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            <title>An Herrn Franz Christoph von Scheyb</title>
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            <idno type="handle">hdl:11858/00-1734-0000-0002-E3C8-9</idno><idno type="TextGridUri">textgrid:nkq1.0</idno><availability>
               
               <p> Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie
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               </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"> Eine vereinfachte
                                   Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in
                                   allgemeinverständlicher Sprache </ref>
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                  <ref target="http://www.textgrid.de/Digitale-Bibliothek">Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek</ref>
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            <biblFull>
               <titleStmt>
                  <title>Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 1: Gedichte und Gedichtübertragungen, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin: Walter de Gruyter &amp; Co., 1968/1970.</title>
                  <author key="pnd:118541013">Gottsched, Johann Christoph</author>
               </titleStmt>
               <extent>362-</extent>
               <publicationStmt>
                  <date when="1968"/>
                  <pubPlace>Berlin</pubPlace>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
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                                 <head type="h4" xml:id="tg89.3.1">An Seine Hochwohlgebohrne, Herrn Franz Christoph von Scheyb, auf Gaubickolheim, E. Löbl. Niederösterr. Landschaft Secretär</head>
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                                    <p rend="zenoPC" xml:id="tg89.3.2">1750 im October.</p>
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                                    <l xml:id="tg89.3.4">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.4.1">Orestrio! mein Freund!</hi> Du Trost von meinem Leben,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.5">Denn dazu hat Dich mir des Schicksals Huld gegeben;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.6">Nachdem zwey Drittheil schon des Laufs vorüber sind,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.7">Und meiner Scheitel Höh schon Reif und Schnee gewinnt.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.8">Aus Costnitz! hätte mirs auch jemals träumen können?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.9">Aus Schwaben sollte mir <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.9.1">ein Freund</hi> sein Herze gönnen?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.10">Wer hätte das geglaubt? seit dem ein böser Schwab,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.11">Mir lebenslang von Stolz und Haß die Proben gab;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.12">Der bittern Rachgier Gift für ungeschehne Sachen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.13">Durch höhern Arm geschützt, mir wußte schwer zu machen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.14">Nun liegt er in der Gruft; beglückt, wie er geglaubt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.15">Wenn ihm an Geist und Leib der Tod das Seyn geraubt.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg89.3.18">So lern ich denn an Dir, und wenig andern Proben</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.19">Kein Volk sey überhaupt zu schelten und zu loben.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.20">Ein jedes Land erzeugt Gemüther edler Art;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.21">Wohl dem! dem eins davon in Freundschaft günstig ward.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.22">Dieß Glück ertheilest Du mir ferngebohrnem Preußen;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.23">Den jener Bernsteinstrand kann seinen Zögling heißen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.24">Dem <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.24.1">Albertinens</hi> Schooß die Musen lieb gemacht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.25">Bis ihn das Glück hieher in Deutschlands Kern gebracht.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.26">Hier hab ich Geist und Witz noch feiner ausgeschliffen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.27">Was <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.27.1">Pietsch</hi> mich nicht gelehrt, aus <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.27.2">Menkens</hi> Huld begriffen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.28">Durch fremder Sprachen Licht das Deutsche mehr gestärkt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.29">Und aus der Alten Höh der Neuern Fall bemerkt.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.30">Hier fand ich <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.30.1">Bessern</hi> noch, den Schmuck von deutschen Landen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.31">So hab ich nach und nach die Wahrheit mehr verstanden:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.32">Daß auch das beste Feld von selbst nur Unkraut trägt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.33">Wenn keines Gärtners Hand den Fleiß daran gelegt.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.34">Wie thöricht ist es denn, von Sonn und Luft zu sprechen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.35">Da Griechenland und Rom der Regel Nachdruck schwächen?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.36">Behaupte wie du willst, hochweiser <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.36.1">Montesquiou!</hi>
                                    </l>
                                    <l xml:id="tg89.3.37">Das Clima mache klug. Ein Kluger lacht dazu!</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.38">Und läßt zur Probe, dich die Menschen, gleich den Blüthen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.39">Wie <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.39.1">Nollet</hi> Hühner heckt, nach Wettergläsern brüten.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg89.3.41">Allein bestätigt nicht, Dein Beyspiel, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.41.1">edler Freund!</hi>
                                    </l>
                                    <l xml:id="tg89.3.42">Was, überhaupt gesagt, so widersinnisch scheint?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.43">Ein wärmer Land hat Dir Empfindung Geist und Leben;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.44">Mir nur der kalte Belt ein Fünckchen Witz gegeben.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.45">Mit nähern Blicken schoß die Sonne Dir zu gut,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.46">Viel mildre Stralen ab, als sie am Pregel thut.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.47">Kein Wunder! daß Dein Geist sich über mich geschwungen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.48">Als Du die Lust der Welt, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.48.1">Theresien</hi> besungen.</l>
