<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns:jxb="http://java.sun.com/xml/ns/jaxb" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xmlns:tns="http://textgrid.info/namespaces/metadata/core/2010" xmlns:tgl="http://textgrid.info/namespaces/metadata/language/2010" xmlns:tgs="http://textgrid.info/namespaces/metadata/script/2010" xmlns:tgr="http://textgrid.info/namespaces/metadata/agent/2010" xml:id="tg290" n="/Literatur/M/Logau, Friedrich von/Gedichte/Sinngedichte/Salomons von Golaw Deutscher Sinn-Getichte erstes Tausend/Desz ersten Tausend drittes Hundert/80. Die auffgeweckte Chimæra">
   <teiHeader xmlns:fn="http://www.w3.org/2005/xpath-functions" xmlns:xi="http://www.w3.org/2001/XInclude" xmlns:a="http://www.textgrid.info/namespace/digibib/authors">
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>80. Die auffgeweckte Chimæra</title>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <idno type="handle">hdl:11858/00-1734-0000-0004-1C1B-C</idno><idno type="TextGridUri">textgrid:s44k.0</idno><availability>
               
               <p> Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie
                                   davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von
                                   www.editura.de durch TextGrid und werden unter der Lizenz Creative Commons
                                   Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (by-Nennung TextGrid) veröffentlicht. Die
                                   Lizenz bezieht sich nicht auf die der Annotation zu Grunde liegenden
                                   allgemeinfreien Texte (Siehe auch Punkt 2 der Lizenzbestimmungen). </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/legalcode">Lizenzvertrag</ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"> Eine vereinfachte
                                   Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in
                                   allgemeinverständlicher Sprache </ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://www.textgrid.de/Digitale-Bibliothek">Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek</ref>
               </p>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <biblFull>
               <titleStmt>
                  <title>Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Herausgegeben von Gustav Eitner, Tübingen: L.F. Fues, 1872 [= Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart, Band CXIII].</title>
                  <author>Logau, Friedrich von</author>
               </titleStmt>
               <extent>73-</extent>
               <publicationStmt>
                  <date when="1872"/>
                  <pubPlace>Tübingen</pubPlace>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc>
         <creation>
            <date notBefore="1605" notAfter="1655"/>
         </creation>
         <textClass>
            <keywords scheme="http://textgrid.info/namespaces/metadata/core/2010#genre">
               <term>verse</term>
            </keywords>
         </textClass>
      </profileDesc>
   </teiHeader>
                     <text>
                        <body>
                              
                                 
                              
                              
                              <div type="text" xml:id="tg290.2">
                                 <div type="h4">
                                    <head type="h4" xml:id="tg290.2.1">80.</head>
                                    <head type="h4" xml:id="tg290.2.2">Die auffgeweckte Chimæra</head>

