehrsamkeit, sowie auch der Mütter von Canning, Curran und Präsident Adams, von Herbert, Paley und Wesley. Lord Brougham spricht in Ausdrücken, die nahe an Ehrfurcht grenzen, von seiner Großmutter, der Schwester des Professors Robertson, welche es hauptsächlich war, die seinem Geist die starke Wißbegierde einflößte und die ersten Grundlagen jener beharrlichen Energie bei der Erforschung jeder Art von Wissen, welche besonders charakteristisch für ihn ist.</p><p>Cannings Mutter war eine Irländerin von großer natürlicher Begabung, und ihr begabter Sohn bewahrte ihr bis an sein Lebensende die größte Liebe und Achtung Sie war eine Frau von ungewöhnlicher Geisteskraft. »Wahrlich,« sagt Cannings Biograph, »wären wir nicht durch direkte Quellen von dieser Tatsache überzeugt, so könnten wir unmöglich seine tiefe und rührende Verehrung für sie betrachten, ohne zu schließen, daß der Gegenstand dieser unwandelbaren Anhänglichkeit seltene und hervorragende Eigenschaften haben mußte. Sie galt in dem Kreise, in dem sie lebte, als eine Frau von großer Geisteskraft. Ihre Unterhaltung war lebhaft und anregend und durch 
      <a id="page39" name="page39" title="James/mbechtel"/> eine besondere Originalität des Stils und eine Wahl neuer und auffallender Gesprächsstoffe ausgezeichnet, die außerhalb dem Bereiche gewöhnlicher Gespräche lagen. Leuten, die sie nur flüchtig kannten, konnte die Energie ihres Wesens als etwas exzentrisch erscheinen.«</p><p>Curran spricht mit großer Liebe von seiner Mutter als von einer Frau von starkem, ursprünglichem Verstand, deren weisem Rate, großer Frömmigkeit und Lehren von ehrenhaftem Ehrgeiz, den sie eifrigst ihren Kindern einzuprägen suchte, er hauptsächlich seine Erfolge im Leben zuschrieb. »Das einzige Erbe,« pflegte er zu sagen, »dessen ich mich von meinem armen Vater rühmen kann, ist eine so wenig anziehende Erscheinung wie die seinige war; und wenn die Welt mir je etwas Wertvolleres zugeschrieben hat als Gesicht und Gestalt oder irdische Güter, so verdanke ich dies einer andern und lieberen Person, die mir als Kind einen Teil von dem Schatze ihres Geistes gab«.</p><p>Als der Expräsident Adams einer Prüfung in einer Mädchenschule zu Boston beiwohnte, überreichten ihm die Zöglinge eine Adresse, die ihn tief bewegte; und indem er dies eingestand, benutzte er die Gelegenheit, auf den dauernden Einfluß hinzuweisen, den weibliche Erziehung und Gesellschaft auf seinen Charakter ausgeübt hatten. »Als Kind,« sagte er, »erfreute ich mich vielleicht des größten Segens, den ein Mensch haben kann, nämlich einer Mutter die besorgt und fähig war, den Charakter ihrer Kinder richtig zu bilden. Von ihr empfing ich alles, was an religiöser und sittlicher Belehrung mein Leben durchdrang – ich will nicht sagen, daß sie vollkommen war oder so, wie sie hätte sein sollen, aber ich lasse ihrem Andenken nur Gerechtigkeit angedeihen, wenn ich zugebe, daß jede Unvollkommenheit oder jede Abirrung von dem, was sie mich lehrte, mein Fehler war und nicht der ihrige.«</p><p>Die Wesleys waren mit ihren Eltern ganz besonders durch die Bande natürlicher Pietät verbunden, obwohl die Mutter mehr als der Vater ihren Geist beeinflußte und ihren Charakter entwickelte. Der Vater war ein Mann von starkem Willen, behandelte indessen seine Familie bisweilen rauh und tyrannisch; während die Mutter bei großer Verstandesschärfe und feuriger Wahrheitsliebe doch sanft, überzeugend, friedfertig und einfach war. Sie war die Lehrerin und heitere Gefährtin ihrer Kinder, die sich allmählich nach ihrem Beispiel bildeten. Durch die Richtung, die sie dem Geiste ihrer Sühne in religiösen Angelegenheiten gab, nahmen diese die Tendenz an, die ihnen schon frühe den Namen »Methodisten« eintrug. In einem Brief an ihren Sohn Samuel, 
      <a id="page40" name="page40" title="James/fibo235"/> der damals, 1709, Schüler in Westminster war, schrieb sie: »Ich möchte Dir dringend raten, Deine Tätigkeit in eine gewisse Methode zu bringen, vermittelst deren Du jeden kostbaren Augenblick besser benützen kannst und es sehr leicht finden wirst, Deine jeweiligen Pflichten zu erfüllen.« Diese »Methode« beschrieb sie dann und ermahnte ihren Sohn, »in allen Dingen nach Grundsätzen zu handeln;« und die Gesellschaft, welche die Brüder John und Charles später in Oxford gründeten, ist wohl zum großen Teile das Resultat ihrer Ermahnungen.</p><p>Auch bei Dichtern, Schriftstellern und Künstlern hat der Einfluß des Gefühls und Geschmacks ihrer Mutter ohne Zweifel auf das Genie der Söhne eine sehr große Wirkung ausgeübt, und wir finden dies besonders ausgeprägt im Leben von Gray, Thomson, Scott, Southey, Bulwer, Schiller und Goethe. Gray erbte seine gütige, liebenswürdige Natur fast gänzlich von seiner Mutter, während sein Vater rauh und unfreundlich war. Gray war tatsächlich ein weibischer Mann – scheu, zurückhaltend und energielos – aber von ganz untadelhaftem Leben und Charakter. Die Mutter des Dichters erhielt die Familie, nachdem ihr unwürdiger Gemahl sie verlassen hatte; bei ihrem Tod setzte ihr Gray auf ihrem Grabe zu Stoke Poges eine Grabschrift, worin er sie beschrieb als »die sorgsame, zärtliche Mutter vieler Kinder, von denen nur eins das Unglück hatte, sie zu überleben.« Der Dichter wurde nach seinem eigenen Wunsche neben ihrem Grabe beigesetzt.</p><p>Goethe dankte – wie Schiller – die Richtung seines Geistes und Charakters seiner Mutter, die eine Frau von außerordentlichen Gaben war. Sie war voll schlagfertigen Mutterwitzes und besaß in hohem Grade die Kunst, junge und tätige Geister anzuregen und sie über die Kunst des Lebens aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrung zu belehren. 
      <span class="footnote">Goethe sagt selbst:
      <br/><br/> »Vom Vater hab' ich die Statur,
      <br/> Des Lebens ernstes Führen;
      <br/> Vom Mütterchen die Frohnatur
      <br/> Und Lust zu fabulieren.«</span> Nach einer längeren Unterredung mit ihr sagte ein enthusiastischer Besucher: »Jetzt verstehe ich, wie Goethe der Mann geworden ist, der er ist!« Goethe selbst pflegte liebevoll ihr Andenken. »Sie war des Lebens wert,« sagte er einst von ihr; und als er Frankfurt besuchte, ging er zu jedem Einzelnen, der freundlich zu seiner Mutter gewesen war, und dankte ihm.</p><p>Ary Scheffers Mutter – deren schöne Züge der Maler in seinen Bildern, der Beatrice, der heiligen Monika und andern 
      <a id="page41" name="page41" title="James/Miloch"/> Werken darzustellen liebte – ermutigte sein Kunststudium und versah ihn in großer Selbstverleugnung mit den dazu nötigen Mitteln. Während sie in Dordrecht in Holland wohnte, sandte sie ihn zum Studium erst nach Lille und dann nach Paris; ihre Briefe an ihn während seiner Abwesenheit waren immer voll gesunden mütterlichen Rates und warmer weiblicher Sympathie. »Wenn Du mich nur sehen könntest,« schrieb sie bei Gelegenheit, »wie ich Dein Porträt küsse und es dann nach einer Weile wieder aufnehme und Dich mit einer Träne im Auge, ›meinen geliebten Sohn‹ nenne, so würdest Du verstehen, was es mich kostet, bisweilen die ernste Sprache der Autorität zu gebrauchen und Dir Augenblicke des Schmerzes zu verursachen .... Arbeite fleißig, sei vor allem bescheiden und demütig; und wenn Du findest, daß Du andere übertriffst, so vergleiche das, was Du getan hast, mit der Natur selbst, oder mit dem Ideal deines Geistes, und Du wirst durch den augenscheinlichen Kontrast vor den Wirkungen des Stolzes und der Selbstüberhebung gesichert sein.«</p><p>Lange Jahre später, als Ary Scheffer selbst Großvater war, erinnerte er sich mit Liebe des Rates seiner Mutter und wiederholte ihn seinen Kindern. Und so lebt die Kraft des guten Beispiels von Generation zu Generation fort und hält die Welt immer frisch und jung. Als er im Jahre 1846 an seine Tochter, Frau Marjolin schrieb, erinnerte er sich wieder des Rates seiner verstorbenen Mutter und er sagte: »das Wort 
      <i>muß</i> – behalte es wohl im Gedächtnis, liebes Kind; Deine Großmutter ließ es selten außer acht. In Wahrheit trägt unser ganzes Leben hindurch nicht gute Früchte, was nicht durch der Hände Arbeit oder die Ausübung unserer Selbstverleugnung erworben wurde. Mit einem Wort, man muß immer Opfer bringen, um Behagen und Glück zu erlangen. Nun, da ich nicht mehr zu jung bin, erkläre ich, daß wenige Abschnitte meines Lebens mir so viel Befriedigung gewährten wie die, wo ich Opfer brachte oder mir Vergnügungen versagte. ›Das Entsagen‹ ist das Motto des Weisen. Selbstverleugnung ist die Tugend, von der uns Jesus Christus ein Beispiel gab.«</p><p>Der französische Historiker Michelet macht in der Vorrede zu einem seiner berühmtesten Bücher, das nach seinem Erscheinen der Gegenstand heftiger Angriffe wurde, folgende rührende Bemerkung über seine Mutter: »Während ich dies alles schrieb, dachte ich an eine Frau, deren starker und ernster Geist mich in diesen Kämpfen nicht zu stützen verfehlt hätte. Ich verlor sie vor 30 Jahren, da ich noch ein Kind war; trotzdem lebt sie immer in meinem Gedächtnis fort durch mein ganzes Leben. Sie litt mit mir in meiner 
      <a id="page42" name="page42" title="James/Miloch"/> Armut und konnte mein besseres Los nicht teilen. Als ich noch jung war, betrübte ich sie, und jetzt kann ich sie nicht trösten. Ich weiß nicht einmal, wo ihre Asche ruht, denn ich war zu arm, um ihr ein Grab zu kaufen. Und doch schulde ich ihr so viel. Ich fühle tief, daß ich der Sohn eines Weibes bin. Jeden Augenblick finde ich in meinen Gedanken und Worten, nicht zu gedenken meiner Mienen und Gebärden, meine Mutter wieder. Das Blut meiner Mutter flößt mir Sympathie ein für vergangene Zeiten und zarte Erinnerung für die, welche nicht mehr sind. Was für ein Liebeszeichen könnte ich ihr geben – der ich mich dem Greisenalter nähere – für das viele Gute, das ich ihr danke? Etwas, wofür sie mir gedankt hätte: diesen Protest zugunsten der Frauen und Mütter.« 
      <span class="footnote">Michelet: »Über Priester, Frauen und Familien«.</span></p><p>Aber wenn eine Mutter den dichterischen oder künstlerischen Geist ihres Sohnes sehr zum Guten beeinflussen kann, vermag sie auch eine schlimme Wirkung hervorzubringen. So lassen sich die Charaktereigenschaften Lord Byrons – seine wetterwendischen Neigungen, sein Abscheu vor jedem Zwang, die Bitterkeit seines Hasses und das Ungestüm seines Grolls – in nicht geringem Grade auf die schädlichen Einflüsse zurückführen, die seine launische, heftige und eigensinnige Mutter von der Geburt an auf ihn ausübte. Sie schmähte ihren Sohn sogar wegen seines körperlichen Gebrechens; und es ereignete sich bei ihren heftigen Streitigkeiten nicht selten, daß sie ein Schüreisen oder eine Feuerzange ergriff und es ihm nachschleuderte, wenn er entfloh. 
      <span class="footnote">Frau Byron soll in einem Wutanfall gestorben sein, der sie beim Lesen ihrer Tapeziererrechnung befiel.</span> Diese unnatürliche Behandlung gab Byrons Leben eine gewisse Verbitterung; und von Sorgen bedrückt, unglücklich, groß und doch schwach, trug er in sich das Gift seiner Mutter mit herum, das er in seiner Kindheit eingesogen hatte.</p><p>Eine törichte Mutter kann auch einen begabten Sohn verderblich beeinflussen, wenn sie seinen Geist mit ungesunden Gefühlen erfüllt. So soll Lamartines Mutter ihn mit ganz irrigen Ideen über das Leben erzogen haben, die sie der Schule Rousseaus und Bernardin de St. Pierre entnahm, wodurch seine schon von Natur große Sentimentalität übertrieben anstatt unterdrückt wurde, und er wurde lebenslänglich ein Opfer der Rührseligkeit, Affektiertheit und Unvorsichtigkeit. Es mutet fast lächerlich an, wenn wir Lamartine in seinen »
      <i>Confidences</i>« sich selbst als eine »Statue jugendlicher Männlichkeit, zum Vorbild für Jünglinge errichtet«, vorstellen sehen. Wie er der verzogene Liebling seiner Mutter 
      <a id="page43" name="page43" title="James/Miloch"/> war, so war er schließlich auch der verhätschelte Liebling Frankreichs, was bitter und traurig ist. Sainte-Beuve sagt von ihm: »Er besaß die reichsten Gaben, die er aber nicht zusammenhalten konnte und die er alle verschwenderisch verschleuderte, außer der Gabe der Beredsamkeit, die unerschöpflich schien und die er bis zu seinem Ende wie eine Zauberflöte ertönen ließ.«</p><p>Wir sagten oben, daß Washingtons Mutter sich ausgezeichnet auf Geschäfte verstand; der Besitz einer solchen Eigenschaft ist nicht nur mit echter Weiblichkeit sehr wohl verträglich, sondern er ist auch in gewissem Grade für das Gedeihen und die Behaglichkeit jeder Familie notwendig. Geschäftsgewohnheiten beziehen sich nicht nur auf den Handel, sondern auch auf die praktischen Dinge im täglichen Leben, auf alles, was angeordnet, organisiert, besorgt und getan werden muß. Und in dieser Beziehung ist die Führung einer Familie oder eines Haushalts ebenso eine Geschäftsangelegenheit, wie die Führung eines Ladens oder Kontors. Sie erfordert Methode, Genauigkeit, Organisation, Fleiß, Sparsamkeit, Disziplin, Takt, Kenntnisse und die Fähigkeit, Mittel und Zweck einander anzupassen. Alles dies ist für ein Geschäft wesentlich, und daher müssen Geschäftsgewohnheiten von Frauen, die zu Hause Erfolg haben wollen – mit anderen Worten: eine glückliche Häuslichkeit erzielen wollen – ebenso eifrig gepflegt werden wie von Männern in Angelegenheiten des Gewerbes, des Handels oder der Industrie.</p><p>Indessen hat bis jetzt die Meinung vorgeherrscht, daß Frauen mit solchen Dingen nichts zu tun hätten, daß Geschäftsgewohnheiten und -kenntnisse nur dem Manne zukämen. Man denke z. B. an das Rechnen. Bright sagte von Knaben: »Bringt einem Knaben gründlich Arithmetik bei, und er ist ein gemachter Mann.« Und warum? Weil er dadurch Methode, Genauigkeit, und Wert, Verhältnisse und Beziehungen der Zahlen kennen lernt. Aber wieviele Mädchen lernen Arithmetik richtig? – Nur sehr wenige. Und was ist die Folge davon? Wenn das Mädchen heiratet, und versteht nicht mit Zahlen umzugehen, so kann sie über Einnahme und Ausgabe nicht Buch führen, und es werden sich wahrscheinlich Irrtümer ergeben, welche die häusliche Zufriedenheit stören. Eine Frau, die ihr Geschäft nicht versteht – das heißt ihre häuslichen Angelegenheiten nicht in Übereinstimmung mit den einfachsten Grundsätzen der Arithmetik halten kann – kann aus bloßer Unwissenheit Extravaganzen begehen, die dem Frieden und der Behaglichkeit ihrer Familie äußerst nachteilig sind.</p><p>Folgerichtigkeit, die Seele des Geschäfts, ist auch zu Hause von großer Wichtigkeit. Eine Arbeit kann nur bei Folgerichtigkeit durchgeführt 
      <a id="page44" name="page44" title="James/Miloch"/> werden. Die Folgerichtigkeit verlangt Pünktlichkeit, eine zweite geschäftliche Eigenschaft von großer Bedeutung. Die unpünktliche Frau wie der unpünktliche Mann verursacht Ärger, weil sie Zeit verbraucht und vergeudet und die Überlegung herausfordert, daß wir für sie nicht von genügender Wichtigkeit sind, um sie zur Pünktlichkeit zu veranlassen. Für den Geschäftsmann ist Zeit Geld; aber für die Hausfrau bedeutet die Methode mehr, sie ist Friede, Behaglichkeit und häusliches Gedeihen.</p><p>Die Klugheit ist eine weitere wichtige Geschäftstugend für die Frauen wie für die Männer. Die Klugheit ist praktische Weisheit und entsteht durch Pflege des Urteils. Sie weiß alles passend und geschickt einzurichten; sie urteilt weise über das Rechte, was getan werden muß und wie es zu geschehen hat. Sie berechnet Mittel, Ordnung, Zeit und Folge des Geschehens. Die Klugheit lernt von der Erfahrung und wird beschleunigt durch Wissen.</p><p>Aus diesen und anderen Gründen müssen geschäftliche Gewohnheiten von den Frauen gepflegt werden, damit sie im täglichen Leben und in der täglichen Arbeit wirksam mitarbeiten können. Andererseits brauchen Frauen wie Wärterinnen, Pflegerinnen und Erzieherinnen von Kindern alle die Hilfe und Unterstützung, welche geistige Bildung ihnen verleihen kann, um die Kräfte des Hauses richtig zu leiten.</p><p>Bloß instinktive Liebe ist nicht ausreichend. Der Instinkt, welcher die niedrigeren Geschöpfe erhält, braucht keine Pflege; aber die menschliche Intelligenz, welche in einer Familie beständig gebraucht wird, muß erzogen werden. Die Sorge um die physische Gesundheit der heranwachsenden Generation ist durch die Vorsehung der Frau übertragen worden; und in der physischen Natur liegen die moralische und die geistige mit eingeschlossen. Nur dadurch, daß die Frau in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen handelt, welche sie natürlich kennen muß, um ihnen folgen zu können, können die Segnungen körperlicher und geistiger Gesundheit zu Hause gesichert werden. Ohne die Kenntnis dieser Gesetze findet die mütterliche Liebe nur zu oft ihre Belohnung in dem Sarge des Kindes. 
      <span class="footnote">Die Tatsache, daß über ein Drittel aller in England geborenen Kinder im Alter von unter fünf Jahren sterben, kann nur Unkenntnis der Naturgesetze, Unkenntnis der menschlichen Konstitution und Unkenntnis des Gebrauches von reiner Luft, reinem Wasser und der Zubereitung und Zuführung zuträglicher Nahrung zugeschrieben werden. Unter den Tieren herrscht keine solche Sterblichkeit.</span></p><p>Es ist daher nur die Wahrheit, wenn man sagt, daß der Verstand, mit dem das Weib ebensogut wie der Mann begabt ist, zum Gebrauch und zur Übung gegeben wurde und nicht, um 
      <a id="page45" name="page45" title="James/Muerei"/> »unbenutzt an ihr zu rosten«. Solche Gaben werden nie ohne einen Zweck verliehen. Der Schöpfer ist wohl freigebig mit seinen Gaben, aber nie verschwenderisch. Die Frau war weder zu einem stumpfsinnigen Lasttier noch zu einer hübschen Zierde der Mußestunden des Mannes bestimmt. Sie ist ebensowohl für sich wie für andere da, und die ernsten und verantwortungsvollen Pflichten, die sie im Leben zu erfüllen hat, erfordern einen gebildeten Geist wie ein mitfühlendes Herz. Ihre höchste Mission liegt nicht darin, daß sie sich die nichtigen Fertigkeiten aneignet, mit welchen heute so viel nützliche Zeit vergeudet wird; denn wenn diese den an sich schon genügenden Reiz der Jugend und Schönheit erhöhen mögen, so sind sie doch für das praktische Leben von sehr geringem Wert.</p><p>Das höchste Lob, was die alten Römer einer edlen Matrone zu spenden wußten, war, daß sie zu Hause sitze und spinne – »
      <i>Domum mansit, lanam fecit</i>«. Zu unserer Zeit ist gesagt worden, daß soviel Chemie, um einen Topf Wasser zu kochen und soviel Geographie, um die verschiedenen Zimmer in einem Hause zu kennen, genug Wissenschaft für eine Frau wären, und Byron, dessen Sympathien für das weibliche Geschlecht sehr unvollkommener Natur waren, erklärte, daß er ihre Bibliothek auf die Bibel und das Kochbuch beschränken würde. Aber diese Ansicht von dem Charakter und dem Bildungsbedürfnis der Frau ist ebenso beschränkt und unvernünftig, wie die gegenteilige, jetzt so verbreitete, überspannt und unnatürlich ist: daß die Frau so erzogen werden müßte, daß sie dem Mann in allem gleichkäme; daß sie sich von ihm durch nichts als das Geschlecht unterscheiden, ihm auch an politischen Rechten gleichstehen, und sein Nebenbuhler in allem werden soll, was das Leben zu einem so milden und selbstsüchtigen Kampfe um Stellung, Macht und Geld macht.</p><p>Im allgemeinen ist die Erziehung und Disziplin, die man dem einen Geschlecht in früher Jugend angedeihen läßt, gewiß auch für das andere passend, und die Bildung und Kultur, die den Geist des Mannes erfüllt, wird sich auch als heilsam für die Frau erweisen. Alle Argumente, die bis jetzt zugunsten der höheren Bildung des Mannes vorgebracht worden sind, sprechen ebenso stark zugunsten der Frau. In allen Gebieten des Hauses wird die Bildung den Nutzen und die Wirksamkeit der Frau erhöhen. Sie wird ihr Achtsamkeit und Fürsorglichkeit verleihen, sie befähigen, die Erfordernisse des Lebens voraus zu sehen und ihnen gerecht zu werden, ihr bessere Haushaltungsmethoden vermitteln und ihr in jeder Beziehung Kraft geben. Eine geschulte Geisteskraft wird ihr einen besseren Schutz gegen Betrug und Täuschung 
      <a id="page46" name="page46" title="James/Muerei"/> gewähren, als es unschuldige und nichtsahnende Unwissenheit vermag; moralische und religiöse Bildung wird ihr einen größeren und nachhaltigeren Einfluß geben, als körperliche Reize, und in richtigem Selbstvertrauen und wahrer Selbständigkeit wird sie die echten Quellen häuslichen Behagens und Glücks entdecken.</p><p>Aber während Geist und Charakter der Frauen mit Rücksicht auf ihr eigenes Wohl gepflegt werden müssen, darf man bei ihrer Erziehung auch das Glück der anderen nicht außer acht lassen. Die Männer können nicht gesund an Geist und Moral sein, wenn es die Frauen nicht sind; und wenn, wie wir festhalten, der moralische Zustand eines Volkes hauptsächlich auf der Erziehung des Hauses beruht, so muß die Bildung der Frauen als eine Angelegenheit von nationaler Wichtigkeit angesehen werden. Nicht nur der moralische Charakter, sondern auch die geistige Kraft eines Mannes findet ihren besten Schutz und ihre Stütze in der moralischen Reinheit und geistigen Bildung der Frau; aber je mehr beider Kräfte entwickelt sind, desto harmonischer und wohlgeordneter ist die Gesellschaft – desto sicherer und gewisser ihre fortschreitende Entwicklung.</p><p>Als Napoleon I. vor hundert Jahren sagte, daß es Frankreich besonders an Müttern fehle, so meinte er damit, daß das französische Volk die häusliche Erziehung brauche, die von guten, tugendhaften und verständigen Frauen geleitet würde. Die erste französische Revolution bot in der Tat eins der auffallendsten Beispiele des sozialen Unheils dar, das sich aus dem Mangel des veredelnden Einflusses der Frauen ergibt. Als dieser große nationale Zusammenbruch eintrat, war die Gesellschaft von Laster und Ausschweifung durchsetzt; Moral, Religion, Tugend, alles war in dem Sumpfe der Sinnlichkeit untergegangen. Der Charakter der Frauen war entartet. Eheliche Treue war ein Spott, Mutterschaft ein Vorwurf; Familien und Haus waren in gleicher Weise verdorben. Die Reinheit der Familie band die Gesellschaft nicht länger zusammen. Frankreich hatte keine Mütter mehr; die Kinder warfen jeden Zügel ab, und die Revolution brach aus »mit dem Geheul und den wilden Gewalttaten der Frauen«.</p><p><span class="footnote">Beaumarchais' »Figaro«, das kurz vor dem Ausbruch der Revolution mit solchem Enthusiasmus in Frankreich aufgenommen wurde, kann als ein typisches Schauspiel angesehen werden; es stellt die durchschnittliche Moral der oberen wie der niederen Klassen hinsichtlich der Beziehungen der Geschlechter dar. »Ordne den Menschen ein wie du willst,« sagt Herbert Spencer, »nach Titeln, wie ›obere‹, ›mittlere‹, ›niedere‹ Klassen: du kannst doch nicht verhindern, daß sie Glieder derselben Gesellschaft sind, daß sie unter dem Einfluß desselben Geistes stehen und nach demselben Charaktertyp gebildet sind. Das mechanische Gesetz, daß Wirkung und Gegenwirkung gleich sind, hat sein Analogon in der Moral. Die Tat eines Mannes gegenüber einem anderen läuft schließlich darauf hinaus, dieselbe Wirkung auf beide hervorzubringen, sei die Tat nun gut oder schlecht. Bringe sie nur in Beziehung, so werden keine Kastenteilung, keine Unterschiede des Reichtums die Menschen abhalten, gleich zu werden. Dieselben Einflüsse, welche das Individuum schnell an die Gesellschaft anpassen, verursachen, wenn auch durch einen langsameren Prozeß, die allgemeine Gleichheit des Nationalcharakters. Und solange die gleichmachenden Einflüsse am Werke sind, ist es töricht, anzunehmen, daß irgend ein Teil der Gemeinschaft von dem übrigen moralisch verschieden wäre. Wenn du in einer Klasse Korruption siehst, so sei versichert, daß sie in allen herrscht, sei versichert, daß sie das Symptom schlechter sozialer Zusammensetzung ist. Wenn ein Teil des Körpers entartet ist, so kann der andere nicht gesund bleiben. 
      <i>Social</i> Statics, Kap. XX, § 7.</span></p><p>Aber die 
      <a id="page47" name="page47" title="James/Muerei"/> furchtbare Lehre wurde mißachtet, und immer wieder hat Frankreich den Mangel an jener Disziplin, Selbstbeherrschung, Selbstachtung schwer empfunden, die nur zu Hause gelernt werden kann. Man sagt, der dritte Napoleon soll die jüngste Machtlosigkeit Frankreichs, die es hilflos und blutend zu den Füßen seiner Besieger ließ, der Frivolität und dem Mangel an Grundsätzen des Volkes, wie seiner Vergnügungssucht zugeschrieben haben – Fehler, die er selber nicht wenig pflegte, wie man gestehen muß. Es scheint demnach, daß das, was Frankreich noch lernen muß, um gut und groß zu werden, das ist, was der erste Napoleon angab: häusliche Erziehung durch gute Mütter.</p><p>Der Einfuß der Frau ist überall derselbe. Ihre Beschaffenheit beeinflußt Moral, Sitten und Charakter des Volkes in jedem Lande. Wo sie entartet ist, da ist auch die Gesellschaft entartet; wo die Frau moralisch rein und gebildet ist, da befindet sich die Gesellschaft auf entsprechender Höhe.</p><p>So heißt also Frauen unterrichten soviel wie Männer unterrichten; ihren Charakter heben heißt den seinigen heben, ihre geistige Freiheit erweitern, bedeutet die der ganzen Gesellschaft erweitern und sichern. Denn Nationen sind nur Abkömmlinge der Häuslichkeiten, und Völker stammen von Müttern ab.</p><p>Aber wenn es feststeht, daß der Charakter einer Nation durch die Bildung und Veredlung der Frau gehoben wird, ist es mehr als zweifelhaft, ob irgend ein Vorteil daraus entspringt, wenn die Frau auf dem rauhen Gebiete des Geschäfts oder der Politik mit dem Mann in Wettbewerb tritt. Die Frauen können in der Welt ebensowenig die speziellen Arbeiten der Männer verrichten, wie die Männer die der Frauen. Und wo auch immer die Frau dem Hause und der Familie entzogen wurde, um andere Arbeit zu verrichten, ist das Resultat verhängnisvoll für die Gesellschaft geworden. Einige der besten Menschenfreunde haben in den letzten Jahren ihr Augenmerk darauf gerichtet, die Frauen von der 
      <a id="page48" name="page48" title="quantenspringer/James"/> gemeinsamen Arbeit mit Männern in Kohlenbergwerken, Textil- und Nagelfabriken, Ziegeleien abzuhalten.</p><p>Es ist jetzt noch im Norden nichts Ungewöhnliches, daß der Mann träge zu Hause liegt, während Mutter und Töchter in den Fabriken arbeiten; die Folge davon ist in vielen Fällen eine gänzliche Umkehr der häuslichen Ordnung, Disziplin und Herrschaft.</p><p><span class="footnote">Vor längeren Jahren schrieb der Verfasser folgende Stelle, nicht ohne praktische Kenntnis des Themas; ungeachtet der großen Verbesserung in dem Lose der Fabrikarbeiter, welche besonders den edlen Bestrebungen Lord Shaftesbury zu danken ist, gilt die Beschreibung noch heute im großen und ganzen. »So viel auch das Fabrikwesen zu dem Wohlstande des Landes beigetragen haben mag, so hat es doch auf die häuslichen Verhältnisse des Volkes einen verderblichen Einfluß ausgeübt. Es dringt in das Heiligtum des Hauses ein und zerreißt die Bande der Familie und der Gesellschaft. Es entzieht dem Manne das Weib und den Eltern die Kinder. Besonders ist es seine Tendenz, den Charakter der Frau zu erniedrigen. Deren eigentliches Amt ist die Erfüllung der häuslichen Pflichten – die Führung des Haushalts, Erziehung der Kinder, Verwaltung der Mittel, Besorgung der Einkäufe. Aber die Fabrik entzieht sie allen diesen Pflichten. Das Haus bleibt nicht länger eine Heimstätte. Die Kinder wachsen unerzogen und vernachlässigt auf. Die feineren Empfindungen werden abgestumpft. Die Frau ist nicht mehr das sanfte Weib, der Gefährte und Freund des Mannes, sondern sein Mitarbeiter und Mitpackesel. Sie ist Einflüssen ausgesetzt, die ihr nur zu oft jene Bescheidenheit der Gesinnung und des Betragens rauben, die eine der besten Schutzwachen der Tugend ist. Ohne Urteil und leitende Grundsätze erlangen Fabrikarbeiter früh das Gefühl der Unabhängigkeit. Bereit, den ihnen von ihren Eltern auferlegten Zwang abzuschütteln, verlassen sie das Haus und werden schnell in die Laster ihrer Genossen eingeweiht. Die physische wie moralische Atmosphäre, in der sie leben, erregt ihre tierischen Begierden, der Einfluß bösen Beispiels wirkt ansteckend auf sie und das Unheil verbreitet sich immer mehr!         
      <i>The Union</i>, Januar 1843.</span></p><p>Und schon seit vielen Jahren hat man in Paris jenen Zustand erreicht, den mehrere Frauen auch bei sich verwirklicht zu sehen wünschen. Die Frauen besorgen dort hauptsächlich das Geschäft – bedienen die 
      <i>boutique</i> oder stehen dem 
      <i>comptoir</i> vor – während die Männer auf den Boulevards herumlungern. Aber das Resultat ist Heimatlosigkeit, Entartung und häuslicher und sozialer Verfall.</p><p>Es gibt auch keinen Grund, anzunehmen, daß durch Verleihung politischer Macht die Frauen gehoben und veredelt würden. Es gibt indessen heutzutage viele, die an die Macht des Stimmrechts glauben und unendlich viel Gutes von der Emanzipation der Frauen erwarten. Es ist nicht nötig, diese Frage hier näher zu erörtern. Aber es genügt, darauf hinzuweisen, daß der Mangel politischer Macht bei den Frauen bei weitem ausgeglichen wird durch die, welche sie im Privatleben ausüben – dadurch, daß sie die Männer und Frauen erziehen, die alles Große in der Welt vollbringen. Der radikale Politiker Bentham sagte, daß der Mann, wenn er auch wollte, der Frau ihre Gewalt nicht 
      <a id="page49" name="page49" title="Darkangel176/James"/> nehmen könnte; denn sie regiere schon die Welt mit der ganzen Macht eines Despoten, obgleich die Macht, mit der sie hauptsächlich herrscht, die Liebe ist. Und den Charakter der ganzen menschlichen Gesellschaft zu bilden, ist gewiß eine weit größere Befugnis, als eine Wählerin zum Parlament oder Gesetzgeberin ausüben könnte. Es gibt indessen einen Zweig weiblicher Tätigkeit, der die größte Aufmerksamkeit aller wahren Reformerinnen erfordert, obgleich er bis jetzt unverantwortlich vernachlässigt worden ist. Wir meinen die sparsamere und bessere Zubereitung der Nahrung, deren Vergeudung jetzt aus Mangel an den einfachsten kulinarischen Kenntnissen geradezu skandalös ist. Wenn der Mann als ein Wohltäter der Menschheit angesehen wird, welcher da zwei Kornähren wachsen läßt, wo früher eine wuchs, so soll die Frau nicht weniger als öffentliche Wohltäterin angesehen werden, welche die Nährstoffe, welche menschliche Geschicklichkeit und Arbeit hervorgebracht haben, sparsam und möglichst gut verwertet. Die bessere Ausnutzung unserer Existenzmittel würde einer unmittelbaren Ausdehnung des Kulturlandes gleichkommen – ganz zu schweigen von der Zunahme an Gesundheit, Sparsamkeit und häuslicher Behaglichkeit. Wenn unsere weiblichen Reformatoren ihre Energie nach dieser Richtung hin betätigten, so würden sie den Dank aller Familien verdienen und den größten praktischen Philanthropen beigezählt werden.</p></div><div class="chapter" id="chap004"><h3>3. Kapitel. Gesellschaft und Beispiel</h3><div class="motto"><p>Sage mir, wen du bewunderst, und ich will dir sagen, wer du bist.</p><p><i>Sainte Beuve</i>.</p></div><p>Die natürliche Erziehung des Hauses übt auf das spätere Leben einen Einfluß aus, der niemals ganz verschwindet. Aber im Laufe der Jahre kommt die Zeit, wo nicht das Haus mehr ausschließlich die Bildung des Charakters beeinflußt, sondern wo es mehr und mehr durch die methodische Erziehung der Schule und die Gesellschaft von Freunden und Kameraden ersetzt wird, welche den Charakter fortgesetzt durch den mächtigen Einfluß des Beispiels bilden. 
      <a id="page50" name="page50" title="James/fibo235"/> Junge wie alte Leute, und die jungen noch mehr als die alten, ahmen unwillkürlich diejenigen nach, mit denen sie zusammenleben. George Herberts Mutter pflegte zur Belehrung ihrer Söhne zu sagen: »Gerade so wie unser Körper je nach der Nahrung, die wir zu uns nehmen, gut oder schlecht genährt ist, so nimmt unsere Seele ganz unmerklich durch das Beispiel oder die Unterhaltung guter oder schlechter Gesellschaft Tugenden oder Laster an.«</p><p>Es ist in der Tat ganz unmöglich, daß das Zusammenleben mit den Menschen um uns auf die Dauer ohne einen mächtigen Einfluß auf die Bildung des Charakters bleibe. Denn die Menschen besitzen von Natur aus den Trieb zur Nachahmung, und alle Leute werden mehr oder weniger durch Sprache, Benehmen, Gang, Gebärden und sogar durch die Denkart ihrer Gefährten beeinflußt. »Ist das Beispiel nichts?« sagte Burke. »Es ist alles. Das Beispiel ist die Schule der Menschheit und sie wird in keiner andern etwas lernen.« Burkes berühmtes Motto, das er dem Marquis von Rockingham ins Stammbuch schrieb, lautete: »Erinnere dich – ahme nach – beharre.«</p><p>Die Nachahmung geschieht meist so unbewußt, daß ihre Wirkung fast unbeachtet bleibt, wenn auch ihr Einfluß nicht weniger andauernd ist. Sie fällt nur dann ins Auge, wenn eine Natur von großer Einwirkungskraft mit einer empfänglichen Natur in Berührung kommt. Doch üben auch die schwächsten Naturen einen gewissen Einfluß auf ihre Umgebung aus. Beständig findet eine Annäherung von Gefühlen, Gedanken und Gewohnheiten statt, und die Macht des Beispiels wirkt unaufhörlich. Emerson hat bemerkt, daß alte Ehepaare oder Leute, die eine Reihe von Jahren Hausgenossen waren, allmählich einander ähnlich werden, so daß sie, wenn sie lange genug zusammenlebten, schließlich kaum zu unterscheiden sein würden. Aber wenn dies für die Alten gilt, wieviel mehr muß es für die Jugend gelten, deren bildsame Naturen um so viel mehr empfänglicher und geneigter sind, das Gepräge des Lebens und der Unterhaltung ihrer Umgebung anzunehmen.</p><p>»Es ist schon sehr viel über Erziehung gesagt worden,« bemerkt Sir Charles Bell in einem seiner Briefe, »aber man hat anscheinend das Beispiel außer acht gelassen, welches doch wesentlich ist. Meine beste Erziehung war das Beispiel, das mir meine Brüder gaben. Bei allen Gliedern unserer Familie fand sich Selbstvertrauen, Selbständigkeit, und durch Nachahmung erwarb auch ich es.«</p><p>Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Umstände, welche den Charakter bilden, ihren grüßten Einfluß in der Periode des 
      <a id="page51" name="page51" title="James/mbechtel"/> Wachstums ausüben. Mit dem Vorrücken der Jahre wird das nachgeahmte Beispiel zur Gewohnheit und allmählich so fest begründet, daß wir ihr, ehe wir es erkennen, gewissermaßen unsere persönliche Freiheit opfern.</p><p>Man erzählt von Platon, daß er einen Knaben tadelte, weil dieser an einem törichten Spiel teilnahm. »Du tadelst mich wegen einer Kleinigkeit,« sagte der Knabe. »Aber die Gewohnheit,« versetzte Platon, »ist keine Kleinigkeit.« Eine üble Gewohnheit ist solch ein Tyrann, daß der Mensch sich bisweilen von ihr nicht freimachen kann, obgleich er sie verwünscht. Er ist der Sklave seiner Gewohnheiten geworden, deren Macht er nicht zu widerstehen vermag. Daher sagte Locke, daß es eine der Hauptaufgaben moralischer Disziplin bleiben müsse, jene Kraft des Geistes zu schaffen und zu behaupten, welche imstande ist, die Macht der Gewohnheit zu besiegen.</p><p>Obgleich vieles an der Erziehung des Charakters durch das Beispiel spontan und unbewußt ist, braucht doch die Jugend nicht ihre Umgebung getreu nachzuahmen und ihr alles nachzubeten. Ihr eigenes Betragen, noch weit mehr als das ihrer Kameraden trägt dazu bei, den Willen zu festigen und die Grundsätze ihres Lebens zu bilden. Jeder besitzt in sich eine Kraft des Willens und freien Handels, die, wenn sie mutig angewendet wird, ihn in den Stand setzt, seine Freunde und Gefährten nach eigenem, individuellem Geschmack zu wählen. Nur aus Willensschwäche werden junge wie alte Leute die Sklaven ihrer Neigungen oder verfallen in servile Nachahmung anderer.</p><p>Es ist ein altes Sprichwort, daß man die Menschen an ihrem Umgang erkennt. Der Mäßige befreundet sich nicht mit dem Trunkenbold, der Gesittete nicht mit dem Rohen, der Anständige nicht mit dem Ausschweifenden.</p><p>Der Umgang mit sittlich tiefstehenden Personen beweist einen gemeinen Geschmack und ausschweifende Neigungen, und wer ihre Gesellschaft häufig aufsucht, verfällt einer Erniedrigung des Charakters. »Die Unterhaltung solcher Leute ist höchst schädlich,« sagt Seneka; »denn wenn sie auch nicht unmittelbar Schaden bringt, so bleibt doch die Saat in unserem Geiste und folgt uns, auch wenn wir die Leute verlassen haben – ein Pestkeim, der später verderbenbringend aufgeht.«</p><p>Wenn junge Leute verständig beeinflußt und geleitet werden und auch ihren eigenen freien Willen ausüben, so werden sie die Gesellschaft solcher Leute suchen, die besser sind als sie selbst, und sich bemühen, ihrem Beispiel zu folgen. In Gemeinschaft mit Guten finden werdende Naturen ihre beste Nahrung, während 
      <a id="page52" name="page52" title="Darkangel176/James"/> Gemeinschaft mit Bösen nur Übles hervorbringt. Es gibt Leute, die kennen zu lernen soviel bedeutet wie sie lieben, verehren, bewundern, und andere, die wir sofort fliehen und verachten. Lebe unter Leuten von edlem Charakter, und du wirst dich erhoben und erleuchtet fühlen. »Lebe unter Wölfen,« sagt das spanische Sprichwort, »und du wirst das Heulen lernen.«</p><p>Der Umgang mit mittelmäßigen, selbstsüchtigen Leuten kann sich als höchst schädlich erweisen, weil er zu einem trockenen, langweiligen zurückhaltenden und selbstsüchtigen Geiste führt, der wahrer Männlichkeit und Charaktergröße feindlich ist. Der Geist verliert sich bald auf schmalen Pfaden, das Herz wird eng und beschränkt, wird schwach, unentschlossen und schwankend, was großartigem Streben und wahrer Auszeichnung verderblich ist.</p><p>Andererseits ist der Verkehr mit Personen, die weiser, besser und erfahrener sind als wir, mehr oder weniger anspornend und kräftigend. Sie erhöhen unsere Kenntnis vom Leben. Wir korrigieren unser Urteil nach dem ihrigen und nehmen teil an ihrer Weisheit. Wir erweitern unsern Horizont um das, was sie sehen, ziehen Nutzen aus ihrer Erfahrung, und lernen nicht nur aus dem, was ihnen Freude bereitete, sondern auch, was noch lehrreicher ist, aus dem, was sie erduldet haben. Wenn sie stärker sind als wir, so nehmen wir teil an ihrer Stärke. Daher hat der Umgang mit klugen und energischen Naturen stets einen sehr wertvollen Einfluß auf die Bildung des Charakters. Er vergrößert unsere Hilfsquellen, stärkt unseren Willen, erhöht unsere Ziele und setzt uns in den Stand, sowohl unsere Angelegenheiten mit größerer Gewandtheit und Geschicklichkeit zu leiten, als auch andern wirksamere Hilfe zu leisten.</p><p>»Ich habe oft tief bedauert,« sagt Frau Schimmelpenninck, »daß ich durch meine einsame Jugend so viel verlor. Es gibt keine schlechtere Gesellschaft für uns, als unser ungebessertes Ich. Wer allein lebt, bleibt nicht nur unwissend hinsichtlich der Mittel, seinen Mitmenschen zu helfen, sondern auch in der Erkenntnis seiner Mängel, die der Abhilfe bedürfen. Ein Zusammenleben mit andern, das noch einsame Stunden der Zurückgezogenheit gestattet, kann einem Individuum reiche und mannigfaltige Erfahrungen gewähren; und die so erweckte Sympathie wird, wenn sie auch, anders als die Barmherzigkeit, draußen beginnt, nicht verfehlen, reiche Schätze heimzubringen. Der Umgang mit andern ist auch förderlich, unseren Charakter zu stärken und uns in den Stand zu setzen, unsern Weg weise und gut zu verfolgen, während wir unser vornehmstes Ziel nicht aus den Augen verlieren. 
      <a id="page53" name="page53" title="Darkangel176/James"/> Eine glückliche Beeinflussung, ein rechtzeitiger Wink oder der gütige Rat eines redlichen Freundes kann dem Leben eines jungen Mannes eine vollständig neue Richtung geben.</p><p>Dr. Paley zeichnete sich als Student auf dem Christ-College (Cambridge) sowohl durch seine Klugheit als auch durch seine Unbeholfenheit aus und war gleichzeitig der Liebling und die Zielscheibe des Witzes seiner Kameraden. Obgleich er große natürliche Anlagen besaß, war er unbesonnen, träge und verschwenderisch und beim Beginn seines dritten Studienjahres hatte er verhältnismäßig wenig Fortschritte gemacht. Nach einer wie gewöhnlich durchzechten Nacht sah er am folgenden Morgen einen Freund an seinem Bette stehen. »Paley,« sagte dieser, »ich habe nicht schlafen können, weil ich darüber nachdachte, was für ein Tor du bist. Ich habe die Mittel zur Verschwendung und könnte mir es erlauben, träge zu sein. Du bist arm und kannst dir's nicht leisten. Ich brächte wahrscheinlich nichts fertig und wenn ich's auch versuchte. Du kannst alles fertig bringen. Ich habe die ganze Nacht durchwacht und über deine Torheit nachgedacht, und ich komme jetzt, um dich feierlich zu warnen. Wenn du auf deiner Trägheit beharrst und so zu leben fortfährst, so muß ich auf deine Gesellschaft verzichten!«</p><p>Paley soll von dieser Ermahnung so mächtig bewegt gewesen sein, daß er sich von dem Augenblick an änderte. Er faßte einen ganz neuen Lebensplan und führte ihn mit beharrlichem Fleiße durch. Er wurde einer der eifrigsten der Studenten, überholte einen nach dem andern seiner Studiengenossen und war am Ende des Jahres der erste der Graduierten. Was er später als Schriftsteller und Theologe geleistet hat, ist genügend bekannt.</p><p>Keiner erkannte den Einfluß des persönlichen Beispiels auf die Jugend mehr als Arnold. Dies war der Haupthebel, den er anwandte in dem Bemühen, den Charakter seiner Schule zu heben. Zuerst ließ er es sein Bestreben sein, den führenden Knaben den rechten Geist einzuflößen, dadurch, daß er ihre guten und edlen Anlagen entwickelte; dann gebrauchte er sie als Werkzeuge, um denselben Geist unter den übrigen durch den Einfluß der Nachahmung, des Vorbildes und der Bewunderung zu verbreiten. Er bemühte sich, ihnen begreiflich zu machen, daß sie seine Mitarbeiter seien und mit ihm an der moralischen Verantwortlichkeit für die gute Leitung der Anstalt teil hätten. Einer der ersten Erfolge dieses hochsinnigen Systems war der, daß es die Knaben mit Stärke und Selbstachtung erfüllte. Sie fühlten, daß man ihnen vertraute. Es gab natürlich auch in 
      <a id="page54" name="page54" title="Darkangel176/James"/> Rugby schlechte Elemente wie auf allen Schulen; und es war die Pflicht des Lehrer, sie zu überwachen und zu verhindern, daß ihr böses Beispiel die anderen ansteckte. Bei einer Gelegenheit sagte er zu einem Hilfslehrer: »Sehen Sie diese beiden Knaben miteinander gehen? Ich sah sie noch nie beisammen. Sie müssen ganz besonders auf die Gesellschaft eines jeden Knaben achten: nichts zeigt so sehr die Veränderungen in dem Charakter eines Knaben an wie die Wahl ihrer Kameraden.«</p><p>Dr. Arnolds eigenes Beispiel war wie eine Inspiration, wie das eines jeden großen Lehrers. In seiner Gegenwart lernten die jungen Leute sich selbst achten, und aus der Wurzel der Selbstachtung erwuchsen die männlichen Tugenden. »Seine bloße Gegenwart,« sagt sein Biograph, »schien eine neue Quelle der Kraft und Gesundheit in ihnen zu erwecken und dem Leben ein Interesse und eine Gehobenheit zu geben, die noch andauerten, lange nachdem sie ihn verlassen hatten. Er wohnte als lebendiges Bild so beständig in ihrem Geiste, daß, als der Tod ihn hinweggenommen hatte, das Band noch fortzudauern schien und das Gefühl der Trennung fast in dem tieferen eines unzerstörbaren Lebens und Zusammenlebens unterging.«</p><p>So erzog Dr. Arnold eine Reihe mannhafter und edler Charaktere, die den Einfluß seines Beispiels in alle Teile der Welt verbreiteten.</p><p>Der Charakter ist in allen Lebenslagen von Bedeutung. Ein Mann von tüchtigem Charakter in einer Werkstätte wird für seine Genossen tonangebend sein und ihnen ein höheres Streben verleihen. So soll Franklin als Arbeiter in London die Manieren seiner ganzen Mitarbeiter verfeinert haben. Daher wird auch ein Mensch von schlechtem Charakter und geringer Energie seine Genossen unbewußt verderben und herabziehen. Kapitän John Brown – der »Vorwärts-Brown« – sagte einst zu Emerson, daß für einen Ansiedler in einem neuen Lande ein guter, zuverlässiger Mann mehr wert sei als hundert, ja tausend Männer ohne Charakter. Sein Beispiel wirkt so anziehend, daß alle anderen direkt und wohltätig von ihm beeinflußt werden und er sie unmerklich auf seinen eigenen Standpunkt energischer Tätigkeit heraufzieht und erhebt.</p><p>Verbindung mit guten Menschen bringt stets Gutes hervor. Der gute Charakter breitet seinen Einfluß immer weiter aus. »Ich war gemeiner Staub, bis man Rosen in mich pflanzte,« sagt das duftende Erdreich in einer orientalischen Fabel. Gleiches erzeugt Gleiches, und Gutes bringt Gutes hervor. »Es ist erstaunlich,« sagt Moselen, »wieviel Gutes durch Güte bewirkt wird. 
      <a id="page55" name="page55" title="Darkangel176/James"/> Weder Gutes noch Schlechtes bleibt allein, es bringt anderes Gutes oder Schlechtes hervor – und das wieder anderes und so fort: wie ein ins Wasser geworfener Stein, der Kreise hervorbringt, welche immer weitere verursachen, bis der letzte das Ufer berührt .... Fast alles Gute in der Welt ist, wie ich vermute, durch Überlieferung aus fernen Zeiten und oft unbekannten Zentren der Güte auf uns gekommen.« So sagt Ruskin: »Was von einem Übel stammt, erzeugt Übles und was von Tapferkeit und Ehre stammt, bringt Tapferkeit und Ehre hervor«.</p><p>Daher impft das Leben eines jeden einzelnen täglich den anderen sein gutes oder böses Beispiel ein. Das Leben eines guten Menschen ist zugleich die beredteste Lehre der Tugend und die schärfste Zurechtweisung des Lasters. Dr. Hooker beschrieb das Leben eines frommen Geistlichen aus seiner Bekanntschaft als »sichtbare Rhetorik,« die auch den Gottlosesten von der Schönheit der Güte überzeugte. Und so sagte der gute George Herbert, als er die Pflichten seiner Pfarrei antrat: »Vor allen Dingen will ich ein rechtes Leben führen, weil das tugendhafte Leben eines Geistlichen die mächtigste Beredsamkeit ist, um alle, die es sehen, zur Ehrfurcht zu bereden und wenigstens zu dem Wunsche, wie er zu leben. Und das will ich tun, fügte er hinzu, »weil ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, die mehr Beispiele als Vorschriften braucht.«</p><p>Die Güte hat eine bezaubernde und zwingende Macht. Der Mann, der von ihr durchdrungen ist, ist der wahre Herrscher der Menschheit und zieht alle Herzen an. Als General Nicholson tötlich verwundet vor Delhi lag, sandte er seinem ebenso edlen wie tapferen Freunde Sir Herbert Edwards folgende Botschaft: »Sagt ihm,« sprach er, ich wäre ein besserer Mensch geworden, wenn ich beständig bei ihm gelebt hätte und wenn mich nicht schwere Pflichten verhindert hätten, ihn öfters zu besuchen. Ich fühlte mich immer gehoben, wenn ich bei ihm und seiner Frau, gleichviel wie lange, geweilt hatte. Überbringt beiden meinen Gruß!«</p><p>Es gibt Leute, in deren Gegenwart wir ein geistiges Ozon einzuatmen glauben, so erfrischend und kräftigend wie Bergluft oder wie ein Bad im warmen Sonnenschein.</p><p>Schon der Anblick eines großen Mannes ist oft wie eine Inspiration für die Jugend, die nicht umhin kann, der Sanftmut, Tapferkeit, Wahrheitsliebe und Großmut Bewunderung und Liebe zu zollen. Chateaubriand sah Washington nur einmal, aber er erhielt einen unauslöschlichen Eindruck. Nachdem er die Zusammenkunft beschrieben hat, sagt er: »Washington sank ins 
      <a id="page56" name="page56" title="Darkangel176/James"/> Grab, ehe sich an meinen Namen nur ein Schimmer von Berühmtheit geheftet hatte. Ich ging vor ihm vorüber als das unbekannteste aller Wesen. Er war in der Fülle seines Ruhmes, ich in der Tiefe meiner Verborgenheit. Mein Name blieb wahrscheinlich nicht einen Tag in seinem Gedächtnis, doch fühlte ich mich glücklich, da seine Blicke auf mich fielen. Sie wärmten mich mein ganzes Leben lang. Sogar im Blicke eines großen Mannes liegt eine Tugend.«</p><p>Als Niebuhr starb, sagte sein Freund Friedrich Perthes von ihm: »Was war das für ein Zeitgenosse! Der Schrecken aller Schlechten und Gemeinen, die Stütze aller Wahrhaften und Ehrlichen, der Freund und Helfer der Jugend.« Perthes sagte bei einer anderen Gelegenheit: »Einem mit Schwierigkeiten kämpfenden Manne tut es gut, sich von erprobten Kämpfern umgeben zu sehen; böse Gedanken werden in die Flucht geschlagen, wenn das Auge auf das Bild eines Menschen fällt, in dessen Gegenwart wir erröten würden, sie zu hegen.« Ein katholischer Geldverleiher pflegte einen Schleier über das Bild seines Lieblingsheiligen zu ziehen, wenn er betrügen wollte. Hazlitt sagte vor dem Bilde einer schönen Frau, es schiene ihm unmöglich, in ihrer Gegenwart eine häßliche Handlung zu begehen. »Es tut einem gut, auf sein männliches ehrliches Gesicht zu schauen,« sagte eine arme deutsche Frau, auf ein Bild des großen Reformators zeigend, das an der Wand ihrer bescheidenen Wohnung hing.</p><p>Sogar das in einem Zimmer aufgehängte Bild eines edlen oder großen Mannes ist eine Art Gemeinschaft mit ihm. Es gibt uns ein engeres persönliches Interesse an ihm. Wenn wir seine Gesichtszüge betrachten, glauben wir, ihn näher zu kennen und in engerer Beziehung zu ihm zu stehen. Es ist ein Band, das uns mit einer edleren und besseren Natur, als unsere eigene ist, verknüpft. Wenn wir auch weit davon entfernt sein können, den Standpunkt unseres Helden zu erreichen, so werden wir bis zu einem gewissen Grade dadurch gestützt und gestärkt, daß er sich im Bilde vor uns befindet.</p><p>Professor Inndall sprach von Faradays Freundschaft als »Energie und Begeisterung«. Nachdem er einen Abend mit ihm zugebracht hatte, schrieb er: »Seine Arbeit erregt Bewunderung, aber eine Berührung mit ihm erwärmt und erhebt das Herz. Das ist eine wahrhaft kräftige Natur. Ich liebe die Kraft, aber ich darf nicht vergessen, daß Faradays Charakter ein Beispiel für ihre Vereinigung mit Mäßigung, Zartheit und Sanftmut ist.«</p><p>Selbst die zartesten Naturen üben auf den Charakter anderer einen mächtigen Einfluß zum Guten aus. So scheint Wordsworth 
      <a id="page57" name="page57" title="Kassan/James"/> besonders von dem Charakter seiner Schwester Dorothea beeinflußt worden zu sein, die dauernd auf sein Herz und Gemüt einwirkte. Er bezeichnet sie als den Segen seiner Jugend und des Mannesalters. Obgleich sie zwei Jahre jünger war als er, trug sie sehr dazu bei, seine Natur zu bilden und seinen Geist dem Einflusse der Dichtung zu erschließen.</p><p>So werden die zartesten Naturen befähigt, durch die Macht der Liebe und der Vernunft den Charakter großer Männer zu bilden, die bestimmt sind, die Menschheit für alle Zeiten zu beeinflussen und zu erheben.</p><p>Sir William Rapier schrieb die früh betätigte Richtung seines Charakters zuerst dem Einflusse zu, den seine Mutter auf ihn ausübte, als er noch ein Knabe war, und dann als Mann dem edlen Beispiel seines Befehlshabers, Sir John Moore. Moore entdeckte frühzeitig die Fähigkeiten des jungen Offiziers; und Rapier war einer derjenigen, zu denen der General bei Corunna die aufmunternden Worte sagte: »Gut gemacht, Offiziere!« Als er an seine Mutter schrieb und den kleinen Hofstaat beschrieb, von dem Moore umgeben war, sagte er: »Wo können wir einen solchen König finden?« Hauptsächlich der persönlichen Anhänglichkeit Sir William Rapiers an seinen Chef verdankt die Welt sein großes Buch »
      <i>The History of the Peninsular War</i>«. Direkt veranlaßt zur Abfassung des Buches wurde er durch den Rat eines anderen Freundes, des verstorbenen Lord Langdale, auf einem Spaziergang über die Gefilde, wo heute Belgravia liegt. »Lord Langdale,« sagte er, »entzündete zuerst das Feuer in mir.« Und von Sir William Rapier selbst sagt sein Biograph mit Recht, daß »keine denkende Persönlichkeit mit ihm in Berührung kommen konnte, ohne von dem Genius dieses Mannes stark beeinflußt zu werden.«</p><p>Die Laufbahn des verstorbenen Dr. Marshall Hall war ein lebenslängliches Beispiel dafür, wie unter dem Einfluß eines Charakters Charaktere sich bilden. Viele noch lebende hervorragende Leute schreiben ihren Einfluß im Leben seinen Anregungen und seinem Beistande zu, ohne den sie manche Studien und Forschungspfade nicht oder wenigstens nicht so früh beschritten haben würden. Den jungen Leuten um ihn pflegte er zuzurufen: »Ergreift einen Gegenstand und verfolgt ihn recht, und es kann euch nicht an Erfolg fehlen.« Oft pflegte er einem jungen Freunde einen neuen Gedanken darzubieten, wobei er sagte: »Ich schenke Ihnen diesen Gedanken; er wird Ihnen Glück bringen, wenn Sie ihn mit Energie verfolgen.« Energie des Charakters hat immer die Kraft, in anderen die Energie zu erwecken. Sie wirkt durch das mächtige Agens der Sympathie. Der eifrige, tatkräftige 
      <a id="page58" name="page58" title="James/ancistrus"/> Mensch zieht unbewußt andere mit sich. Sein Beispiel ist ansteckend und fordert zur Nachahmung heraus. Es geht von ihm eine Art elektrischen Stromes aus, der alle Nerven durchbebt, in die Naturen um ihn her flieht und Funken aus ihnen hervorlockt.</p><p>Dr. Arnolds Biograph sagt, als er von der Macht dieser Art spricht, die er über junge Leute ausübte: »Es war nicht so sehr enthusiastische Bewunderung für echtes Genie oder Gelehrsamkeit oder Beredsamkeit, die sich in ihnen regte, es war ein sympathischer Ton, der von dem Geiste angeschlagen wurde, welcher eifrig am Werk war in der Welt – dessen Werk gesund, ununterbrochen war und beständig in der Furcht Gottes fortgesetzt wurde – ein Werk, das sich auf ein tiefes Gefühl für die Pflicht und ihren Wert gründete«.</p><p>Wenn geniale Männer eine solche Macht ausüben, so erwecken sie Mut, Begeisterung und Ehrfurcht. Es ist diese lebhafte Bewunderung für Individuen – denn man kann sie sich nicht für eine Menge gehegt vorstellen – die zu allen Zeiten Heroen und Märtyrer hervorgebracht hat. So macht sich die Herrschaft des Charakters fühlbar. Er wirkt begeisternd, belebt und treibt die seinem Einflüsse unterworfenen Naturen an.</p><p>Große Männer strahlen in reichem Maße Kräfte aus, welche ihrerseits nicht nur solche in Bewegung setzen, sondern sogar übermitteln und schaffen. So hat Dante eine Reihe großer Geister erweckt und nach sich gebildet – Petrarca, Boccaccio, Tasso und andere mehr. Von ihm lernte Milton die Stiche böser Zungen und die Schmach übler Tage ertragen; und lange Jahre danach stimmte Byron, als er unter den Pinien Ravennas Dantes gedachte, seine Harfe zu erhabeneren Klängen, als er jemals versucht hatte. Dante wirkte anfeuernd auf die größten Maler Italiens – Giotto, Orcagna, Michelangelo und Raffael. So begeisterten sich Ariost und Tizian wechselseitig und erhoben einer des andern Ruhm.</p><p>Große und gute Männer ziehen andere nach sich, die spontane Bewunderung der Menschheit hervorrufend. Diese Bewunderung eines edlen Charakters erhebt den Geist und dient dazu, ihn von der Herrschaft der Selbstsucht zu befreien, die ein Stein des Anstoßes für moralische Verbesserung ist. Das Andenken solcher Menschen, die sich durch große Gedanken oder Taten ausgezeichnet haben, scheint – für den Augenblick wenigstens – eine reinere Atmosphäre in uns zu schaffen und unsere Ziele und Bestrebungen unwillkürlich zu erhöhen.</p><p>»Sage mir, wen du bewunderst,« sagte Saint-Beuve, »und ich will dir sagen, wer du bist, wenigstens was deine Talente, 
      <a id="page59" name="page59" title="James/ancistrus"/> deinen Geschmack und Charakter betrifft.« Bewunderst du gemeine Menschen, so ist deine eigene Natur gemein. Bewunderst du die Reichen, so bist du von der Erde, bist irdischen Sinnes. Bewunderst du Männer von Rang und Namen, so bist du ein Speichellecker, ein Stellenjäger. Bewunderst du ehrliche, tapfere, mannhafte Menschen, so bist du selbst von ehrlichem, tapferen und mannhaften Geiste.</p><p>In der Jugendzeit, wenn der Charakter sich bildet, ist der Trieb zur Bewunderung am größten. Je weiter wir im Leben fortschreiten, desto mehr kristallisieren wir zu Gewohnheiten, und »
      <i>Nil Admirari</i>« wird allzuoft unser Motto. Es ist gut, die Bewunderung großer Charaktere zu ermutigen, so lange die Natur bildsam und für Eindrücke empfänglich ist; denn wenn die Guten nicht bewundert werden, so wird sich die Jugend – da sie Helden irgendwelcher Art braucht – die großen Schurken zum Vorbild nehmen. Daher freute es Dr. Arnold immer, wenn seine Zöglinge Bewunderung für große Taten äußerten oder voller Enthusiasmus für Personen oder auch nur eine schöne Landschaft waren. »Ich glaube,« sagte er, daß »
      <i>Nil admirari</i>« des Teufels Lieblingstext ist, und er konnte keinen bessern wählen, um seine Zöglinge in die dunkleren Teile seiner Lehre einzuführen. Ich habe immer einen Mann, der mit der Krankheit der Antiromantik behaftet war, als einen angesehen, der den schönsten Teil seiner Natur und seinen besten Schutz gegen alles Gemeine und Törichte eingebüßt hat.«</p><p>Es war ein schöner Charakterzug des Prinzen Albert, daß er immer bereit war, den guten Taten anderer Achtung zu zollen. »Er hatte die größte Freude daran,« sagte sein Biograph, »wenn jemand einen schönen Ausspruch tat oder eine gute Tat vollbrachte. Tagelang freute er sich dann und plauderte darüber; und ob der Ausspruch oder die Tat von einem kleinen Kind oder einem ergrauten Staatsmann herrührte, das tat seiner Freude keinen Abbruch. Er freute sich, wenn ein Mensch bei irgend einer Gelegenheit oder auf irgend eine Weise etwas Gutes tat.«</p><p>»Keine Eigenheit,« sagt Dr. Johnson, »wird einem Menschen mehr Freunde erwerben, als aufrichtige Bewunderung der Vorzüge anderer. Sie offenbart Großmut, Freimütigkeit, Herzlichkeit und freudige Anerkennung des Verdienstes.«</p><p>Die meisten jungen Leute von hochherziger Gesinnung haben ihre Helden, besonders wenn sie gern Bücher lesen. So legte einst Allan Cunningham, als er noch Maurerlehrling in Nithsdale war, den ganzen Weg nach Edinburg zurück, bloß um Sir Walter Scott zu sehen, wenn er durch die Straße ging. Wir müssen unwillkürlich die Begeisterung des Burschen bewundern und den 
      <a id="page60" name="page60" title="James/ancistrus"/> Impuls achten, der ihn zu der Reise antrieb. Von Sir Josua Reynolds wird berichtet, daß er seine Hand durch die ihn umgebende Menschenmenge streckte, um Pope zu berühren, als ob in dessen Berührung eine besondere Kraft läge. Zu einer viel späteren Zeit war der Maler Haydon stolz darauf, Reynolds zu sehen und zu berühren, als er ihn in seinem Heimatsorte aufsuchte. Der Dichter Rogers erzählte von seinem heißen Wunsche, Dr. Johnson zu sehen, den er als Knabe hegte; aber als seine Hand auf dem Türklopfer des Hauses in Bolt Court lag, fehlte ihm der Mut und er kehrte um. Auch der verstorbene Isaak Disraeli sprach in Bolt Court zu demselben Zwecke vor; er hatte zwar den Mut anzuklopfen, wurde aber zu seiner Betrübnis von dem Diener benachrichtigt, daß der große Lexikograph vor wenig Stunden den letzten Atemzug getan hatte.</p><p>Andererseits können beschränkte und unedle Naturen nichts aufrichtig bewundern. Zu ihrem Unglück können sie große Männer und Taten nicht einmal erkennen, geschweige denn verehren. Eine gemeine Natur bewundert nur das Gemeine. Der Kröte höchstes Schönheitsideal ist die Kröte. Des kleinen Gecken höchster Begriff der Männlichkeit ist der große Geck. Der Sklavenhändler bewertet einen Menschen nach seinen Muskeln. Als Sir Godfrey Kneller zu einem Händler aus Guinea in Gegenwart Popes sagte, daß zwei der größten Menschen der Welt vor ihm ständen, antwortete er: »Ich weiß nicht, wie groß ihr seid, aber ihr gefallt mir nicht. Ich habe oft einen viel bessern Mann als ihr beide zusammen, ganz aus Knochen und Muskeln bestehend, für zehn Guinees gekauft.«</p><p>Obgleich Rochefoucauld in einem seiner Sinnsprüche sagt, daß auch an dem Unglück unserer besten Freunde etwas ist, was uns nicht ganz und gar unangenehm ist, so empfinden doch nur beschränkte und besonders gemeine Naturen Freude an der Enttäuschung und Ärger über den Erfolg anderer. Es gibt zu ihrem eigenen Unheil so beschaffene Leute, daß sie nicht das Herz für Großmut haben. Die Unangenehmsten aber sind die, welche »sitzen da die Spötter sitzen.« Leute dieser Art betrachten oft den Erfolg anderer, selbst in einem guten Werk, als eine Art persönlicher Beleidigung. Sie können es nicht ertragen, einen andern gelobt zu hören, besonders, wenn er zu ihrem Stand, Gewerbe oder Beruf gehört. Sie werden die Fehler eines Mannes vergeben, aber sie können es ihm nicht verzeihen, wenn er etwas besser macht als sie. Und worin sie selbst fehlten, darin erweisen sie sich als die unbarmherzigsten Richter.</p><p>Der gemeine Geist beschäftigt sich mit Bespötteln, Bekritteln und Splitterrichten, immer bereit, über alles zu höhnen, außer 
      <a id="page61" name="page61" title="James/ancistrus"/> über freche Unverschämtheit und erfolgreiches Laster. Der größte Trost solcher Leute sind die Mängel charaktervoller Männer. »Wenn die Weisen nicht irrten,« sagt George Herbert, »so wären die Narren übel daran.« Aber obwohl der Weise von Toren lernen kann, dadurch daß er ihre Fehler vermeidet, so lernen Toren selten aus dem Beispiel, das Weise ihnen gegeben haben. Ein deutscher Schriftsteller sagte, daß nur eine erbärmliche Gesinnung sich bemüht, die Fehler in dem Charakter großer Männer oder großer Zeiten zu finden. Laßt uns sie lieber mit der Nachsicht Bolingbrokes beurteilen, der bemerkte, als man ihn an die bekannten Schwächen Marlboroughs erinnerte: »Er war so groß, daß ich darüber jenen Fehler ganz vergaß.«</p><p>Die Bewunderung großer Männer, seien sie lebend oder tot, ruft natürlich in mehr oder minder hohem Grade Nachahmung hervor. Schon als Jüngling wurde Themistokles durch die großen Taten seiner Zeitgenossen angefeuert, und er brannte darauf, sich im Dienste des Vaterlandes auszuzeichnen. Als die Schlacht bei Marathon geschlagen worden war, verfiel er in Melancholie und als ihn seine Freunde nach deren Ursache fragten, versetzte er: »Die Triumphe des Miltiades lassen mich nicht schlafen.« Wenige Jahre später sehen wir ihn an der Spitze des Athenischen Heeres, er schlägt die Perserflotte des Xerxes in den Schlachten bei Artemisium und Salamis – und sein Vaterland erkennt dankbar an, daß es durch seine Weisheit und Tapferkeit gerettet worden ist.</p><p>Von Thukydides wird berichtet, daß er als Knabe in Tränen ausbrach, als er Herodot seine Geschichte vorlesen hörte, und der Eindruck auf seinen Geist war so stark, daß er die Richtung seines eigenen Genies bestimmte. Demosthenes wurde gelegentlich so von der Beredsamkeit des Callistratus begeistert, daß in ihm der Ehrgeiz sich regte, auch ein Redner zu werden. Doch Demosthenes war körperlich schwächlich, hatte eine schwache Stimme, undeutliche Aussprache und kurzen Atem – Fehler, die er nur durch fleißiges Studium und unerschütterliche Entschlossenheit überwinden konnte. Aber trotz all seiner Übung wurde er nie ein Redner, der unvorbereitet sprechen konnte; alle seine Reden, auch die berühmtesten, verraten Anzeichen sorgfältiger Ausarbeitung – fast in jedem Satze ist die Kunst und der Fleiß des Redners sichtbar.</p><p>Ähnliche Beispiele, daß ein Charakter dem andern nachahmt und sich nach dem Stil, der Weise und dem Genius großer Männer bildet, findet man in der ganzen Geschichte. Krieger, Staatsmänner, Redner, Patrioten, Dichter und Künstler – alle sind mehr oder weniger unbewußt von dem Leben und den Taten 
      <a id="page62" name="page62" title="James/ancistrus"/> derer beeinflußt worden, die vor ihnen lebten oder sich in Person ihrer Nachahmung darboten.</p><p>Große Männer haben die Bewunderung von Königen, Päpsten und Kaisern erregt. Franz von Medici sprach stets unbedeckten Hauptes mit Michelangelo, und Julius III. ließ ihn an seiner Seite niedersitzen, während ein Dutzend Kardinäle standen. Karl V, machte Tizian Platz, und als eines Tages der Pinsel der Hand des Malers entfiel, bückte sich Karl und hob ihn auf mit den Worten: »Ihr seid es wert, von einem Kaiser bedient zu werden.« Leo X. bedrohte alle mit der Exkommunikation, welche die Gedichte Ariostos ohne die Zustimmung des Dichters druckten oder verkauften. Derselbe Papst stand an dem Totenbette Raffaels, wie Franz I. an dem Leonardo da Vincis.</p><p>Obgleich Haydn einmal scherzhaft äußerte, daß er von allen geliebt und geachtet werde, ausgenommen von den Professoren der Musik, so waren doch gerade die größten Musiker stets bereit, der andern Größe anzuerkennen. Haydn selbst scheint von kleinlicher Eifersucht gänzlich frei gewesen zu sein. Seine Bewunderung für den berühmten Porpora ging so weit, daß er sich entschloß, sich Zutritt zu seinem Hause zu verschaffen und sein Diener zu werden. Nachdem er die Bekanntschaft der Familie gemacht hatte, in der Porpora lebte, betraute man ihn mit jenem Amte. Jeden Morgen bürstete er jetzt den Rock des alten Herrn aus, wichste seine Schuhe und brachte seine Perücke in Ordnung. Zuerst war Porpora über den Eindringling aufgebracht; aber sein Unwille besänftigte sich bald und ging sogar in Zuneigung über. Er entdeckte schnell das Genie seines Dieners und leitete ihn durch seinen Unterricht auf jene Bahn, auf welcher Haydn später solche Bedeutung erlangte.</p><p>Haydn selbst war ein begeisterter Bewunderer Händels. »Er ist unser aller Vater,« sagte er einst. Scarlatti folgte voll Bewunderung Händel durch ganz Italien und wenn sein Name genannt wurde, bekreuzte er sich zum Zeichen der Verehrung. Mozart zollte dem großen Komponisten nicht weniger herzliche Bewunderung. »Wenn Händel will,« sagte er, »so fährt er drein wie der Donnerkeil.« Beethoven pries ihn als den »König im Reiche der Musik.« Als Beethoven auf dem Sterbebett lag, sandte ihm einer seiner Freunde Händels Werke in vierzig Bänden als Geschenk. Sie wurden in sein Zimmer gebracht und sie mit sich wieder belebendem Auge anstarrend, rief er aus, mit dem Finger auf sie zeigend: »Hier – hier ist die Wahrheit!«</p><p>Haydn erkannte nicht nur das Genie derer an, die vor ihm lebten, sondern auch seiner jungen Zeitgenossen, Mozart und Beethoven. 