                                    <pb n="363" xml:id="tg89.3.49"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.50">So gern ich dieß gesteh, so falsch ist jens dabey.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.51">Schuff denn der Sonnenstral in Costnitz einerley?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.52">Wie kams, daß auf der Bank, wo <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.52.1">Bickolo</hi> gesessen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.53">Sie allen Schülern nicht gleichviel Witz zugemessen?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.54">Und hat sie das gethan; wo sind die andern nun?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.55">Warum verräth sie nicht ihr Denken, Schreiben, Thun?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.56">Wer kennet sie in Wien? O! wer kann das ergründen?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.57">In soviel Ländern ist doch nur <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.57.1">ein Scheyb</hi> zu finden:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.58">So wie mein Vaterland nur <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.58.1">einen Pietsch</hi> erzeugt;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.59">Der durch erhabne Glut auch wälsche Geister beugt.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg89.3.61">Wohlauf, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.61.1">erlesner Freund!</hi> versammle Deine Kräfte;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.62">Komm, wage noch einmal Kalliopens Geschäffte.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.63">Nimm ihr heroisch Rohr der Göttinn aus der Hand,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.64">Und mach uns abermal <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.64.1">die Kaiserinn</hi> bekannt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.65">Die so viel Thronen ziert; Die das Geschick erkohren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.66">Der Zeiten Schmuck zu seyn, die Sie zur Welt gebohren.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.67">Dein Vorsatz ist so schön, als edel und gerecht:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.68">Denn wo der Gegenstand des Dichters Kraft nicht schwächt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.69">Ja sie vielmehr erhöht; da muß es ihm gelingen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.70">Der Dichtkunst höchsten Preis sich spielend zu erringen.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.71"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.72">Nur eins bekümmert mich von allem was Du schreibst;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.73">Daß Du voll Eigensinn bey jenen Mustern bleibst,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.74">Die Griechenland und Rom der Welt zuerst gewiesen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.75">Wenn sie der Helden Lob nach der Natur gepriesen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.76">Du liesest den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.76.1">Homer,</hi> wie auch <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.76.2">Virgil</hi> gethan,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.77">Eh er die Stifter Roms, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.77.1">Aeneas</hi> und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.77.2">Ascan,</hi>
                                    </l>
                                    <l xml:id="tg89.3.78">Nach Latien geführt. Der hieß ja wohl vor Jahren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.79">Als Geist und Dichtkunst noch in ihrer Wiege waren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.80">Das Augenmerk der Kunst, der Vater von dem Witz,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.81">Der alles aufgeklärt, als noch der Musen Sitz</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.82">Im Grajerlande lag. Jedoch zu unsern Zeiten</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.83">Hat alles sich verkehrt, bis auf der Dichter Seyten.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.84">Ich glaubte sonst wie Du: bis ich nur jüngst gelernt,</l>
                                    <pb n="364" xml:id="tg89.3.85"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.86">Daß man durchs Alterthum sich von dem Ruhm entfernt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.87">Ein Muster selbst zu seyn; daß man die Geister hindert,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.88">Wenn die Vernunft den Flug der Phantasey vermindert,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.89">Und klüglich schreiben lehrt. Drum gib ein wenig acht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.90">Was mich seit kurzer Zeit auf andern Sinn gebracht.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.91">Wer zwanzig Jahre schon der Dichtkunst Regeln lehret,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.92">Verdient vieleicht ein Ohr! das ihn geduldig höret.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.93"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.94">Als <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.94.1">Friedrich Augusts</hi> Wink in Leipzigs Lehrer Zahl</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.95">Drey Jahr, eh er erblich, mir dieses Amt befahl;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.96">(Vieleicht weil ich sehr oft, des Helden Gnadenproben</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.97">An Musen und Parnaß, der Wahrheit nach, erhoben)</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.98">Beherrschte leider mich noch der verjährte Wahn:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.99">(Wie <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.99.1">Feller</hi> vor der Zeit, und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.99.2">Rappolt</hi> auch gethan)</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.100">Man müsse nach der Spur der alten Regeln gehen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.101">Die Dichtkunst auf den Grad der Griechen zu erhöhen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.102">Und den vermißte man. Ein dummes Quodlibet,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.103">Wo weder Kopf noch Schweif am rechten Ende steht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.104">War damals Meißens Lust. Ein läppisch Zotenwesen</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.105">Voll Unvernunft und Schmutz ward überall gelesen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.106">Satiren nannte man, was doch Pasquille sind;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.107">Ein Trauerspiel, ein Stück, wo Harlekin gewinnt;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.108">Ein Lustspiel, wo Pandolf nebst zwanzig andern Thoren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.109">Des Lederhändlers Zweck zu hindern sich verschworen;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.110">Wo sich ein Poltergeist auf hundert Arten zeigt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.111">Und Doctor Faust das Volk zu Zauberkünsten neigt.