                                    <lg>
                                       <l xml:id="tg290.2.3">Ihr Heliconisch Volck, euch ist zu viel geschehen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.4">Dieweil man nie geglaubt, drum daß mans nie gesehen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.5">Was ihr uns habt gesagt, wie Lycus armes Land</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.6">Chimæra hat erschreckt, verwüstet und verbrant.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.7">Von vornen war sie Löw, war Zieg am Bauch und Rücken;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.8">Ihr letztes muste sich zu einem Drachen schicken;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.9">Ihr Maul war voller Glut; ihr Leib war voller Gifft,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.10">Biß daß Alcides Keul auff ihr Gehirne trifft;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.11">Trifft aber nur so weit, daß damals sie entschlaffen</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.12">Und, ietzund nun erweckt durch unsre Deutsche Waffen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.13">Tobt mitten unter uns, an Form und Namen alt,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.14">An Kräfften aber neu und ärger an Gewalt.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.15">Es ist der tolle Krieg; der seinselbst eigne Wiege</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.16">Hat um und um gestürtzt, daß unten oben liege;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.17">Es ist der törchte Krieg, der sonsten nichts ersiegt,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.18">Denn daß er sagen mag: noch haben wir gekriegt!</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.19">Zum ersten war er Löw, verübte kühne Thaten,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.20">Hilt höher auff die Faust, als tückisches verrathen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.21">Und Deutschland war noch Deutsch; man schlug noch ernstlich drauff,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.22">Sah auff deß Krieges End und nicht auff fernern Lauff.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.23">Da nun der süsse Brauch, zu machen fette Beute</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.24">Auß allem, was Gott selbst gehabt und alle Leute,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.25">An stat deß Soldes kam, so wuchs dem Krieg ein Bauch,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.26">Drauß wie von einer Zieg ein schädlich dürrer Rauch</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.27">Für Kraut und Bäume fuhr. Die Nahrung ward vertrieben;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.28">Der Ochsen saure Müh ist unvergolten blieben;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.29">Ein andrer nam es weg; es hieß, der Wirth ins Haus</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.30">Laß alles, was er hat, und geh auff ewig rauß.</l>
                                       <pb n="73" xml:id="tg290.2.31"/>
                                       <l xml:id="tg290.2.32">Drauff ward man nun bedacht, den Krieg weit hin zu spielen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.33">Nicht auff den Feind so wol, als auff den Freund zu zielen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.34">Der noch in gutem Land in seinem Schaten saß</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.35">Und sein genüglich Brot mit süßem Frieden aß.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.36">Zu diesem drang man ein, wann Titan gleich noch stunde,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.37">Wo sonst der heisse Löw bläst Flammen auß dem Munde;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.38">Noch must es Winter seyn; noch nam man da quartier,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.39">Und alles, was man fand, war schuldige Gebür.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.40">Als wie der scharffe Zahn der Ziegen auch die Rinden,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.41">An Blättern nicht vergnügt, von Bäumen pflegt zu schinden:</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.42">So war es nicht genug zu fressen unser Gut;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.43">Man gunt uns in dem Leib auch kaum das letzte Blut.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.44">Der Feind blieb, wo er war, und wolt er wo nicht bleiben,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.45">Biß daß man vom Quartier kunt überall vertreiben</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.46">Das viergefüste Volck, so mocht er immer hin</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.47">In sein, in unser Land nach gutem düncken ziehn.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.48">Weil er ein Cavallier, so stund es zu verführen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.49">So ihm man liesse zu auch was zu prosperiren;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.50">Er mochte plündern dort, wir plünderten allhier,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.51">Daß gleichwol der Soldat hätt immer etwas für.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.52">Drauß kümmet nun der Drach; das Ende wird zur Schlange.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.53">Der Krieg, der aller Welt bißher macht ängstlich bange,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.54">Wird ärger noch als arg, kreucht gar ins Teuffels Art,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.55">Wird rasend, so ein Mensch noch wo gefunden ward,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.56">Der Gott, der Ehre, Zucht und Recht wüntscht nachzustreben,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.57">Wil gar nicht, daß ein Mensch auff Erden mehr sol leben,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.58">Der nicht Soldate sey und ihm sich ähnlich macht</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.59">Und, was nur menschlich ist, verwirfft, verbannt, veracht.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.60">Sein Gifft schont keinen Stand, Amt, Würde, Freundschafft, Ehre;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.61">Was lebt, lebt darum noch, daß er es gantz verstöre,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.62">Biß daß nichts übrig sey, und niemand mehr nichts hat;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.63">Drauff braucht er alle Macht, drauff sucht er allen Rath.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.64">Sein Gifft ist so vergifft, daß er sich selbst vergifftet</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.65">Und ihm sein eignes End auß eignem rasen stifftet,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.66">Und wie der Scorpion in sich zu letzte sticht,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.67">Wann Feuer umb ihn her wird etwan angericht,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.68">Und wie es Schlangen geht, daß ihnen ihre Jungen</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.69">Zu einer schönen Rach auff so vergiffte Zungen</l>
                                       <pb n="74" xml:id="tg290.2.70"/>
                                       <l xml:id="tg290.2.71">Zerreissen ihren Bauch, auff daß deß Krieges Frucht</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.72">Der Mutter Hencker sey. Was diese nicht vermocht,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.73">Wird Alexicacus Alcides auß der Höhe,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.74">Für dem der gantzen Welt durch Krieg entstandenes Wehe</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.75">Erbarmen hat erlangt, mit Ehren richten auß</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.76">Und binden diesen Wurm ins heisse, tieffe Haus.</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.77">Da, da ists ihm vergunt zu fechten und zu schmeissen,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.78">Den Haus-Wirth abzuthun, das Haus in Grund zu reissen;</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.79">Dann raube, plünder er; dann wehr er seinen Mann,</l>
                                       <l xml:id="tg290.2.80">Zu weisen, was sein Löw, was Zieg und Drache kan.</l>
                                    </lg>
                                 </div>
                              </div>
                           </body>
                     </text>
                  </TEI>