      <a id="page63" name="page63" title="James/ancistrus"/> Beschränkte Menschen mögen auf ihre Genossen neidisch sein, aber wahrhaft große Männer suchen und lieben einander. Über Mozart schrieb Haydn: »Ich wünschte nur, ich könnte jedem Freunde der Musik und besonders großen Männern dieselbe Tiefe musikalischer Sympathie und die Wertschätzung der unnachahmlichen Musik Mozarts mitteilen, die ich empfinde und genieße; dann würden Nationen miteinander ringen, um solch ein Juwel in ihren Grenzen zu besitzen. Prag sollte sich nicht nur bemühen, diesen köstlichen Mann festzuhalten, sondern ihn auch gebührend zu belohnen; denn ohne dies ist die Geschichte eines großen Genies wahrhaft traurig .... Es bringt mich auf, daß der unvergleichliche Mozart noch nicht von einem kaiserlichen oder königlichen Hof engagiert worden ist. Vergebt mir meinen Zorn; aber mir ist der Mann so teuer.«</p><p>Mozart erkannte ebenfalls die Verdienste Haydns hochherzig an. »Mein Herr,« sagte er zu einem Kritiker, als sie von jenem redeten, wenn Sie und ich verschmolzen würden, so würden wir noch nicht genug Material für einen Haydn liefern.« Und als Mozart zum erstenmal Beethoven hörte, bemerkte er: »Hören Sie diesem jungen Manne zu, und seien Sie versichert, daß er sich in der Welt einen großen Namen erringen wird.«</p><p>Buffon stellte Newton über alle anderen Philosophen und bewunderte ihn so sehr, daß er stets sein Bild vor sich stehen hatte, wenn er arbeitete. So schaute Schiller zu Shakespeare auf, den er jahrelang ehrfürchtig und eifrig studierte, bis er die Natur selbst verstehen konnte, und dann wurde seine Bewunderung noch glühender.</p><p>Das Beispiel, das große und gute Menschen gegeben haben, vergeht nicht; es lebt und spricht zu allen folgenden Generationen. Sehr ergreifend waren die Worte, die Disraeli kurz nach dem Tode Cobdens vor dem Unterhause sprach: »Wenn wir uns an den unvergleichlichen und unersetzlichen Verlust erinnern, so bleibt uns doch der Trost, daß jene großen Männer uns nicht ganz verloren sind – daß ihre Worte oft in diesem Hause genannt werden, daß ihr Beispiel oft angeführt und angerufen wird und daß selbst ihre Ausdrücke in unsern Diskussionen und Debatten oft gebraucht werden. Es gibt jetzt, darf ich sagen, einige Parlamentsmitglieder, die, wenn sie auch nicht gegenwärtig sind, doch Mitglieder dieses Hauses sind – die weder von einer Parlamentsauflösung, noch von den Launen der Wählerschaft, noch von dem Laufe der Zeit abhängig find. Ich denke, daß Cobden einer dieser Männer war.«</p><p>Die große Lehre einer Biographie ist es, daß sie uns zeigt, was der Mensch bei redlichem Bemühen sein und leisten kann. 
      <a id="page64" name="page64" title="buchtux/James"/> Sie gibt so jedermann erneute Kraft und neues Vertrauen. Der Bescheidenste darf angesichts des Größten bewundern, hoffen und Mut fassen. Diese Großen, nach Blut und Abstammung unsere Brüder, die jetzt ein universelles Leben führen, sprechen noch aus dem Grabe zu uns und weisen uns auf den Pfad, den sie betreten haben. Ihr Beispiel wirkt noch auf uns, um uns zu führen, zu beeinflussen und zu leiten. Denn ein edler Charakter ist ein immerwährendes Vermächtnis, das durch alle Zeiten fortlebt und sich bemüht, seinesgleichen hervorzubringen.</p><p>»Der Weise,« sagen die Chinesen, »belehrt hundert Zeitalter. Wenn sie von dem Leben Lus hören, so werden die Dummen klug und die Schwankenden entschlossen.« So ist das tätige Leben eines guten Mannes beständig ein Evangelium der Freiheit und Befreiung für alle, die ihm nachfolgen: »In den Herzen weiterleben, heißt unsterblich sein.«</p><p>Die goldenen Worte, die gute Menschen äußerten, das Beispiel, das sie gaben, leben durch alle Zeiten: sie gehen in die Gedanken und Herzen ihrer Nachfolger über, helfen ihnen auf dem Pfad des Lebens und trösten sie oft in der Todesstunde. »Der elendeste und schmerzhafteste Tod,« sagte Henry Marten, der Republikaner, der im Gefängnis starb, »ist wie nichts, verglichen mit dem Andenken eines guten Lebenswandels, und groß allein ist nur der, welcher sich das Privileg erworben hat, solch eine Lehre und solch ein Beispiel seinen Nachfolgern zu hinterlassen.«</p></div><div class="chapter" id="chap005"><h3>4. Kapitel. Arbeit</h3><div class="motto"><p>Jedermann sei tätig, und tätig in der höchsten Beschäftigung, deren er fähig ist, und sterbe mit dem Bewußtsein, sein Bestes getan zu haben.</p><p><i>Sydney Smith.</i></p></div><p>Einer der besten Erzieher zu einem praktischen Charakter ist die Arbeit. Sie erweckt und schult Gehorsam, Selbstbeherrschung, Aufmerksamkeit, Fleiß und Beharrlichkeit; sie verleiht dem Menschen Einsicht und Geschicklichkeit in seinem besonderen Berufe, und Gewandtheit und Schnelligkeit in den Angelegenheiten des täglichen Lebens. 
      <a id="page65" name="page65" title="bernbisch/James"/> Die Arbeit ist das Gesetz unseres Daseins – das lebendige Prinzip, das Menschen und Nationen vorwärtsbringt. Die Mehrzahl der Menschen ist in die Notwendigkeit versetzt, sich ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen; aber alle müssen auf irgend eine Weise arbeiten, wenn sie das Leben genießen wollen, wie es genossen werden sollte.</p><p>Die Arbeit kann eine Last und Strafe sein, aber sie ist auch eine Ehre oder ein Ruhm: ohne sie kann nichts vollendet werden. Alles Große im Menschen rührt von der Arbeit her, und die Zivilisation ist ihr Erzeugnis. Würde die Arbeit abgeschafft, so wäre das Geschlecht Adams auf einmal dem moralischen Tode überliefert.</p><p>Die Trägheit ist der Fluch des Menschen, nicht die Arbeit. Die Trägheit zerfrißt das Herz des Menschen wie der Nationen, und verzehrt sie wie der Rost das Eisen. Als Alexander die Perser besiegt und ihre Sitten kennen gelernt hatte, machte er die Bemerkung, daß sie nicht zu wissen schienen, daß es nichts knechtischeres gibt als ein Leben des Vergnügens und nichts Edleres als ein Leben der Arbeit.</p><p>Als der Kaiser Severus auf dem Totenbett lag, zu York, wohin man ihn auf einer Tragbahre vom Fuße der Grampianberge gebracht hatte, rief er seinen Soldaten als letztes Losungswort zu: »
      <i>Laboremus</i>« (arbeiten wir!); und nichts als beständige Arbeit stützte und breitete Macht und Ansehen der römischen Feldherren aus.</p><p>Bei der Beschreibung der früheren sozialen Lage Italiens, wo man die gewöhnlichen ländlichen Arbeiten mit der höchsten bürgerlichen Würde für verträglich hielt, spricht Plinius von den triumphgeschmückten Feldherren und Soldaten, die zufrieden zu ihrem Pflug zurückkehrten. »Zu jenen Zeiten bestellten sogar Feldherren den Acker eigenhändig, der frohlockend die Pflugschar trug, welche mit Lorbeeren geschmückt war und von einem sieggekrönten Pflüger geführt wurde.« Erst als man Sklaven in ausgedehntem Maße in allen Zweigen der Industrie beschäftigte, wurde die Arbeit als entehrend und knechtisch angesehen. Und sobald als Indolenz und Luxus die charakteristischen Merkmale der herrschenden Klassen Roms wurden, war der Niedergang Roms früher oder später unvermeidlich.</p><p>Es gibt unter allen Neigungen unserer Natur vielleicht keine, vor der wir uns mehr hüten müssen, als die Trägheit. Als Gurney einen intelligenten Ausländer, der den größten Teil der Welt bereist hatte, fragte, ob er irgend eine Eigenschaft bemerkt hätte, die als ein allgemeines Charaktermerkmal unseres Geschlechts angesehen werden 
      <a id="page66" name="page66" title="bernbisch/James"/> kann, sagte er in gebrochenem Englisch: ›
      <i>Me tink dat all men love lazy.</i>‹ (Mich dünkt, alle Menschen lieben die Trägheit.) Sie ist für den Wilden wie für den Despoten charakteristisch. Es ist ganz natürlich, daß der Mensch die Produkte der Arbeit ohne ihre Mühe genießen will. Dieser Wunsch ist in der Tat so universell, daß James Mill äußerte, die Regierung wäre ursprünglich nur zu dem Zwecke erfunden worden, um die Faulheit auf Kosten der Gesellschaft zu verhindern.</p><p>Der Müßiggang ist für Individuen wie für Nationen gleich erniedrigend. Der Träge hat noch nie etwas Großes vollbracht und wird es auch nicht tun. Er erklimmt nie einen Hügel und überwindet nie eine Schwierigkeit, wenn er es vermeiden kann. Alles mißlingt ihm im Leben und wird immer mißlingen. Es liegt in der Natur der Dinge, daß er nie in etwas Erfolg hat. Er ist eine Last, ein Hindernis, ein Schaden – immer nutzlos, kläglich, traurig und elend.</p><p>Burton schreibt in seinem merkwürdigen und seltsamen Buche – von dem Johnson sagt, daß es ihn veranlaßt habe, zwei Stunden früher als gewöhnlich aufzustehen – die Ursachen der Schwermut hauptsächlich der Trägheit zu. »Die Trägheit,« sagt er, »ist der Fluch des Körpers und Geistes, die Amme der Nichtsnutzigkeit, die Wurzel alles Übels, eine der sieben Todsünden, des Teufels Ruhekissen, sein Pfühl und Lieblingslager.... Ein fauler Hund wird räudig, und wie soll ein träger Mensch dem entgehen. Faulheit des Geistes ist noch schlimmer als die des Körpers; der unbeschäftigte Verstand ist eine Krankheit – der Rost der Seele, eine Pest, die Hölle selbst. Wie in einem stagnierenden Sumpf Würmer und Schlingpflanzen überhand nehmen, so wuchern böse und verderbliche Gedanken im Geiste des Trägen und beflecken die Seele. So wage ich kühn zu behaupten: Wer träge ist, gehöre er einem Stand an welchem er will, sei er reich, von guter Abkunft, vermögend, scheinbar glücklich – mag er alles im Überfluß haben, so daß er sich alles, was das Herz zur Glückseligkeit und Zufriedenheit wünscht, verschaffen kann: so lange er müßig ist, wird er sich nie weder geistig noch körperlich glücklich fühlen, aber immer abgespannt, kränklich, ärgerlich, übersättigt, immer weinerlich, seufzend, kummervoll, argwöhnisch, mit sich und der Welt zerfallen sein, sich weit weg oder tot wünschen, oder er läßt sich von irgend einer törichten Laune einnehmen.«</p><p>Burton sagt noch mehr über denselben Gegenstand. Der Inhalt und die Lehre seines Buches (
      <i>Anatomy of Melancholy</i>) ist aber in dem prägnanten Schlußsatz zusammengefaßt. »Nimm dies als Zusammenfassung und Schluß. Wenn du bei irgend einer 
      <a id="page67" name="page67" title="bernbisch/James"/> Art von Schwermut deine körperliche und geistige Gesundheit erhalten willst, so befolge diese kurze Vorschrift: Überlasse dich nicht der Einsamkeit und dem Müßiggang. Sei nicht einsam – sei nicht träge«.</p><p>Der Träge ist indessen nicht ganz müßig. Wenn auch der Körper die Arbeit scheut, so ist das Gehirn nicht untätig. Wenn es nicht Korn baut, so baut es Disteln, die man längs der Laufbahn des Trägen im Leben aufgeschossen findet. Die Geister des Müßigganges erheben sich in der Dunkelheit und starren dem Schwächling ins Gesicht, um ihn zu peinigen.</p><p class="vers">»Die Götter sind gerecht; aus unsern Lieblingslastern
      <br/> Verfert'gen sie die Geißeln unsrer Torheit.«</p><p>Das wahre Glück liegt nicht darin, daß unsere Fähigkeiten schlummern, sondern, daß sie tätig sind und nützlich angewandt werden. Die Trägheit erschöpft uns, nicht die Tätigkeit; diese ist Leben, Gesundheit und Vergnügen. Der Geist kann durch die Arbeit müde und matt werden, aber durch Trägheit wird er gänzlich verwüstet. Daher pflegte ein kluger Arzt die Tätigkeit als eines seiner wertvollsten Heilmittel anzusehen. »Nichts ist schmachvoller«, sagte Dr. Marshall Hall, »als vergeudete Zeit.« Ein Mainzer Erzbischof pflegte zu sagen, daß das Herz wie ein Mühlstein ist: wenn man Weizen hineinschüttet, mahlt er ihn zu Mehl; wenn man nichts hineinschüttet, so mahlt er doch, aber sich selbst zu Staub.</p><p>Die Faulheit hat gewöhnlich viele Entschuldigungen, und der Faulpelz, obschon unlustig zur Arbeit, zeigt sich oft als scharfsinniger Sophist. »Es ist ein Löwe auf dem Pfad«, »der Berg ist schwer zu erklimmen«, »es lohnt nicht der Mühe«, »ich habe es versucht, doch umsonst, und kann es nicht fertig bringen«. Auf diese Sophismen eines jungen Mannes schrieb Sir Samuel Romilly einst: »Mein Angriff auf Ihre Trägheit, Zeitvergeudung usw. war sehr ernsthaft gemeint, und ich glaube, daß es nur Ihrem Mangel an Beschäftigung zuzuschreiben ist, daß Sie solche seltsame Argumente zu Ihrer Verteidigung gebrauchen. Ihre Theorie lautet: Jedermann tut so viel Gutes, als er kann. Wenn ein Individuum nichts Gutes tut, so ist dies ein Beweis, daß er dessen unfähig ist. Daß Sie nicht schreiben, beweist, daß Sie es nicht können; und Ihr Mangel an Neigung zeigt Ihren Mangel an Talenten. Was für ein wunderbares System – und was für wohltätige Folgen würde es haben, wenn es allgemein angenommen würde!«</p><p>Man hat mit Recht gesagt, daß der Wunsch, eine Sache zu besitzen, ohne sie erringen zu müssen, ebenso ein Zeichen von 
      <a id="page68" name="page68" title="bernbisch/ancistrus"/> Schwäche ist, als die Anerkennung, daß das Hauptgeheimnis praktischer Kraft das ist, daß jede Sache von Wert nur durch Zahlung ihres Preises zu erlangen ist. Auch die Mußestunden können nicht genossen werden, ohne daß sie verdient sind. Wurden sie nicht durch Arbeit erlangt, so ist der Preis dafür nicht bezahlt worden. Vor und hinter der Muße muß Arbeit liegen; aber der Muße ohne Arbeit kann man sich nicht mehr erfreuen als der Übersättigung. Das Leben muß dem Reichen wie dem Armen widerwärtig sein, die nichts zu tun haben, oder nichts tun wollen. Auf dem rechten Arm eines sentimentalen Bettlers von etwa vierzig Jahren, der zum achten Male in dem Gefängnis zu Bourges in Frankreich eingesperrt wurde, fand man folgende Worte eintätowiert, die man als Motto aller Müßiggänger annehmen könnte: »
      <i>Le passé m'a trompé; le présent me tourmente, l'avenir m'épouvante.</i>« (Die Vergangenheit hat mich enttäuscht, die Gegenwart quält mich, die Zukunft schreckt mich.) Die Pflicht des Fleißes gilt für alle Klassen und Stände der Gesellschaft. Alle haben in ihrer Stellung ihre Arbeit zu verrichten, die Reichen so gut wie die Armen. Ein Mann von vornehmer Abkunft und Erziehung, wie reich er auch mit irdischen Gütern gesegnet sei, kann sich doch nicht dem Gefühl verschließen, daß er verpflichtet ist, sein Scherflein zum Wohle des Gemeinwesens beizutragen, in dem er lebt. Es kann ihm nicht Befriedigung gewähren, sich von der Arbeit anderer genährt, gekleidet und erhalten zu wissen, ohne der Gesellschaft, die ihn unterhält, in passender Form seinen Dank abzustatten. Einen ehrlichen, vornehm gesinnten Mann würde der Gedanke empören, sich niederzusetzen und eine Mahlzeit einzunehmen und dann wegzugehen, ohne seinen Anteil an der Rechnung bezahlt zu haben. Träge und unbrauchbar zu sein ist weder ein Vorrecht noch eine Ehre, und obwohl Leute von niedriger Gesinnung sich damit zufrieden geben können, bloß zu konsumieren – 
      <i>fruges consumere nati</i> – so werden doch Männer von durchschnittlicher Begabung, von ernstem Streben und redlichen Zielen dies Verhalten mit wahrer Ehre und Würde unvereinbar finden.</p><p>»Ich glaube nicht,« sagte Lord Stanley, »daß ein unbeschäftigter Mensch, wie liebenswürdig und in anderer Beziehung achtenswert er auch sein mag, sich wirklich glücklich fühlen kann. Arbeit ist unser Leben; zeige mir, was du arbeiten kannst, so will ich dir sagen, wer du bist. Ich sagte, daß die Liebe zur Arbeit das beste Schutzmittel gegen niedrige und lasterhafte Neigungen ist. Ich gehe noch weiter und behaupte, daß sie auch das beste Mittel gegen die kleinlichen Ängstlichkeiten und Ärgernisse 
      <a id="page69" name="page69" title="bernbisch/ancistrus"/> ist, die aus allzugroßer Eigenliebe entstehen. Früher glaubten die Menschen, daß sie sich vor der Sorge und Angst in eine andere, nur ihnen gehörige Welt flüchten könnten. Dies Experiment wurde oft versucht, doch immer mit demselben Erfolge. Man kann der Sorge und Arbeit nicht entgehen, sie ist das Geschick der Menschheit. Die vor der Unruhe zurückschrecken, werden von ihr aufgesucht. Dem Trägen mag es glücken, daß er weniger Arbeit verrichtet, als ihm zuerteilt wurde; aber die Natur, welche den Instinkt dem Werk anpaßt, macht das wenige viel und schwer für ihn. Wer nur sich zum Vergnügen lebt, wird früher oder später, und wahrscheinlich früher als später, finden, daß er sich einen sehr strengen Herrn erwählt hat; und die übertriebene Schwachheit, die von jeder Verantwortung zurückschreckt, findet auch ihre Strafe; denn wo große Interessen ausgeschaltet werden, da werden Kleinigkeiten zu großen Dingen, und dieselbe Anstrengung des Geistes, die sonst wenigstens auf die wahre Lebensbetätigung nützlich und heilsam verwendet worden wäre, wird oft in kleinlicher, eingebildeter Unruhe verschwendet, wie sie ein unbeschäftigtes Gehirn nährt und vervielfältigt.«</p><p>Selbst zu dem niedrigsten Zweck – dem persönlichen Vergnügen – ist beständige Beschäftigung notwendig. Wer nicht arbeitet, kann den Lohn der Arbeit nicht genießen. »Wenn wir beschäftigt sind,« sagte Sir Walter Scott, »so schlafen wir gesund und fühlen uns während der wachen Zeit glücklich: ein leises Gefühl der Ermüdung ist notwendig, damit wir die Muße recht genießen, wenn sie auch durch Arbeit verdient und durch Pflichterfüllung geheiligt ist.«</p><p>Zwar sterben manche Menschen an Überarbeitung, aber viel mehr an Selbstsucht, Nachsicht gegen sich selbst und Trägheit. Wenn Menschen an Überarbeitung zusammenbrechen, so fehlte es ihnen gewöhnlich an der richtigen Lebensordnung, und sie vernachlässigten die gewöhnlichen Gesundheitsbedingungen. Lord Stanley hatte wahrscheinlich recht, wenn er in der oben erwähnten Rede sagte, daß er daran zweifle, »daß harte Arbeit, wenn sie nur stetig und regelmäßig betrieben wird, jemandem schadet«.</p><p>Die Zahl der Jahre ist kein richtiger Maßstab für die Länge des Lebens. Das Leben des Menschen sollte danach bemessen werden, was er darin leistet und fühlt. Je Nützlicheres er vollbringt und je mehr er denkt und fühlt, desto wirklicher lebt der Mensch. Der Träge, Unbrauchbare vegetiert nur. Die ersten Lehrer des Christentums haben – wie schon die Lehrer des Stoizismus – die Arbeit durch ihr Beispiel geadelt. »Wer nicht arbeitet,« sagte Paulus, »der soll auch nicht essen.« Er rühmte sich selbst, daß 
      <a id="page70" name="page70" title="bernbisch/ancistrus"/> er sich mit seiner Hände Arbeit ernährt habe und niemand zur Last gefallen wäre. Als Bonifacius in Großbritannien landete, trug er in der einen Hand das Evangelium, in der andern ein Zimmermannsmaß; aus England ging er später hinüber nach Deutschland und brachte die Baukunst dorthin. Ebenso arbeitete Luther inmitten einer Menge anderer Beschäftigungen für seinen Lebensunterhalt und verdiente sich sein Brot als Gärtner, Baumeister, Drechsler und Uhrmacher.</p><p>Es war charakteristisch für Napoleon, daß er bei der Besichtigung eines mechanischen Meisterwerks dem Erfinder große Achtung erwies und ihm beim Abschied eine tiefe Verbeugung machte. Als er einst auf St. Helena mit Frau Balcombe spazieren ging, begegneten ihnen einige Diener mit einer schweren Last. Die Dame befahl ärgerlichen Tones, aus dem Wege zu gehen; Napoleon aber mischte sich ein und sagte: »Respekt vor der Last, Madame.« Die Arbeit auch des bescheidensten Taglöhners trägt zum Wohlbefinden der Gesellschaft bei, und ein weiser Ausspruch eines chinesischen Kaisers lautete, daß, wenn da ein Mann nicht arbeite oder eine Frau müßig wäre, jemand in dem Reiche frieren oder hungern müsse.</p><p>Die Gewohnheit beständiger nützlicher Beschäftigung ist für Männer wie für Frauen zum Glück und Wohlbefinden nötig. Ohne sie verfallen Frauen leicht in einen Zustand gelangweilter Gleichgültigkeit und Unbrauchbarkeit, im Verein mit krankhaftem Kopfweh und »Nervenanfällen«. Karoline Perthes warnte ihre verheiratete Tochter Luise besonders davor, sich solcher Langeweile zu überlassen. »Ich fühle mich selbst,« sagte sie, »wenn die Kinder an einem freien Nachmittage fort sind, bisweilen so betäubt und stumpf, wie eine Eule bei Tageslicht; aber man darf diesem Gefühl, das alle jungen Frauen mehr oder weniger befällt, nicht nachgeben. Das beste Heilmittel ist die Arbeit, wenn sie mit Interesse und Fleiß unternommen wird. Arbeite also fleißig und beständig an irgend etwas; denn die Trägheit ist ein Fallstrick des Teufels für Kleine und Große, wie dein Großvater mit Recht sagt.«</p><p>Eine beständige nützliche Beschäftigung ist daher dem Körper wie dem Geiste heilsam. Der Träge schleppt sich faul durchs Leben, während das Bessere seiner Natur in tiefem Schlafe liegt, wenn er nicht gar moralisch und geistig tot ist. Der Tatkräftige dagegen ist eine Quelle der Tätigkeit und des Genusses für alle, die in den Bereich seines Einflusses kommen. Sogar eine ganz gewöhnliche Beschäftigung ist besser als Trägheit. Fuller sagt von Francis Drake, der frühzeitig auf die See geschickt wurde 
      <a id="page71" name="page71" title="bernbisch/ancistrus"/> und von seinem Vorgesetzten tüchtig zur Arbeit angehalten wurde, daß diese »Mühe und Geduld in seiner Jugend die Fugen seiner Seele geschlossen und sie solid und fest gemacht hat.« Schiller pflegte zu sagen, daß er die Erfüllung einer täglichen mechanischen Pflicht, ein regelmäßiges Werk, das beständigen Fleiß erfordere, für einen großen Vorteil halte.</p><p>Tausende können die Wahrheit des Ausspruches des französischen Malers Greuze bezeugen, daß die Arbeit – Beschäftigung, nützliche Tätigkeit – eines der Hauptgeheimnisse des Glückes sei. Casaubon wurde einst durch ein Fest seiner Freunde veranlaßt, einige Tage vollständig zu ruhen, aber er kehrte zu seiner Arbeit zurück mit der Bemerkung, daß es leichter wäre, ein Unwohlsein zu ertragen, wenn man arbeite, als wenn man müßig sei.</p><p>Als Charles Lamb für immer von der Mühsal täglicher Schreiberarbeit im Dienste der Ostindischen Handelskompagnie befreit war, fühlte er sich als der Glücklichste der Menschen. »Ich würde nicht um zehntausend Pfund noch zehn Jahre in mein Gefängnis zurückgehen«, sagte er zu einem Freunde. In derselben begeisterten Weise schrieb er an Bernard Barton: »Ich habe kaum noch so viel Seßhaftigkeit, um einen Brief zu schreiben. Ich bin frei, frei wie der Vogel in der Luft! Ich will noch fünfzig Jahre leben .... Ich wollte, ich könnte Ihnen etwas von meiner Muße ablassen! Wahrhaftig, das beste, was einer tun kann, ist Nichts zu tun, und demnächst vielleicht gute Werke.« Zwei Jahre, – zwei lange und langweilige Jahre – vergingen, und Charles Lambs Gefühle hatten sich gänzlich geändert. Er entdeckte jetzt, daß eine bestimmte, wenn auch monotone Arbeit, »das Tagewerk des täglichen Einerlei«, gut für ihn gewesen war, wenn er sich auch dessen nicht bewußt war. Die Zeit war früher seine Freundin gewesen, jetzt war sie seine Feindin geworden. Er schrieb wieder an Bernard Barton: »Ich versichere Sie, gar keine Arbeit ist schlimmer als Überarbeitung. Der Geist zehrt von sich selbst, der ungesündesten Nahrung. Ich kümmere mich fast um nichts mehr.... Niemals ergossen sich die Wasser des Himmels auf ein unseligeres Haupt. Was ich tue und bis zum Überdruß tue, ist spazieren gehen. Ich bin ein blutdürstiger Mörder der Zeit. Aber das Orakel schweigt.«</p><p>Kein Mensch war mehr von der praktischen Wichtigkeit des Fleißes durchdrungen als Sir Walter Scott, der selbst einer der eifrigsten und unermüdlichsten Menschen war. Als sein Sohn Charles sich auf der Schule befand, schrieb er ihm: »Ich kann deinem Geist nicht zu oft einprägen, daß die Arbeit die Bedingung ist, die Gott uns in jeder Lebensstellung auferlegt hat! es gibt 
      <a id="page72" name="page72" title="bernbisch/ancistrus"/> nichts Wertvolles, was man ohne sie erlangen kann, von dem Brote an, das der Landmann im Schweiße seines Angesichts gewinnt, bis zu den sportlichen Übungen, durch die der Reiche seine Langeweile beseitigt.... Was Kenntnisse anlangt, so können sie ohne Arbeit ebensowenig dem menschlichen Geiste eingepflanzt werden, als das Feld Weizen ohne den vorherigen Gebrauch des Pfluges hervorbringt. Doch besteht hier der große Unterschied, daß der Zufall oder die Gunst der Umstände es fügen können, daß ein anderer erntet, was der Landmann sät, während niemand durch Unfälle oder Mißgeschicke um die Frucht seiner Studien gebracht werden kann. Der reiche und ausgedehnte Schatz von Kenntnissen gehört ihm ganz allein. Darum arbeite, lieber Junge, und benutze die Zeit wohl. In der Jugend ist unser Schritt leicht und unser Geist lenksam, und Kenntnisse werden leicht gesammelt; aber wenn wir unsern Frühling versäumen, wird unser Sommer nutzlos und verächtlich, unser Herbst Spreu und der Winter unseres Alters verachtet und einsam«.</p><p>Southey war ebenso arbeitsam wie Scott. Man kann fast sagen, daß die Arbeit einen Teil seiner Weltanschauung bildete. Er war erst neunzehn Jahre alt, als er folgende Worte schrieb: »Neunzehn Jahre! Der vierte Teil meines Lebens, wenn nicht noch mehr! Und doch habe ich der Gesellschaft noch keinen Dienst geleistet. Der Bauernjunge, der für zwei Pence den Tag die Krähen verscheucht, ist nützlicher, denn er beschützt das Brot, das ich in Trägheit verzehre.« Trotzdem war Southey als Knabe nicht träge gewesen – im Gegenteil, er war ein sehr fleißiger Schüler. Er war nicht nur in der englischen Literatur sehr belesen, sondern war auch durch Übersetzungen mit Tasso, Ariost, Homer und Ovid bekannt geworden. Er fühlte indessen, daß sein Leben nutzlos gewesen war und entschloß sich, etwas zu vollbringen. Er begann und verfolgte bis an sein Lebensende ununterbrochen ein literarisches Studium – wobei er täglich an Kenntnissen fortschritt, wie er selbst sagt, »nicht so gelehrt als er arm, nicht so arm als er stolz, nicht so stolz als er glücklich war.«</p><p>Die Maximen der Leute enthüllen oft ihren wahren Charakter. Der Wahlspruch Sir Walter Scotts war: »Sei nie ohne Beschäftigung.« Robertson nahm schon im fünfzehnten Jahre folgenden Spruch an: »
      <i>Vita sine literis mors est</i>« (Leben ohne Lernen ist Tod). Voltaires Motto war: »
      <i>Toujours au Travail</i>« (Immer bei der Arbeit). Der Lieblingsspruch des Naturforschers Lacépedè lautete: »
      <i>Vivre c'est veiller</i>« (Leben heißt wach sein). Dies war auch der Spruch Plinius'. Als 
      <a id="page73" name="page73" title="bernbisch/James"/> Bossuet noch studierte, zeichnete er sich durch solchen Lerneifer aus, daß seine Kameraden ihn mit Anspielung auf seinen Namen »
      <i>Bos-suetus aratro</i>« nannten (den des Pfluges gewohnten Ochsen). Der Name 
      <i>Vita-lis</i> (das Leben ein Kampf), den der schwedische Dichter Sjoberg annahm, wie Friedrich von Hardenberg den Namen 
      <i>Nova-lis</i>, bezeichnet das Streben und Wirken beider großen Männer.</p><p>Wir sagten, daß die Arbeit eine Schule sei; aber sie erzieht auch den Charakter. Auch eine erfolglose Arbeit ist besser als Müßiggang, weil sie eben Arbeit ist; denn sie erzieht die Fähigkeit und bereitet so die erfolgreiche Arbeit vor. Die Gewohnheit des Schaffens lehrt Methode. Sie zwingt uns, die Zeit genau einzuteilen und sie mit weiser Einsicht zu benutzen. Und wenn die Kunst, das Leben durch nützliche Beschäftigung auszufüllen, einmal durch die Übung erworben ist, so wird jede Minute in betracht gezogen; die Muße wird dann mit um so größerem Behagen genossen.</p><p>Coleridge bemerkte sehr richtig, daß, »wenn der Träge die Zeit totschlägt, so ruft sie der methodisch vorgehende Mann ins Leben und moralische Sein, während er sie zum Gegenstand nicht nur der Gewissenhaftigkeit, sondern des Gewissens macht. Er organisiert und beseelt die Stunden, und so teilt er dem, was dem innersten Wesen nach flüchtig und vergänglich ist, eine unvergängliche geistige Natur mit. Von dem guten und treuen Diener, dessen so gerichtete Energie auf diese Weise methodisch geleitet wird, kann man mit größerem Recht behaupten, daß die Zeit in ihm, als daß er in der Zeit lebt. Seine Tage, Monate und Jahre werden, wie Haltepunkte und Marksteine in der Reihe erfüllter Pflichten, den Weltuntergang erleben und noch fortbestehen, wenn die Zeit selbst nicht mehr ist«.</p><p>Gerade weil man durch den auf ein Geschäft verwandten Fleiß die Methode so wirksam lernt, ist er für die Erziehung des Charakters so wichtig. Die höchsten Arbeitskräfte werden durch tätige und sympathische Berührung mit andern in den Angelegenheiten des täglichen Lebens am besten entwickelt. Es ist unwesentlich, ob sich die Arbeit auf einen Haushalt oder eine Nation bezieht. Die tüchtige Hausfrau muß auch, wie wir in einem früheren Kapitel zu zeigen versuchten, eine geschickte Geschäftsfrau sein. Sie muß die Einzelheiten des Haushalts regeln und kontrollieren, mit ihren Mitteln ihr Auskommen finden, alles planmäßig und systematisch anordnen, und diejenigen, welche unter ihrer Herrschaft stehen, weise führen und regieren. Eine tüchtige Wirtschaftsführung erfordert Fleiß, Emsigkeit, 
      <a id="page74" name="page74" title="bernbisch/ancistrus"/> Methode, moralische Disziplin, Einsicht, Klugheit, praktische Geschicklichkeit, Menschenkenntnis und Organisationstalent – was alles auch bei der tüchtigen Führung eines Geschäftes erforderlich ist.</p><p>Geschäftliche Talente haben in der Tat ein weites Feld der Tätigkeit. Sie bedeuten Anlage für geschäftliche Angelegenheiten, Fähigkeit, die praktische Lebensarbeit erfolgreich zu bewältigen – ob nun der Ansporn zur Tätigkeit in der Haushaltung, in einem Berufe, in Gewerbe oder Handel, in sozialer oder politischer Tätigkeit bestehe. Und die Erziehung, welche die Befähigung zu alledem gibt, ist die nützlichste im praktischen Leben.</p><p>Folgende Stelle aus einem Artikel der 
      <i>Pall Mall Gazette</i> wird sich schon von selbst der allgemeinen Beachtung empfehlen. »Es steht heutzutage ohne Frage fest, daß die Gewöhnung an Arbeit, das Aufgehen in den Geschäften, die Berührung mit den Menschen und der ganze Nachdruck, den uns die Arbeit auferlegt, eine treffliche Erziehung für den Geist und eine glänzende Gelegenheit zur Schulung des Charakters ist. Nur eine ganz tiefstehende Meinung kann die Arbeit als ein Mittel zum Gelderwerb ansehen. Das Schaffen eines Mannes ist ein Teil der Arbeit der Welt, ein Teil der Tätigkeit, welche die Gesellschaft erhält. Er mag sie lieben oder verabscheuen, aber es ist Arbeit und erfordert als solche Fleiß, Selbstverleugung, Disziplin. Es ist sein Drill und er kann in seiner Beschäftigung nicht gründlich sein, ohne sie anzuwenden, seine Phantasie zu verbannen, seine Regungen zurückzudrängen und sich an den Kreislauf der Dinge zu halten, ohne sich dem Drill ganz zu ergeben. Aber die beständige Bereitschaft, die Selbstbeherrschung und Kraft, die das Geschäft heischt, der beständige Appell an den Verstand, die Willenskraft, die Notwendigkeit rascher und verantwortlicher Urteilsfähigkeit, all dies schafft eine hohe, wenn nicht die höchste Kultur. Diese Kultur stärkt und kräftigt, wenn sie nicht reinigt, sie gibt Kraft, wenn nicht Glätte – das 
      <i>fortiter in re</i>, wenn nicht das 
      <i>suaviter in modo</i>. Es macht starke und fertige Menschen von großer Fähigkeit für Geschäfte, wenn es auch nicht notwendigerweise verfeinerte Menschen oder Gentlemen macht.« Überdies ist die Arbeit die beste Schulung des Charakters; denn sie entwickelt Fleiß, Aufmerksamkeit, Selbstverleugnung, Urteilsfähigkeit, Takt, Kenntnis von Andern und Sympathien für diese.</p><p>Solch eine Erziehung erzeugt weit mehr Glück und nützliche Wirksamkeit im Leben als irgend ein Ergebnis literarischen Studiums oder einsamen Nachdenkens; denn auf die Dauer 
      <a id="page75" name="page75" title="bernbisch/ancistrus"/> pflegt gewöhnlich praktische Geschicklichkeit über den Verstand und Temperament und Gewohnheit über das Talent zu siegen. Man muß indessen hinzufügen, daß diese Art Bildung nur durch emsige Achtsamkeit und sorgfältig gesammelte Erfahrung erworben werden kann. »Um ein guter Schmied zu sein,« sagte General Trochu, »muß man sein ganzes Leben lang geschmiedet haben; um ein guter Verwalter zu sein, mußte man sein ganzes Leben mit dem Studium und der Ausübung des Geschäfts zugebracht haben.«</p><p>Es war charakteristisch für Sir Walter Scott, daß er vor tüchtigen Geschäftsleuten die größte Achtung hatte, und er bekannte, daß er kein literarisches Erzeugnis für wert hielte, in einem Atem mit den Meisterwerken in den höheren Zweigen praktischer Tätigkeit genannt zu werden, am allerwenigsten mit einem ausgezeichneten Heerführer.</p><p>Der große Feldherr überläßt nichts dem Zufall, sondern sieht jede Möglichkeit voraus. Er läßt sich sogar zu anscheinend unbedeutenden Einzelheiten herab. So ordnete Wellington, als er sich an der Spitze des Heeres in Spanien befand, ganz genau an, wie die Soldaten ihre Mahlzeiten kochen sollten. In Indien bestimmte er die Geschwindigkeit, zu der die Ochsen angetrieben werden sollten; jede Einzelheit der Ausrüstung wurde vorher ganz genau in Ordnung gebracht. Und so sicherte er sich nicht nur volle Schlagfertigkeit, sondern auch die Ergebenheit seiner Leute und ihr volles Vertrauen zu seiner Leitung. Bei der ersten Veröffentlichung seiner »
      <i>Dispatches</i>« sagte einer seiner Freunde, nachdem er die Berichte über seine indischen Feldzüge gelesen hatte: »Es scheint mir, Herzog, als ob Sie sich in Indien hauptsächlich damit beschäftigt hätten, Reis und Ochsen zu schaffen.« »So war es auch,« versetzte Wellington, »denn wenn ich Reis und Ochsen hatte, so hatte ich auch Leute, und wenn ich Leute hatte, konnte ich den Feind schlagen.«</p><p>Wie andere große Heerführer hatte Wellington eine fast unbegrenzte Arbeitskraft. Er setzte die Hauptpunkte einer Polizeiverordnung für Dublin auf (da er gleichzeitig Staatssekretär für Irland war), während er an der Mündung des Mondego kreuzte und Junot und die französische Armee ihn am Ufer erwarteten.</p><p>Washington war auch als Geschäftsmann unermüdlich. Von Kindheit an übte er sich im Fleiß, Studieren und methodischer Arbeit; seine Schulhefte, die noch vorhanden sind, zeigen, daß er sich schon im Alter von dreizehn Jahren freiwillig mit dem Kopieren von Quittungen, Schuldscheinen, Wechseln, Pfandscheinen, 
      <a id="page76" name="page76" title="bernbisch/James"/> Kontrakten, Mietsverträgen, Landverschreibungen und anderen trockenen Urkunden beschäftigte, die alle sorgfältig abgeschrieben sind. Und diese so früh erworbenen Gewohnheiten, waren im großen und ganzen der Grund zu den bewunderungswürdigen geschäftlichen Eigenschaften, die er später so erfolgreich in Regierungsgeschäften betätigte.</p><p>Der Mann oder die Frau, welche bei der Durchführung eines wichtigen Geschäftes von Erfolg begleitet werden, sind ebenso großer Ehre wert, wie der Künstler, der ein Bild malt, der Schriftsteller, der ein Buch schreibt, oder der Soldat, der eine Schlacht gewinnt. Ihr Erfolg kann angesichts ebenso großer Schwierigkeiten und nach ebenso großem Kampfe errungen worden sein; und wenn sie eine Schlacht gewonnen haben, so war es wenigstens eine friedliche und an ihren Händen klebt kein Blut. Einige Leute sind der Meinung gewesen, daß geschäftliche Tätigkeit mit einem Genius unvereinbar sei. Im Leben Richard Lovell Edgeworths wird von einem Herrn Bicknell gesagt, daß er einen bei genialen Menschen häufigen Fehler habe: er verabscheue geschäftliche Tätigkeit. Aber es gibt gar keinen größeren Irrtum. Die größten Genies sind ohne Ausnahme auch die größten Arbeiter gewesen, selbst bis zur Plackerei. Sie arbeiteten nicht nur mehr als gewöhnliche Menschen, sondern sie taten auch ihre Arbeit mit höheren Fähigkeiten und einem lebhafteren Geist. Niemals wurde etwas Großes und Dauerhaftes improvisiert. Nur durch edle Geduld und Arbeit sind die Meisterwerke der Genies vollendet worden. Nur der Tätige hat Kraft, der Träge ist immer schwach. Die unverdrossen arbeitenden Menschen sind die Herrscher der Welt. Es hat nie einen Staatsmann von Bedeutung gegeben, der nicht auch zugleich fleißig war. Selbst Ludwig XIV. sagte: »Nur durch Arbeit regieren Könige.«</p><p>Dieselbe Energie, die sich in der Arbeitskraft betätigt, hat alle hervorragenden Männer der Gegenwart wie der Vergangenheit ausgezeichnet. Während der Bewegung gegen das Korngesetz schrieb Cobden an einen Freund, daß er »wie ein Pferd arbeite, ohne einen freien Augenblick zu haben.« Lord Brougham war ebenfalls ein bemerkenswertes Beispiel eines unermüdlich tätigen und arbeitsamen Mannes. Von Lord Palmerston kann man sagen, daß er im Greisenalter noch schwerer um den Erfolg arbeitete, als in der Blüte der Manneskraft, wobei er bis zu seinem Ende seine Arbeitskraft, seine gute Laune und Jovialität beibehielt.</p><p>Er selbst pflegte zu sagen, daß er sich im Amte und von Arbeit überhäuft, am besten bei Gesundheit befinde. Er blieb 
      <a id="page77" name="page77" title="Tudse/James"/> dabei von Langeweile verschont. Helvetius war der Meinung, daß die Empfindung der Langeweile für den Menschen die Hauptursache seiner Überlegenheit über das Tier sei, daß es die Notwendigkeit sei, ihr zu entgehen, die ihn nötige, sich zu betätigen, und daß sie daher die Triebfeder des menschlichen Fortschritts sei.</p><p>Dies lebendige Prinzip beständiger Arbeit, reichlicher Beschäftigung und praktischer Berührung mit Leuten, die inmitten des geschäftigen Lebens stehen, hat sich in der Tat zu allen Zeiten als das beste Mittel erwiesen, die energische Lebenskraft starker Naturen zur Reife zu bringen. Wohlgepflegte und geschulte Geschäftstalente erweisen sich in jedem Zweige – sei es Politik, Literatur, Wissenschaft oder Kunst – als sehr nützlich. So ist ein großer Teil der besten literarischen Arbeiten von Leuten geleistet worden, die systematisch in geschäftlicher Arbeit geübt waren. Derselbe Fleiß, dieselbe Emsigkeit, Zeiteinteilung und Tätigkeit, die sich in der einen Arbeitssphäre als nützlich erwiesen haben, bewähren sich auch in der anderen.</p><p>Viele der früheren englischen Schriftsteller waren Geschäftsleute und an geschäftliche Tätigkeit gewöhnt; denn damals existierte noch nicht wie heute ein Schriftstellerstand, die Priesterschaft vielleicht ausgenommen. Chaucer, der Vater der englischen Dichtkunst, war zuerst Soldat und später Kontrolleur an einem kleinen Steueramt. Das Amt war durchaus keine Sinekure, denn er hatte alle Berichte eigenhändig zu schreiben; wenn er dann seine Berechnungen auf dem Steueramte gemacht hatte, kehrte er mit großer Freude zu seinen Studien nach Hause zurück und beschäftigte sich mit seinen Büchern, bis ihm die Äugen zufielen.</p><p>Die großen Schriftsteller im Zeitalter der Königin Elisabeth, währenddessen sich das Leben in England besonders kräftig entwickelte, waren nicht Schriftsteller in der heutigen Bedeutung des Wortes, sondern sie waren tätige, in Geschäften wohlgeübte Leute. Spencer war Sekretär des Statthalters von Irland; Raleigh war abwechselnd Höfling, Soldat, Seemann und Entdecker; Sidney war Politiker, Diplomat und Soldat; Bacon war ein eifriger Rechtsanwalt, ehe er Großsiegelbewahrer und Lord-Kanzler wurde; Sir Thomas Browne wirkte als Arzt in einer Landpraxis zu Norwich; Hooker war der mit Arbeit überhäufte Pastor einer Landgemeinde; Shakespeare war der Leiter eines Theaters, an dem er selbst ein nur mittelmäßiger Schauspieler war, und er scheint sich mehr um seine Geldangelegenheiten, als um das Schicksal seiner Geisteskinder gekümmert zu 
      <a id="page78" name="page78" title="mbechtel/ancistrus"/> haben. Doch zählen alle diese Leute von großen geschäftlichen Talenten zu den größten Schriftstellern aller Zeiten; das Zeitalter Elisabeths und Jakobs I, war daher in England die Ära der größten literarischen Tätigkeit und Pracht.</p><p>Anstatt daß geschäftliche Tätigkeit einen gebildeten Geist zu wissenschaftlichen und literarischen Bestrebungen unfähig macht, ist sie vielmehr oft eine gute Schule für ihn. Voltaire behauptete mit Recht, daß der wahre Geist des Geschäfts und der Geist der Literatur derselbe sei; beide stellen in ihrer Vollkommenheit eine Vereinigung von Energie und Besonnenheit, von geschultem Verstand und praktischer Weisheit, von tätiger und beschaulicher Natur dar – eine Vereinigung, die Lord Bacon als die konzentrierte Vortrefflichkeit der menschlichen Natur bezeichnete.</p><p>Man sagt, daß auch ein Mann von Genie nichts in bezug auf Angelegenheiten des menschlichen Lebens schreiben kann, was des Lesens wert ist, wenn er nicht auf irgend eine Weise die ernste Alltagsarbeit des Lebens kennen gelernt hat. Daher sind viele der besten Bücher von Geschäftsleuten geschrieben worden, denen die Literatur eher eine Nebenbeschäftigung als ein Beruf war. Gifford, der Herausgeber des »Quarterly«, der die Mühseligkeit des Schreibens um den Lebensunterhalt kannte, bemerkte einst, »daß eine einzige Stunde freien Schaffens, die man von der Tagesarbeit abspare, mehr wert sei, als die ganze tägliche Mühe dessen, der um des Verdienstes willen arbeitet: in dem ersteren Falle erfrischt sich der Geist wie ein Hirsch am Waldbache, in dem letzteren verfolgt er keuchend seinen elenden Weg, gehetzt von den Hunden des Hungers und der Not.«</p><p>Coleridges Rat an seine jungen Freunde lief auf dieselbe Wirkung hinaus. »Mit Ausnahme eines außerordentlichen Mannes«, sagte er, »habe ich nie ein Individuum, am wenigsten eins von Genie, gekannt, das sich ohne einen Beruf gesund und glücklich fühlte, d. h. ohne eine regelmäßige Beschäftigung, die nicht von der augenblicklichen Eingebung abhängt und die so weit mechanisch fortgeführt werden kann, daß zu ihrer getreuen Erfüllung nur ein durchschnittliches Maß von Gesundheit, Geist und intellektueller Anstrengung erforderlich ist. Drei Mußestunden, die von jeder Bedrückung frei sind und auf die man mit Freude als Abwechslung und Erholung blickt, genügen, um in der Literatur etwas Genialeres zu schaffen, als Wochen krampfhafter Anstrengung.... Wenn Tatsachen nötig sind, um die Möglichkeit zu erweisen, daß die Schaffung bedeutender literarischer Werke sich sehr wohl mit der Erfüllung einer Beschäftigung vereinen lassen, so mögen die Werke Ciceros und Xenophons bei 
      <a id="page79" name="page79" title="James/ancistrus"/> den Alten, die von Sir Thomas More, Bacon, Baxton, oder von Darwin und Roscou die Frage entscheiden.«</p><p>Die ersten großen Schriftsteller Italiens waren nicht bloß dies; sie waren Geschäftsleute – Kaufleute, Staatsmänner, Diplomaten, Richter und Soldaten. Villani, der Verfasser der besten Geschichte von Florenz, war Kaufmann,– Dante, Petrarca und Boccaccio waren auf mehr oder weniger wichtigen Gesandtschaften tätig: Dante war, ehe er Diplomat wurde, eine Zeitlang Chemiker und Drogist. Galilei, Galvani und Farini waren Ärzte, und Goldoni war Rechtsanwalt. Ariosts Geschäftstalent war ebenso groß wie sein dichterischer Genius. Beim Tode seines Vaters wurde er damit beauftragt, das Familiengut zum Wohle seiner jüngeren Geschwister zu verwalten, was er mit Geschick und Redlichkeit tat. Als man seine geschäftliche Begabung entdeckt hatte, wurde er von dem Herzoge von Ferrara zu wichtigen Botschaften nach Rom und anderen Städten benutzt. Später gelang es ihm als Gouverneur eines unruhigen Bergdistrikts durch feste und gerechte Regierung verhältnismäßige Ordnung und Sicherheit zu schaffen. Sogar die Banditen des Landes hatten Respekt vor ihm. Als er eines Tages in den Bergen von einer Räuberbande festgenommen wurde, nannte er nur seinen Namen, und sofort erboten sie sich, ihn sicher zu geleiten, wohin er nur wollte.</p><p>Dieselbe Erscheinung beobachten wir auch in andern Ländern. So waren Cervantes, Lope de Vega, Calderon, Camoens, Descartes, Maupertuis, La Rochefoucauld, Lacépède, Lamarck in ihrer Jugend Soldaten.</p><p>Die hauptsächlichsten früheren Werke von John Stuart Mill wurden in den Pausen seiner Amtstätigkeit geschrieben. Er hatte das Amt eines Oberinspektors im East India House inne, wo auch Charles Lamb, Peacock, der Verfasser von Headlong Hall, und Edwin Norris, der Philologe, beschäftigt waren. Macaulay schrieb sein »
      <i>Lays of Ancient Rome</i>« im Kriegsministerium, wo er den Posten eines Kriegssekretärs bekleidete. Es ist allgemein bekannt, daß die gedankenvollen Schriften von Helps in den Pausen des Geschäfts geschrieben sind. Viele andere Beispiele könnten den angegebenen noch hinzugefügt werden.</p><p>Andererseits haben sich gründlich gebildete Männer der Wissenschaft als vorzügliche Geschäftsleute erwiesen. Eine gute Bildung schult den Fleiß, erzieht den Geist, versorgt ihn mit Hilfsquellen und verleiht freie und kraftvolle Handlungsweise, was alles erforderlich ist, um ein Geschäft erfolgreich zu führen. 