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.112">Das epische Gedicht war vollends gar vergessen:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.113">Warum? solch hohes Zeug bringt keinem was zu essen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.114">Brautsuppen kochte man für Braut und Bräutigam;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.115">Ein Chronodistichon, ein künstlich Anagramm,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.116">Ein Cabbalisticum, und, daß wir nichts versäumen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.117">Manch Räthsel voller Schmutz, nebst Bild- und Leberreimen.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.118"/>
                                    <pb n="365" xml:id="tg89.3.119"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.120">Hier brach mein Eifer los! der Weise von <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.120.1">Stagir,</hi>
                                    </l>
                                    <l xml:id="tg89.3.121">Und sein unsterblich Buch vom Dichten, winkten mir.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.122">Ich las es öffentlich, und sucht es einzuschärfen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.123">Und lehrte den Geschmack des Pöbelvolks verwerfen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.124">Zum Muster wies ich an, die Schönheit der Natur;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.125">Wie meine Dichtkunst schon auf der Lateiner Spur</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.126">Aus dem <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.126.1">Horaz</hi> gezeigt. So ward der Wust verdrungen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.127">Der kurz vorher Vernunft und Tugend fast bezwungen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.128">Ganz Leipzig dankte mir; man that die Augen auf;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.129">Der richtige Geschmack gewann nun freyern Lauf,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.130">Halb Deutschland fiel uns bey, und eiferte mit Sachsen</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.131">Wo Geist, Vernunft und Witz am schönsten könnte wachsen.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.132"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.133">Doch leider! nur umsonst! Ein ungleich heller Licht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.134">Das aus den Alpen quillt, und durch die Nebel bricht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.135">Die unsre Geister noch mit Wahn und Irrthum deckten,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.136">Bestralt der Dichter Heer, die noch im Dunkeln steckten.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.137">Man sucht den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.137.1">Milton</hi> auf, bey dem <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.137.2">Homer</hi> ein Kind,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.138">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.138.1">Virgil</hi> und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.138.2">Tasso</hi> nur verlachte Schüler sind.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.139">Man lehrt ihn Schweizerdeutsch, man sucht ihn anzupreisen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.140">Und seine Schönheit recht der blinden Welt zu weisen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.141">Ein Auge blinzelt nur, das man aus dicker Nacht</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.142">In helle Zimmer führt, vor vieler Kerzen Pracht.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.143">Wenn Spiegel ohne Zahl der Stralen Glanz verstärken;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.144">So wird es anfangs blind und kann fast nichts bemerken.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.145">So schien uns <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.145.1">Miltons</hi> Buch ein unerträglichs Licht:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.146">Wer es zuerst erblickt, empfand die Schönheit nicht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.147">Wo Satan wider Gott erst <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.147.1">mit Karthaunen</hi> krieget,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.148">Bis Gott und Mensch verspielt und Satan herrlich sieget.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.149">Doch endlich fiengen wir, auch in der finstern Kluft</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.150">Wo Tod und Sünde haust, und von der heitern Luft</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.151">Sich durch ein neunfach Thor, und soviel Mauren trennet,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.152">Das Feuer anzusehn, das <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.152.1">schwarz</hi> an Flammen brennet.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.153">Ein Kind scheut anfangs nichts von der Gespenster Macht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.154">Es sieht, es hört sie nicht: doch, giebt es fleißig acht,</l>