      <a id="page80" name="page80" title="James/bernbisch"/> So zeigen bei jungen Leuten Erziehung und Bildung Charakterstärke an, denn sie erfordern beständige Aufmerksamkeit, Fleiß und die zur Aneignung gründlicher Kenntnisse nötige Geschicklichkeit und Energie; solche Leute sind auch gewöhnlich im Besitz einer mehr als durchschnittlichen Pünktlichkeit, Fähigkeit und Gewandtheit.</p><p>Montaigne sagte von wahren Philosophen, daß »wenn sie in der Wissenschaft groß waren, sie noch größer im Handeln waren;... und wurden sie je auf die Probe gestellt, so erhoben sie sich so hoch, daß man ihren Geist erhoben und bereichert von der Kenntnis der Dinge sah.«</p><p>Man muß aber gleichzeitig zugeben, daß eine zu ausschließliche Beschäftigung mit spekulativer und philosophischer Literatur, besonders wenn sie zur Gewohnheit geworden ist, einen Menschen für die Geschäfte des praktischen Lebens unfähig macht. Spekulative und praktische Fähigkeit sind verschiedene Dinge, und derselbe Mann, der in seinem Studierzimmer mit der Feder zu großen Ausblicken auf Leben und Politik fähig ist, kann in der Welt gänzlich ungeeignet sein, sie in die Tat umzusetzen.</p><p>Spekulative Fähigkeit beruht auf kräftigem Denken, praktische Geschicklichkeit auf kräftigem Handeln, und beide Eigenschaften sind gewöhnlich in sehr ungleichem Verhältnis miteinander verknüpft. Der spekulative Mann ist zur Unentschlossenheit geneigt. Er sieht alle Seiten einer Frage, seine Tatkraft wird aufgehoben, wenn er das Für und Wider sieht, die sich oft das Gleichgewicht zu halten scheinen, während der praktische Mann logische Bedenken überspringt, kommt er zu einer bestimmten Überzeugung und setzt seine Idee sofort in der Tat um.</p><p>»Der Verstand,« sagt Bailey, »der einen regelmäßigen logischen Gedankengang zu verfolgen gewohnt ist, wird in gewissem Grade zu jener raschen, beweglichen Entschlußfähigkeit unfähig, die man durch das Geschäft erwirbt, und die darin unentbehrlich ist. Tiefes Denken und praktische Talente erfordern so verschiedene Geistesgewohnheiten, daß man, wenn man nach dem einen strebt, unvermeidbar Gefahr läuft, das andere zu verlieren.« »Daher«, fügt er hinzu, »finden wir so oft Leute, die ›Riesen im Zimmer‹, sich nur als ›Kinder in der Welt‹ erweisen.«</p><p>Dennoch hat es viele große Gelehrte gegeben, die sich als tüchtige Geschäftsleute erwiesen haben. Wir erfahren nicht, daß Sir Isaak Newton ein schlechter Münzdirektor gewesen wäre, weil er ein großer Philosoph war; noch gibt es Klagen über Sir John Herschels Tätigkeit, der dasselbe Amt innehatte. Die 
      <a id="page81" name="page81" title="James/bernbisch"/> Gebrüder Humboldt waren ebenfalls in allem, was sie unternahmen, tüchtig, war dies nun Literatur, Philosophie oder Bergbau, Diplomatie und Politik.</p><p>Der Geschichtsschreiber Niebuhr zeichnete sich als Geschäftsmann durch erfolgreiche Energie aus. Er erwies sich als Sekretär und Zahlmeister des afrikanischen Konsulats, dem er durch die dänische Regierung zugeteilt worden war, so tüchtig, daß man ihn später in die Finanzkommission wählte; er verließ dies Amt, um Mitdirektor einer Berliner Bank zu werden. Inmitten seiner geschäftlichen Tätigkeit fand er noch Zeit, römische Geschichte, Arabisch, Russisch und andere slawische Sprachen zu studieren, und sich einen Ruf als Schriftsteller zu erwerben, wegen dessen man seiner noch gedenkt.</p><p>Nach den Ansichten, die Napoleon I. über Männer der Wissenschaft hatte, konnte man voraussehen, daß er sie zur Kräftigung seiner Regierung berufen würde. Bei einigen Ernennungen griff er fehl, während er bei anderen mehr Glück hatte. So wurde Laplace Minister des Inneren; aber kaum war er dazu ernannt worden, so erwies sich dies schon als ein Mißgriff. Napoleon sagte später von ihm: »Laplace betrachtete nichts von dem richtigen Gesichtspunkt. Er suchte immer nach Spitzfindigkeiten; alle Gedanken waren Probleme und er wandte den Geist der Infinitesimalrechnung auf die Geschäftsführung an.« Aber Laplace hatte sich diese Gewohnheiten in langem Studium erworben und er war zu alt, um sie den Forderungen des praktischen Lebens anzupassen.</p><p>Anders war es bei Daru. Aber dieser hatte den Vorteil praktischer Geschäftskenntnisse, da er in der Schweiz unter Massena als Intendant gedient hatte, wobei er sich auch als Autor auszeichnete. Als Napoleon ihn zum Intendanten des kaiserlichen Haushaltes ernennen wollte, zögerte Daru, das Amt anzunehmen. »Ich habe den größten Teil meines Lebens unter Büchern zugebracht,« sagte er, »und habe nicht Zeit gehabt, die Funktionen eines Höflings zu erlernen.« »Eines Höflings,« antwortete Napoleon, »ich habe genug um mich herum. Aber ich brauche einen Minister, einen aufgeklärten, festen und wachsamen Mann, und darum habe ich Sie gewählt.« Daru erfüllte den Wunsch des Kaisers und wurde auch Premierminister, in welcher Eigenschaft er sich als ebenso tüchtig erwies und derselbe bescheidene, ehrenwerte und uneigennützige Mann blieb, der er sein ganzes Leben gewesen war.</p><p>Männer von geschulter Arbeitskraft nehmen die Gewohnheit zur Arbeit so an, daß ihnen die Trägheit unerträglich wird; wenn sie 
      <a id="page82" name="page82" title="James/bernbisch"/> durch irgendwelche Umstände aus ihrem Wirkungskreise verdrängt werden, finden sie in andern Beschäftigungszweigen Zuflucht. Der Fleißige findet schnell auch für seine Mußestunden Beschäftigung, und er verschafft sich Muße, wo der Träge keine findet. »Der hat keine Muße,« sagt George Herbert, »der sie nicht benutzt.« »Der tätigste und geschäftigste Mann, der je gelebt oder noch leben wird,« sagt Bacon, »hat ohne Zweifel viele Mußestunden, während deren er die Wiederkehr und das Zurückfluten der Arbeit erwartet, wenn er nicht gerade langsam und ungewandt ist, oder leichtsinnigen und törichten Ehrgeiz darauf verwendet, sich mit Dingen abzugeben, die besser andere tun würden.« So ist vieles Großes in solchen Mußestunden getan worden von Leuten, denen Fleiß zur zweiten Natur geworden war und die es leichter fanden, zu arbeiten, als zu feiern.</p><p>Auch »Steckenpferde« sind wichtig als Erzieher zur Arbeit. Sie erwecken einen Fleiß besonderer Art und gewähren zum mindesten eine angenehme Beschäftigung, allerdings nicht solche Steckenpferde wie das Domitians, der sich damit beschäftigte, Fliegen zu fangen. Dagegen sind doch solche Beschäftigungen wie die des Königs von Mazedonien, der Laternen machte, oder die des Königs von Frankreich, der Schlösser machte, von achtenswerter Art. Selbst eine rein mechanische Beschäftigung wird von Geistern, die unter Hochdruck arbeiten, als Befreiung empfunden; es ist eine Unterbrechung der Arbeit, eine Ruhe, eine Erholung, wobei das Vergnügen mehr in der Arbeit als in dem Resultat besteht.</p><p>Aber die besten Steckenpferde sind geistige. So suchen Leute von tätigem Geiste Erholung von ihrer täglichen Arbeit in andern Zweigen, in Wissenschaft, Kunst oder meistens in Literatur. Solche Erholungen gehören zu den besten Schutzmitteln gegen Selbstsucht und gemeine Weltlichkeit. Es war wohl Lord Brougham, der da sagte: »Selig ist der Mann, der ein Steckenpferd hat,« und bei der reichen Beweglichkeit seiner Natur hatte er selbst mehrere, von der Literatur bis zur Optik, von Geschichte, Biographie bis zur Sozialwissenschaft. Geistige Steckenpferde dürfen indes nicht zu scharf geritten werden, sonst bringen sie, anstatt die Natur eines Mannes zu erfrischen, zu erholen und zu kräftigen, nur die Wirkung hervor, daß sie ihn erschöpft, entnervt und deprimiert zu seinem Geschäft entlassen.</p><p>Viele tätige Staatsmänner außer Lord Brougham haben ihre Mußestunden oder ihre Zurückgezogenheit vom Amte dazu benutzt, Werke zu schaffen, die zu den hervorragendsten der Weltliteratur gehören. So leben Cäsars »Kommentare« noch als klassisches Werk fort; der klare, kräftige Stil, in welchem sie verfaßt 
      <a id="page83" name="page83" title="James/bernbisch"/> sind, stellen ihn in eine Reihe mit Xenophon, der ebenso glücklich die Literatur mit den Geschäften des praktischen Lebens verband.</p><p>Turgot suchte für den Verlust seines Amtes, von dem er durch die Intrigen seiner Feinde vertrieben wurde, Trost in dem Studium der Physik. Er kehrte auch zu seiner früheren Neigung zur klassischen Literatur zurück. Während seiner langen Reisen und der schlaflosen Nächte, in denen er von der Gicht gepeinigt wurde, machte er lateinische Verse, von denen nur der erhalten ist, welcher dem Standbilde Benjamin Franklins als Inschrift dienen sollte: »
      <i>Eripuit caelo fulmen, sceptrumque tyrannis.</i>« (Dem Himmel entriß er den Blitz, den Tyrannen das Szepter.)</p><p>Unter den neueren französischen Staatsmännern, die indessen ebenso eifrig die Literatur wie die Politik zum Berufe gemacht haben – wären De Tocqueville, Thiers, Guizot und Lamartine zu nennen, während Napoleon III. durch sein »Leben Cäsars« sich einen Platz in der Akademie errang. Die Literatur ist auch der beliebteste Trost unserer größten englischen Staatsmänner gewesen. Als Pitt vom Amte zurücktrat, wandte er sich wie sein großer Zeitgenosse Fox dem Studium der griechischen und römischen Klassiker zu. Grenville betrachtete in der Tat Pitt als den besten Schüler im Griechischen, den er je gekannt hatte. Canning und Wellesley beschäftigten sich in der Zurückgezogenheit damit, die Oden und Satiren des Horaz zu übersetzen. Cannings Leidenschaft für Literatur tat sich in allen seinen Bestrebungen kund und gab seinem Leben eine besondere Färbung. Sein Biograph sagt von ihm, daß, wenn sich nach einem Diner bei Pitt die übrige Gesellschaft zu eifriger Konversation auflöste, man ihn und Pitt gewöhnlich in einer Ecke des Salons über einem alten griechischen Klassiker brüten sah. Fox studierte ebenso eifrig die griechischen Schriftsteller und las wie Pitt den Lycophron. Er verfaßte auch eine Geschichte Jakobs II. obgleich das Buch nur ein Fragment, und, wie man zugestehen muß, nur von geringem Werte ist.</p><p>Um zum Schluß zu kommen: ein tüchtiges Maß Arbeit ist gut für Körper und Geist. Der Mensch ist ein intelligentes Wesen, das durch die Arbeit körperlicher Organe unterhalten und bewahrt wird und deren tätiger Gebrauch für den Genuß der Gesundheit nötig ist. Nicht Arbeit, sondern Überarbeitung ist schädlich, und harte Arbeit nicht so sehr wie eintöniges, ödes, hoffnungsloses Schaffen. Jede hoffnungsvolle Arbeit ist gesund und nützlich, und erfolgreiche Beschäftigung ist eins der großen Geheimnisse 
      <a id="page84" name="page84" title="mbechtel/James"/> der Glückseligkeit. Geistige Tätigkeit, mit Maß geübt, ist nicht schwerer als alle andere Art Arbeit: Wenn sie recht eingeteilt wird, ist sie der Gesundheit ebenso zuträglich wie körperliche Übungen, und wo die Körperbeschaffenheit genau beachtet wird, wird schwerlich jemand überlastet werden. Es ist schädlicher, sein Leben nur mit Essen, Trinken und Schlafen zu verbringen. Durch die Trägheit werden die Kräfte mehr abgenutzt als durch die Arbeit.</p><p>Überarbeitung kommt immer von schlechter Arbeitseinteilung. Sie bedeutet eine große Kraftverschwendung, namentlich wenn sie mit Ärger gepaart ist. Der Ärger schadet tatsächlich mehr als die Arbeit. Er verzehrt und verbraucht die Körperkraft, wie Sand und Kies durch die große Reibung die Räder einer Maschine abnutzen. Vor Überarbeitung und Ärger hat man sich zu hüten. Überanstrengung des Gehirns ist Überbürdung, welche die Kräfte als Exzeß gegen die Natur erschöpft und vernichtet. Wer mit dem Gehirn arbeitet, kann seinen Geist durch das Übermaß erschöpfen, und ihm denselben Schaden zufügen, den der Athlet seinem Körper antut, wenn er seine Muskeln überanstrengt oder ums Leben kommt, weil er ein Kunststück versuchte, das über seine Kraft geht.</p></div><div class="chapter" id="chap006"><h3>5. Kapitel. Der Mut</h3><div class="motto"><p>Heroische Beispiele vergangener Tage sind in hohem Grade die Quelle, des Mutes späterer Geschlechter. Die kühnen Geister der Vergangenheit wirken, und die Menschen schreiten gelassen in alle Gefahren.</p><p><i>Kelps.</i></p></div><p>Die Welt verdankt ihren mutigen Männern und Frauen sehr viel. Ich denke dabei nicht an den physischen Mut; denn darin kommt die Bulldogge, die doch keineswegs zu den klügsten Hunderassen gehört, dem Menschen mindestens gleich.</p><p>Jener Mut, der sich in stillem Streben und Mühen entfaltet – der um der Wahrheit und der Pflicht willen alles auf sich nimmt und trägt und erduldet – dieser Mut ist wahrlich heroischer 
      <a id="page85" name="page85" title="James/bernbisch"/> als physische Tapferkeit, die durch Titel und Ehren belohnt wird, oder durch Lorbeeren, die zuweilen in Blut getaucht sind.</p><p>Moralischer Mut charakterisiert den höchsten Grad der Männlichkeit und Weiblichkeit, der Mut, die Wahrheit zu erforschen und auszusprechen, der Mut, gerecht und ehrenhaft zu sein, der Versuchung zu widerstehen, der Mut, seine Pflicht zu erfüllen. Wenn Männer und Frauen diese Tugend nicht besitzen, ist es nicht sicher, ob sie eine andere werden bewahren können.</p><p>Jeder Fortschritt in der Geschichte der Menschheit vollzog sich angesichts großer Hemmnisse und Schwierigkeiten, und es waren unerschrockene, tapfere Männer, die ihn herbeiführten und sicherten, Führer aus dem Reiche der Gedanken – große Entdecker, Patrioten und Arbeiter auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit. Es gibt fast keine große Wahrheit oder Lehre, die sich nicht ihre öffentliche Anerkennung der Lüge, Verleumdung und Verfolgung gegenüber zu erkämpfen gehabt hätte. »Überall, wo ein großer Geist seine Gedanken ausspricht,« sagt Heine, »ist Golgatha.«</p><p>Sokrates wurde zu Athen in seinem zweiundsiebzigsten Jahre zum Schierlingsbecher verurteilt, weil seine erhabene Lehre den Vorurteilen und dem Parteigeist seines Zeitalters entgegen war. Seine Ankläger warfen ihm vor, daß er die Jugend Athens verderbe, dadurch, daß er sie die Schutzgötter des Staates verachten lehre. Er hatte den moralischen Mut, der Tyrannei nicht nur der Richter, die ihn verurteilten, sondern auch des Pöbels, der ihn nicht verstehen konnte, Trotz zu bieten. Er starb, indem er über die Unsterblichkeit der Seele sprach; seine letzten Worte an die Richter waren: »Jetzt ist es Zeit, daß wir uns trennen, ich, um zu sterben, ihr, um zu leben; doch wessen Geschick das bessere ist, weiß nur die Gottheit.«</p><p>Wieviel große Männer und Denker sind im Namen der Religion verfolgt wurden. Giordano Bruno wurde in Rom lebendig verbrannt, weil er die falsche Wortphilosophie seiner Zeit bloßgestellt hatte. Als die Richter der Inquisition ihn zum Tode verurteilten, sagte Bruno stolz: »Ihr fürchtet euch mehr, den Spruch zu fällen, als ich, ihn entgegenzunehmen.«</p><p>Ihm folgte Galilei, dessen Ruhm als Gelehrter fast von dem des Märtyrers verdunkelt wird. Von den Priestern wegen seiner Lehre von der Bewegung der Erde vom Lehrstuhl vertrieben, wurde er in seinem siebzigsten Jahre nach Rom berufen, um sich wegen seiner Ketzerei zu verantworten. Die Inquisition kerkerte ihn ein, wenn sie ihn nicht gar folterte. Sogar noch nach seinem Tode wurde er verfolgt, denn der Papst verweigerte seinem Leichnam ein Grab. 
      <a id="page86" name="page86" title="James/hp"/> Roger Bacon, der Franziskanermönch, wurde wegen seiner naturwissenschaftlichen und chemischen Studien verfolgt und der Zauberei angeklagt. Seine Schriften wurden verdammt und er selbst eingekerkert. Er schmachtete zehn Jahre im Gefängnis unter der Regierungszeit von vier Päpsten, und soll sogar darin gestorben sein.</p><p>Die Inquisition brandmarkte den Vesalius als Häretiker, weil er den Menschen die menschliche Natur enthüllt hatte, wie sie vorher Bruno und Galilei gebrandmarkt hatte, die den Menschen den Himmel enthüllt hatten. Vesalius hatte die Kühnheit, den Bau des menschlichen Körpers zu erforschen, indem er Leichen sezierte, was bis dahin fast ganz verboten war. Er begründete eine neue Wissenschaft, aber er bezahlte sie mit seinem Leben. Von der Inquisition zum Tode verurteilt, wurde er durch die Vermittlung des Königs von Spanien zu einer Wallfahrt ins heilige Land begnadigt; auf dem Rückweg starb er in der Blüte der Jahre am Fieber und Mangel – ein Märtyrer seiner Liebe zur Wissenschaft.</p><p>Als das »Novum Organon« erschien, erhob sich dagegen ein Wutgeschrei wegen seiner angeblichen Tendenz, »gefährliche Umwälzungen« hervorzurufen, »Regierungen zu stürzen« und »die Autorität der Religion zu untergraben«: ein gewisser Dr. Henry Stubbe (dessen Name sonst vergessen wäre), schrieb ein Buch gegen die neue Philosophie, worin er die ganze Schule des Experimentalisten ein »Bacon-verseuchtes Geschlecht« nannte. Sogar der Errichtung der Royal Society widersetzte man sich, weil »experimentelle Philosophie dem christlichen Glauben zuwiderläuft.«</p><p>Während man die Anhänger des Kopernikus als Ungläubige verfolgte, brandmarkte man Kepler als Häretiker, »weil,« sagte er, »ich die Partei ergreife, die mir mit dem Worte Gottes übereinzustimmen scheint.« Sogar den reinen und harmlosen Newton, von dem Bischof Burnet sagte, er wäre die unschuldigste Seele, die er je gekannt hätte – der in der Reinheit seines Geistes ein wahres Kind war – diesen Newton klagte man an, er entthrone die Gottheit durch die erhabene Entdeckung des Gravitationsgesetzes; eine ähnliche Anklage wurde gegen Franklin erhoben, als er die Natur des Blitzes erklärte.</p><p>Spinoza wurde aus der jüdischen Gemeinde, der er angehörte, ausgestoßen wegen seiner Ansichten über Philosophie, die der Religion zuwiderlaufen sollten; später wurde sogar ein Mordversuch auf ihn unternommen. Aber Spinoza blieb bis zu seinem Ende mutig und selbstbewußt, obschon er in Armut und Vergessenheit starb.</p><p><a id="page87" name="page87" title="James/mbechtel"/> Die Philosophie des Descartes wurde als irreligiös denunziert, die Lehren Lockes als Materialismus; und zu unserer Zeit wurden Dr. Buckland, Sedgwick und andere hervorragende Geologen beschuldigt, die Offenbarung mit Bezug auf die Entstehung und Geschichte der Erde umgestoßen zu haben. Es ist in der Tat fast keine Entdeckung in der Astronomie oder Naturwissenschaft oder Physik gemacht worden, ohne daß Bigotterie und Engherzigkeit sie mit dem Vorwurf des Unglaubens verfolgt hätten.</p><p>Wenn andere große Entdecker auch nicht gerade als irreligiös angeklagt wurden, so waren sie doch nicht weniger Anfeindungen ausgesetzt. Als Harvey seine Theorie des Blutkreislaufes veröffentlichte, verlor er seine Praxis, und seine Kollegen nannten ihn einen gebrandmarkten Narren. »Das wenige Gute, das ich tun konnte,« sagte John Hunter, »ist mit den größten Schwierigkeiten und unter der größten Opposition getan worden.« Charles Bell schrieb einst an einen Freund, als er sich mit seinen wichtigen Untersuchungen über das Nervensystem beschäftigte, wobei er eine der größten physiologischen Entdeckungen machte: »Wie glücklich wäre ich, wenn ich nicht so arm wäre und so viele Anfechtungen zu überwinden hätte! Aber er mußte selbst bemerken, daß sich seine Praxis nach der Veröffentlichung jeder neuen Entdeckung sichtlich verringerte.</p><p>So ist fast jede Erweiterung unserer Kenntnisse über den Himmel, die Erde oder uns selbst durch die Energie, die Hingabe, die Aufopferung und den Mut großer Geister früher Zeiten erreicht worden, die jetzt trotz des Widerstandes ihrer Zeitgenossen zu denen gehören, die von den Gebildeten der Menschheit mit besonderer Freude verehrt werden.</p><p>Die ungerechte Intoleranz früherer Zeiten gegen die Männer der Wissenschaft trägt auch ihre Lehre für die Gegenwart in sich. Sie lehrt uns, nachsichtig zu sein gegen die, welche sich in ihren Ansichten von uns unterscheiden, wofern sie nur geduldig beobachten, ehrlich denken und ihre Überzeugung freimütig und wahrhaftig äußern. Plato sagte, daß »die Welt ein Brief Gottes an die Menschheit« sei, und wenn man diesen Brief studiert und liest, um seine wahre Bedeutung zu erforschen, so kann ein wohlorganisierter Geist nur einen tieferen Eindruck von Gottes Macht, einen klareren Begriff von seiner Weisheit und einen dankbareren Sinn für seine Güte empfangen.</p><p>Der Mut der Märtyrer des Glaubens, nicht minder ruhmvoll als der Ruhm verfolgter Männer der Wissenschaft, das stille Dulden des Mannes oder der Frau um des Gewissens willen, ohne die 
      <a id="page88" name="page88" title="James/mbechtel"/> Ermutigung einer einzigen mitfühlenden Stimme, beweist einen viel höheren Mut, als der ist, der im Getöse der Schlacht entfaltet wird, wo auch der Schwächste durch das begeisternde Beispiel und die Macht der Zahl ermutigt und mit fortgerissen wird. Es würde die Zeit mangeln, um alle die unsterblichen Namen derer zu nennen, die aus Prinzipientreue »redlich arbeiteten und tapfer stritten« gegen Schwierigkeiten, Gefahr und Leiden, bereit, eher das Leben hinzugeben, als ihrer Überzeugung von der Wahrheit untreu zu werden.</p><p>Mutig war das Verhalten des edlen Thomas More, der ohne Zögern zum Schafott ging und lieber frohen Mutes starb, als daß er seinem Gewissen untreu wurde. Als More seinen endgültigen Entschluß, seinen Prinzipien treu zu bleiben, gefaßt hatte, war es ihm, als hätte er einen Sieg errungen, und er sagte zu seinem Schwiegersohn Roper: »Lieber Sohn Roper, ich danke dem Herrn, denn der Sieg ist gewonnen!« Der Herzog von Norfolk machte ihn auf die Gefahr seiner Lage aufmerksam: »Bei der heiligen Messe, Master More, es ist gefährlich, mit Fürsten zu streiten; der Zorn eines Fürsten bringt den Tod!« »Ist das alles, Mylord?« sagte More, »dann ist der Unterschied zwischen Euch und mir der: Ich sterbe heute, Ihr morgen.«</p><p>Während viele große Männer in Zeiten der Bedrängnis und Gefahr von ihren Frauen getröstet und unterstützt wurden, hatte More diesen Trost nicht. Seine Lebensgefährtin tat alles andere, als ihn in seinem Kerker im Tower zu trösten. Sie konnte nicht begreifen, warum er noch länger im Kerker blieb, wenn er durch die einfache Erfüllung dessen, was der König von ihm forderte, sich sofort nicht nur seiner Freiheit, sondern auch seines schönen Hauses in Chelsea, seiner Bibliothek, seines Obstgartens, seiner Gemäldegalerie und der Gesellschaft seiner Frau und Kinder erfreuen konnte. »Ich wundere mich;« sagte sie eines Tages zu ihm, »daß du, der du bis dahin für so weise galtest, jetzt so den Narren spielst, daß du hier in dem engen schmutzigen Kerker bei Ratten und Mäusen dich einschließen läßt, wo du doch in Freiheit sein könntest, wenn du nur das tätest, was alle Bischöfe getan haben.« Aber More hegte andere Ansichten über seine Pflicht: Er wollte keinen falschen Eid schwören, und er starb, um wahr zu bleiben.</p><p>Martin Luther wurde nicht dazu berufen, sein Leben für seinen Glauben hinzugeben; aber von dem Tage an, wo er sich gegen den Papst erklärt hatte, lief er täglich Gefahr, es zu verlieren. Bei Beginn seines großen Kampfes stand er fast 
      <a id="page89" name="page89" title="James/mbechtel"/> ganz allein, während die Überzahl seiner Feinde furchtbar war. »Auf der einen Seite,« sagte er selbst, »stehen Gelehrsamkeit, Genius, Überzahl, Größe, Rang, Macht, Heiligkeit und Wunder; auf der anderen Wycliff, Lorenzo Valla, Augustinus und Luther, ein armseliges Geschöpf, ein Mann von gestern, der mit wenigen Freunden fast allein steht.« Vom Kaiser nach Worms geladen, um sich wegen der gegen ihn erhobenen Anklage der Ketzerei zu verantworten, entschloß er sich zu persönlichem Erscheinen. Seine Umgebung sagte ihm, er würde sein Leben verlieren, wenn er hinginge, und drängte ihn zur Flucht. »Nein,« sagte er, »ich will hingehen und wenn ich dreimal soviel Teufel dort fände, als Ziegel auf den Häusern sind.« Als man ihn vor der grimmigen Feindschaft des Herzogs Georg warnte, sagte er: »Ich will hingehen und wenn es neun Tage lang Herzöge Georg regnete.« Luther hielt sein Wort und trat die gefährliche Reise an. Als er in Sicht der alten Glockentürme der Stadt kam, erhob er sich in seinem Wagen und sang: »Ein' feste Burg ist unser Gott« – die »Marseillaise« der Reformation – deren Text und Melodie er zwei Tage vorher geschaffen haben soll. Kurz bevor er in den Reichstag ging, klopfte ihm ein alter Krieger, Georg von Frundsberg, auf die Schulter und sagte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, desgleichen ich und mancher Kriegsmann nicht gegangen sind.« Aber Luther gab dem alten Kriegsmann zur Antwort, daß er entschlossen sei, sich an die Bibel und sein Gewissen zu halten.</p><p>Luthers mutige Verteidigung vor dem Reichstag ist bekannt und ist eine der ruhmvollsten Seiten der Geschichte. Als der Kaiser schließlich verlangte, er solle widerrufen, entgegnete er fest: »Wofern ich nicht durch Zeugnisse der heiligen Schrift oder durch ein anderes offenbares Zeugnis meines Irrtums überführt werde, kann und will ich nicht widerrufen, denn es ist nicht ratsam, daß jemand wider sein Gewissen zeuge. Solches ist mein fester Entschluß und Ew. Majestät dürfen keinen andern von mir erwarten. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.« Er mußte seine Pflicht erfüllen – den Geboten einer Macht gehorchen, die über allen Königen steht, und er tat es auf jede Gefahr hin.</p><p>Als er später in Augsburg von seinen Feinden hart bedrängt wurde, sagte er: »Wenn ich fünfhundert Köpfe hätte, wollte ich sie lieber alle verlieren, als einen Artikel des Glaubens widerrufen.« Wie bei allen mutigen Männern schien seine Stärke im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte, zu wachsen. »Kein Mann in Deutschland,« sagte Hutten, 
      <a id="page90" name="page90" title="James/mbechtel"/> »verachtet den Tod mehr als Luther.« Seinem moralischen Mute schulden wir vielleicht mehr als einem andern Manne die Befreiung modernen Denkens und die Anerkennung der großen Rechte des menschlichen Verstandes.</p><p>Der ehrenhafte tapfere Mann fürchtet die Schmach mehr als den Tod. Der königstreue Graf Strafford soll zum Schafott auf dem Towerhügel gegangen sein wie ein Feldherr, der sein Heer zum Siege führt, und nicht wie ein zum Tode Verurteilter. Ebenso mutig ging der Republikaner Henry Vane an derselben Stelle zum Tode mit den Worten: »Lieber zehntausendmal tot, als mein Gewissen beflecken, dessen Reinheit und Lauterkeit mir über alles in der Welt geht.« Vanes größter Kummer galt seiner Frau, die er zurücklassen mußte. Als er sie aus einem Fenster des Tower herabblicken sah, erhob er sich in seinem Karren, schwenkte seinen Hut und rief: »Zum Himmel, Geliebte! – zum Himmel; – und dich muß ich in dem Sturm zurücklassen.« Als er weiterfuhr, rief einer aus der Menge: »Das ist der ruhmvollste Platz, auf dem ihr je saßet,« worauf er sehr erfreut erwiderte: »Wahrhaftig, so ist es!«</p><p>Obgleich der Erfolg der Lohn ist, um den alle Menschen arbeiten, müssen sie sich indessen oft lange abmühen, ohne einen Schimmer davon zu sehen. Sie müssen unterdessen von ihrem Mute leben – und säen ihre Saat vielleicht im Dunkeln, in der Hoffnung, daß sie doch Wurzel fassen und fruchtbringend aufgehen werde. Auch die beste Sache hat auf ihrem Wege zum Siege mit Fehlschlägen zu rechnen, und viele Stürmer fallen in der Bresche, ehe die Festung genommen wird. Der Heldenmut, den sie entfalten, bemißt sich nicht so sehr nach dem Erfolg, als nach dem Widerstande, den sie bemeistern, und nach dem Mute, mit dem sie den Kampf durchführen.</p><p>Der Patriot, der für eine verlorene Sache kämpft – der Märtyrer, der unter dem Beifallsgeschrei seiner Feinde zum Tode geht – der Entdecker, der, wie Kolumbus, in der »langen leidvollen Wanderschaft« nicht verzagt – sind Beispiele moralischer Erhabenheit, die im Herzen der Menschen ein tieferes Interesse erregen als der vollkommenste Erfolg. Wie klein erscheinen, verglichen mit solchen Beispielen, die größten Taten der Tapferkeit, wenn sich der Mensch in der wahnsinnigen Erregung physischen Kampfes in den Tod stürzt und stirbt.</p><p>Aber der größte Teil des Mutes, der in der Welt nötig ist, ist nicht heroischer Art. Mut kann im täglichen Leben wie auf dem Schlachtfelde entfaltet werden. Man braucht zum Beispiel Mut, um ehrlich zu sein – der Versuchung zu widerstehen – 
      <a id="page91" name="page91" title="James/hp"/> die Wahrheit zu sprechen – das zu sein, was wir wirklich sind und nicht etwas nur scheinen zu wollen – ehrlich mit unsern Mitteln auszukommen und nicht auf Kosten anderer zu leben.</p><p>Ein großer Teil des Unglücks und Lasters in der Welt ist der Schwäche und Unentschlossenheit, mit andern Worten: dem Mangel an Mut zuzuschreiben. Ein Mensch kann wohl wissen, was recht ist, und dennoch den Mut nicht haben, es zu tun; er kann wohl die Pflicht begreifen, die er zu erfüllen hat, aber nicht über die nötige Entschlossenheit verfügen, um sie auszuführen. Der schwache, charakterlose Mensch ist jeder Versuchung preisgegeben; er kann nicht »Nein« sagen, sondern unterliegt. Und wenn er schlechte Gesellschaft hat, wird er um so leichter durch das böse Beispiel zur Sünde verführt.</p><p>Nichts ist gewisser, als daß der Charakter nur durch eigenes energisches Bemühen gestützt und gestärkt werden kann. Der Wille, die Hauptkraft des Charakters, muß an Entschlossenheit gewöhnt werden – oder er wird unfähig, dem Bösen zu widerstehen oder das Gute zu befolgen. Entschlossenheit verleiht die Kraft, festzustehen, während auch nur geringes Nachgeben den ersten Schritt auf der abschüssigen Bahn tun heißt. Andere um Hilfe anrufen, wenn es heißt, einen Entschluß zu fassen, ist schlimmer als nutzlos. Ein Mensch muß sich daran gewöhnen, in Augenblicken der Not auf seine eigenen Kräfte zu vertrauen und sich auf seinen Mut zu verlassen. Plutarch erzählt von einem König von Mazedonien, der sich mitten in der Schlacht in eine benachbarte Stadt begab unter dem Vorwand, dem Herkules zu opfern; während sein Gegner Amilius zur selben Zeit, wo jener die göttliche Hilfe anrief, mit dem Schwerte in der Hand um den Sieg kämpfte und die Schlacht gewann. Und so ist es immer in den Kämpfen des täglichen Lebens.</p><p>Viele tapfere Vorsätze werden gefaßt, die in bloßen Worten enden; Taten werden beabsichtigt, die nie ausgeführt, Pläne gefaßt, die nie begonnen werden, und all dies, weil es an mutiger Entschlossenheit fehlt. Weit besser ist das Schweigen als geschwätzige Geschäftigkeit. Denn im Leben und in der Arbeit ist das Tun besser als das Reden, und die kürzeste Antwort auf alles ist die Tat. »Bei Angelegenheiten von großer Wichtigkeit, die getan werden müssen,« sagt Tillotson, »ist Unentschlossenheit ein sicheres Kennzeichen eines schwachen Geistes. Immer nur beabsichtigen, ein neues Leben anzufangen, aber nie die Zeit zum Anfang finden, das ist gerade so, wie wenn ein Mensch Essen, Trinken und Schlafen von einem Tag auf den andern verschiebt, bis er verhungert ist.«</p><p><a id="page92" name="page92" title="James/mbechtel"/> Es bedarf auch eines nicht geringen Grades von moralischem Mute, um den verderblichen Einflüssen der sogenannten »Gesellschaft« zu widerstehen. Obgleich »Frau Soundso« eine sehr gewöhnliche und hausbackene Person sein kann, so ist ihr Einfluß doch ungeheuer groß. Viele Menschen, besonders Frauen, sind die moralischen Sklaven der Klasse oder Kaste, der sie angehören. Unter ihnen existiert eine Art unwillkürliche Verschwörung gegen jede Individualität. Jeder Kreis und jede Gruppe, jeder Rang und Stand hat seine besonderen Sitten und Gebräuche, die man beachten muß, um nicht in Acht und Bann getan zu werden. Viele sind wie durch eine Mauer von der Mode umgrenzt, andere von der Gewohnheit, der Meinung. Nur wenige haben den Mut, anders zu denken als ihre Sekte, anders als ihre Partei, und hinauszutreten in die freie Luft individuellen Denkens und Handelns. Wir kleiden uns und essen nach der Mode auf die Gefahr hin, in Schulden, Verderben und Elend zu geraten. Wir leben nicht so sehr nach unsern Mitteln, als nach den törichten Anschauungen unserer Klasse. Wenn wir verächtlich von den Indianern reden, die ihre Köpfe plattdrücken, oder von den Chinesen, die ihre Füße verkrüppeln, so brauchen wir nur auf die unter uns herrschenden Mißbräuche zu blicken, um zu sehen, daß die Herrschaft der Mode allgemein verbreitet ist.</p><p>Aber moralische Feigheit zeigt sich ebenso im öffentlichen wie im Privatleben. Das Schmarotzertum beschränkt sich nicht darauf, den Reichen zu schmeicheln, sondern zeigt sich ebenso oft in dem Kriechen vor der Menge. Früher wagten die Sykophanten nicht, den Hochgestellten die Wahrheit zu sagen, aber jetzt wagen sie es nicht einmal bei dem gemeinen Volke. Jetzt, wo »die Massen« politische Macht ausüben, 
      <span class="footnote">J. S. Mill beschreibt in seinem Buche ›Über die Freiheit‹, ›Die Massen‹ als ›kollektive Mittelmäßigkeit‹. »Die Einführung alles Guten und Edlen,« sagt er, »kommt und muß kommen von Individuen – im allgemeinen zuerst von einem Individuum. Die Ehre und der Ruhm des Durchschnittsmenschen liegt darin, daß er jenem Anfang folgen, das Weise und Edle innerlich begreifen und mit offenen Augen dazu geführt werden kann... Zu unserer Zeit ist schon das bloße Beispiel der Nichtübereinstimmung, die bloße Weigerung, das Knie vor einer Gewohnheit zu beugen, ein Verdienst. Gerade weil die tyrannische öffentliche Meinung die Exzentrizität als Vorwurf betrachtet, ist es wünschenswert, um diese Tyrannei zu brechen, daß die Leute exzentrisch werden. Exzentrizität war immer da reichlich vorhanden, wo es viel Charakterstärke gab, und die Summe der Exzentrizität in der Gesellschaft ist gewöhnlich der Summe an Genie, Geisteskraft und moralischem Mute direkt proportional. Daß so wenige es wagen, exzentrisch zu sein, bezeichnet die Hauptgefahr unserer Zeit.«</span> zeigt sich eine steigende Tendenz, ihnen nach dem Munde zu reden, ihnen zu schmeicheln und nur glatte Worte zu ihnen zu sprechen. Man schreibt ihnen 
      <a id="page93" name="page93" title="James/xex"/> Tugenden zu, von denen sie selbst wissen, daß sie sie nicht besitzen. Man vermeidet heilsame Wahrheiten öffentlich auszusprechen, weil sie unangenehm sind, und um die Gunst der Massen zu gewinnen, heuchelt man Sympathie für Ideen, deren praktische Ausführbarkeit anerkanntermaßen unmöglich ist.</p><p>Nicht die Gunst des Mannes von dem edelsten Charakter – des höchstgebildeten und bestgestellten Mannes – sucht man heute so sehr wie die des niedrigsten, ungebildetsten und armseligsten, weil seine Stimmen meist die der Majorität ist. Selbst Männer von Rang, Wohlstand und Bildung sieht man im Staube liegen vor der Unwissenheit, um ihre Stimmen zu erhalten. Sie sind lieber charakterlos und ungerecht als unpopulär. Für manche Menschen ist es viel leichter, den Rücken zu beugen und zu schmeicheln, als männlich, entschlossen und hochherzig zu sein; viel leichter, Vorurteilen nachzugeben, als sie zu überwinden. Es erfordert Stärke und Mut, gegen den Strom zu schwimmen, während jeder tote Fisch mit ihm treiben kann.</p><p>Dies knechtische Buhlen um die Volksgunst hat in den letzten Jahren sehr um sich gegriffen und hat die Tendenz, den Charakter von Männern, die im öffentlichen Leben stehen, zu erniedrigen. Die Gewissen sind nachgiebig geworden. Jetzt hat man in der Kammer eine Meinung, auf der Rednertribüne eine andere. Im öffentlichen Leben zeigt man Vorurteile, die man im Geheimen verachtet. Angebliche Gesinnungsänderungen – die stets mit Partei-Interessen zusammenhängen – sind jetzt sehr häufig; und sogar Heuchelei scheint jetzt kaum noch als verächtlich angesehen zu werden.</p><p>Dieselbe moralische Feigheit zeigt sich in niederen wie in hohen Kreisen. Wirkung und Gegenwirkung sind gleich. Heuchelei und wetterwendisches Benehmen oben ist von demselben Gebaren unten begleitet. Wo Menschen von hoher Stellung nicht den Mut haben, ihre Meinung zu vertreten, was soll man da von Niedriggestellten erwarten. Sie werden nur das ihnen gegebene Beispiel nachahmen. Sie werden auch allerlei Intrigen und Ränke gebrauchen – so sprechen und anders handeln – wie ihre Vorbilder. Man gebe ihnen nur einen verschlossenen Kasten oder einen Schlupfwinkel, wo sie ihre Handlungen verstecken können, und sie werden sich dann ihrer »Freiheit« erfreuen.</p><p>Wenn jemand heutzutage populär ist, so ist dies keineswegs eine Empfehlung für ihn, sondern ebenso oft gegen ihn. »Niemand,« sagt das russische Sprichwort, »kann zu Ehren kommen, der mit einem steifen Rücken verflucht ist.« Das Rückgrat dessen, der nach Popularität jagt, ist schmiegsam und es fällt ihm nicht 
      <a id="page94" name="page94" title="James/xex"/> schwer, sich zu neigen und zu beugen, um den Beifall der Volksgunst zu erhaschen.</p><p>Wo die Popularität gewonnen wurde dadurch, daß man dem Volke schmeichelte oder die Wahrheit fernhielt, oder für die niedrigsten Instinkte schrieb und redete oder gar an den Klassenhaß appellierte, solche Popularität muß für alle ehrenhaften Menschen verächtlich sein. Jeremias Bentham sagt von einem wohlbekannten Politiker: »Seine politische Überzeugung geht weniger aus der Liebe zu der Masse als aus dem Hasse gegen wenige Bevorzugte hervor; sie steht zu sehr unter dem Einflusse selbstsüchtiger und unsozialer Neigungen.« Für wie viele Menschen unserer Zeit mag dies nicht auch Geltung haben? Leute von geradem Charakter haben den Mut, die Wahrheit zu reden, auch wenn sie nicht populär ist. Von dem Oberst Hutchinson sagte seine Frau, daß er nie nach der Gunst des Volkes strebte, noch sich ihrer rühmte: »Er freute sich mehr, Gutes zu tun als gepriesen zu werden, und er achtete nie das Lob der Menge so hoch, daß er, um es zu erringen, sein Gewissen oder seine Überzeugung außer acht gelassen hätte. Auch hätte er nie eine gute Tat, zu der er sich verpflichtet fühlte, unterlassen, wenn auch alle Welt sie nicht billigte; denn er sah alle Dinge an, wie sie wirklich waren und nicht durch die trübe Brille der öffentlichen Meinung.«</p><p>»Die Popularität im niedrigsten und gewöhnlichsten Sinne,« sagte Sir John Pakington, »ist des Erwerbs nicht wert. Tu deine Pflicht nach besten Kräften, erringe die Billigung deines Gewissens, und die Popularität in ihrem besten und höchsten Sinn wird nicht auf sich warten lassen.«</p><p>Als Richard Lowell Edgeworth gegen das Ende seines Lebens in seiner Gegend sehr beliebt wurde, sagte er eines Tages zu seiner Tochter: »Maria, ich fange an, schrecklich populär zu werden; ich werde bald zu nichts mehr gut sein; ein Mann, der sehr populär ist, kann zu nichts mehr taugen.« Wahrscheinlich dachte er an den Fluch, den das Evangelium gegen den populären Mann schleudert: »Wehe euch, wenn jedermann gut von euch redet, desgleichen taten ihre Väter den falschen Propheten auch!«</p><p>Geistige Unerschrockenheit ist eine der Hauptbedingungen der Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Charakters. Ein Mensch muß den Mut haben, ein »Ich« zu sein und nicht der Schatten oder das Echo eines andern. Er muß seinen eigenen Einfluß ausüben, seine eigenen Gedanken denken, seine eigenen Gefühle aussprechen. Er muß sich seine eigene Meinung bilden und seine eigene Überzeugung zu erringen suchen. Irgend jemand 
      <a id="page95" name="page95" title="James/mbechtel"/> hat gesagt: »Wer sich keine eigene Meinung zu bilden wagt, ist ein Feigling, wer es nicht tun will, ist ein Faulpelz; wer es nicht tun kann, ist ein Pinsel.«</p><p>Aber gerade an diesem Element der Unerschrockenheit mangelt es vielen Menschen, und sie täuschen deshalb die Erwartungen ihrer Freunde. Sie treten auf den Schauplatz der Handlung, aber bei jedem Schritt vermindert sich ihr Mut. Ihnen fehlt die nötige Entschlossenheit, Tapferkeit und Beharrlichkeit. Sie berechnen die Gefahr und wägen die Chancen ab, bis die Gelegenheit zum Handeln für immer vorbei ist.</p><p>Die Menschen sind verpflichtet, aus Wahrheitsliebe die Wahrheit zu sagen. »Ich wollte lieber darum leiden,« sagt der Republikaner John Pym, »daß ich die Wahrheit rede, als daß die Wahrheit um meines Schweigens willen leidet.« Wenn ein Mensch sich nach reiflicher Übung seine Überzeugung gebildet hat, ist er berechtigt, sie mit allen erlaubten Mitteln durchzuführen. Es gibt gewisse gesellschaftliche Zustände und geschäftliche Lagen, denen gegenüber ein Mensch sich feindlich und ablehnend verhalten muß, und wo eine Zustimmung nicht nur eine Schwäche, sondern eine Sünde wäre. Manchen großen Übeln muß man Widerstand leisten; sie können nicht durch Tränen, sondern nur durch Kampf bezwungen werden.</p><p>Dem Ehrlichen widerstrebt von Natur aus der Betrug, dem Wahrhaftigen die Lüge, dem gerecht Denkenden die Bedrückung, dem Reinen Laster und Sünde. Sie müssen diese Übel bekämpfen und sie womöglich besiegen. Solche Männer sind zu allen Zeiten die moralische Stärke der Welt gewesen. Von Menschenliebe getrieben und von Mut durchdrungen, sind sie zu allen Zeiten die Stützen sozialer Erneuerung und sozialen Fortschrittes gewesen. Hätten sie nicht beständig die Übel bekämpft, so wäre die Welt zum größten Teil der Herrschaft von Selbstsucht und Lasterhaftigkeit preisgegeben. Alle großen Reformatoren und Märtyrer waren Antagonisten der Unwahrheit und Unwahrhaftigkeit. Die Apostel selbst waren eine organisierte Schar sozialer Antagonisten, die gegen Hochmut, Selbstsucht, Aberglaube und Gottlosigkeit kämpften. Und zu unserer Zeit bewiesen das Leben von Clarkson und Granville Sharp, von Vater Mathew und Richard Cobden, was hochgesinnter, sozialer Antagonismus, von selbständigem Streben begeistert, leisten kann.</p><p>Die starken und mutigen Menschen leiten, führen und beherrschen die Welt. Die Schwachen, Schüchternen hinterlassen keine Spur, während das Leben eines einzigen rechtschaffenen und energischen Mannes einem Lichte in der Dunkelheit gleicht. 
      <a id="page96" name="page96" title="DagmarThess/James"/> Man erinnert sich seines Beispiels und erwähnt es oft; seine Gedanken, sein Geist und sein Mut beeinflussen noch lange zukünftige Generationen. Die Energie – deren Zentralelement der Wille ist – bringt die Wunder des Enthusiasmus zu allen Zeiten hervor. Überall ist sie die Quelle der sogenannten Charakterstärke und die fördernde Kraft jedes großen Beginnens. In gerechter Sache steht der entschlossene Mann auf seinem Mut wie auf einem Fels von Granit, und wie David geht er unverzagten Herzens dem Goliath entgegen, wenn auch eine Armee gegen ihn ankämpft.</p><p>Die Menschen besiegen oft Schwierigkeiten, weil sie die Kraft dazu in sich fühlen. Ihr Selbstvertrauen verstärkt das Vertrauen anderer. Als Cäsar sich auf dem Meere befand, und ein Sturm sich erhob, wurde der Kapitän des Schiffes von Furcht befallen. »Was fürchtest du dich?« rief der große Feldherr aus, »du trägst Cäsar und sein Glück!« Der Mut des Tapferen wirkt ansteckend und reißt andere mit sich fort. Seine stärkere Natur bringt die Schwächeren zum Schweigen oder überträgt ihren Willen und ihre Entschlossenheit auf sie.</p><p>Der Beharrliche läßt sich durch keinen Widerstand abschrecken oder einschüchtern. Diogenes wünschte der Schüler des Zynikers Anthistenes zu werden. Er wurde abgewiesen. Da Diogenes beharrlich blieb, erhob der Philosoph seinen Knotenstock und drohte ihm mit Schlägen, wenn er nicht ginge. »Schlag zu,« sagte Diogenes, »du wirst keinen Stock finden, der hart genug ist, um meine Beharrlichkeit zu besiegen.« Anthistenes war hierdurch entwaffnet und nahm ihn ohne weitere Widerrede als Schüler an.</p><p>Ein energisches Temperament, verbunden mit einem mäßigen Grade Weisheit, wird einen Menschen weiter bringen als noch soviel Klugheit ohne Energie. Energie macht den Mann der praktischen Geschicklichkeit. Sie verleiht ihm 
      <i>vis</i>, Kraft, 
      <i>momentum</i>, Nachdruck. Sie ist die Triebfeder des Charakters, und wenn sie mit Weisheit und Selbstbeherrschung gepaart ist, so wird sie einen Menschen in den Stand setzen, seine Kräfte nach bestem Vermögen in den Angelegenheiten des Lebens zu verwenden.</p><p>Daher kommt es, daß auch Leute von verhältnismäßig geringer Begabung, die aber von einem starken Willen geleitet wurden, Außerordentliches geleistet haben. Denn die Männer, welche die Welt am meisten beeinflußt haben, sind nicht so sehr Männer von Genie als vielmehr von starker Überzeugung und ausdauernder Arbeitskraft gewesen, die durch eine unwiderstehliche Energie und eine unbesiegbare Entschlossenheit angetrieben wurden, wie z. V. Mohammed, Luther, Knox, Kalvin, Loyola und Wesley. 
      <a id="page97" name="page97" title="DagmarThess/James"/> Der Mut, der mit Energie und Beharrlichkeit verbunden ist, wird auch anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten bewältigen. Er gibt Kraft und Nachdruck und gestattet keinen Rückzug. Tyndall sagte von Faraday, daß »er in Augenblicken der Begeisterung einen Entschluß faßte, den er dann bei ruhiger Überlegung ausführte.« Eine auf dem rechten Wege wirkende Beharrlichkeit wächst mit der Zeit und wird bei beständiger Übung auch bei dem Schwächsten nicht ihren Zweck verfehlen. Es ist von verhältnismäßig geringem Nutzen, sich auf die Hilfe anderer zu verlassen. Als einer der Hauptgönner Michel Angelos starb, sagte dieser: »Ich verstehe jetzt, daß die Versprechungen der Welt zum größten Teile leere Phantome sind und daß es der beste und sicherste Weg ist, auf sich selbst zu vertrauen und nach eigenem Wert zu trachten«.</p><p>Der Mut ist keineswegs mit Sanftmut unverträglich. Im Gegenteil charakterisieren Zartheit und Sanftmut gerade viele Männer und Frauen, welche die mutigsten Taten getan haben. Charles Napier gab die Jagd auf, weil er es nicht ertragen konnte, stumme Geschöpfe zu töten. Dieselbe Zartheit und Sanftmütigkeit charakterisierten seinen Bruder Sir William, den Verfasser des 
      <i>Peninsular War</i>. 
      <span class="footnote">Folgender kleine Zug seiner Güte wird in seiner Biographie angeführt! »Er machte einst bei Freshford einen längeren Spaziergang, als er einem kleinen, etwa fünfjährigen Mädchen begegnete, das kläglich über eine zerbrochene Schüssel weinte. Sie hatte darin ihrem Vater das Essen auf das Feld gebracht und sie auf dem Rückweg fallen lassen, und sie erzählte, sie würde zu Hause dafür Schläge bekommen, als sie ihn plötzlich mit einem Hoffnungsschimmer unschuldig ansah und fragte: »Nicht wahr, du kannst es wieder ganz machen?« Mein Vater erklärte, daß er das zwar nicht könne, aber er würde ihr ein Sixpencestück geben, um sich eine neue Schüssel zu kaufen. Er fand indessen kein Silbergeld in seiner Börse und versprach ihr deshalb, sie am folgenden Tage zu derselben Zeit an derselben Stelle zu treffen, um ihr das Geld zu geben. Sie sollte unterdessen ihrer Mutter sagen, daß ein Herr ihr am nächsten Tage das Geld für die Schüssel geben würde. Das Kind vertraute ihm vollständig und ging getröstet davon. Bei seiner Rückkehr fand er eine Einladung zu einem Diner in Bath vor, wobei er jemanden treffen sollte, den er ganz besonders zu sprechen wünschte. Er zögerte einen Augenblick und überlegte, ob er seine kleine Freundin mit der zerbrochenen Schüssel treffen und doch zur rechten Zeit in Bath sein könnte; aber da dies unmöglich war, lehnte er die Einladung mit der Begründung ab, er habe eine »frühere Verabredung« getroffen und sagte zu uns: »Ich kann sie nicht enttäuschen, sie vertraute mir so vollständig.«</span> So war auch der Charakter von Sir James Outram, den Sir Charles Napier den »Bayard Ostindiens, ohne Furcht und ohne Tadel« nannte – einer der tapfersten und doch sanftmütigsten Männer; respektvoll und ehrerbietig gegen Frauen, zärtlich gegen Kinder, hilfreich gegen Schwache, streng gegen Schlechte, aber gütig gegen Redliche und 
      <a id="page98" name="page98" title="DagmarThess/James"/> Verdienstvolle. Er selbst war so ehrlich wie der Tag und so rein wie die Tugend. Von ihm kann man mit Recht sagen, was Fulke Grenville von Sidney sagte: »Er war ein echtes Vorbild männlichen Wertes – ein Mann, wie geschaffen, um Eroberungen zu machen, Reformen auszuführen, Kolonien anzulegen oder irgend eine der schwierigsten und größten Arbeiten zu tun. Sein Endzweck war immer das Gute für seinen Nächsten und der Dienst für König und Vaterland.«</p><p>Als Edward, der »Schwarze Prinz«, die Schlacht bei Poitiers gewonnen und dabei den König von Frankreich und seinen Sohn gefangen genommen hatte, gab er ihnen des Abends ein Gastmahl, wobei er darauf bestand, ihnen aufzuwarten und sie zu bedienen. Diese ritterliche Höflichkeit und Artigkeit des tapferen Prinzen gewann das Herz seiner Gefangenen, wie er ihre Person durch seine Tapferkeit gewonnen hatte; denn ungeachtet seiner Jugend war Edward ein wahrer Ritter, der erste und edelste seiner Zeit – ein edles Vorbild und Beispiel der Ritterlichkeit Seine zwei Wahlsprüche »Hochgemut« und »Ich dien« drücken seine hervorstechendsten Eigenschaften nicht unpassend aus.</p><p>Der Mutige kann am ersten großmütig sein; es liegt schon in seiner Natur. Als Fairfax in der Schlacht bei Naseby einem Fähnrich, den er erschlagen, die Fahne entrissen hatte, übergab er sie einem gemeinen Soldaten, um sie zu behüten. Der Soldat konnte der Versuchung nicht widerstehen und rühmte sich vor seinen Kameraden, daß er die Fahne gewonnen hätte. Diese Prahlerei kam Fairfax zu Ohren, doch er sagte nur: »Mag er den Ruhm behalten, ich habe genug für mich selbst.«</p><p>Als Douglas in der Schlacht bei Bannockburn seinen Nebenbuhler Randolph von der Überzahl der Feinde umringt und anscheinend überwältigt sah, wollte er ihm gerade zu Hilfe eilen; aber als er sah, daß Randolph sie schon zurücktrieb, rief er aus: »Halt, Halt! Wir kommen zu spät, um ihm zu helfen, so wollen wir ihm den Sieg nicht schmälern, dadurch, daß wir daran teilnehmen.«</p><p>Ebenso ritterlich, wenn auch auf einem ganz anderen Gebiete, war das Benehmen des Laplace gegen den jungen Philosophen Biot, als dieser der 
      <i>Académie française</i> seine Schrift »
      <i>Sur les Equations aux Différences Mêlées</i>« vorgelesen hatte. Die versammelten Gelehrten beglückwünschten ihn wegen der Originalität der Arbeit. Monge war entzückt von Biots Erfolg. Laplace lobte ihn auch wegen der Klarheit seiner Beweisführung und lud ihn dann ein, ihn nach Hause zu begleiten. Dort entnahm Laplace einem Fache seines Schreibtisches ein vergilbtes 
      <a id="page99" name="page99" title="DagmarThess/James"/> Manuskript und händigte es dem jungen Philosophen ein. Zu Biots Überraschung fanden sich darin alle vollständig ausgearbeiteten Lösungen, für die er eben soviel Lob geerntet hatte. Mit seltenem Großmut hatte Laplace dies so lange vor Biot geheim gehalten, bis dieser sich einen Namen in der Akademie gemacht hatte, überdies verpflichtete er ihn zu Stillschweigen, und der Vorfall würde unbekannt geblieben sein, hätte ihn nicht Biot selbst fünfzig Jahre später bekannt gegeben.</p><p>Von einem französischen Handwerker berichtet man einen Vorfall, der dieselbe Selbstaufopferung in anderer Form zeigt. An einem hohen Neubau in Paris war das übliche Baugerüst mit Menschen und Material beladen; das Gerüst war zu schwach, brach plötzlich zusammen und alle wurden hinabgeschleudert – mit Ausnahme von zweien, einem älteren und einem jüngeren Manne, die sich an einem schmalen Brette festhielten, das unter ihrer Last nachzugeben drohte. »Pierre,« rief der Ältere, »laß los, ich bin Familienvater.« »
      <i>C'est juste!</i>« sagte Pierre; er ließ sofort los, stürzte hinab und war auf der Stelle tot. Der Familienvater wurde gerettet.</p><p>Der wackere Mensch ist so hochherzig wie sanftmütig. Er kämpft nicht gegen einen Schwächeren und schlägt keinen, der am Boden liegt und sich nicht wehren kann. Sogar inmitten des blutigen Kampfes sind solche Beispiele der Großmut nichts Ungewöhnliches. In der Schlacht bei Dettingen griff in der Hitze des Gefechts eine Schwadron französischer Reiter ein englisches Regiment an; aber als der junge französische Führer, der gerade den englischen Befehlshaber angreifen wollte, merkte, daß dieser nur einen Arm hatte, mit dem er den Zügel regierte, grüßte er höflich mit dem Säbel und ritt weiter.</p><p>Nach der Belagerung und Einnahme Wittenbergs durch die kaiserliche Armee kam Karl V. auch an Luthers Grab. Als er die Inschrift las, machte ihm einer der kriecherischen Höflinge den Vorschlag, das Grab zu öffnen und die Asche des »Ketzers« den Winden preiszugeben. Da errötete der Monarch vor ehrlicher Entrüstung: »Ich führe nicht mit den Toten Krieg,« sagte er; »man respektiere diesen Platz.«</p><p>Das Bild, das der große Heide Aristoteles vor mehr als zweitausend Jahren von dem Großmütigen – mit andern Worten von dem echten Gentleman entwarf – besteht mit derselben Treue noch heute. »Der Großmütige, sagte er, wird Glück und Unglück mit derselben Mäßigung ertragen. Er wird Lob und Tadel zu ertragen wissen. Der Erfolg wird ihn nicht entzücken, der Fehlschlag nicht kränken. Er wird die Gefahr weder scheuen 
      <a id="page100" name="page100" title="James/mbechtel"/> noch suchen, denn er kümmert sich um wenige Dinge. Er ist zurückhaltend und bedachtsam beim Sprechen, aber er spricht seine Meinung offen und frei aus, wenn der Augenblick gekommen ist. Er bewundert leicht, doch ist ihm nichts zu groß. Er läßt Beleidigungen unbeachtet. Er spricht nicht über sich oder andere, denn es liegt ihm nichts daran, daß er gelobt, noch, daß andere getadelt werden. Er erhebt kein Geschrei um Kleinigkeiten und verlangt von niemand Hilfe.«</p><p>Andererseits bewundern gemeine Menschen nur Gemeines. Sie kennen weder Großmut noch Bescheidenheit oder Hochherzigkeit. Sie sind immer bereit, die Schwäche oder Wehrlosigkeit anderer zu benutzen, besonders wo es ihnen selbst gelungen ist, sich durch gewissenlose Manipulationen zu hohen Stellungen aufzuschwingen. Gemeine Menschen in höheren Stellungen sind noch unerträglicher als solche in niederer, weil sie mehr Gelegenheit haben, ihre Gemeinheit hervorzukehren. Sie nehmen ein vornehmes Aussehen an und sind in allem, was sie tun, arrogant; je höher sie steigen, desto greller ist der Widerspruch zwischen dem, was sie sind und was sie scheinen wollen. »Je höher der Affe steigt, desto mehr sieht man seinen Schwanz,« sagt das Sprichwort.</p><p>Viel hängt davon ab, wie man etwas tut. Dieselbe Handlung scheint uns gütig, wenn sie aus vornehmem Sinn kommt, und karg, oder gar hart und grausam, wenn sie ein mißgünstiger Mensch ausführt. Als Ben Jonson arm und krank daniederlag, sandte ihm der König eine gleichgültige Botschaft mit einem kleinen Geschenk. Die derbe, unverblümte Antwort des Dichters lautete darauf: »Ich vermute, er schickt mir das, weil er glaubt, daß ich in einer Sackgasse wohne; sagt ihm, seine Seele wohne auch in einer Sackgasse.«</p><p>Aus dem, was wir gesagt haben, geht hervor, daß es von großer Wichtigkeit für die Charakterbildung ist, einen mutigen, ausdauernden Sinn zu besitzen. Er ist ebenso sehr eine Quelle des Nutzens wie des Glückes im Leben. Andererseits ist eine schüchterne ja feige Natur ein großes Unglück. Ein weiser Mann pflegte zu sagen, daß er bei der Erziehung seiner Kinder besonders darauf geachtet hätte, daß sie nichts so fürchten lernten wie die Furcht. Und ohne Zweifel kann die Gewohnheit, die Furcht zu scheuen, ebenso anerzogen werden wie die Gewohnheit der Aufmerksamkeit, des Fleißes, des Studiums oder der Heiterkeit.</p><p>Vielfach entspringt die Furcht der Einbildungskraft, welche sich das Übel vorstellt, das sich ereignen kann, was aber vielleicht sehr selten geschieht. So werden viele Leute, die zur Bekämpfung 
      <a id="page101" name="page101" title="James/mbechtel"/> und Überwindung einer wirklichen Gefahr Mut genug haben, von einer eingebildeten eingeschüchtert und gänzlich gelähmt. Wenn die Einbildungskraft nicht unter strenge Disziplin genommen wird, kommt man dem Übel auf halbem Weg entgegen – leidet schon im voraus und nimmt die selbstgeschaffene Last auf sich.</p><p>Erziehung zu Mut und Entschlossenheit gehört gewöhnlich nicht zu den Zweigen weiblicher Bildung, und doch ist sie viel wichtiger als Musik, Französisch oder Geographie. Entgegen Sir Richard Steeles Ansicht, daß die Frauen durch eine »zarte Furcht« und eine »Inferiorität, die sie lieblich macht«, charakterisiert sein sollten, wünschen wir eine Erziehung zu Entschlossenheit und Mut, damit sie hilfreicher, selbständiger, nützlicher und glücklicher werden.</p><p>Die Schüchternheit hat nichts Anziehendes, die Furcht nichts Liebliches. Alle Schwäche, des Geistes wie des Körpers, ist ein Gebrechen. Der Mut ist anmutig und würdevoll, die Furcht in jeder Form gemein und abstoßend. Doch kann die äußerste Zartheit und Sanftmütigkeit mit Mut gepaart sein. Der Künstler Ury Scheffer schrieb einst an seine Tochter: »Liebe Tochter, bemühe dich, guten Muts und sanften Herzens zu sein; das sind echt weibliche Eigenschaften. Schwierigkeiten muß jeder erwarten. Nur auf eine Weise darf man dem Schicksal begegnen – mag dies Glück oder Unglück sein, man muß beides mit Würde tragen. Wir dürfen den Mut nicht verlieren, oder es steht schlimm mit uns und denen, die wir lieben. Kämpfen und immer wieder den Kampf aufnehmen – das ist das Erbe des Lebens.«</p><p>Der Mut der Frau ist darum nicht geringer, weil er größtenteils passiv ist. Er wird nicht durch den Beifall der Welt ermutigt, weil er meist in der Zurückgezogenheit des Privatlebens geübt wird.</p><p>Niemand versteht es, Krankheit und Kummer tapferer und stiller zu ertragen als Frauen. Wo ihr Herz dabei ist, da ist ihr Mut sprichwörtlich. »
      <i>Oh! femmes c'est à tort qu'on vous nomme timides, A la voix de vos cœurs vous êtes intrépides</i>.« Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Frauen ebenso wie die Männer die härtesten Prüfungen ertragen können; aber man gibt sich zu geringe Mühe, sie auch kleine Schrecken und Ärgernisse ertragen zu lehren. Diese kleinen Übel werden, wenn man sie nachsichtig behandelt, leicht zu krankhafter Empfindlichkeit und werden der Fluch ihres Lebens, da sie ihre Umgebung und sie selbst in einem Zustande chronischen Mißbehagens halten.</p><p>Das beste Heilmittel dieses Gemütszustandes ist eine gesunde moralische und geistige Disziplin. Geistige Stärke ist für die 
      <a id="page102" name="page102" title="James/clagal"/> Entwickelung des Charakters der Frau ebenso wichtig wie für den des Mannes. Sie verleiht ihr die Fähigkeit, die Geschäfte des täglichen Lebens zu erledigen und die Geistesgegenwart, die sie in den Stand setzt, wenn es not tut mit Kraft und Nachdruck zu handeln. Der Charakter erweist sich bei dem Manne wie bei der Frau als der beste Schutz der Tugend, der beste Lehrer der Religion, das beste Mittel gegen die Wirkung der Zeit. Körperliche Schönheit vergeht schnell; aber Schönheit des Geistes und Charakters wächst mit dem Alter.</p></div><div class="chapter" id="chap007"><h3>6. Kapitel. Selbstbeherrschung</h3><div class="motto"><p>Ehre und Nutzen fallen nicht immer zusammen. –</p><p><i>George Herbert</i>.</p><p>Die Selbstbeherrschung ist die wahre Freiheit des Individuums. –</p><p><i>Friedrich Perthes</i>.</p></div><p>Selbstbeherrschung ist nur eine andere Form des Mutes. Man kann sie fast als die Grundessenz des Charakters ansehen. Dank dieser Eigenschaft definiert Shakespeare den Menschen als ein Wesen, »das vor und hinter sich schaut.« Sie bildet den Hauptunterschied zwischen dem Menschen und dem Tier, und es gibt keine wahre Männlichkeit ohne sie.</p><p>Die Selbstbeherrschung ist die Wurzel aller Tugenden. Sobald ein Mensch allen Impulsen und Leidenschaften die Zügel schießen läßt, gibt er seine moralische Freiheit auf. Er wird von dem Strome des Lebens mitgerissen und wird der Sklave seiner gerade vorherrschenden Begierde.</p><p>Um moralisch frei, um mehr als ein Tier zu sein, muß der Mensch seinen augenblicklichen Eingebungen widerstehen können. Dies kann nur durch die Selbstbeherrschung geschehen. Daher bildet diese Kraft den wahren Unterschied zwischen physischem und moralischem Leben und die Grundlage des individuellen Charakters. Die Bibel lobt nicht den Starken, der eine »Stadt bezwingt«, sondern den Stärkeren, der »sein Herz besiegt«. Der Stärkere übt durch Selbstzucht eine beständige Kontrolle über 
      <a id="page103" name="page103" title="James/clagal"/> seine Gedanken, Worte und Taten aus. Neun Zehntel der schlimmen Wünsche, welche die Gesellschaft erniedrigen und, wenn sie nachsichtig behandelt werden, zu Verbrechen anwachsen, würden bei tapferer Selbstzucht, Selbstachtung und -beherrschung zunichte werden. Durch die achtsame Übung dieser Tugenden wird Reinheit des Herzens und Sinnes erworben, und der Charakter gewinnt an Keuschheit, Tugend und Mäßigung.</p><p>Die beste Stütze des Charakters ist immer die Gewohnheit, die je nach der Richtung des Willens zum segensreichen Herrscher oder grausamen Despoten wird. Wir werden ihr williger Untertan oder andererseits ihr Sklave. Sie kann uns auf den Weg zum Guten führen oder uns ins Verderben stürzen.</p><p>Die Gewohnheit wird durch eine sorgfältige Erziehung ausgebildet und es ist erstaunlich, wieviel sich durch systematische Disziplin und Zucht erreichen läßt. Man sehe nur, wie Zucht und Ordnung aus dem ungeeignetsten Material – aus von der Straße aufgelesenen Raufbolden und aus rohen ungewaschenen Landburschen, die vom Pfluge weggeholt sind – die ganz unvermuteten Eigenschaften des Mutes, der Ausdauer und Selbstaufopferung hervorbringen, und wie auf dem Schlachtfelde oder bei den noch größeren Gefahren der See solche wohldisziplinierten Leute Taten echter Bravour und echten Heldenmutes vollbringen.</p><p>Auch auf die Bildung des Charakters ist moralische Disziplin und Übung von großem Einfluß. Ohne sie gibt es in der Lebensführung weder System noch Ordnung. Auf ihr beruht die Pflege der Selbstachtung, die Erziehung zum Gehorsam, die Entwicklung des Pflichtgefühls. Der Mann von der größten Selbständigkeit und Selbstbeherrschung muß sich in beständiger Zucht halten, und je vollkommener diese ist, desto höher wird seine sittliche Stellung sein. Er muß seine Wünsche bezähmen und sie den höheren Kräften seiner Natur unterordnen. Sie müssen dem Kommandowort seines innern Beraters, seinem Gewissen, gehorchen, oder sie werden nur die Sklaven seiner Neigungen, der Spielball seiner Gefühle und Triebe.</p><p>»In der Überlegenheit der Selbstbeherrschung,« sagt Herbert Spencer, »besteht eine der Hauptkräfte des idealen Mannes. Nicht impulsiv zu sein – nicht von jedem auftauchenden Wunsche bald hierher, bald dorthin getrieben werden – aber gefaßt und ausgeglichen bleiben, sich von den im Rate versammelten Gefühlen leiten lassen, vor dem jede Tat vorher gründlich überlegt und ruhig entschieden wird, das sollte die Erziehung, zum mindesten die moralische Erziehung, hervorbringen.«</p><p><a id="page104" name="page104" title="James/clagal"/> Die erste und auch beste Bildungsanstalt moralischer Disziplin ist, wie wir schon gesehen haben, das Haus, danach kommt die Schule, und hierauf die Welt, die große Schule praktischen Lebens. Jede bereitet auf die andere vor, und was aus den Menschen wird, hängt größtenteils von ihrem vorausgehenden Leben ab. Wenn sie die Wohltat des Keimes oder der Schule nicht kennen lernten, sondern ohne Zucht, Erziehung und Unterricht aufwuchsen, dann wehe ihnen – wehe auch der Gesellschaft, der sie angehören.</p><p>Die bestgeordnete Häuslichkeit ist immer diejenige, in welcher die Disziplin am vollkommensten ist und doch am wenigsten gefühlt wird. Die moralische Disziplin wirkt mit der Kraft eines Naturgesetzes. Die ihr unterworfen sind, folgen ihr ganz unbewußt; und obgleich sie den ganzen Charakter bildet und formt, bis das Leben zu Gewohnheiten erstarrt, wird doch ihr Einfluß fast nicht bemerkt und gefühlt.</p><p>Die Wichtigkeit strenger häuslicher Disziplin wird in besonderer Weise durch eine Tatsache illustriert, die Frau Schimmelpenninck in ihren Memoiren mitteilt. Eine Dame, die mit ihrem Gatten die meisten Irrenhäuser Englands und des Kontinents besucht hatte, fand, daß die meisten Kranken einzige Kinder gewesen waren, denen man daher den Willen allzuhäufig gelassen hatte, während solche, die aus einer zahlreichen Familie stammten, und in guter Zucht aufgewachsen waren, der Krankheit weit seltener zum Opfer fielen. Obgleich der moralische Charakter in hohem Grade ebenso sehr von Temperament und physischer Gesundheit wie von häuslicher Erziehung von Jugend an und dem Umgang abhängt, liegt es auch in der Macht jedes einzelnen, ihn durch achtsame und beharrliche Selbstbeherrschung zu zügeln, zu beschränken und zu schulen. Ein kompetenter Pädagog sagte, daß Neigungen und Gewohnheiten ebenso leicht gelehrt werden können, wie Latein und Griechisch, während sie zur Glückseligkeit weit wichtiger sind.</p><p>Obgleich Dr. Johnson von Natur aus sehr zur Schwermut geneigt war, und seit seinen Jugendjahren mehr als jeder andere mit ihr zu kämpfen hatte, so sagte er doch, daß »die gute oder schlechte Laune eines Mannes sehr von seinem Willen abhängt.« Wir können uns einerseits an Geduld und Zufriedenheit gewöhnen, andererseits auch an Murren und Unzufriedenheit. Wir können uns daran gewöhnen, kleine Übel zu übertreiben und große Segnungen zu unterschätzen. Wir können sogar die Opfer kleiner Leiden werden, wenn mir uns ihnen überlassen. So können wir uns zu einer heiteren wie zu einer düsteren 
      <a id="page105" name="page105" title="James/clagal"/> Lebensanschauung erziehen. In der Tat kann die Gewohnheit, alles von der guten Seite zu nehmen und hoffnungsvoll ins Leben zu blicken, wie eine andere Gewohnheit auch anerzogen werden.</p><p>Auch der Geschäftsmann muß sich strenger Regel und Ordnung unterwerfen. Das Geschäft wird wie das Leben durch moralische Hebel gehandhabt und in beiden beruht der Erfolg zum großen Teil auf der Gemütsruhe und Selbstbeherrschung, die dem Weisen die Herrschaft über sich und andere verleihen. Ausharren und Selbstbeherrschung ebnen den Lebensweg und öffnen viele Tore, die sonst verschlossen blieben. Und so ist es mit der Selbstachtung; denn wie die Menschen sich selbst achten, werden sie auch die Persönlichkeit anderer respektieren.</p><p>Ähnlich ist es in der Politik. In jeder Lebenssphäre wird der Erfolg weniger durch Talent als Temperament, weniger durch Genie als Charakter errungen. Wenn jemand sich nicht selbst beherrschen kann, verliert er die Geduld und den Takt, und hat weder die Macht, sich selbst noch andere zu leiten. Als man in Gegenwart Pitts von der Haupteigenschaft eines Premierministers sprach, meinte einer »Beredsamkeit«, ein anderer »Gelehrsamkeit«, ein dritter »Arbeitskraft«. »Nein,« sagte Pitt, »es ist die Geduld.« Und Geduld bedeutet Selbstbeherrschung, worin er groß war. Sein Freund George Rose sagte, er hätte Pitt nie außer sich gesehen.</p><p>Obgleich die Geduld immer als eine »langsame« Tugend angesehen wird, war sie bei Pitt doch immer mit großer Gewandtheit, Kraft und Schnelligkeit im Denken wie im Handeln verbunden.</p><p>Durch Geduld und Selbstbeherrschung wird der wahrhaft heroische Charakter vollkommen. Diese gehörten zu den hervorstechendsten Charaktereigentümlichkeiten des großen Hampden, dessen edle Eigenschaften auch von seinen politischen Gegnern großmütig anerkannt wurden. So beschreibt ihn Clarendon als einen Mann von seltener Gemütsruhe und Bescheidenheit, von natürlicher Heiterkeit und Lebhaftigkeit und vor allem von großer Liebenswürdigkeit. Er war gütig und unerschrocken, doch sanft, von untadelhafter Rede, und sein Herz strömte von Menschenliebe über. Er war kein Mann von vielen Worten, aber jedes Wort hatte bei seinem unantastbaren Charakter großes Gewicht. »Niemand hatte je größere Macht über sich ... Er war in seiner Lebensweise sehr mäßig und beherrschte alle seine Leidenschaften und Neigungen. Dadurch hatte er große Gewalt über andere.« Sir Philipp Warwick, ein anderer seiner politischen 
      <a id="page106" name="page106" title="mbechtel/James"/> Gegner, beschreibt seinen großen Einfluß bei einem Streite: »Wir hätten einander an den Haaren gepackt und uns den Degen in den Leib gestoßen, hätte dies nicht die Weisheit und Ruhe Hampden« verhindert, der uns durch eine kurze Rede veranlaßte, den Streit bis zum nächsten Morgen aufzuschieben!«</p><p>Ein heftiges Temperament braucht nicht ein schlechtes Temperament zu sein. Aber je heftiger es ist, desto mehr bedarf es der Selbstzucht und Selbstbeherrschung. Dr. Jonson sagt, daß die Menschen mit zunehmendem Alter besser werden und durch Erfahrung veredelt werden. Aber dies beruht doch auf der Größe, Tiefe und Güte der menschlichen Natur. Nicht die Fehler der Menschen stürzen sie ins Verderben, als vielmehr ihr Benehmen, nachdem sie einen Fehler begangen haben. Der Weise beherzigt die Lehre, die sie ihm geben und vermeidet sie in Zukunft! aber auf manche übt die Erfahrung keinen bessernden Einfluß aus. Sie werden mit der Zeit nur engherziger, verbitterter und schlechter.</p><p>Was man bei einem jungen Manne heftiges Temperament nennt, ist oft nur ein hoher Grad unreifer Energie, die bei richtiger Leitung zu nützlicher Arbeit wird. Der Franzose Stephan Gerald, der in den Vereinigten Staaten eine sehr erfolgreiche Laufbahn einschlug, soll, als er von einem Schreiber mit sehr heftigem Temperament hörte, ihn sofort angestellt und im Zimmer bei sich haben arbeiten lassen. Gerard war nämlich der Meinung, daß solche Leute die besten Arbeiter sind, und daß ihre Energie sich in tüchtiger Arbeit Luft mache, wenn ihre Streitsucht eingedämmt wird.</p><p>Ein heftiges Temperament kann auch das Anzeichen eines starken, leicht erregbaren Willens sein. Unbezähmt, entfaltet es sich in jähen Ausbrüchen der Leidenschaft; aber wenn es kontrolliert und bezähmt wird – wie der Dampf in dem Mechanismus der Dampfmaschine reguliert und kontrolliert wird von Ventilen, Regulatoren und Hebeln – kann es zu einer Quelle energischer Kraft und großen Nutzens werden. So waren auch einige der größten Charaktere in der Geschichte Männer von heftigem Temperament, aber von ebenso großer Willenskraft, vermöge deren sie ihre ungestümen Triebe unter strenger Kontrolle hielten.</p><p>Der berühmte Graf Strafford war von äußerst cholerischer und leidenschaftlicher Natur und mußte sehr mit sich kämpfen, um sein Temperament zu zügeln. Mit Bezug auf den Rat eines seiner Freunde, des alten Sekretärs Cooke, der ehrlich genug war, ihn auf seine Schwäche aufmerksam zu machen 
      <a id="page107" name="page107" title="ancistrus/James"/> und ihn davor zu warnen, schrieb er: »Euer Rat, daß ich geduldig sein soll, ist gut. Meine Jahre und natürlichen Anlagen geben mir in der Tat mehr als genug Hitze, die indessen, wie ich glaube, mehr Erfahrung abkühlen und Wachsamkeit mit der Zeit überwinden sollen. Inzwischen wird sie dadurch verzeihlicher erscheinen, daß mein ganzer Eifer der Ehre, Gerechtigkeit und dem Nutzen meines Herrn gilt. Nicht der Ärger, sondern die falsche Anwendung macht das Übel so tadelnswert für die, welche sich ihm zu ihrem Schaden hingeben.«</p><p>Auch Cromwell soll in der Jugend von heftigem und ungestümem Temperament gewesen sein, von wildem, schwer zu lenkendem Sinn – mit einer Menge jugendlicher Energie, die sich in einer Menge von Jugendstreichen Luft machte. Er stand sogar in seiner Vaterstadt in dem Rufe eines Raufboldes und schien sehr schnell zu sinken, als die Religion in ihrer strengsten Form von seiner starken Natur Besitz ergriff und ihn der eisernen Disziplin des Calvinismus unterwarf. Seinem energischen Temperament wurde so eine ganz neue Richtung gegeben, er bahnte sich einen Weg in die Öffentlichkeit und wurde fast zwanzig Jahre lang der herrschende Einfluß in England.</p><p>Die heldenmütigen Fürsten aus dem Hause Nassau zeichneten sich alle durch dieselbe Selbstbeherrschung, Selbstverleugnung und Willensstärke aus. Wilhelm der Schweigsame erhielt diesen Beinamen nicht, weil er wenig gesprochen hätte,– denn er war ein beredter und gewaltiger Redner, wo die Beredsamkeit am Platze war, sondern weil er seine Zunge im Zaume halten konnte, wo die Klugheit zu schweigen gebot, und weil er seine Pläne sorgfältig geheim hielt, wo ihre Enthüllung der Freiheit seines Vaterlandes gefährlich gewesen wäre. Er war so sanft und versöhnlich in seinem Wesen, daß seine Feinde ihn als schüchtern und furchtsam bezeichneten. Wenn aber die Zeit zum Handeln gekommen war, so besaß er einen heldenhaften Mut, eine unbeugsame Entschlossenheit. »Der Fels im Meere,« sagt Motley, der Geschichtsschreiber der Niederlande, »ruhig inmitten brandender Wogen, das war das Bild, unter dem seine Freunde mit Vorliebe seine Entschlossenheit darstellten.«</p><p>Motley vergleicht Wilhelm den Schweigsamen mit Washington, dem er in der Tat in vieler Beziehung ähnelt. Der amerikanische Patriot steht wie der niederländische in der Geschichte wie die Personifikation der Würde, Tapferkeit, Reinheit und persönlichen Vortrefflichkeit. Seine Selbstbeherrschung, auch in großer Bedrängnis und Gefahr, war so groß, daß diejenigen, welche ihn 
      <a id="page108" name="page108" title="ancistrus/James"/> nicht näher kannten, ihn für einen Mann von angeborener Ruhe und Passivität hielten. Doch war Washington von Natur ungestüm und heftig. Seine Milde, Sanftmut, Höflichkeit und Rücksichtnahme auf andere waren das Resultat seiner strengen Selbstbeherrschung und unermüdlichen Selbstzucht, die er von Jugend auf geübt hatte. Sein Biograph sagt von ihm, daß sein Temperament heftig und seine Leidenschaften stark waren; inmitten der vielen Szenen der Versuchung und Erregung bemühte er sich ständig, und hatte auch schließlich Erfolg damit, dem einen standzuhalten und die andern zu überwinden.« Und weiter: »Er hatte heftige Leidenschaften und bisweilen brachen sie mit großem Ungestüm hervor, aber er hatte die Kraft, sie im Augenblick zu zügeln. Vielleicht war die Selbstbeherrschung sein hervorstechendster Charakterzug. Zum Teil war sie ein Resultat der Erziehung; doch scheint er von Natur aus diese Kraft in einem Maße besessen zu haben, das andern versagt ist.«</p><p>Das natürliche Temperament des Herzogs von Wellington war wie das Napoleons äußerst erregbar, und nur durch achtsame Selbstbeherrschung konnte er es in Schranken halten. Gleich einem indianischen Häuptling zwang er sich in der Gefahr zu Kaltblütigkeit und Ruhe. Bei Waterloo und anderswo gab er auch in den kritischsten Augenblicken seine Befehle ohne die geringste Erregung und in noch ruhigerer Stimme als gewöhnlich.</p><p>Ein Mann kann von schwächlichem Körperbau sein, seine Seele aber, mit einem glücklichen Temperament gesegnet, kann groß sein, tätig, edel und herrschend. Professor Tyndall gab ein treffliches Bild des Charakters Faradays und seiner aufopfernden Arbeit für die Wissenschaft; er schildert ihn als einen Mann von starker, urwüchsiger und feuriger Natur und doch von äußerster Zartheit und Empfindlichkeit. »Unter seiner Milde und Liebenswürdigkeit glühte ein Vulkan. Er war ein Mann von leicht erregbarer Natur, aber durch seine Selbstbeherrschung hatte er das Feuer zur Zentralglut und Triebkraft des Lebens gemacht, anstatt es sich in nutzloser Leidenschaft austoben zu lassen.«</p><p>Bei Faradays Charakter muß man noch einen schönen Zug erwähnen, der der Selbstbeherrschung nahe verwandt ist: es ist seine Selbstverleugnung. Hätte er sich der analytischen Chemie gewidmet, so hätte er schnell ein großes Vermögen gesammelt, aber er widerstand der Versuchung und beschritt den Pfad reiner Wissenschaft. »Wenn man die Dauer seines Lebens in Betracht 
      <a id="page109" name="page109" title="ancistrus/James"/> zieht,« sagt Tyndall, »so hatte dieser Sohn eines Schmiedes und Lehrling eines Buchbinders zwischen einem Vermögen von 150 000 Pfund und der unbezahlten Wissenschaft zu wählen. Er entschied sich für das letztere und starb als armer Mann. Aber ihm gebührt der Ruhm, daß er dem Namen Englands in der Wissenschaft Ansehen verlieh.«</p><p>Ein ähnliches Beispiel von der Selbstverleugnung eines Franzosen: Der Historiker Angnetil gehörte zu den wenigen Gelehrten, die sich unter das Joch Napoleons zu beugen weigerten. Er geriet in große Armut, lebte nur von Brot und Milch und schränkte seine Ausgaben auf täglich drei Sous ein. »Es bleiben mir so noch jeden Tag zwei Sous für den Sieger von Marengo und Austerlitz übrig,« sagte er. »Aber wenn du krank wirst,« sagte ein Freund zu ihm, »brauchtest du doch eine Pension. Warum nicht tun, was andere tun? Huldige dem Kaiser – du brauchst ihn zum Leben. »Ich brauche ihn nicht zum Sterben,« war die Antwort. Aber Angnetil starb nicht in Armut, er starb im Alter von vierundneunzig Jahren, und sagte am Vorabend seines Todes zu einem Freunde; »Komm und sieh, wie ein Mensch stirbt, der noch voller Leben ist!«</p><p>Wer ehrenhaft und friedlich durchs Leben gehen will, muß lernen, Selbstverleugnung im Kleinen wie im Großen zu üben. Die Menschen müssen tragen und dulden. Das Temperament muß der Besonnenheit unterworfen werden, und die kleinen Dämonen der schlechten Laune, der Reizbarkeit und des Sarkasmus müssen energisch ferngehalten werden. Wenn sie nur einmal Eingang fanden in den Geist, kommen sie immer wieder und lassen sich darin dauernd nieder.</p><p>Zu der persönlichen Glückseligkeit gehört es auch, ein jedes Wort wie eine jede Tat zu kontrollieren; denn es gibt Worte, die härter treffen als Schläge, und mancher teilt mit der Zunge Dolchstiche aus, der keinen Dolch besitzt. Das französische Sprichwort sagt: »
      <i>Un coup de langue est pire qu'un coup de lance</i>.« »Der Himmel behüte uns,« sagt Friederike Bremer in ihrem »Haus«, »vor der zerstörenden Gewalt der Rede. Es gibt Worte, die das Herz mehr als scharfe Schwerter verwunden, es gibt Worte, deren Stich man das ganze Leben im Herzen fühlt.«</p><p>So zeigt sich der Charakter in der Beherrschung der Rede wie bei andern Dingen. Der Weise unterdrückt den Wunsch, einen Witz oder Tadel auf Kosten eines andern auszusprechen, während der Narr alles ausplaudert, was er denkt, und eher den Freund als den Witz opfert. »Die Narren haben ihr Herz 
      <a id="page110" name="page110" title="ancistrus/James"/> im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen,« sagt Salomon.</p><p>Es gibt jedoch Menschen, die, ohne Narren zu sein, unbesonnen in Sprache und Handlung sind, weil es ihnen an Vorsicht, Selbstbeherrschung und Geduld fehlt. Der impulsive Genius, der die Gabe schnellen Denkens und eindringlicher Rede besitzt, läßt – vielleicht von dem Beifall des Augenblicks hingerissen – einen Sarkasmus fallen, der ihm unendlichen Schaden bringt. Sogar Staatsmänner könnte man anführen, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, einen beißenden Witz auf Kosten ihrer Gegner zu machen. »Die Form eines Satzes,« sagt Bentham, »hat das Schicksal mancher Freundschaft und, wenn wir recht unterrichtet sind, auch manches Königreiches entschieden. Wenn daher jemand versucht ist, eine geschickte aber bissige Wendung niederzuschreiben, möge er sie, auch wenn es ihm schwer fällt, immer besser im Tintenfaß lassen«. »Ein Gänsekiel verwundet oft mehr als die Klaue eines Löwen,« sagt ein spanisches Sprichwort. Carlyle sagt, von Oliver Cromwell sprechend: »Wer seine Gedanken nicht für sich behalten kann, der kann nichts Bedeutendes ausführen.« Von Wilhelm dem Schweigsamen sagte einer seiner größten Gegner, daß man nie ein anmaßendes oder indiskretes Wort von seinen Lippen gehört habe. Gleich ihm war Washington beim Sprechen die Diskretion selbst und nie benutzte er die Schwäche eines Gegners, um im Wortkampf einen kurzlebigen Triumph zu feiern. Und man sagt, daß dem Weisen, der zu schweigen weiß, die Welt schließlich entgegenkommt.</p><p>Wir haben Männer von großer Erfahrung sagen hören, daß sie es bereuten, gesprochen, aber nie, geschwiegen zu haben. »Schweig still,« sagt Pythagoras, »oder sag etwas Besseres als das Schweigen.« »Sprich sachgemäß, sagt Georg Herbert, oder schweige weise.« St. Franz von Sales, den Leigh Hunt den »heiligen Gentleman« nennt, sagte: »Es ist besser, zu schweigen, als mit übler Laune die Wahrheit zu verkünden und so ein ausgezeichnetes Gericht dadurch verderben, daß man es mit schlechter Sauce übergießt«. Ein anderer Franzose räumt charakteristischerweise dem Sprechen die erste, dem Schweigen die zweite Stelle ein. »Nach der Rede,« sagt er, »ist das Schweigen die größte Macht in der Welt.«</p><p>Es gibt natürlich auch Zeiten und Gelegenheiten, wo der Ausdruck des Unwillens nicht nur berechtigt, sondern sogar geboten ist. Wir müssen über Falschheit, Selbstsucht und Grausamkeit empört sein. Ein Mann von wahren Gefühlen wird 
      <a id="page111" name="page111" title="RoWi/James"/> gegen Niedrigkeit oder Gemeinheit aufbrausen, auch wenn er nicht zu sprechen verpflichtet ist. »Ich möchte nichts mit einem Manne zu tun haben, sagte Perthes, »der nicht empört sein kann. Es gibt mehr Gute als Böse in der Welt; doch haben die Bösen die Oberhand, weil sie dreister sind. Wir können nicht umhin, uns über einen Mann zu freuen, der seine Fähigkeiten mit Entschiedenheit gebraucht, und wir ergreifen oft nur aus diesem Grunde seine Partei. Ohne Zweifel habe ich es oft bereut, gesprochen, aber nie, geschwiegen zu haben.«</p><p>Wer das Recht liebt, kann dem Unrecht gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Wenn er warm empfindet, wird er warme Worte aus der Fülle seines Herzens sprechen.</p><p>Wir müssen uns indessen vor zorniger Ungeduld hüten. Auch die Besten werden bisweilen ungeduldig und ihr Temperament, das sie ernst macht, läßt sie auch unduldsam erscheinen. Francis Horner sagt in einem seiner Briefe: »Gerade unter den aufrichtigsten und eifrigsten Freunden der Freiheit findet man die ärgsten Starrköpfe; Männer von eigensinniger Art, fränkischer Tugend – die nach einem Lieblingsausdruck Sharpes einen Keil mit dem breiten Ende vorweg eintreiben wollen und in politischen Dingen keine Mäßigkeit kennen.</p><p>Das beste Mittel gegen Ungeduld besteht in vermehrter Weisheit und Lebenserfahrung. Ein gebildeter Verstand wird den Menschen im allgemeinen vor den Unannehmlichkeiten bewahren, in die ihn moralische Ungeduld leicht stürzt. Der Verstand besteht dabei hauptsächlich in jener Geistesverfassung, die es ihrem Besitzer ermöglicht, die praktischen Angelegenheiten des Lebens gerecht, diskret und liebevoll zu behandeln. Daher pflegen gebildete und erfahrene Leute stets nachsichtig und duldsam zu sein, während unwissende, engherzige Personen unversöhnlich und intolerant sind. Große, hochherzige Naturen behandeln die Fehler und Mängel ihrer Mitmenschen mit Nachsicht, indem sie den Einfluß der Umstände auf die Bildung des Charakters und die beschränkte Widerstandskraft schwacher und energieloser Naturen gegenüber der Versuchung und dem Irrtum in Betracht ziehen. »Ich sehe keinen begangenen Irrtum,« sagt Goethe, »den ich nicht auch hätte begehen können.« Deshalb rief ein weiser und guter Mann aus, als man einen Verbrecher nach Tyburn schleifte: »Da schleifte man auch Jonathan Bradford – wenn ihn nicht Gottes Gnade behütet hätte!«</p><p>Das Leben ist im allgemeinen das, wozu wir es machen. Der Heitere baut sich eine heitere Welt, der Finstere eine finstere. Wir finden gewöhnlich in unserer Umgebung unser Temperament 
      <a id="page112" name="page112" title="rebbie/James"/> widergespiegelt. Wenn wir zänkisch sind, so ist sie es auch; sind wir unversöhnlich und unbarmherzig gegen sie, so ist sie es wieder gegen uns. Als jemand aus einer Abendgesellschaft heimkehrte, beklagte er sich gegen einen Schutzmann, daß ein unheimlich aussehender Kerl ihm folge; es zeigte sich, daß dies sein Schatten war. Und so ist es gewöhnlich mit unserm Schicksal, es ist größtenteils nur der Widerschein unseres eigenen Lebens. Wenn wir mit andern Menschen in Frieden leben und ihre Achtung erwerben wollen, müssen wir ihre Persönlichkeit respektieren. Jedermann hat seine Eigentümlichkeiten in Wesen und Charakter wie in Gestalt und Gesichtszügen, und wir müssen im Verkehr mit andern dieselben Rücksichten nehmen, die wir erwarten.</p><p>Wenn wir uns auch unserer Eigentümlichkeiten nicht bewußt sind, so existieren sie doch gewiß. Es gibt ein Dorf in Südamerika, wo der Kropf so verbreitet ist, daß es als Gebrechen gilt, keinen zu haben. Eines Tages kam eine Gesellschaft Engländer durch den Ort, als sich sofort eine Schar Neugieriger sammelte, die höhnend ausrief: »Seht diese Leute – sie haben keinen Kropf!«</p><p>Viele Leute legen viel Gewicht darauf, was andere von ihnen und ihren Eigentümlichkeiten denken. Einige sind zu sehr veranlagt, immer die schlimmste Seite zu nehmen und denken daher, von sich auf andere schließend, immer gleich das Schlimmste. Über es ist häufig der Fall, daß die Unfreundlichkeit anderer, wo sie wirklich vorkommt, nur der Widerschein unserer Unliebenswürdigkeit und Maßlosigkeit ist. Noch öfter kommt es vor, daß die Sorgen nur Ausgeburten unserer Phantasie sind. Und wenn auch unsere Umgebung unfreundlich von uns denkt, so werden wir die Sache nicht besser machen, wenn wir uns gegen sie erbittern. Wir setzen uns dabei nur unnötig ihrer Launenhaftigkeit oder Bosheit aus. »Das Böse, das aus unserm Mund kommt,« sagt George Herbert, »fällt oft in unsern Busen zurück.«</p><p>Der große und gute Philosoph Faraday erteilte in einem Briefe seinem Freunde, dem Professor Tyndall, folgenden an praktischer Lebenserfahrung reichen Rat: »Laß mich als alten Mann, der durch Erfahrung gereift ist, dir sagen, daß ich in meiner Jugend die Absichten anderer Leute oft falsch deutete, und daß sie oft nicht verstanden, was ich von ihnen voraussetzte; und weiter, eine allgemeine Regel, es war oft besser, wenn ich ein wenig schwer von Begriffen war bei Sätzen, die einen Stachel enthielten, und dann wieder schnell auffaßte, wenn sie ein freundliches Gefühl enthielten. Die Wahrheit kommt schließlich doch an den Tag, und wenn sich die Gegenpartei im Unrecht befindet, kann man sie leichter durch Nachsicht als durch Heftigkeit 
      <a id="page113" name="page113" title="rebbie/James"/> von ihrem Unrecht überzeugen. Was ich sagen will, ist: Es ist besser, den Resultaten der Parteilichkeit gegenüber blind zu sein, aber desto bereitwilliger den guten Willen anzuerkennen. Man empfindet auch mehr Glück in sich, wenn man den Frieden fördert. Du kannst dir kaum vorstellen, wie oft ich in ungerechter und übermütiger Weise, wie ich glaube, angegriffen worden bin, und doch habe ich mich erfolgreich bemüht, Antworten der gleichen Art zu unterdrücken. Und ich weiß, ich war nie der verlierende Teil.«</p><p>Während sich der Maler Barry in Rom aufhielt, stritt er sich wie gewöhnlich mit Künstlern und Dilettanten über Kunst und Kunsthandel herum. Da schrieb ihm sein Freund Edmund Burke – immer der großmütige Freund kämpfenden Verdienstes – gütig und verständig: »Glaube mir, lieber Barry, die Waffen, mit der die Mißgunst der Welt bekämpft wird, und die Eigenschaften, durch die wir uns mit ihr und sie mit uns versöhnen, sind Mäßigung, Sanftmut, ein wenig Nachsicht gegen andere und viel Mißtrauen gegen uns selbst. Dies sind nicht Eigenschaften eines kleinen Geistes, wie manche denken mögen, sondern Tugenden schöner und edler Art und unserer Natur würdig, wie sie zu unserer Ruhe und unserm Glück beitragen. Denn nichts ist einer edlen Seele unwürdiger, als das Leben in Streitigkeiten und Zänkereien – in mürrischem Benehmen gegen die Umgebung zu verbringen. Wir müssen mit den Menschen in Frieden leben, wenn nicht um ihret-, so doch um unsertwillen.«</p><p>Niemand kannte den Wert der Selbstbeherrschung besser als der Dichter Burns, und niemand konnte sie andern beredter lehren; aber wenn es zur Tat kam, war Burns einer der Schwächsten. Er konnte es sich nicht versagen, auf Kosten anderer einen beißenden Witz zu machen. Einer seiner Biographen bemerkt von ihm, daß nicht viel dazu gehörte, sich auszurechnen, daß er um zehn Witze sich hundert Feinde machte. Aber dies war noch nicht alles, der arme Burns konnte auch seine Begierden nicht beherrschen, sondern ließ ihnen frei die Zügel schießen.</p><p>Eins der Laster, dem Burns zum Opfer fiel – wohl ein Hauptlaster, weil es so viele andere nach sich zieht – war der Trunk. Er war nicht eigentlich nur Trunkenbold, aber weil er der Versuchung mit ihren schimpflichen Wirkungen leicht erlag, erniedrigte und verdarb er seine ganze Natur.</p><p>Aber der arme Burns steht nicht allein, denn von allen Lastern ist die Trunksucht, damals wie jetzt, am meisten populär, erniedrigend und zerstörend. 
      <a id="page114" name="page114" title="James/clagal"/> Wenn es einen Tyrannen gäbe, der seine Untertanen zwingen würde, ihm ein Drittel oder mehr ihres Verdienstes zu opfern und zugleich verlangte, sie sollten sich einer Lebensweise ergeben, die sie zum Tier erniedrigt, den Frieden und die Wohlfahrt der Familie zerstört und Krankheit und den Keim des frühen Todes in sie säte, was für Protestversammlungen, was für Riesenprozessionen würden da veranstaltet! Was für Reden und Ansprachen an den Geist der Freiheit – was für Aufrufe gegen eine so ungeheuerliche und unnatürliche Tyranney! Und doch existiert ein solcher Tyrann unter uns: die Herrschaft ungezügelter Begierden, gegen die keine Waffengewalt, keine Rede etwas ausrichtet, solange die Menschen sich freiwillig in ihre Sklaverei begaben.</p><p>Die Macht dieser Tyrannei kann nur durch moralische Mittel bekämpft werden – durch Selbstzucht, Selbstachtung und Selbstbeherrschung. Es gibt keinen andern Weg, der Herrschaft der Begierden zu widerstehen. Keine staatliche Reform, keine Ausdehnung des Stimmrechts, keine verbesserte Regierungsform, kein Mehr von Schulbildung kann den Charakter eines Volkes erhöhen, das sich freiwillig sinnlichen Neigungen hingibt. Sich unedlen Vergnügungen hingeben, heißt das wahre Glück vertreiben; denn die Moral geht unter und alle Energie, alle Kraft und Gesundheit des Individuums wie des Volkes wird zerstört.</p><p>Eine mutige Selbstbeherrschung zeigt sich auf viele Arten, aber am klarsten in einer ehrenhaften Lebensführung. Menschen ohne die Tugend der Selbstverleugnung sind nicht nur ihren eigenen, selbstsüchtigen Wünschen unterworfen, sondern stehen auch gewöhnlich unter der Herrschaft von andern, die ähnlichen Sinnes sind. Was andere tun, tut er auch. Sie müssen den allgemeinen Anschauungen huldigen und verschwenden ihr Geld wie ihre Nachbarn – ohne an die Folgen zu denken – dadurch, daß sie eine Lebensführung anstreben, die ihre Mittel weit übersteigt. Jeder reißt den andern mit sich fort und keiner hat den Mut, inne zu halten. Sie können der Versuchung, auf großem Fuße zu leben, nicht widerstehen, wenn es auch auf Kosten der anderen geschieht, und sie geraten immer tiefer in Schulden, bis sie keinen Ausweg mehr finden. Diese Handlungsweise ist moralische Feigheit, Furchtsamkeit und ein Mangel an männlicher Unabhängigkeit des Charakters. Ein rechtschaffener Mensch scheut sich, etwas zu scheinen, was er nicht ist, oder sich reicher zu stellen, als er wirklich ist, oder eine Lebensführung anzunehmen, welche seine Verhältnisse nicht rechtfertigen. Er hat den Mut, eher sich nach seiner Decke zu strecken, als auf Kosten anderer zu 
      <a id="page115" name="page115" title="DagmarThess/James"/> leben; denn wer in Schulden verfällt, weil er über sein Einkommen hinaus lebt, ist im Grunde genommen ebenso unredlich, als wer die Tasche anderer bestiehlt. Vielen mag diese Ansicht übertrieben streng erscheinen, aber sie ist doch wahr. Auf Kosten anderer leben ist nicht nur eine Unehrlichkeit, sondern eine Unwahrhaftigkeit. Das Sprichwort George Herberts, daß »Schuldenmacher Lügner sind,« wird durch die Erfahrung bestätigt. Shaftesburg sagt irgendwo, daß der Wunsch, etwas zu haben, was wir nicht besitzen, und etwas zu scheinen, was wir nicht sind, die Wurzel aller Unsittlichkeit ist.</p><p>Der ehrenhafte Mann lebt bescheiden und bezahlt redlich. Er sucht nicht für reicher zu gelten, als er wirklich ist, oder ruiniert sich nicht dadurch, daß er sich in Schulden stürzt. Wie der Mann nicht arm ist, dessen Mittel zwar klein, aber dessen Wünsche wohlbeherrscht sind, so ist der reich, dessen Mittel seine Bedürfnisse übersteigen. Als Sokrates einst sah, wie eine Menge von Kostbarkeiten, Juwelen und wertvollem Geräte mit großem Pompe durch Athen gebracht wurde, sagte er: »Nun sehe ich, wieviel ich nicht begehre.« »Ich kann alles außer der Selbstsucht verzeihen,« sagte Perthes.</p><p>Man kann dem Gelde infolge einer höheren Lebensauffassung gleichgültig gegenüberstehen wie z. B. Faraday, der Reichtum dem Streben nach Wissenschaft opferte. Wenn man dann die Genüsse haben will, die man durch Geld erkaufen kann, so muß man sie sich redlich verdienen und nicht von den Mitteln anderer leben wie die, welche sich in Schulden stürzen, die sie nicht bezahlen können. Als man Maginn, der immer tief in Schulden steckte, fragte, wieviel er für seinen Wein bezahle, antwortete er, das wisse er nicht, aber er glaube, »man schreibe es in einem Buche auf.«</p><p>Dieses »Aufschreiben« hat sich als das Verderben vieler schwacher Personen erwiesen, die der Versuchung nicht widerstehen können, Waren auf Kredit zu nehmen, wenn sie gerade kein Geld dazu haben. Aber leider ermutigt die geschäftliche Konkurrenz die Schuldenmacher, und die Gläubiger verlassen sich darauf, daß das Gesetz ihnen im Notfall zur Hilfe kommt. Als Sydney Smith einst in eine andere Stadt zog, verbreiteten die Lokalblätter die Nachricht, er wäre ein Mann von großen Konnexionen, und man warb deshalb von allen Seiten um seine »Kundschaft«. Aber er klärte seine neuen Nachbarn schnell auf. »Wir sind ganz und gar keine großen Leute,« sagte er, »wir sind nur ehrliche Leute – die ihre Schulden bezahlen.«</p><p>Sheridan gehörte auch zu diesen Unglücklichen, die immer ausgeben und borgen. Er war impulsiv und sorglos in seinen 
      <a id="page116" name="page116" title="DagmarThess/James"/> Ausgaben und geriet bei jedem in Schulden. Als er als Kandidat von Westminster auftrat, machte ihn hauptsächlich seine arge Verschwendung unpopulär. »Eine Menge armer Leute,« sagt Lord Palmerston in einem Briefe, »sammelte sich um die Tribüne und verlangte Bezahlung der Rechnungen.« Inmitten seiner Bedrängnis war Sheridan wie immer leichtherzig und machte manchen guten Witz auf Kosten seiner Gläubiger. Lord Palmerston war selbst bei einem Diner Sheridans zugegen, als die Gerichtsvollzieher als Kellner verkleidet zur Pfändung erschienen.</p><p>Sir Walter Scott war eine grundehrliche Natur und seine gewaltigen und entschlossenen Anstrengungen, seine Schulden oder vielmehr die Schulden der Firma zu bezahlen, in deren Bankerott er verwickelt war, ist uns immer als einer der größten Charakterzüge in seiner Lebensgeschichte erschienen. Als sein Verleger bankerott machte, schien er ebenfalls vor dem Ruin zu stehen. Es fehlte ihm in seinem Unglück nicht an Sympathie und seine Freunde erboten sich, genug Geld aufzubringen, um sich mit seinen Gläubigern auseinanderzusetzen. »Nein,« sagte er stolz, »diese meine rechte Hand soll alles arbeiten.« »Wenn wir auch alles verlieren,« schrieb er an seinen Freund, »werden wir doch die Ehre unbefleckt erhalten.«</p><p>Während seine Gesundheit schon unter der Überarbeitung zu leiden begann, »schrieb er weiter wie ein Tiger«, wie er sich selbst ausdrückt, bis er keine Feder mehr halten konnte, und obgleich er seine übermäßigen Anstrengungen mit dem Leben bezahlte, rettete er doch seine Ehre und Selbstachtung.</p><p>Jedermann weiß, wie schnell Scott seinen »Woodstock«, das »Leben Napoleons« (das er für sein letztes Werk hielt), Artikel für den »
      <i>Quarterly</i>«, die »Chronik von Canongate«, »Vermischte Schriften« und die »Erzählungen eines Großvaters« hinwarf – alles wurde in Sorge, Kummer und Bedrängnis geschrieben. Den Ertrag dieser Werke erhielten seine Gläubiger. »Ich könnte nicht ruhig schlafen,« schrieb er, »wie ich es jetzt in dem Bewußtsein kann, den Dank meiner Gläubiger und meine Pflicht als Mann von Ehre und Gewissen zu tun. Ich sehe einen langen, öden, dunklen Weg vor mir, aber er führt zu fleckenlosem Rufe. Wenn ich unter der Arbeit sterbe, wie es sehr wahrscheinlich ist, so sterbe ich ehrenvoll. Wenn ich meine Aufgabe erfülle, habe ich den Dank aller Beteiligten und die Billigung meines Gewissens.«</p><p>Und dann folgten mehr Artikel, Memoiren und sogar religiöse Abhandlungen, »Das schöne Mädchen von Perth«, eine neu 
      <a id="page117" name="page117" title="DagmarThess/James"/> revidierte Ausgabe seiner Novellen, »Anna von Geierstein«, weitere »Erzählungen eines Großvaters« – bis ihn plötzlich der Schlag rührte. Aber kaum hatte er sich wieder soweit erholt, daß er eine Feder halten konnte, so begab er sich wieder an den Schreibtisch, verfaßte »Briefe über Dämonenlehre und Zauberei«, einen Band schottischer Geschichte für Gardners Enzyklopädie und eine vierte Reihe »Erzählungen eines Großvaters«, in seiner »Französischen Geschichte«. Vergebens rieten ihm die Ärzte, die Arbeit aufzugeben, er wollte sich nicht überzeugen lassen. »Mir das Arbeiten verbieten, ist gerade so, als wenn Molly den Kessel aufs Feuer setzte und sagte: »Jetzt koche nicht, Kessel,« sagte er zu Dr. Abercrombie; und er setzte hinzu: »Wäre ich untätig, so würde ich wahnsinnig werden.«</p><p>Durch die Früchte dieser ungeheuren Anstrengungen verminderten sich Scotts Schulden schnell, und er glaubte nach ein paar Jahren weiterer Anstrengung ein freier Mann zu sein. Aber es sollte anders kommen. Er schrieb mit geringerem Geschick Werke wie »Graf Robert von Paris«, bis ihn ein neuer heftigerer Schlaganfall traf. Er fühlte jetzt, daß es mit ihm zu Ende ging, seine physische Kraft war dahin, er war in allem nicht mehr der Alte, und doch verlor er weder Mut noch Beharrlichkeit. »Ich habe schrecklich gelitten,« schrieb er in sein Tagebuch, »weniger körperlich als geistig, und ich wünsche oft, ich könnte einschlafen, ohne wieder zu erwachen. Aber ich will den Kampf zu Ende führen, wenn ich kann.«</p><p>Er erholte sich wieder so weit, daß er »Das gefährliche Schloß« schreiben konnte, obgleich seine schriftstellerische Kraft dahin war. Und dann unternahm er seine letzte Reise nach Italien, um Ruhe und Gesundheit zu suchen, während der er zu Neapel trotz allen Abratens sich täglich mehrere Stunden mit der Abfassung eines neuen Romans beschäftigte, der indessen nie erschienen ist.</p><p>Scott kehrte nach Abbotsford zurück, um hier zu sterben. »Ich habe viel gesehen,« sagte er bei seiner Rückkehr, »aber nichts, das meinem Hause gliche – da müßt ihr mir noch mehr Vorschläge machen!« Einer seiner letzten Aussprüche, die er in lichten Augenblicken machte, war seiner würdig. »Ich bin vielleicht der fruchtbarste Autor meiner Zeit gewesen,« sagte er, »und es ist mir ein Trost, daß ich keines Menschen Glaube getäuscht, keines Menschen Grundsätze verdorben oder etwas geschrieben habe, das ich auf dem Totenbette ausgetilgt wünsche.« Sein letztes Wort an seinen Schwiegersohn war: »Lockhart, ich kann vielleicht nur eine Minute mit dir reden. Lieber Sohn, 
      <a id="page118" name="page118" title="DagmarThess/James"/> sei tugendhaft – sei religiös – sei ein guter Mensch. Nichts anderes wird dich trösten, wenn du einmal hier liegst.«</p><p>Das pietätvolle Benehmen Lockharts war seines großen Verwandten würdig. Das »Leben Scotts«, das er später schrieb, beschäftigte ihn mehrere Jahre und hatte großen Erfolg. Doch hatte er selbst keinen pekuniären Vorteil davon, denn er händigte den ganzen Ertrag den Gläubigern Scotts für eine Schuld ein, für die er nicht im geringsten haftbar war, aber er tat dies, beeinflußt von seinem Ehrgefühl und zum Gedächtnis des großen Toten.</p></div><div class="chapter" id="chap008"><h3>7. Kapitel. Pflichtgefühl und Wahrhaftigkeit</h3><div class="motto"><p>Pflicht, du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nicht drohst, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken.</p><p><i>Kant</i>.</p></div><p>Die Pflicht ist eine Schuld, welche jedermann bezahlen muß, um nicht in Mißkredit oder gar moralische Insolvenz zu geraten. Sie ist eine Verpflichtung – eine Verbindlichkeit – die nur durch freiwillige Anstrengung und entschlossenes Handeln in den Angelegenheiten des Lebens abgetragen werden kann.</p><p>Die Pflicht umfaßt das ganze Leben des Menschen. Sie beginnt zu Hause mit den Pflichten der Kinder gegen die Eltern und umgekehrt der Eltern gegen die Kinder. Dann gibt es ferner die Pflichten der Ehegatten, der Herrschaft und des Gesindes. Außerhalb des Hauses sind die Pflichten, die Männer und Frauen einander als Freunde und Nachbarn, als Arbeitgeber und Arbeitnehmer, als Befehlende und Gehorchende schulden. 
      <a id="page119" name="page119" title="DagmarThess/James"/> Daher sagt Paulus: »So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid. Schoß, dem Schoß gebühret, Zoll, dem Zoll gebühret, Furcht, dem Furcht gebühret, Ehre, dem Ehre gebühret. Seid niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander liebet, denn wer den andern liebet, der hat das Gesetz erfüllt.«</p><p>So umschließt die Pflicht das ganze Leben, von unserer Geburt bis zum Tode – Pflichten gegen Vorgesetzte, Untergebene und Gleichstehende – Pflichten gegen den Menschen und gegen Gott. Wo eine Macht zu gebrauchen oder zu leiten ist, da gibt es auch eine Pflicht. Denn wir sind nur Verwalter und müssen die uns anvertrauten Mittel zu unserm und anderer Heil benutzen.</p><p>Ein ausgebildetes Pflichtgefühl ist die Krone des Charakters. Es ist das Gesetz, das den Menschen in seiner höchsten Stellung erhält. Ohne Pflichtgefühl strauchelt und fällt das Individuum bei der ersten Gegnerschaft oder Versuchung, während hingegen, von ihm begeistert, der Schwächste stark und mutig wird. »Die Pflicht«, sagt Jameson »ist der Mörtel, welcher das ganze Gebäude der Moral zusammenhält; ohne sie kann alle Macht, Güte, Wahrheit, aller Verstand, alles Glück, ja die Liebe selbst nicht von Dauer sein, sondern der ganze Bau der Existenz bricht unter uns zusammen, so daß wir schließlich, erstaunt über unsere Verlassenheit, unter Ruinen sitzen.«</p><p>Das Pflichtgefühl gründet sich auf die Gerechtigkeit, welche durch die Liebe, die vollkommenste Art der Güte, eingeflößt wird. Das Pflichtgefühl ist eigentlich nicht ein Gefühl, sondern ein Lebensprinzip, und es zeigt sich in Worten und Taten, die ja besonders durch das Bewußtsein und den freien Willen des Menschen bestimmt sind.</p><p>In der erfüllten Pflicht spricht die Stimme des Gewissens, und ohne seinen regulierenden und kontrollierenden Einfluß kann auch der glänzendste und größte Verstand nur ein Irrlicht sein, das in den Sumpf führt. Das Gewissen stellt den Menschen auf seine Füße, während der Wille ihn aufrecht erhält. Das Gewissen ist der moralische Herrscher des Herzens, der rechte Tat, rechten Gedanken, rechten Glauben, rechtes Leben lehrt, und nur durch seinen vorherrschenden Einfluß kann ein edler, aufrechter Charakter vollentwickelt werden.</p><p>Das Gewissen kann noch so laut sprechen, ohne energischen Willen verhallt es ungehört. Der Wille wählt frei zwischen rechtem und unrechtem Tun, aber die Wahl bedeutet nichts, wenn ihr nicht sofortige entschlossene Tat folgt. Wenn das Pflichtgefühl stark und die Bahn der Tätigkeit klar vorgezeichnet ist, so ermöglicht ein mutiger Wille, den das Gewissen stützt, den 
      <a id="page120" name="page120" title="DagmarThess/James"/> Menschen, auf seiner Bahn wacker auszuschreiten und sein Ziel trotz Widerspruchs und Schwierigkeiten zu erreichen. Und sollte sich doch ein Fehlschlag ergeben, so bleibt wenigstens der Trost, daß es um der Sache der Pflicht willen geschah.</p><p>»Sei und bleibe arm, junger Mann,« sagte Heinzelmann, »während andere um dich durch Betrug und Untreue reich werden; sei ohne Macht und Stellung, wenn andere immer höher steigen; trage den Schmerz enttäuschter Hoffnungen, während andere ihren Erfolg durch Schmeichelei erringen; verzichte auf einen gnädigen Händedruck, für den andere kriechen und schweifwedeln. Wappne dich mit deiner Tugend, suche einen Freund und dein tägliches Brot. Wenn du in deiner redlichen Sache in Ehren grau wurdest, so danke Gott und stirb!«</p><p>Menschen von hohen Grundsätzen sehen sich oft genötigt, eher alles, was sie achten und lieben, zu opfern, als ihrer Pflicht untreu zu werden. Die alte englische Auffassung dieses erhabenen, aufopfernden Pflichtgefühls drückt sich in den Worten aus, die der seiner Lehnspflicht folgende Dichter an seine Geliebte richtet:</p><p class="vers">»Dich könnt' ich, o Geliebte, nicht mehr lieben;
      <br/> Ständ' mir die Ehr' nicht höher noch!«</p><p>Und Sertorius sagte: »Der Mann, der auch nur einige Würde besitzt, muß mit Ehren kämpfen und gemeine Mittel, selbst um sein Leben zu retten, verschmähen. So sagte Paulus, von Pflichtgefühl und Glaube begeistert, er sei bereit, nicht nur sich binden zu lassen, sondern auch zu sterben.« Als italienische Fürsten den Marquis von Pescara drängten, die Sache der Spanier, an die ihn seine Ehre fesselte, zu verlassen, erinnerte ihn sein edles Weib Vittoria Colonna an seine Pflicht. Sie schrieb an ihn: »Denke an Deine Ehre, die Dich über Reichtum und Könige stellt; nur durch sie und nicht durch glänzende Titel erwirbt man Ruhm – jenen Ruhm, welchen der Nachwelt unbefleckt zu überliefern Dein Glück und Stolz ist.« Dies war die würdevolle Ansicht, die sie von der Ehre ihres Gemahls hatte; und als er bei Pavia fiel, zog sie sich, obwohl jung und schön und von vielen Bewunderern umschwärmt, in Einsamkeit zurück, um über den Verlust ihres Gemahls zu klagen und seine Taten zu rühmen.</p><p>Richtig zu leben heißt energisch handeln. Das Leben ist ein Kampf, der tapfer ausgefochten werden muß. Von hohem ehrenhaften Entschlusse beseelt, muß ein Mensch auf seinem Posten ausharren, und wenn nötig, dort sterben. Wie der alte dänische Held sollte er entschlossen sein, »edel zu wagen, fest zu wollen und nie auf dem Pfad der Pflicht zu straucheln.« Die Kraft des 
      <a id="page121" name="page121" title="Monne3/James"/> Willens, die Gott uns geschenkt hat, ist eine göttliche Gabe, sei sie groß oder klein, und wir sollten sie nicht aus Mangel an Gebrauch umkommen lassen oder sie an unedle Zwecke verschwenden. Robertson sagte mit Recht, daß die wahre Größe eines Menschen nicht im Streben nach Vergnügen oder Ruhm oder Fortkommen beruht – »nicht daß jeder sein Leben rettet oder seinen Ruhm sucht – sondern daß jeder seine Pflicht erfüllt.«</p><p>Am meisten stehen der Pflichterfüllung Unentschlossenheit, Willensschwäche und Wankelmütigkeit im Wege. Auf der einen Seite stehen Gewissen und die Kenntnis von Gut und Böse, auf der andern Trägheit, Selbstsucht, Vergnügungssucht und Leidenschaft. Der schwache unentschiedene Mensch schwankt eine Zeitlang zwischen seinen Entschlüssen hin und her; aber schließlich neigt er sich doch dem einen oder andern zu, je nachdem der Wille in Tätigkeit tritt oder nicht. Wenn er passiv bleibt, wird der niedrigere Einfluß der Selbstsucht oder Leidenschaft vorherrschen, und die Männlichkeit wird verleugnet, auf die Individualität verzichtet, der Charakter wird erniedrigt und der Mensch läßt sich zum Sklaven seiner sinnlichen Begierden machen.</p><p>Deshalb ist die Kraft, den Willen gehorsam den Vorschriften des Gewissens auszuüben und dadurch den Impulsen der gemeineren Natur zu widerstehen, von größter Wichtigkeit in der moralischen Erziehung und für die Entwicklung des Charakters absolut notwendig. Es mag vielleicht eine lange, beharrliche Disziplin erfordern, sich die Gewohnheit des rechten Tuns anzueignen, bösen Neigungen zu widerstehen, gegen sinnliche Begierden zu kämpfen und angeborene Selbstsucht zu überwinden; aber wenn man einmal die Praxis der Pflicht gelernt hat, geht sie in Gewohnheit über und ist dann verhältnismäßig leicht. Wahrhaft tapfer und gut ist derjenige, welcher durch seinen freien Willen sich so geübt hat, daß ihm die Tugend zur Gewohnheit geworden ist; ebenso ist der schlecht, welcher seinen Willen untätig und seinen Begierden und Leidenschaften die Zügel schießen ließ, bis ihm das Laster zur Gewohnheit wurde, und ihn zuletzt wie mit Eisenketten festschmiedete.</p><p>Nur durch die Betätigung seines freien Willens kann man sich Charakterstärke aneignen. Wenn man aufrecht stehen will, muß man es aus eigner Kraft tun, sich nicht durch andere halten lassen! Der Mensch ist der Herr seiner selbst und seiner Taten. Er kann die Lüge meiden und wahrhaft sein, er kann die Sinnlichkeit scheuen und enthaltsam sein; er kann eine grausame Handlung vermeiden und wohltätig und versöhnlich sein. All dies liegt im Bereiche seiner Anstrengungen und Selbstzucht. Und es hängt 
      <a id="page122" name="page122" title="Monne3/James"/> von den Menschen selbst ab, ob sie frei, rein und gut, oder sklavisch, unrein und elend sein wollen. Unter den weisen Aussprüchen Epiktets finden wir folgenden: »Wir wählen uns unsere Rolle im Leben nicht selbst und können nichts dazu tun; unsere Pflicht besteht nur darin, sie gut zu spielen. Der Sklave kann so frei sein wie der Konsul, und Freiheit ist die höchste aller Segnungen; gegen sie sind alle andern klein und unbedeutend, ohne sie nutzlos und unmöglich. Man muß die Menschen belehren, daß das Glück nicht da ist, wo sie es in ihrer Blindheit und ihrem Elend suchen. Es liegt nicht in der Kraft, denn Myron und Ophellius waren nicht glücklich, nicht im Reichtum, denn Krösus war nicht glücklich, nicht in der Macht, denn auch die Konsuln waren nicht glücklich, auch nicht in allem zusammen, denn Nero, Sardanapal und Agamemnon seufzten und weinten und rauften sich das Haar, sie waren die Sklaven der Umstände und die Narren ihrer Einbildung. Das Glück liegt in dir selbst, in wahrer Freiheit, in der Abwesenheit oder Überwindung jeder unendlichen Furcht, in vollkommener Selbstbeherrschung, in der Zufriedenheit, dem Frieden und einer ebenmäßigen Lebensführung selbst in Armut, Verbannung, Krankheit, ja selbst im Tal des Todes«. 