                                    <pb n="366" xml:id="tg89.3.155"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.156">Was kluge Vetteln uns von Poltergeistern lehren:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.157">So fängt es an zu sehn, so fängt es an zu hören.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.158">Wie Eulen auch bey Nacht mehr als am Tage sehn,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.159">So kann es itzt von uns <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.159.1">im Milton</hi> auch geschehn:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.160">Zumal seit dem man uns ästhetisch denken lehret,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.161">Vernunft und Licht verwirft, die Dunkelheit verehret.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.162"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.163">Jedoch ein größrer Geist, als Milton zeiget sich.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.164">O <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.164.1">Freund!</hi> es ist kein Scherz; nunmehr ermuntre Dich</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.165">Ein deutsches Meisterstück, die Frucht von <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.165.1">Bodmers</hi> Lehren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.166">Die Zürch der Welt geschenkt, zu sehen und zu ehren.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.167">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.167.1">Meßias</hi> wird erzeugt! Nicht, den der Juden Schaar</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.168">Schon seit so langer Zeit zu sehn begierig war;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.169">Nein, den ein ander Chor von unbeschnittnen Ohren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.170">Sich in Gedanken längst zum Trost und Heil erkohren.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.171">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.171.1">Meßias</hi> wird erzeugt, ein episches Gedicht,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.172">Das aller Britten Stolz durch deutsche Kräfte bricht;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.173">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.173.1">Voltairen</hi> schamroth macht, den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.173.2">Fenelon</hi> verdunkelt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.174">Weit mehr als St. <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.174.1">Amant,</hi> und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.174.2">Ariosto</hi> funkelt;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.175">Den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.175.1">Tasso</hi> übertrifft; vor dem auch du, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.175.2">Marin,</hi>
                                    </l>
                                    <l xml:id="tg89.3.176">Wie <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.176.1">Maro</hi> und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.176.2">Homer,</hi> noch mußt den Kürzern ziehn.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.177">Der Lehrer selbst erstaunt vor dem zu großen Schüler,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.178">Und bethet ihn fast an. Der heiße Wunsch so vieler,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.179">Ein deutsches Heldenwerk von solchem Schrot zu sehn,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.180">Dem Himmel sey gedankt! ist nicht umsonst geschehn.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.181">Hier stralt ein dunkler Glanz. Hier stützet man den Glauben</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.182">Mit Fabeln neuer Art: wer will ihn uns nun rauben?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.183">Was kein Prophet gesehn und kein Evangelist,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.184">Was kein Apostel wußt, das lernst du hier, mein Christ!</l>
                                    <pb n="367" xml:id="tg89.3.185"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.186">Der Schriftgelehrten Witz wird uns, mit tiefen Schlüssen,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.187">Dieß neue Bibelbuch hinfort erklären müssen.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.188"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.189">Auf nun, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.189.1">gelehrter Freund!</hi> ergreif Dein Heldenrohr,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.190">Und stelle Dir dieß Werk zum Musterbilde vor.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.191">Wer ihm nicht ähnlich schreibt, kann Deutschland nicht gefallen;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.192">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.192.1">Homer</hi> ist abgesetzt, <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.192.2">Virgil</hi> misfällt uns allen.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.193">Ein <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.193.1">Tasso</hi> schreibt zu matt, zu wässerigt, zu klar:</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.194">Dagegen <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.194.1">Chapelain</hi> doch etwas dunkler war.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.195">Ein wenig hat <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.195.1">Lucan</hi> sich auch empor gehoben;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.196">Noch mehr war <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.196.1">Silius</hi> und <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.196.2">Claudian</hi> zu loben;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.197">Der Grieche <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.197.1">Lykophron,</hi> den Dampf und Nacht umhüllt,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.198">Wies noch am leidlichsten ein recht ästhetisch Bild.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.199">Doch <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.199.1">Miltons</hi> hoher Geist und unsers Landsmanns Gaben,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.200">Sind der Vergöttrung werth, und müssen Tempel haben.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
                                    <lb xml:id="tg89.3.201"/>
                                    <l xml:id="tg89.3.202">Wiewohl ich sehe schon: Du bleibst auf Deinem Sinn!</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.203">
                                       <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.203.1">Homer</hi> hat Dich behext. Um aller Welt Gewinn</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.204">Gehst Du von dem nicht ab, dem seit dreytausend Jahren,</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.205">Die größten Geister auch zu folgen eifrig waren;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.206">Dem <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.206.1">Plato</hi> nachgeahmt, den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.206.2">Sokrates</hi> verehrt;</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.207">Dem <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.207.1">Maro</hi> gleichen will, den <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.207.2">Flaccus</hi> schätzen lehrt.</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.208">Gut! folge Deinem Kopf. Du liebst ein deutlich Wesen?</l>
                                    <l xml:id="tg89.3.209">Vernimm das Donnerwort: <hi rend="italic" xml:id="tg89.3.209.1">Kein Zürcher wird Dich lesen.</hi>
                                    </l>
                                 </lg>
                              </div>
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               </TEI>