      <span class="footnote">Vgl. Epiktets Handbüchlein der Moral mit einer Auswahl seiner Unterredungen. Kröners Taschenausgabe.</span></p><p>Das Pflichtgefühl hält auch den Mutigen aufrecht und stärkt ihn. Als Pompejus sich während eines Sturmes nach Rom einschiffen wollte und seine Freunde ihm wegen der augenscheinlichen Lebensgefahr abrieten, sagte er: »Es ist nötig, daß ich gehe, aber es ist nicht nötig, daß ich lebe«. Was er für richtig hielt, tat er trotz Gefahr und Sturm.</p><p>Wie man es erwarten konnte, war die Haupttriebkraft im Leben Washingtons das Pflichtgefühl. Es war das herrschende und gebietende Element in seinem Charakter, das ihm Einheit, Festigkeit und Kraft verlieh. Wenn er seine Pflicht vor sich sah, tat er sie auf jede Gefahr hin mit unbeugsamem Mute. Er erfüllte sie nicht aus Effekthascherei, noch wegen des Ruhms, oder um Ehre und Lohn, sondern in dem Bestreben, das Rechte zu tun und es auf die beste Art zu tun. Doch hatte Washington nur eine bescheidene Meinung von sich, und als ihm das Kommando der Amerikanischen Patriotenarmee angeboten wurde, zögerte er, es anzunehmen, bis man ihn dazu drängte. Als er im Kongreß für die Ehre dankte, die man ihm erwies, als man ihn zu einer so wichtigen Sache berief, auf deren Ausführung die Zukunft seines Vaterlandes großenteils beruhte, sagte Washington: »Wenn unglückliche Ereignisse eintreten sollten, die meinem Ruf schaden 
      <a id="page123" name="page123" title="mbechtel/James"/> könnten, so bitte ich, daran zu denken, daß ich heute in aller Aufrichtigkeit erkläre, ich glaube mich dem Kommando, mit dem ich betraut worden bin, nicht gewachsen.«</p><p>Washington verfolgte seine ehrenhafte Bahn durchs ganze Leben, zuerst als Oberbefehlshaber, dann als Präsident, und strauchelte nie auf dem Pfade der Pflicht. Er bemühte sich nicht um Popularität, sondern folgte durch Lob und Tadel seiner eigenen Erkenntnis, oft auf die Gefahr hin, seine Macht und seinen Einfluß zu verlieren. So wurde einst, als es sich um die Ratifikation eines Vertrages, den Jay mit Großbritannien abgeschlossen hatte, handelte, Washington aufgefordert, ihn zu verwerfen. Aber seine Ehre und die Ehre des Landes stand auf dem Spiel, und er weigerte sich. Da erhob sich nun ein heftiges Geschrei gegen den Vertrag, und Washington war so unpopulär, daß der Pöbel ihn sofort gesteinigt hätte. Aber er hielt es für seine Pflicht, den Vertrag zu ratifizieren, und er tat es trotz der Petitionen und Vorhaltungen, die allerorten erhoben wurden. »Während ich lebhafte Dankbarkeit für die vielen Beweise der Zustimmung seitens des Landes fühle,« sagte er zu den Bittstellern »kann ich sie doch nur dadurch verdienen, daß ich der Stimme meines Gewissens gehorche.«</p><p>Wellingtons Losungswort war wie das Washingtons »Pflicht«, und niemand war seinem Leitwort treuer. »In diesem Leben gibt es wenig oder nichts,« sagte er einst, »das des Lebens wert wäre; aber mir alle können vorwärts schreiten und unsere Pflicht erfüllen.« Niemand erkannte freudiger als er die Pflicht des Gehorsams und willigen Dienstes an: denn wenn jemand nicht treu gehorcht, so kann er nicht herrschen. Kein Motto steht dem Weisen besser an als das »Ich dien'« und »Es dient auch, wer steht und wartet.«</p><p>Als man dem Herzog den Unwillen eines Offiziers berichtete, der ein für ihn zu geringes Kommando erhalten zu haben glaubte, sagte Wellington: »Im Verlauf meiner militärischen Karriere bin ich von dem Befehl einer Brigade zu dem eines Regiments und von dem Kommando eines Heeres zu dem einer Division oder Brigade ohne Murren übergegangen, wie mir befohlen war.«</p><p>Als Wellington die verbündete Armee in Portugal befehligte, schien ihm das Betragen der einheimischen Bevölkerung weder geziemend noch pflichteifrig, »Wir haben Enthusiasmus in Menge,« sagte er, »und auch viel Vivatrufen. Wir haben Illuminationen, patriotische Lieder und Feste überall. Aber was uns fehlt, ist, daß jeder in seiner Stellung seine Pflicht tue und der gesetzlichen Obrigkeit pünktlich gehorche.« 
      <a id="page124" name="page124" title="mbechtel/James"/> Dieses ideale Pflichtgefühl schien das vorherrschende Prinzip in Wellingtons Charakter zu sein. Es war immer mächtig in seinem Haus und leitete alle Handlungen seines Lebens. Auch teilt es sich seinen Untergebenen mit, die ihm im gleichen Sinne dienten. Als seine Infanterie bei Waterloo ihre arg gelichteten Reihen zu Karrés zusammenschloß, um einen Angriff der französischen Kavallerie zu erwarten, ritt er an sie heran und sagte: »Steht fest, Jungens, denkt daran, was sie in England von uns sagen werden!« worauf die Soldaten erwiderten: »Keine Angst, Sir, wir kennen unsere Pflicht!«</p><p>Die Pflicht war auch der beherrschende Gedanke Nelsons. Der Geist, in dem er seinem Vaterlande diente, wurde sowohl durch das berühmte Losungswort »England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut« ausgedrückt, das er vor der Schlacht bei Trafalgar der Flotte signalisierte, als auch durch seine letzten Worte: »Ich habe meine Pflicht getan, ich danke Gott dafür!« – Und Nelsons Gefährte und Freund, der tapfere, gefühlvolle, gemütliche Collingwood, der zu der Zeit, wo sein Schiff sich zu der großen Seeschlacht vorbereitete, zu seinem Flaggenkapitän sagte: »Gerade zu dieser Zeit gehen unsere Frauen in England in die Kirche« – Collingwood war wie sein Oberbefehlshaber ein eifriger Jünger der Pflicht. »Tun Sie nach besten Kräften ihre Pflicht«, diese Regel gab er manchem jungen Manne mit auf den Lebensweg. Einem Seekadetten gab er einst folgenden mannhaften und verständigen Rat: »Sie können sich darauf verlassen, es steht mehr in Ihrer als in irgend eines Anderen Macht, Ihr Glück und Avancement zu fördern. Strenge, unermüdliche Pflichterfüllung und geziemendes, respektvolles Benehmen, nicht nur gegen Ihre Vorgesetzten, sondern gegen jedermann, wird Ihnen deren Achtung sichern und der Lohn wird nicht ausbleiben. Sollte das nicht der Fall sein, so bin ich überzeugt, Sie werden Verstand genug haben, um sich durch diese Enttäuschung nicht verbittern zu lassen. Hüten Sie sich sorgfältig, Unzufriedenheit zu zeigen. Das wird Ihre Freunde betrüben, Ihren Feinden ein Triumph sein, und zu nichts Gutem führen. Betragen Sie sich so, daß Sie das beste Los verdienen; sollte es nicht kommen, so wird Sie das Bewußtsein Ihrer guten Lebensführung trösten. Suchen Sie ihren Ehrgeiz darin, der Erste in der Pflichterfüllung zu sein. Achten Sie nicht so sehr darauf, ob die Reihe an Ihnen ist, seien Sie immer zu allem bereit, und wofern Ihre Vorgesetzten nicht unaufmerksam sind, werden sie nicht gestatten, daß man Ihnen mehr zumutet, als sich gehört.«</p><p><a id="page125" name="page125" title="mbechtel/James"/> Diese Pflichttreue soll der englischen Nation eigentümlich sein, und sie zeichnete gewiß unsere größten Staatsmänner mehr oder weniger aus. Wahrscheinlich ging nie ein anderer Feldherr einer anderen Nation mit solchem Signal in den Kampf wie Nelson bei Trafalger – weder »Ruhm«, noch »Sieg« oder »Ehre« oder »Vaterland«, einfach: »Pflicht«. Wie wenige Nationen würden sich um einen solchen Schlachtruf sammeln!</p><p>Kurz nach dem Schiffbruch der »Birkenhead« auf der Höhe der afrikanischen Küste – wo die Offiziere und Mannschaften mit einer Freudensalve untergingen, da sie die Frauen und Kinder in den Booten eingeschifft sahen – sagte Robertson aus Brighton mit Bezug darauf: »Ja, Güte, Pflichtgefühl, Opfermut – diese Eigenschaften ehrt England. Das Volk gafft und staunt wohl manchmal wie ein Bauernbursche über mancherlei – Eisenbahnkönige, Elektrobiologie und anderen Kram, aber nichts regt sein großes Herz so bis in die tiefsten Tiefen auf als das Recht. Man legt sich den Schal recht ungraziös um die Schultern und ist in einem Konzertsaal nicht recht am Platze, da man eine schwedische Nachtigall kaum von einer Dohle zu unterscheiden weiß. Aber – Gott sei Dank! – man weiß seine Söhne so zu erziehen, daß sie wie Männer inmitten von Haien und Wogen untergehen, ohne Effekthascherei, als ob die Pflichterfüllung die natürlichste Sache von der Welt wäre, und man hält nie lange einen Helden für einen Schauspieler, oder einen Schauspieler für einen Helden.«</p><p>Es ist etwas Großes um dieses Pflichtgefühl einer Nation, und so lange es dauert, braucht keiner an ihrer Zukunft zu verzweifeln. Doch wenn es verschwunden oder erstorben ist und sich der Durst nach Vergnügung oder selbstsüchtiger Vergrößerung eingenistet hat, dann wehe der Nation, denn ihre Auflösung steht bevor. Wenn je verständige Beobachter in ihrer Ansicht über die Ursachen einig waren, welche das jüngste beklagenswerte Unglück der französischen Nation herbeiführten, so schreiben sie all dieses dem Mangel an Pflichtgefühl und Wahrhaftigkeit bei den Führern wie bei dem Volke zu. Das objektive Zeugnis des Barons Stoffel, der vor dem Kriege französischer Militärattaché in Berlin war, darf über diesen Punkt als maßgebend angesehen werden. In seinem in den Tuilerien aufgefundenen Privatberichte an den Kaiser, verfaßt im August 1869, etwa ein Jahr vor dem Ausbruch des Krieges, machte Baron Stoffel darauf aufmerksam, daß das hochgebildete und disziplinierte deutsche Volk von einem hohen Pflichtgefühl beseelt sei und es nicht unter seiner Würde 
      <a id="page126" name="page126" title="gary/clagal"/> hielte, das Edle und Erhabene aufrichtig zu verehren, wohingegen Frankreich in jeder Beziehung den traurigen Gegensatz bildete. Dort hätte das Volk über alles gespottet und die Fähigkeit, etwas zu achten, verloren, und Tugend, Familienleben, Patriotismus, Ehre und Religion wären einer frivolen Generation nur Gegenstände der Lächerlichkeit. Dem bemerkenswerten Bericht des Barons Stoffel entnehmen wir folgende Stellen, da sie ein mehr als vorübergehendes Interesse bieten: »Keiner, der in Berlin gelebt hat, wird leugnen, daß die Preußen energisch, patriotisch und von jugendlicher Kraft sind; unverdorben durch sinnliche Genüsse, sind sie mannhaft, haben ernste Überzeugungen und halten es nicht unter ihrer Würde, das Edle und Erhabene aufrichtig zu verehren. Was für einen traurigen Gegensatz bietet dagegen Frankreich dar. Da es über alles gespottet hat, so hat es die Fähigkeit verloren, etwas zu achten. Tugend, Familienleben, Patriotismus, Ehre, Religion werden einem leichtfertigen Geschlecht als passende Zielscheiben des Witzes dargestellt. Die Theater sind Schulen der Schamlosigkeit und Gemeinheit geworden. Tropfenweise wird das Gift in das Herz einer unwissenden und entnervten Gesellschaft eingeflößt, die weder die Einsicht noch die Energie hat, ihre Institution zu verbessern oder – was der notwendigste Schritt sein würde – besser unterrichtet und sittlicher zu werden. Von den edlen Eigenschaften des Volkes stirbt eine nach der anderen aus. Wohin ist der Großmut, die Treue, der Zauber unseres Esprit und unsere frühere Seelengröße? Wenn dies so weiter geht, so wird das edle französische Volk nur noch durch seine Fehler bekannt sein. Und Frankreich ahnt dabei nicht, daß, während es sinkt, andere Völker es überholen, ihm auf dem Wege des Fortschrittes zuvorkommen und es auf eine untergeordnete Stufe in der Welt herabdrücken.«</p><p>Doch hat es auch Zeiten gegeben, wo Frankreich große pflichteifrige Männer besaß; aber sie gehören alle einer verhältnismäßig entfernten Vergangenheit an. Das Geschlecht der Bayard, Duguesclin, Coligny, Duquesne, Turenne, Colbert und Sully scheint ausgestorben zu sein und keine Nachkommenschaft hinterlassen zu haben. Es hat wohl auch in der Neuzeit manchen großen Franzosen gegeben, der den Ruf der Pflicht erhob, aber seine Stimme war die eines Predigers in der Wüste. De Tocqueville gehörte zu ihnen; aber wie alle Leute seines Schlages wurde er geächtet, eingekerkert und aus dem öffentlichen Leben verbannt. Einst schrieb er an seinen Freund Kergorlay: »Wie Du finde ich immer mehr das Glück in der Pflichterfüllung. Ich glaube, kein anderes ist so tief und wahr. Es gibt nur ein 
      <a id="page127" name="page127" title="Darkangel176/clagal"/> großes Ziel in der Welt, das unserer Anstrengungen wert ist, das ist das Wohl der Menschheit.«</p><p>Aber auch in De Tosquevilles wohlwollender Natur war ein deutlich wahrnehmbares Element der Ungeduld. Im selben Briefe, in dem obenerwähnte Stelle steht, sagt er: »Manche wollen anderen nützen, obwohl sie sie verachten und andern, weil sie sie lieben. In den Diensten der ersteren liegt immer etwas Unvollkommenes, Rauhes und Verächtliches, das weder Zutrauen noch Dankbarkeit einflößt. Ich möchte zu der zweiten Klasse gehören, aber oft kann ich es nicht. Ich liebe die Menschheit im ganzen genommen, aber ich treffe beständig mit Individuen zusammen, deren Gemeinheit mich empört. Ich kämpfe daher täglich gegen eine allgemeine Menschenverachtung.«</p><p>Obgleich Frankreich seit Ludwig XIV. der unruhige Geist Europas war, so erhoben doch von Zeit zu Zeit ehrliche und treue Männer ihre Stimme gegen die stürmischen und kriegerischen Neigungen des Volkes und predigten nicht nur ein Evangelium des Friedens, sondern suchten es auch zu verwirklichen. Von diesen Männern war der Abbé de St.-Pierre einer der mutigsten. Er hatte sogar die Kühnheit, die Kriege Ludwigs XIV. zu tadeln und seinen Anspruch auf den Beinamen des »Großen« zu leugnen, wofür er durch Ausschließung von der Akademie bestraft wurde. Der Abbé war ein ebenso enthusiastischer Agitator für ein System internationalen Friedens, wie ein Mitglied der modernen Friedensfreunde. Wie Joseph Sturge nach Petersburg ging, um den Zaren für seine Pläne zu gewinnen, so ging der Abbé nach Utrecht zu der dort tagenden Konferenz, um ihr sein Projekt vorzulegen, wonach der Weltfrieden durch einen Friedenskongreß gesichert werden sollte. Natürlich sah man ihn für einen Schwärmer an und der Kardinal Dubois charakterisierte seinen Plan als den »Traum eines ehrlichen Mannes«. Aber der Abbé hatte seinen Traum aus dem Evangelium geschöpft, und wie konnte er den Geist des Herrn, dem er diente, besser betätigen, als indem er sich bemühte, die Schrecken und Greuel des Krieges abzuschaffen? Die Konferenz war eine Versammlung von Vertretern aller christlichen Staaten, und der Abbé verlangte nur von ihnen, sie sollten die Lehren, zu denen sie sich bekannten, verwirklichen. Es war umsonst: die Potentaten und ihre Vertreter hatten nur taube Ohren für ihn. Der Abbé von St.-Pierre lebte mehrere hundert Jahre zu früh. Aber er entschloß sich, seine Ideen nicht verloren gehen zu lassen und veröffentlichte im Jahre 1713 sein »Projekt des Ewigen Friedens«. In demselben schlug er die Errichtung eines europäischen Reichstages 
      <a id="page128" name="page128" title="gary/clagal"/> oder Senates vor, der sich aus Vertretern aller Staaten zusammensetzen sollte und vor den alle Fürsten ihre Beschwerden zu bringen hätten, bevor sie zu den Waffen griffen. Etwa achtzig Jahre nach der Veröffentlichung dieses Planes fragte Volney: »Was ist ein Volk? Ein Individuum der großen menschlichen Gesellschaft. Was ist ein Krieg? Ein Duell zwischen zwei Einzelvölkern. Was sollte eine Gesellschaft tun, wenn zwei ihrer Mitglieder sich bekämpfen? Dazwischentreten und sie zur Ruhe bringen. In den Tagen des Abbé von St.-Pierre war dies nur ein Traum: aber zum Heil für die menschliche Gesellschaft beginnt er sich jetzt zu verwirklichen.« Aber ach! wie wenig hat sich Volneys Prophezeiung erfüllt! Die fünfundzwanzig folgenden Jahre waren von seiten Frankreichs durch blutigere und schrecklichere Kriege ausgezeichnet, als sie die Welt bis dahin gekannt hatte.</p><p>Der Abbé war jedoch kein bloßer Träumer. Er war ein tätiger, praktischer Philanthrop und begründete manche soziale Verbesserung, die seitdem allgemein angenommen ist. Er war der Gründer von Industrieschulen für arme Kinder, durch die sie nicht nur eine gute Erziehung erhielten, sondern auch ein nützliches Handwerk lernten, von dem sie sich ernähren konnten, wenn sie aufgewachsen waren. Er befürwortete die Revision und Vereinfachung der Gesetzbücher, was später Napoleon ausführte. Er schrieb gegen Duell, Luxus, Spiel und Klosterleben, wobei er den Ausspruch von Segrais anführte, daß der Hang zum Klosterleben die Blatternkrankheit des Geistes sei. Er verwandte sein ganzes Einkommen zu wohltätigen Zwecken – nicht zu Almosengeben, sondern indem er armen Kindern, Männern und Frauen die Gelegenheit bot, sich selbst zu helfen. Sein Ziel war dabei immer, denen dauernd wohlzutun, die er unterstützte. Er behielt seine Wahrheitsliebe und seine Freimütigkeit bis zuletzt. Im Alter von achtzig Jahren sagte er: »Wenn das Leben eine Glückslotterie ist, so war mein Los eins der besten«. Als Voltaire ihn auf seinem Totenbette fragte, wie er sich fühlte, sagte er: »Als ob ich eine Reise aufs Land machen wollte.« In diesem friedlichen Geisteszustand starb er. Aber so ausgesprochen hatte sich St.-Pierre gegen die Korruption in höheren Kreisen gewandt, daß Maupertuis, sein Nachfolger in der Akademie, ihm keine Lobrede halten durfte: erst nach zweiunddreißig Jahren erwies D'Alembert seinem Gedächtnis diese Ehre. Die wahre warmherzige Grabschrift des guten, die Wahrheit liebenden und redenden Abbés war: »Er liebte viel«.</p><p>Das Pflichtgefühl steht in engem Zusammenhang mit Wahrhaftigkeit des Charakters; der pflichteifrige Mensch ist vor allem 
      <a id="page129" name="page129" title="Darkangel176/clagal"/> wahr in Worten und Werken. Er sagt und tut das Rechte auf die rechte Weise und zur rechten Zeit.</p><p>Wahrscheinlich empfiehlt sich kein Ausspruch Lord Chesterfields der Billigung aller männlich Gesinnten mehr als der, daß die Wahrheit den Erfolg des Ehrenmannes ausmache. Clarendon sagt von Falkland, einem der edelsten und reinsten Männer seiner Zeit, daß »er die Wahrheit so streng verehrte, daß er ebensowenig hätte heucheln als stehlen können«.</p><p>Frau Hutchinson erteilte ihrem Gatten das schönste Lob, wenn sie ihn einen durchaus wahrhaftigen und zuverlässigen Mann nannte: »Er gab nie eine andere Absicht vor oder versprach nie etwas, das außer seiner Macht stand, noch versäumte er die Erfüllung dessen, was er tun konnte.«</p><p>Wellington war ebenfalls ein strenger Anhänger der Wahrheit. Ein Beispiel dafür mag genügen. Als er taub wurde, konsultierte er einen berühmten Ohrenarzt, der, nachdem er alles vergeblich versucht hatte, sich entschloß, ihm eine scharfe ätzende Lösung ins Ohr zu spritzen. Sie verursachte einen heftigen Schmerz, aber der Patient ertrug ihn mit gewohntem Gleichmut. Eines Tages sprach zufällig der Hausarzt vor und fand den Herzog mit erhitzten Wangen und geröteten Augen, und wenn er sich erhob, taumelte er wie ein Trunkener. Der Arzt bat um die Erlaubnis, ins Ohr schauen zu dürfen und fand eine heftige Entzündung, die, wenn ihr nicht schleunigst Einhalt getan würde, binnen kurzem das Gehirn erreichen und den Herzog töten mußte. Es wurden sofort starke Gegenmittel angewandt und die Entzündung beseitigt. Aber der Gehörnerv war gänzlich zerstört. Als der Ohrenarzt von der Gefahr hörte, in welche sein Patient durch sein Mittel geraten war, eilte er sofort nach Apsley House, um sein Bedauern auszudrücken. Aber der Herzog sagte nur: »Verlieren Sie kein Wort darüber, Sie taten es in der besten Absicht.« Der Arzt sagte, es wäre sein Ruin, wenn es bekannt würde, daß er die Ursache der Leiden und Lebensgefahr Seiner Gnaden wäre. »Aber das braucht ja niemand zu erfahren: halten Sie nur reinen Mund und verlassen Sie sich darauf, ich werde nichts davon sagen.« – »Dann werden Ew. Gnaden mir erlauben, Sie wie gewöhnlich zu besuchen, um dem Publikum zu zeigen, daß Sie mir Ihr Vertrauen nicht entzogen haben?« – »Nein,« sagte der Herzog freundlich aber fest »das kann ich nicht, denn das wäre eine Lüge.« Er wollte keine Unwahrhaftigkeit begehen, wie er keine sagen wollte.</p><p>Ein anderes Beispiel von Pflichttreue und Wahrhaftigkeit in der Erfüllung eines Versprechens möge hier aus dem Leben 
      <a id="page130" name="page130" title="gary/clagal"/> Blüchers erwähnt werden. Als er auf schlechtem Wege am 18. Juni 1815 Wellington zu Hilfe eilte, ermutigte er seine Leute durch Worte und Gebärden. »Vorwärts, Kinder – vorwärts!« »Es ist unmöglich, es geht nicht,« war die Antwort. Aber immer wieder trieb er sie an. »Kinder, wir müssen vorwärts kommen; ihr sagt, es geht nicht, aber es muß gehen! Ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen – versprochen, verstanden! Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich mein Wort breche!« Und es ging.</p><p>Die Wahrhaftigkeit ist das Band, das die Gesellschaft zusammenhält, ohne sie könnte sie nicht existieren und würde sich in Anarchie und Chaos auflösen. Ein Haushalt kann nicht durch Lügen regiert werden, viel weniger eine Nation. Sir Thomas Browne fragte einst: »Lügen die Teufel?« »Nein,« gab er selbst zur Antwort, »denn dann könnte selbst die Hölle nicht bestehen.« Keine Betrachtung kann die Verleugnung der Wahrheit, welche die Herrscherin des ganzen Lebens sein sollte, rechtfertigen.</p><p>Von allen Lastern ist das Lügen vielleicht das niedrigste. In manchen Fällen geht sie aus Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit hervor, in manchen andern aus moralischer Feigheit. Doch denken viele Leute davon so leichtsinnig, daß sie ihre Dienstboten zum Lügen veranlassen; dann dürfen sie auch nicht überrascht werden, wenn sie von ihnen belogen werden.</p><p>Sir Harry Wottons satirische Beschreibung eines Gesandten als »eines rechtschaffenen Mannes, ausgesandt um für das Wohl seines Vaterlandes zu lügen«, brachte ihn, als sie bekannt wurde, bei Jakob I. in Ungnade. Denn ein Gegner behauptete, sie richte sich gegen des Königs Grundsätze. Daß es nicht Wottons wahre Ansicht von der Pflicht eines ehrlichen Mannes war, geht aus den Versen über den »Charakter eines glücklichen Lebens« hervor, worin er den Mann preist:</p><p class="vers">Dess' Richtung ist die Redlichkeit,
      <br/> und höchstes Gut Wahrhaftigkeit.</p><p>Aber die Lüge nimmt viele Gestalten an: Diplomatie, Ausflüchte, moralischer Vorbehalt, und in der einen oder anderen Gestalt beherrscht sie alle Klassen der Gesellschaft. Bisweilen erscheint sie als Doppelsinn und moralischer Kniff – wobei die Tatsachen so gedreht und gewendet werden, daß man ein ganz falsches Bild gewinnt – eine Art Lüge, die ein Franzose als ein »Umgehen der Wahrheit« bezeichnete. Es gibt sogar engherzige und unredliche Naturen, die sich ihrer jesuitischen Geschicklichkeit in der Doppelzüngigkeit rühmen, die es verstehen, 
      <a id="page131" name="page131" title="Darkangel176/fibo235"/> sich schlangengleich um die Wahrheit zu winden und aus moralischen Hintertüren zu entschlüpfen, um ihre wahre Überzeugung zu verbergen und den Konsequenzen eines offenen Eingestehens zu entgehen. Alle Institutionen und Systeme, die sich auf solche Ausflüchte gründen, müssen sich naturgemäß als falsch und hohl erweisen. »Sei eine Lüge noch so gut,« sagt George Herbert, sie kommt doch an den Tag.« Das offene Lügen, obwohl dreister und schamloser, ist doch weniger verächtlich als solche Winkelzüge und Doppelzüngigkeit.</p><p>Die Unwahrhaftigkeit zeigt sich in vielen anderen Gestalten: In teilweisem Verschweigen und Übertreiben, im Verschleiern oder Verheimlichen, in angeblicher Übereinstimmung mit den Ansichten anderer; in trügerischer Haltung, im Versprechen oder Erwecken von Hoffnungen, die man nicht zu erfüllen gedenkt; oder auch durch Verschweigen der Wahrheit, wo es Pflicht wäre, sie auszusprechen. Es gibt auch Leute, welche alles sein wollen, das Eine sagen und das Andere tun, wie Buney aus Mr. Facing-both-ways (Doppelblick), die sich nur selbst betrügen, während sie andere zu betrügen meinen – die, da sie ganz und gar unaufrichtig sind, kein Vertrauen erwecken und als betrogene Betrüger enden.</p><p>Andere sind unwahr in ihren Ansprüchen und schreiben sich Verdienste zu, die sie nicht wirklich besitzen. Der Wahrhaftige ist dagegen bescheiden und prahlt nicht mit seinen Taten. Als Pitt von seiner letzten Krankheit befallen war, kam die Nachricht von den großen Taten Wellingtons in Indien nach England. »Je mehr ich von seinen Heldentaten höre,« sagt Pitt, »um so mehr bewundere ich die Bescheidenheit, mit der er das Lob für seine Verdienste aufnimmt. Er ist der Einzige meines Wissens, der auf seine Taten nicht eitel war, so viel Grund er dazu doch gehabt hätte.«</p><p>Ebenso sagte Professor Tyndall von Faraday, daß »ihm Anmaßung aller Art, im Leben wie in der Philosophie, verhaßt war.« Dr. Marshall Hall war ein Mann von ähnlichem Geist, von mutiger Wahrhaftigkeit, pflichttreu und mannhaft. Einer seiner vertrautesten Freunde sagte von ihm, daß er überall, wo er eine Unwahrhaftigkeit oder eine unredliche Absicht antraf, sie bloßstellte und sagte: »Ich will und kann nie meine Zustimmung zu einer Lüge geben.« Sobald er einmal Recht und Unrecht erkannt hatte, folgte er dem Recht, ohne Rücksicht auf die Schwierigkeit, ohne sich um seinen Nutzen oder seine Neigungen zu bekümmern. Keine Tugend suchte Dr. Arnold den jungen Leuten mehr einzuflößen als die Wahrhaftigkeit, die männlichste der 
      <a id="page132" name="page132" title="gary/mbechtel"/> Tugenden, ja sogar die Basis aller wahren Männlichkeit. Er nannte die Wahrhaftigkeit »moralische Reinheit«, und er schätzte sie höher als jede andere Eigenschaft. Wenn er eine Lüge entdeckte, behandelte er sie als schweres moralisches Vergehen; aber wenn ein Schüler eine Aussage machte, vertraute er ihr voll und ganz. »Wenn Sie das sagen, ist es genug, natürlich glaube ich Ihrem Wort.« Durch dieses Vertrauen und diesen Glauben erzog er die jüngeren Leute zur Wahrhaftigkeit; sie sagten schließlich untereinander: »Es ist eine Schande, Arnold zu belügen – er glaubt einem ja stets.«</p></div><div class="chapter" id="chap009"><h3>8. Kapitel. Gemütsruhe</h3><p><span class="footnote">Vgl. dazu Seneca, Vom glückseligen Leben (Kröners Taschenausgabe), zweites Stück: Von der Gemütsruhe.</span></p><div class="motto"><p>Der Himmel ist eine Stimmung des Gemütes, kein Ort.</p><p><i>Chalmers</i>.</p></div><p>Man sagt, daß die Menschen im Leben ebensoviel durch ihre Gemütsruhe, wie durch ihre Talente erreichen. Wie dem auch sein mag, es ist gewiß, daß ihr Lebensglück hauptsächlich auf ihrer Gemütsruhe, ihrer Geduld und Nachsicht und ihrer Güte und Rücksicht gegen andere beruht. Plato sagt mit Recht, daß, wenn man das Glück anderer sucht, man auch das eigene findet.</p><p>Es gibt Naturen von so glücklicher Veranlagung, daß sie in allem etwas Gutes finden. Kein Unglück ist so groß, daß sie nicht etwas Trost oder Beruhigung darin finden – kein Himmel so schwarz, daß sie nicht aus irgend einem Winkel einen Sonnenstrahl entdecken und wenn die Sonne ihren Augen verborgen bleibt, so trösten sie sich mit dem Gedanken, daß sie doch da ist, wenn sie auch zu irgend einem guten, weisen Zwecke verhüllt ist.</p><p>Solche glückliche Naturen sind zu beneiden. In ihren Augen glänzt ein Strahl, ein Strahl von Vergnügen, Freude, Religion, Heiterkeit, Philosophie oder wie man es nennen mag. In ihrem Herzen wohnt der Sonnenschein und ihr Geist vergoldet alles mit seinem Glänze. Wenn sie Lasten zu tragen haben, so tun sie dies freudig, nicht mit Sorgen und Grämen, oder indem sie 
      <a id="page133" name="page133" title="ai/mbechtel"/> ihre Kraft in nutzlosen Klagen verschwenden, sondern mannhaft kämpfend und die Blumen pflückend, die auf ihrem Pfad erblühen.</p><p>Man darf nun keineswegs annehmen, daß diese Menschen schwach und unüberlegt seien. Die größten und umfassendsten Naturen sind im allgemeinen auch die heitersten, die liebenswürdigsten, die hoffnungsvollsten und vertrauendsten. Dem Weisen gelingt es am schnellsten, den moralischen Sonnenschein hinter der dunklen Wolke zu entdecken. Im gegenwärtigen Übel sieht er ein zukünftiges Gutes, im Schmerz erkennt er das Bemühen der Natur, die Gesundheit wiederzuerlangen, in schweren Prüfungen findet er Besserung und Schulung und in Sorgen und Leiden gewinnt er Mut, Kenntnisse und die beste praktische Weisheit.</p><p>Als Jeremias Taylor alles verloren hatte, als sein Haus gepfändet, seine Familie auf die Straße gesetzt und all sein Hab und Gut subhastiert worden war, konnte er noch schreiben: »Ich bin in die Hände von Steuereinnehmern und Gerichtsvollziehern gefallen und sie haben mir alles genommen. Was nun? Laßt mich sehen. Sie haben mir Sonne und Mond gelassen, ein liebendes Weib und viele Freunde, die mich bemitleiden und einige, die mir helfen, und ich kann noch reden und habe noch meine heitere Gefaßtheit, meinen frohen Geist und ein gutes Gewissen behalten. Man hat mir noch die göttliche Vorsehung und die Verheißungen des Evangeliums gelassen und meine Religion, meine Hoffnung auf den Himmel und meine Liebe zu ihm, und noch schlafe, esse und trinke ich, noch lese und denke ich ... Und wer so große und so viele Ursachen zur Freude hat, muß Sorge und Kummer sehr lieben, wenn er sich trotz jener Freude auf seine kleine Handvoll Dornen setzt«.</p><p>Obgleich die Fröhlichkeit sehr eine Sache angeborenen Talents ist, kann sie auch wie jede andere Gewohnheit anerzogen und gepflegt werden. Wir können dem Leben viel Gutes, aber auch viel Schlimmes abgewinnen; und es hängt im wesentlichen von uns ab, ob wir Freude oder Elend aus ihm ziehen. Es gibt immer zwei Seiten des Lebens, je nachdem wir es anschauen und wählen – eine heitere und eine düstere Seite. Wir können unsere Willenskraft zu einer Wahl bringen und so die Gewohnheit des Glücks oder Unglücks erringen. Wir können auch die Veranlagung, immer die heitere Seite anstatt der dunklen zu sehen, kräftigen. Und während wir die Wolke sehen, dürfen wir das Auge der silbernen Umrandung nicht verschließen.</p><p>Der Glanz im Auge gießt Helligkeit, Schönheit und Freude über das ganze Leben aus. Er wärmt, was kalt ist, tröstet im 
      <a id="page134" name="page134" title="ai/clagal"/> Leid, erleuchtet die Unwissenheit, erheitert den Kummer. Er verleiht dem Geiste höhere Wirkung und der Schönheit einen höheren Reiz. Ohne ihn fühlt man den Sonnenschein des Lebens nicht, sieht oder erkennt man die Wunder des Himmels und der Erde nicht, ohne ihn blühen die Blumen vergeblich und ist die Schöpfung nur eine öde, unbelebte, unbeseelte Wüste.</p><p>Während die Heiterkeit des Gemüts eine reiche Quelle der Freuden ist, bildet sie auch eine sichere Schutzwehr des Charakters. Ein frommer Schriftsteller der Gegenwart beantwortete die Frage: Wie sollen wir Versuchungen überwinden? folgendermaßen: »Zum ersten durch Heiterkeit, zum andern durch Heiterkeit und zum dritten durch Heiterkeit.« Die Heiterkeit ist der beste Boden, auf dem Güte und Tugend gedeihen. Sie verleiht dem Herzen Helligkeit und dem Geiste Spannkraft. Sie ist die Begleiterin der Liebe, die Amme der Geduld, die Mutter der Weisheit. Sie ist das beste, moralische und geistige Stärkungsmittel. »Die beste aller Herzstärkungen,« sagte Dr. Marshall Hall zu einem seiner Patienten, »ist die Heiterkeit«. Und der weise Salomon sagte, daß »ein fröhliches Herz gut tut wie ein Heiltrank«.</p><p>Als man Luther einst um ein Heilmittel für Schwermut bat, sagte er: »Fröhlichkeit und Mut – unschuldige, vernünftige Fröhlichkeit und ehrenhafter Mut – sind das beste Mittel für Junge und Alte, für alle Menschen gegen traurige Gedanken.«</p><p>Nächst der Musik, wenn nicht noch mehr als sie, liebte Luther Kinder und Blumen. Der große Mann hatte in seiner rauhen Schale ein Herz von weiblicher Zartheit.</p><p>Die Heiterkeit ist auch eine Eigenschaft, welche den Menschen sehr gut kleidet. Man hat sie das schöne Wetter des Herzens genannt. Sie verleiht der Seele Harmonie und ist ein unaufhörliches Lied ohne Worte. Sie ist gleichbedeutend mit Ruhe, denn sie gestattet der Natur, ihre Stärke wiederzugewinnen; dagegen zehren Ärger und Unzufrieden an der Kraft, da sie eine beständige Aufregung mit sich bringen.</p><p>Wie kommt es, daß wir Leute wie Lord Palmerston bei rüstigem Schaffen alt werden sehen? Hauptsächlich durch eine gleichmäßige Gemütsstimmung und beständige Heiterkeit. Sie erzogen sich zu der Gewohnheit, geduldig zu bleiben, sich nicht so leicht reizen zu lassen, zu ertragen und zu vergeben, harte und ungerechte Dinge von sich sagen zu hören, ohne in unschicklichen Zorn zu verfallen, und ärgerliche, kleinliche selbstquälerische Sorgen zu unterlassen. Ein vertrauter Freund von Lord Palmerston, der ihn zwanzig Jahre lang beobachtete, sagte, 
      <a id="page135" name="page135" title="ai/clagal"/> daß er ihn mit vielleicht einer Ausnahme nie zornig sah; diese Ausnahme fand statt, als das Ministerium, das für das Mißgeschick in Afghanistan verantwortlich war und wozu er auch gehörte, von seinen Gegnern ungerechterweise der Falschheit, des Meineids und der absichtlichen Vernichtung öffentlicher Dokumente angeklagt wurde.</p><p>Soweit man das aus den Biographien erkennen kann, sind Leute von Genie meistens heiter und zufrieden gewesen – nicht begierig nach Ruhm, Geld oder Macht – sondern das Leben genießend und empfänglich für die Freude, wie es sich in ihren Werken widerspiegelt. So scheinen Homer, Horaz, Virgil, Montaigne, Shakespeare und Cervantes gewesen zu sein. Eine gesunde, heitere Fröhlichkeit tut sich in ihren Werken kund. Zu derselben Klasse frohgesinnter Männer dürfen auch Luther, More, Bacon, Leonardo da Vinci, Raphael und Michel Angelo gezählt werden. Vielleicht waren sie glücklich, weil sie immer reiche Beschäftigung und die schönste aller Aufgaben hatten – aus der Fülle und dem Reichtum ihres großen Geistes heraus zu schaffen.</p><p>Auch Milton war trotz seiner vielen Prüfungen und Leiden ein Mann von großer natürlicher Spannkraft und Heiterkeit. Obgleich erblindet, von Freunden verlassen und in schlimme Tage geraten, – »vor sich Dunkelheit und hinter sich die Stimme der Gefahr« – so verlor er doch weder den Mut noch die Hoffnung, sondern »raffte sich auf und steuerte vorwärts.«</p><p>Henry Fielding war im Leben von Schulden, Schwierigkeiten aller Art und körperlichen Leiden bedrückt; und doch konnte Lady Mary Wotley Montagu von ihm sagen, daß er dank seiner heiteren Veranlagung mehr glückliche Augenblicke gekannt hatte als eine andere Person auf Erden.</p><p>Dr. Johnson war in allen seinen Prüfungen, Leiden und harten Kämpfen mit dem Geschick ein mutiger, heiter gesinnter Mann. Er benutzte mannhaft das Leben nach besten Kräften und suchte glücklich zu sein. Als einst ein Geistlicher sich über den Stumpfsinn der Landgesellschaft beklagte, weil »sie nur über Jungvieh redeten«, schmeichelte die Mutter von Frau Thrale Dr. Johnson mit den Worten: »Sir, Dr. Johnson würde es auch lernen, über Jungvieh zu reden,« womit sie meinte, daß er ein Mann wäre, der sich in jeder Lage zurechtfinden würde.</p><p>Johnson war der Ansicht, daß der Mensch mit den Jahren immer besser und milder würde. Das ist sicherlich eine freundlichere Auffassung der menschlichen Natur als die Lord Chesterfields, der das Leben mit den Augen eines Zynikers ansah und 
      <a id="page136" name="page136" title="ai/mbechtel"/> behauptete, »daß das Leben mit dem Alter nicht besser, sondern härter würde.« Aber beide Aussprüche sind richtig, je nach dem Standpunkt, von dem man das Leben ansieht und je nach dem Temperament, von dem der Mensch beherrscht wird; denn während die guten, welche die Erfahrung benutzen und sich durch Selbstbeherrschung schulen, besser werden, können die Menschen mit schlimmen Anlagen, unbeeinflußt durch die Erfahrung, nur schlechter werden.</p><p>Walter Scott war ein Mann voller menschlicher Güte. Jedermann liebte ihn. Schon nach fünf Minuten hatten die Kleinen der Familie, wo er weilte, selbst wenn sie kaum lallen konnten, seine Güte zu ihresgleichen entdeckt.</p><p>»Gebt mir etwas Ordentliches zu lachen,« pflegte Scott zu sagen; denn er lachte gerne von Herzen. Er hatte für jeden ein gütiges Wort, und seine Freundlichkeit wirkte ansteckend und verscheuchte die Zurückhaltung und Scheu, die sein großer Name einflößte.</p><p>Sydney Smith war ebenfalls ein Beispiel für die Macht der Heiterkeit. Er war immer bereit, die Dinge von der besten Seite zu nehmen, die dunkelste Wolke hatte für ihn einen silbernen Lichtsaum. Ob er als Landpfarrer oder Gemeinderektor wirkte, er war stets gütig, arbeitsam, geduldig und vorbildlich; in jeder Lebenssphäre bot er den Geist eines Christen, die Freundlichkeit eines Pastoren und die Ehre eines wackeren Mannes dar. In seinen Mußestunden wirkte er mit der Feder für Gerechtigkeit, Freiheit, Bildung, Toleranz, Emanzipation; seine Schriften, so voll sie von gesundem Menschenverstand und Humor sind, werden nie trivial; auch strebte er nie nach Volksgunst oder liebäugelte mit Vorurteilen. Dank seiner natürlichen Lebhaftigkeit und seiner gesunden Konstitution verließ ihn sein Humor nie, und im Alter, als er von Krankheit geplagt wurde, schrieb er an einen Freund: »Ich habe Gicht, Asthma und noch sieben andere Krankheiten, befinde mich aber sonst recht wohl.« In einem seiner letzten Briefe an Lady Carlisle schrieb er: »Wenn Sie von sechzehn oder achtzehn Pfund Fleisch hören sollten, die ihr Eigentümer verloren hat – sie gehören mir. Ich sehe aus, als ob ich ein Kandidat der Theologie wäre.«</p><p>Große Männer der Wissenschaft sind größtenteils geduldig, arbeitsam und fröhlich gewesen. Zu ihnen gehören Galilei, Descartes, Newton und Laplace. Der Mathematiker Euler, einer der größten Naturphilosophen, ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Gegen Ende seines Lebens erblindete er völlig, aber er schrieb so fröhlich wie zuvor weiter, indem er den fehlenden Sinn 
      <a id="page137" name="page137" title="James/clagal"/> durch verschiedene sinnreiche, mechanische Erfindungen und eine vermehrte Ausbildung des Gedächtnisses ersetzte. Sein Hauptvergnügen fand er in der Gesellschaft seiner Enkel, denen er in der Pausen ernsteren Studiums ihre kleinen Lektionen lehrte. In derselben Weise fand Professor Robinson von Edinburg, der erste Herausgeber der »Encyclopædia Britannica« sein Hauptvergnügen in der Gesellschaft seines Enkelkindes, als ihn eine lange schmerzhafte Krankheit von der Arbeit abhielt. »Es macht mich unendlich glücklich,« schrieb er an James Watt, »das Wachstum der kleinen Seele zu beobachten und besonders, an ihren unzähligen, früher unbeachteten Instinkten Anteil zu nehmen. Ich danke den französischen Theoretikern, daß sie meine Aufmerksamkeit in höherem Maße auf den Finger Gottes lenkten, den ich in jeder ungeschickten Bewegung, jeder Laune des Kindes entdecke. Es sind alles Wächter seines Lebens, seines Wachstums und seiner Kraft. Ich bedaure in der Tat, daß ich nicht die Zeit habe, das Kindesalter und die Entwicklung seiner Kräfte zum Gegenstande meines Studiums machen zu können.«</p><p>Eine der schwersten Prüfungen, die dem Temperament und der Geduld eines Mannes auferlegt werden können, hatte der Naturphilosoph Abauzit während seines Aufenthaltes in Genf zu bestehen. Sie ähnelt in mancher Beziehung einem ähnlichen Mißgeschick, welches Newton betraf und das er mit gleicher Ergebenheit trug. Neben manchem andern widmete Abauzit dem Barometerstande und seinen Veränderungen ein eingehendes Studium, um die Gesetze des Luftdrucks zu ergründen. Während siebenundzwanzig Jahren machte er täglich zahlreiche Beobachtungen und zeichnete sie auf besonders hergerichteten Streifen Papier auf. Als eines Tages ein neues Dienstmädchen ins Haus kam, zeigte sie sofort ihren Eifer dadurch, daß sie »alles in Ordnung« brachte. Gleich den andern Zimmern wurde auch Aubauzits Studierzimmer aufgeräumt. Als er hereintrat, fragte er das Dienstmädchen: »Was haben Sie mit dem Papier gemacht, das um das Barometer gewickelt war?« – »O, Sir,« war die Antwort, »es war so schmutzig, daß ich es verbrannte und an Stelle dessen dieses Papier anbrachte, was, wie Sie sehen, ganz neu ist.« Abauzit kreuzte die Arme und nach einigen Augenblicken inneren Kampfes sagte er in ruhigem, ergebenem Tone: »Sie haben die Resultate einer siebenundzwanzigjährigen Arbeit zerstört; rühren Sie in Zukunft nichts in diesem Raume an.«</p><p>Das Studium der Naturgeschichte scheint mehr als irgend ein anderer Wissenszweig die Heiterkeit und Gemütsruhe ihrer Anhänger zu fördern. Das Resultat davon ist, daß das Leben 
      <a id="page138" name="page138" title="James/mbechtel"/> der Naturforscher im allgemeinen länger ist als dasjenige anderer Männer der Wissenschaft. Ein Mitglied der Linné-Gesellschaft hat uns berichtet, daß von vierzehn Mitgliedern, die im Jahre 1870 starben, zwei über neunzig, fünf über achtzig und zwei über siebzig Jahre alt waren. Das Durchschnittsalter der in diesem Jahre verstorbenen Mitglieder betrug fünfundsiebzig Jahre.</p><p>Der französische Botaniker Adanson war etwa siebzig Jahre alt, als die Revolution ausbrach. In dem Tumult verlor er alles – sein Vermögen, seine Ämter, seine Gärten. Aber nie verließen ihn Geduld, Mut und Ergebenheit. Er geriet in die äußerste Bedrängnis und es mangelte ihm sogar an Nahrung und Kleidung, dennoch blieb sein Forschungstrieb derselbe. Als ihn einst das Botanische Institut als eines seiner ältesten Mitglieder zu einer Sitzung einlud, antwortete er, er bedaure sehr, er hätte keine Schuhe. »Es war ein rührender Anblick,« sagt Cuvier, »den Alten sich über die Reste eines verglimmenden Feuers beugen zu sehen und zu versuchen, einige Buchstaben mit schwacher Hand auf das Stückchen Papier zu kritzeln, wobei er alle Mühsale des Lebens über einer neuen Idee in der Naturgeschichte zu vergessen schien, die zu ihm wie eine wohltätige Fee kam, um ihn in seiner Einsamkeit zu trösten«. Das Direktorium setzte ihm eine kleine Pension aus, welche von Napoleon verdoppelt wurde. Schließlich in seinem neunundsiebzigsten Jahre brachte ihm ein leichter Tod die Erlösung. Eine Klausel in seinem Testament, welche sich auf sein Begräbnis bezog, illustriert den Charakter des Mannes. Er bestimmte, daß sein Sarg von einer Blumengirlande, die achtundfünfzig Familien stifteten, denen er in ihrem Fortkommen geholfen hatte, geschmückt werden sollte – ein schlichtes aber rührendes Bild von dem dauerhaften Denkmal, das er sich in seinen Werken errichtet hatte.</p><p>Dies sind nur wenige Beispiele von der fröhlichen Wirksamkeit großer Männer, aber man könnte noch unzählige anführen. Alle großen gesunden Naturen sind ebenso heiter wie hoffnungsvoll. Ihr Beispiel ist ansteckend und mitteilend und erleuchtet und erheitert alle, die in den Bereich ihres Einflusses kommen.</p><p>John Malcolm soll in einem entmutigten Feldlager in Indien wie »ein Sonnenstrahl erschienen sein«, und niemand verließ ihn ohne ein Lächeln. Er war noch »Jung Malcolm«, und es war unmöglich, dem Zauber seiner genialen Gegenwart zu entgehen.</p><p>Auch Edmund Burke besaß dieselbe Frohnatur. Als sich einst bei einem Diner bei Sir Joshua Reynolds die Unterhaltung auf 
      <a id="page139" name="page139" title="bellana/mbechtel"/> die Zuträglichkeit geistiger Getränke für bestimmte Temperamente lichtete, sagte Johnson: »Rotwein ist für Knaben, Portwein für Männer und Branntwein für Helden.« »Dann möchte ich Rotwein haben,« sagte Burke, »denn ich wäre gern ein Knabe, um die sorglose Heiterkeit des Knabenalters zu besitzen.« So gibt es junge Greise und alte Jünglinge – einige, die im Alter noch so heiter und fröhlich wie Knaben sind, und andere, die schon in der Jugend so mürrisch und freudlos sind wie verbitterte Greise.</p><p>In Gegenwart einiger frühreifer Jünglinge hörten wir einst einen fröhlichen alten Mann sagen, es würde bald nur noch »alte Knaben« geben. Die Heiterkeit, die großmütig und genial, freudig und herzlich ist, ist nie ein Merkmal der Frühreife. Goethe pflegte von altklugen Leuten zu sagen: »Ach, wenn sie nur den Mut hätten, eine Dummheit zu begehen.« »Hübsche Puppen« nannte er sie und wandte sich ab.</p><p>Das wahre Fundament der Heiterkeit ist Liebe, Hoffnung und Geduld – Liebe erweckt wieder Liebe und erzeugt Güte. Die Liebe ruft bei andern hoffnungsfreudige und großmütige Gedanken hervor. Sie ist mildtätig, sanft und wahrhaftig und findet das Gute heraus. Sie sucht immer die beste Seite der Dinge hervor und wendet sich immer zum Glück. Sie sieht den Glanz im Tau des Grases, den Sonnenschein auf den Blumen. Sie ermutigt glückliche Gedanken und lebt in einer Sphäre der Heiterkeit. Sie kostet nichts und ist doch von unschätzbarem Werte; denn sie segnet ihren Eigentümer und geht in reichem Glücke in dem Busen anderer auf. Sogar ihre Sorgen sind mit Freude verknüpft und ihre Tränen sind süß.</p><p>Bentham stellt als Grundsatz auf, daß ein Mann im Verhältnis zu der Freude, die er andern bereitet, selbst Freude empfindet. Seine Freundlichkeit erwartet Freundlichkeit und sein Glück wird durch seine Wohltätigkeit erhöht. »Gütige Worte«, sagt er, »kosten nicht mehr als unfreundliche, aber sie rufen freundliche Handlungen nicht nur von seiten des Empfängers, sondern auch bei dem Spender hervor, und dies geschieht nicht gelegentlich, sondern gewöhnlich, dank dem Gesetze der Assoziation.« .... »Es kann vorkommen, daß eine Wohltat dem nichts nützt, für den sie beabsichtigt war; aber wenn sie richtig ausgeführt wurde, muß sie dem Spender Segen bringen. Ein gutes und freundliches Betragen kann eine unwürdige, undankbare Erwiderung finden; aber der Mangel an Dankbarkeit seitens des Empfängers kann die Billigung des eigenen Gewissens aufheben, wodurch der Spender belohnt wird, und wir können doch 
      <a id="page140" name="page140" title="bellana/mbechtel"/> die Saat der Höflichkeit und Güte mit so geringer Mühe ausstreuen. Ein Teil wird sicherlich auf guten Boden fallen und in dem Geiste anderer aufgehen; immer aber wird sie die Frucht des Glücks in dem Busen dessen erzeugen, von dem sie ausgeht. Einmal wird jede Tugend gesegnet, zweimal bisweilen.«</p><p>Der Dichter Rogers pflegte eine Geschichte von einem kleinen Mädchen zu erzählen, dem Lieblinge aller, die sie kannten. Jemand sagte zu ihr: »Warum liebt dich jedermann so sehr?« Sie antwortete: »Ich glaube, weil ich jedermann so sehr liebe.« Diese kleine Geschichte hat eine sehr weite Nutzanwendung, denn unser Menschenglück verhält sich im allgemeinen wie die Liebe, welche wir austeilen und empfangen. Und der größte irdische Erfolg, wie ehrenhaft er auch errungen sein mag, wird verhältnismäßig wenig zum Glück beitragen, wenn er nicht von lebhaftem Wohlwollen gegen das Menschengeschlecht begleitet ist.</p><p>Die Freundlichkeit ist in der Tat eine große Macht in der Welt. Leigh Hunt sagt mit Recht, daß »die rohe Gewalt an sich nicht halb so viel Macht hat wie die Güte.« Die Menschen lassen sich am leichtesten leiten, wenn man ihre Zuneigung besitzt. Ein französisches Sprichwort sagt: 
      <i>»Les hommes se prennent par la douceur,«</i> und ein volkstümliches englisches Sprichwort sagt: »Mit Honig fängt man mehr Wespen als mit Essig.« »Jede gütige Handlung,« sagt Bentham, »ist die Ausübung einer Kraft und ein neues Band der Freundschaft; und warum sollte sich die Macht nicht darin äußern, daß sie Freude anstatt Schmerzen schafft?«</p><p>Die Güte besteht nicht in reichlichen Gaben, sondern in Sanftmut und Wohlwollen. Man kann jemandem Geld aus der Börse geben und ihm doch die Teilnahme des Herzens versagen. Diese Art Güte, die sich im Geldgeben offenbart, hat nicht viel zu bedeuten und stiftet oft mehr Unheil als Segen, aber die Güte wahrer Teilnahme, wohldurchdachter Hilfe bleibt nie ohne wohltätigen Erfolg.</p><p>Ein gutes Gemüt, das sich in Güte offenbart, darf nicht mit Schwäche oder Einfalt verwechselt werden. In seiner besten Form ist es nicht ein passiver, sondern ein aktiver Zustand. Es ist keineswegs gleichgültig, sondern teilnehmend. Es charakterisiert nicht die niedrigsten, sondern die höchst organisierten Formen menschlichen Lebens. Wahre Güte hegt und fördert alle Bestrebungen, welche darauf ausgehen, praktisch Gutes zu stiften und von der Zukunft hofft sie, daß in ihr derselbe Geist an der Erhebung und dem Glück des Menschengeschlechts arbeiten werde.</p><p><a id="page141" name="page141" title="Darkangel176/Personal"/> Nur die zur Güte veranlagten Menschen sind tätige Arbeiter in der Welt, während die selbstsüchtigen und skeptischen Menschen, die nur sich selbst lieben, träge sind. Buffon pflegte zu sagen, er gäbe nichts auf einen jungen Mann, der nicht mit einer Art Enthusiasmus ins Leben träte. Er beweise dadurch, daß er an etwas Gutes, Erhabenes und Edles glaube, wenn dies auch unerreichbare Ideale wären. Egoismus, Skeptizismus und Selbstsucht sind immer elende Gefährten im Leben und sind besonders in der Jugend unnatürlich. Der Egoist kommt dem Fanatiker am nächsten. Immer mit sich selbst beschäftigt, bleibt ihm kein Gedanke für andere. Er kommt immer auf sich zurück, denkt nur an sich und studiert nur immer sich, bis sein »Ich« sein kleiner Abgott wird. Die schlimmsten Leute sind die, welche beständig mit dem Geschicke hadern und murren, welche finden, »daß alles Bestehende böse ist« und doch nichts tun, um es gut zu machen – welche alles öde finden »von Dan bis Berseba«. Diese Pessimisten erweisen sich als die unfähigsten Helfer in der Schule des Lebens. Wie die schlechtesten Arbeiter am schnellsten bereit sind zu streiken, so sind die trägsten Mitglieder der Gesellschaft am schnellsten mit der Klage bei der Hand. Das schlechteste Rad knarrt am meisten.</p><p>Man kann die Unzufriedenheit groß ziehen, bis das Gemüt ganz verbittert wird. Wer ein galliges Gemüt hat, sieht alles schwarz. Dem Übelwollenden scheint alles verkehrt und die Welt außer Rand und Band. Alles ist eitel und ärgert nur den Geist. Die Kleine im »Punch«, die ihre Puppe voll Kleie gestopft fand und daher erklärte, weil alles auf Erden hohl sei, wolle sie ins Kloster gehen, findet ihr Gegenstück im Leben. Manche Erwachsene sind ebenso unvernünftig. Es gibt Leute, die sich gewissermaßen »einer schlechten Gesundheit erfreuen«, und die sie als eine Art Besitztum ansehen. Sie sprechen solange von »meinen Kopfschmerzen«, »meinen Kreuzschmerzen« usw., bis diese Leiden allmählich ihr liebstes Besitztum werden. Aber vielleicht weiden sie ihnen zu einer Quelle des Mitgefühls, ohne das sie sich in der Welt sehr klein und unwichtig vorkommen müssen.</p><p>Wir müssen bei kleinen Übeln auf der Hut sein, daß wir sie nicht ermutigen und vergrößern. In der Tat ist die Hauptquelle des Leidens in der Welt nicht wirklich, sondern nur eingebildetes Übel – kleine Leiden und Ärgernisse. Gegenüber einer großen Sorge verschwinden alle kleinen Verstimmungen, aber wir sind nur zu leicht geneigt, ein kleines Leid als Schoßkind groß zu ziehen. Oft ist es nur eine Ausgeburt unserer Phantasie, und wir verhätscheln dies unser Schmerzenskind, ohne zu bedenken, 
      <a id="page142" name="page142" title="Darkangel176/Kassan"/> wieviele Mittel zum Glück uns zur Verfügung stehen, bis es uns beherrscht. Wir schließen die Tür für die Heiterkeit und umgeben uns mit Finsternis. Da aber die Gewohnheit dem Leben seine Färbung gibt, werden wir grämlich, mürrisch und unsympathisch.</p><p>Das ruhelose, ängstliche, unzufriedene Gemüt, das der Sorge immer auf halbem Wege entgegenkommt, ist dem Glück und Seelenfrieden verhängnisvoll. Wie oft sieht man Menschen, die sich gleichsam in ein Stachelkleid gehüllt haben, so daß man sich ihnen kaum zu nähern wagt, aus Furcht, gestochen zu werden. Durch Mangel an ein wenig Selbstbeherrschung entsteht bisweilen in der Gesellschaft ein geradezu schreckliches Elend. So wird die Freude in Bitterkeit verwandelt, und das Leben wird zu einem Marsch barfüßig über Dornen, Disteln und Nesseln. »Obgleich bisweilen kleine Übel wie kaum sichtbare Insekten große Schmerzen verursachen,« sagt Richard Sharp, »und ein einziges Härchen eine große Maschine zum Stillstand bringen kann, so liegt doch das Hauptgeheimnis des Wohlbefindens darin, daß man sich nicht von kleinen Übeln quälen läßt und daß man klüglich die kleinen Freuden hegt, da uns die großen leider nicht lange beschieden sind.«</p><p>Man überwindet die Übel nicht dadurch, daß man ihnen entgegenkommt. Wenn wir immer unsere Bürde mit uns herumschleppen, wird sie uns unter ihrer Last erdrücken. Wenn das Übel kommt, müssen mir ihm vielmehr tapfer und hoffnungsvoll entgegentreten. Was Perthes an einen jungen Mann schrieb, der sich Kleinigkeiten und Sorgen zu sehr zu Herzen zu nehmen schien, war ohne Zweifel ein guter Rat: »Schreite hoffnungsvoll und vertrauensvoll vorwärts. Dies ist der Rat eines alten Mannes, der einen vollen Anteil von des Tages Last und Hitze getragen hat. Wir müssen immer aufrecht stehen, was auch geschehen mag, und zu diesem Zwecke müssen wir uns fröhlich den mannigfachen Einflüssen dieses vielgestaltigen Lebens unterwerfen. Du wirst dies vielleicht Oberflächlichkeit nennen und du hast teilweise recht; denn Blumen und Farben sind nur Kleinigkeiten, so leicht wie die Luft,– aber solche Oberflächlichkeit ist ein notwendiger Bestandteil der menschlichen Natur, ohne welchen sie der Schwere des Daseins erliegen würde.« 
      <a id="page143" name="page143" title="ami/James"/></p></div><div class="chapter" id="chap010"><h3>9. Kapitel. Lebensart – Kunst</h3><div class="motto"><p>Ein schönes Benehmen ist besser als eine schöne Gestalt; es gewährt ein höheres Vergnügen als Statuen und Bilder; es ist die schönste der schönen Künste.«</p><p><i>Emerson.</i></p></div><p>Lebensart ist eine der anziehendsten Seiten des Charakters. Sie ist der Schmuck jeder Handlung und verschönt oft die gewöhnlichsten Verrichtungen durch die Weise, in der sie ausgeführt werden. Sie ist der beste Weg bei jedem Tun, berührt auch bei Kleinigkeiten angenehm und macht das Leben schön und heiter.</p><p>Lebensart ist nicht so unwesentlich und unwichtig, wie manche denken mögen, denn sie trägt sehr dazu bei, das Leben zu erleichtern, wie auch den gesellschaftlichen Verkehr angenehmer und freundlicher zu gestalten. »Die Tugend selbst verletzt,« sagt Bischof Middleton, »wenn sie mit schlechter Lebensart verbunden ist.«</p><p>Lebensart trägt sehr zu der Achtung bei, welche die Welt den Menschen zollt, und verleiht oft größeren Einfluß auf andere, als es Eigenschaften von größerem Werte vermögen. Ein anmutiges und zugleich herzliches Wesen ist eines der größten Hilfsmittel und vielen fehlt es an Erfolg, weil sie dies nicht besitzen. Denn auf den ersten Eindruck kommt viel an, und er ist gewöhnlich günstig oder nicht, je nach der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit unsers Gegenüber. Während Rauheit und Barschheit Türen und Herzen verschließen, wirken Güte und angenehmes Benehmen, worin gute Manieren bestehen, wie ein »Sesam öffne dich«. Vor ihnen tun sich die Türen auf und sie sind ein Geleitbrief zu den Herzen der Jungen wie der Alten.</p><p>Es gibt ein verbreitetes Sprichwort, welches lautet: »Die Manieren machen den Mann«, aber es wäre richtiger zu sagen: »Der Mann macht die Manieren.« Ein Mensch kann rauh und barsch sein und doch ein gutes Herz und einen ehrenhaften Charakter besitzen; doch würde er zweifellos angenehmer und wahrscheinlich viel nützlicher sein, wenn er jene Sanftmut des Temperaments und jene Höflichkeit des Benehmens zeigte, welches dem echten Gentleman die Vollendung gibt. 
      <a id="page144" name="page144" title="gary/James"/> Mrs. Hutchinson beschreibt in der edlen Schilderung ihres Gemahls, auf die wir uns schon gelegentlich bezogen haben, seine männliche Höflichkeit und Liebenswürdigkeit folgendermaßen: »Ich weiß nicht, ob er mehr wahrhaft großmütig, oder weniger stolz war; er verachtete nie den Niedrigsten, noch schmeichelte er dem Größten. Er hatte eine liebenswürdige, zarte Höflichkeit für den Ärmsten und pflegte oft manche Mußestunden mit gemeinen Soldaten und armen Arbeitern zuzubringen. Aber seine Vertraulichkeit ging nie so weit, daß sie Spott herausforderte, sondern Ehrerbietung und Liebe erweckte.«</p><p>Das Benehmen eines Mannes zeigt in einem gewissen Grade seinen Charakter an. Es ist der äußere Exponent seiner inneren Natur und gibt seinen Geschmack, seine Gefühle und sein Temperament an wie auch die Gesellschaft, in der er sich zu bewegen gewohnt ist. Es gibt ein konventionelles Benehmen, was indes von verhältnismäßig geringem Werte ist, aber das natürliche Benehmen, das aus den sorgfältig durch Selbstzucht entwickelten Anlagen hervorgeht, ist von großer Bedeutung.</p><p>Ein anmutiges Benehmen wird von dem Gefühl erzeugt, welches einem gebildeten Geiste zu einer Quelle großer Freude wird. In diesem Lichte betrachtet, ist das Gefühl fast ebenso wichtig wie Talente und Kenntnisse, während es für die richtige Leitung und Geschmack des Charakters eines Menschen ungleich bedeutender ist. Das Mitgefühl ist der goldene Schlüssel zu den Herzen der Menschen. Es lehrt nicht nur Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, sondern es verleiht auch Einsicht und befördert die Weisheit und kann fast als die Krone der Menschheit angesehen meiden.</p><p>Künstliche Umgangsregeln nützen nur wenig. Was unter der Flagge der »Etikette« segelt, ist oft nur eine Essenz aus Unhöflichkeit und Unwahrhaftigkeit. Sie besteht zum größten Teil in der Annahme gewisser Posen und ist leicht zu durchschauen. Auch im besten Falle ist die Etikette nur ein Ersatz für gute Manieren, obgleich sie oft nur ihr bloßes Abbild darstellt. Gute Manieren bestehen hauptsächlich in Höflichkeit und Liebenswürdigkeit. Die Höflichkeit ist als die Kunst beschrieben worden, vermittelst äußerer Zeichen die innere Rücksicht, die wir für andere hegen, auszudrücken. Aber man kann auch gegen andere vollkommen höflich sein, ohne eine besondere Achtung für sie zu empfinden. Gute Manieren sind nichts mehr oder weniger als ein schönes Benehmen. Man sagt mit Recht, »eine schöne Gestalt ist besser als ein schönes Gesicht und ein schönes Benehmen besser als eine schöne Gestalt; es gewährt ein höheres Vergnügen 
      <a id="page145" name="page145" title="gary/James"/> als Statuen oder Bilder. Es ist die schönste der schönen Künste.«</p><p>Die echte Höflichkeit ist aufrichtig. Sie muß vom Herzen kommen, oder sie wird keinen bleibenden Eindruck machen, denn kein äußerer Schliff kann der Höflichkeit entbehren. Der natürliche Charakter muß zum Vorschein kommen, von seinen Ecken und Härten befreit. Wenn auch die Höflichkeiten in ihrer besten Form (nach St. Franz von Sales) wie das Wasser sein sollte – »je klarer desto besser, rein und ohne Geschmack« – so wird doch das Genie eines Mannes manchen Mangel des Benehmens verdecken und man wird den starken und originellen Naturen vieles verzeihen. Ohne Ursprünglichkeit und Individualität würde das menschliche Leben viel an Interesse und Abwechslung wie auch an Männlichkeit und Stärke des Charakters verlieren.</p><p>Die wahre Höflichkeit ist gütig. Dies zeigt sich darin, daß sie gern zu dem Glück der andern beiträgt und alles vermeidet, was dies schädigt. Sie ist ebenso dankbar wie gütig und erkennt Freundlichkeiten bereitwillig an. Seltsam genug ist es, daß Kapitän Speke diese Charaktereigenschaft auch bei den Eingeborenen von Uganda, am Ufer des Viktoria-Nyansa im Herzen Afrikas fand, wo, wie er sagt, »Undankbarkeit oder das Unterlassen des Dankes für eine erwiesene Wohltat strafbar ist.«</p><p>Wahre Höflichkeit tut sich besonders in der Rücksichtnahme auf die Persönlichkeit anderer kund. Jemand wird die Individualität eines andern achten, wenn er selbst geachtet zu werden wünscht. Er wird auf die Ansichten und Meinungen des andern Rücksicht nehmen, selbst wenn sie von seinen eigenen abweichen. Der wohlerzogene Mensch macht seinem Mitmenschen ein Kompliment und sichert sich oft seine Achtung, wenn er ihm geduldig zuhört. Er ist duldsam und nachsichtig und enthält sich harter Urteile, und wenn man andere abfällig beurteilt, wird man selbst wieder so beurteilt werden.</p><p>Der Unhöfliche, der augenblicklichen Eingebungen folgt, wird aber eher seinen Freund als seinen Spaß verlieren. Man kann den wohl mit Recht als töricht bezeichnen, der um eines augenblicklichen Vergnügens willen sich den Haß eines andern zuzieht. Der Ingenieur Brunel – einer der gütigsten Menschen – pflegte zu sagen, daß Bosheit und üble Launen zu dem größten Luxus im Leben gehören.«</p><p>Dr. Johnson sagte einst: »Mein Herr, man hat ebensowenig das Recht, etwas Unhöfliches zu sagen, wie es zu tun, ebensowenig das Recht, zu einem andern etwas Unfreundliches zu sagen, wie ihn niederzuschlagen.« 
      <a id="page146" name="page146" title="gary/James"/> Ein höflicher Mensch gibt sich nicht den Anschein, besser oder weiser oder reicher zu sein als sein Nächster. Er rühmt sich nicht seines Ranges und seiner Geburt noch seines Vaterlandes, noch schaut er auf andere herab, weil sie durch die Geburt nicht dieselben Privilegien erlangten wie er. Er rühmt sich nicht seiner Kenntnisse oder seines Berufes, noch »fachsimpelt« er, wenn er den Mund auftut. Im Gegenteil, in allem, was er sagt und tut, ist er bescheiden, anspruchslos und ohne Anmaßung. Er zeigt seinen Charakter eher im Handeln als im Prahlen, eher in Taten als im Schwatzen. Der Mangel an Achtung für die Gefühle anderer rührt gewöhnlich aus Selbstsucht her und zeigt sich in Härte und abstoßendem Benehmen. Er entspringt vielleicht weniger der Bosheit, als dem Mangel an Sympathie und Zartgefühl – einem Mangel an Beachtung und Aufmerksamkeit bezüglich jener kleinen und anscheinend unbedeutenden Dinge, durch welche man andern Freude oder Schmerz bereitet. Man kann wohl sagen, daß in der Selbstaufopferung im Verlaufe des Lebens der Unterschied zwischen einem gut und schlecht erzogenen Menschen liegt.</p><p>Ohne etwas Selbstverleugnung kann jemand in der Gesellschaft fast unerträglich werden. Niemand mag mit solch einer Person verkehren, und sie ist eine Quelle beständigen Ärgers für ihre Umgebung. Aus Mangel an Selbstverleugnung kämpfen viele Menschen ihr ganzes Leben lang mit selbstgeschaffenen Schwierigkeiten und machen sich selbst den Erfolg durch ihre Querköpfigkeit unmöglich; während andere, die vielleicht weniger begabt sind, durch bloße Geduld, Gleichmütigkeit und Selbstbeherrschung eine erfolgreiche Laufbahn haben.</p><p>Wir sagten oben, daß man im Leben ebensoviel durch Gemütsruhe wie durch Talente erreicht. Wie dem auch sein mag, soviel steht fest, daß das Glück hauptsächlich auf dem Temperament beruht, besonders auf der Veranlagung zur Heiterkeit, auf der Gefälligkeit, Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, anderen einen Dienst zu erweisen – Einzelheiten der Lebensart, die wie die Scheidemünze im täglichen Leben immer gebraucht werden.</p><p>Man kann seine Mißachtung für andere auf verschiedene Weise zeigen – z. B. durch Nachlässigkeit in der Kleidung, durch Unreinlichkeit oder durch abstoßende Gewohnheiten. Ein liederlicher, unsauberer Mensch verursacht ein physisches Mißbehagen, verletzt so den Geschmack und die Gefühle seiner Mitmenschen und ist in gewisser Art roh und unhöflich.</p><p>Vollendete Lebensart ist ungezwungen, sie darf weder etwas Auffälliges noch Affektiertes an sich haben. Künstelei verträgt 
      <a id="page147" name="page147" title="gary/James"/> sich nicht mit echtem freien Benehmen. Rochefoucauld hat gesagt, »daß uns nichts so sehr hindert, natürlich zu sein, als der Wunsch, so zu scheinen.« So kommen mir wieder auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zurück, welche ihren Ausdruck in Anmut, Höflichkeit, Güte, und Rücksicht auf die Gefühle anderer findet. Ein freimütiger, herzlicher Mensch versetzt seine ganze Umgebung in eine behagliche Stimmung. Er erwärmt und erhebt sie durch seine Gegenwart und gewinnt alle Herzen. So wird ein gutes Benehmen in seiner höchsten Form wie der Charakter zu einer fördernden Kraft.</p><p>»Die Liebe und Bewunderung,« sagt Canon Kingsley, »welche jener wahrhaft brave und liebenswürdige Mann, Sir Sidney Smith, sich von jedermann, reich wie arm, erwarb, mit denen er in Berührung kam, scheint aus der einzigen Tatsache herzurühren, daß er, ohne sich dessen vielleicht bewußt zu sein, Reiche und Arme, seine Diener und hochgeborenen Gäste, gleich behandelte und gleich höflich, rücksichtsvoll, heiter, liebenswürdig – Segen zurücklassend und hervorrufend, wo er auch hinkam.«</p><p>Man nimmt gewöhnlich an, daß gute Manieren ein besonderes Kennzeichen von Leuten von edler Geburt und Erziehung seien und von solchen, die sich mehr in den höheren als in den niederen Gesellschaftsklassen bewegen. Und das ist ohne Zweifel im allgemeinen richtig, wegen der günstigeren Umgebung in der Jugend. Aber es ist kein Grund vorhanden, warum die ärmsten Klassen sich nicht ebenso guter Manieren befleißigen sollten wie die reichsten.</p><p>Menschen, die sich von ihrer Hände Arbeit ernähren, wie auch solche, die dies nicht tun, können sich selbst und andere achten, und durch ihr Benehmen gegeneinander – mit anderen Worten ihre Manieren – offenbaren sich Selbstachtung wie gegenseitige Achtung. Es gibt kaum einen Augenblick im Leben, dessen Genuß nicht durch derartige Freundlichkeit erhöht werden könnte – sei es in der Werkstatt, auf der Straße oder zu Hause. Der höfliche Arbeiter gewinnt einen größeren Einfluß unter seinesgleichen und bringt sie allmählich durch beharrliche Ruhe, Höflichkeit und Güte dazu, sein Beispiel zu befolgen. So soll Benjamin Franklin als Arbeiter die Gewohnheiten einer ganzen Werkstatt reformiert haben.</p><p>Man kann auch mit sehr wenig Geld in der Börse höflich und bescheiden sein. Die Höflichkeit erreicht viel und kostet nichts. Sie ist die billigste aller Gewohnheiten und zwar die bescheidenste aller schönen Künste, aber so nützlich und erfreulich, daß man sie fast zu den Tugenden rechnen könnte. 
      <a id="page148" name="page148" title="gary/mbechtel"/> Jedes Volk kann etwas von einem andern lernen und wenn es etwas gibt, das die englischen Arbeiter von ihren kontinentalen Nachbarn mit Vorteil übernehmen könnten, so ist es die Höflichkeit. Auch die unteren Klassen sind in Frankreich und Deutschland in ihrem Benehmen anmutig, gefällig, herzlich und gesittet. Der Arbeiter nimmt dort die Mütze ab und grüßt seinen Kameraden im Vorbeigehen achtungsvoll. Dies ist kein Opfer an Männlichkeit, sondern Anmut und Würde. Auch die tiefste Armut ist dort nicht elend, sondern wird mit Heiterkeit getragen. Obwohl sie nicht die Hälfte des Einkommens unserer Arbeiter erhalten, sinken sie doch nie zu solchem Elend herab, das seine Sorgen im Trunke vergißt, sondern sie bemühen sich, das Leben von der besten Seite zu nehmen und es auch inmitten Armut zu genießen.</p><p>Ein guter Geschmack ist ein guter Haushalter. Er kann sich auch bei geringen Mitteln betätigen und die Arbeit wie die Muße verschönen. Er bereitet einen noch höheren Genuß, wenn er mit Fleiß und Pflichterfüllung gepaart ist. Auch das Los der Armut wird durch den Geschmack veredelt. Er zeigt sich in der Führung des Haushalts. Er verleiht auch dem bescheidensten Heim Helligkeit und Anmut. Er verfeinert die Sitten, befördert Dienstbereitschaft und schafft eine Atmosphäre des Frohsinns. So können guter Geschmack, gepaart mit Freundlichkeit, Mitgefühl und Klugheit, auch das niedrigste Los erheben und veredeln.</p><p>Die erste und beste Schule für die Lebensart wie für den Charakter ist das Haus, wo die Mutter die Lehrerin ist. Die Manieren der ganzen Gesellschaft sind nur der Widerschein der Manieren, die zu Hause herrschen, weder besser noch schlechter. Doch bei allen Nachteilen einer schlechten Erziehung kann man durch Selbstzucht die Manieren wie den Geist bilden und durch gute Beispiele sich ein angenehmes, anmutiges Benehmen gegen andere erwerben. Die meisten Menschen sind wie ungeschliffene Diamanten und müssen erst sich an anderen und besseren Naturen abschleifen, ehe sie ihren vollen Glanz erhalten. Einige sind nur an einer Seite poliert und lassen so die zarte Struktur des Innern erkennen; aber um alle Eigenschaften des Brillanten zu erlangen, bedarf es der Schule der Erfahrung und tägliche Berührung mit den besten Charakteren.</p><p>In dem Takte beruht ein großer Teil der Erfolge guter Manieren und weil die Frauen im allgemeinen mehr Takt als die Männer besitzen, so verstehen sie auch darin besser Unterricht zu erteilen. Sie üben mehr Selbstverleugnung als die Männer 
      <a id="page149" name="page149" title="Sin/mbechtel"/> und sind von Natur aus anmutiger und höflicher. Sie besitzen eine angeborene Schnelligkeit und Bereitschaft im Handeln, haben eine schärfere Einsicht in den Charakter und zeigen größere Findigkeit und Geschicklichkeit. In gesellschaftlichen Angelegenheiten sind ihnen Gewandtheit und Fähigkeit gleichsam von der Natur mitgegeben; daher erhalten wohlerzogene Herren ihren besten Schliff in der Gesellschaft edler und liebenswürdiger Frauen. Der Takt ist eine angeborene Kunst, sich zu benehmen, die über Schwierigkeiten besser als Talent oder Kenntnisse hinweghilft. »Talent«, sagt ein Schriftsteller, »ist eine Macht: Takt ist Geschicklichkeit. Talent ist ein Gewicht, aber der Takt sein Moment. Das Talent weiß, was zu tun ist, der Takt, wie es zu tun ist. Das Talent macht einen Mann achtungswert, der Takt macht ihn geachtet. Das Talent ist Reichtum, der Takt bares Geld.«</p><p>Der Unterschied zwischen einem Mann von seinem Takt und einem gänzlich taktlosen Menschen trat besonders in einer Unterhaltung zutage, die zwischen Lord Palmerston und dem Bildhauer Behnes stattfand. Bei der letzten Sitzung, die Lord Palmerston ihm gewährte, eröffnete Behnes die Unterhaltung mit der Frage: »Was gibt es Neues in Frankreich, Mylord? Wie stehen wir mit Louis Napoleon?« Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes zog die Augenbrauen einen Moment in die Höhe und antwortete ganz ruhig: »Wahrhaftig, Herr Behnes, das weiß ich nicht, ich habe heute noch keine Zeitung gelesen!« Der arme Behnes war trotz seiner vielen guten Eigenschaften und seiner Begabung einer der vielen Menschen, die sich aus Mangel an Takt ihre Karriere verderben.</p><p>Die Macht eines taktvollen Benehmens ist so groß, daß Wilkes, einer der häßlichsten Menschen, zu sagen pflegte, daß zwischen ihm und dem schönsten Manne in England nur ein geringer Unterschied bestünde, weil er sich bemühe, die Anmut einer Dame zu gewinnen. Aber dieser Ausspruch Wilkes erinnert uns, daß man dem Benehmen nicht zu viel Wert beilegen soll, weil es keinen sicheren Schluß auf den Charakter zuläßt. Der Mensch von guten Manieren kann wie Wilkes eine einstudierte Rolle spielen und dies auch zu einem unmoralischen Zweck. Das seine Benehmen bereitet wie alle schönen Künste Vergnügen und einen sehr angenehmen Anblick, aber es kann zu einer Verkleidung benutzt werden, wie man auch eine Tugend annehmen kann, die man nicht besitzt.« Es ist nur ein äußeres Zeichen einer guten Lebensführung, aber es haftet vielleicht nur an der Oberfläche. Auch die höchstgesittete Person kann im Herzen 
      <a id="page150" name="page150" title="Sin/clagal"/> verdorben sein, und ihre superfeinen Manieren können nur in gefälligen Gesten und schönen Phrasen bestehen.</p><p>Andererseits muß man zugestehen, daß einige der reichsten und größten Naturen der Liebenswürdigkeit und Höflichkeit entbehrten. Wie eine harte Schale oft den süßesten Kern verbirgt, so umschließt ein rauhes Äußere oft eine gütige und herzliche Natur. Man kann in Manieren rauh und barsch und doch im Herzen edel, gütig und redlich sein.</p><p>John Knox und Martin Luther zeichneten sich keineswegs durch Höflichkeit aus. Sie hatten auch eine Aufgabe zu erfüllen, die eher starke und feste als liebenswürdige Naturen erforderte. Doch hielt man beide in ihren Manieren für unnötig rauh und heftig, »Und wer bist du denn,« sagte Maria von Schottland zu Knox, »daß du dir anmaßest, den Adel und die Herrscherin dieses Reiches zu hofmeistern?« – »Ein Untertan desselben, Madame,« erwiderte Knox. Seine Kühnheit oder Rauheit sollen sie öfter zum Weinen gebracht haben. Als der Regent Morton davon hörte, sagte er: »Ei, es ist besser, daß Frauen weinen, als bärtige Männer.« Als Knox einst von der Königin wegging, hörte er einen der Höflinge zum andern sagen: »Der fürchtet sich nicht.« Darauf drehte sich Knox herum und sagte: »Und warum sollte mich ein freundliches Antlitz denn erschrecken. Ich habe zornige Menschen angeschaut und mich doch nicht über Gebühr gefürchtet.« Als der Reformator schließlich dem Übermaß von Arbeit und Sorge erlegen war und bestattet wurde, sagte der Regent, auf das offene Grab schauend: »Hier liegt einer, der nie das Antlitz eines Menschen scheute!« Diese passenden und wahren Worte machten tiefen Eindruck auf alle Hörer.</p><p>Luther wurde auch von einigen für einen Ausbund von Heftigkeit und Rauheit gehalten. Aber wie bei Knox war die Zeit, zu der er lebte, rauh und gewalttätig, und seine Aufgabe hätte er schwerlich mit Sanftmut und Liebenswürdigkeit erfüllen können. Um Europa aus seiner Lethargie zu erwecken, mußte er kraftvoll und sogar heftig schreiben und sprechen. Doch war Luther nur mit Worten heftig. Sein rauhes Äußere deckte ein warmes Herz. Im Privatleben war er sanft, liebenswürdig und zärtlich. Er war einfach und schlicht, ja fast hausbacken. Ein Freund aller volkstümlichen Vergnügungen und Belustigungen, war er alles andere als finster und bigott; denn er war herzlich, fröhlich und kein Spielverderber. Luther war damals der Held des Volkes und er ist es in Deutschland bis heute noch geblieben.</p><p>Samuel Johnson war rauh und oft barsch in seinen Manieren. Aber er war auch in einer harten Schule aufgewachsen. Die 
      <a id="page151" name="page151" title="laubfrosch/clagal"/> Armut in der Jugend machte ihn mit seltsamen Gefährten bekannt. Er hatte mit Savage manche Nacht die Straßen durchwandert, weil sie kein Geld hatten, um ein Nachtquartier zu bezahlen. Als er sich durch seinen unerschütterlichen Mut und Fleiß eine Stellung in der Gesellschaft errungen hatte, trug er noch die Spuren seiner früheren Sorgen und Kämpfe an sich. Er war eine starke und kräftige Natur und seine Erfahrung machte ihn rücksichtslos und eigenwillig. Als er einst gefragt wurde, warum er nicht wie Garrick zu einem Diner eingeladen worden war, antwortete er: »Weil große Damen und Herren nicht lieben, wenn ihnen der Mund gestopft wird.« Und Johnson war ein notorischer »Mundstopfer«, obwohl alles, was er sagte, des Anhörens wert war.</p><p>Während Eigensinn, Streitsucht und Widerspruchsgeist erkältend und abstoßend wirken, so ist die entgegengesetzte Gewohnheit, allem und jedem zuzustimmen, fast ebenso unangenehm. Sie ist unmännlich und wird als Unredlichkeit empfunden. »Es mag schwer scheinen,« sagt Richard Sharp, »immer zwischen Barschheit und Offenheit, zwischen wohlverdientem Lob und unwürdiger Schmeichelei hindurchzusteuern; aber es ist sehr leicht, gute Laune, Güte und Einfachheit, das ist alles, was erforderlich ist, um das Rechte auf dem richtigen Wege zu tun.«</p><p>Andererseits sind viele Menschen unhöflich, nicht weil sie es beabsichtigen, sondern weil sie unbeholfen sind und es nicht besser verstehen. Als Gibbon den zweiten und dritten Band seines »
      <i>Decline and Fall</i>« veröffentlicht hatte, traf ihn der Herzog von Cumberland und begrüßte ihn mit den Worten: »Wie geht es, Herr Gibbon? Wie ich höre, treiben Sie es noch in der alten Weise – kritzeln, kritzeln, kritzeln!« Der Herzog wollte dem Schriftsteller wahrscheinlich ein Kompliment machen, aber er verstand es nicht besser als in dieser plumpen und anscheinend ungezogenen Weise anzubringen.</p><p>Viele Personen werden wieder für steif, zurückhaltend und stolz gehalten, während sie nur schüchtern sind. Die Schüchternheit zeichnet die meisten Leute der teutonischen Rasse aus. Man hat sie »die englische Manie« genannt, aber sie herrscht mehr oder minder bei allen nordischen Völkern vor. Der Engländer nimmt gewöhnlich auf Reisen im Ausland seine Schüchternheit mit sich. Er ist steif, linkisch, unbeholfen, verschlossen und anscheinend unsympathisch und obwohl er ein barsches Wesen annehmen mag, bleibt seine Schüchternheit doch bestehen und kann nicht ganz verborgen werden. Der von Natur aus anmutige und äußerst soziale Franzose kann einen solchen Charakter nicht begreifen und 
      <a id="page152" name="page152" title="Sin/clagal"/> daher ist der Engländer die beständige Zielscheibe seines Witzes – der Gegenstand ihrer spaßhaftesten Karikaturen. George Sand schreibt die Steifheit der Söhne Albions einem spezifischen britischen Fluidum zu, das sie mit sich nehmen und das sie unter allen Umständen unzugänglich und für »die Atmosphäre des Landes, welches sie durchreisen ebenso unempfänglich macht wie eine Maus in einem leergepumpten Rezipienten.«</p><p>Im Durchschnitt übertreffen Franzosen und Irländer die Engländer, Deutschen und Amerikaner an Höflichkeit und Gewandtheit, einfach weil es ihnen angeboren ist. Sie sind geselliger und weniger selbständig als Menschen von teutonischer Rasse, offener und weniger zurückhaltend; sie sind mitteilsamer, gesprächiger und in jeder Beziehung freier im Umgang, während Germanen verhältnismäßig steif, zurückhaltend, schüchtern und linkisch sind. Aber ein Volk kann gewandt, heiter und lebhaft sein, und dennoch keine tieferen Eigenschaften besitzen, welche Achtung gebieten. Es kann anmutige Umgangsformen haben und doch herzlos, frivol und selbstsüchtig sein. Der Charakter kann ganz oberflächlich sein und jeder soliden Grundlage entbehren. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, welchem der beiden Menschenklassen – dem gewandten und anmutigen oder dem steifen und linkischen man im Geschäft, in der Gesellschaft oder im täglichen Leben lieber begegnet. Aber es ist etwas ganz anderes, welche von beiden die treuesten Freunde liefert, die aufrichtigsten Menschen, die ihr Wort halten, am gewissenhaftesten ihre Pflicht erfüllen.</p><p>Der trockene, linkische Engländer – 
      <i>l'Anglais empêtré</i> des Franzosen – ist anfangs eine wenig liebenswürdige Person. Er sieht immer aus, als ob er einen Ladestock verschluckt hatte. Er ist selbst schüchtern und überträgt diese Eigenschaft auf andere. Er ist steif, nicht weil er stolz, sondern weil er schüchtern ist, und er kann seine Schüchternheit nicht ablegen, wenn er es auch wollte. Wir wären in der Tat nicht sehr überrascht, wenn es sich herausstellte, daß der fähige Schriftsteller, der den englischen Philister in der ganzen Größe seiner linkischen Manieren und seinem Mangel an Anmut dargestellt hat, selbst so scheu wie eine Fledermaus wäre.</p><p>Wenn zwei schüchterne Menschen zusammentreffen, scheinen sie ein paar Eiszapfen. In Gesellschaft entfernen sie sich voneinander und drehen sich den Rücken zu und auf der Reise verkriechen sie sich in die entgegengesetzten Ecken des Wagens. Wenn der schüchterne Engländer mit der Bahn verreisen will, läuft er am ganzen Zug entlang, um ein leeres Abteil ausfindig zu 
      <a id="page153" name="page153" title="laubfrosch/clagal"/> machen, in das er sich verkriechen kann, und wenn ihm dies gelungen ist, haßt er jeden Neueintretenden ingrimmig. Wenn er in das Speisezimmer seines Klubs tritt, sucht er sich einen unbesetzten Tisch, bis an jedem Tisch im Zimmer ein einsamer Gast sitzt. All diese scheinbare Ungeselligkeit ist nur Schüchternheit, die nationale Charaktereigentümlichkeit des Engländers.</p><p>Der verstorbene Prinz Albert, einer der sanftesten und liebenswürdigsten Menschen, war auch äußerst zurückhaltend. Er kämpfte sehr gegen seine Schüchternheit, aber er konnte sie nie unterdrücken oder verbergen. Sein Biograph erklärt dies folgendermaßen: »Es war die Schüchternheit einer zart angelegten Natur, die nicht sicher ist, zu gefallen und das Selbstvertrauen und die Eitelkeit nicht besitzt, welche oft solche Leute auszeichnen, die äußerlich genialer sind.«</p><p>Aber der Prinz teilte diesen Mangel mit einigen der größten Männer Englands. Sir Isaak Newton war vielleicht der schüchternste Mann seiner Zeit. Er hielt einige seiner größten Entdeckungen geheim aus Furcht vor der Berühmtheit, die sie ihm eintragen würden. Seine Entdeckung des Binomischen Lehrsatzes und dessen höchst wichtige Anwendung wie auch die noch größere Entdeckung des Gravitationsgesetzes wurden jahrelang nicht veröffentlicht, und als er Collins seine Theorie über den Umlauf des Mondes um die Erde mitteilte, verbot er ihm, seinen Namen dabei in den »
      <i>Philosophical Transactions</i>« zu nennen, wobei er sagte: »Das könnte vielleicht meine Bekanntheit noch vermehren, an deren Verminderung ich doch arbeite.«</p><p>Aus allem, was wir von Shakespeare erfahren, können wir schließen, daß er ein außerordentlich schüchterner Mensch war. Die Art und Weise, in der seine Stücke in die Welt gesandt wurden, und die Zeiten, Zu denen sie erschienen, sind nur Objekte der Mutmaßung, denn es ist auch von keinem einzigen seiner Stücke bekannt, daß er es herausgab oder daß er jemanden mit der Veröffentlichung betraute. Sein Auftreten in untergeordneten Rollen, seine Gleichgültigkeit gegen den Ruhm und seine augenscheinliche Abneigung gegen die Ehre, die ihm seine Zeitgenossen erweisen wollten – sein Verschwinden von London (dem Sitz und Mittelpunkt der englischen Schauspielkunst), sobald er ein bescheidenes Vermögen erworben hatte und die Tatsache, daß er sich im Alter von vierzig Jahren für den Rest seines Lebens in eine kleine Stadt zurückzog – alles dies scheint die Ängstlichkeit seiner Natur und seine unbesiegbare Schüchternheit zu beweisen.</p><p><a id="page154" name="page154" title="mbechtel/clagal"/> Es ist auch wahrscheinlich, daß Shakespeare außer seiner Schüchternheit – die wie bei Byron durch sein Hinken noch vergrößert werden mochte – auch ein hoffnungsloses Gemüt besaß. Es ist seltsam, daß der große Dramatiker in seinen Schriften alle andern Gaben, Gefühle und Tugenden reich geschildert hat, während die Stellen selten sind, wo die Hoffnung erwähnt wird und dann geschieht dies in düsterem und verzweifelten Tone, wie z. B.</p><p class="vers">»Ein elend Herz macht nur der Trank gesund,
      <br/> Den Hoffnung reicht.«</p><p>Viele seiner Sonette atmen den Geist der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Er beklagt seine Lahmheit, entschuldigt seinen Schauspielerberuf, drückt seinen Mangel an Selbstvertrauen aus und seine hoffnungslose, vielleicht übel angebrachte Liebe, er ahnt seinen Tod voraus und verlangt in tief ergreifendem Tone nach der Ruhe des Grabes.</p><p>Man könnte denken, daß Shakespeares Schauspielerberuf und sein häufiges Auftreten vor dem Publikum seine Schüchternheit schnell besiegt hätten. Aber eine starke angeborene Schüchternheit ist nicht so leicht zu überwinden.</p><p>Wer hätte es geglaubt, daß der verstorbene Charles Mathews, der Abend für Abend gefüllte Häuser unterhielt, von Natur einer der schüchternsten Menschen war? Er pflegte trotz seiner Lahmheit weite Umwege durch die Gäßchen Londons zu machen, um nicht erkannt zu werden. Sein Frau sagte, daß er »blöde« und verlegen aussah, wenn er erkannt wurde und daß er die Augen niederschlug und errötete, wenn er seinen Namen auf der Straße flüstern hörte.</p><p>Wer hätte auch beim ersten Anblick erraten können, daß Lord Byron sehr schüchtern war, und doch war es so. Sein Biograph erzählte, daß er einst bei einem Besuche bei Mrs. Pigot in Southwell, als er Fremde sich dem Hause nähern sah, aus dem Fenster sprang und über den Rasen davonlief, um ihnen zu entgehen.</p><p>Aber ein noch schlagenderes Beispiel aus neuerer Zeit ist das des Erzbischofs Whately, der in seiner Jugend sehr von seiner Schüchternheit zu leiden hatte. In Oxford hatte ihm sein weißer rauhhaariger Rock und sein weißer Hut den Spitznamen der Eisbär eingetragen und seine Manieren entsprachen nach seinem eigenen Zugeständnis dieser Bezeichnung. Man veranlaßte ihn, um ihn zu bessern, in der Gesellschaft das Beispiel wohlerzogener Leute nachzuahmen; aber dieser Versuch vergrößerte nur seine 
      <a id="page155" name="page155" title="Sin/James"/> Schüchternheit und schlug fehl. Er fand, daß er immer an sich anstatt an andere dachte; während die wahre Höflichkeit darin besteht, daß man mehr an andere als an sich denkt. Als er fand, daß er keine Fortschritte machte, geriet er in die äußerste Verzweiflung. »Warum soll ich mein ganzes Leben lang diese zwecklose Qual ertragen. Ich würde es tun, wenn ich Aussicht auf Erfolg hätte. Aber da diese geschwunden ist, will ich ruhig sterben, ohne noch mehr Versuche anzustellen. Ich habe das Äußerste versucht, aber ich habe gefunden, daß ich trotzdem das ganze Leben so linkisch wie ein Bär bleiben muß. Ich will mich deshalb bemühen, so wenig wie ein Bär darüber nachzudenken und zu ertragen, was ich nicht ändern kann.« Seit dieser Zeit gab er sich Mühe, gar nicht mehr an sein Benehmen zu denken und alle Kritik desselben unbeachtet zu lassen. »Auf diese Weise,« sagt er »hatte ich über Erwarten Erfolg; denn ich wurde nicht nur mein persönliches Leiden los, sondern auch alle die Fehler, welche durch Selbstbeobachtung entstehen. Ich erlangte auf einmal ein freies und natürliches Benehmen – das zwar äußerst sorglos war, da es einer trotzigen Mißachtung der öffentlichen Meinung entsprang, von der ich mich überzeugt hatte, daß sie immer gegen mich sein würde, ein rauhes und linkisches Wesen; denn Schliff und Anmut liegen meiner Natur fern, und das natürlich schulmeisterlich pedantisch, aber ungezwungen war und dem Wohlwollen Ausdruck verlieh, das ich gegen die Menschheit empfinde, und das ist, wie ich glaube, die Hauptsache.«</p><p>Obgleich wir die modernen Amerikaner keineswegs für schüchtern halten, so war doch der beste amerikanische Schriftsteller unserer Zeit ein außerordentlich schüchterner Mensch. Nathaniel Hawthorne war fast krankhaft scheu. Man konnte ihn beobachten, wie er, wenn ein Fremder ins Zimmer trat, ihm den Rücken zukehrte, um nicht erkannt zu werden. War aber das Eis seiner Verlegenheit gebrochen, so konnte keiner herzlicher und freundlicher sein als Hawthorne. In Hawthornes vor nicht langer Zeit veröffentlichten »Notebooks« erwähnt er, daß er Mr. Helps in Gesellschaft traf und ihn »kühl« gefunden habe. Ohne Zweifel dachte Helps dasselbe von ihm. Es trafen hier eben zwei schüchterne Menschen zusammen, von denen jeder den andern für steif und zurückhaltend hielt, und die sich trennten, ehe ihre beiderseitige Befangenheit einem freundlichen Gespräche gewichen war. Ehe man in solchen Fällen ein vorschnelles Urteil ausspricht, wäre es besser, sich den Wahlspruch des Helvetius ins Gedächtnis zu rufen, der sich, wie Bentham sagt, als ein wahrer Schatz für 
      <a id="page156" name="page156" title="laubfrosch/James"/> ihn erwies. Der Spruch lautet: »
      <i>Pour aimer les hommes il faut attendre peu.</i>«</p><p>Wir haben bisher von der Schüchternheit als von einem Fehler gesprochen. Aber man kann sie auch von einer andern Seite anschauen; denn auch die Schüchternheit hat eine vorteilhafte Seite und enthält etwas Gutes. Schüchterne Menschen und Nationen sind ohne Anmut und zurückhaltend, da sie in sozialer Beziehung verhältnismäßig ungesellig sind. Sie besitzen jene, durch den Umgang erworbene Eleganz der Manieren nicht, welche die sozialen Rassen auszeichnet, weil sie eher das Bestreben haben, die Gesellschaft zu fliehen, als sie zu suchen. Sie sind in Gegenwart Fremder, und sogar in ihrer eigenen Familie schüchtern. Sie verbergen ihre Neigungen unter der Maske der Zurückhaltung, und wenn sie doch einmal ihren Gefühlen freien Lauf lassen, so geschieht dies in dem innersten Gemache. Und doch sind die Gefühle da und nicht weniger gesund und echt, aber sie werden nicht für andere zur Schau gestellt.</p><p>Es war für die alten Germanen sehr charakteristisch, daß sie von den umwohnenden geselligeren und offeneren Völkern Niemec oder stumme Leute genannt wurden. Dieselbe Bezeichnung könnte man auch auf die modernen Engländer anwenden im Vergleich zu ihren beweglicheren, mitteilsameren und in jeder Beziehung geselligeren Nachbarn, den modernen Franzosen und Irländern.</p><p>Es gibt aber ein charakteristisches Merkmal, das die Engländer, wie die Völker, von denen sie abstammen, auszeichnet, das ist ihre starke Liebe zu einem häuslichen Familienleben. Man gebe dem Engländer eine Häuslichkeit und ihm ist die Gesellschaft gleichgültig. Um eines Heimes willen, das er sein eigen nennen kann, fährt er über das Meer und baut sich in der Prärie oder im Urwald eine Heimstätte. Die Einsamkeit der Wildnis schreckt ihn nicht, die Gesellschaft von Weib und Kind genügt ihm und er braucht keine andere. Daher kommt es, daß die Völker von germanischer Rasse, zu denen auch Engländer und Amerikaner gehören, die besten Kolonisten bilden und sich jetzt schnell als Auswanderer und Ansiedler über alle bewohnbaren Teile der Erde ausbreiten.</p><p>Die Franzosen haben als Kolonisten nie große Erfolge erzielt, hauptsächlich wegen ihrer starken sozialen Instinkte – das Geheimnis ihrer anmutigen Manieren – und weil sie nie ihre Nationalität vergessen können. Eine Zeitlang schien es im Bereich der Möglichkeit zu liegen, daß die Franzosen den größten Teil von Nordamerika okkupierten. Ihre Forts erstreckten sich 
      <a id="page157" name="page157" title="laubfrosch/James"/> von Unterkanada den St. Lorenzstrom hinauf und von 
      <i>Fond du Lac</i> am obern See am St. Kroixfluß und Mississippi entlang bis nach New-Orleans. Aber die großen selbstvertrauenden »Niemec« verbreiteten sich von einer Kette Niederlassungen längs der Küste immer weiter westwärts, sich überall festsetzend, und von der ganzen französischen Okkupation ist nur noch die französische Kolonie von Akadia in Unterkanada übrig. Und auch dort finden wir eins der auffallendsten Beispiele der Geselligkeit der Franzosen, die sie zusammenhält und daran hindert, sich gleich den Leuten teutonischer Rasse in einem neuen Land anzupflanzen. Während in Oberkanada die Kolonisten von englischer und schottischer Abkunft in den Wald und die Wildnis eindringen und womöglich meilenweit von ihren Nachbarn wohnen, leben in Unterkanada die Leute französischer Abkunft dichtgedrängt in Dörfern, die gewöhnlich aus zwei Reihen von Häusern an der Straße bestehen und hinter denen sich lange, immer und immer wieder geteilte Streifen Ackerlandes erstrecken. Sie unterwerfen sich eher willig all diesen Unbequemlichkeiten, um nur in Gesellschaft zu bleiben, als daß sie sich in die einsamen Wälder flüchten wie die Engländer, Deutschen und Amerikaner. Der amerikanische Hinterwäldler gewöhnt sich nicht nur an die Einsamkeit, er liebt sie sogar. Und wenn in den westlichen Staaten ihm die Ansiedler zu nahe kommen, wenn das Land »übervölkert« wird, flüchtet er sich vor dem Vordringen der Gesellschaft, packt seine Siebensachen in einen Wagen und macht sich mit Weib und Kind fröhlich auf den Weg, um sich im fernen Westen eine neue Heimat zu gründen.</p><p>So ist der Germane wegen seiner Schüchternheit der geborene Kolonist. Engländer, Schotten, Deutsche und Amerikaner – sie alle sind gleicherweise bereit, in Einsamkeit zu wohnen, wenn sie sich nur ein Heim und eine Familie gründen können. So hat ihre verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen die Gesellschaft diese Völker befähigt, sich über die ganze Erde auszubreiten, sie urbar zu machen und zu unterwerfen, während ihre sozialen Instinkte, obgleich sie ihnen zu größerer Anmut gereichte, den Franzosen als Kolonisten im Wege waren. Deshalb sind sie in den Ländern, wo sie sich festgesetzt haben – wie in Algier und anderswo – nur bloße Garnisonen geblieben.</p><p>Aus der relativen Ungeselligkeit des Engländers ergeben sich noch manche andere Eigenschaften. Seine Schüchternheit verweist ihn auf sich selbst und macht ihn selbstbewußt und unabhängig. Da zu seinem Glücke ein geselliges Leben nicht erforderlich ist, sucht er im Lesen, Studieren, Erfinden Zuflucht, 
      <a id="page158" name="page158" title="Sin/James"/> oder er hat Freude an industrieller Arbeit und wird ein tüchtiger Handwerker. Er fürchtet sich nicht, sich der Einsamkeit des Ozeans anzuvertrauen und wird Fischer, Seemann, Entdecker. Seit die alten Normannen die nördlichen Meere durchstreiften, Amerika entdeckten und ihre Flotten die Küsten Europas entlang bis ins Mittelländische Meer schickten, hat sich die germanische Rasse in der Schiffahrt immer mehr hervorgetan.</p><p>Die Engländer sind ohne künstlerische Begabung und zwar ebenfalls, weil sie unsozial sind. Sie können gute Kolonisten, Seeleute und Mechaniker abgeben, aber sie sind keine guten Sänger, Tänzer, Schauspieler, Künstler oder Modisten. Sie kleiden sich weder geschmackvoll, noch spielen sie gut Theater. Sie schreiben weder, noch sprechen sie gut. Es fehlt ihnen Stil und Eleganz. Ihre Aufgabe verrichten sie unverdrossen, aber ohne Anmut.</p><p>Um diesem Mangel an Anmut und künstlerischem Geschmack in England abzuhelfen, hat sich eine Schule aufgetan, die für eine allgemeine Verbreitung der schönen Künste sorgen will. Die Schönheit hat jetzt ihre Lehrer und Priester und wird von manchen fast in dem Lichte einer Religion betrachtet. »Schönheit ist Güte« – »Schönheit ist Wahrheit« – »Schönheit ist die Priesterin des Wohlwollens – das sind ihre Dogmen. Man glaubt durch das Studium der Kunst den Geschmack des Volkes zu läutern, durch die Betrachtung schöner Gegenstände soll seine Natur veredelt werden, und da es auf diese Weise von sinnlichen Genüssen abgehalten wird, hofft man seinen Charakter zu heben und zu bessern. Aber wenn auch eine solche Bildung in einem gewissen Grade erhebend und veredelnd wirkt, darf man nicht zuviel davon erwarten! Die Anmut versüßt und verschönt das Leben und ist als solche der Pflege wert. Musik, Malen, Tanzen und die schönen Künste sind alles Quellen des Vergnügens, aber wenn sie auch nicht sinnliche Genüsse sind, so haben sie doch oft nichts weiter als eine sinnliche Wirkung. Die Pflege des Geschmacks für Schönheit der Form und Farbe, des Tones und der Haltung hat auf die Bildung des Geistes und Entwickelung des Charakters keinen Einfluß. Die Betrachtung schöner Kunstwerke wird ohne Zweifel den Geschmack verbessern und Bewunderung erregen, aber eine einzige edle Tat, die vor den Augen der Welt geschieht, wird den Geist mehr beeinflussen und den Charakter mehr zur Nachahmung anregen, als der Anblick meilenlanger Reihen von Statuen oder vieler Quadratmeilen von Bildern. Denn der Geist, die Seele, das Herz machen den Menschen groß, nicht ein künstlerischer Geschmack. 
      <a id="page159" name="page159" title="Sin/James"/> Es ist sogar noch zweifelhaft, ob die Pflege der Kunst – die ja gewöhnlich zum Luxus führt – so viel für den menschlichen Fortschritt getan hat, wie allgemein angenommen wird. Es ist möglich, daß ihre zu ausschließliche Pflege den Charakter eher verweichlicht als stärkt, da sie ihn mehr sinnlichen Versuchungen preisgibt. »Es liegt in der Natur eines phantasievollen, durch die Künste gebildeten Temperaments,« sagt Sir Henry Taylor, »daß es den Mut untergräbt, den Charakter schwächt und dadurch die Menschen lenksamer macht.«</p><p>Die Begabung des Künstlers ist eine ganz andere als die des Denkers, sein höchstes Ziel ist die Darstellung des Gegenstandes – sei es nun in der Malerei, in der Musik oder Literatur – in vollkommener Schönheit, in welcher der Gedanke (er braucht nicht gerade sehr tief zu sein) Verehrung und Unsterblichkeit findet.</p><p>Die Kunst blühte gewöhnlich am meisten zu Zeit des Verfalls, wo sie als die Dienerin des Luxus in den Sold des Reichtums trat. Die vortreffliche Kunst und die größte Sittenverderbnis traten in Rom und Griechenland gleichzeitig auf. Phidias und Iktinos hatten den Parthenon kaum vollendet, als der Ruhm Athens verging; Phidias starb im Kerker, und die Spartaner stellten in der Stadt die Wahrzeichen ihres Triumphs und der athenischen Niederlage auf. In Rom war es ebenso; als die Kunst ihren Gipfel erreicht hatte, war die Lage des Volkes am schlimmsten. Nero wie Domitian, zwei der größten Ungeheuer des Reiches, waren Künstler. Wenn »Schönheit« »Güte« wäre, hätte Commodus einer der besten Menschen sein müssen, aber nach der Geschichte war er einer der schlimmsten.</p><p>Die größte Blütezeit der Kunst im modernen Rom fiel mit der Regierungszeit Papst Leos X. zusammen, von dessen Regierung gesagt worden ist, daß »Verworfenheit und Zügellosigkeit unter dem Volke wie dem Klerus seit dem Pontifikate Alexander VI. herrschten.« In den Niederlanden folgte unmittelbar auf die Blütezeit der Kunst die Vernichtung der bürgerlichen und religiösen Freiheit und die Unterwerfung des nationalen Lebens unter den Despotismus Spaniens. Wenn die Kunst die Menschen veredeln könnte und die Betrachtung des Schönen sie gut machte, dann würde Paris von den klügsten und besten Menschen bewohnt werden. Rom ist auch eine große Kunststadt: und doch hat sich hier die »virtus« oder Tapferkeit der alten Römer umgewandelt in »vertu« oder einen Geschmack für Krimskrams. Manchmal scheint die Kunst mit dem Schmutz sogar eng zusammenzuhängen. Als Ruskin in Venedig nach Kunstwerken 
      <a id="page160" name="page160" title="Sin/James"/> suchte, soll sein Begleiter aufmerksam hingeschnüffelt haben und wenn er einen besonders üblen Geruch entdeckte, sagte er allemal: »Jetzt kommen wir zu etwas sehr Altem und Feinem – nämlich in der Kunst.«</p><p>Ein wenig Erziehung zu Reinlichkeit, wo sie fehlt, würde wahrscheinlich besser und gesünder sein als noch so viel Erziehung zur Kunst. Spitzenmanschetten sind sehr schön, aber eine Torheit, wenn man kein Hemd hat.</p><p>Während also ein anmutiges Benehmen, Höflichkeit, Eleganz und alle die Künste, die das Leben schön und angenehm machen, wert sind, daß man sie pflegt, darf dies doch nicht auf Kosten der solideren Eigenschaften Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit geschehen. Der Brunnen der Schönheit muß mehr im Herzen als im Auge liegen, und wenn die Kunst nicht das Leben verschönt und die Taten veredelt, hat sie nur geringen Wert. Höfliche Manieren bedeuten nicht viel, kommt nicht höfliches Handeln dazu. Die Anmut kann nur oberflächlich sein – sehr angenehm und anziehend und doch sehr herzlos. Die Kunst ist eine Quelle unschuldigen Genießens und eine wichtige Hilfe zu höherer Kultur; aber wofern sie nicht höher führt, wird sie nur sinnlich bleiben. Und wenn sie das ist, wirkt sie eher schwächend und unsittlichend, als stärkend oder erhebend. Redlicher Mut ist mehr wert als Armut, Reinheit besser als Eleganz, Reinheit des Körpers, des Geistes und des Herzens besser als jede Kunst.</p><p>Kurz, während man die Pflege der Anmut nicht vernachlässigen sollte, möge man sich doch immer erinnern, daß es etwas Höheres und Edleres gibt, dem man nachstreben soll – größer als Kunst, Vergnügen, Reichtum, Wohlstand, Macht, Geist und Genie – das ist Reinheit und Vortrefflichkeit des Charakters. Ohne die sichere feste Grundlage individueller Tugend könnte alle Anmut, Eleganz und Kunst der Welt ein Volk weder retten noch erheben. 
      <a id="page161" name="page161" title="Sin/James"/></p></div><div class="chapter" id="chap011"><h3>10. Kapitel. Der Umgang mit Büchern</h3><div class="motto"><p>»Ich lese alle Biographien mit dem größten Interesse. Auch über einen Mann ohne Herz wie Cavendish denke und lese und träume ich, stelle ihn mir auf jede Weise vor, bis ich in seine Schuhe trete, selbst Cavendish werde und denke, was er dachte und tue, was er tat.« –</p><p><i>George Wilson.</i></p></div><p>Man kann einen Menschen ebenso nach den Büchern, die er liest, wie nach den Gefährten, mit denen er umgeht, kennen lernen, denn es gibt einen Umgang mit Büchern wie mit Menschen, und man sollte sich immer des besten Umgangs befleißigen, sei es mit Büchern oder Menschen.</p><p>Ein gutes Buch kann zu den besten Freunden zählen. Es ist heute dasselbe, was es gestern war und wird sich nie ändern. Es ist der geduldigste und heiterste Freund; es wendet sich in Zeiten der Not und Bedrängnis nicht von uns ab. Es empfängt uns immer mit derselben Freundlichkeit, uns in der Jugend unterhaltend und belehrend und im Alter tröstend und stärkend. Oft entdecken Menschen erst ihre Geistesverwandtschaft durch ihre gemeinsame Liebe zu einem Buche – gerade wie zwei Personen sich durch ihre Bewunderung für einen Dritten befreunden. Es gibt ein altes Sprichwort: »Liebst du meinen Hund, so liebst du auch mich.« Aber darin wäre mehr Weisheit: »Liebst du meine Bücher, so liebst du auch mich.« Das Buch ist ein besseres und festeres Verbindungsband. Die Menschen können durch ihren Lieblingsschriftsteller miteinander denken, fühlen und sympathisieren. Sie leben beide in ihm und er in ihnen.</p><p>»Bücher,« sagt Hazlitt, »dringen in das Herz ein; die Verse des Dichters gehen in unser Blut über. Wir lesen sie in der Jugend und gedenken ihrer im Alter. Wir lesen darin, was anderen zugestoßen ist, und wir fühlen, daß es uns selbst betrifft. Man kann sie überall gut und billig haben. Wir atmen nur den Geist der Bücher, denn dem Verfasser danken wir alles, was uns über die Barbarei hinaushebt. Ein gutes Buch ist oft das beste Denkmal eines Lebens, denn es enthält die besten Gedanken, deren dieses Leben fähig war; denn die Welt eines Menschenlebens ist zum größten Teile nur eine Gedankenwelt. 
      <a id="page162" name="page162" title="Sin/James"/> So sind die besten Bücher wahre Fundgruben an edlen Aussprüchen und goldenen Gedanken, die unsere bleibenden Gefährten werden, wenn man sie pflegt und sich an sie erinnert. »Wer von guten Gedanken begleitet ist,« sagt Philipp Sidney, »ist nicht allein.« Ein wahrer und guter Gedanke kann in der Versuchung zu einem Engel der Barmherzigkeit werden, der die Seele reinigt und behütet. Er enthält auch den Keim zu Taten, denn gute Worte rufen fast immer gute Taten hervor.</p><p>So pries Henry Lawrence vor allem den »Charakter des glücklichen Kriegers« (Character of the happy Warrior) von Wordsworth und bemühte sich, ihn in seinem Leben zu verwirklichen. Die Dichtung war ihm immer ein Vorbild, er dachte beständig an sie und führte sie oft an. Sein Biograph sagt: »Er versuchte sein ganzes Leben und seinen Charakter ihr anzupassen und er hatte Erfolg damit, wie alle Erfolg haben, die etwas ernsthaft beginnen.«</p><p>Die Bücher haben etwas von dem Wesen der Unsterblichkeit. Sie sind bei weitem die dauerhaftesten Erzeugnisse menschlicher Anstrengung. Tempel sinken in Trümmer, Bilder und Statuen vergehen, aber die Bücher bleiben erhalten. Bei großen Gedanken spielt die Zeit keine Rolle; sie sind heute noch ebenso neu, wie vor vielen Jahren, als sie zuerst durch den Geist eines Menschen gingen. Was damals gesagt und gedacht wurde, spricht heute von der bedruckten Seite immer noch so lebhaft zu uns. Die Zeit hat nur die Wirkung, daß sie die Spreu von dem Weizen sondert, denn in der Literatur kann nur das Gute weiter leben.</p><p>Emerson sagt in »Gesellschaft und Einsamkeit«: »Ich will drei praktische Regeln geben: 1. Lies nie ein Buch, das nicht ein Jahr alt ist. 2. Lies nur berühmte Werke. 3. Lies nur, was dir gefällt.« Lord Lyttons Grundsatz ist: »Lies in der Wissenschaft die neuesten, in der Literatur die ältesten Bücher.«</p><p>Bücher führen uns in die beste Gesellschaft ein und bringen uns mit den größten Geistern, die je gelebt haben, in Berührung. Wir vernehmen, was sie sagten und taten, wir sehen sie lebendig vor uns, nehmen teil an ihren Gedanken, fühlen, genießen und sorgen uns mit ihnen. Wir machen uns ihre Erfahrung zu nutze und spielen gewissermaßen selbst in den Szenen mit, die sie beschreiben.</p><p>Große und gute Menschen sind unsterblich, selbst in dieser Welt. In ihren Büchern lebt ihr Geist weiter und wandelt umher. Das Buch wird zu einer lebendigen Stimme, zu einem 
      <a id="page163" name="page163" title="Sin/James"/> Geiste, dem mir lauschen. So bleiben wir immer unter dem Einflusse der großen Männer der Vergangenheit:</p><p class="vers">»Gekrönte Herrscher sind die Toten all,
      <br/> Die aus dem Grab uns lenken und regieren.«</p><p>Die großen Geister der Welt leben heute noch wie vor Zeiten, Homer ist nicht tot und obwohl seine Lebensgeschichte in dem Nebel des Altertums verborgen ist, so sind seine Dichtungen doch noch so jung und frisch, als ob sie in neuester Zeit geschrieben waren. Pluto lehrt noch seine transzendente Philosophie, Horaz, Virgil und Dante singen ihre Lieder wie vor Zeiten. Shakespeare ist nicht tot: zwar wurde 1616 sein Körper begraben, aber sein Geist wirkt noch jetzt in England und seine Gedanken reichen in ihrem Einfluß noch so weit wie zu der Zeit der Tudor.</p><p>Auch der Bescheidenste und Ärmste kann in diese Versammlung großer Geister, ohne befürchten zu müssen, für zudringlich gehalten zu werden. Alle, die lesen können, haben das Eintrittsgeld entrichtet. Willst du lachen? – Cervantes oder Rabelais werden es mit dir tun. Bist du traurig? – Thomas a Kempis und Jeremias Taylor werden mit dir trauern und dich trösten. Immer wenden wir uns Büchern und dem darin enthaltenen Geiste großer Männer zu, um Unterhaltung, Belehrung und Trost zu finden – in Freude und Sorge, im Wohlergehen und in der Not.</p><p>Von allen Dingen in der Welt interessiert der Mensch den Menschen am meisten. Was sich auf das menschliche Leben bezieht – seine Erfahrungen und Kenntnisse, seine Freuden und Leiden – hat für ihn besondere Anziehungskraft. Jeder ist mehr oder minder an den andern als an seinen Mitmenschen interessiert – als an den Gliedern der großen menschlichen Familie – und je höher ein Mensch gebildet ist, desto größer ist der Bereich der Sympathien für das Wohlergehen seines Stammes.</p><p>Das Interesse der Menschen für ihresgleichen offenbart sich auf mannigfache Weise – in den Bildern, die sie malen, in den Büsten, die sie meißeln und in den Erzählungen, die sie von einander schreiben. »Der Mensch,« sagt Emerson, »kann nichts anderes malen, formen und denken als den Menschen.« Am meisten zeigt sich dies Interesse in dem Zauber, die eine Lebensbeschreibung für uns hat. »Die gesellige Natur des Menschen,« sagt Carlyle, »zeigt sich trotz aller Einwände zur Genüge in der einen Tatsache, nämlich dem unleugbaren Reiz einer Biographie.« Und wahrhaftig, das menschliche Interesse an einer Lebensbeschreibung ist sehr groß. Was sind die Romane, 
      <a id="page164" name="page164" title="Tennessee/James"/> die so viele Leser finden, anderes als erdichtete Lebensbeschreibungen.« Was sind die Schauspiele, zu denen sich so viele drängen, anders als ebenso viele auf der Bühne dargestellte Lebensbilder? Es ist seltsam, daß an erdichteten Biographien die größten Genies arbeiten, während sich so viele mittelmäßige Talente an wirklichen Lebensbeschreibungen versuchen.</p><p>Das authentische Lebensbild eines menschlichen Wesens sollte ein viel größeres Interesse beanspruchen als das nur erdichtete, da es den Reiz der Wirklichkeit besitzt. Jedermann kann etwas von dem Leben des andern lernen, und auch verhältnismäßig triviale Taten und Aussprüche können mit Interesse aufgenommen werden, da sie Lebensäußerungen unsersgleichen sind.</p><p>Ganz besonders nützlich sind die Lebensbilder großer Menschen, sie beeinflussen unser Herz, erfüllen uns mit Hoffnung und geben uns ein edles Beispiel. Und wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang seine Pflicht treu erfüllt hat, wird sein Einfluß nie ganz vergehen. George Herbert sagt: »Das Leben eines guten Menschen kommt nie aus der Mode.«</p><p>Goethe sagte, niemand wäre so unbedeutend, daß nicht ein Weiser von ihm lernen könnte. Walter Scott konnte nie mit der Post fahren, ohne sich von seinen Mitreisenden eine neue Belehrung zu holen oder einen neuen Charakterzug an ihnen zu entdecken.</p><p>Dr. Johnson sagte einst, daß es niemanden auf der Straße gäbe, dessen Biographie – Lebenserfahrungen, seine Versuchungen, Schwierigkeiten, Hoffnungen und Fehlschläge – er nicht zu erfahren wünschte. Wie viel mehr trifft das noch auf die großen Männer zu, die ihren Namen in die Geschichte eingegraben haben und uns unsern jetzigen Besitz an Zivilisation geschaffen haben! Alles was sich auf diese Leute bezieht – auf ihre Gewohnheiten, ihre Lebensart, ihre Lebensweise, Geschichte, Unterhaltung, Grundsätze, Tugenden, ihre Größe – all dies ist voller Interesse, Belehrung und dient uns zur Ermutigung und als Vorbild.</p><p>Die große Lehre der Biographie besteht darin, daß sie uns zeigt, was der Mensch nach besten Kräften tun und leisten kann. Ein edles Leben, das vortrefflich berichtet wird, dient andern als leuchtendes Vorbild. Es zeigt, was sich aus dem Leben machen läßt. Es erfrischt den Geist, ermutigt unsere Hoffnungen, gibt uns neue Kraft und neuen Mut und Glauben – Glauben an andere wie an uns selbst. Es erregt unser Streben, rüttelt uns zur Tätigkeit auf und veranlaßt uns, an ihrem Werke teilzunehmen. Das Leben solcher Menschen in ihren Biographien 
      <a id="page165" name="page165" title="Crown/James"/> mitzuerleben und sich von ihrem Beispiel beeinflussen zu lassen, heißt sich der Gemeinschaft der Besten erfreuen und sich in der vornehmsten Gesellschaft bewegen.</p><p>An der Spitze aller Lebensbeschreibungen steht die große Biographie, das Buch der Bücher. Denn was ist die Bibel, das heiligste und eindringlichste Buch – die Erzieherin der Jugend, die Führerin des Mannes, die Trösterin des Greises – anderes als eine Reihe Biographien großer Helden und Patriarchen, Propheten, Könige und Richter, die ihre Höhe erreicht in der größten Aller, dem Leben Jesu im Neuen Testament? Wie viel haben diese großen Beispiele für die Menschheit getan! Wie viele haben aus ihnen ihre größte Stärke, ihre höchste Weisheit, ihre beste Nahrung und Belehrung geschöpft. Mit Recht bezeichnet ein großer katholischer Schriftsteller die Bibel als ein Buch, dessen Worte »im Ohre wie Musik klingen, die man nie vergessen kann, wie der Ton der Kirchenglocken, auf den der Gläubige kaum verzichten möchte. Der Segen der Bibel scheint fast mehr in Gaben als in Worten zu liegen. Sie ist ein Teil des Volksgeistes und der Grundstein nationaler Tüchtigkeit. Das Gedächtnis der Toten lebt in ihr fort. Die mächtigen Traditionen der Kindheit sind in ihren Versen verkörpert. In ihren Worten ist die ganze Macht der Sorgen und Versuchungen der Menschheit verborgen. Sie ist der Vertreter der besten Augenblicke des Menschen und was es in seiner Umgebung Sanftes, Freundliches, Reines, Bußfertiges und Gutes gibt, spricht immer aus seiner Bibel zu ihm. Sie ist sein Heiligtum, dessen Glanz kein Zweifel trüben, kein Widerspruch vernichten kann. In der ganzen Länge und Breite des Landes gibt es keinen Protestanten mit einem Funken Religiosität, dessen geistige Biographie nicht in seiner Bibel liegt.«</p><p>Es wäre in der Tat schwierig, den Einfluß der Guten und Großen auf die Erhebung des menschlichen Charakters zu überschätzen. »Die beste Biographie,« sagt Isaak Disraeli, »ist eine Vereinigung mit einem menschlichen Wesen in seiner höchsten Form.« Es ist in der Tat unmöglich, die Biographie guter oder gar begeisterter Menschen zu lesen, ohne unbewußt von ihnen erleuchtet und erhoben zu werden und ihren Gedanken und Taten näher zu kommen. Und auch das Leben bescheidener Menschen von treuem und redlichem Geist, die ihre Pflicht im Leben erfüllt haben, hat einen erhebenden Einfluß auf den Charakter der Späterlebenden. Die Geschichte wird am besten in Biographien studiert. Die Geschichte ist in der Tat eine Biographie – nämlich die der ganzen Menschheit, die von einzelnen Menschen beeinflußt 
      <a id="page166" name="page166" title="Crown/James"/> und beherrscht wird. »Was ist alle Geschichte,« sagt Emerson, »als das Werk der Gedanken, ein Bericht der gewaltigen Energie, die seine unendlichen Bestrebungen dem Menschen verleiht?« Auf ihren Blättern begegnen wir immer mehr Personen als Tatsachen. Historische Ereignisse interessieren uns nur in Verbindung mit den Gefühlen, Leiden und Interessen derer, die daran teilnahmen. In der Geschichte sind wir von Leuten umgeben, die zwar schon lange tot sind, deren Worte und Taten indes noch leben. Wir vernehmen noch den Klang ihrer Stimme und ihre Taten bilden das Interesse der Geschichte. Wir nehmen nie persönlichen Anteil an den Massen, aber wir fühlen und sympathisieren mit den einzelnen handelnden Personen, deren Biographien die schönsten und wahrsten Züge in allen großen historischen Dramen liefern.</p><p>Unter den großen Schriftstellern der Vergangenheit waren Plutarch und Montaigne wahrscheinlich die beiden einflußreichsten in bezug auf die Bildung des Charakters großer Denker und großer Männer der Tat – jener dadurch, daß er heroische Beispiele zur Nachahmung aufstellte, dieser, indem er Fragen von besonderer Wichtigkeit erörterte» an welchen die Menschheit zu allen Zelten das größte Interesse gezeigt hat. Und die Werke beider sind größtenteils in biographischer Form abgefaßt, und die besten Beispiele sind die in ihnen enthaltenen Charakterbilder und Schilderungen von Lebenserfahrung.</p><p>Plutarchs Lebensbeschreibungen wurden zwar vor etwa achtzehnhundert Jahren geschrieben, doch behaupten sie wie Homers »Ilias« immer noch den Anspruch der größten Werke dieser Art. Sie waren Montaignes Lieblingsbuch, und für Engländer haben sie noch das besondere Interesse, daß sie Shakespeare bei seinen klassischen Dramen zu Rate zog. Montaigne sprach es aus, daß Plutarch »in dieser Art der größte Meister wäre,« und er erklärte, er könne kaum einen Blick in das Buch tun, ohne Fuß oder Flügel von ihm zu borgen.</p><p>Alfieri fühlte sich durch die Lektüre des Plutarch zuerst zur Literatur hingezogen. Er sagte: »Ich las das Leben Timoleons, Cäsars, Brutus', Pelopidas' mehr als sechsmal unter Ausrufen, Tränen und mit solcher Begeisterung, daß ich außer mir war.... Jedesmal wenn ich auf einen edlen Zug dieser großen Männer stieß, wurde ich von solcher Bewegung ergriffen, daß ich nicht stillsitzen konnte.« Plutarch war auch der Lieblingsschriftsteller so verschieden gearteter Geister wie Schiller und Benjamin Franklin, Napoleon und Madame Roland. Diese war so von dem Buche begeistert, daß sie es wie ein Gebetbuch 
      <a id="page167" name="page167" title="Crown/James"/> in die Kirche mitnahm und während des Gottesdienstes heimlich las.</p><p>Es war auch die geistige Nahrung von Heinrich IV. von Frankreich, Turenne und den beiden Napiers. Es war sein Lieblingsbuch, als Sir William Napier noch ein Knabe war. Sein Geist wurde dadurch frühe mit leidenschaftlicher Bewunderung für die großen Helden des Altertums erfüllt, und ihr Einfluß war ohne Zweifel für die Bildung seines Charakters sehr wichtig. Es wird von ihm berichtet, daß in seiner letzten Krankheit sein geschwächter und erschöpfter Geist sich zu Plutarchs Helden zurückwandte und daß er seinem Schwiegersöhne stundenlang über die Taten Alexanders, Hannibals und Cäsars Vortrag hielt. Wenn es möglich wäre, die Stimmen der Leser aller Zeiten zu sammeln, deren Geist durch Bücher beeinflußt und geleitet wurde, so würde – ausgenommen die Bibel – die Majorität der Stimmen sich zugunsten Plutarchs entscheiden.</p><p>Wie kommt es, daß es Plutarch gelang, ein Interesse zu erregen, das so lange die Aufmerksamkeit der Leser aller Zeiten und Klassen bis auf den heutigen Tag fesselt? Erstens, weil der Gegenstand seiner Werke große Männer sind, die in der Weltgeschichte einen hervorragenden Platz einnehmen, und weil er ein Auge und eine Feder für die bedeutendsten Ereignisse und Umstände ihres Lebens hatte. Aber nicht nur das; er besaß auch die Kraft, den individuellen Charakter seiner Helden klar hervorzuheben, denn das Prinzip der Individualität gibt seinen Biographien ihren Reiz und ihr Interesse. Die fesselndste Seite an großen Männern ist nicht, was sie tun, sondern was sie sind, und besteht nicht in der Größe ihres Verstandes, sondern in ihrer persönlichen Anziehungskraft. Daher gibt es Menschen, deren Leben beredter ist als ihre Zunge und deren persönlicher Charakter großer als ihre Taten ist.</p><p>Es ist auch beachtenswert, daß die besten und sorgfältigsten Biographien Plutarchs in Lebensgröße dargestellt sind, während er viele nur als Büsten modelliert. Sie sind wohlproportioniert, aber so knapp und kurz gefaßt, daß man die besten von ihnen – wie z. B. das Leben Cäsars oder Alexanders – in einer halben Stunde lesen kann. Trotz dieses kleinen Maßstabes sind sie doch viel imposanter als ein leibhafter Koloß oder ein übertrieben großer Riese. Sie sind nicht mit Untersuchungen und Beschreibungen überlastet, aber der Charakter wird in ihnen in natürlicher Weise entwickelt. Montaigne beklagte sich indessen über Plutarchs Kürze. »Ohne Zweifel,« sagte er, »ist sein Ruhm darum um so größer, aber wir sind dafür um so schlimmer daran. Plutarch wünschte 
      <a id="page168" name="page168" title="Crown/mbechtel"/> eher, wir sollten sein Urteil billigen, als seine Kenntnisse erfahren, und er entläßt uns lieber mit ungestilltem Appetit, als daß er uns mit dem Gebotenen übersättigt.«</p><p>Plutarch besaß die Kunst, sowohl die feineren Züge und Besonderheiten des Betragens wie die Fehler und Schwächen seiner Helden darzustellen, was alles zu einer genauen und treuen Lebensbeschreibung erforderlich ist. »Wenn er aus dem Leben eines Mannes eine kleine Handlung oder ein scheinbar unbedeutendes Wort herausgreift, hält er uns eine ganze Rede,« sagt Montaigne. Er informiert uns sogar über so unbedeutende Kleinigkeiten, wie daß Alexander das Haupt affektiert auf die Seite neigte, daß Alcibiades ein Stutzer war und ein Lispeln hatte, das ihm wohl anstand und seine Rede anmutig und einschmeichelnd machte, daß Cato rotes Haar und graue Augen hatte und ein Wucherer und Geizhals war, der seine alten Sklaven verkaufte, wenn sie keine schwere Arbeit mehr leisten konnten, daß Cäsar kahlköpfig war und sich gern schön kleidete, und daß Cicero (wie Lord Brougham) unfreiwillige Nasenzuckungen hatte.</p><p>Solche genauen Einzelheiten mögen von einigen für unter der Würde eines Schriftstellers gehalten werden, aber Plutarch hielt sie für notwendig zur Vollendung des Bildes, das er entwerfen wollte. Durch kleine Charaktereigentümlichkeiten – Gesichts- und Charakterzüge – erst werden mir in den Stand gesetzt, uns die Menschen vorzustellen, als ob sie lebendig wären, Plutarchs großes Verdienst besteht darin, daß er seine Aufmerksamkeit auf diese kleinen Einzelheiten richtete, ohne ihnen ein ungebührliches Vorrecht einzuräumen oder wichtigere Dinge über ihnen zu vernachlässigen. Zuweilen illustriert er einen Charakterzug durch eine Anekdote, die auf den Charakter ein helleres Licht wirft, als es eine seitenlange rhetorische Beschreibung könnte. Bisweilen führt er uns den Wahlspruch seines Helden an, und darin enthüllt sich oft das Herz eines Menschen.</p><p>Denn, was die Fehler angeht, so ist auch der größte Mann nicht vollkommen. Jeder hat seinen Mangel, seine Schrullen, seine Schwäche; durch diese Fehler enthüllt sich das Menschliche bei dem Größten. Aus der Entfernung können mir ihn für einen Halbgott halten; kommen wir ihm aber näher, so entdecken wir, daß er auch fehlbar und unsersgleichen ist.</p><p>Auch ist es für uns von Nutzen, wenn wir von den Fehlern großer Männer hören, denn wie Dr. Johnson bemerkte: »Wenn wir immer nur lichtvolle Charakterseiten bemerkten, würden wir verzweifelt die Hände in den Schoß legen, da wir es für unmöglich hielten, ihnen nachzueifern.« 
      <a id="page169" name="page169" title="Crown/mbechtel"/> Plutarch rechtfertigt seine Darstellungsweise durch die Erklärung, daß es nicht seine Absicht wäre, Geschichte, sondern Lebensbilder zu schreiben. »Die glorreichsten Heldentaten,« sagt er, »geben uns nicht immer eine klare Erkenntnis der Tugend oder des Lasters der Menschen. Bisweilen unterrichtet uns ein Wort von geringerer Bedeutung, ein Scherz oder ein Ausruf besser über ihren Charakter und ihre Neigungen als Schlachten, wo Zehntausende fallen, als die größten Heereszüge oder Belagerungen. Wie deshalb Porträtmaler mehr auf die Gesichtszüge und den Ausdruck des Auges achten, worin sich der Charakter widerspiegelt, ohne sich sehr um die übrigen Körperteile zu kümmern, so darf ich auch meine besondere Aufmerksamkeit den Zeichen und Äußerungen der Seele zuwenden, und während ich mich bemühe, auf diese Weise ihr Leben zu beschreiben, überlasse ich wichtige Ereignisse und große Schlachten andern.«</p><p>Anscheinend unbedeutende Dinge können doch in der Lebensbeschreibung wie in der Weltgeschichte von Wichtigkeit sein, und kleine Ursachen können große Wirkungen haben. Pascal sagte, daß die ganze Welt jedenfalls ein anderes Aussehen hätte, wenn Kleopatras Nase kürzer gewesen wäre. Ohne die heimliche Liebe Pipins hätten die Sarazenen Europa überschwemmt, denn sein illegitimer Sohn, Karl Martell, schlug sie bei Tours und vertrieb sie aus Frankreich.</p><p>Daß sich Walter Scott als Knabe beim Herumtollen im Zimmer den Fuß verstauchte, scheint einer Beachtung in seiner Biographie unnötig, und doch verdanken wir diesem Umstände 
      <i>»Invanhoe«, »Old Mortality«</i> und alle die Waverley-Novellen. Als sein Sohn in das Heer einzutreten wünschte, schrieb Scott an Southey: »Ich habe kein Recht, einen Entschluß zu bekämpfen, den ich selbst gefaßt hätte, wenn ich nicht lahm gewesen wäre.« Wenn also Scott nicht lahm gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich den Krieg auf der Pyrenäenhalbinsel mitgemacht und hätte eine ordensgeschmückte Brust davongetragen, aber wir hätten wahrscheinlich keins der Werke, die seinen Namen unsterblich gemacht haben und seinem Lande soviel Ruhm eingetragen haben. Auch Talleyrand wurde durch seine Lahmheit von der militärischen Laufbahn, zu der er bestimmt gewesen war, abgehalten. Aber dadurch, daß er seine Aufmerksamkeit auf das Studium von Büchern und Menschen verlegte, wurde er schließlich einer der größten Staatsmänner seiner Zeit.</p><p>Byrons Klumpfuß hat wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen, daß er Dichter wurde. Wäre nicht sein Geist durch seine Mißgestalt in krankhafter Weise verbittert worden, so hätte 
      <a id="page170" name="page170" title="Crown/Monne3"/> er jedenfalls keine Zeile geschrieben, sondern wäre der vornehmste Geck seiner Zeit geworden. Aber sein unförmlicher Fuß spornte seinen Geist an, erregte seinen Ehrgeiz, wies ihn auf seine natürlichen Anlagen – und der Erfolg ist bekannt.</p><p>Auch Scarron wurde jedenfalls durch seinen Buckel zu seinen zynischen Versen veranlaßt, und bei Pope war jedenfalls die Satire auch ein Produkt seiner Mißgestalt, denn Johnson beschreibt ihn als »vorn und hinten bucklig«. Was Lord Bacon über körperliche Gebrechen sagt, ist jedenfalls in der Hauptsache richtig. »Wer etwas Auffälliges an seiner Gestalt hat,« sagt er, »das zum Spott reizt, hat auch einen immerwährenden Ansporn, diesen Spott zurückzuweisen, deshalb sind alle mißgestalteten Leute äußerst kühn.«</p><p>Wie bei einem Bild, so muß auch bei einer Lebensbeschreibung Licht und Schatten verteilt werden. Der Porträtmaler setzt sein Modell nicht so, daß die Gebrechen besonders hervortreten, noch auch verbreitet sich der Biograph besonders über die Mängel seines Helden. Nicht viele Leute sind so für die Wahrheit eingenommen wie Cromwell, der Cooper zu einem Miniaturbilde saß. »Malt mich, wie ich bin,« sagte er, »mit Warzen und allem.« Wenn wir ein getreues Bild von Gesichtern und von Charakteren haben wollen, müssen sie nach der Natur gemalt werden. »Die Biographie,« sagt Walter Scott, »die interessanteste aller Abhandlungen, verliert für mich alles Interesse, wenn Licht und Schatten des Charakters nicht genau und treu verteilt ist. Ich kann ebensowenig mit einem bloßen Lobredner sympathisieren wie mit einem prahlerischen Bühnenhelden.«</p><p>Addison suchte soviel wie möglich über die Person und den Charakter seiner Lieblingsschriftsteller zu erfahren, da es das Vergnügen und die Befriedigung seiner Lektüre vermehrte. Wie war ihre Lebensgeschichte, ihre Erfahrung, ihr Temperament und Veranlagung? Ähnelte ihr Leben ihren Büchern? Sie dachten edel – handelten sie auch so? »Sollten wir uns nicht freuen,« sagt Egerton Brydges, »wenn wir eine wahrheitsgetreue Schilderung des Lebens und der Gefühle von Wordsworth, Southey, Coleridge, Campbell, Rogers, Moore und Wilson hätten, die sie selbst verfaßt hätten? – mit wem sie in der Jugend umgingen, wie ihre Neigung eine entscheidende Richtung nahm, über ihre Sympathien und Antipathien, über die Schwierigkeiten und Hindernisse ihrer Laufbahn, über ihren Geschmack, ihre Leidenschaften, die Klippen, auf die sie in ihrer Laufbahn stießen, worüber sie Reue empfanden, worin sie ihr Benehmen billigten oder zu rechtfertigen suchten?</p><p><a id="page171" name="page171" title="Darkangel176/James"/> Als man Wason zum Vorwurf machte, daß er die Privatkorrespondenz von Gray veröffentlichte, antwortete er: »Wollen Sie meine Freunde immer im Gesellschaftsanzug sehen?« Johnson war der Meinung, daß man jemanden persönlich kennen müßte, um sein Leben richtig zu beschreiben. Aber diese Bedingung fehlte bei einigen der besten Biographen.</p><p>Bei Lord Campbell scheint seine intime Bekanntschaft mit Lord Lyndhurst und Lord Brougham ein Nachteil gewesen zu sein, da sie ihn dazu verführte, ihre vortrefflichen Eigenschaften zu verkleinern und ihre Fehler zu übertreiben. Wieder sagt Johnson: »Wenn jemand sich vornimmt, einen Lebenslauf zu schildern, muß er ihn genau so beschreiben, wie er war. Auch die Eigentümlichkeiten und sogar Laster eines Menschen müssen genannt werden, da sie auch seinen Charakter bezeichnen.« Aber es erhebt sich immer die Schwierigkeit: da einzelne kleine Einzelheiten im Benehmen, günstige oder nicht, am besten nur aus persönlicher Kenntnis heraus angegeben werden können, so können sie aus Rücksicht auf die Lebenden nicht immer veröffentlicht werden, und wenn die Zeit gekommen wäre, wo man es tun kann, so erinnert man sich nicht mehr daran. Johnson drückt selbst sein Widerstreben aus, alles zu sagen, was er über die zeitgenössischen Dichter wußte, denn ihm war, als ob er über Asche wandelte, unter der die Glut noch nicht erloschen war.</p><p>Aus diesem Grunde erhalten wir selten ein wahrheitsgetreues Bild eines großen Mannes von seinen nächsten Verwandten, und so interessant eine Autobiographie ist, so können wir es noch weniger von den Männern selbst erwarten. Bei der Niederschrift seiner Memoiren sagt niemand alles, was er von sich weiß. St. Augustinus war eine seltene Ausnahme, denn es werden nur wenige so wie er in seinen »Bekenntnissen« ihre innere Verworfenheit, Trug und Selbstsucht offenbaren. Es gibt ein schottisches Sprichwort, das besagt, wenn man dem besten Menschen seine Fehler auf die Stirne schriebe, so würde er die Kappe darüber ziehen. »Es gibt niemanden,« sagt Voltaire, »der nicht etwas Hassenswertes an sich hätte, niemand, der nicht etwas von der Bestie in sich hat. Aber es gibt wenige, die uns mitteilen, wie sie diese Bestie zähmen.« Rousseau behauptete, daß er sich in seinen »Confessions« ganz offenbare; aber es ist erwiesen, daß er mehr verhehlte als enthüllte. Sogar Chamfort, einer der letzten Menschen, die etwas auf das Urteil der Zeitgenossen gaben, bemerkte einst »Es scheint mir bei dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand unmöglich, daß jemand sein innerstes Herz, die nur ihm bekannten Charakterzüge und vor allem seine 
      <a id="page172" name="page172" title="Darkangel176/James"/> Schwächen und Laster auch nur seinem besten Freunde enthüllte.«</p><p>Eine Autobiographie kann die reine Wahrheit enthalten, aber da sie eben nur einen Teil davon mitteilt, macht sie nicht den Eindruck des Wahrhaftigen. Sie kann eine Schönfärberei sein, die nicht so sehr sagt, was der Mensch wirklich ist, sondern was er zu sein wünscht. Eine Profilansicht kann ganz richtig sein, aber wer weiß, ob nicht eine Narbe auf der andern Wange oder ein schielender Blick auf dem nicht sichtbaren Auge den Ausdruck des Gesichts vollkommen verändert hätten? Scott, Moore, Southen, sie alle begannen eine Autobiographie, aber da sie ohne Zweifel fühlten, daß die Aufgabe zu schwierig und zu delikat war, wurde sie wieder aufgegeben.</p><p>Die französische Literatur ist besonders reich an der Klasse biographischer Memoiren, von denen wir in England nur wenige Gegenstücke haben, wir verweisen nur auf die Mémoires pour servir, die Gully, De Comines, Lauzun, De Retz, De Thou, Rochefoucauld u. a. hinterlassen haben und in denen eine Menge genauer und umständlicher Einzelheiten über viele große Männer der Zeit überliefert werden. Sie sind voller Anekdoten, die für Leben und Charakter bezeichnend sind und die man frivol nennen könnte, wenn sie nicht eine Flut von Licht über die sozialen Gewohnheiten und die allgemeine Zivilisation der Zeit würfen, auf die sie sich beziehen. Die »Mémoires« von Saint-Simon sind noch mehr: sie sind wunderbare Analysen von Charakteren und bilden die außergewöhnlichste Sammlung anatomischer Biographie, die je zusammengebracht worden ist.</p><p>Man könnte Saint-Simon fast in dem Lichte eines posthumen Hofspions Ludwigs XIV. betrachten. Er hatte die Leidenschaft, den Charakter zu studieren und Beweggründe und Absichten in den Gesichtern, Gebärden und der Unterhaltung seiner Umgebung zu erraten. »Ich beobachte alle Persönlichkeiten aufs genauste,« sagte er, »achte beständig auf ihren Mund, ihre Augen und Ohren.« Und was er hörte und sah, notierte er mit außerordentlicher Lebendigkeit und Kraft. Scharfsinnig, schlau und findig durchschaute er die Masken der Höflinge und spähte ihre Geheimnisse aus. Der Eifer, mit dem er sein Charakterstudium verfolgte, schien unermüdlich und fast grausam. »Der eifrigste Anatom,« sagt Sainte-Beuve, könnte nicht begieriger als er die Sonde in die noch zuckende Brust stoßen, um der verborgenen Krankheitsursache auf die Spur zu kommen.«</p><p>La Bruyére besaß dieselbe Gabe, den Charakter genau und durchdringend zu erforschen. Er beobachtete und studierte seine 
      <a id="page173" name="page173" title="gary/James"/> ganze Umgebung. Er suchte ihre Geheimnisse zu ergründen und zog sich von Zeit zu Zeit in sein Zimmer zurück, um ein genaues Bild zu unterwerfen, worauf er wieder hervorkam, um einen wichtigen Zug zu berichtigen – er hing diesem Studium so eifrig wie ein Künstler nach – fügte Strich zu Strich und Zug zu Zug, bis das Bild fertig und die Ähnlichkeit vollkommen war.</p><p>Man könnte sagen, daß viel von dem Interesse an Biographie, besonders der familiären Art, eine gewisse Verwandtschaft mit Klatsch hat, wie denn die »Mémoires pour servir« ohne Zweifel dem Skandal dienen. Aber beides, Klatsch und Skandal, ist doch für die Größe des Interesses bezeichnend, das die Menschen aneinander nehmen und das in der Form einer Biographie das größte Vergnügen und die beste Belehrung gewährt. In der Tat ist die Biographie der Literaturzweig – sei es als Dichtung, Anekdotensammlung oder Selbsterlebtes – welcher die größte Leserzahl zufällt.</p><p>Es unterliegt nunmehr keinem Zweifel, daß das große Interesse, welches Dichtung in Poesie und Prosa für die meisten Menschen hat, hauptsächlich von dem biographischen Element seines Inhalts herrührt. Homers »Ilias« verdankt ihre erstaunliche Popularität dem Talent, das ihr Verfasser bei der Beschreibung der heroischen Charaktere entwickelt. Doch beschreibt er ihre Persönlichkeiten nicht so sehr im einzelnen, als daß er sie vielmehr durch ihre Handlungen entwickelt. »Bei Homer, sagt Dr. Johnson, »begegnen wir so vielen Heldencharakteren und Mischungen von heroischen Eigenschaften, daß die vereinten Kräfte der Menschheit noch nichts hervorgebracht haben, dessen Urbild sich nicht dort findet. Auch das Genie Shakespeares zeigte sich in seiner kraftvollen Charakterzeichnung und der dramatischen Entwicklung menschlicher Leidenschaften. Seine Persönlichkeiten scheinen lebendig vor uns zu stehen. So ist es auch bei Cervantes, dessen Sancho Pansa, so hausbacken und gewöhnlich er ist, doch überaus menschlich wahr ist. Die Charaktere in Le Sages »
      <i>Gil-Blas</i>«, in Goldsmiths »
      <i>Vicar of Wakefield</i>« und in Scotts wunderbaren Meisterromanen scheinen so wahr zu sein, als ob wir sie selbst gekannt hätten. Und Defoes größte Werke sind ebensoviele Biographien, die mit größter Genauigkeit gezeichnet sind und auf jeder Seite den Stempel der Wahrheit so sehr tragen, daß es schwer fällt, Robinson Crusoe und Colonel Zack für erdichtete Personen zu halten.</p><p>Obgleich sich die wunderbarsten Romane im Leben abspielen und obwohl die Biographie, da sie Wesen beschreibt, die Freude und Leid, Schwierigkeiten und Triumphe des wirklichen Lebens 
      <a id="page174" name="page174" title="Darkangel176/James"/> kennen gelernt haben, sich viel anziehender gestalten läßt, als die besten je erfundenen Dichtungen, so ist es doch bemerkenswert, daß so wenig wirklich geniale Leute von der Abfassung solcher Werke gefesselt wurden. Große Dichtungen gibt es in Menge, aber große Biographien kann man an den Fingern herzählen. Der Grund ist vielleicht derselbe, mit dem der verstorbene große Porträtmaler John Phillip seine Vorliebe für die Genremalerei erklärte, weil, sagte er, »die Porträtmalerei nicht so viel einbringt.« Biographische Schilderungen erfordern fleißiges Nachforschen und sorgfältige Sammlung aller Tatsachen, kritische Auswahl und geschickte Gruppierung wie auch die Kunst, den Charakter lebenswahr und anziehend darzustellen, während bei der Dichtung die Phantasie des Schriftstellers den Charakter frei schaffen und entwickeln kann, ohne durch Quellenangaben oder die wirklichen Ereignisse behelligt zu werden.</p><p>Es ist indes kein Mangel an umfangreichen, aber leblosen Memoiren, die wenig mehr als öde Register sind und an deren Zusammenstellung die Schere ebenso großen Anteil hatte wie die Feder. Was Constable von den Bildern eines unfähigen Malers sagt – »Seine Köpfe haben weder Knochen noch Hirn« – kann man auf eine zahlreiche Klasse gemalter und geschriebener Bilder anwenden. Sie haben nicht mehr Leben wie eine Wachsfigur oder ein Kleidergestell in einem Schneiderladen. Wir wollen ein Bild nach dem Leben, und siehe da! wir haben ein Bild des Biographen. Wir erwarten das Herz und finden nur Kleider.</p><p>Ohne Zweifel ist es eine ebenso große Kunst, ein Bild mit Worten als mit Farben zu malen. Beides erfordert ein scharfes Auge und eine geschickte Feder oder einen geübten Pinsel. Ein gewöhnlicher Künstler sieht nur die Gesichtszüge und malt sie treulich ab, aber der große Künstler sieht die Seele hinter den Zügen und zaubert sie auf die Leinwand.</p><p>Johnson wurde einst aufgefordert, zusammen mit dem Kaplan eines verstorbenen Bischofs dessen Lebensbild zu schreiben, aber als er um nähere Informationen bat, konnte ihm der Kaplan so gut wie nichts sagen. Daher kam Johnson zu der Bemerkung, daß »wenige Personen, die mit einem Menschen zusammenlebten, etwas Genaues über ihn wissen.«</p><p>Bei Johnsons eigenem Leben war es Boswells scharfes Auge, das ihn befähigte, jene Einzelheiten der Gewohnheit und Unterhaltung aufzufassen, in welchen das Hauptinteresse bei der Lebensbeschreibung besteht. Boswell hatte infolge seiner einfachen Liebe und Bewunderung zu seinem Helden Erfolg, wo wahrscheinlich größere Männer gescheitert wären. Er stieg bis zu 
      <a id="page175" name="page175" title="Darkangel176/James"/> anscheinend unbedeutenden, doch sehr charakterischen Eigentümlichkeiten herab. So entschuldigt er sich einmal, daß er dem Leser mitteilt, daß Johnson »auf Reisen in der Hand einen dicken Eichenstock trug,« und er fügt hinzu: »Ich erinnere mich, daß Dr. Adam Smith bei seinen Vorlesungen in Glasgow erklärte, er freue sich zu wissen, daß Milton an den Schuhen Riemen anstatt Schnallen trug.« Boswell teilt uns mit, wie Johnson aussah, wie er sich kleidete, wie er sich ausdrückte und welche Vorurteile er hatte. Er malte ihn mit all seinen Eigentümlichkeiten, und es wurde ein wunderbares Bild – vielleicht das vollkommenste Porträt eines großen Mannes, das je mit Worten gezeichnet wurde.</p><p>Ohne die zufällige Bekanntschaft des schottischen Advokaten mit Johnson würde dieser wahrscheinlich nicht so hoch in der Literatur stehen. In dem Buche Boswells gewinnt Johnson wirkliches Leben, und ohne ihn wäre er vielleicht nicht mehr als ein anderer Mann. Andere haben der Nachwelt große Werke hinterlassen, aber von ihrem Leben ist so gut wie nichts bekannt. Was würden wir nicht um eine Boswellsche Biographie Shakespeares geben? Wir wissen in der Tat von der Lebensgeschichte eines Sokrates, Horaz, Cicero, Augustins mehr als von der des großen Dramatikers. Wir wissen nichts über seine Religion, seine politischen Anschauungen, seine Lebenserfahrung und seine Beziehungen zu seinen Zeitgenossen. Diese scheinen seine Größe nicht erkannt zu haben, und Ben Jonson, der Hofpoet, dessen Blankverse Shakespeare als Schauspieler lernte und rezitierte, war geachteter. Wir wissen nur, daß er mit Erfolg ein Theater leitete, daß er sich in der Blüte der Jahre nach seinem Heimatsorte zurückzog und mit ländlichen Ehren begraben wurde. Der größte Teil der über ihn gesammelten biographischen Notizen ist nicht das Resultat zeitgenössischer Beobachtung oder Überlieferung, sondern einer spätern Vermutung. Seine beste Selbstbiographie findet sich in seinen Sonetten.</p><p>Die Menschen legen an ihre Zeitgenossen nicht immer den richtigen Maßstab an. Der Staatsmann, der General, der Monarch von heute erfüllt aller Augen und Ohren, während er der nächsten Generation fast unbekannt ist. »Wer ist heute König?« fragte der Maler Greuze seine Tochter während der Wirren der französischen Revolution, wo jeden Tag neue Größen auftauchten, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden. »Wer ist heute König,« fragte Greuze, »ich glaube doch, daß Bürger Homer und Bürger Raphael alle unsere großen Bürger, deren Namen ich früher nie gehört habe, überleben werden.« Und doch ist von 
      <a id="page176" name="page176" title="gary/James"/> der Lebensgeschichte Homers nichts bekannt, und von der Raphaels nur wenig. Selbst über Plutarch, der das Leben so vieler so gut beschrieben hat, existiert keine Biographie, und keiner der berühmten zeitgenössischen römischen Schriftsteller erwähnt seinen Namen. Und von Correggio, der andere so gut zu porträtieren wußte, existiert kein authentisches Bildnis.</p><p>Es gibt Menschen, die das Leben ihrer Zeit stark beeinflußt haben, und deren Ruf erst in der Nachwelt größer war als zu ihren Lebzeiten. Über Wickliffe, einen der bedeutendsten Vorläufer der Reformation, wissen wir nur sehr wenig. Sein Wort war nur die Stimme eines Predigers in der Wüste. Wir wissen nicht sicher, wer der Verfasser der »Nachfolge Christi« war, eines Buches, das eine ungeheure Verbreitung erlangte und einen gewaltigen religiösen Einfluß in allen christlichen Ländern ausübte. Es wird gewiß Thomas a Kempis zugeschrieben, aber man hat auch Grund zu der Annahme, daß er nur dessen Übersetzer war, denn das Werk, das er mit Sicherheit verfaßt hat, 
      <i>(Dialogus Novitiorum de Contemptu Mundi)</i> ist in jeder Beziehung so minderwertig, daß es schwer fällt zu glauben, daß die »Nachfolge« aus derselben Feder stammt. Man hält es für wahrscheinlicher, daß Jean Gerson, Kanzler der Universität Paris und ein sehr gelehrter und frommer Mann, der 1429 starb, der Verfasser der »Nachfolge« gewesen ist.</p><p>Von einigen der größten Männer existieren nur kurze Biographien. Von Plato, einem der größten Philosophen, haben wir keine Lebensbeschreibung. Wir hören nichts von ihm, ob er Weib und Kinder hatte. Über das Leben des Aristoteles herrscht die größte Meinungsverschiedenheit. Einer hält ihn für einen Juden, nach einem andern empfing er seine Gelehrsamkeit von einem Juden, ein Dritter sagt, er habe eine Apotheke gehabt, ein Vierter, daß er der Sohn eines Arztes war. Einer behauptet, er war Atheist, ein anderer, er war Trinitarier usw. Aber wir wissen fast ebensowenig über Männer aus verhältnismäßig neuer Zeit.</p><p>Wir haben oben gesagt, daß man einen Menschen aus seinen Büchern kennen lernen kann. Wir wollen hier einige Lieblingsbücher von berühmten Männern erwähnen. Die Bewunderer Plutarchs sind schon genannt worden. Auch Montaigne ist immer der Begleiter denkender Menschen gewesen. Obgleich Shakespeare den Plutarch genau studiert haben muß, da er vieles von ihm bis zum Wortlaut entlehnt hat, so ist es doch bemerkenswert, daß wir nur von Montaigne mit Bestimmtheit wissen, daß sich seine Werke in der Bibliothek des Dichters fanden. Ein Autograph 
      <a id="page177" name="page177" title="gary/James"/> Shakespeares befindet sich nämlich in einem Abdruck der Florioschen Übersetzung der »Essays«, auf dessen Titelblatt sich auch ein Autograph Ben Jonsons findet.</p><p>Miltons Lieblingsbücher waren Homer, Ovid und Euripides. Letzterer war auch der Lieblingsschriftsteller von Charles James Fox, der dessen Studium für einen Redner für besonders nützlich erachtete. Andererseits empfand Pitt besonderes Vergnügen an Milton – den Fox nicht schätzte – und er rezitierte gerne die große Rede des Belial vor den versammelten Streitkräften der Hölle aus dem »Verlorenen Paradies«. Ein anderes Lieblingsbuch Pitts waren die »Principia« von Newton. Graf Chatham las gerne und oft Barrows Predigten, bis er sie auswendig wußte; Burkes Lieblinge waren Demosthenes, Milton, Bolingbroke und Youngs »Nachtgedanken«.</p><p>Von den Dichtern liebte Dante besonders den Virgil, Corneille den Lucan, Schiller den Shakespeare, Gray den Spenser, während Coleridge Collins und Bowles bewunderte. Dante war der Liebling vieler großer Dichter, von Chaucer bis Byron und Tennyson. Auch Lord Brougham, Macauley und Carlyle bewunderten und priesen den großen Italiener. Der erstere sagte den Glasgower Studenten, daß nächst dem Demosthenes das Studium Dantes die beste Vorbereitung für die Beredsamkeit von der Kanzel oder Tribüne wäre. Robert Hall suchte bei Dante Zuflucht vor den quälenden Schmerzen seines Rückenmarkleidens und Sydney Smith fand im hohen Alter bei demselben Dichter Trost und Kraft. Goethes Lieblingsbuch war Spinozas »Ethik«, und er fand darin nach seinen Worten solchen Frieden und Trost, wie in keinem andern Werk. 
      <span class="footnote">Es ist recht merkwürdig, daß der fromme Schleiermacher mit Goethe in einer Ansicht über die Größe Spinozas übereinstimmte, obwohl dieser von den Juden gebannt und von den Christen für wenig mehr als ein Atheist angesehen wurde. »Der große Weltengeist,« sagt Schleiermacher in seiner ›Rede über die Religion‹, »durchdrang den frommen aber mißachteten Spinoza; die Unendlichkeit war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, Er war erfüllt von Religion und religiösen Gefühlen und deshalb steht er allein, unnahbar, ein Meister in seiner Kunst, aber über die gemeine Welt hinausragend, ohne Anhänger, ja ohne ein Bürger in Welt zu sein.«
      <br/> Cousin sagt von Spinoza: »Der Autor, mit dem dieser angebliche Atheist die meiste Ähnlichkeit hat, ist der unbekannte Verfasser der ›Nachfolge Christi‹«</span></p><p>Friedrich der Große von Preußen bekundete seine Neigung für die Franzosen durch die Auswahl seiner Bücher; seine Lieblinge waren Bayle, Rousseau, Voltaire, Rollin, Fleury, Malebranche und ein englischer Autor – Locke. Besonders schätzte er Bayles »Dictionnaire«, das auch das erste Buch war, welches 
      <a id="page178" name="page178" title="Darkangel176/James"/> seinen Geist gefangen nahm. Er hielt es so hoch, daß er es in verkürzter Form ins Deutsche übersetzte und veröffentlichte. Friedrich tat den Ausspruch, daß »Bücher nicht wenig zur Glückseligkeit beitragen.« In hohem Alter sagte er: »Meine letzte Leidenschaft wird die Literatur sein.«</p><p>Es erscheint uns seltsam, daß Blüchers Lieblingsbuch Klopstocks Messias gewesen sein soll und daß Napoleon Ossians Lieder und »Werthers Leiden« vor allem schätzte. Aber Napoleon pflegte eine ausgedehnte Lektüre. Sie umfaßte Homer, Virgil, Tasso, Romane aller Länder und Geschichte aller Zeiten, ferner mathematische, legislative und theologische Schriften. Er verabscheute den »Bombast und Flitterkram« Voltaires, wie er es nannte. Nie wurde er müde, das Lob Homers und Ossians zu singen. »Lesen Sie immer wieder den Dichter des Achilles,« sagte er zu einem Offizier an Bord des Bellerophon, »verschlingen Sie Ossian – diese beiden erheben die Seele und machen den Menschen riesengroß.«</p><p>Der Herzog von Wellington war ein eifriger Leser, er bevorzugte besonders Clarendon, Bischof Butler, Adam Smiths »Reichtum der Nationen«, 
      <span class="footnote">Dieses berühmteste Buch der Nationalökonomie erscheint in neuer deutscher Bearbeitung in Kröners Volksausgabe.</span> Hume, den Erzherzog Karl, Leslie und die Bibel. Er interessierte sich auch lebhaft für französische und englische Memoiren, besonders für die französischen 
      <i>Mémoires pour servir</i> aller Art. Zu Walmer lagen nach Gleig die Bibel, das Gebetbuch, Taylors »
      <i>Holy Living and Dying</i>« und Cäsars »Kommentarien« in dem Bereich der Hand des Herzogs und nach ihrem Aussehen mußten sie oft benutzt worden sein.</p><p>Während die Bücher im Alter zu den besten Gefährten gehören, sind sie in der Jugend oft die besten Lehrer. Das erste Buch, das auf den Geist eines Jünglings tiefen Eindruck macht, wirkt oft epochemachend. Es kann das Herz anfeuern, den Enthusiasmus entfachen und seinen Charakter dadurch beständig beeinflussen, daß es seine Anstrengungen in neue Bahnen lenkt. Das Buch, mit dem wir Freundschaft schließen und dessen Geist weiser und reifer als der unsrige ist, kann so einen wichtigen Punkt in der Lebensgeschichte bedeuten. Man kann es bisweilen sogar eine Wiedergeburt nennen.</p><p>Seit dem Tage, wo James Edward Smith mit seinem ersten botanischen Lehrbuche beschenkt wurde, wo Joseph Banks Gerards »Pflanzenbuch« in die Hand bekam, wo Alfieri zuerst Plutarch las, Schiller zuerst Shakespeare kennen lernte und Gibbon den 
      <a id="page179" name="page179" title="gary/James"/> ersten Band der »Weltgeschichte« verschlang, fühlten sich alle so begeistert, als ob sie ein neues Leben begonnen hätten.</p><p>In seiner Jugend zeichnete sich Lafontaine nur durch Faulheit aus, aber als er einst eine Ode von Malherbe vorlesen hörte, soll er ausgerufen haben: »Ich bin auch ein Dichter«, und sein Genius war erwacht. Charles Bossuet wurde zuerst auf das Studium hingelenkt, als er in der Jugend Fontenelles »Eloges« der Männer der Wissenschaft las. Ein anderes Werk Fontenelles »Über die Mannigfaltigkeit der Welt« beeinflußte den Geist Lalandes bei seiner Berufswahl. Er sagt selbst in einer Vorrede zu dem Buch, das er später herausgab: »Ich bekenne mit Vergnügen, daß ich diesem Buche die Anregung zu meiner Tätigkeit danke; die ich im sechzehnten Jahre empfing und seitdem behielt.«</p><p>Ähnlich wurde Lacepede zu dem Studium der Naturgeschichte durch die Lektüre von Buffons »
      <i>Histoire Naturelle</i>« veranlaßt, die er in der Bibliothek seines Vaters fand und so oft las, bis er sie auswendig wußte. Goethe wurde gerade in der kritischen Periode seiner geistigen Entwicklung durch Goldsmiths »
      <i>Vicar of Wakefield</i>« beeinflußt, und er schrieb diesem Werke einen großen Teil seiner Erziehung zu. Als er später »Das Leben des Götz von Berlichingen« las, wurde er dazu angeregt, dies in poetischer Form zu verwerten. »Die Figur des rauhen, wohlmeinenden Mannes,« sagt er, »der in einer wilden Zeit sich selbst half, erregte meine tiefste Sympathie.«</p><p>Keats war als Knabe unersättlich beim Lesen, doch erst die Lektüre der »Feenkönigin« (
      <i>Fairy Queen</i>) entfachte in seinem siebzehnten Jahre das Feuer seines Genies. Dasselbe Gedicht soll auch Cowley begeistert haben, der zufällig ein Exemplar davon in dem Fenster des Zimmers seiner Mutter fand. Er las und bewunderte es und wurde unwiderruflich ein Dichter. Coleridge spricht von dem großen Einflüsse, den die Gedichte Bowles auf seinen Geist hatten. Die Werke vergangener Zeiten, sagt er, scheinen für einen Jüngling einem anderen Volke anzugehören, aber die Schriften eines Zeitgenossen »besitzen für ihn Wirklichkeit und flößen ihm die Sympathie des Menschen ein.« Seine Bewunderung entfacht und nährt seine Hoffnung, und die Dichtungen selbst werden zu Gestalten von Fleisch und Blut.</p><p>Aber die Menschen werden durch die Lektüre nicht bloß zu speziell literarischer Tätigkeit veranlaßt, sondern sie werden durch sie oft auch zu ernsterer Tätigkeit geführt.</p><p>Gute Bücher gehören daher zu den besten Gefährten; da sie die Gedanken erheben und das Streben nach einem höheren 
      <a id="page180" name="page180" title="Darkangel176/James"/> Ziele richten, wirken sie als Schutzmittel gegen niedrige Neigungen. Thomas Hord sagt: »Eine angeborene Vorliebe für Bücher und geistige Beschäftigungen hat mich wahrscheinlich vor dem moralischen Schiffbruch bewahrt, dem die früh der elterlichen Leitung Beraubten so leicht ausgesetzt sind. Meine Bücher hielten mich von dem Pferderennen, den Hundekämpfen, den Kneipen und Wirtshäusern zurück. Ein enger Genosse Popes und Addisons, ein Geist, der an die edle, wenn auch unhörbare Sprache Shakespeares und Miltons gewöhnt ist, wird wohl kaum die Gesellschaft gemeiner Menschen suchen.«</p><p>Man hat mit Recht gesagt, daß diejenigen Bücher am besten sind, welche guten Taten am meisten ähneln. Sie läutern, erheben und kräftigen, sie erweitern und befreien den Geist, behüten ihn vor gemeiner Weltlichkeit, bringen edle Heiterkeit und Seelenruhe hervor, sie formen, bilden und humanisieren den Geist. Auf den nordischen Universitäten bezeichnet man die Schulen, wo die alten Klassiker gelehrt werden, sehr zutreffend als ›humanistische‹ Anstalten.« 
      <span class="footnote">Trotz mancher neuerer Urteile, welche die klassischen Studien als nutzlose Zeitverschwendung bezeichnen, kann darüber kein Zweifel sein, daß sie der Geistesbildung erst die höchste Vollendung geben. Die alten Klassiker enthalten die vollendetsten Beispiele literarischer Kunst, und die größten Schriftsteller haben sie eifrig studiert. Die klassische Kultur war das Werkzeug, mit dem Erasmus und die Reformatoren Europa läuterten. Sie zeichnete die großen Patrioten des sechzehnten Jahrhunderts aus und sie hat seitdem alle unsere großen Staatsmänner charakterisiert, »Ich weiß nicht wie es geschieht,« sagt ein englischer Schriftsteller, »aber der Verkehr mit den Alten hat bei all denen, die ihn pflegen, eine festigende Wirkung auf ihr Urteil nicht nur über literarische Dinge, sondern im allgemeinen über Menschen und Geschehnisse, Sie haben gewissermaßen eine gewichtige und nachdrückliche Erfahrung gemacht. Sie stehen mehr als andere unter der Herrschaft von Tatsachen und sind unabhängiger von der gerade herrschenden Sprache.«</span></p><p>Erasmus, der große Gelehrte, war auch der Meinung, daß die Bücher zum Leben notwendig wären, während er Kleider als Luxus ansah, und er verschob häufig die Vervollständigung seiner Garderobe, bis er sich mit Büchern versehen hatte. Er liebte besonders die Werke Ciceros und sagte, er fühle sich jedesmal gehoben und veredelt, wenn er sie gelesen hätte. »Ich kann nie«, sagt er, »die Schriften Ciceros über das ›Greisenalter‹ oder die »Freundschaft« oder die »Gespräche in Tuskulum« lesen, ohne sie inbrünstig an die Lippen zu pressen und von Verehrung für einen Geist durchdrungen zu sein, der von Gott selbst inspiriert war.« Die Lektüre von Ciceros »Hortensius« brachte Augustin – bis dahin ein verdorbener, lasterhafter Lüstling – von seinem sittenlosen Leben ab und auf den Weg zum Studium, wodurch er der größte der Kirchenväter wurde. Sir William 
      <a id="page181" name="page181" title="gary/James"/> Jones las alljährlich die Schriften Ciceros, »dessen Leben in der Tat«, wie sein Biograph sagt, »das große Vorbild des seinigen war.«</p><p>Es ist überflüssig, den ungeheuern moralischen Einfluß hervorzuheben, den die Bücher auf die allgemeine Zivilisation der Menschheit ausgeübt haben. Sie enthalten das aufgespeicherte Wissen unseres Geschlechts. Sie berichten von aller Arbeit, allen Erfolgen, Spekulationen und Fehlschlagen in der Wissenschaft, der Philosophie, Religion und Moral. Sie sind die größten Triebfedern aller Zeiten gewesen. »Vom Evangelium bis zum ›Contrat Social‹,« sagt de Bonald, »haben die Bücher Revolutionen hervorgerufen.« Oft ist ein gutes Buch in der Tat etwas Besseres als eine gewonnene Schlacht. Sogar erdichtete Werke haben bisweilen auf die Gesellschaft ungeheuern Einfluß gehabt. So stürzten Rabelais in Frankreich und Cervantes in Spanien zu gleicher Zeit die Herrschaft des Pfaffen- und Junkertums, wobei sie keine andere Waffe als den Spott anwandten, der der natürliche Widerpart der menschlichen Furcht ist. Das Volk lachte und fühlte sich wieder sicher. Das Erscheinen des »
      <i>Télémaque</i>« rief die Menschen zu der Harmonie der Natur zurück.</p><p>»Dichter«, sagt Hazlitt, »haben ein längeres Leben als Helden, denn sie atmen mehr von der Luft der Unsterblichkeit ein. Sie leben länger in ihren Gedanken und Taten fort«. Wir kennen alles, was Homer und Virgil geschaffen haben, als ob wir zu ihrer Zeit gelebt hätten. Wir können ihre Werke in die Hand nehmen, sie auf unser Kissen legen oder sie an die Lippen führen. Doch von dem, was die andern taten, ist kaum noch eine Spur auf der Erde, die im menschlichen Auge sichtbar ist. Die toten Schriftsteller sind gleich Lebenden. Sie atmen und wirken noch in ihren Schriften, von den anderen, den großen Eroberern in der Welt, sind nur noch Aschenreste übrig. Die Sympathie zwischen Gedanke und Gedanke ist inniger und lebhafter, als zwischen Gedanke und Handlung. Der Gedanke verbindet sich mit dem andern, wie eine Flamme in die andere übergeht, die Bewunderung, die wir den Manen verstorbener Helden zollen, ist wie der Weihrauch, der auf einem Marmordenkmal glimmt. Worte, Gedanken, Gefühle gehen mit der Zeit in Substanzen über, Dinge, Körper und Handlungen aber verwesen, zerfließen zu einem Hauch, werden zu nichts .... Nicht nur die Handlungen eines Mannes verlöschen und vergehen, auch seine Tugenden und edlen Eigenschaften sterben mit ihm dahin. Nur sein Geist ist unsterblich und geht unversehrt auf die Nachwelt über. 
      <a id="page182" name="page182" title="Darkangel176/Tennessee"/></p></div><div class="chapter" id="chap012"><h3>11. Kapitel. Kameradschaft in der Ehe</h3><div class="motto"><p>Wem ein tüchtig Weib beschert ist,
        <br/> das ist besser denn kostbare Perlen.</p><p><i>Sprüche Salomos.</i></p></div><p>Der Charakter des Mannes wie der Frau wird durch ihr gegenseitiges Verhältnis auf allen Stufen des Lebens mächtig beeinflußt. Wir sprachen schon von dem Einfluß der Mutter auf den Charakter ihrer Kinder. Sie schafft die moralische Atmosphäre, in der sie leben und durch die ihr Geist und ihre Seele genährt wird, wie ihr Körper durch die physische Atmosphäre, die sie einatmen. Und während die Frau die natürliche Pflegerin und Lehrerin in der Kindheit ist, so ist sie auch die Führerin und Beraterin des Jünglings, die Vertraute und Genossin des Mannes in ihren verschiedenen Beziehungen als Mutter, Schwester, Braut und Gattin. Kurz, der Einfluß der Frau erstreckt sich in gutem und bösem Sinne mehr oder weniger auf das ganze Dasein des Mannes.</p><p>Die sozialen Funktionen und Pflichten der Männer und Frauen sind ihnen durch die Natur klar vorgezeichnet. Gott erschuf Männer und Frauen, jedes zu einer besonderen Arbeit und zur Erfüllung einer besonderen Sphäre. Keins kann die Stellung des andern einnehmen oder seine Funktionen erfüllen. Jedes hat ein Leben für sich, obwohl beide so nahe Beziehungen zueinander haben. Die Menschheit braucht beide für ihre Zwecke, und an jedem gesellschaftlichen Fortschritt müssen notwendig beide beteiligt sein.</p><p>Obwohl sie gleichwertige Gefährten sind, so unterscheiden sie sich doch hinsichtlich ihrer Fähigkeiten. Der Mann ist stärker, körperlich kräftiger und zäher, die Frau ist zarter, empfindlicher und nervöser. Jener zeichnet sich durch die Kräfte des Hirns, diese durch die Gaben des Herzens aus, und obwohl das Haupt herrscht, macht doch das Herz seinen Einfluß geltend. Beide sind für die besonderen Funktionen, die sie im Leben haben, in gleicher Weise ausgerüstet, und es würde ebenso absurd sein, der Frau die Aufgaben des Mannes zu übertragen, wie dem Manne die der Frau. Freilich gibt es auch weibische Männer und Mannweiber, aber das sind nur Ausnahmen, welche die Regel bestätigen.</p><p><a id="page183" name="page183" title="Darkangel176/Tennessee"/> Obwohl die Eigenschaften des Mannes sich mehr auf das Haupt und die der Frau sich mehr auf das Herz beziehen, so darf doch beim Mann weder die Bildung des Herzens noch bei der Frau die des Verstandes vernachlässigt werden. Ein herzloser Mann paßt ebensowenig in eine zivilisierte Gesellschaft wie eine stupide und unwissende Frau. Um einen gesunden, ausgeglichenen Charakter zu schaffen, ist die Ausbildung aller Teile der moralischen und intellektuellen Natur erforderlich. Ohne Mitgefühl oder Rücksicht auf andere wäre der Mann ein armseliges, verkrüppeltes, schmutziges, selbstsüchtiges Geschöpf, und ohne einen ausgebildeten Verstand wäre auch die schönste Frau nur eine aufgeputzte Puppe. Man pflegte einmal zu sagen, daß in der Schwachheit und Hilfsbedürftigkeit der Frau ihr Anrecht auf Bewunderung liege. »Wenn wir einen würdigen Mann darstellen wollen,« sagt Richard Steele, »so legen wir ihm Weisheit und Tapferkeit, als die Merkmale eines männlichen Charakters, bei. Ebenso, wenn man eine richtige Frau im löblichen Sinne beschreiben wollte, müßte sie zarte Sanftmut und Furcht und alle jene Eigenschaften besitzen, die sie von dem starken Geschlecht unterscheiden, dazu eine gewisse Unterwürfigkeit und eine Inferiorität, die sie erst liebenswürdig macht. So würde eher ihre Schwäche als ihre Stärke, eher ihre Torheit als ihr Verstand zu bilden sein. Sie sollte ein schwaches, furchtsames, tränenreiches, charakterloses, minderwertiges Geschöpf sein mit nur gerade so viel Verstand, um die süßen nichtssagenden Redensarten zu verstehen, die das ›stärkere‹ Geschlecht an sie richtet. Sie würde weniger zum Weibe, zur Mutter, Gefährtin oder Freundin des Mannes erzogen als zu einem geschmackvollen Spielzeug.«</p><p>Man hat noch heute die Gewohnheit, die Schwäche der Frauen anstatt ihrer Stärke zu fördern, und sie eher anziehend als selbständig zu machen. Man leistet ihrer Empfindsamkeit auf Kosten ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit Vorschub. Sie leben, bewegen sich und existieren nur durch die Sympathie der andern. Sie kleiden sich hübsch, um anziehend zu sein, und werden mit einer Menge von Fertigkeiten versehen, »um nur ja nicht sitzen zu bleiben.« Ein schwaches, zaghaftes und unselbständiges Wesen, läuft diese Frau Gefahr, eine Illustration jenes italienischen Sprichworts zu werden: »Sie ist so gut, daß sie zu nichts gut ist.«</p><p>Andererseits begeht die Erziehung junger Leute oft in bezug auf ihre Selbstsucht Fehler. Während man den Knaben bei seiner Laufbahn hauptsächlich auf sich selbst verweist, wird das Mädchen ermutigt, sich ganz auf andere zu verlassen. Er 
      <a id="page184" name="page184" title="Darkangel176/cal"/> wird zu sehr auf sich, sie zu sehr auf ihn verwiesen. Ihm wird gelehrt, selbstvertrauend und selbständig zu sein, während man ihr Mißtrauen in ihre Kräfte, Unselbständigkeit und beständige Selbstaufopferung anerzieht. So wird beim männlichen Geschlecht der Verstand auf Kosten des Gefühls und beim weiblichen das Gefühl auf Kosten des Verstandes entwickelt.</p><p>Es steht ohne Zweifel fest, doch die höchsten Eigenschaften der Frau sich in ihren Beziehungen zu anderen durch das Medium teilnehmender Liebe entwickeln. Sie ist die Pflegerin, welche die Natur der gesamten Menschheit bestellte. Sie sorgt für die Hilflosen und hegt die, welche wir lieben. Sie ist der Schutzgeist des häuslichen Herdes, wo sie eine Atmosphäre heiterer Behaglichkeit und Zufriedenheit schafft, die der Bildung des Charakters in seiner besten Form sehr zuträglich ist. Sie ist von Natur aus mitfühlend, sanft, geduldig und selbstverleugnend. Liebend, hoffend und glaubend verbreitet sie überall, wo ihr Blick hinfällt, Helligkeit. Er erwärmt die Kälte, lindert die Leiden und macht den Kummer weniger schwer.</p><p>Die Frau ist der »Engel der Unglücklichen« genannt worden. Sie ist stets bereit, den Schwachen zu helfen, die Gefallenen zu erheben und die Leidenden zu trösten. Es ist charakteristisch, daß eine Frau es war, die das erste Hospital erbaute und ausstattete. Man hat gesagt, daß die Seufzer eines leidenden Menschen immer irgend ein weibliches Wesen an seine Seite rufen. Als Mungo Park, allein, ohne Genossen und halb verhungert, aus einem afrikanischen Dorfe von den Männern fortgejagt wurde und sich anschickte, trotz des Regens und der zahlreichen wilden Tiere, die Nacht unter einem Baume zu verbringen, nahm ihn eine alte Negerin, die von der Feldarbeit heimkehrte, voller Mitgefühl mit sich in ihre Hütte und gab ihm dort Nahrung, Pflege und Obdach. 
      <span class="footnote">Mungo Park sagt, daß er durch diesen Vorfall mehr als durch ein anderes Erlebnis auf seinen Reisen ergriffen war. Als er sich auf der Matte, die man für ihn auf dem Boden der Hütte ausgebreitet hatte, zum Schlafen niederlegte, forderte seine Wohltäterin die weiblichen Familienglieder auf, die Arbeit des Baumwollspinnens wieder aufzunehmen, was bis tief in die Nacht fortgesetzt wurde. »Sie erleichterten sich die Arbeit durch Gesänge,« sagt der Reisende, »und einer war improvisiert, denn ich selbst bildete das Thema. Es wurde von einer der jungen Frauen gesungen, während die andern den Chor bildeten. Die Weise war sanft und klagend, und der Text lautet in wortgetreuer Übersetzung: ›Der Wind heulte und der Regen fiel. Der arme weiße Mann kam schwach und müde und setzte sich unter unseren Baum, Er hat keine Mutter, die ihm Milch bringt, kein Weib, das ihm Korn mahlt.‹ Chor: ›Laßt uns den armen Weißen beklagen, der keine Mutter hat!‹ So unbedeutend dieser Gesang war, für einen Menschen in meiner Lage waren die Umstände höchst ergreifend. Durch die unerwartete Güte war ich so betroffen, daß der Schlaf meine Augen floh.«</span></p><p><a id="page185" name="page185" title="Darkangel176/cal"/> Aber während sich die charakteristischsten Eigenschaften der Frau durch ihre Teilnahme und Liebe entfalten, so ist es auch zu ihrem Glück als selbständiges Wesen notwendig, daß sie ihren Charakter durch Selbstbeherrschung und Selbstvertrauen stärkt und entwickelt. Es ist aber keineswegs wünschenswert oder gar notwendig, daß dabei der leichte Zugang zum Herzen versperrt wird. Selbstvertrauen der besten Art bedingt keine Beschränkung der menschlichen Sympathie. Das Glück des Weibes wie des Mannes beruht im allgemeinen auf der völligen Entwicklung des harmonischen Charakters. Und jene Selbständigkeit, die sich aus der Bildung der Geisteskraft ergibt, in Verbindung mit richtiger Schulung des Herzens und Gewissens, wird ihr Leben nützlicher und glücklicher machen und sie in den Stand setzen, in verständiger Weise Freuden auszuteilen und zu genießen, besonders aber diejenigen, welche aus wechselseitigen Beziehungen und sozialer Teilnahme entstehen.</p><p>Um einen hohen Stand sittlicher Reinheit in der menschlichen Gesellschaft zu erzielen, muß die Erziehung der Geschlechter in harmonischer und gleichmäßiger Weise geschehen. Reinen Frauen müssen reine Männer gegenüberstehen. Für beide gilt die gleiche Moral. Es hieße den Grundstein der Tugend lockern, wollte man dem Manne gestatten, wegen des Unterschieds der Geschlechter der Moral Hohn zu sprechen und ungestraft Dinge zu tun, die eine Frau, welche sich ihrer erdreistete, für ihr ganzes Leben brandmarken würden. Damit also in der Gesellschaft Reinheit und Tugend herrschen, müssen sowohl Männer wie Frauen rein und tugendhaft sein, beide müssen alle Handlungen vermeiden, welche Herz, Gewissen, und Charakter beflecken – wie das Gift scheuen, das einmal genossen, nie wieder ganz ausgeschieden werden kann, sondern das Glück des ganzen späteren Lebens mehr oder weniger verbittert.</p><p>Und nun wollen mir uns an ein etwas heikles Thema heranwagen. Obwohl es von allgemeinem und größtem Interesse für die Menschheit ist, vermeiden es die Moralisten, scheuen es die Erzieher und ächten es die Eltern. Es wird beinahe für unzart angesehen, von der Liebe zwischen den Geschlechtern zu reden, und junge Leute sammeln ihre Kenntnisse darüber nur aus den unmöglichen Liebesgeschichten, welche die Fächer der Leihbibliotheken füllen. Dies starke, das ganze Wesen beherrschende Gefühl, das 
      <i>besoin d'aimer</i> – das die Natur zu weisem Zwecke in der Frau so stark gemacht hat, daß es ihrem ganzen Leben und Schicksal eine besondere Färbung gibt, während es im Leben des Mannes vielleicht nur episodisch bleibt – darf gewöhnlich 
      <a id="page186" name="page186" title="Darkangel176/cal"/> seinen eigenen Neigungen folgen und ungezügelt, fast ohne Leitung und Richtung heranwachsen.</p><p>Wenn auch die Natur in Liebesangelegenheiten aller formellen Regeln und Anweisungen spottet, so ist es doch auf alle Fälle möglich, jungen Gemütern solche Ansichten über den Charakter einzupflanzen, die sie befähigen, zwischen dem Wahren und Falschen zu unterscheiden, und sie daran zu gewöhnen, jene moralische Reinheit und Unbescholtenheit zu achten, ohne welche das Leben nur voller Torheit und Elend wäre. Es ist nicht möglich, jungen Leuten eine verständige Liebeswahl zu lehren; aber die elterlichen Ratschläge können sie doch vor jenen frivolen und verächtlichen Passionen behüten, die so fälschlich für Liebe ausgegeben werden. »Liebe«, sagte jemand, »in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes ist Torheit; aber reine, edle, selbstlose Liebe ist nicht nur eine Folge, sondern ein Beweis moralischer Vortrefflichkeit. Sie macht den Menschen für moralische Schönheit empfänglich, läßt ihn sein Ich in deren Bewunderung vergessen und beweist so den Anspruch, als ein Einfluß von hoher Sittlichkeit zu gelten. Es ist der Triumph des selbstlosen Teils über den selbstsüchtigen in unserer Natur«.</p><p>Durch diese göttliche Leidenschaft wird die Welt immer frisch und jung erhalten. Sie ist das ewige Lied der Menschheit. Sie gießt über die Jugend himmlischen Glanz und verklärt das Alter. Sie erleuchtet Gegenwart und Zukunft durch die Strahlen, die sie aussendet. Die Liebe, die aus Achtung und Bewunderung entsteht, hat eine erhebende reinigende Wirkung auf den Charakter. Sie befreit von der Sklaverei des Ich, sie ist selbstlos und ihr eigener Lohn. Sie flößt Sanftmut, Teilnahme, Treue und Vertrauen ein. Die wahre Liebe erhöht auch in gewissen Grenzen den Geist. »Alle Liebe macht in bestimmtem Grade weise«, sagt der Dichter Browning, und die begabtesten Geister sind die aufrichtigsten Liebhaber gewesen. Große Seelen sind auch in ihrer Liebe groß; sie erheben und adeln alles wahre Vergnügen. Das Gefühl bringt sogar Eigenschaften hervor, die vorher ungeahnt schlummerten. Es erhebt die Bestrebungen, erweitert die Seele und entflammt die Geisteskräfte. Eines der schönsten Komplimente, die je einer Frau gezollt wurden, war der Ausspruch Steeles von Lady Elisabeth Hastings: »sie geliebt zu haben, ist gleichbedeutend einer vortrefflichen Erziehung«. In diesem Licht betrachtet, erscheint die Frau als Erzieherin im besten Sinne, da sie vor allen andern Lehrern Menschlichkeit und Liebe lehrt.</p><p>Kein Mann und seine Frau sollen als fertig in ihrer Lebenserfahrung betrachtet werden können, ehe sie sich mit der Welt 
      <a id="page187" name="page187" title="gary/cal"/> durch die Bande der Zuneigung verbunden haben. Wie das Weib kein Weib ist, ehe es nicht die Liebe kennen gelernt hat, so ist es mit dem Manne. Beide bedürfen einander zu ihrer Vollkommenheit. Plato behauptete, daß die Liebenden ineinander verwandte Wesen suchten und daß der oder die Geliebte nur die losgetrennte Hälfte eines menschlichen Wesens sei, die sich in der Liebe wieder mit dem andern Teile vereinige. Aber diese Philosophie scheint sich hier zu irren, denn Liebe entsteht ebensowohl zwischen ähnlichen wie zwischen unähnlichen Menschen.</p><p>Die wahre Vereinigung muß natürlich eine Verbindung des Geistes wie auch des Herzens sein und auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruhen. »Ohne Achtung,« sagt Fichte, »gibt es keine echte und dauernde Liebe, Liebe ohne Achtung zieht stets Reue nach sich und ist einer edlen Menschenseele unwürdig.« Wir können das Schlechte nicht wirklich lieben, sondern immer nur etwas, das wir sowohl achten und schätzen als auch bewundern. Kurz, eine wahre Verbindung muß auf Charaktervorzügen beruhen, die sowohl im häuslichen wie öffentlichen Leben ausschlaggebend sind.</p><p>Aber in der Verbindung zwischen Mann und Frau ist weit mehr als bloße Achtung und Wertschätzung, sie beruht auf einem tieferen und zarteren Gefühl, das zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau nicht vorkommt. »In Gefühlsangelegenheiten,« sagt Nathaniel Hawthorne, »ist zwischen Mann und Mann immer eine unüberbrückbare Kluft, sie können einander nie recht die Hand reichen, und deshalb findet ein Mann nie vertrauliche Hilfe und Herzenstrost bei seinem Mitbruder, sondern nur bei einer Frau – seiner Mutter, Schwester oder Gattin.«</p><p>Durch die Pforte der Liebe geht der Mann in eine neue Welt der Freude, Teilnahme und des menschlichen Interesses ein; in seiner Häuslichkeit geht ihm eine neue Welt auf, die er sich selbst geschaffen hat und die sich auch von dem Heim seiner Kindheit sehr unterscheidet, wo jeder Tag neue Freuden und Erfahrungen bringt. Er gelangt vielleicht auch in eine Welt neuer Prüfungen und Sorgen, wodurch er oft die beste Bildung und Schulung empfängt. »Das Familienleben,« sagt Sainte-Beuve, »kann wohl voller Sorgen und Dornen sein, aber diese sind nicht wie andere dürr, sondern tragen Frucht.« Dann weiter: »Wenn das Haus eines Mannes zu einer bestimmten Zeit keine Kinder enthält, werden sich wahrscheinlich Torheiten und Laster darin finden.«</p><p>Ein Leben, das ausschließlich den Geschäften gewidmet ist, wird schließlich den Charakter beschränkt und hart machen. Der Mensch ist dabei hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt – er lauert 
      <a id="page188" name="page188" title="Darkangel176/yara"/> auf Vorteile und sucht sich gegen Übervorteilung von seiten anderer zu schützen. So wird der Charakter unbenutzt immer argwöhnischer und weniger großmütig. Das beste Mittel gegen solche Einflüsse ist immer das häusliche Leben, welches den Geist von gewinnsüchtigen Gedanken, von seinem täglichen Rennen um den Verdienst ablenkt und ihn in dem Heiligtum des Hauses Ruhe und Erfrischung finden läßt:</p><p class="vers">»Das reinste, schönste Licht gesell'ger Freude,
      <br/> Das für den Mann nach vieler Sorge strahlt.«</p><p>»Das Geschäft,« sagt Henry Taylor, »verbarrikadiert nur die Wege zum Herzen, aber die Heirat legt eine Garnison in die Festung.« Und wie der Kopf auch von ehrgeizigen oder geschäftlichen Arbeiten eingenommen sein mag – wenn das Herz nicht von Zuneigung und Teilnahme für andere erfüllt ist – so wird das Leben, so erfolgreich es auch nach außen hin scheinen mag, doch nur ein Fehlschlug sein.</p><p>Der wahre Charakter eines Mannes wird sich am klarsten in seinem Haushalt offenbaren, und in der Beherrschung dieses kleinen Kreises kann er mehr Weisheit zeigen als in den umfangreicheren Ungelegenheiten des Geschäfts oder des öffentlichen Lebens. Sein ganzer Geist kann bei seinem Geschäfte sein, aber wenn er glücklich sein will, muß sein Herz zu Hause weilen. Dort entfalten sich seine echten Eigenschaften am sichersten – dort zeigt er seine Wahrhaftigkeit, Liebe, Teilnahme, Rücksicht auf andere, Rechtschaffenheit und Mannhaftigkeit, – mit einem Wort seinen Charakter.</p><p>Aber der Mann, dessen Gefühle durch das häusliche Leben gestärkt sind, beschränkt seine Sympathie nicht auf diese verhältnismäßig enge Sphäre. Seine Liebe vergrößert sich in der Familie und verbreitet sich durch sie in die Welt. »Die Liebe«, sagt Emerson, »ist ein Feuer, das, hervorgerufen durch den Funken aus einem Menschenherzen, in dem engen Raum des Herzens glüht und wächst, bis es viele Menschen, ja die Herzen aller bestrahlt und erwärmt und so mit ihren großmütigen Flammen die ganze Welt erleuchtet.«</p><p>Durch die häusliche Liebe kann das Herz des Mannes am besten gefestigt und geregelt werden. Das Haus ist das Reich der Frau, ihr Staat, ihre Welt – wo sie durch Liebe, Güte und die Macht der Sanftmut herrscht. Nichts besänftigt das Ungestüm der männlichen Natur mehr als die Verbindung mit einer hochgesinnten Frau. Dort findet er Ruhe, Behaglichkeit und Glück – Ruhe des Gehirns und Frieden des Geistes. Er wird in 
      <a id="page189" name="page189" title="gary/yara"/> ihr auch seinen besten Berater finden, denn ihr feiner Takt leitet ihn gewöhnlich da zum Rechten, wo sein eigener Geist allein irren könnte. Eine treue Gattin ist ein Stab, auf den er sich in Zeiten der Prüfung und Bedrängnis stützen kann, ihr fehlt es nie an Teilnahme und Trost, wenn die Not kommt und das Glück den Rücken kehrt. In der Jugend ist sie dem Manne ein Schmuck und eine Wonne und in reiferen Jahren, wenn die Hoffnung aufgehört hat und wir in der Wirklichkeit leben, bleibt sie ein treuer Genosse.</p><p>Wie glücklich muß Edmund Burke gewesen sein, wenn er von seinem Haus sagen konnte: »Jede Sorge verschwindet mit dem Augenblick, wo ich unter mein Dach trete!« Und Luther, ein Mann voller menschlicher Empfindung, sagt von seiner Frau: »Ich würde meine Armut mit ihr nicht um alle Reichtümer des Krösus ohne sie eintauschen.« Von der Ehe sagt er: »Der höchste Segen, den Gott einem Mann bescheren kann, ist der Besitz eines guten und frommen Weibes, mit dem er in Friede und Ruhe leben kann, – der er alles vertrauen kann, auch sein Leben und Wohlergehen.« Dann weiter: »Früh aufstehen und jung gefreit hat noch niemand bereut.« Um sich in der Ehe wahren Glücks und echter Ruhe zu erfreuen, muß die Frau dem Mann eine Herzens- und Lebensgefährtin sein. Aber es ist nicht erforderlich, daß sie nur sein bloßes Abbild darstellt. Der Mann wünscht in seiner Gattin ebensowenig eine männliche Frau, wie die Frau in ihm einen weibischen Mann. Die besten Eigenschaften einer Frau bestehen nicht in ihrem Verstand, sondern in ihren Gefühlen. Sie gibt mehr durch ihre Teilnahme als durch ihr Wissen Erholung. Oliver Wendell Holmes sagt: »Bei den Frauen interessiert uns mehr das Herz als der Verstand.«</p><p>Der Mann ist seiner oft so überdrüssig, daß er eher dazu neigt, an andern Vorzüge und Gaben zu bewundern, die von den seinigen abweichen. »Wenn ich plötzlich aufgefordert würde,« sagt Mr. Helps, »einen Beweis für die Güte Gottes anzugeben, so würde ich sagen, daß sie sich am meisten in dem Unterschied offenbaren, den er zwischen die Seelen der Frau und des Mannes gelegt hat und auf diese Weise die Möglichkeit zu der schönsten und reizvollsten Gemeinschaft geschaffen hat, die sich ein Mann vorstellen kann.«</p><p>Aber obwohl kein Mann die Frau wegen ihres Verstandes liebt, darf sie ihn darum nicht minder pflegen.</p><p>Im Charakter kann eine Verschiedenheit bestehen, aber es muß Harmonie des Gefühls und Geistes vorhanden sein – zwei intelligente Seelen wie zwei liebende Herzen.</p><p class="vers"><a id="page190" name="page190" title="andromeda/yara"/> »Zwei Häupter in dem Rat und zwei am Herd,
      <br/> Zwei in der Welt verworrenen Geschäften
      <br/> Und in des Lebens vielgestalt´gem Dienst.«</p><p>Es gibt wenige Menschen, die über die Ehe so verständige Worte geschrieben haben wie Sir Henry Taylor. Was er über den Einfluß eines glücklichen Familienlebens auf eine erfolgreiche staatsmännische Laufbahn sagt, läßt sich auf alle Verhältnisse des menschlichen Lebens anwenden. Eine tüchtige Ehefrau, sagt er, sollte diejenigen Eigenschaften besitzen, welche das Haus zu einem Ruheplatz machen. Zu diesem Zwecke muß sie Verstand und Wert genug haben, um ihrem Gatten häusliche Sorgen so viel wie möglich fern zu halten und ihn insbesondere vor dem Schuldenmachen zu bewahren. »Sie muß seinem Auge und Geschmacke wohlgefallen, denn der Geschmack dringt tief in die Natur der Menschen ein und ist kaum von der Liebe zu trennen. In einem sorgenvollen und aufgeregten Leben kann das Heim, das nicht der Sitz der Liebe ist, nicht zu einem Ruheplatz werden, denn geistige Ruhe und Herzensfriede können nur durch den besänftigenden Einfluß der Zuneigung gewonnen werden. Der Mann sollte eher nach einem klaren Verstand, nach Heiterkeit und geistiger Behendigkeit sich umtun, als nach Ausgelassenheit und gesellschaftlichen Talenten, sollte mehr auf ein sanftes, zärtliches Temperament als auf eine feurige Natur sehen. Allzu lebhafte Talente passen wenig für das Haus eines müden Mannes, und Leidenschaft wirkt nur störend, ohne zu erfrischen.</p><p>Manche werden durch die Ehe enttäuscht, weil sie zu viel von ihr erwarten, aber noch mehr, weil sie zu dieser Lebensgemeinschaft nicht ihren vollen Anteil an Heiterkeit, Güte, Nachsicht und Verstand beitragen. Ihre Phantasie hat ihnen vielleicht ein Leben vorgespiegelt, das es hier gar nicht gibt, und wenn dann das wirkliche Leben mit seinen Sorgen und Mühen kommt, erwachen sie plötzlich aus ihrem schönen Traum. Oder sie sehen in dem Gegenstand ihrer Wahl etwas nahezu Vollkommenes und entdecken dann durch die Erfahrung, daß auch der beste Charakter seine Schwächen hat. Doch ist es oft gerade die Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die den stärksten Anspruch auf die Nachsicht und Sympathie anderer verleiht und so bei fein fühlenden Naturen der Anlaß zu der engsten Verbindung wird.</p><p>Die goldene Regel der Ehe lautet: »Ertrage und entsage!« Die Ehe besteht wie eine Regierung aus einer Reihe von Kompromissen. Man muß geben und nehmen, verzichten und beschränken, ertragen und geduldig sein. Man braucht gegen die 
      <a id="page191" name="page191" title="gary/yara"/> Fehler des andern nicht blind zu sein, aber man kann sie schließlich mit Nachsicht ertragen. Von allen Eigenschaften ist ein gutes Temperament diejenige, welche in der Ehe am nützlichsten wirkt. In Verbindung mit Selbstbeherrschung verleiht es Geduld – die Geduld zum Ertragen und Entsagen, ohne Widerrede etwas anzuhören und sich beherrschen, bis der aufsteigende Zorn vergangen ist. Wie wahr ist gerade in der Ehe, daß »eine sanfte Antwort den Zorn wegräumt«.</p><p>Burns teilte die Eigenschaften einer guten Ehefrau in zehn Teile. Vier davon gab er einem guten Temperament, zwei dem Verstand, einen der munteren Laune, einen der Schönheit – schönes Gesicht, ansprechende Augen, schöne Figur, anmutige Haltung, und die beiden übrigen Teile verteilte er unter die übrigen Eigenschaften, die einer Ehefrau zukommen – Vermögen, Verbindungen, eine mehr als durchschnittliche Bildung, gute Familie usw.; aber er sagte: Man verteile diese zwei Teile, wie man wolle, aber immer muß man beachten, daß diese kleineren Verhältniszahlen Brüche sind, da keinem die Würde eines Ganzen zukommt.</p><p>Jemand hat gesagt, es wäre für junge Mädchen ganz praktisch, Netze zu verfertigen, aber es wäre noch besser, wenn sie Käfige machen lernten. Die Männer sind oft so leicht wie Vögel zu fangen, aber schwierig festzuhalten. Wenn die Frau die Häuslichkeit nicht freundlich und glücklich machen kann, so daß sie das schönste, traulichste und heiterste Ruheplätzchen ist, das der Mann finden kann – ein Zufluchtsort vor den Sorgen und Mühen der Außenwelt – so erbarme sich Gott des armen Mannes, denn er ist in Wahrheit heimatlos.</p><p>Kein weiser Mann wird nur auf Schönheit Wert legen. Sie kann wohl zuerst eine große Anziehungskraft ausüben, aber sie wird sich in der Folge als von geringer Bedeutung erweisen. Man soll persönliche Schönheit aber auch nicht unterschätzen, denn unter normalen Bedingungen ist eine hübsche Gestalt und ein schönes Gesicht das äußere Anzeichen von Gesundheit. Aber wer eine schöne, aber charakterlose Person mit schönen Zügen, doch ohne eine gute Natur heiratet, begeht einen der beklagenswertesten Mißgriffe. Wie auch die schönste Landschaft eintönig wirkt, wenn man sie täglich sieht, so wird man auch das schönste Gesicht, wenn nicht eine schöne Natur hindurchschimmert, überdrüssig. Die Schönheit von heute findet man morgen langweilig, während wahre Herzensgüte auch bei den gewöhnlichsten Zügen immer liebenswürdig bleibt. Diese Art Schönheit wird überdies mit der Zeit noch vollkommener und reifer, anstatt zu vergehen.</p><p><a id="page192" name="page192" title="gary/yara"/> Der moralische Charakter des Mannes wird natürlich von seiner Gattin stark beeinflußt. Eine niedrigere Natur wird ihn herabziehen, eine höhere wird ihn zu sich heben. Jene wird seine Sympathie ertöten, seine Energie verschwenden und sein Leben zerstören, diese aber wird durch die Erwiderung seiner Neigungen seine sittliche Natur stärken und durch ihren beruhigenden Einfluß seine geistige Kraft erhöhen. Nicht nur das: eine Frau von edlen Grundsätzen adelt das Ziel und die Zwecke ihres Gatten, wie eine Frau von niedrigen Grundsätzen dieselben herabdrückt. De Tocqueville war von dieser Wahrheit vollständig durchdrungen. Er behauptete, daß der Mann keine größere Stütze im Leben haben könne als die Verbindung mit einer Frau von gutem Temperament und hohen Prinzipien. Er sagt, daß er in seinem Leben sogar manchen schwachen Mann große Tugenden entfalten sah, weil er an seiner Seite eine Frau von edlem Charakter hatte, die ihn in seiner Laufbahn unterstützte und ihn in seinen Ansichten über die Pflichterfüllung bestärkte, während er andererseits noch öfter einen Mann von großen, hochherzigen Instinkten durch die Berührung mit einer engherzigen Frau, die einer unbezähmbaren Vergnügungssucht ergeben war und deren Geist das große Gebot der Pflicht gänzlich fehlte, in gemeine Selbstsucht herabsinken sah.</p><p>De Tocqueville selbst hatte das Glück, eine vortreffliche Gattin zu besitzen, und in seinen Briefen an seine vertrautesten Freunde sprach er mit vieler Dankbarkeit von dem Trost und der Unterstützung, welche er durch ihren Mut, ihre Ruhe und ihren edlen Charakter empfing. Je mehr de Tocqueville von der Welt sah, um so mehr wurde er davon überzeugt, daß zu der Erhaltung der Tugend und Güte des Mannes gesunde, häusliche Zustände erforderlich sind.</p><p>In einem seiner Briefe sagt er: »Ich kann dir gar nicht beschreiben, was ich für ein Glück empfinde, immer in der Gesellschaft einer Frau zu leben, in deren Seele sich alles Gute der eignen besser und schöner widerspiegelt. Wenn ich etwas sage oder tue, das mir vollkommen recht erscheint, lese ich immer in Mariens Antlitz einen Ausdruck stolzer Genugtuung, der mich erhebt. Wenn mein Gewissen mich tadelt, so legt sich eine Wolke auf ihr Antlitz. Obgleich ich große Gewalt über ihren Geist habe, sehe ich doch mit Freude, daß sie mir Ehrfurcht einflößt, und so lange ich sie so innig wie jetzt liebe, werde ich mich nie in etwas Schlechtes hineinziehen lassen.«</p><p>Auch Guizot wurde in den vielen Wechselfällen und Enttäuschungen seines Lebens durch seine edle Frau gestärkt und 
      <a id="page193" name="page193" title="gary/yara"/> ermutigt. Wenn er von seinen politischen Feinden angegriffen wurde, fand er Trost in der zärtlichen Liebe, die sein Haus mit ihrem Sonnenschein erfüllte. Obgleich sein öffentliches Leben seine Kräfte stählte, fühlte er doch, daß es nur kalt und berechnend war und weder der Seele noch dem Charakter etwas bieten konnte. »Den Mann verlangt es nach einem Glück,« sagt er in seinen »
      <i>Mémoires</i>«, »das ihm so vollständig und zart alle Arbeit und Triumphe in öffentlicher Tätigkeit nicht bieten kann. Was ich jetzt am Ende meiner Laufbahn weiß, habe ich von Anfang an gefühlt. Auch bei großen Unternehmungen bildet das häusliche Glück die Basis des Lebens, und die glänzendste Karriere gewährt nur unvollkommene und oberflächliche Freuden, wenn man den glücklichen Banden der Familie und Freundschaft fern bleibt.« Die Umstände, welche Guizots Werbung und Heirat begleiteten, waren seltsam und interessant. Während er als junger Mann in Paris von dem Ertrag seiner Feder lebte, indem er Bücher, Rezensionen und Übersetzungen schrieb, wurde er zufällig mit Fräulein Pauline de Meulan bekannt, einer Dame von großem Talent, die damals den »
      <i>Publiciste</i>« herausgab. Nachdem sie von einem schweren Familienunglück betroffen worden war, wurde sie krank und konnte eine Zeitlang die literarische Arbeit an ihrem Journal nicht mehr leisten. In dieser Verlegenheit erhielt sie einen anonymen Brief, der ihr eine Reihe von Artikeln anbot, von denen der Schreiber hoffte, daß sie dem Rufe des »
      <i>Publiciste</i>« keine Unehre machen würden. Die Artikel kamen rechtzeitig an, wurden angenommen und veröffentlicht. Sie handelten über sehr verschiedene Gegenstände – Kunst, Literatur, Theater und allgemeine Kritik. Als die Herausgeberin endlich von ihrer Krankheit genas, stellte sich der Verfasser der Artikel vor – es war Herr Guizot. Bald wurden sie näher bekannt, liebten sich und nicht lange danach wurden sie ein Paar.</p><p>Von dieser Zeit an teilte sie alle Freuden und Leiden, wie auch viele Arbeiten ihres Gatten. Vor der Hochzeit fragte er sie, ob sie wohl alle Wechselfälle seines Geschicks auf sich nehmen wolle. Sie erwiderte, er könne sicher sein, daß sie sich immer leidenschaftlich über seine Triumphe freuen, aber nie über sein Mißgeschick seufzen würde.</p><p>Burke war in seiner Ehe mit Miß Nugent, einer schönen, liebevollen und hochsinnigen Frau, außerordentlich glücklich. Die Aufregung und Sorge seines öffentlichen Lebens wurde durch sein häusliches Glück, das vollkommen gewesen sein muß, mehr als aufgewogen. Burke tat den für ihn sehr charakteristischen Ausspruch: der Keim aller Menschenliebe liegt in der Liebe zu 
      <a id="page194" name="page194" title="andromeda/yara"/> dem kleinen Gemeinwesen, dem wir in der Gesellschaft angehören. Die Schilderung, die er von seiner jugendlichen Gattin macht, ist eins der schönsten Wortgemälde: »Sie ist schön, aber ihre Schönheit liegt nicht in den Gesichtszügen, der Farbe oder Gestalt. Sie besitzt das alles in reichem Maße, aber nicht damit spricht sie zum Herzen. Vielmehr jene Liebenswürdigkeit, Unschuld, Menschenfreundlichkeit und Gefühlswärme, die ein Antlitz nur ausdrücken kann, macht ihre Schönheit aus. Sie hat ein Gesicht, auf das man beim ersten Anblick nur eben aufmerksam wird, das aber immer mehr fesselt, bis man sich wundert, daß es zuerst nicht mehr Aufmerksamkeit erregte.</p><p>Ihre Augen haben ein mildes Licht, aber sie flößen Ehrfurcht ein, wenn sie nur wollen; sie gebieten, wie ein edler Mann, der aus dem Amte geschieden ist, nicht durch Autorität, sondern durch Tugend. Ihre Gestalt ist nicht groß; sie ist nicht dazu geschaffen, von jedem bewundert zu werden, sondern das Glück eines Einzigen zu sein.</p><p>Sie besitzt Festigkeit, doch ohne die Sanftmut auszuschließen, sie besitzt Weichheit, doch ohne Schwäche.</p><p>Ihr Stimme ist wie sanfte leise Musik – nicht geeignet, große Versammlungen zu beherrschen, aber die zu fesseln, die eine Gesellschaft von einer Menge unterscheiden können; es hat dies den Vorteil – man muß ihr nahe kommen, um sie zu verstehen. Wer ihre Gestalt beschreibt, der schildert ihre Seele, die eine ist das Abbild der andern. Ihr Verstand zeigt sich nicht in der Mannigfaltigkeit der Dinge, mit denen sie sich beschäftigt, sondern in der guten Auswahl, die sie trifft.</p><p>Ihre Höflichkeit entspringt mehr ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit als erlernten Anstandsregeln. Daher gefällt sie allen, die etwas von guter Erziehung verstehen und auch solchen, die nichts davon verstehen. Sie hat einen starken und entschlossenen Geist, der ihrem echt weiblichen Charakter ebensowenig Abbruch tut wie Glätte und Glanz dem Marmor schaden. Sie besitzt diejenigen Tugenden, welche uns die wahrhaft großen Eigenschaften unseres Geschlechtes schätzenswert machen. Sie hat eine so bestrickende Anmut, daß wir an ihr sogar das lieben, was wir bei andern als Fehler ansehen«.</p><p>Als Gegenstück folge die nicht weniger schöne Zeichnung, die Frau Hutchinson als Witwe von ihrem Mann, dem Republikaner Oberst Hutchinson entworfen hat.</p><p>»Diejenigen, welche ausgezeichnete Sterbliche lieben,« sagt sie in der Einleitung zu seiner Lebensbeschreibung, »lassen vielleicht, wenn ihnen durch das unerbittliche Schicksal ihr Idol entrissen 
      <a id="page195" name="page195" title="gary/yara"/> wird, alle Stürme der Leidenschaft los, die in Kummerfluten das teure Andenken des Verlorenen wegschwemmen. Wenn man solche Leidtragenden trösten will, pflegt man alle Gegenstände aus ihrem Gesichtskreis zu entfernen, die durch ihren Anblick die Erinnerung an den Verlust von neuem erwecken. Mit der Zeit hat dies Mittel Erfolg, und der Schleier der Vergessenheit senkt sich über das Antlitz des Toten. Weniger Liebenswertes wird dann geliebt, weil ihm dann nicht mehr das Vortrefflichste gegenübersteht. Aber ich, die ich nicht nach der gewöhnlichen Weise verwitweter Frauen jammern darf, suche nach einem Mittel, um meinen Schmerz zu mildern, und doch, wenn es möglich wäre, meine Liebe zu vermehren. Ich kann augenblicklich keines finden, das eurem teuren Vater gerechter würde und mich mehr tröstete, als sein Gedächtnis zu bewahren, welches ich nicht mit solchen Schmeicheleien zu vergolden brauche, wie es erkaufte Priester am Grabe von wirklichen und vorgeblichen Ehrenmännern tun. Eine einfache, ungeschminkte Erzählung, die nur die reine Wahrheit berichtet, wird ihn mit höherem Ruhme bedecken, als alle Lobpreisungen der besten Federn je den Tugenden eines Mannes weihen konnten.«</p><p>Folgendes Bild entwirft sie nun von ihrem Gatten:</p><p>»Seine eheliche Liebe war so groß, daß er als Vorbild für Ehre, Freundlichkeit und Religion in diesem Verhältnis hätte dienen können. Nie hatte ein Mann eine größere Leidenschaft zu einer Frau oder eine größere Hochachtung. Dabei war er ihr nicht untertan und entäußerte sich nie jener obersten Herrschaft, der zu gehorchen ihr eine Ehre war, sondern führte die Zügel der Herrschaft mit solcher Klugheit und Liebe, daß es der Frau an Verstand hätte gebrechen müssen, die an solcher Unterwerfung nicht Vergnügen gefunden hätte.</p><p>Er herrschte nur durch Überredung, und er verlangte nur solche Dinge von ihr, die ihr zu Ehr' und Nutzen gereichten; denn er liebte ihre Seele und Ehre mehr als ihr Äußeres; er hatte für sie eine beständige Nachsicht, welche mehr wert war als die nur vorübergehende Leidenschaft verliebter Narren. Wenn er sie mehr liebte, als sie es an sich verdiente, so war er der Schöpfer der Tugend, die er an ihr entdeckte, während sie nur seine eigene Vortrefflichkeit widerstrahlte. Sie lebte bei seinen Lebzeiten nur für ihn und was sie jetzt ist, kann im besten Falle nur sein bleicher Schatten sein.</p><p>So freigebig und großmütig war er gegen sie, daß er nichts von Gütertrennung wissen wollte, und sein Vermögen stand so vollständig zu ihrer Verfügung, daß er nie Rechenschaft über ihre 
      <a id="page196" name="page196" title="gary/yara"/> Ausgaben forderte. Er war so beständig in der Liebe, daß er, als sie nicht mehr jung und lieblich war, seine Zärtlichkeit noch vermehrte. Er liebte sie unaussprechlich innig und hochherzig. Doch war auch diese große Liebe einer höheren untergeordnet: Er liebte sie als sein Mitgeschöpf, nicht als sein Idol, aber in einer Weise, die zeigte, daß die Ehe, die auf die Regeln der Pflicht und Ehre gegründet ist, alle unerlaubten Leidenschaften der Welt weit übertrifft. Er liebte seinen Gott noch mehr als sie und alles, was seinem Herzen teuer war, und hätte zu seiner Ehre alles freudig hingegeben«.</p><p>Wir haben von dem Einfluß der Frau auf den Charakter des Mannes gesprochen. Es gibt wenige Männer, die sich dem Einfluß einer niedriger gesinnten Gattin entziehen können. Wenn sie das Gute und Edle in seiner Natur nicht kräftigen kann, wird sie ihn schnell zu sich herabziehen. So kann das Weib die guten Eigenschaften eines Mannes fördern oder ersticken.</p><p>Frauen sind nicht nur die besten Gefährten, Freunde und Tröster, sondern sie haben sich bisweilen auch als wirksame Gehilfen bei den besonderen Arbeiten ihrer Gatten erwiesen. Galvani war hier besonders glücklich daran. Seine Frau war die Tochter des Professors Galeazzi, und sie soll zuerst darauf aufmerksam geworden sein, daß ein Froschschenkel in der Nähe einer Elektrisiermaschine in Zuckungen geriet, wenn man ihn mit einem Messer berührte. Dadurch soll ihr Mann veranlaßt worden sein, sich mit jenem Wissenszweig zu beschäftigen, der seitdem seinen Namen trägt. Auch die Frau Lavoisiers besaß wirkliche wissenschaftliche Begabung und sie teilte nicht nur seine Arbeiten, sondern gravierte auch die Platten zu den Abbildungen seiner Elemente.</p><p>Der Geologe Buckland fand ebenfalls eine treue Gehilfin in seiner Frau, welche ihn mit ihrer Feder unterstützte, seine Fossilien präparierte und ergänzte und viele der Zeichnungen und Illustrationen in seinen Werken anfertigte. »Bei allem Interesse, das sie an den Bestrebungen ihres Gatten nahm,« sagt ihr Sohn Frank Buckland in der Vorrede zu einem Buche seines Vaters, »vernachlässigte sie die Erziehung ihrer Kinder nicht, sondern überwachte jeden Morgen ihre Unterweisung in gesunden und nützlichen Kenntnissen. Ihre Kinder wissen jetzt, in reiferen Jahren, den wahren Wert ihrer Arbeit richtig zu schätzen und fühlen dankbar, welchen Segen sie an ihrer Mutter hatten.«</p><p>Über die Mitarbeit, die sie ihrem Gatten leistete, sagt Frank Buckland: »Während der langen Zeit, die Dr. Buckland zu der Abfassung des Buches brauchte, das ich jetzt die Ehre habe, herauszugeben, 
      <a id="page197" name="page197" title="andromeda/yara"/> saß meine Mutter wochen- und monatelang Nacht für Nacht auf, um nach dem Diktate meines Vaters zu schreiben. Das dauerte oft so lange, bis die Morgensonne sich durch die Fensterläden hereinstahl und den Gatten ermahnte, vom Denken, die Gattin, vom Schreiben auszuruhen. Nicht nur mit der Feder leistete sie ihm Beistand, sondern ihr angeborenes Zeichentalent setzte sie in den Stand, genaue Illustrationen und vorzügliche Zeichnungen zu liefern, von denen sich viele in Dr. Bucklands Werken finden. Sie besaß auch in der Ausbesserung zerbrochener Fossilien besondere Geschicklichkeit, und viele Schaustücke, die sich jetzt im Oxforder Museum in natürlicher Form und Schönheit darbieten, waren früher ein Haufen zerbrochener und zerbröckelter Fragmente, die durch ihren beharrlichen Fleiß zu einer Gestalt verbunden wurden«.</p><p>Ein noch bemerkenswerteres Beispiel für weibliche Hilfsbereitschaft bietet sich in der Frau des Genfer Naturforschers Huber dar. Huber war seit seinem siebzehnten Jahre blind und doch gelang es ihm, einen Zweig der Naturwissenschaft zu studieren und zu beherrschen, der die größte Beobachtung und die schärfste Sehkraft erforderte. Durch die Augen seiner Frau arbeitete sein Geist, als ob es die eigenen gewesen wären. Sie ermutigte ihren Gatten in seinem Studium als ein Mittel, sein Unglück zu vergessen, was allmählich auch geschah; und sein Leben war ebenso lang und glücklich wie das der meisten Naturforscher. Er erklärte sogar, er würde sich elend fühlen, wenn er das Augenlicht wieder erlangte. »Ich würde dann nie erfahren,« sagt er, »wie sehr eine Person in meiner Lage geliebt wird; außerdem ist für mich meine Frau immer jung, frisch und schön, was nicht wenig heißen will.« Hubers Hauptwerk über die »Bienen« wird noch immer als ein Meisterwerk angesehen. Es enthält eine Menge persönlicher Beobachtungen über ihre Gewohnheiten und Naturgeschichte, und wenn man seine Beschreibungen liest, wird man annehmen, daß der Verfasser sehr gut sah und nicht seit fünfundzwanzig Jahren blind war, als er dies Buch schrieb.</p><p>Nicht weniger rührend war die Hingabe, mit der Lady Hamilton sich dem Dienste ihres Gatten, dem verstorbenen Sir William Hamilton, Professor der Logik und Metaphysik an der Universität Oxford, widmete. Nachdem ihn im Alter von sechsundfünfzig Jahren infolge von Überarbeitung der Schlag gerührt hatte, wurde sie Hand, Auge und Geist, kurz alles für ihn. Sie nahm teil an seiner Arbeit, schrieb und korrigierte seine Vorlesungen und nahm ihm alle Arbeit ab, deren sie sich unterziehen konnte. Ihre Führung als Gattin war geradezu heldenhaft, und 
      <a id="page198" name="page198" title="gary/yara"/> wahrscheinlich würde ohne ihre Hilfe, die über das gewöhnliche Maß hinausging, das größte Werk ihres Gatten nicht entstanden sein. Er war von Natur unmethodisch und unordentlich, und sie erfüllte ihn mit Methode und Ordnung. Er liebte das Studium, war aber träge, während sie tätig und energisch war. Sie besaß in reichem Maß die Eigenschaften, die ihm mangelten. Er hatte das Genie, wozu ihr starker Charakter Kraft und Nachdruck gab.</p><p>Als Sir William Hamilton nach langem und heftigem Streite eine Professur erhielt, prophezeiten seine Gegner, die ihn für einen Phantasten hielten, daß er nie eine ordentliche Vorlesung halten könne und daß sich seine Wahl als ein vollständiger Mißgriff erweisen würde. Er beschloß mit Hilfe seiner Frau, seine Wahl zu rechtfertigen und seine Feinde Lügen zu strafen. Da er keinen Vorrat von Vorlesungen bei der Hand hatte, so arbeitete er jede Vorlesung des ersten Kursus so aus, wie sie am nächsten Morgen gehalten wurde. Seine Frau saß allnächtlich auf, um die Vorlesungen von den Blättern, die er im Nebenzimmer vollkritzelte, schön abzuschreiben. »Bisweilen,« sagt sein Biograph, »wenn der Gegenstand ungewöhnlich schwierig war, saß Sir William bis neun Uhr morgens am Schreibtisch, während seine treue, aber nun ermüdete Gehilfin auf dem Sofa eingeschlummert war.«</p><p>Bisweilen wurde erst kurz vor dem Beginn der Vorlesung die letzte Hand an die Arbeit gelegt. So beendigte Sir William mit Hilfe seiner Gattin seinen Kursus; sein Ruf als Dozent war begründet und er war bald in ganz Europa als einer der führenden Geister seiner Zeit bekannt.</p><p>Eine Frau, welche durch ihre Gegenwart die Sorgen erleichtert und die Reizbarkeit durch ihre Sanftmut beruhigt und mildert, ist eine Trösterin wie auch eine wahre Gehilfin. Niebuhr bezeichnete seine Frau immer als seine Mitarbeiterin in diesem Sinne. Ohne den Frieden und Trost, den er in ihrer Gesellschaft fand, würde sein Streben verhältnismäßig nutzlos gewesen sein. »Ihre Sanftmut und Liebe,« sagte er, »erheben mich über die Erde und lösen mich gewissermaßen von diesem Leben los.« Aber sie half ihm auch auf andere, direktere Weise. Niebuhr pflegte jede historische Entdeckung, jedes politische Ereignis, jede Neuheit in der Literatur mit seiner Frau zu erörtern, und er arbeitete zunächst um ihren Beifall, ihre Billigung und dann erst zur Belehrung der Welt.</p><p>Auch John Stuart Mills Gattin war eine würdige Gehilfin ihres Mannes, wenn auch auf einem schwierigeren Gebiet, wie mir es aus der rührenden Widmung der Abhandlung »Aber die 
      <a id="page199" name="page199" title="andromeda/yara"/> Freiheit« erfahren: – »dem geliebten und beweinten Andenken derjenigen, die mich zu den besten meiner Schriften begeisterte oder sie zum Teil verfaßte – der Freundin und Gattin, deren Sinn für Wahrheit und Recht mein stärkster Antrieb, deren Beifall mein schönster Lohn war – widme ich dies Buch.« Nicht weniger rührend ist das Zeugnis, das ein anderer großer Schriftsteller von dem Charakter seiner Frau ablegt. Auf dem Grabstein der Frau Carlyle auf dem Friedhofe zu Haddington stehen folgende Worte: »In ihrem Leben hatte sie mehr als gewöhnlich Sorgen, aber auch eine sanfte Festigkeit, ein klares Urteil und eine edle Treuherzigkeit, die selten vorkommen. Vierzig Jahre lang war sie die treue und geliebte Gehilfin ihres Gatten, die nicht müde wurde, ihn mit Wort und Tat zu jedem würdigen Unternehmen anzuspornen, das er vollbrachte oder versuchte.«</p><p>Nicht nur eine Gehilfin, auch eine Trösterin ihres Gatten kann die Frau sein. Ihre Teilnahme wird nie versagt, und sie besänftigt, erheitert und tröstet ihn. Ganz besonders deutlich zeigt sich dies bei der Frau Tom Hoods, die sich ihm in seinem Leben, das nur eine fortgesetzte Krankheit war, aufopferte, eins der ergreifendsten Schauspiele in einer Lebensgeschichte. Eine hervorragend kluge Frau, erkannte sie das Genie ihres Gatten und tröstete und stärkte ihn durch ihren Zuspruch und ihre Teilnahme zu immer erneuter Anstrengung in dem schweren Kampfe des Lebens. Sie schuf um ihn eine Atmosphäre von heiterer Hoffnungsfreudigkeit, und nie glänzte der Sonnenschein ihrer Liebe so hell, als an dem Krankenlager ihres Gatten.</p><p>Er war sich ihres Wertes aber auch bewußt. In einem Briefe an sie, als sie abwesend war, schrieb Hood: »Ich war nichts, Teuerste, bis ich Dich kennen lernte, und ich bin seitdem besser, glücklicher und erfolgreicher gewesen. Diese Wahrheit mußt Du sorgfältig aufheben, Geliebte, und mich daran erinnern, wenn ich sie vergesse. Wenn ich warm und zärtlich schreibe, tue ich das nicht ohne guten Grund. Erstens, wegen Deines letzten, lieben Briefes, dann die Erinnerung an unsere süßen Kleinen, die Pfänder – und was für Lieblinge – unserer alten, innigen Liebe, seiner das lebhafte Verlangen, mein überströmendes Herz vor dem Deinigen auszuschütten und zuletzt, aber nicht am wenigsten die Gewißheit, daß Deine lieben Augen das lesen werden, was meine Hand jetzt schreibt. Vielleicht habe ich auch den Hintergedanken, daß, wenn mir etwas begegnen sollte, meine liebe Frau ein Zeugnis meiner Feder von ihrer Zärtlichkeit, Vortrefflichkeit und Würdigkeit, kurz ihrer Weiblichkeit hat.« In einem anderen Briefe, den er auch während einer kurzen 
      <a id="page200" name="page200" title="andromeda/yara"/> Trennung an seine Gattin richtete, kommt ein Zug vor, der seine tiefe Liebe zu ihr zeigt: »Ich ging in den Park und wandelte unsern Spaziergang wieder, setzte mich auf denselben Sitz und fühlte mich glücklicher und besser.«</p><p>Frau Hood war ihrem Manne nicht nur eine Trösterin, sie half ihm auch bei seiner Arbeit. Er setzte solches Vertrauen in ihr Urteil, daß er mit ihrem Beistand alles, was er schrieb, von neuem durchging und korrigierte. Viele seiner Werke waren zuerst ihr gewidmet, und ihr gutes Gedächtnis lieferte ihm die notwendigen Quellenangaben und Zitate. So wird Frau Hood in der Liste der edlen Frauen großer Männer immer einen hervorragenden Platz einnehmen.</p><p>Auch Lady Rapier, die Gattin von William Rapier, dem Geschichtsschreiber des Krieges in Spanien, war ihrem Manne eine ebenso tätige Gehilfin. Sie ermutigte ihn, das Werk zu beginnen, und ohne ihre Hilfe würde er großen Schwierigkeiten bei der Abfassung begegnet sein. Sie übersetzte die ungeheure Menge von Dokumenten, von denen viele in Chiffreschrift geschrieben waren und machte Auszüge aus ihnen. Als man dem Herzog von Wellington von der Kunst und dem Fleiß erzählte, mit dem sie die Geheimkorrespondenz des Königs Joseph und die Menge von Briefschaften entzifferte, die man bei Viktoria genommen hatte, sagte er: »Ich hätte damals 20 000 Pfund dafür gegeben, wenn mir das irgend jemand hätte besorgen können.« Da Sir Williams Handschrift fast unleserlich war, so schrieb Lady Rapier seine vielfach korrigierten Manuskripte, die er selbst kaum lesen konnte, schön für den Druck ab. Diese ganze Arbeit unternahm sie, ohne nach dem Zeugnis ihres Gatten die Sorge um den Haushalt und die Erziehung der Kinder zu vernachlässigen. Als Sir William auf dem Totenbett lag, war Lady Rapier selbst schwer krank. Aber man rollte sie auf einem Sofa in sein Zimmer und so nahmen beide schweigend Abschied voneinander. Der Gatte starb zuerst, wenige Wochen später folgte sie ihm und beide ruhen in einem Grab Seite an Seite.</p><p>Prüfungen und Leiden stellen eine Ehe erst auf die Probe. Sie entfalten den wahren Charakter und bringen oft die engste Verbindung hervor, ja sie können sogar die Quelle reinsten Glücks werden. Eine ununterbrochene Freude ist wie der fortgesetzte Erfolg weder für den Mann noch die Frau gut. Als Heines Gattin starb, begann er über den erlittenen Verlust nachzudenken. Sie hatten beide die Armut kennen gelernt und miteinander bekämpft. Es war sein größter Schmerz, daß sie ihm entrissen wurde, als das Glück ihm lächelte, aber zu spät, als daß sie 
      <a id="page201" name="page201" title="andromeda/yara"/> daran hätte teilnehmen können. »Ach,« sagte er, unter meine Sorgen muß ich sogar ihre Liebe rechnen – die stärkste und treuste, die je in einem Frauenherzen wohnte – die mich zum Glücklichsten der Sterblichen machte und doch für mich eine Quelle von tausend Kümmernissen, Beunruhigungen und Sorgen war. Zu vollkommener Heiterkeit gelangte sie vielleicht nie; aber was für eine unaussprechliche Süßigkeit, was für hohe, bezaubernde Freuden verdankt die Liebe nicht dem Kummer! Unter wachsenden Sorgen und bitterer Herzensqual bin ich doch durch diesen Verlust, der mir diese Sorgen und Qualen verursacht, unaussprechlich glücklich! Wenn die Tränen unsere Wangen netzten, strömte da nicht ein namenloses, selten gefühltes Entzücken durch meine Brust, die von Sorgen und Freuden gleich bedrückt war!«</p><p>Der deutschen Liebe wohnt eine Sentimentalität inne, die den englischen Leser seltsam berührt. Wir finden Proben in den Lebensbeschreibungen von Novalis, Jung-Stilling, Fichte, Jean Paul und anderen. Die deutsche Verlobung ist eine fast ebenso wichtige Zeremonie wie die Heirat selbst, und Brautleute können dort ihre Zuneigung frei kundgeben, während sie in England zurückhaltend und scheu sind, als ob sie sich ihrer Gefühle schämten. Man denke z. B. an Herder, den seine zukünftige Frau zuerst auf der Kanzel sah. »Ich hörte,« sagt sie, »die Stimme eines Engels und herzbewegende Worte, wie ich sie noch nie vernommen. Am Nachmittage traf ich ihn und stammelte meinen Dank; seit dieser Zeit gehörten unsere Seelen einander.« Sie verlobten sich lange zuvor, ehe ihnen ihre Mittel eine Heirat ermöglichten, aber schließlich wurden sie doch vereint. »Wir wurden bei dem rosigen Licht eines schönen Abends vermählt,« sagt Frau Caroline. »Wir waren ein Herz, eine Seele.« Herder war in ebensolcher Begeisterung. »Ich habe eine Frau,« schrieb er an Jakobi, »die der Baum des Lebens, der Trost und das Glück meines Lebens ist. Auch in flüchtigen, vorübergehenden Gedanken, die uns zuweilen überraschen, sind wir eins.«</p><p>Bei Fichte ist die Geschichte seiner Brautwerbung und Heirat eine schöne Episode. Er war ein armer deutscher Student und lebte als Hauslehrer in einer Familie in Zürich, als er zuerst die Bekanntschaft von Johanna Maria Rahn, einer Nichte Klopstocks, machte. Obwohl ihre Lebensstellung höher war als die seinige, betrachtete sie ihn doch mit aufrichtiger Bewunderung. Als Fichte Zürich verlassen wollte, nachdem er sich mit ihr verlobt hatte, bot sie ihm Geld an, da sie seine Armut kannte. Dieses Anerbieten verletzte ihn unsäglich und er zweifelte zuerst 
      <a id="page202" name="page202" title="andromeda/yara"/> sogar an ihrer Liebe; aber dann drückte er ihr schriftlich seinen Dank aus und legte ihr die Unmöglichkeit dar, ihr Anerbieten anzunehmen. Er erreichte sein Ziel, obwohl aller Mittel entblößt. Nach langem und hartem Kampfe, der mehrere Jahre andauerte, gewann Fichte doch eine Stellung, in der er heiraten konnte. In einem seiner reizenden Briefe an seine Braut sagt er ... »Und, Geliebteste, so widme ich mich Dir feierlich und danke Dir, daß Du mich nicht für unwert gehalten hast, dein Lebensgefährte zu sein ... Das Leben ist kein Land der Glückseligkeit – das weiß ich jetzt – sondern eine Stätte der Arbeit, wo jede Freude uns zu größerer Arbeit anspornt. Hand in Hand wollen wir hindurchgehen und einander ermutigen und stärken, bis unser Geist, o möge es vereint geschehen, sich zu der Stätte ewigen Friedens schwingt.«</p><p>Welcher Gegensatz besteht zwischen der Werbung und dem Eheleben des barschen und praktischen William Cobbett und der ästhetischen und sentimentalen Liebe dieser hochgebildeten Deutschen! Er war nicht weniger ehrlich, nicht weniger wahr, aber manche hätten ihn für verhältnismäßig gewöhnlich und rauh gehalten. Als Cobbett das Mädchen zum ersten Male erblickte, das später seine Frau werden sollte, war sie erst dreizehn und er einundzwanzig Jahre alt – er war Feldwebel in einem Infanterieregiment zu St. John in Neubraunschweig. Er ging eines Tages im Winter an ihrem väterlichen Hause vorbei und sah das Mädchen im Schnee stehen und einen Waschzuber scheuern. Er sagte sofort zu sich: »Das ist ein Mädchen für mich.« Er lernte sie kennen und war fest entschlossen, sie zu heiraten, wenn er loskommen würde.</p><p>Am Vorabend ihrer Abreise nach Woolwich, wohin sie mit ihrem Vater, einem Wachtmeister der Artillerie, zurückkehrte, sandte ihr Cobbett hundertfünfzig Guineen, die er sich erspart hatte, damit sie unterwegs nicht für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten brauchte. Das Mädchen reiste ab und nahm das Geld mit. Fünf Jahre später kam Cobbett vom Militär los. Sobald er London erreicht hatte, eilte er sofort zu der Wachtmeisterstochter. »Ich fand,« sagt er, »mein Mädchen als Dienstmädchen (bei schwerer Arbeit) um fünf Pfund jährlich im Hause des Kapitäns Brisac. Fast ohne ein Wort zu sagen, legte sie die ganze Summe von hundertundfünfzig Guineen in meine Hand.« Jetzt kam zu seiner Liebe noch Bewunderung für ihr Betragen dazu, und er heiratete sie kurz danach. Sie erwies sich als eine ausgezeichnete Frau und er wurde nie müde, ihr Lob zu singen, und ihr schrieb er mit Stolz die Behaglichkeit und viele seiner späteren Erfolge zu.</p><p><a id="page203" name="page203" title="Darkangel176/yara"/> Obgleich Cobbett bei Lebzeiten für einen rauhen, harten, praktischen, vorurteilsvollen Mann angesehen wurde, so ging doch ein starker Unterstrom Poesie durch seine Natur und während er gegen Sentimentalität eiferte, waren wenige Menschen so gefühlvoll im besten Sinne wie er. Er hatte für den Charakter der Frauen die zarteste Rücksicht. Er achtete ihre Reinheit und Tugend, und in seinem »Ratgeber für junge Leute« hat er die echt weibliche Frau gezeichnet – das hilfreiche, heitere, liebevolle Weib – mit einer Lebendigkeit und Klarheit und dabei doch einer Fülle von Verstand, die von keinem englischen Schriftsteller übertroffen wurden. Cobbett war alles andere als feingebildet in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber er war rein, mäßig, selbstverleugnend, fleißig, kräftig und energisch, alles in hervorragendem Maße. Viele seiner Ansichten waren ohne Zweifel falsch, aber sie waren seine eigenen, denn er bestand darauf, über alles selbst nachzudenken. Obwohl wenige Menschen das Leben mit noch festerem Griffe packten, sind doch noch weniger Menschen mehr als er vom Idealismus beherrscht worden. In der Schilderung seiner Empfindungen ist er unübertroffen. In der Tat kann Cobbett als einer der größten Prosadichter, die das englische wirkliche Leben schildern, angesehen werden.</p></div><div class="chapter" id="chap013"><h3>12. Kapitel. Die Schule der Erfahrung</h3><div class="motto"><p>Komme, was kommen mag,
        <br/> die Stunde rinnt auch durch den rauhesten Tag.</p></div><p>Praktische Weisheit läßt sich nur in der Schule der Erfahrung lernen. Vorschriften und Unterweisungen sind zwar recht nützlich; aber ohne die Schule des wirklichen Lebens bleiben sie nur Theorie. Erst gegenüber dem rauhen Daseinskampfe erhält der Mensch jenen echten Klang seines Charakters, der sich nie durch Lesen oder Unterricht, sondern nur durch die Berührung mit den Leidenschaften der Menschen erwerben läßt.</p><p>Der Charakter hat nur dann einen Wert, wenn er in der Welt der täglichen Arbeit, Versuchungen und Prüfungen standhalten und das Einerlei des tätigen Lebens ertragen kann. Eine klösterliche Tugend hat nicht viel zu bedeuten. Das Leben, 
      <a id="page204" name="page204" title="Darkangel176/yara"/> welches sich an der Einsamkeit erfreut, kann nur selbstsüchtig sein. Die Abgeschlossenheit kann Weltverachtung anzeigen, obwohl sie gewöhnlich mehr der Indolenz, Feigheit und Selbstverzärtelung entspringt. Jedem menschlichen Wesen gebührt sein wohlgemessener Anteil an Arbeit und Pflichterfüllung, und er kann ihm ohne Verlust für das Individuum selbst wie für die Allgemeinheit nicht entlassen werden. Nur durch Einmischung in das tägliche Leben der Welt und Anteilnahme an ihren Angelegenheiten kann eine praktische Kenntnis und Weisheit erworben werden. Darin finden wir unsere Hauptsphäre, daß wir arbeiten lernen und daß wir uns zu jener Geduld, Emsigkeit und Ausdauer erziehen, die den Charakter gestalten und festigen. So meistern wir die Schwierigkeiten, Prüfungen und Versuchungen, die unserem ganzen späteren Leben eine besondere Färbung geben, je nachdem wir uns mit ihnen abfinden, und dort nimmt uns das Leiden in seine hohe Schule, in der wir mehr lernen als in der sicheren Abgeschlossenheit des Studierzimmers oder des Klosters.</p><p>Auch zur Selbsterkenntnis ist die Berührung mit anderen erforderlich. Nur wenn man sich in das Weltgetriebe mischt, kann man ein richtiges Urteil über seine Kräfte gewinnen. Ohne diese Erfahrung wird man leicht dünkelhaft, aufgeblasen und arrogant, auf alle Fälle bleibt man aber unwissend in bezug auf sich selbst, wenn man auch bisher keine andere Gesellschaft als nur sich selbst gehabt hat. Swift sagte einst: »Es ist eine unbestreitbare Wahrheit, daß niemand je eine schlechte Figur spielte, der seine Fähigkeiten kannte, und daß ebenso nie jemand eine gute spielte, der sich nicht kannte.« Viele Personen sind aber viel eher bereit, die Fähigkeiten anderer als die ihrigen abzumessen. »Bringt ihn mir her,« sagte ein gewisser Dr. Tronchin zu Genf über Rousseau, »damit ich sehe, ob etwas an ihm ist,« dabei hätte aber wahrscheinlich Rousseau leichter Tronchin, als Tronchin ihn beurteilen können.</p><p>Daher ist eine gewisse Selbsterkenntnis für jeden erforderlich, der in der Welt etwas sein oder tun will. Sie ist auch wesentlich für die Bildung einer bestimmten persönlichen Überzeugung. Friedrich Perthes sagte einst zu einem jungen Manne: »Sie wissen nur zu wohl, was Sie tun können; aber ehe Sie nicht erfahren haben, was Sie nicht können, werden Sie nie etwas Bedeutendes in der Welt leisten, noch inneren Frieden kennen.«</p><p>Wer die Erfahrung benutzen will, darf sich nicht zu erhaben fühlen, manchmal um Hilfe zu bitten. Wer sich immer zu weise dünkt, etwas von anderen zu lernen, wird nie etwas Gutes oder Großes tun können. Wir müssen Herz und Geist offen 
      <a id="page205" name="page205" title="andromeda/yara"/> halten und uns nicht schämen, von Weiseren und Erfahreneren zu lernen.</p><p>Ein Mensch, der durch Erfahrung klug geworden ist, bemüht sich, alles, was er beobachtet und was im täglichen Leben vorkommt, richtig zu beurteilen. Was wir gesunden Menschenverstand nennen, ist größtenteils nur das Resultat klug angewandter Erfahrung. Man braucht keine besondere Geschicklichkeit, um sie zu erwerben, sondern vielmehr Geduld, Genauigkeit und Achtsamkeit. Hazlitt hielt intelligente Geschäftsleute und Weltmänner für die verständigsten Leute, da sie nach dem urteilen, was sie sehen und wissen, anstatt sich Hirngespinste zu bilden, wie die Dinge sein sollten.</p><p>Aus demselben Grunde entfalten die Frauen oft mehr gesunden Menschenverstand als die Männer, da sie weniger Vorurteile haben und die Dinge infolge des unwillkürlichen Eindrucks auf den Geist natürlicher beurteilen. Ihre Beobachtungsgabe ist schärfer, ihr Begriffsvermögen schneller, ihre Sympathie lebhafter und ihr Benehmen paßt sich mehr dem besonderen Zweck an. Daher ihr größerer Takt im Verkehr mit anderen, und daher gelingt es Frauen von geringen Geistesgaben, sogar die unlenksamsten Männer zu lenken und zu beherrschen. Pope zollte dem Takt und gesunden Verstand der Königin Maria, Gemahlin Wilhelms III., großes Lob, wenn er von ihr sagte, daß sie zwar nicht Gelehrsamkeit, aber, was mehr wert wäre, Klugheit besäße. Das ganze Leben kann als eine Schule der Erfahrung angesehen werden, wo die Menschen die Zöglinge sind. Wie in der Schule müssen dabei viele Lektionen auf Treu und Glauben hingenommen werden. Wir verstehen sie manchmal nicht und finden es schwer, sie zu lernen, besonders wenn Prüfungen, Sorgen, Versuchungen und Schwierigkeiten die Lehrer sind; und dennoch müssen wir die Lehren nicht nur annehmen, sondern sie auch als göttliche Bestimmung anerkennen.</p><p>Was haben die Schüler dann für Vorteil von ihren Erfahrungen in der Schule des Lebens? Was für Nutzen haben sie aus der Gelegenheit zum Lernen gezogen? Was haben sie an Geistes- und Herzensbildung gewonnen? Was an Weisheit, Mut, Selbstbeherrschung? Haben sie im Wohlergehen ihre Unbescholtenheit bewahrt und das Leben mit Mäßigkeit genossen? Oder ist ihnen das Leben ein selbstsüchtiges Gelage gewesen, ohne daß sie sich um andere kümmerten? Was haben sie aus Prüfungen und Not gelernt? Haben sie Geduld, Ergebenheit und Gottvertrauen gelernt, oder nichts als Ungeduld, Grämlichkeit und Unzufriedenheit?</p><p><a id="page206" name="page206" title="Darkangel176/yara"/> Die Resultate der Erfahrung ergeben sich natürlich erst im Laufe des Lebens, sie sind also eine Frage der Zeit. Ein erfahrener Mann lernt auf die Zeit als auf seine Gehilfin bauen. »Die Zeit und ich gegen zwei beliebige andere,« war ein Grundsatz des Kardinals Mazarin. Die Zeit soll verschönern und trösten, sie ist aber auch eine Lehrerin, denn Erfahrung und Weisheit werden durch sie genährt. Sie kann die Freundin oder Feindin der Jugend sein und sitzt tröstend oder peinigend im Alter zur Seite, wenn sie gut oder schlecht angewendet wurde und das vergangene Leben ein gutes oder schlechtes war.</p><p>»Die Zeit,« sagt George Herbert, »ist der Reiter, der die Jugend zügelt.« Wie schön erscheint die Welt dem Jüngling, wie voller Neuheit, Genuß und Freude! Aber wenn Jahre verstrichen sind, ist die Welt für uns eine Stätte der Sorge wie der Freude. Wie wir im Leben vorwärtsschreiten, so tun sich viele dunkle Pfade auf, Mühe, Leiden, Schwierigkeiten und vielleicht Unglück und Mißgeschick. Glücklich diejenigen, welche mit festem Geist und reinem Herzen hindurchschreiten können, die Schwierigkeiten mit Heiterkeit überwindend und auch unter der schwersten Last aufrecht stehend.</p><p>Ein wenig jugendliches Feuer ist eine große Hilfe im Leben und als energische Triebkraft nützlich. Es wird allmählich durch die Zeit abgekühlt und durch die Erfahrung gezügelt und unterdrückt, wie sehr es auch glühte. Aber es ist ein heilsames, hoffnungsvolles Anzeichen für den Charakter, und man sollte es in die richtige Bahn lenken und nicht durch Spott unterdrücken. Es ist ein Zeichen für eine kräftige selbstlose Natur, wie der Egoismus eines für eine enge und beschränkte. Wenn man sein Leben mit Selbstsucht und Dünkel beginnt, wird alle Größe und Kraft des Charakters erstickt. Das Leben wäre in diesem Falle wie ein Jahr ohne Frühling. Ohne eine hochherzige Saat ist es ein Sommer ohne Blüten und ein unfruchtbarer Herbst. Und die Jugend ist der Frühling des Lebens, und wenn sie keine Begeisterung kennt, wird darin wenig versucht und noch weniger getan. Sie befördert auch die Arbeitskraft, flößt Vertrauen und Hoffnung ein und führt einen durch die trockenen Einzelheiten des Geschäfts und der Pflicht mit Heiterkeit und Freude.</p><p>»Eine tüchtige Beimischung von Romantik und Wirklichkeit bringt den Menschen am besten durchs Leben,« sagte Henry Lawrence. »Die Eigenschaft der Romantik oder Begeisterung ist als eine Energie zu betrachten, die den menschlichen Geist allezeit zu den edelsten Anstrengungen antreibt.« Sir Henry ermahnt stets die jungen Leute, daß sie die Begeisterung nicht 
      <a id="page207" name="page207" title="andromeda/yara"/> unterdrücken, sondern eifrig pflegen und leiten sollten als ein Gefühl, das zu weisen und edlen Zwecken eingepflanzt wäre. »Wenn Idealismus und Realismus richtig gemischt sind, so verfolgt dieser einen geraden rauhen Pfad zu einem wünschenswerten praktischen Ziel, während der Idealismus den Weg erleichtert, dadurch, daß er auf die Schönheiten aufmerksam macht und dem Menschen die tiefe und feste Überzeugung einflößt, daß es selbst in diesem dunklen materiellen Leben Freuden gibt, die ein Fremder nicht kennt, ein Licht, das allmählich zum hellen Tag wird.«</p><p>Wenn ein Mensch in einem großen Unternehmen Erfolg haben will, bedarf es der ganzen Kraft der Begeisterung. Ohne sie werden ihn der Widerstand und die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, besiegen; aber mit Mut und Beharrlichkeit, im Verein mit Enthusiasmus, fühlt der Mensch sich stark genug, jeder Gefahr und Schwierigkeit Trotz zu bieten. Wie groß war die Begeisterung des Kolumbus, der so fest an die Existenz eines neuen Weges nach Ostindien glaubte, daß er den Gefahren unbekannter Meere trotzte. Und als sich seine Umgebung in ihrer Verzweiflung gegen ihn erhob und ihn ins Meer zu werfen drohte, blieb er noch fest bei seiner Hoffnung und seinem Mut, bis das ersehnte Land am Horizont auftauchte. Der Tapfere läßt sich nicht abschrecken, sondern versucht immer wieder, bis er Erfolg hat. Der Baum fällt nicht auf einen Streich, sondern erst nach schwerer Arbeit. Wenn wir den Erfolg eines Mannes sehen, vergessen wir darüber häufig die Mühe, Leiden und Gefahren, durch die er ihn errungen hat. Als ein Freund des Marschalls Lefevre ihn wegen seiner Besitzungen und seines Glücks Komplimente machte, sagte der Marschall: »Sie beneiden mich darum? Nun, Sie sollen das alles billiger als ich haben. Stellen Sie sich in den Hof, ich werde auf dreißig Schritt Entfernung zwanzigmal auf Sie schießen. Wenn ich Sie nicht töte, gehört das alles Ihnen – Wie? Sie wollen nicht? Nun gut, aber erinnern Sie sich, daß man mehr als tausendmal und auf geringere Entfernung auf mich geschossen hat, ehe ich das alles erworben habe!« Auch die größten Männer mußten eine schwere Lehrzeit durchmachen; diese ist oft der beste Ansporn und das beste Bildungsmittel des Charakters. Sie erweckt Kräfte, die ohne sie geschlummert hätten. Wie Kometen zuweilen durch Sonnenfinsternisse sichtbar werden, so werden Helden bisweilen durch plötzliches Unglück entdeckt. Es scheint sogar, als ob das Genie manchmal wie Eisen und Feuerstein einen starken heftigen Schlag brauchte, um den göttlichen Funken zu sprühen. Es gibt Naturen, die 
      <a id="page208" name="page208" title="Darkangel176/yara"/> unter Schwierigkeit blühen und gedeihen und die in einer Atmosphäre des Behagens und Wohllebens dahinwelken würden. Es ist daher besser für die Menschen, wenn sie durch Schwierigkeiten zu Tätigkeit emporgerüttelt und zu Selbstvertrauen angehalten werden, als daß sie ihr Leben in nutzloser Apathie und Indolenz verbringen.</p><p>Ein großer Musiker sagte einst von einer talentvollen, aber leidenschaftslosen Sängerin: »Sie singt gut, aber es fehlt ihr ein gewisses Etwas und damit Alles. Wenn ich ledig wäre, würde ich mich um sie bewerben, sie heiraten, mißhandeln und ihr das Herz brechen; und in einem halben Jahre wäre sie die größte Sängerin in Europa.«</p><p>Der Kampf ist die Vorbedingung zum Sieg. Wenn es keine Versuchungen gäbe, gäbe es keine Selbstbeherrschung und die Tugend wäre nur ein geringes Verdienst; wenn es keine Schwierigkeiten gäbe, brauchte man auch keine Anstrengungen; wenn es keine Prüfungen und Leiden gäbe, so gäbe es auch keine Erziehung zu Geduld und Ergebenheit. So sind Schwierigkeiten, Bedrängnis und Leiden nicht ganz Übel, sondern oft die beste Quelle der Stärke, Disziplin und Tugend. Aus demselben Grunde ist es für einen Menschen oft gut, wenn er mit Armut kämpfen und sie besiegen muß. »Wer gekämpft hat,« sagt Carlyle, »und wäre es nur mit Armut und harter Arbeit, wird sich als stärker und erfahrener erweisen als der, welcher zu Hause blieb, sich bei den Proviantwagen versteckte oder bei dem Hausrat blieb.«</p><p>Gelehrte haben die Armut erträglicher gefunden als die Entziehung geistiger Nahrung. Reichtum belastet nur die geistige Spannkraft. »Ich möchte der Armut nur zurufen,« sagt Richter, »Sei willkommen! wenn du nicht zu spät im Leben kommst.« Wie Horaz erzählt, brachte ihn die Armut zur Dichtkunst und diese zu Varus, zu Virgil und Mäcenas. »Hindernisse«, sagt Michelet, »sind nur ein Ansporn. Ich hatte jahrelang nur meinen Birgil und befand mich wohl dabei. Ein vereinzelter Band Racine, der auf dem Kai gekauft wurde, hat den Dichter von Toulon geschaffen.«</p><p>Die Spanier sollen sich sogar in recht gemeiner Weise über die Armut des Cervantes gefreut haben, denn ihr schrieben sie seine großen Werke zu. Als der Erzbischof von Toledo den französischen Gesandten zu Madrid besuchte, äußerten die Herren im Gefolge des Franzosen ihre hohe Bewunderung vor den Schriften des Cervantes und drückten den Wunsch aus, den kennen zu lernen, der ihnen so großes Vergnügen bereitet hatte. Sie erhielten zur Antwort, daß Cervantes in der Armee seines 
      <a id="page209" name="page209" title="andromeda/yara"/> Vaterlandes gedient hätte und jetzt arm und alt wäre. »Wie,« rief einer der Franzosen aus, »lebt Señor Cervantes nicht in guten Verhältnissen? Warum unterstützt man ihn nicht aus dem Staatsschatz?« – »Gott behüte,« war die Antwort, »wie sollten wir seine Not lindern, da sie ihn zum Schreiben veranlaßt. Seine Armut ist es gerade, welche die Welt reich macht!«</p><p>Nicht so sehr der Wohlstand als die Bedrängnis, nicht so sehr das Glück als die Not entzünden die Beharrlichkeit starker und gesunder Naturen, erregen ihre Energie und entwickeln ihren Charakter. Burke sagt von sich: »Man hat mich nicht zum Gesetzgeber gewiegt und aufgepäppelt. 
      <i>Nitor in adversum</i> ist das Motto für manche Leute.« Manchen Menschen braucht sich nur eine große Schwierigkeit in den Weg zu stellen, so enthüllt sich die Kraft ihres Charakters und Genies, und die einmal überwundene Schwierigkeit wird eins der stärksten Antriebsmittel auf ihrem ferneren Weg.</p><p>Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß die Menschen nur durch den Erfolg vorwärts kommen; sie gelangen noch häufiger durch Mißerfolge ans Ziel. Die bei weitem beste Lebenserfahrung der Menschen setzt sich zusammen aus der Erinnerung an Fehlschläge in den Angelegenheiten des Lebens. Solche Fehler spornen empfindliche Leute zu besserer Führung, größerem Takt und mehr Selbstbeherrschung an, um sie künftig zu vermeiden. Man frage den Diplomaten und er wird erzählen, daß er seine Kunst viel mehr durch Enttäuschungen, Niederlagen, Widerwärtigkeiten und Mißerfolge als durch Erfolge erlernt hat. Vorschriften, Studium und Ratschläge hätten ihm nie so viel wie ein Mißerfolg genützt. Er hat ihn experimentell unterrichtet und ihm gelehrt, was zu tun und – was bisweilen in der Diplomatie noch wichtiger ist – was nicht zu tun sei.</p><p>Manche haben immer wieder Mißerfolge überwinden müssen, ehe sie Glück hatten; wenn sie aber Energie haben, wird der Mißerfolg nur ihren Mut reizen und sie zu neuen Anstrengungen anspornen. Talma, der größte Schauspieler, wurde bei seinem ersten Auftreten ausgepfiffen. Lacordaire, einer der größten Kanzelredner der neueren Zeit, erlangte erst nach wiederholten Fehlschlägen seine Berühmtheit. Montalembert sagt von seinem ersten Auftreten in der St. Rochuskirche: »Es war ein gänzlicher Fehlschlag und beim Herausgehen sagte einer: ›Er mag wohl Talent haben, aber er wird nie ein Prediger werden‹.« Wieder und wieder versuchte es Lacordaire ohne Erfolg, doch schon zwei Jahre nach seinem ersten Auftreten predigte er in der Notre-Dame-Kirche vor so viel Zuhörern, wie sie wenig französische 
      <a id="page210" name="page210" title="Darkangel176/yara"/> Kanzelredner seit den Tagen des Bossuet und Massillon gehabt hatten. Als Cobden das erstemal als Redner in einer Volksversammlung zu Manchester auftrat, blamierte er sich vollständig, und der Vorsitzende mußte für ihn um Entschuldigung bitten. James Graham und Disraeli hatten auch zuerst kein Glück und wurden ausgelacht; nur durch Anstrengung und Fleiß gelangten sie zu Erfolgen. James Graham wollte in seiner Verzweiflung das öffentliche Reden ganz aufgeben. Er sagte zu seinem Freund Francis Baring: »Ich habe es auf alle Weise versucht, aus dem Stegreif, nach Notizen, und aus dem Gedächtnis – aber ich bringe es nicht fertig. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich glaube, es wird mir nie gelingen.« Doch durch Beharrlichkeit wurde Graham wie Disraeli einer der wirksamsten und eindringlichsten Parlamentsredner. Ein Mißgeschick in einem Berufe hat oft weitblickende Menschen veranlaßt, sich einem anderen zuzuwenden. So würde das Mißgeschick Prideaux', der sich vergeblich um das Amt eines Küsters zu Ugboro in Devon bewarb, die Ursache daß er sich dem Studium zuwandte und Bischof von Worcester wurde. Als Boileau, der zum Rechtsanwalt bestimmt war, sein erstes Plaidoyer hielt, mußte er unter Lachstürmen aufhören. Dann versuchte er sich als Kanzelredner, aber mit ebensowenig Erfolg. Hierauf wandte er sich mit vielem Glück der Poesie zu. Fontenelle und Voltaire hatten beide als Rechtsanwälte kein Glück. Cowper blamierte sich durch seine Befangenheit und Schüchternheit, als er das erstemal plädierte; aber im Laufe seines Lebens erneute er die Poesie in England. Montesquieu und Bentham hatten beide als Rechtsanwälte kein Glück und verließen diesen Beruf, um sich einem sympathischeren zuzuwenden – und doch hinterließ der letztere einen Schatz legislativer Weisheit. Goldsmith bemühte sich vergeblich, Wundarzt zu werden, aber er schrieb »Das verlassene Dorf« und den »Landprediger von Wakefield«; während Addison kein Glück als Redner hatte, schrieb er »Sir Roger de Coverley« und zahlreiche berühmte Aufsätze für den »
      <i>Spectator</i>«.</p><p>Auch das Fehlen eines wichtigen Sinnes, wie des Gesichts oder Gehörs, hat mutige Männer nicht davon abgeschreckt, den Kampf des Lebens mit Eifer aufzunehmen. Als Milton erblindete, ließ er sich nicht niederdrücken und steuerte mutig vorwärts.« Seine größten Werke entstanden zu der Lebenszeit, wo er am meisten litt, als er arm, krank, alt, blind, verleumdet und verfolgt war.</p><p>Das Leben einiger der größten Männer ist ein beständiger Kampf mit Schwierigkeiten und Niederlagen gewesen. Dante 
      <a id="page211" name="page211" title="andromeda/ami"/> schuf sein größtes Werk, als er in der Verbannung lebte. Von der ihm feindlichen Partei vertrieben, wurde sein Haus der Plünderung preisgegeben und er selbst in 
      <i>contumaciam</i> zum Scheiterhaufen verdammt. Als ein Freund ihm mitteilte, er könne nach Florenz zurückkehren, wenn er Abbitte leiste, sagte er: »Nein! das ist nicht der Weg, der mich in meine Vaterstadt führen soll. Ich will schnell zurückkehren, wenn du oder ein anderer mir einen Weg zeigst, bei dem ich den Ruhm und die Ehre meines Geschlechts nicht verletze, aber wenn dies nicht geschehen kann, werde ich nicht nach Florenz zurückkehren.« Da seine Feinde unversöhnlich blieben, starb Dante nach zwanzigjähriger Verbannung im Exil. Sie verfolgten ihn noch übers Grab hinaus, denn sein Buch »
      <i>De Monarchia</i>« wurde auf Befehl des päpstlichen Legaten zu Bologna öffentlich verbrannt.</p><p>Auch Camoens schrieb seine großen Dichtungen fast alle in der Verbannung. Der Einsamkeit in Santarem müde, schloß er sich einer Expedition gegen die Mauren an, worin er sich durch seine Tapferkeit auszeichnete. Er verlor beim Entern eines feindlichen Schiffes ein Auge. Zu Goa in Ostindien sah er mit Entrüstung die Grausamkeiten der Portugiesen gegen die Eingeborenen und machte dem Gouverneur deswegen Vorstellungen. Deshalb wurde er aus der Niederlassung verbannt und nach China geschickt. Im Verlauf seiner Abenteuer und Prüfungen erlitt Camoens Schiffbruch und rettete nur das Manuskript seiner »Lusiaden«. Überall schien ihm Verfolgung und Mühsal zu drohen. Zu Macao wurde er eingekerkert. Er entkam und schiffte sich nach Lissabon ein, wo er nach sechzehnjähriger Abwesenheit arm und verlassen ankam. Seine »Lusiaden«, die kurz danach veröffentlicht wurden, brachten ihm viel Ruhm, aber kein Geld. Ohne seinen alten indischen Sklaven Antonio, der für ihn bettelte, wäre Camoens verhungert.</p><p>Er starb schließlich in einem Armenhause, aufgerieben von Krankheit und Mühsal. Auf sein Grab setzte man die Inschrift: »Hier ruht Luis de Camoens: er übertraf alle Dichter seiner Zeit; er lebte und starb arm und elend MDLXXIX.« Diese wenig anmutige, aber wahre Inschrift ist seitdem entfernt worden und eine lügenhafte pompöse Grabschrift wurde an ihrer Statt dem größten Nationaldichter Portugals gesetzt.</p><p>Sogar Michelangelo war während des größten Teiles seines Lebens den Verfolgungen seiner Neider ausgesetzt – gemeine Adlige und Priester und Leute jeden Standes, die weder mit ihm sympathisieren noch seinen Genius begreifen konnten. Als Paul IV. einiges an seinem »Jüngsten Gericht« tadelte, sagte 
      <a id="page212" name="page212" title="Darkangel176/yara"/> der Künstler, der Papst täte besser, sich mit der Abstellung der Unordnung und Lasterhaftigkeit, welche die Welt schänden, zu befassen, als an seiner Kunst törichte Kritik zu üben.</p><p>Auch die Wissenschaft hat ihre Märtyrer gehabt, die sich ihren Weg zum Licht durch Schwierigkeiten, Leiden und Verfolgungen erkämpften. Wir brauchen nicht nochmals an Giordano Bruno, Galilei und andere zu erinnern, die wegen der vermeintlichen Ketzerei ihrer Ansichten verfolgt wurden. Aber es hat noch andere Unglückliche gegeben, deren Genie sie nicht vor der Wut ihrer Feinde retten konnte. So wurden der berühmte französische Astronom Bailly (ehemals Maire von Paris) und der große Chemiker Lavoisier in der ersten französischen Revolution guillotiniert. Als dieser, nachdem er von dem Wohlfahrtsausschuß zu Tode verurteilt war, um einige Tage Aufschub bat, damit er das Resultat einiger während seiner Gefangenschaft angestellten Experimente feststellen könnte, verweigerte das Tribunal sein Gesuch und ließ ihn sofort hinrichten, – denn einer der Richter sagte: »die Republik braucht keine Philosophen.« In England zündete man dem Dr. Priestley, dem Vater der modernen Chemie, das Haus über dem Kopfe an und zerstörte unter dem Rufe »Fort mit den Philosophen« seine Bibliothek, so daß er ins Ausland floh, wo er auch starb.</p><p>Einige der größten Entdecker mußten ebenfalls ihr Werk unter Verfolgung, Not und Leiden tun. Columbus, der eine neue Welt entdeckte und sie der alten schenkte, wurde bei Lebzeiten von ebendenselben, die er reich gemacht, verleumdet, beraubt und verfolgt. Mungo Park ertrank in dem afrikanischen Flusse, den er entdeckte, aber nicht mehr beschreiben konnte, Clapperton erlag dem Fieber am Ufer des großen Sees, im Innern desselben Erdteils, der später von anderen wieder entdeckt und beschrieben wurde; Franklin kam in der Eiswüste um, vielleicht nachdem er die lange gesuchte nordwestliche Durchfahrt gefunden hatte – das alles gehört zu den traurigsten Ereignissen in der Geschichte der Entdeckungen und des Genies.</p><p>Ein besonders hartes Schicksal hatte der Seefahrer Flinders, der sechs Jahre lang auf Isle de France gefangen lag. Im Jahre 1801 segelte er von England auf dem »Investigator« ab, mit einem französischen Passe versehen, der alle französischen Gouverneure trotz des Krieges zwischen England und Frankreich anwies, ihm in dem heiligen Namen der Wissenschaft Schutz und Hilfe zu gewähren. Im Verlaufe seiner Reise erforschte er einen großen Teil von Australien, Vandiemensland und der Nachbarinseln. Da der »Investigator« leck und unbrauchbar wurde, 
      <a id="page213" name="page213" title="andromeda/ami"/> schiffte sich der Entdecker auf der »Pourpoise« als Passagier nach England ein, um der Admiralität die Ergebnisse seiner dreijährigen Arbeit zu unterbreiten. Auf der Heimreise strandete die »Pourpoise« auf einem Riff in der Südsee und Flinders erreichte mit einem Teil der Mannschaft in einem offenen Boote Port Jackson, obgleich dies etwa 750 Seemeilen entfernt war. Dort verschaffte er sich einen kleinen Schooner, die »Cumberland«, nicht größer als ein Gravesender Segelboot, und holte den Rest der Mannschaft, der auf dem Riff zurückgelassen worden war. Nachdem er sie gerettet hatte, schiffte er sich nach England ein, erreichte aber nur Isle de France, weil die »Cumberland,« ein elendes, schlecht gebautes Fahrzeug, unbrauchbar geworden war. Zu seiner Überraschung wurde er mit seiner ganzen Mannschaft gefangen genommen und ins Gefängnis geworfen, wo er trotz seines französischen Passes sehr brutal behandelt wurde. Was die Schrecken seiner Lage aber noch vermehrte, war der Gedanke, daß der französische Seefahrer Baudin, dem er bei seiner Forschungsreise an der Küste Australiens begegnet war, Europa zuerst erreichen und das Verdienst seiner Entdeckungen für sich in Anspruch nehmen würde. Es kam so, wie er erwartet hatte, und während Flinders noch immer auf Isle de France im Gefängnis lag, erschien der französische Atlas mit den neuen Entdeckungen, und alle Punkte, die Flinders und seine Vorgänger benannt, hatten neue Namen erhalten. Schließlich wurde Flinders nach sechsjähriger Gefangenschaft befreit, aber seine Gesundheit war gebrochen. Trotzdem verbesserte er unermüdlich seine Karten und arbeitete seine Reisebeschreibung aus. Er lebte noch lang genug, um den letzten Druckbogen zu korrigieren, und er starb an demselben Tage, an dem sein Buch erschien!</p><p>Mutige Männer haben oft die erzwungene Einsamkeit dazu benutzt, Werke von großer Bedeutung und Wirkung zu schreiben. In der Einsamkeit erwacht der Drang nach geistiger Vervollkommnung am stärksten. Die Seele berät sich in der Einsamkeit mit sich selbst und ihre Energie wächst dann oft bedeutend. Aber ob jemand Nutzen daraus zieht oder nicht, hängt von seinem Temperament, Charakter und seiner Erziehung ab. Während bei einer groß angelegten Natur die Einsamkeit das Herz noch reiner macht, so wird bei einer engherzigen das Herz noch mehr verhärtet; denn wenn die Einsamkeit auch die Amme großer Geister ist, so ist sie für kleine eine Qual.</p><p>Manche, die vollständig unterzugehen schienen, haben oft einen mächtigeren und nachhaltigeren Einfluß auf die Menschheit ausgeübt, als diejenigen, deren Laufbahn eine ununterbrochene 
      <a id="page214" name="page214" title="Darkangel176/yara"/> Reihe von Erfolgen war. Der Charakter eines Mannes beruht nicht darauf, ob seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind oder nicht. Der Märtyrer hat nicht vergeblich gelitten, wenn die Wahrheit, um die er duldete, durch sein Opfer neuen Glanz erhält. Der Patriot, der sein Leben für die gute Sache opfert, kann so deren Sieg beschleunigen, und diejenigen, welche sich im Vordertreffen einer großen Bewegung dem Tode weihen, öffnen oft eine Gasse für ihre Hintermänner, die über ihre Leichen zum Siege eilen. Der Triumph kann spät kommen, doch wenn er kommt, dann verdankt man ihn ebensosehr denen, die in ihren ersten Bestrebungen scheiterten, wie denen, die ihn herbeifühlten. Das Beispiel eines großen Todes kann ebenso wie das eines guten Lebens für andere eine Inspiration sein. Eine große Tat geht nicht mit dem unter, der sie vollbrachte, sondern lebt weiter und erzeugt ähnliche Handlungen bei den Überlebenden, die sein Andenken ehren. Von einigen großen Männern könnte man fast sagen, daß ihr Leben erst mit ihrem Tode begann. Die Namen der Männer, die für die Religion, die Wissenschaft und Wahrheit litten, bezeichnen auch die Männer, deren Andenken bei der Menschheit in der größten Achtung und Ehre stehen. Wenn sie auch umkamen, so lebt doch das, wofür sie stritten, fort. Sie schienen gescheitert zu sein und hatten doch Erfolg. Sie waren vielleicht im Gefängnis, aber ihre Gedanken ließen sich nicht durch Mauern einschließen: sie durchbrachen sie und trotzten der Wut ihrer Verfolger.</p><p>Milton tat den Ausspruch: »Wer am meisten dulden kann, der kann am meisten vollbringen.« Die Arbeit vieler großer, pflichterfüllter Männer wurde inmitten Leiden, Prüfungen und Schwierigkeiten vollbracht. Sie kämpften gegen den Strom und erreichten erschöpft das Ufer, nur um es zu fassen und zu sterben. Sie taten ihre Pflicht und hauchten ihr Leben Zufrieden aus. Aber der Tod hat keine Gewalt über diese Menschen, ihr geheiligtes Andenken lebt fort und tröstet, reinigt und segnet uns. »Leben« sagte Goethe, »heißt für uns kämpfen. Wer außer Gott dürfte Rechenschaft von uns fordern? Laßt uns die Toten nicht tadeln. Nicht was sie gefehlt oder gelitten, sondern was sie geleistet haben, sollte die Überlebenden beschäftigen.«</p><p>So ist es nicht das Behagen oder Glück, das den Menschen auf die Probe stellt und das Gute in ihm offenbart, sondern vielmehr Schwierigkeiten und Prüfungen bewirken dies. Die Not ist der Prüfstein des Charakters. Wie man gewisse Kräuter zerdrücken muß, damit sie den süßesten Duft spenden, so müssen manche Naturen in großes Leid geraten, damit ihre innere Vortrefflichkeit 
      <a id="page215" name="page215" title="Darkangel176/ami"/> erweckt wird. So enthüllt das Mißgeschick oft Tugenden und weckt schlummernde Geistesgaben. Menschen, die vorher nutzlos und energielos erschienen, entwickeln in schwierigen, verantwortungsreichen Lagen oft unvermutete Charakterstärke und wo man vorher nur Wankelmut und Nachlässigkeit sah, da ist jetzt Kraft, Mut und Selbstverleugnung. Wie es keine Segnung gibt, die nicht zum Fluche werden kann, so kann auch jedes Übel zum Segen werden. Alles kommt darauf an, wie wir es anfassen. Auf ein vollkommenes Glück darf man in dieser Welt nicht rechnen. Selbst wenn man es erlangte, würde es sich als nutzlos erweisen. Die hohlste aller Verkündigungen ist das Evangelium von ungetrübtem Behagen. Schwierigkeiten und sogar Mißgeschick sind weit bessere Lehrmeister. Humphrey Davy sagte: »Auch im Privatleben schädigt überschwengliches Glück entweder den Menschen in sittlicher Beziehung und verursacht eine Lebensführung, die mit Leiden endigt, oder es wird von dem Neide, der Verleumdung und Mißgunst anderer angegriffen.« Das Mißgeschick bessert, zähmt und kräftigt den Charakter. Sogar der Kummer ist auf geheimnisvolle Weise mit der Freude und der Zärtlichkeit verknüpft.</p><p>Das Leid ist vielleicht das gottgewollte Mittel, durch welche die höchsten Eigenschaften geschult und entwickelt werden. Wenn man das Glück als das Endziel des Daseins betrachtet, so ist der Kummer die unerläßliche Bedingung, unter der man es erreicht. Daher kommt auch die paradox klingende Beschreibung, die Paulus von dem Leben der Christen macht, die einhergehen »als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet, als die Traurigen aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die nicht innehaben und doch alles haben.«</p><p>Selbst der Schmerz ist nicht nur schmerzhaft, denn einerseits ist er mit dem Leiden, andererseits mit dem Glück verknüpft. Das Leid ist von einem Gesichtspunkt aus ein Unglück, von dem anderen dagegen ein Erziehungsmittel. Ohne das Leid würde der beste Teil der menschlichen Natur in tiefem Schlafe liegen. Man kann fast sagen, daß Schmerz und Kummer für den Erfolg mancher Menschen unerläßlich und ein notwendiges Mittel ist, um ihr Genie zu seiner höchsten Ausbildung zu bringen.</p><p>Viele der besten und nützlichsten Werke, die Männer und Frauen je vollbrachten, sind inmitten schwerer Bedrängnis getan worden, entweder als ein Trost oder weil das Pflichtgefühl die persönliche Sorge überstieg. »Wenn ich nicht so kränklich gewesen wäre,« sagte Darwin zu einem Freunde, »hätte ich bei weitem nicht so viel geleistet, als ich so vollbringen konnte.«</p><p><a id="page216" name="page216" title="Darkangel176/ami"/> Schiller schuf seine größten Dramen inmitten physischer Leiden, die sich oft zu unerträglichen Qualen steigerten. Händel war nie größer, als wenn er, durch Schlaganfälle von dem Nahen des Todes benachrichtigt und mit Not und Leiden kämpfte, sich niedersetzte, um die großen Werke zu komponieren, die seinen Namen unsterblich gemacht haben. Mozart komponierte seine großen Opern und zuletzt sein »Requiem«, als er von Schulden bedrückt war und mit einem tötlichen Leiden rang. Beethoven schuf seine größten Werke, als er schwermütig und fast taub war. Und der arme Schubert starb nach einem kurzen, wenn auch glänzenden Leben im Alter von zweiunddreißig Jahren; sein ganzer Nachlaß bestand aus seinen Manuskripten, den Kleidern, die er trug und dreiundsechzig Gulden Bargeld.</p><p>Gewinn und Erfolg an sich bedeuten noch nicht das Glück; es kommt sogar ziemlich häufig vor, daß ein Mensch mit den wenigsten Erfolgen im Leben am fröhlichsten ist. Keiner war erfolgreicher als Goethe – denn er besaß eine vorzügliche Gesundheit, Ehre, Macht und auch genug Güter dieser Welt – und doch bekannte er, daß er im Laufe seines Lebens nicht fünf Wochen reiner Freude gehabt hätte. Als der Kalif Abdalrahman seine fünfzigjährige erfolgreiche Regierung überschaute, fand er, daß er nur vierzehn Tage reinen und echten Glücks gehabt hatte. Darf man somit nicht sagen, daß das Streben nach vollkommenem Glück eine Illusion ist?</p><p>Der Weise lernt allmählich, nicht zuviel vom Leben zu erwarten. Während er auf würdige Weise um den Erfolg ringt, ist er auch auf Fehlschläge gefaßt. Er öffnet seinen Geist der Freude, aber er unterwirft sich auch geduldig dem Leid. Klagen und Jammern führt im Leben zu nichts; nur fortgesetztes und heiteres Arbeiten auf dem rechten Wege hat Wert.</p><p>Auch erwartet der Weise nicht zu viel von seiner Umgebung. Wenn er mit anderen in Frieden leben will, erträgt und entsagt er. Und auch die Besten haben bisweilen Charakterschwächen, die man teilnehmend ertragen und vielleicht bemitleiden muß. Wer ist vollkommen? Wer trägt nicht irgend einen Dorn in seinem Fleisch? Wer braucht nicht Duldsamkeit, Nachsicht und Vergebung? Was die arme gefangene Königin Karoline Mathilde von Dänemark an das Fenster ihrer Kapelle schrieb, sollte das Gebet aller sein: »O, erhalte mich unschuldig und mache andere groß!«</p><p>Wie sehr hängt ferner die Gemütsart eines Menschen von seiner Konstitution und seiner Umgebung in der Jugend ab, von der Behaglichkeit oder Öde in dem Haus, wo er erzogen wurde, 
      <a id="page217" name="page217" title="Darkangel176/ami"/> von seinen ererbten Eigentümlichkeiten und dem guten oder bösen Beispiel, dem er im Leben ausgesetzt war! Die Beachtung alles dessen sollte allen Menschen Mitleid und Nachsicht lehren.</p><p>Indessen ist das Leben zum großen Teil immer das, wozu wir es machen. Jeder Geist baut sich seine eigene kleine Welt. Der Heitere macht sie fröhlich, der Unzufriedene elend. »Mein Geist ist mein Königreich,« ziemt dem Bauern wie dem König. Jener ist vielleicht im Herzen ein König, dieser ein Sklave. Das Leben ist größtenteils nur das Spiegelbild unseres individuellen Wesens. Unser Geist verleiht allen Situationen, allen Lebensstellungen, den hohen wie den niedrigen, ihren wahren Charakter. Dem Guten scheint die Welt gut, dem Schlechten schlecht. Wenn unsere Ansicht vom Leben veredelt ist, wenn mir es als eine Sphäre nützlicher Anstrengung, edlen Lebens und Denkens, des Arbeitens für das Wohl anderer wie des unsrigen ansehen, so scheint es uns fröhlich, hoffnungsvoll und gesegnet. Wenn wir es andererseits nur als eine Gelegenheit ansehen, unsere Selbstsucht, Vergnügungsliebe und Ruhmbegierde zu befriedigen, so finden wir es voller Mühe, Sorge und Enttäuschung.</p><p>Es gibt viel im Leben, das wir hier nicht begreifen können Es ist viel Geheimnisvolles darin. Vieles, das wir jetzt nur wie in einem trüben Lichte sehen. Aber wenn wir auch die volle Bedeutung der Prüfungen, die wir zu bestehen haben, nicht einsehen, so müssen wir doch an die Vollkommenheit des Ganzen glauben, von dem unser kleines Ich nur einen winzigen Teil bildet.</p><p>Wir müssen alle in der Lebenssphäre, die uns zugewiesen ist, unsere Pflicht erfüllen. Nur die Pflicht ist wahr. Es gibt keine Wahrheit ohne Pflichterfüllung. Die Pflicht ist das Ende und Ziel des besten Lebens, das echteste Vergnügen flieht aus dem Bewußtsein ihrer treuen Erfüllung. Diese Freude verleiht völlige Befriedigung und ist am wenigsten von Bedauern und Enttäuschung begleitet. Nach den Worten George Herberts ist das Bewußtsein der Pflichterfüllung »Musik bei mitternächtigem Wachen«. Und wenn wir unser Werk auf Erden getan haben – das Werk der Notwendigkeit, Arbeit, Liebe oder Pflicht – so gehen wir von hinnen, wie der Seidenwurm stirbt, nachdem er seinen Kokon gesponnen hat. Aber wie kurz unser Aufenthalt im Leben auch sein mag, es ist die uns angewiesene Sphäre, wo jeder nach besten Kräften das Ziel des Daseins zu erreichen suchen soll. Wenn das geschehen ist, so können die Leiden dieser Welt nur wenig die Unsterblichkeit trüben, deren wir am Ende teilhaftig werden sollen.</p></div></text></TEI>